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Cinderellas letztes Date

Raven Cross

Cinderellas letztes Date

1. KAPITEL

„Clarissa, komm mit, das wird eine Super-Party. Das schwör ich dir.“ Ruby überprüfte ihr Make-up im Badezimmerspiegel. Mit ihrem Aussehen zufrieden, drehte sie sich zu ihrer jüngeren Schwester um, die ihr, auf dem Badewannenrand sitzend, beim Schminken zugeschaut hatte. „Na los, gib dir einen Ruck. Es ist Samstagabend. Wir sind jung und Singles. Da draußen rennen jede Menge heißer Typen rum.“

„Bei dem, was du unter heiß verstehst, verfalle ich in Schockstarre.“ Clarissa kicherte. „Wir haben einfach nicht denselben Geschmack.“

„Und das ist auch gut so. Sonst kämen wir uns ja ständig ins Gehege. Und das wäre echt blöd. Wo du doch meine Lieblingsschwester bist.“

„Das ist ein zweifelhaftes Kompliment. Schließlich bin ich deine einzige Schwester.“ Clarissa stand auf und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel.

Ruby trat neben sie und legte ihr einen Arm um die Schultern. Die Mädchen betrachteten ihre Spiegelbilder und grinsten sich an. Obwohl sie Schwestern waren und altersmäßig nur zwei Jahre auseinanderlagen, hätten sie unterschiedlicher nicht sein können.

Ruby war groß und sportlich und hätte auch einen hübschen Jungen abgegeben. Sie trug ihre schwarzen Haare kurz und zerzaust, bevorzugte jede Menge schwarzen Kajal für ihre Augen und knallroten Lippenstift für ihren üppigen Mund. Immer in Bewegung, außer wenn sie für die Uni lernen musste, fühlte sie sich in Jeans, T-Shirt und Bikerstiefeln am wohlsten.

Clarissa hingegen mochte es mädchenhaft und dezent. Zu ihrem neunzehnten Geburtstag vor einem Monat hatte sie sich ein teures, feenhaftes Designerkleid in Pastellblau gekauft. Sie trug zartes Make-up und bändigte ihre honigblonden Haare mit einem schwarzen Samtband. In diesem Outfit erinnerte sie Ruby an Alice im Wunderland.

„Ich finde, wir Cartwright-Mädchen machen echt was her“, stellte Ruby fest. „Wenn wir uns ins Zeug legen und unseren ganzen Charme spielen lassen, liegt uns die Welt zu Füßen.“

„Aber nicht heute Abend. Die Welt wartet auch morgen noch auf uns“, erwiderte Clarissa. „Ich fahre zurück ins Studentenwohnheim, möchte früh ins Bett. Und vorher schaue ich noch mal kurz bei Mom und Dad vorbei.“

„Du bist so brav und vernünftig“, meinte Ruby. „Wenn du fünfunddreißig bist, wirst du bereuen, dass du nie richtig einen draufgemacht hast.“

„Bis dahin habe ich noch eine Menge Zeit zu feiern und Blödsinn zu veranstalten.“

„Stimmt. Aber wann fängst du endlich damit an?“

Clarissa lächelte und schwieg. Sie öffnete die Badezimmertür und stieß sie Rubys Mitbewohnerin Emma, die bereits ungeduldig vor dem Bad wartete, in die Seite.

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Clarissa.

„Was? Dass du versuchst, mir die Rippen zu brechen? Oder dass ihr endlos das Bad blockiert habt?“, fragte Emma ungehalten. „Auch andere Leute wollen auf die Party des Jahres.“ Sie wartete weder Clarissas noch Rubys Antwort ab, sondern schob sich ins Badezimmer.

„Party des Jahres?“ Clarissa hob erstaunt die Augenbrauen.

„Ich hab’s dir gesagt. Die Blue Marlins organisieren das Fest. Und wie immer, wenn das Uni-Football-Team feiert, ist der Teufel los.“

„Grüß den Teufel, wenn du ihn siehst, und erzähl mir morgen, wie’s war.“

„Ich geb’s auf.“ Ruby verdrehte die Augen. „Du wirst noch als alte Jungfer sterben.“

„Damit kann ich leben.“ Clarissa ging in Rubys Studentenwohnheimzimmer, das sie sich mit Emma teilte, nahm ihren eleganten weißen Mantel von der Garderobe und zog ihn an. „Ich begleite dich noch nach draußen.“

Zusammen verließen sie das Wohnheim. Ruby studierte Englisch auf Lehramt an der New Jersey State University in ihrem Heimatort Ashbury und wohnte direkt am Campus. Clarissa besuchte die private Kunsthochschule und lebte in deren Studentenwohnheim am anderen Ende der Stadt.

„Soll ich dich noch bei Mom und Dad vorbeifahren?“ Ruby schwang sich auf ihr Motorrad, eine gelbe Suzuki, das vor dem Eingang des Studentenwohnheims parkte.

Clarissa schüttelte den Kopf. „Nein, du hast nur einen Helm. Außerdem will ich mir weder den Mantel versauen noch die Frisur verderben.“

„Du bist so eine Tussi“, zog Ruby ihre Schwester auf.

„Motz ruhig weiter, Alarmmädchen.“ Clarissa lächelte gelassen. „Ich bestelle Mom und Dad Grüße von dir.“

„Mach das. Und bitte Mom, für morgen Nachmittag eine Erdbeertorte zu backen. Nach einer langen Partynacht werde ich darauf richtig Heißhunger haben.“ Ruby ließ den Motor ihrer Enduro aufheulen. „Kommst du auch zum Kuchenessen?“

„Klar. Hab ich jemals unsere sonntägliche Kaffeerunde versäumt?“

„Nein. Ich frag mich, wieso du überhaupt von zu Hause ausgezogen bist, wenn du eh fast jeden Tag da bist.“

„Ich liebe eben Mom und Dad … und dich auch.“ Clarissa umarmte ihre Schwester. „Viel Spaß auf der Party.“

„Viel Spaß beim Schlafen.“ Ruby zog Clarissa an einer Haarsträhne und grinste. „Bis morgen dann.“ Sie setzte ihren Helm auf und gab Gas. Während sie in Richtung Downtown fuhr, wo die Mega-Party im Club „Exil“ stattfand, sah sie im Außenspiegel, dass Clarissa ihr hinterherschaute und winkte. Ruby winkte zurück. Dann musste sie abbiegen, und ihre Schwester verschwand aus ihrem Blickfeld.

Ruby seufzte. Schade, dass Clarissa nie mit auf Partys ging. Sie könnten so viel zusammen erleben. Aber ganz egal, mit welchen Tricks Ruby versuchte, ihre Schwester aus dem Haus zu locken. Sie scheiterten alle. Clarissa war und blieb ein Stubenhocker. Sie lernte artig, bekam exzellente Noten und empfand es als soziales Highlight, mit ihren Eltern und ihrem großen Bruder Brad auf Vernissagen oder in klassische Konzerte zu gehen.

Schon bei dem Gedanken an Wagners Walküren oder Picabias Malerei konnte sie vor Langeweile einschlafen. Sie freute sich auf das Fest der Blue Marlins im „Exil“. Es würde brechend voll werden. Schließlich gab es in Ashbury drei Hochschulen, und alle Studenten wussten von dem Ereignis.

Seth Deveraux, Quarterback der Blue Marlins und Organisator der Party, hatte den Resident-DJ Rough des hippen New Yorker „Buddha“-Clubs angeheuert. Außerdem war es ihm gelungen, den Eigentümer der lokalen Brauerei – der ein großer Football-Fan war und die Blue Marlins sponserte – zu überreden, hundert Fässer Freibier zu spendieren. Zudem bezahlte ein unbekannter Gönner knapp bekleidete Gogo-Tänzer und -Tänzerinnen dafür, dass sie in Gitterkäfigen auftraten. Klang vielversprechend. Ruby lächelte erwartungsvoll. Vielleicht lernte sie endlich ihren Traumjungen kennen.

Als sie am „Exil“ vorfuhr, bildete sich vor dem Eingang bereits eine lange Schlange. Sie parkte ihre Suzuki in einer Seitenstraße, um sicherzugehen, dass zu später Stunde keine betrunkenen Studenten auf der Suche nach Randale ihr geliebtes Motorrad umstießen. Sie befestigte ihren Helm an der Lenkradstange, fuhr sich durch die platt gedrückten Haare, um den zerzausten Look wiederherzustellen, und ging zum Club. Sie war gerade am Ende der Warteschlange angekommen, als der Türsteher ihren Namen rief.

„Hey, Ruby, komm her. Du stehst auf der Gästeliste.“

„Seit wann?“ Überrascht lief sie an den neidisch blickenden Wartenden vorbei zum Eingang. Sie ging zwar gern aus und kannte viele Leute, aber auf der Gästeliste der Blue Marlins standen nur die absolut angesagten Jungs und Mädchen – und zu denen gehörte sie nicht.

„Seit jetzt.“ Der Türsteher grinste sie verschwörerisch an, schob entschlossen die Partygänger, die unmittelbar vor der Absperrung standen, zur Seite und löste die dicke rote Samtkordel, die den Zutritt zum „Exil“ verwehrte, damit Ruby eintreten konnte.

„Danke, Andy.“ Sie nickte dem Türsteher zu. Sie kannte ihn aus einem Unikurs, den sie im letzten Semester belegt hatte. Andrew „Andy“ Holmes, Ruby und zwei weitere Studenten hatten gemeinsam an einem Referat geschrieben. Die Gruppenarbeit war lustig gewesen. Wider Erwarten, denn Andy war ein wortkarger, einschüchternder Muskelprotz. Doch wenn man ihn näher kennenlernte, merkte man, dass er ziemlich schüchtern war. Aber sobald er zu anderen Vertrauen fasste, entpuppte er sich als Klassenclown. Ruby mochte ihn sehr. Aber nach Abschluss des Referats hatte sie – außer dem üblichen Hallo bei einer zufälligen Begegnung auf dem Campus – keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Und deshalb wunderte es sie, dass er sie wie einen VIP behandelte.

Aber umso besser. So konnte sie sich in aller Ruhe einen Platz auf der Empore im Club suchen, von wo aus man die beste Sicht über Eingang und Tanzfläche hatte und Leute beobachten konnte. Sie holte sich am Tresen eine Cola und nahm in der ersten Reihe auf der Galerie Platz.

DJ Pain, ein lokaler Musiker, legte im Vorprogramm House-Music auf. Die heißen Gogo-Tänzer und -Tänzerinnen in den Käfigen am Rande der Tanzfläche heizten den Feiersüchtigen zusätzlich ein und versetzten das Publikum sofort beim Betreten des Clubs in Partylaune. Die Tanzfläche füllte sich binnen Sekunden.

Ruby checkte die Gäste ab. Seth poste im eigens für ihn abgesperrten VIP-Bereich für die Fotografen der örtlichen Presse und der Unizeitung. Er hielt links und rechts je eine der Cheerleaderinnen im Arm und paffte eine dicke Zigarre. Er gab den Möchtegern und hätte wirklich cool sein können, wenn er die Rolle mit Selbstironie gespielt hätte. Doch er nahm sie leider ernst und fand sich einfach unwiderstehlich.

Ruby konnte über solche Macho-Allüren nur lachen und wunderte sich, dass Seths peinliches Gehabe bei vielen Mädchen ankam. Jede Menge kichernder und aufreizend gekleideter Studentinnen veranstalteten vor seiner VIP-Lounge ein Schaulaufen.

Ruby schämte sich für ihre Geschlechtsgenossinnen und wandte den Blick ab. Sie entdeckte Emma auf der Tanzfläche. Ihre Mitbewohnerin warf ihre eine Kusshand zu. Und Ruby winkte zurück. Emma war manchmal ein bisschen aufbrausend. Zum Beispiel, wenn man zu lange das Bad blockierte oder das gemeinsame Zimmer zumüllte. Aber generell war sie okay. Sie war weder nachtragend noch nervig und hatte meist einen lustigen oder frechen Spruch parat. In Anbetracht der Tatsache, dass man sich im Studentenwohnheim seine Zimmergenossin nicht aussuchen konnte, sondern von der Heimleitung zusammengewürfelt wurde, hatte Ruby mit Emma Glück gehabt.

Clarissa hatte es allerdings besser getroffen. Im Studentenheim ihrer elitären Kunstschule bewohnte jeder Student sein eigenes Zimmer und besaß somit bedeutend mehr Privatsphäre. Doch Ruby war keineswegs neidisch. Sie gönnte ihrer Schwester den Luxus. Außerdem wollte Ruby es nicht anders. Als sie zu Hause auszog, war ihr Plan, ein richtiges Studentenleben zu führen – und dazu gehörte es eben auch, ein Zimmer mit jemandem zu teilen.

Sie nippte an ihrer Cola. Was ging denn da am Tresen ab?

Sie blinzelte, um in dem flackernden Disco-Licht etwas erkennen zu können. Am rechten Ende der Bar stritten sich Melanie und ihr Freund Vincent. Melanie war Clarissas Tutorin und hatte ihr im ersten Semester zur Seite gestanden. Die Mädchen waren unzertrennlich gewesen, bis vor ein paar Monaten, als plötzlich Funkstille herrschte. Auf Rubys Nachfrage meinte Clarissa, es sei nichts vorgefallen. Sie und Mel verfolgten neuerdings andere Interessen.

Ruby fand die Antwort unbefriedigend. Sie mochte Mel sehr und hatte sich gefreut, dass ihre Schwester endlich eine Freundin gefunden hatte und nicht nur am Schreibtisch hinter ihren Büchern versauerte. Ob Mel die Freundschaft wegen Clarissas Lerneifer aufgekündigt hatte? Möglicherweise hatte aber auch ihre Schwester Melanie den Laufpass gegeben, da sie deren Freund Vincent nicht ausstehen konnte.

Ruby hätte Melanie gern nach dem Grund für den Bruch zwischen den Mädchen gefragt. Aber der Zeitpunkt war denkbar ungünstig. Denn die Auseinandersetzung zwischen Mel und ihrem Freund begann zu eskalieren. Ruby sah, wie Vincent versuchte, Melanie anzufassen und sie seine Hand wutentbrannt wegschlug. Während er noch auf sie einredete, drehte Mel sich um und stürmte zum Ausgang.

„Kurzer Auftritt auf der Party des Jahres“, murmelte Ruby und beobachtete, wie Mel sich die Jacke überzog und den Club verließ.

Vincent blieb deprimiert am Tresen zurück und bestellte einen Drink, den er herunterkippte. Dann rannte er Mel hinterher.

Ruby dachte gerade darüber nach, was es wohl mit dem Streit auf sich haben könnte, als sie sich plötzlich beobachtet fühlte. Sie sah sich um und begegnete dem Blick eines attraktiven Fremden. Der Junge – er mochte Anfang, Mitte zwanzig sein – lehnte an der Wand neben dem DJ-Pult und schaute zu ihr hoch. Er hatte dunkle Locken und ein markantes Gesicht. Er starrte sie einfach nur an.

Was will der denn? Ruby starrte hochnäsig zurück. Dabei gefiel ihr der Fremde gut. Aber sie hasste es, wenn Typen sie angafften und auf cool machten. Denen zeigte sie schon aus Prinzip die kalte Schulter.

„Komm tanzen!“ Emma tauchte neben ihr auf und zog sie hoch. „Das ist eine geniale Party. Und hier gibt’s so viele hübsche Jungs.“

„Stimmt“, antwortete Ruby und sah sich nach dem geheimnisvollen Jungen um. Doch er war verschwunden.

„Los!“, drängte Emma. „Meine Leute warten auf uns.“

„Ich komme ja schon.“ Ruby suchte unauffällig nach dem Fremden, aber sie entdeckte ihn nicht mehr in der Masse der Feiernden. Sie verließ mit Emma die Empore und folgte ihr auf die Tanzfläche. Dort wurde sie stürmisch von Emmas Freunden begrüßt und über den neuesten Tratsch informiert. Tanzend und lachend vergaß sie den Jungen und amüsierte sich auf der Party des Jahres.

„Clarissa? Spinnst du, mich um acht Uhr morgens zu wecken? Es ist Sonntag. Ich hab grade mal vier Stunden geschlafen.“ Ruby richtete sich mit ihrem Handy in der Hand schlaftrunken in ihrem Bett auf und warf einen eiligen Blick auf ihre Mitbewohnerin, ob das Klingeln sie geweckt hatte. Aber Emma schnarchte tief und fest. „Was willst du? Ist was passiert?“

„Ich hatte gestern Stress mit Dad“, antwortete Clarissa. „Er dreht mir den Geldhahn zu. Ich soll das Studentenwohnheim verlassen und wieder nach Hause ziehen. Das mache ich auf keinen Fall. Kann ich bei dir wohnen?“

„Hä? Was? Moment mal.“ Ruby rieb sich die Augen. „Du hast dich doch noch nie mit Dad gestritten. Du bist sein Liebling. Was ist denn passiert?“

„Das ist eine lange Geschichte“, erwiderte Clarissa ausweichend. „Ich erzähle sie dir ein anderes Mal. Nun sag schon: Kann ich bei dir wohnen? Ist auch nur vorübergehend. Ich habe schon mit Brad telefoniert. Aber er will Dad nicht in den Rücken fallen, indem er mich aufnimmt. Außerdem meint er, Chelsea hätte was dagegen. Schließlich ist es ihr Apartment. Und seine Freundin steht auf traute Zweisamkeit. Und die Wohnung ist zu klein. Na ja, du kennst die typischen Ausreden.“

„Was heißt hier Ausreden? Wenn du Brad noch früher als mich aus dem Bett geklingelt hast, wundert mich nicht, dass er Nein gesagt hat.“ Ruby seufzte. Sie war nun endgültig wach. „Von mir aus kannst du eine Weile hier wohnen. Aber ich muss erst mit Emma darüber sprechen. Schließlich teilen wir uns das Zimmer. Vielleicht kann ich sie überreden, wenn du wirklich nur hier schläfst und tagsüber unterwegs bist.“

„Das ist toll. Danke.“

„Warte, warte! Emma muss erst Ja sagen. Verstanden?“

„Schon klar.“

„Und du musst dem Hausmeister aus dem Weg gehen. Er achtet ziemlich genau darauf, ob Fremde sich in den Zimmern aufhalten. Ein Kurzbesuch von einer, maximal zwei Wochen ist okay. Dann musst du gehen.“

„Kein Problem. So lange will ich gar nicht bleiben. Höchstens für drei, vier Tage. Dann habe ich was anderes. Mom und Dad werden Augen machen, wenn sie sehen, zu wem ich ziehe.“ Clarissa lachte triumphierend.

„Wo willst du denn hin?“, fragte Ruby irritiert. Ihre Schwester kannte ja kaum Leute.

„Wirst schon sehen“, entgegnete Clarissa geheimnisvoll. „Und vielen, vielen Dank. Ich wusste, dass du mich nicht im Stich lässt. Du bist die allerbeste Schwester der Welt. Küsschen!“ Und schon hatte sie aufgelegt.

„O Mann!“ Ruby schob ihr Handy unter das Kopfkissen und kroch wieder unter die Bettdecke. Was war nur zwischen Clarissa und ihrem Dad vorgefallen? Die beiden waren ein Herz und eine Seele. Was konnte Dads Prinzessin nur angestellt haben, das ihn so in Rage gebracht hatte? Ruby fiel absolut nichts ein. Sie schaute grübelnd aus dem Fenster in das frühe Morgenlicht und schlief irgendwann wieder ein.

