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Claudettes Verlangen

Kapitel 1

Claudette und ihre beste Freundin Emmanuelle liefen die vielen Stufen am Montmartre in Paris hinab, als ihnen jene wahnwitzige Idee kam, die wohl nur auf ihren überhöhten Champagnerkonsum zurückzuführen war. Zwischen den mittig von einem ehernen Geländer geteilten kleinen Treppen gab es kleine Plateaus mit je einem Baum links und rechts davon und dazwischen jene nostalgisch anmutenden, ein schummriges Licht verbreitenden Laternen. Emmanuelles Worte verhallten im Frühlingsnebel, doch in Claudettes Geist hatten sie Bestand.

Claudette schüttelte heftig den Kopf. »Non, das ist völlig verrückt und wir beide sind eindeutig betrunken.« Sie schwankte leicht. Es glich einem Wunder, dass sie in diesem Zustand in den hohen Schuhen noch laufen konnte. Wie Emmanuelle sie nach all den Jahren, in denen sie sich seit früher Kindheit kannten, noch überraschen konnte, war erstaunlich. Mit ihren siebenundzwanzig Jahren war sie vierzehn Monate jünger als ihre Freundin.

Diese lachte. »Aber das ist doch gerade der Reiz daran. Du bist doch nicht etwa feige, ma chère?« Sie blieben auf einem der Treppenplateaus stehen. Der Wind zog an ihrem Haar und brachte zahlreiche Gerüche und die Geräusche der Stadt mit sich.

Nachdenklich betrachtete Claudette ihre hochhackigen Pumps aus schwarzem Lack. Das verletzte nun wirklich ihren Stolz. »Natürlich bin ich nicht feige!«

Emmanuelle strich ihr mit Henna burgunderrot gefärbtes, kinnlanges Haar zurück und sah sie aus grünen Augen herausfordernd an. »Dann zeig es mir!«

Oh, wie ihre zierliche Freundin hartnäckig sein konnte. In der Tat war das eine der Eigenschaften, die sie am meisten an ihr schätzte – aber auch verwünschte.

»Oui, das werde ich auch.«

»Dann mach dir bewusst, dass du keinen Rückzieher machen kannst, ohne dein Gesicht zu verlieren.«

Claudette warf ihr hüftlanges schwarzes Haar zurück und sah ihre Freundin herausfordernd an. »Na dann immer her mit deinen vermaledeiten Aufgaben!«

Ein nachdenkliches, beinahe bösartiges Lächeln trat auf die schönen Gesichtszüge Emmanuelles, deren grüne Augen blitzten. »Also, die erste Aufgabe ist: Du wirst eine lesbische Affäre haben.«

»Pah, du willst mich also? Das hättest du mir auch anders sagen können. Sonst bist du doch auch direkter, ohne auf solche Ausreden zurückgreifen zu müssen.« Claudette schüttelte empört den Kopf.

»Nichts dagegen, aber ich dachte eher an Isabelle.«

Sie starrte Emmanuelle fassungslos und ungläubig an. Hatte sie sich verhört? »Isabelle? Ich kenne nur eine Isabelle, aber die kannst du ja wohl kaum meinen. Sag mir, dass das nicht wahr ist!«

Aber sie nickte bestimmt. »Oh doch, genau die meine ich.«

»Du bist eindeutig betrunken. Du weißt doch, wie ich zu ihr stehe. Es gibt sicher genügend Isabelles im Lande, die ich noch nicht kenne und …«

»Nur sie und sonst keine. Um diese Aufgabe wirst du dich nicht drücken!«

Das war vollkommen irrsinnig. Sie hasste Isabelle! Nun, hassen war wohl doch nicht ganz der richtige Ausdruck dafür, doch sie gehörte nicht unbedingt zu ihren Lieblingspersonen. Isabelle konnte nur bedingt etwas dafür, dass sie etwas in Claudettes Leben zerstört hatte, das musste sie allerdings zugeben. Aber gerade mit dieser Frau ins Bett zu gehen, war mehr als verrückt, es grenzte an Selbstzerstörung, da unwillkürlich schlechte Erinnerungen aufsteigen würden.

»Offenbar hat der Champagner deinen Geist verwirrt. Unterhalten wir uns weiter, sobald dein Gehirn sich von der Alkoholvergiftung erholt hat, falls es das jemals tun sollte … Soll ich dich ins Krankenhaus bringen?« Nun war sie doch besorgt um ihre Freundin.

