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Cinderella und der Wüstenprinz

1. KAPITEL

Würde diese verdammte Party denn niemals zu Ende gehen?

Scheich Hassan Al Abbas schaute sich gereizt in dem schwach erleuchteten Raum um. Er grenzte an den Ballsaal des Palasts von Santina, aus dem Hassan sich gerade hierher geflüchtet hatte. Seufzend wandte er sich dem Mann zu, der ihm gefolgt war und in respektvollem Abstand wartete.

„Glauben Sie, es besteht auch nur die geringste Chance, mich klammheimlich von hier zu verdrücken und damit davonzukommen, Benedict?“, fragte er missmutig, obwohl er genau wusste, wie die Reaktion seines loyalen und außerordentlich wohlerzogenen englischen Referenten ausfallen würde.

Dieser antwortete erst nach einer bedeutsamen Pause. „Da Sie einer der Ehrengäste sind, steht es außer Frage, dass man Ihre Abwesenheit bemerken würde, Euer Hoheit. Außerdem wäre es Ihrem Freund gegenüber ein Affront, sollten Sie sich nicht überwinden können, lange genug zu bleiben, um Prinz Alessandro anlässlich seiner Verlobung zu gratulieren und dem Paar alles Glück der Welt zu wünschen.“

In den Taschen des ungewohnt steifen Gesellschaftsanzugs ballte der Scheich die Hände zu Fäusten. Er hasste es, sich von Hemdkragen und Krawatte eingezwängt zu fühlen und wünschte sehnlichst, er könnte stattdessen eine seiner bequemen Seidenroben auf nackter Haut tragen. Und dann auf einem blanken Pferderücken durch die Wüste galoppieren, während ein warmer Wind über sein Gesicht strich …

„Aber wenn ich nun tief in meinem Herzen glaube, ein derartiger Wunsch wäre nutzlos, wenn nicht sogar heuchlerisch oder verlogen? Und wenn ich befürchte, dass Alex den größten Fehler seines Lebens begeht?“

„Männer sind sich nur sehr selten einig, wenn es um eine Frau geht“, erwiderte Benedict diplomatisch. „Und erst recht nicht, wenn dann auch noch das Thema Heirat ins Spiel kommt.“

„Es ist nicht allein die Wahl seiner Verlobten, mit der ich nicht einverstanden bin!“ Hassan fiel es schwer, seine Frustration im Zaum zu halten, seit sein ältester Freund Prinz Alessandro Santina angekündigt hatte, Allegra Jackson zu heiraten. „Obwohl das allein schon schlimm genug ist. Aber dafür auch noch die Frau aufzugeben, der er seit seiner Geburt versprochen ist, das ist der eigentliche Skandal! Eine Frau nobler Abstammung und viel würdigere Braut als …“

„Vielleicht ist seine Liebe ja so stark, dass …“

„Liebe?“ Schon das Wort verursachte einen bitteren Geschmack in Hassans Mund. Zudem spürte er einen feinen, aber nicht zu leugnenden Schmerz in der Herzgegend. Wusste er nicht besser als jeder andere, dass Liebe eine Illusion war, die Leben brutal zerstören konnte?

„Liebe ist nur eine romantische Umschreibung für körperliche Lust“, erwiderte er hart. „Und ein Herrscher darf sich nicht von erhöhter Herzfrequenz oder dem Ziehen in seinen Lenden regieren lassen. Pflicht und Verantwortung rangieren grundsätzlich vor sexuellem Verlangen.“

„Selbstverständlich, Euer Hoheit“, murmelte Benedict ergeben.