2. KAPITEL

„Wo bleibt denn Clarissa?“ Ruby setzte einen unschuldigen Gesichtsausdruck auf und blickte ihre Mom und ihren Dad an.

Ihre Eltern schwiegen einen Moment, dann meinte ihr Dad: „Clarissa kommt heute nicht.“

„Und warum?“, hakte Ruby nach. „Sie verpasst doch nie unseren Sonntagskaffeeklatsch.“

„Sie hat zu tun“, erklärte die Mutter.

„Was denn?“, fragte Ruby und ignorierte den Tritt, den ihr Bruder ihr unter dem Tisch verpasste. Sie schaufelte sich ein riesiges Stück Erdbeertorte in den Mund und lächelte ihren Dad freundlich an.

Er seufzte und gab auf. „Also gut, ihr erfahrt es ja sowieso. Eure Mom und ich hatten gestern Streit mit Clarissa.“

„Du hast dich gestritten“, warf die Mutter ein.

„Jetzt behaupte nur noch, du bist nicht auch aus allen Wolken gefallen, als sie die Wahrheit gestanden hat“, erwiderte der aufbrausend.

„Ich war völlig geschockt“, gab die Mutter zu. „Aber du hättest sie nicht so anschreien müssen. Solche Dinge kann man auch in Ruhe klären.“

„Was hat Clarissa euch denn gestanden? Ist sie schwanger?“, wollte Ruby wissen.

„Um Gottes willen! Das fehlte uns noch“, stieß ihre Mom hervor. „Unverheiratet schwanger – das wäre eine Katastrophe für unseren Ruf in der Gemeinde. Ganz so schlimm ist es nicht.“

„Aber schlimm genug“, wandte der Vater ein und schob seinen vollen Kuchenteller von sich. Ihm war offensichtlich der Appetit vergangen. Er räusperte sich. „Eure Schwester hat mein Vertrauen missbraucht und ihre von mir finanzierte Kreditkarte mit 150.000 Dollar belastet.“

„Wofür hat sie denn so viel Geld ausgegeben? Sie unternimmt doch nie was“, fragte Ruby verblüfft.

„Sie kauft sich teure Kleider“, bemerkte Chelsea, schwieg aber sofort, als der Vater sie tadelnd ansah.

Bei Familienangelegenheiten kannten die Cartwrights kein Pardon, wenn sich Außenstehende einmischten. Auch, wenn es sich bei der Außenstehenden um die Verlobte des Sohnes handelte. Schließlich waren die beiden noch nicht verheiratet.

„So unrecht hat Chelsea nicht“, kam Brad ihr zu Hilfe. „Das Kleid, das Clarissa sich zum Geburtstag geschenkt hat, kostete 1.500 Dollar.“

„Ich weiß“, meinte der Vater. „Aber sie kann diese beträchtliche Summe nicht allein in Kleidung investiert haben.“

„Vielleicht hat sie sich einen Sportwagen mit allem möglichen Schnickschnack gekauft“, merkte Brad an.

„Das würdest du dir kaufen“, entgegnete Ruby. „Clarissa hasst Autofahren. Sie bekommt hinterm Steuer Panik. Hat sie nicht verraten, wofür sie 150.000 Dollar ausgegeben hat?“

„Nein, sie hat bockig geschwiegen, als ich ihr die Bankauszüge präsentiert habe.“ Der Vater presste verbittert die Lippen aufeinander. Dass sein Lieblingskind ihn hintergangen hatte, nahm ihn offensichtlich mit.

„Aus der Kreditkartenabrechnung muss ja hervorgehen, wo sie was mit dem Geld gekauft hat“, sagte Ruby.

Ihr Vater schüttelte den Kopf. „Clarissa hat sich mit der Kreditkarte am Bankschalter jeweils den maximalen Tagessatz auszahlen lassen. Außerdem hat sie das Geld immer in Ashbury abgeholt und in keiner anderen Stadt.“

Raffiniert! Ruby zollte ihrer Schwester Respekt. Sie überlegte, ob Clarissa ihr verraten würde, wofür sie eine so hohe Summe gebraucht hatte. Am liebsten wäre sie vom Tisch aufgesprungen und hätte sie heimlich angerufen. Aber das konnte sie aus Anstand gegenüber ihren Eltern nicht tun.

„Es ist reiner Zufall, dass wir von ihren Schulden erfahren haben“, erklärte die Mutter. „Ihr wisst, dass wir euch vertrauen. Jedes unserer Kinder hat eine Kreditkarte, die wir finanzieren. Das soll auch so bleiben – zumindest bei euch beiden. Damit ihr euch nicht von uns kontrolliert fühlt, sind die Karten auf eure Namen ausgestellt, und ihr erhaltet die Bankauszüge. Bei Clarissa ist das nicht anders. Aber anscheinend hat sie vergessen, ihrer Bank mitzuteilen, dass sie seit diesem Semester im Studentenwohnheim wohnt. Jedenfalls wurden ihre Auszüge an ihre alte Adresse geschickt, also zu uns. Beim Öffnen der Post habe nicht auf den Namen in der Anschrift geachtet, sondern den an sie gerichteten Umschlag aufgerissen.“

„Und dann kam die böse Überraschung.“ Mister Cartwright stach mit seiner Gabel in den nahezu unberührten Kuchen auf seinem Teller, ohne das abgebrochene Stückchen zu essen.

Am Tisch herrschte betretenes Schweigen. Nicht, dass Clarissas Verschwendungssucht die Cartwrights in den Bankrott stürzte. Der Vater arbeitete als oberster Richter am Kammergericht von New Jersey. Und die Mutter war eine über die Staatsgrenzen hinaus bekannte Innenarchitektin. Geld besaß die Familie mehr als genug. Die schlechte Laune der Eltern rührte vielmehr von Clarissas Vertrauensbruch her. Und dass sie nicht verriet, wofür sie das Geld ausgegeben hatte, machte die Sache nur noch schlimmer.

„Jedenfalls kann Clarissa so viel schmollen, wie sie will, und unserem Familiensonntag fernbleiben. Ich habe ihr die Kreditkarte abgenommen, und sie bekommt sie nicht wieder, sondern erhält wie ein Teenager Taschengeld. Und ab nächsten Monat wohnt sie wieder hier zu Hause“, erklärte der Vater.

„Dad, ich muss dir was gestehen“, begann Brad. „Clarissa hat Chelsea und mich heute Morgen um halb acht angerufen und gefragt, ob sie bei uns wohnen kann. Sie meinte, sie hätte Ärger mit euch und soll zurückziehen. Mehr hat sie nicht erzählt. Aber ich habe ihr gesagt, dass sie nicht bei uns einziehen kann und du und Mom gewiss triftige Gründe für eure Entscheidung habt.“

„Mich hat sie auch angerufen“, gab Ruby zu und fügte leise hinzu: „Ich hab ihr allerdings angeboten, bei mir zu wohnen.“

„Typisch Clarissa. Sie wählt den Weg des geringsten Widerstands.“ Brad sah Ruby tadelnd an. „Du bist ihr gegenüber immer zu nachgiebig. Und sie nutzt das aus.“

„Sie ist eben nicht nur meine Schwester, sondern auch meine beste Freundin“, konterte Ruby. „Außerdem nutzt sie mich nicht aus. Sie meinte, sie braucht nur für kurze Zeit eine Übernachtungsmöglichkeit. Dann würde sie zu … hm, keine Ahnung wem ziehen. Jedenfalls würde ihr Umzug euch in Staunen versetzen“, sagte sie an ihre Eltern gewandt.

„Dieses kleine Luder!“ Rubys Dad schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich erkenne Clarissa nicht wieder.

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