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Claras Melodie

AURORE GUITRY

CLARAS
MELODIE

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ROMAN

Aus dem Französischen
von Anja Nattefort

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Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

18. Februar 2012, Flughafen Orly, Paris

Rom

19. Februar 2012, Trastevere, Rom

20. Februar 2012, Trastevere, Rom

21. Februar 2012, Trastevere, Rom

22. Februar 2012, Trastevere, Rom

23. Februar 2012, Piazza Grazioli, Rom

24. Februar 2012, Lettere Caffè, Trastevere, Rom

25. Februar 2012, Trastevere, Rom

26. Februar 2012, Trastevere, Rom

29. Februar 2012, Irgendwo in der Nähe von Erice, Sizilien

1. März 2012, Irgendwo in der Nähe von Erice, Sizilien

2. März 2012, Während des Fluges Palermo-Rom

3. März 2012, Trastevere, Rom

Während des Fluges Rom-Paris

4. März 2012, Invalides, Paris

5. März 2012, Invalides, Paris

6. März 2012, Invalides, Paris

Filles du Calvaire, Paris

Invalides, Paris

7. März 2012, Saint-Germain-En-Laye

8. März 2012, Saint-Germain-En-Laye

9. März 2012, Krankenhaus Pitié-Salpêtrière

Epilog

Anmerkung Und Dank

Fußnoten

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin und zur Übersetzerin

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Für Éléonore

18. FEBRUAR 2012
FLUGHAFEN ORLY, PARIS

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Éléonore,
entschuldige, dass ich vor meiner Abreise nicht mehr bei dir vorbeigekommen bin. Wenn du diese Zeilen liest, wirst du es bestimmt verstehen und mir nicht böse sein.

Wo fange ich bloß an, wie soll ich dir erklären, was mich hierhergeführt hat? Ganz sicher hat Mahabés Gesang großen Anteil daran, denn ohne ihn würde ich nicht gleich in dieses Flugzeug steigen. Das wird dich wundern, wo ich früher doch immer geflohen bin, wenn sie anfing zu singen.

Aber seit unserem Unfall ist nichts mehr wie früher.

Kurz bevor wir damals von der Straße abkamen, war mir, als hörte ich Mahabé. Ihr Gesang begleitete das ganze Geschehen und verstummte erst, als die Rettungswagen eintrafen.

Und vorhin auf der Taxifahrt habe ich ihn wieder gehört, im Radio.

Nachdem ich heute Morgen kurz entschlossen ein Flugticket nach Rom gebucht und, ohne groß nachzudenken, ein paar Sachen in die schwarze Reisetasche gestopft hatte, die du sicher längst aussortiert hättest, packten mich doch Zweifel. Ich starrte auf das Ticket und wurde unsicher. Gab es diese Partitur überhaupt? Würde es tatsächlich gelingen, dich mit ihrer Hilfe ins Leben zurückzuholen? Mein klarer Verstand gewann plötzlich wieder Oberhand. Ich sagte mir, dass der Kummer mich zu gutgläubig gemacht hatte, dass ich mich von meinem Vater und seinen teuflischen Marotten hatte in die Irre leiten lassen und dass mein Platz an deiner Seite war, im Krankenhaus. Ich wollte den Taxifahrer schon bitten umzukehren. Doch genau in diesem Moment hörte ich Mahabés Gesang, mit dem sie uns immer in die afrikanische Nacht begleitet hatte.

Einen Augenblick lang glaubte ich, vor lauter Schuldgefühlen zu halluzinieren. Seit dem Unfall kommt es häufiger vor, dass ich Schreie höre, Wortfetzen oder Sirenengeheul. Aber diese Stimme im Radio war vollkommen real.

Während ich ihr lauschte, sah ich die zarten Falten in deinem Gesicht vor mir, folgte ihnen in Gedanken auf den Pfaden der dahinfließenden Zeit. Ich sah deine geschlossenen Augen im Halbdunkel unseres Zimmers, spürte, wie deine Fingernägel sich in meinen Arm bohrten, während wir uns liebten, damit ich mich in dir verzehrte. Jahre zogen zu diesem Gesang an mir vorüber.

Danach konnte ich nicht mehr umkehren.