Immer noch fassungslos, dass sich Alex als Kronprinz von Santina plötzlich mit derart niedrigen Standards begnügte, schüttelte der Scheich den Kopf. „Wissen Sie überhaupt, dass Alex’ zukünftiger Schwiegervater ein abgehalfterter Profifußballer mit einem Rattenschwanz an Exfrauen und Geliebten ist, die er allesamt betrogen hat?“

„Ich meine, so etwas gehört zu haben, Euer Hoheit.“

„Himmel! Ich kann einfach nicht fassen, dass Alex wirklich bereit ist, in eine Katastrophenfamilie wie die der Jacksons einzuheiraten! Haben Sie gesehen, wie sie sich benehmen? Mir hat sich der Magen umgedreht bei dem Anblick, wie sie den Champagner herunterkippen, als wäre er pures Wasser, oder wie sie sich auf dem Tanzparkett aufführen!“

„Hoheit …“

„Diese Allegra kann unmöglich die Frau eines Kronprinzen werden!“ Erregt schlug Hassan mit der flachen Hand auf einen Beistelltisch. „Sie ist ein Flittchen, genau wie ihre Mutter und ihre Schwestern! Haben Sie das peinliche Spektakel mitbekommen, vor dem ich mich hierher geflüchtet habe? Als diese Schwester mit der Krähenstimme die Bühne stürmte und androhte, auch noch zu singen?“

„Ja, Euer Hoheit, auch das ist mir nicht entgangen“, gab Benedict ruhig zurück. „Doch der Kronprinz scheint entschlossen, Allegra Jackson zu seiner Frau zu machen, und ich bezweifle sehr, dass er sich durch Sie davon abhalten lässt. Sollten Sie nicht lieber in den Ballsaal zurückkehren, ehe man Ihre Abwesenheit bemerkt?“

Doch Hassan hörte gar nicht zu, zumindest nicht seinem Referenten. Mit erhobener Hand gebot er Stille und neigte lauschend den Kopf. Sein Körper war angespannt wie eine Stahlfeder. Hatte er nicht etwas gehört? Oder vielmehr jemanden? Oder hatten ihn die vergangenen harten Monate im Kampfgetümmel so misstrauisch werden lassen, dass er überall Gefahr witterte?

Dabei hätte er schwören können, der Raum wäre leer gewesen, als er sich hierher geflüchtet hatte. „Haben Sie nicht auch etwas gehört, Benedict?“, fragte er scharf und spürte ein vertrautes Prickeln auf der Haut.

„Nein, Euer Hoheit. Mir ist nichts Ungewöhnliches aufgefallen.“

Hassan zögerte einen Augenblick, dann nickte er und fühlte seine Anspannung nachlassen. Dieser Abend mochte ihm als übelste Party aller Zeiten in Erinnerung bleiben, aber wenigstens schien der Sicherheitsdienst im Palast zu funktionieren.

„Also auf! Kehren wir zu dieser Farce einer Verlobungsfeier zurück“, sagte er zynisch. „Vielleicht begegnet mir ja noch ein weibliches Wesen, das ausreichend attraktiv ist, um es auf die Tanzfläche zu schleppen.“ Er lachte hart auf. „Am besten eine Frau, die das genaue Gegenteil von Allegra Jackson und ihrem vulgären Familienklan verkörpert!“

Damit verließen die beiden Männer das dämmrige Foyer, während Ella Jackson in ihrem Versteck hinter einer antiken Holztruhe vor Wut am liebsten laut aufgekreischt hätte.

Wie konnte er es wagen?

Sekundenlang hielt sie den Atem an, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich allein war, bevor sie schnaubend aus ihrer Ecke kroch. Dabei stieß sie einen unterdrückten Laut aus, weil sich die aufgestickten Perlen ihres Kleids schmerzhaft ins weiche Fleisch ihrer nackten Arme drückten. Ella reckte die steifen Glieder und atmete tief durch, da sie zwischendurch immer wieder die Luft hatte anhalten müssen, um sich nicht zu verraten. Als dieser arrogante Typ glaubte, etwas gehört zu haben, befürchtete sie schon das Schlimmste und war noch nachträglich froh darüber, nicht entdeckt worden zu sein.

Was fiel diesem Menschen ein, nicht nur ihre Schwestern Allegra und Izzy, sondern ihre gesamte Familie aufs Übelste zu beleidigen?

