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Chaos der Gefühle

1. KAPITEL

Charlotte hatte ihren Augen nicht getraut, als sie eines Tages am Eingang des „Fürstenhofs“ plötzlich eine dunkelhäutige junge Frau entdeckte.

Es war tatsächlich Samia.

Samia aus Uganda.

Sie hatte Charlotte im afrikanischen Dschungel das Leben gerettet. Nach dem Flugzeugabsturz war Charlotte von Samias Familie aufgenommen und gepflegt worden, und Samia hatte sich mit einer Warmherzigkeit und Fürsorglichkeit um sie gekümmert, die Charlotte ihr nie vergessen würde. Es war eine glückliche Fügung gewesen, dass die junge Frau Deutsch sprach: Ihre Mutter stammte von deutschen Einwanderern ab. Samias Vater hingegen gehörte zu einer Dynastie ugandischer Stammesfürsten und hatte vor einer Weile beschlossen, dass es für seine Tochter an der Zeit war, zu heiraten. Die Ehe mit einem sehr viel älteren Mann aus dem Dorf war beschlossene Sache gewesen, sosehr Samia auch gefleht hatte. Sie hatte nicht mehr aus noch ein gewusst, und kurz vor der Hochzeit war sie einfach geflohen. Ohne Geld und Papiere hatte sie sich bis nach Deutschland durchgeschlagen – welche Gefahren eine solche Reise mit sich gebracht hatte, wagte Charlotte sich gar nicht vorzustellen. Samia sprach nie über die Einzelheiten ihrer Flucht, aber es war klar, dass sie sehr dramatisch gewesen sein musste.

Für Charlotte Saalfeld war es selbstverständlich, dass sie alles tun würde, um Samia zu helfen. Doch die Situation war ausgesprochen kompliziert: Die junge Frau war illegal nach Deutschland eingereist, und sobald die Behörden davon Wind bekämen, würde sie kurzerhand abgeschoben werden. Nachträglich Papiere und eine Aufenthaltsgenehmigung zu beschaffen, erschien aussichtslos – sosehr Charlotte sich auch darum bemühte.

Der Polizei war Samia bereits aufgefallen: Mehrfach erschienen Beamte im Hotel und fragten nach ihr, zogen jedoch unverrichteter Dinge wieder ab, weil ihnen scheinbar niemand eine Auskunft erteilen konnte.

Nur Werner, Robert, Alfons, Xaver und Gregor Bergmeister kannten Samias wahre Geschichte. Charlotte Saalfeld selbst hatte ihre Familie und den Chefportier ins Vertrauen gezogen. Xaver und Gregor hingegen waren Samia zufällig begegnet, als sie um den „Fürstenhof“ herumschlich. In ihrer Not hatte sie den beiden Männern alles erzählt.

Ansonsten wusste niemand, dass sich Samia im Hotel aufhielt.

Charlotte hielt es für die beste Idee, wenn ihre Freundin sich in einem Hotelzimmer versteckt hielt, solange die Schwierigkeiten mit der Aufenthaltsgenehmigung nicht gelöst waren. Und Samia versuchte, sich daran zu halten. Aber das Eingesperrtsein war schrecklich für sie. Sie brauchte die Natur, den Wind auf ihrem Gesicht und die Sterne am Himmel, um glücklich zu sein. Auch das Bett war ihr viel zu weich. Kurzerhand beschloss sie, auf dem Boden zu schlafen.

Ihre Anwesenheit im Hotel blieb natürlich trotzdem nicht unbemerkt.

Tanja fing an, Xaver Löcher in den Bauch zu fragen, doch der Page hielt dicht.

Hildegard, die ihrem Mann vergeblich zugesetzt hatte, kombinierte allerdings richtig: Das Mädchen aus Afrika war illegal hier. Trotz ihrer Tätigkeit als Gemeinderätin versprach sie jedoch, zu schweigen wie ein Grab.

Doch alles Wohlwollen der Menschen, die um sie herum waren, nützte Samia wenig: Das Hotelzimmer kam ihr schnell wie ein Gefängnis vor, und sie war sich nicht mehr sicher, ob ihre überstürzte Flucht aus Uganda die richtige Entscheidung gewesen war …

Werner indes kümmerte sich nur am Rande um die Probleme der jungen Frau. Natürlich war er Samia dankbar, dass sie Charlotte das Leben gerettet hatte. Aber er sorgte sich vor allem um den Ruf des Hotels. Wenn herauskam, dass Familie Saalfeld eine „Illegale“ versteckte, würde es einen Riesenskandal geben.

