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Clown Under

INHALT

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Motto
  7. Hinweis
  8. Kapitel 1 – Was für ein Zirkus
  9. Kapitel 2 – Vom Nichtschwimmer zum Seepferdchen
  10. Kapitel 3 – Und täglich grüßt der Wahnsinn
  11. Kapitel 4 – In der Ruhe liegt die pfiffige Idee
  12. Kapitel 5 – Er kam, sah und dekorierte
  13. Kapitel 6 – Ein Königreich für Mrs. Claus
  14. Kapitel 7 – Jedem Magier wohnt ein Zauber inne
  15. Kapitel 8 – Als der Weihnachtsmann ins Schwitzen kam
  16. Kapitel 9 – Ein Ort der Geheimnisse
  17. Kapitel 10 – History, His Story
  18. Kapitel 11 – Ein Indianer kennt einen Scherz
  19. Kapitel 12 – Vom Seepferdchen zum Wellenreiter
  20. Kapitel 13 – Trifft eine Hundeschnauze einen Kameramann
  21. Kapitel 14 – So traurig, man glaubt es clown
  22. Epilog
  23. Danksagung
  24. Anmerkung
  25. Tafelteil

Über dieses Buch

Die Schule ist geschafft – und dann? Jedes Jahr stellen sich hunderttausende Schüler und Eltern diese Frage – auch Andreas Schaible. Mit dem Abi in der Tasche möchte er für ein Jahr nach Australien. Doch reisen ist teuer, und so beginnt sein Auslandsaufenthalt mit einem Job: sechs Monate als Aushilfe im größten Zirkus des Kontinents. Andreas ist beeindruckt von der glitzernden Showwelt, doch schnell lernt er die unglamourösen Seiten kennen: strenge Hierarchien, der raue Umgangston und kräftezehrende Arbeit in glühender Hitze setzen ihm schwer zu. Doch er beißt sich durch, wird zum Teil der Zirkusgemeinschaft – und steht schließlich als Clown Augusto sogar selbst in der Manege.

ANDREAS SCHAIBLE

CLOWN
UNDER

Mein Jahr Work and Travel in Australien

Für Mama.
Du bleibst für immer in meinem Herzen.

Tu, was du immer tun wolltest!
Es ist nie zu früh dafür und selten zu spät.

Auf den folgenden Seiten ermöglichen es zahlreiche QR-Codes, das Erzählte mithilfe von Bildern und Videos nachzuerleben. Einfach mit Handy oder Tablet und passender App den QR-Code einscannen, und los geht’s!

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KAPITEL 1

WAS FÜR EIN ZIRKUS

Um mich herum war es dunkel, und das Herz schlug mir bis zum Hals. Ich kroch vorwärts, die Hand tastend nach oben ausgestreckt, um die Falltür im Manegenboden zu finden. Über mir hörte ich ein dumpfes Dröhnen – das waren die Schritte des Zauberers und seiner Assistentinnen. Geheimnisvolle Musik drang in meine Ohren, und ich ging den Ablauf im Geist noch einmal durch. Ich hatte nur wenig Zeit gehabt, mich darauf vorzubereiten, die beiden zauberhaften Assistentinnen im richtigen Moment verschwinden zu lassen.

Jetzt war der Augenblick gekommen.

Knapp achthundert erwartungsvolle Augenpaare waren auf die Bühne gerichtet. Die nächsten Sekunden würden über meine Zukunft im Zirkus entscheiden, darüber, ob ich hier arbeiten konnte in den nächsten Monaten oder ob ich gezwungen sein würde, mir etwas anderes zu suchen. Tausende Kilometer von meinem Zuhause entfernt, auf der anderen Seite der Welt, weit weg von allen, die ich kannte und liebte. Mein großer Traum, er war zum Greifen nah. Aber nur ein falscher Handgriff, und der Trick würde missglücken – und ich wäre erledigt.

Ich fand den kühlen eisernen Griff der Falltür und krallte meine Finger darum. Das Blut in meinen Ohren rauschte, und die Nervosität nahm noch einmal zu. Tief durchatmen! Ich versuchte, durch den kleinen Spalt zwischen Tür und Manege einen Blick auf das zu erhaschen, was sich auf der Bühne über mir abspielte. Doch irgendetwas verdeckte meine Sicht. Verflucht! Jetzt musste ich mich ausschließlich an der Akustik orientieren.

Das unregelmäßige Knarzen über mir lenkte mich immer wieder ab. Unruhig zupfte ich am Ärmel meines Shirts, als die Musik dramatischer wurde. Nur noch ein paar Augenblicke. Ich zählte die Sekunden. Ich wusste von den Proben, dass der Magier gleich den Umhang über seine Assistentin legen würde.

Einundzwanzig …

Zweiundzwanzig …

Dreiundzwanzig …

Mein Einsatz! Jetzt durfte nichts schiefgehen.

Mit einer schnellen, aber leisen Bewegung riss ich die Falltür auf. Zwei schlanke Füße wurden mir entgegengestreckt. Beherzt griff ich zu und zerrte Emma, die Assistentin des Zauberers, durch die schmale Luke. Ich spürte, wie sie sich schmerzerfüllt verkrampfte, als ihr Ellenbogen am hölzernen Rand der Öffnung im Manegenboden entlangschabte. Egal! Wir hatten keine Zeit für Empfindlichkeiten.

Als Emmas Füße den Boden berührten, hatte ich die Luke bereits wieder lautlos geschlossen. Die erste Assistentin war von der Bühne verschwunden, doch nun wartete der schwierigere Teil meines Einsatzes. Auf allen vieren krabbelte ich hastig über den kühlen Boden zum hinteren Teil der Bühne, wo sich die Falltür für Cassandra, die zweite Assistentin, befand. Es war stockdunkel, ich musste die Luke in der Hektik nahezu blind finden. Aber ich hatte den Weg nun schon ein paar Mal zurückgelegt und wusste, es waren genau sechzehn Schritte.

Ich langte nach oben, nach dem Scharnier für die Klappe. Doch da war …

Nichts.

