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Catfish

Über das Buch

Kein Songwriter hat das Bewusstsein gleich mehrerer Generationen so geprägt wie Bob Dylan. David Bowie und Patti Smith verehren ihn ebenso wie Jack White oder Jake Bugg.

Bruce Springsteen hat über ihn gesagt, er habe durch seine Songs den Geist befreit, wie seinerzeit Elvis den Körper. Und über keinen Künstler sind derart viele Biografien erschienen und doch wissen wir eigentlich nichts über diesen Mann. Daran wird auch dieses Buch nichts ändern, denn weitaus spannender ist es, sich den unterschiedlichen Kunstfiguren anzunähern, die Dylan in den letzten fünfzig Jahren geschaffen hat und so der großen Lebensweisheit und dem Humor dieses Mannes und seinem einzigartigen Werk nachzuspüren.

Der Musikjournalist Maik Brüggemeyer hat sich auf die Suche dieser sehr unterschiedlichen Dylans gemacht. Sein Wissen über Dylan ist dabei mitunter der richtige Kompass, aber auch geradezu dylaneske Zufälle weisen ihm den Weg und so sitzt er schließlich einem seiner Idole in einer Bar in Greenwich Village gegenüber und spricht mit ihm über die Liebe und das Leben, über Politik, Karriere, Philosophie und Kunst.

Was sich wie ein Roman liest, ist ein mit Songtexten, Zitaten und Anekdoten gespickte Annäherung an das Werk eines der größten Künstler unserer Zeit. Das ist ebenso unterhaltsam wie aufschlussreich und sehr originell.

MAIK
BRÜGGEMEYER

CAT
FISH

EIN
BOB
DYLAN
ROMAN

Logo

Inhaltsübersicht

Über das Buch

Impressum

Prolog Das Bob-Dylan-Gefühl

Kapitel 1 Der Highway 61 bis Bielefeld

Kapitel 2 Who’s Bad?

Kapitel 3 Catfish

Kapitel 4 Die Geheimnisse der Stadtstreicher

Kapitel 5 Jerusalem

Kapitel 6 The Bitter End

Kapitel 7 Fluchten

Kapitel 8 Fünfter Stock

Kapitel 9 Über den richtigen Umgang mit Staub und Ruhm, Frisuren als Politikum, die Religion und die Apokalypse

Kapitel 10 Über die Liebe

Kapitel 11 Zwei Flüsse

Kapitel 12 Archäologie heute

Kapitel 13 Ratso

Kapitel 14 Träume und Tod

Kapitel 15 Scharfschützen

Kapitel 16 Ein ehrenwerter Schwindler

Kapitel 17 Abschminken

Kapitel 18 Allerseelen

Kapitel 19 Ihmchen

The Code of the Road

Ein kleiner Reiseführer

Routen, Unterkünfte, Sehenswürdigkeiten

Wo startet man?

Wie kommt man voran?

Weitere Wegweiser

Quellen

Songs von Bob Dylan:

Weitere Primärquellen

Filme von/mit Bob Dylan

Weitere Filme

Aufsätze, Essays, Interviews, Biografien

Romane und Erzählungen

Songs und dichterische Werke

Mein besonderer Dank gilt

Dank

Über Maik Brüggemeyer

Hinweis

Dies ist keine Biografie über den Songwriter Bob Dylan, sondern ein Roman. Alle hier im Buch beschriebenen Begegnungen sind frei erfunden. Einzelne Zitate aus frei verfügbaren Interviews mit Bob Dylan sowie Songzeilen aus seinen Liedern hat der Autor für dieses fiktionale Werk verwendet (sie sind im Anhang vermerkt), aber viele der Äußerungen und Dialoge in diesem Buch sind erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind darüber hinaus zufällig und nicht beabsichtigt.

Ohne seinen Schritt zu verlangsamen, sah er mich an, und in seinen Augen blitzte das Mondlicht. Er blinzelte, und es sah aus, als formten seine Lippen den Satz: „Du machst die Musik lebendig.“

Ob er es wirklich gesagt hat, ist nicht so wichtig. Wichtig ist nur, dass ich dachte, ich hätte es gehört, und ich habe es nie vergessen.

(Bob Dylan, „Chronicles“, Verlag Hoffmann und Campe, Übersetzer Gerhard Henschel, Kathrin Passig, Hamburg, 2004)

Prolog

DAS BOB-DYLAN-GEFÜHL

„Ladies und Gentlemen, bitte heißen sie den Hofdichter des Rock’n’Roll willkommen. Die Stimme und das Versprechen der Gegenkultur der Sechziger. Den Typ, der Folk mit Rock ins Bett gezwängt hat, der in den Siebzigern Make-up auflegte, in einem Nebel des Drogenmissbrauchs verschwand, wieder auftauchte, um ‚Jesus zu finden‘, den man Ende der Achtziger als einen von vorgestern abgeschrieben hatte, der plötzlich ein paar Gänge hoch schaltete, um ab Ende der Neunziger einige der stärksten Werke seiner Karriere zu veröffentlichen.“

Mit diesen Worten begann Anfang des 21. Jahrhunderts jedes Bob-Dylan-Konzert. Sie sind einer Ausgabe der Buffalo News entnommen, einer Tageszeitung, die im Westen des US-Bundesstaates New York erscheint. Der hier beschriebene Künstler fand sie als Essenz seiner seinerzeit ziemlich genau vierzig Jahre währenden Karriere anscheinend so komisch, dass er sie seinen Fans nicht vorenthalten wollte. Der Mann hat halt Humor.

