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Clarilena - Ein jugendliches Dilemma

Buch

Kann das gut gehen?

Als der 17 jährige Hervé in eine neue Schule kommt, glaubt er in Milena das Mädchen seiner Träume getroffen zu haben. Doch Milena scheint sich nicht für ihn zu interessieren. Nichtsdestotrotz zählt nichts mehr für Ihn als Sie. Milena’s Herz zu erobern wird zur Priorität. Doch mit wem er nicht rechnet ist Richard, Milena’s bester Freund. Dieser kann es nicht sehen wie jemand sich Milena nähern will und setzt sogar seine

Freundschaft zu Ihr auf dem Spiel um Hervé’s Pläne zu durchkreuzen. Es bahnt sich ein Gewitter an. Hervé’s neu gewonnener Freund Lukas Honecker will ihn davon fern halten und rät ihm Milena zu vergessen.

Doch Hervé will, von seinem Liebeswahn umzingelt, nicht hören und macht seine ersten Annäherungsversuche. Er macht sich dabei jedoch vor dem versammeltem Pausenhof zum Clown und fängt an zu verstehen, dass Milena wohl doch in einer ganz anderen Liga spielt.

Doch das Blatt scheint sich zu wenden. Es geht auf Kursfahrt wo Hervé der ebenfalls schönen Clara begegnet. Clara ist anders als die Mädchen die er zuvor traf. Sie ist taff und interessiert sich wenig dafür was andere von ihr halten. Als Hervé’s mittlerweile bester Freund sich plötzlich auch anfängt für Clara zu interessieren, ist sich Hervé seiner Gefühle zu Milena nicht mehr sicher. Denn Clara ist nun auch interessant. Ein verstricktes Dilemma nimmt seinen Anlauf.

Wie wird sich Hervé entscheiden?

Für das weiterkämpfen das man nicht loslassen kann oder neue Wege einschlagen?

Christian Tanzulu

Clarilena
Ein jugendliches Dilemma

Prolog

Lasst mich euch eine Geschichte erzählen. Eine Liebesgeschichte. Sie spielt in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn. Alles begann mit einem milden Mittwochmorgen. Der Sommer endete so langsam. Es war kein gewöhnlicher Mittwochmorgen. Es war der Mittwochmorgen, an dem ich, Hervé Depardieu, das wohl schönste Geschöpf der Weiblichkeit traf. Ich kam damals auf eine neue Schule, welche mir den Einblick in eine, mir unbekannte und neue Form der Pädagogik, verschaffen sollte. Die Waldorfpädagogik. Ich besuchte eine Waldorfschule. Ein Lehrinstitut, welches vom österreichischen Esoteriker und Philosophen Rudolf Steiner gegründet wurde. Sie basierte einer anthroposophischen Weltanschauung. Sie – das schöne Geschöpf meiner Begierde, von der die Rede ist, besuchte diese Schule ebenfalls. Es handelt sich um Milena. Milena Henriette von Brahnberg.

An diesem Mittwochmorgen, zeigten die Blätter der Bäume schon ihre feuerroten Farben und ein milder Wind, flog über uns allen. Ich kam, nachdem das Signal der Pause erklang, mit meinem Klassenkameraden „Lukas Honecker“ aus der Aula heraus und spazierte gen Pausenhof. In dem Moment an dem Ich mit Lukas über, den mal wieder äußerst anstrengenden Unterricht diskutierte, erschien sie. Sie kam mit zwei Freundinnen ebenfalls aus dem Gebäude. Sie drei kamen in unsere Richtung. Gleich hörte ich auf zu sprechen und war nicht mehr in der Lage, Lukas auch nur den kleinsten Hauch an Aufmerksamkeit zu schenken. Denn jetzt bekam sie diese. Alles blieb mit einem Mal stehen. Nur sie bewegten sich in Zeitlupe an uns vorbei.

„Hervé?“ fragte Lukas nach mir.

Ich gab ihm weder Antwort, noch konnte ich auf seine Rufe nach mir reagieren. „ Hey. Ich rede mit dir“, fragte Lukas ein weiteres Mal nach mir. Ich konnte meine Blicke jedoch nicht von ihr abwenden. Sie war dermaßen schön, ich hätte mich gewundert, wenn es überhaupt jemand gekonnt hätte. Just waren sie und ihre Begleitungen dabei, an uns vorbeizulaufen.

Und da. Da war es. Unsere Blicke trafen sich für einige Sekunden. Sie hatte mich ebenfalls angeschaut. Augenblicklich vergas ich alles um mich herum. Als sie dann vorbei waren, stieß ich wieder zu Lukas an.

„ Das ist “Milena”. “Von Brahnberg”, mit der willst du nichts haben, glaub mir. Jetzt komm, mach schon, lass uns weitergehen. Es sind nur noch paar Minuten, die wir noch Pause haben“, sagte er und zerrte mich mit.

Er hatte es gleich geahnt, dass ich auf sie starrte.

Ich wendete immer wieder meine Blicke zu ihr zurück während Lukas mich weiter mitriss.

„ Milena von Brahnberg“, wiederholte ich ständig in meinen Gedanken. Lukas sprach nichtsdestotrotz weiter auf mich ein, den Gedanken an ihr nun endlich beiseitezulegen. Doch ich konnte nicht. Er war wie eingemeißelt.

Dies war der milde Mittwochmorgen an dem Ich der dunkelhaarigen Augenweide, Milena von Brahnberg, das erste Mal über den Weg lief. Er veränderte alles.

Seit diesem Mittwochmorgen lag es stehst in meinem Verlangen, diese Pracht der Weiblichkeit, Milena von Brahnberg, eines Tages für mich zu gewinnen. Mit diesen Worten nimmt die Geschichte seinen Anfang.

1.Kapitel
Der Basar
Der 1. November

Dieser magische Mittwochmorgen war nun seit einem Monat Vergangenheit.

