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Charleston

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Buch eins 1863 – 1865
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
  9. Buch zwei 1865
    1. 7
    2. 8
    3. 9
    4. 10
    5. 11
    6. 12
    7. 13
    8. 14
  10. Buch drei 1866 – 1867
    1. 15
    2. 16
    3. 17
    4. 18
    5. 19
    6. 20
    7. 21
    8. 22
  11. Buch vier 1868 – 1875
    1. 23
    2. 24
    3. 25
    4. 26
    5. 27
    6. 28
  12. Buch fünf 1876 – 1877
    1. 29
    2. 30
    3. 31
    4. 32
    5. 33
    6. 34
  13. Buch sechs 1878 – 1882
    1. 35
    2. 36
    3. 37
    4. 38
    5. 39
    6. 40
    7. 41
    8. 42
    9. 43
  14. Buch sieben 1882 – 1886
    1. 44
    2. 45
    3. 46
    4. 47
    5. 48
  15. Buch acht 1887 – 1898
    1. 49
    2. 50
    3. 51
    4. 52
    5. 53
    6. 54
    7. 55
    8. 56
    9. 57

Weitere Titel der Autorin

Scarlett

Virginia

Über dieses Buch

Liebe, Leidenschaft und Familienbande in einer bewegenden Südstaatensaga.

Seit Generationen lebt die reiche Familie Tradd in Charleston, einer der elegantesten, strahlendsten Städte des stolzen Südens. Aber mit dem Ausbruch des amerikanischen Bürgerkrieges verblasst der alte Glanz und der Reichtum der Tradds schwindet jäh dahin. Das Schicksal stellt die blutjunge Lizzie auf eine harte Probe ...

Eine packende Familiensaga für Fans von »Vom Winde verweht«.

Über die Autorin

Alexandra Ripley (geb. 8. Januar 1934 in Charleston, South Carolina; gest. 10. Januar 2004 in Richmond, Virginia) veröffentlichte ihren ersten Roman im Jahre 1972. Fortan schrieb sie zumeist Historienromane. Einer breiten Öffentlichkeit wurde sie mit ihrem Buch Scarlett bekannt, einer Fortsetzung des Romans »Vom Winde verweht« von Margaret Mitchell. Sie war dreimal verheiratet: mit Leonard Ripley, von ihm hatte sie zwei Töchter, mit Thomas Garlock und mit John Graham.

Alexandra Ripley

Charleston

Aus dem amerikanischen Englisch von Gunther Seipel

Dieses Buch ist
JANE CLARK TWOHY
gewidmet.
In dankbarer Anerkennung
ihrer meisterhaften Bankführung,
die eines Medici würdig gewesen wäre.

Protziges, prahlerisches Charleston ...
Schrecklich ist die selbst heraufbeschworene Vergeltung,
die die allwissende Vorsehung
für diesen Basiliskenhort erkoren hat ...
O gefallenes Babylon! ...

New Yorker Independent, Februar 1865

Wenn die Bevölkerung irgendeiner Stadt jemals das Schicksal der Ausrottung und Vertreibung verdient hat, dann die gottlose, eigensinnige, einfältige und treulose Oberklasse, die so lange die Geschicke South Carolinas bestimmte ...

Chicago Tribüne, April 1865

Buch eins
1863 – 1865

1

Ruhig und verlassen lag die breite Straße in der sengenden Sonne. Kraftlos hingen in den Gärten die Blätter an den Weinstöcken und Bäumen; und auch die Vögel hatten nicht mehr die Kraft, in der schwülen, stickigen Luft zu singen.

Nur der mehrmals auf- und abschwellende Klang einer Glocke durchbrach die Stille, und eine kräftige Stimme rief aus: »Die Uhr hat vier geschlagen! Alles ist in Ordnung!«

Kurze Zeit später hörte man aus der Ferne die Hufe eines galoppierenden Pferdes. Der Wächter im Kirchturm spähte aufmerksam in die Tiefe. Ein Reiter in grauer Uniform näherte sich und ritt dann unter ihm vorbei. Es war alles in Ordnung. Er erkannte den jungen Offizier. Andrew Anson war es, der zu seinem Haus weiter unten in der Meeting Street eilte.

»8. August 1863«, schrieb Major Ellis in sein kleines Büchlein. Seine Handschrift war präzise, gefällig und gleichmäßig. »Unsere Bemühungen, unentdeckt zu bleiben, waren von Erfolg gekrönt«, marschierten die Worte in gleichen Abständen über die dünne Seite, »und wir sind darauf vorbereitet, uns gegen die aufgescheuchten Rebellen zu verteidigen, wenn sie unsere Gegenwart bemerken. Viele von ihnen werden gegen uns wenige antreten, aber wir vertrauen auf Gottes Hilfe, denn unser Kampf gilt der Gerechtigkeit. Die Perritt-Kanone, die wir vom Schiff heruntergebracht haben, ist genau auf das Zentrum des Aufstandes gerichtet. Es wird uns eine besondere Ehre sein, die arrogante Brut der Konföderisten ein für alle Mal auszurotten. Gott gebe, dass die Verwundeten sterben mögen.«

»Andrew!« Lucy Anson streckte ihrem Mann die Arme entgegen. Er küsste sie; es waren rastlose Küsse auf ihr Gesicht, auf Augen, Lippen, Haare, bis Lucy anfing, leise zu stöhnen. Dann nahm er ihre beiden Hände in die seinen und hielt sie an sein Gesicht. Andrews Augen glühten.

»Du bist so schön«, flüsterte er.

Tränen des Glücks schossen in Lucys große graue Augen. »Wie lange hast du frei?«, fragte sie. »Du hättest mir sagen sollen, dass du kommst, dann hätte ich alles fertig haben können. Nein, das nehme ich zurück. Es war eine wundervolle Überraschung!«

Sie rieb ihre Wange an seiner Brust und atmete seinen Geruch ein. Er berauschte sie. Zunächst bekam sie gar nicht mit, was Andrew sagte. Er hatte nicht frei. Er hatte sich freiwillig dazu gemeldet, eine dringende Depesche von Wilmington nach Savannah zu bringen, nur damit er durch Charleston kommen und seine Frau und sein Baby sehen konnte. Er musste sich ein frisches Pferd besorgen und sich dann sofort wieder auf den Weg machen. Vielleicht könnte er auf dem Rückweg eine Nacht bleiben ...

»Nein, das kann ich nicht ertragen!« Lucy warf ihre Arme um seinen Hals. »Es ist nicht fair! Ich lasse dich einfach nicht gehen!«

»Pst! Leise, meine Liebe. Mach es mir nicht noch schwerer.« Seine Stimme war streng. Es war die Stimme eines Soldaten.

»Ich bin ja schon still«, wisperte sie. »Komm, sieh dir deinen Sohn an.«

Little Andrew schlief in einer in ein Netz gehüllten Wiege direkt neben Lucys Bett. Es war das erste Mal, dass Andrew ihn zu Gesicht bekam. Voller Staunen schaute er auf die winzige Gestalt. »Ich glaube, ich bin der glücklichste Mann der Welt«, sagte er ruhig. Lucy schlang ihre Arme um seine Hüften.

»Ich könnte die glücklichste Frau der Welt sein«, flüsterte sie. »Halt mich fest. Oh, Liebster, es ist doch erst vier Uhr. Vor zehn wird es nicht dunkel. Du musst nicht gleich gehen.« Sie führte seine Hand an ihre Brust.

Major Ellis las, was er geschrieben hatte. Dann nickte er voller Genugtuung. Er schloss das Buch, steckte es in die Tasche seiner schweißdurchtränkten, schlammigen Kniehose und legte dann den grauen wollenen Überwurf seiner Uniform an; Handschuhe und Hut folgten. Der Major konnte in der fast tropischen Hitze kaum atmen, aber er hatte ein Gespür für historische Momente und wollte für diesen schicksalsträchtigen Tag passend gekleidet sein. Er hob sein Schwert; die Kanoniere nahmen ihre Positionen ein und entfachten das Feuer der Fackel. Ellis blickte ein letztes Mal durch seinen Feldstecher. Hinter der ruhigen, weiten Wasserfläche des Hafens glänzte die alte Stadt Charleston in der vor Hitze flimmernden Luft wie ein Trugbild. Die Fensterläden der hohen schmalen Häuser der Stadt waren als Schutz vor der Sonne geschlossen. Die pastellfarbenen Wände der Häuser sahen blass und unwirklich aus. Über den steilen ziegelgedeckten Dächern mit ihren Kaminen erhob sich der zart wirkende Turm der St.-Michaels-Kirche. Vor dem Hintergrund sich auftürmender, eine Abkühlung der schwülen Luft versprechender heller Gewitterwolken wirkte er wie ein blendend weißer Pfeil.

Auf diesen Turm hatte es der Major abgesehen. Mit einer kurzen, zackigen Bewegung senkte er sein Schwert zum Zeichen des Feuers.

Die Kanonenkugel war von mattschwarzer Farbe. Sie stieg über die weite Wasserfläche hoch wie ein Aasgeier, hing einen Augenblick lang bewegungslos am höchsten Punkt ihrer Bahn und fiel dann träge auf die Stadt zu. Es war sechzehn Uhr zwölf.

Der Schuss ging zu weit. Die Kugel klatschte in den morastigen Küstenstreifen, der die Stadt im Westen begrenzte, und wurde vom dicken, blauschwarzen Schlick der Ebbe verschluckt. Major Ellis fluchte und stellte neue Berechnungen an.

Im Glockenturm der St.-Michaels-Kirche rieb sich Edward Perkins die Augen. Seit fast zwanzig Jahren hielt er jeden Tag Wache, und er ging davon aus, dies noch mindestens zwanzig weitere Jahre lang zu tun. Mit achtunddreißig Jahren waren seine Augen »schärfer als die eines Adlers«, wie es der Mercury in einem Bericht über ihn formuliert hatte. Seine Hauptaufgabe war es, nach Rauch Ausschau zu halten, nicht nach dem dünnen weißen Rauch, der fortwährend aus den Schornsteinen der Küchengebäude aufstieg, sondern nach den dunklen Rauchwolken, die auf einen Brand hinwiesen. Seit ihrer Gründung im Jahre 1670 war die bevölkerte Altstadt fünfmal durch Feuer zerstört worden. Die Bewohner hatten das gut in Erinnerung, der Schreck saß ihnen noch immer tief in den Knochen. Aber mit ununterbrochen über sie wachenden Adleraugen und den beiden leuchtend roten Pumpenwagen in der Feuerwache nahe den Hafenanlagen konnten die Einwohner von Charleston an den heißen Sommernachmittagen hinter den verschlossenen Fensterläden ihrer Häuser sicher vor sich hin dösen.

Da war sie wieder! Noch eine! Edward Perkins blickte angestrengt nach vorne, beschattete seine Augen mit der Hand. Der dunkle Fleck erhob sich von James Island aus, wurde größer, als er die Wasserfläche überquerte. Als er zu fallen begann, rannte Edward Perkins stolpernd zu dem dicken, verknoteten Seil, das von der größten Glocke des Kirchturms herabhing. Seine dünnen Arme spannten sich an, als er an dem Seil zu ziehen begann; sie streckten sich wieder, als die riesige Bronzeglocke zurückschwang und ihn fast von der Plattform hob. Das dumpfe Dröhnen der Alarmglocke erscholl über der Stadt.

Mary Ashley Tradd hatte »eine kleine Unterredung« mit ihrem zehnjährigen Sohn Stuart. Diese verlief nicht gerade in ihrem Sinne. Als Stuarts Vater und sein älterer Bruder Pinckney Anfang des Krieges nach Virginia gingen, sagten sie ihm, er sei nun der einzige Mann im Haus. Stuart legte das so aus, dass er meinte, er könnte nun alle Entscheidungen selber treffen, ohne seine Mutter um Erlaubnis zu bitten oder sie um ihre Meinung zu fragen.

Mary starrte auf Stuarts störrisches, mit Sommersprossen gesprenkeltes Gesicht und war verzweifelt. Er war wie eine Miniaturausgabe seines Vaters Anson Tradd. Sogar sein Haar ist widerspenstig, dachte sie. Insgeheim hatte sie dieses drahtige, kupferfarbene Haar der Tradd-Familie immer gehasst und gehofft, dass ihre Kinder so wie sie aussehen würden. Nicht eines von ihnen, stöhnte sie innerlich. Sie hätten ebenso gut gar nicht meine Kinder sein können. Sie sehen aus wie Anson. Sogar die kleine Lizzie. Sie sind so rücksichtslos und störrisch wie Anson und sie hören auf nichts und niemanden außer auf ihn. Doch Anson ist tot und begraben, weil er aus reiner Dickschädeligkeit einen Auftrag für die Kavallerie ausführen musste, und ich stehe jetzt ganz alleine da mit einem Haufen nichtsnutziger Bediensteter und widerborstiger Kinder und keinem, der mir hilft. Ihre großen dunklen Augen wurden langsam feucht vor Tränen, und ihre kleine rundliche Hand hob sich, um die Morgenbrosche zu berühren, die sie angelegt hatte. Stuart bewegte unruhig seine Füße. Wie Männer jedes Alters konnte er mit einer weinenden Frau überhaupt nicht umgehen. Als die Alarmglocke erscholl, sprang er erleichtert auf seine Füße.

»Ein Hurrikan!«, rief er erfreut aus.

»Feuer!« Marys Stimme war ein erschreckter Aufschrei.

Sie stürzten auf den langen, von Säulen gestützten überdachten Balkon im zweiten Stock, der sich über die ganze Länge des Gebäudes zog.

Auf der anderen Seite der Meeting Street hob Andrew Anson seinen Kopf. »Was ist das?«

»Nichts, Liebling«, murmelte Lucy, »nur der alte Ed Perkins, der wieder einmal denkt, er sieht ein Feuer.« Sie griff nach Andrews dickem Haar, suchte und fand seinen Mund, damit er mit dem ihren verschmolz.

Überall in der Stadt öffneten sich die Fensterläden, und Köpfe wurden herausgestreckt. Die Menschen sogen prüfend die Luft ein und schauten zum Himmel hinauf. Es gab nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Die Fensterläden schlossen sich wieder.

Nicht so in der Meeting Street. Die Kanonenkugel war in einem der ummauerten Gärten eingeschlagen und hatte eine riesige Magnolie zerschmettert. Die großen Blätter trieben über den halben Häuserblock hinweg und trudelten in großen Spiralen durch die Luft, mal dunkelgrün, mal hellbraun, je nachdem, ob ihre Ober- oder Unterseiten zu sehen waren.

»Was in aller Welt ...?« Mary Tradd klammerte sich am Ärmel ihres Sohnes fest. Auf der ganzen Straße strömten Frauen und alte Männer ins Freie und füllten die überdachten Balkone. Unter ihnen öffneten sich die Haustüren. Bedienstete eilten auf den glatten Granitblöcken der Gehsteige hin und her und auf die gerundeten Pflastersteine der Straße. Sie waren hinausgeschickt worden, um zu erkunden, was vor sich gehe. »Stuart, sag Elias, er soll gehen und nachschauen, was passiert ist.«

»Ich gehe, Mama.«

»Nein, das wirst du nicht tun. Schick Elias hinaus!«

Aber Stuart war schon weg.

Auf James Island nahm Major Ellis seinen Feldstecher von den Augen und lächelte seit Wochen das erste Mal. »Die hat fast gereicht, Jungs! Ein bisschen mehr Pulver hinter die nächste, und wir blasen von diesem Kirchturm einfach die Spitze herunter.« Eine Kugel pfiff ihm um die Ohren, und instinktiv duckte er sich. Die Kämpfe waren an den Wällen entbrannt, die seine Männer rings um den Standort des in einer Vertiefung stehenden Geschützes aufgeschüttet hatten. Der Major lauschte gespannt. Hinter dem scharfen Krachen des Gewehrfeuers konnte er das dumpfe Dröhnen der Schiffskanonen vernehmen. Wie gut, dass uns der Admiral zu Hilfe kommt, dachte er. Solange er Fort Johnson ständig unter Beschuss nimmt, können die Aufständischen nicht zu viele ihrer Männer auf uns loslassen!

Auf der Feuerwache riefen die Zugführer den Feuerwehrleuten, die gerade die Pferde hochzerrten und die Ausrüstung auf den Pumpenwagen überprüften, ihre Befehle zu.

Der jüngste von ihnen ritt auf dem schnellsten Pferd zur St.-Michaels-Kirche. »Wo brennt’s?«, schrie er. Edward Perkins gestikulierte wild mit den Armen und eilte zu seinem Seil zurück. Der junge Bursche wiederholte seinen Ruf. Als er abermals keine Antwort bekam, glitt er vom Pferd herab und rannte durch die enge Türöffnung auf die schmale eiserne Wendeltreppe zu.

Weiter unten auf der Meeting Street war es zu einem Menschenauflauf gekommen. Die Leute drängten sich vor einem großen schmiedeeisernen Tor mit verschlungenen Mustern zusammen und spähten durch die Arabesken hindurch. »Das muss wohl ein Blitz gewesen sein«, meinten die vorne Stehenden und verteidigten ihre Plätze gegen den Druck der weiter hinten Stehenden. Hinter dem Tor war die zierliche Geometrie des Gartens fast intakt geblieben. Kleine Fußwege aus blassrosa Ziegelsteinen überkreuzten sich so, dass fünf Rauten entstanden. Dieses Muster wiederholte sich an der hinteren Mauer des Gartens in der Gitterwand, an der junge Pfirsichbäume angebunden waren. Späte Sommerrosen wuchsen dichtgedrängt auf den erhobenen Beeten an der Südbegrenzung.