Der Text wirkt deshalb so komisch, weil der Autor dieser Zeilen, ein Musikjournalist namens Jeff Miers, versucht hat, eine Grabrede auf einen Flüchtigen zu halten. Man kann sich so eine Szene gut in einem Western vorstellen: Der örtliche Sheriff steht vor einem bereits in die Grube gelassenen, notdürftig aus ein paar Brettern zusammen gezimmerten Sarg und zählt die Vergehen des von ihm zur Strecke gebrachten Gauners auf. Die Kamera zeigt eine Totale, in der man den Gesetzeshüter mit seinen Gehilfen mitten in der weiten amerikanischen Landschaft stehen sieht. Plötzlich fällt ein Schuss. Ein Schnitt auf das grinsende Gesicht des offensichtlich quicklebendigen Schurken. „Wenn man außerhalb des Gesetzes leben will, muss man ehrlich sein“, murmelt er und reitet davon. Die Hilfssheriffs beugen sich über das Grab, in dem ihr Chef nun mausetot auf einem leeren Sarg liegt.

So wie der Sheriff hat auch Miers natürlich nur getan, was von ihm verlangt wurde. Als Journalist hört man von Redakteuren und Chefredakteuren oft die Floskel: „Man kann auch auf fünf Zeilen alles erzählen, die Frage ist nur, wie man es tut.“ Und so liest sich Miers’ Text wie ein Entwicklungsroman in Schlagzeilen. Er erzählt von einem, der auszog, um einem Versprechen zu folgen, der Krisen durchlitt, nach Sinn suchte und schließlich seine Bestimmung fand.

Das klingt ganz so, als könne der hier beschriebene Mann uns jede Menge Nützliches über das Abenteuer des irdischen Daseins mit auf den Weg geben: handfeste Ratschläge ebenso wie lebensphilosophisches Rüstzeug. Und damit ist die anfängliche Idee, die diesem Buch zugrunde liegt, auch schon umrissen. Es soll nämlich, so regte es mein Agent ursprünglich an, der Frage nachgehen, was wir von Bob Dylan über das Leben lernen können. Ganz einfach, sollte man meinen.

Wer sich schon mal etwas umfassender mit besagtem Künstler beschäftigt hat, wird allerdings wissen, dass uns diese Aufgabenstellung vor ein kleines Problem stellt: Der alte Mann spricht nicht gern über sein Leben und seine Erfahrungen. Selbst in seinen sogenannten Memoiren, „Chronicles, Volume One“, bleibt er ziemlich vage. Er beschreibt eindrücklich Räume, Städte und Leseerfahrungen, doch je näher es an seine eigene Person herangeht, desto unschärfer wird die Sprache. So schreibt er beispielsweise zweimal prosaisch von „meiner Frau“, ohne kenntlich zu machen, dass es sich jeweils – es liegen Jahrzehnte zwischen den beiden Passagen – um eine andere Person handelt. Er war nämlich mindestens zweimal verheiratet. Von der zweiten Ehe und der gemeinsamen Tochter erfuhr man erst etwa ein Jahrzehnt nach der Scheidung – natürlich nicht aus erster Hand. Sein langjähriger, 2001 verstorbener persönlicher Assistent Victor Maymudes glaubte sogar, so berichtete später dessen Sohn, insgesamt mindestens fünf Ehen gezählt zu haben, und im Herbst 2014 gab es Gerüchte über eine weitere Scheidung, nachdem die aktuelle Ehefrau insgesamt 180 Millionen Dollar des Dylan’schen Vermögens auf den Kopf gehauen haben soll. Natürlich wurde das nie offiziell bestätigt.

Über Dylans momentanen Familienstand weiß man also wenig, es ist auch unbekannt, welche Religion er wie praktiziert und wo er politisch steht. Dafür konnte man in einem Interview erfahren, dass er sich mit Boxen fit hält und schon häufiger mit dem Schauspieler Mickey Rourke und dem Regisseur Quentin Tarantino in den Ring seines Box-Clubs in Santa Monica gestiegen ist, der sich übrigens neben einem ebenfalls von ihm betriebenen Coffee House an der Ecke Broadway und 18th Street befindet.

Ein andermal erzählte Dylan, er wäre die Transfiguration eines 1964 tödlich verunglückten Mitglieds der Hell’s Angels namens Bobby Zimmerman. Dazu muss man einerseits wissen, dass er als Robert Allen Zimmerman geboren wurde, und andererseits, dass mit Transfiguration ein im Neuen Testament beschriebenes Offenbarungsereignis gemeint ist. Dort wird die „Verklärung des Herrn“ wie folgt beschrieben: Die Apostel Petrus, Jakobus und Johannes stiegen mit Jesus auf einen Berg, und als sie den Gipfel erreichten, strahlte sein Antlitz „wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht“.

