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Christentum und Moderne

Herman van Rompuy

Christentum und Moderne

Werte für die Zukunft Europas

Aus dem Niederländischen übersetzt von Karl Georg Cadenbach

Butzon & Bercker

Inhalt

Vorwort

Einleitung

I. Der „christliche Intellektuelle“ vor den Herausforderungen der Gegenwart

Intellektuell – und stolz darauf

Der christliche „Sprung“

Der christliche Intellektuelle: eine aussterbende Spezies?

Das große Zukunftsprojekt

Ein modernes Christentum

Man selbst bleiben und /oder sich anpassen

Die Kultur der Stille

Die Großherzigkeit

Mehr denn je: die Familie

Die Botschaft der Medien

Die Frage: Warum?

Ost- und Westeuropa: Wer ist das Modell für wen?

Ideologie versus Menschen

Überzeugen

Der christliche Intellektuelle: Arbeit an einem Projekt

Die Hassliebe zur Ökonomie

Die Gegenoffensive

Der Intellektuelle: fasziniert von der Politik

Die Kluft zur Kultur überbrücken

Das Absurde und die Freiheit

II. Weisheit als Lebensziel

Auf der Suche nach Weisheit

Glück gesucht

Was treibt mich an?

Bin ich konservativ oder progressiv?

Das Gute

Das Wahre

Das Schöne

Ein Christ in der Politik oder christliche Politik?

Wie überlebt das Christentum das 21. Jahrhundert?

Menschen altern, doch die Wirtschaft darf das nicht

Die Europäer sind keine Europäer mehr

Toleranz oder Gleichgültigkeit?

Stabilität und Veränderung

„Normen und Werte“ oder „Rechte und Pflichten“

Optimismus oder Hoffnung

Vorwort

Mein vorliegendes Buch „Christentum und Moderne“ entstand in einem gesellschaftlichen Klima, das dem Glauben im Allgemeinen und dem Christentum im Besonderen eher distanziert gegenüberstand. Heute bin ich stärker denn je davon überzeugt, dass das Christentum die Antwort auf eine Sehnsucht der Menschen und der Gesellschaft ist. Es sind nicht nur mehr allein die Christen, die den weit verbreiteten Individualismus und den damit einhergehenden Materialismus mit Sorge betrachten, sondern alle, die sich für die Gesellschaft verantwortlich fühlen, machen sich Sorgen über die zunehmende Vereinsamung und die Verzweiflung, die sich aus ihr entwickeln können. Es sind daher nicht nur die Gläubigen, die diese geistige Leere wahrnehmen.

Die Folgen für den Bereich des Politischen offenbaren sich u. a. im Populismus: Er macht sich das eigennützige Denken der Wähler zu Nutze und bedient ihre Feindbilder. Äußere Feinde werden herangezogen, um den Wähler darin zu bestärken, dass er im Recht ist.

Auch ein ethisches Defizit ist zu beobachten. Sichtbar wurde es in der letzten Finanzkrise, als das Profitstreben einiger weniger beinahe zum Untergang aller wurde. Glücklicherweise hat der Klimawandel zu einem Nachdenken geführt. So wurde deutlich, dass wir wählen müssen – zwischen Jetzt und Bald, zwischen Mein und Dein.

Mit seiner Tradition der Verbundenheit mit dem und der Hinwendung zum Anderen kann das Christentum ein Gegengewicht zu diesen Tendenzen unserer Zeit sein. Der Bedarf an sozialem und familiärem Kapital ist groß. Vereinsleben, Familien und beständige Beziehungen fungieren dabei als Antidot (Gegengewicht) gegen Vereinsamung und Verbitterung. Das Christentum hat natürlich kein Monopol auf diese Rolle des Gegengewichts, weder ideologisch noch faktisch. Dennoch gehört es zum Kern seiner Botschaft, sie wahrzunehmen. Auch Nicht-Gläubige bezeichnen die Liebe als transzendent: Sie übersteigt Menschen und verbindet sie dadurch.