Der andere Mann hatte ihn mit Euer Hoheit angesprochen. Und trotz seiner krassen Ausdrucksweise klang der Kerl ziemlich hochgestochen. Dazu diese dunkle Stimme mit dem leichten Akzent und der dominante, stolze Unterton.

Ob er dieser sagenumwobene Scheich war, um den alle so einen Aufstand machten? Der älteste Freund des zukünftigen Bräutigams, dessen Erscheinen jedermann entgegengefiebert hatte, als handle es sich um einen berühmten Hollywoodstar?

Egal, Manieren besaß er jedenfalls keine!

Gereizt strich Ella sich mit einer heftigen Geste die rotbraune Lockenflut aus dem erhitzten Gesicht. Eigentlich müsste sie ihre derangierte Frisur auffrischen, ehe sie sich wieder in die Verlobungsparty ihrer Schwester Allegra mit dem Kronprinzen von Santina stürzte. Dabei hätte sie liebend gern auf einen Monatslohn verzichtet, um nicht wieder in den Ballsaal zurückkehren zu müssen.

Was für eine Ironie, dass sie aus dem gleichen Grund geflüchtet war wie dieser unangenehme Scheich! Sobald Izzy die Bühne enterte, würde sie sich am liebsten in ein Mauseloch verkriechen! Dabei liebte sie ihre Schwester wirklich aufrichtig, wenn die sich nur nicht ständig zur Närrin machen würde. Wie konnte man nur darauf kommen, vor allen Leuten zu singen, obwohl man absolut talentfrei auf diesem Gebiet war?

Nachdem Ella sich in den Vorraum gerettet hatte, hatte sie sich beim Klang der Schritte instinktiv hinter einer riesigen, geschnitzten Truhe versteckt. Dann wurde die Tür geschlossen, sie war auf ihrem unfreiwilligen Lauschposten gefangen und musste hilflos mit anhören, wie dieser unangenehme Mensch ihre Familie in den Dreck zog.

Das Schlimmste daran war, dass er eigentlich nur die Wahrheit gesagt hatte.

Die Liste der Frauen ihres Vaters war tatsächlich ellenlang, wobei er wenigstens zwei von ihnen geheiratet hatte, die eine sogar gleich doppelt! Dazu kamen noch etliche Geliebte, von denen glücklicherweise nicht alle in den Schlagzeilen der Presse auftauchten.

Die hoffnungslose Liebe zu einem Mann, der einfach nicht treu sein konnte, hatte auch das Leben ihrer eigenen Mutter ruiniert. Ihre ebenso liebenswerte wie naive Mutter, aus deren blauäugiger Sicht der umtriebige Gatte ohne Fehl und Tadel war. Darum war sie auch gleich zweimal auf ihn reingefallen und ließ sich immer noch wie der letzte Dreck behandeln!

Ihre Eltern gaben das beste Beispiel einer Beziehung ab, wie Ella sie niemals eingehen würde. Kein Mann auf der Welt sollte sie jemals derart schlecht behandeln.

Mit finsterer Miene schaute sie sich nach einem Spiegel um und fischte einen breitzinkigen Kamm aus dem Abendtäschchen. Mit dem praktischen Utensil hatte sie wenigstens den Hauch einer Chance, etwas Form in die widerspenstige Lockenfülle zu bringen. Ob sie mehr Licht machen konnte?

Warum nicht? gab sie sich gleich selbst die Antwort. Dieser penetrante Scheich kommt bestimmt nicht zurück. Wahrscheinlich tanzt er längst mit einer ‚ausreichend attraktiven‘ Dame der höheren Gesellschaft. Armes Ding! dachte sie in einer Mischung aus Sympathie und Schadenfreude. Bei seinem Riesenego dürfte für sie gar kein Platz mehr auf der Tanzfläche sein!

