Logo weiterlesen.de
Cinderella in Texas

image

1. KAPITEL

Jake Braddock stand in der Küche und kochte Kaffee, um seinen Kater vom Wochenende zu vertreiben, als das Telefon klingelte.

Am anderen Ende der Leitung war eine Krankenschwester, die ihm vom Tod seiner Stiefmutter berichtete.

„Wie meinen Sie das, verstorben?“, fragte Jake verblüfft. Desiree war schließlich noch keine 40 Jahre alt! „Was ist passiert?“

„Die offizielle Todesursache ist Lungenentzündung, aber die wurde durch ihren Krebs verursacht.“

Krebs?

Jake sank auf den schwarz gepolsterten Chromstahl-Barhocker, der am nächsten beim Wandtelefon stand, und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Er verfluchte das Pochen in seinem Kopf, das ihn daran hinderte, einen klaren Gedanken zu fassen.

„Ich hatte keine Ahnung, dass sie krank war“, murmelte er. Auf jeden Fall nicht so krank.

Als er Desiree vor einer Woche zum letzten Mal gesehen hatte, waren ihm schwarze Ringe unter ihren Augen und ihr blasser Teint aufgefallen. Doch als er ihr vorgeschlagen hatte, sie solle zum Arzt gehen, hatte sie abgewinkt.

„Ich … ähm … wir standen uns nicht sehr nahe“, stotterte er.

„Trotzdem mein herzliches Beileid“, entgegnete die Krankenschwester. „Mrs. Braddock hat alle erforderlichen Vorbereitungen getroffen. Sie brauchen also nichts zu unternehmen. Ich muss nur laut Krankenhausvorschriften die nächsten Angehörigen informieren.“

„Das wäre dann ohnehin nur ich.“

„Und eine Chloe Haskell aus San Diego.“

Jake runzelte die Stirn. „Wer in aller Welt ist Chloe Haskell?“

„Ich weiß nicht, Sir. Aber Mrs. Braddock hat sie in unseren Unterlagen als nahe Verwandte angegeben.“

„Und was ist mit ihrer Tochter?“

„Ist das Miss Haskell?“

„Nein, auf keinen Fall.“ Oder vielleicht doch? Wer konnte schon wissen, ob Desiree nicht vielleicht noch ein Kind hatte? Ein älteres, erwachsenes, so wie er. Er wusste so wenig über seine Stiefmutter – eigentlich nur, dass sie vor ihrer Heirat mit seinem Vater als Stripperin gearbeitet hatte.

Und nun musste er plötzlich seiner fünf Jahre alten Halbschwester Brianna erklären, dass ihre Mutter gestorben war. Allerdings musste er sie dazu erst finden. Desiree war nämlich in den vergangenen Monaten ständig zwischen Dallas und San Diego gependelt und vergangene Woche überraschend ohne ihre Tochter nach Dallas zurückgekehrt.

Eigentlich hätten schon zu diesem Zeitpunkt bei ihm alle Alarmglocken schrillen müssen. Obwohl Jake nicht viel von Desiree hielt und kaum einmal einer Meinung mit ihr war, überzeugten ihn ihre Qualitäten als Mutter. Zumindest, bevor sie Brianna in San Diego zurückgelassen hatte. Auf seine Frage nach dem Grund hatte sie nur ausweichend geantwortet: „Brianna wohnt bei einer guten Freundin. Ich bin sicher, dass sie glücklich und in den besten Händen ist.“

Zwar kannte Jake keine von Desirees Freundinnen, doch er hatte den Verdacht, dass sie alle in dem Stripclub arbeiteten, den Desiree zuletzt geführt hatte. Kein Wunder, dass ihm bei dieser Auskunft nicht wohl gewesen war.

Vielleicht war Brianna ja bei Chloe – wer auch immer das war.

„Sonst steht niemand mehr auf meiner Liste“, erklärte die Krankenschwester. „Nur Sie und Miss Haskell, die ich bereits angerufen habe.“

Das Krankenhaus hatte ihn nicht als Ersten von Desirees Tod verständigt? Auf Jakes Stirn bildete sich eine steile Falte, und er fluchte.

„Es tut mir leid“, sagte die Krankenschwester. „Soll ich noch jemanden für Sie anrufen? Die Trauerhilfe vielleicht?“

„Nein, nein, danke. Es ist nur …“ Ein Schock, hatte er sagen wollen, doch er brach ab. Desiree war seine Stiefmutter gewesen und hatte in seiner Nähe gewohnt. Ihr Tod und die Tatsache, dass sie an Krebs erkrankt war, hätten keine Überraschung für ihn sein dürfen. Warum hatte sie ihn nur nicht ins Vertrauen gezogen?

Aber dass seine Wünsche ignoriert wurden, war ja an der Tagesordnung, seit sein Vater, damals 60-jährig, Desiree auf einem Kreuzfahrtschiff kennen und lieben gelernt hatte.

Obwohl Gerald Braddock sein ganzes Leben lang mehr als konservativ gewesen war, hatte er sich Hals über Kopf in die ehemalige Stripperin verliebt, die mit ihren 28 Jahren eher seine Tochter als seine Frau hätte sein können.

Die Midlife-Crisis seines alten Herrn, die daraufhin eingesetzt hatte, hatte selbst Jakes kühnste Befürchtungen noch übertroffen: Binnen weniger Monate hatten Gerald und Desiree geheiratet und bald darauf ein gemeinsames Kind bekommen.

Gut, Jake musste zugeben, dass sein alter Herr in den vergangenen sechs Jahren glücklicher gewesen war als je zuvor, aber das lag wahrscheinlich an der kleinen Brianna.

Als Einzelkind hatte sich Jake eigentlich immer ein Geschwisterchen gewünscht, doch im Alter von 28 Jahren Bruder zu werden, war ihm reichlich spät erschienen. Trotzdem hatte Brianna sein Herz im Sturm erobert, und er hätte sie um nichts in der Welt mehr hergeben wollen.

Leider sah er sie nicht so oft, wie er es sich eigentlich wünschte. Einerseits hielt ihn seine Arbeit davon ab, mehr Zeit mit ihr zu verbringen, andererseits versuchte er, Desiree aus dem Weg zu gehen, wann immer es möglich war.

Einige Male hatte ihn Desiree darauf angesprochen und ihm zu verstehen gegeben, dass sie sich einen engeren Kontakt wünschte, doch er war nicht darauf eingestiegen. Jake schaffte es einfach nicht, Desiree als echtes Familienmitglied anzuerkennen.

„Noch einmal mein herzliches Beileid“, sagte die Krankenschwester, bevor sie auflegte.

Obwohl die Verbindung schon seit einiger Zeit unterbrochen war, klammerte sich Jake immer noch an den Hörer, als könnte der ihm Halt geben. Erst die Heirat, dann der unerwartete Tod seines Vaters und nun das!

Er hatte Desiree nie gemocht. Aber wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er ihr auch keine echte Chance gegeben hatte. Obwohl sein Vater ihn mehr als einmal darum gebeten hatte. Doch wie sollte er auch, wo es doch sonnenklar war, dass Desiree seinen alten Herrn nur wegen seines Vermögens geheiratet hatte.

Das hatte sich spätestens gezeigt, als Desiree nur einen Tag nach Gerald Braddocks Beerdigung zum Notar gegangen war, um Änderungen an ihrem Treuhand-Fonds vornehmen zu lassen.

Jakes Unbehagen hatte nichts mit Neid zu tun. Er hatte eigene geschäftliche Erfolge vorzuweisen. Abgesehen davon hielt er 51 Prozent der Aktien an Braddock Enterprises, der erfolgreichen Erdöl-Firma seines Vaters. Auch wenn er es ungern an die große Glocke hängte: Der Wert jeder einzelnen Aktie hatte sich beinahe verdoppelt, seit er das Unternehmen leitete.

Ihm ging es also bestimmt nicht ums Geld. Es störte ihn nur einfach, dass sein Vater von einer Frau über den Tisch gezogen worden war, die noch dazu einer viel niedrigeren sozialen Schicht angehörte. Einer Frau, die ihn dazu gebracht hatte, mehr Zeit auf der abgelegenen Ranch und weniger in seinem Stadthaus in der Nähe des Büros zu verbringen.