Immer wieder begegnete ich ihr im Pausenhof und immer wieder kreuzten sich unsere Blicke für einige Sekunden. Ich fragte mich ständig, was ich tun sollte. Was sollte ich tun? Oft spielte ich mit dem Gedanken, ihre Telefonnummer von irgendwoher zu besorgen und ihr daraufhin tagtäglich “Gutenachttextnachrichten” zu senden. Jeden Tag, nachdem ich das Gefühl hatte: Jetzt könnte sie zu Bett gehen, jetzt musste ich ihr eine “Gute nachtnachricht” senden. Sie würden irgendwann erwidert werden, mit Sicherheit. Doch ich tat es nicht. Es musste so langsam irgendetwas passieren. Es konnte nicht monatelang so weiter gehen. Die Magie der Sekunden, an denen wir uns damalig ansahen, könnte verstreichen.

Ich war zu dem Zeitpunkt bei weitem nicht Manns genug dazu, mit ihr eine Konversation zu führen. Ich hätte kein Wort aus mir bekommen, geschweige denn irgendein vernünftiges. Im Gegenteil. Sobald ich vor ihr stünde, würde glatter Unfug aus mir herauskommen, welchen ich nicht einmal kontrollieren hätte, können.

Es wäre die Nervosität, welche aus mir sprechen würde und mir kurzerhand einen Streich spielen. Aber ich wusste, es konnte nicht noch mehrere Monate vergehen an dem nichts passierte. Nun endete so langsam der Oktober. Jetzt sahen die Blätter nicht mehr feuerrot aus, sondern gingen zum Zerknittertem hellbraun über. Der magische Mittwoch gehörte justament schon seit zwei Monaten der Vergangenheit an.

An diesem Wochenende fand der diesjährige Basar statt. Der Basar war so etwas wie ein Markt, welcher sich auf dem ganzen Schulgelände hin erstreckte. Hinsichtlich seiner Gestaltung erinnerte er mich an orientalisch-islamischen Städten. Dieser, sollte mein Erster überhaupt sein. Mein erster Basar an einer Waldorfschule. Es schien für mich wie in eine neue Welt eingetaucht gewesen zu sein. Ich ging die Stufen unseres Hausflurs hinunter und griff mir meinen marineblauen Mantel, welcher immer stets griffbereit an dem Haken hing, der gleich über dem Türfenster positioniert war.

„ Willst du weg?“ fragte Mutter mich erstaunt.

„ Ja. Ich geh zum Markt“, erwiderte ich.

„ Zum was?“ entgegnete mir Mutter verworren.

„ Zum Markt. Der an unserer Schule.“

„ Den Basar?“

„ Ja, zum Basar.“

„ Soll ich mitkommen?“ fragte sie besorgt. Sie dachte wohl ich würde es alleine nicht schaffen. Sie glaubte immer ich hätte keine Freunde.

„ Weist du … eigentlich hatte ich vor mit Freunden hinzugehen“, erwiderte ich.

„ Du hast schon Freunde an der neuen Schule?“

„ Mama! Es ist jetzt zwei Monate her …Ich bin nicht mehr der Neue’“, sagte ich. „ Also ich geh dann, bis später“.

Ich war gerade dabei, die Türe hinter mich zu schließen.

„ Moment “, rief sie mich noch einmal zurück.

„ Mama, ich komme zu spät! Was ist denn noch?“

„ Zieh dir eine Mütze über, es zieht doch fürchterlich.“

„ Mir geht es gut. Also dann, bis später“, sagte ich lässig und schloss nun endgültig die Türe.

Ich konnte es kaum erwarten, diesen Basar zu besuchen. Und am meisten freute ich mich darauf, Ihr zu begegnen. Der, um welche Lukas so ein derartiges Geheimnis machte, sodass mein Verlangen ihr endlich näher zu kommen nur noch größer wurde. Lukas traf mich am Eingang der Schule. Er stand dort, eingepackt in seiner hellgrünen Outdoorjacke. Er schien zu frieren.

„ Kommst du eigentlich immer zu spät?“ fragte er mürrisch.

„ Meine Mutter. Es gibt immer etwas, was sie noch kurzerhand mit mir bereden möchte. Entschuldige bitte.“

„ Mach dir nichts draus. Noch bin ich ja hier. Lass uns nun zum Basar, du musst ja gespannt sein wie ein kleiner Welpe“, sagte er. In der Tat. Das war ich.

Wir betraten den Schulhof. Um mich herum tummelten sich lauter Schüler mit ihren Familienmitgliedern. Etliche Stände, welche Baumwolle, Selbstangefertigtes oder Speisen verkauften.

Lukas und ich gingen in den Musikraum, indem es genüsslichen Kaffee und Kuchen zum Verkauf gab.

Ein heller großer Raum, wessen große Fenster beinahe die ganzen Wandflächen einnahmen. Als ich kurz über meine Schulter blickte, sah ich sie. Die dunkelhaarige Schönheit. In ihrem dunklem, klassischem Flachstrick Sweatshirt sah sie entzückend aus. Er sorgte für eine schmale und feminine Silhouette. Dazu trug sie eine schlichte hellfarbene Jeans mit niedriger Leibhöhe und eng anliegendem Bein.

„ Und schon wieder tust du es“, unterbrach Lukas meine erstarrten Blicke.

„ Was tu ich?“

„ Na sie anstarren. Du starrst Milena an!“

„ Aber sieh sie dir doch einmal an, Lukas. Könntest du da weggucken?“

„ Siehst du doch. Ich kann es“, erwiderte er und schaute weg. „ Jeder ist einmal hinter ihr her gewesen, Hervé. Du bist nicht der Erste, glaub mir. Deshalb sag ich ja: Lass es besser. Es führt zu nichts, außer du bist scharf auf monatelangem Liebeskummer.“

Er sprach, wie selbst schon einmal erlebt.

„ Moment mal. Du etwa auch?“ fragte ich verwundert.

„ Nein Gott sei Dank nicht. Ich hab mir gleich gesagt, dass sie einfach eine Liga zu hoch für mich ist und mich damit abgefunden.“

„ Das heißt – Du hast sie gesehen und konntest einfach wegschauen? Wie hast du das bei dem Anblick geschafft?“

„ Na ja. Alles Übung, Großer“, sagte er und klopfte mir auf die Schulter.

Es war beeindruckend. Doch ich wollte nicht so sein wie er. Ich wollte bei solch einer Augenweide nicht weggucken müssen.

„ Aber… lass uns doch jetzt mit diesem Thema aufhören“, unterbrach Lukas mit einem Mal. „Schau mal, probier mal den hier, der Nusskuchen“, lenkte er geschickt ab.

Doch mich konnte er so leicht nicht von dem Gedanken abbringen. Während wir diskutierten, schlenderten wir durch den Raum.

Von einem Kuchenstand zum anderen an dem Lukas, während er diskutierte, von einem und dann gleich vom anderen Kuchen nahm.

„ Genieß doch lieber dein erstes Mal auf dem Schulbasare. Deiner Milena wirst du noch lange, lange hinterher schwärmen können“, sagte er freudigen Gemüts.

Ich schaute wieder zu der Stelle zurück, an dem Milena stand.

Aber nein. Sie war weg. Ich schaute hektisch um mich. Doch es war kein derart dunkles Haar mehr herauszukristallisieren.

„ Sie ist weg,“ sprach ich beunruhigend zu Lukas.

Er war weiterhin mit dem Kuchen beschäftigt.

„ Hey hörst du nicht? Sie ist weg.“

„ Was? Na – na dann tu, was auch immer du nicht lassen kannst. Such sie.“

„ Ich soll sie suchen? Ja und dann? Was mach ich dann?“

„ Sprich mit ihr, frag sie nach ihrem Namen, was auch immer. Tu einfach die Dinge, die man so tut.“

Das war einfacher gesagt als getan.

Doch Lukas hatte recht. Das war in der Tat meine Chance gewesen, sie endlich einmal vor Augen stehen zu haben.

„ Na los, geh schon. Ich werde noch ein paar Kuchen verschlingen und hier auf dich warten“, sagte Lukas.

„ Also gut. Und du bist auch wirklich hier, wenn ich wiederkomme?“ erwiderte ich.

„ Aber natürlich, na klar bin ich das.“

Ich rannte los.

Ich umging die Mengen, die an den Ständen standen, und schoss aus der Tür des Musikraums. Schnell lief ich die Stufen runter die zur Eingangstür führten.

Ich sah, wie diese sich nach weiter Öffnung, langsam wieder schloss. Es musste also gerade eben jemand aus ihr gegangen sein. Es musste sie sein. Ich stand nun auch draußen und schaute um mich. Nanu. Es war mittlerweile schon stockdunkel geworden. In Eile ging ich den Schulhof einmal auf und ab. Doch – Sie war nirgends zu finden. Mir war nun eine Chance entgangen. Möglicherweise sogar die Einzige. Enttäuscht ging ich somit wieder den Weg zum Musikraum zurück.

Ich fand einen ermüdeten Lukas auf einer Couch wieder, welcher in der Ecke des Raumes stand. An seinen Mundwinkeln konnte man erkennen, dass sein letztes Stück Kuchen wohl eines der Schokostreuselkuchen gewesen sein muss.

Dösig schaute er mich an.

„ Und? Hast ’n Date?“ fragte er schläfrig.

„ Negativ. Sie ist mir entwischt.“

„ Mach dir nichts draus, Kumpel. Sie wird schon wieder auftauchen.“

„ Sag mal, wie viele von den Kuchen hast du gegessen?“

„Eine Menge, Hervé, eine Menge“, sagte Lukas schlapp. „Na los, lass uns raus hier. Ich kann den Duft von Kuchen nicht mehr riechen.“

Wir gingen nun zum nächsten Raum. Es war so etwas wie ein Schuppen, welcher an der Werkstatt der Schule grenzte. Dieser beherbergte zahlreiche Bücher.

Von Romanen bis hin zu Kochbüchern. Beinahe alles an Lektüre war in ihm zu finden.

„Hey, schau doch mal“, rief mich Lukas laut herbei. „Ein Buch mit Liebesratschlägen“. Er hielt es weit hoch. Dann hielt er es vor sich und blätterte darin rum.

Er fing unvermutet an laut zu lachen, sodass alle sich im Raum befindenden erschraken und jäh aufhörten in ihren Büchern zu schmökern.

„ Ha, was für n Mist, das musst du dir anhören, Hervé:

„ Schauen Sie ihrer Angebeteten in die Augen, während Sie mit ihr sprechen“, las Lukas plötzlich lautstark einen Satz daraus vor. Er fing daraufhin an zu kichern und torkelte wie ein Betrunkener.

„ Lass das“, sagte ich und nahm ihm das Buch aus der Hand. „Na komm, die Bücher hier sind öde“, sagte ich und ging hinaus, damit er nicht noch mehr Dummes anstellte.

Neben dem Raum voller Bücher befand sich ein weiterer Raum. Ein Pavillon genau genommen. Diesen beaugapfelten wir ebenfalls. Hier wurden Steine und Kristalle verkauft. Orange, türkis und rote Tücher schmückten die sonst so kahlen Schultische.

Lukas nahm eine der Kristalle in die Hand und schaute ihn sich genauer an.

„ Entschuldigung“, fragte er dann höflich nach eine der Damen, welche an den Tischen standen. Eine erwiderte und nickte. „ Ja bitte?“

„ Was ist das für ein Kristall?“ fragte Lukas.

„ Ein Fluorit“, erwiderte sie genau.

„ Ein was?“

„ Ein Fluorit. Er wird auch Flussspat genannt.“

„ Aha“, entgegnete Lukas ihr unbeeindruckt.

