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Cobra

Informationen zum Buch

Der beste Polizist von Kapstadt

Eines kann Bennie Griessel gar nicht gebrauchen: Ärger. Er ist trockener Alkoholiker, er belügt seine Kollegen, und er ist bei seiner Freundin Alexa eingezogen. Ein Riesenfehler! Als auf einem Weingut drei Bodyguards erschossen werden und ein berühmter britischer Mathematiker verschwindet, will der südafrikanische Geheimdienst den Fall übernehmen, doch Bennie widersetzt sich. Die Täter sind völlig skrupellos und hinterlassen nur eine Spur: Geschosse mit dem Kopf einer Schlange. Einer könnte Bennie helfen: Tyrone, ein smarter, gerissener Taschendieb aus Kapstadt. Denn er hat etwas, das sie Mörder suchen: ein Handy mit geheimen Daten.

Packend, voller wunderbarer Schauplätze und mit einem unvergleichlichen Helden – Deon Meyers Meisterwerk.

Über Deon Meyer

Deon Meyer, Jahrgang 1958, ist unbestritten Südafrikas bester und erfolgreichster Thrillerautor. 1994 veröffentlichte er seinen ersten Roman. Er lebt in der Nähe von Kapstadt. Seine Romane erscheinen in mehr als fünfundzwanzig Ländern.

Als Aufbau Taschenbuch liegen von ihm die Thriller »Tod vor Morgengrauen«, »Der traurige Polizist«, »Das Herz des Jägers«, »Der Atem des Jägers«, »Weißer Schatten«, »Dreizehn Stunden«, »Rote Spur«, »Sieben Tage« sowie der Story-Band »Schwarz. Weiß. Tot« vor.

Mehr zum Autor unter www.deonmeyer.com

Stefanie Schäfer hat Dolmetschen und Übersetzen an den Universitäten Heidelberg und Köln studiert. Für herausragende übersetzerische Leistungen wurde sie mit dem Hieronymusring ausgezeichnet. Sie lebt in Köln.

1

Der Regen prasselte auf das Wellblechdach. Morgens um zehn nach acht. Kaptein Bennie Griessel stellte seine Tasche, die er stets mit zum Tatort nahm, auf der Mauer der hohen, breiten Veranda ab und holte zuerst die Schuhschützer, dann die dünnen, durchscheinenden Latexhandschuhe heraus. Er streifte sie über. Er spürte die bewundernden Blicke der Uniformierten und der beiden Kollegen der Einsatzpolizei, die ihn jenseits des Regenvorhangs aus der offenen Garage heraus beobachteten. Müdigkeit und Frust traten in den Hintergrund, und Griessel konzentrierte sich auf das, was ihn in dem großen Haus erwartete.

Die massive Eingangstür stand offen. Griessel trat über die Schwelle. Die Diele lag so dämmrig im trostlosen Morgengrau, dass das zweite Opfer nur als dunkle, formlose Masse zu erkennen war. Griessel blieb einen Moment lang mit angehaltenem Atem stehen und dachte an Dok Barkhuizens Worte: Lass es nicht an dich ran, Bennie! Bleib auf Distanz!

Was bedeutete das in diesem Moment?

Er suchte einen Lichtschalter, fand ihn seitlich des Türrahmens und betätigte ihn. Hoch oben an der Stuckdecke flammte ein Kronleuchter auf. Die Kälte vertrieb er nicht. Auf dem schimmernden Eichenholzboden lag ausgestreckt der Mann, vier Meter von der Tür entfernt. Schwarze Schuhe, schwarze Hose, weißes Hemd, hellgraue Krawatte, oberster Hemdknopf geöffnet. Die Arme ausgestreckt, in der rechten Faust eine Pistole. Mitte dreißig. Durchtrainiert.

Griessel trat vorsichtig näher. Er sah die Schusswunde auf der Stirn, schräg über dem linken Auge. Ein dünnes Blutrinnsal, inzwischen fast schwarz, war nach rechts unten gesickert. Unter dem nach rechts gedrehten Kopf hatte sich mehr Blut zu einer etwa untertassengroßen Pfütze gesammelt. Das Blut aus der Austrittswunde.

Griessel spürte Erleichterung ob des einfachen Todes, ob seiner Schnelligkeit.

Er stieß einen langen Seufzer aus, um seine innere Spannung zu lösen.

Vergeblich.

Er sah sich im Eingangsbereich um. Rechts, auf einem antiken Tisch stand eine hellblaue Vase mit einem dicken Strauß frischer Callas in Grün und Weiß. Gegenüber, an der linken Wand, befand sich eine Garderobe, daneben ein Schirmständer. Neben der Garderobe hingen sechs altmodische Porträts in ovalen Rahmen, aus denen würdevolle Männer und Frauen starrten.

Durch die beiden Säulen am Ende der Diele gelangte man in ein Wohnzimmer.

Griessel berechnete anhand der Lage der Leiche die mögliche Flugbahn des Geschosses, damit er nicht versehentlich etwaige, mit bloßem Auge nicht sichtbare Spuren wie Blutspritzer und -tropfen zerstörte. Er umkreiste die Leiche, bückte sich zu der Pistole und sah das Glock-Logo auf dem Lauf, daneben die Gravur 17 Gen 4 Austria 9x19.

Griessel roch an der Mündung. Die Waffe war nicht abgefeuert worden. Er richtete sich wieder auf.

Der Schütze hatte wahrscheinlich in der Tür gestanden, sein Opfer mehr oder weniger in der Mitte der Diele. Falls es sich bei der Mordwaffe um eine Pistole handelte, hatte sie die Hülsen nach rechts ausgeworfen. Griessel suchte danach, fand aber nichts. Vielleicht hatte der Mörder einen Revolver benutzt, oder die Hülsen waren von der Wand abgeprallt und lagen unter der Leiche. Oder der Schütze hatte sie aufgesammelt.

Das Vorhandensein der Austrittswunde bedeutete, dass die Kugel irgendwo eingeschlagen war. Griessel zog eine imaginäre Linie, die ihn ins Wohnzimmer führte.

Er ging in einem großen Bogen um die Leiche herum und trat zwischen den Säulen hindurch. Es roch dezent nach Kaminfeuer. Der Kronleuchter in der Diele erhellte nur einen schmalen Streifen in dem großen Raum, und Griessel warf einen langen Schatten. Er suchte wieder einen Lichtschalter und fand drei in einer Reihe, direkt hinter einer Säule. Er betätigte einen nach dem anderen und drehte sich um. Weiches Licht. Dicke Balken an der Decke. Regale mit ledergebundenen Büchern an den Wänden. Ein großer Orientteppich, silbern und blau, große Sofas und Sessel über zwei Aufenthaltsräume verteilt. Niedrige Tische, golden schimmerndes Holz. Zu viele Vasen und Leuchten, die zusammen mit der üppig gemusterten Tapete den Eindruck europäischer Eleganz vermitteln sollten. Im Zentrum thronte vornehm und beeindruckend der große Kamin. Das Feuer war erloschen. Und dort, rechts, kaum sichtbar hinter einem tiefblauen Sessel – die Schuhe und Hosenbeine des dritten Opfers. Dahinter, an der schneeweißen Wand eines Flures, sah Griessel einen hellen Fächer von Blutspritzern wie ein surrealistisches Kunstwerk.

Als Griessel die Ähnlichkeiten zwischen den Opfern bemerkte, legte sich die Vorahnung wie ein Gewicht auf seine Brust.

Die Leiche im Flur hatte denselben militärischen Haarschnitt, die gleichen breiten Schultern und die gleiche sportlich-schlanke Figur wie die in der Diele. Auch die schwarzen Schuhe, die schwarze Hose und das weiße Hemd waren gleich. Und auch dieser Mann besaß eine Glock, die blutverschmiert neben seiner zerschmetterten Hand lag. Nur die Krawatte fehlte.

Noch eine Kopfwunde, zwischen Schläfe und rechtem Auge. Doch die erste Kugel musste die Hand getroffen haben – die obere Hälfte eines Fingers war gegen die weiß lackierte Fußleiste gerollt.

Dann entdeckte Griessel die beiden matt glänzenden Hülsen im Abstand von kaum zehn Zentimetern auf dem Saum des Wohnzimmerteppichs. Ihrer Lage nach konnten sie nur vom Schützen stammen.

Sein Ermittlerhirn spulte selbstständig den Tathergang ab, er sah, hörte und roch, was geschehen war. Der Mörder huschte als Schatten durch den Raum, Pistole in der ausgestreckten Hand, er sah den Mann im Flur, zwei Schüsse, die Hand eine kleine rote Explosion, höllischer Schmerz, ein Zucken, bevor der Tod kam, keine Zeit für Angst, nur der kurze lautlose Schrei in die Ewigkeit hinein.

Mit einem so lauten Stöhnen, dass es sogar den Regen übertönte, versuchte Griessel, die Bilder zu unterdrücken. Der Schlafmangel setzte ihm zu. Der Scheißstress der letzten Wochen. Er musste sich zusammenreißen!

Vorsichtig näherte er sich der Leiche und beugte sich hinunter zur Waffe. Genau die gleiche wie die des anderen. Glock 17 Gen 4. Griessel schnupperte daran. Kein Korditgeruch.

Er stand auf, blickte sich suchend im Flur um und fand weiter hinten die beiden Flecken an der rechten Wand.

Er musste aufpassen, wohin er trat. Da waren die Leiche, der abgerissene Finger, die Pistole und das Blut. Er hüpfte von einem Fuß auf den anderen bis zur Tür und inspizierte die Flecken. Beide Kugeln steckten tief im Gips. Die würden ihnen weiterhelfen.

Dann suchte er nach dem vierten Opfer.

Die Tür des ersten Zimmers hinten links stand offen, die Gardinen vor dem Fenster waren zugezogen. Griessel schaltete das Licht ein. Auf dem Doppelbett stand eine geöffnete Tasche; eine graublaue Krawatte und ein schwarzes, leeres Schulterholster lagen auf dem Frisiertisch. Im angrenzenden Badezimmer waren Rasierzeug und Zahnbürste säuberlich bereitgelegt. Sonst nichts.

