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Champagner aus Teetassen

Teffy

alias

Nadeshda Lochwizkaja

Champagner aus Teetassen

Meine letzten Tage in Russland

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt

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Als Autorin halte ich es für geboten, darauf hinzuweisen, dass der Leser in diesem Buch weder berühmte Helden der beschriebenen Epoche mit tiefschürfenden Aussprüchen finden wird noch Entlarvungen der einen oder anderen politischen Richtung oder irgendwelche »Erhellungen und Schlüsse«.

Dies ist lediglich ein wahrhaftiger Bericht über meine unfreiwillige Reise durch ganz Russland mit einer riesigen Flüchtlingswelle aus Durchschnittsbürgern wie mir.

Der Leser begegnet darin überwiegend Menschen, die kaum von historischer Bedeutung sind, die ich aber originell oder amüsant fand, und Abenteuern, die mir komisch erschienen, und wenn ich dabei auch von mir erzähle, so nicht, weil ich meine Person für interessant halte, sondern allein deshalb, weil ich an den beschriebenen Abenteuern beteiligt war, weil ich diesen Menschen begegnet bin und all diese Dinge selbst erlebt habe, und nähme man dem Bericht diesen Kern, diese lebendige Seele, wäre er leblos.

Die Autorin

1

Moskau. Herbst. Kälte.

Mein Petersburger Dasein war liquidiert. Die Zeitschrift Russkoje slowo war eingestellt worden. Es gab keinerlei Aussichten für die Zukunft.

Das heißt, eine Aussicht hatte ich. Sie erschien jeden Tag in Gestalt des schielenden Odessaer Impresarios Guskin, der auf mich einredete, mit ihm nach Kiew und Odessa zu reisen, wo er für mich literarische Abende organisieren wolle.

Er argumentierte düster: »Haben Sie heute Weißbrot gegessen? Nu, morgen werden Sie das schon nicht mehr. Jeder, der kann, geht in die Ukraine. Aber niemand kann. Doch ich bringe Sie hin, ich zahle Ihnen sechzig Prozent von den Bruttoeinnahmen, im Hotel Londonskaja ist telegrafisch das beste Zimmer reserviert, direkt am Meer. Die Sonne scheint, Sie lesen ein, zwei Erzählungen, bekommen Geld dafür, kaufen sich Butter und Schinken, sind satt und sitzen in einem Café. Was haben Sie zu verlieren? Erkundigen Sie sich ruhig nach mir – mich kennt jeder. Mein Pseudonym ist Guskin. Ich habe auch einen richtigen Namen, aber der ist furchtbar schwierig. Bei Gott, fahren wir! Sie bekommen das beste Zimmer im Hotel International.«

»Sagten Sie nicht, im Londonskaja?«

»Nu, im Londonskaja. Was haben Sie gegen das International?«

Ich lief herum, mich zu beraten. Tatsächlich wollten viele in die Ukraine.

»Dieser Pseudonym, dieser Guskin, ist irgendwie seltsam.«

»Wieso seltsam?«, erwiderten Erfahrene. »Nicht seltsamer als andere. So sind sie alle, diese kleinen Impresarios.«

Die Zweifel beendete Awertschenko. Wie sich herausstellte, würde er mit einem anderen »Pseudonym« nach Kiew fahren. Ebenfalls zu einem Gastspiel. Wir beschlossen, zusammen aufzubrechen. Mit Awertschenkos Pseudonym reisten außerdem zwei Schauspielerinnen, die Sketche aufführen sollten.

»Nu, sehen Sie!«, triumphierte Guskin. »Jetzt müssen Sie sich nur noch um die Ausreisegenehmigung kümmern, dann läuft alles wie Brot mit Butter.«

Ich muss erwähnen, dass ich öffentliche Auftritte hasse. Ich kann mir nicht einmal erklären, warum. Ist eben ein Tick von mir. Und dann auch noch Pseudonym Guskin mit seinen Prozenten, die er »Perzente« nannte. Aber alle ringsum sagten: »Sie Glückliche, Sie können weg von hier!«, »Sie Glückliche – in Kiew gibt es Kuchen mit Creme.« Oder sogar nur: »Sie Glückliche – mit Creme!«

Alles lief darauf hinaus, dass ich mich auf den Weg machen musste. Alle um mich herum suchten nach Möglichkeiten für eine Ausreise, und wer es nicht tat, weil er nicht auf Erfolg hoffen konnte, der träumte zumindest davon. Leute, die sich Hoffnungen machten, entdeckten bei sich überraschend ukrainisches Blut, ukrainische Bande und Verbindungen.

»Mein Vetter besaß ein Haus in Poltawa.«

»Ich heiße eigentlich nicht Nefedin, sondern Nechwedin, von Chwedko, das kommt aus dem Kleinrussischen.«

»Ich liebe Zibulja1 mit Speck!«

»Die Popowa ist schon in Kiew, auch die Rutschkins, die Melsons, die Kokins, die Pupins, die Fiks, die Spruks. Alle sind schon dort.«

Guskin entfaltete Geschäftigkeit.

»Morgen um drei bringe ich den schlimmsten Kommissar der Grenzstation zu Ihnen. Ein Tier. Er hat gerade das ganze Ensemble der Fledermaus ausgezogen. Bis auf den letzten Faden geplündert.«

»Na, wenn sie schon Mäuse ausziehen, wie sollen wir da durchkommen!«

»Darum bringe ich den Mann her, zum Kennenlernen. Seien Sie nett zu ihm, bitten Sie ihn, uns passieren zu lassen. Heute Abend gehe ich mit ihm ins Theater.«

Ich begann, mich um die Ausreise zu kümmern. Zuerst in einer Institution, die für Theaterbelange zuständig war. Dort erteilte mir eine sehr verträumte Dame mit einer Frisur à la Cléo de Mérode, die dick mit Schuppen bestäubt war und von einem angelaufenen Kupferreif zusammengehalten wurde, die Erlaubnis zur Gastspielreise.

Dann folgten viele, viele Stunden in einer endlosen Schlange in einer Art Kaserne oder Baracke. Schließlich nahm ein Soldat mit Bajonett meine Papiere entgegen und brachte sie zu seinem Vorgesetzten. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und heraus kam »er persönlich«. Wer er war, weiß ich nicht. Aber er war, wie man damals sagte, »bis an die Zähne bewaffnet«.

»Sind Sie die und die?«

»Ja«, bekannte ich. (Leugnen war jetzt ohnehin zwecklos.)

»Die Schriftstellerin?«

Ich nickte stumm. Ich fühlte, dass alles verloren war – sonst wäre er nicht herausgeschossen gekommen.

»Also, seien Sie so gut und schreiben Sie Ihren Namen in dieses Heft. So. Setzen Sie das Datum dazu.«

Ich schreibe mit zitternder Hand. Weiß das Datum nicht mehr. Auch das Jahr nicht. Eine erschrockene Stimme hinter mir flüstert es mir zu.

»So-o!«, sagt »er persönlich« finster. Runzelt die Stirn. Liest. Und plötzlich verzieht sich sein drohender Mund zu einem schiefen Lächeln. »Das ist für mich … Ich wollte gern ein Autogramm!«

»Sehr schmeichelhaft!«

Die Genehmigung war erteilt.

Guskin entfaltete eine immer eifrigere Geschäftigkeit. Er schleppte den Kommissar an. Der Kommissar war grässlich. Kein Mensch, sondern eine Nase in Stiefeln. Es gibt Kopffüßer, und er war ein Nasenfüßer. Eine riesige Nase auf zwei Beinen. In einem Bein saß vermutlich das Herz, im anderen fand die Verdauung statt. Die Beine steckten in gelben Schnürstiefeln bis über die Knie. Offenkundig hatte der Kommissar eine Schwäche für diese Stiefel und war stolz auf sie. Ja, das war seine Achillesferse. In diesen Stiefeln saß sie – also wetzte die Schlange ihren Giftzahn.

»Man hat mir gesagt, dass Sie die Kunst lieben …«, holte ich weit aus und … unterbrach mich plötzlich, naiv und ganz Frau, als könnte ich den Impuls nicht beherrschen: »Ach, was für wundervolle Stiefel!«

Die Nase wurde rot und schwoll leicht an.

»M-m … die Kunst … ich liebe das Theater, auch wenn ich bisher selten …«

»Entzückende Stiefel! Sie haben geradezu etwas Ritterliches. Ich glaube, Sie sind überhaupt ein außergewöhnlicher Mensch!«

»Nein, wieso denn …«, verteidigte sich der Kommissar schwach. »Sagen wir, ich schwärme von Kindesbeinen an für die Schönheit und für Heldentum … für den Dienst am Volk …«

Die Begriffe »Heldentum« und »Dienst« waren für meine Angelegenheit gefährlich. Im Namen dieses Dienstes war die Fledermaus geplündert worden. Ich musste mich eher auf die Schönheit stützen.

»O nein, leugnen Sie es nicht! Ich spüre in Ihnen eine zutiefst künstlerische Natur. Sie lieben die Kunst, Sie fördern ihr Eindringen in die Volksmassen. Ja, in die Massen, in die Menge, in die Breite. Ihre Stiefel sind wundervoll … Solche Stiefel trug höchstens Torquato Tasso … wenn überhaupt. Sie sind genial!«

Der letzte Ausruf entschied die Sache. Zwei Abendkleider und ein Flakon Parfüm würden als Produktionsinstrumente die Grenze passieren dürfen.

Am Abend ging Guskin mit dem Kommissar ins Theater. Es lief die Operette Katharina die Große, die Autoren waren Lolo und ich 

Der Kommissar wurde weich, war gerührt und ließ mir ausrichten, dass »die Kunst tatsächlich etwas für sich« habe und dass ich alles ausführen könne, was ich bräuchte, er werde »schweigen wie ein Fisch auf dem Eis«.

Danach habe ich den Kommissar nicht mehr gesehen.

Die letzten Moskauer Tage verliefen wirr und chaotisch.

Aus Petersburg kam Kasa-Rosa, die Sängerin am Starinny teatr gewesen war. In diesen denkwürdigen Tagen offenbarte sie eine verblüffende Fähigkeit: Sie wusste, wer was hatte und wer was brauchte.

Sie kam herein, blickte mit ihren schwarzen Augen enthusiastisch in den Raum und sagte: »An der Ecke Kriwo-Arbatski-Gasse, im Laden von Surow, gibt es noch anderthalb Arschin Batist. Den müssen Sie unbedingt kaufen.«

»Aber ich brauche keinen.«

»O doch. In einem Monat, wenn Sie zurückkommen, wird es nirgendwo mehr welchen geben.«

Ein andermal kam sie außer Atem angerannt.

»Sie müssen sich sofort ein Samtkleid nähen lassen!«

»?«

»Sie wissen selbst, dass Sie unbedingt eins brauchen. An der Ecke Moskatelnaja verkauft eine Hausfrau einen Vorhang. Sie hat ihn gerade erst runtergerissen, ist noch ganz frisch, mitsamt den Nägeln. Das wird ein wundervolles Abendkleid. Das brauchen Sie unbedingt. Eine solche Gelegenheit kommt nie wieder.«

Ihr Gesicht war ernst, fast tragisch.

Ich habe eine schreckliche Abneigung gegen die Wendung »nie wieder«. Selbst wenn man mir zum Beispiel sagte, ich würde nie wieder Kopfschmerzen haben, wäre ich wahrscheinlich erschrocken.

Ich beugte mich Kasa-Rosa und kaufte den exklusiven Samt mit sieben Nägeln.

Seltsam waren diese letzten Tage.

Um eine Aufführung der Csárdásfürstin zu sehen, liefen wir durch die nächtlich schwarzen Straßen, in denen Passanten ermordet und ausgeraubt wurden, wir saßen in schäbigen Cafés voller Leute in zerrissenen, nach nassem Hund riechenden Mänteln und hörten jungen Dichtern zu, die Gedichte rezitierten und dabei heulten wie hungrige Wölfe. Diese jungen Dichter waren damals in Mode, und selbst der hochmütige Brjussow war sich nicht zu schade, höchstpersönlich einen von ihnen veranstalteten »erotischen Abend« zu leiten!

Alle wollten »unter Menschen« sein 

Allein zu Hause zu sitzen war unheimlich.

Man wollte ständig wissen, was sich tat, sich nach den anderen erkundigen.

Mitunter verschwand jemand, und es war schwierig, in Erfahrung zu bringen, wo er war – in Kiew oder dort, von wo er nicht zurückkehren würde?

