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Choral des Todes

Über dieses Buch

Ein markerschütternder Schrei hallt durch die Kirche Saint-Jean-Baptiste. Lionel Kasdan eilt über die steinerne Rundtreppe hinauf zur Empore. Er ist Sekunden zu spät. Der Mann an der Orgel ist tot. Der Fall lässt den ehemaligen Polizisten nicht mehr los. Die Einzigen, die offenbar wissen, was geschehen ist, sind die Chorjungen. Doch sie schweigen beharrlich. Ein zweiter Mord geschieht und ein dritter. Lionel begreift langsam, dass der Schlüssel zu diesem Fall die engelsgleichen Sängerknaben sind. Sie scheinen die Unschuld selbst zu sein, aber ihre Herzen sind finsterer als die Hölle ...

Über den Autor

Jean-Christophe Grangé, 1961 in Paris geboren, war als freier Journalist für verschiedene internationale Zeitungen (Paris Match, Gala, Sunday Times, Observer, El Pais, Spiegel, Stern) tätig. Für seine Reportagen reiste er zu den Eskimos, den Pygmäen und begleitete wochenlang die Tuareg. »Der Flug der Störche« war sein erster Roman und zugleich sein Debüt als französischer Topautor im Genre des Thrillers. Jean-Christophe Grangés Markenzeichen ist Gänsehaut pur. Frankreichs Superstar ist inzwischen weltweit bekannt für unerträgliche Spannung, außergewöhnliche Stoffe und exotische Schauplätze. Viele seiner Thriller wurden verfilmt. In Deutschland bereits erschienen sind seine Romane »Der Flug der Störche«, »Die purpurnen Flüsse«, »Der steinerne Kreis«, »Das Imperium der Wölfe«, »Das schwarze Blut« und Jean-Christophe Grangé, 1961 in Paris geboren, war als freier Journalist für verschiedene internationale Zeitungen (Paris Match, Gala, Sunday Times, Observer, El Pais, Spiegel, Stern) tätig. Für seine Reportagen reiste er zu den Eskimos, den Pygmäen und begleitete wochenlang die Tuareg. »Der Flug der Störche« war sein erster Roman und zugleich sein Debüt als französischer Topautor im Genre des Thrillers. Jean-Christophe Grangés Markenzeichen ist Gänsehaut pur. Frankreichs Superstar ist inzwischen weltweit bekannt für unerträgliche Spannung, außergewöhnliche Stoffe und exotische Schauplätze. Viele seiner Thriller wurden verfilmt. In Deutschland bereits erschienen sind seine Romane »Der Flug der Störche«, »Die purpurnen Flüsse«, »Der steinerne Kreis«, »Das Imperium der Wölfe«, »Das schwarze Blut« und »Das Herz der Hölle.«

Jean-Christophe Grangé

Choral des
Todes

Thriller

Aus dem Frazösischen von
Thorsten Schmidt

Für Louis, Mathilde, Ysé – die Sonnen meines Lebens

Teil 1
Der Mörder

Kapitel 1

Der Schrei war in der Orgel eingesperrt.

Er sirrte in den Orgelpfeifen und hallte in der ganzen Kirche wider. Gedämpft. Dumpf. Entrückt. Lionel Kasdan machte drei Schritte und verharrte in der Nähe der brennenden Kerzen. Er betrachtete den menschenleeren Chor, die Marmorsäulen, die mit dunkel himbeerrotem Kunstleder bezogenen Stühle.

»Oben, bei der Orgel«, hatte Sarkis gesagt. Kasdan drehte sich um und schlich über die steinerne Rundtreppe hinauf zur Empore. Die Orgel in der Kirche Saint-Jean-Baptiste hat eine Besonderheit: Ihr Pfeifenwerk ragt wie eine Batterie Raketenwerfer in der Mitte auf, während sich das davon getrennte Manuale rechts befindet. Kasdan ging über den roten Teppich an dem Geländer aus blauem Stein entlang.

Der Körper lag eingeklemmt zwischen den Pfeifen und der Notenablage über dem Manuale.

Auf dem Bauch, das rechte Bein angewinkelt, die Hände verkrampft, als würde er kriechen. Eine kleine schwarze Lache um den Kopf. Partituren und Gebetsbücher waren um den Leichnam herum verstreut. Unwillkürlich sah Kasdan auf seine Uhr: 16.22 Uhr.

Für einen Moment beneidete er diesen Toten um seine Ruhe. Er hatte immer geglaubt, dass er mit dem Alter eine Angst, eine unerträgliche Furcht vor dem Nichts empfinden würde. Aber das Gegenteil war geschehen. Im Lauf der Jahre hatte sich in ihm eine ungeduldige Neugier auf den Tod entwickelt, eine Art magnetische Angezogenheit.

Endlich Frieden.

Das Schweigen seiner inneren Dämonen.

Abgesehen von dem Blutfleck gab es keinerlei Anzeichen für Gewaltanwendung. Der Mann hätte einen Herzinfarkt erlitten und sich im Sturz verletzt haben können. Kasdan setzte ein Knie auf den Boden. Das Gesicht des Toten war unsichtbar, verborgen in seinem angewinkelten Arm. Nein, es war Mord. Er witterte es.

Der Ellbogen des Opfers war auf ein Register der Orgel gestützt. Kasdan kannte sich in der Orgelmechanik nicht aus, aber er vermutete, dass die betätigte Pedaltaste die Pfeifen aus Zinn und Blei geöffnet und die Resonanz des Schreies verstärkt hatte. Wie war der Mann umgebracht worden? Warum hatte er geschrien?

Kasdan stand auf und griff nach seinem Telefon. Aus dem Gedächtnis wählte er mehrere Nummern. Bei jedem Anruf erkannte man seine Stimme. Jedes Mal erhielt er die Antwort: »Okay.« Hitze in seinen Adern. Er war also nicht tot. Nicht ganz.

Er dachte an den Film Geheimagent von Alfred Hitchcock, einer dieser Schwarz-Weiß-Filme, die er sich nachmittags zum Zeitvertreib in den Kinos des Quartier latin ansah. Zwei Spione entdeckten einen Leichnam, der in einer kleinen schweizerischen Kirche vor dem Manuale einer Orgel saß, die Finger erstarrt in einem diskordanten Akkord.

Er ging zur Balustrade und betrachtete den Saal zu seinen Füßen. An der Rückwand der Apsis das Tuch Christi, eingerahmt vom Engel des heiligen Matthäus und dem Adler des heiligen Johannes. Kronleuchter mit Kristalltropfen. Der goldene Altarvorhang. Purpurne Teppiche. Es war genau die gleiche Szene wie in dem Hitchcock-Film, allerdings in einer armenischen Spielart.

»Was machen Sie da?«

Kasdan drehte sich um. Ein Unbekannter mit flacher Stirn und mächtigen Augenbrauen stand auf der Schwelle der Treppe. Im Halbdunkel glich er einer mit schwarzem Filzstift gezeichneten Karikatur. Er schien zornig.

Statt zu antworten, machte Kasdan ein eindeutiges Zeichen: »Pst!« Er wollte weiterhin das Pfeifen hören, das kaum noch wahrnehmbar war. Als der Ton erloschen war, ging er auf den Neuankömmling zu:

»Lionel Kasdan, Kommissar bei der Mordkommission.«

Der Mann wirkte überrascht:

»Noch immer im Dienst?«

Die Frage sagte alles. Kasdan machte sich keine Illusionen mehr. Mit seiner sandfarbenen Drillichjacke, seinen kurz geschnittenen grauen Haaren, seinem um den Hals gewickelten Turbanschal und seinen dreiundsechzig Jahren auf dem Buckel glich er mehr einem Söldner, der auf einem Saumpfad im Tschad oder im Jemen vergessen worden war, als einem aktiven Polizisten.

Der andere war das genaue Gegenteil: jung, kräftig, selbstsicher. Ein Muskelpaket in einer schimmernd grünen Bomberjacke, der seine Glock im Gürtel seiner Baggy-Jeans trug. Nur in ihrer Statur glichen sie einander. Zwei über 1,85 Meter große Kraftprotze, die beide um die hundert Kilogramm wogen.

»Bleiben Sie stehen«, sagte Kasdan, »sonst verwischen Sie die Spuren!«

»Hauptmann Éric Vernoux«, erwiderte der Polizist, »Erste Kriminalpolizeidirektion. Wer hat Sie angerufen?«

Trotz seiner Erregung sprach er leise, als hätte er Angst, eine Messe zu stören.

»Der ehrwürdige Vater Sarkis.«

»Vor uns? Wieso Sie?«

»Ich bin Mitglied der Kirchengemeinde.«

Der Mann runzelte die Brauen, sodass sie eine geschlossene schwarze Linie bildeten.

»Sie befinden sich in der armenischen Kathedrale Saint-Jean-Baptiste«, sagte Kasdan, »ich bin Armenier.«

»Wie kommt es, dass Sie so schnell hier waren?«

»Ich war schon da. Im Verwaltungsgebäude auf der anderen Seite des Hofs. Als Vater Sarkis den Leichnam entdeckte, hat er mich geholt. Ganz einfach.« Er hob seine Hände. »Ich habe in meinem Auto nach Handschuhen gesucht und dann die Kirche durch das Hauptportal betreten. Wie Sie.«

»Und Sie haben nichts gehört? Ich meine, vorher. Geräusche, die auf einen Kampf hindeuten?«

»Nein, im Verwaltungsgebäude hört man nicht, was sich in der Kirche abspielt.«

Vernoux griff mit der Hand in seinen Blouson und zog ein Handy heraus. Kasdan starrte auf das Gliederarmband und den Siegelring. Ein echter Polizist. Plump. Vulgär. Dennoch rührte ihn der Anblick dieser Dinge irgendwie an.

»Was tun Sie?«, fragte er.

»Ich rufe den Staatsanwalt an.«

»Schon erledigt.«

»Was?«

»Ich habe auch meine Teams verständigt.«

»Ihre Teams?«

Draußen, in der Rue Goujon, heulten Sirenen. Auf einen Schlag füllte sich die Kirche mit Technikern der Spurensicherung in weißen Overalls, während andere, mit verchromten Köfferchen, die Empore hinaufstiegen. Der Mann an der Spitze grinste unter seiner Kapuze. Hugues Puyferrat, einer der leitenden Beamten der Spurensicherung:

»Kasdan, du bist wirklich nicht totzukriegen!«

»Die Leiche hat noch ’nen Steifen«, meinte der Armenier schmunzelnd. »Machst du mir das Rundumpaket?«

»Geht klar!«

Vernoux’ Blick wanderte zwischen dem Mann vom Erkennungsdienst und dem Ex-Polizisten hin und her. Er wirkte verblüfft.

»Gehen wir runter! Hier gibt’s nicht genug Platz für alle«, meinte Kasdan.

Ohne die Antwort abzuwarten, stieg er die Treppe hinunter und kehrte zurück ins Kirchenschiff, während Techniker bereits zwischen den Stühlen Fingerabdrücke abnahmen und mit versiegelbaren Tüten hantierten. Blitzlichter knatterten in den vier Ecken der Kirche.

Vater Sarkis tauchte auf der rechten Seite der Apsis auf. Weißer Kragen, schmuckloser Anzug. Er hatte schwarze Augenbrauen und graues Haar und ähnelte Charles Aznavour. Zu Kasdan gewandt murmelte er:

»Es ist unglaublich. Ich kann es noch gar nicht fassen.«

»Wurde nichts gestohlen? Hast du es überprüft?«

»Hier gibt’s nichts, was man stehlen könnte.«

Der ehrwürdige Vater sagte die Wahrheit. In der Armenischen Kirche ist die Bilderverehrung verboten. Keine Statuen, kaum Gemälde. Abgesehen von einer Öllampe und einigen Thronen mit Goldverzierungen gab es in diesem Gotteshaus keine Kultgegenstände.

Kasdan musterte den Geistlichen schweigend. Der alte Mann hatte schon einiges durchgemacht. Seine verschleierten schwarzen Augen verrieten einen tiefen Fatalismus, der niemals fern ist, wenn man einem Volk angehört, das zweitausend Jahre lang verfolgt wurde. Wenn man selbst im Exil gelebt hat, wenn die eigenen Verwandten einem Völkermord zum Opfer fielen – und wenn die Urheber dieses Völkermords ihre Verbrechen nicht einmal zugeben wollen.

Er drehte sich um. Vernoux, der einige Meter entfernt mit dem Rücken zu ihm stand, wisperte in sein Handy.

Kasdan näherte sich ihm und spitzte die Ohren:

»Ich weiß nicht, was er hier treibt … Ja … Wie schreibt man das? Keine Ahnung. Wie Kasten, oder?

Der Armenier hinter ihm lachte laut auf:

»Nein, wie Cassata!«

Kapitel 2

Das erste Gemälde zeigte die armenischen Anführer in der Schlacht von Avarair im Jahr 451 – damals hatten sich die Armenier gegen die Perser erhoben. Das zweite Gemälde war ein Porträt des heiligen Mesrob Maschtoz, der das armenische Alphabet erfunden hatte. Auf dem dritten sah man berühmte Gelehrte, die während des Völkermords zwischen 1915 und 1917 deportiert und ermordet worden waren.

Aufmerksam betrachtete Éric Vernoux diese bärtigen Figuren, die auf die Hofmauer gemalt worden waren, während zwanzig Kinder ihre Kreise um ihn zogen und Fangen spielten. Er wirkte so verwirrt, als wäre er gerade auf dem Mars gelandet.

»Heute ist Mittwoch«, erklärte Sarkis. »Die Katechismus-Stunde ist gerade zu Ende. Normalerweise nehmen die meisten Jungen an der Chorprobe teil. Eigentlich hätte sie schon beginnen müssen. Ihre Eltern wurden verständigt, sie kommen, um ihre Sprösslinge abzuholen. Bis dahin können die Kinder doch genauso gut hier spielen, oder nicht?«

Der Kripo-Beamte nickte wenig überzeugt. Er blickte hinauf zu dem großen Kreuz aus Tuffstein, das die Mauer neben dem Fresko schmückte.

»Sind Sie … Katholiken?«

Kasdan antwortete mit einem Anflug von Boshaftigkeit:

»Nein. Die Armenische Apostolische Kirche ist eine autokephale orthodoxe Ostkirche. Sie gehört zu den Kirchen der drei Konzile.«

Vernoux’ Augen weiteten sich.

