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Cherringham Sammelband VII - Folge 19-21

Inhalt

  1. Cover
  2. Cherringham - Landluft kann tödlich sein - Die Serie
  3. Über diesen Sammelband
  4. Über die Autoren
  5. Die Hauptfiguren
  6. Sammelband VII
  7. Impressum
  8. Spur aus der Vergangenheit
  9. Ein rätselhafter Einbruch
  10. Ein schmutziges Geschäft
  11. Im nächsten Sammelband

Cherringham – Landluft kann tödlich sein – Die Serie

»Cherringham – Landluft kann tödlich sein« ist eine Cosy Crime Serie, die in dem vermeintlich beschaulichen Städtchen Cherringham spielt. Jeden Monat erscheint sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch ein spannender und in sich abgeschlossener Fall mit dem Ermittlerduo Jack und Sarah.

Über diesen Sammelband

Dieser Sammelband beinhaltet die Cherringham-Fälle sechzehn, siebzehn und achtzehn:

Cherringham – Spur aus der Vergangenheit
Cherringham – Ein rätselhafter Einbruch
Cherringham – Ein schmutziges Geschäft

Über die Autoren

Matthew Costelloist Autor erfolgreicher Romane wieVacation (2011), Home (2014) und Beneath Still Waters (1989), der sogar verfilmt wurde. Er schrieb für verschiedene Fernsehsender wie die BBC und hat dutzende Computer- und Videospiele gestaltet, von denenThe 7th Guest, Doom 3, Rage und Pirates of the Caribbean besonders erfolgreich waren. Er lebt in den USA.

Neil Richards hat als Produzent und Autor für Film und Fernsehen gearbeitet sowie Drehbücher für die BBC, Disney und andere Sender verfasst, für die er bereits mehrfach für den BAFTA nominiert wurde. Für mehr als zwanzig Videospiele hat der Brite Drehbuch und Erzählung geschrieben, u.a. The Da Vinci Code und, gemeinsam mit Douglas Adams, Starship Titanic. Darüber hinaus berät er weltweit zum Thema Storytelling.

Bereits seit den späten 90er Jahren schreibt er zusammen mit Matt Costello Texte, bislang allerdings nur fürs Fernsehen. Cherringham ist die erste Krimiserie des Autorenteams in Buchform.

Die Hauptfiguren

Jack Brannen ist pensioniert und frisch verwitwet. Er hat jahrelang für die New Yorker Mordkommission gearbeitet. Alles was er nun will ist Ruhe. Ein Hausboot im beschaulichen Cherringham in den englischen Cotswolds erscheint ihm deshalb als Alterswohnsitz gerade richtig. Doch etwas fehlt ihm: das Lösen von Kriminalfällen. Etwas, das er einfach nicht sein lassen kann.

Sarah Edwards ist eine 38-jährige Webdesignerin. Sie führte ein perfektes Leben in London samt Ehemann und zwei Kindern. Dann entschied sich ihr Mann für eine andere. Mit den Kindern im Schlepptau versucht sie nun in ihrer Heimatstadt Cherringham ein neues Leben aufzubauen. Das Kleinstadtleben ist ihr allerdings viel zu langweilig. Doch dann lernt sie Jack kennen …

Matthew Costello
Neil Richards

CHERRINGHAM

LANDLUFT KANN TÖDLICH SEIN

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Sammelband VII

Folge 19: Spur aus der Vergangenheit
Folge 20: Ein rätselhafter Einbruch
Folge 21: Ein schmutziges Geschäft

Matthew Costello
Neil Richards

CHERRINGHAM

LANDLUFT KANN TÖDLICH SEIN

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Spur aus der Vergangenheit

Aus dem Englischen von Sabine Schilasky

1. Gestatten, Freddy!

Basil Whistlethwaite parkte seinen uralten Volvo auf dem Personalparkplatz des Bell Hotel und stellte den Motor ab.

Langsam löste er seinen Sicherheitsgurt. Die Fahrt von York hatte länger gedauert als erwartet, und ihm tat der Rücken weh.

Er lehnte sich vor und neigte den Rückspiegel, sodass er seinen Bart überprüfen konnte. Im fahlen Licht betrachtete er sein Spiegelbild.

Ich werde zu alt für diesen Kram, dachte er.

Er hatte dunkle Schatten unter den Augen, und seine Haut wirkte faltig und grau.

Aber die Show muss weitergehen, sagte er sich und zwirbelte die Enden seines Schnurrbarts, bis sie … perfekt waren.

Ich darf die Kunden schließlich nicht enttäuschen.

In Wahrheit wünschte er sich, er hätte die kleine Soiree heute Abend abgesagt. Er war müde und nicht recht auf dem Damm. Diese Herbstabende schlugen ihm mal wieder auf die Brust, sodass es ihn seine gesamte Willenskraft kostete, nicht zu husten.

Das ginge gar nicht. Oh nein!

Der Zeremonienmeister durfte nicht mittendrin husten und niesen und dadurch den Zauber brechen!

Er stieg aus dem Wagen, holte seinen alten Lederkoffer von der Rückbank, richtete seinen Tweedanzug und ging über den Kies zum Haupteingang des Hotels.

Vor dem Eingang blieb er stehen und betrachtete das Gebäude. Genau ein Jahr war seit seinem letzten Besuch hier vergangen, und alles schien unverändert.

Nichts änderte sich je im Bell Hotel.

Im diesigen Licht des frühen Abends wirkte es beinahe romantisch.

Oder … wie war noch gleich das Wort?

Spukschloss. Genau, wie ein Spukschloss. Eine ideale Kulisse für eine Geistergeschichte.

Mit dem dicht bewachsenen altmodischen Garten drum herum strahlte das prächtige viktorianische Haus – Cherringhams schönstes, wie es früher hieß – bis heute den Reichtum des verlorenen British Empire aus.

Doch Basil wusste, dass das gute, alte Bell nur tapfer durchhielt. Im hellen Tageslicht konnte jeder sehen, dass die Farbe an den Fensterrahmen abblätterte, die Dachrinnen in einem merkwürdigen Winkel hingen und die Dachziegel zerbröselten.

Und die Teppiche und Polster drinnen wurden von Jahr zu Jahr fadenscheiniger.

Am Ende verfallen wir alle, dachte Basil. Aber ich wette, das Bell wird noch da sein, wenn ich schon lange tot bin.

Er spürte ein Kribbeln in der Brust und kämpfte gegen den Drang zu husten an.

Dann stieg er die ausgeblichenen Marmorstufen hinauf, drückte die schweren braunen, teils verglasten Türen auf und ging hinein.

»Basil! Basil, alter Knabe, wie geht es Ihnen?«

Basil erhob sich von dem Sofa mit der harten Lehne, auf dem er gewartet hatte, und sah, wie Lawrence Myrtle, der Besitzer des Bell, durch den gefliesten Eingangsbereich auf ihn zugeschlurft kam.

Er streckte Lawrence die Hand entgegen, doch anstatt sie zu schütteln, zog ihn der alte Mann in eine unerwartete – und zittrige – Umarmung.

»Mir geht es gut«, antwortete Basil ein wenig verlegen. »Ich halte mich wacker, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Ich kann gar nicht glauben, dass schon wieder Halloween ist«, sagte Lawrence, der sich immer noch an Basils Arm festhielt. »Wo ist nur die Zeit geblieben, was?«

»Ja, wo?« Basil wartete, dass der Hotelbesitzer vorausging. In der gedämpften Beleuchtung des Eingangsbereichs sah Lawrence noch gebrechlicher aus als bei ihrer letzten Begegnung, wie Basil feststellte.

Was nicht weiter verwunderlich war, denn Lawrence musste inzwischen in den Achtzigern sein. Basil bemerkte, dass die Manschetten seines alten Jacketts abgewetzt waren, und die Krawatte war zwar vornehm ins Revers gesteckt … Aber das da an der Stelle, wo sie sich verbreiterte – das war doch ein bisschen Eigelb, nicht? Und Ketchup auch?

Der Besitzer des Bell war längst im Ruhestandsalter, wie konnte er da noch diesen Laden führen?

»Was machen die Kinder?«, erkundigte sich Basil. »Sind sie hier?«

»Ach nein, Mandy ist in London«, antwortete Lawrence. »Ich sehe sie kaum noch. Anscheinend hat sie viel zu tun.«

»Und Ihr Ältester, ähm …?«

Basil fiel der Name einfach nicht mehr ein.

»Crispin«, erinnerte Lawrence ihn. »Ja, der ist bei irgendeiner Tagung. Er kommt morgen zurück, deshalb springe ich heute Abend ein. Tout seul, wie unsere Freunde jenseits des Kanals sagen!«

»Aha! Na, Sie werden hier immer der wahre Chef sein, Lawrence.«

Hierauf musste der Hotelbesitzer lächeln.

»Die müssen mich in einer Kiste hier raustragen«, sagte Lawrence mit einem lauten Lachen, das in dem gefliesten Raum widerhallte.

Basil lachte mit.

Gleichzeitig nahm er sich vor, morgen nach dem Frühstück mit Crispin zu sprechen und sich gleich fürs nächste Jahr buchen zu lassen.

Ich weiß ja, wer hier mittlerweile wirklich das Sagen hat, dachte Basil. Crispin führt die Bücher – und unterschreibt die Schecks.

»Kümmert man sich gut um Sie?«, fragte Lawrence und gestikulierte fahrig in Richtung Rezeption, als hätte er Basils Gedanken gelesen.

Basil blickte hinüber zu der jungen Frau, die hinter dem Empfangstresen saß und auf ihr Mobiltelefon starrte.

»Geradezu fürstlich«, antwortete Basil höflich. »Natürlich war ich noch nicht oben in meinem Zimmer. Ich wollte zuerst alles vorbereiten.«

Er nahm seinen Koffer auf.

»Aha!«, sagte Lawrence. »Die alte Geistertrickkiste, was?«

»Tricks sind nicht nötig«, entgegnete Basil augenzwinkernd. »Wir können uns immer darauf verlassen, dass Freddy erscheint.«

»Ha, tja, das ist Ihr Text, und bei dem bleiben Sie«, sagte Lawrence und klopfte Basil auf den Rücken. »Aber ich bin jetzt seit fünfzig Jahren hier, und den gespenstischen Knaben habe ich immer noch nicht gesehen!«

»Sie müssen sich dafür öffnen, Lawrence, dann sehen Sie ihn auch.«

Lawrence grinste kopfschüttelnd. »Der einzige Geist, den ich wahrscheinlich zu sehen kriege, ist der verfluchte Steuerprüfer – und der kommt hier nur über meine Leiche rein!«

»Sie lassen sich nicht unterkriegen, was?«

»Wir überleben, irgendwie«, erklärte Lawrence. »Und solche Veranstaltungen wie Ihre sind verdammt gut. Ein bisschen zusätzliche Einnahmen. Ohne die ginge es nicht.«

»Wie immer freue ich mich, hier zu sein. Wie viele Gäste haben wir denn heute Abend?«

»Wir sind ausverkauft, alter Knabe! Die Karten gingen weg wie warme Semmeln.«

»Hervorragend«, sagte Basil. »Derselbe Raum wie letztes Jahr?«

»Oh ja, und er sieht wunderbar aus. Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.«

Basil folgte ihm, als Lawrence sich umdrehte und verblüffend schnell zum Speisesaal schlurfte.

Der Hauptspeisesaal war leer, und Basil stellte fest, dass nur eine Handvoll der gut zwanzig Tische fürs Dinner eingedeckt war. Der schwache Geruch von gekochtem Kohl lag in der Luft, was Basil an Schulessen erinnerte.

Die berühmt-berüchtigte Bell-Hotel-Cuisine!

»Hier entlang«, sagte Lawrence.

Basil ging hinter ihm her in den privaten Speisesaal, der an der Rückseite des Hotels lag.

Das ist doch schon besser.

Der Raum wurde von einem Porträt der ersten Besitzer dominiert, das Basil stets bewunderte. Die beiden gaben ein hübsches Paar ab: er in Galauniform, sie in Seide neben ihm.

Im großen Kamin knisterte bereits ein Feuer, und in sämtlichen Wandnischen standen Kerzen.

Über dem Kamin hing ein imposanter goldgerahmter Spiegel, groß genug für einen Ballsaal.

Basil betrachtete die lange Tafel in der Mitte des Raums. Sie war bereits eingedeckt. Schweres viktorianisches Besteck lag dicht an dicht, und entlang der Tischmitte standen Kerzenleuchter zwischen Schalen mit Lilien.

Ein großer Kronleuchter hing über dem Tisch, dessen Kristalltropfen selbst im elektrischen Licht funkelten. Basil konnte sehen, dass er schon mit Kerzen bestückt war, die vor dem Beginn des Dinners angezündet würden, sodass alles einen perfekten historischen Touch bekam.

»Sie haben sich mal wieder selbst übertroffen«, lobte Basil. »Es ist, als würde man in der Zeit zurückreisen.«

»Zurück zum 31. Oktober 1900, um genau zu sein.«

»Die Nacht, in der Freddy starb. Oder sollte ich sagen … ermordet wurde?«

»Da läuft es einem eiskalt über den Rücken, nicht?«

»So soll es sein«, sagte Basil. »Und warten Sie, bis ich es richtig gruselig mache. Die werden Ihren Wein trinken, als gäb’s kein Morgen!«

»Ich kann es gar nicht erwarten, Basil, alter Knabe. Möge die Kasse klingeln!«

Basil schritt durch den Raum, inspizierte den Kamin, blickte unter den Tisch, überprüfte die Blickachsen.

Einige seiner Geistererscheinungen waren höllisch schwer zu arrangieren …

»Kann ich Ihnen irgendwas bringen?«, fragte Lawrence, der mit dem Rücken zum Feuer stand.

»Danke, ich habe alles dabei, was ich brauche. Achten Sie nur darauf, dass ich den Raum in der Stunde vor dem Dinner für mich allein habe, sofern das möglich ist, Lawrence. Könnten Sie Mr Stover bitten, mich nicht zu stören?«

Basil war kein Fan von Lawrence’ langjähriger »Nummer zwei«.

Ungehobelt? Rüpelhaft? Basil war nicht sicher, wie er Stover beschreiben sollte.

»Und kein Bedienpersonal, keine Unterbrechungen. Das Übliche.«

»Berufsgeheimnis, was?«

»So was in der Art«, erwiderte Basil. »Sind Sie dieses Jahr bei der Show dabei?«

»Würde ich gern, alter Knabe«, antwortete Lawrence. »Aber da Crispin weg ist, bin ich vorne zuständig, bis der Nachtportier mich ablöst. Also darf ich mir bis dahin nichts genehmigen, falls Sie verstehen, was ich meine.«

»Ein Jammer«, meinte Basil und trat zu ihm an den Kamin. »Vielleicht können wir uns ein Glas gönnen, wenn alle schlafen gegangen sind.«

»Warum nicht? Ganz wie in alten Zeiten, was?«

Basil bemerkte einen traurigen Unterton in der Stimme des alten Mannes. »Ja, ganz wie in alten Zeiten.«

Die antike Uhr auf dem Kaminsims begann zu schlagen, und Basil wartete, bis es vorbei war.

»Sechs Uhr«, sagte er. »Ich lege mal lieber los.«

Damit ging er zurück zur Rezeption, während Lawrence im Speisesaal blieb und ins Kaminfeuer blickte.

2. Vorbereitungen für den Spuk

»Freddy? Bist du da, alter Knabe?«

Basil klopfte an die staubige Tür der Dachkammer und wartete.

Dieses kleine Ritual führte er jedes Mal durch, wenn er in das Bell kam. Seit Jahren.

Er war nicht sicher, ob es Aberglaube war oder einfach gesunder Menschenverstand. Seine ganze Vorstellung hier – die Soiree, wie er es gern nannte – gründete auf der tragischen Geschichte von Freddy Rose.

Und vor vielen Jahren war dies Freddys Kammer gewesen, in der man seine Leiche gefunden hatte.

Deshalb hielt Basil es nur für höflich, den seit Langem toten Diener miteinzubeziehen.

Schließlich hatte er im Laufe seines Lebens eines aus bitterer Erfahrung gelernt … Mit Geistern kann man gar nicht vorsichtig genug sein.

Was das betraf, nahm Basil seinen Beruf todernst.

Er klopfte wieder.

»Ich komme jetzt rein, wenn das in Ordnung ist, Freddy. Ich bin’s bloß, Basil.«

Aber ich nehme an, das weißt du, dachte er.

Falls du wirklich da bist.

Er holte tief Luft und schob die Dachbodentür behutsam auf. Die nackte Glühbirne auf dem Treppenabsatz warf einen Lichtkegel in die alte Dienstbotenkammer.

Basil griff um den Türrahmen herum nach dem Schalter und schaltete das Licht drinnen ein.

»Großer Gott!«

Er schrak zurück, sein Herz setzte kurz aus, und seine Beine gaben beinahe nach.

Ihm gegenüber stand ein Mann mit ausgebreiteten Armen.

Dann begriff Basil, wer das war …

Gegenüber der Tür lehnte ein hoher Standspiegel an der Wand.

Sein eigenes Spiegelbild hatte ihm um ein Haar einen Herzinfarkt beschert!

Du Idiot, Whistlethwaite! Du bist es doch, der andere erschrecken soll!

Er fing sich wieder, drückte die Tür weiter auf und ging in die Kammer, um sich umzusehen.

Perfekt. Seit dem letzten Jahr war so gut wie nichts angerührt worden – abgesehen von dem Spiegel natürlich. Doch Basil überlegte bereits, wie er ihn bei seiner Geisterführung durch die oberen Räume nutzen konnte. Wenn er ihn getäuscht hatte, dürfte er die Gäste erst recht zu Tode erschrecken.

Ich muss ihn nur richtig einsetzen.

Er ging hinüber zu dem winzigen Fenster und zog die Läden auf. Sie knarrten und ächzten wie in einem Horrorstreifen aus den Hammer-Studios.

Sehr gut, dachte Basil.

Das Fenster schien verklemmt, doch mit einem kräftigen Stoß seines Handballens gelang es ihm, es zu öffnen.

Ein Schwall kalter Luft wehte herein.

Basil bewegte das alte Fenster mehrmals hin und her, um es leichtgängiger zu machen, bevor er es schloss und die Läden wieder zuklappte.

Dann drehte er sich um und nahm die Kammer sorgfältig in Augenschein.

Ein schmales Bett mit einem alten Metallrahmen. Eine Kommode. Ein großer Kleiderschrank, der beinahe die gesamte Wand einnahm. Ein viktorianischer Wasserkrug mit Waschschüssel. Ein kleiner Kerzenhalter.

Oh ja – das dürfte alles sehr brauchbar sein.

Dann sah er hinauf zur kahlen Glühbirne, die den Raum beleuchtete.

Er zog ein Taschentuch hervor, griff nach oben und schraubte die Birne heraus.

Der Raum war beinahe wieder in Dunkelheit getaucht. Das einzige Licht kam jetzt vom Treppenabsatz.

Perfekt.

Nun musste er nur noch seine kleine Tasche mit den Utensilien für seine Show heraufholen und die Kammer präparieren.

Die Gäste wollten immer Freddys Kammer sehen.

Wo die mörderische Tat begangen wurde!

Und Basil kannte alle kleinen Kniffe, die sie aus den Socken hauen würden – bevor sie kreischten vor beschämtem Lachen.

Er legte die Glühbirne vorsichtig auf die Kommode und wandte sich zur Tür.

Als er sie leise hinter sich schloss, dachte er: Hmm, die Angeln könnten ein bisschen mehr quietschen. Das muss ich noch regeln.

Ansonsten war alles gut. Sehr gut sogar.

Er drehte sich von der Tür weg und begann auf die schmale Treppe zuzugehen, die von den Dienstbotenquartieren nach unten führte. Plötzlich hörte er ein Geräusch hinter sich.

Es kam aus Freddys Kammer.

Ein Ächzen.

Ein schmerzerfülltes Stöhnen.

Basil blieb stehen und drehte sich um.

Seltsam.

Vielleicht habe ich das Fenster nicht richtig geschlossen.

Er ging zurück zur Tür.

»Entschuldige, Freddy, ich muss nur mal was nachsehen, wenn es dir nichts ausmacht.«

Basil öffnete die Tür, griff nach dem Lichtschalter und schaltete das Licht wieder ein.

Dann trat er ans Fenster und öffnete die Läden.

Das Fenster war richtig verschlossen.

Was auch immer für ein Geräusch das gewesen sein mochte, es konnte sich nicht um einen Luftzug handeln, der vom Fenster gekommen war.

Habe ich es mir bloß eingebildet?, fragte er sich. Sein Gehör ließ in letzter Zeit merklich nach. Oder war es doch von jemandem unten gekommen, aus einem der Zimmer?

Er klappte die Läden wieder zu und ging zur Tür.

Das muss es sein. Das Geräusch kam von unten.

Er legte eine Hand an den Schalter, machte das Licht aus und wandte sich zum Gehen.

In dem Moment fiel es ihm ein.

Und mit diesem Gedanken setzte sein Herz abermals kurzfristig aus, denn ihm wurde bewusst, dass er die Kontrolle über sich und seine Welt zu verlieren begann …

Ich hatte die Birne herausgedreht!

Oder etwa nicht?

Er drehte sich abermals um und blickte zur Kommode, die im Lichtstrahl der Flurlampe deutlich zu sehen war.

Die Glühbirne lag nicht mehr dort.

Basils Herz begann zu rasen, als er von der Kommode zur Decke sah.

Die Glühbirne war wieder in der Fassung, die an einem nackten Kabel hing.

Einem Kabel, das leicht schwang …

Die Bewegung war kaum zu erkennen, und dennoch war dieses leichte Schwingen da.

Basil Whistlethwaite schluckte, wich langsam rückwärts zur Tür zurück, ging hinaus und zog die Tür hinter sich zu.

Er sah sich auf dem engen Flur um, dann schaute er wieder zur Kammertür.

Mein Gedächtnis schwächelt wohl, dachte er. Ich muss es mir eingebildet haben, dass ich die Birne herausgedreht habe.

Anscheinend werde ich allmählich dement. Ja, das muss es sein.

Doch ehe er sich zur Treppe wandte, schaute er abermals zur Tür … nur für alle Fälle.

»Entschuldige, Freddy«, sagte er leise. »Tut mir leid, wenn ich dich gestört habe. Aber ich muss mir meine Brötchen verdienen, und ich … ich kann nun mal nichts anderes.«

Nun ging er nach unten, um seine Vorbereitungen für das alljährliche viktorianische Halloween-Dinner im Bell abzuschließen.

3. Ein Rumpeln in der Nacht

Joan Buckland schenkte sich noch ein Glas von dem recht guten Rioja ein und gab ihrer Schwester einen ziemlich groben Klaps auf den Arm.

»Tja, ich fahre jedenfalls nicht«, verkündete sie. »Nicht hiernach. Wie steht es mit dir?«

Prompt griff Jen nach ihrem eigenen Glas und leerte es in einem Zug.

»Dieses spanische Zeug ist gar nicht mal so übel«, sagte Jen, nahm die Flasche und schenkte sich nach. »Trocken und überhaupt nicht fruchtig.«

»Und es schmeckt sogar noch besser, wenn man weiß, dass die erste Flasche umsonst ist.«

»Nicht ganz umsonst.«

»Na, aber inklusive.«

»Und demnächst komplett intus!«

Joan lachte, und ihre Zwillingsschwester stimmte ein. Obwohl sie den ganzen Tag im Brückenhaus zusammenarbeiteten und den Zoll für die familieneigene Brücke kassierten, genoss Joan es, dass sie auch ihre Freizeit gemeinsam verbrachten.

Keiner sonst in diesem vermaledeiten Dorf ist so witzig wie wir, dachte Joan. Oder so gewieft.

»Dann nehmen wir uns ein Taxi«, sagte sie. »Pfeifen wir auf die Kosten!«

»Und morgen schlafen wir aus«, verkündete Jen.

»Tee und Toast im Bett!«

»Mit der Sonntagszeitung!«

»Herrlich!«

Joan erhob ihr Glas und stieß mit Jen an.

»Runter damit!«, sagten sie im Chor und lachten ein weiteres Mal.

Joan blickte sich im Speisesaal um.

Wie prachtvoll alles aussah!

Die Tafel funkelte im warmen Kerzenschein, und das Kaminfeuer knisterte. Die Leute am Tisch unterhielten sich laut und munter. Und der Kronleuchter über ihnen mit den echten Kerzen sah prächtig aus.

Alle Gäste hatten sich passend gekleidet: die Herren im Frack, die Damen in bester Abendgarderobe.

Und Jen und sie bildeten keine Ausnahme mit ihren zueinanderpassenden Samtkleidern und dem schicken Modeschmuck, den sie in der alten Kostümkiste gefunden hatten.

Dazu hatten sie noch diese Dingsbumse mit Federn im Haar!

Und passende lange Handschuhe!

Ja, wie echte viktorianische Ladys sahen sie aus!

Bisher übertraf das Geister-Halloween-Dinner ihre Erwartungen bei Weitem.

Dabei hatten sie eigentlich gar nicht herkommen wollen. Als Jen ihr die Anzeige für das Geisterjäger-Dinner in der Cherringham Gazette zeigte, hatte Joan zunächst diese furchtbar schrecklichen Fernsehsendungen vor Augen gehabt, in denen überdrehte junge Männer durch Keller schlichen, ihre Infrarot-Kameras auf alles Mögliche richteten und vorgaben, Kontakt mit »den Dahingeschiedenen« zu haben.

Was für ein unfassbarer Humbug!

Aber das hier war eine viel vornehmere Veranstaltung. Der Geisterjäger selbst – Whistlethwaite – war natürlich trotzdem ein alter Schmierenkomödiant.

Allerdings ging er die ganze Sache mit genau dem richtigen Funken Ironie an, damit seine Gäste wussten, dass er wusste, dass sie sein Blendwerk zwar nicht durchschauten, sehr wohl aber als ein solches erkannten.

Genau genommen war es ein recht passables Blendwerk.

Joan und Jen hatten die erste Hälfte des Abends damit verbracht, seine Technik diskret zu analysieren und zu überlegen, wie die Geräte und Tricks des alten Schaustellers funktionierten.

Die meisten waren für ihre geübten und skeptischen Augen offensichtlich.

Ihre Schwester und sie waren glühende Krimifans, und sie kannten alle Drehs und Kniffe: die mechanischen, digitalen, psychologischen …

Jedenfalls waren sie sich einig: Whistelthwaite war gut – sehr gut sogar.

Und ein ziemlich überzeugender Geschichtenerzähler.

Beim Räucherlachs hatte er ihnen die schaurige Geschichte des armen Freddy Rose erzählt, der in einer stürmischen Halloween-Nacht vor mehr als hundert Jahren mit einem Messer zwischen den Rippen aufgefunden worden war – und neben ihm auf den Dielenbrettern eine nicht zu entziffernde Nachricht, geschrieben mit seinem eigenen Blut.

Köstlich!

Der ganze Tisch war verstummt und hatte sich in jene viktorianische Nacht zurückversetzen lassen, als wären die Jahre dazwischen einfach verpufft.

Whistlethwaite war im Speisesaal umhergewandert, hinter ihnen entlanggeschlendert und hatte sich hier und da vorgebeugt, um mal jemandem etwas ins Ohr zu flüstern, mal mit der flachen Hand auf den Tisch zu knallen. So hatte er die Szenerie mit dem armen Freddy Rose entworfen, mitsamt der schlagenden Uhr und allem.

»Ja, meine Damen und Herren, genau diese Uhr, die Sie hier auf dem Kaminsims sehen.«

Und dann, als er den Höhepunkt seiner Geschichte erreichte, war plötzlich ein Fenster aufgeflogen. Der Windstoß hatte die meisten Kerzen ausgelöscht – und ein gespenstisches Stöhnen ertönte aus der Dunkelheit.

Was für ein perfektes Timing!

Die Schwestern hatten gelächelt, als alle anderen Damen kreischten. Bald darauf hatte man die Kerzen wieder angezündet, und es wurde aufs Neue fröhlich geplaudert und gelacht.

Dann, bevor der Hauptgang serviert wurde, führte man sie alle hinunter in den Keller. Kichernd gingen sie die Treppe nach unten, wo einige einen Geist sahen, der vor dem Licht davonhuschte.

Was noch mehr Kreischen und hysterisches Gackern auslöste.

Sehr schlau!

Als die Nachspeise kam und Whistlethwaite ihnen von den fruchtlosen Ermittlungen erzählte – und den berühmten Erscheinungen von Freddy im Laufe der Jahre –, erklang eine einzelne, unsichtbare Geige, die sich noch dazu durch den Raum zu bewegen schien.

Ein Klassiker!

Gleichzeitig wehte ein kühler Lufthauch über den Tisch und unter ihm hindurch, bei dem Joan und ihre Schwester eine Gänsehaut bekamen.

Noch mehr Kreischen und Lachen.

Wunderbar!

Anschließend waren sie im Gänsemarsch hinauf auf den Boden zu den alten Dienstbotenquartieren gestiegen, um den Schauplatz des Mordes zu besichtigen.

Einen alten Knaben traf beinahe der Schlag, als die knarzende Tür zu Freddys Kammer geöffnet wurde und er irrtümlich sein Spiegelbild für den Geist hielt!

Whistlethwaite hatte sich bei Freddy dafür entschuldigt, dass sie ihn in seiner Ruhe störten. Und einige der Gäste schworen, sie hätten anschließend Freddys Antwort vernommen.

Als sie wieder aus der Kammer auf den Flur getreten waren, hatten sie auf einmal ein gewaltiges Scheppern gehört, das aus der Kammer kam.

Whistlethwaite war zurückgegangen und hatte die Tür geöffnet – drinnen lag die viktorianische Waschschüssel in tausend Scherben auf dem Boden.

»Wie hat er das gemacht?«, hatte Joan ihre Schwester gefragt und dabei die Worte stumm mit den Lippen geformt.

Doch Jen zuckte bloß mit den Schultern; und zum ersten Mal heute Abend gab sie, ebenfalls lautlos, die Antwort: »Weiß ich nicht.«

Der Mann mochte ein Schmierenkomödiant sein, doch in diesem Moment war Joan fast versucht, dem alten Zauberer – zweifellos war das einst sein Beruf gewesen – zu glauben, dass er ehrlich erschrocken war.

Er hatte begonnen, die Bescherung aufzuräumen, es sich dann jedoch anders überlegt und sie alle aus der Kammer gescheucht, bevor er die Tür fest zuzog.

Als sie sich unten in dem privaten Speisesaal über Käse, Trauben, Portwein, Kognak und Kaffee hermachten, schien er ihr allmählich wieder seine normale Gesichtsfarbe anzunehmen. Joan beobachtete, wie er sich selbstsicher um den Tisch herumbewegte, plauderte, lachte und den liebenswerten Unterhalter gab.

Der Kerl muss am Getränkeumsatz beteiligt sein, dachte sie. Auf jeden Fall.

»Hier kommt der Portwein, Joan, altes Mädchen«, sagte Jen, und Joan drehte sich zu ihrer Schwester, um die Flasche zu nehmen.

»Denkst du, ich sollte?«

»Mir fällt kein Grund ein, warum nicht. Dir etwa?«, fragte Jen.

Nein, Joan fiel auch keiner ein.

Sie goss sich noch ein Glas ein und reichte die Flasche nach links weiter.

Basil Whistlethwaite senkte seinen Arm halb unter den Tisch und blickte diskret auf seine Uhr.

Noch fünf Minuten bis Mitternacht.

Perfekt.

Er sah sich an der Tafel um und empfand eine wohlige Zufriedenheit. Seine Gäste unterhielten sich nach wie vor blendend, und die Menge an leeren Gläsern vor ihnen bewies, dass der Abend ein Erfolg war.

Was mir einen hübschen Bonus eintragen dürfte, dachte er.

Jede einzelne seiner kleinen »Vorrichtungen« hatte funktioniert: Seine Gästegruppe hatte an exakt den richtigen Stellen gekreischt und gelacht.

Bis auf eine Panne – die verfluchte Waschschüssel in der Kammer, die zerbrochen war.

Wie in aller Welt konnte das passieren?

Vielleicht hatte sie einer seiner Gäste verrückt, ohne dass er es mitbekommen hatte, und die Luftbewegung, die beim Schließen der Tür entstanden war, hatte ausgereicht, um die Waschschüssel von der Kommode kippen zu lassen.

Hmm, nicht sehr wahrscheinlich.

Eine andere Erklärung gab es jedoch nicht, oder?

Das würde er später mit Lawrence besprechen müssen, wenn sie den Whisky tranken, auf den Basil sich schon freute. Die Schüssel kostete sicher einiges. Vielleicht übernahm seine Versicherung den Schaden. Es sei denn, Lawrence ließ ihn vom Haken …

Eventuell sollten sie es Crispin gegenüber nicht erwähnen. Er musste ja nicht unbedingt etwas davon erfahren. Wieder sah Basil auf seine Uhr. Zwei Minuten vor zwölf.

Zeit für das Ritual.

Beim letzten »Special Effect« sollte allen vor Angst der Atem stocken – bevor sie alle lachten, bis sie bei ihren Wagen oder Taxen waren. Oder bis zu ihren Betten hier im Haus, sofern sie mutig genug gewesen waren, für die Nacht ein Zimmer im »Spuk-Hotel« zu buchen.

Basil stand auf und tippte mit seinem Messer gegen ein Glas.

»Meine Damen und Herren! Verehrte Freunde! Meine lieben … Gefährten in der Geisterwelt!«

Zunächst verstummten die Unterhaltungen, dann wurde gekichert – alle waren ziemlich angeheitert. Und schließlich hatte Basil ihre volle Aufmerksamkeit.

Er blickte sich im Raum um.

Gespanntes Schweigen.

Zeit für den dramatischen Höhepunkt.

»Wie Sie alle wissen, verehrte Damen und Herren, würden wir nicht hier sein, wäre der arme Freddy Rose nicht gewesen, dahingeschieden vor so vielen Jahren in einer dunklen Halloween-Nacht ganz ähnlich dieser. Das Opfer eines monströsen Meuchelmörders, der nie für sein abscheuliches Verbrechen bezahlen musste …«

Basil wartete, und tatsächlich waren alle am Tisch entsetzt, wie den Gesichtern anzusehen war.

»Ja, Ihre Empörung ist durchaus berechtigt, denn Mord ist eine teuflische Tat. Und ein ungestrafter Mörder ist ein Affront für all jene Seelen, die des Nachts ruhelos umherwandern und Gerechtigkeit verlangen.«

Wie aufs Stichwort heulte der Wind vor dem Fenster.

Was für ein Timing!, dachte Basil und sah, wie eine Welle von Angst durch den Raum wogte und einige der Gäste richtig erschauderten.

»In der Mitternachtsstunde, um genau zu sein«, fuhr er fort. »Denn es war um Schlag Mitternacht in jener fürchterlichen Nacht vor so vielen Jahren, dass Freddys Schrei die nächtliche Stille in dieser friedlichen Herberge zerriss. Mitternacht war es, als Freddys Seele seinen Leib verließ – allerdings nicht gen Himmel, oh nein … sondern an einen anderen Ort …«

Er hörte ein leises Lachen – so wie er es sich gewünscht hatte.

»Nein, Freddys gequälte Seele blieb hier zurück, wo sie einsam und verloren die Zimmer durchstreift. Sie wartet, wartet darauf … Nein, sie verlangt, dass sein Mörder entlarvt wird, damit er für sein Verbrechen bezahlt!«

Einige leise Buhs waren aus dem Publikum zu hören.

Und dann begann die Uhr ihr melodisches Schlagen.

»Mitternacht!! Es ist so weit! Bitte, füllen Sie Ihre Gläser für unseren abschließenden Toast!«

Er beobachtete, wie alle sich hastig Wein nachschenkten, und blickte nochmals zu seiner Uhr. Der große Zeiger rückte mit jedem Uhrenschlag näher zur Zwölf.

Noch zehn Sekunden.

Wie Basil sah, waren die Gäste bereit.

Das hier muss auf die Sekunde genau sein; mit diesen verdammten Digitaluhren kann man nicht streiten …

Der Höhepunkt des Abends!

Der Toast auf Freddy – und sämtliche Kerzen würden gleichzeitig erlöschen, sodass vollkommene, Furcht einflößende Finsternis im Raum herrschen würde.

In Gedanken zählte er die Sekunden herunter.

Fünf, vier, drei …

»Auf Freddy!«, sagte Basil, reckte sein Glas hoch über seinen Kopf und auf den großen Kronleuchter zu.

»Auf Freddy!«, riefen die Gäste und erhoben auch ihre Gläser.

Basil sah, wie sie von ihrem Wein tranken.

Doch als er sein Glas an die Lippen setzte …

Statt dass die Kerzen ausgingen, wie sie es sollten, ertönte über ihnen ein schreckliches Reißen, Knarren und Ächzen. Es war direkt über ihren Köpfen.

Ein entsetzliches Geräusch, dachte Basil …

Als würden sich die Höllentore auftun …

Und Basil sah stumm und starr zu, wie der Kronleuchter mit seinen Hunderten schwerer Kristalltropfen, die im Kerzenschein glänzten und funkelten, aus der Decke brach, herabstürzte und auf dem Tisch explodierte, sodass Glasscherben wie Geschosse in alle Richtungen flogen und die entsetzten Gäste in die entferntesten Winkel des Raumes flohen.

4. Überstürzter Abgang

»Hat Joan Buckland dir erzählt, worum es geht?«

Jack sah Sarah lächelnd an und schüttelte den Kopf.

»Leider nein. Sie sagte lediglich, es wäre ›eine mysteriöse, gefährliche Angelegenheit‹. Und dass der Besitzer des Bell unserer Dienste bedürfe.«

»Das ist alles? Mehr nicht?«, erwiderte sie.

Sarah mochte die Bucklands, aber sie waren ohne Frage die skurrilsten Gestalten im Dorf.

Eines hingegen war nicht skurril an ihnen: Sie mochten Jack und hielten große Stücke auf ihn.

»Das war’s. Sie sagte noch etwas von einem Job für einen Detective und dass man die Dinge mit unverstelltem Blick sehen müsse.«

»Demnach haben die zwei schon ihre eigenen Theorien zu dem, was auch immer passiert sein mag, aber sie wollen deine, ähm, Wahrnehmung nicht trüben?«

Jack lachte. »Ungefähr so, ja. Das müssen sie aus einer ihrer Lieblingsserien haben. Ich jedenfalls hätte lieber mehr Informationen.«

Der Empfangsdame vom Bell Hotel hatten sie gesagt, sie wären von Lawrence Myrtle hergebeten worden.

Die junge Frau bat sie, am offenen Kamin Platz zu nehmen und zu warten.

Die Sessel mögen alt sein, dachte Sarah, aber bequem sind sie trotzdem.

Und mit dem knisternden Feuer an diesem kühlen Herbstnachmittag war dies ein idealer Platz zum Lesen …

Oder, was wohl bei der Klientel des Bell wahrscheinlicher war, ein bisschen zu dösen.

»Na, macht auch nichts«, fuhr Jack fort. »Wir werden es ja bald erfahren, und …«

In diesem Moment sah Sarah, wie Myrtle, der recht beweglich für sein Alter wirkte, in den Empfangsbereich kam, mit der jungen Frau am Tresen sprach und dann auf Jack und Sarah zueilte.

»Mr Brennan, Miss Edwards, ich kann Ihnen gar nicht genug danken!«

»Jack und Sarah, bitte«, sagte Jack, während er aufstand und Lawrence die Hand reichte. Sarah tat es ihm gleich.

»Schön, dann bitte auch Lawrence! Die Bucklands haben Sie beide in den höchsten Tönen gelobt. Sie rühmen Sie beide für Ihre Fähigkeit, ›das Unlösbare zu lösen‹, wie sie es ausdrückten.«

Jack warf Sarah einen Blick zu.

»Haben Sie das wirklich gesagt? Nun, jedes Rätsel hat eine Lösung«, erklärte Jack. »Man muss nur alle Teile zusammenfügen.«

Bei diesen Worten sah Lawrence zur Seite, wie Sarah auffiel.

Ist er in Gedanken schon woanders?

Dann blickte er wieder zu ihnen. »Teile, hmm. Ich nehme an, die Bucklands haben Ihnen erzählt, was vorgefallen ist?«

»Durchaus nicht«, antwortete Jack.

Lawrence’ Augen weiteten sich vor Überraschung.

Er zeigte zu ihren Sesseln und nahm auf einem klauenfüßigen Sofa ihnen gegenüber Platz.

»Tja, in dem Fall werde ich es erzählen, ja? Es war letzte Nacht, während unseres jährlichen ›viktorianischen Geisterjäger-Dinners‹ …«

Und Sarah hörte aufmerksam zu, während Lawrence Myrtle die Ereignisse des gestrigen Abends schilderte – einschließlich der harmlosen Gruseleffekte.

Bis zum Ende, als etwas geschah, das tödlich hätte ausgehen können.

Sarah fiel auf, dass Lawrence’ Hände zitterten.

Der Inhaber ist eindeutig erschüttert.

Und als er fertig war …

»Also, das ist die Geschichte. Was halten Sie davon?«

Sarah holte tief Luft.

Geister, Stimmen, reichlich Wein – und alles endet mit einer Katastrophe. Was sollte man davon halten?

Sarahs erster Gedanke war: Hier gibt es kein Rätsel.

Doch das zu beurteilen, überließ sie lieber Jack.

Zu ihrem Erstaunen hatte Jack zwar bei der Erzählung mehrmals genickt, sagte anschließend aber kein Wort.

Er verarbeitet erst mal alles, dachte sie.

Um die Lücke zu füllen, begann sie einige Fragen zu stellen.

»Hat Basil Whistlethwaite, der Mann, der die Veranstaltung leitete, das Hotel inzwischen verlassen?«

»Oh nein! Er war viel zu aufgewühlt. Einige der Scherben trafen ihn im Gesicht. Nichts Schlimmes, doch ich bestand darauf, dass er sich einige Tage hier ausruht – auf Kosten des Hauses.«

»Gute Idee«, sagte Jack.

Stimmt, dachte Sarah. Es ist ungleich leichter, ihn zu befragen, wenn er hier ist.

»Und die Gäste … die Leute, die gestern Abend dabei waren, wie die Bucklands?«

»Die sind alles andere als froh, kann ich Ihnen sagen. Sie haben sich alle zu Tode erschreckt. Zum Glück gab es keine schweren Verletzungen. Nur hier und da einen Kratzer, sonst nichts.«

»Hat jemand …« Sie blickte zu Jack, weil sie nicht sicher war, ob diese Frage zum jetzigen Zeitpunkt angebracht war. »Hat jemand rechtliche Schritte angedroht?«

Lawrence atmete tief durch und schüttelte den Kopf. »Mein Gott, nein, bisher nicht; und ich will auch hoffen, dass es dabei bleibt. Das war tatsächlich mal etwas Gutes von Crispin …«

»Crispin?«

»Oh, mein Sohn. Er hilft mir hier. Und er bestand darauf, dass wir bei dieser Veranstaltung eine ›Haftungsfreistellung‹ unterzeichnen lassen, wie er es nennt. Das bedeutet, falls irgendwas Schlimmes passiert …«

»Wie ein Kronleuchter, der auf die Gäste kracht?«, warf Jack ein.

»Ja, dass sie uns nicht auf Schadensersatz verklagen können.«

Jack sah zu Sarah. »Eine praktische Klausel. Obwohl ich schätze, wäre jemand ernsthaft verletzt worden, hätte sie ihre Gültigkeit verloren.«

»Oh Gott …«

»Könnte es bloß ein Unfall gewesen sein?«, fragte Sarah.

Lawrence’ Augen verengten sich. »Ja. Na ja, ich glaube schon. Aber wir lassen jedes Jahr sämtliche Befestigungen überprüfen – die der großen Wandgemälde im Treppenaufgang, die des Spiegels im Hauptspeisesaal und ganz besonders die des Kronleuchters.«

Er sah wieder zur Seite. »Wie konnte der einfach … runterfallen?«

Jack blickte sich in der Halle um. Sarah fragte sich, ob er Zweifel hatte, dass die jährliche Inspektion tatsächlich die Sicherheit sämtlicher Befestigungen gewährleisten konnte.

Dann wandte er sich wieder an Lawrence.

»Ja, wie nur? Ich denke …« – er warf Sarah einen kurzen Blick zu –, »… meine Freundin und ich sollten uns mal ein bisschen umsehen und mit den Leuten reden. Wäre Ihnen damit geholfen?«

»Würden Sie das tun?« Lawrence schlug die Hände zusammen. »Das wäre überaus … freundlich von Ihnen.«

Sarah überlegte, ob er einer jener Klienten wäre, denen sie eine »Rechnung« ausstellen konnten, um das Geld einem wohltätigen Zweck im Dorf zukommen zu lassen.

Angesichts seines fadenscheinigen Sportsakkos, der zerkratzten Budapester und des schiefen, ausgeblichenen Sofas, auf dem Lawrence Myrtle saß, vermutete Sarah allerdings eher, dass sie wieder mal pro bono arbeiten würden.

Und da sie nicht an Geister oder sonstiges Übernatürliches glaubte, könnte es sogar spaßig werden, dieses Hotel mit seinem vermeintlichen Spuk etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Zumindest war das ihr erster Gedanke …

5. Freddys Hotel

Lawrence führte Sarah und Jack zum privaten Speisesaal.

Jacks Blick fiel sofort auf die Überreste des Kronleuchters auf dem langen Tisch, die sich als riesige glitzernde Masse auf der dunklen Oberfläche häuften – wie ein Ozeanriese, der auf dem dunklen Mahagoni zerschellt war.

»Recht beeindruckend, dieser Kronleuchter«, sagte Jack. »Er sieht ziemlich alt aus.«

»Ist er auch«, antwortete Lawrence. »Er geht noch auf die Zeit zurück, als dies hier ein Herrenhaus in Privatbesitz war.«

»Dann dürfte er einiges wert sein«, sagte Sarah und sah zu Jack.

»Oh ja!«, bestätigte Lawrence. »Was für ein Jammer! Aber gewiss kann man ihn reparieren.«

»War er versichert?«, fragte Jack.

Lawrence zuckte mit den Schultern. »Das nehme ich an. Ich müsste mal nachsehen.«

Jack blickte hinauf zur Decke, in der ein Loch von gut drei Metern Durchmesser im Putz klaffte, wo der Kronleuchter gehangen hatte. Ein Stromkabel mit isolierten Enden hing aus dem dunklen Nichts.

Ansonsten konnte Jack keinerlei Spuren der gestrigen Katastrophe entdecken.

»Lawrence, wo ist das ganze Glas hin?«

»Ach ja, das habe ich von Paddy wegräumen lassen?«

»Paddy?«, fragte Sarah.

»Paddy Stover – sozusagen unser Event-Manager und, ähm, das Faktotum des Hauses. Er hat sich einige der Küchenhilfen dazugeholt, alles zusammengefegt und weggeworfen.«

»Und damit auch eine Menge Beweismaterial vernichtet …«

Jack sah zu Sarah. Er war nicht sicher, ob irgendetwas hier ihre Einmischung rechtfertigte.

»Oh, tut mir leid! Daran hatte ich gar nicht gedacht. Es war ja nur ein Haufen Putz und Scherben. Aber ich glaube, die sind noch da, hinten im Hof in den Tonnen. Wir könnten …«

Jack hob eine Hand. »Nein, schon gut. Es wäre bloß interessant gewesen zu sehen, wohin sie fielen. Wer gefährdet war …«

Und wer nicht.

Wie so oft schien es, dass die Ereignisse – zumindest in Cherringham – ihren wahren Hintergrund erst enthüllten, wenn Sarah und er herumzuhorchen begannen.

Was für ein interessantes Dorf …

»Also wurde alles heute Morgen aufgeräumt?«, hakte Sarah nach.

»Ja, gleich als Erstes. Leider … Wir haben gegen Ende der Woche eine Hochzeit, deshalb wollten wir alles zügig instand setzen lassen. Obwohl, es gab bereits einige Stornierungen. Manche Sachen sprechen sich schnell herum …«

Jack beobachtete, wie Sarah zu dem schief liegenden Kronleuchter hinüberging, in dem noch einige verbogene Kerzen steckten und das Kristall stellenweise unbeschädigt geblieben war.

»Aber der hier – der Kronleuchter – wurde nicht bewegt?«

Wieder einmal wurde Jack daran erinnert, dass Sarah – die wohl seine beste Freundin war, auch wenn sie aus zwei völlig verschiedenen Welten kamen – ein echtes Gespür dafür entwickelt hatte, genau die richtigen Fragen zu stellen.

Er musste zugeben, dass sie sich zu einer Ermittlerin gemausert hatte, die ein recht großes Verständnis für die jeweiligen Gegebenheiten eines Falls besaß.

»Ähm, das weiß ich nicht. Da müssten Sie Paddy fragen. Ich meine, die haben das Glas zusammengefegt, also könnten sie …«

»Ihn angefasst haben?«, ergänzte Jack.

Lawrence nickte unglücklich.

Der Tatort – sofern es überhaupt ein Verbrechen gab – war erheblich verändert worden.

Jack beugte sich vor und betrachtete den Kronleuchter genauer.

Kein Wunder, dass solch ein Schaden entstanden war; das Ding musste mindestens hundert Pfund wiegen. Die Halterung bestand aus einer Eisenstange mit vier dicken Befestigungsbolzen oben. Und an allen waren Schrauben mit Muttern.

Er sah wieder hinauf zur Decke und versuchte zu begreifen, was hier passiert war. Die vier Bolzen waren eindeutig dazu gedacht, in einer Art Platte verankert und von der anderen Seite mit den Muttern gesichert zu werden.

Auf der Rückseite der Platte, dachte er.

Er drehte sich wieder zu Lawrence um. »Meinen Sie, dass sich jemand daran zu schaffen gemacht hat?«

»Ich weiß nicht … Ich meine, ich nehme an, dass das möglich ist. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, warum jemand so etwas tun sollte.«

Jack sah wieder zur Decke. Oben kreuzten sich dicke Eichenbalken, und an ihnen war ein quadratischer Holzblock befestigt, der vier Löcher aufwies. Deren Form passte zu den Haltebolzen des Kronleuchters.

»Was für ein Raum ist über uns?«, fragte Jack. »Ein Hotelzimmer für Gäste?«

»Äh, tja, lassen Sie mich überlegen«, antwortete Lawrence, den die Frage zu verwirren schien. »Ich glaube, es ist Zimmer 3 – die Hochzeitssuite.«

»Wissen Sie zufällig, ob die letzte Nacht belegt war?«

»Hmm. Das glaube ich eher nicht, denn wir haben ja am Wochenende die Hochzeit. In solchen Fällen lassen wir die Suite lieber eine kleine Weile leer stehen, damit sie für das glückliche Paar frisch gelüftet und herausgeputzt ist, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Nun, vielleicht könnten Sie das für mich überprüfen«, sagte Jack. »Und ich würde mir die Suite gerne ansehen, wenn ich darf.«

»Selbstverständlich.«

»Ich frage mich nämlich, wie der Kronleuchter herunterfallen konnte, wenn noch alle vier Schrauben und Muttern in den Bolzen sind.«

Jack beobachtete, wie Lawrence von den Bolzen hinauf zur Decke und wieder nach unten sah.

»Verstehe«, sagte er. »Ja, das ist ein bisschen seltsam, nicht wahr?«

»Seltsam?«, wiederholte Jack. »Mir käme eher das Wort ›unmöglich‹ in den Sinn.«

»Es sei denn, jemand hat die Schrauben und Muttern heute Morgen wieder befestigt«, sagte Sarah.

»Genau«, stimmte Jack ihr zu. »Aber das können wir kaum wissen, nicht wahr, Lawrence?«

Der Angesprochene holte Luft und versuchte merklich, seinen offensichtlichen Fauxpas zu verarbeiten.

»Ja, Sie haben recht. Wissen Sie was? Die Handwerker müssen sowieso den Putz sortieren; da bitte ich sie gleich, alles für Sie beiseitezulegen, was ihnen komisch vorkommt, ja?«

Jack war klar, dass es nicht viel nützen würde, denn der Schaden war bereits angerichtet.

»Klar, das ist eine prima Idee«, antwortete er mit so viel Enthusiasmus, wie er aufbringen konnte.

Immerhin munterten diese Worte Lawrence merklich auf. »Wie wäre es, wenn wir nachsehen, ob wir die Schlüssel zu Nummer 3 bekommen können? Dann können Sie … ermitteln.«

Jack sah Lawrence hinterher, der durch die Tür und in Richtung Rezeption verschwand, und blickte zu Sarah. Sie zuckte mit den Schultern.

»Wie hast du das noch immer genannt, Jack? Steriler Tatort?«

»Das waren noch Zeiten!«

Damit drehte er sich um und ging zur Rezeption.

»Zimmer 3, Zimmer 3 …«, murmelte Lawrence vor sich hin.

Jack wartete geduldig mit Sarah in der Eingangshalle, während der alte Mann das Buchungsregister auf dem Empfangstresen durchblätterte.

Die Rezeptionistin war nirgends zu sehen.

»Ah«, sagte Lawrence. »Hmm. Ich bin nicht sicher, ob ich das verstehe … Aber anscheinend ist Zimmer 3 belegt. Wie es aussieht, wurde eine Reservierung für ein Einzelzimmer auf ein Doppelzimmer geändert.«

»Sagten Sie nicht, dass Sie die Suite ungern belegen, wenn eine Hochzeit bevorsteht?«, merkte Jack an.

»Ja, das ist auch sehr ungewöhnlich«, erklärte Lawrence. »Ich werde mit Crispin sprechen müssen, denn es sieht aus, als hätte er die Buchung gemacht.«

»Und das Zimmer war auch letzte Nacht belegt?«

»Allem Anschein nach ja.«

»Also können wir es nicht sehen?«, fragte Sarah.

»Nein, tut mir leid«, antwortete Lawrence. »Nicht, wenn es belegt ist. Natürlich könnte ich den Gast ansprechen – ein Mr Anderson, glaube ich – und, äh, ihn fragen, ob er so freundlich wäre …«

»Das wäre gut«, sagte Jack.

»Möchten Sie sich in der Zwischenzeit vielleicht die Dachkammer ansehen? Die gehörte gestern Abend zum Programm. Ein wesentlicher Teil der Show übrigens. Und seitdem war noch niemand da oben.«

Jack fragte sich allerdings, welche Verbindung es zwischen der leeren Kammer auf dem Dachboden und dem geben könnte, was hier unten geschehen war.

Ihn interessierte eher etwas anderes. »Sie erwähnten, dass Mr Whistlethwaite …«

»Basil.«

»Ja, dass er noch im Hotel ist?«

»Stimmt. Ich bot ihm sofort ein Zimmer für einige Nächte an. Der arme alte Knabe ist reichlich mitgenommen. Da schien es mir nicht in Ordnung zu sein, ihn den weiten Weg über die M1 in den eisigen Norden fahren zu lassen. Vielleicht kann ich Sie zu ihm führen …«

Jack sah zu Sarah und dachte, dass sie bestimmt schon wusste, worauf er hinauswollte.

Dann lächelte er Lawrence an. »Ich denke, wir können uns diese Sache für Sie näher ansehen, Lawrence. Aber Sarah und ich würden lieber allein mit Basil reden. Schließlich war er dabei, als es passierte.«

»Oh ja!«

»Und vielleicht kann er uns auch die Dachkammer zeigen.«

»Natürlich. Sie können sich hier vollkommen frei bewegen. Und falls Sie irgendwas brauchen, sagen Sie einfach Bescheid.«

»Wie sieht es mit Mr Stover aus? Könnten wir den eventuell auch sprechen?«

Lawrence rang sich wieder ein unglückliches Lächeln ab.

»Nun ja, Paddy hat gewissermaßen seine eigenen Arbeitszeiten. Aber er ist oft in dem kleinen Büro neben der Küche. Das ist übrigens direkt unter dem Raum hier. Oder er sieht mit unserer Empfangsdame Suzie die Buchungen und Lieferungen durch. Wo Suzie im Moment ist, weiß ich allerdings nicht so genau …«

»Wo könnte er noch sein?«

Lawrence’ Lächeln erstarb. »Mittags ist er manchmal im Angel, auf der anderen Straßenseite. Oder oben in dem Pub beim Bahnhof – da sind die Pies etwas billiger, wissen Sie?« Er holte tief Luft. »Er legt großen Wert auf sein Mittagessen.«

»Mit anderen Worten, er ist nicht so leicht aufzutreiben, was?«

Lawrence nickte, und Jack folgerte, dass der Besitzer des Bell Hotel seine Nummer zwei eher an der ganz langen Leine hielt.

»Prima. Wir werden später mit ihm reden«, sagte Jack.

»Vorausgesetzt, wir finden ihn«, ergänzte Sarah.

Ihr Humor zündete bei dem alten Mann nicht.

Es muss schwer für Lawrence sein, diesen Laden halbwegs am Laufen zu halten.

»Aber erst mal statten wir Mr Whistlethwaite einen Besuch ab.«

»Richtig. Zimmer 6. Die Treppe rauf und dann links. Er sollte auch wach sein, denn er hat sich schon vor einer ganzen Weile Tee bringen lassen.«

»Wir finden ihn. Und wir melden uns wieder bei Ihnen.«

Erneut schlug Lawrence die Hände zusammen, als würde sich nach dem schrecklichen Unfall nun doch alles zum Guten fügen.

Anders als die Kristallscherben draußen im Müll.

Jack nickte und ging mit Sarah zu der breiten Treppe, die in den ersten Stock führte.

Auf halbem Weg die Treppe hinauf berührte Jack Sarahs Arm und wies mit einem Kopfnicken auf ein großes dunkles Gemälde, das einen hageren Mann in Jagdkleidung zeigte, der sein Gewehr gesenkt hatte, zu seinen Füßen lag ein blutbefleckter prachtvoller Tiger.

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