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ChancenPool

Stefan Tür, geb. 1947 in Berlin, lebt und schreibt auf See.

Sein beruflicher Weg im Graphischen Gewerbe war von dem Bedürfnis nach Kreativität geprägt. Erst im Schreiben entdeckte er für sich die wahre Erfüllung, als Austragungsort seiner Phantasien an den Grenzen der Realität.

Mit ChancenPool öffnet sich ein erstes Ventil seines Reifeprozesses. Der Beginn einer Romanreihe über die Erlebnisse des Journalisten Robert Wick.

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STEFAN TÜR

ChancenPool

Die Erlebnisse des Robert Wick – überraschende Wege eines Journalisten

ROMAN

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Inhalt

Prolog

1. KAPITEL
Scherben bringen Glück

2. KAPITEL
Die Besprechung in London

3. KAPITEL
Unterwegs

4. KAPITEL
Der überraschende Pakt

5. KAPITEL
Auf Schatzsuche

6. KAPITEL
Erste Hindernisse

7. KAPITEL
Gegenwärtige Vergangenheit

8. KAPITEL
Die Zeit verändert alles

9. KAPITEL
Licht und Schatten

Epilog

Anhang

Prolog

„Renato, Ihnen ist klar, wenn ich jetzt frage was Sie gar nicht wollen, dass ich es frage, kann das für Sie äußerst unangenehm sein, denn die Welt schaut zu.“

Gemurmel aus dem Kreis erwartungsvoller Zuschauer und Verunsicherung bei einigen Beobachtern hinter den Kulissen der Mitternachts-Talkshow auf der Moonlight-Etage des Hyatt, hier in Vegas.

„Verdammt, was tut er da? Was soll das werden?“

Flüstert eine junge Frau, in pechschwarz vom Scheitel bis zur Sohle, durchtrainiert für scheinbar jeden Einsatz, ihrem Ebenbild, das sich von ihr äußerlich nur dadurch unterscheidet, dass es ein Mann ist, aus fast unauffällig verzerrtem Mundwinkel über ihre Sprechverbindung zu. Woraufhin dieser, ihr vis-à-vis auf der anderen Seite der Bühne für das Publikum verdeckt postiert, ohne Verzögerung zurückmeldet:

„Keine Panik, erst ‘mal abwarten, was er vorhat!“

„Das werden wir gleich hören! Bleib auf der Hut und achte auf mein Zeichen. Bin gespannt, wie er sich schlägt. Ein Glück, dass es nicht sein Double ist.“

Erwidert die Stimme, die unverkennbar zu der Person des Gespanns passt, die das Sagen hat.

„Vielen Dank für die Warnung Robert. Aber nur zu, seien Sie mein Sprachrohr! Kein Friseur der Welt hätte so viele Kunden. Also rasieren Sie mich.“

Was wirklich sehr schade wäre, gibt doch der Dreitagebart Pernetta‘s Erscheinung eine lässige Note. So wie es offenbar Robert gleichfalls beliebt.

„Vor wem auch sollten Sie sich fürchten müssen, das ist wohl wahr.“

Ohne die Bequemlichkeit seiner Sitzposition eigentlich noch steigern zu können, rückt sich Pernetta dennoch zurecht, als würde etwas bevorstehen, auf das er so vorbereitet gelassener reagieren kann.

„Finden Sie es heraus Robert.“

Womit der Studiogast so relaxt wirkt, dass die für ihn Verantwortlichen wieder aufatmen können.

„Entspann dich, der Boss hat’s im Griff.“

Signalisiert ein Samurai dem anderen.

„So sollte es auch sein, aber hoffentlich täuschst du dich nicht. Der Wick ist nicht zu unterschätzen. Ich sag‘ dir, sei gefasst. Da scheint nichts ausgemacht gewesen zu sein.“

Befielt die Antwort unmissverständlich.

„Mr. Pernetta, stört es Sie, dass Ihr Sohn mit einer Tochter Osama bin Laden‘s befreundet ist?“

„Immer wieder verblüffend der Bursche!“

Befindet Robert‘s Boss, sein Zugpferd vor dem Team lobend, während er die Sendung im Kontrollraum der Londoner Agentur aufmerksam verfolgt. Sich dabei allerdings selber ein wenig wundert, wie sein Schützling es wagt, gleich zum Beginn des Interviews den Gast an die Schwelle des Zumutbaren zu bringen, offenbar die Gefahr in Kauf nehmend, dadurch ein vorzeitiges Ende herbeizufragen. Aber der Alte beruhigt sich in der Gewissheit, dass es eben gerade genau das ist, womit Robert beim Publikum so sympathisch ankommt und was ihn so überzeugend das Gefühl vermitteln lässt, als glaubte er selbst alles was er erzählt. Ohne natürlich dabei etwa seinen Auftrag zu vergessen.

„Wir haben unserem Jungen niemals Vorschriften gemacht. Das wäre auch zu keiner Zeit notwendig gewesen. Meine Frau und ich sind sehr stolz auf ihn. Und im Übrigen, unsere Familien pflegen schon lange die Verbindung miteinander.“

„Wie auch die Geschäfte zeigen.“

„Die Baubranche boomt allerorten. Nächste Frage Robert!“

In einem Packen von Papier umherblätternd, scheint dieser erst eine auszuwählen, als wolle er damit einen winzigen Moment Zeit schinden. Was in der Zentrale neidische Kollegen zu abfälligen Bemerkungen veranlasst: ,Das wird wohl seine erste und letzte Show gewesen sein.‘ – Wobei der große Auftritt tatsächlich nicht Robert‘s Ding ist. Eher wie sonst, schlichtweg die Wahrheit herauszufinden und, so unvorstellbar diese dann auch sein mag, aufbereitet darzubieten – wen immer es interessiert.

„Wo werden Sie das Weihnachtsfest feiern?“

„Das ist für mich jedes Jahr die Überraschung meiner Frau.“ Und der ohnehin beliebte Milliardär gewinnt mit dem Charme eines Italieners im Handumdrehen die Herzen der anwesenden Damenwelt.

„Kann ich mir auch gut vorstellen. – Wen wünschen Sie sich als nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten?“

„Bislang sind die Kandidaten meine Freunde, also sollen sie es unter sich ausmachen, ich muss mir keinen wünschen.“

„Haben Sie dann wenigstens ein Lieblingsgericht?“

„Unsere ‘Pasta Arrabiata‘. Die sollten Sie wirklich ‘mal probieren, Robert.“

„Komme ich gern drauf zurück. – Wenn morgen das Internet ausfallen würde …“

„Dann könnten Sie übermorgen mein Worldnet benutzen.“

„Das Sie von China aus betreiben wollen. Vielen Dank für das Angebot Mr. Pernetta. Doch ich denke, darauf würde ich besser nicht zurückgreifen.“

„Ach je Robert, immer noch voreingenommen? Blicken Sie in die Zukunft. Eines Tages werden Sie sogar froh sein über diese Möglichkeit; endlich keine lästige Werbung mehr.“

„Wir werden sehen! – Sollte der Drogenkonsum nach Ihrem Dafürhalten legalisiert werden?“

„Damit der Staat die Gewinne besteuern kann, wie bei Alkohol, Zigaretten und alledem?“

„Sehen Sie das nicht etwas zu einseitig?“

„Nicht Verbotenes ist weniger verlockend, da mag etwas dran sein. Wie für manch einen das Model im raffinierten Slip, reizvoller ist als nackt.“

„Keine Meinung ist auch eine. – Mr. Pernetta, wann wird Israel den Iran nicht mehr fürchten müssen?“

„Das haben sie niemals getan.“

„So, so! – Was lesen Sie außer Ihren Bilanzen?“

„Hin und wieder auch ‘mal gern einen Roman zur Entspannung.“

„Sieh an! Als E-Book oder gedruckt?“

„Beides. Unterwegs das eine und zu Hause auf der Terrasse Stefan Tür‘s neuesten, mit dem man auch eine lästige Mücke totschlagen kann.“

„Bitte keine Werbung, aber vielleicht taugt’s sowieso zu nichts anderem! – Was hat Ihnen der Papst dieses Jahr geraten?“

„Gerecht zu teilen.“

Die Zuschauer fühlen sich amüsiert, Gläser klingen, belustigende Anmerkungen wechseln von Tisch zu Tisch, Kellner schenken nach und auch Robert‘s Gast lässt sich bedienen.

