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Cinderella verzweifelt gesucht

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PROLOG

Aus Der Ex-Faktor:

Liebe Ex-Community,

mein Exfreund und ich waren drei Jahre lang zusammen. Unglücklicherweise laufe ich ihm auch jetzt noch ständig über den Weg. Wir haben die gleichen Freunde, mögen die gleichen Bars … Es ist ziemlich unangenehm. Es ist nicht so, dass wir uns hassen, aber wir waren uns einig, dass wir nicht zusammenpassen. Wie soll ich damit umgehen, ihn immer wieder zu treffen?

Callie:

Um diese heikle Situation zu meistern, brauchst du Zeit und Taktgefühl. Sicherlich willst du deine Freunde nicht aufgeben oder ihnen das Gefühl vermitteln, sie müssten sich zwischen dir und deinem Exfreund entscheiden. Versuche einfach, möglichst viele deiner Gewohnheiten zu ändern, probiere neue Kneipen aus, lerne neue Leute kennen. Je besser du über ihn hinwegkommst, und je weniger unwohl du dich in seiner Gegenwart fühlst, umso einfacher wird es für alle Beteiligten. Möglicherweise hilft es auch, dir nur ein paar Freunde herauszupicken, statt ständig in einer großen Clique – inklusive deines Exfreunds – etwas zu unternehmen. Irgendwann könnt ihr dann vielleicht wirklich einfach nur Freunde sein.

Ein Ex, der weiß, wovon er spricht:

Hau ab, so weit du nur kannst! Das lege ich dir ganz dringend ans Herz. Du wirst woanders neue Freunde finden.

1. KAPITEL

Manchmal hasste Colin Raine es, ein netter Kerl zu sein.

Aber ein echter Freund ließ eben einen Kumpel in Not nicht im Stich. Selbst wenn das hieß, am Faschingsdienstag, dem berühmten Mardi Gras, im French Quarter als Barmann auszu­helfen.

Dabei hatte er geglaubt, seine Tage als Barkeeper seien endlich vorbei. Ein großer Irrtum, wie sich gerade herausstellte. Und sofort wurde ihm wieder klar, wie sehr er diesen Job verabscheute.

Colin machte gerade einen Kassensturz, als Teddy aus seiner Wohnung über dem Lucky Gator herunterkam. Er wirkte jetzt ein bisschen frischer, ausgeruht und geduscht. Eine Bar im French Quarter zu haben, dem quirligen Altstadtviertel von New Orleans, war immer Teddys Traum gewesen. Aber diese fieberhafte Partystimmung, sieben Tage rund um die Uhr während des Karnevals, stellte selbst den leidenschaftlichsten Wirt auf eine harte Probe. Mehr als ein paar Stunden Schlaf waren nie drin, und die Wochenenden waren besonders anstrengend.

„Läuft alles?“, erkundigte sich Teddy.

„Klar.“ Normalerweise vermied Colin das Viertel zum Mardi Gras – zumindest seit sein Job als Barmann nicht mehr seine Haupteinkommensquelle war. Viel lieber sah er sich die Parade von seiner eigenen Wohnung aus an oder traf sich mit Freunden. Immerhin war es noch früh, erst kurz nach Mittag, und so hatte er die Chance, nach Hause zu kommen, bevor die Leute auf den Straßen völlig durchdrehten.

Fast jeder, der zum ersten Mal den Faschingsdienstag im French Quarter miterlebte, war fassungslos angesichts der ausschweifenden und völlig hemmungslosen Atmosphäre. Die Hälfte der Feiernden auf der Straße war noch vom Vortag sturzbetrunken, und die anderen gaben alles, um aufzuholen. Je nachdem, wie man es sah, war diese Party das größte und tollste Straßenfest der Welt – oder ein absoluter Albtraum.

Das Lucky Gator lag nur eine Querstraße von der quirligen Canal Street entfernt. Die Leute kamen auf ihrem Weg ins French Quarter quasi automatisch hier vorbei. Eine Band, die auf der kleinen Bühne der Kneipe mit großer Begeisterung – wenn auch ohne besonderes Talent – ihr Können zum Besten gab, lockte die Passanten herein. Jeder Tisch war besetzt, bald würde der Laden gerammelt voll sein. Teddy verdiente gut mit dem Lucky Gator – und das ließ ihn Tage wie diesen weitaus leichter ertragen.