Die größte Aufgabe dieses Jahrhunderts ist es, die Verbundenheit der Menschen untereinander im Kleinen zu stärken. Solidarität darf nicht auf die organisierten sozialen Sicherungssysteme begrenzt sein. Sie sind durch Gesetze erzwungen und durch Abgaben finanziert. Was wir brauchen, sind Freiwilligkeit und der spontane Einsatz für den Anderen um seiner selbst willen. Ohne diese menschliche Infrastruktur hat die strukturelle Solidarität auf Dauer keine Basis.

Wenn unsere Gesellschaft diesen Namen zu Recht tragen will, muss sie Bindungskräfte entwickeln. Sie muss ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickeln, das sich nicht gegen andere richtet, sondern dem Wunsch entspringt, Gemeinschaft zu leben und Dinge gemeinsam zu tun. Unsere Zeit ist von Polarisierung und Aggression geprägt. Unter der Maske der Klarheit und Ehrlichkeit herrschen oft sinnlose Verhärtung und eine Verrohung der menschlichen Umgangsformen. Respekt vor dem Anderen ist eine Grundlage des Gemeinwesens. „Gesellschaft“ muss „Gemeinschaft“ werden.

Freilich – das Christentum ist mehr als nur ein ethisches System. Es darf nicht allein zum Aufbau der Gesellschaft beitragen. Die christliche Spiritualität, die sich auf den Anderen und auf „den ganz Anderen“ hin orientiert, bleibt einzigartig, wenn sie authentisch gelebt wird. Es gibt aber auch eine Spiritualität der Laien, die das Sakrale im Menschen erlebbar macht. Spiritualität steht konträr zum Materiellen. Weil für das Christentum die Orientierung auf den Anderen und auf Gott als „den ganz Anderen“ eine so zentrale Bedeutung hat, wird eine altruistische Ethik möglich.

Das Christentum kann und wird eine wichtige Rolle im spirituellen und ethischen Wiederaufbau spielen, dessen unser Jahrhundert bedarf. Vorausgesetzt, es gibt wirkliche Christen.

Brüssel, im August 2010

Herman van Rompuy

Einleitung

Es wirkt wahrscheinlich ein wenig seltsam, wenn ein Politiker ein Buch über ein eigentlich unpolitisches Thema schreibt. Er macht sich dadurch angreifbar. Als Person des öffentlichen Lebens verfolgt ihn alles, was er einmal gesagt hat. Seine politischen Gegner können seine Worte missbrauchen. Seine persönlichen, intimen Ansichten können ins Lächerliche gezogen werden. In anderen Ländern ist es durchaus üblich, dass Politiker öffentlich Zeugnis ablegen. Bei uns nicht. Doch gerade wenn die Zeit für solche Zeugnisse nicht reif ist, müssen wir dafür sorgen, dass sie reif für sie wird.

Andererseits gibt ein öffentliches Mandat Zugang zu einer großen Gruppe von Menschen. So kann auch eine unpolitische Botschaft eine breite Öffentlichkeit erreichen. Für all jene, die davon überzeugt sind, dass es so etwas wie eine „Pflicht“ gibt, über die Dinge zu sprechen, die den Sinn unseres Lebens betreffen, ist der Zugang zu den Medien ein Privileg. Eine Flut von Berichten über vorübergehende, oberflächliche, anekdotische und spektakuläre Ereignisse umgibt uns und bestürmt uns derart, dass es nötig ist, das Schweigen über das Wesentliche zu durchbrechen.