Wir lebten wie im Märchen vom bösen Drachen Smej Gorynitsch, dem jedes Jahr zwölf junge Mädchen und zwölf junge Burschen geopfert werden müssen. Man fragt sich vielleicht, wie die Menschen in diesem Märchen einfach weiterleben konnten, da sie doch wussten, dass Gorynitsch ihre besten Kinder auffressen würde. Aber damals in Moskau meinten wir, dass bestimmt auch die Vasallen von Gorynitsch ins Theater gingen und sich Stoff für ein Kleid kauften. Der Mensch kann überall leben; ich habe selbst gesehen, wie ein Todeskandidat, den Matrosen zur Erschießung aufs Eis schleppten, über die Pfützen sprang, um keine nassen Füße zu bekommen, und den Kragen hochschlug, um seine Brust vor dem Wind zu schützen. Er wollte diese letzten Schritte seines Lebens mit dem größtmöglichen Komfort zurücklegen.

Genauso waren wir. Wir kauften irgendwelche »letzten Stoffreste«, hörten zum letzten Mal eine letzte Operette und letzte erlesen erotische Gedichte, ob schlecht, ob gut – ganz egal! –, nur weil wir nicht wissen, uns nicht bewusst machen, nicht daran denken wollten, dass man uns aufs Eis schleppte.

Aus Petersburg kam die Nachricht, eine berühmte Schauspielerin sei verhaftet worden, weil sie Erzählungen von mir vorgetragen hatte. Bei der Tscheka musste sie vor den strengen Richtern ihren Vortrag wiederholen. Sie können sich vorstellen, wie munter und fröhlich sie, von zwei Bewachern mit Bajonetten flankiert, den humoristischen Monolog vortrug. Und plötzlich, nach den ersten zittrigen Sätzen – welch erfreuliches Wunder! –, verzog sich das Gesicht eines der Richter zu einem Lächeln.

»Ich habe diese Erzählung bei einem Abend beim Genossen Lenin gehört. Sie ist vollkommen unpolitisch.«

Die beruhigten Richter baten die beruhigte Angeklagte, den Vortrag nun »als aktiven Unterhaltungsbeitrag« fortzusetzen.

Wahrscheinlich war eine kleine Reise gar nicht schlecht, wenigstens für einen Monat. Ein Klimawechsel.

Guskin wurde immer geschäftiger. Vermutlich mehr vor Aufregung denn aus Notwendigkeit. So ging er ohne Grund bei Awertschenko vorbei.

»Stellen Sie sich vor, wie entsetzlich«, erzählte er mir anschließend wild gestikulierend. »Ich komme heute früh um zehn zu Awertschenko, und er schläft, dass die Schwarte kracht. Er wird zu spät zum Zug kommen!«

»Wir fahren doch erst in fünf Tagen.«

»Aber der Zug geht um zehn. Wenn er heute so geschlafen hat, warum soll er nicht auch in einer Woche so schlafen? Und überhaupt sein Leben lang? Er wird schlafen, und wir werden auf ihn warten? Ganz was Neues!«

Er lief herum. Aufgeregt. Hektisch. Schlug mit den Flügeln wie ein aufgescheuchtes Huhn. Aber wer weiß, wie mein Schicksal ohne diese seine Energie verlaufen wäre. Ich grüße Sie, Pseudonym Guskin, ich weiß nicht, wo Sie jetzt sind 

2

Die geplante Abreise wurde immer wieder aufgeschoben.

Mal bekam jemand die Papiere nicht rechtzeitig, mal stellte sich heraus, dass unsere ganze Hoffnung, die gestiefelte Nase, noch nicht an seine Grenzstation zurückgekehrt war.

Ich war mit meinen Reisevorbereitungen fast fertig. Die Truhe war gepackt. Eine weitere Truhe, die antike russische Tücher enthielt (meine letzte Leidenschaft), war in Lolos Wohnung gebracht worden.

»Und wenn nun in dieser Zeit eine Woche der Armut oder im Gegenteil eine Woche der Eleganz ausgerufen wird und alle diese Sachen konfisziert werden?«

Ich bat, im Falle einer Gefahr zu erklären, dass die Truhe proletarischer Herkunft sei und der ehemaligen Köchin Fedossja gehöre. Um für bessere Glaubwürdigkeit und den gebotenen Respekt zu sorgen, legte ich obenauf ein Leninbild, auf dem stand: »Der lieben Fenitschka2 zum Dank für angenehmste Erinnerungen. Dein Dich liebender Wladimir.«

Später sollte sich erweisen, dass auch das nicht half.

Diese letzten Moskauer Tage verliefen in nebulösem Durcheinander. Menschen tauchten aus dem Nebel auf, wuselten herum, verschwanden wieder im Nebel, neue tauchten auf. Wie wenn man in der Frühjahrsdämmerung auf den Eisgang schaut – man sieht dort etwas treiben, eine Fuhre Heu oder eine Hütte, auf einer anderen Eisscholle vielleicht einen Wolf und verkohlte Holzscheite. Es wirbelt herum, dreht ab und verschwindet mit der Strömung für immer. Und du weißt nicht, was es eigentlich war.

Irgendwelche Ingenieure, Doktoren und Journalisten erschienen, eine Schauspielerin kam mehrfach vorbei.

Ein Bekannter von mir, ein Gutsherr, war auf dem Weg von Petersburg auf sein Gut in Kasan. Aus Kasan schrieb er, die Bauern hätten das Gut geplündert, und nun gehe er durch die Hütten und kaufe seine Bilder und Bücher zurück. In einer Hütte habe er ein Wunder gesehen: Mein von Schleifer gemaltes Porträt hing im Heiligenwinkel neben dem heiligen Nikolaus. Die Frau, der dieses Bild zugefallen war, hatte mich seltsamerweise für eine heilige Märtyrerin gehalten 

Überraschend wurde Lidija Jaworskaja an unser Gestade getrieben. Sie war elegant wie immer, sprach davon, dass wir uns zusammentun und etwas organisieren müssten. Was genau, verstand allerdings niemand. Begleitet wurde sie von einem Boy-Scout mit nackten Knien. Sie nannte ihn hochtrabend »Monsieur Sobolew«. Dann drehte die Eisscholle ab, und die beiden verschwanden im Nebel 

Überraschend tauchte die Mironowa auf. Spielte ein paar Stücke in einem kleinen Theater am Stadtrand und verschwand ebenfalls.

Dann wurde eine sympathische Provinzschauspielerin in unseren Kreis geschwemmt. Ihr waren Brillanten gestohlen worden, und auf der Suche nach diesen Brillanten hatte sie sich um Hilfe an einen Kommissar für Kriminalfälle gewandt. Der Kommissar war ein sehr netter und liebenswürdiger Mann, er half ihr, und als er erfuhr, dass sie einen Abend im Kreis von Schriftstellern verbringen würde, bat er sie, ihn mitzunehmen. Er hatte noch nie einen leibhaftigen Schriftsteller gesehen und wollte gern einen Blick auf uns werfen. Die Schauspielerin bat uns um Erlaubnis und brachte den Kommissar mit. Er war der größte Mensch, den ich je gesehen habe. Seine Stimme dröhnte von weit oben herab wie eine Glocke, aber sie dröhnte höchst Sentimentales: Kinderverse aus einer Gedichtsammlung und die Versicherung, vor der Begegnung mit uns habe er nur nach dem Verstand gelebt, nun aber sei sein Herz erwacht.

Den lieben langen Tag jagte er Banditen. Er hatte ein Kriminalmuseum eingerichtet und zeigte uns eine Sammlung äußerst komplizierter Instrumente zum Durchtrennen von Türketten, zum lautlosen Öffnen von Schlössern und zum Zersägen eiserner Bolzen. Und Werkzeugkoffer, mit denen professionelle Diebe zur Arbeit gingen. Jeder Koffer enthielt immer eine kleine Taschenlampe, etwas zu essen und einen Flakon Eau de Cologne. Das Eau de Cologne verblüffte mich.

Merkwürdig – was für kultivierte Bedürfnisse, welche Vornehmheit, noch dazu in einem solchen Moment. Wie können sie sich mit Eau de Cologne besprengen, wenn jede Minute kostbar ist?

Die Erklärung war simpel: Das Eau de Cologne ersetzte ihnen den Wodka, der damals nicht zu kriegen war.

Wenn der Kommissar fertig war mit dem Banditenfangen, kam er abends in unseren Zirkel, staunte, dass wir »die Nämlichen« waren, und brachte mich nach Hause. Es war ein wenig unheimlich, an der Seite dieses Riesen nachts durch die stockfinsteren schwarzen Straßen zu gehen. Von allen Seiten kamen schaurige Geräusche, schleichende Schritte, Schreie, manchmal Schüsse. Aber am unheimlichsten war mir dieser Riese, der mich begleitete.

Manchmal klingelte in der Nacht das Telefon. Dann fragte der Schutzengel, der nun nicht mehr nur nach dem Verstand lebte, ob bei uns alles in Ordnung sei.

Aufgeschreckt durch das Telefonklingeln, beruhigten wir uns wieder und deklamierten:

Alpträume fliegen durch die Nacht

und suchen böse Sünder heim,

Schutzengel halten sorgsam Wacht

und hüten brave Kinderlein.

Der Schutzengel blieb uns bis zu unserer Abreise treu, brachte uns zum Bahnhof und bewachte das Gepäck, für das die Bahnhofs-Tschekisten großes Interesse bekundeten.

Wir Abreisenden hatten alle viel Kummer, gemeinsamen und jeder seinen eigenen. Tief hinter den Pupillen glomm ein Emblem dieser Trauer, wie Totenkopf und Gebeine auf der Mütze der »Todeshusaren«. Doch niemand sprach über diese Trauer.

Ich erinnere mich an die grazile Silhouette einer jungen Abenteurerin, die etwa drei Monate später verraten und erschossen wurde. Ich erinnere mich an meine Trauer über meinen jungen Freund Ljonja Kannegießer. Einige Tage vor der Ermordung Urizkis rief er mich an, nachdem er erfahren hatte, dass ich in Petersburg war, und sagte, er wolle mich unbedingt sehen, aber auf neutralem Boden.

»Warum nicht bei mir?«

»Das erkläre ich Ihnen dann.«

Wir verabredeten uns zum Mittagessen bei gemeinsamen Bekannten.

»Ich möchte die Leute, die mich überwachen, nicht zu Ihrer Wohnung führen«, sagte er, als wir uns trafen.

Ich hielt das für eine jungenhafte Pose. Damals gebärdeten sich viele junge Leute geheimnisvoll und sagten rätselhafte Dinge.

Ich dankte ihm und fragte nicht weiter.

Er war an diesem Abend sehr traurig und seltsam still.

Ach, wie oft erinnern wir uns später daran, dass unser Freund bei der letzten Begegnung traurige Augen und blasse Lippen hatte. Und hinterher wissen wir immer, was wir damals hätten tun sollen, wie wir die Hand des Freundes hätten nehmen und ihn aus dem schwarzen Schatten hätten herausführen sollen. Aber ein verborgenes Gesetz scheint uns daran zu hindern, unser vorbestimmtes Tempo zu durchbrechen. Es ist keineswegs Egoismus oder Gleichgültigkeit, denn manchmal wäre es leichter, innezuhalten als vorüberzugehen. So wollte der große Autor des tragischen Romans Das Leben des Leonid Kannegießer, dass wir unser Tempo beibehielten und vorübergingen. Wie im Traum – ich sehe und fühle alles, ja, ich weiß es beinahe, aber ich kann nicht innehalten 

Auch wir Schriftsteller, »Nachahmer Gottes« und seines Schöpfertums, wie ein zeitgenössischer französischer Literat uns nennt, auch wir erschaffen Welten und Menschen und bestimmen ihre Schicksale, manchmal ungerechte und grausame. Warum wir gerade so und nicht anders handeln, wissen wir nicht. Und können auch nicht anders.

Ich erinnere mich, bei der Probe eines Stückes von mir kam einmal eine blutjunge Schauspielerin zu mir und sprach mich schüchtern an: »Darf ich Sie etwas fragen? Werden Sie mir auch nicht böse sein?«

»Natürlich. Ich werde nicht böse sein.«

»Warum haben Sie es so gemacht, dass dieser tollpatschige Junge am Ende Ihres Stückes seine Stelle verliert? Warum sind Sie so böse? Warum wollten Sie nicht, na ja, wenigstens eine andere Stelle für ihn finden? Und in einem anderen Stück steht der arme Handlungsreisende am Ende dumm da. Das ist doch nicht schön für ihn. Warum machen Sie das? Können Sie das alles denn nicht irgendwie ändern? Warum nicht?«

»Ich weiß nicht … Ich kann es nicht … Das hängt nicht von mir ab …«

Aber sie bat so flehend, ihre Lippen zitterten so, und sie war so rührend, dass ich versprach, ein Märchen zu schreiben, in dem ich alle, die ich in meinen Erzählungen und Stücken gekränkt hatte, vereinen und belohnen würde.

»Wunderbar!«, rief die Schauspielerin. »Das wird das Paradies!«

Sie küsste mich.

»Aber ich befürchte eines«, unterbrach ich sie. »Ich befürchte, dass unser Paradies niemanden trösten wird, denn jeder wird merken, dass wir es nur erfunden haben, keiner wird uns glauben …«

Nun denn, eines Morgens fuhren wir zum Bahnhof.

Guskin war am Abend zuvor unermüdlich herumgelaufen – von mir zu Awertschenko, von Awertschenko zu dessen Impresario, vom Impresario zu den Schauspielern, hatte aus Versehen an den falschen Wohnungstüren geklingelt, die falschen Telefonnummern angerufen, und am nächsten Morgen um sieben kam er bei mir hereingerannt, schweißgebadet, schnaubend wie ein überhitztes Pferd. Er warf einen Blick auf mich und winkte resigniert ab.

»Natürlich. Ganz was Neues. Wir kommen zu spät zum Bahnhof!«

»Das kann nicht sein! Wie viel Uhr ist es?«

»Sieben, gleich zehn. Der Zug geht um zehn. Alles ist aus.«

Wir gaben Guskin ein Stück Zucker, er knabberte die Papageienleckerei und beruhigte sich allmählich.

Unten hupte das von unserem Schutzengel geschickte Automobil.

Ein herrlicher Herbstmorgen. Unvergesslich. Oben blau mit goldenen Kuppeln. Unten alles grau und schwer, die Augen in tiefer Traurigkeit erstarrt. Rotarmisten treiben eine Gruppe Verhafteter an … Ein hochgewachsener Greis mit einer Bibermütze trägt ein in ein leuchtend rotes Frauentuch geschnürtes Bündel … Eine alte Dame in einem Militärmantel betrachtet uns durch eine bronzene Lorgnette … Eine Schlange vor einem Milchladen, in dessen Schaufenster Stiefel stehen 

Leb wohl, mein liebes Moskau. Nicht für lange. Nur für einen Monat. In einem Monat bin ich zurück. Und was dann wird, darüber darf ich nicht nachdenken.

»Wenn man auf dem Seil läuft«, hat ein Akrobat einmal zu mir gesagt, »darf man nie daran denken, dass man runterfallen könnte. Im Gegenteil. Man muss daran glauben, dass man es schafft, und vor sich hin singen.«

Ein heiteres Motiv aus der Csárdásfürstin mit unglaublich idiotischem Text klingt mir in den Ohren:

Das ist die Liebe,

die dumme Liebe,

die macht das Männchen wie den Auerhahn so blind!

Welcher Esel hat dieses Libretto geschrieben? Vor dem Bahnhof warten Guskin und der riesige Kommissar, der es leid ist, nur nach dem Verstand zu leben. Mein liebes Moskau, leb wohl. In einem Monat sehen wir uns wieder.

Seitdem sind zehn Jahre vergangen 

3

Die Reise begann recht glatt.

Wir saßen in einem Waggon zweiter Klasse, jeder hatte seinen Platz, nicht unter der Bank oder im Gepäcknetz, sondern wie es sich für richtige Reisende gehört.

Mein Impresario, der Pseudonym Guskin, war sehr aufgeregt – warum der Zug so lange nicht abfahre, und als er abgefahren war, versicherte er, er sei zu früh abgefahren.

»Das ist ein schlechtes Omen! Sie werden noch sehen, was passiert!«

Kaum war Guskin in den Zug gestiegen, veränderte sich sein Äußeres auf seltsame Weise. Als wäre er bereits zehn Tage unterwegs, zudem unter schlimmsten Bedingungen: Seine Schuhbänder hatten sich gelöst, der Kragen war abgeknöpft, unter dem entblößten Adamsapfel prangte der runde grüne Abdruck des Kragenknopfes. Und was besonders merkwürdig war – seine Wangen waren mit Stoppeln bedeckt, als ließe er sich seit vier Tagen einen Bart wachsen.

Außer unserer Gruppe saßen in dem Abteil noch drei Damen. Sie unterhielten sich halblaut, mitunter auch flüsternd, über ein Thema, das alle bewegte: Wer es wie geschafft hatte, Geld und Brillanten über die Grenze zu schmuggeln.

»Haben Sie gehört? Die Prokins haben ihr gesamtes Vermögen rübergebracht. Sie haben es um ihre Großmutter gewickelt.«

»Und warum wurde die Großmutter nicht durchsucht?«

»Wo denken Sie hin! Sie ist eine so unangenehme Person. Wer würde das wagen!«

»Und die Korkins, die waren erst gerissen! Eine geniale Improvisation! Madame Korkina, schon durchsucht, steht da, und plötzlich – ach! ach! – knickt ihr Fuß um. Sie kann keinen Schritt mehr laufen. Ihr Mann, noch nicht durchsucht, sagt zu einem Rotarmisten: ›Geben Sie ihr bitte meinen Stock zum Stützen.‹ Der macht das. Und der Stock, der war hohl und vollgestopft mit Brillanten. Ist das schlau?«

»Die Bulkins hatten einen Teekessel mit doppeltem Boden.«

»Fanitschka hat einen riesigen Brillanten rausgeschmuggelt, ihr werdet nicht glauben, wo – in der eigenen Nase.«

»Tja, sie hat’s gut, mit ihrem hochkarätigen Zinken. So ein Glück hat nicht jeder.«

Dann erzählten sie die tragische Geschichte von einer Madame Fuk, die einen Brillanten schlau in einem Ei versteckt hatte. Sie hatte ein kleines Loch in die Schale des rohen Eis gebohrt, den Brillanten hineingesteckt und dann das Ei hartgekocht. Das sollte mal jemand finden! Mit diesem Ei in ihrem Proviantkorb saß sie da und lächelte, als die Rotarmisten kamen und das Gepäck durchsuchten. Plötzlich schnappt sich ein Soldat genau dieses Ei, pellt es und verschlingt es vor den Augen von Madame Fuk. Die arme Frau fuhr nicht weiter. Sie stieg aus und lief dem räudigen Rotarmisten drei Tage lang hinterher wie einem kleinen Kind, ließ ihn nicht aus den Augen.