Und noch etwas beschäftigte ihn mehr als alles andere …

Barbara von Heidenbergs Strategie war aufgegangen: Ihre demonstrative Affäre mit Lars Hoffmann hatte den Senior so rasend eifersüchtig gemacht, dass er schon bald wieder Wachs in Barbaras Händen war. Es hatte nicht lange gedauert, bis er wieder mit ihr in die Kissen sank.

„Du hast mir so gefehlt“, hauchte sie, als die beiden später entspannt nebeneinanderlagen.

„Du machst mich wahnsinnig“, gab er mit heiserer Stimme zu.

„Wie schön, dass du es wieder spürst“, säuselte sie. „Ich möchte, dass du dich wohlfühlst.“

„Sonst nichts?“, fragte er argwöhnisch. Die Kaltherzigkeit seiner Geliebten war ihm durchaus bewusst.

„Was meinst du?“, gab sie unschuldig zurück.

„Vielleicht hat diese Hingabe einen Preis?“

„Denkst du an Taktik?“ Barbara schüttelte den Kopf. „Nein, Werner, dir kann man nichts vormachen.“

„Das hast du schon, meine Liebe“, widersprach Werner. „Dein Selbstmordversuch, das war doch nur ein Manöver, um Miriams Hochzeit mit Felix zu verhindern.“

„Spielt das noch eine Rolle?“, erwiderte sie achselzuckend.

Werner gab sich damit zufrieden. Ihn plagte mittlerweile das schlechte Gewissen gegenüber seiner Frau. Doch Barbara versprach lächelnd, dass Charlotte nichts erfahren würde.

Miriam war im Gewächshaus und betrachtete nachdenklich den Rosmarin, den sie Robert bei ihrer letzten Auseinandersetzung vor die Füße geworfen hatte.

Das hätte ich nicht tun dürfen, warf sie sich vor. Der Rosmarin war ein Symbol für ihre Liebe gewesen. Eine Liebe, die gescheitert war. An Barbara und an ihnen beiden selbst.

Es war vorbei. Miriam schüttelte den Kopf. Sie musste aufhören, daran zu denken.

Felix riss sie aus ihrer trüben Stimmung und begrüßte sie mit einem liebevollen Kuss. Er wollte mit ihr über die bevorstehende Hochzeit reden. Diesmal wäre es besser, sie ganz und gar geheim zu halten, damit Miriams Stiefmutter keine Chance mehr bekam, dazwischenzufunken. Nur Elisabeth und Johann sollten dabei sein.

„Ich kümmere mich um den Termin für die Trauung“, versprach Felix. „Und das große Fest, das du dir so gewünscht hast, das holen wir nach, wenn du Frau Tarrasch bist, okay?“

Miriam nickte lächelnd und schloss ihn in die Arme.

Noch immer litt Robert wie ein Hund unter der Trennung von Miriam – auch wenn er es nicht zugeben wollte.

„Fakt ist: Miriam will mich nicht“, erklärte er seiner Mutter, die das Gespräch mit ihm gesucht hatte und nun zusammen mit ihm durch den Park spazierte.

„Gibt es denn gar keine Chance mehr?“, fragte Charlotte.

„Ich wüsste nicht, welche“, knurrte der Küchenchef.

„Die Liebe nimmt oft steinige Wege“, gab sie zu bedenken. „Schau mich und deinen Vater an, wir sind das beste Beispiel.“ Zweifelnd hob er die Augenbrauen, doch Charlotte fuhr fort: „Als ich aus Afrika zurückgekommen bin, war Werner mit Barbara zusammen. Und jetzt?“

„Seid ihr denn glücklich?“, wollte er wissen.

Sie nickte lächelnd. „Man darf nicht zu schnell aufgeben.“

„Ich will mir aber keine falschen Hoffnungen mehr machen“, hielt er dagegen. „Das Leben geht weiter.“ Doch sein Blick, der mehr als tausend Worte sagte, verlor sich traurig in der Ferne.

Charlotte strich ihm tröstend über den Arm, hakte sich bei ihm unter, und gemeinsam spazierten sie zum „Fürstenhof“ zurück.

Robert machte sich wieder an die Arbeit, aber er wirkte nachdenklich.

Seine Gedanken schweiften immer wieder zu Viktoria. So viel Zeit wie möglich verbrachte er im Augenblick mit ihr. Miriams Freundin richtete keine Erwartungen an ihn, obwohl sie sich offensichtlich in Robert verliebt hatte. Und ihr Interesse an ihm tat Robert überaus gut.

Trotz allem wollte er weiterhin, dass Barbara das Handwerk gelegt wurde.