»Ich bin völlig bei Sinnen, daran kann auch der Alkohol nichts ändern. Ich tu es für dich, damit du ihn endlich vergessen kannst.«

»Aber ich habe ihn doch vergessen. Bin schon drüber weg.« So ganz stimmte das natürlich nicht, aber das brauchte Emmanuelle ja nicht zu wissen.

»Das bist du nicht. Mach mir und dir nichts vor. Dein Leben stagniert, weil du ihn noch nicht vergessen hast. Du gehst nicht mal mit einem anderen Mann aus.«

»Das stimmt nicht. Ich gehe öfters mit Émeric ins Kino.«

»Er ist schwul, das zählt nicht.«

»Er ist ein sehr guter Freund. Selten kann ich mich auf jemanden so verlassen wie auf ihn. Außerdem muss man nicht immer nur an das Eine denken.«

Emmanuelle leckte sich über die vollen, glänzenden Lippen. »Nicht immer, aber oft. Aber natürlich gibt es auch noch weitere Gründe, sich mit einem Mann einzulassen, ob du es glaubst oder nicht.«

»Ach, tatsächlich?«

Emmanuelle nickte. »Oui, man kann mit ihnen in vielerlei Hinsicht Spaß haben. Ein Mann kann alles für dich sein, ein Liebespartner, aber auch der beste Freund. Idealerweise wäre er beides in einer Person. Du kannst andere Männer nicht an einem einzigen Mistkerl messen, das wäre einfach nicht fair.«

Claudette senkte den Kopf. »Das sagt sich so einfach.«

»Er hat dir einen Teil deines Lebens gekostet. Jede weitere Stunde der Trauer ist vergeudet. Willst du, dass er auch Einfluss auf deine Zukunft hat?«

»Non, natürlich nicht.«

»Das dachte ich mir. Also tu, was du tun musst. Mein Plan wird dich ein für alle Mal von seinem Einfluss befreien. Der ist narrensicher.«

»Und verrückt.«

»Das muss er sein, sonst funktioniert er bei dir nicht.«

Tief sog Claudette die kühle Nachtluft ein, die nach Magnolien und Rosen duftete, was von einem Garten in der Nähe herrührte »Also gut, her mit dem vermaledeiten Vertrag!«

Emmanuelle reichte ihr einen roten Kugelschreiber und das mit ihrer steilen Linksschrift bedeckte Papier nebst Duplikat, worauf die unaussprechlichen Dinge, die der frivolen Fantasie ihrer Freundin entsprungen waren, für alle Zeit verewigt waren. Sie hatte das Dokument noch an der Bar, in der sie gesessen hatten, erstellt und dort selbst bereits unterschrieben.

Auch sie unterzeichnete den Vertrag und gab Emmanuelle das Duplikat zurück.

»Das werde ich noch bereuen«, sagte Claudette leise, die das Schriftstück des Bösen in der Dunkelheit ihrer Umhängetasche verbarg, auf dass es nie wieder das Antlitz des Tages sehen sollte. Morgen würde sie wieder nüchtern sein und es wahrscheinlich für eine ganz dumme Idee halten.

Emmanuelle schüttelte energisch den Kopf. »Non, cherie, du wirst es bereuen, wenn du es nicht tust.«

»Bist du dir dessen so sicher? Sieben, es sind wirklich sieben Aufgaben? So viele?«

Emmanuelle zuckte mit den Schultern. »Meine Lieblingszahl. Du schaffst die Aufgaben doch im Handumdrehen.«

Zweifelnd sah Claudette ihre Freundin an. »Das bezweifle ich, aber es bleibt mir wohl nichts anderes übrig.«

»Wenn du deine Ehre wahren willst, dann wirklich nicht. Ein Vertragsbruch wäre nämlich unehrenhaft. Denk nicht mal dran.«

Claudette hielt sich am ehernen Geländer fest, da ein erneuter leichter Schwindelanfall sie ergriff. Vielleicht lag der gar nicht am Alkohol, sondern an dem Schriftstück, das schwer in ihrer Handtasche ruhte. Sie liefen weiter durch den Dämmerschein der Straßenlaternen die scheinbar endlosen Treppen hinab.