„Das nenne ich christlich! – Und was hätten Sie sich gewünscht Mr. Pernetta, um wunschlos glücklich zu sein?“

„Woher wollen Sie wissen, dass ich das nicht bin, Robert?“

„Vielleicht die Unsterblichkeit?“

„Wenn Sie das ewige Leben meinen; sicherlich eines Tages nur eine Frage des Geldes. Genauso wie die Reise zum Mars.“

„Ach, Sie würden gern zum Mars fliegen?“

„Aber ja doch. Jetzt geht’s erst ‘mal bald zum Mond.“

„Im Ernst?“

„Begleiten Sie mich!“

„Die Einladung nehme ich an.“

„Abgemacht, aber dann werde ich es sein, der die Fragen stellt. Dann wird die Welt die Farbe ihrer Unterhosen kennen.“

„Blau!“

„Sie schummeln Robert!“

„Anders geht’s nicht!“

„Wenn Sie keine Wahrheit sagen, sind Sie das Testpaket für meine Müllentsorgung im All.“

„Droht denn unser Planet im Müll zu ersticken?“

„Na aber, und ob! Wir müssen die Verschmutzung der Luft und Weltmeere stoppen. Es ist bereits fünf nach Zwölf.“

„Höre ich da einen frischgebackenen Greenpeace?“

„Von mir aus nennen Sie es wie Sie wollen Robert, damit habe ich kein Problem. Jedenfalls habe ich zur Rettung der Menschheit Abfallbeseitigung zu einer meiner letzten Lebensaufgaben gemacht und Globalrechte für den Weltraum gesichert.“

„Das hört sich nun schon wieder eher nach einem gewaltigen Megadeal an.“

„Nicht schwer vorstellbar, dass Sie wegen Ihrer Unterstellungen von so Manchem auch gehasst werden, Robert! – Also mein Engagement bei diesem Vorhaben gilt unseren Kindern und Enkelkindern. Ich betrachte es als meine Pflicht etwas zurückzugeben. Die Erträge fließen in eine Stiftung. Ich möchte mich daran nicht bereichern.“

„Das nenne ich dann edel. – Mr. Pernetta, wenn aber ich morgen reich sein möchte, was könnten Sie mir empfehlen auf welche Aktie ich setzen sollte?“

„Das ist einfacher, als von welchen abzuraten.“

„Etwa wie von ‘Iratom‘?“

„Parker hier! Verbinden Sie mich blitzartig mit Mac Gregor! – Nein, das ist mir egal, es ist dringend, ich warte!“

Lässt sich der dem Sekretariat bestens bekannte Börsenguru nicht abwimmeln und besteht darauf, das Oberhaupt dieser Agentur, welche die Sendung produziert, persönlich sprechen zu wollen. Will er sich doch nicht vom Ausgang der Show überraschen lassen.

„Nein nein nein, da brennt uns nichts an, wenn ich es dir doch sage, verlass dich darauf Larry!“

„Aber da sitzt Renato und sie sprechen beide öffentlich über ‘Iratom‘!“

„Von Aktien hat Robert doch überhaupt gar keine Ahnung. Die Sendung hat einen völlig anderen Beweggrund, wirklich. Nicht, dass du etwa ‘Iratom‘ verkaufst Larry, die stehen vor ihrem nächsten Höhenflug.“

„Na dann, danke dir Arthur!“

Tatsächlich sind Anlass und Hintergründe allein zwei Menschen und der Macht des grenzenlosen Kapitals bekannt. Sie nutzen alles was ihnen recht ist. So auch Robert, um neben ihm, aus dem Munde eines der einflussreichsten Männer der Welt, die Menschheit das hören zu lassen, was sie hören soll. Um Zeit zu gewinnen für die große Neuordnung der Räume, ohne den so wichtigen Konsumenten, ob groß oder klein, dabei zu verunsichern.

„Woher diese Weisheit, Robert?“

„Von niemandem. Schließe ich aus den Wiener Verhandlungen über das Atomabkommen mit dem Iran, zur Beendigung der Aggressionen. Demnach zählt die Iratom-Aktie für mich halt zu den Verlierern.“

„Robert Wick, die Spürnase!“

„Nicht wahr?“

Diese Nachfrage zu beantworten ist nicht der Anlass, weshalb sich Pernetta jetzt erhebt, als wolle er zu einem Referat ansetzen. Nein, ihn bewegt vielmehr, das von Robert Aufgeworfene nach seiner Kenntnis zu ergänzen.

„In der Tat wird uns eine freie ‘Straße von Hormus‘ wieder wirtschaftsverträgliche Ölpreise, wie vor der Marter, bescheren und wir können aufatmen, von der Bedrohung durch diese fast schon unerträgliche Geißel befreit zu sein.“

„Erwarten Sie, dass dann endlich Ruhe im ‘Nahen Osten‘ eintritt?“

„Absolut! Ganz gewiss sogar!“

„Also keine neuen Terrorgruppen, keine Selbstmordkommandos und keine Angst mehr in unseren Städten vor schrecklichen Anschlägen?“

„Soweit wird es nie wieder kommen. Das können Sie mir glauben Robert, und jeder da draußen ebenso. Wenn ich das hier versichere, besteht kein Grund mehr zur Sorge.“

„Mr. Pernetta, wir glauben Ihnen!“

Und es folgt die Werbung.

„Sir, wir haben hier Mario auf Leitung zwei, er meint es eilt sehr. – Selbstverständlich Sir, ich stelle sofort durch.“

„Mac Gregor hier, was gibt’s?“

Selten so erregt, lässt der sonst eher abgeklärte Ressortchef den schon im Mantel zum Aufbruch bereiten Boss wissen, dass er einen Anrufer am Apparat hat, der sich tatsächlich überzeugend als Saddam Hussein ausgibt und beharrlich Pernetta’s Behauptungen widerspricht. Ganz im Gegenteil, sogar die Neugründung einer islamistischen Kampfgruppe voraussagt. Aus einer ehemaligen Zelle. Mit Hetzjagden auf Christen und verheerenden Vernichtungsabsichten in angeblich bisher nicht dagewesenem Ausmaß.

„Abwimmeln, irgendein Spinner! Trotzdem zurückverfolgen und nach ‘Langley‘ weitergeben, dafür sind die Amis zuständig; aber nicht vergessen, den ‘MI6‘ wenigstens zu informieren! Noch etwas? – Danke! War das ein Morgen.“

Was sich der Agenturchef allerdings nicht so recht erklären kann, ist die Merkwürdigkeit, woher der Wichtigtuer das Codewort der Abmachung des letzten Interviews mit Hussein, vor dessen Verschwinden, kennt. Wurde doch angeblich bei der Hinrichtung sogar versehentlich sein Kopf abgerissen. Oder war es womöglich einer seiner Geklonten? – Dann sollte man Robert darauf ansetzen.

1

Scherben bringen Glück, wie soll man das verstehen? Ich habe mich soeben an einer verletzt! Was können Scherben überhaupt Gutes an sich haben? Ist wohl halt nur so ein Sprichwort, das bestenfalls ein wenig trösten hilft. Übrigens, ich bin Robert, Robert Wick. Allerdings verbindet unsere Familie nicht das Geringste mit der gleichnamigen Salbenmarke. Leider, sonst würde ich hier wahrscheinlich nicht auf meinen nächsten Job warten. Andererseits, mehr als ein paar Wochen auf der faulen Haut liegen, wäre ebenso nicht mein Ding.

Wie dem auch sei, entweder wollten sie mir ‘mal etwas Ruhe gönnen oder es lag wirklich nichts Spezielles an. Immerhin, jetzt hatte Tom wenigstens eine Besprechung angekündigt und bisher waren es danach keine 24 Stunden bis zum Termin. Ganz im Gegenteil, alles eilt dann meist, eben noch Zeit zum Packen und bestenfalls kurz für den Friseur.

Gar nicht so einfach, sich eigenhändig einen Verband anzulegen, aber irgendwie muss ich mich schließlich selbst verarzten. Deshalb etwa Frau Rosenberg um Hilfe herunter zu bitten, wäre übertrieben und vielleicht momentan nicht die beste Idee. Hat sie doch oftmals Langeweile und erzählt gern endlos von ihrer Sportkarriere. Wenn bloß nicht das zuppelige Mull andauernd so verrutschen würde. Gibt man heutzutage eigentlich noch Jod auf eine Wunde? Gewiss nur, sobald Schmutz im Spiel ist.