Als Miriam kurz darauf auf seine Frage, wann die Hochzeit mit Felix denn nun endlich stattfinden solle, nur hilflos herumdruckste, platzte er heraus: „Soll das heißen, es gibt noch keinen Termin? Willst du dein ganzes Vermögen Barbara in den Rachen werfen?“

„Robert, bitte …“, entgegnete sie kläglich. „Ich möchte nicht darüber sprechen.“

„Wenn wir Freunde wären, dann könnten wir darüber reden, ganz normal“, versetzte er bitter. „Aber wenn du nicht willst …“ Damit ließ er sie stehen.

Kaum war er verschwunden, näherte sich Barbara. Doch Miriam hatte nur einen abweisenden Blick für sie übrig, wandte sich ab und verschwand, ohne ein Wort zu sagen.

„So kann es nicht weitergehen!“, rief Barbara ihr hinterher. „Wir müssen reden!“

Aber Miriam ließ sich nicht aufhalten.

Barbara von Heidenberg wäre jedoch nicht Barbara von Heidenberg gewesen, wenn sie so einfach aufgegeben hätte. Am Abend setzte sie sich ungefragt zu Miriam an den Restauranttisch.

„Ich habe dir nicht erlaubt, dich zu setzen“, sagte Miriam kalt.

„Ich möchte mit dir sprechen“, beharrte Barbara. „Und ich möchte dir etwas geben.“ Sie legte ein gerahmtes Foto auf den Tisch. „Es sollte eigentlich ein Geburtstagsgeschenk sein“, erklärte sie. „Aber ich vermute, dieses Mal werden wir wohl nicht zusammen feiern.“

„Worauf du Gift nehmen kannst“, zischte Miriam. Doch ihre Miene veränderte sich schlagartig, als sie bemerkte, dass ihr Vater auf dem Foto abgebildet war. „Papa …“, flüsterte sie betroffen. Voller Genugtuung registrierte Barbara, dass sie Miriams wunden Punkt wieder einmal getroffen hatte. Doch die gab sich kämpferisch. „Glaubst du, ich weiß nicht, was das soll?“, warf Miriam ihr vor. „Du willst mich wieder manipulieren. Deshalb quälst du mich.“

„Schade, dass du das so siehst“, gab Barbara ungerührt zurück. „Denn dein Vater wird uns immer verbinden. Wir haben ihn beide geliebt.“

„Du kannst doch gar nicht lieben.“ In Miriams Augen schimmerten Tränen.

Erst jetzt bemerkte Felix, in welcher Situation sich Miriam befand. Er eilte an ihren Tisch und erfasste mit einem Blick, was Barbara wieder angerichtet hatte. „Es reicht, Frau von Heidenberg!“, sagte er barsch. „Wenn Sie bitte gehen würden?“

„Sie überschreiten Ihre Kompetenzen, junger Mann“, entgegnete Barbara von oben herab. „Aber meine Tochter möchte ohnehin nicht mit mir essen.“ Damit erhob sie sich und verließ würdevoll das Restaurant.

Miriam starrte auf das Foto ihres Vaters. Die Trauer um ihn schnürte ihr die Kehle zu.

Dass Felix sie aus dem Restaurant geworfen hatte, ärgerte Barbara mehr, als sie zugeben wollte.

Umgehend suchte sie Werner auf. Sie fand ihn mit Charlotte zusammen bei einem Schlummertrunk im Salon sitzen. Wutentbrannt beschwerte Barbara sich über das ungehörige Verhalten des Restaurantleiters und sah Werner an. Ein siegesgewisses Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie glaubte, ihn in der Hand zu haben, und sie glaubte, zu wissen, was er in dieser Situation sagen würde. Doch wider Erwarten stellte der Senior sich nicht auf ihre Seite. Fassungslos blickte Barbara Werner an. Sie rang um Fassung. Schließlich schwor sie zornig Rache, bevor sie aufgebracht davonrauschte.

Und sie zögerte nicht lange.

Als Erstes verführte sie abermals den Geschäftsführer. Schließlich war es immer richtig, Werners Eifersucht neue Nahrung zu geben …

Was ihre Stieftochter anging, funktionierte Barbaras perfide Taktik ebenfalls glänzend.

Miriam wurde in dieser Nacht von fürchterlichen Albträumen heimgesucht, die immer wieder um den Tod ihres Vaters kreisten.

Ihr Schluchzen weckte Felix, der neben ihr lag. „Es war nur ein Traum. Beruhige dich“, murmelte er und nahm sie tröstend in den Arm.