Entschlossen machte sie Licht und betrachtete sich kritisch in dem raumhohen Barockspiegel. Ihr silbern schimmerndes Cocktailkleid mochte eine Spur zu kurz sein, dafür aber ausgesprochen stylish, was angesichts ihres Jobs extrem wichtig war. Zumal ihre extravaganten Klienten großen Wert darauf legten, dass sie deren Marktwert widerspiegelte, anstatt sich dezent im Hintergrund zu halten. Als Event-Planerin für die neureiche Fraktion der oberen Zehntausend blieb Ella der Tradition ihrer Familie treu, für eine Schicht zu arbeiten, die zwar stinkreich, aber gesellschaftlich nicht akzeptiert war.

Die Grundregeln für ihr Business verinnerlichte sie sehr schnell, was sie neben der raschen Auffassungsgabe ihrem ausgeprägten Überlebensinstinkt verdankte, den Ella wegen der ständigen Skandale um ihre Familie schon sehr früh entwickelt hatte. Wenn zum Beispiel ein glamouröses Supermodel in einer mit Brillanten bestickten Prachtrobe vor den Altar trat, erwartete sie von der Frau, die dieses Spektakel inszenierte, einen ähnlich prächtigen Auftritt.

Also tat Ella ihr Bestes, um der Braut in nichts nachzustehen. Dabei kreierte sie gleichzeitig einen ganz eigenen Stil, der sich ebenso dezent wie wohltuend von dem ihrer häufig zu Prunk neigenden Kundschaft abhob. Das auffällige Scharlachrot, mit dem sie ihren großzügigen Mund betonte, war bereits zu einer Art Markenzeichen geworden. Dazu trug sie stets die neuesten Designermodelle und war längst daran gewöhnt, dass man sich nach ihr umdrehte.

Doch all das war nicht mehr als eine gut durchdachte und geplante Show.

Die wahre Ella hielt sich hinter der glanzvollen Fassade verborgen, wo sie niemand finden und verletzen konnte. Bei sich zu Hause durfte sie die Person sein, über die ihre Familie von jeher Witze gerissen hatte: das arme Aschenbrödel, ohne eine Spur Make-up im Gesicht, in alten Jeans und schlichtem T-Shirt, und häufig genug mit Gartenerde unter den Fingernägeln.

Und gerade jetzt wünschte sie sich sehnlichst in genau diesen Zustand zurück, anstatt noch länger auf der anstrengendsten Party ihres Lebens ausharren zu müssen!

Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass ein Mitglied ihrer Familie in eines der ältesten Königshäuser Europas einheiraten würde. Diese schockierende Tatsache hatte dazu geführt, dass plötzlich überall öffentlich die Messer gewetzt wurden. Eben erst hatte sie gehört, für wie berechnend und unter seiner Würde dieser arrogante Scheich ihre gesamte Familie hielt.

Und dann die hinterhältigen Paparazzi, die sie auf Schritt und Tritt beobachteten, nur um später schadenfroh zu demonstrieren, wie schlecht der Jackson-Klan in die elitäre Welt der Aristokratie passte.

Sie würde es ihnen schon zeigen. Ihnen allen! Die hämischen und degradierenden Kommentare konnten ihr nichts anhaben, weil sie es einfach nicht zuließ. Anstatt den ganzen Tag auf der faulen Haut zu liegen und Champagner zu schlürfen, wie man es von einer Jackson vermutete, hatte sie schon immer sehr hart für ihren Lebensunterhalt gearbeitet. Zumal ihr Nachname sich zugegebenermaßen oftmals als Stolperstein erwies. Trotzdem war sie nicht bereit, sich demütigen zu lassen.

Energisch zog sie den Kamm durch die kastanienroten Locken, überprüfte ihr Gesicht auf Mascaraspuren und frischte den scharlachroten Lippenstift auf. Als sie kampflustig das feste Kinn anhob, funkelten die langen Ohrringe, und selbst der Lidschatten, mit dem sie die strahlend blauen Augen betonte, glitzerte im Schein der pompösen Kristalllüster.

Fertig war die schimmernde Rüstung, und Ella war bereit, der geifernden Meute entgegenzutreten! Die Tanzmusik und das Geplauder der Partygäste wurden mit jedem Schritt lauter, den sie in ihren nagelneuen Schuhen zurücklegte. Es war schon eine ziemliche Herausforderung, sich überhaupt in den mörderischen schwarzen High Heels mit den silbernen Bleistiftabsätzen zu bewegen. Dafür betonte der Traum wagemutiger Modejunkies und Albtraum jedes Orthopäden ihre langen, schlanken Beine aufs Vorteilhafteste.

Als Ella den Ballsaal betrat, galt ihr erster Blick der überfüllten Tanzfläche. Vertreter der Aristokratie mischten sich munter mit Hollywoodberühmtheiten und ehemaligen Fußballgrößen, von denen die meisten sich allerdings an der Bar um ihren Vater scharten.

Bitte lass ihn sich nicht betrinken! sandte Ella ein stummes Stoßgebet gen Himmel und musterte bedrückt ihre Mutter, die mit gezwungenem Lächeln auf den Lippen etwas abseits stand und ihren unberechenbaren Gatten keine Sekunde aus den Augen ließ. Was bedeutete, dass sie Angst hatte, er könnte sich tatsächlich ein Glas zu viel genehmigen oder ein weibliches Wesen im Alter seiner Töchter anbaggern.

Ella seufzte leise.

Andere Mitglieder ihrer unkonventionellen Familie feierten Allegras Verlobung mit Enthusiasmus. Izzy schwang ihre Hüften beim Tanzen auf eine Weise, bei der Ella sich schaudernd abwandte. Dabei fiel ihr Blick auf einen Mann, dessen exotisches Aussehen ihn aus der Masse der anderen Tänzer herausstechen ließ.

Unglaublich, wie er in einem Saal voller Kristalllüster und Kerzen den Glamourfaktor noch lässig anhob und gleichzeitig seltsam deplatziert zwischen den anderen Gästen wirkte. Es lag nicht einmal daran, dass er größer war als jeder andere Mann im Ballsaal, oder sein athletischer Körper an eine antike Statue erinnerte. Es war dieser … Hunger in seinen Augen. Ein Hunger, der fast an Gier grenzte, als hätte er seit Monaten nichts Essbares zu sich genommen. Ella musterte das harte, markante Gesicht. Ein grausames Gesicht! dachte sie fröstelnd. Die schwarzen Augen wirkten völlig emotionslos. Um den gut geschnittenen Mund spielte ein zynisches Lächeln, während er seiner blonden Tanzpartnerin lauschte, die ohne Punkt und Komma auf ihn einzureden schien.

Ellas Herz setzte einen Schlag aus. Er war es! Der Mann im Foyer des Ballsaals, der sich so herablassend über ihre Familie ausgelassen hatte. Der Mann, den sie seitdem innerlich verwünschte und als unerträglich arrogant abgestempelt hatte … und von dem sie den Blick einfach nicht abwenden konnte.

Seine olivfarbene Haut schimmerte, als wäre sie aus einem kostbaren, seltenen Metall anstatt aus Fleisch und Blut. Als eine hübsche Brünette an ihm vorbeitanzte, schaute er ihr wie selbstverständlich ins tief ausgeschnittene Dekolleté, während seine Mundwinkel noch weiter herunterwanderten. Er war auf jeden Fall eine brisante Mischung aus Sex und Gefahr, vor der jede kluge und verantwortungsvolle Mutter ihre Tochter warnen würde.

Ella spürte ein Ziehen im Magen und musste sich frustriert eingestehen, dass irgendetwas tief in ihrem Innern auf ihn reagierte. Auf einer instinktgesteuerten Ebene, als hätte sie endlich etwas gefunden, von dem ihr nicht bewusst gewesen war, dass sie es überhaupt gesucht hatte.

Er hob den Kopf, und sie sah, wie er verharrte. Seine Augen verdunkelten sich, während er den Blick durch den Ballsaal schweifen ließ, bis sie in seinen Fokus geriet. Er ist ein Jäger, dachte Ella und fühlte sich auf der Stelle festgebannt wie ein Reh im blendenden Scheinwerferkegel. Sie spürte, wie sie errötete.