»Historisch gesehen«, fuhr Kasdan fort, wobei er die Stimme erhob, um die Schreie der Kinder zu übertönen, »ist die Armenische Kirche die älteste christliche Kirche. Sie wurde im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung von zwei Aposteln gegründet. Später kam es zu zahlreichen Meinungsverschiedenheiten mit den anderen Christen. Konzile, Konflikte … So sind wir beispielsweise Monophysiten.«

»Mono… was?«

»Für uns war Jesus Christus kein Mensch. Er war der Sohn Gottes, das heißt, er war ausschließlich göttlicher Natur.«

Vernoux schwieg. Kasdan lächelte. Es belustigte ihn immer wieder, welches Befremden die armenische Welt auslöste – ihre Regeln, ihre religiösen Überzeugungen, ihre Andersartigkeit. Der Polizist zog verärgert sein Notizbuch heraus. Er hatte es satt, belehrt zu werden.

»Gut. Das Opfer hieß …« Er studierte seine Aufzeichnungen. Wilhelm Götz, nicht wahr?«

Sarkis nickte mit verschränkten Armen.

»War er Armenier?«

»Nein, Chilene.«

»Chilene?«

»Wilhelm gehörte nicht unserer Gemeinschaft an. Vor drei Jahren ist unser Organist in seine Heimat zurückgekehrt. Wir haben nach einem Ersatz gesucht. Ich hörte von Götz, einem Organisten und Musikwissenschaftler. Er hatte bereits mehrere Chöre in Paris geleitet.«

»Götz …«, wiederholte Vernoux in zweifelndem Ton, »hört sich nicht gerade chilenisch an …«

»Ein deutscher Name«, mischte sich Kasdan ein, »ein großer Teil der chilenischen Bevölkerung ist deutscher Abstammung.«

Der Polizist runzelte die Stirn:

»Nazis?«

»Nein«, antwortete Sarkis lächelnd, »die Vorfahren von Götz haben sich, glaube ich, Anfang des 20. Jahrhunderts in Chile niedergelassen.«

Der Hauptmann klopfte mit seinem Filzstift auf sein Notizbuch:

»Ich blicke da nicht durch. Chilene, Armenier – was verbindet sie?«

»Die Musik«, antwortete Sarkis.

»Die Musik und das Exil«, ergänzte Kasdan. »Wir Armenier wissen, was es heißt, ein Flüchtling zu sein. Wilhelm war Sozialist. Er ist unter dem Pinochet-Regime verfolgt worden. Hier bei uns hat er eine neue Familie gefunden.«

Vernoux machte sich Notizen. Er ahnte, dass er sich da einiges aufgehalst hatte. Und doch spürte Kasdan, dass er Blut geleckt hatte.

»Hatte er Familie in Paris?«

»Weder Ehefrau noch Kinder, soweit ich weiß …« Sarkis überlegte. »Wilhelm war zurückhaltend und sehr diskret.«

In Gedanken rief Kasdan sich das Bild des Chilenen vor Augen. Der Mann spielte an zwei Sonntagen im Monat während der Messe die Orgel, und er leitete mittwochs die Chorproben. Er hatte keine Freunde in der Ephorie, der Verwaltung der Kathedrale. Ein Mann um die sechzig, schmächtig, unscheinbar. Ein Phantom, das an den Mauern entlangschlich, zweifellos gebrochen durch das Martyrium, das er erlitten hatte.

Der Armenier horchte auf, als Vernoux fragte:

»Vielleicht hatte es jemand auf ihn abgesehen!«

»Nein«, entgegnete Sarkis, »das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Keine politischen Probleme? Oder ehemalige Feinde in Chile?«

»Pinochet hat sich 1973 an die Macht geputscht. Götz kam in den achtziger Jahren nach Frankreich. Da ist wohl alles verjährt. Im Übrigen wird Chile schon seit Jahren von keiner Militärjunta mehr regiert. Und Pinochet ist kürzlich gestorben. Das sind alles alte Geschichten.«

Vernoux schrieb noch immer. Kasdan fragte sich, wie groß die Chancen des Polizisten waren, den Fall zu behalten. Normalerweise würde der Staatsanwalt die Mordkommission mit den Ermittlungen betrauen, es sei denn, Vernoux überzeugte ihn davon, dass er über stichhaltige Informationen verfügte und die Ermittlungen zügig zum Abschluss bringen könnte. Kasdan wettete auf diese Version. Er hoffte es jedenfalls. Mit dem Muskelpaket würde er leichter zurechtkommen als mit seinen ehemaligen Kollegen von der Mordkommission.

»Was hat er hier gemacht?«, fuhr der Hauptmann fort. »Ich meine: allein in der Kirche?«

»Er kam mittwochs immer früher«, erklärte Sarkis. »Er spielte Orgel, während er auf die Kinder wartete. Ich habe ihn immer zu dieser Zeit begrüßt. Das wollte ich auch heute tun …«

»Um wie viel Uhr genau?«

»16.15 Uhr. Ich habe ihn da oben gefunden und sofort Lionel angerufen, der früher Polizist war. Er hat es Ihnen bestimmt gesagt. Dann habe ich Sie angerufen.«

Kasdan fiel es wie Schuppen von den Augen: Als Sarkis die Leiche entdeckt hatte, hielt sich der Mörder vielleicht noch auf der Empore auf. Er war geflohen, als der Geistliche fortgegangen war, um ihn, Kasdan, zu verständigen. Wäre er ein paar Sekunden früher eingetroffen, wäre er ihm vielleicht auf der steinernen Treppe begegnet.

Vernoux wandte sich an Kasdan:

»Was haben Sie in der Verwaltung gemacht?«

»Ich leite mehrere Vereine, die mit der Pfarrei verbunden sind. Wir bereiten Veranstaltungen fürs kommende Jahr vor. 2007 ist das Armenien-Jahr in Frankreich.«

»Was für Veranstaltungen?«

»Wir organisieren gerade die Reise armenischer Kinder, die Französisch lernen und im Februar zum Wohltätigkeitskonzert von Charles Aznavour im Palais Garnier kommen sollen. Wir nennen sie ›junge Botschafter‹ und …«

Sein Handy läutete.

»Entschuldigen Sie bitte.«

Kasdan trat zur Seite.

»Hallo?«

»Mendez.«

»Wo bist du?«

»Was glaubst du?«

»Ich komme.«

Kasdan entschuldigte sich ein weiteres Mal bei Sarkis und Vernoux und schlüpfte durch die kleine Tür, die ins Kirchenschiff führte. Ricardo Mendez war einer der besten Gerichtsmediziner, ein alter Fuchs kubanischer Abstammung. Bei der Mordkommission nannten ihn alle nur »Mendez-France«.

Der Gerichtsmediziner kam gerade die Treppe herunter, als Kasdan den von Kerzen erhellten Haupteingang erreichte. Die beiden Männer grüßten sich knapp.

»Was kannst du mir sagen? Wie ist er gestorben?«

»Keine Ahnung.«

Der korpulente Mendez trug einen zerknautschten beigefarbenen Regenmantel. Sein Teint erinnerte an eine Zigarre, seine Haare hatten die Farbe von Zigarrenasche. Mit seiner alten Schulmappe unter dem Arm wirkte er stets wie ein Lehrer, der verspätet zum Unterricht erscheint.

»Keine Verletzungen?«

»Bis jetzt habe ich nichts gefunden. Wir müssen die Autopsie abwarten. Aber auf den ersten Blick keine Wunde, nein. Keine zerrissene Kleidung.«

»Und Blut?«

»Es gibt Blut, aber keine Wunde.«

»Hast du eine Erklärung dafür?«

»Meiner Meinung nach stammt es aus einer natürlichen Körperöffnung. Mund, Nase, Ohren. Oder eine Verletzung der Kopfhaut, solche Wunden bluten immer stark. Aber bis jetzt ist mir nichts aufgefallen.«

»Könnte sein Tod eine natürliche Ursache haben? Ich meine eine Krankheit, einen Anfall?«

»Keine Sorge«, feixte der Kubaner, »dein Typ ist kaltgemacht worden. Ohne Frage. Aber um herauszufinden, wie das passiert ist, muss ich zum Kern der Sache kommen. Heute Abend weiß ich mehr.«

Mendez lispelte leicht, sodass man leicht den Eindruck bekam, er wäre einer spanischen Operette entsprungen.

»Ich kann nicht warten«, sagte Kasdan. »In einigen Stunden wird mir die Sache entgleiten. Verstehst du?«

»Klaro. Wieso red ich überhaupt mit dir?«

»Weil das hier mein Zuhause ist und irgend so ein Dreckskerl die Kirche meiner Väter entweiht hat!«

»Sobald der Leichnam ins gerichtsmedizinische Institut überführt wurde, wird sich niemand mehr mit dir befassen, Herzchen. Dann bist du nur noch ein Polizist im Ruhestand, der mit seinen Fragen alle Welt nervt.«

»Gibst du mir ’nen Tipp?«

»Ruf mich an. Aber rechne nicht mit einer Kopie des Berichts. Ein Tipp oder zwei, mehr nicht.«

Der Kubaner reckte seinen Zeigefinger neben der Schläfe, ein Cowboy-Gruß, und ging, seine Schulmappe fest an sich drückend, hinaus. Kasdan betrachtete das Kirchenschiff, das im Licht der Scheinwerfer funkelte. Die vier Bögen rahmten den Saal ein, und der Baldachin beherbergte das Porträt der Muttergottes. Er kam jeden Sonntag hierher, um der über zweistündigen Messe beizuwohnen, die von Gesängen und Weihrauch erfüllt war. Dieser Ort war für ihn wie ein zweiter Mantel, der ihn mit einer unzerstörbaren Wärme und Solidarität umfing. Die Riten. Die Stimmen. Die vertrauten Gesichter. Und das Blut Armeniens, das in ihren Adern floss.

Schritte auf der Treppe. Hugues Puyferrat kam herunter und zog die Kapuze zurück. Der Armenier erriet sogleich, dass er etwas gefunden hatte.

»Der Abdruck einer Schuhsohle«, bestätigte der Techniker seine Vermutung, »zwischen den Blutspritzern, hinter den Orgelpfeifen.«

»Der Mörder?«

»Wohl eher ein Zeuge. Schuhgröße 36. Entweder ist dein Mörder ein Zwerg, oder es war einer der Chorknaben, was ich für wahrscheinlicher halte. Und er hat alles gesehen.«

Kinderlärm im Hof. Bislang hatte Kasdan gar nicht darauf geachtet. Er stellte sich folgende Szene vor: Ein kleiner Junge geht hinauf, um mit Götz zu sprechen. Er platzt in die Auseinandersetzung zwischen dem Organisten und seinem Mörder hinein. Versteckt sich hinter den Orgelpfeifen und schleicht sich dann, im Schockzustand, still und heimlich wieder die Treppe hinunter.

Kasdan griff nach seinem Handy und rief Hohvannès, den Küster, an.

»Kasdan. Sind alle Kinder noch da?«

»Einige brechen gerade auf. Ihre Eltern sind eingetroffen.«

»Programmänderung. Kein Kind verlässt das Gelände, bevor ich es befragt habe. Keines, verstanden?«

Er legte auf und blickte Puyferrat fest in die Augen:

»Kannst du mir einen Gefallen tun?«

»Nein.«

»Danke. Kein Wort zu Vernoux, dem Typen von der Kripo. Ich meine: nicht gleich!«

»Ich werde meinen Bericht schreiben.«

»Sicher. Vernoux wird also erst von dem Abdruck erfahren, wenn du ihm den Bericht gibst. Das gibt mir zwei oder drei Stunden Vorsprung. Kannst du das für mich tun?«

»Er wird meinen Bericht heute Abend vor Mitternacht bekommen.«

Kapitel 3

»Wie heißt du?«

»Benjamin, Benjamin Zarmanian.«

»Wie alt bist du?«

»Zwölf.«

»Wo wohnst du?«

»Rue du Commerce 84, im 15. Arrondissement.«

Kasdan notierte sich die Angaben. Puyferrat hatte ihm weitere Einzelheiten mitgeteilt. Seines Erachtens passte das Muster des Abdrucks zu einem Basketballschuh der Marke Converse. »Ich trage die gleichen«, hatte der Techniker hinzugefügt.

Kasdan hatte Hohvannès aufgefordert, den Jungen zu finden, der diese Schuhe trug. Der Küster hatte gleich sieben Kinder aufgetrieben, die alle zweifarbige Basketballschuhe anhatten. Offensichtlich war das der Schuh des Winters 2006.

»In welche Klasse gehst du?«

»In die fünfte.«

»Welches Gymnasium?«

»Victor-Duruy.«

»Und du singst im Chor?«

Kurzes Nicken. Es war der dritte Junge, den er befragte, und er erhielt nur einsilbige Antworten, zwischen denen es lange Pausen gab. Kasdan erwartete keine spontane Zeugenaussage. Er hielt vielmehr Ausschau nach Anzeichen von Nervosität oder eines seelischen Schocks bei dem Zeugen des Verbrechens. Bislang vergeblich.

»Was für eine Stimmlage hast du?«

»Sopran.«

Kasdan notierte sich das. Zwar hatte es nichts mit dem Mord zu tun, aber in diesem Stadium musste man jedes Detail festhalten.

»Was probt ihr gerade?«

»Etwas für Weihnachten.«

»Was?«

»Ein Ave Maria.«

»Ist das ein armenisches Lied?«

»Nein, ich glaube, es ist von Schubert.«

Widerstrebend hatte Sarkis diesen Verstoß gegen die Orthodoxie genehmigen müssen. Alles ging verloren.

»Spielst du außerdem noch ein Instrument?«

»Klavier.«

»Macht es dir Spaß?«

»Nicht besonders.«

»Was macht dir dann Spaß?«

Er zuckte wieder mit den Schultern. Sie befanden sich in der Küche, unterhalb der Verwaltung der Gemeinde. Die anderen Kinder warteten im Nebenraum, der Bibliothek. Der Armenier wollte den zeitlichen Ablauf der Ereignisse klären:

»Wohin bist du nach dem Religionsunterricht gegangen?«

»In den Hof. Ich habe gespielt.«

»Was?«

»Fußball, mit den anderen.«

»Bist du nicht in die Kirche zurückgegangen?«

»Nein.«

»Hast du nicht Herrn Götz aufgesucht?«

»Nein.«

»Sicher?«

»Ich bin kein Schleimer.«

Der Junge hatte das mit einer rauen, für sein Alter seltsam ernsten Stimme gesagt. Er trug ein weißes Hemd, einen Jacquard-Pullover und eine Kordhose. Eine große Brille rundete den Typ »Muttersöhnchen« ab. Allerdings spürte man bei ihm eine stumme Aufsässigkeit, den Willen, dieses Image zu zerstören. Er zappelte unentwegt in seinem Pullover, als wäre er eine Haut, die juckte.

