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Charlie Joe Jackson – Einschleimen erlaubt

Titel

Übersetzung aus dem
amerikanischen Englisch
von Regina Lehmann
und Christina Pfeiffer

Mit Illustrationen von J. P. Coovert

BASTEI ENTERTAINMENT

EINLEITUNG

Wie ich beim Vorsprechen für die Schulaufführung gelandet bin, ist eine ziemlich witzige Geschichte.

Es ist nämlich so: Wenn ihr mich nur ein bisschen kennt, dann wisst ihr, dass ich wirklich nicht der Schultheater-Typ bin.

Die Vorstellung, bei einer Schulaufführung mitzumachen, steht gleich neben dem Lesen ganz oben auf meiner Das-mache-ich-auf-keinen-Fall-Liste.

Deshalb war es umso lächerlicher, dass ich wirklich auf der Bühne in der Aula unserer Schule stand und ein Lied über Papierhandtücher sang.

Leider machte es die Sache nicht besser, dass das perfekteste Mädchen der Welt – nämlich Hannah Spivero – auch vorsprach.

»Fünf, sechs, sieben, acht!«, rief Mr Twipple, unser Theaterlehrer. Obwohl die meisten von uns keine Ahnung hatten, was diese Zahlen bedeuten sollten oder warum er sie uns an den Kopf warf, wussten wir, dass es unser Stichwort war, mit dem Singen anzufangen.

Also sangen wir:

Wischt auf jede Ferkelei!

Egal wie groß die Sauerei!

Papierhandtücher sind für allerlei 

Verstört warf ich meinem Freund Timmy McGibney einen Blick zu. Er sah mich an. Wir dachten dasselbe.

Wie hatte das passieren können?

Ich sag euch wie.

Nur ein Wort.

Extrapunkte.

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TEIL EINS
ICH HASSE ZEUGNISSE

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Charlie Joes Tipp # 1

LEST VIEL UND SEID FLEISSIG IN DER SCHULE.

Lesen und Hausaufgaben sind das Rückgrat der Ausbildung eines jeden Kindes.

Es ist sehr wichtig, fleißig zu lernen und die Lehrer zu respektieren. Der beste Weg, gute Noten zu bekommen, ist, alle Aufgaben stets mit einem gewissen Maß an Stolz, Pünktlichkeit und Sorgfalt zu erledigen. Verlasst euch nicht auf Extrapunkte, wenn es nicht unbedingt sein muss, denn das könnte ein sehr schwieriges Unterfangen werden.

Das ist mein erster Tipp.

Oder zumindest wäre es so, wenn wir in einem Fantasieland leben würden.

Aber wir leben in der realen Welt, also vergesst einfach, was ich gerade gesagt habe.

1

Zurück auf Anfang: Zeugnistag.

2

Ihr wisst sicher schon, dass Bücher und ich nicht zusammenpassen.

Und man kann mir nicht wirklich unterstellen, das lernwilligste Kind der Welt zu sein.

In der Grundschule spielte das noch keine große Rolle. Da brachte ich meine Lehrer zum Lachen, hab im Unterricht mitgemacht und gerade so viel getan, dass ich einigermaßen gute Noten bekam.

Aber das änderte sich in der Mittelstufe. Plötzlich erwarteten doch tatsächlich alle Lehrer von mir, dass ich Bücher lese und im Unterricht aufpasse.

So entpuppte sich die Schule plötzlich als viel anstrengender als vorher.

Das ist der Grund, warum ich Zeugnistage hasse.

»Also, was ist der Plan?«, fragte mich mein Kumpel, der unglaublich brillante und so unnötig fleißige Jake Katz. Wir saßen gerade beim Mittagessen, und er fragte mich das an jedem Zeugnistag – als ob ich irgendeinen großartigen Plan hätte. Wie zum Beispiel den Rest des Tages zu schwänzen, zu Hause am Computer meiner Eltern das Zeugnis auszudrucken (die E-Mail dazu sofort zu löschen) und dann den nächstbesten Zeugnisfälscher aufzusuchen, damit er aus allen meinen Dreien Einsen macht.

»Ich habe keinen Plan«, antwortete ich, woraufhin Jake mich recht enttäuscht ansah. Ich bin eben ziemlich bekannt für meine Pläne.

»Meine Noten sind in diesem Vierteljahr besser geworden«, säuselte Timmy McGibney, mein ältester und nervigster Freund.

»Das ist klasse«, sagte ich, »aber ich will grad nicht über Zeugnisse reden.«

Ich war nervös, und das war ich nicht gewohnt. Normalerweise konnte ich mich aus jeder blöden Situation herauswinden, aber mit einem schlechten Zeugnis nach Hause zu kommen ist, als wenn man mit Freunden einen Horrorfilm ansehen muss, obwohl man Horrorfilme hasst. Es gibt einfach kein Entkommen.

Ich nahm einen großen Schluck Kakao, und schon ging es mir besser. Diese Wirkung hat Kakao immer auf mich.

»Lasst uns über etwas Schönes reden«, schlug ich vor, »wie zum Beispiel darüber, dass wir im letzten Viertel des Schuljahres sind. Der Sommer kommt bald.« Der Sommer ist mit Abstand meine Lieblingsjahreszeit. Keine Schule. Keine Bücher. Keine Zeugnisse. Es gab absolut nichts am Sommer auszusetzen.

Doch dann kam Hannah Spivero an unseren Tisch und legte ihren Arm um Jake Katz. Schlagartig ging es mir wieder schlechter. Diese Wirkung hat Hannah Spivero immer auf mich.

(Für diejenigen, die es noch nicht mitgekriegt haben: Hannah ist das Mädchen meiner Träume. Allerdings sind aus diesen Träumen Albträume geworden, seit sie die ganze Welt damit geschockt hat, Jake Katz zu ihrem Freund erkoren zu haben.)

Hinter Hannah folgten Eliza Collins und ihr hingebungsvoller Fanklub, den ich gerne die Elizettes nenne.

Eliza ist das hübscheste Mädchen der ganzen Schule. Und sie ist schon seit der dritten Klasse in mich verknallt. Die Kombination dieser beiden Tatsachen verstand niemand, am allerwenigsten ich.

»Habe ich gerade Sommer gehört?«, fragte Eliza. »Perfektes Timing, denn die Mädels und ich haben beschlossen, ein Sommerplanungskomitee zu gründen.« Dann sah sie mir in die Augen. »Bald sind Sommerferien, und wir müssen sichergehen, dass es der beste Sommer aller Zeiten wird!«

Alle klatschten.

Eliza ignorierte das, weil sie es gewohnt war, dass man in ihrer Gegenwart klatschte.

»Das erste Treffen des Komitees ist diesen Samstag bei mir zu Hause. Ihr seid alle eingeladen«, fügte sie hinzu.

Noch ein Applaus.

Hannah sah Jake an. »Wir wollten eigentlich diesen Samstag ins Einkaufszentrum gehen.«

Ich würde gerne mit dir ins Einkaufszentrum gehen, dachte ich.

»Wir könnten doch auch Sonntag ins Einkaufszentrum«, sagte Jake. »Sommerplanungskomitee klingt lustig.«

Ich traute meinen Ohren nicht. Wie kann man sich die einmalige Chance entgehen lassen, mit Hannah Spivero alleine Zeit zu verbringen? Das ging gegen jede meiner Überzeugungen. »Okay, von mir aus«, sagte Hannah, aber ich sah ihr an, dass sie ein wenig enttäuscht war.

»Was ist los, Charlie Joe?«, fragte Eliza fröhlich. Da sie in mich verknallt war, ich aber nicht in sie, schien es sie immer irgendwie glücklich zu machen, wenn ich unglücklich war.

»Charlie Joe hat Bammel wegen seinem Zeugnis«, verkündete Timmy. Toll, noch einer, der sich an meinem Unglück labt.

»Hab ich nicht.«

Hannah legte eine Hand auf meine Schulter. Sie dachte wohl, so würde ich meine Sorgen vergessen und mir würde warm ums Herz, wenn sie nur den kleinsten Körperkontakt zu mir herstellte. (Sie hatte recht, aber das tut jetzt nichts zur Sache.)

»Oh, Charlie Joe, ich mach mir keine Sorgen. Vielleicht findest du ja einen Weg, alle davon zu überzeugen, dass Dreien die neuen Einsen sind. Ich bin sicher, deine Eltern fahren zur Belohnung mit dir nach Disneyland, wenn du mit ihnen fertig bist.«

Alle lachten – es war ein echt annehmbarer Witz –, aber aus irgendeinem Grund beschloss Timmy, dass es witziger wäre, statt zu lachen Apfelsaft auf meine Fischstäbchen zu rotzen.

Toll. Jetzt würde ich nicht nur den ganzen Tag nervös sein, sondern auch noch kurz vorm Verhungern.

Timmy starrte die durchgeweichten Fischstäbchen an.

»Isst du die noch?«, fragte er.

Bevor ich antworten konnte, hatte er schon drei im Mund.