Dieser Essay ist daher nicht politisch, oder, besser gesagt, er ist nicht politisch gemeint. Es sind Überlegungen eines christlichen Intellektuellen, der für Menschen seiner Art einen Platz in der heutigen Gesellschaft sucht und findet. Der Mensch lässt sich zwar kaum aufspalten, weder als Schreibender, noch als Leser. Der schreibende Politiker wird in Versuchung geraten, konkrete Zustände hinter allgemeinen Formulierungen zu verbergen. Dann und wann lässt er sich gehen. Der Leser wiederum wird dann und wann in einem Satz oder Wort eine Anspielung auf konkrete politische Zustände sehen. Manchmal zu Recht, meist jedoch zu Unrecht. Beide werden also versuchen müssen, sich auf ein höheres Niveau zu begeben – oder, besser gesagt, auf ein anderes.

Dabei muss der Leser wissen, dass diese Sätze mitten im Sturm der Dinge geschrieben worden sind, mitten im politischen Gefecht oder Scheingefecht. Der Autor eilt aus dem Trubel an den Schreibtisch, um schreibend zu denken oder seine konservierten Gedanken niederzuschreiben. Der Intellektuelle, der in uns schlummert, weiß, dass große Dinge nur in der „Langsamkeit“ geboren werden können; dass eine Inkubationszeit nötig ist, bevor etwas entsteht, das sich lohnt. Doch das wird immer ein Traum bleiben. Der Zeitdruck nagt an uns. Jeden Tag sind wir unzähligen Eindrücken und Impulsen ausgesetzt, die der Verarbeitung und der Besinnung bedürfen. Die Medien gönnen uns diese Momente der Besinnung nicht; sie sind Akteure im Wahnsinn des Alltags. Doch mitten darin können große Projekte zustande kommen – für den Frieden, für Europa, für unsere Wirtschaftsbetriebe, die Benachteiligten, den Arbeitsmarkt und anderes. Es bleibt jedoch der Geschmack des Unvollendeten. Das gilt auch für dieses Buch. Der Leser muss bereit sein, zu verzeihen.

Postscriptum

Dieses Buch wurde an einigen Nachmittagen in der Stille der Benediktinerabtei von Affligem geschrieben, auf der Flucht vor dem Trubel der Brüsseler Wetstraat, beeindruckt von der Gelassenheit und der Gastfreundschaft der Mönche. Es wurde auch abends geschrieben, in der Polderlandschaft von Zuienkerke, zwischen Weihnachten und Neujahr, während die Kinder schliefen und nicht merkten, dass ihr Vater Seiten mit Dingen füllte, von denen sie nichts ahnten. Hoffentlich lesen sie sie eines Tages. Das Buch sei ihnen und meiner Frau gewidmet.

I. Der „christliche Intellektuelle“ vor den Herausforderungen der Gegenwart

Intellektuell – und stolz darauf

Ein Intellektueller ist nicht einfach jemand, der studiert hat. Wäre diese Definition richtig, dann hätte es nie so viele Intellektuelle gegeben wie heute. Wir meinen, es ist mehr nötig, um jemanden zu einem Intellektuellen zu machen.

Ein Intellektueller hat eine ganz eigene Art, sich den Dingen zu nähern. Er interessiert sich für einen allgemeinen, grundlegenden Sinn der Welt, in der wir leben. Er sucht nicht nach dem Operativen. Zunächst möchte er verstehen. Das Handeln folgt erst später – und zu diesem Zeitpunkt tritt er nicht mehr als Intellektueller auf. Sein Vorgehen hat eine gewisse Unverbindlichkeit, kann aber andere in Bewegung bringen. Revolutionen beginnen immer mit Stift und Tinte.

So steht der Intellektuelle denn auch quer zu einem gewissen heutigen Zeitgeist. Allgemeinbildung ist heute weniger gefragt als Spezialisierung oder Technokratie. Das „Gratis-Denken“ ist ein Fluch für das Streben nach dem eigenen Vorteil – ein Hauptmerkmal unserer Zeit. Der Intellektuelle, der „uomo universale“, ist daher selten geworden. Er interessiert sich für Literatur, Philosophie, Religion, Ideologien, für die Vergangenheit und die Zukunft. Er ist auf der Suche nach dem Sinn des Lebens oder dem des Zusammen-Lebens als ganzen. Auch wenn er einem Beruf nachgeht, der ihn fordert, denkt er als Intellektueller. Steckt er in der Haut eines Intellektuellen, dann ist er ein anderer Mensch. Der Intellektuelle, über den wir hier sprechen, ist also nicht allein der Berufs-Intellektuelle, der vom Unterrichten oder vom Schreiben lebt.

In Flandern galten Intellektuelle stets als sonderbare Wesen. Auf diesem Gebiet haben wir keine oder nur wenige Traditionen. Zu lange mussten wir um den Erhalt unserer Sprache kämpfen, um die Grundlage unserer Identität. So viel Kraft ist in Jahrzehnten und Jahrhunderten in diesen Kampf geflossen, dass nicht mehr genug übrig blieb für das, was wir mit dieser Sprache hätten in Worte bringen können. Ein alter Freund sagt mir oft, wie oft wir in Flandern „more brains“ gebraucht hätten, mehr kluge Köpfe. Völker, die nicht um Sprache und Identität kämpfen mussten, konnten ein reicheres intellektuelles Erbe aufbauen.

Zudem ist der Flame vor allem ein Gefühlsmensch. Die lateinische Tradition der Rationalität liegt ihm nicht so sehr. Zugleich jedoch ist er nicht emotional genug, um vollends in die Irrationalität, in Angst und Leid zu verfallen, denen die Germanen oft unterliegen. Der Platz des Flamen ist in der Mitte: Er ist ausgeglichen. Manche meinen, mittelmäßig. Der Flame ist eher ein Dichter als ein Denker, eher ein Macher als ein Stratege. Das ist unser Wesen. Und es gibt das Wesen eines Volkes. Es kann nicht wegdiskutiert werden, so schwierig es auch zu umschreiben oder zu fassen ist. Das Wesen eines Volkes kann sich entwickeln – verschwinden kann es nicht. Man schaue sich etwa die Nationalitätenfrage in der Sowjetunion nach siebzig, achtzig Jahren der Gleichschaltung und Unterdrückung an: „Treibt das Natürliche aus, es wird im Galopp zurückkehren!“

Der Intellektuelle ist also auch keine typisch flämische Gestalt, aber es gibt viele, mehr denn je in unserer Geschichte.

Der christliche „Sprung“

Christ sein in unserer Zeit ist eine ebenso heroische Aufgabe. Denn in Flandern hat sich der gesellschaftliche Druck umgekehrt: Einst stand am Rande der Gesellschaft, wer nicht praktizierender Katholik war. Heute dagegen gibt man nur ungern zu erkennen, dass man gläubiger Christ ist.

In den westlichen Ländern erlebt die Kirche derzeit die tiefste Krise ihrer Geschichte. Das abzustreiten oder schönzureden hat keinen Sinn. Dabei ist nicht die Wissenschaft der größte Feind des Glaubens. Lange schon haben wir den Fortschrittsoptimismus abgelegt, der uns hoffen machte, der Mensch sei allein in der Lage, die großen Fragen des Lebens zu beantworten. Nachdem der Ballast aus der Bibel – etwa die Aussagen zur Entstehung der Erde und des Menschen, die Schöpfungsgeschichte – ausgeräumt war, blieben die nackten Fragen nach Krankheit, Einsamkeit, Leid und Tod. Die Wissenschaft dringt nicht einmal zu diesen Fragen vor und kann daher auch keine Antworten auf sie geben. Auch wenn die Faszination der Wissenschaften noch stets ungebrochen ist, wissen wir heute, dass wir nicht von ihr oder für sie leben können. Sie hat große Erwartungen ausgelöst, hat uns aber geistig und menschlich als Waisen zurückgelassen.