Man kann die Aussage Dylans einfach als Unsinn abtun, oder aber, und das war mein Ansatz, man fragt einen geschätzten Theologieprofessor, was das zu bedeuten habe, und der schrieb mir dann auch zügig zurück: „Auf der Aussageebene ist das, was Dylan im Interview zur Transfiguration (war das der Ausdruck?) entwickelt, einigermaßen hanebüchen. Mein Grundverständnis hierzu: Auch wo Dylan ins Spekulieren gerät, wo er religiöse oder metaphysische Welt-Bilder entwirft oder beansprucht, macht er dasselbe wie in seinen Songs: Er ist nichts anderes als ein Storyteller – der erfindet, flunkert, ja ‚lügt‘, um verpackt in Erzählungen oder anderen fiktionalen Stoffen sagen zu können, was ihn zuinnerst betrifft – um es im selben Moment zu verstecken und zu schützen.“ Womit dann ja wohl jede Eindeutigkeit beseitigt wäre.

Es gibt eine eigene Forschungsrichtung, die sogenannte Dylanologie, die sich hermeneutisch mit den Texten und Äußerungen dieses immer wieder Rätsel aufgebenden Mannes befasst und sie bis in die Körnung seiner Stimme hinein seziert. Da wird viel geforscht und veröffentlicht zu Dylans Quellen, Vorbildern und Einflüssen und viel Aufwand betrieben, um beispielsweise zu erklären, warum das Studienobjekt der einzige Popmusiker ist, auf den die allseits gefürchtete Kulturindustriethese von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno nicht zutrifft, es sich bei seinen Werken also keinesfalls um triviale, die Interessen des Kapitals in die Ohren der Konsumenten flüsternde Waren, sondern um Kunst handle, die das kritische Bewusstsein fördere. Was wohl darauf hindeutet, dass auch in der Wissenschaft in der Regel Fans am Werk sind.

Letztlich sind das natürlich sich um sich selbst drehende akademische Spielereien, deren Ziel es nicht ist, aus den Liedern einen lebenspraktischen Nutzen oder eine genauere Vorstellung über ihren Autor zu destillieren, zumal das ja eh schwierig ist mit der Autorenschaft, weil ein Text ja wiederum aus vielen Texten anderer sogenannter Autoren besteht usw. usf. – man kennt das ja. Und so bleiben diese Analysen trotz allen Bemühens der Dylanologen zumeist recht vage. Womit ich keinesfalls sagen will, die Lektüre dieser Schriften sei verlorene Liebesmüh – sie kann, ganz im Gegenteil, überaus lustvoll sein, wenn man wissen möchte, wie die sieben Todsünden, das dritte oder fünfte Buch Mose oder die Werke von Friedrich Nietzsche, Walt Whitman oder Erica Jong auf Bob Dylans Werk eingewirkt haben. Praktischer veranlagt war der obsessive New Yorker Gelehrte Alan Jules Weberman, der bereits Anfang der Siebziger im Hausmüll des Künstlers nach Hinweisen auf dessen Lebensweise und mentale Verfassung suchte. Ergebnis: ein paar benutzte Windeln und ein Haufen Hundescheiße – Material, das immerhin Stoff für mehrere Bücher bot. Aber will man das wirklich lesen?

Konkrete Aussagen zu Dylans Person und Lebensführung wollen übrigens – wie ich aus eigener Erfahrung weiß – auch die nicht machen, die ihn wirklich kennen. Weder der Songwriter Bob Neuwirth, sein ehemaliger Tourmanager und bester Kumpel, der sogar – allerdings kopflos und im Hintergrund stehend – das Cover des Albums „Highway 61 Revisited“ schmückt, noch der Schauspieler John Goodman, der in einem Film mit dem bezeichnenden Titel „Masked And Anonymous“ mitspielte, für den Dylan unter Pseudonym das Drehbuch schrieb, und in dem er auch die Hauptrolle übernahm. Auf ihren Freund angesprochen, werden Dylans Vertraute einsilbig – sei es, weil sie selbst nichts wissen oder weil sie loyal sind und ihren prominenten Buddy nicht irgendeinem Journalisten ausliefern wollen.

„Maik, mein Freund, du glaubst doch nicht, dass ich dir erzähle, wie es wirklich war“, höhnte beispielsweise Neuwirth am Telefon und lachte (mich aus).