„Wann hört das endlich auf?“, fragte sie verzweifelt.

„Liebes, es wird alles gut“, sagte er leise. „Glaube mir.“

Unglücklich schmiegte sie sich an ihn.

Und noch jemand hatte durch Türen und Wände hindurch gespürt, dass es Miriam nicht gut ging. Robert war aus dem Schlaf hochgeschreckt und betrachtete besorgt ein Foto seiner ehemaligen Verlobten. Er war sich sicher, dass sie auch gerade wach lag. Aber er durfte nicht zu ihr …

Am nächsten Morgen fasste Miriam einen Entschluss. Sie würde noch ein letztes Mal mit ihrer Stiefmutter reden.

„Was verschafft mir die Ehre?“, spottete Barbara, als ihre Tochter die Fürstensuite betrat.

Miriam fiel direkt mit der Tür ins Haus. „Ich will, dass du den ‚Fürstenhof‘ verlässt.“

Barbara von Heidenberg schnappte nach Luft. „Das werde ich mir nicht von dir vorschreiben lassen“, erklärte sie wütend.

„Deine Intrigen sind gescheitert“, fuhr Miriam unbeirrt fort. „Also, was willst du noch hier? Du kannst nicht mehr gewinnen.“

„Was für eine reizende Tochter“, bemerkte Barbara sarkastisch.

„Ich war nie deine Tochter“, korrigierte Miriam. „Und wenn du nicht freiwillig gehst, werde ich dich dazu zwingen.“

„Das lasse ich mir nicht bieten!“ Barbaras Stimme überschlug sich beinahe. „Nicht von dir! Erst zerstörst du mein Leben – und jetzt das?“ Miriam machte Anstalten zu gehen. „Hör mir zu!“, rief Barbara wütend. „Das bist du mir jetzt einfach schuldig.“

„Ich bin dir nichts schuldig“, widersprach Miriam ebenso aufgebracht.

„Ach ja?“, höhnte ihre Stiefmutter. „Und wer hat sich dreizehn Jahre um dich gekümmert? Ich war das! Ich habe dich getröstet nach dem Tod deines Vaters. Obwohl es deine Schuld war, dass er sterben musste.“

„Es war ein Unfall“, verteidigte sich Miriam. „Und du wolltest nur an mein Geld.“

„Blödsinn!“, fauchte Barbara. „Es war doch klar, dass du früher oder später heiraten würdest. Ich hätte mich nicht um dich kümmern müssen. Aber du warst hilflos. Ein hilfloser Krüppel!“ Ihre Augen sprühten Funken. „Es gab so viele Männer, die mich wollten“, giftete sie weiter. „Aber allen habe ich einen Korb gegeben. Dir zuliebe!“

Miriam fiel es zunehmend schwer, sich nicht von Barbaras Worten beeindrucken zu lassen. „Du willst dich doch nur rausreden“, sagte sie heftig. „Die ganze Zeit hast du versucht, mir zu schaden.“

„Du täuschst dich!“

Wieder machte Miriam ein paar Schritte Richtung Tür.

Doch Barbara trat ihr energisch in den Weg. „Du bleibst gefälligst hier!“, zischte sie. „Ich bin noch nicht fertig mit dir.“

Hilflos sah Miriam sie an.

„Du hast keine Ahnung von Menschen!“, warf Barbara ihr nun vor. „Von ihren Leidenschaften, ihren Nöten. Du siehst nur, was du sehen willst. Und wenn einer nicht reinpasst in dein kleinkariertes Denken, lässt du ihn fallen.“ Miriam wollte etwas einwenden, doch sie fuhr ihr über den Mund. „Wie war das mit Maxim? Er hat einen Fehler gemacht und schon musste er dran glauben. Und bei mir ist es genauso. Und bei Robert – angeblich hast du ihn ja so geliebt. Aber das kann nicht stimmen, sonst hättest du ihm verziehen. Ehrliche Liebe kann das.“ Zufrieden stellte Barbara von Heidenberg fest, dass ihre Worte Wirkung zeigten – Miriam waren Tränen in die Augen geschossen, als Roberts Name gefallen war. „Und Felix?“, setzte sie nach. „Der sollte am besten gleich seine Sachen packen. Selbst wenn du ihn heiratest, er wird es trotzdem nicht lange machen. Bei dir braucht es ja nur einen klitzekleinen Fehler und schon …“ Sie fuhr sich theatralisch mit der Hand über die Kehle. Entsetzt starrte Miriam sie an. „Sei doch einmal ehrlich“, sagte Barbara triumphierend. „Nur einmal … Du hast kein Herz, Miriam.“ Damit trat sie zur Seite, und Miriam stürzte aus dem Zimmer. Ein bösartiges Lächeln huschte über Barbaras Gesicht.