Nun sitze ich im Flugzeug, und es gibt kein Zurück mehr. Aber so verrückt es auch klingen mag, ich hoffe trotzdem, dass es diesen Weg gibt, dich zu retten. Mit einem unwahrscheinlichen Mittel: einer Partitur.

Kaum zu glauben, dass ausgerechnet mein Vater mir diese Hoffnung einhauchte. Mein Vater und seine Musik.

Heute wäre er zweiundsiebzig geworden.

Der Gedanke hinterlässt gemischte Gefühle in mir.

In den vergangenen zehn Jahren hatte ich es geschafft, ihn zu vergessen. Nachdem er mich eines Morgens im Oktober für immer aus dem Haus gejagt hatte, war ich fest entschlossen, ihn aus meinem Gedächtnis zu streichen. Mitsamt seinem Klavier und seinen Geburtstagen.

Erinnerst du dich noch, wie wir uns kennengelernt haben, du und ich? Im Hausflur? Du wolltest einkaufen gehen, und ich kam gerade von einer Verabredung mit François. Du warst erst zwei Wochen zuvor eingezogen – einen Höllenlärm hattet ihr bei deinem Umzug veranstaltet, ein unglaubliches Hin und Her, und ihr habt so laut gelacht, dass die Wände zwischen unseren Wohnungen wackelten. Ich hatte schon Angst, dass es nun vorbei wäre mit meiner heißgeliebten Ruhe. Spät am Abend wurde es dann ruhiger, die Schritte entfernten sich, es kehrte wieder Stille ein. Eine Stille allerdings mit neuen Variationen, an die ich mich erst noch gewöhnen musste, sie war nicht mehr so rein. Hinter der Wand nahm ich plötzlich ein leises Gurgeln wahr – dein Heizkessel, wie ich später erfuhr. Am nächsten Tag erfüllte das Plätschern des Wassers in deiner Dusche mein Zimmer, dann der zarte Rhythmus deines gleichmäßigen Gangs. Und schließlich deine Stimme, die das Klanggemälde vollendete und mich in einen nahezu fiebrigen Zustand versetzte.

An den folgenden Tagen war es mir unmöglich zu arbeiten, dabei wartete François bereits ungeduldig auf das Manuskript meines ersten Romans. Durch deine Präsenz im Zimmer nebenan verschob sich der Abgabetermin, den er mir gesetzt hatte, unaufhörlich nach hinten. Ich versuchte nachts zu schreiben, weil ich hoffte, es würde mir leichter fallen, wenn du schläfst. Aber schon das leiseste Räuspern oder Knarren riss mich wieder aus meinem Buch heraus. Am schlimmsten war es, wenn du aus dem Haus gingst. Sobald sich der Schlüssel in deinem Türschloss drehte, wollte ich aufspringen und dich im Treppenhaus abfangen. Aber die Vorstellung, wie ich bei dem Versuch, ein Gespräch einzufädeln, schüchtern stammelnd vor dir stehe, ließ mein Vorhaben jedes Mal im Ansatz scheitern.

Nach deiner ersten Woche als meine Nachbarin sah ich aus wie ein Irrer. Nach der zweiten war ich dem Wahnsinn tatsächlich nahe. Ich verließ meine Wohnung kaum  noch, aus Angst, dir zufällig zu begegnen und dann nicht die richtigen Worte zu finden. Bis François mir schließlich androhte, persönlich bei mir zu erscheinen, wenn ich nicht endlich die letzten Manuskriptseiten meines Romans ablieferte. Ich verbrachte die ganze Nacht mit Ohrstöpseln an meinem Schreibtisch, das Resultat war nicht sehr überzeugend, wie du weißt. François schickte mich wieder nach Hause, damit ich das Ganze noch mal überarbeitete. Seine Kritik wühlte mich so auf, dass ich im Treppenhaus gar nicht mehr an die Möglichkeit dachte, dir über den Weg zu laufen.

»Guten Tag. Ich bin Éléonore, Ihre neue Nachbarin.«

Ich war sprachlos. So verführerisch hätte ich mir dich nie ausgemalt. Mit deinem rotblonden Haar, diesen grünen Augen, diesen perfekt geformten Lippen …

»Guten Tag.«

Ich murmelte nur unverständliches Zeug und grinste wie ein Trottel. Aber du warst ohnehin längst weitergelaufen.