Hatte ich erst fünfzehn Schritte gemacht? Hatte ich mich verzählt?

Panisch tastete ich die niedrige Decke über mir ab, bekam jedoch den Metallgriff nicht zu fassen. Die Musik dröhnte in meinen Ohren, der tiefe Bass ließ meinen Brustkorb vibrieren. Meine Bewegungen wurden fahriger, meine Knie fühlten sich an wie Wackelpudding.

Wo war die verfluchte Öffnung?

Ich ermahnte mich, einen kühlen Kopf zu bewahren, doch grausame Bilder drängten sich in meine Gedanken: die ungläubigen Blicke der Zuschauer, die enttäuschten Gesichter der Kinder, die zornerfüllte Grimasse des Magiers, der dem Spott der achthundert zahlenden Gäste ausgeliefert war.

Meine Finger flogen über das raue Holz, während mein Magen vor Aufregung einen Purzelbaum machte. Mir war so schlecht. Ich schmeckte Säure in meinem Mund, doch dann stieß meine Hand plötzlich gegen etwas Kühles, Glattes.

Das Scharnier!

In Windeseile schob ich den Riegel zur Seite, öffnete die Tür und ließ mit einem schnellen Griff die Sitzklappe des Stuhls nach unten schwingen, auf dem Cassandra saß. Das Adrenalin schoss durch meine Adern und verlieh mir zusätzliche Kraft. In einer einzigen fließenden Bewegung konnte ich die junge Frau durch die geöffnete Sitzfläche des Stuhls und die Luke ziehen. Ihre hektischen Bewegungen zeigten mir, dass ich zu viel Zeit vergeudet hatte.

Schnell drückte ich die Sitzfläche wieder nach oben, bis sie einrastete, dabei verschob ich aus Versehen ein wenig den Stuhl. Ob die Zuschauer bemerken würden, dass er in einer anderen Position stand als noch vor ein paar Sekunden? Sei’s drum. Ich musste meinen Arm so schnell wie möglich unter dem Boden der Manege verstecken, um nicht gesehen zu werden. Hastig schloss ich die Luke. Im gleichen Moment enthüllte der Magier den leeren Stuhl.

Durchatmen. Ich hatte es geschafft. Ich sackte in mich zusammen, denn in dieser Sekunde fiel die gesamte Aufregung von mir ab. Für einen Moment blendete ich mein Umfeld komplett aus und atmete tief durch. Erleichterung machte sich in mir breit in Form einer angenehmen Wärme, die sich langsam ihren Weg durch meinen Körper bahnte.

Unsanft wurde ich in die Realität zurückgeholt. Cassandra zischte: »Du musst schneller sein!« Dann wandte sie sich, ohne auf eine Reaktion von mir zu warten, wütend ab und ließ mich mit klopfendem Herzen zurück.

Ist das Zirkusleben zu hart, bist du zu weich. Frei nach diesem Motto war ich gewillt, hart zu werden. Wenigstens ein bisschen.

Darf ich vorstellen? Andreas Schaible, neunzehn Jahre und von Natur aus butterweich.

Genau das hatte ich nach meinem Abitur ändern wollen. Ich hatte weggewollt von meinem Füllfederhalter mit der königsblauen Tinte, weg von meiner kuschligen Fußballbettwäsche, in der ich Nacht für Nacht friedlich geschlummert hatte, und rein ins Leben. Die Abenteuer fernab meines immer gleichen, sicheren Alltags entdecken, einfach den Rucksack aufziehen, die Kamera schnappen und kurzerhand das Nest verlassen. Trotz leerem Portemonnaie leichtfüßig in den Flieger springen und mit offenen Armen von der Welt empfangen werden, in der Hoffnung, dass mir die Münzen für die kommenden Monate wie von Zauberhand in die Tasche kullerten.

Oft hatte ich an bitterkalten Winterabenden vor dem Kamin gesessen und mir die Reise so vorgestellt. In meinen realistischen Momenten war mir dabei schnell klar geworden, dass das so nicht funktionieren würde – fast hatte ich hören können, wie die Realität mich auslachte, wenn meine naiv-abenteuerlustigen Vorstellungen erblühten.

Also hatte ein besserer Plan hergemusst. Einige Monate vor meiner Reise lag ich in meinem Bett und wälzte mich unruhig hin und her. Die Gedanken an mein geplantes Abenteuer ließen mich nicht einschlafen, und so knipste ich schließlich meine Lampe an und setzte mich auf. Ich wollte den ganzen australischen Kontinent kennenlernen, aber ich musste vorher etwas Geld verdienen, um die Reise und meinen Lebensunterhalt Down Under zu finanzieren. Klar, es gab unendliche Möglichkeiten in Australien, um an das nötige Kleingeld zu kommen, schließlich pilgerten Tausende von jungen Leuten jedes Jahr dorthin, um zu arbeiten und zu reisen. Aber worauf hatte ich Lust? Nicht auf Schafehüten, das war klar. Das letzte Jahr hatte ich nur mit Abiturvorbereitungen zugebracht, mir stand wirklich der Sinn nach etwas Neuem, Verrücktem, Abenteuerlichem.

Ach, mir wird schon noch was Pfiffiges einfallen, redete ich mir ein, doch dafür brauchte ich erst mal eine ordentliche Mütze Schlaf. Ich zog eine Zeitschrift aus meinem Nachtkästchen. In alten Berichten stöbern, bis mir irgendwann die Augen zufielen, hatte bislang noch jedes Mal geklappt. So schlug ich das alte Heft auf, überblätterte die Werbeanzeigen von Apfelringen und Shampoo, bis mein Blick an einer Filmankündigung hängen blieb: Wasser für die Elefanten. War das nicht der Film über diesen Jungen, der plötzlich beim Zirkus landete? Das Leben ist die spektakulärste Show der Welt!, stand da außerdem. Das klang verlockend. Eigentlich hatte ich mir den Film schon letztes Jahr anschauen wollen. Im Kino würde er jetzt sicherlich nicht mehr laufen. Egal, das werde ich irgendwann noch nachholen, dachte ich und blätterte lustlos eine Seite weiter … und in diesem Moment hatte ich einen Geistesblitz. Warum nicht mit einem Zirkus durch Australien ziehen? Ja, genau! Das war die Idee. Arbeiten und Reisen! Im Wohnwagen über den Kontinent fahren. Als Nomade eine fremde Kultur kennenlernen.

