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Cherubim

Inhaltsübersicht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Nachwort

Danksagung

Die Cherubim hingegen erkennen

in über alles erhabener Weise

die göttlichen Geheimnisse.

Thomas von Aquin, Summa Theologica

Wenn aber dein rechtes Auge dir Anstoß gibt,

so reiß es aus und wirf es von dir;

denn es ist besser für dich,

dass eins deiner Glieder umkomme,

als dass dein ganzer Leib

in die Hölle geworfen werde.

Matthäus-Evangelium

1. Kapitel

Nürnberg, Anfang November 1491 n.Chr.

Die beiden Männer taumelten unter dem Gewicht, das sie zwischen sich trugen. Sie waren allein in der alten Bürgerkirche, und nur die leeren Augen der Heiligenfiguren aus Stein und Holz folgten ihnen, als sie ihre Last durch den Mittelgang schleppten, nach vorn zum Grab des heiligen Sebaldus.

Die Männer hätten unterschiedlicher nicht sein können. Obwohl sie beide kräftig von Gestalt waren, glichen sie sich kaum. Einer von ihnen trug die teure, farbenfrohere Kleidung eines Patriziers – seidene Strümpfe, eine ausgepolsterte Hose und ein Wams mit ebenfalls ausgepolsterten Schultern –, der andere die schlichte Uniform eines Stadtbüttels. Beide jedoch schwitzten sie unter ihrer Last, und langsam nur, einen Fuß vor den anderen setzend, wankten sie am Heinrichsaltar vorbei. Vor der niedrigen Schranke, die den riesigen Hallenchor der Kirche von dem Kirchenraum für die Laien trennte, blieben sie stehen.

Von hier aus hatten die Männer einen guten Blick auf das Gehäuse des Sebaldusschreins, das Gläubige und Pilger mit Heiligenbildern aus Wachs und Metallfolie behängt hatten. In dem schwachen Schimmer, den die wenigen auf den Altären ringsherum verteilten Kerzen verbreiteten, glänzten die silbernen und goldenen Votivgaben geheimnisvoll.

Aber das kümmerte die Männer nicht.

Mit einem Ächzen ließen sie ihre Last zu Boden gleiten, und jetzt, im helleren Teil der Kirche, war zu erkennen, dass es sich dabei um einen unförmigen, in eine dicke Lederplane eingewickelten Gegenstand handelte. Ein strenger Geruch stieg von dem Bündel auf, legte sich schwer und betäubend in die Luft, und als der Patrizier ihn einatmete, musste er husten. Das Geräusch klang in der hallenden Stille der Kirche wie ein Schuss.

Der Patrizier streckte sich, ließ die Schultern kreisen. Dann schwang er erst ein Bein über die Chorschranke, danach das zweite. Vor dem hölzernen Schreingehäuse, das von einem Metallzaun umgeben war, auf dessen vier Ecken man dicke weiße Kerzen aufgespießt hatte, blieb er stehen und besann sich einen Augenblick lang.

Andächtig zog er einen Gegenstand aus der Tasche und hielt ihn sich vors Gesicht. Es war eine Art Schlüssel – ein längliches, vorn mit einem Haken versehenes Stück Metall.

Der Patrizier drehte es ein paarmal hin und her, wie um seine Beschaffenheit zu prüfen. Dann beugte er sich über den Metallzaun, schob den Schlüssel in das erste der beiden Schlösser, die das Schreingehäuse verschlossen. Einen Augenblick lang stocherte er in dem Schloss herum, dann ertönte ein leises Quietschen und schließlich ein laut vernehmliches Klicken, als das Schloss aufsprang.

Erschrocken fuhren beide Männer herum, erstarrten, als fürchteten sie, bei ihrem unheiligen Tun ertappt worden zu sein. Doch die Kirche lag in völliger Stille da. Nur die Altarkerzen flackerten in dem leichten Luftzug, der durch eine zerbrochene Scheibe im Behaimfenster hereindrang.

Der Patrizier schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem Schreingehäuse zu. Er zog den Schlüssel heraus, führte ihn in das zweite Schloss ein und öffnete nach einigem Probieren auch dieses. Wieder hallte das metallische Klicken des zurückspringenden Riegels im Kirchenraum wider.

Von draußen drang fernes Läuten durch die dicken Wände. Der Türmer vom Weißen Turm verkündete Mitternacht. Die Glocken von St. Sebald jedoch, die gewöhnlich als Erste die Stunde schlugen, blieben heute still.

Der Patrizier verharrte, bis das Läuten verklungen war. Dann nickte er zufrieden und öffnete die hölzerne Tür des Schreingehäuses.

Zum Vorschein kam ein hausförmiger Kasten, der von einer steifen Lederhülle bedeckt war. Fast ehrfürchtig hob der Mann diese und entblößte das Herzstück des Grabes, den eigentlichen Schrein, der mit Dutzenden von Silberbändern verziert war und überaus kostbar wirkte.

Zwischen dem Schrein und der Holzwand des Gehäuses waren ungefähr zwei Handspannen Platz. Zufrieden richtete sich der Patrizier auf, streckte erneut den schmerzenden Rücken und ging dann zurück zur Chorschranke.

»Helft mir!«, befahl er seinem Begleiter, dem Mann in der Stadtbütteluniform.

Unter tiefem Ächzen hievten die beiden das Bündel über die Schranke. Dabei blieb die Plane an einem hervorstehenden Nagel hängen und riss einige Fingerbreit auf. Ruckartig fuhren beide Männer zurück. Stöhnend pressten sie sich die Ärmel auf Mund und Nase.

»Heilige Mutter Gottes!«, murmelte der Stadtbüttel. Dann gab er sich einen Ruck, packte das Bündel fester, und zusammen mit dem Patrizier zerrte er es zu dem Schreingehäuse und bugsierte es in den schmalen Zwischenraum zwischen Reliquienschrein und Holzwand.

Als das Werk vollbracht war, blickte der Patrizier einen Moment lang ins Leere, bevor er sich besann, das Türchen wieder zudrückte und die beiden Schlösser verschloss.

»Das kann auf keinen Fall gottgefällig gewesen sein!« Der Büttel flüsterte, dennoch wurde seine Stimme vom Gewölbe der Kirche zurückgeworfen und vervielfachte sich zu einem unheimlichen, geisterhaften Gewisper. Erschrocken bekreuzigte sich der Büttel.

Der Patrizier grinste kalt. »Einer muss das Notwendige tun!«

Rasch schlug der Büttel ein zweites Kreuz. »Es ist Gotteslästerung!«

Der Patrizier starrte ihn finster an, doch dann zog er eine Grimasse der Entschlossenheit. Er packte den Büttel am Arm und zerrte ihn kurzerhand mit sich.

»He ...«, protestierte dieser, verstummte jedoch, als der Patrizier ihn vor das farbenprächtige Wandbild des Petrus-Altars stieß.

»Seht es Euch an!« Der Patrizier zischte die Worte. »Was sagt es Euch?«

»Ich weiß nicht, was Ihr meint«, wandte der Büttel zaghaft ein.

Der Patrizier deutete auf das Bild. Auf dem Altar darunter brannten zwei hohe Kerzen und rissen Einzelheiten der Malerei aus der Finsternis. Ein Mann auf einem Thron, der das Todesurteil über den Apostel Paulus aussprach. Eine Menge aufgebrachter Menschen, die erregt genau dieses Urteil forderten. Einer dieser Menschen trug einen seltsam flachen Hut. Auf ihn wies der Patrizier. »Das Bild soll uns eine Mahnung sein!«, rief er, und seine Worte hallten in der leeren und stillen Kirche wider wie das Klicken der beiden Schlösser. »Eine Mahnung, wie das Judenpack schon in alten Tagen dafür gesorgt hat, dass heilige Männer den Tod fanden!«

Der Büttel blickte den Patrizier an. Dann seufzte er schwer. Endlich nickte er. »Ihr habt recht!«

Der Patrizier schien zufrieden. Er kehrte dem Petrus-Altar den Rücken, kletterte über die Chorschranke zurück in den öffentlichen Teil der Kirche. »Seht zu, dass Ihr hier überall noch ein bisschen Weihrauch verbrennt«, befahl er dem Büttel. »Der Kerl hat wirklich bestialisch gestunken!«

Katharina Jacob erwachte, weil sie schwitzte, und es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass sie in ihrem Überkleid eingeschlafen war. Das Kaminfeuer war heruntergebrannt, aber die Glut verbreitete noch immer eine wohlige Wärme.

Sie schlug die Decke zur Seite und setzte sich auf. Ihr war ein wenig schwindelig, als habe sie gerade einen Aderlass hinter sich. Mit zusammengepressten Lippen blickte sie auf die feinen Narben an ihren Handgelenken. Zeichen dafür, wie oft früher diese Behandlung an ihr durchgeführt worden war.

In ihrem Mund lag ein pelziger Geschmack. Missmutig warf sie einen Blick aus dem Fenster. Gegenüber beim Fleischhaus brannten Fackeln. Durch die kleinen Butzenscheiben hindurch wirkte die wuchtige, hell erleuchtete Fassade des Gebäudes wie in tausend Splitter zerfallen. Katharina bekam plötzlich keine Luft mehr.

Sie stand auf, trat an das Fenster und stieß es mit einem heftigen Ruck auf. Gierig sog sie die klirrende Nachtluft ein. Es war bemerkenswert kalt für Anfang November, und fast schien es, als wolle die Natur einen Ausgleich schaffen für die glühende Hitzewelle, die Nürnberg im August in einen Taumel aus Wahnsinn gestürzt hatte. Nicht nur Katharina hoffte, dass mit der Hitze auch der Irrsinn vergangen war.

Sie atmete so tief ein und aus, wie sie konnte, und fühlte dabei, wie der Schweiß auf ihrem Leib trocknete. Sie stand noch einen Moment in der eisigen Nachtluft, und als sie zu frösteln begann, klärte sich auch ihr Kopf. Die Müdigkeit, die sie am späten Nachmittag überkommen hatte, schien fort zu sein.

Das Haus, in dem sie zusammen mit ihrer Mutter Mechthild wohnte, gehörte dem Stadtrat von Nürnberg. Es war aus einem Teil der alten Befestigung gebaut worden, die früher die Grenze zwischen Stadt und dem umliegenden Land gebildet hatte. Als Nürnberg wuchs, hatte man die neue Stadtmauer ein gutes Stück weiter westlich gebaut und den alten Gebäuden hier einen neuen Zweck gegeben. Sie dienten nun dem Henker von Nürnberg als Wohnung.

Katharina und ihre Mutter durften es zur Zeit benutzen, weil Bertram Augspurger, der Henker, Mechthilds Mann gewesen war. Er war im August ums Leben gekommen, und der Rat hatte seiner Frau und seiner Stieftochter erlaubt, in seinem Haus wohnen zu bleiben, bis sich ein neuer Henker gefunden hatte.

Das Haus war winzig, und wie ein nutzlos gewordener Brückenbogen schwebte es mitten über der Pegnitz, die zwischen zwei Pfeilern unter ihm hindurchfloss. Ein paar Eisschollen trieben auf dem Fluss. Der Mond stand tief über dem östlichen Horizont, und über der Stadt zogen Wolkenfetzen in ruheloser Hast von Ost nach West.

Drüben beim Fleischhaus kümmerten die Männer sich weder um die Dunkelheit noch um die Kälte. Geschäftig liefen sie hin und her, und ihre Schatten wirkten im zuckenden Licht der Fackeln übergroß.

»Kind?«

Die helle Stimme von Katharinas Mutter Mechthild drang aus dem hinteren Zimmer der schmalen, langgestreckten Wohnung.

Katharina unterdrückte ein Seufzen. »Ja, Mutter! Habe ich dich geweckt? Es tut mir leid, das wollte ich nicht.«

Von ferne schlug es Mitternacht, und Katharina registrierte, dass wenigstens der Mann auf dem Weißen Turm seine Tätigkeit wiederaufgenommen hatte, nachdem tagsüber alle drei Türmer, aus welchen Gründen auch immer, den Dienst verweigert hatten.

»Schon gut«, meinte Mechthild. »Kannst du mir kurz helfen?«

»Natürlich, Mutter!« Katharina warf einen letzten Blick auf die arbeitenden Fleischer, dann griff sie nach dem Fenster, um es wieder zu schließen. Aber mitten in der Bewegung hielt sie inne und überlegte es sich anders. Die frische Luft tat ihr gut. Vielleicht war es besser, das Fenster offenstehen zu lassen.

Sie wappnete sich und betrat die Kammer ihrer Mutter.

»Sie arbeiten die Nacht durch, drüben am Fleischhaus«, sagte sie und zwang sich, es nicht durch zusammengebissene Zähne zu tun. Jedes einzelne Wort musste sie hervorwürgen wie einen Stein. »Und der Türmer vom Weißen Turm arbeitet wieder.«

Ihre Mutter lag in ihrer winzigen Kammer, lang ausgestreckt auf dem Bett, die Arme auf der Decke, die Katharina kurz bevor sie sich selbst hingelegt hatte, sorgfältig um sie herum festgesteckt hatte.

Mechthild Augspurger nickte. »Ich weiß. Ich kann sie hören. Sie versuchen noch immer, die Verluste wieder reinzuholen, die die Ereignisse ihnen beschert haben.«

Katharina schluckte. Die Ereignisse.

Ihre Mutter weigerte sich, die Dinge, die im August in der Stadt geschehen waren, anders zu nennen. Die Ereignisse ... Was für ein höhnischer Ausdruck dafür, dass halb Nürnberg dem Wahnsinn verfallen war, weil ein Irrer die Brunnen vergiftet hatte! Welch feige Umschreibung für die Tatsache, dass Matthias, Katharinas Halbbruder und Mechthilds einziger Sohn, dabei ums Leben gekommen war, ebenso wie Bertram, Mechthilds Mann.

Und wie so schrecklich viele andere.

»Was schaust du so vorwurfsvoll?«, fragte Mechthild. Sie streckte eine Hand aus und wies unter das Bett, wo ihr Nachttopf stand. Sie war gelähmt und auf Hilfe bei ihren täglichen Verrichtungen angewiesen.

