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Castello di Felici – Schloss des Glücks

1. KAPITEL

Bethany Vassal brauchte nicht hinzusehen. Auch ohne das aufgeregte Getuschel und die spürbare Elektrizität im Saal wusste sie, wer gerade die Gemäldegalerie in Torontos Nobelviertel Yorkville betreten hatte. Ihr Körper wusste es und reagierte sofort: Ein Prickeln lief ihr über den Rücken, und sie spürte das automatische Anspannen der Muskeln zwischen den Schenkeln. Die leuchtenden Farben und abstrakten Formen des modernen Gemäldes vor ihr an der Wand verschwammen, und sie schloss die Augen, um den schmerzhaften Erinnerungen Einhalt zu gebieten.

Er war hier, im gleichen Raum wie sie. Seit Monaten wartete sie auf diesen Moment, hatte sich seelisch darauf vorbereitet und eingeredet, dass sie gewappnet wäre. Jetzt stellte sie fest, dass ihre Bemühungen umsonst gewesen waren, und im Grunde überraschte es sie nicht einmal. Was sie überraschte, war, dass er tatsächlich erschienen war.

Leopoldo di Marco, il Principe di Felici.

Ihr Gemahl.

Nicht mehr lange, dachte sie und straffte dabei die Schultern. Bald ist er mein Ex.

Langsam wandte sie sich dem Eingang zu. Sie hatte am entgegensetzten Ende des Saals Stellung bezogen, um bei seiner Ankunft Zeit zu gewinnen. Er sollte sie nicht überrumpeln, so wie schon einmal. Die Trennung von ihm hatte sie fast umgebracht, aber seitdem waren drei Jahre vergangen. Heute lagen die Dinge anders. Sie war anders.

Bei ihrer ersten Begegnung war sie dreiundzwanzig und Vollwaise gewesen. Ihr Vater, den sie jahrelang gepflegt hatte, war nach schwerer Krankheit verschieden, und von einem Tag auf den anderen stand sie allein in der Welt. Sein Tod traf sie tief, sie vermisste ihn schrecklich. Aber nach dem ersten schlimmsten Schmerz wurde ihr bewusst, dass sie nun nicht mehr an ein Krankenzimmer gebunden war und tun konnte, was sie wollte. Genau da lag das Problem. Die begrenzte Welt ihres Vaters, gekoppelt mit den Jahren der Krankenpflege, hatten sie auf die plötzliche Freiheit nicht vorbereitet. Bethany wusste selbst nicht, was sie eigentlich wollte. Und dann trat Leo in ihr Leben, wie ein Sonnenstrahl nach langer Finsternis.

Er war ihr Märchenprinz, sie seine Prinzessin. Nichts konnte ihr an seiner Seite geschehen, davon war sie fest überzeugt. Bis er sie eines Besseren belehrte.

Bethany lächelte bitter, als sie daran dachte, wie schnell ihr Traum vom großen Glück geplatzt war. Abgesehen von Äußerlichkeiten und leiblichem Komfort hatte Leo sie nach der Ankunft in seiner Heimat Italien in jeder Hinsicht vernachlässigt und aus seinem Leben verbannt. Sie war sich selbst überlassen und innerhalb kurzer Zeit so isoliert und allein gewesen wie nie zuvor, Welten entfernt von allem, was ihr vertraut war.

Und zu allem Überfluss brachte er auch noch das Thema Nachkommenschaft zur Sprache! Bei dem Gedanken, in ihrer Situation Mutter zu werden, wuchs Bethanys Verzweiflung ins Grenzenlose.

Sie ballte die Hände zu Fäusten, als könne sie mit dieser nutzlosen Geste das unglückliche Andenken auslöschen. Dann holte sie tief Luft und zwang sich, ruhig zu bleiben. Was sie sich für diesen Abend vorgenommen hatte, erforderte all ihre Konzentration. Der Vergangenheit nachzutrauern oder wütend zu werden war nicht nur deprimierend, sondern unproduktiv.

Resolut hob sie den Kopf, und dann erblickte sie ihn. Der Saal schien zu schrumpfen und die Zeit stillzustehen.

Von zwei Bodyguards flankiert, betrat ihr Ehemann den Saal. Mit dem dichten schwarzen Haar, den ebenso schwarzen Augen und der hochgewachsenen Gestalt verkörperte er das Schönheitsideal des italienischen Mannes bis ins kleinste Detail. Der Designeranzug, den er wie üblich mit nachlässiger Eleganz trug, brachte die breiten Schultern und schmalen Hüften aufs Beste zur Geltung. Leo sah einfach umwerfend aus.