Griessel betrat das zweite Zimmer. Ordentlich. Zwei Einzelbetten. An einem Fußende eine kleine Reisetasche. Ein Jackett auf einem Bügel, eingehakt in den Türgriff des Kleiderschranks. Ein Reisenecessaire hing an einer Handtuchstange im Bad nebenan.

Griessel ging wieder hinaus auf den Flur und öffnete eine Tür auf der rechten Seite. Er gelangte in ein großes schneeweißes Badezimmer mit einer Badewanne auf Löwenfüßen, einem Waschbecken auf einer Marmorplatte, einem Bidet und einer Toilette.

Die nächsten beiden Schlafzimmer waren leer, nichts wies auf Gäste hin. Das letzte befand sich ganz hinten links. Die Tür stand offen, im Raum war es stockfinster. Griessel betätigte den Lichtschalter.

Draußen hörte der Regen plötzlich auf. Bedrohliche Stille trat ein.

Das Zimmer war groß. Und chaotisch. Der Teppich lag zusammengeschoben auf der Seite. Das Doppelbett stand schief, Matratze und Bettzeug waren heruntergezerrt worden. Der Stuhl vor dem dekorativen antiken Sekretär lag auf dem Rücken, die Schreibtischlampe war umgeworfen worden, die Schubladen waren herausgerissen. Die Türen der massiven Herrenkommode standen offen, die Kleider lagen auf dem Boden. Eine große Reisetasche war in die Ecke geworfen worden.

»Benna!« Der laute Ruf von der Eingangstür her durchschnitt die Stille. Griessel fuhr erschrocken zusammen.

Kaptein Vaughn Cupido war eingetroffen.

»Ich komme!«, rief Griessel zurück. Heiser hallte seine Stimme durch das leere Gebäude.

Cupido stand in der Tür, in einem langen schwarzen Mantel, seinem neuen Markenzeichen, zugegebenermaßen »von einem Lagerverkauf in Soutrivier, ein Wahnsinnsschnäppchen, Pappie! Klassischer Detectivestyle, ein Falke im Winter, echt voll der Hammer!«

Als Griessel vorsichtig durch das Foyer ging, wurde er sich plötzlich seiner zerknitterten Hose bewusst. Gut, dass der Pulli und das Sakko sein Hemd verbargen. Die Klamotten von gestern. Cupido würde das nicht entgehen.

»Und, wie sieht’s aus, Benna? Wie viele sind drin?«

Griessel trat hinaus auf die Veranda und zog die Handschuhe aus. Die dunklen Wolken hatten sich verzogen, die Sonne brach durch, so dass er blinzeln musste. Der Blick war jetzt atemberaubend, das Franschhoek-Tal hob sich aus den Dunstschleiern hervor.

»Ein Angestellter liegt im Weinberg. Wegen des Regens konnte ich noch nicht hin. Zwei liegen drin.«

»Jissis …« Dann sah Cupido ihn forschend an. »Alles okay, Benna?«

Griessel wusste, dass seine Augen gerötet waren; außerdem hatte er sich nicht rasiert. Er nickte. »Nur ein bisschen wenig geschlafen«, log er. »Komm, wir sehen uns den draußen mal an.«

Das erste Opfer lag auf dem Rücken zwischen zwei Reihen von Weinstöcken – ein Farbiger, gekleidet in eine Art dunkelroter Uniform mit silbernen Litzen. Cupido und Griessel blieben auf dem Rand der Rasenfläche nur vier Meter von der Leiche entfernt stehen. Von dort aus konnten sie die große Austrittswunde zwischen den Augen betrachten.

»Er wurde von hinten erschossen. Und dann hierher geschleift.« Griessel deutete auf zwei undeutliche, ausgewaschene Furchen, die sich bis zu den Absätzen des Mannes erstreckten. »Und das sind die Spuren des Farmarbeiters, der ihn heute Morgen entdeckt hat.«

»Ein Bruder«, stellte Cupido fest und fügte vorwurfsvoll hinzu: »Im Sklavenanzug!«

»Er hat im Gästehaus gearbeitet. Die Besitzer haben …«

»Das ist ein Gästehaus? Ich dachte, das wäre ein Weingut.«

»Ein Weingut mit Gästehaus.«

»Als würden die nicht genug Kohle scheffeln. Hey, ist wirklich alles in Ordnung mit dir?«

»Ja, alles in Ordnung, Vaughn.«

»Bist du gestern Abend nach Hause gefahren?«

»Nein. Also die Besitzer …«

»Arbeitest du an einem Fall, von dem ich nichts weiß?«

»Nein, ich habe einfach Überstunden gemacht, Vaughn. Du weißt doch, wie sich der Papierkram stapelt. Darüber bin ich eingeschlafen.« Er hoffte, dass Cupido nicht weiter nachhakte. Vergeblich.

»In deinem Büro?« Die Skepsis in Person.

»Ja. Die örtliche Dienststelle …«

»Haben sie dich deswegen so früh erreicht?«

»Genau. Die Kollegen haben erzählt, dass unser Mann hier gestern Abend gegen neun noch Kaminholz auffüllen und sichergehen sollte, dass die Gäste zufrieden waren. Als er nicht nach Hause kam, dachte seine Frau, er wäre noch in die Stadt gefahren und würde dort übernachten. Dann hat die Frühschicht ihn hier gefunden und anschließend den anderen in der Diele liegen sehen. Das Problem ist, es sollen drei gewesen sein.«

»Augenblick, jetzt komm ich nicht mehr mit. Ich dachte, es wären drei?«

»Nein, drei Gäste. Im Haus.«

»Es hätte also vier Opfer geben müssen.«

»Genau.«

»Aber wo ist Nummer vier?«

»Das ist die Frage. Die Sache ist die … Wir haben drei Kopfschüsse, Vaughn. Dem zweiten drinnen wurde durch die Pistolenhand und in den Kopf geschossen, und die beiden Hülsen liegen so nahe aneinander …« Griessel zeigte den Abstand.

Cupido überlegte einen Moment. »Jissis, Benna! Double-tap

»Auf ein bewegliches Ziel.«

Cupido schüttelte bewundernd den Kopf. »Das nenne ich zielsicher, Pappie.«

»Aber am meisten stört mich, dass im hintersten Zimmer ein Kampf stattgefunden hat. Warum sollte sich ein solcher Meisterschütze auf einen Kampf einlassen?«

Cupido sah Griessel sorgenvoll an. »Denkst du dasselbe wie ich?«

Bennie mochte es gar nicht aussprechen, denn die Folgen wären unabsehbar. Er nickte nur.

»Am Zaun steht ein Zeitungsfotograf, Benna.«

»Scheiße!«, fluchte Griessel.

»Entführung. Hatten wir schon ewig nicht mehr.«

»Warte, es kommt noch dicker. Die beiden Männer da drin … Durchtrainiert, Kurzhaarschnitt, Anzug, beide mit einer Glock siebzehn bewaffnet. Ich glaube, das waren ausgebildete Kämpfer. Soldaten, Agenten.«

»Im Ernst?«

»Und ein Typ, der so schießen kann, so treffsicher … Der muss ebenfalls eine Ausbildung gehabt haben. Polizei, Spezialkommando, Geheimdienst. Etwas in der Richtung. Ein Profi.«

Cupido drehte sich um und starrte zum Haus. »Das gibt Ärger, Benna, Riesenärger.«

Griessel seufzte. »Stimmt.«

»Wir müssen die Giraffe anrufen. Die müssen die Medien in Schach halten.«

Reglos standen sie nebeneinander, das Kinn auf der Brust – Cupido einen Kopf größer als der stämmige Griessel –, und durchdachten die möglichen Folgen. Ihnen graute vor dem Chaos, das ihnen drohte.

Bis Cupido, dessen Falke-im-Winter-Mantel sich im kalten Wind blähte, schützend die Hand um Bennies Schulter legte.

»Benna, einen Lichtblick gibt’s wenigstens.«

»Ach, und welchen?«

»Weil du heute Morgen so fertig aussiehst, dachte ich schon, du säufst wieder. Aber ein Säufer hätte nie so messerscharf analysiert.«

Damit drehte er sich um und machte sich auf den Weg zum Gästehaus.

2

Tyrone Kleinbooi sah die Auntie in den Dritte-Klasse-Waggon einsteigen, als der Metrorail-Zug 3411 am Bahnsteig 4 des Bahnhofs Bellville wartete. Es war Montagmorgen, zehn vor acht. Ganz offensichtlich trug sie ihre schönsten Kleider mit passendem Kopftuch und umklammerte mit beiden Händen eine Handtasche. Tyrone rutschte ein Stück, damit der freie Sitzplatz neben ihm noch einladender wirkte.

Die Frau warf einen Blick auf den Sitz, dann auf ihn und kam näher, wie er es vorausgesehen hatte. Weil er ordentlich aussah. Gleichmäßige Gesichtszüge, hatte Onkel Solly ihm bescheinigt. Du hast gleichmäßige Gesichtszüge, Ty. Das ist ein Bonus in diesem Gewerbe.

Gewerbe. Als würde er für eine Firma arbeiten.

Seufzend ließ sich die Frau nieder und stellte die Handtasche auf ihrem Schoß ab.

»Môre, Auntie«, grüßte Ty.

»Môre.« Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß, groß und schlank, wie er war, und fragte: »Na, wo kommst du denn her?«

»Aus der Stadt, Auntie«, antwortete Tyrone.

»Und wo fährst du hin?«

»Nach Stellenbosch, Auntie.«

»Studierst du da?«

»Nein, Auntie.«

»Na, und was willst du dann da?«

»Ich gehe meine Schwester besuchen, Auntie.«

»Und was macht sie da?«

»Sie studiert, Auntie. Humanbiologie. Erstes Semester.«

»Na, das klingt aber gelehrt. Was kann man denn damit anfangen?«

Ruckend fuhr der Zug an.