Katharina rührte sich nicht. Sie spürte, wie ihre Kiefer sich verkrampften bei dem Versuch, die Worte zurückzuhalten, die sich auf ihre Zunge drängten. »Nur so.« Sie bückte sich nach dem Nachttopf.

Die Luft zwischen ihnen war angefüllt mit Groll und Verdruss. Als Katharina ihrer Mutter den Nachttopf reichte, wich sie ihrem Blick aus.

»Es tut mir leid, dass ich dir das zumuten muss«, sagte Mechthild. »Früher hat Bertram das gemacht, aber ...« Sie verstummte, weil Katharina warnend die Hand hob.

Die Steine in Katharinas Kehle verwandelten sich in Felsbrocken. Sie schluckte dagegen an, aber vergeblich. »Ruf mich, wenn du fertig bist«, bat sie, wandte sich zum Gehen und schloss die Tür hinter sich.

In der Mitte ihrer eigenen Kammer blieb sie stehen, die Fäuste geballt und eine solche Anspannung in der Nackenmuskulatur, dass ihr Kopf anfing zu schmerzen. Diese drangvolle Enge der beiden winzigen Räume, die Erinnerung an die massige Gestalt ihres Stiefvaters, die noch immer wie ein Geist durch die kleine Wohnung zu streifen schien, die Nähe zu ihrer Mutter – Katharina wusste nicht, wie lange sie das alles noch aushalten konnte, ohne sich die Fäuste an den Wänden blutig zu schlagen.

»Du kannst wieder reinkommen«, hörte sie Mechthild.

Sie straffte die Schultern, dann öffnete sie die Tür mit einem Ruck. Obwohl sie sich bemühte, durch den Mund zu atmen, konnte sie den Urin ihrer Mutter riechen. Alte Frauen hatten einen sehr besonderen Geruch, das wusste sie natürlich, denn sie hatte früher zahlreiche ältere Frauen als Patientinnen gehabt.

Seufzend dachte Katharina an all diese Frauen zurück. Vor keiner von ihnen hatte sie sich je so sehr geekelt wie vor ihrer eigenen Mutter. Vor deren säuerlichem und käsigem Geruch und ihrer tiefen, uneingestandenen Trauer.

Die Lider gesenkt, reichte Mechthild Katharina den Nachttopf.

So klein die Wohnung im Henkershaus auch war, sie besaß einen unschätzbaren Luxus: An einer ihrer Außenwände hatte sie ein winziges Gelass, das als Abtritt diente. Alles, was man hier durch ein Loch in einem hölzernen Balken warf, fiel direkt in die Pegnitz und war auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Katharina kippte den Inhalt des Nachttopfes durch dieses Loch und kehrte zu ihrer Mutter zurück. »Du solltest mehr trinken«, riet sie. »Dein Urin sah sehr dunkel aus.«

Mechthild schürzte die Lippen. »Ich bin nicht Heinrich!«, wies sie Katharina zurecht.

Heinrich war ein Bettler, den Katharina vor einigen Monaten kennengelernt hatte, ein Mann mit halb verwirrtem Verstand und dem freundlichen Gemüt eines kleinen Kindes, den Katharina regelrecht ins Herz geschlossen hatte. Er war einer der wenigen Menschen, um dessen Gesundheit sie sich noch zu kümmern wagte, seitdem der Stadtrat von Nürnberg es ihr verboten hatte, die reichen Bürgerinnen zu behandeln.

»Nein«, murmelte Katharina. Ein bitteres »Leider!« lag ihr auf der Zunge, doch sie schluckte es hinunter. Sie war erfüllt von einem schlechten Gewissen, weil sie die Gegenwart eines Irren aus der Gosse besser zu ertragen vermochte als die ihrer eigenen Mutter.

Mit einer ruppigen Bewegung schob sie den Nachttopf wieder unter das Bett. »Natürlich nicht«, setzte sie hinzu.

»Ich kann nichts dafür, dass Bertram tot ist.« Mechthild stützte sich auf die Ellenbogen und richtete sich auf. Das Nachthemd verrutschte über ihrem Hals und entblößte faltige, gelbliche Haut.

»Mutter!«, stöhnte Katharina gedehnt. Und im Stillen dachte sie: Verschone mich um Himmels willen mit diesem Namen!

»Bertram und Matthias haben ...«

Das war zu viel für Katharina. »Erwähne sie nicht immer in einem Atemzug!«, schrie sie. Die Felsen in ihrer Kehle zersplitterten und zerrissen sie von innen heraus.

Mit vor Schrecken und Überraschung geweiteten Augen starrte Mechthild ihre Tochter an. »Was hast du nur?« Sie klang beleidigt und verletzt.

Es war Katharina egal. »Matthias war mein Bruder!«, schnappte sie, fast atemlos vor Zorn und Trauer. »Und er starb durch die Hand eines irren Mörders. Bertram Augspurger hingegen ...« – sie betonte den Namen, als sei er etwas überaus Ekliges – »... er war der Henker von Nürnberg! Erwähne die beiden nie – niemals wieder in einem Atemzug, hast du mich gehört?«

»Du hast recht«, gab Mechthild kühl zurück. »Matthias war mein Sohn. Aber Bertram war mein Mann. Und das zählt auch etwas! Wenn ich dir irgendetwas beigebracht habe, dann hoffentlich das!«

Katharina schnaubte nur.

Mechthilds Blick wurde eisig. »Manchmal denke ich, dein Vater hatte doch recht«, sagte sie, und nun klang sie beleidigt. Dann rutschte sie tiefer in ihre Kissen und schloss die Augen. Ein untrügliches Zeichen für Katharina, dass sie das Gespräch als beendet betrachtete.

Katharina bebte vor Zorn, doch gleichzeitig war ihr auch schlecht vor lauter Elend. In ihrem Unterleib machte sich ein schwaches Ziehen bemerkbar, das sie seit den Ereignissen – seit dem Großen Wahnsinn, korrigierte sie sich selbst – immer wieder einmal spürte.

»Mein Vater«, presste sie mühsam hervor, »hat geglaubt, dass ich besessen bin.« Sie sprach durch gebleckte Zähne und kam sich vor wie ein tollwütiger Hund. »Er war ein Idiot!«

»Es gibt vieles, was du nicht weißt.« Demonstrativ drehte sich Mechthild auf die Seite.

Mit einem Ruck wandte Katharina sich um. Sie hatte keine Ahnung, was Mechthild mit dem letzten Satz gemeint hatte, und es war ihr auch egal.

Sie marschierte aus der Kammer.

»Wo willst du hin?«, rief Mechthild ihr nach.

»Ich gehe nach Heinrich sehen!«, gab sie giftig zurück, dann warf sie die Tür hinter sich ins Schloss. Sie stürmte die schmale Stiege hinunter, packte ihren Mantel und ihre weiße Haube, legte beides an und riss die Haustür auf.

Die Männer beim Fleischhaus starrten ihr verblüfft hinterher, als sie mit wehenden Röcken und finsterem Gesicht an ihnen vorbeirannte.

Der Schnee, der in den letzten Tagen gefallen war, bedeckte den Boden mit einer dichten weißen Schicht und glitzerte im kalten Licht des Mondes. Heinrich bohrte den Finger hinein, erst zur Hälfte, dann gänzlich, und als seine Haut von der Kälte zu schmerzen begann, wartete er noch einen Moment und zog den Finger dann zurück.

Er saß auf seinem angestammten Platz unter einem Brückenbogen, obwohl ein eisiger Hauch aus dem Fluss in die Höhe stieg und mit klammen Fingern nach ihm griff. Aufmerksam starrte er über das schwarze Wasser hinweg und lauschte in die Dunkelheit hinaus.

Schon seit Tagen lag Nürnberg unter einer Glocke aus Frost, die die Geräusche in den Straßen und Gassen verstärkte und sie in klirrendes Glas verwandelte, das auf dem rauen Pflaster zerschellte.

Sogar die Hunde, die sonst die Dunkelheit mit ihrem fortwährenden Gebell erfüllten, schwiegen angesichts der Kälte, die den Atem sichtbar aus ihren Schnauzen steigen ließ und sie selbst in ihre Hütten und Verschläge trieb. Nur eine einsame Katze huschte an Heinrich vorbei, das Fell gesträubt und die Ohren an den Kopf gelegt, als fürchte sie sich vor den Gestalten der Dunkelheit.

Als von jenseits des Flusses der feste Tritt eines Mannes erklang, blieb die Katze wie angewurzelt stehen, und als den Schritten das leisere, rasche Trippeln von Kinderschritten folgte, sträubte sich ihr Nackenhaar, und sie fauchte drohend.

»Müssen wir das wirklich tun, Vater?«, jammerte eine helle Stimme.

Heinrich hob den Kopf und horchte, und als ein Mann und ein kleiner Junge um die Ecke bogen, wich er so tief wie möglich in die Dunkelheit unter der Brücke zurück. Von hier aus hatte er einen guten Blick auf die beiden.

Vater und Sohn waren eingehüllt in dicke Wollmäntel und trugen Mützen aus hellgrauem Kaninchenpelz. Die Unterschenkel des Mannes waren dick umwickelt mit mehreren Lagen hellen Leinens, während der Junge auf klobigen Holzschuhen hinter seinem Vater herhastete.

Die Katze verschwand mit einem Satz in der Lücke zwischen zwei Häusern. Der Vater warf ihr einen stirnrunzelnden Blick hinterher. »Ich habe es dir hundertmal erklärt«, brummte er. In der einen Faust hielt er eine blakende Fackel und in der anderen einen Sack, dessen Kordel im Licht der Flamme rot glänzte. Deutlich hörte Heinrich klägliches Miauen aus dem Sack hervordringen.

»Sie hat jetzt zum zweiten Mal Kleine mit zwei Schwänzen geboren«, sagte der Mann. »Sie hat den Teufel im Leib!«

»Aber sie ist doch meine Freundin!«, jammerte der Junge.

»Wenn aber dein rechtes Auge dir Anstoß gibt, so reiß es aus und wirf es von dir; denn es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder umkomme, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde.« Der Mann seufzte schwer. »Glaub mir, ich tue das hier auch nicht gern, aber es muss sein!«

»Sie hat auch früher schon Kleine mit zwei Schwänzen geboren«, wandte das Kind erneut ein. »Da hast du nur die Kleinen ersäuft, nicht sie.«

Mit einem Ruck blieb der Mann stehen. Noch einmal seufzte er. »Da hatte auch der Teufel Nürnberg nicht in seinen Klauen, Junge!« Er sprach jetzt mit einer Mischung aus Barschheit und Mitleid.

Der Teufel!

Heinrich erzitterte. Der Teufel. Er presste die Hände auf die Ohren, aber dennoch hörte er, wie der Vater weitersprach: »Du hast doch gesehen, was in der letzten Zeit passiert ist. Nein, glaub mir, es ist besser, diese Ausgeburt der Hölle loszuwerden!«

»Ausgeburt der Hölle ...« Die Stimme des Kindes verklang in einem langgezogenen, gequälten Schluchzer. Die beiden betraten die Brücke und verschwanden für einen Moment aus dem Blickfeld von Heinrich. Als sie auf seiner Seite des Flusses wieder auftauchten, konnte er sehen, wie sie stehenblieben. Vor ihnen lag eine flache Treppe, die zur Wasseroberfläche hinunterführte und über deren untere Stufen der Fluss leise schwappte.

»Halt das!«, befahl der Mann dem Kind, überreichte ihm die Fackel und ging mit zögernden Schritten die Treppe hinunter. Dicht vor der Wasseroberfläche blieb er stehen.

Der Junge wagte sich nicht weiter vor. Schwer atmend und leise schniefend stand er da und rührte sich nicht. Die Flamme warf unruhige Schatten auf sein hageres Gesicht.

»Herr im Himmel«, murmelte der Mann und hob den Sack am ausgestreckten Arm in die Höhe. »Gib, dass wir in deinem Namen recht tun, wenn wir diese Kreatur der Hölle dorthin zurückschicken, woher sie kommt.« Er zögerte einen Moment, dann schwang er den Arm zurück und warf den Sack so weit er konnte auf den Fluss hinaus.

Mit einem Klatschen traf er auf dem Wasser auf, und der Junge heulte los. Seine Augen waren weit aufgerissen vor Angst und Traurigkeit, und Rotz lief ihm in einem breiten gelben Strom aus der Nase.

Der Mann hatte den Sack offenbar mit Steinen beschwert, so dass er rasch sank. Mit einem Glucksen glitt er unter die Wasseroberfläche, schnell genug, um die Laute zu verschlucken, die die Katze in seinem Inneren von sich gab, als sie begriff, dass sie dem Tode geweiht war. Ein paar große Luftblasen durchbrachen die Wasseroberfläche. Im nächsten Moment lag der Fluss wieder ruhig und unversehrt da.

Hastig kehrte der Mann zu seinem Sohn zurück, nahm ihm die Fackel ab. »Komm!«, sagte er zu dem Jungen, griff nach seiner Hand und zog ihn mit sich fort.

Keine zwei Augenblicke später verschwanden beide in der Finsternis. Das Schluchzen des Kindes hing noch lange in der eisigen Luft.

Heinrich starrte auf die Stelle, die den Sack verschlungen hatte. Die Luftblasen waren zerplatzt, die letzten Wellenkreise erreichten das Flussufer und liefen mit einem leisen Plätschern aus. Die Katze war fort, ebenso der Vater mit seinem Sohn.

Der Teufel. Und die Hölle.

Davon hatte der Mann gesprochen.

Heinrich schauderte und machte eilig das Zeichen, das die frommen Frauen ihm als kleinem Jungen beigebracht hatten: Mit den Fingerspitzen berührte er erst die Stirn, dann seine Brust und schließlich der Reihe nach erst die linke, dann die rechte Schulter.

Schließlich krabbelte er unter dem Brückenbogen hervor.

Um sich zu wärmen, stampfte er ein paarmal mit den Füßen auf. Sein gesamter Körper brannte von der eisig-feuchten Luft. Beiläufig langte er zu seiner Hüfte, wo er sonst die Tasche mit seinen Habseligkeiten trug. Er zuckte zusammen, als seine Hand ins Leere griff, doch gleich darauf fiel ihm wieder ein, dass er den Beutel in seinem Versteck gelassen hatte. Seine Schulter schmerzte heute zu sehr, um ihn zu tragen.