Welch‘ Glück im Unglück, denn die Vase war fast wie neu. Für ihren Zweck sozusagen noch nicht eingeweiht. Ihre Scherben also nicht die Gefahr. Aber wer hätte mir schon in vergangener Zeit Blumen bringen sollen? Die Vase jedenfalls beeindruckte auch ohne solche. Allein durch ihre schlichte Form und das reine Weiß war sie schön anzuschauen. Immer wieder. In der Kunst ist die Form halt alles.

Die Vase war ein Geschenk von Wolfgang zu Lena‘s dreißigstem Geburtstag. Lena hatte sie mir gelassen, vermutlich als Erinnerung. So mir nichts dir nichts hätte ich sie auch ohne die Vase kaum vergessen, schließlich hatten wir einige gute Jahre. Ist jetzt egal, Schnee von gestern.

Jod habe ich ohnehin nicht, und wozu bin ich gegen alles Mögliche geimpft. Endlich hält der Verband, selbst wenn es etwas wüst ausschaut.

Blut hat an sich eine sehr beeindruckende Farbe. Ist offensichtlich nicht ohne Grund die der griechischen Kriegsgötter gewesen. Obgleich ich Blau viel lieber mag. Der unendliche Himmel, das weite Meer, die Ozeane. Die Segelyacht meiner Eltern hatte dieses Blau. ‘Free‘ war ihr Name.

Lasse meine Gedanken gern dahinschweifen, wenn es für mich ‘mal nicht besonders läuft. So einem Freiheitsdrang folgend, in gewisser Weise. Vielleicht habe ich auch deshalb im Laufe der Jahre eine derartige Erfüllung bei diesem Job empfunden. Durch das fortwährende Umherreisen und Unterwegssein. Und es war nicht bloß allein die Jagd nach der Wahrheit am Pulsschlag der Zeit, die mich begeistert hat. Vielleicht war das der wirkliche Anlass für Lena‘s endgültigen Abschied und nicht nur ihre Versetzung nach Brüssel. Wahrscheinlich – bestimmt sogar! Obwohl, sie hatte sich niemals etwa über ihr Alleinsein beklagt. Wer weiß, womöglich war sie gar nicht immerzu so allein? Nein, das mag ich nicht denken, nicht von Lena. Und Wolfgang war sowieso nicht ihr Typ, der hätte ihr noch viele Vasen schenken können. Vielleicht hatte ich überdies zu häufig laut an Astrid gedacht. Indes, sie war längst gestorben. Verunglückt. Meine geliebte Frau. Mutter meiner Tochter. – Keiner auf dieser Welt kann die Zeit jemals zurückstellen. Das ist eine alte Weisheit.

Hoffentlich gibt es keine Blutflecken auf meinem Lieblingssofa, würde mir jetzt noch fehlen. Ich halte den Arm einfach hoch und schaffe die Scherben später rasch fort. Pavarotti aufgelegt, pianissimo, und erst einmal entspannen. Tut gut. Ist das heute ein Tag! An solch einem machst du möglichst nichts mehr, außer warten. Wobei, dafür muss man auch geschaffen sein. Ich werde mich wohl niemals daran gewöhnen können. Wer wartet schon gerne? Dabei kann ich durchaus ein geduldiger Mensch sein. Ausdauernd, einfühlsam, und alles was das Arbeitsleben einem sonst noch abverlangt. Früher war es der Anruf, heute ist es meist eine Mail, die endlich vom Warten befreit.

Eigentlich hätte ich vorhin nicht unbedingt aufräumen müssen, denn so schlimm sah es hier gar nicht aus und Frau Kruse hatte ja erst kürzlich ihren Putztag. Sie hinterlässt mir stets einen herzlichen Gruß und hätte es doch gern, dass ich mir ein Kätzchen zulege. Aber das arme Tier wäre meist allein. Daran hatte sie wohl nicht gedacht. – Vielleicht später einmal, wenn die Zeiten Muße zulassen.

Meine schöne Wohnung. Ich liebe diese hohen Räume mit den Stuckdecken, das knarrende Parkett und die Zimmer mit offenstehenden Flügeltüren. Man kann umherlaufen ohne anzukommen.

Wäre ich zum Friseur gegangen statt Frau Kruse zu mimen, wäre das Malheur mit der Vase gar nicht geschehen. Ist halt eine Angewohnheit, alles ordentlich zu hinterlassen, wenn ich für längere Zeit fortbleibe. Auch praktisch, nach der Rückkehr das Meiste am gewohnten Platz gleich wieder zu finden.

Wie dem auch sei, beim letzten Mal hatte ich die Idee einen Kuchen zu backen, um mich vom Warten abzulenken. Aber was hätte ich damit letztendlich machen sollen, als die erlösende Nachricht dann plötzlich eintraf, außer für mich selbst etwas davon mitzunehmen. Die neuen Nachbarn hatten sich mir noch nicht vorgestellt und ob sie überhaupt Kuchen gemocht hätten? Frau Rosenberg, eine Treppe höher, wegen ihres Kalorienbewusstseins sowieso nicht, das war bekannt. Und bis Töchterchen ‘mal nach dem Rechten geschaut hätte, wäre er sicherlich knochenhart geworden. Dass sie ihrem Studium mehr Aufmerksamkeit schenkt und so fleißig lernt, ist mir viel wichtiger. Ihre Mutter wäre stolz auf sie.

Ich will hoffen, dass die in London nicht etwa denken, mein Anliegen vom vorigen Einsatz sei lediglich eine Laune gewesen. Zumindest Walter müsste es wissen. Seit diesem Zwischenfall in Budapest möchte ich halt nur noch auf selbst gewählten Wegen zum Ort des Geschehens unterwegs sein. Aber möglicherweise macht Walter das gar nicht mehr, ist früher als erwartet aufgerückt und sie haben jemand Neuen. Oder er ist krank, was man sich jedoch bei ihm weiß Gott nicht vorstellen kann.

Ob ich nochmals bei Silke anrufe? Besser nicht, sie würde sich wahrscheinlich nur wundern, dass ich noch immer zu Hause bin. Abgemeldet ist abgemeldet. Für sie ist der Vater unterwegs, sobald der Flug gebucht ist. Was seit eh und je sofort nach Tom’s Ankündigung, dass London ruft, erledigt wird.

So wie auch das Packen kein Thema war. Nach neun Jahren ergibt sich eine gewisse Routine die Tasche in der Weise fertigzumachen, dass nichts von dem fehlt, was nicht fehlen darf. Zu welchem Winkel dieser Erde der Auftrag auch führen mag. Am besten davon ausgehen, dass du ausgerechnet dahin musst, wo es das Wichtigste nicht zu kaufen gibt. Dazu zählt mit Sicherheit ein dicker Akku, besser zwei, und Zahnseide nicht vergessen. Brauchte in Kiew ‘mal drei Stunden, um gewachste zu bekommen.

Wie es regnet. Als wolle es niemals mehr aufhören. Typisch für Hamburg zu dieser Jahreszeit. Macht nichts, ich gehe gern bei Regen aus dem Haus. So völlig ungesehen. Stets noch ein paar Schritte an der Alster entlang, als würde man dieser Stadt einen Abschied schuldig sein. Das stimmt dann meist zufrieden. Aber warum bin ich ansonsten eigentlich des Öfteren mit mir unzufrieden? Sind es ungeklärte Fragen, die mich zeitweise plagen? Hätte ich klugerweise Theologie abschließen sollen, statt mich vom Journalismus im wahrsten Sinne des Wortes fressen zu lassen? Und wo ich heute gelandet bin! Was hat das noch mit meinen Träumen, meinen Idealen zu tun? Falls es zutrifft, dass man mit dreißig seinen Weg gefunden haben sollte, hinke ich rund zehn Jahre hinterher. Es sei denn, für mich gibt es wirklich nichts Anderes mehr. Lassen wir’s, ist jetzt ohnehin nicht der geeignete Augenblick darüber nachzudenken. Das Schicksal regelt sowieso fast alles. So will es das Leben.

Zum Nachmittag hin wird es schon erheblich früher dunkel. Vereinzelt glitzern draußen die Lichter und der Verkehr in den Straßen nimmt zu. Bald ist es Abend und die Stadt beginnt ihre Geschichten zu erzählen.

Um was kann es sich wohl für mich dieses Mal handeln? In der Welt ist einiges los, Kriege sowieso! Oder kommt jemand plötzlich mit seinem Ruhm nicht mehr zurecht?

Die Musik ist verstummt. Tatsächlich, die Platte ist zu Ende. Demnach ist bereits eine dreiviertel Stunde vergangen. Ich werde geschwind noch vorsichtig die Scherben einsammeln. Sonst bekommt Frau Kruse einen Schreck, wie es hier aussieht. Es pockert ja auch nicht mehr.

Wo bleibt denn bloß wieder diese Bestätigung aus London? Jedes Mal das gleiche Theater! Will ich doch unbedingt mit meiner Maschine um 21 Uhr fliegen. Damit ich wie gewohnt vor 22 Uhr Ortszeit in Luton eintreffen kann.

Wenn Walter mich etwa nochmals versetzt, wird es mein letzter Job für ihn gewesen sein. Dann arbeite ich endgültig für die Konkurrenz. Selbst für weniger Geld. Edward hatte mich schon mehrmals damit locken wollen, dass ich bei ihm über meine Reisespesen keine lästige Rechenschaft ablegen bräuchte, egal ob ich auf einem Kamel unterwegs war oder im U-Boot. Bewegungsfreiheit ist in diesem Geschäft halt von äußerster Wichtigkeit. Sie verschafft vertrauliche Zugänge. Zählt doch Exklusivität. Und dass vereinbarungsgemäß geliefert wird. Zuverlässig. Das ist es, worauf es ankommt.

Gegebenenfalls wäre eine Veränderung für mich sowieso ‘mal an der Reihe, aus welchem Grund auch immer. Ein Büro in London haben die Amerikaner ebenso, wie fast in jeder anderen Hauptstadt der Welt. Gepflogenheiten bekanntlich andere. Aber das würde mir gewiss nichts ausmachen. Selbst wenn es halt New York sein muss. Bei einer Trennung sollte es fair zugehen. Für alle, das ist klar. Denn wie lautet das Sprichwort? Man trifft sich meist zweimal im Leben, und in dieser Branche unvermeidbar.

So, mir reicht‘s, ich will jetzt raus! Gas und Wasser abgestellt. Stock Klavier Gesangbuch, ab geht’s. Eine Mail kann ich genauso gut vom Handy abrufen und wenn wider Erwarten nichts kommen sollte, überrasche ich den Nils in seinem Hafenpub. Jazz am Montag Abend wäre dann zur Zerstreuung genau das Richtige!

. . .

„Wick, sind Sie es?“

Darauf unmittelbar einzugehen, erscheint Robert überflüssig. Vielmehr drängt es ihn einen Stau von Fragen loszuwerden und er lässt seiner Ungeduld freien Lauf.

„Na endlich, gibt es euch tatsächlich noch? Ein Zwischenbescheid wäre auch nicht schlecht gewesen. Mit wem spreche ich überhaupt? Was ist mit Walter? Warum lasst Ihr mich hier so warten?“

Beide Gesprächspartner denken noch immer nicht daran, sich einander vorzustellen.

„Sorry! Walter, Peggy und Fadil, sogar Scott, sie sind alle schon den ganzen Tag beim Chief, sie verhandeln pausenlos mit dem Ministerium. Es dauert länger als gedacht. Deshalb kann ich Ihnen derzeit leider nichts Konkretes mitteilen. Im Moment wäre alles zu ungewiss, bitte haben Sie Verständnis dafür. Dennoch Herr Wick, kommen Sie jetzt. Für später sind außerdem Beeinträchtigungen im Flugverkehr angesagt. Tom sollte uns doch nach meinem Kenntnisstand bereits bei Ihnen angekündigt haben. Sie können Ihre 21 Uhr-Maschine noch bequem erreichen. Morgen werden wir alle mit ziemlicher Gewissheit über die aktuellen Einzelheiten informiert.“

Noch immer völlig unzufrieden über die mageren Auskünfte steigert sich Robert mit seiner nächsten Frage ins Ironische um höflich zu bleiben.

„Vielleicht darf ich trotzdem schon ‘mal erfahren, ob ihr mich am Nordpol oder Südpol haben wollt!“

„Weder noch Herr Wick, so viel kann man bereits sagen, aber zweifellos wird es wieder interessant für Sie, das konnte ich vor wenigen Minuten Mario‘s Worten entnehmen.“

Seiner Komik lässt Robert ein letztes Angebot der Freundlichkeit folgen.

„Da bin ich ja wirklich gespannt. Wer bitte sind Sie eigentlich, wenn ich nachfragen darf?“

Woraufhin der Anrufer aus London sein Versäumnis zutiefst bedauert und Robert aufklärt.

„Sorry, hatte ich mich nicht vorgestellt? Taylor ist mein Name, ich bin Richard Taylor. Ich werde Walters Nachfolger. Er lässt uns Emma im Sekretariat, das macht mir die Übernahme leichter. Aber darüber sprechen wir natürlich noch. Über Sie bin ich bereits bestens im Bilde, sehr beeindruckend Herr Wick, großartig! Ich freue mich schon, Sie persönlich kennenzulernen. Wir treffen uns also morgen spätestens um 10 Uhr in der Agentur. Noch im alten Trakt. Mit dem Umzug wird es dauern, darüber sind alle froh. Keiner will ihn wirklich, jetzt nach dem ‘Brexit‘. Mac Gregor möchte Sie ebenfalls sehen, womöglich zum Lunch. Tom lässt Sie nachher in Luton von unserem Chauffeur abholen und in Ihr Apartment bringen. Falls Sie Wünsche haben, stehen Ihnen beide nach wie vor zur Verfügung. Vergessen Sie bitte Ihren Schirm nicht, hier regnet es erstaunlicherweise pausenlos. Guten Flug Herr Wick!“

„Vielen Dank, bis morgen, Mr. Taylor.“

‚Richard Taylor also‘, sagt sich Robert. ‚Walter hatte ihn mir gegenüber vor einiger Zeit als einen der möglichen Kandidaten erwähnt, sobald er dem Ruf ins Board folgt. Mal sehen, ob die Chemie stimmt! Hörte sich dann letztlich durchaus kollegial an. Und der Oberboss möchte mich sprechen, wie lange ist das her? Drei, vier Jahre? Scheint wohl wieder ‘mal etwas Besonderes anzuliegen, vielleicht wie damals in Vegas 2012. Dieser Job hatte mir seinerzeit nicht Unerhebliches abverlangt. Erinnere mich noch an das Interview mit dem bis zum Sendebeginn geheimgehaltenen Gast, als wäre es gestern gewesen. Die Welt sollte auf erfreuliche Veränderungen im Arabischen Raum eingestimmt werden. Aber was war bekanntlich die Folge? Nur Chaos, ohne ein Ende in Sicht! Und ich war einer der Wegbereiter. – Gar nicht so einfach etwa, damit dann leben zu müssen. Man wartet sehnsüchtig auf die Gelegenheit es ausgleichen zu können, um endlich wiedergutzumachen.

Schon zu Beginn der Zusammenarbeit wurde mir klar, dass sich bei dieser Agentur nicht alles nur ums Geld dreht, sondern zumindest gleichviel um Macht! Was die jüngste Fusion deutlich zeigte. Aber um mit der Wahrheit überleben zu können, erfordert es letzten Endes eine gehörige Portion Macht. Nicht immer hat man das Erfolgserlebnis, die Wahrheit kundtun zu dürfen. Manch einem ist sie in verschlossenen Schubladen ein wertvollerer Garant, wie eine bessere Waffe. So läuft das Geschäft nun ‘mal leider. Hauptsache man verliert seinen Glauben an das ‘Große Ganze‘ nicht und der Scheck kommt pünktlich! Und an Letzterem gab es noch nie etwas zu beklagen. Diese Agentur! Die würden es glatt fertigbringen, das Uhrwerk vom ‘BigBen‘ zu verstellen, wenn‘s sein soll.

Ach, hier hat es jetzt aufgehört zu regnen. Dann brauche ich erst recht kein Taxi. Bis zum Hauptbahnhof schaffe ich es allemal noch gut zu Fuß. – In Kreuzberg waren während dieser Jahreszeit abends auch nur vereinzelt Menschen in den Straßen unterwegs. Habe viele gute Erinnerungen an Berlin. Zum Studieren war diese Stadt wirklich wie geschaffen, fast an jeder Ecke eine Kneipe!‘

. . .

„Mensch Robert, so ein Zufall! Wie geht es dir denn, hast du Lust auf ein schönes Bier?“

„Hallo Ighor, lange nichts von dir gehört! Habe leider keine Zeit, bring‘ mich doch zur S-Bahn und erzähl‘ kurz das Neueste. Bin auf dem Weg zum Flugplatz. Muss heute noch eilig nach London.“

Sie passen ihre Schritte einander an, um möglichst nichts von ihrer Unterhaltung im Lärm des Stadtverkehrs verloren gehen zu lassen; einem marschierenden Bollwerk gleichend.

„Wenn du London sagst, hast du gewiss wieder einen Job! Na klar doch, du trägst ja auch deine berüchtigte Schottenjacke, anscheinend unverwüstlich das Teil! Was hast du da mit dem Finger gemacht, bist du verletzt Robert?“

„Beides gut erkannt, der Kratzer ist aber nicht der Rede wert!“

„Wie kommst du nur mit der kleinen Tasche aus? Oder bleibst du dieses Mal nicht lange fort? Was liegt an in der Welt?“

An die Vorzüge seiner Wetterjacke erinnert, schlägt sich Robert während des Erzählens den übergroßen Kragen so hoch wie möglich und ist vor dem Nasskalten besser geschützt.

„Ob du es glaubst oder nicht Ighor, aber ich weiß selber noch nichts Näheres.“

„Ist ja beinahe wie bei mir Robert, da steckt auch jeder Tag voller Überraschungen!“

„Die es dann zu meistern gilt, nicht wahr!“

„Ja, da hast du Recht. Aber zahlt es sich bei dir wenigstens aus? Oder vielmehr, lohnt es sich überhaupt für dich? Interessierte mich ehrlich gesagt schon des Öfteren. Denn du wirkst immer so auffällig bescheiden. Noch dazu wenn ich bedenke, was man mitunter von dir Faszinierendes zu lesen bekommt. Das ist schon allerhand.“

„Hey Ighor, wir sind gleich am Bahnhof und du solltest mir etwas erzählen statt neugierig zu sein. Wie geht es denn deiner Olga?“

„Das ist aus. Was glaubst du, warum ich hier bei diesem Gruselwetter allein herumschwirre.“

Die Ampel wechselt ihr Signal auf Rot und sie müssen warten, was Robert‘s Gedanken für einen Augenblick willkommen zu sein scheint.

„Oh, das tut mir sehr Leid für dich Ighor. Aber wenn es dich etwas tröstet, geteiltes Leid ist halbes Leid. – Trafen sich zwei Single! – Begleitest du mich noch bis zum Bahnsteig? Die S-Bahn fährt erst in 15 Minuten.“

„Gerne! Oder weißt du was Robert, ich komme sogar mit zum Airport. Das gibt uns mehr Zeit zum Erzählen. Morgen muss ich sowieso nicht früh raus, habe nur daheim Vorbereitungen für unseren Kongress in Wien am Mittwoch.“

Ihre Freude an dem unverhofften Zusammentreffen ist offensichtlich.

„Prima Ighor, ich muss dann allerdings bald etwas Warmes zu mir nehmen.“

„Da bin ich gern dabei Robert, mir knurrt auch schon schrecklich der Magen!“

So stimmen sie beide überein, dass Erzählen nicht satt macht. Lassen es aber nicht etwa bleiben.

„Also dann bist du noch immer in dieser Forschungsabteilung bei dem Konzern für Solartechnik?“

„Ja ja, nur den Schreibkram erledige ich auch manchmal halt gern in Ruhe zu Hause.“

„Einen geregelten Feierabend habt Ihr Wissenschaftler scheinbar höchst selten. In der Hinsicht sind wir eben beide nicht zu beneiden, aber so haben wir es uns nun ‘mal ausgesucht.“

„Das solltest du nicht so negativ sehen Robert. Am Fortschritt zum Wohl der Menschheit mitzuwirken, kann durchaus sehr erbaulich sein.“

„Wie weit seid Ihr denn? Wann sind wir nun endlich ‘mal von Öl und Gas unabhängig?“

Ighor wiegt nachdenklich seinen Kopf. Allzuweit möchte er nicht ausschweifen, schließlich ist Robert Journalist.

„Wenn wir bloß einen Ausweg bei den elementaren Materialien für die reflektierenden Bauteile finden würden. Das wäre der Durchbruch. Wir sind schon sehr nahe dran. Mit den Testergebnissen ist die Industrie weltweit zufrieden. Aber die Kosten für eine richtig große Lösung sind zu gewaltig. Die Vorräte der natürlichen Rohstoffe sind begrenzt, sie würden nicht ausreichen. Da liegt das Problem begraben! – Vielleicht werden schlaue Völker eines Tages dazu bereit sein, freiwillig ihr Gold zu opfern, um ein geeignetes Trägermaterial bereitzustellen. Oder sie bekriegen sich deswegen. Ähnlich, wie es ums letzte Wasser sein wird.“

„Äußerst interessant! Warum wohl keine Staatsreserven beigebracht werden? Da kann man wirklich schon ins Grübeln kommen.“

In seinem verknitterten Outfit, den Schal mehrfach um den Hals geschlungen, verkörpert Ighor den zerstreuten Professor, hat deshalb aber auch nicht auf alles eine Antwort.

„So lässt sich die Arbeit oftmals nicht ohne Weiteres vom Privatleben trennen. Man schleppt nicht selten einiges aus dem Labor mit sich im Kopf herum und kann nicht abschalten. Deshalb ist unsere Beziehung letztendlich kaputt gegangen. Insofern hast du schon Recht, man ist nicht zu beneiden! Doch jetzt wo ich allein bin, ist die Forschung genau der richtige Hafen für mich.“

„Da haben wir höchstwahrscheinlich noch etwas gemeinsam Ighor. Denn wie mir so langsam bewusst wurde, hatte sich Lena wohl auch wegen meiner Arbeit von mir getrennt.“

„Natürlich überdenkst du im Alleinsein das Eine oder Andere für die Zukunft. Es soll sich schließlich nichts von alledem wiederholen. Aber das braucht seine Zeit und ist gut so. Sagt mir jedenfalls mein Bauch!“

„Mein Bauch sagt mir als letzte Warnung ‘Hunger‘! Wo geht‘s denn hier zur Essensausgabe? – Schön, dass du mich noch begleitest Ighor. Warum haben wir uns eigentlich nicht schon öfter ‘mal getroffen?“

Ohne eine Antwort darauf wirklich hören zu wollen, wenden sie sich beim Laufen einander kurz zu. Übereinstimmend nicht weiter zu fragen.

„Können wir gern jeder Zeit nachholen Robert! – Hier auf diesem Bahnsteig gibt es nur Automatensnacks und deine Bahn wird sowieso jeden Moment einfahren; wir sollten bis zum Airport durchhalten!“

„Da ist sie schon. Aber Ighor, dann sprechen wir wenigstens die nächste halbe Stunde nicht mehr vom Essen, sonst fresse ich dich womöglich!“

Sie drängeln sich in das Abteil des überfüllten Zuges um noch mitzukommen.

„Und bitte auch nicht von unseren Frauen!“

„Abgemacht, Ighor!“

„Wie geht es deiner Tochter Silke, kommt sie mit ihrem Studium gut voran? Wohnt sie noch immer bei deinen Schwiegereltern? Wenn ich mich recht erinnere, wurde es doch wohl nach dem Tod deiner Ehefrau dort ihr Zuhause. Oh, pardon, nichts weiter mehr von den Frauen!“

Endlich sind zwei Sitzplätze frei geworden und sie können ihr Gespräch entspannter fortführen.

„Schon gut, an Astrid lasse ich mich gern erinnern, selbst wenn es noch etwas schmerzt. – Ja, das war für Silke so das Beste und heute hat sie im Hause der Sörensens sogar eine kleine Wohnung für sich allein. Während Astrid‘s Ausbildung im väterlichen Handelskontor verbrachte sie ohnehin bereits von klein auf an tagsüber die meiste Zeit bei der Omi.“

Ighor entgeht nicht, dass es lediglich eines winzigen Anstoßes bedarf, um Robert weitererzählen zu lassen. Offensichtlich wäre dem kein anderer Wunsch willkommener; endlich kann er sich wieder einmal freireden und seinem Herzen etwas Luft machen.

„Der alte Sörensen war froh, dass seine Tochter in die Fußstapfen der Vorfahren trat um das Unternehmen später einmal leiten zu können. Ich studierte zwischenzeitlich zwei Semester in Berlin, da mich dort die Vorlesungen eines Professors in Sinologie sehr interessierten. Andererseits wollte ich von Silke und Astrid nicht länger so weit entfernt sein. Da gab es zwar die Wochenenden und Semesterferien, doch schließlich hatten wir an der Alster diese wunderschöne Wohnung. Es ist die, wo ich heute noch sehr gerne zu Hause bin. Sie ist quasi die Mitgift von Astrid‘s Eltern gewesen. In Hamburg zurück, wechselte ich folglich zu Japanologie, wovon ich neben Geschichte und Theologie ebenfalls recht angetan war. Wir hatten ein wunderbares Leben.“

„Wie habt ihr euch denn kennengelernt?“

Animiert Ighor, um den Faden nicht abreißen zu lassen. Doch auf diese Frage muss Robert erst einmal tief Luft holen und durchatmen, bevor er zu seinem Erzähltempo zurückfindet und die Erinnerungen geradezu heraussprudeln lässt.

„Im Hamburger Segelclub, und wir waren auf der Stelle ineinander verliebt. Wir beschlossen, gleich nach dem Abitur ein paar Jahre durch die Welt zu segeln. Meine Eltern hatten auf den Azoren ihre Segelyacht ‘Free‘ zu liegen, mit der wir fast zwei Jahre unterwegs sein konnten. In meiner Geburtsstadt Caracas haben wir geheiratet. Astrid war dann schwanger geworden und wir blieben noch einige Monate in der sonnigen Karibik, bis die Yacht bei Trinidad hurricansicher vertaut wurde. Schlussendlich flogen wir für die bevorstehende Entbindung hierher nach Hamburg zurück und waren bald zu Dritt. Eigentlich war alles wie im Märchen, umso größer der Schock mit Astrid‘s Unfall.“

Robert stockt abermals merklich, hat er seine Vergangenheit nun endgültig wiedererweckt.

„So ausführlich hast du darüber bisher nie gesprochen.“

Gibt Ighor mit dem Grinsen eines Chinesen zu verstehen.

„Hätte sicherlich auch nicht zu unserem Fitnessprogramm gepasst. Jetzt hattest du nachgefragt, aber ich will dich nicht langweilen mit alldem.“

„Nein nein absolut nicht, ganz im Gegenteil, ich höre dir sehr gerne zu, Robert!“

Ighor wirkt überzeugend, doch können seine Worte ein gewisses Mitgefühl für Robert nicht verbergen.

„Das war schon ‘Ohlsdorf‘, nächste Station müssen wir dann spätestens raus.“

Womit die Unterhaltung eine Pause findet, da Robert ohnehin etwas anderes drängt.

„Ich muss erst ‘mal flink zur Toilette und für kleine Jungs, du brauchst nicht auf mich zu warten Ighor, wir treffen uns im Restaurant ‘Mövenpick‘.“

„Soll ich schon die Biere bestellen?“

Mit diesen Zurufen trennen sich ihre Wege schnellen Schrittes, hat es Robert jetzt doch wirklich eilig.

„Gern Ighor, bis gleich!“

‚Der Ighor, sieh an‘, sinniert Robert. ‚Welches Glück, dass wir uns so unverhofft getroffen haben. Und er hat sich offensichtlich gleichermaßen darüber gefreut. Mit den Fitnessverabredungen wurde es in letzter Zeit tatsächlich immer seltener. Was für ein Zufall jetzt.‘

Ighor hat einen Tisch ausgewählt. Gedeckt für vier Personen. Unter einer echt wirkenden Palme. Er stöbert bereits in der Speisekarte, als Robert dazu kommt und sich dem anschließt.

„Ruhiges Fleckchen hier!“

„Kann man sagen, war hier schon ab und zu vor dem Abflug. Ich bestelle mir etwas Leichtes. Aha die Forelle wird wieder angeboten, die dauert gewiss nicht lange.“

Fast gleichzeitig klappen sie die Speisekarten zu. So auffällig, dass der Kellner ihre Bereitschaft zur Bestellung nicht übersehen kann.

„Gute Idee Robert. Bitte zweimal die Forelle Herr Ober!“ Schießt es aus Ighor heraus, als würde er an einem Imbissstand bestellen.

„Wo waren wir noch gleich stehengeblieben? Ach ja, bei meiner Flucht!“

Spannender hätte Robert die Fortsetzung nicht in Aussicht stellen können und hat Ighor als Zuhörer zurück.

„Warum Flucht Robert?“

„Wir wurden zwar von unseren Eltern fortwährend wie auf Händen getragen und hätten eigentlich kein zusätzliches Geld benötigt. Dennoch wollte ich wenigstens ein Taschengeld für uns mit einbringen und jobbte während meines Studiums gelegentlich. Über den Segelclub hatte ich allerlei angeboten bekommen. Doch dann interessierte sich da noch der Verlag unseres hiesigen Nachrichtenmagazins für mich oder vielmehr für meine Sprachkenntnisse. Das Ressort Auslandsrecherche für Asien sollte erweitert werden und die Redaktion hatte Bedarf ausgeschrieben. Das erschien mir nach einigem Abwägen neben den Verdienstmöglichkeiten in der Tat recht reizvoll zu sein.“

„Zwei Bier die Herren!“

Frisch gezapft wie im Werbespot und routiniert serviert.

„Zum Wohl Ighor! Das ist doch schon ‘mal etwas.“

Ein tiefer Zug löscht nicht nur ihren Durst, sondern beschwingt Robert fortzufahren.

„Jedenfalls war mein Studium irgendwann nach einigen Jahren zur Nebensache geworden, bis ich schließlich den Angeboten zur Festeinstellung nicht widerstehen konnte. Ausschlaggebend für die zunehmende Vernachlässigung des Studiums war damals allerdings, und da bin ich mir heute ziemlich sicher, der Schicksalsschlag durch Astrid‘s plötzlichen Tod.“

Ihm nicht unbekannt, meldet sich Robert eine innere Stimme und lässt ihn für einen Augenblick unterbrechen, denn da sind sie wieder, diese unheimlichen Gespenster von einst.

„Weißt du Ighor, mit dem kam ich nicht klar. Ich fühlte mich leer. Nicht etwa ausgebrannt, sondern einfach leer. Wenn du verstehst was ich meine.“

Das Leben erschien dem jungen Witwer zeitweise entsetzlich sinnlos. Den natürlichen Fürsorgebedürfnissen um die Tochter konnte er nicht nachkommen und das fehlte ihm. Silke war dermaßen in Astrid‘s Elternhaus eingebunden, dass sich Robert wie ein Außenstehender vorkam. Nun rächte sich ihre frühere Bequemlichkeit. Er musste feststellen, dass die Kleine dort ihrer verstorbenen Mutter näher sein konnte, als bei ihm. Er wollte dem Kind keinen Schaden zufügen und pochte nicht etwa auf seine Rechte.

„So begab ich mich quasi auf die besagte Flucht!“

Welche Ighor allerdings nicht mehr als so spannend einzuordnen weiß; dieses sich aber nicht anmerken lassen will und verständnisvoll Robert zunickt.

„Zweimal Forelle, die Herren. Noch zwei Bier?“

„Du noch ein Bier Ighor?“

„Nein danke Robert, jetzt lieber ein Glas Riesling zum Fisch.“

„Und für mich bitte ein Wasser, ohne Gas bitte.“

„Bin schon unterwegs!“

Und der Kellner verschwindet trotz seiner Beleibtheit mit einer Körperdrehung wie der eines tanzenden Eiskunstläufers in vollendeter Perfektion.

„Guten Appetit Robert!“

„Gleichfalls, lass es dir schmecken Ighor. Beim Fischessen lernte ich von Astrids Mutter, bis auf das Notwendigste nicht zu sprechen und mindestens eine Kartoffel zum Nachstopfen parat zu haben, wegen der Gräten. Achtung da war bereits eine fürchterliche!“

Auf diese Feststellung hin bleibt den beiden die mahnende Frage der Bedienung nicht erspart.

„Sie hatten Fisch bestellt? Ein Wein, das Wasser, bitte schön die Herren! Zufrieden? Wohl bekommt’s!“

„Danke vielmals! Ja ja, darauf bestand meine Großmutter schon bei uns Kindern, bei Fischspeisen stets eine Kartoffel bis zum Schluss auf dem Teller übrig zu lassen! – Alles sehr tragisch was du da erzählst Robert.“

Sie sezieren vorsichtigst und bedacht ihre Forellen, damit sie das Gespräch ohne allzu störende Gräten in Ruhe fortsetzen können.

„Wo das Schicksal halt zuschlägt! Aber die Entscheidung mit Silke war zweifelsfrei richtig gewesen.“

Sie macht sich zu Robert‘s großer Freude wirklich bestens. Schließlich haben die Großeltern alles Erdenkliche gegeben. Alle Vier haben sie sich ein herzliches Verhältnis zueinander bewahrt.

