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Chaotische Reise ins Glück

1. KAPITEL

„Sie können nicht kündigen, Gefr…“ Corrine Sweetwater hätte fast „Gefreiter“ gesagt, bremste sich jedoch gerade noch rechtzeitig.

Sie war nämlich keine Unteroffizierin mehr, und der junge Mann mit den Tattoos war nicht ihr Untergebener. Leider. Ein paar Tage Müll-Sonderkommando, und er hätte schon noch gelernt, wie er sich ihr gegenüber zu benehmen hatte.

„Und ob ich das kann!“ Danny oder Donny oder Johnny oder wie auch immer er hieß stürmte aus der Küche.

Corrines Hilfsköchin Gerrie nahm die dampfende Lasagne aus dem Ofen und summte „Another One Bites the Dust“ – Noch einer beißt ins Gras – von Queen, während sie die Klappe mit der Hüfte zuschob.

Corrine hatte gerade ihren zweiten Tellerwäscher in ebenso vielen Wochen verloren. Insgesamt den dritten, seitdem sie wieder auf der Bear Creek Ranch, der Hotelanlage ihrer Familie, war. Aber wer zählte das schon mit?

Die Küchenhilfe und Hilfskellnerin Pat offensichtlich. „Der wievielte war das jetzt?“, fragte sie. „Der Dritte?“

Corrines Meinung nach konnte Pat dringend ein Hobby gebrauchen. „Haben Sie schon den Salat geschnitten?“, fragte sie scharf.

„Ja.“

Aus reiner Gewohnheit wartete Corrine darauf, dass Pat dem „Ja“ ein „Ma’am“ hinzufügte, doch natürlich kam keins.

Wann würde sie endlich damit aufhören, von ihren Untergebenen – okay, Angestellten – zu erwarten strammzustehen, sobald sie die Küche betrat? Oder Jake Tucker, den Manager der Bear Creek Ranch, als befehlshabenden Offizier zu betrachten und vollständigen und bedingungslosen Gehorsam von ihren Tellerwäschern zu verlangen?

Offensichtlich reichten sieben Wochen nicht aus, um sich ans Zivilleben zu gewöhnen.

„Und? Was haben Sie jetzt vor?“, fragte Gerrie fast ein bisschen geringschätzig.

Wie die restlichen sechs Angestellten arbeitete Corrines Hilfsköchin schon seit Jahren auf der Ranch. Ihre lange Dienstzeit bei der Tucker-Familie war vermutlich der einzige Grund, warum sie und die anderen Danny oder Donny noch nicht aus der Tür gefolgt waren. Jedenfalls waren sie nicht geblieben, weil sie Corrine mochten – oder ihr „krankhaftes Kontrollbedürfnis“, wie Gerrie sich mal in einem unbemerkt geglaubten Moment ausgedrückt hatte.

„Mir fällt schon eine Lösung ein“, erwiderte Corrine, während sie das letzte der vierzig Knoblauchbrote in Alufolie wickelte und es zu den übrigen legte. „Wie wär’s vorerst mit ein paar Überstunden?“ Sie sah einen nach dem anderen an.

„Nein.“

„Keine Zeit.“

„Heute auf keinen Fall.“

„Na schön.“ Offensichtlich würde Corrine mal wieder als Einzige bis Mitternacht arbeiten müssen – es sei denn, sie konnte eine ihrer Schwestern, ihre Eltern oder ein anderes Familienmitglied dazu bewegen, ihr zu helfen.

Diese Vorstellung war ihr jedoch sehr unangenehm. Die anderen fragten sich bestimmt schon längst, wie sie es früher geschafft hatte, Tausende von Soldaten satt zu kriegen – noch dazu unter widrigsten Bedingungen – wo sie hier doch noch nicht einmal die kleine Küche mit ein paar Angestellten im Griff hatte.

Inzwischen fragte sie sich das selbst schon manchmal.