Der große Feind des Glaubens ist der Materialismus – oder eher die Abwesenheit tiefen Leids oder großer Not. Einst gab es im Christentum den Kult des Leidens und des menschlichen Makels. Sie ebneten den Weg zu Gott. Der Mensch durfte nicht glücklich sein. Heute dagegen muss er glücklich sein, obwohl „Glück“ ein rarer Zustand ist. Glück ist gewissermaßen immer selten. Denn das Glück ist zu intensiv und daher flüchtig. Der moderne Mensch ist sorgenfrei: Hunger, Krieg und Krankheit sind ausgeschaltet. Es gibt genug zu essen, wir leben in Frieden, und die Medizin heilt oder stillt Schmerzen. Freilich, es gibt noch Armut, aber die ist in Westeuropa ebenso selten geworden wie es einst der Reichtum war. Für Vieles gibt es eine Lösung. Wer sich langweilt, kann von den Medien unterhalten oder zerstreut werden. Jeder kann fast sicher planen, wie groß seine Familie wird. Wer scheitert, dem hilft der Wohlfahrtsstaat. Und doch kann der Mensch sich vielfältiges Leid zufügen und tut das auch. Noch nie war seine Verantwortung für das eigene Glück so groß wie heute. Entsprechend schwer wiegen die Störfaktoren im Leben: Einsamkeit, Tod. Erstere ist das Los eines jeden, wenn er verlässt oder verlassen wird, wenn er, alt geworden, allein zurückbleibt. Der Tod ist der „letzte Feind“. Der Tod ist das „Ur-Leid“, das nicht ableitbare Leid. Das schreibt einer, der besessen ist von der Vergänglichkeit und vom Abschied. Ich fühle mich verbunden mit Anton van Wilderode, der, auf einem Soldatenfriedhof umherirrend, schrieb:

„Warum, so frag’ ich weiter, warum

für wen und für was, so frag’ ich weiter,

der Wind in den Buchenhecken

dreht meine Worte um und um.“

Aber, wie gesagt: Vielem können wir ausweichen, Vieles vermeiden – im Lärm, im Getöse, in der Hast, im Erfolg, im Genuss. Doch sobald wir scheitern oder alles in sich zusammenfällt, ist der moderne Mensch verletzlicher denn je. In diesem Moment kann von den meisten nicht der Heldenmut des modernen Heiden verlangt werden, der dem unausweichlichen Schicksal gelassen entgegengeht und von Anfang an weiß, wie es ausgehen wird. Heldentum ist kein Merkmal unserer Kultur. Der Mensch von heute stirbt nicht. Er verschwindet in aller Stille, als hätte es ihn nie gegeben. Wir sind weit entfernt von dem Wissen, dass jeder von uns „eingezeichnet ist in die Hände Gottes“.

Christ sein heute bedeutet also, ein Stück „aus der Welt“ zu sein – in dem Sinne, dass der Christ sich die Werte der „Welt“ wie Geld und Macht nicht zu eigen macht. Er ist „in der Welt“ in dem Sinne, dass er die Schein-Werte der Welt überwinden möchte. Der Christ glaubt daran, dass der Tod überwunden ist. Er meidet das Leid nicht, auch nicht das der anderen, die der Hilfe bedürfen.

Der christliche Intellektuelle: eine aussterbende Spezies?

Der christliche Intellektuelle kombiniert also beide Eigenschaften und vermehrt so die Möglichkeiten.

Zum Christentum kommt man nicht allein durch rationales Überlegen. Mir ist durchaus bewusst, dass der Glaube eine rationale Grundlage hat. Die Frage nach Anfang und Ende, nach Alpha und Omega, kann nicht von der Naturwissenschaft beantwortet werden. Wäre das möglich, dann hätte die Menschheit den Zweifel schon lange eliminiert und wäre nicht durch die unterschiedlichen Antworten auf diese Grundfrage gespalten.

Wer metaphysisch auf der Suche ist, kann zum Sein des Seienden vordringen. Wer den Menschen anschaut und entdeckt, was für ein einzigartiges Wesen er ist, kann zu einem Gott vordringen, der nicht so grausam ist, dass er den Mensch mit all seinen Sehnsüchten gewollt hätte und ihn einfach sterben ließe, ohne dass er ihm begegnet wäre.