Völlig aufgelöst rannte Miriam aus dem Hotel nach draußen.

Nur weiter, immer weiter …

Sie wollte die Dorfstraße überqueren und schaute nicht nach links und nicht nach rechts. Zu spät bemerkte sie den Wagen, der auf sie zukam. Hinter der Windschutzscheibe konnte sie Felix’ entsetztes Gesicht ausmachen.

Mit aller Macht stieg er in die Bremsen.

Es tat einen dumpfen Schlag, als das Auto Miriam erwischte …

Im nächsten Moment lag sie zusammengekrümmt auf der Straße.

Felix sprang erschrocken aus dem Wagen und rannte zu ihr. „Was ist mit dir?“, rief er voller Angst.

Langsam rappelte sie sich auf. „Nichts …“, murmelte sie tapfer. „Es geht schon.“

„Was habe ich bloß getan?“, klagte er sich an.

„Du kannst nichts dafür“, erwiderte sie. „Ich habe nicht aufgepasst …“ Mühsam versuchte sie, sich aufzurichten, aber Felix hielt sie davon ab.

„Bleib liegen“, bat er. „Ich rufe einen Krankenwagen.“

„Brauche ich nicht“, erklärte sie. „Mir ist nichts passiert.“ Als er nicht auf sie hören wollte, flehte sie: „Bitte, ich will das nicht. Ich war schon so oft in Krankenhäusern …“

Felix überlegte einen Augenblick lang. „Na gut“, stimmte er schließlich zu. „Dann aber zu Gregor. Das ist mein letztes Angebot.“

Sie schenkte ihm ein erleichtertes Lächeln und ließ sich von ihm zum Auto tragen.

„Was war eigentlich los?“, wollte er auf der Fahrt zum Arzt wissen. „Warum bist du ohne zu gucken auf die Straße gelaufen?“

„Ich … es war gedankenlos von mir“, antwortete sie ausweichend. „Entschuldige.“

„Du warst doch vorher bei deiner Mutter“, bohrte er weiter. „Hat sie was damit zu tun? Gab es Streit?“

„Ich habe einfach nicht aufgepasst“, leugnete sie.

„Keine Chance“, drängte er weiter. „Ich sehe doch, dass dich was bedrückt.“

Aber sie wollte nicht reden.

Schweigend setzten sie die Fahrt fort und kamen schließlich bei Gregor in der Praxis an.

„Sie hatten Glück“, stellte Gregor fest, nachdem er Miriams Knie untersucht hatte. „Die Prellung wird noch ein paar Tage lang wehtun. Aber wenn Sie die Stelle gut kühlen, ist das bald ausgestanden.“ Weitere Verletzungen konnte Gregor nicht entdecken, doch er spürte, dass der Unfall Miriam über die Maßen mitgenommen hatte. Aber auch mit seiner einfühlsamen Art gelang es ihm nicht, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Felix hatte unterdessen Robert im Personalraum erzählt, was passiert war.

„Du verdammter Idiot“, fluchte Robert, als er hörte, dass Felix selbst es gewesen war, der Miriam angefahren hatte.

„Sie ist einfach auf die Straße gelaufen“, verteidigte sich der Restaurantleiter. „Ich konnte sie nicht sehen …“

Kurz darauf kam Gregor herein und gab glücklicherweise Entwarnung. Miriam ging es schon wieder besser.

Miriam war derweil wieder zurück in ihrer Wohnung und hatte das verletzte Bein hochgelegt.

Wenn Felix nicht so schnell reagiert hätte … Aber ohne den blöden Streit mit Barbara wäre das alles gar nicht passiert. Warum schaffte ihre Stiefmutter es immer wieder, sie total zu verunsichern? Sie hätte gleich gehen sollen, als Barbara mit ihren fiesen Vorwürfen anfing.

Miriam hielt inne. Und wenn sie nun wirklich so egoistisch und undankbar war, wie Barbara behauptete? Eigentlich hatte sie ja tatsächlich ständig an sich gedacht: Ob sie irgendwann wieder würde laufen können, ob Robert sie auch genug liebte …

Plötzlich klopfte es an der Tür. Robert öffnete die Tür einen Spaltbreit, schob seinen Kopf hinein und fragte, ob er reinkommen dürfe.

„Ja!“, antwortete sie.

„Ich störe auch nicht lange“, sagte er, trat zu ihr und sah sie besorgt an. „Wie geht es dir? Tut es sehr weh?“

Unglücklich schüttelte sie den Kopf. „Robert, entschuldige …“ Sie atmete tief durch und platzte unvermittelt heraus: „Sei froh, dass du mich nicht heiraten musst. Ich war die ganze Zeit total gemein zu dir, ich habe dich nicht verdient …“

„Du verwechselst da gerade was“, entgegnete er irritiert. „Ich bin von uns der egoistische, besitzergreifende, unsensible Chaot …“

„Ich bin unglaublich selbstsüchtig und undankbar.“ Tränen schimmerten in ihren Augen.

„Wer sagt das?“, fragte er perplex.

„Barbara. Ich war heute bei ihr.“

Robert ergriff ihre Hand. „Natürlich, Barbara …“, murmelte er. „Komm. Erzähl, was passiert ist.“

Sie gab sich einen Ruck und schüttete ihm ihr Herz aus.

„Meinetwegen hat Barbara doch ewig keinen Mann gefunden“, schloss sie unglücklich. „Weil sie nach Papas Tod auf mich aufpassen musste.“

Das hat sie dir vorgeworfen?“, empörte Robert sich. Miriam nickte. „Bitte, hör endlich auf, diesen Mist zu glauben! Das hast du schon viel zu lange getan.“

Du hast mich immer vor ihr gewarnt“, räumte sie kläglich ein. „Trotzdem habe ich dich fallen gelassen.“

„Es ist doch nicht deine Schuld, dass es mit uns beiden nicht geklappt hat“, erwiderte er tröstend. „Wir hatten nie eine reelle Chance.“

„Weil ich mich nur um mich gekümmert habe“, entgegnete sie zerknirscht.

„Weil Barbara alles darangesetzt hat, uns auseinanderzubringen“, widersprach er heftig. „Wir mussten scheitern.“

„Du bist mir nicht böse?“, fragte sie nach einer kurzen Stille.

Er schüttelte den Kopf. „Wir waren einfach zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort“, sagte er leise.

„Robert …“ Erwartungsvoll sah er sie an. „Das, was ich dir gerade erzählt habe … das soll niemand wissen. Auch Felix nicht. Ich weiß nicht, was er sonst tut.“

„Im besten Fall setzt er sich in seinen Wagen und fährt Barbara über den Haufen“, knurrte Robert, ruderte aber sofort zurück, als Miriam ihn mit großen Augen ansah. „Entschuldige, ich bin ein Idiot. Immer mache ich das Falsche …“

„Stimmt doch gar nicht“, wandte sie ein. „Du hast fast alles richtig gemacht.“

Er räusperte sich. „Ich habe zwar immer gesagt, ich kann das nicht …“, begann er stockend, „aber sollen wir es trotzdem versuchen – das mit dem Freundewerden?“

Sie schenkte ihm ein Lächeln. Ihre Blicke verhakten sich ineinander. Doch bevor die Spannung zwischen ihnen zu groß wurde, schlug Miriam die Augen nieder. „Ich bin müde“, erklärte sie leise.

Robert ließ sie allein.

Miriam blickte ihm versonnen hinterher.

Als er sie eben so angeguckt hatte … So verliebt und ohne etwas von ihr zu fordern … Da hatte sie sich gewünscht, dass er sie nie wieder loslassen würde.

Miriam erschrak über sich selbst. Sie durfte so etwas nicht einmal denken. Robert und sie hatten ihre Chance gehabt, und es hatte nicht geklappt.

In ein paar Tagen würde sie Felix heiraten. Er war der Mann, mit dem sie für immer zusammen sein wollte!

2. KAPITEL

Elisabeth und Johann unterhielten sich im Salon über die baldige Hochzeit ihres Sohnes. Sie konnten sich nicht einigen, was sie Miriam und Felix schenken sollten.

Vor lauter Aufregung über die bevorstehende Trauung bemerkten sie nicht, dass Barbara von Heidenberg den Flur entlanggekommen war und ihre Stimmen gehört hatte. Nun wusste Barbara es ganz sicher: Sie hatte nicht mehr viel Zeit, um zu verhindern, dass Miriam das ganze Erbe zufiel!

Zunächst versuchte sie vergeblich, beim Standesamt herauszufinden, wann die Trauung Tarrasch – von Heidenberg angesetzt war.

Mitten in ihre Bemühungen platzte dann auch noch unvermittelt Lars. Der Geschäftsführer hatte – nachdem der Senior einige unmissverständliche Andeutungen hatte fallen lassen – begriffen, dass Barbara und Werner Saalfeld ihr Verhältnis wieder aufgenommen hatten. Und seine Karriere war ihm zu wichtig, als dass er sich auf eine solche Konstellation eingelassen hätte.

„In Zukunft wirst du ohne meine Aufmerksamkeiten auskommen müssen“, erklärte er knapp. „Eine Ménage à trois ist nicht mein Stil.“

„Du suchst freiwillig den Rückzug?“, fragte Barbara ungläubig. Und tatsächlich gelang es ihr nicht, Lars umzustimmen.

Wütend trat sie gegen den Papierkorb, nachdem Lars sich höflich und für immer von ihr verabschiedet hatte.

Im Augenblick liefen die Dinge nicht gerade zu ihrer Zufriedenheit. Wenigstens Werner musste sie wieder auf Kurs bringen – und sie wusste auch schon, wie …

Kurz darauf traf sie sich mit Werner in der Fürstensuite.

„Wie hast du dir das eigentlich weiter vorgestellt?“, fragte sie und rekelte sich verführerisch auf dem Sofa. „Die heimliche Geliebte sorgt für den erotischen Kick, während die biedere Ehefrau das traute Heim bewirtschaftet?“

Der Senior verschlang sie mit hungrigen Blicken und hatte nicht die geringste Lust, im Moment eine solche Diskussion zu führen. „Es findet sich für alles eine Lösung“, murmelte er.

„Und wie genau könnte die aussehen?“, beharrte sie.

„Barbara …“ Er seufzte. „Das hatten wir doch schon so oft. Ich kann Charlotte nicht verlassen, das weißt du.“

Für den Bruchteil einer Sekunde stand die blanke Wut in ihrem Gesicht, aber sie hatte sich schnell wieder im Griff. „Wenn du nun mal nicht anders kannst, werde ich es akzeptieren“, säuselte sie und deutete dann an, dass es ja auch immer noch den Geschäftsführer gäbe – dass diese Aussage seit Neuestem nicht mehr der Wahrheit entsprach, ahnte Werner schließlich nicht. Die bloße Erwähnung Lars Hoffmanns brachte Werner zur Weißglut. Und Barbara registrierte zufrieden, dass es ihr gelungen war, seine Eifersucht wieder anzufachen.

Nach ihrem Treffen mit Werner fand Barbara am Nachmittag durch einen Anruf beim Standesamt dann noch heraus, dass die Hochzeit ihrer Stieftochter in drei Tagen stattfinden würde, und dass der Bürgermeister höchstpersönlich als Standesbeamter fungieren würde.

Und ihre Hochstimmung nach dem Stelldichein mit dem Senior ließ augenblicklich nach: Wie konnte sie die Eheschließung jetzt noch verhindern?

Werner fühlte unterdessen dem Geschäftsführer auf den Zahn.

Doch Lars ließ sich keineswegs von ihm einschüchtern. „Sie haben meinen Respekt, Herr Saalfeld“, stellte er süffisant fest. „Zwei Frauen in einem Haus, und die eine weiß nichts davon. Oder ist Ihre Gattin inzwischen informiert?“

„Was wollen Sie damit andeuten?“ Werners Miene hatte sich schlagartig verdüstert. „Ist das der ungeschickte Versuch, eine Gehaltserhöhung einzufordern?“

Mit gespielter Überraschung zog der Geschäftsführer die Augenbrauen hoch. „Falls das Ihre Sorge ist – ich kann schweigen“, entgegnete er lässig. „Mir liegt ausschließlich das Wohl des Hotels am Herzen. Und dementsprechend handele ich auch.“

„Was maßen Sie sich eigentlich an?“, empörte sich Werner.

„Ihnen gehört das Hotel nicht allein“, gab Lars zu bedenken. „Ihrer Frau gehören ebenfalls fünfzig Prozent.“

Werner reichte die Unverschämtheit seines Mitarbeiters. Unwirsch warf er ihn aus dem Büro.

Robert unterrichtete Werner erst am nächsten Morgen über Miriams Unfall. Und er verschwieg auch nicht den Anteil, den Barbara daran gehabt hatte.

Schockiert lauschte Werner seinem Sohn.

Als er kurz darauf Barbara von Heidenberg damit konfrontierte, wirkte sie ehrlich überrascht. „Miriam hatte einen Unfall?“, stieß sie hervor.

„Deine Tochter hat sich verletzt, und du weißt nichts davon?“, erwiderte er irritiert.

„Jetzt bin ich ja informiert“, stellte sie kühl fest und hatte sich schon wieder im Griff. „Das war’s dann wohl mit der Hochzeit“, murmelte sie, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Werner schüttelte den Kopf. „Deine Tochter hatte einen Unfall, und du denkst als Erstes ans Geld!“, fuhr er sie an.

Sie begriff sofort, dass sie einen Fehler begangen hatte. „Natürlich nicht“, heuchelte sie. „Aber ich nehme an, Miriam geht es wieder gut. Sonst hätte ich doch davon gehört.“

„Du hast nichts verstanden, gar nichts!“, platzte er heraus.

„Jetzt werde bitte nicht sentimental“, entgegnete sie von oben herab. „Wir haben oft genug zusammen Geschäfte gemacht, die auch auf Kosten deiner Familie gingen.“

„Richtig. Und ich weiß, dass das ein großer Fehler war“, knurrte er. „Im Gegensatz zu dir.“

„Wir waren doch immer ein gutes Team“, schmeichelte sie. „Ich fände es schön, wenn wir es auch weiterhin blieben.“ Sie wollte nach seiner Hand greifen, doch er entzog sich ihrer Berührung.

„Ich habe dich wirklich geliebt“, sagte er kalt. „Aber du hattest nur den Taschenrechner im Hinterkopf. Das habe ich inzwischen begriffen.“

Sie musterte ihn plötzlich verächtlich. „Ich habe es geahnt“, zischte sie. „Im Grunde deines Herzens bist du ein kleinbürgerlicher Spießer.“

„Ich wünschte mir, ich wäre das letzte Mal stark geblieben“, entgegnete er voll ehrlicher Selbstanklage. Damit drehte er sich um und ließ eine überaus wütende Barbara zurück.

Ihre letzte Begegnung hatte sowohl Miriam als auch Robert tief bewegt.

Miriam konnte sich seitdem nicht mehr aus tiefstem Herzen auf ihre Hochzeit freuen, und Robert hatte wieder Hoffnung geschöpft.

An diesem Morgen wollte er Miriam eine Freude bereiten und brachte ihr ein zweites Frühstück hinauf.

Auf sein Klopfen hin antwortete jedoch niemand.

Leise betrat er die Wohnung.

Miriam lag auf dem Sofa und schlief.

Wie gebannt betrachtete Robert nun die Frau, die er noch immer über alles liebte.

Magisch zog sie ihn an – er konnte einfach nicht anders.

Er musste zu ihr hingehen.

Und sie küssen.

Überrascht schlug sie die Augen auf.

„Robert!“, entfuhr es ihr. „Was soll das?“

Beschämt sah er zu Boden.

„Du überfällst mich, während ich schlafe? Du küsst mich, ohne dass ich …“

„Entschuldige“, unterbrach er sie. „Aber als ich dich da liegen sah … ich konnte einfach nicht anders.“

„Das ist mal wieder typisch für dich“, ereiferte sie sich. „Wir hatten eine klare Absprache: Wir wollten Freunde sein. Nur Freunde.“

„Ich halte mich doch auch daran“, beteuerte er.

„Ja, das sehe ich!“, fuhr sie ihn an. „Freunde küssen sich ja auch ständig auf den Mund.“

„Aber ich …“

Sie ließ ihn nicht ausreden. „Schluss jetzt, Robert!“, rief sie aufgebracht. „Geh einfach!“

„Bitte, sei mir nicht böse“, sagte er geknickt. „Ich verspreche dir: Es kommt nicht wieder vor.“ Damit schlich er wie ein begossener Pudel hinaus.

Und Miriam blickte ihm verwirrt hinterher.

Sie musste raus. Raus an die frische Luft, um ihre Gedanken zu sortieren.

Nachdenklich spazierte sie an der Pferdekoppel entlang.

Ich fühle mich, als wäre ich dreizehn und zum ersten Mal verknallt, stellte sie kopfschüttelnd fest. Sie war total durch den Wind. Es konnte doch nicht sein, dass ein Kuss von Robert sie derart durcheinanderbrachte.

Versonnen strich sie sich über die Lippen.

Dieser Kuss … er war so liebevoll, so zärtlich gewesen …

Erschrocken über sich selbst straffte sie die Schultern.

Aber auch falsch! Total falsch! In zwei Tagen würde sie heiraten. Und zwar einen Mann, dem sie vertrauen konnte. Der sie nie im Stich lassen würde. Felix war der Richtige!

Miriam nickte und machte sich auf den Weg zum Gewächshaus.

Sie widmete sich gerade der Pflanzenpflege, als Felix hereinkam. Er hatte eine Überraschung mitgebracht.

„Schließe die Augen“, bat er.

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