Ob er gemerkt hatte, dass sie ihn anstarrte?

Sieh doch wenigstens jetzt weg! versuchte sie sich zu zwingen, doch sie schaffte es einfach nicht. Es war, als stünde sie unter einem mächtigen Bann.

Quer über den Ballsaal hinweg sah sie, wie er angesichts ihres intensiven Blickkontakts amüsiert die Augen zusammenkniff, während die dunklen Brauen in stummer Frage mokant nach oben wanderten. Und als Ella sich immer noch nicht rührte, neigte er den Kopf und flüsterte der Blondine etwas ins Ohr. Die Frau drehte sich kurz zu ihr um und sagte dann irgendetwas zu dem Mann, worauf dieser sich langsam, aber zielstrebig in Ellas Richtung bewegte.

Renn! versuchte Ella sich selbst zu motivieren, konnte sich aber immer noch nicht von der Stelle bewegen. Jetzt war er fast bei ihr. Seine körperliche Präsenz war so überwältigend, dass ihr der Atem stockte. Alle anderen Menschen schienen nicht länger zu existieren. Und der Mann vor ihr heftete seinen Blick genauso schamlos und direkt auf ihr Dekolleté, wie er es bei der vollbusigen Brünetten getan hatte.

„Sind wir uns schon begegnet?“, fragte er gedehnt.

Ella hätte die tiefe Stimme nicht hören müssen, um ihren Verdacht bestätigt zu bekommen, dass dies der Mann war, der ihre Familie beleidigt hatte. Dass er unerträglich arrogant war, wusste sie längst, doch mit seinem überwältigenden Charisma hatte sie nicht gerechnet. Oder damit, dass er sie derart aus der Fassung bringen würde. Sie musste sich zusammenreißen. Auf keinen Fall durfte sie die Regie ihrem verräterischen Körper überlassen, der plötzlich ein Eigenleben zu führen schien. Deshalb rief sie sich seine dreisten Beleidigungen ins Gedächtnis zurück.

„Bis jetzt nicht“, erwiderte sie kühl und hoffte überzeugend zu klingen.

Neugierig verfolgte Hassan das wechselnde Mienenspiel auf dem madonnengleichen Gesicht. Eben noch hatte sie ihn angestarrt, als wollte sie ihm die Kleider mit den Zähnen vom Leib reißen – eine Reaktion, die er durchaus bei Frauen erlebte. Außerdem war die Fremde hübsch genug, um dieser erotischen Fantasie einen Gedanken zu gönnen. Doch jetzt standen in den klaren blauen Augen Wachsamkeit und … eindeutig Missbilligung. Und das war nun wirklich ein Novum.

„Und da sind Sie sich ganz sicher?“

Abgesehen von dem sexy Akzent sprach er ein ausgezeichnetes Englisch. Der dunkle raue Ton strich wie ein Windhauch über ihre Haut. Wie mochte es sich erst anfühlen, wenn er ihr mit dieser Stimme süße Nichtigkeiten ins Ohr raunen würde?

„Absolut“, gab sie brüsk zurück.

„Und trotzdem starren Sie mich an, als würden Sie mich kennen.“

„Sind Sie es denn nicht gewohnt, von Frauen angestarrt zu werden?“

„Ist mir noch nie zuvor passiert“, behauptete Hassan lässig und fragte sich, warum die fremde Schöne sich ihm gegenüber so spröde und feindselig gab. Er schaute auf ihre vollen scharlachroten Lippen, sah, wie die Mundwinkel sich leicht senkten, und spürte unsinnigerweise heißes Begehren in sich aufflammen.

„Wie heißen Sie?“

Ella wünschte, ihr Herz würde nicht so heftig schlagen, und schon gar nicht wegen eines Mannes, der ihre Familie derart diffamiert hatte wie dieser dunkle Adonis. „Mein Name ist … Cinderella.“

Hassan lächelte. „Tatsächlich?“ Sie wollte also mit ihm spielen. Was für reizvolle Aussichten an einem derart verpfuschten Abend. Prickelnden Flirts war er noch nie abgeneigt gewesen. Ganz besonders nicht, wenn es sich bei seinem Gegenüber um einen rassigen Rotschopf im silbernen Outfit handelte, das die heißen Kurven eher betonte als verbarg.

Die einzigen Frauen, die er als Kind gesehen hatte, waren weibliche Bedienstete gewesen, und sie waren ihm stets als eine Art Neutrum erschienen. Später, als Erwachsener, musste er feststellen, dass Frauen gemeinhin in die Kategorie Raubtiere gehörten und nahezu alle bereit waren, das Bett mit ihm zu teilen.

Nun stand ein besonders reizvolles, schillerndes Exemplar dieser Spezies vor ihm, stellte Hassan mit einer gewissen Vorfreude fest. „Und genau in diesem Augenblick wird dein Märchen wahr, Cinderella“, sagte er lächelnd, „denn, wie es aussieht, hast du deinen Prinzen gefunden.“

Das war die schmalzigste Anmache, die Ella je gehört hatte, aber seltsamerweise funktionierte sie, wie sie frustriert zugeben musste. Seit wann falle ich auf derart platte Flirtversuche rein? fragte sie sich wütend.

Hatte sie nicht am eindringlichen Negativbeispiel ihres Vaters schon früh gelernt, dass Männer ihr Leben hauptsächlich damit zubrachten, Frauen zu belügen? Und hatte sie sich nicht geschworen, niemals eines dieser bedauernswerten Geschöpfe zu werden, die sich durch hohle Komplimente beeindrucken und verführen ließen, bis sie schließlich mit gebrochenem Herzen zurückblieben?

Ella straffte die Schultern und schob ihr Kinn unmerklich vor. Noch nachträglich war sie froh über ihre geradezu mörderischen High Heels. „Ach, Sie sind also ein echter Prinz?“

„In der Tat“, bestätigte Hassan und versuchte das leichte Unbehagen abzuschütteln, das ihn plötzlich überfiel. So sehr er es hasste, wenn man ihn nur nach seiner Herkunft und seinem Stand beurteilte, so irritierend empfand er es auf der anderen Seite, überhaupt nicht erkannt zu werden. Natürlich erwartete er nicht gerade einen Hofknicks von Cinderella, aber ein wenig mehr Ehrerbietung ihm gegenüber könnte sie schon zeigen.

„Mein Name ist Hassan. Genau genommen bin ich ein Scheich … oder Wüstenprinz, wenn Sie so wollen“, erklärte er stolz.

„Wow!“

Lag da etwa ein Hauch von Sarkasmus in ihrer Stimme? Normalerweise zeigten sich die Menschen immer beeindruckt von seinem Titel, und seiner Erfahrung nach rangierte der Scheich auf Platz eins in den Sexfantasien westlicher Frauen.

Cinderellas indifferente Haltung brachte sein Blut allerdings zum Sieden. Und dann dieser abschätzende Blick aus den mandelförmigen blauen Augen, die an eine Siamkatze erinnerten – spröde, geheimnisvoll, unberechenbar.

„Und nun sollten wir eigentlich zusammen tanzen“, entschied Hassan mit einem skeptischen Blick auf die hohen Stilettos. „Bevor es noch Mitternacht schlägt, und mir nichts bleibt als einer dieser sexy Schuhe …“

Ellas Herz schlug wie verrückt. Natürlich wusste sie, dass ihre Schuhe sexy waren. Niemand trug High Heels dieser Kategorie, weil sie bequem waren! Trotzdem traf es sie wie ein Schock, ihn das sagen zu hören. Es lag so etwas Unverblümtes, fast Anrüchiges in seinem Ton, wodurch sie sich unbehaglich und nahezu beleidigt fühlte. Als wenn er sie in eine Kategorie von Frauen einordnete, in die sie absolut nicht gehörte.

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