„Irgendwann war ich dank zahlreicher Gruppensitzungen zwar einigermaßen über den Berg, muss aber scheinbar doch einen Knacks abbekommen haben, denn es dauerte nicht lange, bis ich mich dann von dieser Agentur in London abwerben ließ. Wer für die arbeitet, der mag kein Privatleben mehr.“

Bei diesen Worten lässt Robert seine Erzählung mit leiser werdender Stimme erst einmal ausklingen, da er bemerkt, dass Ighor seine Aufmerksamkeit viel mehr dem Fischessen zugewandt hat.

„Schmeckt recht ordentlich, soll ich noch Kartoffeln und Petersilie nachbestellen?“

„Gute Idee Ighor!“

Der Zustimmung Robert‘s folgend, nimmt Ighor mit einem Rundblick die Suche nach der Bedienung auf.

„Herr Ober, bitte nochmals eine Portion von den guten Petersilienkartoffeln.“

„Auch noch von der zerlassenen Butter?“

Zufrieden, dass es den Gästen schmeckt, ist der Kellner ohne auf eine Antwort seiner Frage zu warten schon wieder in Eile unterwegs.

„Ja bitte, sie wird uns nicht umbringen.“

Obwohl Robert bewusst war, dass seine Erwiderung den Ober nicht mehr erreichen würde, wollte er dennoch nicht auf sie verzichten. Ebenso setzt er seine Erzählung fort, ohne sich des weiteren Interesses Ighor‘s sicher sein zu können.

„Na jedenfalls ist es ansonsten durchaus reizvoll, auch für diese Agentur zu arbeiten und man hat immer wieder seine Abwechselung, was mir halt sehr wichtig ist. Außerdem sind die Leute in der Abteilung eine lustige Truppe. Die Honorare halten sich in annehmbaren Grenzen. Meinen Porschetraum kann ich mir davon weiß Gott nicht erfüllen.“

Neugierig unterbricht Ighor.

„Und warum waren die so angetan von dir?“

„Tja, sicherlich wegen meiner Sprachenvielseitigkeit. Und vielleicht Unvoreingenommenheit. Das wird es offenbar sein, neben einigen weiteren gefragten Eigenschaften, wie Redegewandtheit, Zuverlässigkeit et cetera. Heute sind es außerdem nicht zuletzt Erfahrungen, die ich mir im Laufe der Jahre angeeignet habe und natürlich all‘ die Kontakte.“

Als eine recht außergewöhnliche Maßnahme der Agentur empfand Robert, der eher als ein Freund der friedlichen Kommunikation bekannt ist, die relativ intensive Sicherheitsausbildung, zu der er sich im Vertrag verpflichten musste. Und diese war in der Tat nicht ganz ohne, weiß er zu ergänzen.

„So, der Nachschlag die Herren.“

Gut gemeint aber zu reichlich. Befinden sie beide übereinstimmend in dennoch dankender Weise.

„Und wie geht es deinen Eltern, Robert? Haben sie sich nun ‘mal gemeldet?“

Erkundigt sich Ighor in Erinnerung an Robert‘s Klagen.

„Wir haben leider noch immer nichts voneinander gehört. Zuletzt sahen wir uns bei Astrid‘s Beerdigung. Das war, lass mich ‘mal rechnen, vor siebzehn Jahren.“

Wie Robert bedauert, hatten seine Eltern schon früher nie viel Zeit für ihn übrig. Alle zwei Jahre siedelten sie in ein anderes Land um. Der Vater war für Bonn im Auswärtigen Dienst tätig. So lernte er die Mutter in Tokio kennen. Geheiratet haben sie in Sao Paulo. Robert wurde in Caracas geboren. Er wuchs vielsprachig auf. Zurück in Japan mussten sie im Anschluss sogar noch nach Peking. Mit Beginn der Schulpflicht schickten die Eltern den Jungen nach Marseille in ein bilinguales Internat. Das ging nicht lange gut, es erschien ihm zu exotisch. Dann nach St. Leonards in Schottland, was ebenso nicht von Dauer sein sollte. Bis ein Freund seines Vaters ein Internat in Hamburg für ihn empfahl. Sein Sohn sei dort sehr zufrieden gewesen. Und das war auch für Robert bis zum Abitur so das Beste. Schließlich hatten sich dann im Laufe der Jahre Freundschaften entwickelt, mit denen er sich vereinzelt noch heute schreibt. Insgesamt war es aber keine freudige Jugendzeit für ihn. Es fehlte halt ein Zuhause.

„Hat’s geschmeckt die Herren, noch ein leckeres Dessert oder zwei Kaffee, Americano vielleicht?“

Der Kellner scheint ungeduldig, als hätte er keine Zeit auf die Wahl zu warten.

„Was meinst du Ighor, Dessert, Kaffee?“

„Gern, einen Kaffee. Bitte mit Sahne, separat!“

„Für mich bitte auch nur einen Kaffee, aber schwarz. – Ja, so habe ich zweifellos die Sprachbegabung meiner Mutter und meines Vaters im wahrsten Sinne des Wortes geerbt.“

Und Robert‘s Hände falten sich wie zu einem Dankesgebet.

„Ach, ist deine Mutter tatsächlich Japanerin? Oh, entschuldige bitte die Frage. Ich wollte dir nicht zu nahe treten, aber weil du so gar keine asiatischen Züge an dir hast!“

Einen Spiegel zur Hand, hätte Robert das am liebsten überprüft und wem er von seinen Eltern überhaupt mehr ähnelt.

„Ist sie absolut, allerdings war Großvater Amerikaner. Mein Vater ist in Chile aufgewachsen, jedoch deutscher Herkunft, das steht ebenfalls fest. Ich hoffe, es geht ihnen gut, mittlerweile müsste mein Vater nun schon seit einigen Jahren im Ruhestand sein. Meine Mutter wird sich gewiss bald ‘mal melden, sicherlich wollten sie erst für ihren neuen Lebensabschnitt irgendwo in der Welt ein Zuhause finden.“

Wie Ighor bemerkt, ist Robert zum Ende gekommen und wirkt sichtbar zufrieden, einmal Jemandem seine Geschichte erzählt zu haben. Und er weiß es sehr zu schätzen, dass sich Robert ihm so anvertraut hat. Auf dieses Freundschaftsangebot ist er enorm stolz.

„Die Kaffee, da sind sie schon! Ist der Zucker ausreichend?“ Endlich hat der Kellner zur Freundlichkeit zurückgefunden.

„Danke, bitte die Rechnung, alles zusammen, mit Visa!“

„Wird erledigt die Herren.“

Wie einem Befehl gehorchend nimmt der Ober Kurs auf die Kasse.

„Schade, jetzt habe ich so viel von mir erzählt und fast nichts von dir gehört.“

Von dieser Feststellung lässt Ighor aber nur den zweiten Teil als bedauernswert stehen. Dennoch tröstet er Robert, in der Absicht rücksichtsvoll zu sein.

„Das wäre mit Sicherheit nur langweilig für dich. Wenn du wieder zurück bist, melde dich ‘mal bei mir Robert. Unbedingt. Dann verabreden wir uns und überlassen es nicht dem Zufall. Bist du schon im neuen ‘Phantom der Oper‘ gewesen? Sprich einfach auf den Anrufbeantworter. Ich rufe hundertprozentig zurück.“

Beiden ist anzumerken, dass es nur Wichtiges sein kann, weshalb sie sich jetzt trennen.

„Die Rechnung mein Herr, hier bitte Ihre Geheimzahl eingeben und bitte zweimal die grüne Taste.“

Sein Gesicht vom Zahlungsapparat abgewandt, hält der Kellner während des Wartens schon Ausschau nach weiteren Abrechnungsbitten anderer Gäste und ersehnt wohl seinen Feierabend.

„Stimmt so!“

Sich des honorigen Trinkgeldes bewusst, spart Robert an weiteren Worten und erntet die Verneigung des Obers, gleich einer Akrobatik, die nicht ausgeprägter hätte sein können.