„Angestellte sind keine Soldaten“, hatte ihr Cousin Jake, der Manager der Ranch, sie mehr als einmal ermahnt. „Wenn du sie motivieren willst, musst du dir einen anderen Führungsstil als beim Militär angewöhnen.“

Aber genau da lag das Problem. Nach vier Jahren Ausbildung zur Reserveoffizierin an der Universität und acht Jahren Militärdienst war Corrine tief im Innern noch immer Armeemitglied der Vereinigten Staaten und würde es vielleicht immer bleiben. Sie hatte den Großteil ihres Lebens in einer Welt verbracht, in der Befehle ungefragt und widerspruchslos ausgeführt, Ranghöhere automatisch mit Respekt behandelt und Pflicht- und Verantwortungsgefühl über alles andere gestellt wurden.

Corrine vermisste diese Welt.

Klar waren Angestellte keine Soldaten. Aber war es etwa zu viel verlangt, dass sie ihren Job gut machten?

Das Summen der Zeitschaltuhr riss Corrine aus ihren trüben Gedanken. Der Kirschstrudel war fertig. „Luke, hol das Vanilleeis“, befahl sie.

Widerstrebend schlurfte der Achtzehnjährige zum begehbaren Tiefkühlschrank.

„Sie könnte ihn einfach nett darum bitten“, sagte Gerrie leise zu Pat, wandte jedoch errötend den Kopf ab, als ihr bewusst wurde, das Corrine es bemerkt hatte.

Kurz darauf kehrte Luke mit einem großen Eisbehälter zurück und knallte ihn auf die Arbeitsfläche. „Er ist nur zu einem Drittel voll. Mehr haben wir nicht.“

„Was soll das heißen?“, fragte Corrine gereizt. „Ich habe letzte Woche eine neue Bestellung aufgegeben. Die Lieferung hätte gestern eintreffen müssen!“

„Anscheinend ist sie nicht gekommen.“ Luke zuckte gleichgültig die Achseln.

„Gerrie!“ Vorwurfsvoll drehte Corrine sich zu ihrer Hilfsköchin um. „Haben Sie das Ganze nicht im Auge behalten?“

„Doch!“, verteidigte sich die andere Frau. „Aber am Telefon haben sie nur gesagt, dass es irgendein Problem gibt und die Lieferung sich um einen Tag verspätet.“

„Das wäre heute gewesen. Und jetzt ist schon fünf Uhr Nachmittag, und das Eis ist aus.“ Corrine presste die Hände an den Kopf. „Wir haben zweihundert Gäste, die Kirschstrudel mit Eis erwarten und gerade genug für etwa fünfzig von ihnen.“ Sie ließ die Hände sinken und sah Gerrie durchdringend an. „Wie konnte das passieren?“

„Ich … ich habe es vergessen. Tut mir leid“, antwortete Gerrie mit bebender Stimme. Offensichtlich jedoch nicht, weil es ihr leidtat, sondern vor Wut.

Corrine zwang sich, die Ruhe zu bewahren. „Sehen Sie zu, dass das nie wieder passiert“, sagte sie.

Ihrer Meinung nach hatte Gerrie einen unverzeihlichen Fehler gemacht und verdiente eigentlich einen Verweis. Doch da Corrine es sich nicht leisten konnte, eine weitere Angestellte zu verlieren, hielt sie vorsorglich den Mund. „Haben wir wenigstens noch genug Schlagsahne?“

„Für den Strudel reicht es.“ Gerrie hatte ihre Fassung inzwischen wiedergewonnen.

„Ein bisschen dalli jetzt!“

Corrine klappte die Ofentür auf und kniff die Augen zusammen, als ihr die Hitze entgegenschlug. Sie schob ein Dutzend Knoblauchbrote in den Ofen und versuchte sich einzureden, dass sie kein schlechtes Gewissen zu haben brauchte, nur weil sie Gerrie so hart angefasst hatte. Schließlich hatte die Hilfsköchin auf ganzer Ebene versagt. Sie hatte nicht nur vergessen, sich um die Lieferung zu kümmern, sondern Corrine auch nichts von der Verspätung erzählt.

Das waren gleich zwei Fehler. Bei der Army …

Angestellte sind keine Soldaten.

Corrine schluckte. Plötzlich hatte sie einen Kloß im Hals. Aber sie durfte jetzt auf keinen Fall in Tränen ausbrechen, nicht hier vor ihren Angestellten, und schon gar nicht vor einem so wichtigen Abendessen.

