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Charlotte und die Geister von Darkling

Über den Autor

Michael Boccacino wurde in New York geboren und wuchs in Florida auf. Er hat einen Abschluss in Kreativem Schreiben. Seine Gedichte wurden bereits in der St. Petersburg Times veröffentlicht. Charlotte und die Geister von Darkling ist sein Debütroman. Boccacino lebt zurzeit in New York. Für weitere Informationen besuchen Sie den Autor auf: www.michaelboccacino.com

MICHAEL BOCCACINO

Charlotte
und die Geister
von

Darkling

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Hubert Straßl

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BASTEI ENTERTAINMENT

ERSTER TEIL

Die andere Seite

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ERSTES KAPITEL

Die Zerstückelung der Nanny Prum

Jede Nacht träumte ich von den Toten. Träume erlauben uns, jenen wieder zu begegnen, die man verloren hat. Sie drängen aus dem sterbenden Tag empor und gleiten auf Splittern der Erinnerung durch den dunklen Schleier des Schlafes. Sie erwecken für diesen, scheinbar ein ganzes Leben lang währenden Augenblick die Illusion, die Dahingegangenen seien noch lebendig und wohlauf und wären am Ende des Traumes wirklich da. Natürlich waren sie das nie, aber ich wünschte mir so sehr, meine Erinnerungen könnten der Alptraum sein, den ich fälschlich für die Wirklichkeit hielt. Mit jedem Erwachen wurde mir jedoch erneut voller Pein bewusst, dass die Toten tot blieben und ich wieder allein war.

In dieser Nacht wich die entspannende dunkle Leere einem schwach erhellten Ballsaal, der weder durch Wände noch eine Decke begrenzt schien. Es war ein vergessener Ort tief im Abgrund der Zeit. Kristallene Lüster hingen ohne Befestigung über dem Marmorboden und drohten, auf die Gäste herabzustürzen, die in vermodernden Kleidern wandelten, welche schon seit Jahrzehnten aus der Mode waren. Der Tanz begann mit einem langsamen, melodischen Walzer, der mich weiter forttrug in die Gefilde zwischen Schlaf und Wachsein. Ich wiegte mich im Rhythmus, bis mich jemand von hinten in seine Arme zog. Ich sah sein Gesicht nicht, doch ich wusste, wer es war. Mein verstorbener Ehemann Jonathan tanzte mit mir durch den Ballsaal, ohne je eine Wand zu erreichen, ohne je mit jemandem zusammenzustoßen, schneller und schneller, bis er sich tief über mich beugte. Meine Mutter und mein Vater tanzten neben uns, voller Leben, jünger als in meinen Erinnerungen. Dies war der Tanz der Toten.

Die Musik verstummte. Mein Mann verbeugte sich, bevor er in die Dunkelheit jenseits des Ballsaales zurückwich. Der Raum begann, sich mit Leuten zu füllen, die ich nicht kannte. Sie starrten mich an, doch ihre Gesichter waren nur Masken, die jeden Moment fallen würden. Meine Eltern verschwanden in der Menge. Ich versuchte sie zu finden, doch das Gedränge war zu dicht, und die Musik setzte wieder ein. Dieses Mal war sie unheimlich, grausam, eine zerbrochene Spieldose voller Kummer. Ein ganz in Schwarz gekleideter Mann erschien vor mir. Schatten verbargen seine Züge. Als er meine Hand nahm, wusste ich mit einer Bestimmtheit, wie sie nur Träume vermitteln können, dass er kein Fremder war, dass wir uns schon begegnet waren. Er hielt mich mit kalten Händen, und seine Lippen lächelten, auch wenn sie mir verborgen blieben. Die anderen Tänzer drehten sich um uns, bis sie verschwammen. Er zog mich dicht an seinen Körper in die nur ihn umgebende Dunkelheit, bis ich darin versank. Die Lüster verloren sich in der Ferne, als ich schreiend ins Leere fiel.

Ich erwachte mit der Erkenntnis, dass die Schreie nicht aus meinem Mund kamen. Eine Frau schrie in der Nacht. Zuerst war ich zutiefst entrüstet, denn wenn jemand schon die Gesellschaft eines anderen genießen durfte, sollte er wenigstens so viel Anstand besitzen, dem nächtlichen Vergnügen weniger öffentlich nachzukommen. Aber dann irritierten mich die Länge des Schreis und der Klang. Was immer dort vor sich ging, schien alles andere als angenehm zu sein. Wenn hier Vergnügen geplant war, hatten die beiden Beteiligten völlig versagt. Eine Urangst und Endgültigkeit schwangen in dem Schrei, und als er endete, folgte nichts mehr. Der Laut war von draußen durch mein Fenster hereingedrungen, und einen flüchtigen Moment lang wollte ich meinen Vater rufen, doch dann erinnerte ich mich daran, dass er tot war. Es tat so weh, ihn wieder zu verlieren. Aber das Gefühl schwand rasch, denn es war mir vertraut. Ich verspürte es am Ende eines jeden Traumes.

Ich schüttelte den Kopf und vermied es, diesen Gedanken nachzuhängen. Eine Frau war in Not, und es gab nicht viele hier auf dem Gut, die ich nicht zu meinen Freunden zählte. Ich schlüpfte aus den Decken und eilte zum Kleiderschrank, um meinen warmen Morgenmantel herauszuholen. Der Winter stand vor der Tür. Das Haus wurde jeden Abend kälter. Ich ließ mein Haar über eine Schulter fallen, wie es meine Mutter immer getan hatte, und dachte, wie sehr es dem ihren glich, so weich und mit bleichem goldenem Schimmer im Mondschein, wenn auch bar des vertrauten Dufts von Flieder und Jasmin. Ich betrachtete mich kurz im Spiegel. Alle Fotos meiner Mutter waren vor Jahren einem Feuer zum Opfer gefallen, doch wenn ich Trost oder Kraft brauchte, konnte ich manchmal Spuren von ihr in meinen eigenen Zügen finden. Ich war größer als sie, hatte aber dieselbe kurze, spitze Nase, die gleichen immer leicht geöffneten Lippen, als wollte ich etwas sagen (was auch oft der Fall war), und die haselnussbraunen Augen meines Vaters. Ich zog den Mantel über mein weißes Baumwollnachthemd, das Jonathan so gern gemocht hatte, und verließ mein Zimmer.

Everton war ein großes Landhaus. Einst sehr schön und elegant, befand es sich schon viele Jahre vor meiner Ankunft hier vor neun Monaten in einem immerhin noch angenehm wohnlichen Stadium des Verfalls. Die burgunderroten Teppiche im Flur waren abgetreten und ausgefranst an den Rändern. Die Gaslichter, die zu Kerzenflammen heruntergedreht waren und gerade genug Licht gaben, um tiefe schwarze Schatten an die Wände zu werfen, wiesen Sprünge auf. Das Blumenmuster der Tapeten hatte Risse an Blüten und Stängeln und löste sich da und dort von den Wänden. Das lag jedoch nicht an mangelndem Bemühen. Mrs. Norman, die Haushälterin, schien täglich neues Personal einzustellen, um dem Haus wieder zu seinem alten Glanz zu verhelfen, aber all ihr Streben war vergeblich. Der Verfall schien sich nicht aufhalten zu lassen. Letzte Woche behauptete die Köchin, in der Küche Mäuse gesehen zu haben. Die anderen Bediensteten hatten hinter vorgehaltener Hand davon geredet, dass mit dem Tod der Herrin im letzten Jahr auch der Geist des Hauses dahingegangen war; wenn man denn an derlei Dinge glauben wollte.

Mich für meinen Teil störten diese Mängel nicht. Sie verliehen dem Haus eine gewachsene Wärme und Vertrautheit, wie sie mit dem Altern einhergeht, wie Fältchen um den Mund, die vom vielen Lachen herrühren, oder fadenscheinige Stellen an der Lieblingsdecke, die durch die häufige Benutzung gelitten hat. Das Haus war weitaus freundlicher als die kalten, abweisenden Herrenhäuser in den größeren Städten. Wie ein alternder Mensch war auch Everton vom Leben gezeichnet. Das Haus besaß Charakter, und ich hing diesem Gedanken nach, während ich durch den dunklen Gang zum Kinderzimmer tappte.

Vom Zimmer der Kinder führte eine Tür direkt zu dem des Kinderfräuleins, aber als ihre Gouvernante fühlte ich mich für ihr Wohlbefinden verantwortlich. Nanny Prum pflegte zu trinken, nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht hatte. Als Betrunkene war sie unzurechnungsfähig, stolperte über Teppiche und sprach in einer hohen, schrillen Stimme, die nichts mit ihrem sonst tiefen Bariton gemein hatte, mit den Insassen des Vogelkäfigs, als wären sie geladene Gäste. Ihre Neigung sorgte zudem dafür, dass sie sehr fest schlief. Ein einzelner Schrei in der Nacht würde sie kaum wecken, mochte aber dem jüngeren der beiden Buben Alpträume bescheren. Dann müsste ich ihn den Rest der Nacht in den Armen wiegen, bis er sich wieder beruhigt hatte.

Die Tür ging auf, bevor ich sie erreichte. Ein kleiner Blondschopf tauchte aus der Dunkelheit auf und blickte mir mit weit offenen grünen Augen entgegen.

»Charlotte?«

»Geh wieder schlafen, James.« Ich nahm ihn sanft an der Hand und führte ihn ins Zimmer zurück, ungeachtet seiner unwillig vorgeschobenen Unterlippe.

»Aber ich hörte etwas, und Nanny ist nicht in ihrem Zimmer, und ich fürchte mich«, sagte er in einem Atemzug. Ich setzte ihn auf sein Bett und strich ihm das Haar aus dem Gesicht. Sein älterer Bruder Paul knurrte protestierend unter einem Berg von Decken auf der anderen Seite des Zimmers. Er war offenbar ebenso entschlossen, sich nicht von den nächtlichen Ereignissen stören zu lassen, wie sein fünfjähriger Bruder erpicht darauf war, seine Neugier zu befriedigen. James hatte Nanny Prums Tür halb offen gelassen.

»Bist du sicher, dass sie nicht da ist?«, fragte ich ihn leise, fast flüsternd. Der kleine Junge nickte langsam und mit großen Augen und voller Eifer, den Erwachsenen bei aufregenden Ereignissen zur Hand zu gehen, von denen schlafende Kinder gewöhnlich nichts mitbekommen. Ich hob ihn hoch, dass er auf meiner Hüfte sitzen konnte, und betrat das Zimmer des Kinderfräuleins.

Das Bett war verlassen, und ich begann, mir Sorgen zu machen. Nanny Prum würde die Kinder niemals unbeaufsichtigt lassen, und sie war auch nicht jemand, der nachts im Anwesen herumwanderte, auch nicht in betrunkenem Zustand. Sie war eine Frau von beträchtlicher körperlicher Präsenz, und es gab kaum jemanden im Dorf, dem ihre imposante Leibesfülle nicht Respekt eingeflößt hätte.

Ich brachte James wieder zu Bett und streichelte seine Stirn, bis er wieder einschlief. Paul weckte nichts aus seinem Schlummer. Ich setzte mich in Nannys Schaukelstuhl, kuschelte mich in eine Decke wie eine alte Jungfer, und so fühlte mich auch – voll mütterlicher Hinwendung zu den Kindern und Besorgnis über die Abwesenheit meiner Freundin und Vertrauten. Noch vor drei Jahren hätte ich neben meinem Mann im Bett gelegen und wäre die Herrin meines eigenen Anwesens gewesen. Welch seltsame Veränderungen man doch im Lauf der Zeit durchmacht. Vielleicht sollte man nicht zurückblicken, doch manchmal kann man der Versuchung nicht widerstehen. Mein Schlaf währte nur kurz. Die Geister der Vergangenheit begannen gerade, aus meinem Unterbewusstsein emporzutauchen, als eine der Hausangestellten die Tür zum Kinderzimmer öffnete.

»Mrs. Markham?«, flüsterte sie überrascht. Ich bedeutete ihr, leise zu sein, und ging rasch zur Tür, um die Kinder nicht zu wecken. Sie schien große Angst zu haben. Ich ergriff ihre Hände. Sie zitterte.

»Was ist denn los, Ellen?« Die Dienstmagd schloss die Augen und packte das Silberkreuz an ihrer Brust mit schwieligen Fingern. Sie war eine kräftige, rundliche Frau, die nie unaufgefordert sprach und sich kaum von etwas einschüchtern ließ. Jetzt aber ließ sie jegliche Etikette vermissen, als sie nach meiner Hand griff und sie küsste. Ihre Lippen waren so rau wie ihre Hände.

»Oh, Gott sei Dank, Charlotte! Als ich Ihr Zimmer leer vorfand, dachte ich schon, dass …« Sie brach ab und seufzte. »Sie werden in der Küche gebraucht.«

»Um diese Zeit?«

»Es ist alles so schrecklich, zu schrecklich, als dass die Kinder etwas davon mitbekommen sollten. Ich passe auf sie auf, während Sie weg sind.«

Sie tätschelte meine Hand, wollte aber nicht mehr sagen, so überließ ich die Kinder ihrer Obhut und machte mich auf den Weg. Es war noch immer dunkel im Haus, doch jetzt vernahm ich Stimmen und die Schritte anderer Personen. In einem anderen Zimmer redete eine Frau – nicht Nanny Prum – hektisch und mit schriller Stimme. Ich schlich den Gang entlang, die breite Treppe hinunter und durch das Speisezimmer in die Küche. Dort hatte sich eine kleine Gruppe von Leuten um eine bleiche Gestalt versammelt, die auf dem kalten Steinboden lag. Es war Susannah Larken, Schneiderlehrling, Gemahlin des Wirtes der Schänke am Ort, und meine Freundin.

Ihr Kopf war in den breiten Schoß der Köchin, Mrs. Mulbus, gebettet, die am Boden kniete und das Gesicht des armen Mädchens streichelte, welches so stark gerötet war, dass es fast die Farbe ihres Haares aufwies. Mrs. Norman, die Haushälterin, und Fredericks, der Butler, standen besorgt bei ihnen.

Ich beugte mich hinab und ergriff ihre Hand. Der panische Blick schwand ein wenig aus ihren Augen. Ihr Atem wurde ruhiger.

»Oh, Charlotte, es war schrecklich!« Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie begann zu schluchzen. Mrs. Norman, eine strenge, herrschsüchtige Frau mit einer Hakennase und einem unruhigen, vogelähnlichen Wesen, fuhr fort, als meine Freundin innehielt.

»Es hat einen Mord gegeben«, sagte sie aufgeregt mit einem solch morbiden Eifer, dass ich die Haushälterin am liebsten für ihre abstoßende Gefühllosigkeit ins Gesicht geschlagen hätte. Aber ich blieb, was ich immer war: der Engel des Hauses, höflich, zurückhaltend, fürsorglich. Susannah setzte sich auf und berichtete weiter.

»Ich brachte Mr. Wallace von der Schänke nach Hause. Er hatte etwas zu viel getrunken, und Lionel war noch an der Theke beschäftigt. Es wäre sinnlos gewesen, Mrs. Wallace zu bitten, ihn abzuholen … Sie wissen ja, wie diese Frau ist …«

Ich nickte zustimmend. Mildred Wallace war das Klatschweib des Dorfes, die bei allen anderen das Unterste zuoberst kehrte, nur bei sich selbst nicht. Ihr Mann war seit vielen Jahren der treueste Gast der Schänke der Larkenbrüder »Der schiefe Stuhl«, aber sie wurde nicht müde, diesen Umstand zu ignorieren und jedem, der es hören wollte, zu erzählen, wie sehr ihr Edgar seine nächtlichen Spaziergänge im Dorf liebte. Susannah verzog ihren Mund zu einem spöttischen Grinsen.

»Sie würde keinen Finger für jemanden rühren, schon gar nicht für ihren eigenen Mann. Ich brachte ihn heim zu seinem Haus und ging dann auf dem Weg am Seeufer entlang zurück. Da hörte ich einen schrecklichen Schrei und sah die beiden am Waldrand hinter Everton. Eine Frau lag dort am Boden, und ein Mann stand über ihr. Er war ganz in Schwarz gekleidet.« Ich dachte an den Mann in meinem Traum. Mein Mund wurde trocken, und ich fröstelte so heftig, dass es fast schmerzte. Es konnte nur ein Zufall sein. Ich schob den Gedanken beiseite und bat sie fortzufahren.

»Lionel gab mir für alle Fälle den Knüppel mit.« Sie tastete nach dem hölzernen Stock an ihrer Seite, mit dem man vielleicht einen betrunkenen Angreifer abwehren konnte, aber wohl kaum jemanden mit Mord im Sinn. »Ich lief hin, um ihr zu helfen, aber ich konnte nichts mehr für sie tun …« Ihre Stimme versagte. Sie schloss die Augen, als wollte sie die Bilder verbannen, die sich ihr dargeboten hatten. Ich drückte beruhigend ihre Hand und presste sie gegen meine Wange.

»Wer war sie, Susannah?«

Sie holte tief Luft und öffnete die Augen.

»Es war Nanny Prum … vollkommen zerstückelt. Als wäre sie von innen heraus auseinandergerissen worden.«

Ich blickte hoch zu den anderen, aber sie wichen meinem Blick aus. Sie waren alle zutiefst entsetzt. Selbst Mrs. Normans unerfreuliches Interesse an der Sache schien verflogen zu sein. Ich selbst konnte mir einfach nicht vorstellen, dass etwas so Grauenvolles in einem stillen Dorf wie Blackfield und bei einem so großen und vornehmen Haus wie Everton geschehen konnte. Ich zweifelte nicht an Susannahs Worten, aber so wie ich mir nach dem Aufwachen aus meinen Alpträumen wünschte, dass sie wirklich und dass alle, die ich je liebte, noch am Leben wären, so hoffte ich jetzt, dass jemand sich geirrt hatte. Vielleicht hatte das Schattenspiel im Mondlicht das Geschehen absurder erscheinen lassen, als es in Wirklichkeit war.

»Die Polizei …«, wandte ich hilflos ein und fühlte mich elend, denn während ich redete, war mir klar, dass es kein Irrtum gewesen sein konnte. Susannah, die viele Jahre in einem Kleidergeschäft und in der Schänke gearbeitet hatte, besaß einen klaren Blick auch für die kleinsten Details. Etwas Unsagbares musste Nanny Prum im Wald widerfahren sein. Wer würde es den Kindern sagen? Fredericks meldete sich mit einer zitternden, nervösen Stimme, die sich dennoch kaum von seiner gewohnten unterschied: »Mr. Darrow und Roland sind bereits auf dem Weg dorthin.«

»Er hat mir das Leben gerettet …« Susannahs von Grauen erfüllter Blick begann sich wieder zu verschleiern. Ihre Fingernägel bohrten sich in meine Hand. »Als ich zu ihr lief, kam der Mann in Schwarz plötzlich auf mich zu. Er stank fürchterlich, wie der tiefste Höllenschlund. So stark war der Gestank, dass meine Kehle brannte … Ich bin fast ohnmächtig geworden, aber dann war Roland bei mir, und der Mann floh in den Wald. Er hat mir das Leben gerettet …« Sie begann wieder zu schluchzen, fing sich jedoch. »Jemand muss Lionel verständigen.«

»Natürlich.« Ich warf Fredericks einen Blick zu, und er machte sich sofort auf den Weg, Susannahs Mann zu holen, der vermutlich gerade seine Schänke schloss. Mrs. Mulbus machte Tee, während wir auf den Konstabler warteten. Der erwies sich nach seinem Eintreffen als keine große Hilfe.

»Kann nur ein wildes Tier gewesen sein«, sagte er, als er mit Roland, dem Gärtner des Anwesens, hereinstürmte, dessen vierschrötige Erscheinung über sein sanftes stilles Wesen hinwegtäuschte. Roland nickte mir zu, als er sich völlig erschöpft an die Wand lehnte, um sich, wie ich mir nur allzu gut vorstellen konnte, vom Schock des Erlebten zu erholen. Konstabler Brickner, ein korpulenter Mann mit einem Vogelgesicht unter dem lichter werdenden Haar und einem viel zu breiten Schnurrbart, war nicht beliebt. Um welches Verbrechen es sich auch handelte, er hatte rasch eine eigene, vorgefasste Meinung, von der er überzeugt war, und zu deren Gunsten er dazu neigte, Fakten und Zeugenaussagen zu vernachlässigen. Glücklicherweise neigte er jedoch auch dazu, sich der Meinung des jeweils Letzten, mit dem er redete, anzuschließen. Wenn also jemand seine eigene Ansicht zum Tragen bringen wollte, brauchte er nur zu versuchen, als Letzter mit ihm zu sprechen, bevor der Fall zum Abschluss kam.

Hinter ihm stand die Tür weit offen und enthüllte die vom Mondlicht zerrissene Dunkelheit des Waldrandes, bis Mr. Darrow, der Hausmeister, auftauchte und dem Konstabler ins Haus folgte. Sein Gesicht schimmerte bleich in der Düsternis, das Haar war vom Wind zerzaust und seine Wangen gerötet von der Kälte. Er sah mich direkt an, als er in die Küche trat. Dabei konnte ich in seinen Augen lesen, dass es wirklich so schlimm war, wie ich insgeheim gefürchtet hatte. Wir standen beide Nanny Prum näher als alle anderen, und einen Moment lang gab es nur uns beide in der Küche, miteinander verbunden durch den beginnenden Schmerz des Verlustes und die fast schon vertraute Gewissheit ihres Todes.

»Aber da war ein Mann. Ich habe ihn gesehen!« Susannah erholte sich zusehends. Sie saß am Küchentisch und aß Kekse, die ihr Mrs. Mulbus mit ihren fleischigen Fingern regelrecht in den Mund stopfte. Brickner zupfte an seinem Schnurrbart, während er sie beobachtete.

»Ich behaupte aber, dass kein Mann so etwas fertig bringt.« Er führte das nicht weiter aus, aber die Betonung der Worte genügte, um mir vorzustellen, was von meiner Freundin am Waldboden übrig geblieben war. Nanny Prum war selbst eine gestandene Frauensperson gewesen, und für das, was mit ihr geschehen war, hätte es außer der offensichtlichen Brutalität auch einer ebenso außerordentlichen Kraft bedurft.

»Vielleicht hat er die Leiche vor Ihnen entdeckt und rannte weg, um nicht für den Mörder gehalten zu werden.« Konstabler Brickner nahm sich zwei Kekse und dann einen weiteren und schlang sie hinab. Schließlich schob ihm Susannah den Teller hin, aber Mrs. Mulbus nahm ihn mit einem entrüsteten Blick wieder an sich, bevor er ihn leer essen konnte.

»Er kam auf mich zu, als ich zu ihr hin lief. Er wollte sich auf mich stürzen.« Susannahs Stimme wurde lauter, doch Brickner schüttelte mit selbstgefälliger Überzeugung den Kopf.

»Kein Mensch wäre zu so etwas fähig. Es muss ein Tier gewesen sein. Da bin ich mir ganz sicher.« Susannah fuhr von ihrem Sessel hoch, doch Lionel kam mit Fredericks gerade zur Tür herein, und statt auf den Konstabler loszugehen, wie es den Anschein gehabt hatte, sank sie in die Arme ihres Mannes. Sie war ein schluchzendes Nervenbündel, und er machte sich gleich mit ihr auf den Weg nach Hause. Mr. Darrow schloss sich Roland und Brickner zur Bergung der Überreste von Nanny Prum an, während Mrs. Norman und ich uns zurück auf unsere Zimmer begaben.

»Jemand wird es den Kindern sagen müssen«, meinte die Hausdame.

Mir war nicht klar, ob sie mich damit beauftragte, oder darum bat, es selbst machen zu dürfen, so nickte ich nur müde. Die kommenden Tage würden nicht angenehm sein. Die Kinder hatten in den letzten Jahren vom Tod schon zu viel miterlebt. Ihre Mutter, Mrs. Darrow, war im Jahr davor gestorben, und den Verlust einer weiteren Frau in ihrem Leben würden die gebrochenen Herzen der Buben nur schwer verkraften.

»Morgen«, sagte ich leise. Als ich Ellen von ihrer Aufsicht im Kinderzimmer entband, schliefen die beiden zu meiner Erleichterung tief und fest. Ich kehrte in mein Zimmer zurück und schlüpfte aus meinem Wintermorgenrock und unter die Bettdecke, wo sich die Wärme längst verflüchtigt hatte. Doch ich konnte nicht mehr einschlafen. Ich träumte selten zweimal von den gleichen Dingen, aber in dieser Nacht quälte mich die Furcht, ich würde mich in dem endlosen, geheimnisvollen Ballsaal wiederfinden, wenn ich die Augen schloss; dieses Mal begleitet von der imposanten Gestalt Nanny Prums, während wir inmitten all der fremden Personen tanzten und dem Mann in Schwarz tiefer und tiefer in die Dunkelheit folgten.

Ich stand auf und hielt an der Tür mit der Hand auf der Klinke beklommen inne. Ich wusste sehr gut, was geschehen würde, wenn ich mein Zimmer verließ und durch die düsteren Korridore von Everton wanderte und Unterschlupf an jenem Ort suchte, zu dem ich immer ging, wenn ich die Alpträume nicht mehr ertragen konnte.

Ich öffnete die Tür und trat auf den Gang hinaus. Die Luft war kühl im Haus, doch der Teppich fühlte sich weich und warm an unter den Sohlen meiner Füße. Ich nahm die Treppe im Ostflügel und gelangte zu einer Doppeltür, die ich an einem ähnlichen Abend vor Monaten, kurz nach meiner Ankunft in Everton, entdeckt hatte.

Der Verlust Jonathans war besonders schmerzlich in jener Nacht gewesen, aber ich wollte nicht allein in meinem Zimmer sein und weinen. Ich musste mich von der Trauer lösen, sie irgendwo wegsperren, wo ich sie in anderen einsamen Nächten herausholen könnte, um mich ihr in der Dunkelheit hinzugeben, die jenseits der Mitternacht wartete.

Hinter der Doppeltür mochte sich einst ein Musikzimmer befunden haben. Die Instrumente lagen jetzt mit Tüchern bedeckt an den Wänden verstaut. Das einzige übrig gebliebene Möbelstück war ein einfacher Diwan. Ich sah Mr. Darrow damals das erste Mal am Fenster dieses Raumes stehen und in die Nacht hinaus blicken. Ich wollte wieder gehen, doch er hatte mich bereits entdeckt und bat mich, ihm Gesellschaft zu leisten.

»Das war ihr Lieblingszimmer. Sie war musikalisch, wissen Sie … spielte die Harfe, Klavier, die Geige … Als sie jung war, hieß es, sie wäre ein Wunderkind.«

»Jonathan mochte das Akkordeon. Es war vollkommen lächerlich, aber er brachte mich immer mit seinem Tänzchen beim Spielen zum Lachen.« Die Erinnerung ließ mich schmunzeln. Ich sah, dass Mr. Darrow mich seltsam anblickte, als suche er etwas in meinen Augen. Ich wandte mich ab.

»Es gibt Augenblicke, wenn ich im Ort bin oder in der Stadt, und eine Frau von hinten sehe. Ich weiß, dass sie es nicht sein kann, aber ihr Haar ist genau so, und ihr Kleid so vertraut, dass ich sie in die Arme nehmen möchte, bevor sie sich umdrehen und die Illusion zerstören kann. Bin ich verrückt?«

»Kummer macht uns alle verrückt. Ich stelle mir oft vor, dass ich noch ein letztes Mal mit ihm sprechen könnte.«

»Was würden Sie sagen?«

Ich spürte ein Würgen in meinem Hals, aber ich lächelte in beispielhafter viktorianischer Gefasstheit trotz des Mahlstroms von Schmerz und Bedauern, der in mir tobte. Er wütete so gewaltig in meiner Brust, dass mir war, als risse es mir das Fleisch in Streifen aus dem Innern, bis ich leer war und all meine Gefühle aus mir hinausbrachen, um die Welt zu verschlingen.

»So viele Dinge. Was würden Sie zu Lily sagen?«

»Ich würde ihr von den Kindern erzählen, so gut ich es könnte. Sie hat sie so geliebt. Ich fürchte, ich habe sie nicht in gleichem Maße ins Herz geschlossen. Dafür würde ich sie auch um Verzeihung bitten.«

»Sie würde es Ihnen verzeihen.«

»Sie sind sehr gütig, Mrs. Markham.«

»Wir sind nur so gütig, wie uns die anderen sehen.« Ich hätte fast Jonathan zu ihm gesagt, fing mich aber, bevor das Wort über meine Lippen kam. Stattdessen behielt ich es bei mir. Es half mir, die wirbelnden Gefühle in meiner Brust zu beruhigen. Und obgleich ich den Namen unausgesprochen ließ, war es, als wir in der Stille nebeneinander auf dem Diwan Platz nahmen, fast so, als hätte ich ihn bereits so genannt. Wir wurden nächtliche Vertraute, die einander in dieser Zufluchtstätte trafen, wann immer Schicksal und Leid uns zusammenführten. Dort sprachen wir über unsere verlorenen Lieben, bis die Sterne am Morgen vor dem Fenster verblassten. Manchmal endeten unsere Treffen erst, kurz bevor die Sonne über den Horizont kam. Hin und wieder wurden unsere Gespräche von langem Schweigen und verlorenen Blicken oder einer zufälligen Berührung der Hände unterbrochen, wenn im Raum zwischen uns etwas Unausgesprochenes und Uneingestandenes schwebte. Wir füllten das Musikzimmer mit vielen Dingen, aber wir nahmen sie niemals mit uns, wenn wir gingen.

Als er mich in der Nacht von Nanny Prums Tod auf dem Diwan vorfand, war er sehr erleichtert, aber nicht überrascht. Wir saßen zusammen in der Dunkelheit und erneuerten wortlos eine alte Bekanntschaft mit dem dritten Besucher in unserer Zuflucht: dem Tod.

ZWEITES KAPITEL

Ein ungeliebter Feiertag

Die Totenmesse wurde in der St. Michaels Kirche gelesen, einer kleinen Pfarrei, die wie ein Spielzeughaus auf einem Hügel über dem malerischen, von Wildblumen und Efeu überwucherten Dorffriedhof stand. Der Pfarrer, Mr. Scott, ein Junggeselle von mittleren Jahren, dessen Haar so fein war, dass es wie ein Heiligenschein um seinen Kopf zu schweben schien, hielt eine ungewöhnlich düstere Predigt, die nur gelegentlich von Ausrufen des betrunkenen Mr. Wallace unterbrochen wurde. Der arme Mann hatte nicht mehr zu trinken aufgehört, seit er erfahren hatte, was Susannah fast zugestoßen wäre, nachdem sie ihn in der Woche zuvor vom Pub nach Hause brachte. Seine Frau Mildred stand steif neben ihm und hielt ihn am Arm gepackt. Sie bemühte sich, ihr Ächzen zu unterdrücken, als sie ihn während des Gottesdienstes aufrechtzuhalten trachtete. Die beiden schwankten hin und her, dass die übrigen Trauergäste Mühe hatten, beim Hinsehen nicht seekrank zu werden. Irgendwie dachte ich, dass Nanny Prum dieser Anblick wohl gefallen hätte.

Ich stand bei der Familie ganz vorn, direkt vor dem gewaltigen Sarg, den Mr. Darrow gekauft hatte. Nanny Prum hatte keine eigene Familie, jedenfalls keine, die sie je erwähnt hatte, deshalb übernahm Mr. Darrow großzügig die Kosten für das Begräbnis. Sie war im Leben eine stattliche Frau gewesen, und der voluminöse Sarg ließ alles nur noch fremdartiger erscheinen. Noch seltsamer verhielten sich die Buben. James hielt meine Hand und zappelte auf seinem Sitz herum und schien sich gar nicht für so etwas Ungeheuerliches wie den Mord an seiner Nanny zu interessieren. Er weinte nicht, im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Paul, dessen Hemd ganz nass von seinen Tränen war. Ich versuchte, ihn zu trösten – seine Hand zu halten und seine Stirn zu küssen, wie es Nanny Prum immer getan hatte –, aber er wich meinen Berührungen aus und zog es vor, in seinem Kummer allein zu sein.

Mr. Darrow saß mit starrer Miene auf der anderen Seite der Kinder. Der Blick seiner hellen blauen Augen schien in einer fernen Erinnerung zu weilen. Drei Monate nach dem Tod seiner Frau war ich in seine Dienste getreten. Ich konnte mir vorstellen, dass ihr Begräbnis nicht viel anders gewesen war als das von Nanny Prum: dieselben Leute, derselbe Friedhof, selbst dieselbe Jahreszeit. Der Tod, so schien es, war eine eigene Jahreszeit, ein ungeliebter Feiertag, den man verdrängt wie andere unerfreuliche Pflichten und der plötzlich wieder da ist und uns daran erinnert, dass die Zeit vergeht, das Leben sich verändert und nichts ewig gleich bleibt.

Am nächsten Tag kümmerten Mrs. Norman und ich uns um Nanny Prums Hinterlassenschaft. Konstabler Brickner und seine Männer hatten ihr Zimmer bereits nach Hinweisen durchsucht, obgleich er nach wie vor überzeugt war, dass ein wildes Tier sie angegriffen hatte. Sie waren sorglos und ungeniert zu Werke gegangen. Die Kommodenschubladen lagen ausgeleert auf dem Bett, und ihr Inhalt war über den Boden verstreut.

Nanny Prum besaß sehr wenige Kleidungsstücke, nur zwei streng hochgeschlossene schwarze Baumwollkleider und ein kastanienbraunes Samtkleid, das sie zu besonderen Anlässen trug. Es gab auch Bücher: eine King-James-Bibel, ein Märchenbuch und ein Liebesdrama in drei Teilen. Ich fand eine kleine Holzkassette neben ihrem Bett, das einige Zettel, Schmuckstücke und verblasste Fotografien enthielt. Ich nahm an, es war ihr Schatzkästchen von Erinnerungen, in dem sie vielleicht jeden Abend kramte, bevor sie zu Bett ging, und dabei an all die Kinder dachte, die sie aufgezogen hatte und die nun irgendwo draußen in der Welt waren, eigene Familien hatten und eigene Erinnerungen. Vielleicht fand sie den Gedanken tröstlich, dass diese nun erwachsenen Kinder manchmal an sie dachten, wenn sie auf ihre Jugend zurückblickten, und dass sie dabei vielleicht lächelten.

»Ich habe sie gewarnt.« Mrs. Norman stand im Schatten des Kleiderschrankes, zog die Kleider von den Bügeln und faltete sie mit mechanischen Bewegungen ihrer dünnen, an Vogelkrallen erinnernden Finger zusammen. Sie wandte sich bei diesen Worten nicht zu mir um. Der Schrank war nun leer. Der Inhalt von Nanny Prums Zimmer begann nach und nach zu verschwinden.

»Was haben Sie ihr gesagt?«

Die Haushälterin erstarrte einen Moment und reckte den Hals in Richtung der Tür. Sie lauschte den Geräuschen, die das Haus füllten: tratschende Frauen, die unterdrückt kicherten, schwere Schritte auf knarrenden Holzdielen, ein entferntes Husten, Metall, das über Holz scharrte … Ihre Schritte stimmten in diesen Reigen ein, als sie zur Tür ging und diese mit einem Klicken schloss. Mrs. Norman nahm mich am Arm, und wir setzten uns aufs Bett. Sie beugte sich dicht zu mir und sprach mit leiser, eindringlicher Stimme.

»Dass sie in großer Gefahr sei.« Eine Woge von Furcht überschwemmte mich, als sie fortfuhr, und ich konnte an nichts anderes denken als an den Mann in Schwarz neben Nanny Prums Leiche, der auf Susannah losgehen wollte. »Jemand muss ein Auge auf diese Familie haben, jetzt, da uns die liebe Mrs. Darrow verlassen hat, Gott sei ihrer armen Seele gnädig, und ich tue auf meine Weise, was ich kann. Ich räume das Nachmittagsteegeschirr auf, jeden Tag, und man kann einfach nicht verleugnen, was man in den Blättern sieht.« Sie schürzte ihre Lippen und wirkte einen Moment lang erschöpfter, als ich sie je zuvor gesehen hatte. »Jemand muss auf sie aufpassen und sie, wenn nötig, vor den Dingen warnen, die bevorstehen. Etwas Böses lauert. Ich habe getan, was ich konnte, ich warnte sie, aber sie hörte nicht auf meinen Rat.«

Das war das längste Gespräch, das ich in meinen neun Monaten auf Everton mit der Haushälterin geführt hatte. Trotz ihres schrillen Tons sprach sie mit einer Überzeugung, der ich mich nicht entziehen konnte. »Was haben Sie ihr gesagt, Mrs. Norman?«

»Es gab einen Mann in ihrem Leben. Wer das war, weiß ich nicht gewiss. Aber er wollte ihr übel, und nach allem, was Susannah Larken gesehen hat, wollte er ihr noch viel mehr als das.«

»Haben Sie das sonst noch jemandem erzählt?«

»Was würde das bringen? Die meisten Menschen glauben nicht mehr an diese Dinge.« Mrs. Norman nahm plötzlich meine Hand in die ihre und blickte in meine Augen. »Glauben Sie, Charlotte?«

Ich dachte an meine Kindheit in Indien, an die heiligen Männer und Mystiker und an meine Mutter, die auf ihrem Krankenbett nach Luft rang. Ich war allein mit ihr gewesen, als sie schließlich starb, während mein Vater draußen vor der Tür mit dem Arzt stritt. Ich habe ihm nie von dem Mann in Schwarz erzählt, der plötzlich an ihrem Bett erschien. Das Licht im Zimmer war zu schwach, als dass ich seine Züge hätte sehen können, aber als er näher trat, um den Körper meiner Mutter zu berühren, warf ich mich auf ihn und trat und biss mit all meinen Kräften. Doch in dem Augenblick, da ich ihn erreichte, verschwand er. Mein Vater kam einen Moment später mit dem Arzt ins Zimmer zurück und versank in seinem Kummer. Der Mann hatte nicht die Zeit gehabt, unbemerkt zu verschwinden, deshalb sagte ich nichts. Ich hielt alles für einen Traum, bis ich Jahre später mit meinem Vater im Arboretum unseres Anwesens zu Abend aß.

In einem Augenblick rauchte er seine Pfeife und gestikulierte heftig in die Richtung der Azaleen, während er im wirbelnden Pfeifenrauch seine Ansichten über eine bestimmte politische Partei kundtat, und im nächsten griff er sich an die Brust und sackte auf dem Steinboden zusammen. Ich bettete ihn in meinen Schoß und weigerte mich, vor dem Eintreffen des Arztes eine Träne zu vergießen. Als die Türglocke läutete und der Diener meines Vaters öffnete, konnte ich plötzlich spüren, dass wir nicht ganz allein waren. Der Mann in Schwarz stand neben mir und wischte eine Schweißperle von der Stirn meines Vaters. Da wusste ich, dass er in meinen Armen gestorben war.

»Wer bist du?«, schrie ich den Fremden an. Er griff mit einer behandschuhten Hand unter mein Kinn und hob mein Gesicht an, so dass ich direkt in seines blickte. Selbst aus dieser Nähe blieben seine Züge hinter einem ständig wogenden Schleier in Düsternis verborgen. Ich wich von Grauen erfüllt zurück und klammerte mich fest an meinen Vater, als der Mann sich entfernte. In seiner unmittelbaren Nähe verfaulten und verdorrten die Pflanzen und zerfielen zu Staub.

Als ich verheiratet war, erzählte ich Jonathan, was ich beim Tod meiner Mutter und meines Vaters gesehen hatte. Zuerst war ich nicht sicher, ob er mir glaubte, aber dann legte er die Arme um mich und flüsterte mir ins Ohr: »Ich glaube, dass die Welt viel komplizierter ist, als wir je verstehen werden. Vielleicht war dir ein Blick auf etwas vergönnt, das den meisten Menschen verborgen bleibt. Der Tod kommt zu uns allen, meine Liebste.«

Und so war es auch. Das Feuer holte meinen Mann nur ein paar Monate später. Als er sterbend in den verkohlten Überresten unseres Anwesens lag, begegnete ich dem Mann in Schwarz ein drittes Mal. Ich war zu schwach, um ihn anzugreifen oder auch nur anzubrüllen, als er mit seinen behandschuhten Fingern Jonathans Augen schloss. Aber ich stellte ihm Fragen.

»Ist das dein Werk, oder bist du nur ein Aasgeier, der an den Gebeinen meines Lebens hackt?« Er neigte seinen Kopf zur Seite, doch ob das irgendeine Bedeutung hatte, wusste ich nicht. Am Morgen fanden sie mich, noch immer an meinen Mann geklammert. Die Bäume und das Gras um uns herum waren abgestorben und verdorrt, obgleich das Feuer nie den Wald erreicht hatte.

Nichts davon erzählte ich Mrs. Norman. Stattdessen blickte ich sie an und sagte: »Ich glaube, dass die Welt viel komplizierter ist, als wir je verstehen werden.«

»Dann glauben Sie mir also, wenn ich Ihnen sage, dass Sie in Gefahr sind?«

»In was für einer Gefahr?«

»In der gleichen wie Nanny Prum. Ein Mann wartet auf Sie. Er beobachtet Sie.« Mein Gesicht wurde plötzlich ganz heiß, ob vor Panik oder Wut, vermochte ich nicht zu sagen. Susannah hatte einen ganz in Schwarz gekleideten Mann gesehen. Wenn es derselbe war, dem ich begegnete, mochte es dann sein, dass er mich verfolgte? Und wenn ja, wen würde er als Nächstes holen?

»Ja … Ich glaube Ihnen.« Ich versuchte, nicht zu zittern. »Wie kann ich ihn aufhalten?«

»Seien Sie vorsichtig. Und wachsam.« Sie hob den Koffer vom Bett und trug ihn aus dem Zimmer, wobei sie mir einen wissenden Blick zuwarf, danach verlor sie kein weiteres Wort mehr darüber. Wir räumten alles andere in Kisten und Säcke und stellten sie auf den Gang. Roland würde Nanny Prums Habseligkeiten mit dem Wagen zur Kirche bringen. Bei dem Basar zum Winteranfang würden die Einwohner von Blackfield in Nanny Prums Sachen stöbern und ihre Erinnerungen zerstreuen wie Samen im Wind.

In den Tagen nach dem Begräbnis zog ich in das Zimmer um, das neben dem der Kinder lag, und füllte die leer gewordenen Schränke und Laden mit meinen eigenen Sachen. Nach all den Erfahrungen begann ich, mich dabei auf morbide Weise zu fragen, was wohl mit meinen Sachen geschehen würde, wenn ich vor meiner Zeit sterben sollte. Etwa mit dem Ehering, den ich in eine Lade des Nachttischchens legte und nicht mehr tragen konnte, weil sein Gewicht eine zu große Last für mich geworden war. Oder mit der Haarlocke meiner Mutter, die immer noch nach ihr duftete. Ein schmales blaues Band hielt sie zusammen und ich pflegte sie als Lesezeichen zu verwenden. Was würde mit der Pfeife meines Vaters mit dem Sprung im Pfeifenkopf geschehen; eine Erinnerung an die Sonntagnachmittage auf seinem Schoß, in seinem Arbeitszimmer, als er mir Gedichte vorlas. Das alles lag jetzt zusammen mit dem Schmuck meiner Mutter in einer kleinen Schatulle im Kleiderschrank. Solcherart bewahrte ich meine Erinnerungen, an kleine Andenken gekettet, die für jemand anderen keine Bedeutung haben würden. Ich fragte mich, auf welche Weise sich die Menschen an mich erinnern würden. Was würde sie viele Jahre später einen Moment innehalten und an eine Frau namens Charlotte zurückdenken lassen?

Zur Erinnerung an Nanny Prum behielt ich eine Elfenbeinbrosche, die sie an ihren Kleider zu tragen pflegte. Vielleicht stellte die Gravur ihre Mutter oder Großmutter dar? Ich hatte sie nie danach gefragt. Vielleicht hatte sie sie auf einem Flohmarkt gekauft oder nahm sie zur Erinnerung an jemanden an sich, den sie verloren hatte, so wie ich. Die Brosche war auf einfache Weise elegant. Sie erinnerte mich an unsere erste Begegnung während meines ersten Tages auf Everton.

Jonathan war nicht der Einzige gewesen, der Opfer des Feuers wurde. Sechs Angehörige des Haushaltspersonals waren ebenfalls gestorben und hatten Familien ohne Einkommen hinterlassen. Gegen den Wunsch unseres Anwalts, Mr. Croydon, benutzte ich die Mittel, die mir zur Verfügung standen, um ihnen das Leben ein wenig leichter zu machen, auch wenn ich ihnen damit die Liebsten nicht ersetzen konnte, die sie verloren hatten. Ich hätte mir sonst nicht mehr in die Augen sehen können, und der Gedanke, ein neues Zuhause für mich aufzubauen, verwaist, verwitwet und allein, wie ich war, erschien mir unerträglich. Ich hatte noch die Militärrente meines Vaters, doch die reichte nicht aus, um mein Leben so weiterzuführen, wie ich es gewohnt war. Mr. Croydon stimmte schließlich widerwillig zu, mir eine Anstellung als Gouvernante zu beschaffen, in der ich, wenigstens für eine Weile, Anteil an Leben und Familie anderer Menschen nehmen konnte.

Schon wenige Wochen später fand ich mich in den Hallen und Gängen Evertons wieder, bewunderte gerade ein Gemälde einer öden grauen Landschaft, das mysteriöserweise mit L. Darrow signiert war, als eine kräftige Frau, angetan mit gestärkten schwarzen Röcken und der zuvor erwähnten Brosche, den Korridor herab auf mich zukam.

»Mrs. Markham!« Ihre Stimme hallte in lautem, schwellendem Crescendo von den Wänden wider. Sie empfing mich mit offenen Armen, und ihre dünnen Lippen formten ein breites Lächeln zwischen den apfelroten Wangen. Die Frau besaß eine äußerst ansteckende Fröhlichkeit. Ich musste lachen, als sie mich mit ihren dicken fleischigen Armen umschlang.

»Wie schön, dass Sie hier sind, meine Liebe! Ich bin Nanny Prum.« Ich holte rasch Luft, als mich ihre Arme wieder freigaben.

»Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite …«

Die Frau lachte. Ihre Hand war wie ein rundes Steak, als sie mir auf den Rücken klopfte. Sie hakte sich bei mir unter und führte mich den Gang entlang.

»Ich glaube, für die beiden kleinen Jungs, James und Paul, werden wir wie Schwestern sein oder zwei fröhliche Tantchen! So brave Buben. Goldigere Kinder sind mir noch nicht untergekommen. Sehr unterschiedlich vom Temperament her, kann ich sagen, aber goldig alle beide. Ich würde nicht so weit gehen, sie Engelchen zu nennen, denn sie sind ja schließlich Kinder, aber sie haben das Herz am rechten Fleck. Ich nehme allerdings an, dass für Sie mehr ihr Verstand von Interesse ist, hm?«

»Mein Hauptinteresse gilt ihrem Wohlergehen.«

Nanny Prum nickte zustimmend und führte uns die große Treppe hinab, wobei sie bedacht darauf war, den Spalten im Holz und den Löchern in dem roten Stoff auszuweichen, der die Stufen bedeckte.

»Sie sind Mr. Darrow schon begegnet?«

»Ja, er scheint ein angenehmer Gentleman zu sein.«

»Außerordentlich angenehm, und ein strammes Mannsbild, wenn ich das sagen darf. Aber seine verstorbene Frau, die Mutter der Buben, war auch sehr schön. Ein wundervolles Paar! Traurig, dass sie so jung von uns ging. Aber es ist müßig, darüber zu grübeln. Wir müssen den Kindern helfen, es zu vergessen

»Nein, vergessen würde ich nicht sagen …«

Rückblickend weiß ich, dass das die erste und einzige Meinungsverschiedenheit zwischen uns war, und eine, in der ich mich bedauerlicherweise schließlich durchgesetzt habe. Ich würde nicht zulassen, dass die Kinder ihre verstorbene Mutter vergaßen. Oder ihre Nanny.

Bei einem Gemälde, das eine nächtliche Landschaft mit einem Schloss in der Ferne zeigte, bogen wir ab. Nanny Prum deutete im Vorbeigehen darauf.

»Mrs. Darrow hatte viel übrig für die schönen Künste: Malen, Singen, Bildhauerei und dergleichen. Ich muss allerdings sagen, dass sie einer ziemlich morbiden Ästhetik anhing.« Sie hielt am Ende des Ganges inne und trat in das Kinderzimmer.

Die Kinder erwarteten uns. Paul, damals fast zwölf, war hager und blass und hatte das dunkle Haar seiner Mutter, deren Porträt in Mr. Darrows Arbeitszimmer hing, und tiefblaue Augen. Sein Bruder James war vier, ein kleiner blonder Junge mit einem fröhlichen Ausdruck auf seinem runden Grübchengesicht. Er hielt mir einen kleinen Wiesenblumenstrauß entgegen und verbeugte sich höflich, während sein älterer Bruder an der Wand lehnte.

»Wir freuen uns sehr, Sie kennenzulernen«, sagte James.

»Und ich möchte sagen, dass ich mich sehr freue, euch beide kennenzulernen! Ich wusste schon, dass es bereits einen Gentleman auf Everton gibt, aber ich hatte keine Ahnung, dass ich das Vergnügen haben würde, zwei weiteren zu begegnen. Und welch hübsche Blumen!« Ich nahm sie entgegen, wie man es erwartete, obgleich ich keine Ahnung hatte, was ich mit ihnen tun würde. Blumen machten mich immer nervös, besonders wenn sie mir jemand schenkte. Es wird erwartet, dass man sich eine Weile darum kümmert und sie am Blühen hält, und wenn das nicht gelingt, was verrät das dann über eine Person? Solch ein Versagen lässt zu viele Schlussfolgerungen zu: Ist sie einfach unfähig, irgendetwas am Leben zu erhalten? Du meine Güte, ich hoffe, sie kann mit den Darrowkindern besser umgehen! Und so weiter. »Ich habe nichts mehr so Wundervolles gerochen, seit ich ein kleines Mädchen in Indien gewesen bin.«

James war sofort interessiert.

»Sie haben in Indien gelebt?«

»Ja, viele Jahre lang. Mein Vater war dort stationiert, als ich etwa so alt war wie du.«

»Haben Sie eine Kobra gesehen?«

»Nah genug, dass sie hätte zustoßen können! Gott sei Dank stand sie zu dem Zeitpunkt im Bann eines Schlangenbeschwörers, und es war wahrscheinlich längst nicht so gefährlich, wie du dir das vorstellst. Aber ich habe viele wundervolle Dinge gesehen, und wenn es euch interessiert, können wir sicher ein wenig von unserer Unterrichtszeit den Geheimnissen des Fernen Ostens widmen.«

»Ja, bitte, Ma’am!«

Paul schien während des ganzen Gespräches von Unruhe erfüllt zu sein. Er blickte um sich, als könne er es nicht erwarten, irgendwohin aufzubrechen.

»Du musst entschuldigen, Paul. Manchmal vergesse ich, dass nicht jeder an meinen Geschichten interessiert ist.«

»Oh nein, das ist es nicht, Ma’am. Aber wir sind spät dran, wissen Sie.«

»Spät dran?«

Nanny Prum schob mich zur Seite und nahm den Jungen am Arm. »Nicht jetzt, Paul, Schätzchen. Wir können das auch ein anderes Mal machen.«

Aber ich bohrte nach. »Im Gegenteil, ich habe nicht die Absicht, den Tagesablauf durcheinanderzubringen, besonders, wenn jemand bereits woanders einen Termin hat.«

»Es kann warten.«

»Ganz ehrlich, es wäre mir sehr unangenehm, wenn ich schon an meinem ersten Tag hier jemandem etwas aufzwinge.«

Nanny Prum seufzte, zuckte ihre großen Schultern und ließ den Jungen los.

»Wenn Sie darauf bestehen. Ich helfe den Jungs mit ihren Mänteln.«

Ich half Nanny Prum dabei und folgte ihnen dann aus dem Haus hinaus in den Sonnenschein. Wir schritten nebeneinander, während die Buben vorausspazierten; Paul, still und versunken mit den Händen in den Taschen, und James, hüpfend und laufend und aus vollen Kräften etwas Unverständliches singend. Wir folgten der Zufahrt bis zum Eingangstor und nahmen die Straße hinab zum Dorf. Blackfield erstreckte sich am Fuß des Hügels, der seinerseits Everton das notwendige Maß an Würde und Bedeutung verlieh.

Das Dorf war eine Ansammlung strohgedeckter Gebäude und gepflasterter Straßen; ein kleiner, erbaulicher Ort trotz des Umstandes, dass er zwei Schänken beherbergte. Fast alle Einwohner betrachteten das als ein Zeichen des Fortschritts und als Beweis dafür, dass sich das Dorf langsam zu einer Stadt mauserte. Nur Mildred Wallace klagte bitterlich gegenüber allen, die es noch hören wollten, dass schon eine Schänke sündhaft sei, dass aber zwei ganz sicher dekadent waren. Nach einer Weile blieb nur noch der arme Mr. Wallace als Zuhörer übrig, denn alle anderen Dorfbewohner verschwanden um die Ecke oder in ihren Häusern, sobald sie Mildred kommen sahen. Ohne Zweifel war dies eines der Dinge, die Mr. Wallace zu häufigen Besuchen in beiden Etablissements anspornten.

Wir folgten der Straße, bis die Häuser Acker- und Weideland und sanften Hügeln Platz machten. Die kleine St. Michaels Kirche stand auf ihrem niedrigen Hügel am Rand des Dorfes mit ihren Steinmauern und dem idyllischen, gepflegten Pfarrhaus. Der Friedhof befand sich dazwischen, und als wir näher kamen, beschleunigte Paul seine Schritte. Er war durch das Tor und zwischen den Grabsteinen hindurchgerannt, bevor mir klar wurde, weshalb wir hierhergekommen waren. James holte seinen Bruder ein. Beide knieten vor einem großen Grabstein, auf dem der Name ihrer Mutter zu lesen war. Ihr Tod lag erst drei Monate zurück, weshalb die Erde noch frisch war. Nanny Prum hielt mich zurück, als die Buben aufgeregt auf das Stück Erdreich einredeten, in dem ihre Mutter begraben lag. Sie senkte ihre kräftige Stimme zu einem Flüstern, während die Kinder ihrer Mutter alles berichteten, was seit ihrem letzten Besuch geschehen war.

»Am Anfang kamen sie jeden Tag, die armen Dinger. Ich bin mir nicht sicher, ob James versteht, was mit ihr geschehen ist. Er hat beim Begräbnis gar nicht geweint. Aber Paul … ihn hat es schwer getroffen.«

Noch während sie sprach, war deutlich zu sehen, dass Paul die meiste Zeit damit zubrachte, mit seiner Mutter zu reden. James hingegen wurde von zwei Schmetterlingen abgelenkt.

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