Logo weiterlesen.de
Chili im Blut

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Ein rosafarbenes Zimmer, Mama-Kind und Aerobic mit Jane Fonda

Meinen Geburtsort kennt wirklich nicht jeder, sein Name ist Kraalhoek. Er befindet sich im heutigen Südafrika. Damals, als ich geboren wurde, 1981, war er noch Teil von Bophuthatswana, einem unabhängigen Homeland nahe der Grenze zu Botswana. 1994 wurde das Gebiet wieder Südafrika eingegliedert, nachdem die Weißen ihren Widerstand aufgegeben hatten. Also nach dem Ende der Apartheid. Aber auch Südafrikaner, die man nach Kraalhoek fragt, schütteln nur mit dem Kopf. »Wo soll das denn sein?«

Genau das war auch meine Frage, als ich anfing, mich mehr mit meinen Wurzeln zu beschäftigen. Doch da lebte ich längst nicht mehr in meiner Heimat, sondern hatte eine neue in Deutschland gefunden. Natürlich hatte ich eine ungefähre Vorstellung davon, wo ich zur Welt gekommen bin, aber da meine Eltern nicht lange dortblieben, habe ich keine Erinnerungen an Kraalhoek. Wozu gibt es das Internet, dachte ich, sicher existieren im Netz Fotos von dem Dorf, in dem ich meinen ersten Schrei tat und krabbeln und laufen lernte. Und wenn nicht von dem Dorf, dann zumindest von der Gegend.

Ich nahm mein Smartphone zur Hand, googelte nach dem Ort Kraalhoek und fand – nichts. Also, ich fand schon einige Bilder, aber es gab auf ihnen nicht wirklich etwas zu sehen: Wüste und immer nur Wüste, gleich welche Aufnahme ich genauer betrachtete. Hmm. Interessant war etwas anderes. Je länger ich auf dieses Nichts starrte, desto mehr beschlich mich ein seltsames Gefühl. Schließlich dachte ich: Schau dir das an, Motsi, da kommst du her, und nun guck dich um, wo du jetzt bist! Meine Augen schweiften durch die Wohnung, über die weißen modernen Möbel, meinen nicht minder weißen deutschen Mann Timo, der gerade Leberkäse (ein Lieblingsgericht von mir!) von unserem Metzger geholt hatte, Fotos von unseren Tanzwettbewerben an der Wand, Pokale von den Deutschen Meisterschaften im Regal! Doch wo war Afrika? In keiner Ecke stand ein afrikanischer Flechtkorb, nirgendwo lag ein bunter Teppich, an keiner Wand eine Maske, ich hatte nicht einmal eine Tasche aus Kronkorken, die überall in Südafrika angeboten werden. Perfektes Recycling, nur nicht bei uns in Aschaffenburg. Halt! Etwas verband mich schon mit dem Land meiner Geburt, nämlich die Bilder von Dudu und Peter Mabuse, meinen Eltern, von meinen Schwestern Phemelo und Otlile. Immerhin. Aber ansonsten konnte man nicht gerade von einer großen Connection sprechen. Im Grunde genommen gab es überhaupt keine.

»Schau doch mal auf einer Karte nach Kraalhoek«, sagte Timo, der meine Irritation mitbekommen hatte.

»Und warum?«, fragte ich.

»Vielleicht kannst du dich so besser verorten.«

Na gut, wenn mein Mann davon überzeugt war, dann wollte ich ihm diesen Gefallen tun. Ich rief eine Weltkarte auf, und als hätte Timo es geahnt, entdeckte ich dann doch etwas Erstaunliches, etwas, was mich schließlich beruhigte.

»Südafrika liegt fast genau unterhalb von Deutschland«, sagte ich. »Also auf einer senkrechten Linie.«

»Gibt es nicht doch die eine oder andere Erinnerung an Kraalhoek?«, fragte Timo weiter.

»Dudu hat immer nur gesagt: ›Da bist du geboren‹.«

Ich blickte aus dem Fenster, versuchte die Fetzen in meinem Kopf zusammenzutragen. Das, was man mir als kleines Mädchen erzählt hatte, war versunken in den Tiefen meines Gedächtnisses. Es war Schwerstarbeit, das wieder zutage zu fördern, jedes neunstündige Tanztraining absolvierte ich dagegen mit Leichtigkeit.

»Bist du in einem Krankenhaus geboren? Gab es dort überhaupt eine Klinik?« Timo versuchte sich als Hebamme, jedenfalls in gedanklicher Art.

Richtig, jetzt fiel es mir allmählich wieder ein. »Meine Mama hat mir von einem großen pinkfarbenen Raum erzählt« – ich sprach mehr zu mir selbst als zu meinem Mann – »es war ein Samstagabend, kein Arzt war in der Nähe, nur eine Krankenschwester, genau. Das war keine Klinik, einfach nur eine Ärztestation, wie es auf dem Land üblich war.

Meine Mutter wohnte mit ihren Eltern auf einem Hügel, und den musste sie, hochschwanger und mit Wehen, zur Station hinunterlaufen. Allein, denn ihr Vater, der Pfarrer war, hielt sich gerade nicht zu Hause auf, und ihre Mutter konnte sie anscheinend ebenfalls nicht begleiten. Aus welchen Gründen auch immer. Dudu sagte, sie sei betrunken gewesen.«

Timo schaute mich entgeistert an.