Die Tuckers erwarteten heute nämlich einen Ehrengast, der den ganzen Sommer auf der Ranch verbringen wollte: Greg Pfitser, Berufsangler, Bestsellerautor und Star der Kabelsendung „Fishing with Pfitser“.

Bear Creek, ein von Gebirgswasser gespeister Bach, der quer durch das dreihundert Morgen große Gelände der Ranch lief, war der beste Angelplatz ganz Arizonas, wenn nicht sogar des Südwestens der Vereinigten Staaten. Seine riesigen Forellen brachen immer wieder sämtliche Rekorde und machten die Ranch zu einem idealen Erholungsort für Amateur- und Profiangler.

Corrine hielt nicht besonders viel von Pfitser, aber das Wettangeln, das er Anfang August moderieren würde, konnte der Ranch den dringend benötigten Aufschwung bringen.

„Hey, da ist ja ein Hund drin!“, sagte Luke, der mit einem Fünfzigpfundsack Zucker in der Tür der Vorratskammer auftauchte.

„Ein Hund?“, wiederholten mehrere Angestellte ungläubig.

„Ja. Er wühlt gerade im Müll.“

Corrine lief los. „Wie zum Teufel ist der da reingekommen?“, fragte sie wütend.

„Dimitri muss die Tür offengelassen haben.“

„Wer?“

„Na, der Typ, der eben gekündigt hat.“

„Ach so.“ Dimitri? Wie war sie bloß auf Donny gekommen?

Bei der Vorratskammer angekommen, blieb Corrine abrupt stehen und starrte entsetzt auf den Fußboden. Da war tatsächlich ein Hund, oder zumindest sah das Tier von hinten so aus. Ein Stummelschwanz und zwei kurze schwarz-weiße Beine ragten aus einem aufgerissenen Müllsack, der eigentlich gar nicht dort stehen durfte, aber das war ein anderes Thema.

„Wo kommt der denn her?“, fragte einer der Hilfskräfte ratlos.

„Keine Ahnung.“ Da es auf der Ranch Pferde gab und sich manchmal auch wilde Tiere auf dem Gelände herumtrieben, war es den Gästen nicht gestattet, Haustiere mitzubringen. „Es muss ein Streuner sein.“

„Ein ziemlich hungriger Streuner.“ Luke stellte den Zuckersack ab.

„Hey!“, sagte Corrine streng zur Rückseite des Hunds. „Mach gefälligst, dass du hier rauskommst.“

Als Antwort wedelte der Hund nur mit dem Stummelschwanz.

„Luke, tragen Sie ihn raus.“

„Im Ernst?“

„Es muss hier weg, wenn wir keinen Ärger mit dem Gesundheitsamt wollen.“

„Ich fasse doch keinen fremden Hund an! Was ist, wenn er mich beißt?“

Corrine wollte ihren Befehl gerade mit mehr Autorität wiederholen, als ihr wieder Jakes Rat einfiel. Außerdem würde ihre Familie nicht nur die Arztkosten, sondern womöglich auch Schadenersatz zahlen müssen, wenn der Hund Luke tatsächlich etwas tat.

Nein, sie war eindeutig nicht mehr bei der Army.

„Na schön, dann mache ich es eben selbst!“ Sie bückte sich, schlang die Arme um den Hund und versuchte, ihn von dem Müllbeutel wegzuzerren. Als sie die Krallen des Tiers über den Linoleumfußboden schrammen hörte, stellten sich ihr unwillkürlich die Nackenhaare auf. Gott sei Dank machte das Tier keinerlei Anstalten zu beißen, aber das war mit der Plastiktüte im Maul auch schlecht möglich.

„Spuck die sofort aus!“ Corrine packte den Hund am Halsband – er war also doch kein Streuner – und entriss ihm den Beutel. „Du erstickst sonst noch.“

Blitzartig drehte der Hund sich um und stürzte sich auf ihre Hand – nicht um zuzubeißen, sondern um sie zu lecken. Corrine konnte nicht widerstehen und kraulte ihm den Kopf. Sie mochte Tiere. Vor ihrer Collegezeit hatten sie und ihre drei Schwestern immer Hunde und Katzen gehabt.

„Mann, ist der hässlich“, sagte Luke. In seiner Stimme lag mehr Gefühl, als er in den ganzen letzten Wochen je gegenüber Corrine gezeigt hatte.

Sie musste ihm zustimmen. Große Fledermausohren saßen auf einem breiten eingedrückten Gesicht mit vorquellenden Augen und Hängelippen. Als der Hund die Schnauze öffnete, um zu hecheln, war eine riesige rosa Zunge zu sehen.

„Ich finde ihn irgendwie süß“, wandte eine der Küchenhilfen ein.

„Okay, Leute, zurück an die Arbeit. In einer Viertelstunde müssen wir das Abendessen auf den Tisch bringen.“

Das Personal kehrte an seine Aufgaben zurück. Corrine bückte sich, um den Hund hochzuheben. Sie würde ihn vorerst im Personalraum einsperren und später herumtelefonieren, um herauszufinden, wem er gehörte. Das Problem war nur, dass der Hund keinerlei Anstalten machte, sich von dem Müllbeutel loszureißen.

„Geben deine Besitzer dir etwa nichts zu fressen?“, fragte Corrine ungeduldig.

Sie hob gerade das Hinterteil des Hunds hoch, als plötzlich die Küchentür aufgestoßen wurde. Sie wusste nicht, wer von ihnen mehr zusammenzuckte – sie oder der Hund.

„Da ist sie ja!“, hörte sie ein hohes Stimmchen. „Da drin.“

„Mach die Tür zu“, ertönte eine zweite Stimme.

Klang ganz so, als fielen da gerade zwei Kinder in ihre Küche ein. Na toll! Was ging denn heute noch alles schief?

Schnaubend erhob Corrine sich, den sich windenden und sie immer noch ableckenden Hund im Arm. Gerade wollte sie sich umdrehen, um den nachlässigen Kids eine Strafpredigt darüber zu halten, dass Hunde auf der Ranch streng verboten waren, da erstarben ihr die Worte auf den Lippen.

Die Kinder, die aussahen wie zwei Barockengel, waren nämlich nicht allein gekommen. Ein Mann stand hinter ihnen, und zwar ein sehr großer Mann. So groß, dass Corrine den Kopf in den Nacken legen musste, um ihn anzusehen.

„Wie ich sehe, haben Sie Belle gefunden“, sagte er mit der lässigsten und erotischsten Stimme, die sie je gehört hatte.

Seit der Highschool hatte kein Vertreter des anderen Geschlechts sie so aus der Fassung gebracht. Einfach nur attraktive Gesichter und breite Schultern beeindruckten sie wenig, dafür hatte sie zu viel davon in der Army gesehen. Viel wichtiger war, was dahintersteckte – gerade, wenn es um Leben und Tod ging.

Sie reichte den Hund an seine jungen Besitzer zurück. „Bell?“, fragte sie spöttisch.

Belle. Das ist Französisch und heißt ‚die Schöne‘.“ Zwei Grübchen erschienen auf den markanten Wangen des Mannes. Das unbändige dunkle Haar fiel ihm in die Stirn. Er funkelte sie aus braunen Augen belustigt an.

„Wie verwirrend. Seien Sie mir nicht böse, wenn ich es so offen sage, aber Ihr Hund ist total hässlich.“

„Nicht für jedermann.“

Corrine ließ den Blick zu den Kindern schweifen, die offensichtlich überglücklich über die Wiedervereinigung mit ihrem Haustier waren – und genauso offensichtlich keinen Blick für dessen Peter-Lorre-ähnliche Gesichtszüge hatten.

„Außerdem ist sie eine französische Bulldogge“, fügte der Mann hinzu. „Der Name passt also.“

Hörte der Typ eigentlich nie auf zu lächeln?

Corrine setzte die distanzierte Miene auf, die sie sich in ihrer Armyzeit zugelegt hatte. „Tut mir leid, aber es ist unseren Gästen nicht gestattet, Hunde mit auf die Ranch zu bringen. Sie müssen ihn – sie – in Ihre Hütte sperren, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.“

„Ich entschuldige mich für das Durcheinander, das Belle angerichtet hat, aber die Eigentümer der Ranch haben mir die Erlaubnis gegeben, sie mitzubringen“, antwortete er mit sanfter Stimme.

„Wirklich?“, fragte Corrine pikiert. Sie konnte sich nicht erinnern, beim letzten Geschäftsmeeting der Familie von einer Ausnahme gehört zu haben. „Und wer bitte schön hat Ihnen diese Erlaubnis gegeben?“

Sein Lächeln wurde sogar noch breiter, was bewies, dass er sich anders als die meisten anderen Menschen nicht so leicht von ihr einschüchtern ließ. „Jake Tucker und Millie Sweetwater.“

Hm. Ihr Cousin und ihre Mutter also. Sie musste unbedingt mit den beiden reden, um sich zu vergewissern, ob das stimmte.

„Also, ich bin ebenfalls Eigentümerin der Ranch, und ich kann mich nicht daran erinnern, Ihnen meine Erlaubnis erteilt zu haben.“

„Wirklich?“ Aufreizend langsam ließ er den Blick über sie gleiten. „Ich bin übrigens Greg Pfitser“, fügte er hinzu und hielt ihr die Hand hin.

Aha, der Profiangler und Ehrengast des heutigen Abendessens also. Plötzlich war ihr klar, warum ihre Familie die Regeln gelockert hatte.

„Corrine Sweetwater“, antwortete sie und erwiderte sein Händedruck kräftig. Einen schwachen Händedruck hielt sie für ein Zeichen eines schwachen Charakters. „Willkommen auf der Bear Creek Ranch.“

„Danke.“ Greg Pfitser ließ ihre Hand erst los, als sie sich mit einem Ruck losmachte. „Sind Sie mit Millie verwandt?“

Irritiert stellte Corrine fest, dass sie eine Weile brauchte, bis sie sich darauf konzentrierte, ihm zu antworten. „Ja, ich bin ihre Tochter.“

„Freut mich. Das hier sind übrigens meine Kinder, Annie und Benjamin.“

„Ben“, korrigierte der Junge und wandte den Kopf ab, um Belles nasser Hundezunge auszuweichen.

Corrine betrachtete die Kinder. Irgendjemand hatte ihr erzählt, dass es sich dabei um fünfjährige Zwillinge handelte. „Sondererlaubnis hin oder her, ihr müsst den Hund außerhalb eurer Hütte unbedingt an der Leine führen und ihn von allen öffentlichen Plätzen fernhalten. Das schließt die Küche mit ein.“ Da die Kinder ihren Wink nicht zu verstehen schienen, fügte sie streng hinzu: „Bringt den Hund bitte sofort raus!“

Die Kinder reagierten immer noch nicht.

„Geht schon“, sagte ihr Vater ruhig.

Die Zwillinge ignorierten ihn genauso wie Corrine. Stattdessen stritten sie sich, wer von ihnen den Hund rausbringen sollte.

„Na los, macht schon“, sagte Greg nur geringfügig lauter.

Corrine musste ihre ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht zu explodieren. Doch ihre Familie wäre bestimmt nicht erfreut, wenn sie den ach-so-wichtigen Gast wegen seines laschen Erziehungsstils kritisierte. Gott sei Dank verschwanden die Kinder kurz darauf, jedes ein Ende des Hunds tragend.

„Bitte entschuldigen Sie mich“, sagte Corrine und trat einen Schritt zurück. „Wir müssen gleich das Abendessen servieren.“ Ein rascher Blick auf ihr Personal verriet ihr jedoch, dass die anderen noch nicht einmal annähernd bereit waren. Sie waren viel zu beschäftigt damit, Greg anzustarren.

Was bedeutete, dass sie heue mal wieder zu spät dran waren.

„Sehen wir uns gleich im Speisesaal?“ Fragend hob Greg die Augenbrauen.

„Ja, bestimmt.“ Ihre Familie erwartete nämlich von Corrine, sich bei den Mahlzeiten blicken zu lassen und sich unter die Gäste zu mischen – der Teil ihres Jobs, den sie am allerwenigsten mochte.

„Ich freue mich schon darauf.“ Greg winkte dem Personal freundlich und entspannt zu. „Es war schön, Sie alle kennenzulernen.“

„Gleichfalls!“, rief Gerrie ihm hinterher. Auch die anderen verabschiedeten sich freundlich.

Corrine kehrte an ihren Arbeitsplatz zurück. „Bitte seht nach, ob genug Vorspeisen auf den Tischen stehen.“ Vielleicht würden die Gäste weniger über die Verspätung murren, wenn sie den Mund mit Kokosnuss-Shrimps und Chickenwings voll hatten.

Nächste Woche ist Schluss mit den Verspätungen, nahm sie sich vor. Sie würde ihr Personal schon noch auf Zack bringen, ganz egal wie. Ob sie und ihr Führungsstil den Leuten gefielen oder nicht – sie würden sich daran gewöhnen müssen.

„Wow!“, sagte Gerrie zu ihrer Freundin Pat. „Der Typ ist echt scharf.“

„Kannst du laut sagen.“ Pat füllte frisch geschlagene Schlagsahne in einen großen Behälter. „Und so sympathisch. Sobald ich nach Hause komme, schalte ich sofort den Fernseher ein. Weiß jemand von euch, wann seine Sendung anfängt?“

Zum ersten Mal, seit Corrine Küchenchefin war, arbeiteten ihre Angestellten wie ein echtes Team zusammen. Das Abendessen war im Nu fertig und serviert. Luke hatte inzwischen sogar seine Meinung geändert und angeboten, länger zu bleiben, um beim Abwaschen zu helfen.

Sie hätte sich eigentlich darüber freuen sollen, doch stattdessen war sie zunehmend irritiert. In nur wenigen Minuten hatte Mr Fishing-with-Pfitser geschafft, was ihr in ganzen sieben Wochen nicht gelungen war – eine harmonische Arbeitsatmosphäre zu schaffen.

Corrine legte Schürze und Mütze ab und machte sich bereit für ihre Runde durch den Speisesaal. Sie war fest entschlossen, Greg so gut es ging aus dem Weg zu gehen. Doch leider winkte ihr Cousin Jake sie an den Tisch des Ehrengastes heran, sobald sie den Saal betreten hatte.

Sie konnte ihm den Wunsch schlecht abschlagen. Nicht, wenn so viel vom Erfolg des Wettangelns und von Mr Pfitsers Aufenthalt hier abhing.

Resolute Frauen faszinierten Greg, auch wenn er aus schmerzlicher Erfahrung wusste, dass sie nicht gut für ihn waren. Doch Corrine Sweetwater hatte etwas an sich, dem er nur schwer widerstehen konnte.

„Das Essen schmeckt wirklich köstlich“, sagte er, während er einen Bissen Lasagne in den Mund schob.

„Danke.“

„Jake hat mir erzählt, dass Sie gerade die Army verlassen haben?“

„Ja.“

„Haben Sie auch mal im Nahen Osten gedient?“

„Zweimal in den letzten vier Jahren.“

„Immer in der Küche?“

„Nein, auch als Maschinenbauingenieurin.“

Corrines Antworten waren kurz und präzise. Greg fiel auf, dass sie immer wieder den Blick von ihm abwandte, um das Personal und die Gäste im Blick zu behalten.

Sie war offensichtlich nicht nur resolut, sondern auch ein Workaholic – was sie für ihn nur umso faszinierender und verbotener machte.

„Was hat Sie zum Militärdienst bewogen, wenn ich das fragen darf?“

„Ich habe auf dem College eine Ausbildung zur Reserveoffizierin gemacht.“ Das war zwar nicht Corrines erste Wahl gewesen, aber nachdem sie durch eigenes Verschulden ihr Sportstipendium verloren hatte, waren ihr nicht viele andere Möglichkeiten geblieben, um Geld zu verdienen. Zum Glück hatte sie damit eine gute Wahl getroffen.

„Sie hat vergessen zu erwähnen, dass sie sich das Studium damit selbst finanziert hat“, warf ihre Mutter ein. „Ihr Vater und ich sind sehr stolz auf sie.“ Millie tätschelte den Arm des Mannes neben ihr.

„Wir sind auf alle unsere Töchter stolz“, fügte er hinzu.

„Sie haben Schwestern?“, erkundigte sich Greg bei Corrine.

„Drei“, antwortete ihre Mutter. „Carolina wohnt hier auf der Ranch und Rachel in der Stadt. Violet lebt weiter weg, besucht uns aber öfter mit unserer Enkelin.“

„Ich freue mich schon darauf, den Rest der Familie kennenzulernen“, sagte Greg.

„Dad, können wir jetzt los?“, fragte Ben ungeduldig.

„Was ist mit dem Nachtisch?“

„Ich mag keine Kirschen“, sagte Annie schmollend. Im Gegensatz zu ihrem Bruder hatte sie ihr Essen kaum angerührt.

„Wirklich? Magst du auch kein Eis?“, fragte Greg.

„Doch“, antwortete die Kleine mürrisch.

„Vielleicht bringt Ms Sweetwater dir ja ein Eis ohne Kirschstrudel.“ Er schenkte Corrine sein gewinnendstes Lächeln.

„Selbstverständlich“, sagte sie und stand auf.

„Noch einen Moment bitte.“ Greg legte den Arm um seine Tochter. „Sie muss erst noch etwas von ihrem Abendessen essen.“

Missmutig beäugte Annie ihren Teller. Offensichtlich überlegte sie gerade, was sie am ehesten runterkriegen konnte, und entschied sich schließlich für das Knoblauchbrot. Greg wusste aus Erfahrung, dass sie höchstens daran knabbern würde.

„Schön, dass Sie unsere Einladung angenommen haben“, sagte Millie. „Es gibt keinen besseren Ort, den Sommer zu verbringen. Ihren Kindern wird es hier bestimmt gut gefallen. Es gibt jede Menge Möglichkeiten, etwas zu unternehmen. Wandern zum Beispiel oder Mountainbiking. Außerdem können die Kids reiten, Boot fahren, spielen … und natürlich angeln, fügte sie lächelnd hinzu.

„Klingt alles super, oder, Kinder?“

„Ich mag Angeln nicht“, verkündete Ben.

„Fische sind eklig und glitschig“, stimmte seine Schwester zu.

„Wirklich?“, fragte Millie überrascht.

„Was das angeht, haben Ben und Annie nicht viel von mir geerbt“, versuchte Greg zu scherzen, obwohl das Thema für ihn ein wunder Punkt war. „Wir werden den Sommer über daran arbeiten. Übrigens einer der Gründe, warum ich Ihre Einladung angenommen habe.“

„Wir freuen uns jedenfalls über Ihren Besuch. Nicht war, Corrine?“

„Ja, natürlich.“

Millie weckte offensichtlich auch nicht mehr Begeisterung bei ihrem Nachwuchs als Greg bei seinem.

„Bis vor drei Monaten haben Ben und Annie nicht viel Zeit mit mir verbracht“, erklärte Greg. Er verschwieg, dass ihre Mutter ihm die Existenz der Kinder verheimlicht hatte. Nur durch einen Zufall hatte er herausgefunden, dass er Vater war und daraufhin den besten Anwalt engagiert, den er kriegen konnte. Trotz ihres anfänglichen Widerstands musste sich die Mutter der Kinder inzwischen das Sorgerecht mit ihm teilen.

Er, Ben und Annie brauchten erst mal Zeit, um einander besser kennenzulernen. Die Zwillinge waren bisher genauso wenig an einen Vater gewöhnt wie er an den Gedanken, eigene Kinder zu haben. Er hoffte, dass die sechs gemeinsamen Wochen auf der Ranch den Prozess der Annäherung beschleunigen würden.

„Wie war es eigentlich, hier aufzuwachsen?“, fragte er Corrine.

„Herrlich“, antwortete sie mit leuchtenden Augen.

Da! Zum ersten Mal zeigte sie so etwas wie Emotionen. Anscheinend hing sie an der Ranch und seinen Bewohnern.

„Soll ich für morgen eine Führung für Sie arrangieren?“, schaltete Jake sich ein. „Dann können Sie schon mal nach geeigneten Angelplätzen für den Wettbewerb Ausschau halten.“

„Das wäre schön.“

„Dürfen wir morgen reiten?“, fragte Annie.

„Na klar.“ Jake zwinkerte ihr verschwörerisch zu.

Das Mädchen strahlte übers ganze Gesicht. Greg wünschte, seine Tochter würde auch ihn einmal so ansehen. „Danke!“

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