Paul Simon, in Queens geborener New Yorker, schon als Teenager ein professioneller Songwriter am Broadway und lange in einem gewissen Konkurrenzverhältnis zum Provinzler Dylan stehend, wusste immerhin Kurioses zu berichten. Er erzählte mir im Winter 2011, er habe gerade für sein Anwesen in Connecticut ein Gartentor von Dylan gekauft. Ich konnte es erst nicht glauben, dachte, ich hätte mich verhört, doch er erklärte, sein Freund Bob sammle Fahrradteile, Zahnräder, Werkzeuge, Küchengeräte, gegossene Ornamente und schmiedeeiserne Figuren und schweiße daraus sehr schöne Tore und Pforten. Kurz darauf las ich in der New York Times, wie der Songwriter Jack White erklärte, Dylan habe ihm das Schweißen beigebracht. Das schien Simons Geschichte zu stützen. Und einige Jahre später zeigte der weltberühmte Heimwerker dann tatsächlich einige seiner Arbeiten unter dem Titel „Mood Swings“ in London. Seine Erklärungen dazu fielen allerdings eher spärlich aus. Er habe sein Leben lang mit Eisen zu tun gehabt, schrieb er im Ausstellungskatalog. „Ich bin in einer Eisenerzgegend aufgewachsen, wo man es jeden Tag atmen und riechen konnte. Und ich habe immer auf die ein oder andere Art damit gearbeitet.“ Tore gefielen ihm besonders, so fuhr er fort, aufgrund des „negativen Raumes“, den sie gewährten. „Man kann sie schließen, aber gleichzeitig erlauben sie es den Jahreszeiten und den Winden zu fließen und einzudringen. Sie können dich einschließen oder ausschließen. In gewisser Weise macht das keinen Unterschied.“

Vielleicht, so dachte ich kurz, müsste man es machen wie das Journalistenwunderkind des New Yorker, Jonah Lehrer, der sich für sein Buch „Imagine! How Creativity Works“ einfach selbst ein paar schön konkrete Statements zu seinem Thema, dem kreativen Prozess im Allgemeinen, ausdachte und sie Dylan in den Mund legte. Eigentlich eine fast schon dylanesk zu nennende Vorgehensweise, doch man kam ihm auf die Schliche und das Buch musste zurückgezogen werden. Vielleicht also doch keine so gute Idee. Zurückgezogene Bücher gibt es schon genügend.

Halten wir also fest: Wenn man von Bob Dylan etwas über das gute und richtige Leben erfahren will, führt der direkte Weg nicht über das, was er über sich oder andere über ihn gesagt haben. Wir müssen einen anderen Weg gehen, und der führt, so mein Vorschlag, über ein Lagerfeuer.

Natürlich weiß ich, dass das gerade im Fall Dylan ein fragwürdiger Ausgangspunkt ist, weil viele Menschen, egal, ob sie seine Songs lieben oder nicht, vermutlich mehr als einmal in ihrem Leben, eben dort sitzend, mit anhören mussten, wie einige seiner bekanntesten Lieder im Zwielicht kokelnder Holzscheite zu Tode geschrammelt, gebongot und gejault wurden – „Blowin’ In The Wind“, „Knockin’ On Heavens Door“, „Mr. Tambourine Man“ …

Aber keine Angst, eine Gitarre hat niemand auf dem Schoß an unserer Feuerstelle, irgendwo inmitten der Felder des Tecklenburger Landes, und singen würden die zehn halbwüchsigen Jungs, die im Halbkreis auf Hockern, Luftmatratzen, Steinen und Holzscheiten drum herum sitzen, auch niemals freiwillig; dazu stecken sie viel zu tief in Stimmbruch und Pubertät (zudem handelt es sich um maulfaule Westfalen). Sie sind ganz still und lauschen Manni, einem der beiden Leiter ihrer Jugendgruppe des Kolpingwerkes.

Manni ist Anfang zwanzig, arbeitet als Elektriker auf dem „Pütt“, und erzählt, mit einem Stock in der Glut stochernd, so dass des Öfteren Funken sprühen, von einem Song, der ihn nicht loslässt. „Ihr müsst euch vorstellen: Da ist dieser Gauner, Catfish heißt der. So ein kleines Frettchen im weißen Anzug. Cooler Typ. Der weiß alles und kennt jeden. Und der schleicht so durch die Stadt.“ Manni hat die Schultern gehoben, den Kopf nach vorn gestreckt und wippt auf seinem Hocker. „Er hat all diese Tricks drauf. Der stiehlt dir deine Uhr oder sogar deinen Mantel, ohne dass du es merkst. Und er dreht dir komische Sachen an. Drogen, Schmuck, Pelze. Mit ein paar Worten kriegt der jede Frau rum. Sein Schatten ist dreimal so groß wie er und geht ihm voraus. Und immer, wenn er um die Ecke kommt“ – Manni wendet seinen Kopf in alle Richtungen, als würde er etwas suchen –, „raunen schon alle: ‚Catfish is coming‘. Ey, und wie Bobby das sagt – ‚Catfish is coming‘, das ist so cool. ‚KÄTTfisch ISSSSS KOMMinnnnn‘. Total geil. Das müsst ihr hören. Unglaublich. Echt.“

Ich war damals, im verregneten Sommer 1991, einer der lauschenden Jungs an diesem mühsam auf der klammen Wiese zum Brennen gebrachten Feuerchen. Und mit Mannis Erzählung fing ich mir einen Dylan-Virus ein, von dem ich mich bis heute nicht erholt habe. Ich begann nach diesem Abend mit meiner Suche nach Catfish. Borgte, kaufte und klaute Platte um Platte, doch ich fand ihn nirgendwo – stattdessen andere geheimnisvolle Typen wie Handy Dandy und Joey, Frankie Lee und Judas Priest, einen Mann im langen schwarzen Mantel und betörende Frauen wie Ramona, Johanna, Sara und Isis.

Erst Jahre später fiel mir die zumindest für einen Schüler sündhaft teure Sammlung zuvor unveröffentlichter Aufnahmen, „The Bootleg Series Vol 1-3“, in die Hände, auf der sich dann, endlich am Ende meiner Suche, tatsächlich ein Song mit dem Titel „Catfish“ fand. Ich muss zugeben, ich war ein bisschen enttäuscht, als ich den eigentlich ziemlich unspektakulären, gerade mal zweieinhalb Minuten langen Blues zum ersten Mal hörte. Das Lied klang überhaupt nicht so, wie ich es mir nach Mannis Schilderung vorgestellt und ausgemalt hatte, und um einen kauzigen Kriminellen ging es schon gleich gar nicht. Dylan sang hier zu summsender Mundharmonika von, wie ich dem Begleittext entnahm, Jim „Catfish“ Hunter, einem Werfer der New York Yankees – „Catfish, million-dollar-man/Nobody can throw the ball like Catfish can.“ Ich wünschte, ich würde mich für Baseball interessieren.

Ich brauchte eine ganz Weile, um zu erkennen, dass Manni trotzdem mit (fast) allem Recht gehabt hatte. Vielleicht war sein Englisch nicht gut genug gewesen, um den Text zu verstehen, oder er hatte einfach nicht so genau auf die Worte gehört, jedenfalls hat er diesen Trickser und Herumtreiber, den er Catfish nannte, jenseits der Bedeutungen, im Klang von Dylans Stimme gefunden. Er hat also an unserem Lagerfeuer nicht vom Protagonisten des Songs erzählt, sondern vom Sänger selbst. Und er hat das mit der gleichen, fast zärtlichen Mischung aus Amüsement und Faszination getan, mit der Fans, wie ich später erfuhr, tatsächlich oft über Bob Dylan sprechen.

Sie erzählen sich schrullige Anekdoten wie die, dass der Multimillionär, der pro Show etwa 200.000 Dollar verdienen soll, viel lieber im Tourbus übernachtet als in teuren Hotels und mit blonder Perücke und Wollmütze vor den Konzerten mit dem Rad die Stadt erkundet. Sie erheitern sich an seinen linkischen Gesten auf der Bühne, ahmen lachend seine teilweise arg steilen, nicht immer gelingenden Phrasierungen nach, für die sie sich eigene Bezeichnungen ausgedacht haben (das „Wolfsgeheul“ etwa, das „Knurren“ oder das ziemlich unbeliebte „Upsinging“, bei dem Dylan, egal, was da komme, die Stimme beim jeweils letzten Wort einer Zeile anhebt), und sie erinnern sich genauso gerne an seine schlechten wie an seine brillanten Konzerte.

Ja, man hat das Gefühl, sie betrachten Dylan wie einen etwas wunderlichen, nicht ganz koscheren Onkel, den man von Zeit zu Zeit gern sieht, weil man sich daran erfreut, dass sie dem alten Gauner immer noch nicht auf die Schliche gekommen sind, dass er weiterhin Haken schlägt und seine Verfolger abwimmelt, sich nicht in die Karten schauen lässt und in allem, was er tut, unberechenbar bleibt, kurz: von Jahr zu Jahr immer wieder ein anderer wird. Hier geht es nicht um die Stars gewöhnlich entgegengebrachte bedingungslose Idolatrie oder gar die Identifikation mit dem Idol – Dylan-Fans sind Komplizen, sie sind Teil des Geheimnisses und der Kraft, die dahinter steht, und sie sind – mehr oder weniger – darauf vorbereitet, dass ihnen öfter mal der Boden unter ihren Füßen weggezogen wird.

Wenn Rezensenten oder Dylan-Debütanten monieren, der Sänger stehe mit versteinerter Mine vor seinem Publikum, würdige es keines Blickes oder Wortes, richte nicht einmal ein „Hello“ an die ausharrende Menge, verfremde, ja, entstelle seine Songs öfter mal bis zur Unkenntlichkeit und spiele Klavier, Orgel, Mundharmonika und Gitarre mit der Virtuosität und dem Enthusiasmus eines Vierjährigen, rollen seine Fans mit den Augen – „Oh Mann, darum geht’s doch gerade!“ Wer ein perfekt eingeübtes, nach den Maßstäben der Unterhaltungsindustrie inszeniertes Repertoire erwartet, ist bei einem Dylan-Konzert falsch aufgehoben.

2007 führte ich ein Interview mit dem amerikanischen Regisseur Todd Haynes, der mir von einer schweren persönlichen Krise Anfang des Jahrtausends erzählte. Er hatte einen Film über sein Herzensthema, die britische Glam-Rock-Ära, gedreht, den er schließlich selbst für einigermaßen misslungen hielt und der zudem an den Kinokassen floppte. Es schien, als habe er seine Karriere in eine Sackgasse manövriert, und er beschloss, seine Zelte in New York abzubrechen, um zu seiner Schwester an die Westküste, nach Portland, Oregon, zu ziehen. Er lud sein Hab und Gut in einen alten Honda und steckte für die lange Fahrt ein paar Kassetten mit Bob Dylans Gesamtwerk ein.

„Ich kann mir selbst nicht erklären, warum ausgerechnet Dylan“, erzählte er mir. „Ich hatte ewig keine Platten mehr von ihm gehört. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass ich an die Westküste fuhr – dort bin ich nämlich aufgewachsen. Und Bob Dylans Musik ist für mich eng mit meiner Jugend verbunden. Einer Zeit der Veränderungen, Hoffnungen und Chancen. Wahrscheinlich habe ich in diesen Songs eine Bestätigung für erneute Veränderungen in meinem Leben gesucht. Niemand steht ja so sehr für die positive Kraft von Wandlungen und Erneuerungen wie Dylan.“

Tatsächlich hat Dylan oft über Veränderung und Rastlosigkeit gesungen (schon die Songtitel deuten darauf hin: „The Times They Are A-Changing“, „Like A Rolling Stone“, „Gonna Change My Way Of Thinking“) und sie am eigenen Leib, mehr aber noch am eigenen Werk, praktiziert. Seine Lieder bleiben durch all die besagten Umdeutungen und Umformungen, die er jeden Abend auf der Bühne vornimmt, ständig in Bewegung.

Haynes ließ sich durch seine von Dylan-Songs begleitete Reise quer durch die USA schließlich zu seinem Film „I’m Not There“ inspirieren, in dem er gleich sechs Schauspieler – u. a. Cate Blanchett und Richard Gere, aber auch den afroamerikanischen Teenager Markus Carl Franklin – einsetzte, um sieben Figuren zu verkörpern, die jeweils eine Facette oder Phase des Dylan’schen Werkes symbolisierten: den jugendlichen Landstreicher Woody, den Dichter Arthur, den Protestsänger Jack, den androgynen Beatnik Jude, den Ehemann und Familienvater Robbie, den Priester John und den Westernhelden Billy.

Ein schöner dramaturgischer Kniff natürlich, der aber in die Irre führt, denn genau genommen ist es ja nur eine einzige Rolle, in die der junge Robert Zimmerman am Anfang seiner Karriere schlüpfte, und die heißt eben Bob Dylan. All die radikalen Veränderungen sind mit diesem Namen und diesem Gesicht verbunden, er verschwand nicht, wie etwa David Bowie, hinter aufgemalten Masken und fantastischen Gestalten wie Ziggy Stardust, Halloween Jack oder dem Thin White Duke. Selbst als er in seinem Film „Renaldo And Clara“ von 1978 den Namen der männlichen Titelfigur annimmt und hinter einer Maske verschwindet, ist diese durchsichtig und man kann durch sie hindurch auf denjenigen schauen, der sich Bob Dylan nennt. Hier geht es also nicht um Verkleidung und Rollenspiel, sondern um Selbsterschaffung.

„Ein Amerikaner zu sein“, hat der US-Kulturwissenschaftler Leslie A. Fiedler geschrieben, bedeute „sich ein Schicksal vorzustellen, statt eines zu erben.“ Man könnte Dylan einen amerikanischen Lebenskünstler nennen, der das Leben als Kunstform begreift, es nach seinen Interessen und Intuitionen inszeniert, narrativ durch allerlei Äußerungen unterfüttert und allen Wandlungen so eine Wahrheit und existenzielle Dringlichkeit verleiht. Dabei scheint er – zumindest in den Augen vieler Fans – die verschiedenen über die Jahre gezeigten Facetten seiner Persönlichkeit nicht etwa wie einen zerschlissenen Mantel abzulegen, sie sind vielmehr jederzeit abrufbar und existieren nebeneinander, wenn er beispielsweise im Konzert nacheinander „Blowin’ In The Wind“ aus den frühen Sechzigern und „Shelter From The Storm“ aus den mittleren Siebzigern singt oder das erhabene „Every Grain Of Sand“ von 1983 auf das rachsüchtige „Pay In Blood“ von 2012 folgen lässt.

Der US-Autor Jonathan Lethem beschrieb nach einer persönlichen Begegnung mit Dylan sehr anschaulich, wie sich im Gesicht des Sängers verschiedene, über die Zeit verkörperte Versionen der Dylan-Persona verdichteten und umschlössen. Dort träfe sich „ein 65-Jähriger mit einem 19-Jährigen, der irgendwo in seinem Inneren herumtollt. Vor allem aber ist es die Färbung seiner Sprechstimme, in der sich die Zeit wie in einem Kaleidoskop bricht.“ Aus dieser Perspektive gesehen ist diese Figur eher vielschichtig als wechselhaft.