Ob Katharina etwas dagegen tun konnte?

Er lächelte, als er an sie dachte. Bestimmt würde sie ihm helfen können. Sie war immer so gut zu ihm!

Er betrat die unterste Stufe der Treppe genau in dem Moment, als sich der Mond in eine Wolke hüllte.

Und da presste er beide Hände auf die Ohren, warf den Kopf in den Nacken und stieß ein gequältes, langgezogenes Heulen aus.

»Die Engel!«, stöhnte er, obwohl niemand da war, der ihn hören konnte. »Die Engel!«

Seit Wochen hatte er sie nicht mehr gehört, doch nun begannen sie, wie im Sommer schon einmal, die Luft mit ihrem Kreischen zu erfüllen.

Am Fuß der Treppe sank er in sich zusammen.

Irgendwann hielt er das Getöse nicht mehr aus.

Er rappelte sich auf, zog seinen Mantel fester um sich und erklomm die Treppe, die ihn am Heilig-Geist-Spital vorbei in den südlichen Teil Nürnbergs brachte.

Eine Weile humpelte er ziellos durch die Stadt, mied die größeren Plätze und auch die breiteren Straßen. Seit dem Sommer, als die Engel zum ersten Mal gekreischt hatten, brannten hier an langen Stecken Laternen mit Pechlichtern. Heinrich mochte ihre zuckende, wie lebendig wirkende Helligkeit nicht, duckte sich vor ihr weg und wich in das Dunkel der engen Gassen zurück.

Einmal begegnete ihm ein Nachtwächter mit seinem eigenen Licht, leuchtete ihm mitten ins Gesicht und ließ ihn mit einer strengen Ermahnung, die Leute nicht zu belästigen, wieder ziehen. Eine Katze, die ein besseres Schicksal erwischt hatte als ihre Artgenossin im Sack, huschte vor ihm über den Weg und hielt inne, als sie seiner gewahr wurde. Sie machte einen Buckel und fauchte, dann aber zog sie es vor, in den Schatten zu verschwinden.

Eine kleine Gruppe bunt angemalter Huren kam Heinrich entgegen, taxierte ihn und befand ihn des Ansprechens für unwürdig. Mit unterdrücktem Gekicher gingen sie an ihm vorbei, wandten sich nach ihm um. Er starrte sie finster an, und eine von ihnen, ein zierliches, blasses Persönchen mit aufgedrehten Locken und einem gewagten Ausschnitt, streckte ihm die Zunge heraus.

Über den Dächern der Stadt rauschten die Engel mit ihren Flügeln.

Heinrich presste sich die Hände auf die Ohren und wankte weiter, vorbei an einem Grundstück, dessen Gebäude im Sommer in Flammen aufgegangen war.

Plötzlich näherten sich Schritte.

Heinrich hielt inne und lauschte.

Feste Schuhe. Eine vermummte Gestalt, die eine große Kapuze trug. Unmöglich zu sagen, ob es eine Frau war oder ein Mann.

Heinrich wich in den Schatten eines Hauses zurück, doch die Gestalt hatte ihn bereits entdeckt.

»Du da!«, rief sie. Die Stimme hallte zwischen den Wänden der engstehenden Häuser wider.

Heinrich zermarterte sich den Kopf darüber, was die Gestalt von ihm wollte. Gewöhnlich sprach ihn niemand an. Die meisten Menschen mieden ihn lieber.

Ob dieser Fremde ihn kannte?

Verwirrt fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen. »Anna?«, fragte er. Das Wort zitterte auf seiner Zunge, als habe es ein Eigenleben.

Die Engel in der Luft kreischten vor Vergnügen.

Die Gestalt kam näher. Sie bewegte sich mit geschmeidiger Anmut, wie jemand, der im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte war. Ganz anders als Heinrich.

»Katharina?«, machte er einen zweiten Versuch.

Wieder bekam er keine Antwort.

Die Gestalt war jetzt heran.

»Wer bist du?«, hauchte Heinrich.

Als Antwort erhielt er Schweigen. Dann die rasche Bewegung einer Hand. Etwas blitzte im Mondlicht. Fuhr auf sein Gesicht nieder. Danach. Schmerzen.

Schmerzen und Finsternis.

Das Letzte, was Heinrich hörte, als er in die gefrorene Gosse sank, waren die Engel in der Luft über ihm.

Sie kreischten jetzt nicht mehr. Sie lachten.

Während Katharina durch die düsteren Gassen der Stadt streifte und nach Heinrich Ausschau hielt, versuchte sie, sich von Zorn und vor allem von den Schuldgefühlen freizumachen, die ihre Mutter immer und immer wieder in ihr entfachte. Irgendwann kam sie an der doppeltürmigen Westfassade von St. Sebald vorbei. Linkerhand lag der Friedhof, dessen Einfassung und Grabsteine man repariert hatte, nachdem im August ein Baugerüst auf sie gestürzt war und sie zertrümmert hatte. Im schwachen Licht des Mondes, der sich jetzt hinter ein paar Wolkenfetzen verbarg, leuchteten die neuen Steine hell wie Knochen.

Auf diesem Friedhof lag Matthias.

Katharinas Bruder war im August das Opfer des Engelmörders geworden, eines Irren, der scheinbar planlos Menschen ermordet und sie mit Hilfe von Schwanenflügeln in die schockierenden Abbilder von Engeln verwandelt hatte. Katharina erinnerte sich noch gut daran, wie sie vor dem mit einem Tuch abgedeckten Leichnam ihres Bruders gestanden, wie sie das Tuch fortgezogen und diese furchtbaren Flügel gesehen hatte, deren weiße Federn im Staub hingen ...

Nur mit Mühe gelang es ihr, dieser beklemmenden Erinnerungen Herr zu werden. Sie legte beide Hände an die Wangen, atmete einmal tief durch und setzte dann ihren Weg fort, um Heinrich zu suchen.

Es gab mehrere Stellen, an denen er sich für gewöhnlich aufhielt. Wenn sie Pech hatte, würde sie eine nach der anderen aufsuchen müssen, bevor sie ihn fand.

Kurze Zeit später erreichte sie das Spittlertorviertel. Ein Nachtwächter mit einer Laterne an einer langen Stange kam ihr entgegen und grüßte sie mit einem knappen Nicken.

Kurz darauf verhallten die Tritte seiner schweren Stiefel in den Gassen hinter ihr.

Sie unterdrückte ein Seufzen. Ein Kaufmann, der offenbar von einem späten Geschäftstermin auf dem Weg nach Hause war, kam um eine Ecke und warf ihr einen langen Blick zu. Es war deutlich, dass er Katharina für eine Hure hielt, und Katharina konnte es ihm nicht einmal verdenken. Frauen, die sich zu dieser späten Stunde auf der Straße herumtrieben, gingen in den seltensten Fällen einer ehrbaren Tätigkeit nach. Demonstrativ wandte Katharina den Kopf und zupfte an ihrer weißen Haube, die sie als verheiratete Frau auswies. Aber der Mann war entweder zu betrunken, um die Bedeutung ihrer Kopfbedeckung zu erkennen, oder aber sie war ihm einerlei. Herausfordernd kam er auf Katharina zu, und sie musste ihm einen überaus finsteren Blick zuwerfen, bevor er endlich begriff, dass sie nicht zu haben war. Enttäuschung huschte über seine Miene, doch er setzte seinen Weg fort, ohne ein einziges Wort an sie gerichtet zu haben.

Katharina sah an sich herunter. »Nicht das, was du zu finden gehofft hast!«, sagte sie leise und im Tonfall einer der Hübschlerinnen aus dem Spittlertorviertel. Dass der Mann nicht gleich auf den ersten Hinweis reagiert hatte, gab ihr zu denken. Vielleicht sollte sie doch wieder dazu übergehen, die schwarze Haube aufzusetzen. Wenn die Leute sahen, dass sie Witwe war, behandelten sie sie gewöhnlich mit größerem Respekt.

Sie wischte sich eine lose Haarsträhne aus der Stirn und machte auf dem Absatz kehrt.

Witwe.

Das Wort klang so ... endgültig. Katharina verdrängte alle aufkeimenden Erinnerungen an ihren toten Mann.

Vorbei an St. Sebald und dem Friedhof gelangte sie zum Rathaus. Dem darin liegenden Lochgefängnis schenkte sie keinen Blick, sondern überquerte den Großen Markt, der um diese Zeit menschenleer war. Die unzähligen Bretterbuden, an denen die Marktleute ihre Waren verkauften, lagen still und verlassen unter dem zerrissenen Mondlicht.

Sie ging das kurze Stück bis zur Breiten Brücke, überquerte sie und lief dann eine Weile in der Lorenzer Stadt hin und her, doch an keinem seiner üblichen Standpunkte fand sie Heinrich

Und dann plötzlich stand sie vor dem Haus.

Ruckartig tauchte sie aus ihrer Versenkung auf. Sie hatte nicht vorgehabt hierherzukommen, und doch hatten ihre Füße sie hergetragen, während ihr Geist in Gedanken versunken gewesen war.

Mit klopfendem Herzen hob sie den Blick. An der Fassade des Hauses brannten keine Fackeln, dafür aber an dem Nachbargebäude, so dass Katharina einige Details erkennen konnte. Die Tür mit dem wohlvertrauen Klopfer. Das Geländer neben den Stufen des Haussteins.

Erschrocken über sich selbst, legte sie den Kopf in den Nacken und blickte an der mehrstöckigen Fassade nach oben. Die grünen und weißen Fensterscheiben wirkten in der herrschenden Dunkelheit blind, und Katharina fragte sich, ob sie es vielleicht tatsächlich waren. Immerhin gab es seit Monaten niemanden mehr, der sie putzte.

»Schöne Hütte, wa?«

Von links näherte sich eine Gestalt, die sich zum Schutz vor der Kälte in mehrere Lagen Stoff gehüllt hatte. Eine Hand schälte sich aus den unzähligen Schichten und wies an dem Haus in die Höhe. »Steht schon ’ne ganze Weile leer, aber früher, da wohnte da ’ne Hexe! Sagen die Leute jedenfalls.«

Eine Hexe!

Das eine Wort brachte Erinnerungen zurück, denen Katharina sich lieber nicht stellen wollte. Energisch schob sie sie von sich.

Sie musterte die Gestalt, konnte aber nicht ausmachen, ob es ein Mann oder eine Frau war. Alles, was sie unter dem mehrfach um den Kopf geschlungenen Schal erkennen konnte, waren zwei flinke Augen, die von mächtigen Krähenfüßen umgeben waren. Die Stimme jedoch klang hoch und krächzend, und so vermutete Katharina, dass es sich bei ihrem Gegenüber um eine alte Frau handelte.

»Ich glaub ja nicht an so’n Zeugs, Hexen und so«, behauptete die Alte. »Ist ja schließlich auch unchristlich, oder etwa nich? Die arme Frau, also irgendwie tut sie mir leid.«

Katharina nickte knapp, zum Zeichen, dass sie von weiteren Details nichts wissen wollte. Sie versuchte, sich an der Frau vorbeizudrängen, doch die packte sie beim Arm.

»Der Besitzer«, plauderte sie fröhlich vor sich hin, »ist verschwunden. Schon vor fast einem Jahr. Es heißt, er sei in der Fremde gestorben, und seine Witwe musste das Gemäuer vor ein paar Wochen verkaufen. Hab mich ’ne Zeitlang gefragt, wo sie jetzt wohl wohnt.«

Im Henkershaus, dachte Katharina. Auch wenn du das wahrscheinlich nicht glauben wirst. Sie schwieg jedoch. Mit Nachdruck befreite sie ihren Arm aus dem Griff der Alten.

Die zuckte die Achseln. »Im Armenhaus, wahrscheinlich!«, beantwortete sie ihre eigene Frage. »Ich habe gehört, dass der Erlös des Hauses gerade die Schulden aufgewogen hat, die sie hatte. Besitzt wahrscheinlich nur noch die Kleider, die sie am Leib trägt.«

Nein, dachte Katharina. Einen schwarzen Samtrock noch dazu.

»Jedenfalls war sie die, die der Stadtrat im August hat tauchen lassen, um nachzuprüfen, ob sie eine Hexe ist.«

Katharina war kalt. »Ich muss weiter«, murmelte sie und drängte sich an der Frau vorbei. Es war ihr egal, dass sie sie dabei anrempelte. Sie wollte nur noch hier weg.

»Treibt Euch nicht auf der Straße herum!«, rief die Alte ihr nach. »Ihr holt Euch bei dieser Kälte sonst noch den Tod!«

Katharina bog um eine Ecke und beeilte sich, so viel Raum wie möglich zwischen sich und das Haus zu bringen. Als ihr das gelungen war, blieb sie stehen. Sie musste sich an einer Wand abstützen, weil die Erinnerungen sie jetzt mit Macht überfielen.

Sie dachte daran, wie ihr Bruder Matthias von dem Engelmörder umgebracht worden war, wie sie in den Sog dieser furchtbaren Mordserie geraten und sogar selbst im Lochgefängnis gelandet war. Sie dachte an die Wasserprobe, die sie gefordert hatte, um zu beweisen, dass sie keine Hexe war. Diese Wasserprobe, die beinahe so furchtbar schiefgegangen wäre ...

Und sie dachte an den Mann, der ihr damals das Leben gerettet hatte.

Richard Sterner.

Kurz verspürte sie einen scharfen Schmerz in ihrem Herzen, und er war so unerträglich, dass sie den Gedanken an Richard sofort weit von sich schob.

Um nicht mehr an ihn denken zu müssen, konzentrierte sie sich auf die Erinnerung daran, wie der Stadtrat ihr nach der Hexenprobe das Heilen, und damit die einzige Tätigkeit, die sie wirklich beherrschte, bei Strafe verboten hatte. Doch auch das nützte nichts.

Ohne dass sie es verhindern konnte, kehrte die Erinnerung an Egbert zurück. An ihren Ehemann, der auf einer Reise umgekommen war.

Sie krümmte sich. Ihre Knie zitterten, und sie brauchte all ihre Kraft, um sich wieder zur vollen Größe aufzurichten. Sie musste sich beschäftigen, dachte sie. Sie musste etwas tun, um diesen ganzen Erinnerungen nicht mehr so hilflos ausgeliefert zu sein.

Sie seufzte tief auf, dann ließ sie die Wand los und kehrte um. Diesmal schlug sie um ihr ehemaliges Haus einen Bogen, und schließlich erreichte sie eine Ruine in der Nähe der Frauentormauer, in die sich Heinrich manchmal bei großer Kälte zurückzog.

Sie blieb vor den verkohlten Balken stehen.

»Heinrich?«, rief sie.

Doch sie erhielt keine Antwort.

Dafür ertönten Schritte ganz in der Nähe.

In raschem, abgehacktem Rhythmus hämmerten sie auf das eisige Pflaster, und Katharina wich in die Schatten der ausgebrannten Ruine zurück.

Eine dunkel gekleidete Gestalt bog um eine Hausecke. Mit gesenktem Kopf und tief ins Gesicht gezogener Kapuze eilte sie an Katharina vorbei, ohne sie zu bemerken. Erst als ihre raschen Schritte in der Ferne verklungen waren, wagte Katharina sich wieder aus ihrem Versteck hervor. Kurz überlegte sie, sich durch das Gewirr aus Schutt und schwarzem Holz hindurchzuzwängen, um in Heinrichs Versteck nachzusehen, ob er wirklich nicht da war. Doch dann überlegte sie es sich anders.

Eine vage, unerklärliche Angst hatte plötzlich nach ihrem Herzen gegriffen und es zusammengepresst. Außerdem begann es jetzt in dicken, nassen Flocken zu schneien.

Sie murmelte erst eine rasche Entschuldigung an Heinrich, dann ein kurzes Gebet.

Und dann wandte sie sich ab und machte, dass sie nach Hause kam.

2. Kapitel

Den ganzen Tag über und bis weit in die Nacht hinein hatten die Stundenglocken Nürnbergs geschwiegen, und die ungewohnte Stille hatte die Bürger in Verwirrung gestürzt. Die Menschen waren zu spät zu ihren Verabredungen gekommen oder hatten vergessen, ihre Besorgungen zu machen, Warenlieferungen von einem Ende der Stadt zum anderen waren nicht pünktlich angekommen, und die Messen hatten verspätet begonnen.

Die Nacht war schon weit fortgeschritten, als die Tür des Gasthauses Zur krummen Diele mit einem Ruck geöffnet wurde und zwei Frauen auf die Gasse hinaustraten. Eine Fackel, die der Wirt neben dem Eingang aufgesteckt hatte, warf flackernde Lichtreflexe auf die unbedeckten Haare der beiden. Eine der Frauen schwenkte ihre wirren roten Locken nach hinten und lachte lauthals, obwohl ihr das Blut aus der Nase schoss. Mit der rechten Hand versuchte sie es aufzufangen, doch in stetigem Strom rann es durch ihre Finger und tropfte auf den eisigen Boden.

Die andere Frau ließ sich mit blassem Gesicht gegen eine Mauer sinken, hob beide Hände und presste sie gegen ihre sommersprossenübersäten Wangen. Ihre langen blonden Haare hatte sie zu einer ehemals kunstvollen Frisur hochgesteckt, aus der sich einzelne Strähnen ringelten und ihr wie Korkenzieher in die Augen hingen.

»Dämliches Weibsstück!«, brüllte aus der verräucherten Wirtsstube ein Mann hinter den beiden Frauen her. »Für den Schaden wirst du mir bezahlen!«

Die Rothaarige – ihr Name war Maria – beugte sich vor und schrie zurück ins Innere des Wirtshauses: »Halt dein dreckiges Maul, Alter! Du hast nur bekommen, was du verdient hast!« Sie lachte und drückte dabei den Daumenballen auf ihr rechtes Nasenloch.

Der Mann schleuderte einen deftigen Fluch nach ihr.

Im Stillen belegte sie ihn mit jedem Schimpfwort, das sie im Laufe ihrer Jahre auf den Straßen der Stadt gelernt hatte. Als sie damit fertig war, warf sie die Wirtshaustür ins Schloss, dann wandte sie sich zu Dagmar, der Blonden, um. »Mach dir keine Sorgen, Kleines! Der ist wie ein Köter: Er bellt viel, aber er beißt nur sehr selten.«

»Du blutest so doll!«, flüsterte Dagmar.

Maria winkte ab. Prüfend ließ sie ihre Nase los. Der Blutfluss war bereits geringer geworden.«Nicht so schlimm! Er hat mir in dem Gerangel nur eins auf die Nuss gegeben. Hört schon auf!« Sie schniefte. Ein letzter roter Tropfen löste sich von ihrer Oberlippe, fiel zu Boden. Der metallische Geruch, der ihr bis hinten in die Kehle stieg, verursachte ihr Übelkeit, aber das ließ sie Dagmar nicht wissen.

Die war ohnehin mehr mit sich selbst beschäftigt.

»Was ist, wenn er sich über mich beschwert?« Sie ließ die Hände sinken und seufzte. Ihre Bluse war an der Schulter zerrissen und entblößte eine weiße, knochige Schulter. Dagmar griff nach dem zerfetzten Stoff und zog ihn über die nackte Haut. Die Geste ließ sie schutzbedürftig aussehen. Maria spürte, wie sie Mitleid bekam. Sie hatte häufig Mitleid mit Dagmar, schon seit sie beide Kinder gewesen waren, war das so.

Höhnisch schnaubte sie und ignorierte den dumpfen Schmerz, den ihre Nase dabei aussandte. »Bei wem sollte er das tun? Bei Niklas? Der war viel zu sehr mit Agnes beschäftigt, als dass er mitbekommen hat, was passiert ist.«

Niklas war der Wirt des Gasthauses und in seinem Viertel bekannt dafür, dass er die Dienste der Huren, die bei ihm verkehrten, gern und ausgiebig selbst in Anspruch nahm.

Dagmar zog die Bluse fester um ihre Schultern. »Trotzdem! Die Jacke sah teuer aus. Was, wenn ich sie mit dem Wein ruiniert habe?« Sie hatte dem Mann in der Gaststube einen halben Becher Rotwein ins Gesicht gekippt, weil er allzu zudringlich geworden war und ihr dabei die Bluse zerrissen hatte. In dem darauffolgenden Gerangel hatte der Mann, mehr aus Versehen als mit Absicht, Maria eines auf die Nase gegeben.

»Es war dein Recht, dich zur Wehr zu setzen«, sagte Maria. »Er hätte dich nicht so hart anfassen dürfen.«

Dagmar seufzte. »Er hat mich wie eine Hure behandelt«, murmelte sie, und fast hätte Maria trocken erwidert: Du bist eine Hure. Gerade noch rechtzeitig biss sie die Zähne zusammen. Sie hielt besser ihre lockere Zunge im Zaum, wenn sie Dagmar nicht noch mehr durcheinanderbringen wollte. Die Ärmste hatte schon genug Sorgen, da konnte sie die spöttischen Sprüche ihrer besten Freundin nicht gebrauchen.

Maria unterdrückte ein Seufzen. Sie griff an ihre Nase, drückte sie vorsichtig, um zu prüfen, ob sie gebrochen war. Zu ihrer Erleichterung schien das nicht der Fall zu sein, aber sie würde sich wahrscheinlich morgen die Schminke etwas dicker auftragen müssen, um die Rötung zu verdecken. »Was gedenkst du eigentlich wegen deines ... Problems zu tun?«, fragte sie gerade heraus und deutete dabei auf Dagmars flachen Unterleib.

Dagmars Hand legte sich auf die bezeichnete Stelle. Das war kein gutes Zeichen!

»Du musst Sibilla Bescheid sagen!«, mahnte Maria. »Sonst ist es bald zu spät dazu.«

Dagmar rieb sich mit einer müden Geste über die Augen. »Zu spät dazu«, wiederholte sie. »Wie das klingt!«

»Es klingt wie die harte Wirklichkeit, Herzchen!« Maria unterdrückte den Wunsch, Dagmar zu packen und kräftig durchzuschütteln. »Du bist eine Hübschlerin. Du bist schwanger von irgendeinem Freier. Und du musst langsam etwas dagegen tun, sonst ...« Sie unterbrach sich.

Dagmar schaute ihr ins Gesicht. »Sonst was?«

Bilder geisterten durch Marias Kopf. Bilder von Dagmar mit einem Balg auf dem Arm, die sich auf dem Hauptmarkt in die Reihe der Bettler einfügte und um einen harten Brotkanten flehte. Bilder von dem schreienden Kind auf ihrem Arm, das vor lauter Hunger schon völlig kraftlos war. Sie hob Dagmar beide Hände entgegen. »Das weißt du genau!« Tief holte sie Luft, ignorierte ihre schmerzende Nase, dann fügte sie hinzu: »Denk doch mal nach! Ein Kind, Dagmar! Es bedeutet, dass du deinen Beruf nicht mehr ausüben kannst. Jedenfalls für eine ganze Weile nicht. Du wirst betteln gehen müssen!«

Langsam schüttelte Dagmar den Kopf. Es sah aus, als wehre sie sich gegen die Vorstellung. »Ich könnte trotzdem ...«

Bitter lachte Maria auf. »Trotzdem? Mit einem vor Milch tropfenden Busen? Was glaubst du, werden deine Freier sagen, hm? Nein, Dagmar, die Kerle bist du schneller los, als du blinzeln kannst, glaub mir! Eine Hure und ein Kind, das ist einfach unmöglich!«

Dagmar senkte den Kopf und schwieg einen Moment. Als sie wieder aufsah, lächelte sie. Es war ein stilles Lächeln, eines, das Maria zeigte, dass sie eigentlich mit sich und ihrer Lage im Reinen war. »Es gibt noch einen anderen Weg«, flüsterte sie.

Maria versuchte, einen Blick auf ihr Gesicht zu erhaschen, aber Dagmar wich ihr erfolgreich aus. »Was für einen anderen Weg?«

»Ich werde in ein Kloster gehen.«

Erneut lachte Maria, aber jetzt klang es ungläubig. »Ein Kloster? Bist du völlig von Sinnen?« Das Wort »Kloster« rührte an einer uralten Erinnerung in ihr. Sie versuchte, sie zu fassen, aber es gelang ihr nicht. Plötzlich verkrampfte sich ihre Kehle, und das Schlucken fiel ihr schwer. Rasch schob sie die linke Hand in die Tasche, die in ihren Rock eingenäht war. Das Futter darin hatte an der Unterseite einen Riss, und durch den tastete Maria nach Mimi, die sie stets unter ihr Strumpfband geklemmt bei sich trug. Für einen sehr kurzen Moment fürchtete sie, die Puppe verloren zu haben, doch dann berührten ihre Finger den weichen Stoff des kleinen Kopfes.

Sie schloss die Faust um Mimis Körper und fühlte sofort den Trost, der von ihr ausging.

Sie wusste nicht, warum sie das tat, aber sie wusste, dass Mimi sie begleitete, seit sie ein Kind gewesen war. Den kleinen Stoffkörper zu berühren schien zu helfen, auch wenn Maria sich nicht ganz im Klaren war, wogegen eigentlich. Auf einmal atmete sie jedoch wieder freier.

Dagmar hob den Kopf. »Warum nicht?«, fragte sie, und sie klang trotzig jetzt. »Hat nicht der Papst selbst den Nonnen von St. Katharina befohlen, ein Haus für gefallene Frauen zu bauen? Dorthin könnte ich gehen.«

In diesem Moment erinnerte Dagmar Maria an das kleine Mädchen, das sie vor Jahren gewesen war. Schon damals hatte sie sich nur schwer mit Dingen abfinden können, die ihr nicht in den Kram passten. Sie zog dann die Mundwinkel nach unten und das Kinn zurück, so dass sie auf einen Schlag um Jahre älter aussah. Genau diese Miene setzte sie auch jetzt auf. Maria unterdrückte ein Seufzen. So eindringlich, wie sie es vermochte, blickte sie Dagmar in die Augen.

»Ein Kloster, Dagmar! Überleg doch mal, wie froh wir waren, als wir aus den Fängen der frommen Frauen entkommen konnten. Und jetzt willst du freiwillig in ein Kloster gehen?«

Doch etwas in ihr sagte ihr, dass das Unbehagen, das sie noch eben verspürt hatte, nicht mit den frommen Frauen zusammenhing. Sie war sich plötzlich ganz sicher, dass seine Ursache weit in der Vergangenheit lag. Sehr weit. Viel weiter, als das Findelhaus der frommen Frauen.

Die Vergangenheit ...

Maria schloss die Hand um Mimis Körper.

Auch die Puppe war ein Teil dieser Vergangenheit. Sie war bereits dagewesen, als die frommen Frauen Maria bei sich aufgenommen hatten. Aber woher sie stammte, wer den kleinen Puppenkörper genäht und mit Haaren aus Hanf und Farbe in das Abbild eines Menschen verwandelt hatte, wusste Maria nicht. Mimi war einfach schon immer da. Maria schob den Gedanken von sich. Jetzt war keine Zeit, sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Die Gegenwart war wichtiger.

»Ich weiß ja«, murmelte Dagmar. Ihre Augen waren jetzt weit aufgerissen, funkelten im Licht der Fackel. Was war das, dort in ihrem Augenwinkel? Ein dunkler Schleier, eine Rötung, wie sie sich nach einer zu langen Nacht im Weiß des Augapfels zeigte? Maria beugte sich vor, um es sich genauer anzusehen, doch da blinzelte Dagmar. Ihre Augen nahmen wieder ihren gewöhnlichen Ausdruck an, waren nicht mehr so weit aufgerissen, und der Eindruck war fort.

Maria drückte Mimi ein letztes Mal, vergewisserte sich, dass sie sicher unter dem Strumpfband klemmte, und zog dann die Hand aus der Rocktasche. Mit einem Schaudern schlang sie ihren wollenen Schal fester um die Schultern. Ein eisiger Wind fuhr in die Gasse vor der Krummen Diele und presste ihren Rock gegen ihre Beine. »Komm, wir gehen ein Stück, sonst frieren wir hier noch fest«, schlug sie vor.