In den vier Ecken lagen die rautenförmigen Rasenflächen. Eine riesige Magnolie erhob sich im Zentrum jeder dieser Rauten. Nur auf einer Fläche war lediglich ein zerborstener Stumpf übrig geblieben, mit riesigen Holzstücken um ihn herum verstreut, von denen sich einige über zerknickte Hecken hinweg bis auf die Fußwege verteilt hatten. Das Dröhnen der Alarmglocke war immer noch zu hören, aber in der Stadt konnte man sich keinen Reim darauf machen. In etlichen Häusern weckte die Glocke die Kinder, die mit ihrem Geschrei den allgemeinen Lärm verstärkten. In anderen Gebäuden kehrten die Menschen an die Fenster zurück, um erneut nach der Ursache des Ganzen Ausschau zu halten.

Man konnte nichts sehen. Auf James Island wurden die Männer von Major Ellis seitens der angreifenden Konföderisten unter starken Beschuss genommen. Einer der Kanoniere war erschossen worden. Er fiel in die Öffnung des Schutzwalles; deshalb wurde alles so lange unterbrochen, bis er weggetragen werden konnte. Schließlich nahm ein eingeschüchterter Ersatzmann seine Stellung ein. Das Gesicht des Majors sah aus, als stünde er kurz vor einem Schlaganfall. »Feuer!«, rief er.

Während die Kugel noch in der Luft war, wurde die kleine alte Stadt lebendig. Der junge Feuerwehrmann stolperte brüllend durch die Seitentür der St.-Michaels-Kirche nach außen. »Yankees!«, schrie er aus Leibeskräften. »Yankee-Geschosse!« Seine Stimme wurde vom Dröhnen der Glocke übertönt. Er rannte auf die Menge zu, die sich ziellos vom Gartentor wegbewegte. Sein Verhalten erregte die Aufmerksamkeit aller Anwesenden. »Yankees«, keuchte er und zeigte nach oben. Dann eilte er davon, um die Nachricht weiterzugeben.

Einige Burschen in der Menge blickten so rechtzeitig nach oben, dass sie die Kanonenkugel sahen, die kurz danach in einen Stall auf der Church Street einen Gebäudeblock weiter im Osten einschlug. Sie hüpften halb erschreckt, halb wild vor der ganzen Aufregung von einem Bein aufs andere. »Yankees«, heulten sie auf. Innerhalb von Sekunden schnappte jemand in der Menge das Wort auf und gab die Nachricht mit einigen Ausschmückungen versehen weiter. »Die Yankees kommen, sie sind schon hinter den Befestigungen!« Die Menschen stoben in alle Richtungen auseinander, stießen zusammen, drängten sich und schrien durcheinander.

Eines der Zugpferde im Stall der Church Street litt an einer Kolik. Der Pferdeknecht hatte damit begonnen, einen warmen Brei fertigzumachen, als die Kanonenkugel das ziegelgedeckte Dach durchschlug. Die winzige Flamme unter dem Kessel wurde durch den plötzlichen Luftzug zu einer Feuerzunge, die sich in Windeseile durch das frisch gestreute Stroh auf dem Boden des Stalles fraß. Voller Panik scheuten die Pferde und stießen verzweifelt gegen die Türen der Stallungen. Doch sie waren fest angebunden, und der Knecht konnte sie nicht befreien; er war von dem Geschoss in den Kopf getroffen worden.

Das herzzerreißende Gebrüll der verbrennenden Pferde rief das Gesinde herbei, aber es war bereits zu spät. Das Feuer brach in großen Flammen durch jede Tür und jedes Fenster der Ställe. Ganze Klumpen brennenden Strohs schossen durch die Öffnung im Dach nach oben, wurden über die ganze Straße getragen und regneten auf die Leute herab, die aus ihren Häusern geeilt waren, als sie den fürchterlichen Lärm hörten.

Der beißende Geruch brennenden Holzes wurde vom ekelerregenden Gestank verkohlten Fleisches überlagert. Er hing schwer in der Luft der engen Gassen und wurde durch den wallenden Qualm nach unten gedrückt. Das Wiehern der erschreckten Pferde übertönte alles andere. Stalljungen versuchten, die Pferde heraus in Sicherheit zu bringen, aber die aufgescheuchten Tiere kämpften gegen die Seile an; gefährlich schlugen ihre Hufe durch die Luft.

»Wo bleibt nur der verfluchte Pumpenwagen?«, bellte ein weißbärtiger Mann aus einem Toreingang. »Wofür bezahle ich diese Feuerwehr überhaupt?«

Am Pumpenwagen war alles festgezurrt, das Pferdegespann bewegte sich unruhig im Geschirr, bereit zum Aufbruch. Der Junge jedoch, der losgezogen war, um zu erfahren, wo das Feuer ausgebrochen war – bevor es überhaupt ein Feuer gab –, war noch eine halbe Meile entfernt. Er ritt durch die Straßen und rief jedem, der längs seines Weges in den Fenstern auftauchte, zu: »Yankees!«

Hinter ihm blieb eine Woge der Panik zurück. Schwarze und weiße Menschen schossen aus ihren Häusern, riefen dem verschwindenden Reiter hinterher und fragten sich, als dieser nicht antwortete, schließlich gegenseitig.

Das Feuer dehnte sich weiter aus. Die Pumpenmannschaft, die in der aufgeschreckten Menge nicht vorankam, konnte nicht bis zum Brand vordringen. »Stuart!« Mary Tradd lehnte sich über das Geländer ihres überdachten Balkons und suchte in dem Durcheinander unter ihr nach dem hellen Haarschopf ihres Sohnes. »Stuart!« Hinter ihr wand sich die dreijährige Lizzie im unbarmherzigen Griff ihrer Amme Georgina. Das Kind war aus seinem Nickerchen erwacht und durch den ungewöhnlichen Aufruhr erschreckt. Als es zu weinen anfing, zog Georgina es an ihren kissenähnlichen Busen.

Ein allgemeines Wehklagen erhob sich aus dem Mob in der Meeting Street. Alle Gesichter wandten sich nach oben, um nach der schwarzen Kugel Ausschau zu halten, die in diesem Augenblick auf die Menge herabfiel. Kreischend stoben die Menschen auseinander. Das Geschoss durchfurchte das Pflaster und kam zwischen den grauen Halbkugeln der Pflastersteine als breitere, dunklere Masse zum Stillstand.

Andrew Anson stolperte fast darüber, als er aus seinem Haus stürmte. Er versuchte, eines der vorüberhastenden, wimmernden schwarzen Mädchen festzuhalten. Diese drängten ihn jedoch nur heftig zur Seite. Andrew stürzte sich in die Menge.

Auf der anderen Straßenseite vergaß Mary Tradd einen Moment lang ihre Furcht. »Ich wusste nicht, dass Andrew Anson zu Hause ist«, sagte sie zu Georgina. »Du erinnerst dich doch an Andrew? Sein Vater ist ein entfernter Verwandter von Mr. Tradd. Als Andrew Lucy Madison heiratete, war auch Pinckney ein sehr gefragter Hochzeitskandidat.« Im Haus gegenüber erschien Lucy auf der Veranda des Obergeschosses. Sie trug einen zerknitterten Morgenrock. Mary kicherte und verdrehte ihre Augen. Sie warf Georgina einen bezeichnenden Blick zu; die Amme zeigte jedoch keine Reaktion. Dann winkte Mary Lucy zu. Diese reagierte jedoch ebenfalls nicht, sie ließ Andrew nicht aus den Augen.

Ein lautes Grummeln erfüllte die Luft. Jeder schaute hoch. Der Himmel wurde vom dicken, abscheulichen Qualm des einen Gebäudeblock entfernt wütenden Feuers verdunkelt. Keiner konnte die Blitze sehen. Sie hörten Artilleriefeuer, das sich mit dem Donnergrollen vermischte.

Mary Tradd ging wütend auf der Veranda hin und her und fragte laut: »Wo steckt dieser Stuart?« Da erschien er plötzlich. Der Junge tänzelte die Mauer über dem Fahrweg entlang, sah seine Mutter und grinste. Seine Zähne blitzten hell in seinem rußgeschwärzten Gesicht. »Blinder Alarm, Mama«, rief er fröhlich, »die Yankees sind überhaupt nicht durchgebrochen. Sie haben lediglich eine einzige Kanone auf James Island, und die werden sie nicht lange behalten.« Er hielt sich mit seitlich ausgestreckten Armen im Gleichgewicht, als er die ganze Länge der Mauer in Richtung Meeting Street entlanglief. Dann setzte er sich hin, ließ seine Beine baumeln und rief die Neuigkeit den unter ihm hin und her huschenden Menschen zu.

»Was ist denn mit dem Feuer?«, schrie Lucy Anson von der ganzen Seite der Straße herunter. »Stuart! He, sieh mich an! Was ist denn mit dem Feuer?«

»Oh, hallo, Lucy! Wie geht’s?«

»Das Feuer, Stuart!«

»Es ist wundervoll. Ich war drüben. Junge, Junge! Die Funken schießen hoch wie am 4. Juli. Aber die Pumpenwagen sind jetzt durchgekommen. Sie werden es bald gelöscht haben.« Stuart war offensichtlich enttäuscht.

Lucy lockerte ihren Griff um das Balkongeländer. Da siehst du es, sagte sie sich. Du Dummerchen, da hast du dich wegen nichts so aufgeregt. Andrew wird nicht von irgendwelchen Yankees gefangen genommen. Seine kostbare Depesche ist in Sicherheit, und er wird sich sogar kaum verspäten. Und selbst wenn er zu spät kommt, bringt er mehr Neuigkeiten mit als nur diese alten Papiere. Er kann ihnen alles über diese Kanone erzählen, die die Yankees im Sumpf aufgestellt haben. Es würde sich sicherlich lohnen, darauf eine Stunde länger zu warten.

Sie schaute verächtlich auf das aufgeregte Getümmel auf der Straße hinunter. Alle ignorierten Stuarts Rufe. Gänse, dachte sie. Ziellos hin und her zu laufen! Sie sollten einfach nach Hause gehen, wo sie hingehörten! Dann erspähte sie Andrew, der einen halben Häuserblock entfernt war. Er war auf dem Heimweg und drängte die Leute zur Seite. Lucys Hände überprüften den Sitz ihrer Frisur und arrangierten die zerzausten Locken um ihr lächelndes Gesicht.

Als Andrew nahe war, formte er seine Hände zu einem Sprachrohr und rief: »Sorgt euch nicht, alles in Ordnung!«

Lucy nickte bestätigend.

Die Leute in seiner Nähe hielten an und kamen fragend näher. Seine Uniform sprach für seine Glaubwürdigkeit. Andrew wurde zum Mittelpunkt einer kleinen und schließlich größeren Gruppe, die sich bald darauf auflöste. Die Leute schüttelten erleichtert die Köpfe und bereuten und schämten sich ihrer Panik. Ein Donnerschlag war zu hören. Plötzlich strömte in tropischer Stärke der Regen herab. Die davonstrebenden Leute begannen heimwärts zu laufen.

Auch Andrew tat dies. Lucy, die vom Dach der Veranda vor dem Regen geschützt war, lachte, als sie ihn auf eine Baumgruppe zurennen sah, die den Gehsteig säumte und Schutz bot. Die Kanonenkugel sah sie nicht. Sie fiel unbeobachtet von den sich zerstreuenden und vor dem Regen fliehenden Menschen als schwarze Kugel vor dem plötzlich dunklen Hintergrund des Himmels nach unten.

Mit einem peitschenden, krachenden Schlag landete sie auf dem von Marmorsäulen getragenen Portikus über dem Eingang des Hauses der Familie Clay. Lucy blickte für einen Augenblick von Andrew weg. Sie hatte Angst vor den Blitzen. Splitter aus weißem Marmor wurden in die Luft geschleudert, sie wirkten wie ein Halo über dem Türeingang unter dem Säulendach. Dann, langsam und scheinbar wie in Zeitlupe, bewegten sich die beiden dorischen Säulen voneinander weg. »Nein«, schrie Lucy, »Andrew!«

Sein Kopf war gegen den Regen nach unten geneigt. Andrew schaute im Laufen hoch zu seiner Frau. Er fühlte den Schatten der Säule mehr, als dass er ihn sah, und versuchte, schneller zu laufen, aber ein übermächtiges Gewicht traf ihn im Rücken, schleuderte ihn vorwärts. Dann lag er mit dem Gesicht in einer Pfütze. Er versuchte, sich wegzurollen, konnte sich aber nicht mehr bewegen.

Als die ersten schweren Tropfen herunterprasselten, hatte Georgina im Innern des Hauses auf Lizzie und ihre Mutter Acht gegeben. Stuart, der die ganze Aufregung genoss, saß schutzlos draußen im Regen und wirkte wie ein lachender rothaariger Pan. Als die Säule auf Andrew fiel, gefror sein freudiger Gesichtsausdruck. Er sprang auf die Erde und hetzte zur Gasse, die zwischen den Häusern hindurch zur Church Street führte. Dr. Perigru war erst kurz vorher dort eingetroffen und behandelte die Verbrennungen der Feuerwehrleute.

Stuart eilte bald mit dem Doktor zurück. Der alte Mann schnaufte vor Anstrengung von dem kurzen, schnellen Lauf. Lucy saß in der Pfütze mit Andrews Kopf auf ihrem Schoß. Ihr Körper, den sie über ihn gebeugt hatte, schützte ihn vor dem schlimmsten Regen. Zu seinen Füßen banden die Männer Seile um die Marmorsäule, die über seinen Beinen lag. Es waren die Bediensteten aus den Nachbarhäusern, die von Andrews Butler Jeremias angeleitet wurden. Auf Jeremias Gesicht vermischten sich Tränen mit dem Regen.

Dr. Perigru hörte Andrews Puls ab und schaute aufmerksam in sein aschfahles Gesicht. »Hast du große Schmerzen, mein Junge?«

Andrew schüttelte den Kopf und versuchte zu lächeln. »Ich bin ganz schön erschrocken.«

»Bei uns bist du in guten Händen.« Der Doktor erhob sich, um zu überwachen, wie die Säule angehoben wurde.

»Oh, Andrew, dass du so leiden musst! Tut es sehr weh?«

»Nein, meine Liebe, wirklich nicht. Ich bin fürchterlich nass, das ist alles. Du bist es auch. Du solltest bei diesem Regen nicht draußen sein.«

Ein lautes Schluchzen erschütterte Lucys Körper. Sie drehte ihr Gesicht zur Seite.

»Still jetzt, weine nicht. Willst du, dass ich dir etwas Lustiges erzähle?«

Lucy schluckte, holte tief Luft. Sie nickte.

Dr. Perigrus Stimme war gedämpft, aber deutlich. »Ich zähle jetzt. Wenn ich drei sage, dann zieht diese Seile hoch. Ich meine, richtig hoch! Zerrt nicht an ihnen herum.«

Andrew hielt Lucys Hand fester. »Ich wette, du weißt nicht, wie sie diese Kanone nennen«, sagte er. »Ich weiß nicht, wer damit angefangen hat, aber es ist typischer Soldatenhumor. Sie nennen sie Sumpfengel.«

»Drei!«

Andrew und Lucy klammerten sich aneinander.

Dr. Perigrus Kopf erschien über ihnen. »Es hätte schlimmer kommen können, mein Junge.« Unmissverständlich war die Erleichterung in seiner Stimme zu hören. Lucy fühlte sich, als ob ihr Herz aus einem Schraubstock befreit worden wäre. »Nun, es kann noch höllisch wehtun, wenn wir dich bewegen – tut mir leid, Lucy. Schrei nur, wenn es so ist. Es gibt jetzt keinen Grund, den Helden zu spielen.« Der alte Mann kniete neben Andrews Kopf nieder. Er legte seinen Arm unter dessen Schultern und hob ihn hoch, so hoch, dass Lucy entlastet war. »Geh ins Haus, Lucy, und bereite irgendeine heiße Suppe zu. Hol auch den Brandy! Dein Mann und ich werden ihn gleich nötig haben.«

»Jeremias, du unterstützt ihn in der Mitte«, befahl er weiter, »und du, Jubilo, hältst seine Beine. Wenn ich hoch sage, dann hebt ihn sanft und gleichmäßig hoch! ... Hoch! ... Tragt ihn ins Haus! Geht es, Andrew?«

»Doktor, ich spüre nichts, überhaupt nichts.«

Auf James Island stapfte Major Ellis wütend durch das Wasser, das sich im Mittelpunkt der Vertiefung angesammelt hatte. »Verdammter Regen! Mit nassem Pulver können wir gar nichts ausrichten. Haltet uns bloß diese Rebellen vom Hals, Jungs, dann versuchen wir es morgen noch einmal. Ein einziges erbärmliches Feuer! Verdammt noch mal! Wir haben ihnen überhaupt keinen richtigen Schaden zugefügt.« Hinter dem Hafen beleuchtete ein Blitz den Turm der St.-Michaels-Kirche.

»Verflucht seien sie alle miteinander!«, schimpfte der Major.

2

Bei Tagesanbruch begann der Beschuss mit dem Sumpfengel von neuem. Jetzt war die Stadt jedoch darauf vorbereitet. Den ganzen Abend lang waren die Offiziere der Konföderierten von Haus zu Haus gegangen, hatten die Bewohner beruhigt und ihnen Ratschläge gegeben, wie sie sich gegen Feuer und herabfallendes Holz schützen konnten. Als der Beschuss wieder begann, wurde er verärgert und mit Neugier, aber ohne Panik aufgenommen. Die Balkone und Dächer füllten sich bald mit Menschen, die beobachteten, wie eine massive Eisenkugel nach der anderen aufstieg, in der Luft zu stehen schien und dann irgendwo in der Nähe der St.-Michaels-Kirche einschlug. Als am Vormittag der überlastete Sumpfengel beim siebenunddreißigsten Abschuss explodierte, konnten alle Zuschauer das blendende Licht sehen. Der Explosionsdonner rollte über das Wasser auf die Stadt zu, wo er vom Jubel der Massen zurückgeworfen wurde.