Endlich erreichten sie den Platz, an den sich zahlreiche Häuser reihten. Sie liefen durch die Gassen und Straßen, auf denen die hohen Absätze ihrer Schuhe widerhallten. Autos standen hier dicht an dicht. Glücklicherweise hatte sie ihr Auto damals vor dem Umzug nach Paris verkauft, denn hier wäre es nicht allzu praktisch, eines zu besitzen, wenn nicht gar gänzlich überflüssig für sie.

Claudette wusste, warum sie in dieser Stadt am liebsten zu Fuß oder mit der Metro unterwegs war. Man sagte, es gäbe keinen Ort in Paris, der mehr als fünfhundert Meter von der nächsten Metrostation entfernt lag. Dies entsprach auch Claudettes Erfahrung. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass die Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel irgendwo anders auf der Welt besser war als in Paris. Nur nachts fuhr sie als Frau bisweilen ungern allein mit der Metro. Daher war sie häufig mit Emmanuelle unterwegs, mit der sie sich zudem noch die Wohnung teilte. Die Mieten hier waren nämlich exhorbitant.

Claudette und Emmanuelle nahmen die Metro bis zu der nach dem Fluss Donau benannten Station Danube im neunzehnten Arrondissement. Diese war eingleisig angelegt, da sie nur aus Richtung Pré Sain-Gervais angefahren wurde. Sie erklommen die Stufen, die zum Place de Rhin-et-Danube führten. Auf der anderen Straßenseite lag das Café, das sie so gerne besuchten, da es eine gute Aussicht auf den Platz bot und von ihrer Wohnung schnell zu erreichen war. Sie bogen rechts ab und an der Ampel an der nächsten Kreuzung links.

Dort lag auch schon das Haus am Boulevard Sérurier, worin sie wohnten. Ihre Wohnung befand sich im vierten Stock und besaß einen kleinen Balkon, auf dem sie seitdem endlich der Frühling gekommen war, häufig zusammen frühstückten.

Emmanuelle schloss die breite dunkle Holztür auf. Gemeinsam betraten sie das Haus und erklommen die Stufen.

Mit klopfendem Herzen betrat Claudette die Wohnung. Wie immer zog Emmanuelle ihre Lederjacke aus, und eilte an ihr vorbei in die Küche. Es war ihre Gewohnheit, nach solchen Trinkgelagen erstmal eine halbe Flasche Mineralwasser zu leeren. Für die Schönheit, wie sie stets zu sagen pflegte.

Nach der Trennung von René war Emmanuelle bei Claudette eingezogen. Sie war eine alte Studienfreundin aus Aix-En-Provence, die auch schon lange ebenfalls nach Paris hatte ziehen wollen. Die Wohnraumsituation hier war derzeit schlecht, daher hatte Claudette so schnell keine andere Wohnung finden können, aber die Miete hier wäre auf Dauer auch zu hoch für eine Person gewesen. Zudem liebte Claudette diese Wohnung mit ihrer guten Lage und dem Balkon sehr und war froh, dass sie sie nicht hatte aufgeben müssen.

Gemeinsam hatten sie die Wohnung komplett umdekoriert, damit sie Claudette nicht mehr an ihren Ex-Freund erinnerte. Schließlich war Claudette Innenarchitektin, hatte sich in ihren eigenen Räumen jedoch wegen René nicht so ausleben können, wie sie es gerne gewollt hätte.

Anfangs hatte sie überlegt, zurück nach Les Baux zu ziehen, wo sie aufgewachsen war und viele Verwandte hatte. Vielleicht würde sie das eines Tages tun, aber hier fand sie einfach bessere Berufsaussichten. Das war ja auch der Grund gewesen, warum sie hierher gezogen war. Nun spiegelte sich diese Liebe zur Provence in ihrer Wohnung wider, den verspielten Linien, der sanften Rustikalität und dem Hauch von Lavendel, der nun alles umgab und sie bereits im Flur begrüßte.

Dort schlüpfte sie aus ihrem Trenchcoat und den Pumps und lief ins Bad, wo sie sich rasch abschminkte, die Zähne putzte, auskleidete und wusch. Sie zog ihren flauschigen burgunderroten Bademantel über und begab sich in ihr Schlafzimmer. Sogar das alte Bett hatte sie ausgetauscht gegen ein neues aus verspieltem schwarzen Gußeisen. Sie ließ sich darauf sinken.