Bethany wusste, dass sie sich von seinem Äußeren nicht ablenken lassen durfte. Das war viel zu riskant. Trotzdem hörte sie nicht auf, ihn anzustarren. Sie hatte vergessen, wie überwältigend er aussah. Aus irgendeinem Grund hatte sie ihn kleiner in Erinnerung, weniger charismatisch, nicht so vital. Sie hatte seine maskuline Ausstrahlung vergessen und die Aura von Macht, die ihn umgab – diese angeborene Überlegenheit, mit der er jeden Mann in seiner Nähe in den Schatten stellte.

Der Gedanke machte sie traurig. Sie schluckte und versuchte, das Gefühl von Melancholie abzuschütteln. Bei dem, was sie vorhatte, würde es ihr kaum helfen.

Mit dem geschmeidigen Schritt einer Raubkatze durchquerte er den Saal. Selbst aus ihrer Entfernung waren seine markanten Backenknochen unverkennbar, ebenso der sinnliche Mund, obwohl er die Lippen gerade mürrisch aufeinanderpresste. Noch viel zu gut wusste sie, wie sie sich auf ihren anfühlten …

Kleidung, Auftreten, die sinnliche Anziehungskraft, alles an ihm unterstrich, wer er war. Diese Dinge gehörten ebenso zu seiner Persönlichkeit wie die goldbraune Haut, der sehnige Körper und der einzigartige männliche Duft. Ein Duft, so schwor sie im Stillen, mit dem er sie nie wieder betören würde.

Denn Leo di Marco war nicht der Märchenprinz, für den sie ihn einmal gehalten hatte. Mit ihm gab es kein Happy End. Das hatte sie auf die harte Tour lernen müssen. Leo di Marco entstammte dem italienischen Hochadel und trug einen uralten Namen, zusammen mit dem Titel eines Fürsten. Er war in erster Linie il Principe di Felici und würde es immer sein.

Bethany bemerkte, wie ungeduldig er die Besucher im Saal musterte. Er wirkte gereizt. Jetzt schon, dachte sie beklommen. Dann entdeckte er sie, und sein Blick traf sie wie ein Faustschlag. Ihr wurde schwindlig, aber sie rief sich ins Gedächtnis, dass sie dieses Zusammentreffen herbeigeführt hatte. Um keinen Preis durfte sie jetzt die Fassung verlieren, sonst war sie verloren.

Bethany straffte die Schultern und verschränkte die Arme vor der Brust. So unbeteiligt wie möglich sah sie ihm entgegen, obwohl sie innerlich vor Erregung zitterte. Seine Wirkung auf sie hatte sich um nichts verringert. Entschlossen verdrängte sie die unerwünschten Erinnerungen – sie rissen nur alte Wunden neu auf.

Ohne den Blick von ihr abzuwenden, entließ Leo mit einer knappen Geste seine Bodyguards und kam mit langen Schritten auf sie zu. Wie gelähmt sah sie ihm entgegen. Alles an ihm überwältigte sie, hatte sie stets überwältigt. Ihr Hals wurde trocken, und sie unterdrückte den Impuls, kehrtzumachen und davonzulaufen. Das wäre sinnlos. Außerdem verfehlte sie damit den Zweck dieser Aktion, für die sie den Treffpunkt sorgfältig ausgewählt hatte. Eine Gemäldeausstellung in einer trendigen Galerie mit geladenen Gästen, von denen Leo mit Sicherheit den einen oder anderen kannte, erschien ihr als geeigneter Ort für das bevorstehende Gespräch. In diesem Rahmen fühlte sie sich nicht nur vor dem zu erwartenden Wutausbruch sicher, sondern auch vor seinem verheerenden Sex-Appeal.

Diesmal würde es nicht wie bei der letzten Zusammenkunft sein. Drei Jahre waren seitdem vergangen, aber vergessen würde Bethany den Abend nie. Leo war so zornig gewesen, und sie hatte ihn mit Anschuldigungen überhäuft, bis sie beide die Kontrolle verloren hatten und im Bett gelandet waren. Noch heute stieg ihr die Schamesröte ins Gesicht, wenn sie an die zügellose Leidenschaft zurückdachte, mit der sie sich geliebt hatten. Keiner von ihnen hatte sie gewollt, aber beide waren machtlos gegen sie gewesen.

Wütend schob sie die Erinnerung beiseite. Was geschehen war, ließ sich nicht rückgängig machen.

Im nächsten Moment stand er vor ihr. Krampfhaft schluckte sie – und bekam kaum noch Luft.

Leo …

Er weckte Begierden in Bethany, von denen sie gehofft hatte, dass sie nicht mehr existierten. Doch jetzt loderten sie erneut in ihr auf. Sie wollte ihn in sich spüren, sich in ihm verlieren – so wie damals, als sie daran fast zugrunde gegangen war.

Aber heute war sie nicht mehr die Gleiche. Das naive junge Mädchen, das er in den achtzehn Monaten ihrer Ehe ebenso nachlässig genommen wie beiseitegeschoben hatte, existierte nicht länger. Und es würde es auch nie wieder geben. Heute war sie endlich die Frau, die sie schon immer hatte sein sollen.

Unbewegt sah Leo sie an. Ohne das Glitzern in den schwarzen Augen und den grimmigen Zug um den Mund könnte man meinen, dass er sich langweilte.

„Guten Abend, Bethany.“

Ein Schauer lief über ihre Haut – wie gut sie sich noch an die tiefe samtige Stimme erinnerte! Und an den Klang ihres Namens in seinem Mund.

„Und welche Tragödie willst du mir diesmal vorspielen? Dass du dich nach so langer Zeit überhaupt noch an mich erinnerst, finde ich bemerkenswert.“

Sie krampfte die Finger um die Ellbogen, bis ihr die Nägel ins Fleisch schnitten. Ich darf mich nicht einschüchtern lassen – jetzt oder nie.

„Ich verlange die Scheidung, Leo“, sagte Bethany und hob das Kinn.

Diesen Satz hatte sie lange zu Hause vor dem Spiegel eingeübt, aber die Mühe hatte sich gelohnt. Es klang so, wie es klingen sollte: ruhig, bestimmt und cool.

Fast greifbar schwebten ihre Worte zwischen ihnen. Hartnäckig ignorierte Bethany den inneren Aufruhr und zwang sich, seinem Blick standzuhalten. Mit klopfendem Herzen wartete sie auf den Sturm, der jeden Moment losbrechen musste.

Aber nichts geschah. Er sagte kein Wort, machte nicht die kleinste Geste, und der Ausdruck in seinen Augen blieb unergründlich. Sie standen sich so nahe, dass sie die Welle von Hitze und Arroganz, die von ihm ausging, bis ins Innerste spürte. Ihr Magen verkrampfte sich – dies war der Mann, den sie einmal so grenzenlos, fast bis zur Selbstzerstörung geliebt hatte. Der Gedanke machte sie traurig. Vorbei, alles vorbei. Was blieb, waren Erinnerungen und physisches Verlangen. Aber beides ließ sich, wenn schon nicht unterdrücken, so doch zumindest kontrollieren.

Selbst während sie eine Träne wegblinzelte, zwang sie sich, seinem harten Blick standzuhalten. Er durfte nicht ahnen, wie es in ihr aussah.

„Schön, dich wiederzusehen. Mir geht es auch gut, danke der Nachfrage“, sagte er schließlich. Sein Englisch war ausgezeichnet, aber selbst der weiche italienische Akzent, den er nicht verloren hatte, konnte den gereizten Ton seiner Stimme nicht verbergen. „Weshalb mich diese Art Begrüßung immer noch überrascht, ist mir ein Rätsel. Nach dem, was du dir geleistet hast, sollte ich eigentlich nichts anderes erwarten.“

Leo musterte sie von Kopf bis Fuß. Sie hatte die widerspenstigen Locken zu einem eleganten Chignon gebändigt und trug ein streng geschnittenes schwarzes Kostüm. Nichts an ihr erinnerte mehr an das junge Geschöpf, das sich ihm so ungestüm hingegeben hatte. Was sie mit dieser Verkleidung bezweckte, war nicht schwer zu erraten: Dieses Treffen war kein Wiedersehen, sondern lediglich eine unerfreuliche Notwendigkeit. Wen will sie mit diesem Manöver überzeugen, mich oder sich selbst? überlegte Leo.

Unter seinem Röntgenblick wurde Bethany abwechselnd heiß und kalt. Sie hasste es, dass sie nach wie vor und trotz allem, was geschehen war, immer noch so stark auf ihn reagierte. Anscheinend hatte ihr Körper nicht begriffen, dass es zwischen ihm und ihr aus war.