Haynes deutet diese ständige Präsenz aller Facetten von Dylans Persönlichkeit in der Struktur seines Films zumindest an. Die Episoden sind ineinander verschachtelt und die Rollen des Protestsängers und des Pfarrers hat er mit demselben Schauspieler, Christian Bale, besetzt. „I’m Not There“ wurde schließlich ein Erfolg, vor allem Cate Blanchett bekam eine Menge Lob für ihr Porträt eines Flüchtigen. Todd Haynes war dem Dylan-Prinzip gefolgt, hatte sich selbst erneuert und wurde dafür belohnt.

Etwa einen Monat nach dem Interview mit dem Regisseur lag mein Privatleben unvermittelt in Scherben, und ich war von einem Moment auf den anderen quasi obdachlos und allein – „with no direction home, like a rolling stone“, wie Dylan in einem seiner bekanntesten Lieder singt. Doch der Song, der auf mich in dieser Zeit eine Art therapeutische Wirkung hatte, den ich wieder und wieder hörte, manchmal bestimmt dreißigmal am Tag, der mir die Angst vor der Ungewissheit nahm, wie es nun weiter gehen würde, der mich aufrichtete und geradezu euphorisch werden ließ, war ein anderer. Es waren vor allem folgende Zeilen aus „Things Have Changed“, die mich trafen:

„People are crazy and times are strange

I’m locked in tight, I’m out of range

I used to care but things have changed.“

Ja, Bobby, du hast Recht, so muss man’s sehen. Was gehen mich die verrückten Leute an und die komischen Zeiten? Ich bin weit weg von all dem, mir kann nichts passieren. Das Lied, das Dylan für Curtis Hansons Film „Wonder Boys“ schrieb, wurde zur Selbstvergewisserung, einer Art innerem Mantra, bei allem, was ich tat. Es hilft, die Perspektive zu wechseln, um die eigene Welt zu verändern.

Womit wir bei „Blood On The Tracks“ wären, dem Album für emotionale Krisen schlechthin. In einem scheinbar privaten Interviewmoment hat Bob Dylan erzählt, seine erste Ehe sei zu Bruch gegangen, nachdem er Zeichenunterricht bei einem alten Mann namens Norman Raeben genommen hatte. Der jüngste Sohn des jüdischen Schriftstellers Scholem Alechejem, der in einem Atelier über der New Yorker Carnegie Hall arbeitete, hätte seinen Blick auf die Dinge und sein Denken dermaßen verändert, dass seine damalige Ehefrau Sara ihn danach plötzlich nicht mehr verstanden habe.

Man weiß natürlich nicht, wie viel Wahrheit in dieser Geschichte steckt, sehr wahrscheinlich handelt es sich wieder um eines dieser Dylan’schen Gleichnisse, das verhüllt, „was ihn zuinnerst betrifft“. Er schrieb über diese Erfahrung jedenfalls einige seiner besten Songs, die er auf besagtem „Blood On The Tracks“ – Blut auf den Spuren – zusammenfasste. Dieser Fährte können wir folgen, und auch wenn wir niemals auf denjenigen stoßen werden, der dieses Blut vergossen hat, können wir aus ihr doch lernen, dass man weitergehen muss, egal welche Wunden das Leben einem zufügt. „But me, I’m still on the road/Headin’ for another joint“, klingt es in einem der Songs wettergegerbt aus den Boxen, und man ist gleich bereit, seinen Rucksack zu packen und aufzubrechen – so wie der Schriftsteller Wolfgang Büscher, der einmal berichtete, Dylans Lied über den amerikanischen Süden, „Blind Willie McTell“, sei der eigentliche Grund für seine lange Wanderung von Berlin nach Moskau gewesen, deren famose Schilderung schließlich zum Bestseller wurde.

„Dylan schlug den Ton an, den ich so sehnlich erwartet hatte, ohne ihn im Entferntesten benennen zu können, einen Ton, der eine Gabe sein konnte, ganz und gar unverdient“, schrieb er im Rolling Stone. „Es war der Soundtrack meiner Reise, bevor sie begann. Indem es vom amerikanischen Süden sang, distanzierte es mich vom Osten, hüllte mich in eine zweite poetische Haut, und zugleich tauchte es mich kopfüber ein in den blutig-schönen Morast. Märtyrer und Magnolien, das alles würde doch in der Luft liegen und in der blutigen Erde – dort, wohin ich im Sommer 2001 ging.“

Für viele ist dieser reisende Mythenbeschwörer, der sich Bob Dylan nennt, ein ständiger Wegbegleiter, ein imaginärer bester Freund geworden, der auch in der dunkelsten Stunde Hoffnung gibt, dass alles anders werden kann, wenn wir den Mut haben, uns selbst zu verändern und auf den Weg zu machen. Das klingt jetzt ein bisschen sehr nach Kirchentagsrede, aber wie sollte es auch anders sein, wenn man versucht, die Metaphysik mit dem Alltag kurzzuschließen?