»Damit kann man sehr viel machen, Auntie, aber eigentlich will sie Ärztin werden. Sie hat letztes Jahr den Numerus clausus nicht geschafft und versucht jetzt, quer einzusteigen.«

»Ärztin, wie?«

»Ja, Auntie. Sie ist sehr klug.«

»Hört sich so an. Ärztin! Und du? Was machst du?«

»Ich bin ein Taschendieb, Auntie.«

Instinktiv umklammerte die Frau ihre Tasche, doch dann lachte sie. »Du bist mir ja einer!«, sagte sie und versetzte ihm einen Rippenstoß. »Nein, jetzt mal im Ernst.«

»Ich bin Maler. Aber kein Künstler, ich streiche Häuser an.«

»So, so, wie ein Handwerker siehst du auf den ersten Blick gar nicht aus. Aber das ist eine gute, ehrliche Arbeit für einen jungen Mann wie dich.«

»Und wo fahren Sie hin, Auntie?«

»Auch nach Stellenbosch. Auch zu meiner Schwester. Ihre Gicht macht ihr so zu schaffen, dass sie kaum mehr laufen kann und …«

Tyrone Kleinbooi, tiefbraun wie dunkel geröstete Kaffeebohnen und gesegnet mit regelmäßigen Gesichtszügen, nickte höflich und hörte aufmerksam zu, denn er genoss das gemütliche Schwätzchen im Zug. Unbewusst registrierte er, dass es aufgehört hatte zu regnen. Und das war gut. Regen war schlecht fürs Geschäft. Bisher war es ein äußerst magerer Monat gewesen.

Das moderne neue Haupthaus des Weinguts La Petite Margaux lag weiter oben am Berg. Es bestand aus minimalistischen, übereinander gestapelten Glaswürfeln, eingefasst von einem fast unsichtbaren Rahmen aus Stahl und Beton.

Der deutsche Besitzer empfing Griessel und Cupido an der Tür, sichtlich entsetzt. Er stellte sich als Marcus Frank vor – ein großer, kahlköpfiger Mann mit Schultern und Nacken eines Gewichthebers. »Was für eine furchtbare Tragödie!«, seufzte er auf Englisch mit leichtem deutschem Akzent und führte die Ermittler ins Wohnzimmer. Die Decke war zwei Stockwerke hoch, und die Fenster boten eine beeindruckende Aussicht auf Berg und Tal.

Zwei Frauen erhoben sich bei ihrem Eintreten, die eine jung, die andere älter – eigenwillig, exzentrisch.

»Captain Cupido, Captain Griessel, das ist Christel de Haan, unsere Hospitality-Managerin«, sagte Frank und fasste die jüngere Frau mitfühlend am Arm. Ihre Augen hinter der modernen Brille mit dunklem Gestell waren gerötet. Mit der linken Hand umklammerte sie ein Taschentuch, und sie nickte nur, als traue sie ihrer Stimme nicht.

»Und das ist Ms Jeanette Louw«, fuhr Frank fort, ein klein wenig zu neutral, so dass Griessel sich automatisch auf die Körpersprache der beiden konzentrierte. Die Atmosphäre hier passte nicht ganz zur Situation.

Louw kam mit ausgestreckter Hand auf sie zu. Um die Fünfzig, blond gefärbte Mähne, sportlich-muskulös, ausgeprägtes Kinn. Sie war ungeschminkt und trug einen Herren-Designeranzug mit weißem Hemd und rot gestreifter Krawatte. »Hallo«, grüßte sie die Ermittler ernst, mit tiefer Raucherstimme und kräftigem Händedruck.

»Christel und ich werden Sie jetzt auf Bitten von Ms Louw allein lassen«, erklärte Frank. »Wir sind in meinem Büro, falls Sie uns brauchen.«

»Augenblick!«, protestierte Cupido. »Wir müssen jetzt mit Ihnen reden!«

»Ich würde Sie zunächst gern allein sprechen«, sagte die blonde Frau fast gebieterisch auf Afrikaans.

»Bitte sehr. Mein Büro ist gleich dahinten.« Frank deutete den Flur entlang.

»Aber dazu haben wir keine Zeit!«, wandte Cupido ein.

»Das waren meine Leute, da unten im Gästehaus«, erwiderte Louw.

»Was soll das heißen ›Ihre Leute‹?«

»Vaughn? Hören wir uns doch erst mal an, was sie zu sagen hat.« Griessel hatte nicht die Energie, sich jetzt auch noch auf einen Streit einzulassen. Er hatte gehört, wie die Leute miteinander geredet hatten. Entsetzen über die Tragödie vermischte sich mit Gereiztheit, einer gewissen Spannung. Christel de Haan fing an zu weinen.

Cupido gab widerwillig nach, und Marcus Frank führte seine Hospitality-Managerin fürsorglich den Flur hinunter.

»Bitte setzen Sie sich«, sagte Jeanette Louw und nahm auf einem der rechtwinkligen Sofas Platz.

Griessel setzte sich; Cupido jedoch blieb stehen, die Arme vor der Brust verschränkt. »Was geht hier vor?«, fragte er, sichtlich unzufrieden über den Ablauf.

»Ich bin leitende Direktorin von Body Armour, einer Sicherheitsfirma in Kapstadt. Wir haben das Gästehaus reserviert, und unser Vertrag mit La Petite Margaux enthält ein NDA. Die Betreiber können daher nicht …«

»Ein was?«, unterbrach sie Cupido.

»Ein Non-Disclosure-Agreement, eine Verschwiegenheitsvereinbarung«, antwortete die Chefin der Sicherheitsfirma mühsam beherrscht.

»Weshalb?«, fragte Cupido.

»Wenn Sie mir vielleicht mal die Chance geben würden, alles zu erklären …«

»Wir arbeiten gegen die Uhr, Mevrou

»Das weiß ich, aber …«

»Wir sind die Valke. Wir haben keine Zeit für Geschwätz und irgendwelche Faxen.«

»Geschwätz?« Griessel sah, dass die Frau allmählich die Beherrschung verlor. Ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse von Wut und Trauer. Sie beugte sich nach vorn und deutete anklagend auf Cupido. »Glauben Sie im Ernst, mir wäre nach Plaudern zumute, während zwei meiner Leute tot da unten im Gästehaus liegen? Jetzt steigen Sie mal gefälligst von Ihrem hohen Ross runter und setzen sich hin, damit ich Sie mit den Informationen versorge, die Sie brauchen! Wenn nicht, dann gehe ich, und dann müssen Sie zu mir kommen, wenn Sie etwas wollen!«

»Ich nehme keine Befehle an von einer …«

»Bitte!«, unterbrach Griessel ihn scharf.

Louw ließ sich langsam wieder auf das Sofa zurücksinken. Es dauerte einen Moment, bis Cupido widerwillig ein »Okay« hervorstieß, doch er blieb mit verschränkten Armen stehen.

Jeanette Louw rang nach Fassung und wandte sich dann an Griessel. »Kann ich zunächst erfahren, wie viele Leichen Sie im Haus gefunden haben?«

»Zwei«, sagte Griessel.

»Nur zwei?«

»Ja.«

Sie nickte, als hätte sie das erwartet. »Könnten Sie mir die Männer bitte beschreiben?«

»Mitte bis Ende dreißig, kurze Haare, schlank, glatt rasiert, beide mit einer Glock bewaffnet …«

Die Chefin von Body Armour unterbrach ihn mit erhobener Hand. Sie hatte genug gehört. Sie schloss einen Moment die Augen und öffnete sie wieder. »Beides meine Leute. B. J. Fikter und Barry Minnaar.«

»Mein Beileid«, sagte Griessel und setzte hinzu: »Die zwei haben also für Sie gearbeitet?«

»Ja.«

»Was genau war ihre Aufgabe?«, fragte Cupido.

»Sie waren Leibwächter.«

»Wer war die dritte Person im Haus?«, fragte Griessel.

»Mein Klient. Paul Anthony Morris.«

»Wer ist das und warum braucht er Bodyguards?«, fragte Cupido.

»Ich … Er ist britischer Staatsbürger. Mehr kann ich nicht …«

»Scheiße!«, fluchte Cupido, dem sofort die Konsequenzen dämmerten.

Louw missverstand seine Reaktion. »Das war alles, was er uns an Informationen zur Verfügung stellen wollte.«

»Mevrou«, begann Griessel, »soweit wir das bisher beurteilen können, wird er … vermisst. Und da er Ausländer ist, bedeutet das …« Er suchte nach dem richtigen Wort.

»Riesenärger«, sprang Cupido ein.

»Genau«, sagte Griessel. »Wir brauchen so schnell wie möglich alle verfügbaren Informationen.«

»Deswegen bin ich hier«, sagte Louw. »Sie bekommen von mir alles, was ich habe.«

»Aber nicht im Beisein des Besitzers«, bemerkte Cupido. »Warum nicht?«

»Infolge der Geheimhaltungsvereinbarung ist La Petite Margaux nicht darüber informiert, wer sich in dem Gästehaus aufgehalten hat. Darüber hinaus habe ich eine Schweigepflicht meinem Klienten gegenüber. Aus diesen Gründen kann ich nur mit Ihnen reden.«

Cupido rollte mit den Schultern.

»Sagen Sie uns, was Sie wissen«, bat Griessel.

Sie nickte und atmete tief durch, als wolle sie ihre Kräfte bündeln.

3

»Letzten Mittwoch um kurz vor sechzehn Uhr nahm Morris telefonisch Kontakt zu mir auf und erkundigte sich nach der Art unserer Dienstleistungen und der Qualifikation unseres Personals. Er sprach mit einem – Oxford-Akzent, würde man wohl sagen. Ich verwies ihn auf unsere Website, doch er sagte, die habe er sich bereits angesehen und er wolle sichergehen, dass das nicht nur Fassade sei. Ich versicherte ihm, dass alles seine Richtigkeit habe. Er stellte einige Fragen über die Ausbildung unserer Angestellten, die ich ihm beantwortete …«

»Wie sind sie denn ausgebildet?«, fragte Cupido.

»Die meisten meiner Angestellten sind ehemalige SAPD-Personenschützer, Kaptein.«

»Danke. Fahren Sie fort.«

»Daraufhin sagte Morris, ich zitiere aus dem Gedächtnis: ›Ich muss für eine Weile abtauchen und benötige den Schutz äußerst wachsamer, diskreter und professioneller Leibwächter.‹ Und zwar ab letztem Freitag. Ich erklärte ihm, wir könnten für seine Unterbringung sorgen, und bat ihn, die übliche Fragenliste mit mir durchzugehen, um unsere Dienstleistungen seinen Ansprüchen optimal anzupassen. Er fragte, welcher Art die Fragen seien, und ich erklärte, wir bräuchten Angaben über seinen Beruf, seine Lebensumstände, Angehörige, die im Todesfall benachrichtigt werden könnten, mögliche Bedrohungen, Fristen sowie das zur Verfügung stehende Budget. Er erwiderte, Geld spiele keine Rolle und er brauche meinen Service für mehrere Wochen. Er ziehe es jedoch vor, keine weiteren Angaben zu machen. Ich versprach, unverzüglich ein Konzept sowie einen Kostenvoranschlag zu erstellen, und schlug vor, ihn per E-Mail zu kontaktieren. Er wollte jedoch lieber zurückrufen, was er eine Stunde später tat.«

Griessel registrierte ihren amtlichen Tonfall und ihre präzise Wortwahl, als suche sie Zuflucht auf dem vertrauten Terrain amtlicher Verlautbarungen. Sie hatte etwas Militärisches an sich, und er fragte sich, ob auch sie eine ehemalige Polizistin war.

»Ich empfahl dieses Gästehaus und ein Team von …«

»Warum ausgerechnet dieses?«, unterbrach Cupido sie erneut.

»Wir benutzen es regelmäßig. Es entspricht den Standards. Es befindet sich weniger als eine Stunde vom Flughafen entfernt, aber außerhalb der Stadt. Es ist abgelegen, der Zugang ist gut gesichert, das Gelände offen und übersichtlich. Das Personal berücksichtigt unsere Bedürfnisse und Anforderungen.«

»Danke. Reden Sie weiter.«

»Ferner empfahl ich Morris ein Team von je zwei Leibwächtern bei Tag und bei Nacht. Er erklärte sich sofort einverstanden und fragte, was er als Nächstes tun müsse, um den Vertrag mit mir abzuschließen. Ich bat ihn, per Internetbanking eine Kaution in Höhe eines Wochentarifs zu hinterlegen. Daraufhin …«

»Wie viel war das?«, fragte Cupido. Er ließ die Arme sinken und setzte sich auf einen Sessel neben Griessel.

»Wie hoch die Kaution war?«

»Ja.«

»Etwas über fünftausendzweihundert Pfund. An die siebzigtausend Rand.«

»Für eine Woche?«, fragte Cupido ungläubig.

»Richtig.«

»Und er hat bezahlt?«

»Innerhalb einer halben Stunde. Am nächsten Tag, am Donnerstag, hat er einen Scan seines Passes mit Foto gemailt, den ich zu Registrierungs- und Dokumentationszwecken brauchte. Morris wies sich als ein sechsundfünfzig Jahre alter britischer Staatsbürger aus. Am selben Tag gab er telefonisch seine Flugdaten durch. Bei dem Gespräch erklärte ich ihm das Prozedere am Flughafen und beschrieb ihm die Leute, die ihn abholen würden. Das war alles, was ich persönlich mit ihm zu tun hatte. Fikter und Minnaar holten Morris am Freitagnachmittag ab. Er traf mit South African Airlines, Flug Nummer SA337 um fünfzehn Uhr zehn aus Johannesburg ein. Meine Männer …«

»Aus Johannesburg?«, fragte Cupido. »Er ist also nicht unmittelbar von England aus angereist?«

»Nein. Er könnte von Großbritannien aus nach Johannesburg und von dort aus weiter nach Kapstadt geflogen sein, aber darüber weiß ich nichts.«

»Danke. Weiter bitte.«

»Fikter bestätigte mir am Freitagnachmittag um fünfzehn Uhr siebzehn per SMS Morris’ planmäßige Ankunft am Flughafen und um sechzehn Uhr zweiundfünfzig ihr Eintreffen im Gästehaus von La Petite Margaux. Alles war in Ordnung. Fikter und Minnaar übernahmen die Nachtschicht, Stiaan Conradie und Allistair Barnes die Schicht am nächsten Tag. Jedes Team erstattete zu Beginn und Ende der Schicht per SMS Bericht. Es gab keine Probleme. Am Sonntagmorgen nach der Nachtschicht habe ich mit Fikter telefoniert und mich erkundigt, wie es lief. Er sagte, Morris sei ein sehr kultivierter, höflicher Mann, der sich entspannt und jovial verhalte. Conradie und Barnes sind jetzt unten am Tor und bereit, mit Ihnen zu reden, sobald die SAPD sie reinlässt.«

»Jetzt noch mal langsam zum Mitschreiben«, begann Cupido. »Sie wissen nichts weiter, als dass es sich bei dem Mann um einen Briten mit hochtrabendem Akzent handelt, der mal eben Siebzigtausend auf den Kopf hauen kann. Ansonsten nichts, weder Adresse noch Beruf. Er könnte also ein Serienmörder oder sonstwas sein.«

»Richtig.«

»Sie haben aber kein Problem damit, einem solchen Typen Personenschutz zu bieten?«

»Kaptein, wenn Sie mit Bargeld einen neuen Wagen kaufen wollen, fragt der Händler auch nicht nach, ob Sie vorbestraft sind.«

»Ein Bulle mit Bargeld für ein Auto? Sehr witzig. Außerdem hinkt der Vergleich.«

»Ach ja?«

»Personenschutz ist durchaus – persönlicher, finden Sie nicht?«

Louw lehnte sich wieder nach vorn, und Griessel fragte: »Als Sie mit Morris telefonierten, klang er da besorgt? Ängstlich?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Bei dem Gespräch sind mir nur zwei Dinge aufgefallen. Erstens, dass er noch nie zuvor eine solche Dienstleistung in Anspruch genommen hatte, und zweitens, dass er so wenig wie möglich über seine Person preisgeben wollte.« Sie blickte Cupido an. »Wobei das nichts Besonderes ist. Privater Personenschutz ist per se diskret. Die meisten unserer Klienten sind Geschäftsleute, die es nicht gern an die große Glocke hängen möchten, dass sie Bodyguards beschäftigen.«

»Warum nicht?«

»Weil sie nicht auffallen wollen. Und wahrscheinlich auch, weil sie ihre Gastgeber nicht vor den Kopf stoßen wollen. Sie kommen nach Südafrika, um hier Geschäfte zu machen, und die öffentliche Zurschaustellung von Bodyguards erweckt den Eindruck, Südafrika sei ein gefährlicher Ort.«

»Und warum nutzen sie dann den Service? Touristen haben doch kaum etwas zu befürchten.«

»Tja, das liegt wohl an der verzerrten Wahrnehmung vieler Ausländer.«

»Die Sie nur zu gern ausnutzen. Konnten Sie der E-Mail-Adresse entnehmen, wo Morris arbeitet? Wo hatte er seinen Account?«

»Er benutzte eine Gmail-Adresse. Paul Unterstrich Morris fünfzehn oder so ähnlich.«

»Und wie hat er die Kaution bezahlt? Per Online-Auslandsüberweisung?«

»Ja. Von einem Konto bei einer Schweizer Bank, Adlers, wenn ich mich recht erinnere. Ich werde das nachprüfen.«

»Mevrou …«, begann Griessel.

»Bitte nennen Sie mich Jeanette.«

»Die beiden Bodyguards im Haus …«

»B. J. Fikter und Barry Minnaar.«

»Ja. Wie lange sind sie schon nicht mehr bei der Polizei?«

»Seit sieben, acht Jahren.«

»Und wie lange arbeiten die beiden für Sie?«

»Seit ihrem Ausscheiden aus dem Polizeidienst. Ich kann Ihnen versichern, dass der Überfall nichts mit Ihnen zu …«

»Entschuldigung, das meinte ich nicht. Ich meinte – wie gut waren sie?«

Jeanette Louw verstand, was er wissen wollte. »Ich engagiere nur die Besten, und sie erhalten jedes Jahr Fortbildungen und müssen sich Prüfungen unterziehen. Wir erwarten ein Höchstmaß an Reaktionsvermögen, Sicherheit im Umgang mit Waffen und natürlich exzellente Kampfsporttechnik. Wir führen sogar alle sechs Monate Dopingkontrollen durch. Ich kann Ihnen versichern, dass Fikter und Minnaar ausgezeichnete Leute waren.«

»Und trotzdem …«, bemerkte Cupido skeptisch.

Jetzt verlor Jeanette Louw endgültig die Geduld. Sie stemmte die Füße hüftbreit auf den Boden, beugte sich nach vorn und stützte die Ellbogen auf die Knie. »Das eine sage ich Ihnen: Wenn Sie kein Polizist wären, hätte ich Sie heute in die Mangel genommen!«

Die junge Frau, nicht viel älter als Tyrone Kleinbooi, blickte auf den Stapel Geldscheine, dann auf den Computerbildschirm und sagte auf Englisch: »Da fehlen noch siebentausend Rand.«

»Warum reden Sie Englisch mit mir? Ich dachte, das wäre eine afrikaanssprachige Universität«, erwiderte Tyrone. »Das ist alles, was ich im Moment bezahlen kann. Eintausendzweihundertundfünfzig.«

Ein wenig gereizt entgegnete die Frau auf Afrikaans: »In welcher Sprache auch immer, Meneer, Sie sind mit Ihren Zahlungen im Rückstand, und die Ergebnisse werden erst bekannt gegeben, wenn die Gebühren in voller Höhe entrichtet wurden.«

Tyrone war frustriert und hatte Lust, sie ein wenig zu ärgern. »So, und jetzt haust du mir weißes Afrikaans um die Ohren, dabei sehe ich dir an, dass du ein Cape Flats Girl bist.«

»Ich komme aus Pniel, nicht aus den Flats. Ich habe gesehen, dass du noch Geld im Portemonnaie hast. Weiß dein Vater, was du hier anstellst?«

»Jirre!«, sagte Tyrone Kleinbooi. »Was für ein Name steht auf deinem Computer, Dollie?«

»›Nadia Kleinbooi‹. Und ich bin nicht deine ›Dollie‹!«

»Und ich – sehe ich vielleicht wie eine Nadia aus?«

»Woher soll ich das wissen? Ich habe hier die komischsten Namen im Computer.«

»Nadia ist meine Schwester, Dollie. Wir haben keinen Vater und auch keine Mutter. Dieses Geld hier habe ich mit meiner eigenen Hände Arbeit verdient, verstehst du? Und was noch in meinem Portemonnaie ist, muss ich meiner Schwester für die Miete geben. Du kannst dir also deine Vorurteile sparen. Komm, sei so nett, wir bezahlen ja, aber eben so, wie wir es können. Meine Schwester hat superhart gearbeitet, es sind ihre Ergebnisse, nicht eure – warum kann sie die nicht einsehen?«

»Ich muss mich an die Vorschriften halten.«

»Aber bestimmt kannst du mal ’ne Ausnahme machen. Für einen Brother.«

»Und meine Arbeit verlieren? Du träumst wohl.«

Tyrone seufzte und zeigte auf den Bildschirm. »Kannst du sie darauf sehen?«

»Die Ergebnisse?«

»Ja.«

»Kann ich.«

»Und, hat sie bestanden?«

Sie verzog keine Miene.

»Ach, bitte, Sister!«, sagte er.

Die junge Frau blickte sich rasch um und flüsterte: »Gute Note.« Dann nahm sie das Geld und zählte es.

Tyrone sagte: »Danke, Sister«, und wandte sich zum Gehen.

»Hey, stopp, nicht abhauen, vergiss die Quittung nich’!«

»Siehst du, ich wusste, dass du Flats reden kannst.«

4

Sie spürten den Druck, das Drängen der Zeit, die ihnen davonlief.

»Cyril war ein Freund«, sagte Marcus Frank, der deutsche Besitzer. »Ein geschätzter Mitarbeiter.«

Bennie Griessel befürchtete, dass Cupido so etwas fragen würde wie: »Warum musste er dann eine Sklavenuniform tragen?«, deshalb warf er schnell ein: »Unser aufrichtiges Beileid, Mister Frank. Also, einer der …«

»Unser Ruf ist ruiniert!«, klagte Frank. »Die Reporter warten vor dem Tor!«

»Ich verstehe. Aber einer Ihrer Gäste wird vermisst, und wir dürfen keine Zeit verlieren. Können Sie uns erklären, was Mister January gestern Abend im Gästehaus getan hat?«

Frank wies mit einer hilflosen Geste auf die noch immer verheulte Christel de Haan.

Sie setzte ihre Brille auf und sagte: »Er hat den Tisch abgeräumt und das Feuer im Kamin angezündet.«

»Um welche Uhrzeit?«, fragte Cupido.

»Um Punkt einundzwanzig Uhr.«

»Woher wissen Sie das?«

»So war es vereinbart.«

»Mit den Bodyguards?«

»Ja. Frühstück pünktlich um acht, Zimmerservice um neun, Mittagessen um eins, Abendessen um acht. Letzter Service und Hospitality um neun. Die Vorschriften sind streng, und es gibt viel zu beachten.«

»Was denn zum Beispiel?«

»Die Firma hat alle unsere Mitarbeiter überprüft. Nur sechs wurden für die Arbeit im Gästehaus zugelassen, zwei für das Frühstück, zwei für den Zimmerservice und zwei für das Abendessen und die Abend-Hospitality. Das war nicht immer leicht zu organisieren.«

»Inwiefern?«

»Weil manchmal Mitarbeiter erkranken oder Urlaub nehmen möchten.«

»Und warum haben Sie das Haus dann an diese Leute vermietet?«

»Weil sie fast das Doppelte des normalen Tarifs bezahlen.«

Wieder schüttelte Cupido verwundert den Kopf. »Aha. Cyril January gehörte also zu den Mitarbeitern, die Zutritt hatten?«

»Ja.«

»Und wie kam er ins Haus? Hatte er einen Schlüssel?«

»Nein, nein, wenn unsere Mitarbeiter hineinwollten, mussten sie eine der Wachen rufen, sobald sie vor der Tür standen.«

»Wie?«

»Mit einem Handy. Sie mussten eine Parole nennen. ›Frühstück im grünen Zimmer‹, wenn alles sicher war, ›Frühstück im roten Zimmer‹, falls sie glaubten, es drohe Gefahr.«

»Jissis. Und dann hat der Wachtposten aufgemacht?«

»Ja.«

»Sie sagten, dass zwei Leute für das Abendessen zuständig waren?«

»Ja. Cyril und seine Tochter …« Wieder stiegen de Haan die Tränen in die Augen, ihre Stimme wurde heiser. »Entschuldigen Sie. Cyrils Tochter ist erst achtzehn. Sie hat mit ihm zusammen das Abendessen serviert, die beiden haben abgeräumt, und dann hat sie mit dem Essenswagen das Gästehaus verlassen. Cyril übernahm die Hospitality.«

»Was heißt das?«

»Schokolade aufs Kissen, Überprüfung der Toilettenartikel im Badezimmer – Seife, Shampoo, Duschgel, Handcreme – und Anzünden des Kamins.«

»Wissen Sie, um welche Zeit er normalerweise fertig war?«

»Zwischen neun und halb zehn.«

»Und seine Frau dachte, er wäre gestern Abend in die Stadt gefahren?«

»Ja, das hat er öfter gemacht.«

»Wo ging er dann hin?«

»Zu Freunden.«

»Die ganze Nacht über?«

»Das kam vor.«

»Wie war der Ablauf beim Verlassen des Hauses?«, fragte Griessel.

»Er ging einfach, und die Wachen schlossen hinter ihm ab.«

»Und was ist heute Morgen passiert?«

»Einer unserer Farmarbeiter hat Cyrils Leiche gefunden. Gegen halb sieben; er war auf dem Weg zur Arbeit. Und dann sah er, dass die Tür des Gästehauses offen stand.«

»Danke«, sagte Cupido. »Wir werden mit Mister Januarys Tochter reden müssen. Wir werden mit allen Mitarbeitern reden müssen in etwa …«, er warf einen Blick auf seine Armbanduhr, »… in etwa einer Stunde. Könnten Sie sie bitte für uns zusammenrufen?«

Auf dem Weg zum Auto zog Cupido vom Leder, so wie Griessel es erwartet hatte.

»›Sie bezahlen fast das Doppelte des üblichen Tarifs.‹ Das ist das Problem mit diesem Land, Benna. Nackte Gier, keine Moral. Alle wollen sich bereichern, scheffeln, Pappie, scheffeln, bevor die Welt zusammenbricht. Siebzigtausend für eine Woche Personenschutz? Wir haben den falschen Beruf, aber hallo! Das ist doch Wucher! Und diese Lesbe, die mir eine reinhauen wollte! Und wofür? Nur, weil ich kein Blatt vor den Mund nehme? Das war doch echt das Letzte, oder? Wie soll man denn bei einer Frau auf so was reagieren? Du bist im Arsch, wenn du sagst: Los, versuch’s doch!, und genauso im Arsch, wenn du den Mund hältst. Das müsste verboten werden! Mich fertigmachen, mit ihren siebzigtausend in der Tasche und ihrem schicken Calvin-Klein-Anzug und dieser Frisur … Und was soll das hier überhaupt? Ein Deutscher besitzt ein Buren-Weingut mit französischem Namen, auf dem ein Brite entführt wurde. Was soll der Scheiß, sind wir jetzt die Vereinten Nationen des Verbrechens, oder was? Und warum? Weil die ihre Scheiße hierher exportieren! Wie diese Franzosen bei Sutherland und beim Dewani-Fall, und dann heißt es wieder: Hilfe, in Südafrika ist es ja sooo gefährlich!«

Sie stiegen ins Auto.

»Ich sag dir eins: Der Attentäter war garantiert ein Ausländer, aber meinst du etwa, das würden die im Fernsehen bringen? Nie im Leben, da heißt es nur wieder ›astronomisch hohe Verbrechensrate‹ und dieser ganze Scheiß. Wetten? Das war nicht richtig, Benna. Mich fertigmachen zu wollen. Aber die armen Schweine in ihren Sklavenuniformen, die überprüfen sie und lassen sie hinter den weißen Ärschen herwischen bis spät in die Nacht. Schokolädchen aufs Bettchen! Lächerlich! Für einen Briten, der seinen Ärger hier anschleppt, Schokolädchen aufs Bettchen …«

»Die Spusi ist da«, bemerkte Griessel, als er den weißen Kleinbus vor dem Gästehaus stehen sah, neben dem Corolla des SAPD-Fotografen und den beiden Krankenwagen.

»Die sollen Gas geben. Wir müssen das Zimmer des Engländers durchsuchen.«

»Und da ist auch die Giraffe.« Neben dem großen Ford Territory des Direktorats für Kapitalverbrechen – kurz DPMO oder Valke – stand der lange, schmale Kolonel Zola Nyathi, Chef des Dezernats für Gewaltverbrechen.

Da Griessel als erster Valk am Tatort gewesen war, erstattete er so kurz und knapp wie möglich Bericht. Er spürte, wie die scharfen Augen des Kolonels ihn musterten, mit jenem stoischen, unlesbaren Gesichtsausdruck, der sich nie veränderte.

Als Griessel geendet hatte, murmelte die Giraffe: »Aha«, senkte den Kopf und dachte nach.

Endlich sagte Nyathi: »Bennie, Sie übernehmen das JOC in diesem Fall.«

»Ja, Sir.« Griessel sank der Mut, denn das Letzte, was er in seinem derzeitigen Zustand gebrauchen konnte, war die Verantwortung einer gemeinschaftlichen operationellen Befehlsführung, eines sogenannten Joint Operations Command.

»Sie haben schon Vaughn. Wie viele Leute brauchen Sie noch?«

Griessel wusste, dass die Valke große Teams bevorzugten, die schnell und hart zuschlagen konnten, doch er stand diesem Ansatz noch immer skeptisch gegenüber. Zu viele Leute waren einander nur im Weg, vor allem auf Ermittlungsebene. Außerdem wusste er, dass den Befehl zu haben noch lange nicht bedeutete, dass er jederzeit die Kontrolle über den Verlauf der Untersuchung behielt. »Vier Detectives, Sir.«

»Sind Sie sicher?«

»Ja, Sir.«

»Ich lasse Cloete rufen. Er soll mal die Räder im Konsulat ein bisschen schmieren.«

Kaptein John Cloete war der Verbindungsoffizier der Valke. Griessel wusste, dass sie beim Umgang mit dem britischen Konsulat jede Hilfe brauchen würden, die sie bekommen konnten. Zwar waren die Briten nicht so kompliziert wie die Kanadier und wiederum nicht so schwierig wie die Chinesen, aber Botschaften waren im Allgemeinen nicht sonderlich interessiert daran, Informationen über ihre Landsleute preiszugeben, besonders, wenn es um Straftaten ging. Außerdem verlief man sich leicht im Labyrinth dieser bürokratischen Institutionen. Deshalb sagte er: »Danke, Sir.«

Er sah, wie Nyathis Blick einen Moment lang auf ihm ruhte, bevor der Kolonel nickte, sich umdrehte und zu seinem Wagen ging. Bennie wusste, dass es an seiner miserablen Figur heute Morgen lag. Wieder machte er sich Vorwürfe. Er hätte gestern Abend nicht …

»Komm, Benna«, sagte Cupido. »Sehen wir mal nach, wie weit die Spusi ist.«

In der Dorpstraat in Stellenbosch, vor dem berühmten alten Souvenirladen Oom Samie se Winkel, stand ein Tourbus.

Tyrone Kleinbooi beobachtete die Touristen, die sich auf dem Bürgersteig drängten. Europäer, das erkannte er an ihren weißen Beinen und der Kleidung. Er wunderte sich nicht mehr darüber, warum europäische und amerikanische Besucher die Einzigen in Afrika waren, die Safari-Klamotten kauften und trugen, von Jagdwesten (mit Fächern für Munition) über Livingstone-Helme und Hüte mit breiten Krempen bis hin zu Stiefeln.

Mit allen Sinnen konzentrierte er sich auf die Gruppe, die darauf wartete, in den Bus einzusteigen. Ganz hinten stand eine Frau mittleren Alters mit einer großen geflochtenen Basttasche. Ein leichtes Opfer. Sie rechnete mit Berührungen von anderen Reisenden, und ihr Portemonnaie steckte garantiert ganz unten in der Mitte der Tasche, groß und dick, vollgestopft mit Rand, Euros, Kredit- und Scheckkarten, bereit für den schnellen Griff. Er brauchte nichts weiter zu tun, als die Haarspange mit der kleinen gelben Sonnenblume, die er in der Hosentasche trug, in der linken Hand zu verstecken, sich vor der Frau zu bücken und so zu tun, als höbe er die Spange auf.

Onkel Solly: Ich hatte mal einen Lehrling, der hat den Trick mit Geld versucht, mit einem Zehn-Rand-Schein. Er hat ihn vor dem Zielobjekt kurz aufblitzen lassen, aber damit die Aufmerksamkeit des Zielobjekts sofort auf sein Portemonnaie gelenkt. Genau das, was man nicht will. Verwende stattdessen etwas, was bunt und hübsch ist. Aber kein Geld.

»Ich glaube, das ist Ihnen heruntergefallen, Ma’am«, würde er sagen, leise, nah, vertraulich, mit seinem Guck-mal-wie-ehrlich-und-nett-wir-Einheimischen-sind-Lächeln und seinen gleichmäßigen Zügen, die rechte Schulter fast in Körperkontakt zu ihr.

Wenn sie die Augen und ihre ganze Aufmerksamkeit erstaunt auf die Haarklammer gerichtet hätte, würde er mit der rechten Hand in die Tasche fassen und das Portemonnaie fest und sicher greifen.

Sie würde ihn wohlwollend anlächeln, denn die Leute aus dem Norden waren zu Schwarzen immer besonders freundlich. Wahrscheinlich hatten sie bis heute Gewissensbisse wegen dem ganzen Mist in der Kolonialzeit. Sie würde die Hand nach der Haarspange ausstrecken und dann den Kopf schütteln. »Vielen Dank, aber die gehört mir nicht.« Er würde sie mit der rechten Schulter leicht anrempeln, während er die Hand geschickt aus der Tasche zöge und das Portemonnaie einsteckte.

Das Rausziehen ist das Entscheidende. Es muss geschmeidig und schnell gehen. Halte das Portemonnaie aufrecht, damit es sich nicht verhakt – stell dir vor, es gäbe im wichtigsten Moment einen Ruck! Denk auch daran, dass es Beobachter geben könnte. Versuche daher, alle Aufmerksamkeit auf das hübsche Objekt zu lenken. Halte es hoch, präsentiere es ansprechend. Dann lässt du das Portemonnaie verschwinden und ziehst die Hand aus deiner Tasche. Zeig sie den Leuten, diese unschuldige Hand.

Er würde sagen: »Entschuldigen Sie, Ma’am.«

Und sie würde mit einem deutschen oder niederländischen Akzent antworten: »Aber Sie brauchen sich doch nicht zu entschuldigen.« Nur einmal, vor zwei Jahren, hatte eine Österreicherin einfach »Danke« gesagt und ihm die Haarspange aus der Hand genommen. Doch er hatte als Letzter gelacht, denn ihr Portemonnaie hatte fast zweitausend Rand Gewinn gebracht.

Er würde lächeln, sich umdrehen, weggehen, sich noch einmal umblicken und ihr zuwinken. Keine Hektik, Ty. Schlendere davon. Aber bleib wachsam, denn man weiß nie …

Er war jetzt inmitten der Touristen, bei der Frau, jedes Nervenende kribbelte, der Adrenalinspiegel hatte genau die richtige Höhe.

Da sagte ihm sein Instinkt: Lass es sein!

Wenn du ein schlechtes Gefühl hast, geh weiter.

Kaum war er am Geschäft vorbei, sah er die beiden Wachleute, die Blicke auf ihn gerichtet.

Er ging weiter in Richtung Markstraat, wo seine Schwester wohnte.

5

Von der Haustür aus sah Griessel die beiden Kollegen von der Kriminaltechnik, die im Wohnzimmer im hellen Scheinwerferlicht die Spuren sicherten. Hören konnte er sie ebenfalls.

»Ich sage dir, Bismarck ist kein Mensch, sondern eine Maschine«, behauptete Arnold, der kleine Dicke, heftig.

»Jetzt widersprichst du dir selbst«, erwiderte Jimmy, der große Magere. Sie knieten nebeneinander im weitläufigen Wohnzimmer.

»Wie kommst du denn darauf?«

Die beiden waren allgemein als Dick und Doof bekannt, wobei alle Kollegen am Kap den Zeiten nachtrauerten, als statt des dünnen Jimmy eine sommersprossige, schlagfertige, hübsche Rothaarige mit dem dicken Arnold zusammengearbeitet hatte. Sie hatte sich und ihren Kollegen als »Rund und Bunt« bezeichnet, und alle hatten es bedauert, als sie sich eine bessere Stelle gesucht und der unansehnliche, männliche Jimmy ihren Platz eingenommen hatte.

»Bismarck, eine Maschine? Wie kann sich eine Maschine verletzen? Wie dem auch sei, in diesem Jahr gewinnen wir wieder den Cup, denn die Sharks-Maschine wird zuschlagen, wenn es hart auf hart kommt. Genau wie letztes Jahr.«

»Können wir reinkommen?«, rief Griessel.

»Gott sei Dank, die Valke sind da«, sagte Arnold.

»Jetzt fühle ich mich so richtig sicher«, ergänzte Jimmy.

»Habt ihr Schuhschützer an?«, fragte Arnold.

»Seid ihr noch nicht fertig da vorne?«, rief Cupido. »Vielleicht solltet ihr aufhören, Rugby-Scheiß zu reden und ein bisschen Tempo zulegen!«

»Rugby-Scheiß? Was für eine Art Cape Couloured bist du denn?«

»Die Art, die euch in die Whitey-Ärsche tritt, wenn ihr nicht in die Gänge kommt.«

»Wenn du ein Kicker bist: Die Stürmer brauchen dich«, erwiderte Arnold. »Alle fünfzehn Flügelstürmer sind schon wieder verletzt.«

»Du meine Scheiße!«, rief Jimmy. »Kommt rein, wenn ihr eure Schuhschützer anhabt. Ich muss euch mal was sehr Merkwürdiges zeigen!«

Das sehr Merkwürdige war eine Patronenhülse.

»Das ist eine Cor-Bon.45 ACP+P«, erklärte der dünne Jimmy, während er die Patronenhülse mit einer silbernen Pinzette präsentierte.

»Nicht alle Fünfundvierziger können die Plus P abfeuern«, fügte Arnold hinzu.

»Jedenfalls nicht die neueren Modelle.«

»Die Plus P hat einen höheren Gasdruck.«

»Und eine höhere Rotationsgeschwindigkeit.«

»Auf Englisch heißt das Velocity

»Wir können euch den Ausdruck auch erklären, wenn ihr ihn nicht versteht.«

»Ihr seid jetzt also Ballistiker und Sprachwissenschaftler in einem?«, fragte Cupido.

»Das Wissen moderner Kriminaltechniker ist unfassbar groß«, behauptete Jimmy. »Grenzt schon ans Geniale.«

»Im Gegensatz zum gewöhnlichen Valk«, fügte Arnold hinzu.

»Auch als Spatzenhirn bekannt«, sagte Jimmy.

»Fokkof«, sagte Griessel nur. Er wusste, dass er sich Spitzfindigkeiten sparen konnte. Die beiden würden immer das letzte Wort haben.

»Du siehst heute Morgen übrigens arg angegriffen aus, Bennie.«

»Oder eher angreiferisch?«

»Jedenfalls unaufmerksam.«

»Seht ihr das denn nicht?«

»Was denn?«, fragte Cupido.

»Die Gravur.« Jimmy hielt ihm die Hülse noch näher hin.

»Was ist das?«, fragte Griessel.

»Hier, nimm«, sagte Arnold und reichte ihm ein Vergrößerungsglas. Griessel nahm die Lupe und betrachtete damit die Kupferhülse.

»Sieht aus wie eine Schlange. Eine aufgerichtete Cobra.«

»Erstaunlich«, bemerkte Jimmy. »Dass er durch diese roten Augen überhaupt was erkennen kann.«

»Und was steht unter der Cobra?«, fragte Arnold.

»Sind das Buchstaben?« Die Gravur war sehr klein.

»Preiset den Herrn! Die Valke können lesen!«

»Wir können auch schlagen«, sagte Cupido. »Was sind das für Buchstaben?«

»N, Punkt, M, Punkt«, antwortete Arnold.

»Und was soll das heißen? Never mind

»Wie kommst du denn darauf?«

»NM. Never mind. Kennst du die SMS-Abkürzung nicht? Ich dachte, ihr wärt so schlau?«

»Gebildete Leute verwenden keine SMS-Abkürzungen. Großes N, kleines m steht für Newtonmeter. Wenn es zwei kleine Buchstaben wären, hieße es Nanometer. Aber jeweils ohne die Punkte.«

»Und was bedeuten zwei Großbuchstaben mit Punkten?«

»Ich dachte, ihr wärt die Ermittler.«

»Wie bitte, ihr Universalgelehrten wisst das nicht?«, triumphierte Cupido.

»Wir können nicht die ganze Arbeit für euch erledigen.«

»Zumindest nicht jeden Tag.«

»Fokkof«, wiederholte Griessel. »Wir müssen das letzte Zimmer durchsuchen. Seid ihr da fertig?«

»Wir haben noch gar nicht angefangen.«

»Jissis!«, sagte Cupido.

Sie befragten Scarlett January, die Tochter des ermordeten Hotelangestellten Cyril.

Cupido saß neben ihr auf dem ungemütlichen Sofa im modernen Wohnzimmer des Haupthauses. Er hielt ihre Hand und redete leise und mitfühlend auf sie ein. Griessel und Christel de Haan hatten auf den Sesseln Platz genommen.

»Mein herzliches Beileid«, sagte Cupido und fügte fast liebevoll Sustertjie hinzu, Schwesterchen.

Die hübsche, zarte junge Frau nickte unter Tränen.

»Wir belästigen dich nur ungern, aber wir wollen die Kerle schnappen. Sie sollen für das bezahlen, was sie deinem Daddy angetan haben.«

Wieder ein Nicken.

»Schaffst du es, uns ein paar Fragen zu beantworten?«

Sie schniefte, putzte sich die Nase und sagte: »Ja, Uncle.«

»Du bist sehr tapfer, dein Daddy wäre stolz auf dich gewesen. Hast du jeden Tag mit ihm zusammen im Gästehaus gearbeitet?«

»Ja.«

»Immer abends, richtig?«

Sie nickte.

»Hast du den Engländer gesehen?«

»Ja.«

»Was kannst du über ihn sagen?«

»Er war sehr freundlich.«

»Hat er mit dir gesprochen?«

»Ja.«

»Was hat er gesagt?«

»Ich hätte den Tisch schön gedeckt. Und das Essen sei sehr gut.«

»Das war alles?«

»Und noch, dass es hier so schön sei. Auf der Farm. Die Aussicht und so. Das war alles.«

»Danke, das hast du sehr gut gemacht. Und jetzt zu den Bodyguards. Hast du auch mit ihnen gesprochen?«

»Nein, eigentlich nicht.«

»Waren sie nett zu dir?«

»Ja. Aber sie waren sehr schweigsam.«

»Und, gestern Abend, wann bist du da gegangen?«

Bei der Erinnerung an den gestrigen Abend schluchzte Scarlett January mit zuckenden Schultern. Sie brauchte einen Moment, bis sie hervorbrachte: »Ich weiß es nicht mehr genau.«

»Schon gut, schon gut. So ungefähr um neun?«

Sie nickte.

»Und, war alles in Ordnung im Gästehaus?«

Nicken.

»So, wie an allen anderen Abenden?«

»Ja.«

»Die Bodyguards verhielten sich auch nicht anders?«

»Nein, Uncle.«

»Kannst du mir sagen, wie du hinausgekommen bist? Hat dich einer von ihnen begleitet?«

»Ja. Der, der B. J. genannt wurde.«

»Gut. Erzähl mir alles ganz genau.«

»Ich habe B. J. gesagt, dass ich fertig wäre. Da hat er mir die Haustür aufgeschlossen. Er ist rausgegangen und hat nachgeschaut, und dann ist er wieder zurückgekommen und hat gesagt, alles sei in Ordnung. Dann habe ich Daddy gerufen, damit er mir half, den Wagen die Stufen runterzutragen. Dann …«

»Was für einen Wagen?«

»Den Servierwagen mit den Essensresten und dem Geschirr.«

»Ach so. Und dann?«

»Dann sind wir rausgegangen, Daddy hat mir bei den Stufen geholfen, und ich habe den Wagen zum Restaurant zurückgeschoben.«

»Und hinter dir wurde wieder abgeschlossen?«

»Das weiß ich nicht genau.«

»Macht nichts. Und du hast nichts gesehen, als du den Wagen wieder zum Restaurant zurückgeschoben hast?«

»Nein, mir war nur …« Scarlett January fing wieder an zu weinen. Christel de Haan stand auf, brachte ihr ein paar Taschentücher und setzte sich wieder.

Als die junge Frau sich ein wenig beruhigt hatte, sagte sie: »Uncle, ich … ich schäme mich ein bisschen …«

Cupido lehnte sich zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: »Sag’s nur mir, ich erzähle es nicht weiter, versprochen.«

Sie nickte, schnäuzte sich und flüsterte ihm zu: »Daddy hat gesagt, ich wäre mit dem Helm geboren …«

»Aha.«

»Ich habe manchmal den sechsten Sinn.«

»Verstehe.«

»Und als ich da entlangging, hatte ich plötzlich so ein Gefühl.«

»Was für ein Gefühl?«, fragte Cupido fast unhörbar.

»Von etwas Bösem. Etwas Grauenvollem. Da bei der Bougainvillea.«

6

Tyrone erzählte seiner Schwester von ihrem Ergebnis. Er saß auf dem einzigen Sessel in Nadias Einzimmerwohnung – dem mit dem abgebrochenen Bein, den er auf dem Sperrmüll vor einem Haus im Bo-Kaap gefunden hatte. Er hatte ihn geleimt. Nicht sehr fachmännisch, denn er verstand nicht viel von Holzarbeiten, aber der Sessel stand jetzt stabil und war bequem.

»Ich bin wirklich sehr stolz auf dich«, sagte er.

Seine Schwester mit ihren langen schwarzen Haaren und ihrer zarten, fast zerbrechlichen Schönheit saß vor ihrem großen Schreibtisch. Den hatte Tyrone im Second Hand Laden in der Albertstraat in Woodstock gegen ein gestohlenes iPhone eingetauscht.

»Danke, Boetie.«

»Mach dir keine Sorgen, ich kriege das Geld bis zum Ende des Monats schon zusammen«, sagte er und zückte sein Portemonnaie. »Hier ist das Geld für die Miete.«

»Danke, aber mir fehlen nur tausend. Ich habe viel Trinkgeld bekommen.«

»Darüber wollte ich mit dir reden. Trinkgeld hin, Trinkgeld her, du bist hier, um zu lernen.«

»Aber die Arbeit macht mir Spaß!«

»Verstehe ich, aber du musst dich jetzt auf dein Studium konzentrieren.«

»Ich kann nicht den ganzen Tag lernen.«

»Dann geh eben spazieren oder besuche jemanden.«

»Nein, ich arbeite weiter. Wir können am Ende unserer Schicht umsonst essen, dadurch spare ich gutes Geld. Und wo willst du bis Ende des Monats über fünftausend Rand hernehmen?«

»Ich habe einen guten Job in der Rose Street, gleich ein ganzer Wohnblock. Ich gehöre zu den Subunternehmern von Donnie Fish. Wir streichen auch die Innenräume, da können wir auch bei Regen arbeiten. Außerdem boomt im Moment die Wirtschaft am Kap, der Tourismus hat um siebzehn Prozent zugelegt. Ich sage dir, im Dezember habe ich genug, um noch die Studiengebühren für das nächste halbe Jahr bezahlen zu können. Du musst nur lernen, damit du den Numerus clausus schaffst. Ich will nicht, dass du deine Zeit in der Kneipe verplemperst.«

»Ich verplempere meine Zeit nicht«, erwiderte sie und bekam diesen steifen Zug um den Mund, den er von klein auf kannte. »Und ich werde den Numerus clausus schaffen.«

Er wusste, dass er sie nicht überzeugen konnte. »Das will ich hören!«

Die vier Mann Verstärkung trafen ein: Leutnant Vusumuzi Ndabeni, klein, gepflegter Ziegenbart, wache Augen, Leutnant Cedric »Ulinda« Radebe, ein ehemaliger Boxer, dessen Zulu-Spitzname »Rassel« bedeutete, Kaptein »Mooiwillem« Liebenberg – »Mooiwillem« – »schöner Willem« –, weil er der attraktivste unter den Valke und ein berüchtigter Schürzenjäger war –, und Frankie Fillander, ein Veteran mit langer Messerschnitt-Narbe vom Ohr bis zum Haaransatz.

Auf dem Rasen vor dem Gästehaus informierte Griessel sie ausführlich. Er musste sich konzentrieren, weil die Müdigkeit immer schwerer auf ihm lastete. Außerdem schämte er sich zunehmend wegen seines Aussehens und den Blicken, die er deswegen von seinen Kollegen erntete. Er bat Ndabeni und Fillander, die einfühlsameren Offiziere, die Farmarbeiter zu befragen und Radebe und Liebenberg, mit den Bodyguards zu reden.

Dann gingen er und Cupido hinauf auf die Veranda, um nachzusehen, ob die Spurensicherung ihre Arbeit abgeschlossen hatte. Inzwischen wehte wieder ein kalter Wind.

»Globale Erderwärmung?«, fragte Cupido mit einem Blick auf die dunklen Wolken, die von Osten heranzogen. »Mir kommt’s eher so vor, als würden die Winter immer kälter und nasser.«

Griessels Handy dudelte fröhlich in seiner Hosentasche. Er wusste, wer ihn anrief und warum.

Sein Kollege sah ihn forschend an. »Das ist doch ein iPhone, oder?«

»Ja«, sagte Griessel.

»Seit wann hast du das denn?«

»Seit Freitag.«

Cupido sah ihn unverwandt an.

»Alexa hat es mir geschenkt«, erklärte Griessel.

Alexa Barnard. Seine Freundin, die ehemals berühmte Sängerin, die Alkoholikerin auf Entzug. Seit einhunderteinundfünfzig Tagen war sie nüchterin und arbeitete an einem Comeback.

»Das iPhone 5?«

»Keine Ahnung.«

»Du weißt es nicht?« Cupido lachte.

Griessel zog das Handy aus der Tasche und zeigte es ihm.

»Tatsächlich, ein iPhone 5. Kein Android, aber Benna, Mensch, das ist echt der Hammer! Willkommen im einundzwanzigsten Jahrhundert! Das macht dich mit einem Schlag vom Lehrling zum Profi!«

Cupido war in den vergangenen Monaten einer von Griessels Technik-Mentoren gewesen und hatte ihn schon lange bekniet, sich ein Android-Smartphone anzuschaffen. »Ein HTC, Benna, bloß kein Samsung. Die von Samsung, das sind die Illuminati von heute, die sind dabei, die Welt zu übernehmen, mit einem Technikspielzeug nach dem anderen. Traue nie einem Telefonhersteller, der auch Kühlschränke baut, Pappie.«

An der Tür des Gästehauses rief Cupido: »Seid ihr fertig, Jimmy?«

Griessel las rasch die SMS. Hab dich vermisst. Halt die Ohren steif. Freu mich schon auf heute Abend. Habe eine Überraschung für dich. Xxx

Aus dem Haus kam die Antwort: »Ja, so weit. Zieht euch nur wieder Schuhschützer und Handschuhe an.«

Sie gehorchten wortlos und suchten sich vorsichtig einen Weg durch die Diele, das Wohnzimmer und den Flur. Sie fanden Dick und Doof im letzten Zimmer, wo sie gerade ihre Utensilien einpackten.

»Wir haben ein paar ganz schön schräge Dinge gefunden«, sagte Arnold.

»Wir auch«, sagte Cupido. »Euch zwei.«

»Rutsch mir den Buckel runter«, brummte Jimmy.

»Lass es einfach von dir abperlen«, riet Arnold. »Erstens haben wir an der Haustür feine Blutspritzer gefunden, die nicht zum Fundort der Leichen passen.«

»Drinnen oder draußen?«, fragte Griessel.

»An der Außenseite der Tür.«

»Die Tür stand offen, als ich hier angekommen bin. Das Blut könnte von innen gekommen sein.«

»Haben wir uns auch überlegt«, antwortete Jimmy, »aber es passt trotzdem nicht.«

»Zweitens«, fuhr Arnold fort, »haben wir eine weitere Patronenhülse in der Diele gefunden. In den Stängeln der Callas. Dasselbe Kaliber, dieselbe Cobragravur.«

»Derselbe Schütze. Beide Leichen gehen auf sein Konto«, ergänzte Jimmy.

»Drittens: Die Kleidung des Vermissten ist neu«, fuhr Arnold fort. »Und zwar nagelneu. Und zwar komplett, bis hin zu den Unterhosen.«

»Auch die Reisetasche«, sagte Jimmy. »Quasi unbenutzt.«

»Genau wie der Pass.«

»Wo ist der Pass?«, fragte Griessel.

»Oberste Schublade, rechts, in einem Lederetui, todschick, neu«, antwortete Arnold.

Griessel stieg vorsichtig über den welligen Teppich und das Bettzeug auf dem Boden und öffnete die Nachttischschublade. Dort lag das exklusive schwarze Lederetui. Er nahm es heraus und öffnete den Reißverschluss. Das Etui enthielt Boardingpässe der Air France und der SAL, die besagten, dass Paul Anthony letzten Donnerstag um 23:20 Uhr mit Flug AF0990 vom Charles-de-Gaulle-Flughafen in Paris nach Johannesburg und am Freitag mit Flug SA337 von Johannesburg nach Kapstadt geflogen war, jeweils Businessclass.

In einem Seitenfach des Etuis steckte der Pass. Griessel zog ihn heraus. Der rote Einband mit den goldenen Lettern und dem Landeswappen war glatt, ohne Knicke oder Schrammen.

Griessel schlug das Dokument auf und blätterte bis zur Seite mit dem Foto. Dieses zeigte einen Mann über Fünfzig mit einem langen, gleichmäßigen Gesicht und nicht dem Hauch eines Lächelns. Das dunkle, an den Schläfen ergrauende Haar trug er bis über die Ohren, aber gut geschnitten. Er blickte ein wenig von oben in die Kamera.

Rechts neben dem Foto stand das Geburtsdatum – 11. September 1956 – sowie das Ausstellungsdatum des Passes. Es lag knapp eine Woche zurück.

Cupido stellte sich neben Griessel, während dieser die Einreisestempel suchte. Es waren nur zwei: Frankreich, letzten Donnerstag und Südafrika, am Freitag.

»Taufrisch«, bemerkte Cupido.

»Das haben wir euch eben zu erklären versucht«, sagte Jimmy übertrieben geduldig.

»Habt ihr ein Portemonnaie gefunden?«, fragte Griessel.

»Nein«, sagte Arnold. »Wenn er eines besitzt, trägt er es bei sich, oder es liegt noch irgendwo im Haus.«

»Sonst noch etwas?«

Jimmy holte ein Plastiktütchen aus seinem Koffer. »Ein Kabelbinder«, sagte er und hielt das Tütchen hoch. »Er lag hier, halb unter dem Bett.«

Griessel nahm die Tüte und betrachtete den Inhalt genauer. Ein weißer Plastikkabelbinder. Er war zugezogen und dann durchgeschnitten worden.

»Nur der eine?«

»Ja.«

Griessel wartete, bis der Fotograf Aufnahmen von dem Pass gemacht hatte, von außen sowie von den Innenseiten. Dann bat er Cupido, den Fotografen ins Labor zu begleiten, auf die Fingerabdrücke zu warten und diese ins britische Konsulat zu bringen. »Diplomatisch, Vaughn, bitte!«

»Aber du kennst mich doch!«

»Und ruf vorher die Giraffe an, ob er die Räder schon geölt hat.«

»Mach ich, Benna.«

Griessel wäre lieber selbst gefahren, um in Ruhe nachdenken zu können. Über den Fall. Und über seine Verfehlungen. Und weil Cupido der undiplomatischste unter den Valke war. Doch als JOC-Leiter musste er vorerst am Tatort bleiben.

Im Laufschritt eilte er durch den Nieselregen zur Garage, wo Radebe und Liebenberg die beiden Mitarbeiter von Body Armour befragten.

Die vier Männer bildeten einen engen Kreis, den sie öffneten, um Griessel darin aufzunehmen. Liebenberg stellte ihn den beiden durchtrainierten Bodyguards Stiaan Conradie und Allistair Barnes vor. Sie hatten die gleichen kurzen Haare, breiten Schultern, schwarzen Anzüge und weißen Hemden wie die Opfer. Ihre Gesichter waren angespannt.

»Mein Beileid«, sagte Griessel.

Sie nickten.

Es trat eine peinliche Stille ein, die Kaptein Willem Liebenberg durchbrach, indem er auf sein Protokoll deutete und erklärte: »Meneer Conradie und Meneer Barnes haben jeden Morgen um sieben Uhr dreißig die Kollegen von der Nachtschicht abgelöst und für die nächsten zwölf Stunden bis neunzehn Uhr dreißig die Tagschicht übernommen. Die Ablösung erfolgte durch einen Handyanruf mit den Codewörtern ›grün‹ und ›rot‹ für ›sicher‹ oder ›nicht sicher‹. Dann wurde die Tür von innen auf- und wieder zugeschlossen. Die Herren haben ausgesagt, der Brite … Morris … sei freundlich, aber nicht sehr gesprächig gewesen.«

»Wobei Sie wissen müssen, dass wir auch von unserer Seite keine Gespräche anfangen«, bemerkte Barnes mit leichtem englischen Akzent.

»Das lenkt nur von der Arbeit ab«, fügte Conradie hinzu.

»Sie wissen daher nur wenig von dem Entführten«, fuhr Liebenberg fort. »Zwischen einem Meter achtzig und einem Meter neunzig groß, um die neunzig Kilo, schwarzes Haar, braune Augen. Er sprach mit deutlichem britischen Akzent. Jeden Morgen nach dem Frühstück und jeden Nachmittag nach sechzehn Uhr unternahm er für ungefähr vierzig Minuten einen bewachten Spaziergang hier auf dem Farmgelände und jeden …«

»Hatte er darum gebeten? Um die Spaziergänge?«, fragte Griessel.

Conradie antwortete: »Wir bieten den Klienten ein Portefeuille von Freizeitbeschäftigungen. Er hat sich für die Spaziergänge entschieden.«

Ein Portefeuille von Freizeitbeschäftigungen. Cupido hätte sich garantiert darüber aufgeregt: ein ehemaliger Kollege und redet so hochgestochen daher!

»Können Sie dabei die Sicherheit der Klienten garantieren?«, fragte Griessel.

»Kommt darauf an«, antwortete Barnes. »Wenn die Klienten uns die Art der Bedrohung erklären, durchaus. Was Meneer Morris jedoch nicht getan hat.«

Radebe schüttelte den Kopf. »Haben Sie ihn denn nicht danach gefragt?«

»Das übernimmt Mejuffrou Louw. Sie ist für die Hintergrundrecherchen zuständig und sagte, der Klient habe es vorgezogen, uns keine Informationen zu übermitteln. Unsere Aufgabe ist es, dem Klienten seine Optionen aufzuzeigen und uns seinen Wünschen anzupassen.

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