Doch darüber konnte sie sich später Gedanken machen. Nach der Scheidung, wenn sie frei von ihm war.

Und befreien musste sie sich von ihm und der unsinnigen Hoffnung, die sich einfach nicht ausmerzen ließ. Nach jener schrecklichen Nacht hatte er beim Abschied zornig geschworen, dass er nicht vorhabe, sie gehen zu lassen. Dass er sie nach Italien zurückholen würde, wenn nötig mit Gewalt.

Seitdem waren drei Jahre vergangen, drei lange Jahre, in denen sie gegen alle Vernunft gehofft hatte, er würde sein Versprechen einhalten. Aber das hatte er nicht getan. Es wurde höchste Zeit, den Schlussstrich zu ziehen und ein neues Leben zu beginnen. Zu ihren Bedingungen.

„Entschuldige, dass ich mit der Tür ins Haus falle“, entgegnete sie kühl. „Aber in Anbetracht unserer Situation ist das meiner Ansicht nach die beste Methode.“ Sie drehte ihm den Rücken, entfernte sich ein paar Schritte und gab vor, eins der Gemälde an der weiß getünchten Wand zu betrachten. Ohne sich nach ihm umzuschauen, spürte sie, dass er neben sie trat.

„Situation?“, wiederholte er. „Du nennst dein unverständliches Verhalten mir gegenüber schlicht und einfach unsere Situation?“

An seiner Schläfe pochte ein kleiner Muskel.

Bethanys Puls beschleunigte sich, aber diesmal hatte sie sich fest im Griff.

„Nenn es, wie du willst, für mich spielt das keine Rolle. Wichtig ist, dass wir den Schlussstrich ziehen, damit jeder sein eigenes Leben führen kann.“ Sie schluckte – sein Blick behagte ihr überhaupt nicht. Er bestätigte nur, was sie seit Langem wusste, nämlich wie gefährlich dieser Mann sein konnte.

„Du hast mich heute Abend also hierherkommen lassen, um mit mir über eine Scheidung zu reden“, murmelte er mit trügerischer Sanftmut.

„Weshalb sollte ich dich sonst um eine Zusammenkunft bitten?“ Ihre Stimme war nicht ganz so fest, wie sie es sich gewünscht hätte.

„In der Tat, welchen Grund könntest du sonst haben?“ Er ließ sie nicht aus den Augen. „Dass du beschlossen haben könntest, deinen Verpflichtungen als meine Gemahlin endlich nachzukommen, würde mir nicht im Traum einfallen. Dafür kenne ich dich zu gut. Und dennoch, hier bin ich.“

Sehr viel länger würde sie das nicht mehr aushalten – den eisigen Blick, den Sarkasmus, den schwelenden Zorn. Wie hatte sie nur glauben können, sich diesem Mann gegenüber behaupten zu können?

Und als wäre das nicht genug, musste sie obendrein auch noch gegen den inneren Zwiespalt kämpfen. Ihre Vernunft sagte ihr laut und deutlich, dass sie dem Ganzen ein Ende machen musste, während ihre Sinne von Küssen und Zärtlichkeiten flüsterten, wie nur er sie ihr geben konnte. Er war wie ein Feuer in ihrem Blut, und wenn sie ihm nachgab, würde sie daran verbrennen, das bezweifelte sie keine Sekunde. Sie fühlte zu viel und er zu wenig, sodass letzten Endes sie den Preis zahlen würde. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche.

„Alles, was ich will, ist die Scheidung“, brachte sie mühsam hervor. „Diese Farce muss endlich ein Ende haben.“

„Von welcher Farce redest du, wenn ich fragen darf?“ Die Hände in den Hosentaschen, verzog Leo ironisch den Mund. „Dass du als meine Gemahlin auf und davon bist und dich hier in Toronto einquartiert hast?“

„Das ist keine Farce, sondern eine Tatsache“, widersprach sie hitzig.

„Ich nenne es eine Schande. Aber warum davon reden? Es beweist nur, wie wenig es dir bedeutet, wenn du meinen Namen und den meiner Familie zum allgemeinen Gespött machst.“

„Ein Grund mehr, in die Scheidung einzuwilligen. Dann bist du mich wenigstens los.“

„Eins wüsste ich gern.“ Mit einer herrischen Geste winkte er dem Kellner ab, der mit einem Tablett auf sie zukam und Champagner offerierte. „Warum ausgerechnet jetzt? Drei Jahre ist es her, seit du mich verlassen hast.“

„Seit ich vor dir geflüchtet bin“, korrigierte sie ihn und erkannte im nächsten Moment, dass sie das Falsche gesagt hatte.