»Nein, nicht ihre Mutter, aber diese Krankenschwester, sie hatte wohl nicht mehr mit einem Patienten gerechnet und sich das pinkfarbene Zimmer schöngeguckt.«

Je länger ich nachdachte, umso mehr Details fielen mir ein, die meine Mutter einmal erwähnt haben musste. Die Geburt lief dann ziemlich schnell und unkompliziert ab, die angeheiterte Schwester beherrschte ihr Handwerk, ihre Hände zitterten nicht, als ich rauswollte. Es war eine Geburt wie im Lehrbuch, routiniert über die Bühne gebracht, ich wurde von der beschwipsten Hebamme auch nicht fallen gelassen. Schließlich lag ich im Arm meiner glücklichen Mutter, und nach einer kurzen Zeit der Erholung wickelte sie mich gut ein und begab sich zurück zu ihrer Mutter. Etwas mühsam, da noch geschwächt von der Geburt, kletterte sie den Hügel hinauf, zum Glück nur eine Wegstrecke von zehn, fünfzehn Minuten.

Meine Großmutter, Ditlhare Magdaline Ramokgaba, soll aufgeseufzt haben, als sie die beiden sah. Gläubig, wie sie war, konnte man das auch verstehen: Meine Mutter war nicht verheiratet, als ich geboren wurde. Mein Vater war in Kraalhoek auf Durchreise gewesen, na ja, und so kam es, wie es nicht kommen musste, aber dann doch überall auf der Welt abläuft: Boy meets girl, und upps, da geschah es dann. Plötzlich war ich da!

Als Pfarrer drängte mein Großvater Thoki Phanios natürlich darauf, dass geheiratet wurde. Es ging partout nicht, dass sich mein Vater der Verantwortung entzog. Das hatte er, mein Großvater, schon einmal erlebt, das durfte nicht noch ein weiteres Mal passieren. Ein Kind brauchte Mutter und Vater. Außerdem war seine Tochter schon fünfundzwanzig, es wurde Zeit, dass auch sie das Haus verließ (sie war die Jüngste von fünf Geschwistern) und eine eigene Familie gründete. Na ja, Letzteres hatte sie ja schon irgendwie geschafft.

Acht, neun Monate nach meiner Geburt gaben sich Dudu und mein Vater mit dem Segen meines Opas das Jawort, und ich denke, es war keine Pflicht für sie, vor dem Traualtar zu stehen, sie haben sich wirklich geliebt – und lieben sich immer noch.

Keinesfalls wollte meine Mutter von ihrem Mann abhängig sein, ihre Eltern hatten sie zu einer sehr selbstständigen jungen Frau erzogen, mit eigenen Meinungen, überhaupt einem eigenen Kopf. Sie hatte eine Ausbildung als Kindergärtnerin absolviert, doch sie wollte sich weiterentwickeln, hatte den Wunsch, als Grundschullehrerin zu arbeiten. Mein Vater, der bei meiner Geburt dreißig war, zog von Dorf zu Dorf, weil er als Rechtsanwalt tätig war, hatte aber ähnlich wie seine Frau den Wunsch, weiter aufzusteigen – er war überzeugt, dass auch Schwarze in Afrika Karriere machen konnten, selbst in Zeiten der Apartheid.

»An was denkst du gerade?«, fragte Timo, während er den Tisch für das Abendessen deckte.

»An das, was meine Eltern geschafft haben.«

»Du meinst, dass sie gegen viele Widerstände in deiner Heimat studiert haben?«

Ich nickte. Mein Vater hatte an einer der wenigen Universitäten des Landes, an der Schwarze studieren durften, der heutigen North-West University, Jura belegt. Die Rassentrennung, die 1948 eingeführt worden war, hatte viel mit der britischen Kolonialpolitik und den burischen Nationalisten zu tun gehabt, es war eine Maßnahme, um die Macht der Weißen zu festigen. Man führte Gesetze ein, die das gesamte Leben bestimmten. Wir Nicht-Weiße (ebenso Hunde) durften am Meer nicht dort baden, wo Weiße badeten, keine Schulen besuchen, auf die weiße Kinder gingen, und seit 1950 war sogar vorgeschrieben, dass Weiße und Schwarze in jeweils voneinander getrennten Gebieten wohnen sollten, das betraf besonders die städtischen Zentren. Selbstbestimmung und politische Rechte waren der weißen Bevölkerung vorbehalten, und das sollte sich auch erst nach und nach ändern. Nelson Mandela und der ANC, der Afrikanische Nationalkongress, setzten sich jahrelang für die Menschenrechte ein und veränderten das Land, aber das gelang erst nach einem langen Kampf.

Damit meine Mutter nun ebenfalls studieren und mein Vater als Anwalt praktizieren konnte, zogen sie nach Mmabatho, gut zweihundert Kilometer von Kraalhoek entfernt. Als wir auszogen, hat mir meine Oma mit Erde ein Kreuz auf die Stirn gemalt und gesagt: »Mögen dir alle Türen offenstehen«. Kurz danach ist meine Oma leider verstorben.

Mmabatho war die Hauptstadt von Bophuthatswana, fast in unmittelbarer Nähe lag die Stadt Mafikeng am Fluss Molopo, eine Stadt der Buren und Briten, in der keine Schwarzen leben durften. Nach dem Ende der Apartheid wurde Mmabatho zu einem Stadtteil von Mafikeng. Weil Dudu und mein Vater kaum Geld hatten, lebten sie bei unserer Tante Sesi Johanna Ramokgaba, einer manchmal etwas pedantischen Frau – wir hatten also wieder kein eigenes Zuhause. Zwei Jahre ging das so, und dann war meine Mutter erneut schwanger. Das war auch so eine Upps-Geschichte. Mein Vater reiste weiterhin viel in die Dörfer der Umgebung, um die Rechte der Schwarzen zu vertreten, aber bei einem seiner Zwischenstopps zu Hause hatte er abermals meiner Mutter etwas hinterlassen: meine Schwester Phemelo.