Mit der realen Person, mit dem am 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota geborenen Robert Allen Zimmerman also, der seinen Namen im November 1962 offiziell in Bob Dylan änderte und Details über sein Privatleben im Verborgenen hält wie kaum ein anderer, hat dieser uns so vertraute Begleiter allerdings herzlich wenig zu tun. Die beiden sind nicht einmal am selben Tag geboren. Auf dem Umschlag des Begleitbuchs zu einer Raritätensammlung ist ein Pass von „Robert Dylan“ abgebildet, auf dem zu lesen ist, er sei knapp zwei Wochen vor Robert Zimmerman geboren, nämlich am 11. Mai 1941. Die Kunst ist dem Leben immer ein wenig voraus. Doch wenn man in einer der unzähligen Biografien nach diesem Bob Dylan sucht, stößt man immer wieder nur auf die Spuren von Robert Zimmerman, man watet wie A. J. Weberman durch Berge hinterlassenen Unrats und findet nur ab und zu einen – oft entzaubernden – Hinweis auf den weisen Trickser und Herumtreiber, den ich und so viele andere über die Jahre so lieben gelernt haben, der einem alles besorgen und sich in seinem eigenen Schatten verstecken kann.

Daher beschloss ich, mich für dieses Buch auf die Suche nach ihm zu machen. Doch wo sollte ich diesen Mann finden?

Kapitel 1

DER HIGHWAY 61 BIS BIELEFELD

Es gibt viele Orte, an denen der Bob Dylan, den ich suchte, sich aufhalten konnte. Ganz im Norden der USA etwa, in Minnesota, wo er als Nachfahre deutsch-ukrainisch-jüdischer Immigranten seinen Ursprung hat und die Geister seiner Jugend an Regentagen um die Great Lakes und in den Bergen um seinen Geburtsort Duluth spuken, wie es in einem Lied heißt. Oder achtzig Meilen entfernt in einem kleinen, 1893 von dem im niedersächsischen Walsrode geborenen Frank Hibbing gegründeten und nach ihm benannten Städtchen, mitten im riesigen Eisenerzgebiet des Mesabi Iron Range. In diesem Kaff, das man – wie Dylan später scherzte – vermutlich auf keiner Karte finden konnte, verbrachte Robert Zimmerman seine Kindheit und Jugend. „Man konnte kein Rebell sein“, erzählte Dylan später über seine Zeit dort. „Es war einfach so kalt, dass man nicht bösartig oder rebellisch sein konnte. Das Wetter macht sehr schnell alles und jeden gleich. Niemand hätte da wirklich einen Aufstand gewagt. Es gab wirklich keine Philosophie … keine Ideologie, gegen die man hätte sein können.“

Roberts Vater Abe, einst ein talentierter Baseballspieler, arbeitete hier, nachdem er an Kinderlähmung erkrankt war und seinen Job bei John D. Rockefellers Standard Oil verloren hatte, mit seinen beiden Brüdern in einem kleinen Elektroladen an der Hauptstraße, doch der Sohn interessierte sich kaum fürs Geschäft, war fasziniert von den Schaustellern und Zirkusleuten, die in Hibbing Halt machten. „Es gab da diesen Jahrmarktschreier“, erinnert sich Dylan „‚Wir haben ein Pferd mit zwei Köpfen! Ein Huhn mit einem Menschengesicht! Schaut euch den Mädchenjungen an!‘ Man sah Typen mit schwarz geschminkten Gesichtern. Seltsame Dinge wie bei Shakespeare. George Washington mit schwarzem Gesicht … oder Napoleon.“

Hier begegnete er auch dem Wrestler Gorgeous George – „ein großer Geist. Man sagt, er habe die Größe eines Volkes besessen“, schrieb Dylan in seinen Memoiren. Dieser Hüne mit blonden Locken, goldenem Cape und Augen, in denen das Mondlicht blitzte, sei auf ihn zugekommen und habe gesagt: „Du machst die Musik lebendig.“ Zu lebendig vielleicht. In der Schulaula drosch Robert bei einem Talentwettbewerb mal so lange auf ein Klavier ein, bis der Direktor den Vorhang fallen ließ.

Vielleicht konnte ich Dylan auch irgendwo auf dem Highway 61 finden, der an der kanadischen Grenze beginnt und längs durch die USA, vorbei an Elvis Presleys Heimatstadt Memphis, bis ins Mississippi Delta nach New Orleans führt. Viele Bluesmusiker fuhren auf ihm, um vom Süden nach Chicago zu kommen. Die ganze amerikanische Kultur, die der junge Robert aufsaugte, kam aus dieser Richtung. Dort, wo der Highway 49 den 61er kreuzt, hat Robert Johnson seine Seele an den Teufel verkauft, nördlich von Clarksdale kam die Sängerin Bessie Smith, „the Empress of Blues“, bei einem Unfall ums Leben. „Für mich hat es sich so angefühlt, als hätte ich auf ihm begonnen, wäre immer auf ihm gewesen und könnte von ihm überall hinkommen“, hat Dylan mal gesagt. In seinem Song „Highway 61 Revisited“ singt er davon, wie Gott Abraham befiehlt, seinen Sohn Isaak dort zu töten. Nur logisch, dass der jüdisch erzogene Sänger die Geschichte des israelischen Stammvaters an die Lebensader verlegte, die ihn mit den Mythen des amerikanischen Südens verband.

Oder, so dachte ich weiter, dieser Dylan befährt gerade eine andere legendäre Straße, die Route 66.

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