»Hätten Sie Lust, ein Gläschen mit mir zu trinken? Ich habe etwas zu feiern.«

Mit diesem plumpen Annäherungsversuch – dem erbärmlichsten, den ich je gewagt habe – begannen die Jahre unseres gemeinsamen Lebens.

Jede andere hätte mich für einen Vollidioten gehalten, völlig zu Recht, aber du warst irgendwie gerührt. Du hast das Einkaufen gestrichen, und wir haben uns bis tief in die Nacht unterhalten. Du hast mich neugierig zu allem Möglichen gelöchert, und ich gestand dir alles, was du wissen wolltest: dass ich gern in ruhiger Umgebung schrieb, um der Musik zu entkommen, unter welchen Existenzängsten ich litt und was meine Traumreise wäre. Nur als dein Interesse sich auf meine Familie richtete und ich wieder das hassverzerrte Gesicht meines Vaters vor mir sah, der seine Empörung darüber hinausbrüllte, dass ich meine Laufbahn als Pianist beenden wollte, schwieg ich. Nicht lange. Aber doch lange genug, um dir zu verstehen zu geben: Die Umstände hatten mich zum Waisenkind gemacht. Meine Vergangenheit würde dir verborgen bleiben.

Zumindest vorläufig.

Damals wusste ich noch nicht, dass es nicht deine Art ist nachzugeben.

Du warst es, die mich dazu überredete, ihn vor unserem Aufbruch nach Afrika noch einmal zu besuchen.

»Du musst dich wenigstens von ihm verabschieden«, hast du mir ins Ohr geflüstert, während ich dich streichelte.

Ich konnte noch so sehr protestieren, du hast sanft, aber hartnäckig darauf bestanden. Ich hatte immer den Verdacht, dass du meine Herkunft einem Gesicht zuordnen und meine Wut in den Augen meines Vaters erkennen wolltest. Es machte dir Angst, den wichtigsten Menschen meiner Kindheit nicht zu kennen. Schattenzonen kannst du nicht ausstehen.

Nur dir zuliebe hatte ich mich an jenem Montag darauf eingelassen, zu meinem Vater zu fahren. Ich erinnere mich sogar an den Wochentag, siehst du? Es war ein Montag. Welcher Tag eignet sich besser, um einen Strich unter die eigene Vergangenheit zu ziehen? Und vor allem, um dir zu beweisen, dass mein Vater mich nicht liebte, dass seine Zuneigung immer davon abhing, wie meine Tonleitern klangen und mit welcher Hingabe ich seine Partituren interpretierte, und dass er an dem Tag aufgehört hatte, mich als seinen Sohn zu betrachten, an dem ich kein Vorbild mehr in ihm sah.

Als wir vor seiner Wohnungstür standen, hast du meine Hand genommen. Du musst gespürt haben, dass ich kurz davor war, es mir anders zu überlegen, dass ich zurück nach Hause wollte, um die Koffer zu packen und diese Angelegenheit ein für alle Mal zu begraben. Jedenfalls hast du plötzlich und ohne Vorwarnung auf den Klingelknopf gedrückt.

Was dann geschah, reiht sich ein in die Serie irrsinniger Bilder, die meine afrikanischen Fiebernächte bevölkerten. Die schweren Schritte meines Vaters, im Takt eines Metronoms, der abscheuliche Klang seiner Stimme, die hinter der Tür »Wer ist da?« knurrte. Als ich schwieg, hast du übernommen: »Éléonore, die Lebensgefährtin Ihres Sohnes. Wir sind hier, weil …« Und dann das gnadenlose Urteil, das mich vor Scham erstarren ließ: »Mein Sohn ist tot, Mademoiselle. Verschwinden Sie!«

Wir blieben noch eine ganze Weile auf dem Treppenabsatz stehen. Deine Finger schlossen sich um meine, während du ungläubig auf die Tür starrtest. Du wolltest nicht wahrhaben, dass dein Schwiegervater dir keinen Einlass gewährte. Was mich anging, so begrub ich meinen Vater endgültig unter einem wirren Haufen widersprüchlichster Gefühle.

Dann erklangen in der Wohnung meines Erzeugers die ersten Takte der Pathétique, und ich fand endlich den Mut, dich weit wegzubringen von diesem unglückseligen Ort.

Seitdem haben wir nie wieder über diesen Vorfall geredet. Wozu auch? Wir wussten beide, dass ich mich nicht geirrt hatte: Ich war tatsächlich eine Waise.