Während Phemelo unterwegs war, trafen meine Eltern eine Entscheidung, die sehr einschneidend für unser zukünftiges Familienleben werden sollte: Ein weiteres Mal sollten wir umziehen, jetzt ging es um eine noch größere Entfernung, denn wir zogen aus der Provinz Nordwest – Mmabatho lag ebenfalls nicht weit von der Grenze zu Botswana – in die Nähe von Pretoria, der Hauptstadt von Südafrika. Eine richtig große Stadt im Vergleich zu Mmabatho, mit Hunderttausenden von Einwohnern.

Natürlich durften wir als Schwarze nicht in Pretoria wohnen, einer Buren-Hochburg, sondern bezogen ein Haus in einem Township, in Mabopane. Aber von dieser rigiden Wohnungspolitik bekam ich als kleines Kind nicht viel mit. Auch nicht, dass der Sammelbus, den wir benutzten, nie in die Stadt fuhr, sondern immer nur außen um sie herum. Es gab nur diesen Sammelbus, und der hatte wenig mit dem zu tun, was man unter öffentlichem Nahverkehr versteht. Jemand hatte sich einen kleinen Bus gekauft und sammelte die Leute ein, die gerade an der Straße standen und mitgenommen werden wollten.

Unser Haus war recht groß, kein Vergleich zu unserer Bleibe bei Tante Sesi (und endlich waren wir auch unter uns!). Es hatte einen Vorgarten und drei Zimmer, ein Wohnzimmer, ein Elternschlafzimmer sowie ein Kinderzimmer, das ich mir mit Phemelo teilte. Aber nicht nur mit ihr. Auch Neo, der älteste Sohn von Dudu, unser Halbbruder, hatte dort sein Bett. Er war für uns der große Bruder, der meist unterwegs war, umherzog mit seinen Freunden und Fußball spielte.

Die Wohnsituation konnte man als komfortabel bezeichnen, auf keinen Fall als ärmlich, und weil meine Eltern beide studiert hatten, war das Finanzielle gesichert. Ehrgeiz war neben dem Studium aber auch noch wichtig, und den hatte mein Vater. Er war bei ihm sogar sehr ausgeprägt. Er war der Sohn einer Putzfrau, die in der »White Area«, oder dem »Blanke Gebied«, wie es in der Kap-Region auf Afrikaans hieß, arbeitete. Fetana Gertrude war das ganze Jahr über fort, denn sie musste bei der weißen Familie leben, bei der sie putzte. Sein Vater nahm ihn manchmal mit zu der Mutter, auch er war für diese weiße Familie tätig. Man hatte ihn dort für den Garten angestellt, aber Laugkana Mabuse war nicht nur Gärtner, er war auch Alkoholiker. Er starb, als mein Vater sieben Jahre alt war. Nun war er, das einzige Kind meiner Großeltern väterlicherseits, Halbwaise, eigentlich Vollwaise, denn er durfte weiterhin nicht bei seiner Mutter leben. Tanten erzogen ihn, aber im Grunde war er viel allein. Dadurch stellte er viel Blödsinn an, bis er mit dreizehn merkte, dass es so nicht weitergehen konnte. Er fing zu lernen an – und glaubte, dass ihm das Wissen wirkliche Freiheit schenken könne. Im Grunde müssen wir alle aus der Familie uns dafür bedanken, dass er die Stärke hatte, diesen Weg einzuschlagen, zu sagen: »Ich will nicht mehr so leben, ich will etwas ändern, ich will nicht enden wie mein Vater und meine Mutter.«

Die Weißen, für die seine Mutter den Haushalt machte, sahen, wie mein Vater sich abmühte, wie seine Mama jeden Rand sparte, damit er einmal studieren konnte. Sie halfen dann auch bei einigen Ausgaben, die für die Schule anfielen, gaben ihm Kleidung und andere Dinge. Trotz dieser Unterstützung musste er dennoch alles allein hinbekommen, er brauchte einen starken Willen. Und den hatte er.

Sein Ziel war es gewesen, nach dem Studium, das er mit hervorragenden Noten abschloss, ein erfolgreicher Anwalt zu werden. Und diesem Ziel kam er nun immer näher. Deswegen konnten wir auch bald einen Fernseher kaufen, ein kleines Auto, und wir hatten sogar eine Nanny. Trotzdem gab es für alle Kinder aber immer nur eine einzige Geburtstagsparty. »One party for everybody!«, hieß es. Auf Fotos sieht man im Hintergrund einen Haufen Kinder, im Vordergrund eine Torte, davor Phemelo, Neo und ich (Otlile war noch nicht geboren). Einer von uns hatte am Tag dieser Aufnahmen tatsächlich Geburtstag, aber wer? Wahrscheinlich hätte man das an der Schrift auf dem Kuchen ablesen können, aber die Bilder lassen mich da im Stich. Reihum wurde der Geburtstag an uns Geschwister verteilt, mal war meine kleine Schwester dran, mal mein Bruder Neo, dann ich. Auf diesen Fotos ist auch deutlich zu erkennen, was ich noch gut weiß: Meine Mutter zog Phemelo und mich immer gleich an, sodass wir wie Zwillinge aussahen, obwohl wir vom Charakter her alles andere als Zwillinge waren. Außerdem war ich, die Ältere, ein wenig kleiner als meine jüngere Schwester. Später, als mein Vater noch besser verdiente, bekam dann jeder schließlich seine eigene Party.

Wir wohnten im Block C – in unserem Township Mabopane gab es keine Straßennamen. Schwarze hatten eine solche Auszeichnung wohl nicht verdient. Mein Kindergarten befand sich im Block X. Das war eine Busfahrt von vielleicht fünfzehn, zwanzig Minuten. Jeden Morgen stieg Dudu mit Phemelo und mir in das Sammeltaxi, sie fuhr mit uns, denn sie arbeitete dort als Kindergärtnerin. Sie hätte auch als Grundschullehrerin tätig sein können, aber so konnte sie uns Mädchen den ganzen Tag um sich haben.

Ich fand das herrlich, denn ich war ein richtiges Mama-Kind, ganz im Gegensatz zu meiner Schwester, die weit weniger anhänglich war. Gingen wir nur die paar Schritte zum Bus oder zur Tür des Kindergartens, ich hing sofort an Dudus Bein. Phemelo überließ mir gern diesen Platz, sie zog es vor, allein neben uns herzugehen. Sie war so unglaublich selbstständig, das fand ich schon ziemlich bemerkenswert. Es bekümmerte sie auch wenig, wenn uns unsere Nanny abholte und nach Hause brachte, weil Dudu noch in einem anderen Block eine Besprechung hatte. Für mich war dann aber großes Drama angesagt. Jede Minute wollte ich bei meiner Mutter sein, die Nanny war eindeutig ein schlechter Ersatz. Notgedrungen und erst nach gutem Zureden fügte ich mich schließlich dem Unausweichlichen.

Eine von Dudus Besprechungen hatte zur Folge, dass sie einen Kursus anbieten würde, in dem man Aerobic machen konnte. Meine aufgeschlossene und moderne Mutter hatte mitbekommen, dass Frauen überall auf der Welt sich rhythmisch bewegten, indem sie gymnastische Übungen und Tanzelemente miteinander vermischten. Jane Fonda hatte es ihr angetan, die 1982 damit begonnen hatte, Aerobic als ihr Lebenselixier zu vermarkten, mit den entsprechenden Videos, die wir zu Hause auf unserem Fernseher angucken konnten. Dudu hatte sie sich besorgt, und nun sollten auch die schwarzen Frauen aus dem Township Mabopane von diesem Trend profitieren. Und Aerobic war ein Trend, den man nicht einfach ignorieren konnte. Meine Mutter, aber auch mein Vater fühlten sich immer als Pioniere. Keiner von beiden wollte hinter dem Mond leben, und alles Neue wurde aufgegriffen und je nach den eigenen Möglichkeiten umgesetzt. Hauptsache, man konnte alles selbst erleben. Und es wäre ihnen auch nie in den Sinn gekommen, sich selbst Grenzen zu setzen.

Meine Mutter übte zu Hause wieder und wieder verschiedene Schritte und Bewegungsabfolgen ein, und als sie meinte, jetzt könne sie auch anderen etwas beibringen, wurde der Aerobic-Kurs über Mundpropaganda angekündigt.

Der Kurs fand im Block B statt, in einem Raum, der für verschiedene Veranstaltungen genutzt wurde. Natürlich machten die Frauen ihre Workouts nicht in einem metallicblauen und hautengen Badeanzug wie die amerikanische Schauspielerin, aber es wurden bunte T-Shirts getragen und neonfarbene Strumpfhosen, nicht zu vergessen das schweißaufsaugende Stirnband aus grellem Frotteestoff. Wir Kinder durften dabei sein, als Jane per Video alle aufforderte: »Are you ready? Seid ihr bereit? Stellt euch gerade hin, die Hüften locker, das Gesicht gerade, die Arme rauf und runter, nun zur Seite schwingen …« Im Hintergrund lief die passende Musik dazu, meine Mutter gab die Anweisungen weiter, sie war eine der wenigen Frauen, die Englisch verstand.

Es war toll, zuzusehen, wie bald allen Müttern – und afrikanische Mütter haben meist auch mütterliche Figuren, also viele Rundungen – Schweißperlen auf der Stirn standen (gut, dass es dieses Frotteeband gab). Mrs. Fonda hätte sie sicher nicht unbedingt als ihre Zielgruppe gesehen, wenn man die strichdünnen Damen im Video betrachtete. Aber es war wunderbar mitanzusehen, wie die afrikanischen Mamas mit voller Freude ihre viel schöneren Hüftschwünge in Szene setzten. Es war meine erste Begegnung mit Tanzen, na ja, mit Bewegungen zu Musik, und ich war hellauf begeistert. Ich spürte, wie schön es war, den eigenen Körper zu empfinden und ihn mit einer bestimmten Melodie in Einklang zu bringen.

Während ich in Gedanken in meine Kindheit reiste, fiel mir noch etwas ein. In unserem Viertel lebten ja nur Schwarze, aber wir gingen auch in Supermärkte, in denen ebenso Weiße einkauften. Einmal war meine Mutter mit Phemelo und mir in einem solchen Supermarkt in der Nähe von Pretoria, der sogar hauptsächlich von Weißen besucht wurde. Geplant war ein Großeinkauf, deshalb waren wir mit unserem weißen Opel Kadett gefahren. Wir Mädchen waren noch sehr klein, und plötzlich fing eine weiße Frau in dem Laden an, meine Mutter zu beschimpfen. Sie pöbelte herum und wollte überhaupt nicht mehr aufhören. Ich versuchte zu begreifen, was das sollte. Wieso schrie diese Frau meine Mutter an? Was hatte Dudu ihr getan? Wieso war sie der Meinung, dass wir hier nicht einkaufen dürften? Diese Worte hatte ich noch aufgeschnappt. Meine Mutter, die eine stolze Mutter war, ließ sich von der fremden Frau nicht einschüchtern, sie sagte ihr klipp und klar und ebenso laut die Meinung. Danach drehte sie sich um und erledigte weiter ihren Einkauf, völlig unbeeindruckt von dem, was sich gerade ereignet hatte.