Colin half Teddy, die Vorräte wieder aufzufüllen, rollte mit ihm zusammen ein neues Bierfass herein und brachte den Müll hinaus. Es kostete ihn zehn Minuten, zwei Frauen davon zu überzeugen, dass es besser war, mit ihren Freunden zusammenzubleiben, statt sich von ein paar äußerst schmierigen Typen befummeln zu lassen.

Damit hatte er seine guten Taten für diesen Tag eindeutig erfüllt. Jetzt wollte er nur noch nach Hause, duschen und eine Runde schlafen. Dann würde er wieder einen klaren Kopf haben und könnte entscheiden, ob er noch auf eine Party gehen oder besser zu Hause bleiben und arbeiten sollte.

Er ging auf Teddy zu, um ihm genau das mitzuteilen. Sein Freund stand vor der Bühne und starrte bewegungslos auf einen Punkt. Colin folgte seinem Blick und nickte wissend. „Sie ist schon seit ein paar Stunden hier.“

„Sieht so aus, als wäre sie nicht sehr glücklich darüber.“

„Sie“ war eine hübsche Brünette, etwa Mitte zwanzig, die träge auf ihrem Handy herumtippte. Ihre blonde Freundin hielt es kaum auf ihrem Barhocker. Sie hüpfte darauf herum, drehte sich und regte sich fürchterlich über die Band auf. Die Dunkelhaarige dagegen sah einfach nur … gelangweilt aus. Ein passenderes Wort fiel Colin nicht ein. Sie trug mehrere Perlenketten um den Hals geschlungen, das Bier, das er ihr vor mehr als einer Stunde gezapft hatte, stand völlig unberührt auf dem Tisch. Sie passte überhaupt nicht hierher. Aufseufzend steckte sie jetzt das Telefon wieder in ihre Tasche und schaute zur Straße hinaus.

„Ziemlich unwillig für ein Groupie“, stellte Teddy kopfschüttelnd fest.

Erst jetzt fiel Colin auf, dass die Blonde ganz offensichtlich eines der Bandmitglieder bewunderte. Wahrscheinlich hatte ihre Freundin sie nur aus Höflichkeit begleitet, was sie ganz eindeutig mittlerweile bereute. Es war eine Schande, schon fast ein Verbrechen, beim Fasching in New Orleans nicht so zu wirken, als habe man Spaß – insbesondere, weil sie so aussah, als sei sie wegen des Festes gekommen und nicht wegen der wirklich schlechten Musik. „Wie lange spielen die noch?“, erkundigte er sich.

„Sie sind für zwei Auftritte engagiert“, erklärte Teddy seufzend.

Colin verschlug es fast die Sprache. „Aber sie sind total schlecht“, sagte er entgeistert.

„Das weiß ich selbst. Aber jede halbwegs akzeptable Band war schon ausgebucht.“

Jeder Auftritt wurde mit drei Stunden veranschlagt, und erst zwei vom ersten waren vorbei. Wenn die Blonde tatsächlich als Groupie hier war, hatte ihre Freundin noch einen langen Tag vor sich.

Ob der Akku ihres Handys so lange aushalten würde?

„Sprich sie doch an“, schlug Teddy vor.

„Was?“ Ganz offensichtlich hatte der ständige Schlafmangel Teddys Verstand vernebelt.

„Sie tut mir leid. Und außerdem ist es schlecht fürs Geschäft, wenn ein Gast seine schlechte Laune so vor sich herträgt. Die Leute können sie von draußen sehen, und dann überlegen sie zweimal, ob sie reinkommen.“ Teddy grinste. „Komm, tu mir den Gefallen.“

„Ich habe dir gerade schon einen riesigen Gefallen getan.“

Teddys Grinsen wurde noch breiter. „Wenn ich mich recht erinnere, hast du gesagt ‚Ich stehe ein Leben lang in deiner Schuld‘. Ja, genau das waren deine Worte.“

Verdammt. Das Geld, das Teddy vor fünf Jahren investiert hatte, war entscheidend gewesen für den Erfolg von Rainstorm Games. Eric und Colin hatten jeden Cent zusammengekratzt, den sie besaßen, und standen damals kurz vor dem Ruin. Eigentlich hatte auch Teddy zu diesem Zeitpunkt kein Geld übrig, aber er hatte seine eisernen Reserven geplündert und ihnen zur Verfügung gestellt.

Colin war ihm in dem Moment unendlich dankbar gewesen, und er hatte jedes Wort ernst gemeint. Aber für Teddy gab es keinen Grund, seinen Einsatz zu bereuen – für ihn war so viel Gewinn dabei herausgesprungen, dass er das Lucky Gator drei Jahre eher eröffnen konnte als erwartet. „Mal im Ernst – wie lange glaubst du, mir das noch unter die Nase reiben zu können?“, wollte Colin grimmig wissen.

„Dein Leben lang, mein Freund. Dein Leben lang.“ Teddy klopfte ihm noch einmal auf die Schulter und verschwand hinter der Bar. „Oder hast du etwa schon andere Pläne?“

„Kann schon sein“, erwiderte Colin vage.

Außer dich zu Hause einzuschließen und zu arbeiten, meine ich.“ Teddy schmunzelte, wohl wissend, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.

Als wenn Teddy selbst Zeit hätte für etwas anderes als seine Arbeit, dachte Colin. Teddy, Eric, Colin – sie alle waren Workaholics. Alle drei waren in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und hatten aus dem Nichts ein erfolgreiches Unternehmen geschaffen. Da passierte es schnell, dass die Arbeit alles andere überlagerte.

„Komm schon“, versuchte Teddy ihn zu überreden, „da ist eine Jungfrau in Nöten, Ritter Lancelot, also errette sie. Du weißt doch, dass du genau das tun willst.“

Nein, eigentlich nicht. Er hatte den ganzen Tag schon für andere die Kastanien aus dem Feuer geholt, und jetzt wollte er endlich nach Hause. Andererseits … sie sah wirklich unglücklich aus. „Na gut. Aber danach reden wir nochmal darüber, ob es nicht vielleicht ein bisschen übertrieben ist, ein Leben lang in der Schuld von jemandem zu stehen.“

Colin griff sich eine Flasche Wasser und schlenderte zu dem Tisch der beiden Frauen hinüber. „Stimmt was nicht mit deinem Bier?“ Die Musik war so laut, dass er fast schreien musste, aber sie hatte ihn verstanden.

Beinahe erschrocken sah sie auf. Sie hatte strahlend grüne Augen, und auf ihren Wangen tummelten sich kleine Sommer­sprossen. Ein paar dunkle Locken hatten sich aus ihrem Zopf gelöst und ringelten sich über ihren Schultern. Von Nahem betrachtet war sie eine typische junge Amerikanerin mit einem frischen, ausgesprochen hübschen Gesicht. Nicht atemberaubend schön, aber durchaus attraktiv. „Entschuldigung?“, gab sie zurück.

„Dein Bier. Du hast noch nichts davon getrunken. Ist was nicht in Ordnung damit?“

Kurz runzelte sie missbilligend die Stirn, doch dann entdeckte sie das Logo der Bar auf seinem T-Shirt und lächelte, als sie den Kopf schüttelte. „Nein, alles okay. Ich trinke eigentlich so früh am Tag noch keinen Alkohol.“

„Damit bist du heute ganz eindeutig in der Minderheit.“

Sie schmunzelte. „Allerdings. Aber ich muss noch den ganzen Tag durchhalten, deshalb zügle ich mein Tempo ein bisschen.“

Er hielt seine Wasserflasche hoch. „Ganz deiner Meinung. Darf ich den Stuhl nehmen?“

„Ja, natürlich. Wir brauchen ihn nicht.“

Er setzte sich, doch als er ihren verwirrten Gesichtsausdruck bemerkte, wurde ihm klar, dass sie gedacht hatte, er wolle den Stuhl mitnehmen. Sie hatte ihre Antwort nicht als Einladung gemeint, ihr Gesellschaft zu leisten. Er verkniff sich ein Lachen und streckte ihr die Hand hin. „Colin.“

Spontan ergriff sie seine Hand. „Jamie“, stellte sie sich vor. In der Art, wie sie ihren Namen sagte, lag etwas Vorsichtiges, und auch ihre Haltung veränderte sich. Es schien, als wappnete sie sich gegen irgendetwas.