Willig folgte Dagmar ihr, als sie sich anschickte, die Gasse zu verlassen. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinanderher, und Maria überlegte, was sie nun sagen sollte. Dann meinte sie: »Dir ist doch hoffentlich klar, dass es in einem Kloster ungefähr hundertmal mehr Regeln gibt, als wir bei den frommen Frauen hatten?« Sie blickte auf Dagmars Leib, wo noch immer in einer schützenden Geste deren Hand lag. »Und eines ist sicher: Dort drinnen könntest du das Kind auf keinen Fall behalten!«

Dagmar zuckte zusammen. Plötzlich standen Tränen in ihren Augen. Sie blieb stehen, und dann wurde sie von einem Schluchzen geschüttelt, das so heftig war, dass Maria sie erschrocken an sich zog.

»Um Himmels willen!«, rief sie aus. »Was ist denn bloß mit dir? Es ist einfach ein Kind, Dagmar! Ein dummer Fehler, aber einer, den Sibilla aus der Welt räumen kann. Sie ist gut darin, glaub mir, du musst keine Angst haben, dass dir etwas geschieht!« Und während sie auf die Freundin einredete und einredete, suchte sie im Geist fieberhaft nach einer besseren Lösung.

Doch ihr fiel keine ein. Dagmar stand steif wie ein Besenstiel da und ließ sich von Maria umarmen. Irritiert schob Maria sie ein Stück von sich fort und blickte ihr ins Gesicht. »Du willst dieses Kind um jeden Preis behalten, oder?«

Dagmar schüttelte energisch den Kopf. Maria atmete auf.

Dann nickte Dagmar, und Maria unterdrückte einen Fluch.

»Es ...« Dagmar schniefte und wischte sich über die laufende Nase. »Ich glaube, ich weiß, von wem es ist!«, flüsterte sie dann.

Maria war skeptisch. »Du hast jeden Tag mehrere Freier, wie kannst du da wissen ...«

Doch sie kam nicht dazu, zu Ende zu sprechen, denn Dagmar fiel ihr mitten ins Wort. »Aber das ist es gar nicht, warum ich so ... so eine Heulsuse bin!«, schluchzte sie auf. »Es ist etwas ganz anderes ... ich ...« Sie holte tief und zitternd Luft. »Ich war heute im Kloster, und ich ...«

Maria ließ sie endlich los und wich voller Anspannung einen Schritt zurück. »Was ist passiert, Dagmar?«

»Ich glaube, ich weiß jetzt ...« Dagmar unterbrach sich, weil ihnen eine Gruppe Männer entgegenkam. Zu Marias Leidwesen blieben die Kerle direkt vor ihnen stehen.

»Hallo, Süße!«, sprach einer von ihnen Maria an. Seine Zunge gehorchte ihm nicht mehr vollständig. Lange blonde Haare fielen ihm in die Stirn und verliehen ihm ein jugendliches, fast noch kindliches Aussehen. Ein starker Geruch von Branntwein strömte von ihm aus.

Maria bemühte sich, nicht das Gesicht zu verziehen. Sie war schlimmeren Gestank gewohnt als den von Schnaps, zumal dieser Kerl hier wahrscheinlich keinen billigen Fusel in sich hineingeschüttet hatte. Seiner Kleidung nach zu urteilen, gehörte er zum Patriziat, ebenso wie seine Freunde, die sich nun halbkreisförmig hinter ihm aufgebaut hatten und breit feixten.

»Wir sind nicht mehr im Dienst«, versuchte Maria den Mann abzuwehren.

»Er bezahlt gut dafür, dass ihr ihn entjungfert!«, rief einer der anderen glucksend, beugte sich vor und rüttelte an einer prall gefüllten Geldkatze, die dem Blonden vom Gürtel hing.

Bevor Maria und Dagmar das Gasthaus verlassen hatten, hatten sie tatsächlich Feierabend machen wollen. Doch der Abend war schlecht gelaufen, und gewöhnlich bezahlten junge Adlige recht gut dafür, wenn einer von ihnen zuvor noch nie bei einer Frau gelegen hatte. Besonders wenn man bei ihm für eine angenehme Erinnerung sorgte.

Andererseits brannte Maria darauf, zu erfahren, was ihre beste Freundin so durcheinandergebracht hatte. Fragend blickte sie sie an.

Dagmar holte Luft. »Geh ruhig mit!«, riet sie Maria. »Er sieht nach einem guten Fang aus. Wir können später weiterreden. Wenn du nach Hause kommst.«

Maria konnte ihr die Anstrengung ansehen, mit der sie sich zusammenriss. »Bist du sicher?«

Dagmar straffte die Schultern, und plötzlich empfand Maria eine tiefe Zuneigung zu ihr. Maria blickte den blonden Patrizier an. Er war eindeutig eine gute Partie, und sie konnte wahrlich jede Münze gebrauchen. Dankbar nickte sie Dagmar zu. »Gut. Wir sehen uns dann bald.«

»Wir haben viel zu besprechen«, meinte Dagmar.

Maria lächelte ihr aufmunternd zu. »Das wird schon wieder!« Dann schob sie all das für eine Weile von sich, ließ den Schal ein wenig von ihrer Schulter gleiten und trat einen Schritt auf den Blonden zu. »Was für Wünsche hättest du denn, Kleiner?«, schnurrte sie, und sie war froh darüber, dass die Dunkelheit der Gasse ihre geschwollene Nase vor den Blicken der Männer verhüllte.

Der Weiße Turm schlug die zweite Viertelstunde nach Mitternacht, und Dagmar runzelte die Stirn. Etwas war anders als sonst, doch sie vermochte nicht zu sagen, was. Erst als die Glocken längst wieder verstummt waren, fiel ihr auf, dass der Türmer von St. Sebald gar nicht geläutet hatte. Gewöhnlich erklangen erst die tiefen Schläge der Glocken dort, bevor die helleren des Weißen Turms und schließlich auch die schnellen, irgendwie hastig klingenden von St. Lorenz einfielen.

Heute jedoch hatten alle Stundenglocken den ganzen Tag über geschwiegen. Wie gut, dass wenigstens die zwei Türmer hier unten im Südteil der Stadt wieder auf dem Posten waren!

Dagmar eilte an der Frauentormauer entlang in Richtung Kornmarkt. Sie hatte das Gefühl, als sei die Nacht plötzlich sehr viel kälter geworden als zuvor.

Sie kannte Maria schon so lange, wie sie denken konnte. Gemeinsam waren sie im Findelhaus an der Schüdt aufgewachsen, und da Maria die Ältere von ihnen beiden war, war ihr von Anfang an die Rolle der großen Schwester zugefallen.

Dagmar versuchte das Kind in ihrem Leib zu erspüren, doch da war nichts. Kein Strampeln, nicht das kleinste Flattern. Es war ja auch noch viel zu früh dafür. »Weißt du, Kleines, ich bin so froh, dass Maria so fürsorglich ist! Sie ist einfach eine gute Freundin, auch wenn sie wegen dir Sibilla holen will.«

Sibilla war als Engelmacherin bekannt am Spittlertor. Es ging das Gerücht, dass ihr in all den Jahren, in denen sie diese Tätigkeit ausübte, erst zwei Frauen weggestorben waren.

Dagmars Hand presste sich fester auf ihren Bauch. »Dich wegmachen lassen?«, flüsterte sie ihrem ungeborenen Kind zu. Die Vorstellung erfüllte sie mit Grausen, und sie hatte längst für sich entschieden, dass sie diesen Weg auf keinen Fall gehen würde.

Ein Lächeln bahnte sich seinen Weg auf ihre Züge. Sie konnte es spüren. Es machte sie hübscher, wenn sie lächelte. Ihre Augen bekamen dann etwas Strahlendes, das wusste sie. In der letzten Zeit lächelte sie allerdings viel zu wenig. Doch das würde sich wieder ändern. Wenn sie das, was sie heute bei den Nonnen in der Katharinengasse erfahren hatte, gewinnbringend umzusetzen verstand.

Plötzlich konnte sie gar nicht mehr begreifen, warum sie eben so unvermittelt in Tränen ausgebrochen war. Sie war doch schließlich von Gott gesegnet! Gerade in dem Augenblick, in dem sie seine Hilfe am meisten brauchte, sandte er sie ihr in Form eines Menschen, den sie seit Jahren zu finden versuchte. – Welch Wunder!

Kopfschüttelnd setzte sie ihren Weg fort. Und zuckte im nächsten Moment zusammen, weil eine der Talglampen an der Hausfassade erlosch, als sie gerade daran vorbeiging. Abrupt stand sie in Finsternis. Ihr Herz begann zu rasen. Schon als Kind hatte sie sich vor der Dunkelheit gefürchtet, und das hatte sich auch nicht gebessert, als sie erwachsen geworden war. Sie beschleunigte ihre Schritte, um in den nächsten Lichtkreis zu gelangen, der drei Hausfassaden weit entfernt war.

Im Stillen schickte sie einen Dank an die Umsicht der Männer des inneren Rates. Nach den Ereignissen im August hatten sie den Befehl erlassen, dass jeder, dessen Hausfront an der Straßenseite länger als drei Schritte maß, dafür sorgen musste, dass bis eine Stunde nach Mitternacht neben seiner Tür ein Licht brannte. Auf diese Weise hoffte man, die Ängste der Nürnberger zu besänftigen. Es waren nicht wenige, die auch Monate nach dem Großen Wahnsinn noch Engel und Dämonen in jeder finsteren Ecke sahen.

Der Hausbesitzer, in dessen Licht Dagmar jetzt trat, schien reich zu sein. Nicht nur ein einfaches Talglicht hatte er auf dem Sims neben seiner Haustür aufgesteckt, sondern eine Laterne hingehängt, deren Rückseite mit blankpoliertem Metall versehen war. Um ein Vielfaches verstärkt fiel das Licht der Flamme auf die Straße.

Der scharfe Wind ließ die Laterne an ihrem Haken pendeln, und für einen kurzen Moment konnte Dagmar sich in dem spiegelnden Schirm hinter dem Licht sehen. Sie blieb stehen und nutzte die günstige Gelegenheit, ihre Locken in der Frisur festzustecken. Die Laterne quietschte beim Schaukeln, und plötzlich hatte Dagmar eine Gänsehaut. Sie packte die Laterne mit einer Hand, um sie ruhig zu halten. Dann schaute sie genauer hin.

Was war das?

Ihr Gesicht befand sich nun so dicht an dem Metall, dass sich von ihrem Atem ein feiner Dunstschleier darauf legte. In der schneidenden Kälte verging er jedoch sofort wieder. Dagmar riss die Augen auf und drehte ihren Kopf ein wenig.

Sie hatte sich nicht getäuscht.

Das Weiße ihrer Augen: Dort, wo es beinahe unter den Lidern verschwand, trieben wolkige Schlieren in ihm, so, als habe der Wind sie gerötet. Schon wollte Dagmar die Laterne loslassen. Doch dann fiel ihr etwas auf. Dies hier war keine Rötung.

Die Schlieren waren schwarz.

Schwarz wie Pech.

»Heda!« Eine leise Stimme erklang hinter ihr. Dagmar zuckte zusammen. »Nicht erschrecken!« Eine Gestalt trat näher, blieb jedoch gerade außerhalb des Lampenscheins stehen. »Ich würde gerne deine Dienste in Anspruch nehmen!« Die Gestalt war hochgewachsen, aber sie wirkte nicht besonders kräftig. Die höfliche, geschliffene Sprache und die hellen, feingliedrigen Hände, die unter dem dunklen Umhang hervorschauten und sich nun in Dagmars Richtung hoben, ließen an einen Mann von Adel denken. Eine Kapuze beschattete die Augen des Mannes, und ein dicker Schal war so um Hals und den unteren Teil des Gesichtes geschlungen, dass er Mund und Nase bedeckte. Seine Stimme klang gedämpft dadurch.

Freudige Anspannung ergriff Dagmar. Vielleicht hatte sie ja Glück, und dieser Kerl hier erwies sich als ähnlich guter Fang wie der Jungspund von Maria!

»Es ist spät!«, sagte sie dennoch und ließ von der Laterne ab. Manchmal machte es Männer erst richtig scharf, wenn sie sich zierte. Es konnte auf jeden Fall nicht schaden, zu versuchen, den Preis ein wenig in die Höhe zu treiben. »Eigentlich war ich auf dem Weg nach Hause.«

Eine der schmalen Hände verschwand unter dem Umhang und kam mit einem prall gefüllten Geldbeutel wieder hervor.

Dagmar frohlockte.

»Ich zahle gut. Besser als das Gesindel, das du heute abend bereits bedienen musstest. Und ich versichere dir, dass ich keine ungebührlichen Wünsche habe.«

Dagmar runzelte die Stirn. »Woher wisst ihr, wen ich heute abend bedient habe?«

Der Fremde zuckte die Achseln. »Du kommst aus dem Spittlertorviertel, nicht wahr?«

Es war Erklärung genug. Die Gegend am Spittlertor war nicht für ihren guten Ruf bekannt.

Dagmar nickte. Sie fühlte Verunsicherung in sich aufsteigen. Diese Stimme! Irgendwo hatte sie sie schon einmal gehört. Oder? Verwirrt blinzelte sie. »Zeigt Euer Gesicht, damit ich entscheiden kann, ob ich Euer Geld annehme oder nicht!«

Ein Lächeln klang in der Stimme des Fremden mit. »Oh, das werde ich.« Er öffnete den Geldbeutel und holte zwei große, glänzende Goldmünzen hervor. »Das sind Florentiner Gulden. Gutes, ehrliches Geld. Du bekommst es, wenn du mit mir kommst.«

Zwei ganze Goldstücke!

Dagmar machte einen Schritt auf den Fremden zu, bemüht, dabei nicht allzu gierig zu wirken.

Blitzschnell versenkte der Freier das Gold wieder in dem Beutel. »Erst die Arbeit, dann der Lohn!«, sagte er freundlich. »Wirst du mir zu Diensten sein? Oder soll ich mir eine andere Dirne suchen? Es gibt genug von deiner Sorte, denke ich, und ...«

»Nein! Nein!«, wehrte Dagmar ab. »Ich werde mit Euch gehen! Sagt mir nur, wohin Ihr wollt. Niklas, der Wirt der Krummen Diele, hat ein kleines Zimmer, das wir benutzen können, oder ...«

»Rede nicht, sondern komm!«, unterbrach der Freier sie.

Sie blinzelte. »Ihr habt es aber wirklich eilig!«

»Wie man es nimmt.« Der Freier streckte eine Hand aus und bedeutete Dagmar, sie zu ergreifen.

Sie zögerte. Doch dann fasste sie zu.

Die Haut des Mannes war weich und warm, so ganz anders als die meisten, die sie sonst berühren musste. Doch der Fremde fasste mit solcher Kraft zu, dass sie schmerzhaft aufstöhnte.

»Sehr gut!«, flüsterte er heiser.

Dann zog er sie in die Schatten der Stadtmauer.

»Sei gegrüßt, mein lieber Butte!« Der Nachtwächter, dessen Namen Raphael Krafft sich nicht merken konnte, stieß seinen Stab mit der Lampe in die feuchte Erde der unbefestigten Gasse. In dem flackernden Licht sah sein Grinsen spöttisch aus.

»Nenn mich nicht immer Butte!« Raphael blieb stehen. »Einen guten Abend auch dir!« Die beiden Eimer, die an einem hölzernen Joch auf seinen Schultern hingen, schwangen sachte hin und her. Beide waren noch unbenutzt, obwohl es gegen Mitternacht ging, und Raphael fürchtete, sie würden es auch bleiben. Denn bei dieser klirrenden Kälte würde er höchstens noch ein paar Zecher treffen. Und die zählten nicht zu seinen besten Kunden, weil sie es vorzogen, sich einfach in einer dunklen Ecke zu erleichtern. Auch wenn der Stadtrat genau das verboten hatte.

Der Nachtwächter neigte grüßend den Kopf, und Raphael zermarterte sich das Hirn darüber, wie der Mann hieß. Wenn sein Gedächtnis ihn doch in letzter Zeit nur nicht so oft im Stich lassen würde! Bald würde er sich nicht einmal mehr daran erinnern können, wie sein eigener Name war.

Er öffnete und schloss die linke Hand mehrfach. Wenigstens die Schmerzen in den Fingergelenken waren heute erträglich. Vielleicht hatte er ja Glück, und die Gicht, die sich seit ein paar Monaten immer wieder einmal mit steifen Gelenken und dumpfem Druck in den Knöcheln ankündigte, würde noch ein paar Jährchen auf sich warten lassen.

Das Alter war wahrhaftig nichts für Feiglinge, dachte er. Und das, obwohl er noch keine fünfundvierzig Jahre zählte.

»Wie gehen die Geschäfte?« Der Nachtwächter gluckste ob der Zweideutigkeit seiner Worte.

Raphael bemühte sich um ein unverbindliches Lächeln. Diese Frage wurde ihm so oft gestellt, dass er sie längst nicht mehr hören konnte. »Schleppend«, antwortete er so ausdruckslos, wie er es vermochte. »Nicht viel los in den Gassen in diesen Zeiten.«

Der Nachtwächter warf einen Blick über beide Schultern und tat so, als sei ihm das noch gar nicht aufgefallen. »Tatsächlich!«

Raphael unterdrückte ein Seufzen. Allzu gern hätte er einfach seinen Weg fortgesetzt, ohne sich mit Dummköpfen wie diesem Kerl hier abgeben zu müssen. Aber seine Arbeit als vom Stadtrat bestellter Abtrittanbieter brachte es mit sich, dass er häufig mit Menschen zu tun hatte, die versuchten, Scherze zu machen oder auf andere, idiotische Weise ihre Scham zu überspielen, wenn sie seine Dienste in Anspruch nahmen. Er war derlei gewöhnt.

»Wenn du mich fragst«, bemerkte der Nachtwächter, »dann war mir sowieso nie klar, warum der Rat euch eingestellt hat. Ich meine, es gibt doch genügend dunkle Ecken, warum muss dann ein armer Tropf wie du mit diesen beiden ekligen Eimern durch die Gegend laufen?«

»Weil Bürgermeister Zeuner ein gelehrter Mann ist und in Einsiedeln war.«

»Einsiedeln? Und was, bitte schön, soll das heißen?«

Kurz spielte Raphael mit dem Gedanken, den Trottel mit seiner Unwissenheit einfach stehenzulassen. Aber dann antwortete er doch.

»Einsiedeln ist ein kleiner Ort in den Alpen«, erklärte er geduldig. »Genaueres weiß ich auch nicht, aber es heißt, Zeuner hat dort einen Medicus getroffen. Muss ein ziemlich verschrobener Kerl gewesen sein.«

Der Nachtwächter schaute fragend, und Raphael fuhr fort: »Er hielt es für richtig, neue medizinische Erkenntnisse dadurch zu erlangen, dass er seine Patienten anschaute.« Er betonte das letzte Wort mit einem spöttischen Schnauben.

Doch der Nachtwächter schien nicht zu begreifen, was er ihm sagen wollte. Raphael musste sich zwingen, nicht die Augen zu verdrehen.

»Ich meine«, redete er weiter und konnte sich einen kleinen Seitenhieb nicht verwehren, »es weiß doch jeder, dass es in der Medizin nicht anders ist als in der Bibelkunde: Die Altvorderen haben gesagt, was es zu sagen gab. Ein Gelehrter von heute muss nichts anderes tun, als ihre Schriften zu studieren, dann wird er alle nötigen Erkenntnisse erlangen, die er braucht, um seine Tätigkeit auszuführen.« Er bildete sich einiges darauf ein, dass er Dinge wusste, die bei einem einfachen Mann wie ihm eigentlich unüblich waren.

Der Nachtwächter blinzelte. »So? Nun ja. Wahrscheinlich.«

Raphael unterdrückte ein Seufzen. »Es ist so, glaub mir! Sich die Menschen anzuschauen! Was für ein Unsinn! Jedenfalls, dieser Medicus aus Einsiedeln, er hat Zeuner einen Floh ins Ohr gesetzt. Er war nämlich der festen Überzeugung, dass sich die Seuchen in einer Stadt merklich verringern lassen, wenn man die Leute daran hindert, einfach auf die Straße zu scheißen.«

Jetzt nickte der Nachtwächter verstehend. »Und kaum ist er zurück in Nürnberg, überredet Zeuner den Rat, diesen Unsinn zu überprüfen!«

»Indem er eine Truppe von Abtrittanbietern ins Leben ruft, ja.« Raphael verlagerte das Gewicht der Eimer auf seinen Schultern ein wenig. Stolz keimte in seiner Brust. »Nürnberg ist übrigens die einzige Stadt im gesamten Reich, die so was hat.«

Im Grunde, dachte er, konnte er sich nicht beklagen. Der Rat zahlte ihm ein Grundgehalt, von dem er sich und auch die Liebschaften, die er ab und an pflegte, über die Runden bringen konnte. Und oftmals erhielt er von seinen Kunden auch noch die eine oder andere Münze zugesteckt. Die Arbeit war zwar nicht besonders angenehm, aber sie war vergleichsweise leicht. Und auch an den Geruch hatte er sich längst gewöhnt, ebenso an die Tatsache, dass die Leute ihn beinahe ebenso schräg ansahen, wie sie es bei einem Henker oder einem Abdecker taten.

»Nun ja.« Der Nachtwächter kratzte sich erst am Kopf, dann zwischen den Beinen. »Mal sehen, wie lange es euch noch gibt.«

Raphael sah ihn an. »Wie meinst du das?«

»Na, weil Zeuner doch seit dem Großen Wahnsinn verschwunden ist«, antwortete der Nachtwächter. »Dauert bestimmt nicht mehr lange, und eure seltsame Truppe von Eimerträgern wird dem Rat zu teuer.«

Da sei der liebe Gott vor!, dachte Raphael erschrocken. Natürlich hatte er gewusst, dass Bürgermeister Zeuner als verschollen galt. Aber die Schlüsse, die der Nachtwächter aus dieser Tatsache zog, waren ihm bisher noch nicht in den Sinn gekommen.

»Wie dem auch sei!« Der Nachtwächter tippte sich an die Mütze. »Dann gehab dich wohl!« Er nahm seinen Stab wieder auf und setzte seinen Weg fort.

»Mein Herr?«

Die leise, samtige Stimme kam so unvermittelt aus der Dunkelheit, dass Raphael erschrocken zusammenzuckte. Rasch wandte er sich um und ließ seine Blicke umherschweifen, doch seine Augen hatten sich nach der Helligkeit der Nachtwächterlaterne noch nicht wieder an die Finsternis gewöhnt. Er konnte nicht mehr erkennen als einen Schatten, und er ärgerte sich darüber, dass seine eigene Lampe, die am Ende seines Jochs baumelte, zu schwach war, um die Ecken zu erhellen. Misstrauisch kniff er die Augen zusammen und schlug den großen Umhang, den er für seine Tätigkeit benötigte, über die Schulter zurück.

»Wer seid Ihr? Zeigt Euch!«

»Ich wollte Euch nicht erschrecken!« Ein Mann trat aus den Schatten, die ein hohes, im zweiten Stockwerk überkragendes Gebäude auf die Straße warf. Er war hochgewachsen und sehr schlank.

Als er näher trat, sah Raphael, dass er nicht nur dünn war, sondern recht mager. Rotblonde Haare umrahmten sein Gesicht, in dem ein freundliches, vertrauenerweckendes Lächeln saß. Die Augen des Mannes lagen im Schatten eines breitkrempigen Hutes, aber dennoch glaubte Raphael zu erkennen, dass sie sehr blau waren.

Ein nächtlicher Zecher kam um eine Hausecke und wankte an Raphael vorbei. Der Rothaarige wartete, bis er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war, erst dann sprach er Raphael erneut an. »Verzeiht. Ich habe gehört, was Ihr über die Arbeit eines Medicus sagtet. Ihr scheint Euch mit dieser Angelegenheit ein wenig auszukennen?«

Raphael zuckte die Achseln. »Ich höre nur zu, wenn die Leute reden.«

»Aber die Medizin scheint Euch zu interessieren.«

Da lächelte auch Raphael. »Ja!«, gestand er. »Ich glaube, ich wäre gerne Arzt. Jemand zu sein, der den Menschen helfen kann, stelle ich mir wunderbar vor. Aber wie kann ich Euch zu Diensten sein?« Er verlagerte sein Gewicht vom linken auf das rechte Bein. Die Ketten an seinem Joch klirrten leise.

Der Mann deutete auf einen der Eimer. »Damit.«

Raphael schaute auf das hölzerne Gefäß an seiner Seite. Irgendwie fühlte er sich überrascht, denn er hatte nicht den Eindruck gehabt, dass der Mann diese Art von Dienst von ihm verlangen würde. »Ihr wollt ...«

Hell lachte der Mann auf. »Ja, aber nicht so, wie Ihr denkt! Was ich von Euch will, ist der Inhalt Eurer Eimer. Könntet Ihr ihn zu einem von mir vorgegebenen Zeitpunkt zu einem Haus liefern, das ich Euch nenne?«

»Ihr meint, Pisse?« Raphael fiel es schwer zu glauben, was er da hörte. Wozu, um Himmels willen, brauchte jemand, der bei klarem Verstand war, menschliche Pisse?

»Oh, ich bin bereit, Euch dafür zu bezahlen, aber nur wenn Ihr mir ab und an einen dieser Eimer voll vorbeibringt. Es muss aber reiner Urin sein, nicht ...« Der Mann unterbrach sich.

Raphael wusste schon. »Das ist kein Problem«, sagte er, auch wenn er noch immer keine Ahnung hatte, wozu dieser seltsame Kerl das Zeug benötigte. Er stellte eine entsprechende Frage.

Der Mann zuckte die Achseln, die Geste wirkte ausweichend. »Ich bin Doktor der Medizin. Ich brauche es für meine Arbeit.«

Raphael schüttelte den Kopf und fragte sich, ob der Kerl ihn veralbern wollte. Gerade eben noch hatte er zugegeben, dass er ihn bei seinem Gespräch über die Medizin belauscht hatte, und jetzt behauptete er, selbst ein Medicus zu sein? Raphael konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er verhöhnt wurde. »Ihr seid aber nicht im Auftrag von zwei großen Kerlen hier. Einer von ihnen hat eine Zahnlücke im Oberkiefer, genau hier.« Raphael zeigte auf einen seiner eigenen Schneidezähne.

Der Mann wirkte verwirrt.

»Das sind zwei Kumpel von mir«, erklärte Raphael. »Wir treiben gerne unsere Späße miteinander. Letztens haben sie mir eine Hure geschickt, und die ...«

»Nein!«, unterbrach ihn der Mann und lachte auf. »Ich gebe zu, der Schluss liegt nahe, dass ich einen Scherz mit Euch mache! Aber seid versichert, Eure Freunde haben mit diesem hier nicht das Geringste zu tun. Glaubt mir: Ich benötige den Harn nur, um ein paar besondere medizinische Studien durchzuführen.«

Raphael musste an diesen seltsamen Medicus denken, den Bürgermeister Zeuner angeblich in Einsiedeln getroffen hatte. Konnte es sein, dass studierte Männer allesamt ein bisschen verschroben waren?