Aber Desiree hatte sich ja nie auch nur bemüht, in die High Society von Dallas aufgenommen zu werden. Kein Wunder also, dass es seinen Vater vermehrt auf die Ranch gezogen hatte, wo er mit seinen über 60 Jahren begonnen hatte, Cowboy zu spielen.

Und Vater, erinnerte Jake eine Stimme in seinem Hinterkopf. Wobei Gerald Braddock bei seiner zweiten Vaterschaft eine wesentlich bessere Figur gemacht hatte als bei seiner ersten …

Bei diesem Gedanken fiel Jake sofort wieder Brianna ein, die kleine Waise, für die er nun von einem Tag auf den anderen die Vaterrolle übernehmen würde.

Doch dazu musste er sie erst einmal finden!

Er konnte einen Privatdetektiv anheuern, aber vielleicht reichte auch schon ein Anruf bei Desirees Notar. Jake zog das Telefonbuch aus einer Schublade und blätterte, bis er den Eintrag von Dr. Brian Willoughby fand.

Dessen Sekretärin hob nach dem ersten Klingeln ab und schickte Jake geradewegs weiter in die Warteschleife, nachdem er ihr den Grund für seinen Anruf erklärt hatte.

Sekunden später meldete sich Dr. Willoughby. „Guten Tag, Mr. Braddock. Ich habe Ihren Anruf schon erwartet.“

Anscheinend hatte die ganze Welt gewusst, dass Desiree unheilbar krank gewesen war. Nur er nicht. Jake ärgerte sich. Dagegen war der Kater, mit dem er heute Morgen aufgestanden war, ja noch angenehm gewesen.

„Mein herzliches Beileid zum Tod von Desiree“, sprach Dr. Willoughby weiter.

Der Notar wusste bereits von Desirees Tod? Das Pochen in Jakes Kopf wurde stärker. „Woher wissen Sie, dass Desiree gestorben ist?“

„Miss Haskell hat mich vor ein paar Minuten bereits angerufen.“

Am liebsten hätte Jake den Telefonhörer in eine Ecke geworfen. Wer zum Teufel war diese Frau?

„Glücklicherweise hat Desiree alle rechtlichen Aspekte vor ihrem Tod geregelt“, informierte ihn der Notar.

„Das überrascht mich nicht“, antwortete Jake trocken. Schließlich hatte sie sich schon für das Vermögen seines Vaters interessiert, seit sie ihm auf diesem Kreuzfahrtschiff über den Weg gelaufen war.

„Desiree war eine mutige Frau“, lobte sie Willoughby. „Und so stark. Ich habe sie wirklich sehr geschätzt.“

„Da Sie anscheinend so gut Bescheid wissen, können Sie mir vielleicht auch sagen, wo ich meine Schwester finde?“, fragte Jake ironisch.

„Bei Miss Haskell in San Diego. Soweit ich von ihr gehört habe, geht es Brianna den Umständen entsprechend gut.“

„Wenn Sie mir bitte die Adresse geben würden, dann nehme ich den nächsten Flug, um sie abzuholen.“

„Das wird nicht nötig sein.“

Jake schnaubte vor Wut. „Wie bitte?“

„Desiree hat Miss Haskell das einstweilige Sorgerecht für Brianna übertragen, bis das Testament verlesen ist. Danach sollen Sie beide das gemeinsame Sorgerecht erhalten. Allerdings gibt es da einige Klauseln und Aspekte des Testaments, die ich im Vorfeld mit Ihnen beiden erörtern möchte. Würde Ihnen dazu Freitagvormittag passen? Früher habe ich keinen Termin mehr frei. Wenn Freitag nicht geht, müssen wir unser Treffen auf nächste Woche verschieben.“

„Ich möchte das ungern länger aufschieben als unbedingt erforderlich.“ Jake griff bereits nach seinem Blackberry, um seinen Anwalt anzurufen. Er fragte sich, ob er Dr. Willoughby falsch verstanden hatte.

Desiree konnte doch unmöglich erwartet haben, dass sich zwei völlig Fremde aus verschiedenen Bundesstaaten das Sorgerecht für ein Kind teilten, das bald in den Kindergarten kommen sollte. Wahrscheinlich hatte sich der Krebs nicht nur auf ihre körperliche, sondern auch auf ihre geistige Gesundheit ausgewirkt.

Er würde ein ganzes Heer von Anwälten mobilisieren, um dieses Testament für null und nichtig zu erklären. Und er hatte keinerlei Zweifel, dass er damit Erfolg haben würde.

Jake hatte kein Problem damit, sein Erbe mit seiner Halbschwester Brianna zu teilen, aber dass da auch noch eine völlig Unbekannte mitmischen sollte, kam auf keinen Fall in Frage. Schon gar nicht, wenn es sich dabei um eine Freundin von Desiree handelte.

„Haben Sie eine Adresse und eine Telefonnummer von dieser Frau?“, erkundigte sich Jake, so höflich er konnte.

„Sie meinen Miss Haskell?“

„Ja.“ Jake schnappte sich einen Kugelschreiber und kritzelte ‚146 Tahiti Circle, Bayside, Kalifornien‘ an den Rand des Telefonbuchs. „Ich dachte, Brianna ist in San Diego?“

„Soweit ich weiß, ist Bayside ein Vorort von San Diego.“

Als Willoughby ihm auch noch die Telefonnummer diktierte, schrieb er sie ebenfalls auf, obwohl er keineswegs die Absicht hatte, diese Chloe Haskell anzurufen.

Er würde sofort nach Kalifornien fliegen, um Brianna abzuholen. Seine Schwester hatte letztes Jahr ihren Vater verloren und heute ihre Mutter. Sie brauchte ihre Familie um sich, jemanden, der sie liebte.

Und das war nun einmal Jake, ihr großer Bruder.

Chloe Haskell war zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder im Park und fragte sich, warum sie nicht früher hierhergekommen war.

Es fühlte sich toll an, wieder einmal zu schaukeln und sich das Haar vom Wind zerzausen zu lassen. Bestimmt gab es Leute, die es für kindisch hielten, wenn sich eine erwachsene Frau auf einem Spielplatz vergnügte, doch das war ihr vollkommen egal.

Außerdem tat sie es nicht zuletzt für Brianna. Und für die Frau, die eigentlich an ihrer Stelle neben dem Kind hätte schaukeln sollen.

„Komm, lass uns bis in den Himmel schaukeln!“, rief Brianna.

Nichts lieber als das, wenn es nur möglich wäre.

Desiree war eine liebevolle, engagierte Mutter gewesen. Brianna musste sie schrecklich vermissen.

Und Chloe ging es genauso. Sie und Desiree waren wie Schwestern gewesen, auch wenn sie einander nicht so oft gesehen hatten, wie sie es sich gewünscht hätten.

Rückblickend bereute sie, dass sie sich nicht öfter die Zeit genommen hatte, zu Desiree nach Dallas zu fahren. Aber zu ihrer Verteidigung war zu sagen, dass sie erst am College studiert und danach ihr eigenes Unternehmen gegründet hatte. Deshalb hatte der Kontakt zwischen ihr und Desiree in den vergangenen Jahren hauptsächlich in Form langer Telefongespräche und E-Mails stattgefunden.

Es gab nicht viel, über das sie in den vergangenen sechs Jahren nicht gesprochen hatten. Als Chloe beschlossen hatte, ein leer stehendes, heruntergekommenes Geschäftslokal zu mieten und dort eine Tanzschule einzurichten, hatte sie sich bei Desiree Rat geholt.

Im Gegenzug hatte ihr Desiree von den Schwierigkeiten berichtet, die sie seit ihrer Heirat mit Gerald Braddock mit ihrem erwachsenen Stiefsohn hatte, der sich offenbar geschworen hatte, sie unter keinen Umständen als Familienmitglied zu akzeptieren.

Als Desiree endlich Mutter wurde und die Familie bekam, die sie sich immer gewünscht hatte, hatte sich Chloe aufrichtig für sie gefreut und Brianna regelmäßig kleine Geschenke geschickt.

Doch dann hatte sich Desirees Glück gewendet. Erst erlitt ihr Mann, den sie über alles liebte, einen schweren Herzanfall, an dessen Folgen er verstarb. Dann, einige Monate später, besuchte Desiree Chloe überraschend zusammen mit Brianna in San Diego.

Doch für Chloe, die sich auf das Wiedersehen mit der Freundin gefreut hatte, wurde es zum Schock, als Desiree in einer ruhigen Minute plötzlich sagte: „Ich muss dich um einen Gefallen bitten.“

„Sicher“, antwortete Chloe, ohne nachzudenken.

„Du musst dich um Brianna kümmern.“

„Selbstverständlich. Du weißt doch, dass ich jederzeit gerne babysitte.“

„Ich fürchte nur, es dauert etwas länger.“

Der Ton, in dem sie diesen Satz sagte, vermittelte Chloe alles, was sie wissen musste. Trotzdem sprach Desiree es mit Tränen in den Augen aus: „Mein Krebs ist zurückgekommen.“

Als Chloe noch auf die Highschool gegangen war, hatte Desiree an Lungenkrebs gelitten. Doch die Behandlung hatte recht gut angeschlagen. Anschließend hatte Chloes Vater, der zuerst Desirees Arbeitgeber und später ihr Geschäftspartner gewesen war, Desiree zur Erholung auf die Kreuzfahrt nach Alaska geschickt, auf der sie Gerald Braddock kennengelernt hatte.

„Und dieses Mal ist er tödlich“, hatte Desiree noch hinzugefügt.

Chloe war am Boden zerstört. Ihre erste Reaktion war gewesen: „Du musst eine zweite Meinung einholen.“

„In der Hoffnung auf eine andere Diagnose oder Behandlungsmöglichkeiten war ich schon bei drei Ärzten, doch alle glauben übereinstimmend, dass man nichts dagegen tun kann. Ich werde sterben, und das sehr bald.“

Chloe schüttelte fassungslos den Kopf, unfähig, die ganze Tragweite der Situation zu begreifen.

„Es ist wirklich eine Gemeinheit“, beschwerte sich Desiree. „Da habe ich mir mein Leben lang eine Familie gewünscht, und nun, da ich sie endlich habe, verliere ich sie binnen eines Jahres wieder. Ich werde nicht sehen dürfen, wie Brianna aufwächst. Aber wenn es einen Menschen auf der Welt gibt, der sie mit derselben Liebe und Zuneigung aufziehen kann, wie ich es getan hätte, dann bist du das.“

„Ich …“ Chloe wusste nicht, was sie antworten sollte. Desiree war nur 34 Jahre alt, zehn Jahre älter als Chloe. „Selbstverständlich nehme ich Brianna. Ich werde sie lieben und mich um mich kümmern wie um ein eigenes Kind. Aber gibt es denn wirklich nichts, was man tun kann? Vielleicht irgendeine neue, experimentelle Behandlung?“

Desiree schüttelte mutlos den Kopf. „Glaub mir, ich habe alles versucht. Es gibt keine Rettung.“

Und Desiree sollte recht behalten: Weniger als vier Wochen später starb sie.

Die Erinnerung an diesen Tag verblasste, als Brianna Chloe zurück in die Gegenwart holte.

„Schade, dass wir nicht bis in den Himmel schaukeln können. Dann könnten wir Mommy und Daddy ein paar von den Brownies bringen, die wir heute gebacken haben. Mommy liebt nämlich Schokolade.“

„Soweit ich weiß, gibt es im Himmel so viele Süßigkeiten, wie die Menschen dort wollen.“

Brianna schien den Tod ihrer Mutter unter den gegebenen Umständen recht gut zu verkraften. Desiree hatte sie auch den ganzen letzten Monat darauf vorbereitet. Und vor einer Woche hatten sich Mutter und Tochter tränenreich voneinander verabschiedet.

Auf diese letzten Tage mit ihrer Tochter zu verzichten, musste für Desiree ein ungeheures Opfer gewesen sein. Doch sie hatte nicht gewollt, dass Briannas Erinnerungen an sie von einem Krankenhaus-Umfeld geprägt wurden. Deshalb hatte sie Brianna schon vor einer Woche zu Chloe gebracht und war dann zum Sterben zurück nach Dallas geflogen.

Desiree war mit Brianna regelmäßig zu einem Kinderpsychologen in Dallas gegangen, und Chloe hatte vor, diese Termine weiter wahrzunehmen. Die Kleine schien das Beste aus der Situation zu machen, und dabei sollte es auch bleiben. Auf keinen Fall wollte Chloe, dass die Vergangenheit sie irgendwann einholen würde.

„Erzähl mir noch einmal, wie du meine Mommy kennengelernt hast“, bettelte Brianna.

In diesem Punkt war Chloe nicht ganz aufrichtig mit dem Kind gewesen. Sie hatte die Wahrheit ein wenig zurechtgebogen.

„Also: Mein Daddy besaß einen Tanzclub. Und deine Mutter war auf der Suche nach einem Job. Damals war ich ein kleines Mädchen, so wie du jetzt, und ich fand, sie war die beste Tänzerin, die ich je gesehen hatte.“

Wieso sollte sie Brianna erzählen, dass ihr Vater in Wirklichkeit ein Striplokal besessen hatte? Und dass Desiree an dem Tag, an dem sie dort aufgetaucht war, ein blaues Auge, ein geschwollenes Gesicht und blutige Lippen gehabt hatte.

„Und dann“, erzählte Brianna die Geschichte weiter, die sie schon mehrfach gehörte hatte, „als dein Daddy jemanden brauchte, um auf dich aufzupassen, war Mommy die beste Babysitterin auf der ganzen Welt.“

„Ganz genau, mein Schatz.“

Chloes Vater, Ron Haskell, war ein Spieler gewesen. Den heruntergekommenen Stripclub hatte er beim Pokern gewonnen. Als kleines Kind hatte Chloe gezwungenermaßen viel Zeit in dem Club verbracht, wo die Kellnerinnen und Stripperinnen auf sie aufgepasst hatten. Desiree, die Kinder liebte, kümmerte sich gern um Chloe, wann immer Ron sie darum bat. Bald entwickelte sich zwischen Desiree und Chloe eine enge Beziehung.

Desiree hatte in ihrer schlimmen Kindheit völlig ohne Rückhalt aus der Familie gelernt, das zu nutzen, was ihr zur Verfügung stand: ihre Schönheit, ihren Körper und ihr Einfühlungsvermögen in Bezug auf die Wünsche ihrer Kunden. Nur schade, dass ihr Gespür für Menschen sie meist verlassen hatte, wenn es um die Wahl des richtigen Partners gegangen war.

Meist realisierte sie erst viel zu spät, dass sie wieder einmal von einem Mann ausgenutzt worden war. Eigentlich hatte sie sich nur Liebe und eine Familie gewünscht, doch dieser Traum schien lange Jahre unerfüllbar. Im Gegensatz dazu war Desiree in anderen Bereichen sehr erfolgreich gewesen.

So wenig wie Ron ein Geschäftsmann war, so clever war Desiree in geschäftlichen Dingen. Nur dank ihrer Fähigkeiten und ihres Engagements begann der Club bald Gewinn abzuwerfen.

Außerdem brachte Desiree Ron dazu, in andere Unternehmen und Immobilien zu investieren, und verhinderte so, dass er seine Gewinne sofort wieder verspielte. Ihr allein hatte Ron Haskell es zu verdanken, dass er als reicher Mann starb.

„Und weil meine Mommy so hübsch und so schlau und so eine tolle Tänzerin war, schreibst du ein Buch über sie.“

„Nun ja“, wehrte Chloe ab. „Es ist nicht direkt ein Buch. Aber eine Sammlung von Erinnerungen an deine Mutter, die du bekommst, wenn du älter bist.“ Chloe hatte das Büchlein, an dem sie schrieb, Weisheiten von Desiree genannt. Die Arbeit daran half ihr, den Verlust ihrer besten Freundin zu verarbeiten.

„Und ich darf auch etwas hineinschreiben“, erinnerte sie Brianna. „Sobald ich zur Schule gehe und schreiben lerne!“

„Aber sicher.“

Eine Weile schaukelten sie schweigend weiter. Noch immer spielte der Wind mit Chloes Haar und blies ihr eine rötliche Strähne ins Gesicht.

Sie warf einen Seitenblick auf Brianna, die sie anlachte. „Du kannst richtig gut schaukeln, Chloe. Genau wie meine Mommy.“

„Deine Mommy war auch eine tolle Lehrerin.“

Brianna nickte zustimmend. Plötzlich schien sie am anderen Ende des Spielplatzes etwas Spannendes zu sehen. „Oh, ich glaube, ich muss aufhören. Kannst du mir herunterhelfen?“

„Okay.“ Chloe sprang mit Schwung von der Schaukel und landete stehend im Sand. Dann stellte sie sich hinter Briannas Schaukel und stoppte sie. „Was willst du jetzt machen? Oder sollen wir nach Hause gehen?“

„Nein, ich möchte mit Jenny und Penny spielen. Sie sind von der Wippe abgestiegen und klettern auf die Rutsche. Ich will auch rutschen!“ Die Kleine stieg ab und lief hinüber zu den anderen Mädchen.

Also Chloe in ihrem Alter gewesen war, hatte sie kaum Kontakt zu anderen Kindern gehabt und das schmerzlich vermisst. Umso mehr freute sie sich, wenn sie sah, wie Brianna Freundschaften schloss.

Es war wirklich schön, die Kleine bei sich zu haben, fand Chloe. Natürlich hatten sie auch schon traurige, niedergeschlagene Momente miteinander verbracht, doch Chloe war fest entschlossen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, damit Brianna eine glückliche Kindheit hatte.

Auch wenn sie manchmal Angst bekam, dass sie sich zu viel aufgeladen hatte. Nicht mit Brianna und ihrer Erziehung, nein, da hatte Chloe ein gutes Gefühl. Aber dass ihr Desiree das Versprechen abgenommen hatte, für sechs Wochen nach Texas zu ziehen, um die juristischen Angelegenheiten mit Briannas Stiefbruder zu regeln, verursachte ihr Magenschmerzen.

Am Freitagvormittag würde sie Jake Braddock in Brian Willoughbys Kanzlei zum ersten Mal gegenüberstehen. Und nach allem, was sie von Desiree über diesen Jake erfahren hatte, versprach dieses Treffen nicht gerade ein Kaffeekränzchen zu werden.

Vor vielen Jahren schon hatte ihr Desiree beigebracht, sich schwierigen Situationen immer in Bestform zu stellen. Das bedeutete, sich gut anzuziehen, sorgfältig Make-up aufzulegen und sich aufrecht zu präsentieren. Deshalb lautete Desirees Weisheit Nummer 1 in ihrem Buch auch: „Bemühe dich, immer gut auszusehen.“

Und genau das plante Chloe für den Termin am Freitag. Hoch erhobenen Hauptes würde sie in die Kanzlei dieses Notars marschieren und als Siegerin aus den Verhandlungen hervorgehen.

Trotzdem graute ihr, wenn sie an das Treffen dachte.

Glücklicherweise hatte sie noch einige Tage Zeit, sich seelisch darauf vorzubereiten. Für sich hatte sie längst beschlossen, Desirees Wünschen zu entsprechen, und sie würde darauf bestehen, dass Jake es ebenso machte.

Als sie nachdenklich auf ihre Schuhspitzen blickte, sah sie neben ihren Füßen ein kurzes Aufblitzen. Sie bückte sich und hielt gleich darauf eine Vierteldollarmünze in der Hand.

Ihr Vater hatte immer gesagt, es bringe Glück, wenn man eine Münze finde. Also würde sie heute Nachmittag, wenn sie mit Brianna einkaufen ging, noch einen Lottoschein ausfüllen.

In diesem Augenblick hörte sie, wie Brianna, die gerade oben auf der Rutsche saß, „Jake!“, rief, so laut sie konnte.

Verblüfft sah Chloe dem kleinen blonden Mädchen zu, wie es eilig hinunterrutschte und dann schnell wie der Wind zu einem großen, gut gekleideten Mann rannte, der es mit weit ausgebreiteten Armen erwartete und zur Begrüßung erst einmal herumwirbelte.

Hoppla. Chloe kannte Jake Braddock zwar nicht, aber von Desiree wusste sie, dass er groß, dunkelhaarig, reich und sehr von sich selbst eingenommen war.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Cinderella in Texas" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen