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Charmanter Mann aus Erstbesitz

 

Hilma Wolitzer

 

Charmanter Mann

aus Erstbesitz

 

Roman

 

Aus dem Englischen

von Anne Braun

 

 

Deuticke

Wie die Fliegen

Der erste Anruf kam an einem Samstagnachmittag, als Edward Schuyler im Wohnzimmer gerade sein ältestes blaues Oxford-Hemd bügelte. Das Bügeln hatte er erst vor einigen Monaten angefangen, nicht lange nach dem Tod seiner Frau Bee. Das war im Frühsommer gewesen, in den Schulferien, als er sich auf nichts anderes konzentrieren konnte, außer auf seinen Kummer und seine Sehnsucht nach ihr. Anfangs hatte er nur Sachen von ihr gebügelt, die er zerknittert im Bügelkorb in der Waschküche gefunden hatte. Er hatte es als Möglichkeit gesehen, sich mit ihr verbunden zu fühlen, obwohl sie für immer fort war und er sie nicht einmal in seinen Träumen zurückholen konnte.

Doch wenn er am Bügelbrett stand, war sie plötzlich wieder da, in einer Flut von ungeordneten Erinnerungen. Allerdings konnte er diese Erinnerungen nicht kontrollieren: Mal sah er sie am Tag ihres Kennenlernens, dann wieder Jahre später ihm gegenüber in ihrem geblümten Chintzsessel sitzen, während sie telefonierte und gleichzeitig mit ihren nackten Füßen den Bauch ihres Hundes knetete – Bee nannte das Multitasking –, oder in ihren letzten Tagen, wenn zwischen ihren einzelnen Atemzügen so lange Pausen entstanden, dass er unwillkürlich ebenfalls die Luft anhielt, bis sie den nächsten Atemzug machte.

Aber natürlich war diese willkürliche Collage ihrer gemeinsamen Tage besser als nichts, und es war seltsam tröstlich, mit dem Bügeleisen die Falten aus ihren Blusen zu streichen, die zerknüllten Abnäher an der Brust und die Ärmel zu glätten und die Blusen anschließend ordentlich in den Schrank zu hängen, wo sie aussahen, als warteten sie nur darauf, wieder angezogen zu werden. Und es gefiel Edward, in der Stille des Hauses den Dampf zischen zu hören und den leicht hefeartigen Duft des erhitzten Stoffs zu riechen.

Als nun das Telefon läutete, stellte er das Bügeleisen auf die Ablage und ging in die Küche, um abzunehmen. Bingo, sein altersschwacher Hund, tapste ihm nach. Ohne seine Lesebrille, die wieder einmal nirgendwo war, konnte Edward die Nummer des Anrufers nicht erkennen. Doch als er »Hallo« sagte, kam zuerst keine Antwort, und er ging davon aus, dass er gleich eine Bandaufnahme von jemandem hören würde, der seine Wählerstimme haben wollte. Schließlich war Ende Oktober. Die Hälfte seiner Post bestand derzeit aus politischen Werbebroschüren, die andere Hälfte aus Rechnungen und verspäteten Kondolenzschreiben. Edward wollte gerade wieder auflegen, als eine zögernde Frauenstimme sagte: »Ed? Sind Sie es?«

Kein Mensch, den er kannte, nannte ihn Ed oder – noch schlimmer – Eddie. Es kam natürlich vor, dass sich Telefonverkäufer auf diese plumpe Weise bei ihm einschleimen wollten, aber Edward war nicht der Typ Mensch, den man mit Kosenamen oder einer Abkürzung seines Namens bedachte. Selbst Bee, die ihn geliebt und besser gekannt hatte als jeder andere, hatte ihn stets Edward genannt. Ihre beiden inzwischen erwachsenen Kinder nannten ihn immer noch wie früher – Nick »Schuyler« oder »Prof«, Julie »Paps«. Amanda, Nicks junge Frau, redete ihn etwas verlegen mit »Dad« an, während sie die Anrede »Daddy« genau wie Julie ihrem eigenen Vater vorbehielt.

»Hier ist Edward, ja«, sagte er nun in den Hörer. »Wer spricht bitte?«, und die Frau antwortete: »Sie kennen mich nicht, Ed, aber wir haben eine gemeinsame Freundin.«

Er schwieg, und sie fuhr fort: »Ich bin Dorothy Clark, Sie können mich aber gern Dodie nennen. Joy Feldman und ich sind zusammen zur Schule gegangen.«

Edward versuchte, sich die herzliche, matronenhafte Joy als Schulmädchen vorzustellen, doch ihm fiel nur der Überraschungs-Thunfisch-Auflauf ein, den sie ihm nach der Beerdigung in die Tiefkühltruhe stellte, und in dessen aufgetautem Inneren er Tage später ein einzelnes Haar entdeckt hatte. Bee hätte sicher gesagt: »Ah, das ist die Überraschung!« Edward hatte das dumpfe Gefühl, dass ihm diese Frau gleich etwas andrehen wollte, das mit Bees Tod zu tun hatte, zum Beispiel Dauer-Grabpflege, oder eine Spende für irgendeine obskure wohltätige Einrichtung in Bees Andenken haben wollte.

Doch ihre Stimme wurde noch etwas tiefer und gefühlvoller, als sie in sein Schweigen hinein fortfuhr: »Sie und ich sitzen im selben Boot, Ed. Ich meine, ich bin auch seit kurzem verwitwet, und Joy dachte … nun ja, dass wir uns kennenlernen sollten.«

Wie um alles in der Welt war Joy auf diese Idee gekommen, fragte sich Edward, doch dann ging ihm ein Licht auf, und er wusste nicht, ob er empört oder amüsiert sein sollte, ähnlich wie damals, als er das Haar in dem Auflauf entdeckt hatte. »Verstehe«, sagte er gedehnt, »das war sicher nett gemeint von ihr, aber ich fürchte, da täuscht sie sich. Ich bin nicht auf der Suche nach … neuen Freundschaften.« Auf dem Futterbrett vor seinem Fenster ließen sich einige Meisen nieder und begannen zu picken.

»Oh, natürlich«, sagte Dorothy Clark nun eine Spur lebhafter. »Jeder braucht seine eigene Zeit zum Trauern. Aber wenn Sie bereit sind, rufen Sie mich doch einfach an. Ich wohne in Tenafly, wir sind praktisch Nachbarn. Ich gebe Ihnen meine Nummer.« Vor dem Fenster kam Aufregung auf, als ein Eichelhäher landete, der Körner aufwirbelte und die Meisen verscheuchte.

»Einverstanden«, sagte Edward gleichgültig und höflich. Er war auch höflich zu Telefonverkäufern, selbst zu jenen, die seinen Namen verhunzten.

Doch die Frau war misstrauisch. »Haben Sie etwas zum Schreiben da?«, fragte sie. Wenn er einen Stift zur Hand gehabt hätte, hätte er damit den Besuch der Meisen und des Hähers in seinem Vogeljournal notiert oder ans Fenster geklopft, um dem Gezeter ein Ende zu machen. Doch er sagte: »Ja, schießen Sie los«, und sie diktierte ihm die Nummer langsam, gleich zweimal hintereinander. Zum Glück bat sie ihn nicht, sie anschließend zu wiederholen.

Er kehrte ins Wohnzimmer zurück, empfand es aber nicht mehr als beruhigend, wie das Bügeleisen über den abgetragenen blauen Stoff seines Hemds glitt. Er war aus seiner Einsamkeit gerissen worden und wollte nun wieder in sie eintauchen.

Eines Abends, kurz vor dem Ende, hatte er neben Bees Bett gesessen und gelesen, und seine freie Hand lag sachte auf ihrem Arm. Sie schien zu schlafen. Doch dann schlug sie ihre glasigen Augen auf und sagte: »Pass bloß auf. Sie werden angeschwirrt kommen wie die Fliegen.«

»Wer, Schatz?«, hatte er gefragt, doch sie hatte die Augen wieder geschlossen und blieb ihm die Antwort schuldig.

In ihren letzten Tagen und Nächten hatte sie viele seltsame Dinge gesagt. »Oh, was mache ich nur ohne dich?«, hatte sie einmal gestöhnt, als läge er im Sterben und ließe sie zurück. Außerdem hatte sie Halluzinationen, durch ihre Medikamente bedingt: Sie sah kleine Kinder am Fußende ihres Bettes stehen oder Mäuse in der Badewanne herumwuseln. Vielleicht kamen in ihren Fieberträumen auch Fliegen oder andere kleine Tierchen vor.

Erst beim zweiten Anruf dieser Art, wenige Tage nach dem von Dorothy Clark, begriff Edward endlich, was Bee damals gemeint hatte. Diesmal stellte sich die Anruferin als Madge Miller vor, ein Name, der ihm vage bekannt vorkam. Sie und Bee waren vor geraumer Zeit im gleichen Buchclub gewesen, und sie hatte die traurige Nachricht über gemeinsame Bekannte erfahren. Sie riefe nur an, um ihm ihr Beileid auszusprechen, sagte sie – was für ein Jammer, was für eine schöne, intelligente Frau in der Blüte ihrer Jahre. Und falls ihm mal nach Gesellschaft wäre, könnten sie sich gern einmal treffen, zu einem Mittagessen oder auf einen Drink.

Später an diesem Nachmittag ging Edward in die Küche und durchwühlte die Schublade, die eines der Kinder früher mal so passend »Verrückte Schublade« getauft hatte. Zwischen den einzelnen Batterien und Schnürsenkeln, abgelaufenen Supermarktcoupons und Schlüsseln, die keine Türen öffneten, von denen jemand gewusst hätte, fand er eine Kette, an der Bee sich für kurze Zeit ihre Lesebrille um den Hals gehängt hatte – bis sie sich damit im Spiegel sah und kategorisch erklärte, sie würde in Zukunft lieber blind herumlaufen.

Nun entwirrte Edward die Kette und befestigte sie an seiner eigenen Lesebrille, wobei er es sorgsam vermied, in den Spiegel zu schauen, da sein Spiegelbild vermutlich eine unselige Ähnlichkeit mit seiner Lehrerin in der dritten Klasse aufweisen würde, Miss Dupont. Seine eigenen Schüler hätten sich schiefgelacht! Aber er würde die Kette ja nur zu Hause tragen, weil er so oft seine Brille verlegte, um sich in Zukunft weitere Anrufe von Unbekannten zu ersparen.

Junggesellentage

Nach einer katastrophalen Beziehung glaubte Edward sehr lange, er würde nie heiraten. Er hatte davor schon etliche Freundinnen gehabt, doch genau wie sein Vater hatte er nur eine von ihnen wirklich geliebt – und diese Beziehung schien schicksalhaft und endgültig zu sein. Die junge Frau hieß Laurel Ann Arquette und unterrichtete Französisch, am Ende des Korridors, in dem auch sein Labor war, an der Fenton Day, einer Privatschule in der Upper West Side von Manhattan. Einer der Kollegen hatte sie an Laurels erstem Tag miteinander bekanntgemacht.

Er war aufgestanden und hatte gesagt: »Hallo, willkommen in der Hölle.« Der Löffel, mit dem er seinen Kaffee umgerührt hatte, fiel klirrend auf den Boden, und sie lachte, ein glockenhelles Lachen, das ihm vom Kopf bis in den Unterleib gefahren war. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht, und ihre üppige Haarpracht war vorzeitig weiß oder besser gesagt silbrig geworden. Sie war zierlich wie ein Schulmädchen, und man hätte sie auch durchaus mit einer Schülerin verwechseln können, wären da nicht diese Haare und ihr selbstbewusstes Auftreten gewesen. »Edward«, wiederholte sie, so feierlich, als würde sie ihm diesen Namen erst geben oder ihn taufen, und ließ ihre Hand von seiner umschlingen.

Das war 1974 gewesen. Sie waren beide Mitte zwanzig, und jeder Schultag kam ihnen unerträglich lang vor, weil sie es kaum erwarten konnten, gleich im Anschluss in Edwards Wohnung in Hell’s Kitchen zu eilen, wo sie übereinander herfielen und sich bis zur Erschöpfung liebten. An der Fenton waren sie allerdings sehr vorsichtig, hielten im Lehrerzimmer diskret Abstand, achteten darauf, sich im Korridor nie zu berühren, und widerstanden sogar der Versuchung, sich glühende Blicke zuzuwerfen.

Doch alle, von den überstimulierten Schülern bis zu den amüsierten Frauen in der Schulcafeteria, wussten trotzdem Bescheid. Eines Morgens fing er einen Zettel ab, den sich zwei seiner Schüler während des Unterrichts zuschickten. »Meinst du, Dr. S. couche avec Mademoiselle A.?« Oui! Ja, das tat er, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, und er hätte genauso gut ein Schild um den Hals tragen können, auf dem er seine Leidenschaft publik machte. Er hatte den albernen Zettel natürlich zerrissen, doch auch sein strenger Blick konnte die Aufregung der kichernden Übeltäter nicht dämpfen.

Doch kaum gaben Edward und Laurel ihre Verlobung bekannt, nach den zweiten Osterferien, seit sie sich kannten, wurden sie für ihre Schüler so langweilig wie deren eigene Eltern, und auch das Interesse der anderen ließ merklich nach. Nichtsdestotrotz genossen die frisch Verlobten ihren neuen Status und begannen, Heiratspläne zu schmieden. Edward hätte gern eine kleine Feier gehabt, während Laurel eine Hochzeit im großen Stil vorschwebte, vermutlich eine weitgehend unbewusste Trotzreaktion ihren geschiedenen Eltern gegenüber, die damals nach Maryland durchgebrannt waren, als Laurel bereits an Bord war.

Edward hatte den Eindruck, dass Laurel glaubte, eine prunkvolle Hochzeitsfeier sei eine Garantie für eine glückliche Ehe, und er ließ sie gewähren. Sie hatte eine so unglückliche Kindheit gehabt, war zwischen ihrer depressiven Mutter und dem cholerischen Vater hin und her geschoben worden wie eine Handgranate, die jederzeit hochgehen könnte. Einmal, so erzählte ihm Laurel, hätten ihre Eltern einen Streit gehabt, der in Handgreiflichkeiten auszuarten drohte, und als Laurel dazwischenging, wurde sie aus Versehen auf den Boden gestoßen. Sie behauptete, dass ihre Haare wegen der ständigen Spannungen, denen sie schon als Kind ausgesetzt gewesen war, früh weiß geworden waren. »Du kannst es dir nicht vorstellen«, sagte sie, und das konnte er tatsächlich nicht.

Seine eigenen Eltern hatten durchgehalten. Ihre anfängliche Leidenschaft hatte sich in etwas Blasseres, aber Dauerhaftes verwandelt, ein Soufflé, das mit den Jahren zu einem beruhigenden Alltagsbrei zusammengefallen war. Sie waren von Laurel ähnlich fasziniert wie Edward und hätten frohen Herzens eine Hypothek auf ihr Haus in Elmont aufgenommen, nur um sie und somit auch ihren Sohn glücklich zu sehen. Doch letztendlich mussten sie nur in ihre Rentenfonds greifen, um für den Löwenanteil der Hochzeitskosten aufzukommen.

Edward schwor, es ihnen eines Tages zurückzuzahlen. Von der Seite der Braut kam nichts; Geld, verschwendet oder verloren, war einer der vielen Streitpunkte zwischen den nach wie vor verstrittenen Arquettes senior. Laurel hatte sich beiden entfremdet und ihnen erst auf Edwards Drängen hin Einladungen geschickt.

Edward wollte keine kirchliche Hochzeit – er schwankte zwischen Atheismus und Agnostizismus, zwischen den Naturwissenschaften und dem Unbekannten. Doch Laurel, obwohl selbst nicht religiös, wollte lieber auf Nummer sicher gehen. Als die Vorbereitungen aus dem Ruder zu laufen begannen, fingen sie an zu streiten. »Was ich mir wünsche, ist dir egal«, hatte sie ihm in der süßlich geschwängerten, kühlen Atmosphäre des Blumengeschäfts unfairerweise vorgeworfen.

Sie wollte ein Designerkleid und Champagner in Strömen. Auf jedem Tisch im Rainbow Room wollte sie winzige, gesprenkelte gelbe Orchideen haben, die aussahen, als wären sie in einem bemoosten Dschungel gepflückt worden, und es gab viel zu viele Tische. Wie konnte sie jammern, es sei eine zu kleine Hochzeit, und trotzdem über 150 Freunde auflisten, die eingeladen werden mussten? Edward hatte die wenigsten von ihnen jemals zu Gesicht bekommen.

Irgendwann warf er ihr vor: »Du weißt ja gar nicht, was du willst.« Letztendlich gab er jedoch in allen Punkten nach und stellte mit perversem Amüsement fest, dass sein anfänglicher Widerstand sie eher angestachelt als verletzt hatte. Sie war in ihrem Leben schon oft genug verletzt worden. Er wollte sie beschützen und verteidigen, schon vor dem offiziellen Ehegelübde, um sie für das gestohlene Glück ihrer Kindheit zu entschädigen. Und wider besseres Wissen – Biologie war schließlich sein Fachgebiet – glaubte er, die Leidenschaft zwischen ihnen würde niemals nachlassen.

Eine Woche vor der Hochzeit lagen sie in ihrer üblichen post-sexuellen Benommenheit da. Edward war noch immer über alle Maßen fasziniert von Laurels Körper, von der kühnen und originellen Art, wie sie ihn einzusetzen wusste, von ihrem Aussehen – die kleinen Brüste, so zart, als wären sie gerade erst frisch erblüht; ihr elastisches, überraschend dunkles Dreieck. Begriffe aus dem Lehrbuch der menschlichen Anatomie hatten für ihn eine ganz neue, erotische Bedeutung angenommen: Schulterblatt. Schlüsselbein. Sie befreite sich aus seinen Armen, wandte sich ab, und statt wie sonst »Je t’aime« oder »Noch einmal, bitte« zu flüstern, sagte sie: »Ich hätte beinahe schon mal geheiratet, weißt du.«

Das war neu für ihn; sie hatte es noch nie erwähnt. Sein Puls hatte sich gerade erst wieder normalisiert, und er hoffte, dass sie nicht spürte, wie sein Herz nun an die Wölbung ihres Rückgrats hämmerte. »Wen, David?«, fragte er, so gelassen wie möglich. David war sein Vorgänger gewesen. Gleich nachdem sie sich ihre Liebe erklärt hatten, hatten sie und Edward sich ihre bisherigen amourösen Beziehungen geschildert – ein intimes Ritual, das schmerzlich, aber unabdingbar war, wie Laurel gesagt hatte. Und jeder Mensch in ihrer Vergangenheit schien, genau wie in seiner, kurzlebig und oberflächlich gewesen zu sein, wie Personen, die man im Traum gesehen hatte.

»Nein«, sagte sie, die Stimme leicht gedämpft vom Kissen. »Es war Joe.«

»Joe? Wer ist Joe?«, fragte Edward.

»Na, dieser Typ, Joe Ettlinger. Mit dem ich vor David zusammen war.«

»Soll das ein Witz sein?«, fragte er.

»Tut mir leid«, sagte sie. »Ich hätte es dir sagen sollen.«

»Stimmt«, sagte er. »Hättest du.«

»Tut mir leid«, wiederholte sie, weniger entschieden.

»Was ist passiert?«, fragte er.

»Wir haben uns gestritten.«

»Worüber?« Edward konnte sich nur vorstellen, dass seltene Orchideen und schäumender Champagner der Grund gewesen waren.

»Och, wegen irgendwas, ich weiß nicht mehr genau. Es waren einfach keine Gefühle mehr da.«

Edward konnte sich nicht vorstellen, wie eine Liebe kurz vor der Heirat einfach erkalten konnte. »Es ist also vorbei?«, fragte er.

»Ja, natürlich«, antwortete sie nach einer längeren Pause. »Ich bin müde«, sagte sie daraufhin. »Genug geredet, okay?«

Dieser Vorfall hätte ihm eine Warnung sein sollen, aber er fiel trotzdem aus allen Wolken, als sie am Samstag darauf nicht in der Kirche erschien. Er wartete in der Sakristei auf sie, für einen Zeitraum, der ihm wie Jahre vorkam, obwohl es in Wirklichkeit nicht ganz zwei Stunden waren. Mysteriöserweise hatte sie beschlossen, die Nacht vor der Hochzeit in der Wohnung ihrer Mutter zu verbringen, was Edward als gutes Omen gesehen hatte. Friede auf Erden, Goodwill allen Menschen gegenüber!

Und ihre beiden Mütter saßen in der ersten Reihe, links und rechts des mit Satinbändern geschmückten Mittelganges, und beide sahen mit ihren kunstvollen Hüten, den langen Handschuhen und der bebenden Ansteckblume fast wie Schwestern aus. Doch als er Mrs Arquette hinterher fragte, sagte sie, sie hätte Laurel seit Wochen weder gesehen noch gesprochen.

Nach Laurels Verrat fiel Edward in eine Art emotionalen Winterschlaf, lehnte jedes Mitleid ab, weil es ihm peinlich war und wehtat – als würde jemand seine fiebrige Haut berühren –, und es gelang ihm, gegen sein eigenes Gefühl qualvoller Schande abzustumpfen. Immerhin hatte Laurel nicht nur ihn, sondern auch die Fenton verlassen. Er sagte sich, dass er darüber hinwegkommen würde; es war kein Tod, obwohl es sich so anfühlte.

Und er sollte recht behalten. Ganz allmählich begann er sich zu erholen, die Welt auch ohne Laurel wieder als interessanten Ort zu betrachten, und er ging sogar wieder mit der einen oder anderen Frau aus. Attraktive Frauen gab es zuhauf. Und so wurde er zu einem »Bachelor« – ein Titel, der früher als Euphemismus schwulen Männern wie Edwards Onkel Lewis vorbehalten war. Jeder hatte Lewis, den Bruder seiner Mutter, als »eingefleischten Bachelor« bezeichnet, ein Mann, der die Frauen in Wirklichkeit liebte, sich jedoch nicht binden wollte. Lewis kam zum Einsatz, wenn es darum ging, unattraktive Cousinen zu ihren Abschlussbällen zu begleiten, und später fungierte er als »Kavalier« für verwitwete oder ledige alte Tanten, doch die Liebe seines Lebens hatte er keinem der Familie jemals vorgestellt.

Edward dagegen war mit Eifer bei der Sache. Doch immer wenn eine Affäre zu eng zu werden drohte, machte er Schluss und wandte sich der Nächsten zu. Und irgendwann warf er auch den Brief weg, den Laurel ihm aus Tucson geschickt hatte, und in dem sie schrieb, sie hätte rein zufällig Joe Ettlinger getroffen und ihre Zweifel und Ängste zu lange verdrängt, obwohl sie gespürt hätte, dass Edward sich nicht ernsthaft auf sie einlassen wollte.

Vielleicht hatte sie ja recht, vielleicht hatte er sich etwas vorgemacht. Er hatte sie im Laufe ihrer Beziehung bei etlichen kleinen, unsinnigen Lügen ertappt, die er auf ihr nervöses Naturell geschoben hatte, sich aber geweigert, ihre emotionale Bedürftigkeit oder ihre Stimmungsschwankungen als Krankheitsbild zu sehen. Und er hatte von Anfang an gewusst, dass vorzeitiges Ergrauen normalerweise auf eine genetische Veranlagung oder auf hormonelles Ungleichgewicht zurückzuführen war, bei dem zu wenig Melanin produziert wird, doch er wollte ihr ihre Hirngespinste lassen und sie sogar selbst glauben, denn sein Verlangen nach ihr war stärker als wissenschaftliche Erkenntnisse und der gesunde Menschenverstand. Nach Laurel war er nie mehr ganz so gutgläubig oder romantisch gewesen, bis er Bee traf.

Wie alles begann

Sie war nicht sein Typ, das sah er auf den ersten Blick. Selbst nach all dieser Zeit – fast fünfzehn Jahre! – und egal, wie sehr Laurel ihn verletzt und gedemütigt hatte, war sie vom Äußeren her Edwards Ideal geblieben. Das musste einen psychologischen Grund haben, sie war vermutlich so etwas wie sein Archetyp und somit seiner Kontrolle entzogen. Beatrice Silver hatte volle Brüste und braune Locken; ihre Hüften waren, genau wie ihr Lächeln, etwas zu breit. Die Geburt ihrer Kinder dürfte ihren Körper natürlich verändert haben. Sie tanzte gerade Cha-Cha-Cha mit ihrer kleinen Tochter, als er sie zum ersten Mal sah, bei der Hochzeit einer gemeinsamen Freundin, Sue Cooper, einer Kollegin von Edward und Bees früherer Nachbarin. Sue war zwar eine notorische Kupplerin, doch es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, sie beide miteinander bekanntzumachen.

Später sollte Bee ihm gestehen, dass es auch bei ihr keine Liebe auf den ersten Blick gewesen war. Er hätte zu distanziert gewirkt, sagte sie, fast aristokratisch, als er, die Hände in den Taschen vergraben, am Rand der Tanzfläche stand. Gutaussehend, das ja, räumte sie ein, wie einer dieser blonden Helden von Fitzgerald. Aber nicht temperamentvoll genug, wie ihr attraktiver, schwarzhaariger Bastard von Exmann, von dem sie sich erst vor kurzem hatte scheiden lassen. Schluss mit Männern, dachte sie, Cha-Cha-Cha!

Edward ging nach wie vor ungern auf Hochzeiten. Für Laurel empfand er längst nichts mehr, weder Reste von Wut noch Sehnsucht, doch das ganze Theater mit feierlichen Gelübden und überschwänglichen Trinksprüchen – all dieser Pomp und die Förmlichkeiten – erweckte in ihm immer den Wunsch, woanders zu sein. Und dies war eine jüdische Hochzeit, wo das Brautpaar auf schiefen, schwankenden Stühlen über die singende Gästeschar gehoben wurde, nur durch ein Seidentuch miteinander vereint – als wäre die brandneue Verbindung, ihr beider Leben jetzt schon gefährdet.

Dann waren da noch all diese Gruppentänze, wild und schnell, zu gellenden, fröhlichen Klarinettenklängen. Nicht Edwards Ding, wirklich nicht, obwohl er merkte, dass seine Augen aus unerfindlichen Gründen feucht wurden, als die Tänzer an ihm vorbeiflitzten, schnell und immer schneller, zur immer lauter werdenden Musik, wie die Holzpferdchen eines Karussells. Und auf einmal wurde er an der Hand gepackt und mitten in den Trubel hineingezogen, noch bevor er protestieren konnte. Doch, er protestierte durchaus: Er wollte nur zuschauen, er kannte die Schritte nicht, aber wer hätte ihn in diesem Jubelgeschrei schon gehört? Und plötzlich wurde er an beiden Händen gefasst, auf der einen Seite von dem kleinen Mädchen, das mit seiner Mutter getanzt hatte, auf der anderen von einer alten Dame in einem flotten roten Hütchen, einer Art schiefem Fez, die ihre Beine wie eine Revuetänzerin hochwarf. Die beiden hielten ihn fest, als gehörte er zu ihnen, zu Julie und ihrer Großmutter Gladys – was er eines Tages tatsächlich tun würde.

Edward mochte Kinder – ihre angeborene Neugier, wie unverfälscht lustig und intuitiv sie sein konnten, ihre noch formbaren jungen Gehirne. Das Unterrichten war ihm nie langweilig geworden, obwohl sich der Lehrplan im Wesentlichen kaum änderte. Er hätte vielleicht sogar eigene Kinder gewollt, wenn er früher geheiratet hätte – obwohl Laurel damals nicht verrückt darauf gewesen war –, doch inzwischen war er über vierzig und wollte keine Kinder haben, nicht mehr. Immerhin hatten seine Schwester Catherine und ihr Mann Jim, die in San Diego wohnten, seine Eltern zu Großeltern gemacht.

Und Bees Kinder – sie hatte zwei, wie er bald erfahren sollte – trugen anfangs nicht dazu bei, dass er seinen kinderlosen Status bedauerte. Der Junge, Nick, ungefähr zwölf, wie Edward annahm, saß am fast verwaisten Kindertisch. Die kleine Julie, die Edwards Hand auch nach der frenetischen Hora nicht losgelassen hatte, zog ihn in diese Richtung, fast so, als gehörte das mit zum Tanz. »Das ist mein Bruder«, verkündete sie wie eine winzige Museumsführerin, die voller Stolz ein preisgekröntes Gemälde vorführte.

Nick, dessen Hemdschöße halb aus der Hose hingen, mit metallbewehrten Zähnen, ignorierte seine kleine Schwester. Er war damit beschäftigt, einen anderen Jungen, der ihm gegenübersaß, mit Kügelchen des Hochzeits-Challah zu bombardieren, die umgehend zurückgeflogen kamen. Der Tisch sah wie ein mittleres Schlachtfeld aus. Ein Stuhl war umgeworfen worden. Und das fleckige rosa Tischtuch war mit verschütteter Cola, massakrierten Tischblumen und Essensresten übersät, obwohl einige Teller noch unangetastet aussahen.

Die Band hatte mittlerweile einen langsamen, romantischen Song angestimmt. »Bésame mucho«. Each time I cling to your kiss I hear music divine. Einer von Laurels Lieblingssongs, wie ihm spontan einfiel; wurde das immer noch gespielt? Behutsam löste er seine Hand aus der Umklammerung des Mädchens, dem vor Enttäuschung die Kinnlade herunterfiel. Himmel, hatte sie etwa erwartet, er würde mit ihr einen Stehblues tanzen? Sie adoptieren?

Julies Mutter rettete ihn, indem sie herbeigeeilt kam und ihre Tochter bat, ihrer Großmutter einen Teller mit Leckereien vom Dessertbuffet zu bringen. Mit einem bedauernden Blick zurück zu Edward rannte die Kleine davon. Erleichtert und weil Bee sich ohnehin schon zur Musik wiegte, fragte er, ob sie tanzen wolle.

»Machen Sie sich nichts daraus«, erklärte sie Edward, als er seine Hand um sie legte. »Meine Tochter muss gerade eine schwere Enttäuschung verkraften.«

Er fragte nicht, was sie damit meinte. Erst bei ihrem ersten Date erfuhr er von der Fahnenflucht von Julies Vater, dass Bee als Therapeutin bei einem städtischen Psychiatriezentrum arbeitete und vor welchen Herausforderungen man als Alleinerziehende stand. Daraufhin hatte auch er ihr sein ganzes Leben erzählt, mit ungewöhnlicher Offenheit und Leichtigkeit.

Doch an diesem ersten Abend bei der Hochzeit, als die Band ohne Pause einen Schlager nach dem anderen spielte und sie tanzten und tanzten, hatten sie nichts mehr geredet. Bee lag überraschend leicht in Edwards Armen. Ihr Gesicht glühte, und ihre Haare rochen feucht und erdig süßlich, wie Geranien, dachte er, oder als sei sie gerade frisch aus einem Regenguss gekommen. So hatte alles angefangen, ohne dass sich ein Ende abgezeichnet hätte: ein liebesbedürftiges junges Mädchen, ein flegelhafter Junge und eine Frau, deren üppige, sich wiegende Hüften Edward bald im Bett zärtlich empfangen würden.

Ihre eigene Hochzeit, sieben Monate nach ihrem Kennenlernen, fiel relativ klein und bescheiden aus und fand im Garten von Bees engsten Freunden, den Morgansterns, unter einem Baldachin von Glyzinien statt. Edward hatte sein Junggesellenapartment in Manhattan bereits aufgegeben und war in Bees Haus im Tudorstil in der Larkspur Lane in Englewood eingezogen. Quasi über Nacht war aus ihm ein Ehemann, Stiefvater, Vorstadtbewohner, Hypothekenzinszahler, Vogelbeobachter und Pendler geworden. Er war in seinem ganzen Leben noch nie so glücklich gewesen.

Der Überbringer
der Nachricht

Bee hatte das Thema Trauerbewältigungsgruppe angesprochen, lange bevor sie sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst geworden waren, damals, als sie noch Dinge sagten wie »Sollte mir jemals etwas zustoßen …«, eher noch als »Falls ich zuerst sterben sollte …« In einem Witz, der damals die Runde machte, sagt eine Frau zu ihrem Mann: »Falls einem von uns beiden etwas zustoßen sollte, werde ich nach Florida ziehen.«

Dann, eines Nachts im Bett, sagte Bee aus heiterem Himmel zu Edward, sie glaube nicht, dass er richtig um sie trauern können würde. Er spielte den Beleidigten und sagte: »Wie bitte? Ich würde mir die Augen ausweinen.«

»Kann ja sein«, räumte sie ein. »Bei kitschigen Filmen habe ich das ja schon erlebt. Aber du bist so reserviert, dass du warten würdest, bis du ganz allein bist, damit dich ja keiner trösten kann. Nicht nur du, alle Männer sind so. Ihr tragt die Genitalien außen und die Gefühle innen – genau umgekehrt wie wir Frauen.«

»Vive la différence«, sagte er und nahm sie in die Arme.

Doch sie entzog sich ihm. »Du müsstest wahrscheinlich in eine dieser Trauerbewältigungsgruppen gehen.«

»Ich hasse Gruppen«, sagte er. »Außer den Beatles und den Supremes.«

»Edward, bleib bitte ernst«, sagte sie.

Wie war sie nur auf dieses Thema gekommen? Vielleicht weil sie einen helfenden Beruf hatte und seit Jahren in der Klinik mit Problemfamilien arbeitete. Sie dagegen hatten keine Probleme! Bis eben waren ihre warmen Beine noch zärtlich mit seinen verschlungen gewesen, als sie beide gelesen hatten, Bücher, die nun vor dem Bett auf dem Boden lagen und bis zum kommenden Abend auf sie warten würden. Davor hatten sie noch extrem gut zu Abend gegessen, mit einem köstlichen Cabernet, und da beide Kinder bei Freunden schliefen, hatten sie sich vor dem Abräumen des Tisches sogar noch im Wohnzimmer geliebt. Er wollte nicht, dass dieser unerfreuliche Stimmungsumschwung diesen Abend verdarb.

»Weißt du was?«, sagte er. »Ich sterbe zuerst – Alter vor Schönheit und so weiter. Dann kannst du trauern, so viel und so lange du willst.« Er war kurz vor dem Einschlafen gewesen, als Bee dieses dumme Thema angesprochen hatte, und das beendete er nun, indem er seine Nachttischlampe ausmachte und ihr einen Gutenachtkuss gab. Doch er hatte danach noch lange im Dunkeln wachgelegen.

 

Es ging ihnen gut, geradezu unverschämt gut, und ihren Freunden ebenfalls. Die Jahre vergingen, und etliche ihrer Eltern, darunter auch die Väter von Edward und Bee, erlagen Krankheiten und dem Alter, während sie selbst unzerstörbar blieben. Dann kam ein lange verheiratetes Paar aus ihrem Freundeskreis bei einem Autounfall ums Leben. Sie waren die Ersten, die gingen, als hätten sie den Tod genauso erfunden wie einst die Liebe.

Der Bann war gebrochen. Kein Jahr später starben zwei weitere Freunde, kurz hintereinander. Herz! Krebs! Als sie nach der zweiten Beerdigung nach Hause fuhren, sagte Bee: »Unser Kreis schrumpft zusehends. Bald werden wir nur noch ein Halbkreis sein.«

»Und dann ein Komma«, fügte Edward hinzu. Sie lächelten einander an, etwas schuldbewusst wegen dieses Anflugs von Ausgelassenheit.

Doch diese ersten Todesfälle kamen ihnen wie tragische Ausrutscher vor, weniger wie der natürliche Lauf der Dinge. Bee und Edward standen beide noch im Arbeitsleben; sie war siebenundfünfzig, er zweiundsechzig. Ihr Sexualleben war intensiver, als irgendjemand, einschließlich ihrer selbst, sich jemals vorgestellt hätte. Und Bees Mutter war noch am Leben und geistig voll da, was Bee ihren Status als Kind sicherte. Bee und Edward fühlten sich erst am späten Nachmittag ihres Lebens, und obwohl sie natürlich um ihre Freunde trauerten, konnten sie deren Schicksal wegstecken.

Kurze Zeit später jedoch, als Bee ihre Diagnose und die Prognose erfuhr, in abgehackten, grausamen Worten, die klangen, als würde jemand aus dem »Merck Manual« laut vorlesen – Pankreas. Metastasen. Stadium IV, nur noch Monate –, hatten sie und Edward sich erst einmal geweigert, es zu glauben, bis sie eine zweite Meinung eingeholt hatten, die jedoch absolut gleich lautete. Danach lagen sie miteinander in der bedrohlichen Dunkelheit. Sie murmelte: »Mein Gott«, dann: »Wow, es klingt, als sei es gar nicht real, nicht wahr?« Und Edward hatte sie im Arm gehalten und gesagt: »Nein, nein, natürlich nicht.«

Dabei hatte es sich für ihn schockierend real angefühlt. Er sah die wilde Teilung ihrer Zellen bildlich vor sich, wie durch die Linse seines Mikroskops. Sie lag hier, in seinen Armen, in ihrem Bett, und er konnte ihr Fehlen bereits in jedem Zimmer ihres Hauses spüren. Mit Entsetzen erinnerte er sich daran, wie Nick in der Highschool Hamlet gelesen und beim Abendessen deklamiert hatte: »To be Bee or not to be Bee«, und wie sie alle schallend gelacht hatten. Julie, die arme Julie, hatte sich an ihrer Milch verschluckt und musste vom Tisch wegrennen. Wie um alles in der Welt sollten sie es ihr beibringen?

Das musste Edward schließlich übernehmen, weil Bee es nicht schaffte. »Ich kann es nicht. Bitte. Nicht jetzt schon«, hatte sie gesagt, als hätte sie noch alle Zeit der Welt. Deshalb rief er Julie an, die mit einem anderen Mädchen in einem Apartment in seiner alten Nachbarschaft in der City wohnte, und bat sie, am Abend zu Nick und Amanda zu kommen, die nur wenige Meilen von seinem und Bees Haus entfernt wohnten. Am Telefon sagte er nur, er müsse ihnen etwas sagen. »Was? Was ist passiert?«, fragte Nick. »Was ist passiert?«, hatte Amanda am anderen Anschluss erschrocken wiederholt. Es kam oft vor, dass die beiden gleichzeitig mit Edward und Bee telefonierten.

»Wartet bitte, bis ich bei euch bin, okay?«, sagte Edward und merkte, dass er abzumildern versuchte, was er ihnen sagen musste. Doch es half nichts – seine Stimme klang flach und düster.

Julie winselte: »Ihr trennt euch doch nicht, oder?« Sie war fünf gewesen, als ihr Vater ausgezogen war, und sie hatte es am härtesten getroffen, wie Bee meinte. »Nein, niemals«, sagte Edward, und Julies erleichterter Seufzer brach ihm fast das Herz. Immerhin blieb es ihm erspart, versuchte er sich zu trösten, es dem Kind sagen zu müssen, das Bee und er sich gewünscht, aber nicht bekommen hatten.

Alle weinten an diesem Abend, Edward nicht. Er fühlte sich wie einer dieser Soldaten, die Familien schlimme Nachrichten überbringen müssen und nur die Aufgabe haben, die Betroffenen zu informieren und zu trösten, selbst aber nicht zusammenbrechen dürfen. Bee hatte sich getäuscht, als sie sagte, er würde eine Trauerbewältigungsgruppe brauchen; wenn er das hier schaffte, schaffte er auch alles andere. Irgendwann würde er es auch Gladys sagen können, obwohl er sich insgeheim wünschte, sie würde davor friedlich entschlafen oder »gaga werden«, was sie seit einiger Zeit androhte.

Der schlimmste Moment war, als Julie »Mom, Mom« winselte, so kläglich wie ein kleines Lamm, das von seiner Herde getrennt wurde. Vielleicht war es aber auch der Moment, als Nick ihn voller Verzweiflung mit hoffnungsvollen Fragen über alternative Behandlungsformen oder neue Versuchsreihen gelöchert hatte. Nachts, wenn Bee endlich schlief, hatte Edward medizinische Websites abgegrast, auf der Suche nach Wundern, obwohl er wusste, dass es sinnlos war. Geweint hatte er nur, wenn er ganz allein war, genau wie Bee vorausgesagt hatte, in seinem Labor im Souterrain, oder wenn er unter der Dusche stand, wo er früher zum pulsierenden Takt des Wasserstrahls seine Lieblingssongs geschmettert hatte.

Als er nach dem Gespräch mit den Kindern nach Hause fuhr, hatte er bei geschlossenen Fenstern auf das Lenkrad eingetrommelt und geheult und geschrien. Doch er schaffte es, sich wieder zusammenzureißen, bevor er zu Bee ging, die unter der Haustür auf ihn wartete, zusammen mit Bingo, der wie ein Wächter neben ihr stand.

Vielleicht war aber Amandas dumpfes Schweigen das Schlimmste gewesen, wie er später dachte, und die Art, wie sie sich an Nicks Hand geklammert hatte, als wollte sie ihn nicht mehr loslassen, nie mehr.

Lektionen im
Umgang mit dem Tod

Bingo war schon fast fünfzehn, als Bee krank wurde. Er war der Letzte einer langen Reihe von Haustieren, die sie sich der Kinder wegen im Laufe der Jahre zugelegt hatten. Dem lächerlichen Klischee entsprechend hatten Nick und Julie versprochen – nein, geschworen –, sich abwechselnd um Goldfische, Schildkröten, einen Hamster, eine Eidechse und zwei Kätzchen zu kümmern. Bee dachte, es würde Nicks Verantwortungsbewusstsein und Julies Selbstbewusstsein guttun, wenn sie auf ihre Bitten eingingen und sie ihre Versprechen hielten. Edward hatte gern Tiere um sich, obwohl er sie eher für erste Lektionen im Umgang mit dem Tod hielt. Die meisten Haustiere hatten eine wesentlich kürzere Lebensspanne als Menschen, und dazu kamen auch noch Unfälle.

Er hatte als Junge selbst einen Hund gehabt, einen deutschen Schäferhundmischling namens Schultz, benannt nach dem Nachbarn, der ihm das Hundebaby aus seinem Wurf geschenkt hatte. Schäferhund Schultz wurde von einem Auto angefahren und tödlich verletzt, weil Edwards Vater ihn von der anderen Straßenseite aus zu sich gepfiffen hatte, und die ganze Familie hatte schwer unter diesem Verlust gelitten. Bud Schuyler, ein talentierter Pfeifer, der besonders gut Vogelstimmen nachahmen konnte, sollte nach diesem Vorfall nie wieder pfeifen. Und Edward, der an diesem Abend mit dem Hund hätte Gassi gehen sollen, statt sich mit seinen Kumpels herumzutreiben – er und seine Schwester Catherine hatten ebenfalls hoch und heilig versprochen, sich um Schultz zu kümmern –, teilte das schlechte Gewissen seines Vaters. Manchmal fragte er sich, ob sein Interesse für Ornithologie genau damals geweckt worden war, mit dem Wunder der Vogelstimmenimitation und dem abrupten Ende.

Auch die Haustiere von Nick und Julie starben oder verschwanden auf geheimnisvolle Weise nacheinander – der Hamster und die Eidechse. Edward erinnerte sich noch gut daran, wie Julie, die im Schwimmkurs im Feriencamp bei den »Elritzen« war, eines Morgens in ihrem Badeanzug in die Küche kam und verkündete, dass Goldy Seitenschwimmen übte. Sie hatte den Fisch behutsam mit einem Bleistift angestupst, um ihn wieder in die richtige Lage zu bringen. »Tut etwas!«, hatte sie Bee und Edward befohlen, als ihr dämmerte, was das bedeutete, und sie hatte an diesem Tag so viele Tränen geweint, dass sie damit das nunmehr leere Fischglas hätte füllen können. Das war die erste Lektion gewesen.

Bingo hatten sie adoptiert, als Julie mit zwölf eine größere soziale Krise hatte. Ihre beste Freundin war die beste Freundin eines anderen Mädchens geworden. Julie war felsenfest davon überzeugt, dass niemand sie mochte; sie brauchte einen Hund. Nick besuchte damals schon die letzte Klasse der Highschool und bewegte sich im Geiste und mit seinen Plänen bereits von zu Hause weg, doch in einem Anflug von seltener Solidarität hatte er Julie unterstützt. Hunde wären cool. Sie machten Spaß, wären intelligent und die idealen Beschützer. Und selbstverständlich würde er mithelfen, wann immer er konnte – und er kenne ein paar tolle Tricks, die er dem Hund beibringen würde.

Die ganze Familie ging gemeinsam ins Tierheim, doch es war Julie, die sich unter all den frenetisch kläffenden, herumhüpfenden und schwanzwedelnden Hunden in den Käfigen einen aussuchen durfte. Es würde ihr Hund sein, und nur in zweiter Linie der von Nick. Bee versuchte, sie diskret zu beeinflussen, indem sie Dinge wie Größe, Hundehaare und Einbruchdiebstähle erwähnte. Es gab einen zweijährigen, reinrassigen Zwergpudel, ein ruhiges und hübsches kleines, aprikotfarbenes Hündchen, das sie Julie schmackhaft machen wollte. »Sieh nur, Schätzchen. Ich glaube, er hat dich ausgesucht.« Später gab sie zu, wie schamlos sie Julies Wahl hatte steuern wollen, doch es hatte ohnehin nichts genützt. Julie hatte sich auf den ersten Blick in einen noch jungen, aber großen Mischlingshund verliebt, der sich und sie vor Freude anpinkelte, als sie ihn hochhob. In ihm steckte ein Teil Beagle, wie Edward aus den Augen und den Schlappohren schloss, und ein Teil Collie, was man an dem trotz der Mauser dichten Fell sah. Woher der kurze, flauschige Schwanz kam, wusste der Himmel.

Julie durfte auch den Namen des Hundes aussuchen, und sie ließ sich nicht von Bingo abbringen. Was wäre gegen Fido, Buster oder vielleicht auch Spot einzuwenden? Bee befürchtete, dass sie, wenn der Hund wegliefe – was Beagles gern tun – und sie ihn suchen müsste, wie eine verrückte alte Jungfer mit ihrer Bingo-Siegerkarte durch die Gegend rennen und zum Gespött der ganzen Nachbarschaft werden würde.

B-i-n-g-o! B-i-n-g-o! Dieser Singsang ging ihr und Edward unerbittlich durch Mark und Bein, ebenso wie das Jaulen des Welpen, der in den ersten Nächten im neuen Heim vor Einsamkeit nicht schlafen konnte. Sie griffen zu sämtlichen altbewährten Tricks und versuchten, ihm mit einer warmen Decke in einem Karton vorzugaukeln, er läge an seine Mutter gekuschelt; oder ihm mit einer laut tickenden Uhr den mütterlichen Herzschlag vorzutäuschen; sie versuchten es auch mit einem angewärmten Backstein, in ein Handtuch gewickelt, und einem Lassie-Plüschhund aus Nicks Kindertagen, den Bingo in seiner Verzweiflung jedoch sogleich zerfetzte.

Aber schließlich lebte er sich bei ihnen ein. Nachdem sich der Reiz des Neuen, ihn zu füttern und mit ihm Gassi zu gehen, gelegt hatte – Julie empfand sowohl Hundefutter aus der Dose als auch das Einsammeln von Hundehäufchen als Zumutung, und Nick war inzwischen an der Technischen Hochschule –, blieb alles an Bee und Edward hängen. Die Klinik, in der Bee arbeitete, war nur fünf Autominuten von ihrem Haus entfernt, und deshalb konnte sie in der Mittagspause immer nach Hause kommen, um Bingo auszuführen. Edward übernahm das abendliche Gassigehen. Als dann auch Julie auszog, um an der Fairleigh Dickinson zu studieren, sagte Bee, sie sei froh, dass Bingo nie aufs College gehen und ihr Nest somit nie ganz leer sein würde.

Als sie im Sterben lag, wich der Hund kaum noch von ihrer Seite. Edward lehnte es ab, Tiere zu vermenschlichen. Manche lernen, mit uns zu leben, legen die angeborenen Instinkte ihrer Spezies jedoch nie ganz ab. Herrenlose Hunde neigen dazu, Artgenossen zu suchen und sich in wolfsähnlichen Rudeln zusammenzutun, und selbst gut genährte Hauskatzen gehen auf Vogelfang, wenn man sie in den Garten lässt. Er hatte es Julie damals ausgeredet, ihrem neuen Welpen Bänder ins Fell zu flechten oder seine Krallen zu lackieren. Es tat ihrem Selbstbewusstsein gut, wenn sie sein seidenes Ohr hochhob und hineinflüsterte: »Wen mag Bingo am liebsten?« Auf ihre vertraute Stimme reagierte er am stärksten, und er hätte sich vermutlich auch vor Lust gewälzt, wenn Julie ihm die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vorgelesen hätte.

Berichte über Hunde, die genau in dem Moment aufjaulten, wenn ihr Herrchen oder Frauchen starb, hielt Edward bestenfalls für Anekdoten. Doch an der Vorstellung, dass sie spürten, wie es einem Menschen ging, und auf dessen Stimmungen reagierten, war vermutlich etwas dran. Über dem ganzen Haus lag eine angespannte Atmosphäre von Angst und Trauer, die sich im Krankenzimmer – Bees und Edwards Schlafzimmer – verdichtete, wo neben dem normalen Ehebett ein Krankenhausbett aufgestellt worden war. Und dort hielt Bingo sich fast die ganze Zeit auf. Die Hospizschwestern hatten nichts dagegen, dass er ihnen ständig zwischen den Füßen herumlief; sie empfanden seine Anwesenheit offenbar als absolut normal. Sie streichelten ihn oft, wenn sie an ihm vorbeigingen, obwohl es bedeutete, dass sie sich dauernd die Hände waschen mussten.

Auch Nick tätschelte Bingo oft geistesabwesend oder als würde es Glück bringen, und Julie vergrub noch immer das Gesicht in seinem Fell, wie früher, als er noch ein Welpe und ihr persönlicher Tröster und Vertrauter gewesen war. Und Edward konnte bei den abendlichen Spaziergängen heimlich weinen, während Bingo an jedem Strauch und jedem Grasstück schnüffelte, um den perfekten Ort zum Pinkeln zu finden oder um sein Geschäft zu verrichten. Eine Zeitlang war immer jemand da, um mit Bingo Gassi zu gehen, was zumindest tagsüber nicht mehr der Fall sein würde, wenn im Herbst das neue Schuljahr anfing und Edward wieder unterrichtete. Und auch für den Rest der Familie würde wieder der Alltag Einzug halten. Deshalb schlug Edward vor, dass eines der Kinder Bingo bei sich aufnehmen sollte.

Doch in Julies Fall ging das nicht, weil bei ihr in der City laut Mietvertrag keine Hunde erlaubt waren, und außerdem war ihre Mitbewohnerin auf Hundehaare allergisch. Warum nahm Nick ihn nicht zu sich? Bingo war schließlich auch sein Hund! Obwohl Nick, wie Bee früher, unweit seines Hauses arbeitete, das zudem einen eingezäunten Garten hatte, war ihm und Amanda nicht danach, die Verantwortung für ein Haustier zu übernehmen. Ihre junge Ehe und ihre Jobs kosteten sie all ihre Zeit und Energie, und außerdem war Bingo ja immer Julies Hund gewesen. Wie ging dieser doofe Witz nochmal? Dass das Leben nicht mit der Zeugung oder der Geburt beginnt, sondern dann, wenn die Kinder ausziehen und der Hund stirbt.

Bingo war grau geworden, hatte Arthritis und hörte schlecht. Sein Sehvermögen war wegen grauem Star stark eingeschränkt, und wenn er sein Bein hob, verlor er manchmal das Gleichgewicht. Für einen Hund seiner Größe war er schon erstaunlich alt, aber noch weit davon entfernt, so hinfällig zu sein, dass er für jemanden als Lektion im Umgang mit dem Sterben dienen konnte. Im Juni, einen Monat vor Bees Tod, entdeckte Edward im örtlichen Pennysaver eine Anzeige, in der jemand Gelegenheitsjobs aller Art wie Unkrautjäten, Babysitten, Hundeausführen anbot, und das alles zu einem vernünftigen Stundenlohn. Edward schnitt die Anzeige aus und legte sie in die Verrückte Schublade.

Mitte August nahm er sie wieder heraus und rief die angegebene Nummer an. Eine Frau nahm ab und sagte, sie käme am Nachmittag gern vorbei, um sich vorzustellen. Ihr Name war Mildred Sykes, sie war sicher schon über fünfzig, klein und fast quadratisch, wie eine grob geschnitzte Holzfigur. Bingo schloss sie augenblicklich ins Herz. Nicht, dass er sehr wählerisch gewesen wäre, doch er akzeptierte Mildred so schnell, als hätte sie unter ihrer Kleidung ein paar Würstchen versteckt.

Ihr Stundenlohn war tatsächlich so moderat, wie es in der Annonce gestanden hatte; sie wohnte nicht weit weg, in einer der neuen Sozialbauwohnungen; und sie hatte auch über Mittag Zeit, wenn Bee immer von der Klinik gekommen und Bingo ausgeführt hatte. Ein alter Kerl wie er könne vermutlich auch einen Vormittagsspaziergang brauchen, meinte Mildred. Edward stellte sie spontan ein und wollte nicht einmal die mitgebrachten Referenzen sehen. Er wolle noch ein Set Hausschlüssel nachmachen lassen, und sie solle dann Anfang September nach dem Labor Day anfangen. Früher, unter anderen Umständen, wäre er vielleicht vorsichtiger gewesen, aber im Moment hatte er das Gefühl, dass er nichts zu verlieren hatte.

Sie fragte, ob Edward vielleicht noch andere Arbeiten für sie hätte. Sie könne leichtere Hausarbeiten erledigen oder für ihn kochen, falls gewünscht, oder ihm im Garten helfen. Doch Bee und er hatten seit Jahren einen zuverlässigen Reinigungsservice, Essen war für Edward Nebensache geworden, und das Zurückschneiden der Bäume und das Rasenmähen brauchte er, um sich irgendwie zu beschäftigen, damit er etwas zu tun hatte an diesen endlosen Sommerabenden, außer Trübsal blasen und seinem neuen Hobby, dem Bügeln. Und die Gartenarbeit würde ihm auch im neuen Schuljahr über die langen Wochenenden helfen.

»Falls Sie es möchten, kann ich Ihnen die Karten lesen«, sagte sie. »Oder wollen Sie lieber eine numerologische Beratung?«

»Wie bitte?«, fragte er.

»Ich bin im Hauptberuf Parapsychologin«, sagte sie. »Sie wissen schon, Tarot, Numerologie, Auralesen und so weiter. Die anderen Jobs mache ich nur zum Zeitvertreib.«

»Verstehe«, sagte Edward unangenehm berührt. »Ähm, danke, aber fürs Erste brauche ich nur jemanden für den Hund.« Warum hatte er »fürs Erste« gesagt? Er hatte sogenannte Parapsychologen immer für Blender gehalten, Schwindler oder Verrückte. Und welcher normale Mensch würde schon wissen wollen, was ihm die Zukunft brachte?

»Gut«, sagte Mildred und nahm die Hundeleine vom Türknauf des Besenschranks. »Dann würde ich vorschlagen, dass Bingo mir jetzt ein paar seiner Lieblingsbäume zeigt.«

Ein überzähliger Mann

Obwohl Edward nicht die geringste Lust hatte, zum Abendessen der Morgansterns zu gehen – oder sonst wohin seit Bees Tod –, kam er als Erster vor ihrem Haus an. Der Event, beziehungsweise Nicht-Event, wie Sybil ihm versichert hatte – »nur das Übliche, ein paar Freunde, die zusammen essen, ganz zwanglos« –, sollte um sieben Uhr beginnen, und es war fast schon Viertel nach, doch in der Einfahrt oder am Straßenrand standen keine Autos. Die Räume zur Straße waren hell erleuchtet, die Vorhänge zurückgezogen.

Auch die Verandalichter brannten; elektrische Lämpchen führten von der Gartentür den mit Laub übersäten Gartenweg entlang. Rauchgeruch lag in der Luft, und Edward, dessen Honda noch in der Kurve stand, sah Sybil und Henry zwischen Wohn- und Esszimmer geschäftig hin und her eilen. Sie marschierten aneinander vorbei wie die kleinen Holzfigürchen der Schweizer Uhr, die auf ihrem Kaminsims stand.

Henrys Praxisschild schwankte und knarrte im Wind. Seine Arztpraxis, mit eigenem Eingang und Klebe-Schablonen von Menoras und Weihnachtsbäumen an den Fenstern, befand sich seitlich am Haus. Hierher war Bee mit Julie und Nick öfters gekommen, für die Kontrolluntersuchungen und bei allen möglichen Kinderkrankheiten, bis sie der Middle School und somit auch Henrys Kinderarztpraxis entwachsen waren. Sybil, effizient, wie sie war, fungierte als seine Sprechstundenhilfe und erledigte auch den ganzen Papierkram.

Edward fuhr um die Ecke und parkte genau zwischen zwei Straßenlaternen. In der relativ dunklen Sicherheit seines Autos überlegte er sich, ob er nicht besser wieder nach Hause fahren, sich ein Sandwich machen und mit Bingo noch einmal um den Block gehen sollte. Er kam sich vor wie ein Wilder, der gleich die zivilisierte Welt betreten würde, oder wie jemand, der an einer Art Verhaltensamnesie litt. Vielleicht hatte er ja vergessen, wie man sich in Gesellschaft benahm oder wie man mit Messer und Gabel aß. Vielleicht würde er sich mit beiden Fäusten auf den Brustkorb trommeln und brüllen, statt den Männern die Hand zu schütteln und sich von den Damen auf die Wange küssen zu lassen.

Seine Hände, die noch immer auf dem Lenkrad lagen, zitterten, und er spürte seinen eigenen Herzschlag, das Ticken des abkühlenden Motors. Er könnte auf dem Handy anrufen und sagen, er sei überraschend krank geworden, eine Magenverstimmung. Genau – irgendwo zwischen Bauch und Brustraum verspürte er tatsächlich einen leichten Krampf. Es war ein Gefühl, das er von früher kannte, in den ersten Tagen an einer neuen Schule oder in einem neuen Job. Er nahm sein Handy aus der Tasche.

Doch dann wählte er seine eigene Nummer und hörte Bee sagen: »Edward und Bee sind im Moment nicht zu Hause. Bitte nennen Sie nach dem Piepton Ihren Namen und Ihre Nummer, dann ruft einer von uns zurück.«

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