Vor einem Monat hat mein Vater Kontakt zu mir aufgenommen. Ich weiß nicht, wie er es angestellt hat, meine Telefonnummer herauszufinden. Ehrlich gesagt war ich von seinem Anruf und der anschließenden Begegnung so überrumpelt, dass mir gar nicht in den Sinn kam, ihn danach zu fragen.

Wir beide waren erst fünf Tage zuvor nach Paris zurückgekehrt. Ich war noch ganz erfüllt von Afrika und seinen Gerüchen. Ich hatte den Tag bei dir im Krankenhaus verbracht und dir beim Schlafen zugesehen. Seit du die Augen nicht mehr aufschlägst, kann ich meine nicht mehr zutun. Anschließend bin ich völlig erschöpft auf der Terrasse eines Cafés gestrandet, um Kräfte zu sammeln, bevor ich mich allein auf den Weg zu uns nach Hause machte. Der Kellner zählte gerade die verschiedenen Weißweine der Karte auf, da vibrierte plötzlich das Handy in meiner Tasche.

Als ich die Nummer auf dem Display erkannte, schlug mein Herz im Takt von Sechzehntelnoten, nach einem Tag voller halber Noten und Pausen.

»Möchten Sie nicht rangehen?«, fragte der Kellner, als er mein verstörtes Gesicht sah.

Was soll ich ihm denn sagen?, hätte ich am liebsten zurückgefragt. Aber zu spät. Ich hatte das Gerät schon aufgeklappt.

»Sohn?«

Das war das erste Wort, das mein Vater nach zehnjähriger Funkstille an mich richtete. Eine lakonisch hingeworfene Erkundigung zu unseren Blutsbanden.

Ich blieb stumm. Ich habe noch nie mit ihm reden können. Auch zehn Jahre Schweigen hatten daran nichts geändert.

»Sohn«, fing er wieder an. »Du musst herkommen. Es … es ist wichtig.«

Rom

Vor einer Stunde habe ich mein Hotelzimmer bezogen.

Ich bin in einer einfachen kleinen Pension in Trastevere abgestiegen. Michel hat sie mir empfohlen. Er war letztes Jahr mit Agnès hier, damit hatte er sie zum Geburtstag überrascht. Ich frage mich, ob sie auch in diesem Bett geschlafen haben.

Dieses Zimmer war als einziges noch frei. Es ist groß, aber furchtbar dunkel. Die Terrasse geht auf einen Innenhof hinaus, einen schwarzen, von drei anderen Gebäuden zugemauerten Schacht. Wenn man ein Stückchen Himmel sehen will, muss man sich den Hals verrenken. Diese einsame, stille Grotte ist der ideale Ort, um meinen Bericht über das Wiedersehen mit meinem Vater zu Ende zu schreiben.

Meine Vorliebe für das Arbeiten in der Nacht habe ich wohl von ihm. Er war ein Nachtmensch, setzte sich immer gern ans Klavier, wenn die Stadt in Dunkelheit und absolute Stille getaucht war. Wahrscheinlich genoss er das Gefühl, auf dem Schlaf der anderen dahinzusegeln.

François hatte mich eingeladen, bei ihm vorbeizuschauen, bevor ich meinem alten Herrn den gewünschten Besuch abstattete. Und er hörte nicht auf, das eine Glas, das mir Mut machen sollte, ständig wieder aufzufüllen. Ich hätte wissen müssen, dass es nicht bei einem kleinen Aperitif bleiben würde. Es ist immer dasselbe mit ihm.

Als ich vor der Wohnungstür meines Vaters ankam, war ich betrunken.

Ich stand genau dort, wo du Jahre zuvor gestanden und kräftig auf den Klingelknopf gedrückt hast. Ein seltsamer Lichtstrahl fiel auf die Fußmatte, als wollte er auf den leeren Platz an meiner Seite hindeuten.

Mein Vater ließ auf sich warten.

Es war also ernst.

Warum sonst hätte er mich anrufen sollen? Ich hatte mir seinen Tod oft herbeigewünscht, nun spürte ich, dass ich nicht mehr lange würde warten müssen. Als ich noch einmal auf die Klingel drückte, kam prompt die Antwort: »Ist ja gut! Einen Moment!« Ich hatte mich also getäuscht. Wer im Sterben liegt, kann nicht mehr so schreien.