„Besten Dank und guten Flug die Herren.“

„Vielen Dank Robert für die Einladung, nächstes Mal bin ich an der Reihe!“

„Gerne, geht in Ordnung Ighor. Jetzt wird es höchste Zeit für mich, ich muss zur Maschine, der Flug ist schon wiederholt aufgerufen.“

„Dann wünsche ich dir eine erfolgreiche Reise und komm‘ gesund wieder zurück.“

„Danke, mach‘s auch gut Ighor! Wir sehen uns!“

,Mein lieber Scholli, dann war das heute ein wahrer Glückstag‘, geht es Robert auf dem Weg zur Abfertigung durch den Kopf. ‚Ja wirklich, lässt man den Tag so Revue passieren. Vielleicht sollte ich öfter ‘mal eine Vase fallen lassen? – Hatte den Eindruck, für Ighor war es ebenfalls erbaulich und er freut sich genauso auf Gemeinsames. Würde sich die Lena etwa ‘mal unerwartet melden, hätte ich merkwürdigerweise gar keine Lust mehr mich mit ihr zu verabreden. Um so lieber aber mit Ighor. Wer weiß warum?‘

„Bitte den Gürtel abnehmen, die Uhr bitte auch, haben Sie noch etwas in den Hosentaschen?“

„Liegt doch alles schon längst in der Kiste!“

„Danke, gehen Sie bitte bei Aufruf dort mittendurch. Halt, erst wenn der Mann dort winkt, hatte ich doch klar und deutlich gesagt! So, jetzt bitte.“

Kaum einer der Fluggäste in der Abfertigungsschlange schenkt den Ansagen des Sicherheitspersonals wirklich noch seine Aufmerksamkeit, so wie auch Robert vielmehr den Verbleib seiner abgegebenen Utensilien ohne Unterlass verfolgt.

„Schrittmacher?“

Robert hat schon unzählige Flugmeilen hinter sich, doch was es mit dieser schroffen Art und Weise der Frage auf sich haben könnte, ist ihm unverständlich.

„Wie bitte, was meinen Sie?“

„Herzschrittmacher?“

Wieder hätte Robert sich einen vollständigen Satz vom Fragenden gewünscht. Doch wie es in den Wald hineinschallt, so lässt er es herausschallen und revanchiert sich ebenfalls fast nur einsilbig:

„Garnichts!“

„Nach Garnichts habe ich Sie gar nicht gefragt! Danke, das war’s, bitte weitergehen.“

Da kann Robert nur noch mit dem Kopf schütteln. ,Hat der einen Frust, man wird doch wohl ‘mal fragen dürfen! Glaubte, die Leute wären froh, einen Job zu haben. Scheint an der Eintönigkeit der Arbeit zu liegen. Manch einer von ihnen hatte möglicherweise zuvor eine interessantere Aufgabe mit Herausforderungen, wurde arbeitslos und muss sich nun mit dieser langweiligen Tätigkeit abfinden. Das kann es sein, denn diese Muffligkeiten begegnen einem immer öfter.‘

Von diesen Gedanken begleitet, begibt sich Robert zum Gate. ,Irgendwelche bekannten Gesichter unter den Wartenden? Glücklicherweise wohl nicht, habe nämlich viel lieber meine Ruhe während des Fluges.

Abendzeitungen sind scheinbar alle vergriffen. Macht nichts, das Meiste ist heutzutage ohnehin schon wieder alt, noch bevor es aus der Druckmaschine kommt.

Aha, mein Lieblingsplatz am Notausgang ist frei, gut für lange Beine. Das Glück ist also noch auf meiner Seite.

Ungern erinnere ich mich daran, wie sich ‘mal zwei Passagiere im Flugzeug fast geprügelt hätten, weil ihr Sitzplatz für einen Langstreckenflug doppelt belegt wurde, schreckliche Szene. Die armen Stewardessen.

Überbuchungen sind offensichtlich nicht völlig auszuschließen. Einer hatte womöglich gerade Stress gehabt und der andere war ein frecher Typ, schon kann es Probleme geben!

Vielleicht hätte ich ein kleines Stück Scherbe als Glücksbringer mitnehmen sollen. Aber ich möchte nicht etwa unverschämt sein. Wenn es wenigstens noch eine kurze Weile zu mir hält, wäre ich sehr zufrieden.

Was ist eigentlich wahres Glück? Ein Unglück kennt fast jeder! Wie dem auch sei, vielen Dank liebes Glück.

Dann versinke ich jetzt ‘mal in glückliche 90 Minuten bei Gedichten über Träumereien. Habe sie unterwegs gern zu jeder Gelegenheit griffbereit.‘

„Bitte anschnallen und die Sitzlehnen aufrecht stellen.“

,Lassen sich denn die Sitzlehnen in dieser Reihe seit Neuestem ebenfalls verstellen‘, fragt sich Robert. ,Nein, natürlich leider nicht.‘

„Bringen Sie mir bitte später ein Wasser, ohne Gas bitte!“

„Tut mir leid Sir, Getränke können Sie nur nachher bestellen, wir kommen dann durch.“

,Hoffentlich nicht erst wieder kurz vor dem Landeanflug wie letztens‘, befürchtet Robert. ,Ende der Glückssträhne? Glatte Landung bitte ausgenommen! Aber nun soll er zunächst ‘mal starten, damit wir pünktlich sind. – Ziemlich ausgebucht, glücklicherweise nicht zu eng neben mir.‘

„Geht das so?“

Erkundigt sich Robert beim Reisenachbarn in der Hoffnung, dass der Platz dem so ausreicht und er unverändert sitzen bleiben kann.

„Ja vielen Dank, das ist reichlich. – Oh, was ist denn mit Ihrem Finger geschehen?“

So zierlich wie die Erscheinung des Mitreisenden klingt auch seine besorgte Stimme, was Robert veranlasst sich mitzuteilen.

„Ach nichts Besonderes, habe mich nur an einer Scherbe verletzt, als mir heute noch zu Hause meine Lieblingsvase hinunterfiel. Wird morgen schon verheilt sein.“

Ohne, dass sie sich wegen der Gurte vollständig einander zuwenden können, beginnt ein Gespräch zwischen ihnen, von dem jeder der beiden weiß, dass es mit dem Start der Maschine beendet sein wird. Weshalb ihnen die begrenzte Möglichkeit einer halben Kopfdrehung genügt.

„Da haben Sie ausgesprochenes Glück gehabt, dass es nicht ein Spiegel war, dann hätten Sie womöglich sieben Jahre Pech und ich könnte erst wieder froh sein, wenn wir gut gelandet sind. So ist das Glück mit Ihnen und bei diesem Flug auf unserer Seite.“

Das erscheint Robert sehr willkommen und er bestätigt gern sein heutiges Glück.

„Ja tatsächlich, ich wundere mich auch schon seit einigen Stunden über mehrere erfreuliche Ereignisse.“

Woraufhin sich der Nachbar zur Erklärung aufgefordert fühlt und Robert‘s Wissen bereichern möchte.

„‘Scherben bringen Glück‘ ist nicht nur ein Sprichwort. Dieser Ausspruch hat erwiesenermaßen einen glücklichen Umstand beschrieben. Mit dem Begriff der ‘Scherbe‘ wurden ursprünglich getöpferte Gefäße bezeichnet, die als Vorratsbehälter dienten, und wenn diese reichlich gefüllt waren, konnte sich der Besitzer glücklich schätzen.“

Seinen Dank zollend, bringt Robert nun doch eine Vierteldrehung zum Gesprächsnachbarn zustande, da er sich nicht scheut den Sicherheitsgurt zu lösen.

„Sehr interessant, mein Name ist Wick, wenn ich mich vorstellen darf.“

„Angenehm, Keller. Ich bin für unseren Club zum diesjährigen Oldtimertreffen nach Brighton unterwegs. – Gute Besserung mit dem Finger.“

Das klang freundlich aber unmissverständlich, das Gespräch nicht fortsetzen zu wollen, was Robert keineswegs enttäuscht.

„Danke, dann wünsche ich uns einen guten Flug.“

‚Mir ist hier nur der Porscheclub bekannt, der in Hamm‘, erinnert sich Robert. ‚Aber Oldtimer könnten mich durchaus später auch ‘mal interessieren. – Also, bei welchem Gedicht waren wir neulich stehen geblieben? Aha, hier haben wir es schon‘:

Ich schlief. Da hatt‘ ich einen Traum.
Mein Ich verließ den Seelenraum.

Frei vom gemeinen Tagesleben,
Vermocht‘ ich leicht dahinzuschweben.

(aus „Der Traum“ von Wilhelm Busch)

„Hier spricht Kapitän Meyer! Ladies and Gentlemen, es folgt eine wichtige Mitteilung, bitte bewahren Sie Ruhe, es besteht kein Grund zur Sorge. Wir haben ein technisches Problem. Der Öldruck in der Hydraulik verliert auffällig an Stabilität. Nach Rücksprache mit unserem technischen Support ist es sicherer, den nächstmöglichen Airport anzusteuern. Amsterdam bereitet unsere Ankunft vor. Für den Fall einer Landung ohne ausfahrbare Fahrwerke, wird Sie im Anschluss an diese Durchsage unser ...

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