»Und?«

»Na, nichts! Sie ist unverrichteter Dinge heimgekehrt.«

Sie erörterten verschiedene Tricks, zum Beispiel, wie während des Krieges Spione entdeckt wurden.

»Diese Spione waren ja so gerissen! Denken Sie nur: Sie ließen sich Pläne von Festungen auf den Rücken zeichnen und dann mit Abtöncreme überdecken. Na, die Männer bei der militärischen Aufklärung waren auch nicht dumm, sie kamen schnell dahinter und wuschen allen verdächtigen Subjekten den Rücken. Natürlich gab es auch peinliche Irrtümer. Bei uns in Grodno wurde mal ein Herr festgenommen, der war auffallend brünett. Als sie ihn gewaschen hatten, entpuppte er sich als blond und grundanständig. Die Aufklärung hat sich sehr bei ihm entschuldigt …«

Unter diesen friedlichen Gesprächen über schaurige Themen reiste es sich bequem und angenehm, doch nach kaum drei Stunden Fahrt hielt der Zug plötzlich, und alle mussten aussteigen.

Wir stiegen aus, hievten das Gepäck hinaus, standen zwei Stunden auf dem Bahnsteig herum und kletterten in einen anderen Zug, der nur aus Dritter-Klasse-Wagen bestand und proppenvoll war. Uns gegenüber saßen bösartige helläugige Frauen. Wir gefielen ihnen nicht.

»Manche reisen rum«, sagte eine Pockennarbige mit einer Warze. »Reisen rum, aber wozu und warum, das wissen sie selber nicht.«

»Als wären sie außer Rand und Band geraten«, bekräftigte eine Frau, die in ein schmuddeliges Tuch gehüllt war, mit dessen Ecken sie sich elegant die Entennase abwischte.

Am meisten erregten sie sich über das Pekinesen-Hündchen, ein winziges seidiges Knäuel, das eine unserer Schauspielerinnen auf dem Arm hatte.

»Tss, ein Hund! Einen Hut auf und einen Hund dabei.«

»Den hätt sie mal lieber zu Hause gelassen. Die Plätze reichen hinten und vorn nicht, und die nimmt so einen Riesenköter mit!«

»Er stört Sie doch nicht«, verteidigte die Schauspielerin mit zitternder Stimme ihren »Riesenköter«. »Auf meinem Schoß könnten Sie doch sowieso nicht sitzen.«

»Wir nehmen jedenfalls keine Hunde mit«, empörten sich die Frauen weiter.

»Ich kann ihn nicht allein zu Hause lassen. Er ist sehr sensibel. Er braucht mehr Aufmerksamkeit als ein Kind.«

»Waas?«

»He, was soll das heißen?«, rief die Pockennarbige, nun richtig wütend, und sprang auf. »He! Hört mal her, was die hier sagen. Die da mit dem Hut, die sagt, dass unsere Kinder schlechter sind als Hunde! Müssen wir uns das etwa gefallen lassen?«

»Weer? Wiir? Wir sind Hunde, und sie nicht?«, grollten böse Stimmen.

Wer weiß, wie die Sache ausgegangen wäre, hätte nicht ein wilder Aufschrei diesen interessanten Disput unterbrochen. Der Schrei kam von der Plattform. Alle sprangen von ihrem Platz auf und rannten hin. Auch die Pockennarbige, und als sie zurückkehrte, erzählte sie uns ganz leutselig, man habe dort einen Dieb gefasst und »ihn unter den Waggon schmeißen« wollen, aber er sei aus dem fahrenden Zug gesprungen.

»Grässliche Typen!«, sagte Awertschenko. »Ignorieren Sie das alles. Denken Sie an etwas Heiteres.«

Das tat ich. Ich dachte: Heute Abend werden im Theater die Lichter angehen, die Zuschauer werden ihre Plätze einnehmen und hören:

Das ist die Liebe,

die dumme Liebe,

die macht das Männchen wie den Auerhahn so blind!

Warum musste mir ausgerechnet das einfallen! Schon wieder diese alberne Strophe! Eine wahre Pest!

Um mich herum erörterten die Frauen munter, wie gut es gewesen wäre, den Dieb unter die Räder zu werfen, und dass er jetzt bestimmt mit zerschmettertem Kopf irgendwo lag.

»Bei denen hilft nur Selbstjustiz! Augen ausstechen, Zunge rausreißen, Ohren abschneiden und dann einen Stein um den Hals und ins Wasser!«

»Bei uns im Dorf wurden solche unterm Eis an einer Leine von einem Eisloch zum nächsten gezogen …«

»Viele werden auch verbrannt …«

Oh, wer weiß, was sie wegen des Hündchens mit uns angestellt hätten, wäre die Geschichte mit dem Dieb nicht dazwischengekommen.

Das ist die Liebe,

die dumme Liebe 

»Schrecklich!«, sagte ich zu Awertschenko.

»Leise …«, unterbrach er mich.

»Ich rede nicht von denen. Ich habe meine eigene Folter. Ich kriege die Csárdásfürstin nicht aus dem Kopf. Ich werde mir ausmalen, wie sie uns rösten würden, vielleicht hilft das. Ich stelle mir vor, wie eifrig mein pockennarbiges Gegenüber dabei wäre. Als sparsame Hausfrau würde sie ein paar Späne anfachen … Und was würde Guskin sagen? Er würde schreien: ›Erlauben Sie, wir haben einen Vertrag! Sie hindern sie daran, ihren Vertrag einzuhalten, und ruinieren mich als Impresario! Sie soll erst die Vertragsstrafe an mich zahlen!‹«

»Die Liebe, die dumme Liebe« verstummte langsam.

Der Zug näherte sich einer Station. Die Frauen rafften ihre Bündel, Soldatenstiefel polterten, Säcke und Körbe verstellten den Blick. Plötzlich tauchte draußen das vor Entsetzen verzerrte Gesicht von Guskin auf – er hatte die letzten Stunden in einem anderen Wagen gesessen. Was war mit ihm los?

Er war furchtbar blass und außer Atem.

»Steigen Sie aus, schnell! Die Route hat sich geändert. Diesen Weg dürfen wir nicht nehmen. Ich erkläre es Ihnen später …«

Tja, dann eben nicht. Wir stiegen aus. Ich trödelte und stieg als Letzte aus. Ich war kaum auf den Bahnsteig gesprungen, als ein zerlumpter Bettlerjunge an mich herantrat und deutlich sagte: »›Das ist die Liebe, die dumme Liebe.‹ Fünfzig Kopeken bitte.«

»Was?«

»Fünfzig Kopeken. ›Das ist die Liebe, die dumme Liebe.‹«

Das ist das Ende. Ich habe den Verstand verloren. Akustische Halluzinationen. Diese Mischung war offenbar zu viel für meine schwachen Nerven: die Csárdásfürstin und der Volkszorn.

Ich brauche Halt und Stütze. Sehe mich suchend nach unserer Gruppe um. Awertschenko betrachtet eingehend seine Handschuhe und reagiert nicht auf mein Rufen. Ich gebe dem Jungen fünfzig Kopeken. Ich verstehe nicht, ahne aber etwas 

»Gestehen Sie, sofort!«, sage ich zu Awertschenko.

Er lacht verlegen.

»Während Sie noch im Zug herumgetrödelt haben«, sagt er, »habe ich mir diesen Jungen gegriffen. Willst du dir ein bisschen was verdienen, habe ich gefragt. Also, aus diesem Wagen steigt gleich eine Frau mit einer roten Mütze aus. Geh zu ihr und sag: ›Das ist die Liebe, die dumme Liebe.‹ Dafür gibt sie jedem fünfzig Kopeken. Der Kleine war recht anstellig.«

Guskin, der sich am Gepäckwagen um unsere Habseligkeiten gekümmert hatte, kam zu uns, schweißüberströmt und grün vor Entsetzen.

»Ganz was Neues!«, flüsterte er in tragischem Ton. »Dieser Bandit hat sich erschießen lassen!«

»Welcher Bandit?«

»Nu, Ihr Kommissar. Wer sonst? Nu? Er wurde erschossen, wegen Raub, wegen Bestechlichkeit. Über diese Grenze können wir nicht. Dort werden wir jetzt nicht nur ausgeraubt, sondern obendrein umgebracht. Wir versuchen es woanders.«

Tja, wenn es sein musste … Zwei Stunden darauf stiegen wir in einen anderen Zug und fuhren in eine andere Richtung.

Wir erreichten die Grenzstation am Abend. Es war kalt, wir waren müde. Was würde uns erwarten? Würde man uns bald rauslassen, und wie würden wir weiterfahren?

Guskin und Awertschenkos »Pseudonym« gingen auf den Bahnhof, um zu verhandeln und die Lage zu erkunden, und wiesen uns streng an, zu warten und uns nicht von der Stelle zu rühren. Die Zeichen stehen auf Sturm.

Der Bahnsteig war leer. Hin und wieder tauchte eine dunkle Gestalt auf, das mochte ein Nachtwächter sein oder eine Frau in einem Militärmantel, musterte uns misstrauisch und ging wieder. Wir warteten lange. Endlich erschien Guskin. Begleitet von vier Männern.

Einer der vier stürmte vor, auf uns zu. Diese Gestalt werde ich nie vergessen: Ein schwarzhaariger, krummnasiger, dünner kleiner Mann mit einer Studentenmütze auf dem Kopf und in einem riesigen prachtvollen Biberpelz, der über den Boden schleifte wie die Mantille auf einem Königsporträt in einem Thronsaal. Der Pelz war neu, offensichtlich gerade erst jemandem vom Leib gerissen worden.

Der Mann kam angelaufen, zog sich mit der linken Hand beiläufig die Hose hoch, während er die Rechte begeistert emporreckte und aufgeregt rief: »Sie sind Teffy? Sie sind Awertschenko? Bravo, bravo, bravo. Vor Ihnen steht der Kunstkommissar dieses Städtchens. Die Nachfrage ist riesig. Sie werden bei uns bleiben, als unsere lieben Gäste, und mir helfen, eine Reihe von Abenden mit Ihrer Beteiligung zu organisieren, eine Reihe von Aufführungen, bei denen Akteure aus dem hiesigen Proletariat unter Ihrer Leitung Ihre Stücke spielen werden.«

Die Schauspielerin mit dem Hündchen seufzte leise und setzte sich auf den Bahnsteig. Ich schaute mich um. Es dämmerte. Ein winziger Bahnhof mit einem kleinen Vorgarten. Dahinter armselige Schtetl-Häuschen, ein mit Brettern vernagelter Laden, Schmutz, eine kahle Weide, eine Krähe und dieser »Robespierre«.

»Das würden wir natürlich gern«, erwiderte Awertschenko ruhig, »aber leider haben wir das Kiewer Theater für einige Vorstellungen gebucht und müssen uns sehr beeilen.«

»Nichts da!«, rief Robespierre und senkte plötzlich die Stimme. »Sie kommen niemals über die Grenze, wenn ich nicht eigens für Sie bitte. Und warum werde ich für Sie bitten? Weil Sie den Bedürfnissen unseres Proletariats entgegengekommen sind. Dann kann ich sogar darum bitten, dass Ihr Gepäck passieren darf!«

Da sprang Guskin auf einmal vor und versicherte geschäftig: »Herr Kommissar! Natürlich sind sie einverstanden. Ich verliere zwar durch diese Verzögerung eine gehörige Summe, aber ich werde sie persönlich überzeugen, wobei ich gleich gesehen habe, dass sie unserem teuren Proletariat mit Freuden zu Diensten sein werden. Doch denken Sie daran, Herr Kommissar, nur eine Vorstellung. Aber was für eine Vorstellung! Eine Vorstellung, für die Sie mir alle Finger ablecken werden. Jawohl! Morgen Abend die Vorstellung, übermorgen früh reisen wir weiter. Nu, Sie sind schon einverstanden, nu, Sie sind schon zufrieden. Aber wo sollen Ihre lieben Gäste übernachten?«

»Warten Sie hier. Das organisieren wir gleich!«, rief Robespierre und rannte los, mit dem Biberpelz seine Spuren verwischend. Drei Gestalten, offenbar sein Gefolge, hinterher.