Der Mann räusperte sich. »Wichtig ist allerdings, dass es sich um reinen Frauenurin handelt.«

»Das ist machbar.« Raphael rasselte mit der linken Kette. »Es ist sogar einfacher, denn Männer nutzen für diese Art Geschäft meine Dienste überaus selten. Sie suchen sich lieber eine unbeobachtete Hausecke, auch wenn der Stadtrat das verboten hat.«

»Gut. Bleibt nur die Frage nach dem Geld.«

Der Mann nannte Raphael eine Summe, die überaus ansehnlich war, und fast hätte Raphael in diesem Moment das Geschäft noch abgelehnt. Es konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen, dass ein Mann so viel Geld für ... Pisse zahlte! Doch dann besann er sich darauf, was er mit einer solchen Summe alles kaufen konnte. Die kleine blonde Hure mit den Korkenzieherlocken, die er erst neulich kennengelernt hatte, würde ihn bestimmt bevorzugt behandeln, wenn er ihr ein kleines Geschenk machte. Ein Armband wäre passend ... Also schob Raphael alle Bedenken beiseite. »Ich mag mir zwar nicht vorstellen, zu welch finsteren Zwecken Ihr Frauenpisse braucht, aber das geht mich nichts an. Wenn Ihr den Betrag bezahlt, den Ihr genannt habt, sollt Ihr bekommen, was Ihr verlangt.« Was für ein Glückskind er doch war! »Ich bin also einverstanden.« Er streckte die Hand aus.

Der Mann zögerte, und Raphael konnte erkennen, dass er sich vor seiner Berührung ekelte. Auch das war er gewöhnt, wenn es ihn jedoch immer wieder schmerzte, es zu erleben. Schließlich gab der Mann sich einen Ruck und schlug ein. »Abgemacht?«

»Abgemacht«, nickte Raphael. »Wie ist Euer Name, und wo wohnt Ihr? Damit ich weiß, wohin ich den Eimer bringen muss.«

»Kommt einfach in das Fischerhaus an der Frauentormauer. Das, was seit Monaten leergestanden hat, kennt Ihr es?«

Raphael nickte. Das Haus war kaum zu übersehen: Es besaß vier Stockwerke und über dem zweiten einen tragenden Balken, den man mit der Darstellung eines Netze auswerfenden Mannes verziert hatte. Es hieß, der erste Besitzer des Hauses sei ursprünglich aus Lübeck gewesen und habe sich mit dieser Verzierung eine Erinnerung an seine alte Heimat schaffen wollen. Raphael mochte das Haus, es strahlte Würde und Heimeligkeit aus, obwohl es leerstand und seine Fensterscheiben längst erblindet waren.

»Gut.« Der Mann nickte Raphael zu. »Noch brauche ich Eure Lieferung nicht, aber ich gebe Euch Bescheid, wenn sich das ändert. Dazu müsst Ihr mir nur noch Euren Namen verraten, damit ich Euch wiederfinden kann.«

Raphael trat einen Schritt rückwärts. »Raphael Krafft. Ich bin leicht zu finden. Ich glaube, es gibt kaum jemanden in Nürnberg, der mich nicht kennt.«

»Das kann ich mir vorstellen.« Der Mann tippte sich an den Hut, dann wandte er sich ab und war im nächsten Moment um eine Hausecke entschwunden.

Der Freier ging vor Dagmar her, bog ein paarmal in verschiedene Richtungen ab, bis sie sich nicht mehr sicher war, wo sie sich eigentlich befand.

»Wohin wollt Ihr?«, fragte sie. Der Atem stand ihr als dichte Wolke vor dem Mund. Es war noch kälter geworden.

»Hier draußen ist es doch recht ungemütlich«, bekam sie zur Antwort. Die Stimme des Freiers klang gedämpft durch den Schal, den er sich über Mund und Nase gezogen hatte. »Ich habe ein schönes, warmes Plätzchen für uns, und wenn du magst, bleibst du die ganze Nacht und bekommst morgen früh ein fürstliches Frühstück serviert.«

Der Mann musste reich sein, dachte Dagmar. Reich und ledig. Nur so erklärte sich, warum er vorhatte, sie mit zu sich nach Hause zu nehmen und dort auch bleiben zu lassen, bis der Morgen graute. Die Vorstellung, in einem richtigen Bett, vielleicht sogar in seidenen Laken zu schlafen, erschien ihr so verlockend, dass sich ein Lächeln auf ihre Mundwinkel stahl.

Der Freier warf ihr einen raschen Seitenblick zu und nickte zufrieden. »Es wird dir gefallen!« Inzwischen hatte er ihre Hand losgelassen.

Eine Frau kam ihnen entgegen, und mit der ihr eigenen Aufmerksamkeit sah Dagmar, dass sie einen guten Mantel und eine weiße Haube trug, die sie als verheiratet auswies. Was wohl eine Bürgerin wie sie mitten in der Nacht allein in den Straßen machte? Der Freier blieb jetzt stehen, und Dagmar vergaß die Frau sofort wieder.

»Wir müssen hier entlang.« Der Freier wies auf einen schmalen Durchlass. Es war finster darin, und sie konnte es rascheln hören. Waren das Ratten oder eine Katze? Sie rieb sich die Oberarme und blickte ihren Freier fragend an.

Der neigte den Kopf. »Es ist ein geheimer Weg zu meinem Haus«, erklärte er, und es lag ein wenig Befangenheit in seiner Stimme. »Ich möchte nicht, dass die Nachbarn sehen, wen ich mitten in der Nacht mit nach Hause bringe.«

Dagmar nickte, auch wenn ihr die Worte einen Stich versetzten. Natürlich! Er schien höher gestellt zu sein, als sie zunächst vermutet hatte. Wahrscheinlich hatte er einen Ruf zu verlieren. Sie richtete die Gedanken auf die Goldmünzen in seinem Beutel. Dann folgte sie ihm hinein in die unheimliche Finsternis.

Der Mann führte sie durch einen Gang, der so schmal war, dass Dagmar die Wände rechts und links mit beiden Händen berühren konnte. Sie verzog angewidert das Gesicht, denn ein strenger Geruch von Tierkot stieg ihr in die Nase. Hier waren eindeutig Ratten!

Ängstlich streckte sie die Hand nach dem Umhang des Freiers aus, um sich daran festzuklammern.

»Keine Sorge«, sagte er und hob den rechten Arm, um ihr zu zeigen, was er in der Hand hielt.

Hier in der Gasse brannten keinerlei Lichter, doch ein paar Mondstrahlen erreichten den glitschigen Boden vor Dagmars Füßen. In einem von ihnen blitzte die schmale Klinge in der Hand des Freiers auf. Sie sah gefährlich aus. Scharf geschliffen und nadelspitz.

»Gut«, murmelte Dagmar. »Das wird die Biester auf Abstand halten!« Irgendwo hinter ihr quietschte eine der Ratten.

Dann weitete sich der schmale Gang unvermittelt zu einer Art Hinterhof. Dagmar sah eine Reihe Fässer und mehrere Holzverschläge, in denen fette Kaninchen hockten. Unordentlich gestapelt lehnten ein paar Körbe an einer schmutzigen Wand. Der Boden unter ihren Füßen war aufgewühlt, so als hätten hier tagsüber Dutzende von Füßen den immer wieder frisch gefallenen Schnee niedergetrampelt und zum Schmelzen gebracht. Jetzt, in der Kälte der Nacht, bildete sich über dem Matsch eine dünne Eisschicht, die knirschend unter Dagmars Füßen zerbarst.

Der Freier drehte sich zu Dagmar um.

»Wo geht ...?« Sie verstummte erschrocken. Rasch blickte sie sich um, weil sie sehen wollte, wo es weiterging. Doch es gab keinerlei Ausweg aus diesem Hof, bis auf die Gasse, durch die sie gekommen waren. Und – diese Erkenntnis fraß sich in Dagmars Bewusstsein wie ein eisiger Dolch – es gab auch keine Hintertüren, durch die man in eines der umstehenden Häuser gelangen konnte.

»Das ist eine Sackgasse!« Sie keuchte auf, denn nun hob der Freier beide Hände, um seine Kapuze abzustreifen. Der Dolch in seinen Fingern ließ einen weiteren Mondstrahl glitzern.

Schlagartig begann Dagmar zu zittern. Dann wurden ihre Augen weit, als sie erkannte, wer vor ihr stand.

»Ihr?« Ihre Stimme überschlug sich. Sie wollte rückwärts weichen, aber ihre Füße waren wie am Erdboden festgefroren. Und plötzlich, so schnell, dass sie entsetzt rückwärts taumelte, fuhr der Dolch auf ihr Gesicht zu.

Sie prallte zurück, und der Dolch verfehlte sie um Haaresbreite. Doch keinen Atemzug später explodierte greller, brutaler Schmerz in ihrem Unterleib.

Das Kind!, war das Letzte, was sie denken konnte. Sie presste die Hände auf den Leib, um ihr Ungeborenes zu schützen. Etwas Warmes, Glitschiges quoll zwischen ihren Fingern hervor, dann fiel sie. Sie lebte noch lange genug, um mit anzusehen, wie der blutige Stahl des schlanken Dolches sich ihren weit aufgerissenen Augen näherte.

Nachdem der seltsame rothaarige Kauz verschwunden war, konnte Raphael seine Arbeit ungehindert fortsetzen. Er beschloss, sein Glück im Spittlertorviertel bei den Gasthäusern zu versuchen. Um dorthin zu gelangen, schlenderte er durch die Fleischhackergasse und schlug den Weg Richtung Frauentor ein. Beiläufig warf er einen Blick auf das Fischerhaus, in der Hoffnung, ein Licht hinter den Fenstern zu sehen. Etwas, das ihm Aufschluss über seinen neuen Auftraggeber geben konnte. Das Haus lag jedoch in völliger Einsamkeit da. Die Scheiben wirkten blind im Licht der wenigen Lampen ringsherum, und irgendwie kam Raphael das ganze Anwesen unheimlich vor.

Er machte, dass er weiterkam.

Bei einer Lücke in der Häuserfront, in der noch die Überreste eines kürzlich abgebrannten Hauses lagen, blieb er stehen. Etwas hatte ihn aufmerken lassen, aber er vermochte nicht zu sagen, was es gewesen war. Mit angehaltenem Atem lauschte er auf verdächtige Geräusche. Nichts.

Oben in der Dachrinne gurrten schläfrig ein paar Tauben, die sich zum Schutz vor der Kälte zu kleinen Federbällen aufgeplustert hatten.

»Ist da jemand?« In der nächtlichen Stille klangen Raphaels Worte unangenehm laut nach. Er erhielt keine Antwort, nur ein Hund schlug auf einem der naheliegenden Hinterhöf an und verstummte gleich darauf wieder.

Langsam ließ Raphael das Joch von den Schultern rutschen und stellte die Eimer ab. Die Ketten klirrten leise, als sie neben den Gefäßen zu Boden glitten. Raphael hakte die Lampe von dem Joch und trat einen Schritt vor.

»Heda!« Er musste sich räuspern, bevor er weitersprechen konnte. »Wenn da jemand ist: Zeigt Euch, im Namen des Stadtrates!« Seine Hand tastete zum Gürtel, wo er immer einen kleinen Dolch bei sich trug. Während er die Hand um den hölzernen Griff schloss, dachte er, dass er besser die Büttel rufen sollte. Doch was wollte er ihnen sagen? Dass er ein ungutes Gefühl hatte? Er hatte bisher weder etwas gesehen noch etwas gehört, was dieses Gefühl rechtfertigte. Die Männer würden ihn auslachen.

Was aber, wenn dort zwischen den verkohlten Balken jemand lag, der Opfer eines Überfalls geworden war und nun Hilfe brauchte?

»Heda!«, rief er darum noch einmal.

Er hob die Lampe so hoch wie möglich, bevor er über den ersten der Balken hinweg ins Innere der Ruine kletterte.

Zu seiner Überraschung strömte das Holz trotz all der Monate, die seit dem Brand vergangen waren, noch immer den Geruch von Feuer aus. Raphael sog die Nachtluft ein, hoffte, sie könne ihm verraten, was hier vor sich ging. Es fühlte sich an, als verklebe sie seine Nasenlöcher, so kalt war es. Alles, was er roch, war das muffige Aroma der Talglampe in seinen Händen. Ein kleines Tier wurde von seinen Schritten aufgeschreckt und huschte ihm vor den Füßen davon. Es war so schnell, dass Raphael nicht erkennen konnte, ob es eine Ratte gewesen war oder etwas anderes. Er rümpfte die Nase und drang tiefer in das Gewirr aus Balken und Schutt ein. Der Mond lugte kurz durch die Wolkenfetzen am Himmel, aber dadurch wurde es nicht wesentlich heller.

Raphael umrundete einen Haufen geschwärzter Mauersteine, der sich brusthoch auftürmte. Und dann erstarrte er.

Ein entsetztes Ächzen staute sich in seiner Kehle, er musste würgen. Er wollte zurückweichen, aber seine Füße fühlten sich an wie aus Blei. Langsam wanderten seine Hände nach oben zu seinem Gesicht, krallten sich in das weiche Fleisch unter seinen Augen. Dieser Anblick! Er wollte ihn aus seinem Geist reißen, wollte ihn auslöschen, für immer vergessen.

Leise wimmerte er auf.

Mit dem Oberkörper gegen eine geborstene Wand gelehnt, hockte der Tote da, beide Beine weit von sich gestreckt, wie eine Holzpuppe, die man in eine Ecke gesetzt hatte. Ein zerrissenes Hemd enthüllte eine Schulter, die einst gebrochen gewesen und schief wieder zusammengewachsen war. Der Kopf des Toten war nach hinten gefallen und ruhte an der rauen Wand, und wenn da nicht dieses eine Detail gewesen wäre, Raphael hätte denken können, dass der Mann ihn anstarrte.

Doch da war nichts mehr, mit dem er hätte starren können.

Die Augen! Sie waren fort. Im Licht von Raphaels Lampe gähnten dunkel glänzende Höhlen in dem bleichen, stoppelbärtigen Gesicht, und das, was einmal die Augäpfel gewesen waren, hatte sich als breiter, blutig-schleimiger Strom über das Gesicht und die halbe Brust des Toten ergossen.

3. Kapitel

Am nächsten Morgen erwachte Katharina von einem lauten Pochen an der Haustür. Mühsam riss sie sich aus einem wirren, düsteren Alptraum, in dem eine dunkel gekleidete, geflügelte Gestalt sie über eine endlose, flache Ebene gejagt hatte.