Ein seltsames Quietschen näherte sich der Tür. Und als sie sich öffnete, bekam ich einen gehörigen Schreck. Mein Vater saß im Rollstuhl, was ihn zwang, seine Bewegungen mit einer dissonanten Musik zu untermalen, die nicht zu ihm passte. Seine Wangenknochen stachen spitz hervor, so dünn war er geworden, und er hatte viele Haare verloren, auf seinem Kopf waren etliche kahle Stellen zu sehen. Am meisten aber beunruhigte mich der Zustand seiner Hände. Mein Vater hatte sie immer so sorgfältig behandelt wie ein Instrument, sie voller Hingabe gepflegt. Niemand durfte ihnen zu nahe kommen. Eine zärtliche Berührung von ihm war eine äußerst seltene und flüchtige Kostbarkeit – wie die Stücke, die er spielte. Seine Finger, früher so weiß wie Klaviertasten, waren nun knochig, von blauen Furchen und roten Äderchen gezeichnet und in einer grotesken Haltung erstarrt. Mein Vater würde nie wieder spielen. Selbst wenn er dieses Versprechen, das er sich selbst gegeben hatte, überdenken und sich doch noch einmal ans Klavier setzen sollte, würde er es kaum schaffen, ihm noch irgendwelche Töne zu entlocken.

»Steh da nicht so rum! Komm rein!«, schnauzte er mich an.

Ich ließ ein paar Sekunden verstreichen. Mir war nicht wohl bei der Vorstellung, mit diesem Greis allein zu sein, in dieser Wohnung, die nach Staub, kaltem Tabakrauch und altem Papier stank. Schließlich trat ich doch ein und versuchte, nicht ununterbrochen auf den Rollstuhl zu starren.

Die Wohnung war genauso in die Jahre gekommen wie mein Vater.

Um in das Wohnzimmer zu gelangen, musste man einen langen Flur mit Perserteppichen und antiken Tischchen durchqueren, der nur von einer kleinen Lampe erhellt wurde. Als ich ein Junge war, bekam ich immer Bauchschmerzen, wenn ich diesen Korridor entlangging, weil ich wusste, was mich am anderen Ende erwartete: mein Vater mit seiner Musik. An diesem Abend aber war die Neugier stärker als meine Angst. Der Alkohol schützte mich vor den Erinnerungen. Ich war nur ein einfacher Museumsbesucher, nichts weiter.

Ich erkannte gleich das rote Samtsofa, obwohl es mit einem grauen Tuch bedeckt war, den niedrigen Glastisch, der morgens im Sonnenlicht so glitzerte, die Stühle mit den geflochtenen Lehnen, die meinen Rücken immer gequält hatten, und die Fotos auf der Kommode: mein Vater auf Konzertreisen in Moskau, Rom, Berlin und New York, daneben ein Bild von mir als schlaksigem Jugendlichen, auf dem ich mir ein Lächeln abringe, nachdem ich mit dem zweiten Preis des Konservatoriums ausgezeichnet worden war. Das Foto hingegen, das mir in den schlimmsten Stunden meines Lebens Trost gespendet hatte, stand gerahmt auf einem kleinen Tisch im Flur. Meine Ikone. Das einzige Andenken an meine Mutter, das mein Vater verschont hatte.

Einmal habe ich dir von ihr erzählt, in einer afrikanischen Monsunnacht. Ein Vorhang aus Regen ging plötzlich nieder, der erste heftige Wolkenbruch nach der Trockenzeit. Ich sehe dich vor mir, wie du mit Schlamm an den Füßen und nassem Haar über den Hof tanztest, in einem blauen Kleid, das an deinen Hüften klebte. Dann kamst du ins Haus gestürmt, um Mahabé und mir zu helfen, das überall eindringende Wasser mit Schüsseln, Eimern und Töpfen aufzufangen. Schließlich gab es auch noch einen Stromausfall. Damals hatten wir noch nicht in einen Generator investiert, Mahabé brachte uns deshalb Kerzen und eine alte Petroleumlampe. Als wir später in unserem Schlafzimmer lagen, dein verschwitzter Körper an meinem, habe ich dir von meiner Mutter erzählt. Denn in den Schatten, die das Windlicht an die Wand zeichnete, glaubte ich ihr Gesicht zu sehen.