„Heißt das, du hast mich nicht verlassen?“, fragte er seidenweich.

Bethany schwankte, doch ihr Verstand gewann zum Glück wieder die Oberhand. Sie konnte – durfte! – kein zweites Mal einen Pakt mit dem Teufel schließen. Und genau darauf liefe es hinaus, wenn sie jetzt schwach wurde. Der Hoffnungsfunke, der für den Bruchteil einer Sekunde aufgeflackert war, erlosch wieder.

„Nein, das heißt es nicht“, erwiderte sie fest.

Beide schwiegen. Leo bedauerte die überflüssige Frage bereits. Sie war ein Zeichen innerer Schwäche, und Schwäche jeder Art war ihm unbekannt. Von klein auf hatte er sich dagegen gewappnet. Dass Bethany seinen inneren Schutzwall immer noch durchlöchern konnte, bedeutete nichts. Es war lediglich ein Zeichen von Ermüdung.

Das musste es sein. Er hatte den ganzen Tag in Torontos Finanzdistrikt an der Bay Street in Konferenzräumen gesessen, wo es keinem der Bankdirektoren oder Unternehmer auch nur für eine Sekunde in den Sinn gekommen wäre, ihm kontra zu geben. In der Welt des Big Business war der Name di Marco der Inbegriff von Unbescholtenheit, Macht und nahezu unbegrenztem Reichtum. Bethany war die Einzige, die seinen Wünschen zuwiderhandelte und seine Ehre angriff.

Beides gelang ihr heute noch ebenso gut wie vor drei Jahren. Es kostete Leo all seine Willenskraft, nach außen hin das Gesicht zu wahren und die innere Leere, die ihre Abreise in seinem Leben hinterlassen hatte, vor anderen und sich selbst zu verbergen.

Was ihn am meisten aufregte, war, dass er immer noch nicht immun gegen ihre Schönheit war. Vom ersten Tag an war er dem Zauber dieses aparten Gesichts verfallen, den unschuldigen blauen Augen, den braunen Locken, der kleinen Nase mit den kessen Sommersprossen und vor allem diesem süßen Mund mit den vollen roten Lippen. Damals wie heute war Bethany für ihn die personifizierte Versuchung.

Damals wie heute wollte er nur eins: Ihren schönen Körper in den Armen halten, die seidenweiche Haut unter seinen Händen fühlen und die kleinen Brüste mit den rosigen Spitzen liebkosen. Nicht nur die Brüste, auch den Rest …

Erbittert schob er das verlockende Bild beiseite. „Vor mir geflüchtet?“, wiederholte er eisig. „Wenn mich nicht alles täuscht, wohnst du noch immer unter meinem Dach – genauer gesagt in einem Haus, das mir gehört. Und sehr komfortabel, ganz nebenbei bemerkt.“

„Weil du darauf bestanden hast!“ Wütend funkelte sie ihn an, während ihr das Blut in die Wangen stieg. „Ich wollte nie einziehen, das weißt du genau.“

Leo presste die Lippen zusammen. Seit seinem achtundzwanzigsten Lebensjahr, seit dem Tod seines Vaters, stand er an der Spitze eines Konzerns mit Niederlassungen auf der ganzen Welt. Bisher hatte noch niemand die Richtigkeit seiner Entscheidungen infrage gestellt. Nur Bethany lehnte sich gegen ihn auf. Warum ließ er sich von dieser Frau an der Nase herumführen?

Die Antwort war denkbar einfach: Er war ihr verfallen. Sie war seine Achillesferse, seine einzige Schwäche. Dabei wäre es so einfach, sie sich gefügig zu machen. Er musste sie nur berühren, und sie wäre verloren. Und ich mit ihr, gestand er sich verärgert ein.

„Mit anderen Worten, ich darf mich glücklich schätzen, dass du meinem Wunsch nachgekommen bist“, erwiderte er schneidend. „Für dich ist das eine beachtliche Leistung.“ Er war am Ende seiner Geduld, wütend mit sich und der Welt. „Was ist mit meinen übrigen und, wie mir scheint, durchaus legitimen Forderungen? Zum Beispiel, dass du in Italien lebst, wie es sich für meine Gemahlin geziemt, und dass du dein Ehegelübde einhältst und meinen Namen achtest?“

„Ich weigere mich, noch länger mit dir zu streiten.“ Sie machte eine wegwerfende Geste mit der Hand, an die er vor fünf Jahren einen Ehering und einen kostbaren Saphir gesteckt hatte – beide glänzten jetzt nur noch durch Abwesenheit. „Wie immer du die Geschehnisse auslegst, das überlasse ich dir. Was mich betrifft, ich habe es satt, weiter darüber zu diskutieren.“

„Dann sind wir uns zumindest in diesem Punkt einig.“ Damit die Umstehenden nicht mithören konnten, sprach er im Flüsterton. „Ich bin kein Freund von Szenen, Bethany, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Vergiss das lieber nicht, denn mit Provokation wirst du bei mir nicht weit kommen.“

„Für eine Szene, privat oder öffentlich, besteht nicht der geringste Anlass. Es geht lediglich darum, dass du in die Scheidung einwilligst.“

„War das Leben mit mir so unerträglich, dass du mich nicht schnell genug loswerden kannst? Wie bedauerlich!“ Seine Stimme triefte nur so vor Sarkasmus.

Leo hasste die Zurschaustellung von Gefühlen vor Fremden, und er würde sich auch jetzt nicht dazu hinreißen lassen.

„Ich kann mir denken, wie schwer es für dich ist, in solch unverdientem Luxus zu leben“, fuhr er im gleichen Ton fort. „Es ist sicher nicht einfach, die Vorteile eines Fürstentitels und eines angesehenen Namens ohne jede Gegenleistung zu genießen.“

„Dann freut es dich sicherlich, wenn ich dir mitteile, dass ich zukünftig weder auf das eine noch auf das andere Wert lege.“

Herausfordernd hob sie Kopf, und für den Bruchteil einer Sekunde bemerkte er so etwas wie Verletzlichkeit in den blauen Augen. Leo stutzte – Bethany und verletzlich? Das war kein Wort, mit dem er sie beschreiben würde. Eigensinnig. Wild. Rebellisch. Aber nicht verletzlich. Nicht sie.

Ungeduldig schob er diesen Gedanken beiseite. Die Lage war auch so schon schwierig genug.

„Wirklich? Das erklärt allerdings, weshalb du für beides so wenig Achtung bewiesen hast.“

„Ich will die Scheidung“, wiederholte sie mit fester Stimme. „Es ist aus, Leo, von jetzt an führe ich mein eigenes Leben.“

„So? Und wie, wenn ich fragen darf?“

„Als Erstes ziehe ich um. Ich hasse dieses Haus aus tiefster Seele.“

„Du bist immer noch meine Frau, ob es dir gefällt oder nicht“, entgegnete er scharf. „Die Tatsache, dass dir unser Ehegelübde gleichgültig ist, bedeutet noch lange nicht, dass das auch auf mich zutrifft. Ich habe gelobt, dich zu beschützen, und das werde ich – und sei es vor deiner eigenen Unbesonnenheit.“

„Jetzt fühlst du dich wohl als Held, wie?“ Mit Rücksicht auf die Umstehenden senkte auch Bethany die Stimme, doch ihre blauen Augen sprühten Funken. „Ich glaube nicht, dass jemand auf die Idee kommen wird, mich zu kidnappen.“ Sie lachte bitter. „Glaub mir, ich habe die Verbindung zu den di Marcos nie herausposaunt.“

„Aber sie besteht. Und das macht dich zur Zielscheibe.“

„Nicht mehr lange.“ Eigensinnig schob sie das Kinn vor.

Fast könnte ich sie für ihre Hartnäckigkeit bewundern, dachte er. Fast.

„Und was das Geld auf dem Konto angeht, das in meinem Namen eröffnet wurde – ich habe nicht einen Cent angerührt“, fuhr sie fort. „Ich will weder dein Geld noch deinen Namen, sondern nur meine Freiheit.“

„Und was hast du mit dieser heiß ersehnten Freiheit im Sinn?“ Leo steckte die Hände in die Taschen, um sich nicht doch noch zu einer Unbedachtheit hinreißen zu lassen.

„Eigentlich geht dich das nichts an, aber wenn du es unbedingt wissen musst …“ Sie hob den Kopf und sah ihm in die Augen. „Ich habe jemanden kennengelernt.“

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