Claudette dachte an den Vertrag, der ihr ein mulmiges Gefühl in der Magengegend bereitete, aber auch eine gewisse Erregung erzeugte. Gewiss würde Emmanuelle von ihm zurücktreten, wenn sie sie darum bitten würde, doch das würde nicht ohne Folgen geschehen. Emmanuelle würde an ihre Ehre appellieren und sich sehr enttäuscht geben. Außerdem schien sie tatsächlich davon überzeugt zu sein, dass alles Claudettes Bestem diente. Leute, die es gut meinten, waren oft die allerschlimmsten, denn es handelte sich allzu häufig um Fanatiker.

Sie hatte den Vertrag unterzeichnet, nun musste sie die Konsequenzen tragen. So schlimm würde es ja wohl nicht sein. Sie war zu müde, um weiter darüber nachzudenken. Eigentlich hatte sie noch ein Nachtgewand anlegen wollen, doch sie schlief im Bademantel ein, so erschöpft war sie. Die Nächte mit Emmanuelle konnten anstrengend sein.

Glücklicherweise war am nächsten Morgen Samstag, sodass sie ausschlafen konnte. Früh duschte sie und teilte sich anschließend mit Emmanuelle ein Baguette mit etwas selbstgemachter Erdbeer-Johannisbeer-Marmelade, die sie von ihrer Mutter bekommen hatte. Diese Mischung hatte es in sich.

Emmanuelle sah man nicht an, dass sie am Vorabend betrunken oder zumindest stark angeheitert gewesen war. Das tat sie auch selten, doch gestern schien sie es darauf angelegt zu haben, Claudette unter den Tisch zu trinken, womöglich mit der Absicht, sie zur Unterschrift dieses Vertrages zu bringen.

Sie war froh, dass ihre Freundin nicht auf das Thema vom Vorabend zurückkam, vermutlich um ihr Zeit zum Überlegen zu geben, die sie auch brauchte. Stattdessen zog Emmanuelle sich recht schnell ins Wohnzimmer zurück, wo sich der von ihnen gemeinsam genutzte PC befand. Sie wollte E-Mails beantworten und Angebote schreiben. Seit ihrem Umzug nach Paris arbeitete Emmanuelle hier als Privatdetektivin und hatte schon einige Erfolge verbuchen können.

Einige Stunden hörte sie nichts von ihrer Freundin. Inzwischen kümmerte Claudette sich um den Haushalt, der jedoch schnell erledigt war. Vielleicht hatte ihre Freundin den Vertrag aufgrund des hohen Alkoholkonsums vergessen. Falls es ihr gelingen sollte, an Emmanuelles Handtasche heranzukommen, konnte sie das Ding womöglich beseitigen. Nein, es wäre schäbig, ihre Freundin so zu hintergehen. Sie hatte den Vertrag unterschrieben und musste ihre Entscheidung nun ausbaden. Aber vielleicht ließ Emmanuelle ja das Thema fallen, da Claudette unter Alkoholeinfluss wohl nicht ganz bei klarem Verstand gewesen war.

Doch ihre Hoffnung wurde bald zerstört, denn gegen Mittag wies Emmanuelle sie daraufhin, dass die erste Aufgabe bereits an diesem Abend fällig sei, was Claudettes Herz vor Aufregung schneller schlagen ließ. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie konnte sich nicht erinnern, dass im Vertrag ein so knapper Zeitrahmen angegeben war. Doch sie gehörte nicht zu den Leuten, die etwas vor sich hin schoben. Meistens packte sie alles schnell an, aber das war eine Ausnahmesituation, die sie erstmal ratlos werden ließ.

Claudette erhitzte Wasser und gab Spaghetti hinein. Als sie gerade klein geschnittene Zwiebeln mit etwas Knoblauch in der Pfanne briet, und die geschälten Tomaten klein hackte, klingelte das Telefon. Sie wollte drangehen, doch Emmanuelle war schneller.

Es stellte sich heraus, dass es ohnehin ein Freund von Emmanuelle war, dem diese riet, gegen seinen kreisrunden Haarausfall zweimal täglich Knoblauchsaft in seine Kopfhaut zu massieren. In ganz Tunesien, woher ihre Großmutter stammte, machte man das so, aber er solle trotzdem Lebensmittelunverträglichkeiten oder -allergien ausschließen lassen, besonders im Hinblick auf Weizen, Milch und Gluten. Bei ihr dauerten Telefongespräche immer ewig, weswegen Claudette ihre Freundin früher nur selten angerufen und lieber auf E-Mails zurückgegriffen hatte.

Mit der freien Hand setzte Emmanuelle einen Kaffee auf, während sie mit ihrem Bekannten inzwischen über Bücher sprach, da beide bekennende Leseratten waren, er sogar Frauenromane nicht scheute und ein großer Fan von Janet Evanovich war.

Während ihre Freundin in das Telefonat vertieft war, gab Claudette die Tomaten in die Pfanne. Auch die Spaghetti kochten inzwischen. Sie nutzte das Zeitfenster, indem sie den Vertrag aus ihrer Handtasche nahm. Mit bebenden Händen faltete sie ihn auseinander. Sie hatte sich bei den sieben erotischen Aufgaben gestern trotz ihres gestrigen Zustandes als recht einfallsreich erwiesen. Gewiss hatte sie sich bereits zuvor Gedanken darüber gemacht und alles von langer Hand geplant. Das würde sie nicht überraschen.

Es waren weitere Ergänzungen zum Vertrag vorgesehen, in denen die jeweilige Aufgabenstellung genauer erklärt werden sollten. Wie Emmanuelle sich das vorstellte, wusste sie nicht. Das las sich jedenfalls interessant.

Claudette war nicht ganz unerfahren, doch für sie stellten die Aufgaben eine Herausforderung dar, da diese Dinge für sie nur in eine feste Beziehung gehörten und auch einige recht gewagt waren. Sie würde über ihren eigenen Schatten springen müssen und war sich keineswegs sicher, ob das sinnvoll war. Aber sie war ungebunden und niemandem verpflichtet außer sich selbst. Die letzte feste Bindung hatte unangenehme Folgen gehabt. So etwas wollte sie zumindest in naher Zukunft nicht mehr erleben. Auch wenn sie sich irgendwann wieder eine Beziehung wünschte, war sie doch im Moment noch nicht bereit dafür. Was konnte es also schaden, etwas experimentierfreudiger zu werden?

Falls alles so klappen sollte, wie Emmanuelle es wohl vorgesehen hatte, dann war der Plan, sie von ihren Gedanken an René abzulenken, sogar teuflisch gut. Offenbar war Emmanuelle sehr um sie besorgt. Wenn Claudette ehrlich zu sich selbst war, so hatte sie sich in den ersten Wochen nach der Trennung mehr in ihrer Wohnung vergraben, als gut für sie war. Emmanuelle hatte sie dort rausgeholt, wofür sie ihr sehr dankbar war.

Claudette wusste nicht mal, wo René jetzt wohnte und eigentlich interessierte sie das auch nicht. Andererseits hatte Emmanuelle recht. Sieben Monate waren seitdem vergangen. Man sollte meinen, der Schmerz, die Wut und die Enttäuschung würden nachlassen, doch bisher war dem nicht so gewesen. Schließlich waren sie drei Jahre lang zusammen gewesen, waren das letzte halbe Jahr davon verlobt gewesen und hatten heiraten wollen. Zum Glück war es nie dazu gekommen, denn wenn er erst dann fremdgegangen wäre, dann hätte das noch größeren Ärger bedeutet.

Claudette stellte den Herd ab und gab die Spaghetti in ein bereitgestelltes Sieb im Ausguss. Mit Salz und Pfeffer schmeckte sie die Soße ab und gab Olivenöl und frisches Basilikum, das sie auf dem Fensterbrett selbst zog, hinzu.

Eine offene Beziehung hatte Claudette mit René nicht führen wollen, da sie bei Emmanuelle gesehen hatte, dass so etwas nicht lange funktionierte, weil man sich früher oder später auseinander lebte. Im besten Fall führte man eine Zweckgemeinschaft und das entsprach nicht ihrer Wunschvorstellung.

Andererseits hatte René selbst stets Treue von ihr erwartet und nicht selten eifersüchtig reagiert, wenn sie sich mit einem anderen Mann länger als fünf Minuten unterhalten hatte. Gerade deshalb konnte sie nicht nachvollziehen, dass er seine eigenen Grundsätze verraten und eine Affäre mit Isabelle angefangen hatte. Welche Bedeutung hatte ihre dreijährige Beziehung für ihn gehabt? Jedenfalls hatte ihr Selbstbewusstsein durch diese Sache einen großen Schlag erlitten, von dem sie sich noch immer nicht vollständig erholt hatte. Dies musste sich ändern.

Emmanuelle beendete das Telefongespräch, weil das Essen fertig war. Zumindest gab sie das ihrem Gesprächspartner als Grund an. Warum war sie nicht früher auf die Idee gekommen, Emmanuelle mit Essen vom Telefon wegzulocken?

Doch ihre Freude legte sich rasch, als Emmanuelle im Wohnzimmer verschwand. Sie kam sogleich mit sieben pflaumenfarbenen Umschlägen zurück. Auf jedem davon stand eine Zahl und teilweise auch ein Datum oder zumindest eine Zeitspanne. Emmanuelle machte wirklich keine halben Sachen, das musste man ihr lassen. Sie überreichte sie Claudette.

»Du darfst sie nur der Reihe nach öffnen, immer erst, wenn die vorherige Aufgabe erledigt wurde.« Emmanuelle goss pechschwarzen, dampfenden Kaffee in die winzigen bunten Tassen. Eine davon schob sie in Claudettes Richtung. Ihre Freundin trank ihren Kaffee grundsätzlich ohne Milch und nur mit einem Hauch von Zucker.

Claudette nippte an dem bitteren Getränk.

Emmanuelles auf dem mittelblau angestrichenen Küchentisch liegendes Handy bellte.

Claudette stöhnte. »Nicht schon wieder ein Anruf. Man könnte meinen, wir würden ein Callcenter betreiben.«

»Keine Sorge, den wimmle ich schnell ab.«

»Was ist, wenn es was Wichtiges ist?«, fragte Claudette.

»Dann wärmen wir das Essen eben in der Mikro auf. Aber so dringend dürfte das Wenigste sein.«

Das Handy bellte noch einmal. Es klang nach einem verdammt großen Hund.

»Nervt dich dieser Klingelton nicht?«

Emmanuelle grinste. »Manchmal schon, aber er erschreckt die Leute in der Metro immer. Die sehen sich dann verschreckt nach einem großen Hund um. Ihre Mienen allein sind es wert.«

»Du bist ganz schön gemein.«

»Man tut, was man kann.« Sie ergriff ihr Handy, um das Gespräch anzunehmen. »Hàlo?«

»Ah, Jean, ça va?« Sie tauschten einige Floskeln aus. Claudette wollte sich schon erheben, um den Raum zu verlassen, doch Emmanuelle gebot ihr mit einer Handbewegung, sitzen zu bleiben. Sie nahm das Handy vom Ohr und reichte es der höchst überraschten Claudette. »Sprich selbst mit ihm. Er ist der Schlüssel zu deiner ersten Aufgabe. Das steht alles im Vertrag und der Ergänzung dazu.«

Sie war versucht, den Anruf nicht anzunehmen, da sie sich überrumpelt fühlte und nicht wusste, was sie mit jener Person zu besprechen hatte. Im Falle eines peinlichen Schweigens konnte sie das Gespräch immer noch mit Charme und Freundlichkeit beenden oder sich entschuldigen und das Handy an Emmanuelle weiterreichen. Schließlich siegte die Neugierde und sie begrüßte die fremde Person am Telefon.

»Bonsoir. Ich bin Jean Morel, der Betreiber des ›Petite Bleu‹. Madame Fournier verwies mich an Sie, da sie selbst indisponiert sei. Sie sagte mir, Sie könnten mir helfen, Madame Lambert.« Seine Stimme klang sympathisch und irgendwie erotisch.

Claudette hob eine Augenbraue und sah Emmanuelle fragend an. Die Gute hatte also Hobbys, von denen sie bisher nicht im entferntesten geahnt hatte. Wie interessant. Sie hätte sie ja zumindest vorwarnen können, dass sie so eine Vereinbarung getroffen hatte, zumal mit so einer frühen Erledigung der ersten Aufgabe zu rechnen sei. Von dem Etablissement hatte sie noch nie zuvor gehört, doch eswar naheliegend, dass es sich um einen Sex- oder Nachtklub handelte. Womöglich wurde das Ganze unerwarteterweise interessant. Jedenfalls fühlte sie sich abenteuerlustig. Ein paar neue Eindrücke und Erlebnisse würden ihr gewiss nicht schaden …

Sie lächelte. »Oui, Monsieur Morel. Da hat Madame Fournier Sie richtig informiert. Natürlich helfe ich Ihnen gerne.« Ihre Stimme bebte leicht vor Aufregung. Sie war ja so leichtsinnig …

»Eine meiner Tänzerinnen ist krank. Es ist nur für einen Abend. Emmanuelle sagte, Sie nehmen nur Einzelaufträge an.«

»Das ist richtig.«

»Ich bräuchte bereits heute Abend jemanden. Geht es denn so kurzfristig bei Ihnen?«

»Das geht in Ordnung. Sie können auf mich zählen.« Die Zusage erfolgte spontan, bevor sie genauer darüber nachdenken konnte. Sie war in abenteuerlicher Stimmung. Hoffentlich würde sie das später nicht bereuen.

»Sehr gut. Ich freue mich. Merci. Bis heute Abend.« Er teilte ihr noch knapp die Adresse und die Uhrzeit mit, dann legte er auf.

Da fiel ihr ein, dass sie ja kaum etwas Passendes zum Anziehen besaß, auch wenn der Zweck dessen wohl das Ausziehen war.

»Muss ich mich ganz entkleiden?«, fragte sie Emmanuelle. Das würde ihr zwar anfangs schwer fallen, doch beim Arzt tat man das ja schließlich auch.

»Oben schon, aber nicht unten. Da ziehst du am besten einen sehr knappen Stringtanga an. Du besitzt doch einen?«

Claudette schluckte. Einen sehr knappen besaß sie nicht, da sie eher klassisch geschnittene Dessous bevorzugte. »Äh.«

»Also nicht?« Emmanuelle sah sie kopfschüttelnd an, als könne sie es selbst kaum glauben.

Fieberhaft überlegte sie, wo sie auf die Schnelle passende Kleidung her bekam. So schwer konnte das wohl kaum sein. Schließlich lebte sie hier in Paris, wo es beinahe ebenso viele Dessousgeschäfte gab wie Bäckereien.

»Ich kann dir was leihen. Oder besser noch: Wir sollten deinen Kleiderschrank mal durchgehen und anschließend eine Shoppingtour machen. Die Überkleidung sollte natürlich nicht zu nuttig sein. Die Leute hier bevorzugen den klassischen Chic mit dem gewissen Extra. Zumindest was das betrifft, wird dein Stil nicht ganz daneben liegen.«

»Danke für deine aufmunternden Worte.« Claudette stöhnte. Shoppingtouren fand sie anstrengend. Sie ging meistens in einen Laden, kaufte genau, was sie sich vorgestellt hatte, und verließ ihn wieder. Häufig erwarb sie ein sehr klassisches, zeitloses, langlebiges Teil, das vielfältige Kombinationsmöglichkeiten bot, gleichzeitig aber aus Emmanuelles Sichtweise wohl etwas langweilig war. Ihre Freundin bevorzugte flippigere Kleidung als sie.

»Als Wintertyp hast du weitaus bessere Kombinationsmöglichkeiten als ich«, sagte Emmanuelle. »Schmeiß deine verdammten beigen Blusen aus dem Schrank und kaufe dir was Anständiges. In der Farbe siehst du aus wie etwas, das die Katze meiner Schwester erbrochen hat.«

»Danke für das Kompliment.«

»Aber zuerst gehen wir in ein Lingeriegeschäft. Ich kenne da ein gutes. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du nichts Passendes zum Anziehen hast.«

»Für ein Striplokal? Wohl kaum.«

»Jede Frau sollte mindestens eine schwarze Korsage, ein Korsett, ein paar Nahtstrümpfe und dergleichen besitzen.«

»Für was? René hat sich ohnehin nie dafür interessiert.«

Emmanuelle hob die Achseln. »Selbst wenn er nicht danach gefragt hat, heißt das noch lange nicht, dass ihm so etwas gleichgültig war. Aber vergiss diesen Versager. Andere Mütter haben auch schöne Söhne.«

»Das musst gerade du sagen nach gestern …«

Emmanuelle nippte unbeeindruckt an ihrem Kaffee. »Genau diesem Zweck soll es dienen. Oder warum denkst du, habe ich mir diese ganze Sache ausgedacht? Jedenfalls steht dir mein Kleiderschrank zur Verfügung, auch wenn die warmen Farben kaum zu dir passen dürften. Oder wir gehen schnell rüber zu Monoprix, falls dir meine Sachen gar nicht zusagen sollten.«

»Sehr großzügig. Merci.«

»So bin ich eben.«

»Und so bescheiden«, sagte Claudette in ironischem Tonfall.

»Allerdings.«

»Von dir selbst eingenommen.«

Emmanuelle lachte. »Von wem sonst?«

»Bisweilen arrogant.«

Emmanuelle nickte. »Immer. Das ist eine meiner positivsten Eigenschaften.« Ihre Freundin erhob sich und räumte ihre Tasse weg. »Eines Tages wirst du mir dankbar sein. Denk daran. Und jetzt lass uns gehen. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Claudette ließ sich von ihrem Enthusiasmus anstecken.

Kapitel 2

 

 

 

Anderthalb Stunden später stand Claudette vor dem Spiegel in Emmanuelles Raum. Sie hatten sich einstimmig für ein schwarzes Ensemble entschieden, das mit blutroter Spitze abgesetzt war und verrucht aussah. Die Schnürkorsage besaß einen tiefen V-förmigen Ausschnitt und am Stoff des zugehörigen Höschens war ordentlich gespart worden. Zwar war es kein Tanga, aber doch sehr freizügig gearbeitet.

»Aber wie soll ich beim Ausziehen elegant aussehen, wenn ich mich dabei verrenken muss? Das Teil ist eindeutig dazu gedacht, von jemand anderen ausgezogen zu werden!«

Emmanuelle hob gleichgültig die Schultern. »Dann lass dir doch von jemand aus dem Publikum helfen.«

Claudette sah sie erstaunt an. »Darf ich das denn?«

»Das ist zwar nicht gerade üblich, aber Jean gilt als unkonventionell. Den Leuten wird’s gefallen. Habe ich auch schon mal gemacht und es ist gut angekommen. Mach dir nicht zu viele Gedanken.«

»Gut, ich will’s versuchen.«

»Dem Wort ›versuchen‹ haftet der Hauch des Scheiterns an, weil es keinen hundertprozentigen Einsatz fordert. Entweder man macht etwas oder nicht. Da gibt es keine halben Sachen. So einfach ist das.« Emmanuelle reichte ihr eine schimmernde blutrote Satinbluse und einen gerade geschnittenen eleganten Rock, der bis knapp zu den Knien reichte. Dann gab ihre Freundin ihr einen kurzen, aber dafür intensiven Kurs im Strippen. Dabei erwies sie sich als exzellente Lehrerin …

»Und wenn ich es vermassle?«, fragte Claudette, als sie fertig angekleidet war. Noch bevor ihre Worte verklangen, bemerkte sie selbst, wie unsicher sie doch geworden war durch René. Wie hatte sie das nur zulassen können?

»Du wirst ganz sicher nichts vermasseln, Liebes. Überlass dich ganz deinen Gefühlen. Eine unvollkommene Performance mit Leidenschaft vorgetragen ist besser als leidenschaftslose Perfektion. Das hat Jean mir gesagt, als ich bei ihm angefangen habe.«

»Klingt vernünftig.«

»Ist es auch. Du kannst viel von ihm lernen. Ich bin überzeugt, dass er dir auch in anderer Hinsicht hilfreich sein kann.«

Claudette wurde neugierig. »In welcher Hinsicht denn?«

Emmanuelle lachte rau. »Manchmal frage ich mich, wie weltfremd man sein kann. Nach meinen Lektionen wirst du eine andere sein.«

»Ja, dein Geschöpf wie Frankensteins Monster«, sagte sie lachend.

Emmanuelle schüttelte den Kopf. »Non, du wirst noch immer du selbst sein, doch zahlreiche neue Facetten an dir entdeckt haben. Vertrau mir. Ich weiß, was ich tue.«

Das hoffte Claudette. »Wirst du heute Abend dabei sein?«

»Du vergisst, dass ich Jean gesagt habe, indisponiert zu sein. Außerdem schaffst du das schon allein.

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