Alles, was ich von ihr kannte, war ihr Lächeln. Das gerahmte Foto in der Wohnung meines Vaters zeigte sie vor einem kahlen Berggipfel auf einem Felsen posierend, mit geschlossenen Augen und das Gesicht dem Licht zugewandt.

Ich habe dir erzählt, wie verletzlich mir diese Frau immer erschienen ist … Neben meinem unnachgiebigen Vater. Ich hatte das Gefühl, dass meine Mutter an seiner Seite vor sich hin vegetierte – bis sie schließlich starb. Natürlich weiß ich, dass es eine medizinische Erklärung für ihren Tod gibt, dass sie einem Krebsleiden erlag. Doch in meiner kindlichen Vorstellung konnte ich nicht anders, als in meinem Vater ihren Mörder zu sehen.

In dieser Gewitternacht hast du ihn noch verteidigt, obwohl er uns so gedemütigt hatte. Ich spüre noch deine Hände, wie sie über meine Brust streichen, um meine Wut zu zähmen und meinem Vater menschlichere Züge zu geben.

»Er muss sie leidenschaftlich geliebt haben. Warum hätte er sich sonst geweigert, über sie zu reden? Und all ihre Fotos versteckt? Versetz dich mal in seine Lage. Was würdest du denn machen, wenn ich …«

An diesem Punkt brachte ich dich mit einem Kuss zum Schweigen. Ich zog dich fest an mich, wie um mir zu beweisen, dass so etwas niemals geschehen würde.

Wenn ich damals gewusst hätte … Ich schwöre, als ich am Abend des Wiedersehens mit meinem Vater auf das Foto meiner Mutter zuging, habe ich plötzlich dein Gesicht erkannt. Überall sah ich Sommersprossen. Die Haare meiner Mutter färbten sich rot, und dein Duft schien für einen Moment den Raum zu erfüllen.

»Dieses Foto hat dich immer beschäftigt, nicht wahr?«

Er wartete einen Augenblick, was ich sagen würde. Als ich nicht antwortete, fuhr er fort:

»Ich habe dich gebeten herzukommen, weil ich mit dir über deine Mutter reden möchte. Bald werde ich ihr endlich nachfolgen! Aber vorher brauche ich deine Hilfe.«

Mit diesen Worten deutete er auf das schwarze Ungetüm, das in der Mitte des Zimmers thronte.

Es war das erste Mal, dass er mit mir über meine Mutter sprach, über sie beide, über uns. Das erste Mal, dass er uns als Familie begriff. Aber selbst dafür musste er den Flügel bemühen! In meinen Ohren begann es zu sausen, mir wurde schwindlig. Ich sah den Rollstuhl meines Vaters auf mich zurasen, und hinter ihm öffnete das monströse Instrument das Maul und zeigte seine perlmuttfarbenen Fangzähne. Ich redete mir Mut zu: Ganz ruhig, Nicolas. Er ist krank, vielleicht sogar todkrank.

»Du bist betrunken!«, donnerte mein Vater und schoss in seinem Rollstuhl auf mich zu. »Ich weiß Bescheid über deine Frau …«

Zur Beruhigung sagte ich mir deinen Namen auf – Éléonore, Éléonore –, damit ich ihm nicht an die Gurgel sprang.

Ich trat ihm drohend in den Weg.

Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich ihn in Panik, das verriet seine Stimme, als er sagte:

»Komm schon, beruhige dich, Sohn.«

Dasselbe elende Lied, das ich schon in meiner Jugend ständig zu hören bekam: »Komm schon, fang noch mal von vorn an«, »Komm schon, nimm dir noch Spinat«, »Komm schon, den Akkord kannst du besser.«

»Los, hol dir ein Glas Wasser«, setzte er jetzt in sanfterem Ton hinzu. »Und wenn du schon gehst, bring doch gleich die ganze Flasche mit. Kann nicht schaden, wenn du dich ein bisschen durchspülst. Du weißt ja, wo die Küche ist.«

Mein Körper reagierte sofort. Wie konditioniert. Nach zehn Jahren in weiter Ferne von ihm, davon acht in Afrika, glaubte ich, mich befreit zu haben. Von wegen! Ein mildes Wort des Dirigenten, und schon machte ich mich wieder zu seinem Sklaven.

Die Küche war ebenso unverändert wie das Wohnzimmer. Immer noch dieselben grauen Bodenfliesen, dasselbe verkalkte Spülbecken. Eine einzige Sonderbarkeit ließ mich aufmerken: die Pillenschachteln neben der von einem Fettfilm bedeckten Kaffeemaschine. Während ich mir ein Glas aus dem Schrank nahm, konnte ich nicht den Blick davon abwenden. Die Namen all dieser Medikamente sagten mir nichts, dafür musste ich mir die Beipackzettel ansehen. Fest stand jedoch: Wenn mein Vater sich einer solchen Behandlung unterzog, litt er bestimmt an einer schweren Krankheit. Denn Erkältungen und Magen-Darm-Grippen hatten in diesem Haushalt gefälligst von allein zu verschwinden. Solange es nicht lebensbedrohlich war, wurde auch kein Arzt konsultiert. Mit sechzehn wäre ich nach einer verschleppten Angina fast an einer Lungenentzündung gestorben. Erst als ich auf dem Rückweg vom Einkaufen im Fahrstuhl zusammenbrach und die Concierge den Notarzt rief, kam ich endlich in den Genuss einer medizinischen Versorgung.

Schließlich gab ich meiner Neugier angesichts all der Arzneien, die mein Vater bei sich hortete, nach. Und natürlich kam er genau in dem Moment in die Küche, als ich das Wort »Prostata« las.

»Wie ich sehe, bist du noch genauso indiskret wie früher.«

Ich hielt seinem Blick stand, legte die Tabletten aber zurück.

»Geht es dir jetzt besser?«, erkundigte er sich.

Ich nickte.

»Gut, dann komm mit ins Wohnzimmer.«

Bevor ich ihm folgte, fragte ich, ob er etwas brauche, vielleicht auch ein Glas Wasser. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass ich meinen Vater nur aus einem einzigen Grund danach fragte: Ich wollte ihn dazu zwingen, mir seine Hilflosigkeit einzugestehen.

»Ja«, gab er zurück. Er hätte gern ein Glas … Whisky.

Ich protestierte nicht, riet ihm nicht davon ab zu trinken, obwohl er Medikamente nahm. Er brauchte vielleicht einen leichten Alkoholschleier, um sich vor seinen Erinnerungen zu schützen.

Als wir im Wohnzimmer waren, nippte er schweigend an seinem Getränk. Dann ließ er mich auf dem staubigen Sofa Platz nehmen und quietschte mit seinem Rollstuhl los, um den Bilderrahmen zu holen, der auf dem Tischchen im Flur stand. Unsanft stellte er ihn auf den Glastisch und begann über sein Leben zu reden. Forte. Wie eine Sinfonie von Beethoven.

»Du solltest wissen, dass diese Frau nicht deine Mutter ist.«

19. FEBRUAR 2012
TRASTEVERE, ROM

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Es ist zwei Uhr morgens. Ich bin über dem Schreibtisch eingeschlafen und von einem Alptraum aufgewacht. Wir waren in Afrika. Ich saß auf der Terrasse und schrieb, während Mahabé im Gemüsegarten beschäftigt war. Die Nachmittagshitze hatte die Tiere auf unserem Hof träge werden lassen. Alles war ruhig. Als ich irgendwann aufschaute, tauchtest du plötzlich auf. Am Hühnerstall. Wieder in deinem blauen Kleid, aber das Gesicht voller Blut. Du konntest dich kaum auf den Beinen halten, hast gezittert und geschluchzt. Der Anblick war so unerträglich, dass ich keuchend aus dem Schlaf hochschreckte.

Erst nach einer kalten Dusche war ich in der Lage, mir einzugestehen, dass ich dich überlebt hatte.

Das Heft ist jetzt völlig zerknittert.

Ich bin zur Rezeption gegangen, weil ich Felipe nach einer Kleinigkeit zu essen fragen wollte. Aber da war niemand. Die Stille ringsum lässt mich vermuten, dass mein Hotelier mich angelogen hat: Ich bin der einzige Gast auf dieser Etage.

Wie du mir fehlst, meine liebe Éléonore.

Kannst du dir das vorstellen? All die Jahre hat mein Vater zugelassen, dass ich meine Gesichtszüge in denen einer Unbekannten suchte. Wie oft habe ich mich diesem Bild anvertraut, in der Überzeugung, es zeige die Frau, die mir so fehlte? Und dann erfahre ich irgendwann, dass unter unseren Familienfotos immer eine Fremde residierte?

Heute bin ich wütend. In dem Moment aber, als er mir all das offenbarte, war ich nur verblüfft. Wie es seine Angewohnheit war, beendete mein Vater den Satz mit einem bedeutungsschweren Schweigen. Als großer Virtuose hatte er immer gewusst, wie man Pausen einsetzt, um die Wirkung eines Akkords zu unterstreichen. Vermutlich erwartete er, dass ich ihn mit Fragen bestürmte. Jedoch hätte er mich dazu nicht im Traum bewegen können. Ich wollte ihm nicht auch noch dabei behilflich sein, mich fertigzumachen. Als er das begriffen hatte, ging mein Vater es seufzend allein an, und diesmal ohne Unterbrechungen.

Er hatte meine Mutter am Konservatorium kennengelernt, an einem Tag im Dezember. Sie studierte dort, er unterrichtete. Dem Schicksal fehlt es nicht an Ironie, dachte ich, als er hinzufügte, dass sie bei ihrer ersten Begegnung geweint hatte. Mutterseelenallein stand sie in der Kälte, nachdem ihr Professor sie vor der ganzen Klasse gedemütigt und sie die Nerven verloren hatte.

»Wir waren uns vorher schon mal über den Weg gelaufen, aber sie ist mir nie groß aufgefallen. Doch als ich an jenem Morgen ihr trauriges Lächeln sah, wusste ich, sie ist die Frau meines Lebens.«

Einige Monate später feierten sie Verlobung. Und ein weiteres Jahr später, als sie ihre Ausbildung am Konservatorium abgeschlossen hatte, war meine Mutter schwanger mit mir.

Mein Vater beteuerte, dass sie freiwillig auf ihre Karriere verzichtet habe, weil sie sich lieber um mich kümmern wollte, als überall vorzuspielen oder sich einem Orchester anzuschließen.

Maman hat in einer kleinen Klinik im XIV. Arrondissement entbunden. Einen ganzen Tag lag sie in den Wehen, und als ich endlich das Licht der Welt erblickte, war sie zu erschöpft, um mich im Arm zu halten. Das sei ihr so nahegegangen, dass sie mich in den folgenden Wochen gar nicht mehr hergeben wollte.

Ich versuchte mir diese Frau ohne Gesicht vorzustellen, die Wärme ihrer Haut, ihre Küsse, ihre Liebe. Und genau diesen Moment wählte mein Vater, um sie mir erneut zu nehmen, indem er anfing, von ihrer Krankheit zu erzählen.

Sie starb an Krebs. Das war mir zwar bekannt, doch nun erfuhr ich, dass sie ein langes Martyrium durchstehen musste, bevor sie ihm erlag. Ich hätte es mir denken können. Dennoch ging es mir zu Herzen, als mein Vater mir den Todeskampf der Frau beschrieb, die er, nach seinen Worten, mehr liebte als sein Leben, und sein Unvermögen, ihr zu helfen.

Ich habe dich und deine tröstenden Gesten in diesem Augenblick so sehr vermisst.

Als meine Mutter spürte, dass ihr Ende nahte, hatte sie den Wunsch, nach Hause zu kommen. Sie wollte nicht, dass ihr zweijähriger Sohn sie in einem Krankenhaus sterben sah. Für die Vorbereitung ihrer Rückkehr plünderte mein Vater den Blumenladen unten im Haus.

»Sie hatte immer davon geträumt, einen Garten zu besitzen«, seufzte er. Also richtete er ihr einen in unserer Wohnung ein.

Ich versuchte seinen Blick zu ergründen, während er mir beschrieb, wie meine Mutter das in ein Gewächshaus verwandelte Wohnzimmer entdeckte. War es möglich, dass dieser Mann so etwas getan hatte? Oder erfand er es nur, um sich eine rühmlichere Rolle anzudichten als jene, die er tatsächlich gespielt hatte? Diese hingebungsvolle Liebe, all die Blumen – so viel Aufmerksamkeit für einen anderen Menschen passte überhaupt nicht zu ihm.

Eines Morgens, meine Mutter war gerade wieder zu Hause bei uns, wachte ich mit Fieber auf.

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