»Wir sitzen fest! Mitten in ihrem Nest! Jeden Tag Erschießungen … Vor drei Tagen wurde ein General bei lebendigem Leib verbrannt. Das ganze Gepäck nehmen sie einem weg. Wir müssen uns was einfallen lassen.«

»Wir werden wohl wieder nach Moskau zurückmüssen.«

»Tss!«, zischte Guskin. »Die werden euch gerade nach Moskau zurücklassen – damit ihr erzählt, wie sie euch ausgeraubt haben? Das werden sie nicht!«, sagte er mit unheilvoller Betonung auf dem »nicht« und verstummte.

Awertschenkos Impresario kam zurück. Er lief dicht an der Wand entlang und schaute sich ständig um, den Kopf eingezogen.

»Wo waren Sie denn?«

»Auf einem kleinen Erkundungsgang. Es sieht übel aus … Wir können nirgendwohin. Das Schtetl ist voller Menschen.«

Ich blickte mich erstaunt um. So sehr widersprechen seine Worte den leeren Straßen, der Stille und der blauen Dämmerung, die von keiner Straßenlaterne durchbrochen wird.

»Wo sind denn all die Menschen? Und warum sind sie hier?«

»Warum! Sie sitzen seit zwei, drei Wochen hier fest. Man lässt sie nicht weg, nicht vor und nicht zurück. Was sich hier abspielt! Mir fehlen die Worte! Tss!«

Wie ein großer Vogel kam unser Robespierre im Biberpelz den Bahnsteig entlang zu uns gesegelt. Begleitet von seinem Gefolge.

»Eine Unterkunft für Sie ist gefunden. Zwei Zimmer. Sie werden gerade geräumt. Da sind ein Haufen Leute … mit Kindern … das war ein Geschrei! Aber ich habe eine Vollmacht. Ich requiriere für die Bedürfnisse des Proletariats.«

Wieder zog er mit der Linken die Hose hoch und reckte energisch den rechten Arm, als wollte er den Weg zu entfernten Sternen weisen.

»Wissen Sie«, sagte ich, »das ist nichts für uns. Werfen Sie sie bitte nicht hinaus. Dort können wir nicht wohnen.«

»Richtig«, bestätigte Awertschenko. »Die Leute da haben Kinder, verstehen Sie, das geht nicht.«

Guskin breitete fröhlich die Arme aus.

»Tja, so sind sie, he-he! Da kann man nichts machen! Aber keine Sorge, wir kommen schon irgendwo unter … so sind sie nun mal …«

Amüsiert forderte er das Publikum auf, unsere Wunderlichkeit zu bestaunen, war jedoch im Grunde seines Herzens natürlich auf unserer Seite.

Robespierre war verwirrt. Da meldete sich überraschend ein Subjekt, das sich bislang bescheiden hinter dem Gefolge versteckt hatte.

»Ich k-k-könnte Z-z-z …«

»Was?«

»Z-zimmer.«

Wer war das? Nun, egal.

Wir wurden zu einem kleinen Haus hinter dem Bahnhof geführt, das zu diesem zu gehören schien. Der Stotterer war mit der Tochter eines ehemaligen Eisenbahners verheiratet.

Robespierre triumphierte.

»Na also, ein Nachtquartier habe ich Ihnen besorgt. Richten Sie sich ein, ich komme am Abend vorbei.«

Der Stotterer brummte etwas und verbeugte sich.

Wir richteten uns ein.

Die Schauspielerinnen und ich bekamen ein Zimmer ganz für uns. Awertschenko nahm der Stotterer zu sich, die »Pseudonyme« wurden in eine Art Abstellkammer gesteckt.

Das Haus war still. Durch die Zimmer lief eine ältere Frau, so blass, so erschöpft, dass sie mit geschlossenen Augen herumzulaufen schien. In der Küche hantierte noch jemand, zeigte sich aber nicht im Zimmer – vermutlich die Frau des Stotterers.

Wir wurden zum Teetrinken eingeladen.

»V-vielleicht etwas Sch-sche-schinken …«, flüsterte der Stotterer. »S-solange es n-noch hell ist …«

»Nein, es ist schon dunkel«, erwiderte die Alte wispernd und schloss die Augen.

»M-m-ma-mascha. Ich n-n-nehme k-k-keine L-lampe, n-nur Streichhölzer …«

»Dann geh, wenn du keine Angst hast.«

Der Stotterer schauderte und blieb sitzen. Was hatte das zu bedeuten? Warum aßen sie Schinken nur bei Tag? Danach zu fragen genierten wir uns. Fragen verboten sich überhaupt.

Bei der simpelsten Frage erschraken die Gastgeber und antworteten ausweichend. Und als eine der Schauspielerinnen von der Alten wissen wollte, ob auch ihr Mann hier sei, hob diese entsetzt eine zitternde Hand, drohte wortlos mit dem Finger und starrte lange auf das nachtschwarze Fenster.

Wir verstummten und krochen in uns zusammen. Unsere einzige Rettung war Guskin. Er blies laut auf seinen Tee und schwatzte komisches Zeug.

»Ich sehe, bei Ihnen hat es geregnet. Draußen ist es nass. Wenn es regnet, ist es draußen immer nass. Wenn es in Odessa regnet, ist es auch in Odessa nass. Es ist unmöglich, dass es in Odessa regnet und in Nikolajew nass ist. Ha-ha! Da, wo es regnet, da ist es auch nass. Doch wenn es nicht regnet, dann ist es Gott weiß wie trocken. Nu, aber wer mag schon Regen, frage ich Sie? Keiner mag Regen, weiß Gott. Nu, so wahr ich hier sitze. Ha!«

Guskin war genial. Lebhaft und einfältig. Als die Tür aufgerissen wurde und Robespierre hereingerauscht kam, begleitet von seinem auf sechs Mann angewachsenen Gefolge, fand er eine gemütliche Runde am Teetisch vor, die einem amüsanten Erzähler lauschte.

»Großartig!«, rief Robespierre. Er zog sich mit der Linken die Hose hoch und setzte sich im Pelzmantel an den Tisch. Auch das Gefolge nahm Platz.

»Großartig. Die Vorstellung beginnt um acht. Die Baracke ist mit Tannenzapfen geschmückt. In den Saal passen hundertfünfzig Leute. Morgen früh kleben wir die Plakate.

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