Jetzt setzte sie sich hin, lauschte auf das kraftvolle Pochen und die Stimme, die rief: »Frau Jacob! Seid Ihr zu Hause?«

Sie musste sich räuspern, bevor sie antworten konnte. »Ja! Ich komme sogleich. Einen Augenblick!« Sie schwang die Füße aus dem Bett. Für einen Moment betrachtete sie ihre hellen Zehen, bevor sie sich aufraffen konnte, aufzustehen. Rasch warf sie sich das Kleid über und strich einmal über den guten schwarzen Samtrock, der an dem Haken daneben hing. Dann sammelte sie ihre langen blonden Haarsträhnen und band sie im Hinuntergehen mit einem Band zusammen, das sie in ihrer Tasche fand.

»Kind, wer ist da?«, hörte sie Mechthild aus der hinteren Kammer rufen.

»Ich sehe nach, Mutter!« Katharina langte nach dem Türriegel, schob ihn zur Seite und öffnete.

Morgendliche Kälte schlug ihr ins Gesicht wie eine Ohrfeige.

Vor ihr stand ein junger Mann mit breiter Brust und hübschen, glatten Haaren, der sie aus blauen Augen aufmerksam musterte. Ein dichter Kranz aus Wimpern umrahmte seinen Blick, und irgendwie kam er Katharina bekannt vor. Erst auf den zweiten Blick wurde sie gewahr, dass er ein Mönchsgewand trug. Ein Dominikaner. Sofort versteifte sich Katharina. Was wollte er von ihr? War er ein Inquisitor? Er schien zu jung dafür zu sein, aber dennoch ...

»Seid Ihr Katharina Jacob?«, fragte der Mann. Sein Atem stieg als dichte weiße Wolke in die Luft. Er hatte ein offenes, freundliches Lächeln, und Katharina entspannte sich ein wenig.

»Ja«, sagte sie vorsichtig. »Wie kann ich Euch dienen?«

»Die Priorin von St. Katharina hat mich gebeten, Euch zu ihr zu holen. Sie braucht Eure Hilfe«, erklärte der junge Mann. »Mein Name ist Bruder Guillelmus.«

Jetzt erkannte Katharina ihn. Sie hatte ihn damals ein- oder zweimal getroffen, als sie im Predigerkloster gewesen war und sich die Leiche ihres Bruders angeschaut hatte. Das Bild der Schwanenflügel schob sich vor ihr geistiges Auge, und sie legte den Unterarm gegen die Kante der Tür. »Warum schickt die Priorin eines Frauenklosters einen Mönch?«, fragte sie.

Guillelmus lächelte. »Oh! Das liegt daran, dass die Nonnen in Klausur leben. Sie dürfen das Kloster nicht verlassen. Ich war mit meinem Magister bei ihnen, weil er ihnen die Beichte abnehmen musste. Ihr kennt ihn übrigens, sein Name ist Bruder Johannes.«

Katharina spürte, wie sich ihre Miene etwas aufhellte. »Bruder Johannes! Ich kenne ihn in der Tat!« Auch ihm war sie zum ersten Mal im Zusammenhang mit den Engelmorden begegnet. »Was will die Priorin von mir?«

Bruder Guillelmus legte den Kopf schief, und die Haare, die ihm bis fast an die Ohrläppchen reichten, rutschten ein Stück zur Seite, so dass Katharina die Kerbe sehen konnte, die der junge Mönch in seinem rechten Ohr hatte. Als er bemerkte, dass sie dieses Schandmal gesehen hatte, richtete er den Kopf rasch wieder gerade. Seine Hand wanderte nach oben und strich die glatten Strähnen zurecht. Er lächelte verlegen, machte jedoch keine Anstalten zu erklären, für welches Vergehen er diese Strafe erhalten hatte. »Ich weiß es nicht. Aber es geht um medizinische Fragen. Glaube ich zumindest.«

»Katharina!«, ertönte Mechthilds Stimme. »Wer ist denn da?«

»Ein Bote, Mutter«, rief Katharina zurück. »Ich muss kurz fort.« Schnell lief sie noch einmal nach oben, um zu sehen, ob ihre Mutter für eine Weile ohne sie zurechtkommen würde.

Mechthild lag in ihren Kissen und blickte ihr entgegen. »Was ist geschehen?« Ein Bote, das hatte sie in ihrem früheren Leben als Gemahlin des Henkers oft erlebt, bedeutete meist nichts Gutes.

»Ich weiß es nicht. Die Priorin von St. Katharina lässt nach mir schicken.« Katharina klopfte Mechthilds Kissen ein wenig zurecht.

»Geh nur!« Mechthild schien gewillt, den Streit vom Vorabend vergessen zu machen. »Ich kann warten, bis Ludmilla kommt.« Ludmilla war eine Freundin, die sich ab und an um sie kümmerte. Katharina hatte nicht gewusst, dass sie sich für heute angekündigt hatte.

»Danke.« Sie beugte sich vor, um ihrer Mutter einen Kuss zu geben, entschied sich jedoch anders, als Mechthild den Kopf ein wenig zur Seite drehte. »Ich bin so schnell wie möglich zurück.«

Mit diesen Worten wandte sie sich ab und lief die Treppe wieder hinunter.

Sie griff nach ihrem Mantel und warf ihn sich über. Während sie ihn zuknöpfte, sah sie Bruder Guillelmus an. »Gehen wir!«, sagte sie und setzte sich ihre Haube auf.

Sie schloss die Tür hinter sich und führte Bruder Guillelmus dann über den Henkerssteg auf die gegenüberliegende Seite der Pegnitz. Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, dass ihm eine Frage auf der Zunge brannte, und aufmunternd lächelte sie ihn an. »Ihr wollt wissen, warum ich im Henkershaus wohne, nicht wahr?«

Eine leichte Röte stieg Bruder Guillelmus ins Gesicht, doch er nickte verschämt.

»Bertram Augspurger«, seufzte Katharina. »Er war mein Stiefvater, bevor er starb.«

Sie sah, wie Guillelmus’ Augen sich weiteten und wie die Gedanken hinter seiner Stirn zu kreisen begannen. Offenbar wusste dieser junge Mönch, obwohl er im Kloster lebte, sehr wohl über bestimmte Dinge Bescheid. Es war überdeutlich, dass er im Bilde war, welcher Tätigkeit Bertram Augspurger nachgegangen war.

»Das tut mir leid«, sagte Guillelmus nach einer geraumen Weile. »Ich meine, dass er tot ist, nicht, dass er Euer Vater war.«

Inzwischen gingen sie am Ufer der Pegnitz entlang in Richtung Osten.

»Stiefvater«, stellte Katharina richtig. »Ich danke Euch für Euer Mitgefühl.« Sie starrte auf das Pflaster vor ihren Füßen. Sie wollte nicht immer wieder an die schrecklichen Ereignisse vom August erinnert werden, aber wie es aussah, würden die Nürnberger noch lange brauchen, um sie vergessen zu können – und Katharina mit ihnen.

Maria erwachte mit einem Kopf, in dem ein halbes Dutzend Schmiede auf winzig kleinen Ambossen hämmerten. Ihre Nase fühlte sich geschwollen an, und stöhnend griff sie danach, zuckte jedoch gleich darauf vor Schmerz zurück. Sie massierte eine Weile ihre Schläfen, bevor sie die Augen aufschlug und feststellte, dass es noch finstere Nacht war. Wie lange hatte sie geschlafen? Ihrem Gefühl nach konnten es kaum zwei oder drei Stunden gewesen sein.

In der Kammer, die sie sich mit Dagmar teilte, war es eisig kalt. Mit einem Seufzen setzte Maria sich auf.

Übelkeit wallte aus ihrem Magen hoch, aber sie war erträglich, und Maria konnte sie unterdrücken. Beim nächsten Mal würde sie darauf achten, wie oft Niklas ihr den Weinbecher nachschenkte, das schwor sie sich, während sie die Füße aus dem Bett schwang und auf der Erde abstellte. Sofort zog sie die Knie vor die Brust, denn die rauen Holzdielen waren eiskalt. Maria lehnte sich zur Seite, entzündete das Talglicht neben ihrem Bett und in seinem Schein sah sie, dass der Boden mit einer dicken Schicht Raureif überzogen war.

»Dagmar?«, rief Maria. »Bist du da?« Ihre Stimme hörte sich an, als sei sie erkältet. Sie lauschte, aber sie hörte weder eine Bewegung noch die regelmäßigen Atemzüge, die die Freundin von sich gab, wenn sie schlief. Das Einzige, was zu vernehmen war, war ein leises Rascheln und dann ein verschlafenes Gurren aus der Richtung des Fensters. In einem Käfig aus einfachen Weidenruten hielt Maria sich vier weiße Tauben. Die Tiere schliefen unter einem Tuch, das sie vor dem Zubettgehen über sie gebreitet hatte.

Maria nahm Mimi an sich, die sie wie jeden Abend auf ihr Kopfkissen gesetzt hatte. Mit schiefgelegtem Kopf blickte sie ihr in das aufgemalte Gesicht. »Scheint, als hätte Dagmar auch noch ’nen Freier getroffen«, erklärte sie der Puppe. »Sie ist noch nicht wieder da.«

Mimis Kopf bestand aus einem kinderfaustgroßen Stoffball, den ihr Schöpfer vor vielen Jahren mit Weizenspreu gefüllt hatte. Ihr Schöpfer ... Das Wort hallte in Maria wider wie der Klang einer auf hartem Steinboden zerschellenden Tonschüssel.

Sie sah Mimi ins Gesicht und auf einmal stellte sie sich eine Frage, die sie seit ihrer Kindheit mit sich herumtrug und die ihr ab und an wieder in den Sinn kam: Woher stammte Mimi eigentlich?

Maria kramte in ihrem Kopf nach der ersten Erinnerung an die Puppe. Sie sah sich in einem schmalen Bettchen liegen, während eine der frommen Frauen vom Findelhaus eine Nachtgeschichte erzählte. Mimi lag in ihrem Arm. Maria dachte daran, wie sie mit Dagmar und den anderen Fangen und Verstecken gespielt hatte. Die Puppe hatte sie dabei stets unter den Arm geklemmt bei sich getragen.

Sogar eine ganz vage Erinnerung beschwor Maria in sich herauf. Eine harte Hand, die sie über die Schwelle des Findelhauses schob. Mimis kleine Gestalt zwischen Marias Fingern. Eine kalte Stimme, die sagte: »Ihr müsst Euch jetzt um sie kümmern! Ich kann es nicht mehr!«

Es war Marias allererste Erinnerung. Alles, was vor diesem Moment geschehen war, verschwamm in einem Nebel.

Von Dagmar wusste sie, dass dieser Nebel nicht alltäglich war. Andere Menschen, das hatte die Freundin ihr erzählt, erinnerten sich zwar auch nur schwach an die Erlebnisse ihrer ersten Lebensjahre, doch zumindest waren da wenigstens vage Vorstellungen. Bilder von Geborgenheit oder eben nicht. Das Gefühl, geliebt worden zu sein oder verachtet. Und da waren auch immer kurze Sequenzen, die aus dem Dunkel der Vergangenheit auftauchten wie ein kurzer Blitz. Ein Gesicht. Der eigenen Mutter oder des Vaters. Ein kurzer Moment voller Schmerz, weil der Familienhund einen gebissen hatte. Oder der Fetzen von einem Lied, das einem die Mutter vorgesungen hatte, als man noch in der Wiege gelegen hatte. All diese Dinge waren undeutlich, aber sie waren da.

Marias Erinnerungen jedoch begannen mit jenem Moment, in dem sie durch die Tür in das Haus der frommen Frauen geschoben worden war. Alles davor war wie mit einem scharfen Messer abgeschnitten. Sie hatte keine Ahnung, wem die Hand gehörte, die sie vorwärtsschob. Sie hatte keine Ahnung, woher sie kam, wer ihre Eltern waren oder ob sie Geschwister hatte. Und sie hatte keine Ahnung, wer ihr die Puppe geschenkt hatte.

Sie hob Mimi an das Gesicht, wollte ihren vertrauten Geruch einsaugen, aber wegen des Hiebes, den sie in der Nacht abbekommen hatte, ging das nicht besonders gut. Stattdessen glaubte sie noch immer den metallischen Geruch des Blutes zu riechen, das ihre Nasenlöcher verstopfte.

Aber eines hatte sie damals ganz sicher gewusst!

Dass ihr Name Mirjam war.

Nicht Maria!

Dieser Gedanke sprang Maria so unvermittelt an, dass sie nach Luft schnappte.

Mirjam?

Noch nie zuvor hatte sie diesen Namen gehört. Oder?

Ein Bild stieg in ihr auf – fern, nebelhaft, einem Traum gleich. Sie, voller Empörung die Hände in die Hüften stemmend. Sie rief: »Ich heiße aber Mirjam!«

Dann verblasste das Bild wieder.

Maria kniff die Augen zusammen und versuchte, den Nebel in ihrem Kopf zu durchdringen. Doch vergeblich. Alles, was sie hörte, war die kalte Stimme, die sagte: »Das ist Maria. Ihr müsst Euch jetzt um sie kümmern!«

Maria versuchte zu ergründen, wem die eisige Stimme gehörte. War es ihre Mutter, hatte Maria sie so zornig gemacht, dass sie sie einfach fortgab? Sie versuchte, den Zipfel der Erinnerung zu erhaschen, so wie sie eine Bewegung erhaschte, die am Rande ihres Gesichtsfeldes vorbeihuschte. Doch als sie sich jetzt mit aller Gewalt darauf konzentrierte, war er fort, und die Erinnerung ähnelte einem Geist, der sie umkreiste, der jedoch gerade außerhalb ihrer Wahrnehmung blieb. Es war ein Gefühl, das Maria wahnsinnig machte. Heftig schüttelte sie den Kopf.

»Wer hat dich gemacht, Mimi?«, seufzte sie.

Und das rote Rinnsal floss auf sie zu, tränkte die Ritzen zwischen dem buckeligen Pflaster.

Erschrocken schnappte Maria nach Luft.

Was war das gewesen? Sie schloss die Augen, tastete in ihrem Kopf nach dem Bild, und tatsächlich wurde es deutlicher.

Ein dunkelrotes Rinnsal, schmal wie ein Finger und doch furchtbar in seiner Ergiebigkeit.

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