Colin deutete zur Bar. „Das ist Teddy, ihm gehört das Lucky Gator.“

Jamie folgte seinem Finger mit dem Blick, und Teddy winkte ihr zu. Mit einem unsicheren, verwirrten Lächeln winkte sie zurück.

„Teddy macht sich Sorgen, dass du dich in seiner Kneipe nicht wohl fühlst.“

Sie hob eine Augenbraue. „Deshalb hat er dich geschickt, um den Grund herauszufinden?“

Sie schien ziemlich geradeheraus zu sein. Keine Ausflüchte, keine Beteuerungen, es gehe ihr gut. „Ja, so in der Art. Anscheinend hofft er, ich könnte dich ein bisschen aufmuntern. Den Musikern zumindest scheint das ja nicht zu gelingen.“ Er beugte sich ein bisschen vor. „Kein Vorwurf – es ehrt dich, dass du anscheinend einen besseren Musikgeschmack hast.“

„Es ist wirklich nett von euch, dass ihr euch um mich kümmert, aber ich schätze, ihr habt heute Wichtigeres zu tun, als mich zu unterhalten.“

„Teddy muss jetzt arbeiten, das stimmt. Aber ich habe Feierabend, zum Glück.“

Jamie neigte den Kopf zur Seite, sodass ihr Zopf über ihre Schulter nach vorn fiel und ihr Dekolleté bedeckte, das sich unter den bunten Perlenketten erahnen ließ. „Du hast schon frei? Ich hätte gedacht, je später es wird, umso mehr Geld ist heute zu verdienen.“

Er brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, dass Jamie ihn für Teddys Angestellten hielt. Das lag ja auch nahe, und er hatte keine Lust, den Irrtum aufzuklären. Es war unwichtig. „In ein paar Stunden wird es hier von schrägen Typen wimmeln. Und wenn die Parade vorbei ist, wird das Lucky Gator komplett zum Irrenhaus. Nicht für alles Geld der Welt will ich dann hier arbeiten.“ Und Teddy weiß genau, dass er nicht einmal den Versuch zu starten braucht, diesen Gefallen von mir einzufordern.

„Wird es echt so verrückt?“

Er lachte. „Das muss dein erster Karneval in New Orleans sein.“

Verlegen verzog Jamie das Gesicht. „Ist es so offensichtlich?“

„Allerdings. Aber der Vorteil ist, dass du jederzeit hinausgehen kannst, wenn du dich hier nicht wohlfühlst. Vielleicht macht dir der Trubel draußen mehr Spaß.“

Sie seufzte sehnsüchtig. „Hier herumzusitzen hatte ich wirklich nicht erwartet. Aber Kelsey will unbedingt David zuhören.“

„Ihr Freund?“

„Noch nicht, aber sie hofft, dass er es wird. Und weil ich keine Ahnung habe, wo genau wir gerade sind, bin ich auf sie angewiesen.“

„Und was wolltest du heute ursprünglich tun?“ Nachdem sie nicht einmal ihr Bier anrührte, hatte es offensichtlich nichts mit dem Fasching zu tun.

Ein Lächeln erhellte ihre Miene. „Ich wollte die Umzüge sehen. Ein bisschen was haben wir auf dem Weg hierher mitbekommen, aber wir hatten die ganze Ausstattung für die Band dabei, deshalb konnten wir nicht einfach stehenbleiben.“

Colin sah auf die große Uhr über der Theke. „Die Königsparade wird gleich durch die Canal Street ziehen, und gleich danach kommen die anderen Umzüge. Du hast also noch jede Möglichkeit, Karneval in New Orleans zu erleben.“

Es war unschwer zu erkennen, dass sie große Lust dazu hatte. Dennoch schüttelte sie den Kopf. „Ich befürchte, Kelsey will nicht mit.“

„Dann geh ohne sie.“

Er fand es hinreißend, wie sie die Nase kraus zog. Die ganze Frau war hinreißend.

„Allein macht das keinen Spaß“, entgegnete sie.