Als wir das Geschäft verließen, unsere Einkäufe im Kofferraum und uns selbst auf der Rückbank verstaut hatten, sagte Dudu zu uns: »Nun macht nicht so erschrockene Gesichter. Egal, was diese weiße Frau gesagt hat, sie hat nicht das Recht dazu. Lasst euch niemals von einem Weißen einreden, dass ihr an einem bestimmten Ort nichts zu suchen habt, nur weil ihr schwarz seid.«

»Sind Weiße denn böse Menschen?«, fragte ich.

»Nein«, sagte meine Mutter, »Weiße sind keine bösen Menschen, sondern manchmal nur nicht gut erzogen. Sie haben keine Bildung und wissen es nicht besser. Das ist ein großer Unterschied.«

Diese Antwort beruhigte mich, denn oft genug hatte ich zu Hause gehört, wie wichtig es wäre, Bildung zu haben, sie wäre das Wichtigste überhaupt. Besonders mein Vater betonte es fast jeden Tag. Aber ich glaubte es eher, wenn meine Mutter es sagte, klar, ich war ja ein ausgesprochenes Mama-Kind.

Das Selbstbewusstsein meiner Mutter hatte sicher auch damit zu tun, dass die Zeiten etwas entspannter geworden waren, wenn auch nicht jeder Weiße das so wahrhaben wollte. Vielen reichte es nicht, dass die schwarze Bevölkerung noch immer nicht wählen durfte.

»Leberkäse, kann ich dich damit aus deiner Vergangenheit locken?«, rief Timo. Ich schreckte aus meinen Erinnerungen hoch.

Ja, er konnte. Aber ich sollte in der nächsten Zeit immer wieder in sie hinabtauchen.

2

Kaugummi nur am Freitag

Meine Mutter ist Mama Afrika! Was immer sie tat, sie tat es als Mutter, nie hatte sie es sich gewünscht, eine andere Rolle einzunehmen. Wo immer Hilfe gebraucht wurde, sie bot ihre Unterstützung an. Eine richtige Macherin. Betritt sie einen Raum, zieht sie nicht unbedingt die Aufmerksamkeit auf sich, aber mit ihrer leisen Stimme kommentiert sie alles in der ihr eigenen Weise, und schon nach wenigen Minuten gucken alle zu ihr rüber, denn sie bringt die Menschen um sie herum zum Lachen. Leise und lustig, so kann ich sie am besten beschreiben. Jeder in der südafrikanischen Tanzszene kennt meine Mama. Auch für diese Menschen ist sie Mama Afrika.

In jungen Jahren war sie sehr schmal, und ich denke, dass sie auch sehr sexy ausgesehen hat. Nachdem sie uns Kinder bekommen hat, nahm sie jedoch ein wenig zu. Für afrikanische Verhältnisse ist sie nicht dick, aber nach europäischen und amerikanischen Maßstäben müsste sie abnehmen. Dabei ist sie seit hundert Jahren auf Diät, die Mama.

Klage ich Dudu mein Leid – »Mama, ich habe wieder zugenommen« –, gibt sie mir hervorragende Tipps: »Trink viel, bewege dich noch mehr, iss weniger Kohlenhydrate.«

Dann denke ich, wieso hält sie sich selbst nicht daran, und sage ihr das auch: »Du weißt so viel, und dennoch ignorierst du bei dir selbst all deine guten Ratschläge. Kannst du mir mal verraten, warum das so ist?«

Sie winkt dann ab und meint: »Für Afrika ist mein Gewicht okay. Ich würde hier nur auffallen, wenn ich zu schlank wäre.«

Das stimmt wohl, und ich kann dem dann nichts mehr entgegensetzen. Und als Mama Afrika hat sie natürlich auch eine üppige Oberweite – danke, Mama, dass ich das von dir geerbt habe. Für meine schlanken Glieder und Gelenke sind aber die Gene meines Vaters verantwortlich. Dir auch ein Dankeschön dafür.

Während meine Mutter immer alles kommentiert, sagt mein Vater meistens nichts. Nein, das ist falsch. Er sagt schon etwas, aber nicht viel. Er ist ein sehr ruhiger Mensch, der lieber alles beobachtet und sich nicht ständig einmischt. Betritt er einen Raum, dann gibt er zwei, drei Worte von sich, und damit hat es sich dann auch. Und er ist ungemein klug. So klug, dass er seine Töchter zu starken Mädchen erzogen hat. Wir kamen ja nicht als weiße Mädchen auf die Welt. Gerade konnten wir einzelne Buchstaben auseinanderhalten, da legte er Bücher auf den Tisch, die wir lesen sollten. »Informationen sind wichtig«, sagte er dauernd. »Wissen ist wichtig.« Und noch viel häufiger behauptete er: »Ihr schafft alles, es gibt nichts, was ihr nicht schafft. Ihr müsst es nur wollen, dann kann euch auch nichts auf eurem gewählten Weg aufhalten.«

Mit dem Geld, das er als Anwalt verdiente, brachte er uns nach dem Kindergarten in einer Privatschule unter, auf der es nicht sehr viele schwarze Kinder gab. Wir sollten uns da durchboxen. Wenn er Phemelo und mich tanzen sah, sagte er: »Glaubt an euch selbst.« Wieder und wieder gab er uns solche Sätze mit, dadurch wurden wir zu entspannten Kindern, denn durch ihn hatten wir das Gefühl, trotz aller gesellschaftlichen Verhältnisse frei zu sein. Denn so zielstrebig mein Vater auch war, was unsere Bildung und Ausbildung betraf, spürten wir nur selten den Druck, der auf schwarzen Mädchen lasten konnte.