„ Und was kann er?“

„ Momentan ist er farblos. Aber er kann fast jede erdenkliche Farbe annehmen.“

„ Jede? Wirklich jede?“ wirkte Lukas nun beeindruckter.

„ Ja“, antworte die Dame voller Zuversicht.

Mich beeindruckte es jedoch nicht im geringsten. Ich hatte genug vom Basar.

„ Luke, lass uns gehen. Ich will nach Hause“, sagte ich und ging in Richtung Türe.

„ Was soll das heißen … Hey warte doch mal. Warum willst du denn jetzt schon nach Hause? Du hast doch längst nicht alles gesehen“, sagte er aufmüpfig, lief mir hinterher und ließ die Dame stehen.

„Hör mal, ich – ich bin müde.“

„Du bist müde? Wir sind doch gerade einmal eine Stunde hier. Das ist unser dritter Raum und du bist müde? Das kauf ich dir nicht ab“, sagte er. „ Ist es ihretwegen? Gehst du, weil du dir erhofft hast, sie hier endlich in deinen Armen schließen zu können?“

„ Nein, das ist es nicht.“

„ Was ist es dann? Komm, bleib doch noch was“, versuchte er mich umzustimmen.

„ Ich dachte ich könnte heute mit ihr reden.“

„ Na siehst du. Es ist also doch ihretwegen. Hör mal“, sagte Lukas nun ernster. „Du wirst noch mehr Gelegenheiten bekommen, mit ihr zu sprechen. Sie ist doch hier und nicht Meilen weit weg. Ihr geht auf eine Schule. Lass jetzt nicht den Kopf hängen, ja? Hast du mich verstanden?“ Ich nickte.

„ Na also. Na komm, lass uns zu dem Würstchenstand gehen.“

Lukas spendierte mir eine Bratwurst mit Brötchen.

Ich war erstaunt, wie viel er essen konnte. Und was die Dunkelhaarige anging, hatte er recht.

Der Tag, den ich an meinem ersten Schulbasar verbrachte, näherte sich dem Ende. Er wurde durch ein kurzzeitiges Gewitter unterbrochen. Trotz des mulmigen Wetters packten alle, beim Abbau des Basars, kräftig mit an.

Selbst ich schleppte ein paar Tische in die Klassenräume zurück. Es gab mir irgendwie das Gefühl des Zusammenhalts. Alle arbeiteten an einer Sache. Lukas Mutter fuhr mich anschließend nach Hause.

Der 1.November

Der Tag der ersten Begegnung, der Mittwochmorgen, gehörte nun jetzt schon seit drei Monaten der Vergangenheit an. So langsam wurde ich verrückt. Ich fürchtete ständig, es könnte mir jemand zuvor kommen. Sie mir wegschnappen. Mittlerweile hatte ich auch schon ihr Umfeld studiert. Da war dieser eine große Kerl. “Richard”.

Er hatte dickes, blondes Haar, welches er in einem Undercut trug, was ihn, in Kombination mit seinen Markenklamotten, herrschaftlich, vornehm und wie aus Hohem Hause aussehen ließ. Blaue, traurig drein guckende Augen und eine aufrechte Haltung, beinahe überkandidelt.

Er war zu fast jederzeit an Milenas Seite, als sei er ihr Leibwächter. Dann war da noch “Sarah”. Winzige, exotische, braune Augen, gelockte Haare, diese sie bis zur Schulter trug, südliche Gesichtszüge und eine lässige Gangart. Sarah und Milena waren ganz dicke miteinander. Sie beide sah man auch selten allein.

Eines Nachts dachte ich über etwas nach. Ich dachte darüber nach, auf Milena zuzugehen und mich ganz höflich vorzustellen. Ich meine, was war schon dabei? Mittlerweile wusste selbst die halbe Stufe von meiner Begierde nach ihr. Sie war so etwas wie ein Juwel, das stark bewacht wurde. Sobald jemand sie anwarb, musste gleich jeder um sie herum wissen, wer es war der um sie warb und ob er ihrer würdig war. Wenn dieser es nicht war, hörte man bloße Stille, jedoch tuschelten sie hinter dem Rücken desjenigen. Doch wenn er es war, und sie es ihm gönnten, schrie man ordentlich Glückwünsche aus. Manchmal kam ich mir vor wie im Zeitalter von Tolstoi.

Nun, wie aber stellte ich das an? Sollte ich sie in der Pause einfach überraschen und sagen: „Hi ich bin der neue und heiße Hervé?“ Das klinge bescheuert. Es musste sorgfältig geplant sein.

Am Tag darauf fragte ich Lukas, wie es wohl am besten sei. Der Plastizierunterricht diente hervorragend dazu, um kleine Gespräche zu führen.

Der Unterricht fand in einem taghellen Raum statt. Obwohl dieser sich, so gesehen im Untergrund befand, war er immer lichtdurchflutet. Überall lagen Tonarbeiten anderer Schüler. Lukas und ich gingen beiseite.

„Was ist?“ fragte er verdusselt.

„ Also hör mal, ich hab mir da was überlegt: Was ist, wenn ich Milena heute in der Pause einfach – einfach anspreche, zu ihr hingehe?“

„ Ja und? Was soll schon dabei sein? Machs doch einfach“, erwiderte er besonnen.

„ Und du glaubst das wäre gut? Ich mein, so aus heiterem Himmel?“

„ Das wolltest du letztens am Basar doch auch machen.“

„ Ja, aber jetzt ist es was anderes. Ihre Freunde gucken oder eher die ganze Stufe. Und da ist immer dieser Richard. Der lässt sie nicht einmal aus den Augen.“

„ Na und? Dann nimm sie dir beiseite. Oder am besten ganz weg vom Schulhof, wo ihr eure Ruhe habt“, schlug Lukas vor.

„ Ich soll sie einfach wegschleppen?“

„ Nicht wegschleppen. Erst dich vorstellen und so weiter. Bis ihr so was wie einen Small Talk führt und dann so langsam dich wegbewegen von der Masse.“

Wie meint der das? Und woher wusste er den ganzen Kram überhaupt? Ich konnte mich nicht erinnern, Lukas jemals mit einem Mädchen reden zu sehen.

„ Und du glaubst das klappt?

„ Kann ich dir nicht garantieren. Versuchs. Und wenn nicht, kannst du dir wenigstens sagen, dass du’s versucht hast.“

„ Woher weist du das alles eigentlich?“ fragte ich ihn.

„ Was alles?“

„ Na das ganze Zeug, was du von dir gibst? Gibst da irgendwie einen Kurs zu?“

„Einen Kurs?“ fing er an loszulachen. „Und wie glaubst du sollte der heißen? “Kennenlernen leicht gemacht”? “Kennenlernen für Waschlappen”?“ Konnte Lukas nicht mehr aufhören zu lachen.

„Ich hab mich nur gefragt, woher du das alles weist.

Du sprichst nämlich als hättest du Erfahrung.“

„ Weist du was, ich sag dir mal was: Dafür braucht man kein Handbuch, keine pubertäre Zeitschrift die einen Ratschläge erteilt und schon gar nicht einen Dr. Sommer oder einen Kurs, okay? Alles was du brauchst hast du. Sei einfach du selbst, das ist alles.“

„ Und glaubst du ich sollte schon heute, oder?“

„ Warte lieber noch was. Ich glaube du bist noch nicht so weit“, sagte er. Hmm, einfach ich selbst sein, dachte ich über seine Worte nach. Fragt sich wie man ohne nervös zu werden man selbst sein konnte. Vor einem Weibsbild wie Milena – war das doch unmöglich. Wie konnte man, man selbst sein?

„ Komm, die Tonfigur. Wir sind noch gar nicht fertig geworden.“

Wir gingen wieder an unsere Arbeiten. Doch ich war ganz woanders.

Was meinte er schon wieder mit ‘ich sei noch nicht so weit’. Wann war man denn so weit? Ich glaube man sollte so etwas doch einfach bei Gelegenheit tun, oder? Es gab keine zeit, an der man so weit sein konnte. Oder? Ich wusste es nicht! Und es plagte mich. Denn ich wollte es, wenn überhaupt, richtig machen. Das Signal der Pause erklang. Lukas und ich begaben uns nach draußen. Wir gingen vorbei an den Tischtennisplatten und vorbei an der Turnhalle. Dann hockten wir uns wie immer auf den Steinen hin, die aufeinander gereiht Stufen ergaben. Ich wartete auf etwas. Lukas nicht. Er gaffte den Mädchen aus der Dreizehnten hinterher.

Ich wartete immer noch. So langsam schwitzten meine Hände.

„ Was bist du denn so zügellos?“ fragte Lukas mich, als er bemerkte, wie ich mir die Hände an der Hose rieb und mit den beinen zappelte.

In dem Moment öffneten sich die zwei breiten Türen des Aulafoyers.

Ein Elftklässler nach dem anderen stürme raus. Dann erblickte ich Richard zuerst, so groß, wie er war. Gleich darauf sie. Und Lukas tat es mit mir.

„ Okay, ich weis warum“, sagte er daraufhin. „ Aber du willst doch nicht … “

Ich konnte nicht mehr warten. Ich musste irgendetwas tun. Ich hatte lange genug gewartet. Ich erhob mich.

„ Was – was hast du vor?“ fragte mich Lukas besorgt.

„Ich kann nicht noch länger warten, das halt ich nicht aus“, erwiderte ich und ging die Stufen hinab, um gleich darauf ihr entgegen zu laufen.

„Aber nein, warte doch, du stürzt dich ins Unglück, Hervé’“, warnte mich Lukas und wollte mich zurückziehen.

Ich ging also geradewegs auf sie zu. Währenddessen versuchte ich mein ‘sei du selbst’ zu aktivieren. Es funktionierte irgendwie nicht. Ich war nervös wie sau. Nervöser denn je.

Ihre Freunde standen um sie und Richard und Sarah gleich neben ihr. Ich fürchtete man könne mir meine Nervosität und Angst ansehen.

Jetzt stand ich genau hinter ihr.

Richard drehte sich zu mir um und Sarah gleich mit ihm. Sie machten beide ein verwirrtes Gesicht. Sie verstanden nicht, was ich plötzlich dort wollte. Obwohl Milena mit dem Rücken zu mir stand, merkte sie, dass jemand hinter ihr stand. Sie machte jedoch keinerlei Bewegungen. Bis ich sie grüßte.

„ Hey.“

Ich glaub ich kam mir nie idiotischer vor.

„ Kann man dir weiterhelfen, Sprössling?“, sprach dann Richard mit verächtlichem Ton, worauf die Runde die um Milena stand anfing, ein Gelächter anzustimmen.

„ Sei doch nicht immer so ordinär, Richard“, sagte Sarah.

Ich gab dem jedoch keinerlei Beachtung. Ich wartete bloß bis Milena, was sagte.

Und mit einem Mal umringte uns eine Totenstille. Jeder wartete ab. Mein Herz fing an wie verrückt zu pochen, sodass ich beinahe in Schwindelgefühlen verfiel. Mit einem Mal hatte ich, vor lauter Nervosität vergessen, welcher Sinn hinter diesem großen Kino steckte, das ich gerade dem ganzen Pausenhof bot. Was genau wollte ich von ihr? Was war es, dass mich so dermaßen fesselte und mich dazu brachte, alles um mich herum zu vergessen?

Es war ihr Haar, es war ihr Duft, welcher sich nach kleinen Brisen von einer ihrer Strähnen abwarf, es waren etliche Faktoren an ihr, die mich rasend machten. Milena machte dann kehrt.