»Was für eine Schuhgröße hast du?«

»Weiß nicht. 36, glaube ich.«

Sollte er sämtliche Paare Converse einsammeln lassen, markieren, nummerieren und zur Analyse ins Labor geben? Aber auch das würde keine verlässlichen Ergebnisse bringen, denn womöglich hatte der erschrockene Junge seine Schuhe abgespült. Und vor allem hatte Kasdan nicht die Befugnis, eine solche Untersuchung anzuordnen.

»Okay«, sagte er, »du kannst gehen.«

Der Junge verschwand. Kasdan warf einen Blick auf seine Liste. Der Erste, Brian Zarossian, war am redseligsten gewesen. Ein Junge von neun Jahren. Nach seiner Befragung hatte Kasdan auf seinen Zettel geschrieben: nein. Der zweite, Kevin Davtian, elf Jahre, war widerspenstiger gewesen. Kräftige Statur, breite Stirn, kurz geschorenes schwarzes Haar. Auf die Fragen Kasdans hatte er nur mit einzelnen Lauten geantwortet. Aber keine Anzeichen von Nervosität. Nein.

Es klopfte. Der vierte Junge trat ein. Ein spilleriger Typ mit zerzaustem Haar. Ein enger schwarzer Parka, ein weißes Hemd, dessen Kragen zwei blasse Fittiche auf seine Schultern zeichnete. Er glich dem Anführer einer Rockband.

David Simonian, zwölf Jahre, wohnhaft in der Rue d’Assas 27, 6. Arrondissement. In der zweiten Klasse im Montaigne-Gymnasium. Alt. Schuhgröße 37.

»Du bist der Sohn des Gynäkologen Pierre Simonian?«

»Ja.«

Kasdan kannte den Vater des Jungen, der seine Praxis am Boulevard Raspail im 14. Arrondissement hatte. Nach der Befragung schwieg er und beobachtete den Jungen aus den Augenwinkeln. Noch einmal versuchte er, eine verborgene Regung von Angst aufzuspüren. Nichts. Er probierte es anders:

»War Monsieur Götz sympathisch?«

»Es geht.«

»Streng?«

»Na ja. Er war …« Der Junge schien nachzudenken. »Er war so wie seine Partituren.«

»Das heißt?«

»Er redete wie ein Roboter. Sachen wie ›halte deinen Ton‹, ›deine Luftströmung‹, ›sing klar und deutlich‹, immer dasselbe. Er gab uns sogar Punkte.«

»Punkte?«

»Punkte für Gesang, Ausdruck, Körperhaltung … Nach jedem Konzert gab er uns Zensuren. Aber damit konnte er uns mal.«

Kasdan stellte sich vor, wie Götz den Knabenchor dirigierte, besessen von Details, die nur ihn interessierten. Was konnte jemanden dazu veranlassen, einen so harmlosen, verschrobenen Mann umzubringen?

»Hat er außerhalb des Gesangsunterrichts mit euch gesprochen?«

»Nein.«

»Hat er nie sein Heimatland Chile erwähnt?«

»Nein.«

»Weißt du, wo Chile liegt?«

»Nicht genau, nein. In Geographie nehmen wir gerade Europa durch.«

»Hast du vorhin im Hof gespielt?«

»Ja. Wie jeden Mittwoch nach dem Religionsunterricht.«

»Ist dir nichts Ungewöhnliches aufgefallen?«

»Zum Beispiel?«

»Wirkte einer deiner Kameraden vielleicht verängstigt? Hat einer geweint?«

Der Junge warf ihm einen verständnislosen Blick zu.

»Okay, sag dem Nächsten, er soll reinkommen.«

Kasdan starrte auf das Kreuz an der Mauer über dem Kühlschrank. Sein Blick wanderte zu dem Spülbecken aus rostfreiem Metall und dem Wasserhahn – er hatte einen trockenen Mund, wollte aber nichts trinken. Sich nicht entspannen, nicht nachlässig werden. Er sagte sich noch einmal, dass einer der Jungs den Mörder gesehen hatte. Verflixt. Ein Augenzeuge, das ist schon mal was …

Die Tür ging auf. Der fünfte Junge trat herein. Klein, aber schon ein Dandy. Gründlich zerzaustes schwarzes Haar, das bis in die Augen fiel. Sehr helle, fast milchige Augen. Er trug einen militärischen Drillichanzug und einen Rucksack, der mit Steinen gefüllt schien. Mit eingezogenen Schultern und mürrischer Miene spielte er an einem flachen Kasten. Ein Videospiel. Kasdan musterte den Gegenstand und verspürte einen jähen Schwindel. Handy, Internet, MSN … eine Multimedia-Generation, übersättigt mit Bildern, Tönen und unverständlichen Hieroglyphen.

Er stellte seine Fragen. Harout Zacharian, zehn Jahre. Rue Ordener 72, 18. Arrondissement. In der fünften Klasse der Grundschule in der Rue Cavé. Sopran. Schuhgröße 36. Der Junge spielte unbeeindruckt weiter. Keine Spur von Nervosität. Kasdan versuchte es mit einigen indirekten Fragen, auf die er jedoch nur nichtssagende Antworten erhielt. Der Nächste.

Ella Kareyan, elf Jahre. Rue La Bruyère, 34. In der Sexta des Condorcet-Gymnasiums. Bass. Schuhgröße 36. Besondere Merkmale: Geiger und Judoka. Redete wie ein Wasserfall. Jeden Mittwoch nach dem Gesangsunterricht betrieb er Kampfsport. Heute hatte er wegen »dieser Sache« den Kurs verpasst. So würde er es nie zum orangefarbenen Gürtel bringen. Der Nächste.

Timothée Avedikian, dreizehn Jahre. Ein kurzer Blick auf seine Schuhe genügte Kasdan, um zu begreifen, dass das nicht sein Zeuge sein konnte. Er war hoch aufgeschossen und hatte mindestens Schuhgröße 39. Der Form halber befragte er ihn. Rue Sadi-Carnot 45, in Bagnolet. In der Quarta. Bass. Der Junge hatte eine Passion: Gitarre, E-Gitarre. Der Ex-Polizist musterte ihn eingehend: glattes Haar, runde Brille. Er wirkte eher wie ein Streber als wie ein »Gitarrenheld«.

Zwischen vier Uhr und halb fünf war Timothée im Hof gewesen, um sich auf dem Handy mit seiner »Freundin« zu unterhalten. Ein letzter Blick auf die Brille. Keine Doppelbödigkeit, keine Geheimniskrämerei.

»Du kannst gehen«, sagte der Armenier schließlich.

Die Küchentür fiel leise in Schloss.

Kasdan betrachtete seine Liste: Fehlanzeige.

Er hatte seine beste Chance, voranzukommen, vertan.

19.30 Uhr.

Kasdan stand auf. Er wusste, wie er weiter vorgehen würde.

Aber zuerst musste er nach Alfortville fahren – Lebensmittel holen.

Kapitel 4

Die Marmorbüsten der ehemaligen Direktoren des Gerichtsmedizinischen Instituts standen in der Eingangshalle des Gebäudes. Orfila (1819-1822), Tardieu (1861-1879), Brouardel (1879-1906), Thoinot (1906-1918) …

»Offen gesagt, du wirst lästig.«

Kasdan drehte sich um: Ricardo Mendez im grünen Kittel, eine Plakette mit der Aufschrift »GMI« um den Hals, war gerade erschienen. In diesem Aufzug wirkte er so, als wäre er aus einer spanischen Operette direkt in eine Folge von Emergency Room versetzt worden. Aber mit seinem dunklen Teint bewahrte er etwas Sonniges, den Charme der Karibik.

Kasdan zwinkerte ihm zu und zeigte auf die Statuen:

»Glaubst du, dass eines Tages deine Büste auch hier stehen wird?«

»Du gehst mir echt auf den Wecker. Ich hab dir doch gesagt, dass ich dich anrufe.«

Der Armenier schwenkte eine Flasche und eine Plastiktüte.

»Du brauchst eine kleine Pause: Das lese ich in deinen Augen. Ich habe das Abendessen mitgebracht!«

»Keine Zeit. Hab alle Hände voll zu tun.«

Der ehemalige Polizist deutete auf den in Dunkelheit gehüllten Garten im Innenhof des Gebäudes, hinter den Fenstern.

»Ein Picknick im Freien, Ricardo. Wir essen, stoßen an, und schon bin ich wieder weg.«

»Du bist eine richtige Nervensäge.« Mendez zog seine Handschuhe aus und stopfte sie in die Tasche seines Kittels. »Fünf Minuten und keine Sekunde mehr!«

Seit den neunziger Jahren war der Innenhof des Leichenschauhauses auf Betreiben von Frau Professor Dominique Lecomte, der Direktorin des Gerichtsmedizinischen Instituts, in einen Blumengarten verwandelt worden. Ein Ort der Andacht, verziert mit Buchsbäumen, Maiglöckchen, Osterglocken und Fliederbüschen. Linker Hand bildete eine Weide ein Gegengewicht zu dem ausgetrockneten Brunnen in der Mitte, der mit seinem hellen, runden Becken wohltuend wirkte. In den Backsteingewölben der rechten Fassade befanden sich sogar Fresken: halb verblasste, sanftmütige Frauen in schmachtenden Posen.

Die beiden sechzigjährigen Männer ließen sich auf einer Bank nieder, die so aussah, als wäre sie in einem öffentlichen Garten gestohlen worden. Kasdan zog in Alufolie eingeschlagene kleine Päckchen heraus. Vorsichtig öffnete er eines davon und murmelte:

»Pahlavas – mit Honig und Nüssen gefüllte dünne Pfannkuchen.«

»Hast du die unter den Achseln gerollt?«, gluckste Mendez.

»Probier, bevor du meckerst!«, sagte Kasdan und hielt ihm eine Papierserviette hin.

Der Gerichtsmediziner griff nach einem der Pfannkuchen, die in dreieckige Stücke geschnitten waren, und biss herzhaft hinein. Kasdan folgte seinem Beispiel. Schweigend genossen die beiden Männer ihre Mahlzeit. Aus der Ferne hörte man den dumpfen Verkehrslärm von der Schnellstraße, die hinter dem Leichenschauhaus entlangführte, und hin und wieder das Pfeifen der Hochbahn.

»Hast du die Nachrichten gesehen?«, fragte Kasdan, um von seinem eigentlichen Anliegen abzulenken. »In der Nationalversammlung tut sich etwas in unserem Sinne. Sie beraten über einen Gesetzesentwurf, der …«

»Ich warne dich«, unterbrach ihn Mendez mit vollem Mund, »wenn du mir vom Völkermord an den Armeniern erzählst, spring ich gleich über die Mauer und werfe mich auf die Schnellstraße.«

»Du hast recht. Ich muss aufpassen. Ich komme ins Schwafeln.«

»Du warst schon immer ein Schwätzer.«

Kasdan lachte und kramte wieder in seiner Tasche. Er zog zwei Plastikbecher heraus und füllte sie mit einer zähen weißlichen Flüssigkeit:

»Mazoun«, erklärte er, »hergestellt auf Joghurtbasis. Wusstest du, dass die Armenier den Joghurt erfunden haben?«

Sie stießen an. Mendez schnappte sich noch einen Pfannkuchen:

»Sind gut, deine Leckereien. Hast du sie selbst gemacht?«

»Nein, eine Bekannte, eine Witwe aus Alfortville.«

»Eine Affäre, wie?«

»Eine Puppe.«

Die Hochbahn kreischte über ihren Köpfen.

»Die Witwen …«, wiederholte der Kubaner nachdenklich, »ich sollte auch mal dran denken. In meinem Metier mangelt es daran nicht.«

Kasdan füllte ihre Becher ein weiteres Mal und verschränkte die Arme:

»Ich glaube, ich werde verreisen.«

»Wohin?«

»In meine Heimat. Diesmal werde ich eine Rundreise machen.«

»Eine Rundreise?«

»Mein alter Freund, wenn du mir öfter zugehört hättest, wüsstest du, dass Armenien in empörender Weise zerstückelt und zurechtgestutzt wurde. Von den 350.000 Quadratkilometern des historischen Armeniens ist nur noch ein kleiner Staat übrig, der gerade einmal ein Zehntel dieser Fläche umfasst.«

»Was ist mit dem Rest passiert?«

»Den hat sich hauptsächlich die Türkei einverleibt. Ich werde meinen Namen ändern und die Grenze nach Anatolien überschreiten.«

»Wozu deinen Namen ändern?«

»Weil du schikaniert wirst, wenn du in die Türkei kommst und dein Name auf ›an‹ endet. Und wenn du dann noch den Berg Ararat besteigen willst, drängen sie dir eine militärische Eskorte auf, und du kannst nie sicher sein, ob du zurückkommst.«

»Was willst du da unten machen?«

»Die ältesten Kirchen der Welt besichtigen! Als die Christen noch in römischen Zirkussen zerfleischt wurden, bauten wir Armenier bereits unsere Kirchen. Ich möchte der Route dieser Stätten folgen, die ab dem fünften Jahrhundert erbaut wurden. Martyria – Mausoleen, in denen die sterblichen Überreste von Märtyrern liegen, in Felswände geschlagene Kapellen, Stelen … Anschließend werde ich mir die Basiliken des siebten Jahrhunderts des Goldenen Zeitalters, ansehen. Ich habe meine Route bereits geplant.«

Mendez nahm noch einen Pfannkuchen:

»Wirklich gut, deine Schweinereien …«

Kasdan lächelte. Er wartete darauf, dass die Speisen ihre Wirkung taten. Der Honig, die Nüsse, der Zucker. Sobald diese Nährstoffe ins Blut des Kubaners gelangten, würden sich all seine Widerstände auflösen. Der Gerichtsmediziner kaute noch immer, ohne zu ahnen, dass der Pfannkuchen seinerseits an ihm kaute.

»Schön«, sagte der Armenier schließlich, »was erzählt der Leichnam?«

»Herzanfall.«

»Du hast mir doch versichert, dass es ein Mord wäre!«

»Wart’s ab. Ein Herzanfall, ausgelöst durch einen starken Schmerz.«

Kasdan dachte an den Schrei, der in der Orgel eingesperrt war.

»Um genau zu sein, ein Schmerz in den Trommelfellen. Das Blut kam aus den Ohren.«

»Hat man ihm die Trommelfelle durchstochen?«

»Die Trommelfelle und den Rest des Gehörorgans, ja. Eine HNO-Spezialistin ist gekommen, um all dies zu überprüfen. Man sieht auf den ersten Blick, dass der Mörder mit großer Gewalt einen spitzen Gegenstand in jedes Ohr getrieben hat. Wenn ich sage ›mit großer Gewalt‹, dann meine ich das so. Wenn es plausibel wäre, würde ich von einer Stricknadel oder einem Hammer sprechen.«

»Kannst du dich etwas genauer ausdrücken?«

»Wir haben das Organ durch einen Ohrenspiegel betrachtet. Die Spitze hat das Trommelfell durchbohrt, die Gehörknöchelchen zerstört und ist in die Schnecke eingedrungen. Um so tief vorzustoßen, muss man jemanden wirklich hassen. Dein Chilene hatte keine Chance. Sein Herz ist plötzlich stehen geblieben.«

»Ist das so schmerzhaft?«

»Hast du schon mal eine Ohrenentzündung gehabt? Der Gehörapparat ist gespickt mit Nervenbahnen.«

Während seiner vierzigjährigen Laufbahn als Polizist war Kasdan noch nie eine solche Geschichte untergekommen.

»Kann man tatsächlich vor Schmerzen sterben? Ist das keine Legende?«

»Es wäre zu kompliziert, dir alles im Detail zu erläutern, aber der Mensch besitzt zwei Nervensysteme, das sympathische und das parasympathische. All unsere Vitalfunktionen basieren auf dem Gleichgewicht zwischen diesen beiden Systemen: Herzschlag, Blutdruck, Atmung. Starker Stress kann dieses Gleichgewicht stören und gravierende Folgen für diese Mechanismen haben. Das geschieht beispielsweise, wenn ein Mensch beim Anblick von Blut in Ohnmacht fällt. Der emotionale Schock erzeugt ein Ungleichgewicht zwischen den beiden Systemen und bewirkt eine Erweiterung der Arterien. Man wird sofort ohnmächtig.«

»Aber hier war es keine einfache Bewusstlosigkeit.«

»Nein, der Stress war wirklich stark. Das Gleichgewicht wurde augenblicklich zerstört. Und das Herz hat versagt. Der Mörder wollte, dass das Opfer vor Schmerzen stirbt. Das war das Ziel der Übung. Was hatte Götz getan, dass ihn jemand derart hasste?«

»Was kannst du mir über das Tatwerkzeug sagen?«

»Eine sehr lange, sehr widerstandsfähige Nadel, zweifellos aus Metall. Morgen werden wir mehr wissen.«

»Wartest du auf die Ergebnisse der Analysen?«

»Ja. Wir haben Knochen aus dem Felsenbein entnommen, das die Schnecke enthält. Wir haben die Probe zum Nachweis von Metallresten ins Labor für Biophysik des Hôpital Henri-Mondor geschickt. Meines Erachtens werden sie winzige Metallsplitter finden, die von der Spitze abgerieben wurden, als sie am Knochen scheuerte.«

»Bekommst du die Ergebnisse der Analysen?«

»Zuerst meine HNO-Spezialistin.«

»Wie heißt sie?«

»Vergiss es. Ich kenne dich. Du wirst sie mitten in der Nacht anrufen.«

»Wie heißt sie, Mendez?«

Ricardo seufzte, während er einen Zigarillo aus seiner Tasche zog:

»France Audusson, HNO-Klinik im Klinikum Trousseau.«

Kasdan schrieb den Namen in sein Notizbuch. Seit einigen Jahren ließ sein Gedächtnis nach.

»Und die toxikologischen Analysen?«

»In zwei Tagen. Aber man wird nichts finden. Der Fall ist klar, Kasdan. Nicht banal, aber klar.«

»Was kannst du mir über den Mörder selbst sagen?«

»Große Kraft und große Schnelligkeit. Er hat die beiden Trommelfelle durchstochen, tschak-tschak, und schon brach der Organist zusammen. Die Handbewegung wurde sehr schnell und präzise ausgeführt.«

»Glaubst du, dass er anatomische Kenntnisse besitzt?«

»Nein, aber er ist geschickt und hat richtig gezielt.«

»Kannst du etwas über seine Größe und sein Gewicht sagen?«

»Nein, nur über seine Kraft. Man muss eine gewaltige Kraft aufwenden, um den Knochen zu durchbohren. Es sei denn, er hätte eine Technik angewandt, an die ich noch nicht gedacht habe.«

»Hast du keine Fingerabdrücke auf seinem Körper gefunden? Etwa auf den Ohrläppchen? Speichelreste oder Spuren anderer Stoffe, an denen man eine DNA-Analyse vornehmen könnte?«

»Fehlanzeige! Der Mörder hat sein Opfer nicht berührt. Der spitze Gegenstand war der einzige Kontakt.«

Kasdan erhob sich und legte die Hand auf die Schulter des Gerichtsmediziners:

»Danke, Mendez.«

»Nichts zu danken. Ich gebe dir noch einen guten Rat: Lass die Finger davon. Das ist nichts mehr für Leute in deinem Alter. Bei den Typen von der Mordkommission ist der Fall in guten Händen. Sie werden den Mistkerl, der das getan hat, in weniger als zwei Tagen identifiziert haben. Bereite dich auf deine Reise vor und belästige niemanden mehr.«

Kasdan murmelte, wobei sein Atem in der kühlen Luft kondensierte:

»Der Mörder hat mein Territorium geschändet. Ich werde ihn finden. Ich bin der Tempelwächter.«

»Du bist vor allem die größte Nervensäge.«

Kasdan schenkte ihm sein schönstes Lächeln:

»Ich lass dir die Pfannkuchen.«

Kapitel 5

Wilhelm Götz wohnte in der Rue Gazan 15-17, gegenüber dem Park Montsouris.

Kasdan überquerte die Seine auf dem Pont d’Austerlitz und fuhr den Boulevard de l’Hôpital hinauf bis zur Place d’Italie. Dort folgte er der Hochbahn bis zum Boulevard Auguste-Blanqui und fuhr weiter zur Place Denfert-Rochereau, wo er in die Avenue René-Coty einbog, die bereits die Stille und die Weite des Park Montsouris am Ende der Verkehrsader in sich trägt.

Vor dem Park bog er nach links ab und stellte sein Auto in der Avenue Reille ab, etwa dreihundert Meter von seinem Ziel entfernt. Reine Vorsichtsmaßnahme.

Während der Fahrt hatte er darüber nachgebrütet, weshalb er nichts aus den Kindern herausgebracht hatte. Er hatte sich auf diese Chance gestürzt und nichts daraus gemacht. Eine verpatzte Vernehmung war eine verbrannte Chance. Aus den Jungen würde man nichts mehr herausbekommen. Er hatte wirklich Mist gebaut.

»Das ist nichts mehr für Leute in deinem Alter«, hatte Mendez gesagt. Vielleicht hatte er recht. Aber Kasdan konnte diesen Mörder nicht laufen lassen. Dass die Gewalt ihn in seinem Refugium heimgesucht hatte, war ein Zeichen. Er musste den Fall lösen. Dann ab durch die Mitte. Die große Reise. Die urchristlichen Kirchen. Die steinernen Kreuze. Die frühgeschichtlichen Stelen.

Kasdan vergewisserte sich, dass die Avenue tatsächlich menschenleer war, dann schaltete er die Deckenleuchte ein. In der Ephorie hatte er die Karteikarte von Wilhelm Götz mitgehen lassen, die dieser selbst bei seinem Dienstantritt ausgefüllt hatte. Der Chilene hatte sich kurz gefasst. Geboren 1942 in Valdivia (Chile). Junggeselle. Wohnhaft in Paris seit 1987.

Zum Glück hatte Sarkis den Musiker selbst befragt und unten auf dem Blatt mit Bleistift einige Notizen hinzugefügt. Götz hatte bis 1964 in Valparaiso Musik studiert. Klavier, Orgel, Harmonie- und Kompositionslehre. Anschließend hatte er sich in Santiago niedergelassen, wo er am Konservatorium Professor für Klavier geworden war. Er hatte damals am politischen Leben des Landes teilgenommen und Salvador Allende bei seinem Aufstieg zur Macht begleitet. 1973 folgte dann der Staatsstreich von Pinochet. Götz war verhaftet und verhört worden. Dann ein schwarzes Loch. 1987 tauchte Götz als anerkannter politischer Flüchtling wieder in Frankreich auf.

In zwanzig Jahren hatte sich der Chilene eine Existenz in Paris aufgebaut; er war Organist in etlichen Kirchengemeinden gewesen und hatte einige Chöre geleitet. Hinzu kam privater Klavierunterricht. Nicht gerade umwerfend, aber es genügte, um seinen Lebensunterhalt in der Hauptstadt zu sichern und dort die Annehmlichkeiten einer guten alten Demokratie zu genießen. Wilhelm Götz hatte den Traum jedes Einwanderers verwirklicht: in der Masse aufgehen.

Kasdan rief sich das Äußere des Chilenen vor Augen. Ein rotes Gesicht, schneeweißes Haar, eine hoch angesetzte kräftige Mähne, gekräuselt wie Schafsfell. Ansonsten keine besonderen Auffälligkeiten. Tief sitzende Augen unter dichten Brauen. Ein ausweichender Blick. Kasdan hatte ihm immer misstraut. Ein Odar – ein Nicht-Armenier …

Der Ex-Polizist verscheuchte diese unvermittelt in ihm aufschießenden rassistischen Gedanken. Ihm wurde klar, wie wenig Mitgefühl er für den Toten empfand. War er gefühllos? Oder war er einfach zu alt, um etwas zu empfinden? Im Verlauf seines Berufslebens hatte er sich ein immer dickeres Fell zugelegt. Vor allem in den letzten Jahren, bei der Mordkommission, wo kalte Körper und scheußliche Geschichten an der Tagesordnung waren.

Kasdan schaltete die Deckenleuchte aus, nahm aus dem Handschuhfach eine Stiftlampe Searchlight, Chirurgenhandschuhe und ein Stück von einer Röntgenaufnahme. Er stieg aus dem Wagen, verriegelte ihn und musterte im Vorbeigehen die Karosserie. Vorsichtig kratzte er ein kleines Häufchen Vogeldreck ab und betrachtete anschließend voller Zufriedenheit das Fahrzeug. Seit fünf Jahren hegte und pflegte er den Volvo-Kombi, den er sich bei seiner Pensionierung gekauft hatte. Tadellos.

Er ging die Avenue Reille in Richtung der Rue Gazan hinunter, entlang an dem eisernen Gitterzaun des Parks. Dabei atmete er die besondere Atmosphäre dieses Viertels ein, das an das 14. Arrondissement angrenzt. Ruhe. Stille. Wäre da nicht der ferne, dumpfe Lärm vom Boulevard Jourdan gewesen, hätte man glauben können, sich in einer Provinzstadt zu befinden.

An diesem 22. Dezember war die Luft beunruhigend mild. Diese unerklärliche Milde des Jahres 2006, die allen Menschen Angst einflößte, da sie in der mehr oder minder fernen Zukunft das Ende der Welt ankündigte.

Dieser Gedanke rief einen anderen hervor. Kasdan dachte an die künftigen Generationen. An seinen Sohn, David, von dem er seit zwei Jahren nichts gehört hatte – seit dem Tod seiner Frau Nariné. Ein Stich im Bauch. Wo war David heute? Befand er sich noch immer in Eriwan in der Republik Armenien? Als er fortgegangen war, hatte er angekündigt, dass er »Armenien erobern« werde. Als ob das nicht vor ihm schon Generationen von Eindringlingen beschlossen hätten …

Das Brennen in seinem Magen verwandelte sich in Wut. Man hatte ihm alles genommen – seine Familie und mit ihr die Möglichkeit, jene Mission zu schützen, die sein Leben fast dreißig Jahre lang bestimmt hatte. Hätte sich sein Zorn nur gegen den Himmel, gegen das Schicksal gerichtet! Aber er richtete sich im Grunde gegen ihn selbst. Wie hatte er seinen Sohn nur weggehen lassen können? Wie hatte er es zulassen können, dass Stolz, Zorn und Starrsinn sie auseinandergebracht hatten? Er hatte für seinen Sohn alles geopfert, und ein Krach, ein einziger, hatte genügt, um alle Brücken zwischen ihnen abzubrechen.

Die Rue Gazan kreuzte die Avenue Reille. Das Gebäude Nr. 15-17 befand sich einige Hausnummern weiter rechts, einer dieser hässlichen Häuserblocks aus den sechziger Jahren, deren Anblick schon genügte, um einen trübselig zu machen. Eine beige verputzte Fassade. Verdreckte Fensterscheiben. Verschmutzte Balkone mit Eisengittern. Der Chilene hatte diese Sozialwohnung zweifellos wegen seines Status als politischer Flüchtling erhalten.

Kasdan benutzte seinen Universalschlüssel und betrat die Eingangshalle. Halbdunkel, Marmorimitat, Glastüren. Der Armenier hatte jahrelang in einem Gebäude dieser Art gewohnt. Gebäude, die für den Wohnungsbau das waren, was Formica fürs Holz ist: ein billiges, äußerlich glänzendes Imitat, wo Generationen von Menschen dasselbe gleichförmige Leben führen, ohne Spuren zu hinterlassen.

Er näherte sich den Briefkästen und entdeckte ein Verzeichnis, in dem die Namen der Mieter und ihre Wohnungsnummern angegeben waren. Götz wohnte im zweiten Stock, Wohnung 204. Stumm stieg Kasdan die Treppe hinauf und ließ den Blick über den Flur schweifen. Niemand. Nur das gedämpfte Geräusch eines Fernsehers war zu hören. Er näherte sich der Nummer 204. Eine lackierte braune Sperrholztür. Das Schloss passte zum Rest. Ein »Zweipunkt«-Schloss, das keine Probleme bereitete. Kein Balkenschloss quer über den Rahmen. Die Polizisten waren noch nicht da gewesen. Es sei denn, Vernoux hätte – unauffällig – vorbeigeschaut. Er musste die Schlüssel in Götz’ Taschen gefunden haben …

Kasdan hielt das Ohr an die Tür. Nichts zu hören. Er zog das Fragment der Röntgenaufnahme heraus, das er in seiner Tasche zusammengerollt hatte, und zog es zwischen Tür und Rahmen durch. Die Tür war nicht verschlossen – Götz hatte keinerlei Argwohn gehegt. Rasch und energisch zog Kasdan das Fragment von oben nach unten durch den Spalt und drückte gleichzeitig mit der Schulter gegen die Tür. Wenige Sekunden später befand er sich im Innern der Wohnung.

Kaum hatte er die Diele betreten, hörte er ein Geräusch.

Eine Fenstertür wurde aufgestoßen.

Er schrie: »Polizei, stehen bleiben!« und stürmte durch den Flur. Gleichzeitig griff seine Hand ins Leere – er hatte keine Waffe dabei. Er stieß gegen ein Möbelstück, fluchte, eilte weiter, warf nervöse Blicke in die dunklen Räume, an denen er vorbeikam.

Am Ende des Gangs fand er das Wohnzimmer.

Die Fenstertür stand offen, und die Gardine bauschte sich im Wind.

Kasdan sprang auf den Balkon.

Ein Mann lief am Eisengitter des Parks entlang.

Wie hatte der Typ aus dem zweiten Stock springen können? Dann erblickte der Armenier den Lieferwagen, der direkt unter dem Balkon stand. Sein Dach war an der Stelle des Aufpralls eingedellt. Ohne weiter nachzudenken, kletterte Kasdan über die Brüstung und sprang.

Er prallte auf dem Blech auf, ließ sich auf die Seite rollen, hielt sich ungeschickt am Dachgepäckträger fest und purzelte neben der Tür herunter. Nachdem er sich aufgerappelt hatte, brauchte er einige Sekunden, um sich zu orientieren: die Straße, die Gebäude, die Gestalt, die einen Rucksack trug und bereits nach links in die Avenue Reille einbog.

Kasdan schäumte vor Wut:

»Verdammter Mist!«

Er rannte los. Seine tägliche Disziplin – allmorgendliches Joggen, Muskeltraining, strenge Diät – würde sich nun endlich auszahlen.

Avenue Reille.

Der Schatten lief zweihundert Meter vor ihm. In der Dunkelheit glich er einem Hampelmann, der am Schnürchen gezogen wurde: Er ruderte mit den Armen, und der Rucksack schlug im Rhythmus seiner Schritte gegen seine Schultern. Offenbar ein junger Mensch. Der unregelmäßige Takt seiner Schritte verriet seine Panik. Dagegen hatte Kasdan das Gefühl, dass sein Körper immer besser in Schwung kam. Er würde den Mistkerl einholen.

Der Hampelmann überquerte die Avenue René-Coty. Doch er bog nicht rechts in Richtung Denfert-Rochereau ab – Kasdan hätte gewettet, dass er diese Richtung nehmen würde –, sondern lief auf dem linken Gehsteig weiter geradeaus, entlang dem Trinkwasserspeicher von Montsouris. Kasdan wechselte seinerseits auf die andere Straßenseite. Er kam näher. Nur noch hundert Meter. Die Schritte der beiden Läufer hallten in der finstren Straße an der Außenmauer des riesigen Gebäudes wider, eine Art gigantischer Maya-Tempel mit Abdachungen.

Noch fünfzig Meter. Kasdan behielt den Rhythmus bei. Doch er musste den Jungen so schnell wie möglich einholen. In einigen Minuten würde er nicht mehr genügend Kraft haben, um ihn mit einem Satz zu Boden zu drücken. Außerdem begriff er, dass sich der Flüchtige in dem Viertel auskannte. Er war nicht zufällig in diese Straße hineingerannt. Er hatte einen Plan. Ein Auto?

Der Mann überquerte unvermittelt die Avenue und lief auf eine Bushaltestelle zu. Er hielt sich an dem Streckenschild des Pfostens fest, zog sich mit einem Klimmzug hoch und langte mit der anderen Hand nach dem Schild an der Pfostenspitze. Dann setzte er einen Fuß auf die Oberkante des ersten Schildes, stieß sich ab und sprang auf die Mauer des Speichers. Der ungelenke Mann bewies plötzlich eine überraschende Behändigkeit. Er rollte sich auf die Seite, erhob sich und lief mit sicheren Schritten weiter über die Mauerkrone. Das alles hatte keine fünf Sekunden gedauert.

Kasdan widerstrebte es, das gleiche Husarenstück zu wagen. Zumal weder der Pfosten noch das Schild seinen hundert Kilo standhalten würden. Doch es war zu spät, um eine andere Lösung zu finden. Er überquerte die Straße. Griff mit einer Hand nach dem oberen Schild, zog sich mit einem Satz hinauf. Das Schild gab nach, doch mit der anderen Hand hatte er bereits die Mauerkrone erreicht. Er hielt sich an ihr fest, stützte sich mit einem Ellbogen ab, machte einen Klimmzug und rollte sich plump über die Seite ab. Er hustete, spuckte aus und stand auf. Heftiges Herzklopfen und ein Gefühl des Stolzes. Er hatte es geschafft.

Er blickte auf. Der Flüchtige lief über den Gipfel des Hügelgrabs; seine Gestalt zeichnete sich deutlich vor dem pechschwarzen Hintergrund des Himmels ab. Eine kinematografische Vision. Würdig eines guten alten Hitchcock-Films. Der vor dem Nachthimmel laufende Schatten, eingerahmt von den beiden Aussichtsterrassen, die im Mondlicht glänzten.

Ohne nachzudenken, eilte Kasdan die Steinstufen hinauf, schwang sich über das Eisengeländer der Außentreppe und stürmte zum Flachdach der Pyramide hinauf. Am Ende seiner Kräfte und außer Atem kam er oben an.

Das, was er sah, raubte ihm den letzten Atem.

Drei Hektar Rasen, ein echtes Fußballfeld, das über Paris schwebte. Die Lichter der Straßen unter ihm erzeugten einen unwirklichen Lichthof, der den Mayatempel in ein lumineszierendes Raumschiff verwandelte.

Und dicht über dieser Fläche lief noch immer der Schatten, der die Einsamkeit des Menschen im Universum zu symbolisieren schien. Obwohl die Adern in seinem Kopf pochten und seine Lungen brannten, gestattete sich Kasdan noch einen kleinen ästhetischen Vergleich. Der Anblick erinnerte an ein Bild de Chiricos. Leere Landschaft, ins Unendliche laufende Linien. Allgegenwart des Nichts.

Kasdan lief wieder los, schnaufend, am Rand der Ohnmacht. Er hatte jetzt Seitenstechen und Schmerzen in den Knien. Er überquerte die riesige Fläche, den Spiegel der Nacht, spürte die Weichheit des Rasens unter seinen Sohlen. Der kleine Mann lief noch immer vor ihm …

Plötzlich hielt der Typ inne. Ein gläserner Pilz ragte vor ihm auf. Er beugte sich herab, hob eine Platte hoch, die im Mondlicht aufblitzte, und verschwand.

Der Mann war in den Speicher von Montsouris gesprungen.

Kapitel 6

Der Armenier gelangte zu der Dachluke, die offen stand. Es war so, wie er vermutet hatte: Der Flüchtige kannte sich hier bestens aus. Es war ihm gelungen, das Klappfenster blitzschnell zu öffnen. Hatte er die Schlüssel dafür? Das alles war wie ein Albtraum. Kasdan presste die Hand auf die Stelle, wo er das Seitenstechen spürte, und stieg die Treppe hinunter, die direkt in die Finsternis führte.

Spirale. Eisengeländer. Und dann schon die Feuchtigkeit. Am Fuß der Treppe blieb er stehen und wartete, bis sich seine Augen an die Finsternis gewöhnt hatten und der Ort, an dem er sich befand, im Halbdunkel Gestalt annahm. Er wusste, wo er war. Im Fernsehen hatte er einen Dokumentarfilm über diesen Wasserspeicher gesehen. Ein Drittel des Trinkwassers, das die Pariser täglich verbrauchten, wurde hier gespeichert. Tausende von Hektolitern Quellwasser, von mehreren Flüssen abgezweigt, geschützt gegen Wärme und Verunreinigungen, bis die Pariser es zum Trinken, Duschen, Geschirrspülen etc. verwendeten …

Kasdan hätte Zisternen erwartet, abgedeckte Becken. Aber das Wasser war da, zu seinen Füßen, ohne Abdeckung. Eine riesige grüne Fläche, gespickt mit Hunderten roter Säulen, die im Dunkeln schemenhaft zu erkennen waren. Zu dieser Nachtstunde stand das Wasser in den Becken sehr hoch. Offensichtlich nicht die Zeit, um eine Dusche zu nehmen. Kasdan zog seine Lampe heraus und senkte den Lichtkegel auf die Wasserfläche. Auf dem Boden des Beckens erkannte er Zahlen, die wie versunkene antike Mosaiken in die Füße der Säulen eingeschrieben waren: E 34, E 38, E 42 …

Kasdan lauschte. Kein Geräusch aus der Tiefe der Höhle, abgesehen von einem sanften Plätschern und einem seltsamen tiefen Widerhall. Wo war der Flüchtige? Entweder schon über alle Berge, nachdem er einen Weg eingeschlagen hatte, von dessen Existenz Kasdan nichts ahnte, oder ganz nahe, zusammengekauert in einer Nische, die er schon bald entdecken würde …

Kasdan ließ den Lichtkegel durch den Raum gleiten, um seine Umgebung besser zu erkennen. Er stand auf einer schmalen Galerie, die auf beiden Seiten in einen Gewölbekorridor mündete. Er entschied sich für die rechte Seite und tauchte in den schmalen Stollen ein. Die Wände schwitzten. Der Boden war übersät von Pfützen. Stellenweise reichte die Mauer auf der linken Seite nur bis in Hüfthöhe und gab den Blick auf die Becken frei. Eine flüssige Masse in Grüntönen, klar, unbewegt. Die Pfeiler mündeten in Rundbögen, ähnlich wie in einem romanischen Kloster. Die Farben – das Grün des Wassers, das Rot der Säulen – weckten Erinnerungen an maurische Motive in lebhaften Emailtönen. Eine Alhambra für Höhlenbewohner.

Der Lichtkegel seiner Lampe fiel auf Aquarien, die in die linke Steinwand eingelassen waren. Darin huschten Forellen über einem Kiesbett hin und her. Der Ex-Polizist erinnerte sich an eine Reportage. Früher wurden die Forellen in den Becken ausgesetzt, um die Sauberkeit zu überprüfen, denn diese Fische gingen bei der geringsten Verschmutzung des Wassers ein. Heute verfügten die Brunnenmeister über andere Überwachungsmethoden, doch sie hatten die Forellen behalten. Zweifellos aus Nostalgie.

Noch immer kein Laut. Er würde sich noch in diesem Irrgarten verlaufen. Ein anderer Vergleich drängte sich ihm auf. Das halb unter Wasser gesetzte Labyrinth des Minotaurus. Er stellte sich ein Meeresungeheuer vor, das seine Opfer verfolgte und sie in diesem stehenden Gewässer zu Tode hetzte …

Ein Hüsteln von irgendwoher.

Das Geräusch war so kurz, so unwirklich, dass Kasdan glaubte, geträumt zu haben. Er schaltete seine Lampe aus. Die Kälte drang ihm in die Knochen und tat ihm seltsamerweise wohl.

Wieder ein Hüsteln.

Der Mann verbarg sich irgendwo – und er schlotterte. Kasdan ging blind weiter, so leise wie möglich. Das Geräusch war nur dreißig, vierzig Meter entfernt gewesen.

Ein erneutes Hüsteln.

Nur noch ein paar Schritte.

Kasdan lächelte. Dieses kraftlose, kränkliche Hüsteln verriet Schwäche. Eine Verwundbarkeit, die zu der Gestalt passte, die er am Eisengitter des Parks gesehen hatte.

»Komm raus aus deinem Versteck!«, sagte er in beruhigendem Ton. »Ich tu dir nichts.«

Stille. Plätschern. Kasdans Füße versanken im Morast. Der modrige Geruch eines überfluteten Kellers stach ihm in die Nase.

Er änderte seinen Tonfall:

»Komm raus! Ich bin bewaffnet.«

Nach ein paar Sekunden:

»Hier …«

Kasdan schaltete seine Taschenlampe ein und richtete sie auf die Stelle, von der das Hüsteln kam. In einem Gewölbe mit abblätterndem Putz kauerte ein Mann. Der Armenier richtete den Lichtkegel seiner Lampe auf den Jungen, um seiner Drohung Nachdruck zu verleihen. Der Typ duckte sich noch tiefer. Kasdan hörte das Klappern seiner Zähne – das war weniger die Kälte, sondern Angst. Langsam musterte er seine in die Enge getriebene Beute, indem er den Lichtstrahl vom Gesicht über die Schultern bis zu den Füßen gleiten ließ.

Ein Inder.

Ein junger Mann mit dunkler Gesichtsfarbe und schwarzem Haar.

Allerdings hatte der Junge grüne Augen – Augen von übernatürlicher Klarheit, als trüge er Kontaktlinsen. Eine Klarheit, die auf seltsame Weise mit der Farbe des unbewegten Wassers in dem Becken hinter ihnen übereinstimmte. Kasdan dachte an die kreolischen und holländischen Mischlinge, denen man auf bestimmten Karibik-Inseln begegnete.

»Wer bist du?«

»Bitte, tun Sie mir nichts!«

Kasdan packte ihn, zog ihn aus seinem Versteck und stellte ihn auf die Beine. Sechzig Kilo, total durchnässt.

»WER BIST DU

»Ich heiße …« Der Junge hustete und fuhr dann fort: »Ich heiße Naseerudin Sarakramahata. Aber alle nennen mich Naseer.«

»Du überraschst mich. Woher kommst du?«

»Von der Insel Mauritius.«

Die Exotik schien kein Ende zu nehmen. Ein armenischer Polizist befragte einen Mauritier über einen chilenischen Chorleiter. Das war keine Vernehmung mehr, sondern eher »World Kitchen«.

»Was hast du bei Götz gemacht?«

»Ich hab meine Sachen geholt.«

»Deine Sachen?«

Ein mattes Lächeln trat auf die rosa Lippen des Inders. Ein Lächeln, das ihm Kasdan am liebsten mit Faustschlägen ausgetrieben hätte. Er begann zu erahnen, worum es sich handelte.

»Ich bin ein Freund von Willy … ich meine von Wilhelm.«

Kasdan lockerte seinen Griff.

»Das heißt?«

»Sein Freund … also sein Boyfriend

Kasdan musterte seinen Gefangenen. Schlanke Figur, schmale und zarte Handgelenke, Ringe und Armbänder, Jeans mit tiefer Taille. Alles schien zu passen.

Die Karten wurden neu gemischt. Der Armenier musste sein Spiel überdenken.

Wilhelm Götz hatte einen Grund dafür gehabt, dass er sich über sein Privatleben in Schweigen hüllte. Ein Schwuler alten Schlages, der seine sexuellen Neigungen verheimlichte, weil er sich ihrer schämte.

Kasdan sog die feuchte Luft tief ein und befahl dem Jungen:

»Erzähl!«

»Was … was wollen Sie wissen?«

»Alles.«

Kapitel 7

»Ich habe Willy auf der Polizeipräfektur kennengelernt. Wir standen wegen unserer Aufenthaltsgenehmigungen an.«

Als er noch Polizist war, hatte Kasdan solchen Aussagen immer Glauben geschenkt. Je absurder sich eine Geschichte anhörte, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie stimmte.

»Wir waren beide politische Flüchtlinge.«

»Du ein Asylant?«

»Seit dem Wahlsieg der Partei Mouvement Socialiste Mauricien und Anerood Jugnauths Rückkehr an die Macht bin ich …«

»Deine Papiere!«

Der Mauritier tastete seinen Blouson ab und zog eine Brieftasche heraus. Kasdan riss sie ihm aus der Hand. Fotos von der Insel, von Götz, von eingeölten jungen Männern. Kondome. Dem Armenier wurde übel. Er kämpfte gegen seinen Ekel und den spontanen Impuls, dem Jungen eine runterzuhauen.

Schließlich fand er den Ausländerausweis und den Reisepass. Kasdan steckte die Dokumente ein und warf dem jungen Mann den Rest an den Kopf:

»Eingezogen!«

»Aber …«

»Halt die Klappe. Wann hast du ihn kennengelernt?«

»2004. Wir haben Blicke gewechselt … und uns verstanden.«

Die kleine Tunte sprach mit näselnder Stimme und in ungerührtem – halb indischem, halb kreolischem – Tonfall.

»Seit wann bist du in Paris?«

»Seit 2003.«

»Hast du bei Götz gewohnt?«

»Ich habe an drei Abenden pro Woche bei ihm geschlafen. Aber wir haben jeden Tag telefoniert.«

»Hast du noch andere Liebhaber?«

»Nein.«

»Erzähl mir keine Märchen!«

Der Junge rekelte sich affektiert. Kasdans Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Er reagierte allergisch auf Tunten.

»Ich treff mich mit anderen Männern, ja.«

»Bezahlen sie dich?«

Der exotische Vogel antwortete nicht. Kasdan richtete die Lampe auf sein Gesicht und musterte ihn eingehend. Ein dunkles Katzengesicht mit vorstehenden Kinnbacken. Eine kurze Nase, kleine runde Nasenlöcher, die wie Piercings am Nasenrücken klebten. Sinnliche Lippen, die heller waren als die Haut. Und helle Augen, die, umrahmt von leicht geschwollenen Boxerlidern, aus diesem rötlich braunen Gesicht strahlten. Für Leute, die Gefallen daran fanden, musste dieser goldbraune Junge zum Anbeißen sein.

»Ja, sie geben mir Geld.«

»Auch Götz?«

»Ja.«

»Warum hast du ausgerechnet heute Abend deine Sachen geholt?«

»Ich …« Er hustete ein weiteres Mal und spuckte dann aus. »Ich will keine Schwierigkeiten.«

»Wieso solltest du Schwierigkeiten kriegen?«

Naseer warf ihm einen schmachtenden Blick zu. Tränen verstärkten den Glanz seiner Augen.

»Ich weiß über Willy Bescheid. Er ist tot. Er wurde ermordet.«

»Woher weißt du das?«

»Wir waren heute Abend verabredet. In einem Café in der Rue Vieille-du-Temple. Er ist nicht gekommen. Ich hab mir Sorgen gemacht. Ich habe in der Kirche angerufen. Saint-Jean-Baptiste. Ich hab mit dem Pfarrer gesprochen.«

»Saint-Jean-Baptiste ist eine armenische Kirche. Wir haben keinen Pfarrer, sondern Patres.«

»Ja richtig … mit einem Pater. Er hat es mir gesagt.«

»Woher hast du die Telefonnummer der Kathedrale?«

»Willy hatte mir einen Terminkalender gegeben, eine Art Stundenplan. Die Orte, die Zeiten, Adressen und Telefonnummern der Kirchen und der Familien, wo er unterrichtete. Daher wusste ich immer, wo er war …«

Er lächelte kurz. Zuckersüß, dachte Kasdan angewidert.

»Ich bin ziemlich eifersüchtig.«

»Gib mir diesen Terminkalender.«

Ohne Widerworte nahm Naseer seinen Rucksack ab, öffnete die Tasche an der Vorderseite und zog ein gefaltetes Blatt heraus. Kasdan nahm es und überflog es. Einen besseren Fang hätte er sich nicht wünschen können. Die Namen und die Adressen der Pfarrgemeinden, für die Götz arbeitete, sowie die Anschriften und Telefonnummern aller Familien, in denen er Klavierunterricht gegeben hatte. Um an diese Informationen zu gelangen, würde Vernoux mindestens zwei Tage brauchen.

Er steckte die Liste ein und wandte sich wieder dem kleinen Inder zu:

»Das scheint dich nicht sonderlich zu erschüttern.«

»Erschüttert bin ich schon, aber nicht überrascht. Willy war in Gefahr. Er hatte mir gesagt, dass ihm etwas zustoßen könnte …«

Kasdan beugte sich interessiert zu ihm herab.

»Hat er dir gesagt, wieso?«

»Weil er etwas gesehen hat.«

»Was hat er gesehen?«

»In Chile, in den siebziger Jahren.«

Da war sie wieder, die politische Spur.

»Okay«, sagte Kasdan, »jetzt mal ganz langsam. Du erzählst mir ganz genau, was Götz dir darüber gesagt hat.«

»Er hat nie darüber gesprochen. Ich weiß nur, dass Willy 1973 ins Gefängnis kam. Er wurde verhört und gefoltert. Er hat Entsetzliches durchgemacht. Angesichts der neuen Umstände hatte er beschlossen, auszusagen.«

»Was für Umstände?«

Erneut trat ein Lächeln auf Naseers Gesicht. Aber diesmal wirkte es leicht verächtlich. Kasdan vergrub die Fäuste in den Taschen, um ihn nicht zu schlagen.

»Wissen Sie denn nicht, dass die Folterknechte von damals heute gerichtlich verfolgt werden? In Chile? In Spanien? In Großbritannien? In Frankreich?«

»Ich habe davon gehört, doch.«

»Willy wollte gegen diese Dreckskerle aussagen. Aber er hatte das Gefühl, dass man ihn überwacht …«

»Hat er sich an einen Richter gewandt?«

»Willy hat nicht darüber gesprochen. Er sagte, je weniger ich davon wüsste, desto besser für mich.«

Die Geschichte kam Kasdan abenteuerlich vor. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sich der Organist wegen dieser 35 Jahre zurückliegenden Geschichten derart bedroht fühlte. Und wegen Prozessen, die platzten, weil die Beschuldigten vor dem Ende des Verfahrens eines natürlichen Todes starben. Auch Augusto Pinochet hatte vor wenigen Tagen das Zeitliche gesegnet.

»Hat er Namen genannt?«

»Ich sage Ihnen noch einmal, dass er nichts gesagt hat! Aber er hatte Angst.«

»Diese Leute wussten also, dass er reden wollte?«

»Ja.«

»Und du hast keine Ahnung, was er enthüllen wollte?«

»Ich weiß nur, dass es um die Operation Condor ging.«

»Die was?«

»Sie haben ja keine Ahnung!«

Kasdan hob die Hand. Der Inder zog den Kopf zwischen die Schultern. Im Vergleich zu dem Armenier wirkte er geradezu winzig.

»Sie kennen wohl nur die Sprache der Gewalt«, brummte Naseer trotzig. »Willy kämpfte gegen Leute wie Sie.«

»Was ist die Operation Condor?«

Der Mauritier holte Luft:

»Mitte der siebziger Jahre beschlossen die lateinamerikanischen Diktaturen, sich zusammenzutun, um die Opposition in ihren Ländern auszuschalten. Brasilien, Chile, Argentinien, Bolivien, Paraguay und Uruguay haben eine Art internationale Miliz geschaffen, die die Linksextremen in ihrem Exil verfolgen sollte. Sie waren entschlossen, sie überall in Lateinamerika, aber auch in den Vereinigten Staaten und in Europa aufzuspüren. Die Operation Condor sah vor, sie zu entführen, zu foltern und anschließend umzubringen.«

Kasdan war das völlig neu. Wie um ihn noch tiefer zu demütigen, fügte Naseer hinzu:

»Jeder kennt diese Geschichte.«

»Wieso besaß Götz Informationen über diese Operation?«

»Vielleicht hatte er etwas gehört, als er im Gefängnis saß. Oder vielleicht konnte er die Männer, die ihn gefoltert hatten, auch einfach wiedererkennen. Die Typen, die bei dieser Operation mitgemacht hatten. Ich weiß es nicht …«

»Wann wollte er seine Aussage machen?«

»Ich weiß es nicht, aber er hatte sich einen Anwalt genommen.«

»Weiß du, wie er heißt?«

»Nein.«

Kasdan dachte daran, dass man die Auflistung seiner Telefonate durchgehen musste – es sei denn, der alte Homo hätte sich vorgesehen und von einer Telefonzelle aus angerufen. Er stellte sich Götz’ Leben vor, das von Verfolgungsängsten geprägt war; er musste allem und jedem misstrauen. Gleichzeitig erinnerte er sich daran, dass seine Wohnungstür nicht verschlossen gewesen war. Er begriff mit einer gewissen Verzögerung, dass der kleine Inder die Tür aufgeschlossen hatte.

»Hattest du die Schlüssel zu Götz’ Wohnung?«

»Ja, Willy vertraute mir.«

»Weshalb hast du deine Sachen geholt?«

»Ich will da nicht hineingezogen werden. Bei der Polizei hat man immer unrecht. Ich bin Ausländer. Ich bin schwul. Für euch bin ich doppelt im Unrecht.«

»Das hast du gesagt. Wo warst du heute um 16.00 Uhr?«

»Verdächtigen Sie mich?«

»Wo warst du?«

»Im Hammam Des Grands Boulevards.«

»Wir werden das überprüfen.«

Kasdan hatte das mechanisch gesagt. Er würde nichts überprüfen, aus dem einfachen Grund, weil er das Jüngelchen nicht verdächtigte. Nicht eine Sekunde lang verdächtigt hatte.

»Wie war euer Leben zu zweit?«

Naseer zuckte mit der Schulter und wackelte mit den Hüften.

»Wir trafen uns heimlich. Willy wollte nicht, dass es herauskam. Ich durfte nur in den Nachtstunden zu ihm kommen. Er hatte vor allem Angst. Ich glaube, dass die jahrelange Folter ihn traumatisiert hatte.«

»Hatte er noch andere Liebhaber?«

»Nein, Willy war zu scheu. Zu … rein. Er war mein Freund. Mein echter Freund, auch wenn unsere Beziehung schwierig war. Er wollte nicht, dass ich nebenher … Er war mit sich selbst nicht im Reinen. Er akzeptierte seine Neigungen nicht … Sein Glaube ließ es nicht zu, verstehen Sie?«

»Mehr oder weniger. Keine Frauen?«

Naseer gluckste. Kasdan fuhr fort:

»Glaubst du, dass er, abgesehen von seiner politischen Vergangenheit, irgendwelche Feinde hatte?«

»Nein, er war sanftmütig, ruhig und großzügig. Er hätte keiner Fliege etwas zuleide getan. Er hatte nur eine Passion: seine Chöre. Er konnte gut mit Kindern umgehen. Er wollte eine Klasse für Sänger gründen, die im Stimmbruch sind und weiterhin singen wollen. Wenn Sie ihn gekannt hätten, er …«

»Ich habe ihn gekannt.«

Naseer sah ihn ungläubig an.

»Woher …?«

»Vergiss es. Als du vorhin auf der Flucht warst, bist du geradewegs zum Wasserspeicher gelaufen. Kennst du dich hier aus?«

»Ja, ich bin mit Wilhelm oft hierhergekommen. Weil wir hier ungestört waren und außerdem …« Er gluckste abermals. »… wegen des Nervenkitzels …«

Kasdan konnte sich das lebhaft vorstellen. Die beiden Männer, die einander über der grünlichen Wasserfläche vernaschten. Er wusste nicht, ob er sich übergeben oder schallend lachen sollte.

»Gib mir dein Handy!«

Naseer kam der Aufforderung nach. Mit einem Finger tippte Kasdan seine Telefonnummer ein. Er nannte sich »Bulle«.

»Meine Nummer. Falls dir noch etwas einfallen sollte, ruf mich an. Ich heiße Kasdan. Leicht zu merken, oder? Hast du eine Bude?«

»Ja, eine Dachkammer.«

»Deine Adresse?«

»Boulevard Malesherbes 137.«

Kasdan schrieb die Adresse auf und speicherte dann die Nummer von Naseers Handy. Zum Abschied packte er den Rucksack des Jungen, drehte ihn um und leerte den Inhalt auf den schlammigen Boden. Eine Zahnbürste, zwei Bücher, Hemden, Pullunder, unechter Schmuck, einige Fotos von Götz – Gegenstände, in denen sich das triste, ärmliche Leben des jungen Schwulen widerspiegelte.

Der Armenier empfand Mitleid, aber selbst dieses Mitleid ekelte ihn an. Unwillkürlich bückte er sich, um dem Jungen zu helfen, seine Sachen aufzuklauben.

In diesem Moment fasste Naseer zärtlich nach seiner Hand:

»Beschützen Sie mich. Sonst bringen sie mich vielleicht auch noch um. Ich werde tun, was Sie wollen …«

Kasdan zog hastig seine Hand zurück:

»Verzieh dich!«

»Und meine Papiere?«

»Die behalte ich.«

»Wann bekomme ich sie wieder?«

»Wenn es mir passt. Verschwinde!«

Der Inder rührte sich nicht und sah ihn flehend an. Kasdan schrie:

»Hau ab, bevor mir der Kragen platzt!«

Kapitel 8

Schwimmender Fußboden.

Das war das passende Wort. Der Boden der Wohnung gab unter seinen Schritten nach und vermittelte ihm das Gefühl, zu schwanken. Wie das Deck eines Schiffs, das dicht über den Wipfeln der Bäume des Parks fuhr, den man durch die noch offene Fenstertür sah.

Kasdan schloss sie, zog die Vorhänge zu und tastete neben dem Fensterflügel nach einem Schalter. Er ahnte, dass das Rollo per Knopfdruck geöffnet und geschlossen wurde. Schließlich fand er den Knopf und drückte darauf. Das Rollo senkte sich langsam und schottete das Zimmer gegen die Außenwelt und das helle Licht der Straßenlaternen ab.

Als es völlig dunkel war, schloss Kasdan die beiden Zimmertüren und zog dann sein Searchlight heraus, um den Lichtschalter zu suchen. Nun konnte ihn niemand von außen sehen. Ein Kronleuchter erhellte ein ärmliches Wohnzimmer. Ein durchgesessenes Sofa, ein Bücherregal aus Sperrholz, zusammengewürfelte Sessel. Götz hatte nicht viel Geld für Möbel ausgegeben.

Kein Bild an der Wand. Keine Nippes auf den Regalen. Eine Einrichtung ohne persönliche Note. Das Ganze erinnerte eher an ein billig möbliertes Zimmer. Kasdan trat ans Bücherregal: Partituren, Biographien von Komponisten, einige Bücher in Spanisch. Götz’ Diskretion zeigte sich noch in der Einrichtung seiner Wohnung, und Kasdan war sich fast sicher, dass er hier nichts finden würde.

Der Armenier streifte sich seine Chirurgenhandschuhe über und sah auf seine Uhr: Es war fast Mitternacht. Dennoch würde er sich die Zeit nehmen, die Wohnung gründlich zu durchsuchen.

Er begann mit der Küche. Im Schein der Straßenlaternen. Sauberes Geschirr auf dem Abtropfgestell neben dem Spülbecken. Teller und Gläser, feinsäuberlich aufgereiht in den Wandschränken. Götz hatte Sinn für Ordnung. Der Kühlschrank war fast leer. Das Gefrierfach war gefüllt mit Tiefkühlkost. Der Organist war kein großer Koch. Kasdan fiel etwas auf: Es gab hier nichts Chilenisches. Götz hatte radikal mit seiner Vergangenheit gebrochen, selbst in seinem kulinarischen Geschmack. Und nichts wies auf die Besuche des kleinen Naseer hin: Nicht einmal das Müsli seines Geliebten bewahrte er hier auf.

Kasdan ging ins Schlafzimmer und betätigte abermals den Rollo-Knopf. Dann machte er auch hier Licht. Ein Doppelbett. Nackte Wände. Abgetragene, stumpfe Kleidungsstücke in einem Wandschrank. Nicht das geringste Detail, das etwas über die Persönlichkeit des Mieters verraten hätte, abgesehen von zwei Büchern aus der Sammlung Microcosmes. Das eine über Bartók, das andere über Mozart. Und ein Kreuz an der Wand über dem Bett. All dies atmete das wohlgeordnete Leben des fantasielosen Rentners. Ein Leben, das er selbst nur zu gut kannte …

Aber Kasdan spürte noch etwas anderes. Eine Diskretion, einen Willen zur Unauffälligkeit, der ein Geheimnis verbarg. Naseer, natürlich. Aber Kasdan hätte es schwören können, dass es noch andere verborgene Neigungen gab. Wo hatte der Musiker seine Geheimnisse versteckt?

Badezimmer. Aufgeräumt, mehr nicht. Götz machte seine Wohnung selbst sauber und verbot Naseer, irgendeines seiner Pflegeprodukte mitzubringen. Keine Medikamente. Für sein Alter war der Chilene bestens in Form.

Kasdan ging durch den Flur in ein zweites Zimmer. Ein Musiksalon, in dem ein Klavier und eine riesige alte Hi-Fi-Anlage standen. Götz hatte die Decke mit Eier-Verpackungen verkleidet, zweifellos um das Zimmer schalldicht abzuschirmen. Rollo. Licht. Die zahlreichen kleinen Nischen an der Decke warfen zahllose Schatten, die eines Gemäldes von Vasarely würdig gewesen wären.

Als Kasdan mit den Augen die Wände absuchte, wurde ihm klar, dass er sich hier dem Innenleben von Götz näherte. Dieser Raum atmete die Passion des Organisten, die Musik. Zwei Regalwände voller CDs und Schallplatten. Sammlerstücke. Historische Aufnahmen von Opern, Symphonien, Klavierkonzerten. Dieses Zimmer verriet auch eine akribische Sorgfalt, die gezierte Umständlichkeit des alten Junggesellen. Ungeachtet der Größe des Themas – der Musik – lag etwas Engherziges, Kleingeistiges in dem Raum und überzog alles wie mit einer feinen Staubschicht.

Kasdan näherte sich dem Klavier. Ein E-Piano mit angeschlossenem Kopfhörer. Er verweilte länger bei der Hi-Fi-Anlage. Eingebauter Verstärker der Marke Harman-Kardon. Zwei Säulen-Lautsprecher. Bass-Reflex-Gehäuse. Profimaterial. Der Organist hatte offenbar sein ganzes Geld in diese Ausrüstung gesteckt, um die höchste Klangqualität herauszuholen.

Die Plastikhülle einer CD lag auf dem CD-Spieler. Kasdan betrachtete die Hülle. Die Aufnahme eines Chorwerks, des Miserere von Gregorio Allegri. Der Armenier las die Rückseite der CD-Verpackung und staunte: Der Chorleiter war niemand anderer als Wilhelm Götz in Person. Er zog das Beiheft aus der Verpackung und blätterte es durch. Ein zweiseitiges Gruppenfoto. Zwischen den in Schwarz und Weiß gekleideten Jungen blickte ein jüngerer, fröhlich wirkender Götz in die Kamera. In seinen Augen lag ein stolzes Funkeln, das Kasdan an ihm nicht kannte. Der damals schon weißhaarige Mann stand strahlend unter den Mitgliedern seines Chors, seinem Instrument zur Erzeugung himmlischer Laute …

Kasdan öffnete das CD-Fach und sah nach, ob die eingelegte CD tatsächlich das Miserere war. Mit einer behandschuhten Hand nahm er den Kopfhörer vom Klavier und schloss ihn an den Verstärker an. Nachdem er die Lautsprecherboxen ausgeschaltet hatte, startete er den CD-Spieler.

Es war ein Schock.

Er hatte schon Chorwerke gehört. Jeden Sonntag hallten armenische A-capella-Gesänge durch die Kathedrale Saint-Jean-Baptiste. Aber da sangen tiefe und martialische Männerstimmen. Hier war es etwas ganz anderes. Das Miserere schien für Kinder geschrieben zu sein. Eine Polyphonie, die Akkorde von erschütternder Unschuld und Reinheit hervorbrachte.

Das Werk begann mit langen, ätherischen Tönen. Man glaubte die vollen, hellen Klänge einer menschlichen Orgel zu hören, deren Pfeifen aus Kinderkehlen bestanden …

Kasdan setzte sich mit dem Kopfhörer auf den Boden. Während er zuhörte, überflog er das Beiheft. Offenbar war das Miserere ein Hit der Vokalmusik. Ein Werk, das tausendmal aufgenommen worden war. Es stammte aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Gregorio Allegri hatte dem Chor der Sixtinischen Kapelle angehört, und die alljährliche Aufführung dieses Werkes war über 200 Jahre lang ein rituelles Ereignis geblieben. Ein Detail frappierte Kasdan: der Gegensatz zwischen dem düsteren Namen des Werkes, Miserere, und dem des Komponisten, Allegri, der an Freude, Festlichkeit und Lebenslust denken ließ.

Plötzlich ertönte eine sehr hohe Stimme aus den Lautsprechern. Eine Stimme von so seltsamer, eindringlicher Sanftheit, dass sie etwas im Innern des Hörers zerbrechen ließ und ihm die Kehle zuschnürte. Die schwebende, entrückte Stimme eines kleinen Jungen, die sich jenseits der Akkorde scharf abhob und einer sehr hohen melodischen Linie folgte, als schwänge sie sich über die Welt empor.

Kasdan spürte, wie sich seine Augen verschleierten. Guter Gott, er würde gleich anfangen zu weinen, hier, in der Wohnung eines Toten, um Mitternacht, mit seinem Kopfhörer und seinen Chirurgenhandschuhen auf dem Boden sitzend. Um das Gefühl, das ihn zu überschwemmen drohte, abzuwehren, konzentrierte er sich auf das Beiheft. Wilhelm Götz selbst hatte den Text verfasst. Er berichtete, wie ihm an einem verregneten Nachmittag im Jahr 1989 diese quasi göttliche Aufnahme völlig unerwartet geschenkt wurde. Einige Minuten zuvor spielten die Sängerknaben noch Fußball in den Gärten der Kirche Saint-Eustache in Saint-Germain-en-Laye, wo die Tonaufnahme gemacht werden sollte. Dann hatte der Solist, ein Junge namens Régis Mazoyer, die Knie noch lehmverschmiert, schon bei der ersten Aufnahme seinen Gesang angestimmt. Da geschah in der eiskalten Kapelle das Wunder. Die herrliche Stimme hallte unter den Gewölben des Kirchenschiffs wider …

Wieder verschwammen die Zeilen. Erinnerungen zogen an Kasdans innerem Auge vorüber. Nariné. David. Plötzlich überkam ihn jene gewaltige Traurigkeit, die er zwar immer in seinem Innersten zu begraben versuchte, aber letztlich doch nie verscheuchen konnte. Das war die Macht dieses kleinen Sängerknaben, dieses Régis Mazoyer. Allein durch seine Stimme gelang es ihm, die dunkelste Schwermut hervorzuholen, die Verstorbenen in der Erinnerung wiederauferstehen zu lassen. Diejenigen, die einen nie in Frieden lassen.

Kasdan drückte die Stopptaste. Er schaltete die Anlage aus und nahm die Stille wahr zwischen diesen Regalen mit Schallplatten und CDs und der mit Eierschachteln tapezierten Decke. Da spürte er so etwas wie ein unterschwelliges Signal. Eine Warnung. Ein Schlüssel zur Aufklärung dieses Mordes lag in dieser betörenden Stimme. Oder in dem Chorwerk, dem Miserere. Er stand auf, nahm die CD aus dem CD-Fach, legte sie in die Hülle und steckte sie ein. Dieses Werk würde ihm noch manches verraten. Er schaltete das Licht aus, öffnete das Rollo und verließ den Raum.

Zurück im Wohnzimmer begann er die Schubladen gründlich zu durchsuchen. Er stöberte die persönliche Buchführung von Götz auf: Sozialversicherungsbelege, Kontoauszüge, Versicherungsverträge, Honorarabrechnungen diverser Vereine und Pfarreien. Der Armenier sichtete die Dokumente kursorisch. Nichts Interessantes. Außerdem war er nicht in der Stimmung, Zahlen zu prüfen.

Dann fiel ihm plötzlich etwas ein. Naseer hatte gesagt: »Willy fühlte sich überwacht.« Wurde er vielleicht abgehört? Womöglich auf traditionelle Weise, mit einer im Telefonhörer versteckten Wanze? Der Armenier schraubte das Telefon auf. Er verfügte über gründliche Erfahrungen auf dem Gebiet des illegalen Abhörens – aus seiner Zeit bei der Abteilung für Terrorismusbekämpfung. Natürlich nichts. Keine Spur von einem Mikrofon.

Er setzte sich in einen Sessel und dachte nach. Was Götz betraf, stand seine Meinung fest: nicht nur diskret, sondern geradezu besessen von der Geheimniskrämerei. Falls es hier etwas zu finden gab, musste man die ganze Wohnung auseinandernehmen. Kasdan hatte weder die Zeit noch die Befugnis dazu. Sein Blick fiel auf den Computer, der auf dem Schreibtisch in der Ecke des Wohnzimmers stand. Auch da gab es nichts für ihn zu tun. Der Rechner wurde zweifellos durch ein Kennwort geschützt, und falls er Geheimnisse barg, hatte Götz sie mit Sicherheit genauso gut versteckt wie alles Übrige.

Kasdan ließ seine Gedanken schweifen. Er dachte über die wichtigste Information des Abends nach: Götz war homosexuell gewesen. Das eröffnete eine neue Möglichkeit: ein Verbrechen aus Leidenschaft. Nicht Naseer, sondern ein anderer Liebhaber, den er neben dem kleinen Mauritier hatte. Ein Verrückter, der dem Chilenen aus diesem oder jenem Grund etwas nachtrug und ihn auf qualvolle Weise umgebracht hatte. Oder eine verhängnisvolle Zufallsbekanntschaft? Vergeblich kämpfte Kasdan gegen seine Vorurteile, für ihn waren alle Schwule unentwegt auf der Suche nach sexuellen Abenteuern. War Götz einem Psychopathen über den Weg gelaufen?

Er ließ seinen Blick durch das Zimmer wandern. Eingehend musterte er jeden Winkel, jede Fußleiste auf der Suche nach irgendetwas. Plötzlich blieb sein Blick an etwas Ungewöhnlichem hängen, über der Gardinenstange am großen Fenster. Er zog einen Stuhl heran und stieg hinauf. Er betrachtete den Bereich zwischen der Fenstertür und der Decke, der einen anderen Farbton aufwies. Offenbar war dieser schmale Streifen übermalt worden. Kasdan tastete ihn ab. Seine Finger erspürten eine leichte Erhebung. Mehrmals strich er mit der Hand darüber. Etwas Rundliches von der Größe einer Ein-Euro-Münze.

Er holte ein Messer aus der Küche und stieg wieder auf den Stuhl. Vorsichtig kratzte er mit dem Messer eine Furche um das Objekt und schob die Klinge darunter. Mit einem kräftigen Ruck sprengte er die Farbschicht und löste das Objekt.

Es überlief ihn eiskalt.

In seiner flachen Hand lag ein Mikrofon.

Und nicht irgendeines: ein koreanisches Modell, wie es in den letzten Jahren von der Kripo verwendet wurde. Er selbst hatte es oft angebracht, wenn er die Wohnungen von Verdächtigen verwanzte. Die Wanze enthielt einen akustischen Sensor, der sie aktivierte, sobald ein empfangenes Geräusch eine gewisse Lautstärke erreichte – beispielsweise das Zuschlagen der Wohnungstür.

Die Kälte schwand aus seinen Adern, während sich seine Gedanken klärten. Wilhelm Götz wurde abgehört, aber nicht von einer chilenischen Miliz oder von südamerikanischen Geheimpolizisten. Er wurde von der Kripo belauscht oder vom Inlandsgeheimdienst beziehungsweise vom Verfassungsschutz. Jedenfalls eine typisch französische Geschichte.

Kasdan betrachtete das Corpus Delicti und dann das stationäre Telefon. Der Umstand, dass er im Hörer kein Mikrofon gefunden hatte, bewies gar nichts. Heutzutage überwachte die Polizei die Leitungen an der Quelle, bei France Télécom oder den Mobilfunkbetreibern. Das konnte er durch ein paar Anrufe überprüfen.

Er steckte die Wanze ein und setzte die Durchsuchung der Wohnung fort. Diesmal wusste er, wonach er fahndete. In weniger als einer halben Stunde entdeckte er drei Mikrofone. Eines im Schlafzimmer, eines in der Küche und eines im Bad. Nur der Musiksalon war nicht verwanzt worden. Kasdan ließ die vier Wanzen in seinem behandschuhten Handteller hüpfen. Weshalb wurde der Chilene von der Polizei belauscht? Wollte er wirklich in einem Prozess, in dem es um Verbrechen gegen die Menschlichkeit ging, aussagen? Wieso interessierte sich »die Firma« dafür?

Kasdan ging die Wohnung ein weiteres Mal ab, um zu überprüfen, ob seine »Entnahmen« nicht allzu sichtbare Spuren hinterlassen hatten. Wenn Vernoux und seine Kollegen die Wohnung nur oberflächlich durchsuchten, würden sie nichts merken. Der Armenier stellte die Möbel an ihren Platz, schaltete die Lichter aus, zog die Rollos hoch und ging rückwärts aus der Wohnung, deren Eingangstür er in aller Ruhe abschloss.

Für diese Nacht hatte er genug.

Kapitel 9

Der Schrei fuhr durch seinen ganzen Körper.

Nicht er, Cédric Volokine, hatte gebrüllt, sondern sein Magen. Ein unerhörter Schmerz, aus tiefstem Innern, der sich in seinem Rachen in einen Feuerstrahl verwandelte. Er hatte sich übergeben, und erbrach sich noch immer. Jetzt war es nur noch ein ruckartiges Würgen, ein Krampf, der auf seinem Weg alles zerriss, an seinen Knorpeln widerhallte, sein Gehirn zerfetzte und ihn an die Grenze zur Ohnmacht katapultierte.

Vor der Klosettschüssel kniend, spürte Volokine das pochende Brennen in seiner Luftröhre. Und schon die Angst vor der nächsten Kontraktion …

Weit weg, sehr weit weg nahm er Schritte wahr.

Sein Zimmernachbar kam, um nachzusehen, ob er vielleicht krepierte.

»Alles okay?«

Volokine forderte ihn durch eine Geste auf, zu verschwinden. Er wollte leiden bis zum Schluss. Allein. Den Boden berühren, um nie mehr nach oben zu kommen. Der andere wich zurück, während ihn bereits ein neuer Krampf in das Loch schleuderte.

Sein Kopf zitterte. Speichel tropfte von seinen Lippen in die Gallenflüssigkeit, die im Klobecken stand. Volokine rührte sich nicht mehr. Die kleinste Geste, das leiseste Schlucken konnte das Tier wecken …

Gleichzeitig gab er sich stoisch. Er würde kein Medikament einnehmen. Weder Methadon noch Subutex. Man hatte ihn hierher, in dieses Heim im Département Oise verlegt, den Tempel des »nicht-medikamentösen« Entzugs. Da würde er sich bis zum Schluss an dieses radikale »Nein« halten.

Der Anfall flaute ab. Er spürte es. Das Fieber ging zurück, um der Kälte zu weichen. Eine eisige Flüssigkeit in den Adern, das Klirren von Kristallen, die die Wände seiner Blutgefäße zerschnitten.

Es war sein zweiter Entzugstag.

Zusammen mit dem dritten einer der schlimmsten.

Und, um die Wahrheit zu sagen, würden auch viele weitere nicht besser sein.

Aber man musste durchhalten. Um sich selbst zu beweisen, dass man nicht krank war. Oder wenigstens, dass die Krankheit nicht unheilbar war. Man konnte damit fertig werden. Er wusste es. Er hatte davon gehört. In seiner Psyche, die von den Entzugserscheinungen gemartert wurde, klang dieser Gedanke wie ein Märchen wider. Ein Gerücht, das man nicht nachprüfen konnte.

Er richtete sich wieder auf, ließ sich auf den Hintern fallen, mit dem Rücken zur Wand, den linken Arm auf der Klosettbrille, den rechten ausgestreckt, wie in Erwartung eines Schusses. Er blickte hinab auf diesen Arm, der ihm wie abgetrennt von seinem Körper erschien – gelb, blau, bläulich rot und so dünn wie eine Liane. Er stieß ein kurzes, unheimliches Lachen aus. Du bist nicht gerade in Hochform, Volo… Langsam massierte er sich den Unterarm, spürte die Haut, die hart wie Baumrinde war, die Muskeln, darunter die verkümmerten, zerfressenen Knochen.

Zwei Tage ohne Stoff. Heute hatte er das klassische schwarze Loch durchgemacht. Die Ruhe vor dem Sturm. Wenn das Untier die Höhle verlässt, um sein Fressen zu fordern. Er hatte die Hydra erwartet. Punkt Mitternacht war sie aufgetaucht, und nun rang er seit zwei Stunden mit ihr, wie ein antiker Held.

Volokine schlang die beiden Arme um seine Schultern und versuchte, das Zittern zu unterdrücken. Seine Zähne klapperten, die Klosettbrille neben ihm bebte. Wieder spürte er einen Brechreiz und glaubte, er müsse sich gleich übergeben. Aber nein. Nachdem er kräftig gerülpst hatte, entspannte sich sein Magen unversehens. Du hast es bald geschafft … Er würde bis in sein Zimmer kriechen können und darum beten, dass er wenigstens bis zum Morgengrauen schlafen konnte.

Bei Tag sah die Hölle wenigstens anders aus.

Er fand die Wasserspülung, betätigte den Drücker.

Auf allen vieren bewegte er sich vorwärts. Das schweißnasse Hemd klebte an seinem Rücken. Seine Arme zitterten vor Kälte, als hätte er hundert Liegestütze gemacht …

In sein Zimmer zurückkehren.

Sich in seinen Daunenschlafsack kuscheln.

Den Schlaf herbeiflehen.

Als er aufwachte, zeigte seine Uhr 4.20 Uhr. Über zwei Stunden hatte er bewusstlos dagelegen. Er war auf dem Kachelboden des Klos ohnmächtig geworden.

Erneut setzte er sich in Bewegung, im Schneckentempo. Wie eine Raupe krümmte und streckte er sich abwechselnd in seinen Klamotten, die steif von getrocknetem Schweiß waren. So kroch er auf den Gang. Allmählich stieg eine vage Hoffnung in ihm auf. Er würde gestärkt aus diesem Albtraum hervorgehen. Ja. Gestärkt und, bis in die kleinsten Windungen seines Gehirns von einem Gedanken erfüllt, der wie ein glühendes Eisen brannte. Nie wieder.

Es gelang ihm aufzustehen; er lehnte sich mit der Schulter gegen den Türstock. Mit dem Rücken an der Wand schlüpfte er in den Gang, hob die bleischweren Füße ein paar Zentimeter an, um sie ein Stückchen weiter abzusetzen. Der Rauputz, dann das Sperrholz einer Tür, und so weiter. In jedem Zimmer erahnte er gemarterte Schicksalsgefährten, verkrachte Existenzen wie er, alle auf Entzug …

Eine Tür, zwei Türen, drei Türen …

Schließlich umfasste er die Klinke seiner Bude und trat ein. Das fünfzehn Quadratmeter große Zimmer war von Dämmerlicht erfüllt. Er verstand nicht. Um seine Verwirrung vollkommen zu machen, erklangen die Kirchturmglocken des benachbarten Dorfes. Er starrte auf seine Uhr: 7.00 Uhr. Er war ein weiteres Mal in Ohnmacht gefallen und hatte, ohne es zu bemerken, den Rest der Nachtstunden im Gang verbracht.

Er besann sich anders.

Es lohnte sich nicht mehr zu schlafen. Ein Kaffee, und auf geht’s!

Mit einem ungewohnt klaren Kopf musterte er eingehend jedes Detail seines Zimmers. Der durchgescheuerte, von Flecken übersäte Teppich. Das rötliche Linoleum. Der Daunenschlafsack. Der Tisch mit seiner Ikea-Lampe. Das Gekritzel auf der Tapete. Das Fenster, hinter dem ein rußverschmierter Tag graute.

Ein Krampf riss ihn aus seinen Gedanken.

Er schlotterte. Die letzten beiden Tage waren ein einziges Pendeln zwischen diesen glühenden Fieberschüben und einem eisigen Frösteln, mit der Folge, dass seine Klamotten fast immer feucht waren. Vom Weiß der Augen bis zu den Zehen hatte er den gleichen gelblichen Teint. Sein Urin war rot. Seine Fieberanfälle schwarz. Im Grunde glichen die Entzugserscheinungen einer tropischen Krankheit. Irgendein fieser Erreger, den er sich in einem fernen, heruntergekommenen Land eingefangen hatte, das er nur zu gut kannte: die Sümpfe des Heroins.

Er brauchte eine heiße Dusche, aber er wollte nicht in den Gang zurück. Ein Kaffee. Er hatte hier alles, was er dafür brauchte. Ein Gaskocher, Nescafé, Wasser. Er ging zum Spülbecken, füllte Wasser in einen Campingtopf und trottete zurück zum Kocher. Mit zitternder Hand riss er ein Streichholz an und verharrte reglos, hypnotisiert von der bläulichen Flamme. Erst der stechende Brandschmerz rief ihn zur Ordnung. Er entzündete ein weiteres Streichholz, und dann noch eins.

Mit dem vierten gelang es ihm, den Brenner des Kochers anzuzünden. Vorsichtig griff er nach dem Teelöffel, steckte ihn in die Dose Nescafé. Während das Wasser im Topf bereits aufwallte, hielt er abermals inne. Der Teelöffel. Das Pulver. Ihm wurde klar, dass er auf diese Verrichtung eine besondere Sorgfalt verwendete, als handele es sich um das Ritual, das er vergessen wollte.

Er streute das Pulver ins Glas. Beim Anblick des siedenden Wassers wurde er erneut ohnmächtig. Die Glocken läuteten. Eine weitere Stunde war vergangen. Die Zeit schien sich förmlich auszudehnen. Sie glich einer weichen Substanz wie auf den Gemälden Dalís, wo die Uhren sich wie Lakritzstreifen biegen.

Er streifte den Ärmel über seine Hand, umfasste den Henkel des Topfs und goss Wasser ins Glas, das sich sogleich mit einer bräunlichen Flüssigkeit füllte, die zu dieser tristen Stunde des Tages passte.

Erst jetzt erinnerte er sich, dass er einen Termin hatte.

Vor dem Anfall in der letzten Nacht hatte er einen Anruf erhalten.

Ein Zeichen in der Finsternis …

Er lächelte, als er an das Fernschreiben dachte, das man für ihn entwendet hatte.

Ein Mord, eine Kirche, Kinder: alles, was er brauchte.

Die Situation ließ sich in zwei Sätzen zusammenfassen.

Dieser Fall brauchte ihn.

Doch vor allem brauchte er diesen Fall.

Kapitel 10

Wie jedes Mal wälzt sich der Mann im Staub.

Im roten Staub der afrikanischen Erde.

Er hat sich in seiner Dschellaba verfangen und versucht wieder aufzustehen, aber der Ranger versetzt ihm einen Schlag in die Magengrube, dann aufs Kinn. Der Mann bäumt sich auf, bricht zusammen. Tritte ins Gesicht, in den Magen und zwischen die Beine. Die mit Eisen beschlagenen Schuhspitzen finden die Backenknochen, die Rippen, die zerbrechlichen Knochen an der Körperoberfläche. Der Mann rührt sich nicht mehr. Der Angreifer kann sich die Stellen, gegen die er tritt, nach Belieben aussuchen. Kiefer, Zähne, Nase, Lippen, Augen. Die Haut reißt auf und entblößt Muskeln und Fasern in einem lehmverschmierten blutigen Matsch.

Hände greifen nach dem Benzinkanister. Der Geruch nach Benzin legt sich über den Blutgeruch. Gesicht, Hals und Haare werden übergossen. Das Feuerzeug klackt und fällt auf den Rumpf. Jäh schießt das Feuer empor. Die blaurote Flamme schlägt augenblicklich in Rot um. Plötzlich richtet sich der Mann auf: Er hat sich in eine Echse verwandelt, eine Riesenechse, deren spitz zulaufendes Maul aus der Kapuze ragt, während die klauenbewehrten Pfoten aus den Ärmeln der Dschellaba lugen …

Lionel Kasdan schrak auf, zu Tode erschrocken. Noch immer hatte er den Geruch des verbrannten Stoffs sowie den scheußlichen Gestank von geröstetem Fleisch und versengtem Haar in der Nase. Erst nach einigen Sekunden begriff er, dass das Heulen der Flammen nur das Läuten des Telefons war.

»Hallo?«

»Ich bin’s.«

Ricardo Mendez, der fistelnde Gerichtsmediziner.

»Hab ich dich geweckt?«

»Ja!« Kasdan warf einen Blick auf seine Uhr: 8.15 Uhr. »Und das ist gut so.«

»Laut Statistik schläft ein alter Mensch vier Stunden länger als ein Mensch mittleren Alters.«

»Quatsch nicht!«

»Schlechte Laune ist auch eine Eigenart alter Menschen. Schön. Ich leg mich jetzt aufs Ohr. Hab die Nacht mit deinem Chilenen verbracht. Willst du die endgültigen Ergebnisse hören?«

Kasdan stützte sich auf einem Ellbogen auf. Allmählich wich der panische Schrecken aus seinen Adern.

»Kurz gesagt …«, fuhr Mendez fort, »hat sich bestätigt, was ich dir gestern gesagt habe. Herzstillstand, verursacht durch einen starken Schmerz, der wiederum durch einen spitzen Gegenstand hervorgerufen wurde, mit dem die beiden Hörorgane durchbohrt wurden. Das Neue ist, dass eine Vorerkrankung vorlag.«

»Was soll das heißen?«

»Unser Mann hatte Herzprobleme. Sein Herz weist gravierende Schädigungen infolge von Infarkten auf. Der Herzmuskel zeigt unregelmäßige rötliche Streifen. Ich erspare dir die Einzelheiten. Seine Pumpe hat ausgesetzt, mehrmals in seinem Leben.«

»Das heißt?«

»Normalerweise verrät ein solches Herz eine ungesunde Lebensweise: Zigaretten, Alkohol, Übergewicht … Aber Götz hatte die Gefäße eines jungen Mannes. Keinerlei Anhaltspunkte für den übermäßigen Konsum von Genussgiften.«

»Also?«

»Ich neige zu der Annahme, dass er kurze Herzstillstände, Krämpfe der Herzkranzgefäße erlitten hat, hervorgerufen durch starken Stress. Extreme Angstzustände. Heftigste Schmerzen.«

Kasdan rieb sich das Gesicht. Allmählich konnte er wieder klar denken. Der Albtraum und der Geruch nach verbranntem Fleisch verblassten.

»G

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