Oder ist die Menschheit lediglich ein Zufallsprodukt der Entwicklung der Materie, wie Monod denkt? Die Natur soll uns nicht gewollt haben. Wir irren als Fremde durch die Welt und kennen nach Monod weder das Ziel unserer Existenz, noch unsere Pflichten. Doch kann der Mensch im Vorhof des Glaubens warten, weil er den Schritt hinein nicht machen kann. Deshalb sagt man, dass der Glaube eine Gnade Gottes ist. Für den Nicht-Christen ist der Mensch schließlich Körper oder Material; sein Geist kommt mit ihm zum Stillstand. Zwar ist er einzigartig, doch verschwindet er für ihn ebenso wie der Rest. Für den Nicht-Christen ist diese Feststellung unausweichlich, und sie hindert ihn daran, den Sprung ins Leere auf Gott hin zu machen.

Das Christentum fordert indes noch mehr. Es spricht von einem Gott, der Mensch wird, der von einem Menschen geboren ist, unter uns gelebt hat, gestorben ist, begraben und auferstanden. Diese Menschwerdung ist datiert: vor etwas mehr als 2000 Jahren – nach Zehntausenden von Jahren, die der Mensch auf der Erde lebt, und Millionen Jahre nach dem „Urknall“, aus dem unser Kosmos entstand. Warum damals? Warum so? Was erlaubt uns zu sagen, dass dieser Mann der Sohn Gottes ist, ja, Gott selbst? Haben wir genügend „Beweise“ für seine Auferstehung? Wie viel wiegt das Zeugnis der Apostel nach seinem Tod? Das Christentum ist der Glaube an einen personalen Gott, nicht allein an eine Botschaft von Großherzigkeit. Das Christentum hat die Ethik der Nächstenliebe in die westliche Zivilisation gebracht (mehr noch: „Liebe deine Feinde!“), aber das ist an sich noch nicht ausreichend, um zu sagen, dass das Christentum „wahr“ ist.

Und doch sagen wir, dass es wahr ist. Wie so viele vor uns machen wir diesen Sprung, der zum Teil auf der Vernunft beruht, zum Teil auf der Hoffnung, dass es wahr ist, und zum Teil darauf, dass es Teil unserer Natur ist, diesen metaphysischen Sprung zu machen.

Die Ablehnung der Religion selbst ist ebenso ein Sprung ins Leere, denn viele Zeichen und Fragen werden beiseite geschoben oder negiert. Auch der Atheismus ist ein Sprung. Manche überkommt er ebenso plötzlich wie die Bekehrung des Paulus. Plötzlich ist Gott weg. Das wird oft vergessen.

Ein Intellektueller, der Christ ist, kennt dieses seltsame Gefühl: Er möchte viele Gebiete tiefer kennenlernen, hat aber die Bescheidenheit zu sagen, dass er die Wahrheit über fundamentale Fragestellungen von einem anderen oder von „dem Anderen“ erwartet. Für den Nicht-Christen ist diese Haltung eine inakzeptable Begrenzung der menschlichen Freiheit. Seiner Ansicht nach überlässt der Christ sich einem Anderen und bricht die Suche sozusagen ab. Für den Nicht-Christen ist das ein Zeichen von Schwäche. Seiner Meinung nach hat der Christ und der christliche Intellektuelle den heldenhaften Kampf des auf sich selbst gestellten Menschen aufgegeben. Der Christ seinerseits erfährt den Unglauben als Einschränkung seiner Freiheit, als ein Leben, das in der Enge des Suchens stecken bleibt, in der sterilen Auslieferung an den Tod.

Der Intellektuelle braucht sich tatsächlich nicht zu bremsen, wenn er sich für den Glauben entscheidet. Schließlich entginge ihm dabei ein weites Feld, das er mit dem spekulativen Denken und /oder der Wissenschaft nicht betreten könnte. Und mehr noch: Er nimmt das Irrationale auch auf anderen Gebieten an. Ich denke etwa an die Psychoanalyse und die große Bedeutung, die die Sexualität in ihr spielt. Ich denke an den Charme, den der Marxismus in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts für zahlreiche Intellektuelle hatte. War all das „bewiesen“? Heute wissen wir definitiv, dass die wissenschaftliche Analyse des Marxismus für unsere Zeit – und für die Vergangenheit gilt das Gleiche – irrelevant ist. Es wäre nicht korrekt, nur von „falsch“ zu sprechen. Warum war es ehrenhaft, an Marx zu „glauben“, nicht aber an Gott?

Manchmal frage ich mich, ob der „reine“ Intellektuelle – also derjenige, der allein vom Denken und für das Denken lebt – nicht den Drang hat, sich gegen sich selbst zu stellen. Wissen zu erlangen ist ein spannendes Abenteuer, aber Denken führt manchmal zu Willensschwäche. Wer nachdenkt, ergreift selten Initiative. Der Intellektuelle ist kaum je Kämpfer für eine Sache. Seine Unzufriedenheit kann so stark werden, dass er sich gegen die Welt wendet, die er kennt. Der Marxismus bot eine ideale Plattform für den Destruktivismus. Alles geht kaputt, alles muss kaputt gehen. Nach dem Zusammenbruch kommt der Heilsstaat. Im Marxismus ist der Intellektuelle selbst ein bloßes Instrument des Arbeiters, der eigentlicher Träger des Klassenbewusstseins ist und durch seinen Kampf den Kapitalismus vernichtet. Nun, für diesen Typus des Intellektuellen war Gott das Symbol der alten Welt, die vernichtet werden musste. Gott war das Establishment.

Es gibt noch ein weiteres seltsames Phänomen: Die Konjunktur exotischer Kulturen und fernöstlicher Religionen oder Lebensvollzüge (etwa Yoga) bei gleichzeitiger Vernachlässigung der eigenen (christlichen) Kultur. Auch das ist für mich ein Zeichen dafür, dass ein (kleiner) Teil der Intelligentsia sich buchstäblich gegen sich selbst stellt.

Die Frage ist nun, warum die französische Intelligentsia – schon wieder – als erste dem Marxismus davonlief und Gott wieder zum Gegenstand des Gesprächs machte. Dort gilt es nicht mehr als „rückständig“, zu glauben. Gelassen spricht Bernard Pivot in Apostrophes mit Schriftstellern, Laien und Priestern über Gott und Religion. Ich suche nach den Gründen. Das Scheitern der Mairevolte hat der linken Bewegung das Genick gebrochen. Der Mai ’68 hat unsere Kultur verändert, er hat Autoritäten geschwächt und die Freiheit des Einzelnen gestärkt. Aber Marx hat er nicht zur Geltung gebracht. Dieses Fehlen einer Perspektive hat die enttäuschten Intellektuellen nach neuen Horizonten suchen lassen. Ein zweiter Grund ist die Wirtschaftskrise der Siebzigerjahre, die in eine allgegenwärtige Kritik der Herrschenden mündete. Opfer dieser Krise wurde der Etatismus. Sein Scheitern riss zuerst den Marxismus mit sich. In der Folge verlor der Kommunismus nach dem Bekanntwerden der Gulag-Konzentrationslager in der Sowjetunion auch den letzten Hauch eines menschlichen Antlitzes. Schon der trostlose Marxismus hatte einen Gegensatz zum vielseitigen, sinnlichen und hyperaktiven Westen gebildet. Als der Kommunismus sich auch noch als unmenschlich herausstellte, wurde das letzte Argument hinfällig.

Der Tod von Marx schuf wieder etwas Raum für Gott. Für Flandern kann das allerdings noch nicht gesagt werden. Wir hinken wie gewöhnlich hinterher. Die kulturelle „Elite“ Flanderns rechnet noch immer mit der kirchlichen und religiösen Vergangenheit ab. Auffallend ist die virulente Freigeistigkeit vieler Angehöriger dieser Elite. Die Intoleranz, die sie bei anderen verurteilen, ist zumindest gegenseitig. Als dem alten Gerard Walschap die Ehrendoktorwürde der Vlaamse Universiteit Brussel verliehen wurde, hielt er eine religionsfeindliche Rede, die in anderen Ländern vor einigen Jahrzehnten durchaus noch aktuell gewesen wäre. Er wetterte gegen eine autoritäre Kirche, die es so kaum noch gibt, und gegen eine christliche Kultur, die zusammengebrochen war – nicht dank Walschap, sondern als Folge der Konsumgesellschaft. Die „Freiheit“ haben nicht die Schriftsteller gebracht, sie ist eine Konsequenz von Verstädterung und Kommerz. In Flandern setzte die kulturelle Revolution der Entchristlichung später ein als in anderen Ländern. So wird Flandern auch später als andere Länder gewisse Werte wiederentdecken. Ein weiterer wichtiger Unterschied: Die geschilderte kulturelle Revolution hat die Massen nie so stark durchdrungen wie in anderen Ländern, und ein Gleichgewicht der ideologischen Kräfte liegt näher. Unter den Eliten ist ein zwar weniger augenfälliger, doch mit großem Ernst geführter Kulturkampf zu beobachten. Ich las ein Interview mit Hugo Claus, den man gern als „größten lebenden Schriftsteller Flanderns“ bezeichnet. Darin heißt es: „Ich bekenne meinen Abscheu vor dem Katholizismus in abgenutzten Begriffen … Mitleid, das ist ein widerliches christlich-kulturell-katholisches Prinzip. Nebenbei – meine Wut auf die Kirche ist vollkommen irrational. Wenn das Wetter so lange schlecht ist, mache ich Simonis und Danneels (zwei belgische Kardinäle; Anm. d. Übers.) dafür verantwortlich. Auf sie wälze ich meinen Unmut ab.“

Antoon Vergote sagte dazu: „Ohne jeden Zweifel stehen wir hier vor einem der seltsamsten Rätsel, mit denen die Religionspsychologie konfrontiert wird: Einige wenige Ungläubige pflegen gereizt auf Religion zu reagieren; sie machen sie schlecht, ja hassen sie sogar. Die Gottesfrage bewegt den Menschen in der Tiefe. Sie zu ignorieren hat denn auch oft traumatische Folgen.

Der durchschnittliche akademisch gebildete Flame ist weder freisinnig noch ausgesprochen gläubig. Er lebt in einer turbulenten Welt, in der jeder darum kämpfen muss, seinen Platz zu erobern und zu behalten. Der Stress seines Alltags lässt nicht zu, dass er sich auch noch mit metaphysischen Fragen plagt. Ihm ist es eigentlich egal, er ist nicht dafür und nicht dagegen – das hat er mit anderen westlichen Menschen gemeinsam.

Wir leben in einer Welt voller Möglichkeiten, die uns in gewissem Sinne fesselt, aber nicht begeistert. Grund dafür ist der Individualismus, der stets kleinlich ist und somit das Gegenteil des Enthusiasmus darstellt. Der Intellektuelle ist hierfür sensibler als seine Umwelt. Lernen und Nachdenken sind einsame Tätigkeiten. Sollen sie fruchtbar sein, bedürfen sie der Abgeschiedenheit. Auch in einer Bibliothek sitzt jeder für sich in ein Buch vertieft. Der Individualismus hängt auch eng mit dem Kapitalismus zusammen. Jeder sucht seinen Vorteil, strebt nach seinem Gewinn. Auch am Staat hängt der Individualismus: Es gilt die Devise: „Ich bin nicht verantwortlich, denn die Gemeinschaft sorgt für die Armen, für die Umwelt, den ...

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