Australien. Ein riesiges Land voller Überraschungen. Strahlend blaues Wasser, trockene Wüsten aus roter Erde, Krokodile, tosende Wasserfälle, einsame Strände mit dem weißesten Sand des Planeten, Schlangen, giftige Spinnen, Korallenriffe und jede Menge Sonne. Ein Land der Gegensätze. Auf der einen Seite die einsame Weite des kargen Outbacks, auf der anderen der tropische Dschungel. Ein Streifzug mit dem Zirkus durch eines der vielfältigsten Länder der Erde. Eigentlich nur eine Träumerei, doch die Idee hatte sich bereits in meinem Kopf verwurzelt und fing bald an, ihre fantastischen Triebe in meine Gedanken wachsen zu lassen.

Doch abgesehen von meinen begeisterten Besuchen als Kind hatte ich vom Zirkus nicht viel Ahnung – und erst recht keine Erfahrung als Artist. Nur eine knallrote Nase, die ich zu einem Kindergeburtstag bekommen hatte, konnte ich vorweisen. Klar, damals war ich Feuer und Flamme gewesen und hatte unbedingt beim Zirkus arbeiten wollen; es war mein Kindheitstraum gewesen, seitdem ich das erste Mal eine Vorstellung besucht hatte, so wie andere Feuerwehrmann oder Astronaut werden wollten. Aber ganz im Ernst: Wie viele der Kinder mit diesen Träumen wurden am Ende wirklich Hochseilartisten, Lokomotivführer und Tiefseetaucher?

Dennoch wollte ich mein Glück versuchen – auch deshalb, weil sich schräge Ideen manchmal als goldrichtig erweisen, wenn man nur den Mut hat, sie in die Tat umzusetzen. Der Weg bis in die Manege würde lang und steinig werden, das war mir damals schon klar. Aber ich war bereit, an meine Grenzen zu gehen. Und darüber hinaus.

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KAPITEL 2

VOM NICHTSCHWIMMER ZUM SEEPFERDCHEN

Als ich an einem Morgen im September mit meinem großen Rucksack am Bahnhof von Narre Warren ankam, spürte ich ein Kribbeln in mir. Es war kaum ein Mensch auf den Straßen, und irgendwie fühlte ich mich verloren. Während ich den dunklen Asphalt entlangging und einen kleinen zerknitterten Notizzettel aus der Tasche meiner Shorts zog, rann mir eine kugelrunde Schweißperle von der Stirn. Die australische Sonne war auch zu dieser frühen Uhrzeit bereits unerträglich heiß und zeigte sich freigiebig am blauen, wolkenlosen Himmel. Trotz des unleserlichen Gekritzels auf dem Papier – leider meine eigene Handschrift – konnte ich die Adresse entziffern: Silvers Grand Magic Circus, Princes Highway, Narre Warren, Victoria.

In Narre Warren war ich schon mal angekommen. Vor einer Woche hatte der Zirkus Silvers dort seine Zelte aufgeschlagen – einer der größten der Branche mit über vierzig Jahren Erfahrung im Geschäft, der sich auch international einen Namen gemacht hat und zu den zehn besten Zirkussen der Welt zählt.

Ratlos streifte mein Blick umher. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wo in Narre Warren ich war und wie ich den Zirkus finden konnte. Es gab immerhin nur zwei Richtungen, in denen ich mein Glück versuchen konnte. Ich drehte den Kopf nach rechts. Der Weg führte an kleinen Häusern vorbei und einen Hügel hinauf. Was dahinter lag, konnte ich leider nicht entdecken. Auf der anderen Seite bog der Weg in eine Kurve ein. Auch hier konnte ich nur raten, was als Nächstes kam.

Nachdem ich innerlich eine Münze geworfen hatte, lief ich nach links los. Der Gehweg führte an einem Grünstreifen entlang, der diesen Namen jedoch nicht verdient hatte. Die dürren, braunen Grashalme hingen leblos herab und konnten einem geradezu leidtun.

Während ich die Straße entlangspazierte, dachte ich an meine erste Mail, die ich an die Sekretärin des Zirkus geschrieben hatte. Ich musste schmunzeln, denn sinngemäß hatte darin gestanden: »Ich bin neunzehn Jahre alt, habe keine Erfahrung im Showbusiness und stand noch nie in der Manege. Dennoch habe ich große Lust auf Zirkus!«

Eigentlich hatte ich mir keine Illusionen gemacht, damit wirklich zu überzeugen. Doch es war einen Versuch wert gewesen – und ich hatte mir geschworen, selbst bei einer Absage nicht einfach aufzugeben. »Tut mir leid, aber ich kann Ihr Nein nicht akzeptieren und werde demnächst einen Job bei Ihnen antreten. Bei Ihrer nächsten Ablehnung wünsche ich Ihnen mehr Erfolg«, hatte ich mir schon als mögliche Antwort zurechtgelegt.

Aber so weit war es zum Glück nicht gekommen, denn die Sekretärin hatte mich zu meiner größten Überraschung mit einer knappen Mail eingeladen, einfach mal vorbeizukommen. Also hatte ich einen Flug nach Australien gebucht und ein einjähriges Visum beantragt, meinen Pass verlängert und meinen Rucksack gepackt und war vor drei Wochen auf den Kontinent gekommen. Seitdem war ich mit meinem Kumpel Michael herumgereist, der sich jedoch mittlerweile wieder auf den Weg zurück nach Deutschland gemacht hatte. Mit einem Mietauto waren wir an der Südküste entlanggefahren, hatten in Hostels übernachtet und mit anderen Backpackern unsere Zeit verbracht. Wir waren in Sydney über die Harbour Bridge spaziert und hatten das berühmte Opera House besucht. Ohne die leiseste Ahnung von Football zu haben, hatten wir während des großen Saisonfinales inmitten von heißblütigen Fans im Pub gesessen. Dort hatten wir das Match mitverfolgt, mitgelitten und schließlich ausgelassen mit dem Gewinnerteam gejubelt. Ich hatte den Urlaub wahrlich genossen.

Doch damit war jetzt Schluss. Im Zirkus wartete Arbeit auf mich. Welche ehrenvolle Aufgabe man für mich vorgesehen hatte, hatte mir die Sekretärin allerdings nicht verraten. Sie war generell sehr sparsam mit Worten gewesen, zumindest mir gegenüber. Vielleicht hatte sie kurz vor dem Wochenende einfach keine Lust gehabt, mir ausführlich zu antworten. Oder sie hielt es grundsätzlich nicht für nötig, einem dahergelaufenen Jüngling eine ordentliche Nachricht zu schreiben. Ich hatte mich auf jeden Fall auf eine Fahrt ins Ungewisse begeben – dabei mochte ich eigentlich keine Überraschungen. Was würde man im Zirkus von mir erwarten? Gab es für jemanden wie mich überhaupt eine Verwendung dort?

Während ich versuchte, mir ein paar zufriedenstellende Antworten zusammenzubasteln, schimmerte es plötzlich bunt zwischen den Bäumen, auf die ich zulief. Ich sah genauer hin, und dann erkannte ich es: das große Zirkuszelt. Die weiß-gelben Streifen leuchteten in der Sonne, der Wind ließ die großen australischen Flaggen auf der Spitze der Zelte wehen. Ich hielt inne, um den Moment zu genießen. Eine leichte Brise kam auf, und ich spürte die sanfte, angenehme Kühle auf meiner Haut. Noch ein paar kleine Schritte für mich, aber ein großer Schritt in meinem Australienabenteuer … vielleicht.

Ich lief schneller und spürte, wie die Nervosität in mir mit jedem Schritt zunahm. Auf das große Eingangstor vor dem Zirkus war ein knallbunter Clown aufgemalt, der die Besucher mit einem breiten Grinsen begrüßte. Auf mich wirkte er im ersten Moment jedoch eher bedrohlich – möglicherweise hatte ich einfach ein paar Mal zu oft Es von Stephen King gelesen, in dem der irre Clown Pennywise auf blutige Jagd geht. Oder lag es an der merkwürdigen Angst, von der ich neulich gehört hatte? Coulrophobie, die krankhafte Angst vor Clowns. Auch irgendwie seltsam.

Ich schluckte meine Beklemmung runter, und unter dem süffisant lächelnden Blick des Clowns passierte ich den Eingang.

Zögernd trat ich an das Kassenhäuschen und stellte mich der korpulenten Dame vor, die aus dem höher gelegenen Schalter auf mich herabblickte. Es war Margarete, die Sekretärin, die mir geschrieben hatte. Irgendwie war sie gar nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Ihr schwarzes Haar umrahmte das rundliche Gesicht wie ein Helm, und obwohl ich selbst nicht viel davon verstehe, schien die Frisur für sie recht unvorteilhaft. Trotz meiner Charmeoffensive blaffte sie mit unverwechselbarem australischen Akzent ein paar schwer verständliche Worte in meine Richtung und antwortete einsilbig auf meine Fragen. Dann nahm sie den Telefonhörer ab, und ich entnahm dem folgenden Gespräch lediglich ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Wortfetzen, die mir allerdings gar nichts sagten.

Während ihres Telefonats wanderte mein Blick zu einem Wohnwagen in der Nähe. Ich starrte neugierig auf den silbernen Handgriff der Tür, als würde sie sich dadurch wie von Geisterhand öffnen. Wer wohl darin wohnte? Ein Artist? Ein Zauberer? Oder etwa der Zirkusdirektor?

Ich wandte den Kopf noch weiter herum. Ein abgerissen aussehender Mittdreißiger mit Dreitagebart, dessen zerzauste Haare unter seiner ausgebleichten Baseballmütze hervorquollen, schlurfte auf mich zu. Nachdem er sich kurz mit Margarete besprochen hatte, stellte er sich als Dean vor und begrüßte mich mit Handschlag: »G’day, mate! Howzit goin? Welcome to Straya.«

»Straya« ist die Kurzform von Australien, während man einen Freund hier oft als »mate« anspricht. Meine Recherchen über das australische Englisch hatten sich jetzt schon gelohnt.

»Und natürlich willkommen im Zirkus, mate. Lauf mir einfach hinterher, mate, ich zeig dir alles! No worries!«

Eine übel riechende Bierfahne zog in meine Nase. Warum in aller Welt wollte Dean so übereifrig klarstellen, dass ich sein »mate« war? Er führte mich an dem großen Zelt und ein paar luxuriösen Wohnwagen vorbei, während er unentwegt plapperte und ich freundlich und wissend nickte. Eigentlich verstand ich kaum ein Wort. Vermutlich lag es daran, dass ich mit meinem spröden Schulenglisch hier in Australien sowieso nicht viel anfangen konnte, oder aber an seinem ausgeprägten Nuscheln, das dazu führte, dass jedes Wort die letzten paar Buchstaben einbüßte. Die dritte Option war, dass sein Alkoholpegel eine Rolle bei seiner undeutlichen Aussprache spielte.

Während er mich durch das Zirkusdorf führte, wählte er einzelne Wohnwagen aus, an denen wir vorbeikamen, und klopfte ungeduldig an die Türen. Sobald sich ein Gesicht im Türausschnitt zeigte, quasselte er drauflos und stellte mich den Leuten vor: »Ay! That’s Andy. Er ist erst seit ein paar Wochen hier in Straya. Richtig, mate?« Er blickte mich kurz an, ich nickte und sah höflich wieder zum jeweiligen Gesprächspartner. Aber das hätte ich mir sparen können. Mehr als ein kurzes »Hi« ließen sich die wenigsten entlocken, und bevor es zu einem ernsthaften Dialog hätte kommen können, waren die meisten Türen schon wieder verschlossen.

Sicherlich sind sie gerade dabei, sich auf die anstehende Aufführung vorzubereiten, redete ich mir ein. Es gab vor einer Show bestimmt so einiges zu tun, sonst hätten sie mich herzlicher empfangen. Ganz bestimmt war es so.

Ich sah mich in meiner These bestätigt, als am nächsten Wohnwagen tatsächlich eine blond gelockte Dame mit kleinem Spiegel und Lippenstift in der Hand die Tür öffnete. Glitzernde Steine schmückten ihr hübsches Gesicht, und sie trug auffällig viel Make-up. Wie konnte es anders sein? Natürlich fand die Vorbereitung der Damen vor allem mit dem Schminkstift statt. Ich verlor mich in Gedanken, nickte ihr aber mit leerem Blick und einem breiten Grinsen zu. Wahrscheinlich hielt sie mich für völlig irre.

Als Dean kurz darauf wieder vor einem Wohnwagen stehen blieb, zog er einen glänzenden Schlüssel aus seiner verschlissenen Jeans und schloss die Tür auf. Ich warf einen Blick ins Innere und sah einen einfachen, aber gemütlichen Raum mit Bett, kleinem Kühlschrank und Waschbecken. Die Matratze war nicht bezogen, die kahlen hölzernen Wände ließen den Wohnwagen unbewohnt wirken. Ich sah Dean fragend an, und er sagte: »Hier wirst du wohnen.«

Völlig perplex stand ich da, ehe ich einen Schritt nach innen wagte, wo mich ein Geruch empfing, der mich an einen muffigen Kleiderschrank erinnerte. Als ich mit der Hand prüfend über das Waschbecken fuhr, spürte ich, wie sich der Dreck an meinen Fingerspitzen ansammelte. Ich lief ein paar Meter vor, ließ mich rücklings auf die Matratze fallen und bekam gerade noch rechtzeitig mit, wie eine große Staubwolke um mich aufwirbelte. Mit zusammengekniffenen Augen blickte ich durch das großzügige Fenster auf einen Baum, in dessen Krone der Wind mit den Blättern spielte.

Ich war zufrieden. Mit ein bisschen Einsatz und einer Menge Putzmittel würde ich dieses rustikale Zimmer auf Rädern wieder bewohnbar machen und mir eine gemütliche Bleibe zaubern.

Daher richtete ich mich wieder auf und wäre Dean am liebsten um den Hals gefallen – doch seine Alkoholfahne hätte mich vermutlich umgehauen, wäre ich ihm zu nahe gekommen. Daher bedankte ich mich mit einem freundlichen, aber distanzierten Händedruck bei ihm.

In mir breitete sich eine tiefe Zufriedenheit aus. Ich war nun ein Teil dieses Zirkus. Ich hatte ein neues Zuhause und war endlich angekommen. Besser noch: Ich hatte einen Wohnwagen für mich allein! Ich fand, dass sich das Abenteuer Australien ganz schön gut entwickelte.

Dean verabschiedete sich und meinte, ich solle mich erst mal ein wenig akklimatisieren und in einer halben Stunde zur Mittagsvorführung kommen. Er schloss die Tür hinter sich, und im gleichen Moment ließ ich mich wieder aufs Bett fallen. Ich versuchte, meine Gedanken zu sortieren.

Seit ich ein kleiner Junge war, wünschte ich mir: »Einmal in einem Zirkus arbeiten!« So hatte ich meinen großen Traum immer formuliert, aber nie einen Gedanken daran verschwendet, was ich mir tatsächlich darunter vorzustellen hatte. Was wollte ich arbeiten? Was konnte ich arbeiten? Was durfte ich überhaupt arbeiten? Im Grunde war es mir völlig egal, ich war für alles offen. Mein Ziel hatte ich schließlich erreicht, und das zählte. Vorerst.

Mein Magen grummelte. Da die erste Anspannung von mir abgefallen war, bemerkte ich nun meinen Hunger. Gewaltigen Hunger, denn ich hatte seit dem Vorabend nichts mehr gegessen. In meinem Rucksack vermutete ich noch ein wenig Proviant vom Vortag. Also kramte ich in den unergründlichen Tiefen meines Backpacks auf der Suche nach etwas Essbarem. Mühsam quetschte ich die Hand an meinem Reiseführer und der Kamera vorbei. Mit tastenden Fingern entdeckte ich zuerst ein Paar Socken, dann meine Jogginghose, bis ich schließlich fündig wurde. Ich zog den Arm zurück aus der dunklen Höhle und hielt feierlich meinen letzten Apfel in der Hand. Ein wahrer Schatz! Mit zwei hässlichen Druckstellen sah er nicht gerade appetitlich aus, doch das störte mich nicht.

Mit großen Bissen verschlang ich das bescheidene Mahl. Mein knurrender Magen ließ keinen Zweifel offen, dass das nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen war, und ich opferte schweren Herzens meinen Powermüsliriegel, den ich eigentlich für Notlagen hatte aufheben wollen. Aber Notlagen sind immer Definitionssache, redete ich mir ein. Jetzt war es an der Zeit für geballte Energie! Während ich also genüsslich auf der gepressten Kraftreserve herumkaute, wanderten meine Gedanken auf die andere Seite der Welt zu deutschen Leckereien. Kartoffelknödel, Rinderbraten, Käsespätzle – wie sehr ich das alles in diesem Moment vermisste …

Aber halt! Ich blickte mich im Wohnwagen um. Mir fiel auf, dass hier etwas ganz Entscheidendes fehlte: Ich hatte keine Kochnische, keine Herdplatte, keine Töpfe und kein Geschirr. Gab es eine geheime Tür, die ich bislang nicht entdeckt hatte? Oder würde ich tatsächlich in einem Wohnwagen ohne Küche hausen müssen? Unruhig rutschte ich auf meiner Matratze hin und her, ehe mich mein quengelnder Magen dazu aufforderte, noch einmal Dean aufzusuchen. Glücklicherweise stand sein mobiles Heim ganz in der Nähe von meinem.

Als ich ihn nach einer Kochmöglichkeit fragte, fuhr er sich locker durch das fettige Haar und blickte mich schelmisch an. Er genoss die Situation und seine Überlegenheit, das war nicht zu übersehen.

»Ach komm schon, mate. Verrat es mir!«, sagte ich.

Es war die richtige Taktik, denn beim Wörtchen »mate« wurde er schwach. Er grinste mich an, dann deutete er lässig auf einen nicht weit entfernt stehenden Wagen und sagte: »No worries! Das ist die Gemeinschaftsküche. Die teilen wir uns mit ein paar anderen Arbeitern. Die Einkäufe werden vom Zirkus bezahlt, du kannst dich bedienen. Ach ja, wenn du dir selbst Essen kaufst, dann lagere es in deinem eigenen Kühlschrank. Sonst hast du nichts davon.«

Ich klopfte ihm dankbar auf die Schulter. Nur eine Sekunde später war ich auf dem Weg zum Küchenwagen, der direkt neben dem Anhänger stand, in dem sich die Gemeinschaftsdusche und die Toiletten befanden. Dort angekommen, setzte ich zu einem Hechtsprung an und nahm drei Stufen auf einmal, um ins Innere zu gelangen. Dann blickte ich mich entgeistert um. Meine Güte, wo war ich denn gelandet? Wann hatte hier drin zuletzt einer geputzt? Der Tisch war übersät mit alten Essensresten. Ein Teebeutel hing zerknautscht über den Rand des Tisches und tropfte auf den Boden, wo er bereits eine rötlich-trübe Pfütze hinterlassen hatte. Eine schwarze Bananenschale auf der Tischplatte wurde von Mücken umkreist, ein schrumpeliger Apfel lag daneben. Zahlreiche Spritzer Tomatensoße verzierten das dunkle Holz und die Wände des Wagens, und als ich mich auf den Weg zum Kühlschrank machte, knirschte es bei jedem Schritt. Spiralnudeln lagen über den Boden zerstreut und zerbarsten unter meinen Füßen. Zusammen mit den eingetrockneten Reiskörnern ergab das ein schönes akustisches Muster. Ich grinste. Man muss das Leben mit Humor nehmen, das hilft, vieles zu ertragen.

Ich schnappte mir eine Packung Toast, die auf der Ablage herumlag, und griff nach einem kleinen Glas, dessen Inneres mich an Pflaumenmus erinnerte. Großzügig bestrich ich die quadratische Brotscheibe und nahm einen Bissen. Pfui! Was war das? Angewidert spuckte ich den Brocken in das Waschbecken, doch der eklige, bittere und gleichzeitig salzige Geschmack ließ sich nicht vertreiben. Ich warf einen Blick auf das gelbe Etikett des Glases und las: Vegemite. Hefe-Extrakt.

Auch während ich das Verfallsdatum prüfte, ließ der tyrannische Brotaufstrich nicht von meinen Geschmacksnerven ab. Erst als ich eilig ein Käsesandwich belegt und mir gierig in den Mund gestopft hatte, konnte ich dem Grauen ein Ende setzen. Ich schob noch zwei weitere Sandwiches nach, um meinen Hunger zu stillen, und warf einen kurzen Blick auf die Uhr: noch zehn Minuten bis zur Show.

Als ich die Küche verließ, kitzelte der betörende Duft von frischem Popcorn meine Nase und führte mich geradewegs in das Vorzelt. Die Zuschauer tummelten sich bereits vor den Attraktionen. Ich sah eine kleine Familie, die gebannt auf das blinkende und leuchtende Karussell starrte, das zur flotten Zirkusmusik seine Runden drehte. Vor dem Popcornverkauf trieben sich hungrige Besucher herum. Daneben stand eine junge Blondine, die rosafarbene Zuckerwatte auf einen Stab gesponnen hatte und gerade einem Mädchen reichte. Vor dem Verkaufsstand mit den Kuscheltieren löffelten ein paar Jungs genüsslich ihre Eiscreme. Keine Frage: Hier gab es alles, was das Kinderherz begehrte.

Da ich bereits seit einem Jahr postpubertäre Bartstoppeln hatte, ließ ich mich von den Süßigkeiten nicht beeindrucken. Etwas völlig anderes indes zog meine Aufmerksamkeit auf sich: die schwarzen Mitarbeitershirts der Crew, auf die in hellen Buchstaben das Wort Silvers aufgedruckt war. Am liebsten hätte ich mir kurzerhand die Klamotten vom Leib gerissen, ein solches T-Shirt übergestreift und lauthals geschrien: »Ich gehöre dazu!«

Bevor die Pferde mit mir durchgingen, lief ich zum roten Vorhang, der in das große Hauptzelt, das Chapiteau, führte. Je näher ich kam, desto intensiver wurde der Geruch des frischen Sägemehls in der Manege, der Erinnerungen an den letzten Zirkusbesuch meiner Kindheit in mir weckte. Als ich endlich einen Blick in das Innere werfen konnte, sah ich staunend in ein farbenfrohes Lichtermeer. Große Scheinwerfer waren hoch oben an den stählernen Masten angebracht und beleuchteten wie funkelnde Sterne die ellipsenförmige Manege von allen Seiten. Die dicht an dicht stehenden Zuschauerreihen führten stufenweise nach oben, wie in einer Arena. Ich war überrascht, als ein kleiner Junge vor mir noch drei freie Plätze für seine Familie entdeckte, denn nahezu alle roten Sitze waren bereits mit Kindern und Erwachsenen besetzt, die sich Popcorn in die Münder schaufelten. Einige Besucher saßen völlig fasziniert da und versuchten, mit staunenden Augen den Zauber des Zirkuszeltes einzufangen. Auch mein Blick schweifte zurück zur erhöhten Manege im Zentrum, wo der edle rote Teppich im Schein der Lichter glänzte. Und über allem, hoch in der Luft, prangte in großen beleuchteten Lettern der Schriftzug: Silvers.

Es schien mir nicht real. Noch vor wenigen Monaten hatte ich die Schulbank gedrückt und für das Abitur gepaukt. Und plötzlich war ich am anderen Ende der Welt und würde mein Geld in der fabelhaften Zirkuswelt verdienen? Bei einem der Größten der Branche? Mit Akrobaten aus aller Welt?

Das Licht wurde gedimmt, und die Stimmen der Zuschauer verstummten. Ich huschte durch die Reihen und ergatterte einen der letzten Plätze. In diesem Moment, als ich mich auf dem Stuhl niederließ, hallte eine tiefe Stimme durch das Zelt.

»Ladiiiiiiiies and gentlemen! Booooys and girls! Children of all ages! Weeeelcome to the spectacular show of Silvers Graaaaand Magic Circus!«

Die Worte verebbten in der Dunkelheit, während ich auf die Manege starrte und verzweifelt versuchte, etwas zu erkennen. In der Dunkelheit meinte ich, eine Person auszumachen, doch wahrscheinlich spielten mir meine Sinne einen Streich. Dann ertönte wieder die mächtige Stimme, und mit einem Lichtblitz erhellte sich das Bühnenrund, in dessen Mitte nun tatsächlich ein Mann stand. Er wurde vom Nebel umwabert, doch sogar im Dunst konnte man erkennen, wie der edle Umhang im Luftzug flatterte. Der Mann trug einen schwarzen Zylinder und einen Frack, dessen silberne Knöpfe im Licht funkelten. Sein Schnurrbart war kunstvoll nach oben gezwirbelt und bewegte sich bei jedem Wort, als würde er zu der melodischen Stimme tanzen. Das Mikrofon hielt der Mann locker in der linken Hand, als er rief: »Manege frei für Gypsy, die graziöse Dame aus Argentinien!«

Er verschwand wieder hinter dem roten Vorhang und hinterließ ein klaffendes Loch im Nebel. Im Lichtkegel beobachtete ich, wie sich die weißen Schwaden kräuselten, bis ein Trommelwirbel einsetzte und die Show begann. Leichtfüßig kam eine schlanke, südländisch wirkende Frau durch den Vorhang getanzt, deren durchtrainierte Beine sich flink im Rhythmus der Musik bewegten. Ihr braunes, volles Haar hatte sie zu einem Dutt an ihrem Hinterkopf zusammengebunden, ihr Kostüm erinnerte mich an das einer Balletttänzerin. Mit bestechendem Lächeln blickte sie in das Publikum und verneigte sich höflich, als plötzlich aus den Zuschauerreihen ein Hula-Hoop-Reifen geflogen kam. Ich erschrak, doch sie fing ihn geschickt auf, stülpte ihn sich über den Kopf und ließ den Ring locker um ihre Hüften kreisen. Im Anschluss kletterte sie auf eine gigantische Discokugel, deren kleine Spiegelplättchen das bunte Licht in alle denkbaren Richtungen reflektierten und selbst abgelegene Winkel des Zirkuszeltes erhellten. Während die Artistin in der Manege die Reifen um ihre Hüften kreisen ließ, kamen mehr und mehr Hula-Hoops durch die Luft geflogen. Die Zirkusleute mussten rundherum in der Arena aufgestellt sein, denn sie versorgten die anmutige Argentinierin mit Dutzenden Reifen in allen Farben und Größen. Wie um alles in der Welt konnte sie auf einer Kugel balancieren und gleichzeitig in verschiedenen Rhythmen Beine, Hüfte, den Hals und die Hände kreisen lassen?

Der Moderator erhob seine tiefe Stimme. »Über achtzig Hula-Hoops! Die bezaaaaaaubernde Gypsy!«

Tosender Applaus brandete auf, die Artistin verabschiedete sich und verschwand hinter den Kulissen.

Die Lichter flackerten, und plötzlich stand ein Mann in der Manege, der brennende Keulen durch die Luft warf. Die fließenden Bewegungen erweckten den Anschein, die Schwerkraft sei bloß eine Erfindung von Schulbuchautoren. Fassungslos verfolgte ich das Spektakel, fast so, als würde ich mit offenen Augen träumen.

Lebendige Kunst – von Menschen für Menschen gemacht. Mit jedem weiteren Auftritt tauchte ich tiefer in diese Welt für Träumer und Genießer ein. In der man lachte und staunte zugleich. In der Gelingen und Misslingen nur Millimeter auseinanderlagen. Die Show war ein sinnliches Gesamtkunstwerk aus bunten Lichtern, dem königlichen Rot der Manege und einem unvergleichlichen Duft. Im Laufe der Jahre hatte ich es fast vergessen, doch Zirkus war für mich noch immer etwas ganz Besonderes.

Fasziniert beobachtete ich die Arbeit der Crew, die sich im Hintergrund darum kümmerte, dass die Aufführung optimal lief. Sobald sich das Licht kurz verdunkelte, huschten sie beinahe lautlos in die Manege und bereiteten alles für den nächsten Auftritt vor. Die kurzen Aufbauarbeiten waren es, die alles im Fluss hielten. Präzise wie bei einem Uhrwerk griff jedes Zahnrad ins andere. Ich träumte davon, dass auch ich zum Einsatz kommen würde – als Teil dieses Teams.

Doch je länger ich das Tun der umherwuselnden und dennoch im Verborgenen bleibenden Crew verfolgte, desto mulmiger wurde mir zumute. Alles war perfekt aufeinander abgestimmt, jeder Mitarbeiter wusste exakt, was er zu tun hatte. Vermutlich arbeiteten sie schon seit Jahren zusammen. So leicht und unterhaltsam die Show auf die Zuschauer wirkte, so hart war sie für die Leute hinter den Kulissen. Ich rutschte tiefer in meinen Sitz und ließ die Schultern hängen. Mein Traum, in diesem Team mitzuarbeiten, schien so weit entfernt wie die deutsche Heimat. Schnell schloss ich mit dem Gedanken ab, jemals wirklich dazuzugehören – man muss wissen, wann man einer Illusion hinterherjagt. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich bereits nach jeder Show das Popcorn von den Sitzen kratzen. Wahrscheinlich würde meine Karriere beim Zirkus eher so aussehen.

Nach einer Stunde gab es eine kleine Pause im Programm, die ich nutzen wollte, um mit den Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen. Ich ging zum rotierenden Karussell und versuchte, mit einem bulligen Typen in einem der Crew-Shirts in Kontakt zu kommen. Doch bevor ich über belanglosen Small Talk hinaus zu spannenderen Fragen kommen konnte, läutete eine helle Glocke die zweite Hälfte der Show ein.

Der Zauberer, der als Moderator durch den Abend führte, erschien in der Manege und ließ auf verblüffende Weise eine blütenweiße Taube in seiner Hand verschwinden. Und eine Dame in luftigen Höhen führte elegante Tricks an den Ringen auf, bevor eine Horde Hunde die Manege stürmte. Sie waren in zwei gegnerische Teams aufgeteilt, hatten Trikots an und spielten Football. So etwas hatte ich noch nie gesehen! Mit der Schnauze hielten sie den Ball in der Luft und versuchten, ihn mit waghalsigen Sprüngen ins gegnerische Tor zu bugsieren. »Collingwood! Collingwood!« Die Familie neben mir konnte sich kaum auf den Sitzen halten und feuerte das Team mit den schwarz-weiß gestreiften Trikots an. Ein Schiedsrichter verfolgte das Spiel genau. Wenn ein Tor gefallen war, wurde es mit der Trillerpfeife lautstark bekannt gegeben – worauf ausgelassene Jubelschreie der Zuschauer folgten. Nach ein paar Minuten pfiff der Referee das Spiel ab, nahm den Ball an sich und rannte durch den Hintereingang aus dem Zelt – verfolgt von zehn heißblütigen Boxerhunden. Was für ein Spektakel!

Der Magier kam wieder auf die Bühne, verwandelte sich in eine hübsche Dame in aufreizendem Kostüm und spazierte aus einer anderen Ecke wieder auf die Bühne. Während jeder Umbauarbeit in der Manege wurde ein Zaubertrick aufgeführt, so bekamen wir den Magier im Laufe der Show immer wieder zu sehen.

Dann stolperte ein Clown in einem pinkfarbenen Anzug ins Zelt und stellte einen wackligen Garderobenständer im Zentrum der Manege auf. Nachdem er fünf Freiwillige (die er mit einem gezielten Fingerzeig auswählte) zu sich geholt hatte, stattete er sie mit einem passenden Accessoire seiner Garderobe aus. Dabei flüsterte er jedem ein paar Worte ins Ohr und schien ihnen damit ihre Unsicherheit zu nehmen, denn mit einem Mal wirkten sie völlig gelöst. Ein kleiner Kerl mit grauen Haaren bekam eine Mütze mit Rastalocken und durfte mit dem Clown ein Tänzchen aufführen. Für eine junge Frau hatte er Hasenohren und ein weißes Schwänzchen ausgewählt, und bald schon hoppelten sie nebeneinander durch die Manege. Die Menge grölte. Dann stellte der Clown seine fünfköpfige Crew im Scheinwerferlicht auf und verwandelte sie kurzerhand in eine Band: Einer wurde als Dirigent eingesetzt, und die anderen spielten mit imaginären Instrumenten zu einem melancholischen Lied. Der Clown setzte mit herzerweichender Miene zu seinem Luftgeigen-Solo an und spielte auf Knien die letzten traurigen Töne des Stücks. Dann wurde ein australischer Rocksong aufgelegt – und die Stimmung im Zelt kochte! Der Alte mit den Rastas trommelte sich auf seinem eingebildeten Schlagzeug die Seele aus dem Leib. Na, wenn der mal nicht bei den Rolling Stones einsteigen könnte. Das Publikum kreischte ausgelassen zu seiner Einlage, und zum großen Finale hämmerte er noch einmal mit vollendeter Technik den Beat. Am Ende des Auftritts verneigten sich der Clown und seine Truppe zu allen Seiten und wurden mit begeistertem Applaus aus der Manege verabschiedet. Angst vor Clowns? Nein, die Sache mit Coulrophobie konnte ich nach diesem Auftritt für mich definitiv ausschließen! Dieser Clown war einfach nur phänomenal, und ich hätte gern mehr von ihm gesehen.

Doch kaum war er verschwunden, wurden die Schweinwerfer ein weiteres Mal gedimmt. Das Gelächter, das bis eben das Zelt erfüllt hatte, verstummte. Eine mysteriöse Musik durchdrang die ungewöhnliche Stille im Zelt und ließ mich den Atem anhalten. Alle Zuschauer blickten um sich, manche flüsterten ihrem Sitznachbarn leise ins Ohr. Ich hingegen saß regungslos auf meinem Stuhl und starrte nach vorn.

Da erkannte ich die Umrisse mehrerer Personen, die aus allen Richtungen in die rechte hintere Ecke des Zeltes strömten. Die Konturen wurden deutlicher, und ich zählte neun mit schwarzen Kapuzen vermummte Gestalten. Wie Soldaten marschierten sie fast beängstigend ruhig in spärlichem Licht und begleitet von eingängiger Trommelmusik in die Manege. In einer düsteren Prozession schoben sie mit langsamen, festen Schritten eine riesige hohle Kugel mit stählernen Verstrebungen in die Manege. Das war die Globe of Death.

Plötzlich heulten drei Motorräder auf, die unter lautstarker Unterstützung des Moderators ins Innere der massiven Kugel rollten. Der Geruch von Benzin und Abgasen breitete sich im Zelt aus, während der Lärm der Motoren jegliches angsterfüllte Getuschel der Besucher übertönte.

Und dann ging es los. Die schweren Maschinen beschleunigten, drehten erste Runden in der Kugel. Unter tosendem Applaus wurden sie immer schneller, fuhren höher, gefährlicher. Bis einer der Fahrer mit dem Arm ein Zeichen gab, worauf alle drei die Hände vom Lenker nahmen. In einem Wirrwarr aus Stahl, Öl und Testosteron drehten die Fahrer freihändig ihre Loopings im Inneren der Metallkugel.

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