Und diese beiden letztlich eher zurückhaltenden Eltern konnten sich sicher nur wundern, dass sie es zu drei lauten, lärmenden, lebendigen und sehr präsenten Mädchen gebracht hatten – nach Phemelo gebar meine Mutter acht Jahre später noch Otlile (und mein Bruder Neo war eh nur leise, den nahmen wir kaum wahr). Wir waren jedenfalls die Wow!-Mädchen, die Showgirls. Alle drei. Und die größte Diva von uns allen – das war Otlile. Der Name bedeutet »Sie ist angekommen«, und so hat sie sich auch seit dem Tag ihrer Geburt benommen. Von uns drei Mädchen hat sie das größte Selbstvertrauen, das größte Selbstbewusstsein. Phemelo bedeutet »Schutz«, und auch bei ihr trifft der Name zu, sie versucht jeden vor allen möglichen Gefahren zu bewahren. Motsi ist wiederum eine Abkürzung von Motshegetsi und meint »Jemand, bei dem man sich anlehnen kann«. Das passt ganz gut zu einer Paartänzerin, finde ich.

Oft habe ich mich gefragt, woher unser Showgirl-Verhalten kommt. Niemand aus der Familie hat Angst vor Publikum, weder vor einem kleinen noch vor einem großen, aber dass man gleich loslegte, wenn die Augen (später auch Kameras und Scheinwerfer) auf einen gerichtet waren, diese besondere Lust, sich öffentlich zu produzieren, hatte ich bei keinem aus der Familie feststellen können.

Also keine Ahnung, warum wir so viel Wirbel machten. Wobei – meine Mutter liebt Mode. Oh God! Ich bin ja schon süchtig nach Mode, aber was meine Mama betrifft, da gibt es keine Grenzen. Heute leben mein Vater und Dudu in einer großen Villa, und als sie sich einrichteten, brauchten ihre ganzen Kleider selbstverständlich ein eigenes Zimmer. Besucht sie mich heute in Deutschland, gehe ich mit ihr in ein Einkaufszentrum. Ich setze mich dann in ein Café, lese ein Buch und sage zu ihr: »Geh ruhig los, mach nur, ich warte hier auf dich. Kauf dir was Schönes, du kannst es dir leisten.« Nach einigen Stunden kommt sie mit mehreren Tüten zurück, aber nicht ein einziges teures Teil ist dabei. Alles nur Schnäppchen. Sie legt überhaupt keinen Wert auf Äußerlichkeiten, nie würde sie etwas kaufen, weil sie ein bestimmtes Label tragen möchte, das alles ist ihr nicht wichtig. Es geht allein um die Freude, die sie beim Shopping hat. Und man muss es ihr lassen: Sie hat einen guten Geschmack. Zu ihren grünen Schuhen findet sie das passende Oberteil, genau in demselben Grünton, sonst wäre es unmöglich. Sie sieht richtig schick aus. Was sie aber nicht davon abhält, an anderen Tagen wie eine Obdachlose herumzulaufen, in ausgeleierten Pullovern und Jogginghosen. Da denke ich nur: »Okay …«

Ich wuchs also als Mama-Kind heran. Bevor ich zur Schule ging, spielte ich stundenlang draußen auf den Straßen unseres Blocks. Immer barfuß, selten zogen wir Schuhe an, auch wenn wir welche hatten. Asphalt gab es nur in den Wohngebieten der Weißen, wir rannten über Sand, und das war kein ausgesiebter Sandstrand wie am Meer. Wenn ich im Sommer in Deutschland barfuß durch die Straßen laufe, schauen mich die Leute fast entsetzt an und sagen: »Das tut doch weh! Wie kannst du da ohne Schuhe laufen?« Ich antworte dann: »Das soll wehtun? Ich spüre nichts. Veranstaltet mal ein Wettrennen auf afrikanischem Sand, dann können wir darüber reden, was wehtut.« Meine Füße sind abgehärtet, ich gebe es zu.

Zu unserer Erziehung gehörte auch ein gewisser Umgang mit Süßigkeiten. In unserem Block gab es einen Süßigkeitenladen, aber der war für uns tabu. Stattdessen verwöhnte uns die Mama mit Lepopotane. Als Kinder liebten wir dieses selbstgemachte Eis, wobei einfach Wasser und Fruchtsaft im Eisfach gefroren wurde. Zuhause gab es außerdem noch kleine Pakete mit Puderzucker, die wir ausleckten. Und jeden Freitag brachte uns Papa ein KitKat mit, standardmäßig mit vier Riegeln. Die Frage war natürlich, wie und wann man es aß. Bei mir war das Problem schnell gelöst: aufmachen und alles sofort aufessen. Nicht so bei Phemelo. Sie konnte am Freitag den einen Finger essen, am Samstag den zweiten, am Sonntag den dritten … Ich jedoch saß schon am Samstag da und guckte sie an, wie sie einen kleinen Bissen nach dem anderen abknabberte.

»Bekomme ich auch ein bisschen was ab?«, wagte ich nach einer Weile zu fragen.

Die Antwort meiner Schwester war eindeutig: »Nein, du hast dein KitKat schon aufgegessen!« Aber dann ließ sie sich doch erweichen und gab mir etwas ab.

Und noch etwas gab es am Freitag: Kaugummi. Früher durften wir an jedem Tag Kaugummi kauen – bis ich Phemelo bei einer Kissenschlacht mein Kaugummi in ihre wolligen Haare klebte und sie damit einschlief. Am nächsten Tag mussten sie radikal abrasiert werden, das Kaugummi hatte sich wie ein Spinnennetz über ihren Kopf gelegt. Nun durften wir nur noch kontrolliert kauen – jeden Freitag im Beisein der Eltern.