„Bestimmt nicht weniger Spaß als jetzt.“

„Auch wieder wahr.“ Unentschlossen spielte sie mit ihren Perlenketten. „Aber ist es nicht gefährlich, sich allein in die Menge zu wagen? Dies mag zwar mein erster Fasching sein, aber ich habe so einiges gehört. Ich bin nicht naiv.“

Ihre Vorsicht sprach für gesunden Menschenverstand. „Die Tatsache, dass du nüchtern bist, erhöht deine Sicherheit um ein Vielfaches. Außerdem ist es helllichter Tag, und es sind zwar eine Menge Menschen auf den Straßen, aber auch ein großes Polizeiaufgebot.“

„Ich weiß nicht.“

Er hörte die Unsicherheit in ihrem Tonfall. Sie war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, die Parade zu erleben, und der Angst, sich allein in einer fremden Stadt zu bewegen. „Meine Mutter hat früher immer gesagt, sie misstraue nicht mir, sondern der Situation, in die ich geraten könne.“ Ihr Mund verzog sich zu einem schwachen Lächeln. „Und wenn es eine Situation gibt, der man durchaus misstrauen sollte, dann ist das ganz sicher der Karneval.“

„Und wenn ich mitginge?“ Der Vorschlag war ihm einfach so herausgerutscht. Und nicht erst Jamies ungläubiger, fast schockierter Blick machte ihm klar, was er da gesagt hatte. Er war selbst ebenso erschrocken über sein spontanes Angebot. Aber er konnte sie doch nicht hier sitzen lassen, wenn es so einfach war, diesen Tag anders zu gestalten.

Jamie hatte sich schnell wieder von der ersten Überraschung erholt. „Das ist sehr nett von dir, aber ich könnte mir vorstellen, dass du deinen Tag eigentlich anders verplant hast.“

Das war eine höfliche, aber eindeutige Absage an ein Angebot, das ihr auch jeder hergelaufene Typ auf der Straße hätte machen können. Sie hatte gesagt, sie sei nicht naiv, und ihre Ablehnung – so nett sie auch verpackt war – zeigte das einmal mehr.

Seltsamerweise war er enttäuscht. Er kannte sie erst seit fünf Minuten – und ohne Teddys Einmischung hätte er sie überhaupt nicht kennengelernt –, und trotzdem traf ihn ihr Nein tief, auch wenn das völlig unsinnig war. Ganz sicher würde es sie auch nicht umstimmen, wenn er beteuerte, dass sie ihm vertrauen könne. Die meisten Serienkiller behaupteten von sich wahrscheinlich etwas Ähnliches.

„Ich habe keine anderen Pläne.“ Das stimmte sogar fast. „Und es würde mir Spaß machen, dir alles zu zeigen. Wenn du die Nase voll hast, bringe ich dich hierher zurück.“

Er sah, dass Jamie seinen Vorschlag ziemlich verlockend fand. Ganz offensichtlich langweilte sie sich zu Tode, aber er verstand, dass sie trotzdem zögerte, einfach mit einem Mann loszuziehen, den sie gar nicht kannte. Wenn seine Schwester so etwas machte, würde er sie umbringen. Gleichzeitig spürte er, dass Jamie ihn mehr und mehr reizte, und er wünschte sich, sie würde auf seinen Vorschlag eingehen.

In diesem Moment spielte die Band so schlecht, dass Jamie förmlich zusammenzuckte. Das schien den Ausschlag zu geben. Sie tippte ihrer Freundin auf die Schulter. „Kelsey, kannst du mir dein Handy leihen?“

Die Blondine drehte sich zum ersten Mal zu ihr um. „Was? Warum?“, fragte sie, hatte aber die Hand mit dem Telefon schon ausgestreckt.

Jamie hielt es Colin vors Gesicht. „Lächeln“, befahl sie.

Perplex gehorchte er, und Jamie machte ein Foto von ihm.

„Kelsey, das ist Colin. Er arbeitet hier“, erklärte sie. Die Freundin musterte ihn mit einem abschätzenden Blick, dann lächelte sie anerkennend. Jamie speicherte das Foto ab, dann sah sie Colin an. „Wie heißt du mit Nachnamen?“

„Raine.“

„R-A-I-N?“

„Hinten mit E“, korrigierte er automatisch.

„Danke.“ Sie reichte Kelsey das Handy. „Colin und ich gehen zur Parade“, erklärte sie.

Noch einmal musterte Kelsey ihn und grinste. „Jetzt, so spontan? Das ist ja spannend.“ Der Anzüglichkeit in ihrem Tonfall nach zu urteilen erwartete sie, dass Jamie und Colin sich spätestens in einer Viertelstunde ein Zimmer nehmen würden.