Nur eine Stunde später eilten die vertrauten Gestalten der Hausjungen der Familie Brewton mit ihren rotschwarz gestreiften Westen überall in der Stadt herum. In der fast unleserlichen Handschrift Sally Brewtons war quer über das Papier der von ihnen verteilten Botschaften gekritzelt: »Tee im Freien, im Salon um vier Uhr, bitte kommt!«

Sally Brewton war eine kleinwüchsige Frau Mitte Dreißig. Sie hatte die Figur eines Knaben und ein winziges, affenartiges Gesicht. Ihre funkelnden Augen und ihre unerschütterliche gute Laune waren es gewesen, die Miles Brewtons Herz gewonnen hatten, nachdem jede bedeutende Schönheit der Stadt dies versucht hatte und damit gescheitert war. Auf ihren späteren weiten Reisen nach Europa, Asien und Afrika hatte Sally jeden, der ihr begegnete, für sich eingenommen. Ihre Partys wurden wegen des besonderen Flairs, den die Gastgeberin verbreitete, gerühmt. Voller Bewunderung wurde sie als »Original« bezeichnet. Jede Frau in Charleston, die nicht gerade Trauer trug, machte sich kurz vor vier Uhr auf den Weg zum Haus der Brewtons und war neugierig auf das Neueste von Sally. Die ganze King Street war mehrere Häuserblöcke weit von Kutschen und Einspännern verstopft. Einem Gespann nach dem anderen entstiegen die Fahrgäste, deren Vorfreude durch diese Verzögerungen nur noch weiter erhöht wurde.

Sallys Gäste wurden nicht enttäuscht. Als die den ungemein schönen Salon aus dem 18. Jahrhundert betraten, hatte Sally hinter einem großen Teetisch in der Mitte des Raumes Platz genommen. Wie ein heller Scheinwerfer fiel das Sonnenlicht durch eine Öffnung in der Decke auf sie. Es hüllte sie in strahlenden Glanz, wurde vom georgianischen Teeservice aus Silber zurückgeworfen und tanzte in den glitzernden Prismen des Kristalllüsters, der in gefährlicher Nähe des Loches hing. Sally trug ein weißes Batistkleid, um die Wirkung des Sonnenlichtes noch zu erhöhen. Das Licht schien sich in den weiten Rockfalten zu sammeln. Ihre winzigen Füße, auf die sie besonders stolz war, fielen in ihren roten Satinpantoffeln mit den diamantbesetzten Schnallen besonders ins Auge. Sie ruhten nebeneinander auf der dunklen Wölbung der Kanonenkugel, die sich in das Parkett unter dem Tisch eingegraben hatte.

»Herein«, rief Sally jedem Gast zu, der in der Tür erschien. »Wir wollen diesen historischen Moment feiern. Ich fand Geschichte mit den ewigen Wiederholungen schon immer etwas langweilig. Jetzt wird es allmählich interessanter.«

Die Damen freuten sich sehr, bewunderten Sally und lachten. Jeder wusste, dass im Unabhängigkeitskrieg ein britisches Geschoss ins Haus der Brewtons eingeschlagen war und den Kristalllüster aus Waterford, einen der Schätze, die dieses Haus beherbergte, nur knapp verfehlt hatte. Das Geschoss der Yankees war exakt der Bahn seines Vorgängers gefolgt.

Jeder, der bei Sally Brewton beim Tee zu Gast gewesen war, ging in besserer Stimmung als vorher nach Hause. So gut hatte man sich schon lange nicht mehr gefühlt. Sallys gute Laune war immer ansteckend, aber die Party hatte noch eine tiefere und länger anhaltende Wirkung. Jeder der Anwesenden war entweder direkt mit einer der Familien in Charleston verwandt, die sich vor der Revolution in der Stadt niedergelassen hatten, oder hatte in sie eingeheiratet. Alle kannten sie die ganzen Episoden aus der Familiengeschichte, die wie das Familiensilber und die Porträts von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Es war gut, daran erinnert zu werden, dass Charleston schon einmal belagert worden war. Die Stadt war sogar eingenommen und besetzt worden, das alte Leben hatte sich wieder eingestellt. Die Stadt hatte zu allen Zeiten unentwegt ihr äußerst zivilisiertes, individualistisches Menuett getanzt, und ihre Bewohner mussten dabei lediglich einige Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen. Man brauchte sich wirklich keine Sorgen zu machen. Auch dieser Krieg würde eines Tages vorbei sein. Das Haus der Brewtons und die ganzen anderen beschädigten Häuser würden an der einen oder anderen Stelle ausgebessert werden müssen, aber schon ein paar Jahre später würde man das nicht mehr erkennen können.

Sallys rote Pantoffeln besiegten ein ganzes Regiment.

In den folgenden Monaten hatten die Bewohner Charlestons jede Form von Beruhigung, derer sie habhaft werden konnten, bitter nötig. Die Atempause nach der Explosion des Sumpfengels war nur kurz. Nachdem die Yankees die Verwundbarkeit der Inseln, die den Hafen umgaben, entdeckt hatten, brachten die Streitkräfte der Unionsstaaten ihre Kanonen auf einer Insel nach der anderen in Stellung. James, Johns, Yonges, Wadmalaw, Folly – jede Insel wurde zu einer Bedrohung für die Stadt. Neuere Kanonenkugeln, die beim Aufschlag explodierten, ersetzten bald die eisernen Geschosse des Sumpfengels. Später kamen noch Granaten dazu, die eine hundertmal größere Schadenswirkung hatten als alles, was Charleston bis dahin kennen gelernt hatte.

Die modernen Kanonen hatten auch eine größere Reichweite. Die Familien zogen weiter in die Oberstadt hinein, noch hinter die Broad Street, um dem Bombardement zu entgehen. Dann mussten sie noch weiter wegziehen, bis hinter Calhoun. Einige zogen ganz in die Städte des Landesinneren, wo sie Freunde oder Verwandte hatten, die sie aufnahmen. Ende November drängte sich jeder, der noch in Charleston geblieben war, im nördlichen Randbereich der Stadt auf einem Areal von etwa einer Viertelmeile zusammen. Der größte Teil Charlestons war verlassen und den Tag und Nacht herabheulenden Geschossen ausgeliefert.

Andrews imposante Mutter Emma schickte ihre Kutsche herüber, um ihren Sohn einen Tag nach seinem Unfall »nach Hause« zu holen. Lucy ließ man zurück; sie folgte mit ihrem eigenen Einspänner mit Baby und Amme. Emma verwandelte ihr großes Haus in der Charlotte Street in ein Krankenzimmer. Die rechte Pflege, meinte sie, würde ihn schon heilen und die Funktionstüchtigkeit seiner Beine wiederherstellen. Als der Exodus aus der Unterstadt begann, weigerte sie sich, irgendeinen ihrer zahlreichen Verwandten aufzunehmen. Sie wies sogar die Familie ihres Bruders ab. Andrew brauchte Ruhe und Frieden.

Ihr nächster Nachbar, Julia Ashley, konnte sich nicht auf diese Art herausreden. Julia war eine ältere Jungfer Mitte vierzig. Sie lebte allein in dem großen Ziegelgebäude, das sie geerbt hatte, als ihr bewunderter Vater vor zehn Jahren gestorben war. Seit diesem Tag trug sie Trauerkleidung. Julia hatte keine Brüder. Ihre einzige Schwester war Mary Tradd, acht Jahre jünger und in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von ihr.

Mary war die hübschere von beiden, zierlich, rundlich, weiblich, mit langem, lockigem dunklen Haar und großen blauen Augen. Seit sie ihren Einstand gegeben hatte, war das Haus bis zu dem Tag, als sie Anson Tradd aus den vielen Bewerbern auswählte, von ihren Schönlingen bevölkert gewesen. Das Gebäude hatte auch Marys Lachen, ihre Freudenschreie und ihre Tränenausbrüche erlebt. Für Julia, die sich verbittert auf eine Zukunft allein eingestellt hatte, waren diese beiden Jahre ganz mit Marys Romanzen angefüllt und die reine Agonie.

Nachdem Mary in ihr eigenes Haus gezogen war, war Julia das erste Mal auf sich gestellt. Ohne den ständigen Vergleich mit Marys Weichheit wirkten Julias großer dünner Körper und die derben knochigen Gesichtszüge durchaus ansehnlich. Ihre ruhigen, sparsamen Kommentare konnte man sich anhören und schätzen lernen. Sie schuf sich ihren eigenen Freundeskreis, der an Literatur, Naturwissenschaft und Naturgeschichte sein Interesse hatte; sie reiste, sie unterstützte das Sinfonieorchester und bekam den besten Platz im Theater. Als sie vierzig wurde, war Julia eine Person, die sich deutlich von allen anderen unterschied, und darüber hinaus eine recht glückliche Frau.

Jetzt wurden Julias geordnete Verhältnisse durch die lärmende Ankunft ihrer Schwester, deren Kinder und der Dienerschaft ihrer Schwester durcheinandergebracht. Mary öffnete die staubbedeckten Zimmer auf der dritten Etage für Lizzie, Stuart und Georgina, zog in ihr altes Zimmer zurück und beherrschte das Haus wie eh und je. Julia bekam Migräne.

In der ganzen Nachbarschaft öffneten auch andere Familien ihre verschlossenen Räume und arrangierten sich, aber für die meisten war das leicht, ja sogar normal. Weihnachten rückte näher, und man hatte in dieser Zeit immer das Haus voller Gäste gehabt.

Charleston war eine gesellige Stadt. Die Menschen erfreuten sich an einem konstanten Reigen großer und kleiner Festivitäten. Von Weihnachten bis Ende Januar wurde am meisten geboten. In normalen Jahren wurden Konzerte mit Orchestern aus London organisiert, Schauspiele von auswärtigen Ensembles mit weltbekannter Besetzung im Theater in der Dock Street aufgeführt, vollendete Bälle und Gala-Diners an drei oder vier Nächten der Woche abgehalten. Im Januar gab es Aufregendes im luxuriösen Klubhaus, von dem aus man die Rennbahn überblicken konnte, auf der die Eigentümer Tausende auf die Pferde mit ihren Farben setzten. Jedes Jahr fünf Wochen lang befand sich die heiterste Stadt Amerikas auf ihrem extravaganten, sich ständig steigernden Höhepunkt.

Der Krieg hatte diese vollendet organisierten Unterhaltungsveranstaltungen stark reduziert. Das Theater auf der Dock Street und die Rennbahn waren geschlossen, und es würde dieses Jahr auch keinen St.-Cecilia-Ball geben, auf dem die jungen Mädchen der Gesellschaft vorgestellt wurden. Die festliche Stimmung jedoch war so deutlich vorhanden wie immer, vielleicht sogar noch deutlicher. Es war wichtig, trotz der Unterbrechung durch den Krieg bei Laune zu bleiben.

Am 20. Dezember schaute Mary Tradd auf die Szene, die sich ihr im Salonzimmer darbot, und war äußerst zufrieden. Die Yankees hatten in diesem Monat drei Schiffe, die versucht hatten, die Blockade zu durchbrechen, versenkt. Das vierte kleine, schnelle Schiff hatte jedoch die Linie ihrer Kanonen durchbrochen. Es war Marys Glück, dass es das Schiff war, dessen Fracht sie am meisten interessierte. Die Weihnachtsgeschenke für die Kinder waren in knallbuntes Papier gehüllt und auf den tiefen Fenstersimsen zu Pyramiden aufgetürmt.

»Miss Tradd!« Mary schreckte hoch. Sie war so versunken gewesen, dass sie Elias’ Schritte nicht gehört hatte. Als sie sein Gesicht sah, legte sie ihre Hand aufs Herz. Seine Lippen zitterten, seine Augen waren vor Angst geweitet. In seiner Hand hielt er ein Telegramm. Es war alles genau wie vor 18 Monaten, als die Nachricht vom Tode ihres Mannes eingetroffen war. Mary stöhnte. Sie nahm schnell den dünnen Brief aus Elias’ Hand und riss ihn auf.

Dann brach sie in Tränen aus. »Es ist alles in Ordnung«, schluchzte sie. »Ich hatte nur solche Angst. Es ist genau so, wie es sein sollte, Elias. Die Nachricht ist von Mr. Pinckney. Er wird noch vor Weihnachten heimkommen. Erzähl es gleich den anderen!«

Vor Einbruch der Dunkelheit hatte jeder in der Stadt die gute Nachricht vernommen, und alle waren hocherfreut. Pinckney Tradd war allgemein beliebt.

Er war ein wilder Junge gewesen, aber niemals niederträchtig. Sein rotgoldenes Haar diente anderen Jungen als Erkennungszeichen, wenn sie ihm bei heldenmütigen Klettereien, Schwimmunternehmungen, Erkundungsgängen, Boots- und Pferderennen und Experimenten mit Zigarren und Schnaps nacheiferten. Seine Lehrer hatten sich die Haare gerauft, weil er seinen scharfen Verstand nicht für seine Studien nutzte, sondern die Ställe dem Klassenzimmer gegenüber bevorzugte. Gegen seine lachend abgegebenen Entschuldigungen kamen sie jedoch nicht an. Pinckney war ungehorsam, aber niemals ein Problemkind. Er gab seine Fehltritte offen zu und akzeptierte die Prügel, die er bekam, ohne Ausflüchte.

Seine größte Schwäche war sein hitziges, jähzorniges Gemüt. Es verflog so schnell, wie es entflammt war, war es jedoch da, dann war es einfach nicht zum Aushalten. Als er älter wurde, lernte er, es zu kontrollieren und sich darüber hinaus auch ein galantes gutes Benehmen anzueignen. Er konnte sich verbeugen und lachen, wenn er auf Hindernisse traf, und nur seine engsten Freunde sahen den Sturm hinter seinem plötzlich erblassten Gesicht und seinen dunklen blauen Augen.

Er wurde zu einem gründlich zivilisierten Tier. Noch immer liebte er körperliche Wagnisse, aber eine Schicht vornehm lächelnder Mattigkeit lag darüber. Sein geschmeidiger, muskulöser Körper konnte sowohl einen umgestürzten Baum als auch das spitze Ende eines Degens mit der gleichen Kraft hochheben. Er war der beste Reiter und der beste Tänzer weit und breit in Süd-Carolina.

Zur ungeheuren Freude seiner Mutter wurde Pinckney ein ansehnlicher Mann. Da er sich dauernd im Freien aufhielt, war er von der Sonne gebräunt, und im Gegensatz zu den meisten Rothaarigen bekam er keine Sommersprossen. Seine gebräunte Haut verlieh seinem schmalen, feingezeichneten Gesicht einen zigeunerhaften, romantischen Zug. Es war glatt rasiert. Sehr zum Entsetzen Pinckneys war sein Gesichtshaar braun und nicht rot; so konnte er nicht wie die meisten Männer einen Bart tragen, ohne lächerlich auszusehen.

Wenn er lächelte, was er sehr oft tat, verzog sich sein ziemlich kleiner, dünnlippiger Mund erstaunlich weit und enthüllte große weiße Zähne mit einer winzigen Zahnlücke in der Mitte; seine hellen Augen funkelten verschmitzt. Sally Brewton nannte ihn Apollo, und alle Frauen Charlestons dachten genauso.

Sein Vater war erleichtert, als er sah, dass es seinen Sohn nicht weiter kümmerte.

Als Pinckney siebzehn wurde, schickte man ihn im Sommer nach Oxford. Man erwartete von ihm, dass er es wie andere junge Männer aus Charleston und deren Väter und Großväter vor ihnen auch schaffen würde, ein gutes Examen ohne irgendwelche nennenswerten Skandale abzulegen, und dann auf große Reise gehen würde. Stattdessen sagte sich jedoch Süd-Carolina ein Jahr später von den Unionsstaaten los. Pinckney kehrte nach Hause zurück. Er hatte sich oberflächliche Kenntnisse von Shakespeare erworben, einige Dutzend Freundschaften geschlossen und unbewusst einen englischen Akzent angenommen, der sich mit der lang gezogenen Sprechweise der Südstaatler mischte. Im Mai 1861 ritt er an der Seite seines Vaters los, um sich Wade Hamptons Freiwilligen-Bataillon anzuschließen. Seitdem war er nicht wieder zu Hause gewesen.

In fast jedem Haus pflegten die Leute liebevoll das Andenken an Pinckneys Kindheits- und Jugendeskapaden und erzählten sich Geschichten über das, was sie von seinem Wagemut auf dem Schlachtfeld gehört hatten. Er hatte es zum Kommando einer eigenen Kavallerietruppe gebracht, und man munkelte, dass General Lee ihn den »Zentauren« nannte.

In vielen Häusern musterten die Mütter mit kritischem Blick die Kleidung ihrer Töchter, deren Gesichtsfarbe und Haltung. Pinckney war jetzt zwanzig Jahre alt. Er hatte die Plantagen der Tradd-Familie und deren Vermögen geerbt, und jeder wusste, dass ein Held, der von den Schrecken der Schlachtfelder zurückkehrte, sehr empfänglich für eine weiche, mitfühlende Stimme und ein hübsches Gesicht war. Jeden Monat fand mindestens eine Hochzeit mit einem beurlaubten Soldaten statt.

Als Andrew Anson die Neuigkeit vernahm, war seine Heiterkeit das erste Mal nicht gespielt. Er und Pinckney waren zusammen aufgewachsen und unzertrennliche Freunde gewesen. Andrew hatte es sogar noch einmal reiflich überdacht, Lucy zu fragen, ob sie ihn heiraten würde, weil das bedeutete, dass er nicht mit Pinckney nach Oxford gehen würde. Lucys bewundernde graue Augen sprachen ihn jedoch mehr an als seine Ausbildung. Pinckneys Ankunft im Nachbarhaus kam ihm überaus recht. Er ließ das Mobiliar in sein Zimmer kommen. Die Couch, auf der er seine Tage verbrachte, wurde in die Nähe des Fensters gerückt, von dem aus man den Eingang von Julias Haus übersehen konnte.

Andrews siebzehnjährige Schwester Lavinia rieb sich im Zimmer nebenan mit einem wasserdampfgetränkten roten Flanelltuch ihre Wangen. Sie hatte Pinckney verehrt, solange sie denken konnte. Unter den bestickten Taschentüchern in ihrem Ankleidetisch versteckt befand sich Lavinias kostbarster Talisman: ein von Pinckney benutztes Mundtuch. Manchmal verschloss sie ihre Tür und hielt es an ihre Lippen. Sie fragte sich dabei, wie es sich wohl anfühlen mochte, geküsst zu werden.

In Julias Haus fegte Mary wie ein Wirbelwind durch die Zimmer und Flure. Sie erteilte den Bediensteten widersprüchliche Befehle, öffnete die Schränke, in denen Pinckneys Kleidungsstücke aufbewahrt wurden, und eilte zum Küchengebäude, um Julias Koch daran zu erinnern, dass Mr. Pinckney gesalzene Butter bevorzugte und Tee lieber mochte als Kaffee.

Auch Stuart stellte sich wie Andrew an einem Fenster auf. Pinckney war sein großes Vorbild.

Sogar Julia war ganz aus dem Häuschen geraten. Pinckney hatte im Alter von sechs Jahren ihr Herz für alle Zeiten gewonnen, als er vorschlug, seine Mutter solle Julia ihre ganzen Ringe schenken, weil die Hände seiner Tante ganz im Gegensatz zu Marys dicklichen Händen lang und anmutig waren. Julia lüftete das Zimmer ihres Vaters, das die ganze Zeit über verschlossen gehalten worden war, und befahl Elias, es so herzurichten, wie Pinckney es gerne hatte.

Die einzige Person, die sich nicht über Pinckneys Ankunft freute, war Lizzie. Sie wurde durch den ganzen Trubel nur verwirrt. So sehr sie sich auch darum bemühte, sie konnte sich weder an ihren Bruder noch an ihren Vater erinnern. Sie merkte nur, dass Georgina ihr beim Bürsten stärker als sonst an den Haaren zog und dass keiner mehr die Zeit zu haben schien, die Puppe zu bewundern, die sie einen Monat vorher zu ihrem vierten Geburtstag bekommen hatte. Diese Puppe hatte glänzende schwarze Stiefel, die Lizzie schon ganz alleine zuschnüren konnte. Nachdem sie vier Tage lang immer nur aufgefordert wurde, aus dem Weg zu gehen, während man sich auf Pinckneys Ankunft vorbereitete, entschied sich Lizzie, von zu Hause wegzulaufen. Mutig marschierte sie durch das Eingangstor nach draußen und die Straße hinab bis zur Ecke. Hinter einem Stechpalmenbusch, der in der Nähe des Gehsteigs im Garten der Wilsons wuchs, kauerte sie sich nieder und dachte darüber nach, wohin sie jetzt gehen sollte.

Da fiel ein Schatten auf sie. Eine tiefe Stimme sagte: »Hallo!« Lizzie kroch weiter in den Stechpalmenbusch hinein.

Der Fremde bückte sich und setzte sich dann auf den Gehsteig. »Wie geht es dir denn, meine kleine Dame?«, fragte er. »Ich suche das Haus von Miss Elisabeth Tradd.«

Lizzie blickte ihn finster und argwöhnisch an. »Ich darf nicht mit Fremden sprechen.«

»Das ist sehr vernünftig«, sagte der Mann. »Aber genau genommen sind wir uns gar nicht fremd ... Magst du eigentlich gerne Ratespiele?«

Das kleine Mädchen kroch aus dem schützenden Stechpalmenbusch heraus. Sie liebte Spiele. Nur waren alle in letzter Zeit viel zu beschäftigt gewesen, als dass sie mit ihr gespielt hätten. Vorsichtig beäugte sie den Fremden. »Was denn für ein Ratespiel?«, fragte sie.

Der Mann lächelte. »Es ist nicht schwer. Du musst mich einfach anschauen und herausfinden, welcher rothaarige Mann mit dreckigem Gesicht bei Miss Tradd vorbeikommen will und auf eine Teegesellschaft hofft.«

Lizzie schrak zurück, sie starrte ihn an. Dann wurde eine blasse Erinnerung deutlicher. »Pinny!« Sie warf ihm ihre kleinen Arme um den Hals. »Ich mag dich!«

»Ich bin so glücklich. Ich verehre dich.« Mit einer einzigen gleitenden Bewegung stand Pinckney auf und nahm Lizzie auf den Arm. Er ging zu Julias Haus hinüber.

»Halt an«, rief Lizzie. Pinckney hielt an. Einen Augenblick war Stille. »Ich bin doch gerade weggelaufen«, gestand Lizzie.

»Ich bin froh, dass du es dir noch einmal anders überlegt hast.«

»Erzählst du es denn auch nicht weiter?«

»Ich werde es keinem weitererzählen. Aber du musst mir im Kinderzimmer Gesellschaft leisten!«

»Oh, das will ich gerne tun. Komm, schnell!«

Pinckney rannte los. Lizzie schrie vor Freude. Als er durch Julias Tor bog, schwang er Lizzie im Kreis um sich herum. Sie war ganz außer sich.

»Pinny!« Andrews Ruf kam wie ein lauter Donnerschlag. Pinckney drehte sich um und grinste den blonden Haarschopf an, der sich aus dem Nachbarfenster herausstreckte.

»Hallo, Andrew! Ich habe eine Verabredung mit dieser kleinen Dame hier, aber dann komme ich hinüber!«

3

Im Innern des Hauses wurde Pinckney sofort von seiner Familie und der Dienerschaft umringt. »Hallo, hallo«, rief er lachend. »Lasst einen alten Freund doch erst einmal Luft schnappen! Frohe Weihnachten!«

Trotz Marys Protest bestand er darauf, seinen Tee im Spielzimmer einzunehmen. Julia und Stuart fanden sich auf dem Boden des Kinderzimmers ein, und Lizzie reichte walnussgroße, mit Tee gefüllte Tassen herum, die Georgina hochgeholt hatte.

Als die Kanne leer war und jeder eine Gelegenheit zum Gespräch hatte, räkelte Pinckney sich und gähnte. »Was ich mir mehr als alles auf der Welt wünsche, ist ein Bad und saubere Wäsche. Ich glaube, der Wagen in diesem Zug war ein umgewandelter Viehwaggon.«

Er nahm die Hand seiner Mutter. »Dann muss ich unbedingt bei Andrew vorbei. Wie geht’s ihm?«

Mary hielt Pinckneys Hand fest in der ihren. »Andrew geht’s gut, einfach prächtig«, sagte sie. »Er ist immer so froh und glücklich.«

»Ah ja«, sagte Pinckney ruhig. Er drückte die Hand seiner Mutter und zog seine dann zurück. »Lass uns nach dem Bade schauen.«

»Es ist bereitet, Mist’ Pinckney, in Mist’ Ashleys Zimmer«, sagte Georgina.

»Danke, Georgina. Und danke, Tante Julia. Solange ich denken kann, wollte ich immer einmal in Opas großem Bett schlafen.«

»Geh nicht weg.« Ein Jammern war zu hören.

Pinckney küsste seine kleine Schwester. »Ich bin ja bald wieder zurück, und dann lese ich dir auch eine Geschichte vor.«

Als er sein Bad beendet hatte und frisch angezogen war, fühlte sich Pinckney allem gewachsen, sogar einem Besuch bei Andrew. Seine Mutter hatte ihn über Andrews Unfall unterrichtet, und er hatte versucht, seinem Freund zu schreiben, aber er fand einfach nicht die richtigen Worte. Er hatte viele verwundete Männer, ja sogar Getötete gesehen, aber er hatte sich nie daran gewöhnen können. Und Andrew war sein bester Freund! Er füllte eine Silberdose mit dünnen Manila-Zigarren, ließ sie in die Tasche gleiten, die genau die richtige Größe dafür hatte, und rannte die Treppe hinab. »Ich bin bald wieder zurück«, rief er allen, die möglicherweise zuhörten, zu.

Pinckney pochte an die Vordertür des Hauses der Familie Anson und versuchte, sich an den Namen von Emma Ansons Butler zu erinnern. Als die Tür geöffnet wurde, weiteten sich seine Augen.

An eine Lavinia mit Zöpfen und unangenehmen roten Pickeln im Gesicht konnte er sich noch erinnern. Das jetzt vor ihm stehende Mädchen war atemberaubend schön. Leuchtendes Haar fiel von einem Punkt in langen Locken wie aus gesponnenem Gold herab. Es umrahmte ein herzförmiges Gesicht mit einer winzigen vorwitzigen Nase, vollen roten Lippen und weit auseinanderliegenden Augen, die die Farbe des Himmels an einem heiteren Wintertag besaßen. Ihre Haut war wie Porzellan und hatte mit Ausnahme der Stellen, an denen ein Anflug zarten Rosas ihre Wangen rötete, die Farbe von Milch. »Herein«, sagte sie und schritt mit einem Knicks zurück.

Pinckney trat in den Flur und verbeugte sich. »Lavinia? Frohe Weihnachten.«

Lavinia erhob sich und lächelte. Ein kleines, sichelförmiges Grübchen erschien in einem ihrer Mundwinkel. »Es ist schön, dich wiederzusehen, Pinny.« Sie sprach in einem weichen Flüsterton. »Andrew erwartet dich bereits. Ich führe dich nach oben.«

Pinckney folgte ihr die Treppen hoch und bemerkte, dass ihre winzige Taille in eine gazeähnliche Schärpe aus schillernden Seidenstreifen gehüllt war. Wenn sie zwei Stufen voraus war, war ihr Kopf auf der gleichen Höhe wie der seine. Jasminduft strömte aus ihrem Haar.

Sie glitt den Flur zu Andrews Zimmer mit raschelndem Rock entlang und öffnete dann die Tür. »Andrew, mein Liebling, Pinny ist da!« Als sie zurücktrat, drückte sie ihren Reifrock zusammen, um Pinckney Platz zu machen. Die Vorderseite ihres Kleides verschob sich nach oben und gab den Blick auf wallende, geschnürte Petticoats und kleine Samtpantöffelchen unter hübschen, in Seide gekleideten Knöcheln frei.

»Ach du liebe Güte«, rief sie aus und drückte ihren Rock nach unten. Dann rannte sie mit gesenkten Augenlidern davon, um ihre Verlegenheit zu verbergen.

Pinckney ließ sich in einen Stuhl fallen und schüttelte seinen Kopf. »Ich kann gar nicht glauben, dass das wirklich die kleine Lavinia war! Das letzte Mal, als ich sie gesehen habe, hatte sie noch ein Lätzchen um.«

Andrew kicherte. »Das letzte Mal, als du sie gesehen hast, hast du gar nicht richtig hingeschaut, Pinny. Es war auf meiner Hochzeit, und du warst viel zu sehr darum besorgt, die Pförtner nüchtern zu halten, bis wir zur Kirche kamen. Aber Lavinia hat dich durchaus wahrgenommen. Erinnerst du dich nicht daran, dass sie den Blumenstrauß auffing und dir eine Blume in dein Knopfloch steckte? Sie hatte bereits damals ein Auge auf dich geworfen.«

Pinckney lachte. »Natürlich, das verdammte Ding tropfte über den ganzen Mantel, den ich gerade neu bekommen hatte. Ich wollte ihr damals den Hals umdrehen. Ich habe nicht gemerkt, dass es Lavinia war.«

»Ich werde es ihr nicht erzählen. Es würde ihr das Herz brechen. Sie versucht, dich zu angeln.«

»Eher wie ein Amateurangler, würde ich sagen.«

»Na gut. Sag nicht irgendwann einmal, ich hätte dich nicht gewarnt.«

Pinckney lächelte. Dann wurde er ernst. Er blickte zur Tür, sah, dass sie fest verschlossen war, und zog dann seinen Stuhl näher an Andrews Couch heran. »Wie geht es dir wirklich, Drew?«

Andrew blickte auf seine Hände herab. Sie waren sorgfältig an der Oberseite seines wollenen Gewandes auf dem Schoß gefaltet. »Schmerzen habe ich nicht«, sagte er. Dann war er lange still. Er blickte zu Pinckney hoch. In seinen Augen lag keine Freude. »Du hältst mich vielleicht für verrückt, aber ich glaube, es wäre einfacher, wenn ich Schmerzen hätte. Dann wüsste ich, dass ich verletzt wurde. Ich vergesse das. Bei Gott, Pinny, ich wache morgens auf, die Sonne scheint, und ich liege in einem sauberen Bett statt in irgendeinem schlammigen Zelt und denke, was habe ich nur für ein Glück – wie im Urlaub –, und dann will ich gerade aus dem Bett springen ... und meine Beine bewegen sich nicht!

Es passiert immer wieder. Man sollte meinen, ich würde es lernen ... Es gibt nichts, gegen das ich ankämpfen könnte. Wenn ich irgendeinen Feind hätte, dann könnte ich ein Mann sein und ihn überwinden. Schmerz kann ich meistern. Aber so ... Nichts!« Seine rechte Hand ballte sich zur Faust, und er fing an, auf die toten Glieder unter seinem Gewand einzuschlagen.

»He, was soll das?« Pinckney ergriff Andrews Handgelenk. Einen grässlichen Moment lang kämpfte Andrew mit vor Wut verzerrtem Mund mit ihm. Dann entspannte er sich. Pinckney ließ Andrews Arm fallen. »Das war das erste Mal, dass du mich beim indianischen Ringkampf geschlagen hast. Versuchst du es noch einmal?«

Fünf Minuten später klopfte Lavinia sanft an die Tür und kam dann mit einem Tablett voller Gläser und einer Karaffe herein. Der Anblick der beiden Männer mit ihren ineinandergekrallten Händen, den geröteten Gesichtern und den angespannten Muskeln jagte ihr einen gehörigen Schreck ein. »Was machst du denn da?«, schrie sie. »Du tust Andrew weh!«

Die Männer hörten nicht auf sie. Lavinia rannte auf den Flur zurück, das Tablett immer noch in ihren Händen; die Gläser klingelten gefährlich aneinander. Als sie mit Lucy zurückkam, lag Pinckneys Arm flach auf der Couch. Andrews Hand hielt sie immer noch fest umschlossen und drückte sie auf das Rosshaarpolster. Sie grinsten sich an wie zwei junge Burschen. »Bist du dir sicher, dass ich dich nicht absichtlich habe gewinnen lassen?«

»Sei kein Dummkopf. Ich werde dich auch das nächste Mal schlagen.«

Bevor sie jedoch von neuem beginnen konnten, rannten die beiden Frauen auf die Couch zu. Lavinia schimpfte als Ersten Pinckney aus, ihre Grübchen traten dabei noch deutlicher hervor als sonst. Lucy tupfte Andrew mit einem mit Stickereien gesäumten Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

Ganz in der Tradition vollendeter Kavaliere gaben die Männer nach. Pinckney nahm Lavinia das Tablett ab und goss Whiskey in die Gläser. Andrew zwang sich Lucy gegenüber ein Lächeln ab. Die Farbe wich aus seinem Gesicht.

»Lucy«, sagte er, »du weißt doch, Männer können nicht saufen, wenn Damen im Raum sind.«

Lucy warf Andrew einen letzten ängstlichen Blick zu, dann scheuchte sie Lavinia aus dem Zimmer. Pinckney bot Andrew ein Glas an. Andrew leerte es und reichte es dann zurück, damit Pinckney es erneut füllen konnte.

»Sie werden mich noch totpflegen«, sagte er müde. »Sie nehmen mir die Luft zum Atmen.«

Pinckney stellte sein Glas ab. »Ich will immer noch Revanche. Noch einmal wirst du mich nicht so einfach schlagen. Es wird zwei zu eins enden.«

Andrew schüttelte den Kopf. »Vielleicht morgen. Wenn die Frauen aus dem Haus sind. Ich will Lucy nicht aufregen.« Sein Glas war wieder leer. Pinckney stellte die Karaffe auf den Tisch neben der Couch.

»Ich komme um vier herüber«, sagte er. »Wenn die Damen außer Haus sind, schick einen der Jungen her, damit ich davon weiß, dann werde ich dich schon kleinkriegen. Du musst mir wenigstens eine Gelegenheit geben, nachzuziehen.« Er zwinkerte Andrew zu und verließ den Raum. Wie er erwartet hatte, hielt sich Lucy vor Andrews Zimmer auf. Er verneigte und verabschiedete sich. Lucy brachte ein blasses Lächeln zustande, dann schlüpfte sie durch Andrews Zimmertür.

Pinckney blieb eine Weile am Tor vor Julias Haus stehen. Im Westen wurde der Horizont durch den Sonnenuntergang in ein tiefes Dunkelrot mit purpurfarbenen Streifen getaucht. Der Donner der Belagerung hatte am Nachmittag aufgehört, und eine überraschende Weihnachtsruhe war eingetreten. Es war sehr still. Er holte eine lange dünne Zigarre aus seiner Tasche und rauchte sie langsam auf. Ein Fenster nach dem anderen wurde hell, als die Bediensteten die Gaslampen in den Räumen anzündeten. Dann verengte sich die Helligkeit zu einem schmalen Streifen, und als die Vorhänge zugezogen wurden, verschwand sie schließlich ganz. Gebäude und Himmel lagen im Dunkeln. Pinckney schüttelte die niedergedrückte Stimmung von sich ab und ging hinein.

Heiligabend war eine ruhige Zeit für die Familie. Ein prasselndes Feuer aus Kiefernzapfen ließ die Funken in den Kamin schießen; Pinckney saß in einem tiefen Ohrensessel und hatte Lizzie auf seinen Knien. Mary, Julia und Stuart setzten sich hinzu.

Als jeder Platz genommen hatte, räusperte Pinckney sich und öffnete das in Leder gebundene Buch, das vor ihm auf dem Tisch neben seinem Stuhl lag.

»Es war die Nacht vor dem Heiligen Abend, und überall im Hause ...«

Als die Geschichte vorbei war, willigte Lizzie nach einigem Zögern ein, ins Bett zu gehen, damit der Nikolaus auch kommen konnte. Sie ging so langsam wie möglich von einem Erwachsenen zum nächsten, sagte jedem gute Nacht und machte ihren Knicks.

Als sie gegangen war, leerte Pinckney einen ganzen Korb voller Kiefernzapfen über dem Feuer aus, ging zu seinem Ohrensessel zurück und streckte seine langen Beine dem Feuer entgegen. Mary begann, ihm den ganzen Klatsch der zwei Jahre, die er weggewesen war, zu erzählen. Die gewölbten Seiten des Sessels warfen einen tiefen Schatten über ihn. Seine Augen fielen zu.

Stuart weckte ihn auf. »Mama hat gesagt, ich soll dich aufwecken! Du hast gerade noch Zeit genug, zu Abend zu essen, bevor wir zur Kirche gehen.«

»Wie spät ist es denn?«

»Bereits nach zehn. Die hast drei Stunden geschlafen. Wir haben schon angefangen und ohne dich gegessen. Tante Julia meinte, du hast etwas Ruhe nötiger als Essen.«

Pinckney stand auf und reckte sich. »Autsch! Ich habe einen steifen Hals. Und ich sterbe vor Hunger. Komm, erzähl mir ein wenig von dir, während ich esse.«

Stuart war begierig darauf, zu erfahren, wie es war, im Krieg zu kämpfen. Den Mund voller Hühnerfrikassee wehrte Pinckney seine Fragen ab und erzählte meist von den Pferden. Er aß rasch zu Ende, dann ging er nach oben und wechselte seine zerknitterte Kleidung.

Als Pinckney wieder herunterkam, standen alle in der Eingangshalle und waren bereit loszugehen. Lavinia stand dicht neben Mary. »Ich hoffe, dass ihr euch nicht daran stört, dass ich mich euch allen so aufdränge«, sagte sie. »Mama und Lucy bleiben bei Andrew, und da habe ich meine Cousine Mary gebeten, mit euch allen zur Kirche gehen zu dürfen. Es sieht nicht gut aus, wenn ich Jeremias auffordere, mich hinzubringen, jetzt, da nur einer von uns fährt.«

Die bischöfliche St.-Pauls-Kirche auf der Ann Street war hoffnungslos überfüllt. Als das Bombardement begann, hatte man auch die Gemeindemitglieder der Kirchengemeinden aus der Unterstadt zum Gottesdienst in diese Kirche eingeladen.

An diesem Heiligabend drängten sich die älteren Kirchgänger in die für die Familien bestimmten Sitzreihen. Die jüngeren Leute wurden auf die Galerien verbannt, wo sie sich den Platz mit den Sklaven teilten, für die die Galerien ursprünglich gedacht waren.

Nach dem Gottesdienst war die kalte Luft im Freien eine willkommene Erfrischung. Unmengen von Kerzen und die zusammengedrängten Menschen ließen es im Innern der Kirche unerträglich eng werden. Alle verweilten sie noch auf den Stufen und Wegen vor der Kirchtür und tauschten ihre Weihnachtsgrüße aus. Pinckneys Anwesenheit erregte große Aufmerksamkeit. Er gab Antwort auf die Fragen nach dem Verbleib von Söhnen und Ehemännern, die in den Krieg gezogen waren, und wusste Ermutigendes von der Lage in Virginia zu berichten. Etliche junge Damen drängten ihre Mütter dazu, sich doch durch die um ihn herum versammelte Menge hindurchzuschieben und nach Papa zu fragen. Sie waren überrascht und verärgert, als sie sahen, dass Lavinia neben ihm stand. Die junge Frau schenkte jedem ein bezauberndes Lächeln, blickte mit großen Augen zu Pinckney auf, während er sprach, und ließ ihre Hand ganz beiläufig einen Augenblick lang in einer schmetterlingshaften Berührung auf seinem Arm liegen. Es war so zart, dass Pinckney, ganz in die Unterhaltung versunken, es gar nicht wahrnahm.

Am ersten Weihnachtstag standen alle im Haus schon bei Tagesanbruch auf. Lizzie war ganz außer sich vor Aufregung. Ihre laute Stimme war überall deutlich zu hören. »Wann kann ich endlich hinunter, Georgina? War der Nikolaus schon da?« Die Erwachsenen lächelten und beeilten sich mit dem Anziehen.

Nachdem all die verräterischen Ausbuchtungen an den Strümpfen der Großen eine nach der anderen verschwanden und die Geschenke bis zur im vordersten Strumpfende versteckten Mandarine herausgenommen worden waren, gingen alle außer Lizzie zum Frühstück. »Ich füttere Miss Lizzie später«, sagte Georgina bestimmt. »Bevor sie nicht herunterdarf, wird sie nichts essen können.«

Eine klare, blasse Wintersonne fiel in steilem Winkel durch die hohen Fenster des Speisesaales. Das Sonnenlicht verfing sich im roten Haar des Mannes und des Jungen und ließ den Mahagonitisch in einem noch tieferen Rot aufglühen. Unter der Leitung von Elias bewegten sich, mit weißen Handschuhen bekleidet, Hausjungen in genau vorgeschriebener Reihenfolge und Bahn um den Tisch. Sie reichten die Servierschüsseln aus Silber und die flachen Schalen mit den Eiern herum – Rührei, Spiegelei, weich- und hartgekochte Eier, russische Eier –, ganze Türme aus knusprigem gebratenem Schinken, Reihen dicker Würstchen, ganze Haufen winziger süßer Krabben, Pyramiden aus gesottenen Austern und Berge aus glitzernd weißem Maisbrei. Vor jedem Gedeck befand sich auf jedem Platz ein bootförmiges Schüsselchen mit ziseliertem Rand. Die leinenen Servietten darin waren über einem Sortiment aus noch dampfend heißen gerösteten Semmeln, Heferöllchen und Buttermilchkeksen zusammengefaltet. Cremefarbene Käsekuchenteller, auf denen sich die Butter häufte, standen direkt daneben. Für Charleston war das ein durchaus normales Frühstück.

Während die Damen losplapperten, brüstete sich Stuart vor Pinckney mit seinem Heldenmut. Zusammen mit anderen Jungen aus Charleston, die noch nicht das Alter erreicht hatten, um in den Krieg zu ziehen, war Stuart nach der Schule dem neuen Artilleriebataillon der Konföderierten unterstellt worden, das auf der Sandbank im Fluss stationiert war.

»Das bedeutet jede Menge hirnloser Arbeit«, sagte er, und täuschte Bescheidenheit vor. »Wir überbringen Botschaften, schleppen Wasser, zählen Geschosse und Sandsäcke ab und so weiter. Wenn die Yankees es nämlich schaffen würden, eine ihrer Stellungen auf diese Seite des Waccamawbaches zu legen, dann könnten sie die Brücke der Straße nach Savannah in die Luft jagen. Um ihnen zuvorzukommen, müssen wir natürlich unsere Geschütze in dem Gebiet in Stellung bringen, wo sie es sonst versuchen würden.«

»Stuart, leg den Schinken wieder zurück und benutze gefälligst deine Gabel«, unterbrach Mary ihren Sohn. Stuart verzog sein Gesicht und gehorchte.

»Finger wurden vor der Gabel erfunden«, murrte er. Pinckney hielt sich die Serviette vor den Mund, um sein Lachen zu verbergen.

»Wie weit ist die Stellung von der Rennbahn entfernt?«, fragte er.

»Sie liegt direkt auf dem Gelände. Das Oval bietet Platz genug für die ganzen Nachschublieferungen; dort kann alles hingebracht und entladen werden, und auch Ställe für die Pferde sind ja schon vorhanden.« Stuart war ganz begeistert, als er den Scharfsinn der von General Beauregard vorgenommenen Änderungen beschrieb.

Pinckney hörte ihm kaum zu. Die Briefe seiner Mutter hatten ihm von den Zerstörungen in der Unterstadt berichtet, von den ausgebrannten Häusern und den scherbenübersäten Straßen, den Gärten, die dem Unkraut überlassen blieben; aber bis jetzt hatte er nicht den Eindruck gewonnen, Charleston sei eine ernsthaft in ihrem Lebensnerv getroffene Stadt. Gebäude konnte man wieder instand setzen oder neu aufbauen. Und Marys Wehklagen über das Fehlen von Festsälen machte auf ihn keinerlei Eindruck. Hier schien das Leben so wie immer abzulaufen. Die Veränderungen auf der Rennbahn jedoch waren für ihn nur schwer zu verdauen. Die Rennwoche war vor dem Krieg für ihn das allerwichtigste Ereignis in seinem Leben gewesen. Mit Feuereifer hatte er die Stärken der Tiere mit deren Eigentümern, die sogar aus Saratoga, England und Irland kamen, diskutiert. Und das Wettfieber war, obwohl seine Einsätze viel geringer waren als die der Älteren, aufregender als alles, was er sonst erlebt hatte, ja sogar spannender als die von seinem Vater arrangierten Besuche in dem vom Geruch teurer Parfums erfüllten Gebäude auf der Chalmers Street, das »nur für Herren« geöffnet war.

Bis jetzt hatte er nicht einen einzigen Pokal gewonnen, der einem der vielen Pokale seines Vaters glich. Er hatte große Hoffnungen in ein junges Fohlen namens Mary’s Pride gesetzt. Der Krieg hatte all diese Hoffnungen jedoch zunichte gemacht. Mary’s Pride war jetzt nur eines von Hunderten von Vollblutfüllen, die der Kavallerie der Konföderisten von den Bewohnern Charlestons übergeben worden waren, und es würde jetzt irgendwo in Virginia herumlaufen. Pinckney hatte es fertiggebracht, nicht darüber nachzudenken, was sich wirklich in Charleston abspielte. Jetzt stürzte es förmlich auf ihn ein. Der Krieg zerstörte genau das, was er, als er in den Krieg zog, vor einer Zerstörung zu bewahren gehofft hatte.

»Bist du so weit, Pinny?« Julias Stimme riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. »Die Leute werden nach dir verlangen!«

»Oh, sicher, Tante Julia.« Pinckney ließ seine Serviette auf den Tisch fallen und folgte den anderen in den Salon.

Das ganze Jahr hindurch hielten sich die Bewohner Charlestons mit einem konstanten Reigen von Zusammenkünften auf Trab. Man kam zusammen, um den frischen Müttern zu gratulieren, den jungen Brautleuten ihr neues Heim einzusegnen, das Neueste von den Kindern und Verwandten zu vernehmen, zu tratschen, gegenseitig die Gärten zu bewundern und sich seine Kümmernisse zu erzählen. Bevor man alljährlich aufs Land fuhr, kam man zusammen, um sich voneinander zu verabschieden. Kehrte man aus den Plantagen wieder in die Stadt zurück, wurde ebenfalls ein Treffen anberaumt, damit die Rückkehr publik gemacht wurde und die Ereignisse der Monate, die man außerhalb der Stadt verbracht hatte, diskutiert werden konnten. Jeder wusste genau, an welchen Tagen die einzelnen Familien »zu Hause« waren und Besucher erwarteten. Zu besonderen Zeiten wie beispielsweise an den Weihnachtstagen war dieses lebhafte Hin und Her von Besuchen und Gegenbesuchen weniger stark geregelt. Einige Leute schauten schon vormittags bei den anderen herein und empfingen ihre eigenen Gäste am Nachmittag. Andere gingen genau umgekehrt vor. Wenn jemand keinen antraf, dann ließ er seine Karte und handgeschriebene Weihnachtsgrüße zurück, und man war sich gewiss, dass dieser Brauch erwidert werden würde. Wenn nicht am gleichen Tag, so doch am Tag darauf oder an einem der folgenden Tage.

Für die Familie Tradd und Miss Ashley war es am Morgen des ersten Weihnachtstages üblich, Gäste zu empfangen. Drei Stunden lang gingen die Menschen ein und aus. Manchmal drängten sich mehr als dreißig Besucher im großen Salon, der aus zwei miteinander verbundenen Räumen bestand, nahmen ihren Tee ein, tranken Sherry oder aßen Käsegebäck. Ein wahres Stimmengewirr ertönte. Die Szene glich einem manierlichen Tollhaus, in dem die eigentümliche und für die Bewohner Charlestons charakteristische Aussprache der Vokale überall zu vernehmen war und aus der nur hin und wieder Pinckneys britischer Akzent herausstach.

Um halb drei gab es wie gewohnt das Mittagessen. Weil es Weihnachten war, durfte Lizzie gemeinsam mit den Erwachsenen essen. Es war jedoch nur ein kurzer Genuss für sie. Als Pinckney nämlich das Papier von ihrer Überraschungstüte zerplatzen ließ, hielt sie sich mit beiden Händen ihre Ohren zu und ließ den bewunderten großen Bruder nicht aus den Augen. Der Preis war ein Armband aus falschen Perlen, und er half ihr beim Anlegen. Seine Tüte enthielt ein dazu passendes Halskettchen. Als er ihr auch dieses gab, bedankte sie sich mit so viel Getöse, dass ihre Mutter drohte, sie auf ihr Zimmer zu schicken, wenn sie nicht sofort damit aufhörte. »Damen sagen ›Danke schön‹, Lizzie! Sie kreischen nicht los wie Eulen.«

Das Essen wurde fortgesetzt. Wie in Charleston üblich, konnte man bei jedem Gang zwischen verschiedenen Gerichten auswählen. Und wie immer gab es Reis; die Pflanze, auf der die Plantagenwirtschaft und der ganze Wohlstand beruhte. Jeder Einwohner Charlestons aß jeden Tag Reis, manchmal sogar zweimal am Tag.

Als die Hausjungen mit dem Soufflé erschienen, mit Obsttörtchen und Nusskuchen, schüttelte Pinckney verneinend den Kopf. »Meine Lust auf Süßes hebe ich mir fürs Abendessen auf«, sagte er. »Ich muss euch Damen sowieso noch wegen meines Zeitplanes um Rat fragen. Kann ich für morgen Abend mein Kommen auf dem Wandererball absagen?«

»Oh, keinesfalls!« Mary war unerbittlich. »Es ist der große Tag für Louise, und ich habe ihrer Mutter versprochen, dass du da sein wirst. Es sind einfach nicht genug Männer zum Tanzen da, und sie braucht dich, Pinny.«

»Nun, dann muss ich jetzt direkt in die Pflanzungen losreiten. Ich hatte eigentlich vor, das morgen zu tun, aber dann bin ich nie und nimmer rechtzeitig zum Ball zurück.«

Mary kam mit vielen dringenden Gründen, aus denen Pinckney ihr bei ihren vielen Nachmittagsverabredungen Gesellschaft leisten musste, aber Julias Stimme unterbrach sie.

»Hör auf, so dummes Zeug zu reden, Mary! Ich muss auch noch mit Pinckney reden.« Sie blickte auf die Klappe der Durchreiche. »Lass uns in die Bibliothek gehen. Da sind wir unter uns.«

In dem hohen, von Büchern gesäumten Raum setzte sich Julia hinter den mit Leder beschlagenen Sekretär und schloss eines der Schiebefächer auf. Pinckneys Bewunderung für seine Tante wuchs noch, als sie ihm die Dokumente zeigte, die sie dem Fach entnahm.

Es waren Quittungen und säuberlich geordnete Belege über alle Ausgaben, die Julia für Carlington, die Plantage der Familie Tradd, getätigt hatte. Pinckneys Tante erklärte ihm die wichtigsten Einzelheiten: Durch die Blockade des Hafens war es unmöglich gewesen, Tonnen von Reis zu verschiffen, die die Haupteinnahmequelle der Plantage darstellten. Die laufenden Kosten jedoch waren so hoch wie nie. »Alles in allem, Pinckney, lebst du von deinem Kapital. Bis zum heutigen Datum ist es mein Kapital. Wenn es nötig war, habe ich Eisenbahnobligationen verkauft. Hier ist eine Aufstellung über das, was du mir schuldest. Und eine schriftliche Vollmacht. Du musst mir vertrauen, dass ich deine Angelegenheiten ganz in deinem Sinne regele.

Ich habe bereits deinen Oberaufseher Ingram angewiesen, nächstes Jahr eine Reisernte ausfallen zu lassen. Ich mache das auch. Es ergibt einfach keinen Sinn, für eine Ernte anzupflanzen, für die es keine Verwendung gibt. Die Speicher sind schon fast alle voll. Außerdem sind deine Leute von all diesem Gerede über Freiheit infiziert. Probieren wir doch einmal aus, wie schnell sie es leid sind, dass es nichts zu tun gibt.«

Mit »deine Leute« meinte Julia die Sklaven von Carlington. Die Einwohner von Charleston benutzten das hässliche Wort »Sklave« nie. Sie zogen es vor, die schwarzen Männer und Frauen als eine Art Familienanhang anzusehen und über die Implikationen der Tatsache, dass ein Mensch Eigentum eines anderen Menschen war, hinwegzusehen. So war es immer gewesen. Man stellte das nicht in Frage.

Julia erzählte zum wiederholten Male die Geschichten von den Hausdienern, die besonderes Vertrauen genossen, und wegliefen, sobald das Bombardement begann. Sie zeigte keinerlei Gefühlsregung, aber Pinckney konnte ihre Angst spüren und verstehen. Die schwarze Bevölkerung in der Stadt war fünfmal so groß wie die weiße, und in den Plantagen kamen einhundert Schwarze auf einen Weißen. Die Angst vor einem Sklavenaufstand war immer vorhanden, obwohl keiner sie laut äußerte. In der Geschichte Charlestons war es zweimal zu Sklavenaufständen gekommen, und beide Male wurde er nur unter großen Verlusten bei beiden Rassen niedergeschlagen. Viele der Familien mit französischen Namen waren vor den blutigen Massakern in Haiti nach Charleston geflohen. Es gab einfach Dinge, an die man besser nicht denken sollte.

»John Ingram macht seine Arbeit gut und führt den Platz während deiner Abwesenheit, Pinny. Er schaut nach den Ernten und schickt uns Boote mit einer Menge Nachschub. Mein Aufseher macht dasselbe auf meinem Landgut. Ich habe Ingram alles geschickt, was er brauchte, um deinen Leuten ihre Weihnachtsgeschenke auszuteilen. Es ist gar nicht nötig, dass du nach Carlington gehst.«

Pinckney machte Einwendungen. Er konnte sich noch lebhaft daran erinnern, wie er mit seinem Vater von Hütte zu Hütte geritten war, mit jedem der Bewohner geredet hatte, die heranwachsenden Kinder bewunderte, ein offenes Ohr für die Beschwerden gehabt und bei Erfolgen Glückwünsche ausgesprochen hatte. »Es gibt keinen besseren Dünger als den Stiefel des Besitzers«, sagte er.

Julias Nasenflügel bebten. »Nun, dann bleib dabei, wenn du es dir in den Kopf gesetzt hast. Aber dann kriegt deine Mutter einen Anfall.«

»Tante Julia, das ist nicht fair.«

»Aber nichtsdestoweniger wahr.«

Pinckney zuckte geschlagen mit den Schultern. »Wo hast du es eigentlich gelernt, eine so gute Geschäftsfrau zu sein?«, fragte er und wechselte damit in sichereres Fahrwasser.

»Bei deinem Großvater. Als deine Mutter geboren wurde, erzählten ihm die Ärzte, dass er nicht auf einen Sohn hoffen dürfe. Da hat er mir all das beigebracht, was sonst ein Sohn hätte lernen müssen. Als er starb und mir sein Erbe hinterließ, lernte ich durch das, was ich tat. Es war nicht schwer. Ich hatte immer einen guten weißen Aufseher. Und dann hatte ich immer Jesajah, der noch mehr weiß als der Aufseher. Beiden habe ich meine schriftlichen Instruktionen gegeben.«

»Wie? Jesajah kann doch gar nicht lesen.«

»Natürlich kann er das. Ich habe ihm Lesen und Schreiben beigebracht. Man kann sich auf ihn mehr als auf irgendjemand anderen verlassen. Außer vielleicht auf Salomon, meinen Zimmermann. Aber auch ihn habe ich ausgebildet. Er berichtet mir, in welchem Zustand sich die Gebäude befinden.«

»Aber Tante Julia, es ist gegen das Gesetz, einem Schwarzen das Lesen beizubringen.«

Julia lachte selten; jetzt war einer dieser seltenen Momente. Ihr Lachen klang wie ein Bellen. »Mein lieber Neffe«, sagte sie, »was haben die Gesetze mit mir zu tun? Ich bin eine aus der Familie der Ashleys ... und du einer aus der Familie Tradd. Jetzt, da dein Vater nicht mehr ist, bist du das Familienoberhaupt. Du solltest allmählich anfangen, dich auch entsprechend zu verhalten, und nicht länger so tun, als seiest du ein sorgloser, ungebundener Junge.«

»Ich will ehrlich sein, Tante Julia. Es macht mir Angst. Dein Landgut, Ashley Barony, ist zehnmal so groß wie Carlington. Dir macht es nichts aus, die Verantwortung dafür zu tragen. Ich bin mir dagegen nicht so sicher, dass ich es schaffen werde.«

Julia fingerte nach den Papieren auf dem Sekretär. »Du wirst es schon hinkriegen«, sagte sie platt. »Zum einen bist du ein Mann, und die Leute werden es nicht wagen, dich wie einen Idioten zu behandeln. Zum anderen kannst du von mir jede Hilfe bekommen, die du nur brauchst. Sofern du das möchtest.«

Pinckney hob eine ihrer Hände und küsste sie. »Ich bin dir sehr dankbar«, sagte er. »Wo haben wir den Federhalter? Ich werde eine Zahlungsanweisung auf deinen Namen ausstellen und die Vollmacht unterschreiben, bevor du es dir anders überlegst.«

4

Mary war außer sich vor Freude, als Pinckney ihr erzählte, dass er zu ihrer freien Verfügung stünde und sie zu allen Anlässen begleiten würde. Der Zeitplan war zu dieser Jahreszeit so voll gepackt wie immer. Weil die großen Ballsäle in den Klubhäusern alle in der Unterstadt lagen und daher unerreichbar waren, ließen die Leute ihr Mobiliar aus den Salons und Speisesälen sowie den Eingangshallen herausschaffen, damit die von den einzelnen Klubs unterstützten Orchester jede Nacht bei irgendjemandem privat zum Tanz aufspielten. Sally Brewton, die mit ihren Verwandten auf der Elizabeth Street wohnte, hatte zum Silvesterabend dreihundertfünfzig Leute geladen. »Sie hat jeder alleinstehenden Seele dieser Stadt ihre Einladung geschickt«, meinte Mary bewundernd. »Wo bringt sie sie nur alle unter?«

»Solange Sally nichts von ihrem begnadeten Lebensgefühl verloren hat, Mama, schafft sie das mit links. Das Problem mit meinen Tanzschuhen ist im Augenblick viel wichtiger. Sie haben ein Loch.«

»Mach dir darüber keine Sorgen. Elias kann sie flicken. Er kann das Leder von einem der Einbände der staubigen Schinken in der Bücherei nehmen.«

Pinckney lachte.

»So weit zu Aristoteles«, sagte er später und berichtete Andrew von dem Gespräch der beiden Frauen. »Ich bewundere meine liebe Mama, aber sie hat so viel Hirn wie ein Floh.«

»Nun, du möchtest bestimmt nicht, dass eine Frau zu schlau ist. Deine Mama ist so hübsch, wie sie als junges Mädchen war, und das ist es, was zählt. Es ist kein Wunder, dass Miss Julia unverheiratet geblieben ist.«

»Ich glaube, du hast ganz recht. Ich will dir aber dennoch so viel verraten: Nach nur einem einzigen Tag daheim mit den Frauen kann ich wirklich nur dasselbe empfinden wie du. Willst du einen kleinen Toddy?«

»Einen großen Toddy, mein Freund! Ich habe Lavinia gesagt, sie soll uns eine Karaffe und einige Gläser vernünftiger Größe hier lassen. Da es für dich sein sollte, war sie gefügig wie ein Lamm.« Pinckney goss vier Fingerbreit Whiskey in jedes Glas, reichte eines davon Andrew und warf sich in seinen Sessel.

»Ah, das tut gut«, sagte er.

»Schmeckt nach mehr«, erwiderte Andrew. Im Verlauf der Woche wurden diese beiden Sätze zu einer Art Ritual, mit dem Pinckneys tägliche Besuche eingeleitet wurden. Beide Männer brachten es dabei fertig, weder an Andrews nutzlosen Körper noch an die hohe Wahrscheinlichkeit, dass Pinckney getötet oder verkrüppelt werden würde, wenn er wieder zurück in die Schlacht zog, zu denken.

Die Frauen nahmen durchaus den stets gegenwärtigen Geruch nach Whiskey wahr, aber sie machten sich ebenfalls keine Gedanken über die Hintergründe. Die Männer aus den Südstaaten tranken eben. Den feinen Herrn erkannte man hier daran, dass er sich nicht übergab, wenn er viel getrunken hatte.

Auch Pinckneys Rolle als galanter Begleiter der Damen tat der Trinkerei keinen Abbruch. Jeden Nachmittag führte er seine Mutter zu einem Tee-Empfang; jeden Abend ging er mit ihr auf eine Tanzveranstaltung. Manchmal wurden sie auch von Julia begleitet. Häufiger war es jedoch Lavinia, die fragte, ob in der Kutsche noch Platz für sie wäre. Ihre leicht zu durchschauenden Annäherungsversuche waren für Andrew ein willkommener Anlass, seinen alten Freund zu necken. Er äußerte Pinckney gegenüber auch, dass er ihm aufrichtig dankbar dafür sei, dass er die Rolle des Ersatzvaters und des großen Bruders zugleich spielen konnte.

»Sei bloß still, ja? Das ist eine gute Übung für die Zeit, wenn Lizzie einmal größer wird.«

Lavinia verzog schmollend ihren Mund. Sie bewegte sich auf Zehenspitzen von Andrews Zimmertür weg, an der sie gerade gelauscht hatte. In ihrem Zimmer warf sie sich schluchzend auf ihr Bett.

Am Silvesterabend unternahm Pinckney einen hoffnungslosen Versuch, seine Mutter doch noch dazu zu bringen, nicht auszugehen. »Ich muss doch morgen wieder los, Mama, und ich würde die restliche Zeit, die noch bleibt, viel lieber im Kreise der Familie verbringen.«

»Aber Pinny! Sally Brewton gibt doch eine Party!«

Pinckney zuckte mit den Achseln. Als er auf sein Zimmer ging, um sich umzuziehen, hatte er die Karaffe dabei.

Sally Brewton erfüllte immer die in sie gesetzten Erwartungen. Als ihre vielen Freunde im Hause der Verwandten, bei denen Sally zurzeit lebte, eintrafen, wurden sie durch die Empfangshalle zu einer Hintertür geführt. Dort entdeckten sie einen langen, mit übereinandergelegten Perserteppichen ausgekleideten Fußweg. Bedienstete in Livree säumten ihn und hielten brennende Fackeln hoch, um so den Weg zum Kutschenplatz und zu den Ställen zu beleuchten. Sally stand mit ihren Verwandten, einem älteren Paar, das den verwirrten Eindruck von Menschen machte, die eine verheerende Katastrophe überlebt hatten, hinter dem Eingang des Stalles.

Dort war es einladend warm. In den zwei riesigen Kaminen, die in die beiden Außenmauern des Gebäudes eingelassen waren, flackerten helle Feuer. Die Innenwände des Stallgebäudes waren frisch gekalkt. Zwei Pfostenreihen zogen sich durch die Mitte des lang gestreckten Gebäudes. Sie waren mit Girlanden aus immergrünen Stechpalmzweigen und Efeuranken geschmückt. Die Unterteilungen in die einzelnen Stallungen existierten nicht mehr, und dort, wo sonst die Pferde schliefen, waren jetzt mit Brokat überzogene Sessel und Sofas gruppiert worden. Die Heurechen aus Metall an den Längswänden waren mit unzähligen leuchtend roten Poinsettias bedeckt. Überall auf den Tischen steckten rote Kerzen in den großen Kerzenleuchtern aus schwerem Silber, auch die Fußböden glühten im dunklen Rot orientalischer Teppiche.

Das angrenzende Gebäude, eigentlich als Unterstellplatz für die ganzen Fuhrwerke gedacht, hatte sich in einen märchenhaften Ballsaal verwandelt. Sechs riesige, in Gold gefasste Spiegel hingen an jeder Mauer. Sie warfen das glänzende Licht der vergoldeten Kerzen in den vier Kristalllüstern zurück, die von den über ihnen spitz zusammenlaufenden Balken herabhingen. Zwischen den Spiegeln waren die Wände mit Malereien von blühendem, sich emporrankendem Wein bedeckt. An den Balken der Dachkonstruktion kletterten Winden hoch und setzten die geschwungenen Bewegungen der Rankenbilder nach oben hin fort. Ganze Trauben aus Gardenien verströmten einen betörenden Duft. Der Fußboden aus roten Ziegelsteinen war grün angemalt worden und mit mehreren Schichten Wachs bedeckt. Der ganze Raum wirkte so wie mit Smaragden gepflastert.

In einer Ecke spielte ein Orchester. Die Musikanten waren durch eine Wand aus blühenden Zierkiefernzweigen vor jedem Blick geschützt, so dass die Musik wie durch einen Zauber aus der Luft zu dringen schien. In den anderen drei Ecken des Gebäudes waren die Tische mit Speisen und Getränken aufgestellt. Sie bogen sich förmlich unter ungeheuren Eiskübeln, aus denen die mit Goldfolie umwickelten Hälse der Champagnerflaschen herauslugten. Die Kellner, die die Tabletts mit den Gläsern herumreichten, trugen weiße Kniehosen und einen grünen Frack aus Satin im gleichen Farbton wie der Boden.

Sallys Gäste waren überwältigt. Die Gastgeberin freute sich über die Komplimente, wies jedoch Anschuldigungen, dies sei alles zu verschwenderisch, zurück. »Meine Lieben, ich hatte keine andere Wahl. Als ich aus der Unterstadt wegziehen musste, bin ich noch einmal durch das Dachgeschoss des Gebäudes in der King Street gegangen und habe dort all diese Dinge gesehen, die jetzt hier angehäuft sind. Ich konnte sie einfach nicht dalassen. Stellt euch nur vor, eine Kanonenkugel hätte diese ganzen Spiegel zerschmettert! Dann hätte ich für immer Pech gehabt! Und diese Ballen aus grünem Satin – ich weiß gar nicht, welche Großmutter von Miles die gekauft hat, selber könnte ich damit jedenfalls nichts anfangen. Die Farbe ist mir viel zu auffällig. Ich habe nur so zum Spaß ein klein wenig davon genutzt.« Und Sally hob den Saum ihrer blassroten Seidenröcke ein wenig hoch, so dass man die Spitzen ihrer hellen Satinpantöffelchen erkennen konnte.

Der märchenhafte Festsaal bescherte allen einen zauberhaften Abend. Jeder tanzte. Als der Ball eröffnet wurde, führte General Beauregard selbst Sally zum ersten Tanz, und es hatte den Anschein, als habe er alle ihm unterstehenden Offiziere mitgebracht. Das erste Mal seit Kriegsbeginn waren so viele Männer da, dass jede Frau einen Tanzpartner hatte. Den Mädchen wurde schwindlig vor Aufregung, als gleich mehrere Männer darum baten, ihre Namen auf die Tanzkarten zu schreiben. Als sich der erste Ansturm gelegt hatte, konnten sogar die Mütter und Großmütter noch etwas erleben! Siebzigjährige Frauen fanden sich auf der Tanzfläche wieder und drehten sich zu den Klängen der neuesten Walzermelodie.

Pinckney verfolgte das Schauspiel aus einer Ecke heraus, die Champagnerflasche in Reichweite. Mitten im zweiten Walzer gesellte sich ein entfernter Verwandter, Bill Ashley, zu ihm. Pinckney kannte ihn kaum; Bill war acht Jahre älter und hatte ihn bisher nie beachtet. Pinckney war sehr erfreut, als Bill ihn ansprach. »Ruhst du dich eine Runde aus?«

»Ich ruhe mich die ganzen Runden aus. Nach der letzten Woche ist es mir durchaus willkommen, nicht tanzen zu müssen.«

Bill grunzte. »Das kann ich nicht sagen. Ich bin erst heute heimgekommen und komme gar nicht mit dem Mädchen, auf das ich es abgesehen habe, ins Gespräch. Wer sind überhaupt all diese Uniformierten?«

Pinckney grinste. »Wer weiß? Meine charmante, unbesonnene Mama, die nicht so dumm ist, wie sie aussieht, hat eine Theorie dazu entwickelt. Sie glaubt, dass Sally Brewton General Beau weismachte, er dürfe nicht kommen, solange er nicht auch jeden Mann, der unter seinem Kommando steht, ebenfalls mitbringt. Ob der General nun ein Held ist oder nicht, mag dahingestellt bleiben – jedenfalls wagte er es nicht zu widersprechen. Mrs. Beau würde ihn nicht mehr nach New Orleans lassen, wenn er nicht die Gelegenheit ergreifen würde, eine von Sally Brewtons Partys zu besuchen.«

Bill verschluckte sich beinahe an seinem Sekt. »Da hat sie wahrscheinlich recht«, prustete er. »Als ich neunundfünfzig in Paris war, war doch das Erste, was mich die Leute fragten, ob ich Sally Brewton kennen würde. Als ich ja sagte, standen mir alle Türen offen.«

»In London war es genauso. Lass uns auf unsere gute Sally anstoßen!« Die Männer prosteten sich zu, leerten ihre Gläser und sahen sich nach neuen Getränken um.

Um halb elf machte das Orchester eine wohlverdiente Pause, während die Gäste ihr Abendessen in den ehemaligen Stallungen einnahmen. Pinckney suchte gerade Mary und Julia, als ihn jemand am Ärmel zog.

Es war Lavinia. »Pinny, könnte ich mich bitte einen Moment zu dir und Cousine Mary setzen? Ich tanze gern mit all diesen Fremden, aber ich weiß gar nicht, worüber ich mich mit ihnen beim Abendessen unterhalten soll, und ungefähr zwanzig von ihnen debattieren gerade darüber, wer nun die Ehre haben soll, mit mir zu speisen.

Lavinias zu ihm aufschauendes Gesicht wirkte so ungemein jung. Das Blut war ihr in die Wangen geschossen; eine kleine Locke ihres Haares war dem kunstvoll auf ihrem Kopf aufgetürmten Gebilde aus Ringellöckchen entglitten und klebte an einer feuchten Stelle ihres weißen Halses. Auch auf ihrer Oberlippe konnte man winzige Schweißtröpfchen erkennen. Pinckney lächelte. »Aber natürlich«, sagte er, »doch muss ich dich zunächst noch etwas erfrischen.« Er tupfte ihr das Gesicht mit seinem Taschentuch ab, dann bot er ihr seinen Arm.

Sogar Julia hatte das Tanzbein geschwungen, obwohl sie sehr schnell kundtat, dass keiner der Offiziere irgendjemand war, der in der Stadt bekannt war. Mary war genauso aufgekratzt wie Lavinia und plauderte mit ihr, als ob sie beide gleichen Alters wären. Pinckney beschwichtigte die Damen und konzentrierte sich vor allem darauf, dass sein Glas immer rechtzeitig nachgefüllt wurde. Als die Musik wieder erklang, forderten die Herren erneut die Damen zum Tanz auf. Zwei fremde Offiziere aus Beauregards Truppe näherten sich Pinckney. Sie stellten sich ihm vor. Als Pinckney aufstand und sich verbeugte, beobachtete Julia ihn ganz genau, aber seine Haltung blieb vollendet.

Auch als alle wieder im Ballsaal waren, blieb Pinckney in den Stallungen. Ein Kellner stellte eine Flasche Champagner neben ihm auf den Tisch. Zwanzig Minuten später war sie leer. Pinckneys Ellbogen ruhte neben der Flasche; er war sehr müde geworden. »Viel zu heiß hier drin«, sagte er laut. Er erhob sich und ging leichten Fußes in den Ballsaal. Auf der gegenüberliegenden Seite sah er seine Mutter in lebhafter Unterhaltung mit General Beauregard. Er drängte sich durch die Tanzenden, um sich zu ihnen zu gesellen.

Lavinia hatte beim Tanzen die Tür nicht aus den Augen gelassen. Als sie Pinckney erspähte, wurde ihr Lächeln noch strahlender, und auch ihre Grübchen waren noch deutlicher zu sehen. Er hatte jedoch keine Augen für sie. Lavinia blickte finster, dann machte sie wieder ein freundliches Gesicht. Sie musste doch hübsch aussehen! Und sie musste es irgendwie schaffen, dass er sie beachtete! Morgen würde er wieder abreisen, und dann wäre ihre Chance, ihn auf sie aufmerksam werden zu lassen, unwiederbringlich vertan. Sie hatte es ja immerhin schon fertiggebracht, jeden Tag, den er zu Hause verbrachte, in seiner Nähe zu sein, aber noch immer sah er in ihr nichts anderes als Andrews kleines Schwesterchen. Merkte er denn gar nicht, dass sie erwachsen geworden war? Sie musste es ihm einfach zeigen, und sie würde es ihm schon beweisen! Ihre Wangen röteten sich vor Aufregung, ihre Augen blitzten vor Ärger.

Pinckney kam näher und wollte gerade ohne ein Wort an ihr vorübergehen. Lavinia blickte ihren Partner mit einem gekonnten Augenaufschlag an und lächelte gewinnend.

»Ich muss sagen, Miss Anson, Sie sind die hübscheste Frau, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe«, sagte der etwas schwerfällige Junge aus Tennessee, der mit ihr tanzte. Zu seinem großen Erstaunen zog ihn Lavinia am Arm und drehte ihn herum. Ihr Körper war dabei eng an den seinen gepresst.

»Das darfst du nicht sagen«, sagte sie laut, »und drück mich nicht so an dich. Lass mich los.« Die Worte versagten ihr, und sie begann zu schluchzen.

Der Junge fühlte, wie ihn eine harte Hand fest an der Schulter packte. »Hände weg, Soldat«, ertönte eine tiefe Stimme hinter ihm. »So gehen wir hier nicht mit Damen um!« Lavinia schob ihn zur Seite; der junge Mann wandte sich zu Pinckney um.

»Ich habe doch gar nichts getan, Mister. Dieses kleine Mädchen hat mich plötzlich wie aus heiterem Himmel gepackt ...«

»Ruhe! Sie sollten die Ehre dieser Dame nicht weiter besudeln, indem Sie ihr hier eine Szene machen. Entschuldigen Sie sich und überlassen Sie die Dame mir.« Pinckney zwang sich zu einem grimmigen Lächeln, damit es so aussah, als führe er ein freundliches Gespräch mit dem jungen Herrn.

Doch der Junge zeigte sich nicht im Geringsten einsichtig. Mit der Kampfbereitschaft eines Frontsoldaten bellte er los: »Ich muss mich wegen überhaupt nichts entschuldigen, und das kann mir auch kein hochtrabender Dandy befehlen!«

Pinckneys Blick verfinsterte sich. »Sie haben meine Cousine beleidigt, und jetzt beleidigen Sie mich. Ich fordere Sie zum Duell!«

»Sagen Sie mir Ort und Zeit!«

»Ein Freund von mir wird Ihnen die Einzelheiten vor Ablauf einer Stunde unterbreiten.«

Lavinia beobachtete die Szene. Sie atmete schnell und flach. Pinckney ergriff ihren Arm und führte sie zu Mary.

»Guten Abend, Sir«, begrüßte er den General. »Ich hoffe, ihr vergebt mir, dass ich mich so einfach in euer Gespräch einmische, aber meiner Cousine ist ein wenig schwindlig von all dem Gedränge hier, und ich dachte, meine Mutter wüsste vielleicht am besten, wie man ihr helfen könnte.«

Lavinia ließ sich gegen Pinckneys Arm sacken. »Mein armes Kind«, wimmerte Mary, »komm, nimm meinen Fächer! Ich habe etwas Riechsalz in der Tasche. Pinny, such einen Stuhl für sie.«

General Beauregard streckte seine Hand weithin sichtbar in die Höhe. Sogleich erschien sein Adjutant und wurde nach einem Stuhl fortgeschickt. Keine Minute später war Lavinia von einer Gruppe besorgter Menschen umringt. Pinckney schlich sich davon, um Bill Ashley zu finden.

»Ich brauche einen Sekundanten«, sagte er zu ihm. »Wenn du ablehnst, bin ich dir allerdings nicht böse.«

»Werd nicht albern! Natürlich übernehme ich das. Wer ist es? Wenn es einer der Fremden hier sein sollte, ist es mir eine besondere Ehre.«

Während Bill mit einem Freund des Jungen aus Tennessee die notwendigen Vorbereitungen für das Duell traf, brachte Pinckney Lavinia und Julia nach Hause. Es war eine schweigsame Fahrt.

Julia zeigte ihr Missfallen durch ihre streng zusammengekniffenen Lippen. Lavinia war von den Ergebnissen ihres unüberlegten Verhaltens so eingeschüchtert, dass sie gar nichts sagen konnte. Pinckney wurde von einem dumpfen Kopfschmerz geplagt, der sich nicht verjagen ließ.

Als er auf dem Ball wieder zu seiner Mutter zurückkehrte, hatte er gehofft, dass der ganze Vorfall unbemerkt geblieben war. Seine Hoffnungen waren jedoch trügerisch. Alle Köpfe drehten sich sofort zu ihm hin, als er das Gebäude betrat, dann wurden sie schnell wieder zurückgedreht, damit der Eindruck des Unbeteiligtseins gewahrt blieb. Als er ging und Sally Brewton seine Ehrerbietung erwies, durchbrach Sally alle Regeln des Protokolls und raunte seinem gebeugten Kopf ein »Viel Glück!«, zu.

Kaum fuhr die Kutsche an, als Mary loszureden begann. »Mama, bitte!«, flehte Pinckney, »ich habe fürchterliche Kopfschmerzen!«

»Dann solltest du ein wenig schlafen«, war Marys Kommentar. »Obwohl ich kaum annehme, dass dir das groß hilft. So ein Landjunge wie der weiß wahrscheinlich nicht besser über Pistolen Bescheid als über Schuhe.

Pinny, du musst mir ganz genau berichten, was geschieht. Es ist ja alles so fürchterlich aufregend! Und dabei so romantisch! Ich dachte nicht im Traum daran, dass du Lavinia wirklich den Hof machen würdest. Kannst du deinen Urlaub verlängern, oder kommst du zur Hochzeit erneut heim? Lass uns gleich, wenn wir nach Hause kommen, in meinem Schmuckkästchen nachschauen und einen Ring für sie auswählen. Ich glaube, ein Saphir dürfte das Beste für sie sein, nicht wahr? Das passt so gut zu ihrem hellen Haar. Es ist schade genug, dass ihre Augen eine so wässrige Farbe haben. Der Saphir könnte vielleicht die Augen noch blasser wirken lassen. Ich sage wohlgemerkt nichts gegen Lavinia, wenn ich ihre Augen erwähne. Lavinia ist ein hinreißendes Mädchen, und sie gehört ja auch schon fast zur Familie.«

Pinckney konnte es kaum ertragen. Er dachte auf die gleiche Art an Lavinia, wie er auch an Lizzie denken würde. Marys Monolog ließ ihm jedoch seine Lage bewusst werden. Lavinia war nicht seine Schwester, sie war auch kein Kind mehr. Nur ihr Bruder oder ihr Vater oder ihr Ehemann besaßen das Recht, sich wegen einer Dame zu duellieren. Als er den jungen Burschen aus Tennessee herausgefordert hatte, hatte er gleichzeitig damit kundgetan, dass er Lavinias Beschützer war und in den Stand ihres künftigen Ehemannes zu treten gedachte. Nach geltendem Ehrenkodex musste er sie jetzt heiraten.

Wenn er überlebte, hieß das. Pinckney wusste im Gegensatz zu seiner Mutter sehr wohl, dass die Männer aus den Bergen von Tennessee einen sehr guten Ruf als Scharfschützen besaßen.

5

Das Duell begann. Das fahle Licht des beginnenden Tages ließ keine Farben entstehen; alles war grau in grau. Der breite, sich langsam dahinwälzende Fluss wirkte metallisch und verschwommen und war zwischen den dünnen grauen Schwaden des Morgennebels hindurch kaum zu erkennen. Ein paar Nebelfetzen krochen vom Fluss zum Ufer hoch, wo sie die Füße und Knöchel der dort stehenden Männer einhüllten und mit dem Grau ihrer Uniformhosen verschmolzen. Von den dicken Ästen der Eichen über ihren Köpfen hing dichtes, feuchtes Moos herunter. Die beiden Sekundanten standen nahe zusammen und sprachen ruhig miteinander. Nichts bewegte sich. Die ganze Szene hätte auch ein Kupferstich sein können.

Pinckney dachte an den Tod. Es wäre nicht das fürchterlichste Ende; ein glatter Schuss ins Herz oder durch den Kopf, und sein Körper würde auf das weiche Gras sinken. Er verglich es mit dem Tod auf dem Schlachtfeld, dem Tod, wie er ihn dort mit ansehen musste, mit den übereinanderliegenden, gewundenen Körpern von Menschen und Tieren; das Blut sickerte in den dicken rötlichen Lehmboden Virginias; die Schreie der Männer beraubten sie der Würde, mit der sie dem, was nach dem Grabe auch immer auf sie wartete, entgegentreten sollten. So viele Männer hatte er sterben sehen – seinen Vater, alte Jugendfreunde, neue Freunde, die er in jenem Frühling kennen gelernt hatte, als die besten und mutigsten Männer siegesgewiss mit flatternden Bannern losgezogen waren.

Pinckney wusste es jetzt, es würde keinen Sieg geben. Sie würden weiterkämpfen und ihr Blut lassen und sterben, bis keiner mehr übrig war; und dann erst würde der Krieg vorbei sein. Die Welt, wie er sie kannte, war sowieso schon am Ende, trotz der Oase, die Julias geordneter Haushalt darstellte.

Plötzlich wurde ihm ganz anders. Eiskalter Schweiß saß ihm an Schläfen und Genick. Er hatte sich gerade damit abgefunden, sterben zu müssen, aber plötzlich konnte er den Gedanken an den morastigen Schlamm Virginias in Mund und Nase nicht mehr ertragen. Seine ganze Seele lechzte nach der reichen schwarzen Erde aus den Ebenen seiner Heimat. Dunkel war sie, wie es sich für ein Grab gehörte, und sie roch süßlich nach dem sanften Zerfall, der Ruhe und Frieden verhieß.

Eine plötzliche Bewegung ließ ihn hochschrecken. Bill Ashley watete durch den Dunst zu ihm hin, hielt das offene Behältnis mit der verbleibenden Pistole vor sich. Hinter Bills Kopf versprachen die ersten Tupfer eines leichten Orange am Horizont den heraufziehenden Tag. Während Pinckneys Blick auf Bill ruhte, wärmte ein weicher, pfirsichfarbener Farbton den auf dem Fluss wallenden Nebel. Der Zauber des Morgenlichtes fiel auf das schwarze Gestrüpp an Pinckneys Seite und verwandelte es in das satte Dunkelgrün eines Kamelienbusches, der über und über mit weniger dunklen Schatten übersät war, die bei Sonnenaufgang juwelengleich funkelten und deren sattrote Blütenblätter und goldfarbene Staubfäden sich dann deutlich vom Rest der Umgebung abhoben.

Pinckney schüttelte seine düsteren Gedanken von sich ab und schämte sich der Schwäche, die von ihm Besitz ergriffen hatte. Verdammt, er war zwanzig Jahre jung. Der Tod musste schon ganz schön schnell sein, wenn er ihn erwischen wollte. Er überprüfte mit fachmännischem Blick, ob seine Pistole geladen und somit schussbereit war. Es war schließlich nicht sein erstes Duell. Seine Freunde und er hatten seit ihrem siebzehnten Lebensjahr Streitigkeiten um die »Ehre« auf diese Weise ausgetragen, aber seine Freunde hatte man dieselben Regeln gelehrt wie ihn; die feierliche Zeremonie endete immer damit, dass man ganz züchtig aufeinander feuerte, aber niemals traf. Von diesem Unbekannten konnte man ein solches Schaustück nicht erwarten. Hier ging es um Leben und Tod; zwei Männer trafen aufeinander, keine unreifen Jungs. Als er seinen Platz einnahm, grinste er vor jugendlichem Übermut.

Seine offensichtliche Freude machte den jungen Burschen auf der anderen Seite so nervös, dass er aufs Geratewohl losschoss und seinem eigenen Sekundanten den Hut vom Kopf holte. Pinckneys Geschoss streifte den Jungen an der Schulter, und genau das hatte Pinckney auch gewollt. Er lachte ausgelassen und holte das kleine Fläschchen Brandy aus seiner Tasche, um mit allen seinen Sieg zu feiern.

Das Zusammensein war so angenehm, dass Pinckney beinahe seinen Zug verpasst hätte. Er hatte kaum noch Zeit, bei Julia einzukehren, sein Gepäck zu holen und sich zu verabschieden und bei der Familie Anson Andrew ganz offiziell um die Hand seiner Schwester zu bitten. Lavinia war noch dabei, sich zu entscheiden, welches Kleid wohl am angemessensten sein würde, als sie hörte, wie die Haustür hinter Pinckney zuschlug. Sie lief zum Fenster und schob es hoch.

»Pinny!« Er drehte sich um und warf ihr einen flüchtigen Kuss zu. Dann war er verschwunden. Lavinia blieb am Fenster stehen, mit offenem Mund, bis die feuchtkalte Luft sie daran erinnerte, dass sie nur ein schimmerndes Unterkleid am Leib hatte. Sie rannte zu ihrem Bett und vergrub das Gesicht in den Kissen; dann weinte sie los, ihrem davongeeilten Helden hinterher.

Noch vor dem Mittagessen sprach die ganze Stadt über die Verbindung zwischen Pinckney und Lavinia und über das Duell. In allen Häusern, in denen unverheiratete Töchter lebten, drängte man diese dazu, ein Gericht aus Erbsen und Reis in sich hineinzuschaufeln, das als traditionelles Neujahrsmahl galt und aus Gründen, die keiner kannte, »Hoppin’ John« genannt wurde. Wie es hieß, bemaß sich das Glück, das man im neuen Jahr hatte, an der Menge, die man von diesem Gericht am Neujahrstag aß. Einige Leute glaubten an die Wahrheit dieser Legende und behaupteten steif und fest, dass sie es selbst so erlebt hätten. Jeder war abergläubisch genug und hatte Angst genug, um dies nicht in Abrede zu stellen. Im Hause der Ansons neckte Lucy Lavinia mit den unzähligen Tellern, die sie vor einem Jahr gegessen haben musste.

Lavinia strahlte. Sie hatte ihren Stuhl vom Tisch weggerückt, so dass sie auf ihre linke Hand schauen konnte, die auf einem Tuch auf ihrem Schoß ruhte. Ihre Haut schien so weiß zu sein wie das Leinen und stand damit in deutlichem Kontrast zu dem tiefen Blau des ovalen Saphirs an dem Ring, den Mary Tradd ihr herübergebracht hatte. Verlobt! Und das mit Pinckney Tradd, dem besten Heiratskandidaten in ganz Charleston, ja wahrscheinlich in ganz Süd-Carolina! Lavinia konnte kaum den Nachmittag abwarten, an dem die Leute vorbeikommen würden. Die anderen würden so eifersüchtig sein!

Nebenan war die Atmosphäre weniger festlich. Mary plapperte munter über die Party, die sie für Lavinia geben wollte, aber ihre Worte trafen auf verbissenes Schweigen. Julia zeigte deutlich ihr Missfallen; sie weigerte sich, sich mit Mary über das romantische Drama zu freuen. Stuart und Lizzie hatte man natürlich nur erlaubt zu sprechen, wenn sie angesprochen wurden, und beiden war es sehr recht, in Ruhe gelassen zu werden. Als Julia ankündigte, dass sie jetzt aufstehen könnten, gingen sie betont langsam zur Tür. Dann rannte Stuart nach draußen, um wie an jedem Neujahrsfest mit seinen Freunden Knallfrösche krachen zu lassen. Lizzie kletterte die vielen Stufen zu ihrem Spielzimmer hinauf, um all ihren Puppen zu erzählen, dass Pinny eine Prinzessin heiraten würde und er mit einem Drachen gekämpft hatte, um ihre Hand zu gewinnen.

»Mein liebster zukünftiger Ehemann«, schrieb Lavinia in dieser Nacht in ihrem Brief an Pinckney, »mein Herz ist voll unaussprechlicher Freude, weil du mir so viel Ehre erwiesen hast, indem du mich fragtest, ob ich deine Frau werden will. In meiner Brust hüpft ein furchtsames, aber frohlockendes kleines Vögelchen; furchtsam, weil sein Käfig aus deiner Liebe so ungeheuer reich ist; frohlockend, weil meine Liebe es jubilieren lässt. Wenn wir wieder zusammen sind, dann wird es, fürchte ich, fast vor Glück vergehen, in einem Glück, das zu groß ist, als dass es noch in irgendeinem Herzen Platz finden könnte! Ich bin aber zuversichtlich, dass deine starken Arme meine schwache Form umfassen und den zu schnellen Herzschlag dieser Lerche etwas besänftigen – das Herz dieses Vogels, der nur für dich die himmlische Melodie der Seligkeit einer gemeinsamen Liebe und eines miteinander geteilten Lebens singen will ...«

Ihre anmutige Handschrift mit ihrem eleganten Schwung füllte vier Seiten, dann hatte der Brief ein Ende. Sie hatte ihn aus ihrem Lieblingsroman abgeschrieben, einer Romanze voller Abenteuer und Gefahren aus den Tagen des guten Prinzen Charlie. Die Regale über ihrem Schreibpult waren voll von Büchern ähnlichen Inhalts, und so konnte sie Pinckney jede Nacht einen neuen, feurigen Liebesbrief schreiben. Er erhielt sie dann gleich dutzendweise, wenn es der Postkurier einmal schaffte, die unter großer Bedrängnis stehenden und immer weiter über die wellige Landschaft Virginias dahinziehenden Männer aus Hamptons Reitertruppe zu erwischen.

Wie in jedem Krieg waren die Briefe aus der Heimat für die Männer an der Front sehr kostbar. Lavinias außergewöhnlich formulierte Gefühle waren für Pinckney besonders wertvoll. Im Verlauf der Monate vermischten sich die Erinnerungen an ihr weiches, duftendes Haar mit seiner Sehnsucht nach der Heimat und den langen, goldenen Stunden des Lebens, das er von früher her kannte. Sie wurde zur Verkörperung all dessen, was er verloren hatte, und er sehnte sich nach ihr.

Als der Frühling kam, entdeckte er einen Rotholzbaum, der wie durch ein Wunder die Artilleriegefechte in der Nähe von Fredericksburg überlebt hatte, und er presste eine kleine Blüte dieses Baumes zwischen die verwitterten Seiten, die er in seinen Satteltaschen mit sich trug. Im Rücken des Gehäuses seiner Taschenuhr steckte ein winziges Foto von Lavinia, das Mary ihm einmal geschickt hatte und das er oft betrachtete. Dass allerdings der eine Brief, den er von Julia Ashley erhielt, für ihn viel wichtiger war, konnte er sogar vor sich selbst nie zugeben, obwohl er ihn immer wieder las. Er bekam ihn Ende Juni.

»11. Mai 1864, Charleston. Bin nach dem üblichen Besuch auf den Plantagen in die Stadt zurückgekehrt. Gute Ernten auf Ashley Barony und in Carlington zu erwarten. Alle Gebäude in tadellosem Zustand. Sehr gutes Heu. Bei der Bevölkerung von Carl. 14 Geburten und 3 Todesfälle. Vielversprechendes Fohlen von deiner alten kastanienbraunen Stute geboren. Hengst unbekannt. Alle guten Pferde sind Hampton unterstellt. Zwei Drittel des Viehs geschlachtet, vor allem Schweine und Schafe. Gesalzenes Fleisch zur Armee geschickt. Restlicher Tierbestand gesund und kräftig. Aufseher von Carl. hat sich als Dummkopf und Dieb erwiesen. Habe stattdessen einen verwundeten Veteranen aus dem Hügelland eingestellt. Die Wälder leiden sehr unter Wildverbiss. Ermutige die Bediensteten zu wildern. Genug Wildbret für uns alle vorhanden. Guter Zeitvertreib für deine Rückkehr. Riesiger Eber nahe des Zypressenstumpfes auf dem Landgut gesichtet. Familie geht es gut. Vorräte reichlich. Belagerung hat sich verstärkt, aber Charlotte Street ist davon unberührt. Gott behüte dich. Julia Ashley.«

Pinckney aß gerade sein karges Abendmahl, als er zum wiederholten Male Julias Brief im Licht des Lagerfeuers studierte. Das lederähnliche gesalzene Rindfleisch, das seine einzige Nahrungsmittelration an diesem Tag darstellte, schmeckte ihm viel besser, wenn er sich vorstellte, es könnte vielleicht aus Carlington stammen. Obwohl ihm die Zähne weh taten und sein Zahnfleisch wegen der langandauernden schlechten Ernährung blutete, lächelte er beim Kauen.

»Ist das Tabak, Cap’n?«

Pinckney fuhr auf, dann drehte er sich wütend um. Jeder Mann bei der kämpfenden Truppe unterließ es wohlweislich, sich von hinten an jemand anderen heranzuschleichen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, sich von vorne zu nähern oder viel Lärm zu machen.

Sein Ärger legte sich ein wenig, als er den Eigentümer der Stimme vor sich stehen sah. Es war nur ein Jüngling, und dazu noch ein sehr bemitleidenswertes Exemplar, einer der neuen Rekruten, die auf die Rückkehr der Truppe gewartet hatten. »Wie heißen Sie, Soldat?«

»Joe Simmons, Sir!« Der Jüngling warf seine knochigen Schultern zurück und salutierte. Pinckney ließ ihn in unbehaglicher Haltung stehen, während er ihn musterte. Struppiges Haar, fahle Haut; vorstehende Rippen, Ellbogen und Schulterblätter; dünne, gebeugte Beine. Sein Körper war etwas kurz geraten, und der junge Mann wäre, bei ausreichender Ernährung, wahrscheinlich recht stämmig gewesen. Seine blasse Gesichtsfarbe, die unförmigen Beine und die unreine, aufgedunsene Haut wiesen jedoch auf die klassische Fehlernährung armer Weißer und die damit verbundenen Mangelerkrankungen wie Pellagra und Rachitis hin. Der mörderische, stolze Ärger, der in dem Jungen anschwoll und in seinen blassen, hellbraunen Augen glomm, ließ seine Herkunft aus einfachen, ländlichen Verhältnissen vermuten.

»Rühren, Joe Simmons! Setz dich her, eins musst du noch lernen.«

Der Junge lockerte sich, blieb jedoch stehen. »Wozu soll man es sich im Sommer am Feuer gemütlich machen?«

»Wie du meinst, aber wenn du nicht willst, dass dir jemand eine Kugel durch den Kopf jagt, dann hör gut zu, was ich dir jetzt sage. Schleich dich nie von hinten an jemanden heran, der eine Pistole bei sich hat, und frag ihn, was er gerade kaut. Du hättest dein Leben lassen können!«

Joe grinste. »Da hätte ich ja man wirklich dran denken sollen.« Er ließ sich neben Pinckney auf den Boden fallen. »Ich hab’ mal mit meinem Papa auf ’nen Rehbock angesessen, und da kam mein Bruder ganz leise dahergeschlichen. Mein Pa feuerte seine ganze Flinte leer. Dass Sam nicht unter die Erde kam, lag einzig und allein daran, dass mein Papa immer vom Bestmöglichen ausgeht. Er zielte eben auf einen stattlichen Bock, und mein Bruder ist halt ziemlich klein.«

Pinckney erkannte den Akzent. »Du bist aus der Gegend von Fort Mill, Joe?«

»Jawoll. Aus Calhoun.«

»Der gute alte Joe Calhoun. Ihm haben wir es zu verdanken, dass wir jetzt hier sind. Ich nehme an, du konntest es kaum erwarten, in den Krieg zu ziehen. Du scheinst mir nicht sehr alt zu sein.«

Joe spuckte in die Kohlen. »Ich bin alt genug, um einen Mann umzulegen, und alt genug, um dafür in der Hölle zu braten. Da bin ich eben auf und davon, um ein paar Yankees zu erwischen, sonst hätte ich wahrscheinlich meinen Pa umgelegt. Es gibt, glaub’ ich, ein Gebot in der Bibel zu diesen Dingen, aber die Bibel hat nichts dagegen, wenn es sich um Yankees handelt.«

»Warum ist denn dein Papa nicht bei der Truppe?«

Joe lachte. »Verdammt, Cap’n, was ist denn dieser Krieg für einfache Leute wie uns? Wir hatten niemals Nigger; wir haben selber unser kleines Baumwollfeld gehackt, und mein Pa hat schon mit dem Riemen darauf geachtet, dass wir alles richtig machten. Ich war der Größte, ich hab’ immer das meiste abgekriegt. Mein Papa ist schnell bei der Sache, wenn irgendeiner es wagt, sein Land zu betreten, und da ist es ihm ganz egal, was der für einen Anzug anhat. Aber er sagte immer, er sieht gar nicht ein, sein Leben zu lassen, nur damit dieser hochnäsige Adel in Charleston seine Felder nicht verliert.

Ich hab’ einen ganz schön trockenen Mund gekriegt von dem ganzen Gerede, Cap’n. Kann ich etwas von dem Bissen da abhaben?«

Pinckney reichte ihm mit einer ruckartigen Bewegung das restliche Fleisch. Joe steckte sich eine Ecke in den Mund, dann zog er sie wieder heraus.

»Ist ja gar kein Tabak!«

»Ich habe nie behauptet, es sei welcher.«

»Wie kommt es dann, dass du hier ganz alleine dein Fleisch isst? Ich dachte, du hast da was Gutes, das nicht alle sehen sollen.«

»Nun, ich brauchte das Licht vom Feuer, um zu lesen.«

Joe starrte Pinckney an, als hätte dieser gerade behauptet, er könne über Wasser gehen. Dann verengten sich seine Augen zu schmalen Schlitzen, aus denen er Pinckney argwöhnisch musterte. »Lass mal sehen, was du da liest.«

Pinckney las ihm bereitwillig einige Sätze vor.

Joes Augen wurden wieder groß. »Was bist du denn für einer?«

»Einer von ›diesen Adligen aus Charleston‹, für die dein Kumpel nicht kämpfen will.«

Der Junge stand auf und ging langsam im Kreis um Pinckney und das Feuer herum, musterte Pinckneys abgetragene Kleidung und das ruhige Lächeln auf dessen sauber rasiertem Gesicht. »Ich glaube, mein Kumpel hat sich da wieder vertan«, sagte er schließlich. »Es wäre nicht das erste Mal. Ich kämpfe für dich, Cap’n!«

Von diesem Augenblick an wich der Junge nicht mehr von Pinckneys Seite. Er blieb immer ein kleines Stück rechts hinter ihm zurück. Die anderen Männer machten erst ihre Witze über ihn, nannten ihn »Schatten«, aber Joe hörte darüber hinweg. Nach einigen Monaten hatten sich alle an den Anblick dieses ungleichen Paares gewöhnt. Joe hatte seinen Spitznamen weg; er hieß jetzt nur noch »Shad«, und er war der Einzige, der sich daran erinnerte, einmal anders geheißen zu haben.

In Charleston ähnelte Weihnachten 1864 zumindest oberflächlich den Weihnachtsfesten vor dem Krieg. Die gastfreundlichen Häuser platzten aus allen Nähten; die Mahlzeiten mussten in zwei oder mehr Schichten serviert werden, weil die Tafeln in den Speisesälen, so weit sie auch immer ausgezogen wurden, nicht mehr als dreißig Personen auf einmal Platz bieten konnten. Die Lebensmittel, die per Schiff von den Plantagen kamen, waren immer noch reichlich vorhanden, und ein Gang folgte auf den vorherigen, ohne dass irgendein Mangel sichtbar geworden wäre. Der scharfe, süßliche Geruch der Girlanden aus Immergrün erfüllte die Luft; die Rauchfänge waren hoch hinauf mit Kiefernzweigen geschmückt, lange Windenranken schlangen sich um die Treppengeländer, und auf jedem Tisch ruhten riesige Silberschüsseln voller Kamelienblüten. Trotz des unaufhörlichen Regens gingen die Damen mit ihren Kindern von Haus zu Haus und machten ihre Besuche, grüßten die Verwandten und Anverwandten, die sie oft jahrelang nicht gesehen hatten. Aber die angeregte Konversation hatte einen schrillen Unterton; Furcht schwang mit; es herrschte nicht nur Festtagsstimmung. Die Besucher waren vor dem unbarmherzigen Vordringen der Armee Shermans geflüchtet, die alles niederbrannte, was sich ihr in den Weg stellte. Sherman und seine Männer hatten Atlanta eingenommen und zogen brandschatzend und plündernd weiter nach Südwesten, Richtung Georgia. Hinter sich ließen sie eine sechzig Meilen breite Zone der Verwüstung und immer weiter wachsende Furcht. Jeder wusste, dass Sherman nach Norden ziehen und sich seinen Weg durch Carolina freikämpfen würde, sobald er bis zur Küste vorgestoßen war.

Die Besucher blieben einige Tage lang in der Stadt und fanden in einer Atmosphäre vorgetäuschter Normalität etwas Trost. Dann zogen sie weiter, anderen schützenden Häfen entgegen; ihre Angst blieb jedoch bei den Bewohnern Charlestons zurück. Die Truppen der Konföderierten versuchten den Stadtbewohnern neuen Mut einzuflößen, aber sie konnten ihnen nichts vormachen und wussten, dass sie sich vor dem Ansturm der Truppen der Unionsstaaten über kurz oder lang selber zurückziehen mussten. So gaben sie den Leuten den Rat, ihre Verwandten zu begleiten, wenn diese die Stadt verließen.

Julia Ashley traf auf ihre völlig in Tränen aufgelöste Schwester. Auf dem Boden des Schlafzimmers lagen verstreut bunte Haufen aus Ballgewändern. »Oh, Julia, ich weiß nicht, was ich tun soll!«, heulte Mary auf. »Wenn ich diese Kleider nicht mitnehme, dann habe ich gar nichts anzuziehen! Aber es sind einfach zu viele! Ich kann sie nicht alle mitnehmen. Ich habe zwar noch Platz im Zug, aber sie erlauben es nicht, mehr als zwei Koffer als Gepäck zu haben.«

Julia stöhnte. »Das ist doch absolut idiotisch, Mary. Wohin, glaubst du denn, geht die Reise?«

»Nach Columbia natürlich. Alle gehen nach Columbia. Sie haben sogar schon Mr. Calhouns Sarg in den Zug nach Columbia geladen; die Glocken von der St.-Michaels-Kirche ebenfalls.«

»Und du glaubst allen Ernstes, dass Sherman vor John C. Calhouns Geist Angst hat?«

»Ja, das tue ich. Immerhin sitzt er im selben Zug wie wir.« Mary schaute ihre Schwester höchst beunruhigt an. »Ich hoffe, es stört dich nicht weiter, Julia. Ich habe für deine Sachen eine Ecke im Koffer der Kinder freigelassen. Ich brauche all diese Sachen, wirklich! Und du hast dir noch nie etwas aus Kleidern und diesen ganzen Dingen gemacht.«

Julia schüttelte den Kopf. »Es ist mir wirklich egal. Ich bin nicht so dumm, nach Columbia zu gehen. Sherman wird auf seinem Zug nach Norden auch bis dahin kommen. Ich gehe aufs Landgut. Ich werde diesen Rohlingen nicht erlauben, mein Haus anzuzünden oder meine Leute zu terrorisieren.«

»Julia! Du musst wirklich verrückt sein. Das kannst du nicht tun!«

»Sage mir nicht, dass ich etwas nicht tun kann, Mary Ashley! Ich werde gehen. Und du wirst Mumm genug haben, mit mir zu kommen, wenn du schon nicht hierbleiben willst. Jedes kleine Dummerchen von Charleston wird nach Columbia gehen wollen, und dort werden sie sich wie eine Schar Enten aneinanderdrängen.«

»Du meinst wohl, du wüsstest immer alles. Ich habe bereits Cousine Eulalia ein Telegramm geschickt, damit sie Pinckney ausrichtet, dass wir kommen. Sie hat genug Platz, es wird überhaupt nicht eng werden.«

Julia seufzte. »Keiner wird dir Vernunft beibringen können, Mary. Jedenfalls hat es einfach keinen Zweck, es jetzt zu versuchen. Wenn du dir deiner Sache so sicher bist, dann nimm wenigstens ein paar Lebensmittel mit. Du kannst dich nicht von Korsetthüllen ernähren.« Insgeheim war sie ganz erleichtert, dass Mary fortging. Sie wusste nicht, was sie auf den Plantagen erwartete, aber Marys Hysterie wäre noch eine zusätzliche Belastung gewesen, mit der sie hätte fertigwerden müssen.

Mary Tradd, Stuart, Lizzie, Lizzies Kindermädchen Georgina, Marys Hausdienerin Sophie und drei Koffer wurden am nächsten Tag in den altersschwachen Zug geladen, der dann langsam aus der Stadt rumpelte. Sobald sie alle weg waren, begann Julia damit, die wenigen Wertgegenstände auszusortieren, die sie mit sich auf das Schiff zum Landgut nehmen wollte. Das Haus in der Charlotte Street würde wahrscheinlich zerstört werden; das wusste sie. Auch wenn Mary dies nicht mitbekommen hatte, Julia hatte von Shermans Telegramm an Lincoln gehört, in dem er ihm Savannah zu Weihnachten schenkte und versprach, Charleston zu einem modernen Karthago werden zu lassen und dem Erdboden gleichzumachen. Auf den Plantagen wartete natürlich die dort lebende Dienerschaft auf sie, aber Julia versprach allen Bediensteten, die in der Stadt blieben, das Boot zurückzuschicken, damit diejenigen unter ihnen, die das wollten, ebenfalls die Stadt verlassen konnten, gleichgültig, ob sie nun zu Marys oder ihrer eigenen Dienerschaft gehörten. Als sie auf Ashley Barony eintraf, war sie nicht besonders erstaunt darüber, dass nur ein kleiner Teil der Dienerschaft dageblieben war. Das Freiheitsfieber war ansteckend, auch in Charleston, und viele Schwarze warteten auf Shermans Männer, als handele es sich um eine Schar holder Engel. Ende Januar ließ sich Julia auf dem Landsitz nieder, wartete ab und schmiedete Pläne. Keiner, der ihr stolzes, regloses Gesicht sah, ahnte, dass sie sich gar nicht so sicher war, ob der Name Ashley genügte, um sie vor jedem Gegner zu schützen.

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