Das Kauen auf Kommando hatte auch etwas damit zu tun, dass mein Vater uns zeigen wollte, wie weit man mit Willenskraft kommen konnte. Er selbst hatte mit seinem Studium seine extreme Willensstärke bewiesen. Aber es gab auch andere Gebiete, auf denen er demonstrierte, wie er sich beherrschen konnte. Als die Ärzte bei Otlile feststellten, dass sie seit der Geburt Asthma hätte, und meinten, der Rauch, den mein Vater täglich mit seinem Zigarettenkonsum verbreitete, sei schädlich für die Lunge des Babys, pures Gift, hörte er von einem Tag auf den anderen mit dem Rauchen auf.

Ich fragte ihn: »Papa, du rauchst nicht mehr?«

»Nein, das ist vorbei.«

Nie wieder zündete er sich eine Zigarette an.

Neben seinen Büchern liebte mein Vater das Reisen. In den Anfangszeiten der Apartheid war es der schwarzen Bevölkerung nicht erlaubt, einfach irgendwohin zu reisen. Aber mit der Zeit wurden die Repressionen gelockert, und es war meinen Eltern möglich, mit uns Kindern in den Ferien wegzufahren. So fuhren wir etwa für mehrere Wochen nach Durban, einer Stadt am Indischen Ozean, in das Wildreservat Sabi Sabi oder in den Krüger-Nationalpark, das größte Wildschutzgebiet Südafrikas. Meine Eltern wollten uns das ermöglichen, was sie als Kinder nicht hatten erleben dürfen.

Entsprechend wurde der Urlaub zu einem großen Event. Und zu einem Event gehörte, dass man sich schick machte. Dudu ging mit uns zu einer anderen Mutter (einen Friseursalon gab es nicht in unserer Gegend), die uns eine Dauerwelle verpasste – was für unsere krausen Haare sehr schädlich war. Nichtsdestotrotz, Dauerwellen waren gerade in und mussten sein. Und bevor wir mit einem gemieteten VW Citi Golf in die Ferien starteten, wurden wir hübsch angezogen. Das musste sein: die Prinzessinnen von Afrika (und der Prinz von Afrika) durften nur gut vorbereitet in den Urlaub starten. Meine Güte, was war das für ein Wahnsinn!

Und mein Vater verkündete, natürlich: »Reisen bildet!« Jede Kirche, jeder historische Stein, jedes größere und kleinere Tier wurde von ihm ausführlich erklärt. Uns blieb nichts anderes übrig, als ihm geduldig zuzuhören, aber in Gedanken waren wir längst woanders. Ich wollte nur schwimmen und in meinem Lieblingsrestaurant essen: »Wimpy«. Nichts liebte ich mehr als die Wimpy-Cheeseburger. Die waren superklasse. Aber nein, bis es dazu kam, zeigte uns mein Vater noch eine Menge Dinge, von denen ich keine Ahnung mehr habe. Leider.

Fürs Reisen wurde in meiner Familie Geld ausgegeben, aber auch, wie gesagt, für die Schulen, die wir besuchten. Da wurde nicht gespart, da wurde darauf geachtet, auf welche wir gehen sollten. Eine Schule, auf der nur schwarze Kinder waren, kam für meine Eltern nicht infrage. Gut, der schwarze Kindergarten, das konnte man noch hinnehmen, doch anschließend sollte es schon eine private Institution sein, in der sowohl weiße wie auch schwarze Jungen und Mädchen unterrichtet wurden. Und weil Schwarze während der Apartheid nur wenige Möglichkeiten hatten, ähnlich gut zu verdienen wie Weiße, waren die folglich auf diesen nicht öffentlichen Schulen in der Minderheit.

Die Schule, die meine Eltern für mich ausgesucht hatten, war die »Assumption Convent Primary School« in der Jan Van Riebeeck Street im Norden Pretorias. Eine katholische Schule bis Standard Seven (also bis zur siebten Klasse), geleitet von Nonnen – aus missionarischen Gründen waren auch schwarze Kinder erwünscht, außerdem unterstützte man dort Kinder von weißen Eltern, die nicht so viel Geld hatten. Es war eine renommierte Privatschule, aber keine, die einen elitären Charakter hatte.

Fortan musste ich jeden Morgen um fünf aufstehen. Denn die Schule lag weit weg von unserem Township, der Bus, der uns in der Nähe von Block C aufsammelte, brauchte für die Strecke eine Dreiviertelstunde. Später schaffte ich den Weg allein, aber am ersten Schultag begleiteten mich natürlich meine Eltern und Geschwister. Ich trug eine blaue Schuluniform, die viel zu groß für mich war. Meine Mutter hatte darauf verzichtet, sie umzunähen, sie dachte wohl, über kurz oder lang würde ich hineinwachsen. Nun steckte ich also in einem viel zu weiten blauen Rock, der mir fast auf die Knie rutschte, und einem blauen Pullover mit V-Ausschnitt, in den ich gut zweimal hineingepasst hätte. Dazu weiße Socken und schwarze Schuhe. Mir gefiel das alles nicht. Schon deshalb nicht, weil Phemelo weiterhin jeden Tag bei meiner Mutter im Kindergarten sein durfte, während ich nun fast den ganzen Tag getrennt von ihr war. Für ein Mama-Kind eine Katastrophe.

Aber das war nicht das Einzige. Als die Nonnen und Lehrer uns begrüßten, sprachen sie Englisch. Jane Fonda hatte Englisch gesprochen, und hin und wieder hatte ich einzelne Wörter aufgeschnappt – so wusste ich, dass Hund »dog« hieß –, aber natürlich war ich nicht in der Lage, Unterricht auf Englisch zu verstehen. Bei uns zu Hause, auf der Straße und im Kindergarten redeten wir Tswana, auch Setswana genannt, eine afrikanische Sprache, die vor allem in Botswana gesprochen wird. Und nun saß ich da, alle kommunizierten in Englisch – und ich verstand gar nichts.