„ Hallo“, sagte sie zurück.

Daraufhin zerrte sie Richard weg und sie gingen. Milena ließ mit sich machen und alle anderen, die drum herum standen, folgten den beiden. Doch sie schaute zurück, für einen kurzen Augenblick. Das gab mir das Zeichen, dass ich gewonnen hatte.

Ich schloss für einen kurzen Moment lang die Augen und ließ alles erst einmal sacken. Es war ein Anfang. Ein Anfang von womöglich Tausenden weiteren Begegnungen. Doch ich wusste auch, dass einer es mir nicht leicht machen würde: Richard.

Lukas, der sich alles von der Ferne angeschaut hatte, kam in windest Eile auf mich zu und schüttelte mich am ganzen Leibe.

„ Man bist du denn verrückt? Ich sagte doch du bist noch nicht so weit. Na schön, sie hat dich zurückgegrüßt, mit dir gesprochen, meinen Glückwunsch. Aber was wäre wenn nicht? Was wäre, wenn dieser Goliath von Richard dich vor allen bloßgestellt hätte? Du hättest mit einem Mal deine ganze Würde verloren.“

„ Ich pfeif auf die Würde. Hast du diese Augen gesehen? Und wie ihr Haar dabei im Winde geweht hat, als sie sich zu mir drehte?“

„ Ich sehe du scheinst hoch erfreut zu sein, aber freu dich bitte nicht zu früh. Dieser Richard wird es dir nicht leicht machen, das sehe ich jetzt schon. Hast du gesehen, wie er sie weggezerrt hat, als hättest du eine ansteckende Krankheit? Als wärst du ihrer nicht würdig? Dieser Richard und sein Anhang sind doch alles Bonzen. Die wollen nicht sehen, dass ihre Mädchen sich mit Leuten wie du und ich abgeben.“

„ Mit Leuten wie du und ich? Was ist so verkehrt an uns?“

„ Wir sind halt eben nicht die. Wir haben nicht reiche Eltern oder wurde bereits mit goldenen Löffeln gefüttert, als wir noch Windeln trugen. Leute wie Richard schauen auf uns herab.“

„ Aber wieso gerade auf uns?“

„ Es sind nicht nur wir. Sie schauen auf alle herab, die keine Kohlen haben, wie sie.“

„ Und du glaubst Milena tut das auch?“

„ Ich befürchte ja. Aber du solltest selbst gucken.“

Der Unterricht hatte nun schon vor einer viertel Stunde begonnen. Doch während die Lehrerin sprach, fiel es mir enorm schwer, ihr meine Aufmerksamkeit zu schenken.

Ich fragte mich immer noch, wie ich es hätte besser machen können.

Oder … Wollte sie etwa nicht mit mir reden – weil sie mich für widerlich hielt?

Wieso hatte sie sich nicht von Richard losgerissen, wenn sie doch schon angefangen hatte, mit mir zu sprechen? Hatte Lukas etwa recht mit dem, was er vorhin sagte? All diese Fragen tummelten sich in meinem Kopf und dachten nicht daran zu verblassen. Meine Abwesenheit fiel nicht nur meinem Sitznachbarn auf, denn schon wurde auch Frau Zimmer darauf aufmerksam.

„ Vielleicht kann uns ja Hervé sagen, was die Definition eines Stützvektors ist, meint ihr nicht auch?“ fragte Frau Zimmer plötzlich.

Damit löste sie ein Kichern im ganzen Klassenraum aus.

Sie hatte natürlich sofort mitbekommen, dass ich mit meinen Gedanken ganz woanders war als in ihrem Mathematikunterricht.

„ Und? Was sagt unser schweigender Mitschüler?“ Lukas, der genau hinter mir saß, flüsterte mir zu.

„ Einen Punkt, Hervé. Einen Punkt, an dem die Gerade befestigt ist.“

„ Einen Punkt, an dem die Gerade befestigt ist?“ sagte ich ihm unsicher nach.

„ Herr Honecker“, sprach Frau Zimmer nun zu Lukas. „Seinem Klassenkameraden die Antworten zuzutuscheln macht es auch nicht besser und ist zugleich höchst unproduktiv! – Und was sie betrifft, Herr Depardieu: Seien sie zukünftig mit ihren Gedanken besser im Unterricht!“ sagte sie, während sie sich wieder zur Tafel drehte und eine neue Aufgabe anschrieb.

„ Er ist bei seiner dunkelhaarigen, die von Brahnberg“, rief ganz plötzlich jemand aus der hinteren Reihe. Es war Max, welcher in allem seine Nase stecken musste. Lautes Gelache kam auf.

„ Halt bloß den Mund!“ sagte ich wütend und drehte mich zu ihm um. Er fing daraufhin an widerwärtig zu grinsen.

„ Schluss jetzt! Ich will nichts mehr davon hören!“ brüllte Frau Zimmer in das Gewirr der Klasse.

„ Als wenn du auch nur den Hauch von einer Chance bei ihr hast, Hervé“, rief Max nun ein zweites Mal aus. Wut kam in mir auf, den ich nicht mehr unterdrücken konnte.

„ So, jetzt reicht’s!“ sagte ich aufgebracht. Ich stand auf, drängte mich durch die Reihen und fegte zu ihm hin, bis mich die laut aufschreiende Stimme Frau Zimmers aufhielt.

„ Hinsetzen!“ schrie sie abrupt und setzte das Lineal, das sie in der Hand trug in meine Richtung.

„ Hervé, lass gut sein, ignorier den Taugenichts von Max doch einfach“, sprach mir Lukas zu.

Ich wollte dem nicht folge leisten. Dann erhob sich die Stimme Frau Zimmers nochmals und klang mit einem Mal drohender und noch wuchtiger: „Ich – habe – gesagt – sie sollen– sich hinsetzen, Hervé! Nun machen sie schon, na los, hinsetzen!“

Sie schrie so laut, dass „Anne-Sophie“, welche gleich zu ihrer linken saß sich die Ohren zu hielt. Alle anderen hielten erschrocken inne. Daraufhin ballte ich meine Fäuste zusammen und ging rasend auf meinen Sitzplatz zurück. Es brauchte seine Zeit, bis ich wieder runterfuhr. Auf den Unterricht konzentrieren konnte ich mich ohnehin nicht mehr. Alles langweilte mich plötzlich. Nichts schien mehr interessant zu sein außer – Sie. Ich wollte bei ihr sein. Ich wollte mit ihr reden, noch einmal ihr Gesicht gesehen. Ich wollte sie gleich jetzt entführen, auf eine große weite Wiese. Nur ich und sie. Nach langem Grübeln entschied ich mich dafür, den Unterricht Frau Zimmers zu verlassen. Ich wollte und konnte nicht mehr, hier, unter diesen Leuten sitzen, die mich für verrückt hielten, weil ich Milena von Brahnberg angesprochen hatte. Was für ein absurder Gedanke. Wie konnte man so denken? Was war daran falsch jemanden anzusprechen den man mochte?, grübelte ich gerade wütend vor mich hin. Ich fing an die Minuten und Sekunden, zu zählen. Die Minuten und Sekunden, an denen ich alles hinter mir lassen würde, all das. Jetzt war ich nur noch Sekunden davon entfernt, meiner Klasse den Rücken zu kehren. 10– 9– 8 …Es packte mich eine Lust des Ungehorsams. 7– 6– 5– 4, wollte nur noch raus hier, weg von all den falschen Gesichtern, die mich umgaben. 3–2–1 … .Schnell packte ich meine Sachen, wobei meine Mitschüler auf das sich Schließen der Reisverschlüsse aufmerksam gemacht wurden.

„Was tun sie da?“ stoß Frau Zimmer ganz schnell an, worauf sie abrupt aufhörte, das Dreieck in das Koordinatensystem zu zeichnen.

„ Wonach sieht es denn aus? Ich gehe!“ antwortete ich frech.

„ Es ist Unterrichtszeit, sie gehen nirgendwohin!“ ‚ Und ob ich das tue“, erwiderte ich aufständisch.

„ Hör auf sie, Hervé. Man, du bringst dich doch nur in Schwierigkeiten “, mischte sich Lukas wieder ein.

„ Überlegen sie sich gute was sie tun, Hervé. Sie glauben ja nicht, mit welchen Konsequenzen sie konfrontiert werden.“

Ich aber ignorierte ihren Satz und auch Lukas’s Versuche mich von meinem Vorhaben abzuhalten. Ich drängte mich durch die Sitzreihen. Entsetzte Blicke meiner Mitschüler redeten mir ins Gewissen, doch ich war fest entschlossen. Ich wollte nur raus!

Gerade wollte ich die Türe zuknallen, da hörte ich Frau Zimmers letzte Worte.

„ Konsequenzen, Hervé, hohe Konsequenzen.“

Ich knallte die Tür.

Normalerweise war ich nicht so ein Rüpel. Deshalb hielt die gesamte Klasse auch derzeitig den Atem an. Doch alles war mir in diesem Moment zu Kopf gestiegen. Max, pah, für wen hielt er sich eigentlich, so etwas zu behaupten?

Zu Hause angekommen ging ich hoch auf mein Zimmer und Schmiss mich auf mein Bett. Es dauerte auch nicht lange bis Mutter mir hinterher geeilt kam.

„ Hervé? Was machst du denn so früh schon hier?“ fragte sie und schloss dabei die Türe hinter sich.

„ Hab frei.“

„ Du hast frei? Was soll das heißen du hast frei? Es ist gerade mal elf“, sagte sie und zeigte auf die mit Holzbesteck, selbst gebastelte Uhr, welche gleich über meinem Schreibtisch hing.

Mir fielen keine Worte mehr ein. Ich blieb sprachlos und versank in Gedanken:

Sie drehte ihr Gesicht zu mir und schaute in meine Augen. Sie war noch schöner als ich sie mir andauernd vorstellte. Am meisten faszinierte mich ihr selten dunkles Haar, welches im Sonnenlicht so glänzte, dass es alle Blicke auf sich zog. Die vollen Wimpern, die blutroten Lippen. Sie war vollkommen.

„ Du bist neu hier oder?“ fragte sie mich.

Ohne auf die Frage einzugehen, sagte ich ihr verträumt sie sei wunderschön. Daraufhin kam sie einen Schritt näher und nahm meine Hand. Alle schauten gerührt.

„ Hervé! Mensch ich rede mit dir. Wirst du wohl gefälligst antworten? Was um Himmels willen ist denn nur los mit dir, Kind?“ weckte mich Mutter mit einem Stups aus meiner Trance.

„ Mama, es gibt da was, was ich dir sagen muss“, sagte ich und richtete mich zur Bettkante auf.

Verwirrt und gleichzeitig gespannt setzte sie sich vorsichtig neben mich.

„ Was ist denn los, Schatz?“ fragte sie bekümmert.

„ Ich hatte heute Ärger in der Schule.“

„ Ärger? Was in Gottes Namen meinst du denn damit?“ fragte sie.

„ Na Ärger halt!“

„ Was hast du angestellt?“

Ich atmete tief durch und fing dann an zu erzählen:

„ Mama …Seit ich auf der neuen Schule bin, denke ich an nichts anderes mehr als an sie. Irgendwas hat sich verändert, verstehst du? Kannst du dich noch an den Morgen erinnern an dem Du mich zur Schule gefahren hast, weil du dir Sorgen gemacht hast, dass ich wieder zu spät komme? Der Mittwochmorgen? Dieser Tag veränderte alles. Denn da bin ich ihr das aller erste Mal begegnet.“

„ Wem? Wem bist du dort das aller erste Mal begegnet?“ fragte Mutter.

„ Na ihr. Der Dunkelhaarigen.“

„ Der Dunkelhaarigen?“

„ Ja, der Dunkelhaarigen.“

„ Wer zum Teufel ist denn die Dunkelhaarige, Junge?“

„ Ihr Name ist Milena. Milena von Brahnberg“, sagte ich.

Sie hielt einen Augenblick lang inne.

„ Mein Schatz: Zum einen schicken wir dich NICHT auf eine Bildungseinrichtung um irgendwelche

dunkelhaarigen Mädchen kennenzulernen, SONDERN Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften oder Sonstiges das in der Schule unterrichtet wird kennenzulernen! Zum anderen – eehm“, viel sie kurzzeitig aus ihren Gedanken „Ehm – wie auch immer. Jetzt erkläre mir doch mal, warum ich dich so früh schon hier antreffen muss!“ schimpfte sie und runzelte die Stirn.

„ Nun… Also – ich saß im Klassenraum, konnte mich jedoch nicht auf den Unterricht konzentrieren, weil ich mit meinen Gedanken wieder nur bei ihr war. Ich fragte mich ständig, was ich vielleicht falsch gemacht haben könnte. Und dachte an den Augenblick zurück, an dem sie sich nochmals umgedreht hat und zu mir zurück geschaut hat, nachdem Richard sie weggezerrt hatte.

Mutter verstand nur noch Bahnhof.

Jedenfalls waren meine Gedanken gerade ganz woanders. Nun ja, Frau Zimmer wurde dann darauf aufmerksam gemacht und fragte mich plötzlich …

Ich erzählte ihr das ganze Szenario, welches sich vorhin in der Klasse abspielte, mit der Hoffnung am Ende auf Verständnis zu stoßen. Falsch gedacht!

„Du bist einfach gegangen? Du hast dich einfach so aus dem Staub gemacht ohne dich für dein Verhalten zu entschuldigen?“ sagte Mutter empört.

„ Entschuldigen? Wofür denn? Für etwas das Ich nicht getan habe?“

„ Also Hervé, hier liegt doch klar auf der Hand was du getan hast. Du hast dich deiner Lehrerin gegenüber respektlos verhalten. Du weist, dass sich das nicht gehört. So haben dein Vater und ich dich jedenfalls nicht erzogen!

Du wirst dich entschuldigen!“ sagte sie und richtete ihren Zeigefinger auf mich.

„Und was ist mit dem Jungen aus der hinteren Reihe? Hat er sich etwa nicht respektlos verhalten?“

„Dieser Junge interessiert mich nicht. Du wirst dich entschuldigen, hast du verstanden? Und damit basta!“

„Aber Mama …

„Nichts da!“ fiel sie mir ins Wort, stand auf und ging zur Tür.

„Keine widerrede! Ich möchte, dass du dich gleich morgen bei Frau Zimmer für dein Verhalten entschuldigst!“

Daraufhin ging sie aus der Tür, schloss sie aber hinter sich nicht. Während sie dann die Treppe hinunter ging, wiederholte sie: „ Gleich morgen hörst du?“

Ich verstand nicht, warum sie nicht verstand, aus welchem Grund ich mich derart verhalten hatte. Ich fühlte mich missverstanden. Gerade von ihr hätte ich mit ein wenig Verständnis gehofft. Es war ein harter Tag.

Doch zugleich ein erfreulich. Der 1. November war wohl ein Tag, den ich lange, lange im Gedächtnis behalten würde. Denn heute hatte Milena von Brahnberg das erste Mal mit mir gesprochen.

Der Tag darauf

Mühsam öffnete ich meine Augen. Es war schon hell geworden.

Das konnte nur bedeuten, dass mich mein Wecker mal wieder im Stich gelassen hatte. Es war schon kurz nach acht.

Rasch stieg ich aus meinem warmen Bett und rannte noch im Halbschlaf ins Bad. Ich malte mir schon aus, wie die Klasse sich wieder einmal zur Tür umdreht und genervt zu mir schaut. Grad hatte ich mich zurechtgemacht da stand die Uhr nun schon auf halb neun. Ich wollte gerade die Treppe hinunter, bis mir der Gedanke kam, Mutter doch zu bitten, mich zur Schule zu bringen. Nun ja, Begeisterung zeigte sie nicht gerade. Doch ihr Pflichtgefühl zwang sie dazu sich aus dem Bett zu rekeln. Schnell zog sie ihren Bademantel rüber und spazierte, ohne einen Ton von sich zu geben an mir vorbei und dann die Treppe runter Richtung Diele. Es war offensichtlich. Sie war genervt. Genervt von meinen ständigen Verspätungen und anscheinend immer noch genervt aufgrund des Vorfalls mit Frau Zimmer.

Gerade die Autoschlüssel aus dem Schlüsselkasten entnommen seufzte sie:

„ Wieso spielt sich jeden Morgen eigentlich das Gleiche ab, Hervé, Wieso? Kannst du mir das Mal verraten?“

Ich wusste nicht was ich darauf hätte antworten sollen. Wenn ich damit verteidigt hätte, dass der Wecker wieder einmal nicht geklingelt hatte, würde sie sagen: „ Jaja, das ist doch immer wieder die gleiche Leier.“ Deshalb hielt ich lieber meinen Mund.

Verdammt kalt war es im Auto. Und dazu hielt uns auch noch der Meter lange Stau auf. Es war jedes Mal dasselbe. Selbst der Bus hätte mich aufgrund der Spur, die man gesondert für ihn eingerichtet hatte, (damit man ihn nicht von der Pünktlichkeit abhielt) schneller an mein Ziel bringen können.

Mutter und ich redeten vorerst nicht miteinander. Bis sie dann anfing.

„Vergiss nicht, du hast es versprochen!“

„Was hab ich versprochen?“ fragte ich.

„Na, dass du dich bei ihr entschuldigst. Und zwar heute noch! Nicht morgen, ...

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