Stirnrunzelnd erwiderte Jamie ihren Blick. „Wir sehen uns später. Ich habe mein Telefon dabei, schick mir eine Nachricht, falls ihr irgendwo anders hingeht.“

Kelsey schenkte Jamie ein strahlendes Lächeln und zwinkerte ihr zweideutig zu. Colin war es gewohnt, dass die Frauen mit ihm flirteten, doch Kelseys Reaktion war ihm zu geschmacklos. „Viel Spaß“, hauchte sie.

Jamie stand auf. Bisher hatte er sie nur bis zur Hüfte gesehen, jetzt entdeckte er, dass das weiße T-Shirt in abgeschnittenen Jeans steckte, die den Blick auf schön geformte und leicht gebräunte Schenkel freigab.

Es gab augenscheinlich keinen Grund, die spontane Einladung zu bereuen.

Voller Vorfreude lachte sie ihn an, und ihre Begeisterung wirkte sogar auf jemanden, den die Parade schon lange nicht mehr interessierte, ansteckend. „Lass uns gehen“, sagte sie.

Die Chartres Street war noch nicht komplett dicht, aber schon gut gefüllt. Jamie hielt sich dicht an Colin, um ihn im Gedränge nicht aus den Augen zu verlieren. „Was war das eigentlich eben?“, erkundigte er sich.

„Was meinst du?“

„Das Foto.“

„Oh.“ Sie zuckte die Schultern. „Falls ich nicht zurückkehre, hat Kelsey dein Foto und deinen Namen und kann die Polizei nach dir fahnden lassen“, erklärte sie, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt. „Ich bin vielleicht gerade etwas leichtsinnig, aber nicht völlig lebensmüde.“

Wagemutig, aber vorsichtig. Fröhlich und gut aussehend. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und bugsierte sie sicher durch die Menge.

Nein, kein Grund zur Reue.

Ich, Jamie Vincent, bin eine völlige Idiotin. Wenn sie jemals ihre Biografie schriebe, würde sie den Titel tragen ‚In jenem Moment aber schien es eine gute Idee‘.

Sie ging allein durch eine fremde Stadt auf einem der ausgelassensten Straßenfeste der Welt und ließ sich von einem Mann begleiten, den sie knapp zehn Minuten kannte.

Allerdings wirkte Colin nicht unheimlich oder zwielichtig – keine ihrer Alarmglocken war angegangen –, und schließlich war es mitten am Tag.

Sie war vernünftig, er war vernünftig, und außerdem waren um sie herum Tausende Menschen und jede Menge Polizisten. Sie wollten sich nur die Parade ansehen, was war daran gefährlich? Und Kelsey war so verknallt in David, dass sie sowieso nichts anderes mehr wahrnahm.

Sie war ihr nicht böse deswegen. Genau genommen kannten sie sich nicht mal besonders gut. Sie hatten über Freunde im Internet Kontakt geknüpft, und Kelsey hatte angeboten, Jamie könne bei ihr wohnen, solange sie noch keine eigene Wohnung hatte. Also weit entfernt davon, beste Freundinnen zu sein, und deshalb war Kelsey auch nicht für sie verantwortlich.

Wenn ich irgendwo in einer Mülltonne ende, ist es allein meine Schuld.

Sie hatte den Stadtplan von New Orleans grob im Kopf, allerdings war sie erst seit zwei Tagen hier – und die meiste Zeit hatte sie damit verbracht, überhaupt erst einmal anzukommen –, und deshalb waren ihre Ortskenntnisse ziemlich lückenhaft. Chartres kreuzte die Canal Street und ging in die Camp über. Und die Camp führte zu ihr nach Hause. So viel wusste sie. Solange sie also auf den Hauptstraßen blieb, würde sie sich kaum verlaufen können.

Je näher sie der Canal Street kamen, umso voller wurde es. Colin hielt sich dicht neben ihr, mehr als einmal wurde sie an ihn gedrängt, und sie musste zugeben, dass sie das nicht schlimm fand. Inmitten des Geruchs nach unzähligen Menschen und abgestandenem Bier genoss sie den frischen, sauberen Duft, den er ausstrahlte. Außerdem hatte er einen Körper, an den sich wohl jede Frau ganz gerne pressen ließ – sportlich, ohne ein Muskelpaket zu sein. Hätte schlimmer kommen können.