Kein Wunder, dass ich nicht begeistert war, als ich am nächsten Tag dort wieder erscheinen musste. Mein Vater hatte mir beigebracht: »My name is Motshegetsi Mabuse, and I am five years old.« Immerhin konnte ich jetzt einen ganzen Satz. Und als unsere Lehrerin bat, jeder solle seinen Namen sagen, kam es stolz aus mir heraus: »My name is Motshegetsi Mabuse, and I am five years old.« Natürlich laut und deutlich, damit jeder mitbekam, wer ich war. Und weil ich die Kleinste in der Klasse war, fand mich die Lehrerin »so sweet«. Wahrscheinlich lag das eher an meiner phänomenalen Zahnlücke. Oder an meinen kurzen Haaren. Weil ich immer so viel herumrannte und meist mit Jungs unterwegs war, hatte ich sie mir kurz schneiden lassen. Das trug mir auch den Namen »Tomboy« ein.

Ich hatte meine Mutter darum gebeten, denn im Grunde hasste ich es, wenn sie mir die Haare »schön« machen wollte. Das hieß nämlich, sie versuchte mit dem Kamm durch unsere Locken zu gehen, was höllisch wehtat. Danach wurden sie geflochten, und es kamen Perlen hinein, für afrikanische Frauen ist so etwas sehr wichtig. Aber eine derartige Prozedur war schmerzhaft und dauerte eine Stunde, und man konnte nichts dabei machen. Da erschien es mir sinnvoller, möglichst kurze Haare zu haben. Perfekt für mich!

Miss Dutroit, meine Klassenlehrerin, hatte kurze rötliche Haare, ob gefärbt, darüber wurde wild spekuliert. Sie trug eine Brille und sah – aus der Perspektive von uns Kindern – schon ein wenig männlich aus. Später fand ich heraus, dass sie nie geheiratet hatte und ihre Zuneigung auch nicht unbedingt den Männern galt. Miss Dutroit jedenfalls kümmerte sich vom ersten Tag an um mich. Anders gesagt: Sie schleppte mich mit, denn ich war noch so jung und so unglaublich verspielt. Ich wollte immer raus, um auf Bäume zu klettern oder übers Seil zu hüpfen. Auch mit Steinen konnte ich eine ganze Menge anfangen; mit Puppen spielte ich nur, wenn Phemelo damit vor meiner Nase wedelte und ich nichts Besseres zu tun hatte. Sie liebte es, bei ihrer Barbie-Puppe (weiß natürlich!) die langen, pinkfarbenen Haare zu kämmen und zu flechten. Die Barbie, die ich bekommen hatte, war nur einen Tag in meiner Obhut – und schon hatte sie ein abgerissenes Bein. Was ich da gemacht habe, weiß ich selbst nicht mehr. Es war einfach geschehen. Wahrscheinlich wollte ich sehen, wozu ihre langen Beine so nützlich waren.

Verständlich, dass still sitzen zu bleiben und Buchstaben zu malen, erst recht nichts für mich war. Ich verstand ja auch kaum etwas von dem, was man von mir wollte. Das häufigste Wort, das ich von mir gab, war »What?«.

Immerhin war ich in Sport gut. In den ersten vier Jahren war ich in der Schule die Schnellste und bekam eine Menge Urkunden. Voller Stolz zeigte ich sie meinem Vater, der sich aber viel weniger über diese Leistungen freute als ich. Da gab es nämlich ein kleines Problem mit den anderen Noten. Das Schreiben war bei mir ein besonderes Desaster. Richtig schlimm. Als Linkshänderin verdrehte ich die Buchstaben dermaßen, dass man sie kaum lesen konnte, außerdem schrieb ich von rechts nach links. Alles sah aus wie Kraut und Rüben oder wie afrikanisches Chinesisch. Was hatte meine Mutter versucht, damit ich meinen Namen anständig schrieb, sodass jeder ihn lesen konnte. Sie, eine ausgebildete Grundschullehrerin, hatte es jedoch nach einiger Zeit aufgegeben. Das war noch vor der Einschulung gewesen. Sie hatte geseufzt und gesagt: »Wir schicken sie einfach so in die Schule, die Lehrer dort müssen mit ihr klarkommen.«

Ja, wäre ich nicht ein Liebling von Miss Dutroit gewesen, das hätte alles ganz anders aussehen können. Ich hatte sehr in meiner eigenen Welt gelebt, und die strengen Vorgaben und Einschränkungen einer Schule nahmen mir manchmal schon die Luft zum Atmen. Diese elendige Disziplin. Boah!

Englisch lernte ich jedoch schnell, denn ich war neugierig. Schon im Urlaub mit meinen Eltern ging ich immer in Hotels oder am Strand auf weiße Familien zu und sprach sie auf Tswana an. Ich war davon ausgegangen, dass sie auch mit mir reden wollten, und erst nach einer Weile begriff ich, dass sie nicht verstanden, was ich ihnen da so in epischer Breite erzählte. Das ging natürlich nicht. Sie sollten mich verstehen, mich Motshegeti Mabuse. Also, Show ab! Nun wurde mit Händen und Füßen palavert, ich zeigte hierhin und dorthin. Und hatte ich dann die Aufmerksamkeit der Leute, wollte ich das möglichst lange auskosten. »Guckt mal«, rief ich ihnen zu. »Ich kann mich drehen!« Und schon begann ich, mich im Kreis zu drehen, mein Rock hob sich langsam, doch je schneller ich wurde, desto höher und höher flog er. Ich sah aus wie ein bunter Kreisel, das jedenfalls meinte meine Mutter.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Chili im Blut" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen