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Civitas Ā.D. 1200

Eine

Hommage an

meine Heimat, den Westerwald,

mein Heimatdorf Gemünden (Severus)

und meine Wahlheimatstadt Hachenburg (Civitas/Hagenburg).

Mein Roman soll zeigen, dass sich auch in einer Region

weit ab von den großen Bühnen der Weltgeschichte und

politischen Zentren großartige Geschichten ereignen können.

PROLOG

ROM

Er konnte es kaum fassen, doch die von ihm beauftragten Experten bestätigten uneingeschränkt, dass es wahr sein könnte. Wie ein eingesperrter Löwe im Käfig lief Kardinal Giovanni Sottobosco in seiner Kammer auf und ab. Seine ansonsten wenig auffälligen Wangen leuchteten wie das Purpur seiner Robe. Die pergamentene Haut, die seinem fahlen, schmalen Gesicht nur selten eine Regung entlockte, zeigte heute durchaus einige knittrige Falten.

„Wenn es sich nun tatsächlich bewahrheitet, was Lucca behauptet“, murmelte er unentwegt vor sich hin – und anscheinend konnte er im Lichte neuerer Erkenntnisse tatsächlich fast davon ausgehen, dass es stimmte –, „dann ist dies eine Sensation!“

Sein Vertrauter, Lucca di Locedio, der dem gleichnamigen und direkt am Po liegenden norditalienischen Konvent des Zisterzienserordens vorstand, hatte ihm vor einigen Tagen eine Geschichte zugetragen, die ihn schleunigst hatte handeln lassen.

„Dies könnte Euch die Chance bieten“, flüsterte Lucca ihm konspirativ ins Ohr, als sie sich im Rahmen einer Audienz nicht ganz zufällig in einem der ruhigen Gänge trafen, „auf die Ihr schon Euer Leben lang gewartet habt!“ Sottobosco wurde nervös, was sonst überhaupt nicht seinem Naturell entsprach. Aufgeregt rieb er mit Daumen und Zeigefinger seinen Nasenrücken. Sollte es tatsächlich soweit sein? Wird die göttliche Vorsehung mich alsbald für die höchste Stufe des irdischen Daseins qualifizieren?

Als eine erste Maßnahme ließ er vor wenigen Tagen im Geheimen ein paar Männer in das unweit vom Lateran gelegene Sessorianum entsenden. Hierbei handelte es sich um den ehemaligen Palast der Helena. Nach deren Tod, hatte ihr Sohn, Kaiser Konstantin, diesen der Kirche zum Geschenk gemacht. Fast besessen von dem Drang, möglichst viele Reliquien zu besitzen, hatte Helena dort alles Mögliche und Unmögliche zusammengetragen. Selbst Teile des Kreuzes Christi und sogar Erde aus Jerusalem, die sie mit Ochsenkarren hatte heranschaffen lassen, gehörten zu ihren Schätzen. Natürlich konnte und wollte die Kurie das Geschenk damals nicht ablehnen. So konnte der Vatikan, nach der Segnung des Hauses durch den Pontifex, ein durchaus pompöses Domizil an der Aurelianischen Mauer sein Eigen nennen. Rom wurde somit um die Basilika Santa Croce in Gerusalemme reicher. Die Pflege und den Erhalt des sakralen Baus übertrug die Kurie dem Orden der Kartäuser.

Die Entsandten Sottoboscos mussten sämtliche Überredungskünste aufbieten, um den Kartäuser-Abt Rochus davon zu überzeugen, sein Gotteshaus für die nächsten zwei Tage zu schließen. Weder zum Gottesdienst noch für die zahlreichen Besucher, die tagtäglich in die Kirche pilgerten, sollte das Haus begehbar sein. Und dies bedeutete natürlich – auch wenn es sich lediglich um zwei Tage handelte – einen enormen Spendenausfall. Selbst die regelmäßigen Gebete seiner Mönche durften nicht im Chorgestühl des Altarraums stattfinden. Obgleich Rochus deswegen heftig insistierte, beharrten die energisch agierenden Männer darauf, dass die Tore geschlossen bleiben sollten. Somit gestalteten sich die Verhandlungen von Anfang an schwierig. Hierbei kam erschwerend hinzu, dass es den Beauftragten bei Strafe verboten war, den Namen ihres Auftraggebers zu erwähnen, geschweige denn ein Wort über den Grund der ganzen Aktion zu verlieren. Wäre Abt Rochus bewusst gewesen, in wessen Auftrag die Leute handelten, so wäre die ganze Angelegenheit nie zu einem Problem geworden.

Zähneknirschend ließ der Abt die massiven Eichentüren mit den Querriegeln sperren, die sonst nur des Nachts vorgeschoben wurden, und ließ die Männer ohne jegliche Aufsicht in seinem Haus gewähren. Allerdings sollte die Schließung nur einen Tag dauern. Schon gegen Abend wurde der Corpus Delicti aufgespürt. Wie ein ins Vertrauen gezogener Experte vermutete, fanden sie den gesuchten Gegenstand hinter dem Schlussstein eines markanten Mauerbogens.

Vorsichtig entnahmen die Männer eine wurmstichige und moderige Holzkiste, die einst sicher kunstvoll gearbeitet gewesen war, und betteten sie sanft in einem mit purpurnem Samt ausstaffierten Reliquiar.

Ohne den Mauerstein wieder einzusetzen oder das Leitergerüst abzubauen, waren die Männer wieder aus der Kirche verschwunden. Eiligen Fußes marschierten sie durch die dunklen Gassen Roms und präsentierten dem Kardinal triumphierend ihren Fund. Dieser zahlte ihnen die vereinbarte Summe an Dukaten und entließ sie ins dunkle Labyrinth der vatikanischen Gemäuer.

Sottoboscos Aufregung stieg ins Unermessliche. Er hörte den rhythmischen Klang seines Herzen. Es schlug so laut wie eine Totenglocke, die einsam und allein im Kirchturm ihr Klagelied in die Welt hinausschreit. Während er zunächst davon ausgegangen war, dass Lucca ihm wieder einmal eine Mär aufgebunden hatte, kamen ihm nun berechtigte Zweifel. Seine ansonsten so routinemäßig nach außen zur Schau gestellte Gelassenheit verzog sich wie der weiße Rauch aus den zahlreichen Schornsteinen der Heiligen Stadt in einem Windhauch. Wenn sich diese Sache bewahrheitet und es mir gelingt, den komplementären Gegenstand tatsächlich wieder nach Rom zu holen, um ihn hier mit dem zweiten Original zu vereinen, dann steht meiner Karriere nichts mehr im Weg! Bei nächstbester Gelegenheit, also sobald Innozenz III. seinen letzten Atem getan hätte und das Amt des Stellvertreter Gottes auf Erden vakant wäre, würden sich seine Kardinalskollegen mit Sicherheit an seine große Tat erinnern. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn das Konklave sich gegen mich entscheiden würde!

Auf der anderen Seite lief er natürlich auch Gefahr, sich zu blamieren, sobald sich alles als Fälschung herausstellen würde. Tagtäglich tauchten Heimkehrer aus dem Heiligen Land in Rom auf und versuchten, ihre Mitbringsel der Kurie anzudrehen – wenngleich der Vatikan für sich in Anspruch nahm, per se das Eigentum an sämtlichen Reliquien zu besitzen. Gleichwohl ließ sich die vatikanische Administration hier und da erweichen und zahlte einen Obolus – gewissermaßen als Finderlohn –, sofern die Echtheit des guten Stücks tatsächlich vermutet werden konnte. Aber selbst dann, wenn es sich um nachgemachten Plunder handelte, bei dem es sich eigentlich nicht lohnte, ihn in Augenschein zu nehmen, ließ die Kurie sich manchmal nicht lumpen. Denn oftmals reichte es aus, wenn man dem gemeinen Volk auf dem Lande ab und zu einfach einen dieser Gegenstände präsentierte. Ließ sich somit doch gut und günstig ein vager Beweis für die fantastischen Geschichten, die in der Bibel standen, erbringen. „Zwar ist der Pöbel nicht des Lesens mächtig, doch blind sind sie nicht!“, lautete eine zuletzt von Innozenz III. ausgegebene Devise.

Der Gegenstand, der nun vor Sottobosco auf dem Tisch lag, brachte ihn ordentlich in Wallung. Wie schon so oft, schien auch heute an der Glaubwürdigkeit seines alten Freundes und jahrelangen Wegbegleiters Lucca kein Zweifel. Seine Ausgesandten hatten den Beweis erbracht, als sie ihm das Fragment eines überaus interessanten heiligen Gegenstands aus der Basilika Santa Croce übergaben. Ihm war mulmig zumute. Die Schläfe unter seiner dünnen weißen Haut pulsierte und trat in Form einer purpurnen Ader deutlich hervor. Die Hitze eines Flammenmeeres schien sich in seinem Kopf auszubreiten.

Er spürte ein unsagbares Verlangen, den fehlenden Gegenstand zu besitzen. Ich muss alles daran setzen und das Gegenstück so schnell es geht nach Rom zurückholen, um es hier anhand der zweiten Hälfte einer Verifizierung zu unterziehen! Und er wusste auch schon, wie er es anstellen konnte: Schon des Öfteren hatte auch er sich einer mittlerweile in der Organisation des Vatikans breit aufgestellten Einheit bedient. Längst wusste diese sich solch … delikater Angelegenheiten anzunehmen, ohne dem ganzen eine allzu große Öffentlichkeit zu bescheren.

Mittlerweile entsprach der Strom derer, die aus dem Heiligen Land zurückkehrten, fast der Zahl derer, die dorthin pilgerten. Deshalb war auch diese Sondertruppe stetig angewachsen und unterhielt in nahezu allen größeren Städten Niederlassungen. Sottobosco wusste, dass er handeln musste. Unter allen Umständen wollte er das Objekt seiner Begierde alsbald in den Händen halten. Ihm wäre alles Recht und er würde alles in Kauf nehmen: Ob Leben! Ob Tod!

I.

LEXEMÜHLE BEI SEVERUS

Arthur, der Müller der Lexemühle in Severus, hatte sich gerade erst in die Abendsonne gesetzt. Mit einem glimmenden Stöckchen, das er aus der Feuerstelle in der Küche mit nach draußen genommen hatte, entzündete er den Hanf seiner soeben mit Vorfreude gestopften Pfeife. Genüsslich zog er am selbstgeschnitzten Mundstück. Während er den Rauch tief inhalierte, lauschte er dem leisen Knistern, das die kleinen Fädchen von sich gaben, wenn die Glut sie in aromatischen Qualm verwandelte. Er rauchte stets nur eine Pfeife pro Tag, doch diese voller Genuss und vor allem zur Belohnung für einen harten Arbeitstag. Die Sonne näherte sich langsam den Baumwipfeln auf dem Ziegenberg und wollte alsbald dahinter verschwinden. Allerdings hinterließ sie ihm seit ein paar Tagen ein angenehm aufgewärmtes Mauersims, auf dem seine neue Scheune stand. Das alte Holzkonstrukt war im letzten Sommer hungrigen Flammen zum Opfer gefallen.

Über die Jahre hinweg hatten er und seine beiden Söhne es immer wieder instand gesetzt und regelmäßig im Frühjahr das morsche Strohdach geflickt. Sie brachten es einfach nicht übers Herz, dem maroden Gebäude den längst fälligen Todesstoß zu versetzen; schließlich war es eines der letzten Erinnerungen an Arthurs Vater gewesen. Sie wollten warten, bis das Balkenwerk tatsächlich so instabil wurde wie die losen Milchzähne in einem Kindermund und der nasse Schnee im Winter das Dach zum Einsturz bringen konnte. Dass zu guter Letzt der Brand im Sommer die längst fällige Aufgabe übernahm, war ihnen also gar nicht so ungelegen gekommen. Allerdings hieß dies auch, dass sie sich mit dem Errichten des neuen Baus sputen mussten, denn bis zur Einfuhr der Ernte und ihrer Wintervorräte im Herbst sollte er fertig sein.

Zunächst sammelten sie tagelang dicke Kiesel aus dem Bett des Holzbachs und brachen Basaltsteine aus einer Felswand in der gleichnamigen Schlucht. Diese wuchteten sie auf einen Wagen und transportierten sie über die sogenannte Heerstraße, die um die Schlucht herumführte, nach Hause. Feinsäuberlich schichteten sie die Brocken zu einem akkuraten Steinsockel auf, bevor sie darauf wiederum ein ordentliches Holzgerüst mit quadratischen Zwischenräumen errichteten. Diese füllten sie zunächst mit einem Weidengeflecht aus, bevor sie es mit Lehm bestrichen, in den sie Stroh untermengten. So entstand ein nahezu winddichter Belag und letztendlich ein ordentlich abgeschlossener Raum für ihre Wintervorräte – die nun, da der Winter sich langsam neigte, zu Ende gingen.

Voller Entzücken konnte Arthur vor wenigen Tagen feststellen, dass die wenigen Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch das Meer aus grauen Wolken bahnten, ausreichten, um die schwarzgrauen Sockelsteine seines Schuppens bis in die Abendstunden aufzuwärmen. Somit erkor er diesen Platz für sich aus. Nachdem die Arbeit des Tages verrichtet war, ließ er sich auf dem kleinen Mauervorsprung nieder und lehnte sich gemütlich an die lehmgefächerte Fachwerkwand. Er stopfte sich ein Pfeifchen und genoss die wohlige Wärme an Steiß und Rücken. Und seine geschundenen Knochen dankten es ihm. Ob er es glauben wollte oder nicht, doch sie erinnerten ihn tagtäglich daran, dass er mit seinen mehr als vierzig Lenzen ins Lager des älteren Eisens wechselte. Die harte Arbeit in seiner Getreidemühle ging ihm immer schwerer von der Hand. Die Silhouette seiner drahtigen Figur von einst wurde mittlerweile von einem ordentlichen Bauch dominiert. Auch sein Kopfhaar war dünn geworden und die verbliebenen Strähnen, die er zu einem kleinen Zopf zusammenband, leuchteten fast schneeweiß. Tiefe Furchen in der gegerbten Haut seines Gesichts zeugten von einem Leben voll harter Arbeit.

Arthur war aber zufrieden. Die Mühle bescherte ihm und Emma, seinem Weib, ein gutes Auskommen. Sie brauchten sich kaum Gedanken darüber zu machen, wie sie ihre vier Kinder satt bekommen sollten. Den kleinen Geschöpfen, die durch die lehmigen Gassen von Severus liefen, ging es da nicht so gut.

Vor einigen Jahrzehnten hatte sich um das Kloster Sankt Severus eine Siedlung gebildet, umgeben von einem ständig zu erweiternden Weidenzaun. Der Urort, damals noch Nehrndorf genannt, hatte sich vor mehr als dreihundert Jahren unweit im Tal des weit mäandernden Elbbachs gegründet, dort wo er gemeinsam mit dem kleinen Schafsbach in den Holzbach mündete. Kurz zuvor, man schrieb das Jahr 879, ließ der politisch geachtete Graf Gebhard von Westerborg das Stift Sankt Severus in dem hufeisenförmigen Tal, unweit seines Sitzes, errichten. Die besondere Stellung des Grafen zeigte sich damals darin, dass zu der Weihzeremonie sogar König Ludwig III., wohlgemerkt ein Urenkel von Karl dem Großen, den Weg in dieses riesige unwirtliche Waldgebiet fand. Mit der Unterstützung Gebhards prosperierte Sankt Severus binnen kürzester Zeit. Über Schenkungen und Erbschaften sowie Erwerb oder Enteignungen konnten Besitztümer angehäuft werden, die sich bis zum Rhein hinab erstreckten. So wuchs auch der Ort Nehrndorf – doch nur bis zu dem Tag, als ein Unheil fast alles Leben vernichtete.

„Der schwarze Tod kommt langsam“, hatte der damalige Abt von Severus, Pius, während der Kapitelversammlung gesagt und ließ seinen Konvent nach außen abschirmen. Der Tod kam tatsächlich und fuhr eine große Ernte ein. Die wenigen Überlebenden der Seuche brannten Nehrndorf nieder und begruben die Reste unter einer dicken Schicht Erde. Zurück blieb lediglich ein kleines Meer mit Kreuzen, weshalb der Volksmund diesen Teil des Tals Kreuzern nannte und den Platz, wo einst das Dorf stand, sinnigerweise de Höll. So entstand kurz darauf, um die Steinmauern des Severusklosters herum, die neue Siedlung. In dieser siedelten sich Handwerkerfamilien an, die sich in den Dienst der Kirche stellten, und einige Bauernfamilien, darunter vor allem arme Ziegenbauern.

Und Arthur wusste, dass gerade diese Leute im Winter ums Überleben kämpften. Im Gegensatz zu denen des Lexemüllers sahen deren Kinder aufgrund des permanent an ihnen nagenden Hungers stets aus wie bleiche, hohläugige Gespenster. Und bei den abgemagerten Tieren – gerade am Ende des langen Winters – konnte man fast jede Rippe einzeln zählen. Gemeinsam mit ihren Ziegen hausten diese Menschen in armseligen Hütten am Fuß des Ziegenbergs, dessen Gras erst im späten Frühjahr vom tristen Grau in ein Lebenskraft spendendes Grün wechselte. Und erst dann würden sich ihre Tiere und Kinder wieder erholen. Erst dann war es ihnen vergönnt, täglich fettreiche Milch und vor allem Käse zu erzeugen, von dem sie auch wieder etwas ans kleine Kloster liefern konnten, was ihnen eine gewisse Zeit lang – zumindest bis in die ersten Winterwochen hinein – ein gewisses Auskommen bescherte.

Arthur war deshalb bewusst, dass er mit seiner Mühle privilegiert war. Allerdings hatte er sich seinen Beruf nicht aussuchen können, schließlich war er der einzige Sohn des Müllers Alexander und dessen Frau Katharina gewesen. Das Schicksal hatte ihm einen Weg vorgezeichnet und den zu gehen, war ihm nicht gerade leicht gefallen. Vor gut zehn Jahren musste er die Mühle seines Vaters von jetzt auf gleich übernehmen, nachdem dieser eines Tages regungslos neben dem großen Mühlstein gelegen hatte. Gemeinsam mit seiner jüngeren Schwester Marga und seiner Frau, schleppte er ihn damals unter den Augen seiner beiden Kinder in die warme Kammer hinter der Küche. Dort verstarb er wenige Tage später, ohne zuvor noch einmal zur Besinnung gekommen zu sein. Von diesem Tag an hatte ein hartes Stück Arbeit auf Arthur gewartet. Erschwerend kam hinzu, dass seine Mutter sich nicht von dem unvermittelten Schicksalsschlag erholte. Nach dem Tod ihres Gatten stellte sie zunächst das Reden und kurz darauf auch das Essen ein. So dauerte es keine zwei Wochen, bis Marga und Arthur ihren federleichten Leichnam auf den Gottesacker hinaustragen und sie gleich neben ihrem Mann bestatten mussten.

Von diesem Zeitpunkt an war Arthur endgültig der Lexemüller und musste von heute auf morgen die Rolle übernehmen. Er war der Ernährer, der für das Überleben derer verantwortlich war, die sich in seiner Obhut befanden. Hierzu zählten neben seiner eigenen kleinen Familie und der noch ledigen Schwester fortan auch einige Mägde und Knechte samt ihrer Familien. Arthur stellte sich seiner Aufgabe.

Mittlerweile hatten Emma und er sogar vier Kinder. Während er zunächst noch dachte, dass beide überhaupt nicht in der Lage seien, einen Stammhalter zu zeugen, wurden sie bald darauf eines Besseren belehrt. Nachdem Emma ihm seine Töchter Gertrud und Maria geschenkt hatte, die beide jedoch noch im Kindbett verstarben, erblickten zunächst Albert und zwei Jahre später Antonius das Licht der Welt, bevor ihnen weitere anderthalb Jahre später Hannah und nochmals drei Jahre später das Nesthäkchen namens Klara folgten.

Alexander, Arthur, Albert, Antonius. Diese Auffälligkeit kam nicht von ungefähr: Als Arthurs Großvater Rudolf seine Mühle vor vielen Jahren am Lauf des Holzbaches baute, erhielt er von Amos, dem damaligen Abt des Severusklosters, neben dessen Segensspende auch unentgeltliches Baumaterial aus den klostereigenen Wäldereien sowie einen für die ersten Jahre pachtfreien Boden. Dies verhalf dem jungen Müller schnell auf die Beine und bescherte ihm nach kurzer Zeit ein gewisses Auskommen. Dankbar für das Vertrauen, das Amos ihm entgegengebracht hatte, gelobte er, dass fortan alle seine männlichen Nachfahren in Gedenken an diese Ehre und den Namen des Abtes stets den Anfangsbuchstaben ‚A‘ in ihrem Vornamen tragen sollten. Als Rudolf schließlich im hohen Alter von mehr als sechzig Jahren verstarb, übernahm dessen Sohn Alexander die Mühle, weshalb sie fortan auch ‚des Alex’ Mühle‘ oder kurz die ‚Lexemühle‘ genannt wurde. Und Alexander setzte die mit ihm begonnene Tradition fort, indem er seinen einzigen Sohn Arthur und dieser wiederum seine beiden Söhne Albert und Antonius nannte.

Arthur sah zur Steinbrücke hinüber, die sich unweit seiner Mühle mit einem Bogen über den Holzbach spannte. Er musste daran denken, wie sie im letzten Jahr einen Teil ihrer Steinfracht für die Ausbesserung dieses alten Viadukts verwenden mussten, da das Hochwasser des letzten Frühjahrs ordentlich an dem Brückenbogen genagt hatte. Wenngleich ihnen die Steine auch beim Scheunenbau fehlten, waren diese Arbeiten durchaus notwendig geworden, da sie und zahlreiche Andere nicht auf den einzigen Weg verzichten konnten, der in die Holzbachschlucht führte und der sich alsbald in einen schmalen und nicht ganz ungefährlichen Pfad verwandelte. Den zu Fuß gehenden Reisenden, aber auch vereinzelt mutigen Reitern und geschäftigen Transporteuren mit Lastentieren bot er den kürzesten Weg von Severus zum nächsten Ort nach Seckaha, wo sich auf einer Waldlichtung zwei bedeutsame Handelswege kreuzten: Zum einen die nordsüdlich verlaufende Straße nach Sigena. Zum anderen die vom Rhein kommende, alte karolingische Heerstraße, die wiederum eine Querverbindung zu dem weiter westlich verlaufenden Handelsweg von Coelln nach Frankenvurd bildete. Nicht selten – daher ihr Name – eilten schwer bewaffnete Kompanien diverser Herrscher oder Söldnertrupps auf ihr entlang, um schnellstmöglich zum nächsten Schlachtfeld zu gelangen. Zum Glück umspannte die Heerstraße die in einem Talkessel liegende Gemarkung Severus in weitem Bogen, sodass die Truppen die kleine, im Talkessel liegende Ansiedlung Severus meist unbeachtet seitlich liegen ließen. Gleichwohl häuften sich in den letzten Jahren Übergriffe auf die Bevölkerung und ausgemergelte, aber schwer bewaffnete Kerle versorgten sich ungefragt mit Nahrung oder befriedigten gewalttätig ihre vernachlässigten männlichen Gelüste. Somit war es nur verständlich, dass die Menschen in Severus nach Schutz riefen und den Weg, der über die Steinbrücke durch die Schlucht führte, vorzogen.

Eigentlich müsste Antonius bald mit Kruzi und Fix zurückkehren!, dachte Arthur und stellte beim Betrachten der Brücke fest, dass die Ränder des Brückenbogens bereits schon wieder aussahen wie ein Stück Käse, an dem sich eine Maus gelabt hatte.

Kruzi und Fix? Was im ersten Moment respektlos klang und so gar nicht in die Zeit von tiefem Glauben und Aberglauben zu passen scheint, hat einen banalen Grund: Offiziell hießen die Tiere Kain und Abel, wie das verfeindete Brüderpaar aus der Bibel. Als seine Stute trächtig war, erwartete Arthur zunächst nur ein Fohlen – und dieses wollte er Kain nennen. Und dann sollte das nächste Tier ein ‚Abel‘ werden. Doch Mutter Natur hatte andere Pläne und schickte beide Tiere als Zwillingsfohlen zur Welt. Kein Wunder also, dass dem ansonsten so gottesfürchtigen Arthur ein „Kruzifix!“ über die Lippen kam. Und als die tierischen Zwillinge sich von Anfang an ständig gegenseitig neckten oder störrisch zeigten, war es Antonius gewesen, der den beiden ob der immer häufiger verwendeten Flüche ihre inoffiziellen Namen verpasste. Und die Vierbeiner, mittlerweile zu mächtigen Gäulen herangewachsenen, schienen die neuen Bezeichnungen zu akzeptieren. So reagierten sie selbst dann, wenn irgendjemand einfach nur entsprechend fluchte, indem sie abrupt stehen blieben, die Augen weit aufrissen und die Ohrenpaare wie Fähnchen im Wind ausrichteten. Antonius liebte die Rösser, die sich zu zuverlässigen Lastentieren entwickelt hatten. Mindestens zweimal pro Woche brach er mit ihnen zum herrschaftlichen Gehöft von Dagoberth Näher auf, das unmittelbar am anderen Ende der Holzbachschlucht lag. Dort lieferte er fein- oder grobgemahlenes Mehl und Schrot ab. Dieses Gemahlene nebst weiteren Hofprodukten wie Käse und Trocken- oder gar Pökelfleisch wurde anschließend von Näher Senior persönlich und seinem Hauptknecht Gregor mit einem großen Ochsengespann zur Waldkreuzung bei Seckaha transportiert, wo es entweder weiterverkauft oder gegen andere Gegenstände eingetauscht wurde. In der Regel erstand Näher dort auch wieder günstiges Getreide, das Antonius dann wiederum bei einer der nächsten Lieferungen zur Lexemühle mitnahm, um es schnellstmöglich und vor allem gemahlen zwecks Weiterverkaufs wieder zum Hof der Nähers zurückzubringen. Seit Jahren arbeiteten Dagoberth Näher und der Lexemüller Arthur eng zusammen.

Näher wusste die Dienste und die Qualität des Müllers durchaus zu schätzen, was er nicht selten in kleineren Aufmerksamkeiten ausdrückte; insbesondere im Frühjahr, wenn er, solange der Frost noch im Boden steckte, gleich mehrere Schweine und Rinder schlachten ließ. Natürlich bot er einen ordentlichen Teil der Würste und Schinken sowie des Specks und Rauchfleisches an der Waldkreuzung feil. Doch genauso behielt er einen großen Anteil dieser Leckereien für seine Familie, Gäste und Geschäftspartner zurück, zu denen seit Jahren auch der Lexemüller gehörte.

Arthur musste gerade an die vielen Köstlichkeiten denken, mit denen Näher ihn und seine Familie bereits bedacht hatte, das Wasser lief ihm mittlerweile im Mund zusammen, als ihn eine schrille Stimme aus seinen Wunschvorstellungen riss.

„Vater! Vater!“ Ungläubig hob Arthur seine buschigen Augenbrauen. Der Qualm aus seiner Pfeife umnebelte seinen Kopf und brannte für einen Moment in seinen Augen. War das nicht gerade die Stimme seines Sohnes Antonius gewesen?

„Vater, so eilt mir doch bitte zur Hilfe!“ Antonius schrie erneut, als er die Brücke erreichte und seinen Vater vor dem Schuppen sitzen sah. Dieser blickte ungläubig drein, als er seinen Jüngsten bemerkte, wie er ihm wild gestikulierend entgegenkam. Er runzelte die Stirn. Augenscheinlich schien ihm nichts zu fehlen. Auch die beiden Kaltblüter waren wohlauf und zudem ordentlich mit Säcken bepackt. Das wiederum bedeutete Arbeit – und Arbeit sicherte ihr Einund Auskommen.

„Vater! Kommt doch! Oh, kommt doch!“ Arthur erhob sich und ging seinem Sohn gemächlichen Schrittes entgegen, da er augenscheinlich keine Notwendigkeit sah, sich zu beeilen. Erst nach wenigen Metern bemerkte er, dass irgendetwas nicht stimmte; einmal abgesehen von Antonius’ flehendem Blick.

Hinter den bepackten Kaltblütern trabte ein weiteres Pferd. Bereits aus der Entfernung konnte Arthur erkennen, dass es sich nicht einfach um irgendein Ross handelte, sondern dass es eins der edleren Sorte zu sein schien. In seinem Leben hatte er noch nicht viele dieser Art gesehen, zumal ein solches Leichtgewicht mit Sicherheit nicht für die Feldarbeit geeignet war. Sie waren nicht dazu gedacht, Lasten zu tragen, geschweige denn schwere Wagen oder gar einen Pflug hinter sich herzuziehen. Dieses Tier dort, das grazil und leichtfüßig hinter seinen mächtigen Gäulen trabte, hatte eine gänzlich andere Bestimmung. Entweder handelte es sich um eines dieser Kurierpferde, die Adel oder Klerus sich hielten, um Nachrichten möglichst schnell von einem zu einem anderen Ort zu befördern. Oder aber dieses zarte, allerdings mit einem Stockmaß von mindestens einem Kopf über Arthurs Körper groß gewachsene Tier, trug normalerweise einen edlen Reiter auf seinem Rücken.

Der Müller kam näher und rief seinem Sohn zu: „Antonius, mein Sohn, wo kommst du denn mit diesem edlen Geschöpf her? Stammt es von einem edlen Kaufmann, der bei den Nähers nächtigt? Wie ich sehe, humpelt es ein wenig. Soll dein Bruder sich die Hufe anschauen?“ Doch noch ehe Antonius mit einer Antwort aufwarten konnte, sah Arthur plötzlich etwas, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die wohltuende Wärme der Steine, die seinem Rücken und Steiß noch immer schmeichelte, wich einem abrupten Frösteln. Tatsächlich trug das fremde Pferd einen leblos scheinenden Körper auf dem Rücken. Wie einer der schweren Getreidesäcke, die von Kruzi und Fix rechts und links herunterhingen und bei jedem Schritt kurz wippten, so schlenkerten die Arme und Beine dieses armseligen Menschen mit jeder Bewegung seines Pferdes.

„Vater, er lag plötzlich vor mir rücklings im Bach! Beinahe, wenn Kruzi nicht gescheut hätte, wäre ich an ihm vorbeigegangen. Durch seinen dunkelbraunen Leinenmantel hob er sich kaum vom Erdboden ab. Auch sein Pferd habe ich erst später hinter einer Felsengruppe stehen sehen!“

„Wo hast du den Menschen denn gefunden? Lebt er überhaupt noch? Nicht dass wir nachher noch Scherereien bekommen und man uns vorwirft, wir hätten etwas mit seinem Unglück oder gar Tod zu tun!“ Arthur war ganz aufgeregt und nahm die Zügel des scheuenden Rappen. Er hielt sie ganz fest, um zu vermeiden, dass dieser stieg und seinen wehrlosen Herrn abwarf.

„Seid beruhigt, als ich ihn fand, atmete er noch. Allerdings ist er die ganze Zeit ohne Bewusstsein gewesen. Er lag auf der Höhe des Steinbruchs. Ihr wisst, ungefähr dort, wo wir im letzten Jahr die Steine für unsere Scheune und die Brücke herausgebrochen haben. Ich bin mir nicht ganz sicher, warum er gestürzt ist. Der Waldboden war an dieser Ecke relativ trocken und stabil. Vielleicht hat ein Tier das Pferd erschreckt. Es kann auch sein, dass der Reiter einfach vor Müdigkeit aus dem Sattel gefallen ist. Als ich gegen Mittag den Hof der Nähers erreichte, begegnete mir dieser Herr. Ich hob meine Hand zum Gruß und dachte noch bei mir, was für eine sonderbare Gestalt!“

„Wie meinst du das?“, hakte Arthur nach, während er sich den Mann etwas näher anschaute; tatsächlich konnte er ein leichtes Schnaufen vernehmen. Er lebt! Erleichtert atmete auch der Müller durch und bedeutete seinem Sohn, dass sie sich beeilen sollten, zur Mühle zu kommen, denn die Sonne verschwand allmählich mit rötlichem Schein hinter dem Ziegenberg und hüllte nach und nach die Landschaft in das graue Tuch der Dunkelheit.

„Also, als mir der Herr auf seinem edlen Ross begegnete, dachte ich zunächst, es wäre einer dieser Mönchskuriere. Ihr wisst, wir haben solche ja schon des Öfteren an unserer Mühle vorbeihetzen sehen. Doch dieser Reiter kam gemächlich näher. So konnte ich auch seine, für einen Mönch ungewöhnlich dunkle, sonnengegerbte Haut sehen. Also wir sehen ja schon, wenn wir im Sommer tagtäglich draußen unter der gleißenden Sonne arbeiten, so braun aus wie die Haselnüsse, doch dieser Mann sah aus, als sei er der Höllenglut entstiegen. Seine Bräune hat mit unserer Sommerfärbung nichts zu tun; einmal davon abgesehen, dass wir gerade erst den Winter hinter uns lassen. Ich muss gestehen, ich erschrak, als ich ihn sah. Unwillkürlich dachte ich, der Leibhaftige würde mir begegnen. Seht selbst, Vater. Sein zotteliger Bart sieht wüster aus, als der des dümmsten Ziegenbocks vom Geißen-Jupp.“ Arthur ging in die Knie und besah sich das regungslose Gesicht des Mannes. Sein Sohn hatte Recht, er sah sehr ungepflegt aus. Aber er atmete und das war ihm wichtig.

„Als er dann schließlich zu mir aufschloss“, setzte Antonius fort, „da löste er seine rechte Hand vom Zügel. Bei erhobenem Daumen richtete er seinen Zeigefinger auf mich und zeichnete ein kleines, aber gut zu erkennendes Kreuz in die Luft. Ich bekreuzigte mich ebenfalls und neigte meinen Kopf. Als ich wieder aufblickte, sah er mich mit einem milden Lächeln an. Doch dann blitzte plötzlich etwas Silbernes unter seinem Mantel hervor. Ich zuckte zusammen. Schließlich war ich gerade zu der Überzeugung gekommen, dass ich dort einem Geistlichen begegnete. Doch das, was ich dann sah, war eine Waffe – und was für eine! Das Heft des Schwerts glänzte wie das polierte Silber der Liturgiegefäße im Kloster. Die Verzierungen am Klingenschutz waren äußerst aufwändig. Nie zuvor habe ich eine schönere Arbeit gesehen. Wenn Albert das Teil sieht, wird er ausrasten und sicher nicht glauben können, was ein guter Waffenschmied alles aus Feuer und Eisen herstellen kann. Seht, es ist …“ Antonius wollte seinem Vater das Prachtstück von Schwert zeigen, als er feststellen musste, dass es nicht da war. „Verdammt! Ich glaube, er hat es beim Sturz verloren. Als ich ihn auf das Pferd gewuchtet habe …“

„Wie ist dir das gelungen? Schließlich bist du … nun, bei deinem Bruder könnte ich mir das noch vorstellen, aber im Vergleich zu ihm bist du doch ein wenig schmaler!“ Antonius rollte die Augen. Der ständige Vergleich, dass sein älterer Bruder und er in der Statur so unterschiedlich waren, nervte ihn. „Dafür bin ich vielleicht ein wenig wendiger im Geiste!“ Arthur huschte ein Lächeln übers Gesicht und er wusste, dass sein Jüngster diesbezüglich Recht hatte. Fast entschuldigend legte er seine Hand auf dessen Schulter.

„Nun erzähl, wie ist es dir gelungen?“

„Ich habe kurzerhand seine Beine mit einem Strick zusammengebunden und über sein Pferd geführt. Das Ende des Seils band ich an Kruzis Geschirr. Während ich bei dem Bewusstlosen blieb und sein Pferd hielt, gab ich dem Gaul das Kommando: Ho-hop! Daraufhin ging er wie gewünscht behutsam nach vorne. Also so, als würden wir einen Baumstamm aus dem Wald ziehen und ob der zurückschnellenden Äste vorsichtig sein müssen. Langsam hob sich der Körper aus dem Wasser und vorsichtig zogen wir ihn über seinen Sattel. Dort habe ich ihn dann festgebunden und bin losmarschiert, ohne auf die Waffe zu achten. Also muss ich gleich morgen in der Früh noch einmal losziehen und sie suchen. Ich muss das Schwert finden, bevor ein Anderer es tut!“

Arthur war beeindruckt von seinem Sohn und lobte ihn. Sie ereichten den Mühlenhof und er rief laut nach seiner Frau. Emma hielt zunächst erschrocken auf der Türschwelle inne, kam dann aber schnell heran. Hannah und Klara folgten ihr wie zwei Küken hinter der Henne. Synchron hüpften sie über die Steine und hatten alle Mühe nicht auszurutschen. Der Lehmboden war noch immer vom vor nicht allzu langer Zeit geschmolzenen Schnee aufgeweicht. Zudem waren die zahlreichen Bachkiesel, die Arthur und Albert im Herbst als Fußsteine über den ganzen Hof verteilt hatten, nun nach dem Sonnenuntergang glitschig feucht geworden und keine wirkliche Erleichterung. Als Emma den leblosen Mann sah, schlug sie beide Hände vor den Mund und unterdrückte einen Aufschrei. Doch was ihr gelang, schaffte Klara nicht. Sie schrie schrill und hielt sich die Hände vors Gesicht. „Ist er tot? Ich habe Angst! Der sieht aus wie ein Teufel!“

Die Dämmerung ließ das arme Geschöpf, das nach dem grellen Aufschrei des Mädchens kurz zuckte und aufstöhnte, noch dunkler erscheinen, als es ohnehin schon zu sein schien. Emma beruhigte die Mädchen und bedeutete ihnen, sie sollten zurück ins Haus eilen. Sie trug ihnen auf, zwei Scheite Holz auf das immerwährend glimmende Küchenfeuer zu legen. Sie sollten Wasser in den Eisentopf füllen und diesen anschließend übers Feuer hängen. Die beiden Mädchen packten sich bei den Händen und verschwanden, wie ihnen ihre Mutter geheißen hatte.

Nun kam der schwere und auch spannende Moment: Die Person, die – das kurze Aufstöhnen hatte es bewiesen – doch noch am Leben war, musste vom Pferd genommen werden, ohne ihr dabei noch mehr Schmerz oder Schaden zuzufügen. Vom Aufschrei seiner kleinen Schwester aufgeschreckt, kam auch Albert gelaufen. Schnell ließ er sich von Antonius schildern, was dieser erlebt und vor allem, wen er im Schlepptau mitgebracht hatte. Während Antonius auf der einen Seite stand und das ordentlich zum Knoten vertäute Seil löste, nahmen Arthur und Albert den Körper auf der anderen Seite entgegen. „Wie hast du das nur geschafft, den Kerl auf das Pferd zu bekommen?“ Albert wunderte sich, schließlich war sein jüngerer Bruder nur halb so kräftig gebaut wie er. Nun taten sich selbst er und sein Vater schwer daran, den schlaffen Korpus vorsichtig auf die Erde zu bugsieren.

„Wir legen ihn heute Nacht in den Pferdestall. Dort ist es warm und wir laufen nicht Gefahr, dass er aufwacht und uns allen vielleicht etwas antut!“ Die Söhne sahen ein, dass ihr Vater Recht hatte, schließlich sah dieser Kerl, wer immer er auch war, nicht gerade vertrauenerweckend aus. Wer wusste schon, vielleicht hatte er sogar eine dieser ansteckenden Krankheiten, von denen man sich erzählte, und die ganze Ortschaften auslöschen konnten. Außerdem ließ sich der Stall von außen verschließen. Gemeinsam trugen sie ihn in den Hof hinab und legten ihn in einen ordentlichen Haufen Stroh. Albert holte schnell ein paar Jutesäcke, um ihn zuzudecken. Das Licht wurde immer spärlicher und so konnten sie kaum noch die Konturen des Mannes sehen. Eine Fackel zu holen, um den Raum ein wenig auszuleuchten, war ihnen – nach ihrem Erlebnis im Sommer des letzten Jahres, als es Albert gewesen war, der mit einer Fackel in der Hand auf einer von ihm mit den Füßen zerquetschten Ratte ausrutschte und somit die Scheune in Brand setzte – zu gefährlich.

Behutsam zogen sie dem Fremden die staubigen, aber sehr weichen, ledernen Reisestiefel aus. Der Mann schnaufte, als spürte er, dass ihm geholfen wurde. Vorsichtig lösten sie den Mantelgürtel und erkannten ein Kettenhemd, das am Nacken hervorlugte. Daraus schlossen sie, dass sein Rumpf an sich unversehrt sein musste. Augenscheinlich konnten sie auch keine äußerlichen Verletzungen an Kopf oder den Armen und Beinen erkennen, geschweige, dass irgendetwas auf Blutungen hinwies. Deshalb gingen sie etwas laienhaft davon aus, dass er somit auf jeden Fall die Nacht überleben müsste. Sie deckten ihn mit den Jutesäcken zu, schlichen nacheinander leise aus dem Stall und schoben von außen den Riegel vor. Nachdem auch Kruzi und Fix ihren neuen vierbeinigen Stallnachbarn und dessen bewusstlosen Herrn akzeptiert hatten, wurde es ruhig in der Mühle am Holzbach.

II.

LEXEMÜHLE

Natürlich hielt es keinen der Mühlenbewohner lange im Bett. Die Baumwipfel der mächtigen Buchen des Kirchhölzchens lagen noch im Dunkeln. Als Kirchhölzchen bezeichnete man den großen Kirchenwald, an dessen Rand der Holzbach entlang floss und die Lexemühle lag. Auf der einen Seite versorgte sich die Eigentümerin, also die Kirche, zum Bau und Erhalt ihrer Gebäude mit dem Holz daraus, auf der anderen Seite war es den Einwohnern Severus’ gestattet, dass sie sich an abgeschlagenen Ästen bedienen konnten und Kleingehölz zum Anfachen ihrer Feuerstellen aufklauben durften.

Neben dem Gemurmel der Mägde waren auch bereits Emma und die Mädchen in der Küche zu hören. Das Stimmengewirr der Knechte im Mühlenhof, die üblicherweise vor Sonnenaufgang bereits mit dem Füttern begannen, schien heute ein wenig lauter als sonst. Das wiederum lag daran, dass niemand den Stall betreten durfte, bevor der Müller die Erlaubnis dazu erteilt hatte. So versammelten sie sich alle im Hof. Auch die beiden Söhne der Familie standen bereits dabei und warteten darauf, dass Arthur den Stall öffnete. Natürlich wollte jeder dabei sein und einen ersten Blick auf den Fremden werfen. Ob er überhaupt noch lebt? Das Getuschel und Gemurmel war groß. Es erstarb jedoch abrupt, als Arthur aus dem Haus kam, seine Hose zurechtzog und die dicke Wolljacke zuknöpfte. Es war lausig kalt, denn der sternenklare Himmel hatte noch einmal für Frost gesorgt. Raureif zierte die Dächer und die Atemschwaden der Menschen auf dem Hof umhüllten ihre Gesichter wie weiße Wattebausche. Nun aber schienen die Sterne zu verblassen und der aufgehenden Sonne Platz zu machen, die sich mit einem rotbläulichen Morgenhimmel ankündigte.

Zur Enttäuschung aller ordnete Arthur an, dass der erste Blick in den Stall ihm und vor allem Antonius zustehen würde. Schließlich sei dieser es gewesen, der die wundersame Gestalt in der Holzbachklamm gefunden habe. Außerdem mahnte er seine Leute, dass dies nicht ein Jahrmarktspektakel sei, sondern dass es sich hierbei um ein Unterfangen handelte, dass sehr schnell äußerst gefährlich werden könnte. „So wie der Kerl aussah, kann es durchaus sein, dass es sich um einen Verbrecher handelt!“ Die Frauen schrien erschrocken auf, während die Blicke der Männer entschlossener denn zuvor waren.

Nach einem ersten zaghaften Blick durch einen Spalt schloss Arthur die Stalltür sofort wieder. Er erkannte, dass die Helligkeit nicht ausreichen würde, sich sicher umzuschauen. Aus bekannten Gründen wollte er keine Fackel verwenden. Deshalb ordnete er an, sicherheitshalber so lange zu warten, bis der Pferdestall vom Tageslicht genügend ausgeleuchtet wurde. „So können wir vermeiden, dass wir einem hinterhältigen Angriff zum Opfer fallen!“ Sie vertagten sich für eine weitere Stunde. Während die Müllerfamilie im Haus ein gemeinsames Frühstück einnahm, verrichteten die anderen ihre außerhalb des Stalls zu erledigenden Arbeiten. Eine Stunde später war es dann schließlich soweit. Sie versammelten sich erneut. Arthur ließ den beiden kräftigsten Knechten, Berthold und Kerbel, eine frisch geschärfte Axt aushändigen. Zwei weitere Männer postierten sich rechts und links der Tür mit zwei hölzernen, aber nadelspitzen Mistgabeln. Es war von großem Vorteil, dass der Stall lediglich über einen Ausgang verfügte, der zum Hof hinaus führte. Somit müsste der Fremde, sollte er sich über Nacht tatsächlich aufgerappelt haben und fliehen wollen, auf jeden Fall an ihnen vorbei. Deswegen schickte Arthur seine Töchter in das Hauptgebäude. Nur unter großem Protest räumten sie das Feld und verzogen sich samt ihrer Tante Marga und ihrer Mutter in die Küche.

Arthur selbst verzichtete auf eine Waffe, forderte aber seine beiden Söhne auf, ihm mit ihren geschärften Messern, Sonderanfertigungen von Albert, zur Seite zu stehen. Vorsichtig löste er den Metallriegel und schob erneut die schwere Holztür, die sich nach innen öffnete, auf. Warme Luft und der vertraute süßliche Geruch der Pferde, insbesondere von deren kugelförmigen und dampfenden Exkrementen, schlugen ihnen entgegen. Der einfallende goldfarbene Lichtstrahl leuchtete das provisorische Krankenlager aus. Nachdem sich die Augen an das Düstere gewöhnt hatten, erkannten sie den Unbekannten, der mittlerweile wie ein Hund im Stroh zusammengekauert lag. Vorsichtig senkte zunächst Antonius, der direkt hinter seinem Vater stand, dann auch Albert seine Waffe. Leise traten sie, ihrem Vater auf dem Fuße folgend, in den Stall.

„Herr, könnt Ihr mich hören?“ Arthur versuchte es, um ihn nicht zu erschrecken, zunächst mit leisen Tönen. Als sich nichts tat, hob er seine Stimme, doch noch immer konnten sie keine Reaktion feststellen.

Plötzlich aber drehte sich der Körper des groß gewachsenen Mannes nach links und rechts. Sein Kopf schleuderte von der einen zur anderen Seite.

„Nei-i-i-n!“ Eine gequälte Stimme entglitt dem Geschöpf, die trotz aller Mutmaßungen vom Vorabend mehr einem Menschen als dem Leibhaftigen glich. „Blut! Überall Blut! Tötet sie, sonst werden sie euch töten! Tötet sie, im Namen des Herrn! Semper victrix!“ Sein Kopf wackelte immer noch heftig hin und her. Wieder und wieder rief er seine lateinische Losung: „Immer siegreich!“ Seine Augen waren halb geöffnet. Das Weiße der Augäpfel schimmerte unheimlich hervor und wurde dadurch verstärkt, dass der Rest seines Gesichts sonnengegerbt und nahezu mit Bart und Haaren zugewachsen war. „Sie reißen euch das Herz heraus! Sie werden es essen! Lasst es nicht zu! Bruder, sei auf der Hut! Rette die Ourida!“

Plötzlich verstummte sein Gebrabbel und Geschrei – es sah aus, als sei er wieder in einen tiefen Schlaf gefallen. Schweißperlen rannen seitlich von seiner Stirn. Die Lider seiner Augen flatterten. Sie bewegten sich auf und ab, als wollte irgendetwas sie von innen mit aller Gewalt geschlossen halten.

„Er fiebert! Wir müssen ihn von seinen Kleidern befreien und die Haut untersuchen. Vielleicht hat er doch irgendwo eine Wunde davongetragen, in der sich nun der Brand festsetzt“, sprach Albert. Gemeinsam traten sie auf ihn zu und knieten vor ihm nieder. Gerade wollte Arthur versuchen, ihm den Mantel auszuziehen, als der Mann sich, wie von Geisterhand nach oben gezogen, aufsetzte, die drei Männer, die vor ihm knieten, begutachtete und sagte: „Brüder der Rose, erhebt euch! Ich danke euch, dass ihr gekommen seid, um ihr zu huldigen.“ Dann folgte ein erschreckendes und angsteinflößendes „Tötet die, die ihrer nicht wert sind! Tötet die Ungläubigen! Rettet die Ourida!“ Unvermittelt und begleitet von einem kräftigen Seufzer sackte der Leib, der eben noch so dynamisch nach vorne geschnellt war, erschlafft in sich zusammen. Die drei Helfer schauten einander skeptisch an. Unisono erklang: „Wundbrand!“

Mit vereinten Kräften setzten sie die am gestrigen Abend nur oberflächlich begonnene Untersuchung des Fremden fort. Sie begannen, den schlaffen und bewusstlos wirkenden Körper nach rechts und dann nach links zu drehen. So gelang es ihnen, ihm den braunen Leinenmantel auszuziehen. Ein weiteres Kleidungsstück kam zum Vorschein – ein Mönchshabit. Im Originalzustand schien dieser einmal weiß gewesen zu sein. Unter diesem Überwurf trug der bewusstlose Reiter ein relativ leichtes Kettenhemd mit Kapuze, das von bester Qualität zu sein schien. Albert nahm prüfend einige Maschen des Eisenkonstrukts zwischen Zeigefinger und Daumen und kam nicht umhin, das Werk in den höchsten Tönen zu loben.

Als nächstes zogen sie ihm den Reiterhandschuh aus. Diesen schien sein Träger selten abgenommen zu haben. Das erkannten sie daran, dass die Hand fast schneeweiß schimmerte, während sein Gesicht und seine andere Hand von der Sonne tief braungebrannt waren. Die Fingernägel schienen regelmäßig gepflegt worden zu sein. Alle Nägel waren gleichmäßig gestutzt – bis auf den kleinen Finger, dessen weißes Nagelende fast einen guten Zentimeter maß. Am Ringfinger prangte ein Ring aus gedrehten oder geflochtenen Goldfäden. Ein großes, ebenfalls in Gold gefasstes Siegelrelief aus einem weißgrünlichen Stein war zu sehen. Die Gravur zeigte, umrandet von Schriftzeichen, die den Mühlenbewohnern überhaupt nichts sagten, zwei bewaffnete Reiter. Jeder war mit einem Schild ausstaffiert.

„Moment mal!“, stutzte Arthur, der an seinem Augenlicht zweifelte. „Sitzen die da auf einem oder auf zwei Pferden?“ Albert nahm die Hand und zog den Ring ein wenig ins Licht. Dann bestätigte er seinem Vater, dass es sich tatsächlich nur um ein Pferd handelte. Langsam legte er die Hand wieder ab und begann gemeinsam mit Antonius, den oberen Verschluss des Kettenhemdes zu lösen. Sein Geschick für handwerkliche Dinge, die mit Eisen und dergleichen zu tun hatten, half ihm dabei. So gelang es ihnen, den engen Kragen ein wenig zu lockern.

„Vielleicht sollten wir ihm erst einmal den Umhang ausziehen!“, schlug Antonius vor, wobei sein Augenmerk immer wieder auf den vergilbten Kittel fiel. „Der ist so schmutzig, dass er, wenn wir ihn dort in die Ecke stellen, mit Sicherheit vor Dreck stehen bleibt.“ Irgendetwas störte ihn daran, doch er wusste nicht, was es war. Albert half ihm, die Gürtelschnalle zu lösen. Vorsichtig hoben sie den Kopf des Mannes und befreiten ihn von dem Überwurf. Antonius erhob sich. Als er das verschmutzte Kleidungsstück zusammenlegen wollte, erkannte er, was ihm so unterschwellig aufgefallen war. Vorsichtig drehte er den Umhang um und erspähte ein Zeichen auf der Innenseite. Dieses hatte zuvor durch den Stoff geschimmert und war nur vage auf der Brust des Reiters zu erkennen gewesen. Anscheinend trug dieser den Habit absichtlich falsch herum. Wollte er ihn vor Verschmutzung schützen oder hatte er gar etwas zu verbergen? Auf jeden Fall zeigte es ein eindeutiges Symbol: Ein achtspitziges rotes Kreuz – ein sogenanntes Tatzenkreuz. Dieses hätte sich auf der Herzseite befunden, wenn der bewusstlose Mann seinen Umhang richtig herum getragen hätte.

„Ein Kreuz. Vielleicht handelt es sich doch um einen Mönch!“, rief Antonius.

„Vielleicht sollten wir ihn ins Kloster bringen“, schlug Albert vor.

„Ein Gottesmann!“, atmete Arthur erleichtert auf. Er war froh, das christliche Symbol zu sehen. Im Stillen hatte er sich bereits ausgemalt, welch wüstes Wesen, welch grausame und exotische Kreatur sein Sohn da angeschleppt hatte und wie er seine Familie vor diesem Geschöpf beschützen könnte.

„Wartet! Ich bin mir nicht ganz sicher“, warf Antonius plötzlich ein, „aber der Gregor hat mir erzählt, als wir uns gestern über diesen mysteriösen Reiter unterhielten, dass es eine ganz bestimmte Sorte von Mönchen gibt. Nein, vielmehr seien es eher Ritter, die sich dazu berufen fühlten und es sich zur Aufgabe gemacht hätten, die vielen Pilger zu beschützen, die in das Heilige Land gehen und dort an den Orten beten, an denen Jesus gewirkt hat. Ihr kennt die Bibelgeschichten, die uns die Mönche aus Sankt Severus immer erzählen. Ja, und diese Ritter schützen nicht nur die Pilger, sondern auch die Orte vor den Ung… Ungeheuern. Gregor erzählte aber auch, dass einige Kreise innerhalb der Kirche oftmals gar nicht so gut auf diese Rittersleute zu sprechen wären. Sie seien zu mächtig geworden, oder so.“ Die anderen schauten Antonius verwundert an ob dessen Weisheiten. „So hat es der Gregor erzählt!“, verteidigte dieser sich unbewusst. „Vielleicht ist dieser Mann hier solch ein Ritter? Immerhin trug er ein Schwert bei sich, als er an mir vorbeiritt!“

„Allerdings gleicht er jetzt eher einem Bettelmönch – so abgerissen wie er aussieht!“, ergänzte Albert. Sie lachten gelöst. Das rote Kreuz und Antonius’ Theorie, die auf Gregors Wissen basierte, beruhigten sie ein wenig. Der Knecht Gregor genoss in ihren Kreisen den Ruf eines weisen Mannes. Er arbeitete und lebte seit Jahren auf dem Hof der Nähers. Dort traf und sprach er tagein tagaus zahlreiche Leute von nah und fern. Und diese erzählten ihm die interessantesten Geschichten, unglaublichsten Anekdoten und fantastischsten Mären. Ja, Gregor war bestens über die Welt da draußen, also die hinter der Handelswegkreuzung bei Seckaha, aufgeklärt.

„Ich werde noch einmal in die Schlucht aufbrechen, vielleicht finde ich das Schwert des Reiters! Und wenn ja, dann marschiere ich gleich zum Hof weiter und frage Gregor, was er von der ganzen Geschichte hält.“ Antonius hoffte auf einen relativ entspannten Tag in der Klamm, der sich zudem prima um einen nicht ganz uneigennützigen Kurzaufenthalt auf dem Näherschen Hof ergänzen ließe. Natürlich spekulierte er auch darauf, bei dieser Gelegenheit einen kurzen Blick auf Elisabeth werfen zu können.

* * *

Immer wenn Antonius auf den Hof der Nähers kam, nutzte er auch gleich die Gelegenheit, sich mit dem Hauptknecht Gregor zu unterhalten. Beide verstanden einander gut. Stets nutzten sie die Zeit des Ab- und Beladens, was Gregor auf seine Arbeiter delegieren konnte, und unterhielten sich ausgiebig. Natürlich drehte es sich bei ihren Gesprächsthemen, wie von gestandenen Mannsbildern nicht anders zu erwarten, stets ums Weibsvolk. Genauer gesagt, ging es hierbei nicht um irgendwelche Frauen, sondern beide buhlten um zwei ganz bestimmte Exemplare.

„Hast du sie noch einmal gesehen?“, war Antonius’ Standardfrage, wenn er auf Gregor traf. „Wie geht es ihr? Sah sie hübsch aus?“ Allerdings war dieser so geschickt, dass er stets nur eine Frage beantwortete und erst weitere Informationen preisgab, wenn Antonius ihm von seiner eigenen, heimlichen Herzdame berichtet hatte. Aufgeregt, wie kleine Jungen beim Froschfangen, saßen sie dann beieinander und tauschten ihre Neuigkeiten aus. Sie tuschelten und bemühten sich ihr Geheimnis, so gut es ging, zu hüten.

„Ja, ich habe sie gesehen. Sie ist gestern über den Hof gegangen. Eigentlich, wenn ich mir das genauer überlege, dann ist sie vielmehr eines Engels gleich über den selbigen geschwebt!“ Gregor war um einiges älter als Antonius und liebte es, seinen jüngeren Freund aufzuziehen. Er wusste ganz genau, wie er diesen mit vagen oder fantasiereichen Andeutungen und Auskünften so herrlich auf die Folter spannen konnte. Hibbelig wie ein Welpe hielt es Antonius dann kaum auf der Mauer aus. Meist war er so aufgeregt, dass er aufstand, im Kreis ging und sich wieder setzte. Sah sie glücklich aus? Trug sie ihr weizenblondes Haar offen über ihren Schultern? Antonius überkam stets die Angst, er könnte eine seiner Fragen vergessen. „Oder hat sie es hochgesteckt, wie es diese vornehmen Damen tun?“ Gregor hob dann stets seine Schultern.

„Du weißt, mein Lieber, jeder immer nur eine Frage! Jetzt bin ich dran.“ Gregor wusste, der Wissensdurst des Jünglings schien unerschöpflich, doch auch ihn interessierte das Wohlbefinden seiner Herzdame. Somit hatte Antonius zunächst auch Gregors Frage zu beantworten, so trivial sie ihm auch erschien. So liefen ihre Begegnungen stets gleich ab.

Gregor, mit seinen 32 Jahren ein betagter Herr, schwärmte seit Jahren für Antonius’ Tante Marga. Vor ein paar Jahren hatte er Dagoberth Näher zu einem offiziellen Besuch zur Lexemühle begleitet und lernte dort Arthurs Schwester kennen. Sie schien ungefähr so alt zu sein wie er selbst und saß während des Mittagsmahls neben ihm. Zunächst hatte er sie nur scheu aus den Augenwinkeln angesehen und konnte kaum damit umgehen, dass Marga sogleich die Gelegenheit nutzte und den sympathischen Knecht der Nähers ungeniert ansprach. Schon bald lachten und flachsten sie wie junge Leute. Seit diesem Tag war es um Gregor geschehen und er hatte sein Herz an Marga verloren.

Antonius’ Augenmerk lag hingegen auf Elisabeth – der jüngsten Tochter von Dagoberth Näher. Zwar pendelte Antonius bereits seit gut und gerne drei Jahren durch die Holzbachschlucht zum Hof der Nähers, doch erst im letzten Sommer hatte er sie das erste Mal bewusst wahrgenommen: Kruzi und Fix waren beladen worden und fertig zum Abmarsch. Antonius, der wie immer mit Gregor auf der Mauer der kleinen Steinbrücke an der Ausfahrt vom Hof saß, wollte gerade seinen Plausch beenden, als es ihn plötzlich fast in den Holzbach geworfen hätte. Nur einem Reflex folgend, konnte er sich mit Mühe an Gregors Arm festhalten. Auch dieser erschrak und sah wie der Blick seines jungen Freundes auf dem kleinen Balkon des Haupthauses verharrte.

Das mächtige Herrenhaus des Nähers stand unmittelbar am Holzbach. Neben den Öffnungen der Küche im unteren Geschoss, befand sich an der oberen Etage dieses zweistöckigen Steinhauses ein Holzbalkon – dieser ragte über den Bach hinaus. Eigentlich war er dazu gedacht, dass man den großen Raum im zweiten Stock bei Feierlichkeiten, die der Hofherr regelmäßig für wohlhabende Kaufleute abhielt, mit warmem Essen versorgen konnte. Sobald die Reden geschwungen waren und Trinksprüche ausgerufen wurden, galt dies als Zeichen für die Küchenmamsell Bertha, die Platten mit dem Braten und Gemüse auf das große Tablett zu legen. An diesem waren vier Seile befestigt, die sich in einen einzigen Strick verwoben. Dieser wiederum wurde von einem der Knechte per Flaschenzug zügig nach oben gezogen. Auf dem Balkon stand dann stets ein weiterer Bediensteter, der die Speisen entgegennahm und in das mit feinen Holzbohlen vertäfelte und mit Jagdtrophäen übersäte Zimmer trug. Eines Tages sah Antonius dabei zu, wie ein ganzes Wildschwein nach oben gehievt wurde. Dieses war nachmittags im Wald erlegt, waidmännisch aufgebrochen und anschließend sofort auf der offenen Feuerstelle in der Hofküche gegrillt worden.

Doch an einem ganz normalen Tag, wie es damals im Sommer einer gewesen war, stand plötzlich einer Heiligen gleich – wenngleich Antonius nicht genau wusste, wie eine Heilige eigentlich auszusehen hatte – die Tochter des Hofherrn auf dem Balkon. Sie stand da und bürstete ihr langes rotblondes Haar mit einem Kamm aus Horn. Gregor, dem Antonius’ Erregung nicht unbemerkt geblieben war, musste damals grinsen. Er ahnte, dass für künftigen Gesprächsstoff gesorgt war. Und er sollte Recht behalten. Fortan war es um Antonius geschehen.

* * *

So war es kein Wunder, dass sein Vater flugs den zweiten Grund für das freiwillige Vorhaben seines Sohnes entlarvte. Sogleich machte er ihm einen Strich durch die Rechnung – zumindest was den entspannenden Aspekt seines Tages betraf.

„Nun, wenn du eh außerhalb der Reihe zum Hof aufbrichst, dann kannst du gleich ein paar Säcke mitnehmen. Außerdem trifft sich das gut, so kann ich dir noch etwas von unserem feinsten Mehl mitgeben, dass du vielleicht gegen ein wenig von dem besseren Speck eintauschen kannst – bei deinen hervorragenden Beziehungen dürfte das für dich ja kein Problem sein!“ Arthur grinste. Schon seit geraumer Zeit wusste er, dass sein Sohn ein Auge auf die Tochter des Hauses geworfen hatte. Antonius kniff die Augen zusammen und ahnte, dass sein Vater ihn durchschaute. „Es wäre nicht schlecht, wenn wir unserem Gast – nur für den Fall, dass er die nächsten Tage noch unter uns weilt und sich wirklich als Ehrenmann erweist, etwas Gescheites anbieten können!“

Arthur zwinkerte seinem jüngsten Sohn zu. Er gab ihm so zu erkennen, dass er dessen eigentlichen Beweggrund, freiwillig noch einmal zum Hof aufzubrechen, durchaus erkannt hatte, und dass er, als er von dessen guten Beziehungen sprach, diesmal nicht die Freundschaft mit Gregor meinte. Schamesröte breitete sich über Antonius’ Gesicht aus. Er fühlte sich ertappt.

* * *

„Schützt Ourida!“ Alle wurden wieder aus ihren Gedanken gerissen und sahen zu dem verletzen Reiter. „Pauperes commilitones! Ourida! Seht die Assassinen! Blut! Tod!“

„Er hat hohes Fieber. Wir müssen sehen, dass er etwas Wasser zu sich nimmt.“ Arthur sorgte sich um das Leben des Mannes, der dort hilflos und im Fieberwahn vor ihm im Stroh lag. „Jetzt, wo wir wissen, dass er kein Räuber oder gar der Teufel ist, können wir ihn nachher auch ins Haus holen. Zunächst müssen wir jedoch nach dem Grund seines Fiebers fahnden. Los, Jungs, hebt ihn an, wir ziehen ihm sein schweres Beinkleid aus – auch seinen Wams. Berthold, flitz zur Müllerin und lass dir eines meiner Nachtgewänder geben! Das werden wir ihm anschließend anziehen. Und sag dem Weibsvolk in der Küche, es soll uns ein wenig heißes Wasser bringen. Wir müssen den Körper reinigen!“ Arthur führte das Regiment. Er war der Müller und somit Herr im Haus. Antonius trug er auf, die Pferde zu beladen und sich auf den Weg zu machen.

Als sie den Fremden zur Seite drehten, um ihn völlig zu entkleiden, sahen sie den Verursacher des Fiebers – eine Fleischwunde. Diese war bereits von einem rot bis dunkelblau schimmernden Brand umgeben. Sie roch ekelhaft. Albert stellte fest, dass sie fast so penetrant stank wie die verendete und aufgedunsene Wildsau, die sie letztens im Holzbach gefunden hatten, nachdem diese wahrscheinlich einige Tage zuvor beim Saufen durch das Eis gekracht und dann jämmerlich ersoffen war.

Antonius musste würgen und drehte sich flugs um, während sein Vater und Albert die Wunde näher in Augenschein nahmen. „Na, Vater, da ist aber schon ordentlich Leben drin!“ Arthur nickte und runzelte die Stirn. Sie wussten, was sie normalerweise taten, wenn eines der Tiere sich verletzt hatte und sich die weißen Fliegenlarven schon nach wenigen Stunden an der Wunde zu schaffen gemacht hatten. Doch was sollten sie jetzt und hier tun? Konnten sie ihre altbewährte Methode anwenden?

„Was meinst du, Albert, sollen wir es riskieren? Wird er das überleben?“ Albert überlegte. Von seiner mentalen Natur war er sehr robust, ganz abgesehen von seiner kräftigen Statur, mit Oberarmen so dick wie ein Pferdebein. „Bei den Pferden haben wir bisher immer Erfolg gehabt, aber ob es auch bei einem Menschen funktioniert?“

„Assassinen! Rettet euch! Rettet die Ourida!“ Der Reiter schien völlig im Delirium und warf seinen Kopf hin und her. Der Schweiß bedeckte seinen ganzen Körper. Hier und da flossen kleine Sturzbäche über die nackte Haut. Sie wussten, sie mussten handeln, wenn sie sein Leben retten wollten. Hannah brachte den dampfenden Eimer. Während Albert hinausging, um seine Vorbereitungen zu treffen, wies Arthur zwei seiner Bediensteten an, den Bereich um die Wunde herum zu waschen. Er nahm Hannah an die Hand, die wie gebannt auf den sich windenden Körper starrte, und führte sie aus dem Stall. Antonius folgte ihnen mit den bereits von den Knechten beladenen Kruzi und Fix.

„Pass auf dich auf und sieh zu, dass du nicht allzu spät nach Hause kommst!“ Antonius versprach es. Er verabschiedete sich und küsste seine Mutter auf die Wange, die ihm ein wenig Proviant brachte. Dann drückte er der kleinen Klara, die auf der Treppe stehen blieb, einen Schmatzer auf die Stirn und machte sich auf den Weg in die Schlucht.

Derweil bereitete Albert seine Wunderwaffe in seiner kleinen Schmiede vor. Mit dieser wollte er die Wunde behandeln und vor allem den kleinen, sich in ihr labenden Viechern den Garaus machen. Arthur holte seinerseits das schärfste Messer aus seiner Werkstatt und gebot dem Rest seiner Bediensteten, die bisher nur stumm um sie herumstanden, sich an die Arbeit zu machen. „Hier gibt es nichts mehr für euch zu sehen! Seht zu, dass ihr den Mühlstein zum Laufen bringt. Antonius wird heute zusätzliche Arbeit mit nach Hause bringen. Außerdem will Ignazius nachher noch mit seinem Gespann kommen. Er sagte beim letzten Mal, dass er zig Zentner Weizen aus seinem Kornspeicher mahlen lassen muss. Also, somit habt ihr keine Zeit, hier Maulaffen feilzuhalten. Schafft was für euer täglich Brot!“ Arthur war ein strenger, aber gerechter Hofherr und seine Bediensteten wussten dies. Sofort waren alle verschwunden. Arthur ging in den Stall zurück, wo er seines schweren Amtes walten wollte. Albert folgte ihm und trug seinen rot glühenden Spieß bei sich. Sie knieten sich neben den regungslosen Körper. Vorsichtshalber kontrollierten sie, ob überhaupt noch eigenes Leben in ihm war. Dann legten sie los.

Arthur versuchte dem Fremden ein Knäuel Leinen in den Mund zu zwängen, auf das er beißen sollte, doch nachdem es ihm nicht gelang, ließ er es weg. Noch einmal tief einatmend sah er seinem Sohn fragend und entschlossen zugleich in die Augen. „Was die Medizin nicht heilt, heilt das Eisen.“ Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat! Ein Ausspruch, den einer der Gottesmänner aus dem Kloster einst sagte, als er einen verletzten Ochsen zu Albert brachte und ihn bat, die Wunde entsprechend zu behandeln.

Beherzt setzte Arthur die blanke Klinge seines Messers, das Albert ihm in diesem Winter aus einem guten Stück Eisen geschmiedet und unglaublich scharf geschliffen hatte, gute zwei Zentimeter außerhalb des Wundbrandrands an und stach hinein. Die Haut sprang auf wie die Pelle einer gekochten Wurst. Das rosafarbene Fleisch, das zum Vorschein kam, schien gesund. Blut quoll hervor und rann an der Leiste des Verwundeten hinab. Zögernd schaute er den Bewusstlosen an, doch dieser schien die Operationshandlung nicht zur Kenntnis zu nehmen. Arthur drückte die Klinge tiefer und zog sie kreisförmig um die Wunde herum. Im befallenen Fleisch wimmelte und wuselte es. Die wurmartigen Schmarotzer ahnten anscheinend, dass es ihnen an den Kragen gehen sollte. Langsam löste Arthur das kranke Fleisch heraus – es stank barbarisch. Gleichwohl wunderte er sich, dass seine Handlung sich nicht viel von der Behandlung eines seiner Tiere unterschied. Als er den letzten Rest des verseuchten Gewebes herausgetrennt hatte, stand er auf, trat einen Schritt zurück und überließ Albert das weitere Vorgehen. Dieser sah Arthur fragend an, erkannte aber dessen Zustimmung, unterstützt durch ein leichtes Kopfnicken. Albert kniete nieder und flüsterte: „Der Herr stehe dir bei!“ Was Eisen nicht heilt, heilt das Feuer.

Gezielt und durch den Einsatz beim Vieh geübt, setzte er das rot glühende Eisen an. Es zischte. Dampf stieg auf. Ein Schmorgeräusch war zu hören. Geruch von verbranntem Fleisch breitete sich aus. Albert drehte die Stange einmal komplett an den Wundrändern entlang, bevor er es zum Schluss kurz in der Mitte einsetzte. Er war gerade fertig, als ein markiger Schrei ihm durch die eigenen Knochen fuhr. Der zuvor leblos daliegende Körper wurde in Sekundenschnelle aufgewuchtet. Die Augen des soeben noch bewusstlos scheinenden Mannes waren so weit aufgerissen, dass sie den Mühlsteinen im Keller Konkurrenz machen konnten. Die Hand mit dem Siegelring schnellte nach vorne, packte zielsicher Alberts Hals und drückte zu. Alberts Augen weiteten sich und traten hervor. Ehe er sich’s versah, verlor er die Besinnung und sackte zusammen wie ein nasser Jutesack. „Mich häutet ihr nicht! Semper victrix!“, rief der Angreifer, bevor auch er mit verdrehten Augen in sich zusammenfiel. Albert hustete und kam langsam wieder zu sich. „Ist er tot, Vater?“ Arthur beugte sich vorsichtig, um nicht auch zum Opfer zu werden, über das Gesicht des Mannes und schüttelte den Kopf.

„Ich denke, er wird jetzt erst einmal schlafen! Los, wir ziehen ihm mein Schlafgewand an und dann sollen Berthold und Kerbel ihn in die Gästekammer bringen.“ Dieses Zimmer hatte den Vorteil, dass die steinerne Rückseite der Küchenfeuerstelle sich in ihr befand, wodurch diese Stube gerade im Winter eine angenehme Grundtemperatur hielt.

Die beiden Knechte packten den teilnahmslosen Patienten an seinen Armen und Beinen und trugen ihn ohne Mühe ins Haus. Gerade hatten sie ihn auf die Pritsche abgelegt und Emma hatte ein Schafsfell und Decken über ihn gebreitet, als draußen im Hof Pferdegetrappel zu hören war. Schnell zog sie die Tür der Kammer zu und schickte die kräftigen Knechte auf den Hof. Sie selbst blieb, wie sie es mit ihrem Mann vereinbart hatte, mit den Kindern und ihrer Schwägerin Marga im Haus. Schließlich wusste man nie, wer draußen auftauchte und es wäre töricht gewesen, wenn die Frauen des Hauses einfach auf den Hof eilten.

Arthur, der soeben den Stall aufgeräumt und das Pferd des Fremden abgerieben und gefüttert hatte, schloss ebenfalls sicherheitshalber die Tür hinter sich. Er wusste nicht, warum er so geheimnisvoll tat, aber seine innere Stimme riet ihm dazu.

„Seid gegrüßt, Müller Arthur! Der Herr sei mit dir und den deinen!“

„Der Herr sei auch mit Euch, Hochwürden!“ Arthur wusste, dass dies nicht die richtige Anrede war, aber immerhin hatte sich Ignazius, der Verwalter des Klosters Sankt Severus, noch nie über diese Bezeichnung beschwert. Ein- bis zweimal in der Woche kam er hinaus zur Mühle geritten, begleitet von einem von zwei mächtigen rabenschwarzen Ochsen gezogenen Wagen, auf dem stets zig prallgefüllte Säcke mit Getreide lagen. Mal Gerste, mal Hafer oder – wie heute – auch einmal Weizen.

* * *

Ignazius war ein äußerst groß gewachsener Mann. Sein Haar reichte ihm bis auf die Schultern; an warmen Tagen trug er es als Zopf zusammengebunden. Um seine Schlaksigkeit zu verbergen, hüllte er sich stets in schwarze Umhänge, die erst wenige Zentimeter vor dem Boden endeten. Unwillkürlich wirkte er somit noch größer, als er ohnehin schon war. Sein schmales langes Gesicht zierte eine markante Hakennase mit überdimensional großen Nasenlöchern, aus denen zahlreiche schwarze Haare herauswuchsen. Seine buschigen Augenbrauen stießen zusammen und verdeckten dabei die Zornesfalte am Ende des Nasenrückens, die immer dann erschien, wenn er seinen gefürchteten, grimmigen Blick aufsetzte.

Der Abt des Klosters Sankt Severus, Johannes war sein Name, hatte ihn vor einigen Jahren als Cellerar eingestellt, obgleich dieser ein Laie war. Geschuldet war dies einem tragischen Zufall: Ein junger, überdurchschnittlich groß gewachsener Mann wurde genau an dem Tag im Kloster vorstellig und pries seine Qualitäten in Sachen Verwaltung und Geldvermehrung an, als Bruder Gabriel, der Cellerar von Severus, von einem durchgehenden Gaul, der von einer Wespe gestochen worden war, niedergetrampelt wurde und noch am Unfallort verstarb.

Plötzlich stand Abt Johannes vor der Aufgabe, einen Nachfolger zu finden. In der am nächsten Tag einberufenen Kapitelversammlung aber, schaute der Abt in ratlose Gesichter. Keiner der Anwesenden, weder einer der Vikare oder Scholaster noch der Kustos, wollten das Amt freiwillig übernehmen. Niemand sah sich den vielfältigen Aufgaben des Cellerars gewachsen. Diese sahen vor, die Einnahmen und Ausgaben des Klosters, sei es pekuniär oder in Naturalien, zu verwalten. Dazu gehörte es auch, mit Helfern den Zehnten an der Ernte zu erheben, Vieh anzukaufen und zu verkaufen sowie Geldforderungen einzutreiben und Löhne auszuzahlen. Und die unangenehmste Seite des Amtes sah vor, diejenigen zu bestrafen, die sich nicht an die vorgegebenen Regeln hielten.

Eigentlich sah die Klosterordnung vor, dass das Amt durch Wahl besetzt werden sollte und dass ein gewählter Bruder dieses in Demut anzunehmen hatte. Doch Abt Johannes war realistisch genug zu erkennen, dass egal wen die Wahl treffen würde, der Konvent alsbald finanzielle Nachteile erleiden würde. Also besann er sich der Offerte des jungen Riesen, der am Tag zuvor bei ihm vorgesprochen hatte und über Nacht geblieben war. „Den hat uns der Himmel geschickt!“, sagte er zu seinen Brüdern und bat den Kerl zu sich. „Ich gewähre Euch das Amt auf Probe, immerhin seid Ihr ein Laie. Seid Euch gewiss, dass ich Euer Tun und Handeln genau beobachte. Sollte nur ein Hälbling oder gar ein ganzer Pfennig nicht da landen, wo er hingehört, dann werde ich Euch am Schlafittchen packen und dafür sorgen, dass Euch die Hand, die es getan hat, abgeschlagen wird!“, sagte er drohend. Ignazius war durchaus bewusst, dass dies die Strafe wäre, wenn er Kircheneigentum stehlen würde, doch nichts lag ihm ferner als dies. So nahm er die Anstellung mit stolz geschwellter Brust gerne an. „Ich werde Euch nicht enttäuschen!“ Und siehe da, anscheinend gab es für Johannes nie einen Grund, an der Loyalität seines Verwalters zu zweifeln, da er nunmehr seine Tätigkeit schon seit vielen Jahren ausübte. Und mit der Zeit übertrug dieser ihm sogar weitreichende Befugnisse, sodass sich Außenstehenden alsbald der Eindruck aufzwängen konnte, die Leitung des Klosters würde diesem langhaarigen Kerl obliegen. So lag es zum Beispiel in Ignazius’ Entscheidungsgewalt, wem die Abtei welchen Arbeits- oder Reparaturauftrag erteilte und wer außen vor bleiben sollte. Dies verlieh ihm eine große Macht und brachte ihm vor allem Respekt bei den Bewohnern in und um Severus ein. Nach seinem Gutdünken konnte er über Gedeih und Verderb sämtlicher Bauern- und Handwerkerfamilien entscheiden; und davon hatten sich mittlerweile zahlreiche innerhalb des Weidenzauns, der den Ort umgab, und um das mit einem Steinwall umzogene Gebäude der Stiftskirche niedergelassen. Doch selbst von Reisenden, wie zuletzt diesem aus Coelln stammenden Handwerker Grindel, verlangte er eine Gegenleistung für Kost und Logis ab.

Grindel war auf dem Weg nach Lintpurc an der Lahn, wo er am Bau eines Doms mitwirken wollte. Fatalerweise erzählte er Ignazius von seinen Fähigkeiten in der künstlerischen Malerei, die er zuletzt in einer kleinen Fuhrmannskirche – die in einer Ansiedlung namens Ungersiffen stand – unter Beweis gestellt habe. Somit wollte ihn der Cellerar nicht wieder von dannen ziehen lassen, bevor er auch in Severus eine Kostprobe seiner Kunst gegeben hatte. Und da der Maler es nicht wirklich eilig hatte, nahm er den zusätzlich in Aussicht gestellten Obolus dankbar entgegen und sah die Verlängerung seines Aufenthalts als gute Gelegenheit an, seine Technik zu verbessern. Den Menschen in diesem Waldgebiet würde es eh nicht auffallen, wenn sich hier und da perspektivische Fehler einschlichen. Eigentlich waren seine Kunstwerke, ob akkurat oder nicht, hier ohnehin wie Perlen vor die Säue geworfen. In Lintpurc, wo die Herren von Ysenburg die Aufträge für den Umbau der Sankt Georgskirche in einen Dom vergaben, da dürften ihm jedoch keine Fehler mehr unterlaufen. Dort musste es ihm gelingen, sich zu profilieren.

Alsbald ließ er sich vom Schreinermeister Wengen und seinen Gehilfen ein Gerüst bauen. Zur Einstimmung begann er damit, zwei Schmuckfriese, die sich als Abschluss unter der Decke entlang des Chors bis zur Vierung erstreckten, mit einem gradlinigen gelbgrünen Band aus Akanthusblättern zu verzieren – ähnlich dem Werk, das er bereits vor Jahren in der Sankt Lucinus Kirche in Essendia angebracht hatte. Als nächstes skizzierte er auf der fensterlosen Kopfseite der Chorwand ein überlebensgroßes Bildnis der Gestalt Jesu Christi. Dieser erhob seine Rechte und hielt in seiner linken Hand die Bibel. Ein güldener Heiligenschein umgab das Haupt. Die bärtige Mimik und Haardarstellung hatte er sich von einem Künstler aus Honovere abgeschaut, der sich seinerseits von byzantinischer Kunst beeinflussen ließ. Zum Abschluss seines Werkes setzte er den Gottessohn auf einen Thron und umzog das Bild mit einem ellipsenförmigen Heiligenschein aus sieben unterschiedlich farblich gestalteten Linien. „Jesus, der Herrscher der Welt!“, betitelte er seine Arbeit.

Ignazius war damals von den schmucken Bildern im Chorraum begeistert gewesen. Dieser war zwischenzeitlich zum Steinbruch am Schwindenden Berg aufgebrochen, der zwei Tagesreisen mit dem Ochsenkarren entfernt lag. Dort, im sogenannten Stöffelbruch, holte er Steinquader für den Austausch brüchig gewordener Bögen. Grindel, der Tage zuvor an dieser Abbaustelle vorbeigeritten war, hatte ihm erzählt, dass es dort die besten Steinmetze gäbe, die er je gesehen hätte. Und so ließ Ignazius ihm keine Ruhe, bis dieser zusagte, die Ausbesserung der maroden Säulen vorzunehmen. Flugs bestimmte Ignazius welcher Steinsetzer mit seinen Gehilfen die Maurerarbeiten zu erledigen, welcher Spengler oder Schmied die Maueranker herzustellen hatte; vor allem zu welchem Lohn. Und wo er gerade dabei war, legte er fest, dass der Schreinermeister Wengen auch noch ein neues Chorgestühl bauen durfte, die Rufus der Sattler, der auch das Zaumzeug der Ochsen und Pferde flickte, mit einem feinen Rindsleder bezog. Wieder einmal lagen somit das Wohl oder Weh mehrere Handwerkerfamilien in Ignazius‘ Hand, weshalb auch Grindel sehr schnell erkannte, dass der Cellerar einer der mächtigsten Männer in Severus zu sein schien.

* * *

Ignazius drehte sich mit einer ausladenden Bewegung zum Wagen. Sein Umhang wirbelte dabei Staub auf. Ziemlich ruppig packte er einen der vor Schweiß silbrig glänzenden Ochsen am Nasenring und zog heftig daran, worauf das Tier brüllte.

„Wir haben dir einiges an Arbeit mitgebracht, Müller! Ich hoffe, du bist mit dem, was wir dir vor einigen Tagen hier ließen, fertig. Mein Herr, der überaus großherzige und gütige Abt Johannes, ist sehr zufrieden mit dir und deiner Arbeit. Insbesondere das feine Mehl, das du ihm zum Pfeilerfest mitgebracht hast, hat es ihm angetan. Hervorragende Speisen lassen sich daraus zubereiten. Ich weiß, wovon ich rede!“ Seine Zunge glitt langsam über seine schmalen Lippen und befeuchtete sie, sodass diese mit dem leichten Feuchtigkeitsschimmer erst auffielen. „Also Müller, mein Herr meint, du solltest ihm diese Wagenladung hier in eine ebenso puderartige Konsistenz verwandeln. Natürlich wird er dich dafür in seinen Gebeten besonders bedenken!“

Arthur schluckte, denn auf dem Wagen lagen mindestens zwanzig pralle Säcke. Wusste der Abt überhaupt, welch einen Aufwand die Herstellung des feinen Mehls bedeutete? Mehrere Mahlvorgänge waren notwendig, um das Korn in weißes Gold zu verwandeln. Außerdem war ihm sogleich bewusst, dass der Abt erwartete, dass er diese zusätzlichen Prozeduren ohne Aufpreis ausführte. Nicht umsonst erwähnte Ignazius vorsichtshalber, vielleicht auch um erst gar keine Debatten aufkommen zu lassen, dass der Abt ihn mit ganz besonders wirksamen Segenswünschen bedenken würde. Jedes Aufbegehren war somit sogleich im Keim erstickt.

„Es ist mir eine Ehre!“, antwortete Arthur, wie man es von ihm erwartete, und beauftragte Berthold und Kerbel mit dem Entladen des Ochsenkarrens. Währenddessen nahm Ignazius in der guten Stube Platz und ließ sich – wie immer – von Emma und den Töchtern einen Vormittagsimbiss auftischen. Frisches Fladenbrot, dazu einen Schluck des selbstgebrauten Bieres. Dieses Müllerbier schmeckte ihm wesentlich besser als das von den Mönchen im Kloster zusammengepanschte Zeug. Ein wenig Bauchspeck und zwei von beiden Seiten kross gebratene Eier durften auch nicht fehlen – schließlich handelte es sich heute wieder einmal um einen großen Auftrag.

„Wo ist Antonius? Ist er im Stall?“

„Nein, er sucht …“, Hannah wollte ihm gerade verraten, auf welcher Mission sich ihr Bruder befand, als Emma ihr ins Wort fiel. „Antonius ist ausnahmsweise auch heute in der Schlucht und sucht den Näherhof auf. Die hatten gestern so viele Säcke parat stehen, dass Antonius diese nicht alle transportieren konnte. Deshalb ist er heute erneut losgezogen.“

„Schade. Ich unterhalte mich sehr gerne mit deinem Sohn. Ein aufgeweckter Jüngling. Wie alt ist er eigentlich?“ Emma schaute verwundert drein ob Ignazius’ Interesses.

„Er ist im fünfzehnten Jahr.“

„Ha, habe ich es mir doch fast gedacht. Na, dann ist er ja im richtigen Alter. Ich habe vor kurzem mit dem Abt über euren Sohn gesprochen. Ich sagte: ‚Die Müllersleute von der Lexemühle haben vier wunderschöne Kinder – vor allem aber zwei Söhne.‘ Da würden die sich bestimmt freuen, wenn der jüngere der beiden Buben in den Dienst der Kirche eintritt!“ Emma spürte plötzlich einen eisigen Klotz in ihren Eingeweiden, als sie Ignazius’ Absichten erkannte. Sie wusste, er war käuflich und gierig. Sicher hatte ihm der Abt einen guten Verdienst geboten, wenn er ihm frischen Nachwuchs fürs Kloster beschaffen würde. Sie baute sich vor ihm auf und sah ihn trotzig an. „Nie und nimmer wird unser Sohn ins Kloster gehen. Wir brauchen hier auf der Mühle jede Hand. Ihr seht doch, wie viel wir zu tun haben. Schlagt Euch diese Idee aus dem Kopf!“ Emma war selbst über ihre Reaktion erschrocken, auch darüber, dass sie dem Klosterverwalter so ohne weiteres widersprochen hatte. Doch sie wollte, dass Antonius zu einem ganz normalen jungen Mann heranwuchs. Längst hatte auch sie erkannt, dass ihr Jüngster erwachsen wurde und bereits seit geraumer Zeit seine Aufmerksamkeit diesem jungen Mädchen auf dem Hof der Nähers widmete.

„Nun, nicht so vorschnell, Weib! Es war ja zunächst nur ein Vorschlag. Bedenke, im Kloster braucht dein kleiner Junge keine schweren Säcke zu schleppen. Er muss nicht durch die steile und gefährliche Schlucht marschieren. Du bräuchtest dich nicht mehr zu sorgen, ob er überhaupt wieder heil nach Hause kommt. Vielleicht lernt er aber auch auf dem Hof der Nähers zweifelhafte Menschen kennen, die ihn überreden mitzugehen, ihr alle werdet ihn vielleicht nie wiedersehen! Du musst selbst zugeben, dass meine Argumente nicht ganz abwegig sind. Von der Waldkreuzung kommend, verschlägt es doch häufiger recht dubiose Individuen auf den Hof – sicher hat dein Sohn bereits von solchen erzählt, oder?“ Natürlich hatte er das und Emma wusste auch über Antonius’ Fernweh Bescheid.

„Wenn du Pech hast, dann ist er für immer und ewig verschwunden“, hakte Ignazius nach. „Bedenke dies, bevor du und dein Mann eurem Sohn eine gute Zukunft im Konvent verbauen wollt. Und auf die Gefahr hin, dass euch ohne Antonius die Arbeit zu viel sein sollte, dann haben wir dafür bestimmt eine einvernehmliche Lösung. Solltet ihr beide aber zu der äußerst abwegigen Ansicht kommen, meine Großzügigkeit kategorisch mit Füßen treten zu müssen,“ – zum Glück war die Zornesfalte von seinen Augenbrauen überwuchert, da sie ansonsten sicher deutlich hervorgetreten wäre – „dann gibt es bestimmt auch noch andere Vorschläge.“ Genüsslich biss er ein Stück Brot ab und spülte es mit einem Schluck Bier herunter. Wortlos hielt er Hannah den leeren Becher hin und bedeutete ihr mit einem vornehmen Kopfnicken, gefolgt von einem weniger feinen Rülpser, sie möge diesen wieder auffüllen. Mit zitternden Händen hielt Hannah den Krug in der Hand und vermied es, ihren Blick auf Ignazius zu richten.

„Übrigens“, setzte dieser selbstverliebt fort, „auf der anderen Seite des Kirchhölzchens wird in Kürze eine weitere Mühle gebaut. Der Steinmüller Hans, du weißt, der euch immer die Mühlsteine besorgt, ist müde von seinen wochenlangen Fahrten. Er würde sich gerne in Severus niederlassen. Ich habe schon mit ihm gesprochen und er meinte, dass er bereits in wenigen Monaten die ersten Säcke annehmen könnte. Außerdem würde er dann über die neuesten Mühlsteine vom Schwindenden Berg verfügen – und selbst ihr müsstet wissen, dass die Steinbrecher aus dem Stöffel über die beste Steinqualität verfügen. Eine Qualität, die ihr euch bisher noch nicht habt leisten können. Also, solltet ihr es euch doch noch überlegen und Antonius zu uns schicken, dann schwöre ich dir beim Herrn, dann werdet ihr in Kürze einen neuen Mühlstein bekommen und wir werden euch mit Arbeit versorgen, sodass ihr euch gut und gerne vier weitere Arbeiter besorgen könnt, um diese zu bewältigen. Wenn nicht, dann könnte ich mir durchaus vorstellen, dass ich einen großen Teil meines Getreidespeichers dem Steinmüller zum Bearbeiten bringe. Es liegt an euch. Du solltest deinen Gatten von all diesem überzeugen, denn auch er stand meinem Vorschlag nicht besonders wohlwollend gegenüber!“ Ignazius biss erneut in eine Scheibe Brot und riss an dem Stück Rauchspeck wie ein Hund, der das Fleisch eines Knochens abnagt. Er kaute mit offenem Mund und schmatzte unappetitlich. Dann nahm er einen kräftigen Schluck Bier, rülpste erneut, ließ einen Furz erschallen und verschwand mit wehendem Umhang nach draußen. Der Wagen war mittlerweile ent- und wieder beladen. Artig dankte Arthur dem Verwalter für den neuen Auftrag.

Gerade wollte Ignazius auf sein Pferd steigen, als er das Wiehern eines Pferdes vernahm. „Ich dachte, Antonius sei mit euren Pferden zum Näherschen Hof? Habt ihr etwa noch ein drittes Pferd?“ Ignazius nahm seinen Fuß aus dem Steigbügel und machte sich auf zum Stall. Mit einem Tritt gegen die schwere Holztür öffnete er diese und trat ein. Arthur folgte ihm auf dem Fuße und war froh, dass er zuvor die Sachen des gestürzten Reiters weggesperrt hatte und nun lediglich das Pferd im Stall stand.

„Wessen Pferd ist das? Sprich, Müller! Das ist niemals ein Pferd, das du dir leisten könntest, geschweige, dass es dazu taugte, Lasten zu tragen oder auf dem Acker seinen Dienst zu verrichten. Dies hier ist das Pferd eines Edelmannes. Los sag’s, hast du es etwa gestohlen? Man wird dich am Galgenberg aufhängen! Aufhängen wird man euch! Los, sag’ was!“

Arthur verschlug es die Stimme. Eigentlich hätte er Ignazius ganz einfach erklären können, dass sie gerade einen kranken Mönchsritter – oder wer oder was auch immer er war – versorgten, doch irgendwie klangen ihm die Worte seines Sohnes Antonius in den Ohren, wonach die Kirche auf diese Männer nicht uneingeschränkt gut zu sprechen war. Wer wusste schon, vielleicht hatten sie sich allein deswegen schon schuldig gemacht, indem sie dem Kerl in der Kammer Unterschlupf gewährt hatten. Gerade wollte er ansetzen und mit irgendeiner Ausrede die Situation erklären, notfalls auch das Geheimnis um den Reiter preisgeben, als Albert den Stall betrat.

„Seid gegrüßt, Hochwürden! Ist das nicht ein tolles Pferd? Antonius hat es gestern mitgebracht!“ Arthur riss beide Augen auf und versuchte Albert zu signalisieren, dass er vielleicht besser noch nichts von dem Rittermönch erzählen sollte, doch Albert setzte unvermittelt fort. „Das Pferd gehört wirklich einem Edelmann. Es ist wohl gestürzt.“

„Und was ist mit dem Reiter passiert?“, hakte Ignazius nach. Albert schaute Arthur an, dieser zuckte fast kaum merklich mit den Schultern und bereitete sich seelisch und moralisch auf Ignazius’ Gefühlsausbruch vor – und diese emotionalen Feuerwerke oder eher Vulkanausbrüche konnten heftig krachen.

„Ja, der Reiter ist ein reicher Kaufmann. Zurzeit sitzt er auf dem Hof der Nähers fest. Dorthin ritt er, nachdem er nahe der großen Waldkreuzung gestürzt war. Die Hufe seines Pferdes waren aufgrund der langen Reise ungepflegt und zu glatt geworden. So fand es kaum noch Halt auf den feuchten Pfaden. Da der Reiter sich zudem leicht verletzte und der Sattel beschädigt wurde, war es ihm unmöglich weiterzureiten. Als Antonius die beiden gestern auf dem Hof ankommen sah, bot er sich sogleich an, das Pferd mit zu uns zu nehmen, wo ich ihm seine Hufe auf Vordermann bringen werde, während Kerbel, der ja auch unser Sattelzeug und Geschirr flickt, sich um den gerissenen Sattel kümmert. Derweil kann der Kaufmann die Gastfreundschaft von Dagoberth Näher genießen und sich ausruhen, bis wir ihm – morgen wahrscheinlich – sein Pferd wiederbringen. Deshalb ist Antonius auch heute erneut zu den Nähers, da er morgen nicht mit unseren beiden beladenen Rössern und diesem Temperamentsbündel durch die Schlucht gehen wollte. Stellt Euch vor, das gute Mehl, dass wir zu den Nähers transportieren, würde zu guter Letzt im Holzbach landen!“

„Oh nein!“ Ignazius hatte die Geschichte geschluckt und verzichtete – da Albert ihn anscheinend vollkommen überzeugt hatte – auf ein weiteres Nachfragen.

„Schönes Tier!“, murmelte er mehrmals vor sich hin, bestieg sein Pferd, ließ den Ochsenkarren wenden und zog mit seinen Helfern von dannen. Arthur indes klopfte seinem Sohn zufrieden auf die Schulter. „Bei Gott, Albert! Was kannst du Geschichten erzählen!“

III.

KLOSTER SANKT PETERSTHAL IN HEISTERBACH (SIEBENGEBIRGE)

Zur selben Zeit öffnete der Mönch Caesarius die mächtige Tür aus Eichenholz, die immer einen kleinen Seufzer auszustoßen wusste, wenn man sie nur behäbig genug öffnete, und betrat die Bibliothek seines Konvents.

Irgendwie schien der Raum immer dieselbe Temperatur zu halten. Trat man im Sommer ein, ließ es einen frösteln. Zog man im Winter zügig die Tür hinter sich zu, verspürte man sofort einen angenehmen Temperaturanstieg im Vergleich zum kalten Flur. Tagsüber gehörte dieser Raum zu den hellsten. Durch die Nord-Südausrichtung des Gebäudes und die schmalen glaslosen Fensteröffnungen im Osten und Süden fielen bereits zur Zeit des Sonnenaufgangs die ersten Sonnenstrahlen hinein. Zudem konnte so von dieser Seite im Verlauf des Tags die warme Luft hineinströmen. Auf den gegenüberliegenden fensterlosen Seiten standen riesige Holzregale. Unzählige, oftmals in dickes Schweinsleder gebundene Werke waren dort einsortiert.

Damit die feuchtkalte Luft der Wintertage draußen blieb und dennoch die Sonne den Raum erhellen konnte, hatte man sich im letzten Jahr etwas einfallen lassen: Da der Konvent sich noch kein neumodisches, vor allem passgenaues Fensterglas leisten konnte, war Frater Timotheus auf die Idee gekommen, die Fensteröffnungen anderweitig zu verschließen. In den Jahren zuvor hatten sie im Herbst ein Geflecht aus biegsamen Weiden zwischen den Laibungen eingepasst, in das sie dann, wie es beim Hausbau üblich war, zunächst Stroh einflochten. Anschließend beschmierten sie das Ganze innen und außen mit einem Gemisch aus feuchtem Lehm und Dung. Zwar erzielten sie somit, dass die kalte Luft draußen blieb, doch war der Raum fortan dunkler als jeder Fuchsbau – und mit der Zeit roch er auch noch schlimmer.

Schließlich stellte im letzten Frühjahr der junge Frater während einer Kapitelversammlung eine neue Idee vor und beschrieb, wie er es sich vorstellen konnte, die Bibliotheks- und sogar einen großen Teil der riesigen Kirchenfenster im nächsten Winter zu verschließen. Abt Gervadus, ein ansonsten eher konservativer Geselle, ließ sich von den Vorstellungen seines jungen Mitbruders überzeugen, zumal dessen ehemaliger Novizenmeister Caesarius für ihn in die Bresche zu springen schien. So kauften sie noch im letzen kalten Monat des Winters, die Hauptschlachtzeit der Fleischhauer, mehr denn je in großem Stil – auch nicht ganz einwandfreie – Häute von Rindern, Kälbern und Ziegen auf. Diese bearbeiteten sie unter Anleitung des Pergamentarius Lukas in der klostereigenen Gerberei. Die gute Ware sortierten sie sogleich für die Herstellung von kostbarem Pergament aus; für den von Timotheus angedachten Zweck wäre sie viel zu teuer gewesen. Die Hautstücke jedoch, die mit Schlachtspuren in Form von Messerstichen und Beilhieben versehen waren oder von einer von einem Wolf gerissenen Ziege stammten, bekam der junge Frater für sein Projekt. Unterstützt von einer kleinen Gruppe Laienbrüder bearbeitete Timotheus die Schwarten unermüdlich. Er schabte mithilfe feiner Klingen die letzten Fleischreste ab und weichte die Fetzen in einer scharfen kalkhaltigen Lösung ein, damit sich auch die Haare lösten. Immer und immer wieder behandelten sie die Tierhäute, so lange, bis sie fast so dünn waren wie Pergament. Im Anschluss daran schnitten sie diese in gleichmäßige Streifen. Anhand von zuvor angefertigten Holzschablonen, die die Größe und vor allem die Rundungen der Fenster vorgaben, nähten sie die Bahnen in der benötigten Breite gleichmäßig zusammen. Die Ränder verstärkten sie mit grobem Leinenstoff, durch den sie wiederum kleine Löcher bohrten. Mit Holz- und Eisenstiften, die sie in die Steinfugen der Fensterlaibung keilten, spannten sie schließlich die Häute straff vor die Fensteröffnungen.

Und siehe da, Timotheus’ neuartige Konstruktion hielt fortan den kalten Wind draußen und ließ trotzdem ein wenig Licht in den Raum dringen. Dadurch sparten sie fast einen ganzen Monatsbedarf an Kerzen ein und vermieden es, dass die Räume hinter den dicken Wänden komplett auskühlten. Zudem wurde die Luft weniger feucht und fügte den literarischen Werken, die überwiegend aus Pergament und zum Teil sogar aus Papyrus bestanden, weniger Schaden zu.

Caesarius, der Bibliothekar, liebte diesen Raum, barg er doch das Wissen um die Geschichte der Christenheit. Wissen darüber, wie die Welt außerhalb des Valle Sancti Petri und von Heisterbach aussah. Wissen über die Geheimnisse des Glaubens. Wissen ob des Wegs zu einem erfüllten Leben. Sogar Wissen darüber, wie die Welt zu funktionieren schien. Alles war zu finden – wenngleich gerade diese Bücher auf Anweisung seines Abtes in einer ganz besonders dunklen Ecke aufzubewahren waren. In dessen Augen stellten sie eigentlich eine Art Teufelszeug dar und waren somit mehr oder weniger der Kategorie der Ketzerschriften zuzuordnen. Gleichwohl konnte auch Abt Gervadus sich nicht der Macht entziehen, die Neugier hieß. Wissenschaft nannten die Laien diese neuen Erkenntnisse, die immer neues Wissen schaffte. Deshalb ordnete Gervadus auch an, dass ihm, wann immer ein neues Werk den Weg in sein Kloster fand, dieses Buch zuallererst zur Sichtung und Begutachtung gebracht werden musste. Erst wenn er es für gut erachtete, durfte es in den Bibliotheksbestand aufgenommen werden. Lehnte er es als minderwertigen heidnischen Codex oder aus Gründen der Blasphemie ab, so war es im ‚Fegefeuer für mindergeistige Ergüsse‘ zu vernichten. Allerdings wurden nicht die Werke an sich verbrannt. Mit einem Seitenschaber wurden die Pergamentseiten von geistigem Unrat befreit und anschließend an die Schreiberlinge im Scriptorium, das neben dem Dormitorium die größte Halle innerhalb der Klostermauern einnahm, weitergeleitet.

Der Bibliotheksraum, der gerade in der dunklen Jahreszeit aufgrund der wenigen erlaubten Kerzen eine gewisse Mystik in sich barg, hatte Caesarius längst in seinen Bann gezogen. Vor allem aber war es die interessante Literatur, die seine Brüder oder die Kuriere, die regelmäßig zwischen den Klöstern pendelten, in den letzten Jahren zusammengetragen hatten. Er selbst hatte diese Aufgabe von Pater Urbanius, der diese Bibliothek aufgebaut hatte, übernommen. Caesarius selbst war zur selben Zeit gerade in den Kreis der Brüder aufgenommen worden und erhielt von Gervadus die Bewährungsaufgabe der Bibliotheksverwaltung übertragen. Ein Glücksfall für das Kloster wie sich später herausstellte.

Der neue Mönch stürzte sich sofort in seine neue Aufgabe. Selten bekam man ihn draußen bei Tageslicht zu Gesicht, weshalb seine Haut selbst fast aussah wie Pergament, was ihm alsbald den Spitznamen ‚Das Gespenst‘ einbrachte. Am Stehpult unter der geschwungenen Empore, auf der die besonders wertvollen und vor allem uralten Werke standen, konnte er stundenlang – manchmal bis zur Komplet – mit seinen langen knochigen Fingern in den Werken blättern, ohne eine Spur von Müdigkeit zu erfahren. Caesarius nahm seine Aufgabe, den Bestand zu verwalten, sehr ernst, wenngleich er noch lieber in eigener Sache recherchierte und seine eigenen Interessen verfolgte. Seine Forschungen spreizten sich über die verschiedensten Gebiete: Von der Heilkunde zur Mystik, von Sagen und Mythen hin zur Verifizierung christlicher Geschichten. Akribisch hielt er seine Erkenntnisse für die Nachwelt in dicken Schwarten aus zig Pergamentseiten fest.

Gleichwohl nahm der Bibliotheksverwalter auch die Position des Novizenmeisters des Heisterbacher Konvents wahr. Aufgrund der Vielseitigkeit seines Wissens, konnte Caesarius die meisten Vorträge selbst halten. Zudem liebte er es, mit den jungen Leuten zu debattieren und in unzähligen Dialogen ihren Horizont zu erweitern. Gleichwohl behielt er dabei seine eigenen Forschungen immer im Auge und versuchte sie so kontinuierlich wie möglich voranzutreiben. Deshalb zog es ihn auch heute in seine Bibliothek.

Bereits am Vormittag hatte er sich geeilt, um bis zur Sext, also bis zum Mittagessen, seine Pflicht als Novizenmeister zu erledigen. Diese bestand heute darin, die finalen Zeugnisse zu verfassen, in denen er zum Abschluss der Novizenausbildung die intellektuell und disziplinär erzielten Ergebnisse auflistete und seine eigenen Eindrücke ergänzte. Das abschließende Urteil müsste er dann am kommenden Sonntag in der Profess, an der alle seine Mitbrüder teilnehmen würden, vor Abt Gervadus verteidigen. Dieser würde ihn, den Meister aller Novizen, unnachgiebig zu seinen Erkenntnissen bezüglich seiner Schüler befragen. Anschließend kämen die Novizen dran und müssten sich behaupten; Caesarius hatte ab diesem Moment denn keinen Einfluss mehr. Die Entscheidung über die Aufnahme in den Konvent traf letztendlich die Kongregation der älteren Brüder. Also bangte er stets mit seinen Schützlingen, die ihm in den Jahren der Erprobung doch sehr ans Herz wuchsen.

Nachdem er jedes seiner Urteile kurz vor der Terz noch einmal validiert hatte, kam er zu der Auffassung, dass die von ihm vorgeschlagenen Kandidaten künftig ein Leben im Konvent führen würden. Erleichtert betrat er nun die Bibliothek und konnte sich den Rest des Tages ausschließlich seinen Forschungen widmen.

Er genoss es stets, sich einfach in die Stille des großen Raumes zurückzuziehen und dort in alten Handschriften zu studieren. Mittlerweile konnte die Klosterbibliothek auf einen umfassenden Bestand an Handabschriften und Übersetzungen aus zum Teil längst untergegangenen Klöstern blicken. Unzählige Stunden hatte er bereits aufgewendet, um sich durch vergilbte Pergamente mit uralten Handschriften zu arbeiten und deren Inhalte auf neueren Seiten festzuhalten. Vieles konnte er von den schriftlichen Erkenntnissen der Alten lernen, aber ebenso zahlreiche Dinge erschlossen sich ihm überhaupt nicht. Nicht selten ertappte er sich schließlich dabei, dass er diese, ihm unverständliche Passagen oder das, was er nicht hundertprozentig entschlüsseln konnte, als eigene Interpretation niederschrieb.

Caesarius war zufrieden mit seiner Arbeit, vor allem mit seinem Leben im Kloster in Heisterbach. Dieses lag im Valle di Sancti Petri, also im Tal des heiligen Petrus, am Fuß des Siebengebirges und wurde umrahmt von einem malerischen Heister – einem Wald mit hohen Buchen. Dadurch, dass es förmlich von der Welt abgeschiedenen war, verirrten sich nur selten Menschen an diesen Ort. Und diese gefühlte Einsamkeit erleichterte es ihm und seinen Mitbrüdern daran zu glauben, dass ihnen Gott umso näher war.

„War Moses nicht alleine auf den Berg Sinai gegangen, um in der Einsamkeit mit Gott zu reden?“, fragte Caesarius stets seine Schüler, wenn wieder einmal einer von ihnen infrage stellen wollte, ob tatsächlich ein Leben in der Abgeschiedenheit notwendig sei. „Warum hat Jesus vierzig Tage in der Wüste verbracht? War er dort seinem Vater nicht so nah wie noch nie gekommen?“ Caesarius wusste, wie er den Novizen klar machen konnte, dass sie mit ihrer Lebensweise keine Zeit für die Suche nach Gott verschwendeten. Insbesondere dann, wenn sie ihr monastisches Leben nach den Vorgaben des Heiligen Benedikts ausrichteten. „Ora et Labora“, mit erhobener Stimme zog er stets die Aufmerksamkeit von Neulingen auf sich, „muss euch zum Gesetz werden. Euer Alltag besteht künftig aus gemeinschaftlichen und mehr oder weniger privat meditativen Gebetsstunden das Ora! Aus innerer Einkehr und Stille!“ Er wusste, ihnen würde es zunächst schwerfallen, sich diesem völlig neuen Leben zu stellen, zu dem es auch gehörte, dass sie ihre Mahlzeiten schweigend einzunehmen hatten. Doch alsbald würden sie erkennen, welch ein Genuss diese Kontemplation in sich barg. Auf der anderen Seite würde aber – neben dem geistigen und geistlichen Studium – auch Labora, also das Arbeiten im Schweiße des Angesichts, das Mönchsleben ergänzen.

Caesarius fühlte sich in seinem Konvent wohl und wusste, dass Heisterbach der Ort seiner Bestimmung war. Und dieser – sein Orden wie er es immer den neuen Kandidaten vortrug – gehörte zu der vor gut einhundert Jahren zuvor in Frankreich gegründeten Sacer Cisterciensis Glaubensgemeinschaft. Deshalb stand stets in dem ersten Vortrag, den ein Novize über sich ergehen lassen musste, die Gründungsgeschichte des Zisterzienserordens im Mittelpunkt. „Das erste Kloster wurde im französischen Cîteaux, das im Lateinischen Cistercium, unter dem drakonischen Regiment des Geistlichen Robert von Molesme gegründet.“ Er beschrieb es stets als das strengste Kloster der Welt, dem schon sehr bald durch die strikt gelebte Askese die Novizen ausgeblieben waren. Dann aber sei ein Junker namens Bernhard von Fontaine, gemeinsam mit dreißig weiteren Gefährten, darunter seine vier Brüder und zwei Neffen, eingetreten und hätten frischen Wind verbreitet. Und bereits wenige Jahre später sei dieser Bernhard zum Gründungsabt des Klosters von Clairvaux berufen worden, wo er die Regeln des Heiligen Benedikt neu ausgelegt hatte. „Sechs Stunden Gotteslob, auch des Nachts. Sechs Stunden Feld- oder Handarbeit, sechs Stunden Studium und weitere sechs Stunden Schlaf“, schloss Caesarius und beobachtete die Neulinge, ob er irgendwelche negative Reaktionen auf diesen Tagesablauf zeigte.

Die fortgeschrittenen Novizen unterrichtete Caesarius in einem seiner Lieblingsthemen, der Kunde des modernen Kirchenbaus. Meist nahm er mehrere seiner Schützlinge zusammen und ging mit ihnen in die Kirche des Konvents.

„Wir sind die Vorreiter der Baukunst!“, hob er stets theatralisch hervor, wenn er in sein Thema einleitete. „Zum Bau unserer Klöster werden wir uns künftig einer völlig neuartigen Architektur bedienen. Man nennt sie den Lichtstil! Baumeister aller Herren Länder versuchen sie anzuwenden, weshalb sie sich mittlerweile rasend schnell verbreitet – fast so flott wie eine Krankheit. Verzeiht mir diesen Vergleich!“

„Sagt uns, Caesarius, was ist so revolutionär an dieser neuen Bauart?“ Der Novizenmeister wusste, wie er seine Zuhörerschaft für das Thema interessieren konnte, und genoss, da die Frage nie ausblieb, stets eine schöpferische Gedankenpause.

„Nun, mein lieber wissbegieriger Mitbruder, einige spitze Zungen behaupten spöttisch, man wolle sich mit dem Durchbrechen der romanischen Bögen sinnbildlich von Rom trennen. Ich will dies nicht ernsthaft kommentieren. Künftig wird es uns gelingen wahrhaft lichtdurchflutete, gen Himmel stürmende Monumente zu schaffen, mit schmalen Säulen und hohen Fenstern.“ Die jungen Mönchsanwärter bewunderten Caesarius um die Vielfalt seines Wissens. Und dieser lief gerne zur Hochform auf. „Zurzeit errichten wir gerade in der Abtei Otterberg, ein Tochterkloster unserer Brüder in Eberbach, eine neue Basilika. Drei Schiffe mit einem erhöhten Mittelschiff werden dort entstehen. Die Länge des Langhauses wird monumentale 240 Ellen betragen!“ Ein Raunen ging durch den Raum. „In Otterberg wird versucht am Ende des Langhauses eine Querachse einzuschieben; dadurch entsteht was?“ Schweigen. „Stellt euch vor, ihr fliegt als Vogel über die Kirche. Was könntet ihr sehen?“ Erneut machte sich ein betretenes und ratloses Schweigen breit. Die Novizen standen am Anfang ihrer Ausbildung und waren es nicht gewohnt, abstrakt zu denken. Caesarius sonnte sich dann stets in einem Gefühl der Überlegenheit. Nur einmal, da riss ihn eine Antwort aus diesem erhabenen Moment.

„Wir könnten sehen, dass der Grundriss der Form eines Kreuzes entspricht!“, rief ein Novize mit dem Namen Malchus aus der zweiten Reihe. Caesarius war überrascht.

„Ach ja?“, hatte er damals, ein wenig aus dem Konzept geworfen, gesagt. „Dann weißt du auch bestimmt, wie man den Bereich nennt, wo Lang- und Querhaus sich kreuzen?“ Triumphierend kostete er die Stille aus, die sich ausbreitete. Die Dampfschwaden, die den Mund- und Nasenöffnungen der anderen Novizen bis zu diesem Moment entfuhren – schließlich standen sie in der kalten Kirche – verschwanden abrupt. Alle schienen den Atem anzuhalten – alle bis auf Malchus: „Dort entsteht eine sogenannte Vierung. Aber da wir Zisterzienser es eher turmlos lieben, sitzt bei uns dort nur ein leichter Dachreiter. Ein monströser Glockenturm würde viel zu pompös wirken und stünde im Widerspruch zu unserem Armutsprinzip.“

„In dem Reiter ist lediglich die Glocke untergebracht!“, fiel Caesarius seinem Schüler ins Wort, als er merkte, dass dieser durchaus noch hätte weiterreden können.

„Einmal abgesehen von der einen oder anderen Schleiereule, die sich da droben einnistet!“, schob Malchus nach. Stille im ganzen Raum. Nun schienen sogar die Herzen der Anderen ihre Schläge ausgesetzt zu haben. Dann begann Caesarius aus vollem Halse zu lachen – und nacheinander fielen die anderen Novizen in das Gelächter ein. Der Meister war damals beeindruckt gewesen und fortan hatte er einen neuen Lieblingsschüler.

Caesarius ging in seiner Lehrtätigkeit auf. Auch die Klosterleitung schätzte ihn sehr für seine Arbeit und befreite ihn – bis auf die Aushilfe im Kräutergarten, in dem sämtliche Gewächse gegen jegliches Zipperlein angesät wurden – fast von allen handwerklichen oder landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Dies gab ihm die Freiheit, dass er sich täglich ein paar Stündchen in die große Bibliothek zurückziehen und seinem Selbststudium oder seiner Forschung widmen konnte. Eines seiner Lieblingsthemen lag in der Erforschung des Lebens und der Wunder Jesu Christi. Stunden seines Lebens, von dem er selbst derzeit fast fünfunddreißig Jahre gelebt hatte, verbrachte Caesarius mit der Sichtung unzähliger Überlieferungen und Briefe der damaligen Zeit sowie heidnischer Codizes und anerkannter Evangelien. Stundenlang konnte er sich Apokryphen widmen: religiösen Texten, die nach der Übersetzung der Bibel aus dem Hebräischen ins Lateinische nicht in den Kanon der aktuellen Bibel aufgenommen und teilweise von der Kirchenführung auf den Index Librorum Prohibitorum, das Verzeichnis der verbotenen Bücher, gesetzt wurden. Solange er den Inhalt eines solchen Textes und dessen Aussagen nicht eruieren oder entschlüsseln konnte, so lange gab er keine Ruhe.

Auch heute führte er sich wieder eines dieser besonderen Stücke zu Gemüte. Vor einem halben Jahr hatte ihm ein Mönchsbruder aus einem befreundeten Konvent ein in Ziegenleder eingebundenes Livret mitgebracht. Es enthalte angeblich weithin unbekannte, aber nicht weniger fantastische Geschichten über die Wunder Jesu. Genaueres konnte der Mönch ihm jedoch nicht sagen; auch nicht, wer die Geschichten in dieser für ihn unbekannten Sprache festgehalten hatte. Natürlich war dies eine Herausforderung für Caesarius. Mittlerweile hatte er sich bereits etliche Fremdsprachen in Wort und Schrift angeeignet. Griechisch und Hebräisch gehörten zum Standard der Novizenausbildung, Latein sowieso. Aber selbst Aramäisch und sogar in gewissen Teilen die Sprache der Ungläubigen, wie Arabisch, konnte er mittlerweile lesen.

Bei dem Büchlein, das ihm nun vorlag, hatte er auf den ersten Blick erkannt, dass der Verfasser die Zeilen in Aramäisch geschrieben hatte. Natürlich ließ es ihm seitdem keine Ruhe; er musste den geheimnisvollen Codex entschlüsseln.

Wie immer stand der Novizenmeister an seinem Pult. Er hatte eine Kerze zum Ausleuchten seines Arbeitsplatzes angezündet und den Federkiel mit einer kleinen Klinge angespitzt. Nachdenklich rollte er die Feder zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. Ein jungfräuliches Stück Pergament von guter Qualität – darauf legte Caesarius stets großen Wert – lag auseinandergerollt vor ihm. Ein kleines Tintenfässchen auf der einen Seite und der steinerne Federhalter am anderen Ende verhinderten ein Zusammenrollen. Hohläugig starrte er das Blatt an. Es schien ihn anzuflehen, es endlich mit der Tinte seiner Unbeflecktheit zu berauben. Caesarius spürte stets ein gewisses Kribbeln in ihm aufsteigen. Er hatte die Macht, dem Bogen die Reinheit zu nehmen. Eine gewisse Begierde überkam ihn stets, wenn er kurz davor war, ihn mit seiner Schrift zu besudeln. Daher genoss er den Augenblick und überlegte immer recht lange, bis er den ersten Buchstaben schrieb. Danach lief es stets wie von selbst und die Zeichen reihten sich aneinander wie Soldaten zum morgendlichen Appell auf dem Burghof.

Das geheimnisvolle Livret lag auf dem hölzernen Manuskripthalter, den ihm ein handwerklich talentierter Schüler während der letzten Wintermonate angefertigt hatte und der ihm seitdem das Lesen und Abschreiben wesentlich erleichterte. Die vergilbten Seiten des Buches zeigten kaum noch einen Kontrast zur weich geschwungenen und in graublauer Tinte verfassten Schrift. Lediglich die sattroten Anfangsbuchstaben, mit denen der Verfasser die Kapitelanfänge deutlich hervorgehoben hatte, waren nahezu tropfenfrisch und ausgezeichnet zu erkennen. Caesarius wusste auch warum.

* * *

Die Farbe, die man für diese Darstellung benötigte, wurde aus dem Blut und den Panzern einer bestimmten Käferart gewonnen, die es allerdings nur in Frankreich gab. Seine Brüder im Kloster von Clairvaux sammelten sie im Frühjahr, wenn sie am saftigsten beziehungsweise ergiebigsten waren. Im Anschluss an das gesellige Einsammeln machten sie dem Krabbelvieh mit steinernen Mörsern den Garaus und erhielten einen ekligen, rotblauen Matsch. Diesen stellten sie anschließend ein paar Tage – unter regelmäßigem Umrühren – zum Trocknen in die Sonne. Die verbleibende, lehmartige Masse zerrieben sie dann so lange, bis auch die kleinen Chininpanzer und Beinchen zu feinstem Pulver vergangen waren. Zur Aufbewahrung füllten sie das Käfermehl in kleine, gut verschließbare Gefäße.

Vor dem Gebrauch musste die Käferessenz mit ein wenig Wasser, gemahlener Kreide und einigen Tropfen Walnussöl versetzt werden. Zu guter Letzt – und das war das Geheimrezept einer Qualitätstinte – rührten die Mönche ein wenig von dem teuren Pulver unter, das aus den vier bis fünf Staubblättern der Rubicanea gewonnen wurde, einem Krabbgewächs, zu deren Gattung auch die Kaffeepflanze gehörte. Hierdurch erhielten sie eine wunderbar sämige Substanz – vor allem aber eine ergiebige, kräftig purpurne Farbe.

„Seit geraumer Zeit haben auch die Färber in Italien und England erkannt, dass man mit dem Blütenstaub der Rubicanea wunderbar, da dauerhaft, Stoffe einfärben kann. Krabbeltier und Krabbgewächs, wenn das mal kein Zufall ist. Merkt euch das!“, schloss Caesarius stets seinen Vortrag zum Thema Schreibkunst und Schreibtechnik, zu der die Farbenlehre, vor allem aber das richtige Anrühren von Farben gehörten. Zuvor erzählte er seinen Schülern von der purpurnen Epoche: „In vielen alten Schriften aus der Zeit zu Beginn des Römischen Reiches schrieb man die Anfangsbuchstaben in Purpur. Diese Modefarbe erhielt ihre Popularität dadurch, dass sich die Kaiser samt ihrer Familien, später auch der ‚ordinäre‘ Adel, in Gewänder dieser Farbe hüllten.“ Das Besondere aber an diesem tyrischen Purpur sei gewesen, dass dieser ebenfalls aus Tieren hergestellt wurde: „… und zwar aus Schnecken!“ Großes Naserümpfen und Ekelbekundungen machten die Runde. Caesarius suhlte sich in ihren angeekelten Gesichtsausdrücken.

„Was hat es mit den Schnecken auf sich?“, lautete stets die Standardfrage seiner Schüler, wenn die Neugier den Ekel besiegte.

„Herkules und Brandhorn!“ Die Novizen runzelten fragend ihre Stirn. Die Worte ihres Meisters hörten sich an wie ein Zauberspruch. Manchmal, da waren sich alle Anwärter einig, umgab Caesarius durchaus etwas Unheimliches. Wie ein Miracolus sah er ob seiner knochigen Erscheinung ohnehin schon aus. Frühere Jahrgänge berichteten zudem von sonderbaren Experimenten ihres Lehrmeisters. Doch diesmal zerstreute er sehr schnell jeglichen Verdacht der Hexerei: „So heißen die bekanntesten Arten der Purpurschnecke! Das Besondere an diesen Tieren ist, dass sie einen Schleim aussondern, der so grün ist wie euer Auswurf am Morgen.“ Weitere Ekelbekundungen folgten. Caesarius lachte dann laut auf und erklärte die einzelnen Stufen der Farbgewinnung. „Besonders beliebt war das Pallium, das mit grünem Purpur gefärbt wurde. Mit der Zeit verfärbte sich der Stoff über Blau und Violett bis hin zu tiefem Rot. Allerdings wollten in dieser Epoche plötzlich immer mehr Leute diese Farbe tragen. Und damit greife ich nun fast der Wirtschaftskunde vor: Denn dort gilt, je gefragter ein Gut, in diesem Fall der Farbstoff, desto knapper und vor allem umso wertvoller ist es. Was denkt ihr, wie viele Schnecken brauchte man, um ein Gramm Farbstoff herzustellen?“ Ratlose Gesichter. „Bestimmt fast einhundert!“, traute sich schließlich einer. Caesarius nahm den Einwurf mit anerkennendem Kopfnicken entgegen. Mit gespreizten Daumen und Zeigefinger rieb er sich den Rand seiner Tonsur und baute die Spannung künstlich auf. „Ungefähr achttausend Schnecken mussten ihr Leben lassen, um ein Gramm Purpurfarbstoff herzustellen!“ Im ganzen Raum ging ein Raunen um. „Um etwa ein Kilo Wolle zu färben, benötigte man gut 200 Gramm Farbstoff. Ihr könnt euch vorstellen, dass somit der Preis in nie geahnte Dimensionen stieg. Zu guter Letzt waren die Tierchen, da fast ausgerottet, sprichwörtlich Gold wert!“ Mit diesem letzten Halbsatz löste er die Fantasiebarrikaden im Kopf von Malchus, Caesarius’ Lieblingsschüler. Gemeinsam mit drei weiteren Novizen überlegte er, wie man es anstellen konnte, künftig den Klosterunterhalt aus dem Verkauf von Farbstoff zu bestreiten. Und als im letzten Sommer dann zufälligerweise eine Invasion roter Nacktschnecken und ein Schwarm rostfarbener Käfer sich über die noch zarten Pflanzen im Klostergarten hermachten, sahen sie dies als Fügung.

Eifrig begannen sie damit, so viele dieser roten Kriecher und Krabbler einzusammeln, wie sie kriegen konnten. Schließlich war ihnen daran gelegen, möglichst viel Farbstoff zu erzeugen. Emsig warfen sie das Getier in Steinschalen und begannen damit – wie sie es von ihrem Meister erfahren hatten – ihm mit steinernen Mörsern den Garaus zu machen. Ein matschiger Brei entstand und einer der Farbproduzenten entledigte sich zwischendurch seines Mageninhaltes. Da sie möglichst schnell zum Erfolg kommen wollten, änderten sie kurzerhand die Prozeduren ein wenig ab, sodass sie alsbald einen übel riechenden Brei vorsichtig auf dunkle Schieferplatten auftragen konnten. Tagsüber legten sie ihre Exponate in die Sonne im Klostergarten und holten sie des Nachts hinein. Allerdings breitete sich schon nach wenigen Tagen im ganzen Kloster ein grausiger, für die Klosterbewohner nicht mehr zu ertragender Gestank aus. Den ambitionierten Klosterschülern blieb nichts anderes übrig, als zu konstatieren, dass ihr Projekt gescheitert war. Ihr Lehrer war jedoch glücklich und zufrieden mit ihnen, schließlich hatten Malchus und seine Mitbrüder Engagement gezeigt – was ihnen einen positiven Eintrag in seinen Aufzeichnungen einbrachte. Zudem konnte durch das Einsammeln der Schädlinge die Gemüseernte gerettet werden. Was Caesarius seinen Schülern fortan jedoch nicht mehr verschwieg, war, dass es sich bei der Purpurschnecke um ein Meerestier mit einem muschelartigen Haus handelte, die mit der ordinären Nacktschnecke im Garten nichts gemein hatte.

Deshalb musste Caesarius stets grinsen, wenn er einen Anfangsbuchstaben künstlerisch verschnörkelt und in Purpur auf das Pergament brachte. Er hatte soeben ein Kapitel gelesen, das von einer wundersamen Lepraheilung erzählte. In ähnlicher Weise hatte er zwar bereits von einer solchen Begebenheit gehört, doch der Verfasser dieses Berichts konnte seine Aufzeichnungen derart lebendig gestalten, dass es ihm vorkam, als spielte sich die Szene unmittelbar vor seinem geistigen Auge ab. Gerade wollte er damit anfangen, die Geschichte zu übersetzen, und tauchte den gespitzten Federkiel in das kleine Behältnis mit der besonderen Farbe, als es plötzlich an der Tür klopfte. Ganz benommen, da ihn dies aus seinen Gedanken riss, nahm er einen kräftigen Schluck aus seinem Holzbecher, in den er zuvor heißes Wasser mit Pfefferminzblättern aus dem Kräutergarten gefüllt hatte.

Es klopfte erneut und diesmal antworte Caesarius.

„Gegrüßet seid Ihr, Caesarius, mein Lehrer!“ Aufgrund des schummrigen Lichts konnte der Meister nicht gleich erkennen, wer den Raum betrat. Doch als die Person näher kam, erkannte er die schlaksige Gestalt, die Malchus hieß, und die mit forschem Schritt auf ihn zutrat. In seiner Hand trug er eine kleine Pergamentrolle, die mit einem Siegelband, samt rotem Wachssiegel, verschlossen war.

„Gegrüßet seiest du, Malchus, mein bester Schüler!“ Malchus lächelte und freute sich über das Kompliment, auch wenn er dieses häufiger von seinem Meister zu hören bekam. Er verbeugte sich. „Was gibt es, dass du mich hier in der Bibliothek aufsuchst?“

„Entschuldigt die Störung, doch man sagte mir, es sei ganz wichtig, dass Ihr diese Nachricht sofort erhaltet. Der Überbringer ist ein Kurier aus einem Bruderkloster. Ich habe ihn erst einmal in die Küche geschickt, damit er sich von Bruder Sebastian etwas zu essen geben lässt und sich von seiner langen Reise ein wenig erholt. Aber er sagte mir, er dürfe nicht allzu lange verweilen und müsse noch heute weiterreiten. Deshalb wolle er auf Eure Antwort warten. Ich habe sein Pferd in den Stall bringen und eines der unseren vorbereiten lassen, damit er, nachdem er sich ein wenig erfrischt hat und Eure Nachricht verfasst ist, wieder aufbrechen kann. Ihr wüsstet Bescheid, sobald Ihr die Depesche gelesen hättet, und müsstet ihm nur sagen, wohin er zu reiten hätte!“

Caesarius blickte erstaunt drein, von einer dringenden Botschaft oder dergleichen wusste er überhaupt nichts. Er kratzte sich am Haaransatz seiner Tonsur. Seine buschigen Augenbrauen bewegten sich auf und ab wie zwei Boote auf welligem Wasser. Ob die Nachricht wirklich für ihn bestimmt war? Gespannt nahm er die Rolle entgegen und bedankte sich bei Malchus. Dieser wäre gerne noch bei ihm geblieben, um einen Blick auf den mysteriösen Inhalt der Nachricht zu werfen, doch sein Lehrer dankte ihm erneut und ‚erlaubte‘ ihm, sich zurückzuziehen – was soviel bedeutete wie, dass er seinen Meister allein lassen sollte.

Die Rolle schien aus Pergament der besten Güte zu sein. Caesarius drehte und wendete sie. Dann besah er sich das Siegel genauer und konnte erkennen, womit er es zu tun hatte. Zum Glück war er heute allein in diesem großen Raum, sodass er sich keine große Mühe geben musste, die Öffnung und vor allem den Inhalt vor unbefugten Augen geheim zu halten. Vorsichtig löste er das dunkelrote Siegel, das ein Abbild eines markanten gleichschenkligen Kreuzes trug. Somit erkannte er zwar sofort, dass die Nachricht von einem Freund stammte, wusste aber nicht, wer der Verfasser war. Mittlerweile hatten sich einige Brüder des Ordens, denen die gleiche Funktion übertragen worden war wie Caesarius oder die sich, wie er, mit denselben – oftmals mystischen – Themen auseinandersetzten, zu einer Art Freundeskreis zusammengeschlossen. Und wann immer einer von ihnen eine besondere Geschichte zu erzählen oder eine erzählenswerte Entdeckung gemacht hatte, schickten sie einander Briefe. Diese verschlossen sie stets mit ihrem eigens kreierten Siegel, das ein kleines Kreuz als Erkennungssymbol trug.

Um die Nachricht besser lesen zu können, brachte er sie ganz nah an seine Kerze heran. Es dauerte ein wenig, bis seine Augen sich auf die dargestellte Schrift einstellten, schließlich hatte er sich nun schon seit gut drei Stunden mit dem aramäischen Livret beschäftigt. Nach wenigen Augenblicken wurde ihm klar, von wem die Depesche stammte und wovon er gerade zu lesen bekam; der Verfasser hatte ihm wenige Tage zuvor bereits eine Nachricht zukommen lassen, in der er von einer interessanten Begebenheit zu berichten vermochte. Doch nun die verschlüsselten Worte? Was hatten sie zu bedeuten? Ungläubig wie der Heilige Thomas, der seinen Herrn nicht erkannte, so betrachtete Caesarius das Pergament; es wollte sich ihm nicht gleich erschließen, was er da zu lesen bekam:

Lieber Bruder im Geiste, es ist mir eine Freude, dir Folgendes mitteilen zu können:

„SEHET EIN PFEIL DES PELIKANS. ER HAT DIE SEHNE DES BOGENS VERLASSEN UND FLIEGT SAMT TITULUS. LANDUNG NAHE SATIVIC. SUCHET DIE OURIDA BEI DER STEINERNEN STUBE!

INFORMIERE DEINE ENTSANDTEN IM WALD UND SCHICKE SIE ALS-BALD AUF DIE SUCHE! LASSE VORSICHT WALTEN! MEIN BOTE ACABUS IST DER DEINE. BSCE“

Immer und immer wieder las Caesarius die Worte. Er war ganz aufgeregt. Seine schweißnassen Finger hinterließen feuchte Spuren auf dem Pergament. Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen und er konnte es kaum glauben. „Ein schlauer Kerl, dieser Benedikt!“, brabbelte er vor sich hin. Anhand des Kürzels BSCE hatte er längst erkannt, von wem die Nachricht stammte: Benedikt Sacer Cisterciensis Eberbach.

* * *

Benedikt gehörte dem Kloster Eberbach an, das unweit der Stadt Magonta lag und, wenn man die neue Abtei Otterberg dazuzählte, zu den größeren Zisterzienserklöstern des Landes gehörte. Caesarius und Benedikt hatten sich vor einigen Jahren auf einer Synode in Clairvaux kennengelernt und waren sich auf Anhieb sympathisch gewesen. In den wenigen Tagen in Frankreich stellten sie sehr schnell fest, dass sie durchaus identische Interessen und auch dieselbe Einstellung zum Leben besaßen. So hielten sie seither Kontakt zueinander.

Auch Benedikt beschäftigte sich auch sehr viel mit dem Wirken und den Werken Christi. Während jedoch der Heisterbacher Mönch sein Augenmerk auf die zahlreichen Wunder legte, die Jesus im Heiligen Land vollbracht hatte, galt das Interesse seines Ordensbruders jeglicher Art von Reliquien und deren oftmals kunsthandwerklich gestalteten Behältnissen. In solchen Reliquiaren bewahrte die Christenheit seit Jahrhunderten bleiche und knöcherne Körperteile von Heiliggesprochenen auf. Oder es handelte sich um deren Kleider oder Gebrauchsgegenstände – wie der Petrusstab, der in einem prachtvollen Schrein im Petersdom in Rom aufbewahrt wurde.

Da es Benedikt bislang nicht vergönnt gewesen war, in die Heilige Stadt zu reisen, stürzte er sich stets auf die Geschichten und Erlebnisse, die ihm zurückkehrende Pilger von den heiligsten Stätten des christlichen Glaubens zu berichten hatten. Ganz besonders liebte er es, den Rittermönchen zu lauschen, da diese ganz besonders fantastische, wenngleich oftmals voller Blut triefende Geschichten aus dem Morgenland erzählen konnten. Wenngleich sie sich auch oftmals in den schrecklichsten Details zum Kampf gegen monsterartige Ungläubige verloren, konnten sie nicht selten äußerst wertvolle Souvenirs präsentieren. So gelang es Benedikt zahlreiche heilige Gegenstände zu Gesicht zu bekommen: Prunkvoll vergoldete Truhen. Eiserne Medaillons. Goldgefäße mit Edelsteinapplikationen versehen. Knochenreste von zahlreichen Heiligen. Stofffetzen vom letzten Gewand Christi. Einmal sogar eine Wimper des Messias. Als ihm allerdings jemand das einst von Petrus abgeschlagene Ohr des Malchus präsentieren wollte, lief das Fass des guten Glaubens über. Zwar hatte Petrus der Überlieferung nach im Garten Gethsemane dem Malchus, einem Knecht des Hohepriesters, tatsächlich mit einem Schwert ein Ohr abgetrennt, nachdem Jesus von Judas mit dem Kuss verraten worden war. Doch wurde das Ohr von Jesus aufgehoben und Malchus wieder angeheilt. Als Benedikt den Besitzer des verschrumpelten Organs, das in einer mit zahlreichen Edelsteinen und dickem Blattgold aufwändig verzierten kleinen Holzkiste lag, darauf hinwies, stutzte dieser. Anschließend nahm er es aus der Box heraus, betrachtete es stumm und warf es aus dem Fenster, wo es von einem der streunenden Hunde gierig verschlungen wurde. Dies bestätigte Benedikt wieder, dass er sich nicht von Prunk täuschen lassen sollte. Umso mehr beeindruckten ihn nun die Geschichte eines Heimkehrers und das unscheinbare Reliquiar, das er bei sich trug. Natürlich musste er seinem Freund Caesarius davon berichten.

* * *

Nun aber lag vor Caesarius erneut eine Nachricht von Benedikt vor. Die erste Depesche, allerdings unverschlüsselt, hatte er schon ein paar Tage zuvor per Kurierdienst erhalten. In dieser erzählte ihm sein Mitbruder von einer ganz besonderen Geschichte. Zunächst ähnelte sie einer von vielen. Sie handelte von einem dieser Heimkehrer aus dem Heiligen Land.

Zunächst habe sich Benedikt, wie es seiner Aufgabe entspräche, um diesen gekümmert. Doch das, was dieser mysteriöse Bruder berichtet habe, gehöre zu den ganz besonders schaurigen Geschichten. Vor allem die Beschreibung, wie er als einer von wenigen eine große Schlacht überlebte, die sein Heer gegen die Ungläubigen hatte, sei fürchterlich gewesen. Überflüssigerweise beschrieb Benedikt die vor Blut triefenden und nahezu unaussprechlichen Grausamkeiten bis ins Detail, sodass Caesarius den Brief zweimal beiseite legte. Doch als er zu dem Passus kam, dass der Fremde im Traum gesprochen und dabei von einem Geheimnis geplappert habe, wurde es für ihn wieder interessant. Allerdings endeten Benedikts Zeilen genau dort, wo es am spannendsten wurde.

* * *

Benedikt konnte selbst nicht genau entschlüsseln, was er des Nachts – die Matutin war noch nicht allzu lange vorbei gewesen – zufällig gehört hatte. Er war aus dem riesigen kreuzgewölbten Dormitorium geschlichen, um mit schnellen Schritten den Abort im Hof aufzusuchen. Als er an der Gastkammer des Fremden vorbeikam, hörte er diesen im Schlaf sprechen. Zunächst brabbelte der bärtige Kerl undeutliches Zeug vor sich hin, doch dann stieß er einen kurzen markigen Schrei aus. Benedikt hielt inne und bekam einige durchaus spannende Phrasen zu Gehör. Diese ließen ihn plötzlich hellwach werden. Ein Schauer lief seinen Rücken herab. Vorsichtshalber tat er ein paar Schritte zur nächsten Nische auf dem Flur, um sicherzugehen, dass sonst niemand lauschte, doch er war allein. Er öffnete die Tür zur Kammer einen Spalt. Interessante Dinge konnte er aufschnappen, wenngleich sich ihm der rechte Zusammenhang nicht sofort erschließen wollte. Er war sich aber bewusst, es handelte sich um eine Sache, ein Geheimnis, das mit Sicherheit ein solches bleiben sollte. Als er schließlich spürte, wie der Mann wieder in einen tiefen Schlaf fiel, was sich durch ein gleichmäßiges Schnaufen äußerte, eilte er hinaus auf den Hof, entleerte seine Blase und schlich zurück ins Dormitorium. Keiner seiner Mitbrüder schien seine längere Abwesenheit bemerkt zu haben. Leise legte er sich auf seinen Strohsack und versuchte einzuschlafen – was ihm allerdings bis zum Morgengebet nicht gelang.

Die nächtliche Lauschaktion ließ ihm keine Ruhe. Schon am nächsten Tag hielt er es nicht länger aus, er musste dem Geheimnis auf den Grund gehen. Nach dem gemeinsam schweigend eingenommenen Mittagessen vertraten der Ritter und er sich die Füße bei einem Rundgang durch den Kräutergarten. Als sie schließlich allein im Kreuzgang vor dem Kapitelsaal standen, kam Benedikt zur Sache. Während der noch immer von der Sonne des Südens gebräunte Fremde sich zunächst sträubte – wie sollte er sich sicher sein, inwieweit er diesem Mönch sein Vertrauen schenken konnte – schien Benedikts Zusicherung seiner Verschwiegenheit ihn letztendlich zu überzeugen. Seine Gesichtszüge, die sich hinter seinem spitzen Bart zu einer eisernen Maske formiert hatten, entspannten sich. Anscheinend kam er zu der Erkenntnis, dass es ihm durchaus gut tun könnte, sein Geheimnis mit jemandem zu teilen. Nach wenigen Sätzen riss der Mönch seine Augen soweit auf, dass sie größer waren als die Hostien, die sein Abt bei der Eucharistiefeier verwendete.

„Bruder, Ihr müsst schwören, dass Ihr keinem Menschen davon erzählt!“, bat ihn der Fremde inständig um Diskretion. „Das Wissen um diese Geschichte kann für alle, auch für nicht unmittelbar Beteiligte, äußerst gefährlich werden. Schwört!“ Benedikt schwor.

Die Geschichte war außergewöhnlich, und er wusste, dass es ihm schwerfallen würde, das Gehörte in einer seiner geistigen Schubladen abzulegen, von denen er schon so viele in sich trug und in denen es nur so wimmelte vor spannenden, wenngleich nicht selten wirren Rittergeschichten. Auch wenn seine Erzählung so unglaublich wirkte, schenkte Benedikt diesem weißbärtigen und sonnengegerbten Kerl Glauben. So nahm er sich vor, tatsächlich niemandem davon zu erzählen – zunächst.

Einige Tage später verabschiedete sich der Fremde und machte sich auf seinen Weg gen Norden. Benedikt bedauerte dies sehr, denn in der gemeinsamen Zeit, die ihnen verblieben war, hatten sie sich regelmäßig zu äußerst interessanten Gesprächen getroffen. Einmal erhielt Benedikt sogar die Gelegenheit, die geheimnisvollen Gegenstände anzusehen, von denen sie sprachen und die in schlichten Kästchen verbracht waren. Zunächst zweifelte er deren Echtheit an, zu unglaublich kam ihm die Geschichte vor. Doch je häufiger er sich mit dem mysteriösen Rittermönch traf, desto mehr verflüchtigten sich seine Zweifel wie Alkohol aus einem offen gelassenen Medizinfläschchen. Benedikt fiel der Gedanke schwer, sich nun wieder auf seinen Routinealltag einstellen zu müssen, der erst wieder unterbrochen werden sollte, sobald ein neuer Heimkehrer an der Pforte klopfte. Allerdings sollte die Routine sich nicht einstellen, denn noch am selben Tag ereignete sich etwas, dass ihn sehr schnell dazu veranlasste, seinen Schwur zu brechen und die Geschichte entgegen seinem Versprechen weiterzuerzählen.

Obwohl er sich im Klaren darüber war, dass er somit eine Sünde begang, fühlte er sich dazu verpflichtet, dem sympathischen Fremden Hilfe zukommen zu lassen. Nein, er konnte den Mann nicht ins offene Messer laufen lassen. Seines Erachtens musste er diesen Verstoß in Kauf nehmen, zumal es um Leben und Tod ging – später würde er dafür einige Vaterunser als Buße beten. Fest entschlossen, das Richtige zu tun, ließ er Caesarius eine Nachricht zukommen. Er wusste, dass der Reiter genau in die Region aufgebrochen war, in die das Heisterbacher Kloster einen Gründungskonvent, bestehend aus einem Abt und zwölf Mitbrüdern, entsandt hatte. Sie hatten den Auftrag erhalten, in diesem weitläufigen Waldgebiet den geeigneten Ort für ein neues Zisterzienser-Kloster zu finden.

Der Grund für den Bruch seines Schwurs ereignete sich bereits kurz nachdem der Fremde abgereist war. Benedikt sollte mit einem Mal etwas erkennen, was den Geschichten des Fremden deutliche Glaubwürdigkeit verlieh und zudem, dass sich der Mann in akuter Lebensgefahr befand. Denn kaum hatte der Bärtige mit seinem Pferd den Klosterhof verlassen, klopfte ein Trupp äußerst finster dreinschauender Personen an die Pforte. Benedikt wunderte sich im Nachhinein, dass diese Kerle den Mann nicht gleich dingfest gemacht hatten, denn eigentlich mussten sie ihm noch an der Klostermauer begegnet sein.

Die Gruppe bat um Einlass – oder besser, sie forderte diesen. Ihr Anführer verlangte, sofort den Abt zu sprechen. Dieser zuckte sichtlich zusammen, als ihm einer seiner Mönche berichtete, dass eine Reitergruppe aus Frankenvurd an der Pforte geläutet und sich sehr schnell Zutritt verschafft hatte. Es war nichts Neues und auch nicht selten, dass finstere Vasallen verschiedenster Herren oder im Auftrag des Vatikans in Eberbach aufkreuzten; schließlich gehörte der Konvent aufgrund seiner Nähe zu Frankenvurd und Magonta zu einem der einflussreicheren und ob der ihm zugesprochenen Ländereien auch wohlhabenderen Klöster.

Diesmal handelte es sich bei den Mannen um die Schergen der in Kirchenkreisen berühmt-berüchtigten Organisation Die Strengen Augen Gottes. Diese Vereinigung unterstand unmittelbar dem Vatikan, was sich unter anderem an dem ähnlich gestalteten Wappen erkennen ließ. Wie das Zeichen des Vatikans, so zeigte auch ihres zwei gekreuzte Schlüssel. Allerdings erhob sich über diesen, anders als im Vatikanwappen, ein goldenes Dreieck. Aus diesem stachen zwei streng dreinschauende weiße Augen mit purpurfarbenen Pupillen hervor.

Den Strengen Augen Gottes oblag die Aufgabe, den Strom der Rückkehrer aus dem Süden zu überwachen und insbesondere deren Mitbringsel zu sichten; bei Bedarf zu konfiszieren. Der Anführer der Organisation nannte sich Vinzenzo Santos. Selten hatte ihn jemand zu Gesicht bekommen und es wurde gemunkelt, dass er entgegen der Vermutung, er könnte ob des Namens Römer sein, dem Deutschen Reich entstammte.

Santos saß wie eine Spinne im Netz in Rom. Mittlerweile hatte er ein Netz gesponnen, das aus Dependancen in fast allen großen Städten des Reichs bestand. Die Leitung dieser Niederlassungen übertrug er handverlesenen und vor allem kaltschnäuzigen Despoten, die wiederum gerne skrupellose ehemalige Söldner um sich scharten. Aber oftmals gelang es ihnen auch hochmotivierte junge Adelssprosse, die eigentlich zum Kampf gegen die Ungläubigen aufbrechen wollten, davon zu überzeugen, dass es genauso wichtig sei, die christlichen Werte im eigenen Land zu verteidigen. So bestand die Aufgabe der Organisation zum einen darin, Informationen des Vatikans folgend, auffällige Heimkehrer unter die Lupe zu nehmen und dabei möglichst viele Reliquien sicherzustellen – wobei es ihnen ausdrücklich erlaubt war, bei auftretendem Widerstand, die Liquidierung des Heimkehrers in Kauf zu nehmen. Denn aus Sicht der Strengen Augen, und letztendlich der Führung in Rom, gab es zu viele Menschen, die sich am Eigentum der Kirche bereicherten und mit ihren haarsträubenden Geschichten deren Wohl schadeten.

Insbesondere die Ritter des Templerordens waren dem Vatikan ein Dorn im Auge. Einerseits war ihm der Orden mittlerweile viel zu mächtig geworden. Andererseits ärgerte man sich insbesondere über die Rückkehrer, die sich dem Dienst nur auf Zeit verschrieben hatten und sich nach Ablauf ihrer Zugehörigkeit zu den Templern niemandem mehr verpflichtet fühlten, schon gar nicht dem Vatikan. Und da die Templer ihren Sitz in Jerusalem, dem Zentrum des Glaubens, hatten, waren sie es, die meist einen heiligen Gegenstand in ihrem Gepäck mitführten, um ihn gegebenenfalls – zum eigenen Seelenheil – einem heimatnahen Konvent zu stiften. Und da sich der Vatikan das alleinige Eigentumsrecht an sämtlichen Reliquien vorbehielt, war jegliches Geschäft oder jedwede unerlaubte Weitergabe eines solchen Objekts strafbar – abhängig davon, ob die Echtheit bereits von offizieller Stelle verifiziert worden war oder nicht. Doch allein die Behauptung, in dem Gefäß würden sich die sterblichen Überreste eines Heiligen befinden, führte – sofern sich dieses noch im Privatbesitz befand – schon zum Straftatbestand. Und dieser wurde im günstigen Fall mit Freiheitsentzug in einem modrig kalten Kerker oder mit dem Abhacken einer Hand oder im schlimmsten Fall sogar mit dem Tod bestraft. Das Ermessen für das Strafmaß lag bei den von Vinzenzo Santos beauftragten Personen und deren Helfershelfern.

Die nun in Eberbach aufgetauchte Gruppe der Strengen Augen aus Frankenvurd wurde von einem düsteren Kerl namens Zacharias von Homburg angeführt. Dieser hatte vor einigen Tagen wieder einmal eine Botschaft aus Rom erhalten, die von einem suspekten Heimkehrer berichtete. Sein Auftrag: Gegenstände sichern und Person gegebenenfalls liquidieren. Von Homburg stellte umgehend eine Gruppe von fünf besonders Angst einflößenden Exemplaren zusammen und machte sich ob der Brisanz der außergewöhnlichen Gegenstände sofort mit ihnen auf den Weg.

Nachdem sie die Pforte passiert hatten, sprangen sie von ihren Pferden und schritten sogleich über den Hof zum Kapitelsaal. Es war nicht das erste Mal, dass dieser Zacharias das Kloster im Rheingau aufsuchte. Da die Zisterzienser – seit dem Aufruf ihres Anführers Bernhard von Clairvaux vor nahezu einem halben Jahrhundert – sehr eng mit den Kreuzzugsteilnehmern kollaborierten und den heimkehrenden Rittern gerne Unterschlupf boten, wurden die Trupps der Organisation des Öfteren deren Klöstern vorstellig.

Lautstark ließ Zacharias von Homburg sofort nach dem Abt rufen und machte es sich derweil auf dessen gepolstertem Stuhl gemütlich. Von Homburg war ein kleiner, untersetzter Kerl. Sein bleiches, fleischiges und fast kreisrundes Gesicht schien halslos auf seinem Rumpf zu sitzen. Obgleich er belustigend aussah, eilte ihm der Ruf voraus, ein knallharter und skrupelloser Reliquienjäger zu sein.

Arrogant und mit unverblümt schroffen Worten stellte er zunächst dem Abt seine Fragen, bevor er zusätzlich den Prior ins Kreuzverhör nahm. Sein Interesse galt einem mysteriösen Ritter. Dieser sei äußerst gefährlich und vor allem ein Dieb. Er führe etwas in seinem Besitz, das der Kirche gehöre. Sowohl der Klosterleiter als auch sein Stellvertreter konnten dem penetranten Nachfragen ihres Gegenübers, dessen Stimme einen quiekenden Unterton besaß, nur unzulänglich antworten. Natürlich missfiel dies Zacharias und er setzte sein finsterstes Gesicht auf. Getrieben von Panik kam dem Prior eine Idee: Pater Benedikt – hatte dieser sich nicht in den letzten Tagen um einen zerschlissen aussehenden Kerl gekümmert?

Als er vor die Versammlung trat, wurden Benedikts Knie butterweich – und das, obwohl er sich nie hatte etwas zu Schulden kommen lassen. Breit grinsend lehnte Zacharias von Homburg sich im Stuhl des Abtes zurück und fixierte, oder besser durchbohrte, sein Gegenüber mit einem Paar stahlblauer Wolfsaugen. Benedikt gefror fast das Blut in den Adern und er sank vorschriftsmäßig auf die Knie. Er schauderte. Die Szene ähnelte vielmehr einem Tribunal statt der routinemäßigen Anhörung, wie es der Prior angedeutet hatte.

Zum Glück hatte ihn einer seiner Mitbrüder bereits über die Vorgehensweise des fettleibigen Kerls gewarnt, weshalb er ihm nicht ins offene Messer lief. Einige von ihnen waren in der Vergangenheit bereits in die Verlegenheit geraten, von Homburg gegenübertreten zu müssen. Somit war dessen Taktik bestens bekannt: Zunächst würde er versuchen, ihn mit süßen Worten einzulullen und dann pfeilschnell seine eigentliche Frage platzieren. Konnte diese nicht oder nicht ausreichend beantwortet werden, würde er keinen Moment zögern, seinem Unmut Ausdruck zu verleihen. Sein finster dreinschauendes und in strenge Furchen gelegtes Gesicht deutete bereits an, was folgen sollte.

Benedikt harrte kniend vor ihm aus und ließ sich von dem Hohelied Zacharias’, das er auf die Wichtigkeit der Rückkehrerbetreuung von sich gab, nicht ablenken. Für einen kurzen Augenblick glitt sein Blick über Zacharias’ Schultern hinaus. Hinter ihm reihten sich seine finster dreinblickenden fünf Protektoren auf. Wie aufgemischte Kettenhunde standen sie da und schienen nur darauf zu warten, dass man ihnen einen Happen zum Zerreißen zuwarf. Er war sich sicher, diese Männer würden keine Sekunde zögern, sofern seine Antworten nur ordentlich genug danebenlägen, ihn ohne jegliche Gefühlsregung und im Auftrag von Zacharias auf direktem Weg ins Himmelreich zu befördern. Seine Zunge trocknete von jetzt auf gleich, als sei ein Wüstensturm durch seinen Mund gezogen.

Gerade hüstelte er verlegen, als Zacharias zu dem Punkt kam, auf dem sein eigentliches Augenmerk lag, zu dem mysteriösen Fremden. Benedikt berichtete sachlich, wie er den recht ausgemergelten Mann vor ein paar Tagen, wie es der carta caritatis entsprach, aufgenommen und aufgepäppelt hatte. Allerdings reichte dem Reliquienjäger diese knappe Antwort nicht aus. Bis in alle Einzelheiten ließ er sich von dem Mönch die Zeit sezieren, die der Fremde in Eberbach verbrachte hatte.

„Und sonst hat er Euch nichts erzählt? Er kam doch aus dem Heiligen Land! Keine blutrünstigen Geschichten? Irgendwelche Mitbringsel?“ Benedikt äußerte sich vage und lief damit Gefahr, Zacharias’ Geduld zu verlieren und vor allem seine Gunst zu verspielen. Allerdings hinderte ihn irgendetwas daran, mit der vollen Wahrheit herauszurücken.

Zacharias erhob sich vom Abtstuhl und trat auf den knienden Mönch zu. Sein Blick glich einem glühenden Pfeil, der sich tief in Benedikts Augen bohrte. „Und er hat nicht gesagt, wohin er wollte?“ Benedikt ereilte das Gefühl zu schwanken. Im Geiste wog er ab, was er ihm als Antworthappen zuwerfen konnte, ohne damit den Fremden in die Bredouille zu bringen. Ihm war bewusst, dass er von Homburg etwas liefern musste, sonst liefe er Gefahr, zu guter Letzt diese Anhörung selbst nicht heil zu überstehen. Somit beschloss er, eine Kleinigkeit preiszugeben: „Also, soviel ich von dem Fremden erfahren habe“, erzählte Benedikt, „reitet er gen Norden – in das Waldgebiet westlich der Herborer Mark!“ Von Homburg grinste ihn schief an – er hatte die Information, die er haben wollte.

* * *

Caesarius besah sich die Nachricht seines Freundes erneut und las sie Wort für Wort. Was um alles in der Welt wollte er damit sagen?

„Landung in Sativic. Steinerne Stube! Informiere deine Entsandten im Wald! Vorsicht!“ Er wurde nicht schlau daraus.

„Sativic?“, murmelte er leise vor sich hin. Er hatte keine Ahnung, was oder wen Benedikt damit meinen konnte.

„Steinerne Stube?“ Er senkte den Zettel und schloss die Augen. Dann ging er in der Bibliothek auf und ab. „Keine Ahnung!“

„Informiere deine Entsandten?“, brabbelte er unentwegt und fast resigniert.

„Entsandte!“ Plötzlich fiel ihm ein, worauf Benedikts Worte abzielen könnten.

Vor wenigen Wochen hatte er ihm in einem Brief erzählt, dass sein guter Freund Hermann und zwölf weitere Brüder des Heisterbacher Konvents zu einer Reise aufgebrochen waren. Ziel ihrer Mission war eine entlegene Region, der sogenannte Westerwald – ein Waldstück, das sich westlich des ehemals vom fränkischen König geführten Hofs, nun Herboremarca genannt, über ein riesiges Areal erstreckte. Markant an diesem Gebiet war, dass seit Jahren pulsierende Handelsstraßen genau dort hindurch verliefen, weshalb man dem Landstrich eine prosperierende Zukunft voraussagte. Zudem ließ der Kaiser zurzeit in dieser Region zahlreiche Burgen bauen. Natürlich blieb diese Entwicklung auch den Zisterziensern nicht verborgen. So sprach sich die Versammlung der Äbte auf der letzten Synode in Clairvaux dafür aus, in dieser Gegend einen neuen Konvent zu gründen.

Caesarius wusste nun, was er zu tun hatte. Sofort nahm er ein sauber geschabtes Stück Pergament aus seiner Schatulle neben dem Stehpult, die stets von Malchus mit Nachschub versorgt wurde. Er griff nach seiner Feder und verfasste eine Nachricht, die die verschlüsselten Angaben seines Mitbruders aus Eberbach enthielt.

Hermann wird meine Worte schon verstehen – oder?

IV.

HOLZBACHSCHLUCHT

Die Morgenluft war frisch. Hier und da zeigten die Wiesen sich von Raureif weiß gepudert. Antonius freute sich stets auf den Gang durch die Schlucht; zum einen konnte er dadurch dem in seinen Augen eintönigen Mühlenalltag entfliehen und zum anderen auf dem Näherschen Hof – sofern sich dort weitgereiste Menschen einfanden – ein wenig Weltluft schnuppern. Wie gerne würde er einmal mit Gregor gemeinsam nach Seckaha zur großen Waldkreuzung fahren, denn dort gab es, wollte er dessen Aussagen Glauben schenken, so viele interessante Sachen zu sehen. Und damit hatte der Knecht völlig Recht.

* * *

Wenn auch weit ab von den weltlichen und geistlichen Machtzentren der Welt, so konnte die kleine Siedlung Seckaha, aufgrund ihrer markttechnisch günstigen Lage im Deutschen Reich, einen gewissen Wohlstand erlangen. Wie eine Hauptschlagader so pulsierte der Handel auf der Straße von Sigena nach Magonta, die in einer Nord-Südachse an Seckaha vorbeilief und quasi fast vor Ort auf die in Ost-Westrichtung verlaufende Heerstraße traf. So profitierte die kleine Siedlung seit Jahren von der sich stetig erhöhenden Handelsfrequenz und ein Ende schien nicht abzusehen.

Fast täglich nahm die Zahl der Händler und Reisenden zu. Auch die Zahl der Einwohner Seckahas stieg und die ersten fremden Handwerker ließen sich nieder. Unter ihnen ein Wagner aus Franken, der sich eigentlich auf der Durchreise befand. Als er sah, welch ein Fuhrwerksaufkommen in dem kleinen Nest an der Waldkreuzung herrschte, kam er nicht mehr umher, dort seine eigene Werkstatt zu gründen. Noble Kutschen, deren Radlager Schaden genommen hatten, schwer beladene Loren und Ochsenwagen mit Achsenbruch; es gab stets etwas zu reparieren und vor allem zu verdienen. Als nächster erkannte dies ein Sattlermeister aus dem nicht allzu fernen Herbore. Mit dem Angebot seiner Sattlerei, die mit ausgezeichneten Lederriemen und bestem Sattelzeug so manchem Reiter aus der Patsche helfen konnte, schaffte er sich und seiner fünfköpfigen Familie eine sattelfeste Existenz. Der nächste war ein Weber, gefolgt von einer Gerberfamilie und einem einäugigen Färber. Angelockt von den günstigen Bedingungen, wozu nicht zuletzt die nahe Lage zum Holzbach gehörte, witterten auch sie die Chance, vom steigenden Handelsaufkommen zu profitieren.

Und selbst ein kleiner Frauenkonvent, der von einer strengen Nonne namens Agathe gegründet wurde, konnte sich mittlerweile am Waldesrand etablieren. Seligenstatt nannte sie ihre Gottesherberge, wenngleich Agathes striktes Regiment das Kloster nicht gerade zu einer Stätte der Glücksseligkeit werden ließ. Gleichwohl wurde sie in Kirchenkreisen dafür bewundert, da es ihr gelungen war, in dieser unwirtlichen Gegend ein Frauenkloster aufzubauen, in dem Adelige aus der ganzen Region eine willkommene Möglichkeit sahen, ihre ‚überzähligen‘ Töchter ausbilden, versorgen oder gar verwahren zu lassen. So bot Seligenstatt eine elegante und vor allem günstigere Alternative zu der Notwendigkeit, eine weitere Hochzeitsmitgift zu zahlen. Während dies für die Erstgeborene obligatorisch war, hielten viele Familien eine weitere Zahlung für die später zur Welt gebrachten Töchter für so notwendig wie verschüttetes Wasser. Der Gang des Mädchens ins Kloster und die damit einhergehende Vermählung mit Jesus Christus war somit wesentlich günstiger. Deshalb trug auch Schwester Agathe, die vom Volksmund als die „Eiserne Jungfrau“ bezeichnet wurde, zum Wohle Seckahas bei, indem wohlhabende Adelige ihre Töchter nach Seligenstatt brachten und vor Ort ihre Heller, Pfennige und Hälblinge ausgaben.

* * *

An manchen Tagen – insbesondere vor den großen Markttagen in den größeren Städten wie Herbore oder Lintpurc – herrschte an der Kreuzung ein reges Treiben. Schon früh am Morgen brachen dann auch einige Anwohner aus Severus dorthin auf, um ihre Erzeugnisse in Form von geschnitzten Löffeln, Heugabeln, ausgelassenem Schmalz, Fetttöpfen und Rauchfleisch feilzubieten. In den Wintermonaten verkauften sie zudem aufgeklaubtes Brennholz aus dem Kirchhölzchen.

„Es gibt nichts, was dort nicht auf dem Handelsweg von Nord nach Süd und umgekehrt transportiert wird. Du würdest Augen machen, Toni!“ Gregor weckte damit Antonius’ Neugier. „Manchmal werden feine bunte Stoffe, die nicht selten sogar aus italienischen Tuchhäusern stammen, angeboten. Oder ausgezeichnete Lederriemen, aus denen sich nicht nur Pferdegeschirre, sondern stattliche Gürtel fertigen lassen!“ Einige Dinge würden jedoch unerschwinglich bleiben. Salzblöcke zum Beispiel, an denen die Händler mit scharfen Messern kratzen und dessen Staub sie dann für unglaublich hohe Preise verkauften. „Salz ist wie weißes Gold!“, wusste Gregor zu berichten. Aber auch exotische Gewürze aus fernen Ländern würden dargeboten, mit Namen, von denen er, wie die meisten Leute in dieser Gegend, noch nie etwas gehört hätte. Und Gregor wusste, wovon er sprach, schließlich durfte er Dagoberth Näher stets zur Kreuzung begleiten und konnte Antonius im Anschluss immer äußerst spannende und manchmal unglaubwürdig anmutende Geschichten erzählen.

Gerade letzte Woche habe er seinen Herrn wieder einmal mit dem Ochsengespann zur Kreuzung gefahren, da dieser unter anderem ein paar günstige, wohlgemerkt aus Oberitalien stammende, gefärbte Stoffe für den Geburtstag seiner Frau einkaufen wollte. Plötzlich habe ihn fast der Schlag getroffen, als eine Gruppe fremdländischer Händler vorbeigekommen sei. Es habe sich um dunkle Gestalten gehandelt, deren Gesichter so schwarz wie eine frische Ackerscholle gewesen seien. Ihre Umhänge hingegen hätten alle Farben des Regenbogens aufgewiesen. Fein gewobene Tücher seien wie Schlangenleiber um ihre Köpfe gewickelt gewesen, sodass fast nur noch ihre Augen zu sehen gewesen seien. Die Augäpfel hätten wiederum so weiß hervorgestochen wie das Weiß eines hart gekochten Eis. Vor allem aber hätten sie tatsächlich zwei merkwürdig geformte, riesige Tiere mit Höckern auf dem Rücken bei sich geführt. Im ersten Moment habe er glaubt, man hätte den armen Geschöpfen Getreidesäcke unter die Rückenfelle gepflanzt. Gregor sei vor Schreck fast in Ohnmacht gefallen, da er solche komischen Gäule noch nie gesehen hatte. Sie seien mindestens zweimal so groß gewesen wie das größte Ross auf dem Näherschen Hof.

„Schreckliche Kreaturen! Richtig unheimlich! Große, breite und vor allem gelbe Zähne hatten die Biester. Die Unterlippen hingen wie beim alten, zahnlosen Jupp nach unten. Auch beim Kauen standen sie dem alten Knecht in nichts nach. Auch sie schieben ihren Unterkiefer unermüdlich von rechts nach links. Und dann diese riesigen Nüstern. Denen entfuhr ein unerträglicher Gestank. Wenn eines der Biester nieste, schoss die Rotze hervor und man musste in Deckung gehen!“ Gregor schüttelte sich, als er dem jungen Müllersohn davon erzählte. Er konnte sich richtig in Rage reden, wenn er von dieser Begegnung erzählte. Antonius hatte zwar noch nie eines dieser Ungetüme gesehen, konnte sie sich aber dennoch ziemlich genau vorstellen.

In seinen religiösen Geschichten, die Ignazius ab und zu erzählte, hatte er das sonderbare Tier schon sehr häufig und ausführlich beschrieben. „Drei weise Könige waren es, die das Jesuskind besuchten und ihm Geschenke brachten! Einer von ihnen war rabenschwarz und ritt auf einem zotteligen Kamel …“ Und da die Mühlenkinder sich nicht vorstellen konnten, was das für ein Geschöpf sein sollte, kritzelte er die Umrisse dieses geheimnisvollen Tiers mit einem Stück Holzkohle auf den hölzernen Tisch. Zwar hatte er selbst noch kein Kamel in Natura gesehen, doch hing im Empfangsraum des Abts ein Bildnis, das die Ankunft der drei Heiligen Könige vor dem Stall in Bethlehem zeigte. Somit deckte sich Ignazius’ Skizze mit Gregors Beschreibung.

Und gerade diese Geschichten und die zahlreichen Erzählungen, die auch die Händler und Reisenden stets von ihren Erlebnissen zu berichten wussten, waren es, die in Antonius ein fast schmerzendes Gefühl von Fernweh und Abenteuerlust erzeugten. Doch anstatt selbst Abenteuer zu bestreiten oder ferne Länder zu bereisen, hatte er es in den fünfzehn Sommern, die er nun bereits auf der Erde weilte, gerade einmal bis auf den westlichen Ziegenberg geschafft oder nach Norden in den zweiten und größeren klostereigenen Wald – der deshalb auch Pfaffenwald genannt wurde.

Gut, vor einigen Jahren durfte er seinen Vater zur Tongrube begleiten, die am südlichen Ende des Tals lag. Unterstützt durch die schier unermüdliche Kraft von Kruzi und Fix mussten sie eine ordentliche Wagenladung Tonmasse zum Kloster schaffen. Die Mönche, die in ihrer Kreativität, was den Kirchenbau betraf, stets eine Vorreiterrolle spielten, planten daraus eine besondere Form von Ziegelstein brennen zu lassen. Diese wollten sie für die Umleibung eines neuen Fensters im seitlichen Kirchenschiff verwenden.

Sein Vater nahm ihn damals mit und gemeinsam marschierten sie über einen uralten, vor allem aber mystischen Pfad, der sich durch das Kirchhölzchen bis hin zum sagenumwobenen Steinköppel schlängelte. Dieser Hügel bestand aus einem Basaltkegel auf dessen Rücken sich in grauer Vorzeit einige, in Antonius’ Augen gespenstische, Gesteinsformationen gebildet hatten.

* * *

„Hör zu, mein Sohn“, begann Arthur fast im Flüsterton, um die Spannung für seinen Sohn, damals noch ein Knabe, ein wenig aufzubauen, „was du da siehst, das sind versteinerte Geschöpfe aus der Zeit unserer Ahnen!“ Antonius riss seine Augen auf und trat einen Schritt näher zu seinem Vater. „Keine Angst, mein Kleiner, die standen schon hier, als ich so alt war wie du. Bereits mein Vater erzählte mir – und sein Vater ihm – die Geschichte dieser Steinriesen: Er sagte, es handele sich bei den Felsen um eine Jägerfamilie, die auf Wanderschaft gewesen sei. Sie sei auf der Suche nach einem günstig gelegenen Platz für eine Ansiedlung gewesen, als sie plötzlich hier oben von einem großen Feuer- und Steinregen überrascht wurden. Noch ehe sie es sich versahen, prasselte heißer Schuttregen auf sie ein und ließ sie zu Stein erstarren: den Vater und die Mutter sowie zwei ihrer großen Kinder!“ Theatralisch zeigte Arthur auf die vier Felssäulen. „Allerdings blieben ihre beiden Kleinsten verschont. Der Junge und das Mädchen hatten sich heimlich von der Familie entfernt, da sie von einer steilen Hügelkante einen Blick ins Tal werfen und die letzten wärmenden Sonnenstrahlen aus dem Westen erhaschen wollten. Als der steinerne Regen einsetzte, kauerten sie sich unter einen mächtigen Baumstamm zusammen, den der Wind zuvor quer über den Hang gelegt hatte. Als der Niederschlag nachgelassen hatte und sie sich schließlich aus ihrem Unterschlupf heraustrauten, liefen sie an den Ort zurück, wo sie die anderen vermuteten. Doch sie fanden sie nicht. Sie warteten und warteten, da sie nicht erkannten, dass die grausame Himmelsflut die Familie über und über mit brennendem Gestein und Staub bedeckt hatte. Ja, sie war ganz langsam zu Stein geworden. Die Sonne verschwand hinter dem Berg, den wir heute unseren Ziegenberg nennen. Ängstlich liefen sie zum Sonnenplateau zurück, da dort das Licht am längsten währte. Sie fürchteten sich vor der Dunkelheit und umarmten einander. Tränen flossen wie Sturzbäche, so herzerweichend begannen sie zu weinen. Der Abendhimmel klärte sich langsam auf und ein leuchtendes Rot löste die dunkelgrauen Wolken ab. Majestätisch zog ein riesiger Bussard seine Kreise in der Luft. Angelockt von den kindlichen und verzweifelt klingenden Tönen flog er zu ihnen hinab. Vorsichtig und doch gezielt ergriff er die beiden mit seinen Krallen. Das Tier hatte alle Mühe die Kinder ins Tal zu bringen, wo es die beiden an einer sicheren Stelle absetzte und schließlich davonflog.“

Antonius lauschte gebannt den Worten seines Vaters und traute sich nicht, auch nur einen Laut von sich zu geben. „Doch die Kleinen wurden nun nicht ihrem Schicksal überlassen, sondern es passierte so etwas wie ein Wunder! Denn fortan kam der Riesenvogel jeden Tag zu ihnen geflogen und versorgte sie aus der Luft. Mal brachte er ihnen ein erlegtes Kaninchen und manchmal ließ er einen Fisch zu ihnen hinabfallen, den er im Holzbach erbeutet hatte. Er baute sich tatsächlich ein Nest auf dem Sonnenplateau, von wo er die Kinder im Blick behalten und vor Unheil beschützen konnte.“

„Und seitdem heißt der Aussichtspunkt da vorne die Sonnenkanzel?“, warf Antonius ein und war ganz Ohr ob der Antwort seines Vaters. Er konnte es gar nicht erwarten, dass dieser ihm noch mehr von der spannenden Geschichte erzählte. Mittlerweile waren sie am Rand eines lang gezogenen Hügelrückens vorbeigegangen, der deshalb auch der Ellenberg genannt wurde, und erreichten alsbald eine weit geschwungene Lichtung. Aufgrund des guten Spähblicks auf Severus und einer natürlichen Waldlücke, durch die die Heerstraße ums Tal herumführte, nannte man den Hügel auch den Lückersspiegel, wobei das lateinische Wort specular für Spähhügel von den Einwohnern einfach in Spiegel umgeformt wurde.

Zum Schutz des Klosters und der Ansiedlung vor Übergriffen waren dort auf der gegenüberliegenden Seite des Hügels bereits vor vielen Jahren – von Abt Amos persönlich angeordnet – permanent besetzte Wachtürme errichtet worden, schließlich bot genau diese Baumlücke die einzige Öffnung in das hufeisenförmige Tal. Seit dieser Zeit erklang stets dann, wenn eine größere Menschenmenge oder gar ein Heer in der Ferne erspäht wurde, das eindringliche Signal eines hohlen Ochsenhorns. Den Mönchen und Bewohnern Severus’ blieb somit ausreichend Zeit, sich in Sicherheit zu bringen.

Allerdings musste Amos damals das Zugeständnis machen, damit die Männer des Ortes für den Wachdienst bereit waren, dass sämtliche Frauen und Mädchen hinter dem ringförmigen Steinwall, der die Klostergemäuer umgab, Schutz finden konnten. Severus selbst wurde durch einen Weidenflechtzaun geschützt, der eine doppelte Mannshöhe aufwies. Von Außen verstärkten sie diesen mit stichigen Dornbüschen. Den Zugang erhielt man lediglich durch zwei wuchtige Eichentore, die des Nachts geschlossen wurden und im Notfall zusätzlich mit zwei querliegenden Riegeln aus Baumstämmen verbarrikadiert werden konnten. Sobald das Horn erklang, brachten sie Kinder und Weibsvolk in Sicherheit. Anschließend versammelte sich die mehr oder weniger kampferprobte Männerschar hinter den Toren. Hochmotiviert und zu allem entschlossen warteten sie dort, bewaffnet mit dreizackigen Heugabeln und hölzernen Hacken sowie geschmiedeten Eisenhämmern und blank geschliffenen Äxten auf den Feind. Ja, bis zum heutigen Tag zeigten sich die Bewohner am Fuß der sagenumwobenen Sonnenkanzel stets wehrbereit – wenngleich sie ihr Können und ihren Mut glücklicherweise nie unter Beweis stellen mussten.

„Nun gut, der Begriff Sonnenkanzel wurde erst vor einigen Jahrzehnten geprägt. Unsere Vorfahren erzählten natürlich die Legende vom Riesenvogel und dem Geschwisterpaar von Generation zu Generation weiter – so, wie ich sie dir jetzt weitergebe. Also verehren wir bis heute die Mär unserer Ahnen. Aus dieser Verehrung heraus wundert es einen nicht, dass – wenngleich Hunderte von Jahren später – genau dort das Sankt Severus Kloster gebaut wurde, wo der Bussard die Kinder nach der Rettung abgesetzt haben soll.“

„Ja, und was hat es jetzt mit dem Namen ‚Sonnenkanzel‘ auf sich?“

„Nicht so ungeduldig, mein Sohn. Damals, also noch vor der Verkündung der Heilslehre Christi, hat man sich jedes Jahr zur Sommersonnenwende – du weißt, an dem Tag im Jahr mit der größten Zahl an Sonnenstunden und der kürzesten Nacht – am Steinköppel eingefunden und dort Opfer gebracht. Damals, so sagt man, sei es sogar zu Menschenopfern gekommen!“ Antonius riss seine Augen erneut weit auf und konnte nicht glauben, was sein Vater da erzählte. „Richtige Rituale haben dort stattgefunden, zu Ehren der versteinerten Menschen und in Gedenken an das gerettete Geschwisterpaar. Später seien es dann lediglich Tieropfer gewesen. Nun, und heutzutage, nutzt unser Abt diesen Tag für sich und beordert uns alle zum Sonnenplateau, wo wir uns seine Ansprache, das Hohelied auf die Kirche, von der Kanzel anhören – deshalb heißt sie also Sonnenkanzel!“

Diese und noch mehr Geschichten, die sein Vater, aber auch Gregor erzählten, kamen Antonius stets in den Sinn. Fortwährend fragte er sich, wie die Welt wohl hinter den Gemarkungsgrenzen von Severus aussehen könnte. Wie weit hätte er wohl zu gehen, um ans Ende der Welt zu gelangen – dorthin, wo plötzlich alles aufhörte? Er stellte sich vor, dass dort ein riesiger Graben sein musste, so tief, dass man auch am helllichten Tag den Grund der Schlucht nicht sehen konnte. Die Holzbachschlucht wäre dagegen noch nicht mal ein kleines Lachfältchen in der Haut von Mutter Erde.

Würde man es früh genug sehen? Oder würde man einfach in die Tiefe stürzen? War überhaupt ein Mensch, der ans Weltende gelangt war, jemals wieder von dort zurückgekehrt? Er war sich nicht sicher. Außerdem hatte ihnen einer der Händler erzählt, dass nach dem Festland erst einmal eine unendlich große Wasserfläche folgen würde. „Das Ende der Welt muss dann wohl dahinter liegen!“ Doch weder der Knecht, und erst recht nicht Antonius, konnten sich vorstellen, woher all das Wasser kommen sollte. „Fließt es dann nicht am Weltende von der Kante, wie bei einem überlaufenden Bottich?“ Für Antonius war es faszinierend aus erster Hand bestätigt zu bekommen, dass die Welt da draußen, also hinter den Grenzen von Severus, hinter dem steil ansteigenden Ziegenberg, hinter der grünen Aue des Lückersspiegels sowie hinter dem Pfaffenwald und der Holzbachklamm noch ein ganz schön großes Stück weiterzugehen schien. Käme doch der riesige Bussard noch einmal vorbei und würde mich mit seinen Krallen ergreifen und über die Grenzen von Severus hinwegtragen!, dachte er so manches Mal, wenn er mit Kruzi und Fix durch die Schlucht marschierte; so wie heute.

* * *

Antonius erreichte den Eingang der Schlucht und packte die Zügel der Pferde ein wenig fester. Bereits im ersten Abschnitt mussten sie einen schmalen Waldpfad passieren. Dieser erhielt seine Schwierigkeit dadurch, dass zahlreiche Wurzeln der dicht gewachsenen Kiefer- und Fichtenbäume wie hölzerne Schlangen wirr über den Weg krochen und heimtückisch Stolperfallen für Mensch und Tier boten. Vor einigen Jahren war sein Vater mit dem Erzeuger von Kruzi und Fix genau hier ins Stolpern geraten. Zum Glück gelang es Arthur damals, sich an einem vom letzten Herbststurm abgeknickten, aber noch am Baum hängenden Ast festzuhalten. Das vollbepackte Tier jedoch verlor das Gleichgewicht. Die zentnerschwere Last auf seinem Rücken riss es zur Seite. Der Gaul trat mit weit aufgerissenen Augen neben den festgetrampelten Wegstreifen, fand keinen Halt mehr und stürzte samt Ladung den Abhang hinab.

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