„Nimm meine Hand“, riss er sie aus ihren Gedanken, und sie sah zu ihm auf. Lächelnd reichte er ihr seine Hand. Sie entdeckte die kleinen Lachfältchen um seine hellen blauen Augen. Er hatte die Sonnenbrille hochgeschoben in sein dunkles, ein winziges Stück zu langes Haar. Vielleicht hat er es in den vergangenen Tagen nicht geschafft, zum Friseur zu gehen, überlegte Jamie.

Er war wirklich verdammt gut aussehend.

Aber das war noch lange kein Grund, Händchen zu halten.

Anscheinend standen ihr die Gedanken ins Gesicht geschrieben, denn Colin lachte auf. „Ich will dich nicht anmachen, ich will nur vermeiden, dich in dem Gewühl zu verlieren.“ Ehe sie antworten konnte, schlug er schon vor: „Du kannst deine Hände natürlich auch hinten in meine Hosentaschen stecken.“ Er bedachte sie mit einem Lächeln, das jede Frau schwach werden ließe.

Ohne nachzudenken ließ sie den Blick auf seine Hosentaschen wandern. Verdammt, er hatte wirklich einen tollen Hintern. Verlockend. Zu verlockend.

Da war es ganz bestimmt sicherer, seinen ersten Vorschlag anzunehmen.

Jamie legte ihre Hand in seine, und Colin schlang seine Finger darum. Seine Hand war warm, der Griff fest, aber nicht mit zu viel Druck. Den Bruchteil einer Sekunde meinte Jamie, ein Vibrieren auf ihrer Haut gespürt zu haben, als ihre Hände sich berührt hatten. Unsinn, so etwas passierte nur den Heldinnen in irgendwelchen Liebesromanen.

Fast wünschte sie sich, er würde sie anmachen.

Auf keinen Fall!

Aber er ist echt toll.

Immer mit der Ruhe, Mädchen. Hast du denn gar nichts gelernt?

Oh doch, das hatte sie. Und die Lektion war schmerzhaft genug gewesen, um nie in Vergessenheit zu geraten.

Sie dachte daran, während sie dicht neben Colin ging, ihre Hände ineinander verschlungen. Zielsicher manövrierte er sie durch die Menge, Jamie musste sich anstrengen, um mit ihm Schritt zu halten.

Schließlich hielt Colin direkt unter einer Straßenlaterne an. „Das ist ein guter Platz. Rex wird genau hier vorbeikommen. Die anderen Umzüge fahren allerdings die Canal Street rauf. Um sie zu sehen, müssen wir noch weitergehen.“

Entlang der Straßensperren drängten sich schon unzählige Zuschauer, von der Parade aber war noch nichts zu sehen. „Und wann geht’s los?“, erkundigte sich Jamie.

„Das richtige Timing ist schwierig. Man weiß nie genau, wie lange der Faschingszug durch die Straßen braucht. Plötzlich bricht etwas bei einem der Festwagen ab, es gibt Verzögerungen, du weißt schon. Aber genau das hier“ – er machte eine Handbewegung über die Menge – „gehört einfach dazu, wenn man die Parade erleben will.“

„Also warten wir?“

„Genau. Möchtest du was trinken?“ Als sie den Kopf schüttelte, setzte sich Colin auf den Boden und lehnte sich an den Laternenpfahl.

Ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass der Gehweg nicht wirklich sauber war, setzte Jamie sich neben ihn. Sie fühlte sich ein bisschen unbehaglich. Worüber sollte sie mit einem vollkommen Fremden reden, um die Wartezeit zu überbrücken? Auch wenn er noch so süß war – die Idee, mit ihm loszuziehen, erschien ihr plötzlich doch nicht mehr so brillant. Smalltalk lag ihr einfach nicht.

Zum Glück schien Colin kein Problem damit zu haben, einfach drauflos zu plaudern. „Bist du zum ersten Mal in New Orleans?“

Sie schüttelte den Kopf. Vor ein paar Jahren war sie mit Joey hier gewesen, ehe er aufgestiegen war. Aber es gab keinen Grund, das zu erwähnen.

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