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Casey stürzt ins Glück

1. KAPITEL

Mehrfach hatte sich Casey Jernigan in den letzten Wochen gefragt, ob sie den Verstand verlor.

Warum sonst gab sie alles in ihrer Heimatstadt Chicago auf, um eine Stelle in einem Ort in Colorado anzutreten, über den sie nahezu nichts wusste?

An diesem sonnigen Aprilnachmittag sah sie das rund zweitausend Meter hoch gelegene Crested Butte zum ersten Mal. Anders als im Mittleren Westen, wo der Frühling schon Einzug hielt, herrschte hier noch Winter.

Casey parkte ihren Wagen, in dem sie fast ihre gesamte Habe transportierte, am Straßenrand. Ihr war seltsam zumute. Sie spürte erbärmliche Angst und hätte auch hysterisch lachen können.

Neugierig schaute sie sich um und stutzte, als sie einen riesigen Drachen aus Chrom erblickte, der aus dem Schnee ragte. Er hatte die Flügel ausgebreitet und wollte sich auf einen Mann in Ritterrüstung stürzen. Zweifellos handelte es sich um den heiligen Georg, der mutig das Schwert gezogen und den Schild gehoben hatte. Aber diese Verteidigung schien angesichts des rund neun Meter langen und vier Meter fünfzig großen Ungetüms ziemlich unzureichend.

Und so schutzlos, wie der heilige Georg wirkte, fühlte sich Casey plötzlich in diesem entlegenen Wintersportort, wo sie niemanden kannte. Sie hatte den Job als Assistentin der Marketingdirektorin in der Handelskammer Crested Butte hauptsächlich deshalb angenommen, weil er ihr einen Neuanfang ermöglichte.

Außerdem hatte sie es sich romantisch und aufregend vorgestellt, hier zu leben. Sie hatte an attraktive Skilehrer gedacht und an lachende Kinder, die Schneemänner bauten und sich vor prasselnden Feuern mit heißer Schokolade wärmten. Drachen oder dieses unangenehme Gefühl fehl am Platz zu sein, waren in ihren Gedanken nicht vorgekommen.

Seufzend ließ Casey den Blick zu den Bergen schweifen, wo das Crested Butte Mountain Resort zu sehen war. Dann startete sie den Motor und hielt auf der Weiterfahrt nach der Elk Avenue Ausschau. Ihre neue Chefin hatte ihr gesagt, dass das kleine Zweizimmerapartment, das sie von Chicago aus angemietet hatte, leicht zu finden sei. Heather Allison zufolge lag es direkt an der Hauptstraße, sodass Casey zu Fuß zur Arbeit gehen könnte.

An der Elk Avenue standen lauter zartbunte viktorianische Häuser mit Läden im Erdgeschoss. Casey parkte den Wagen vor einem rosa- und türkisfarben gestalteten Gebäude mit der Nummer siebenundzwanzig. „Mad Max’s Snowboards and Bicycle Rental“ las sie auf dem Schild über der Tür.

Das war leider nicht der Wohnblock mit ihrem Apartment. Offenbar hatte sie sich die Adresse falsch notiert. Und da sie nach der langen Fahrt gut etwas Bewegung vertragen konnte, stieg sie aus, um sich bei Mad Max nach dem richtigen Weg zu erkundigen.

Die Schlittenglöckchen, die von innen an der Tür befestigt waren, bimmelten, als sie über die Schwelle trat. Momente später trottete ihr ein trächtiger Golden Retriever entgegen.

„Hallo, ist da sonst noch jemand?“ Casey kraulte den Hund hinterm Ohr.

„Das ist Molly. Sie ist das offizielle Begrüßungskomitee.“ Ein breitschultriger Mann mit zerzausten braunen Haaren und einem von der Sonne gebräunten Gesicht kam aus einem hinteren Raum. Er trug ausgeblichene Jeans und ein rot und schwarz kariertes Flanellhemd über einem grünen Rolli.

Sein warmherziges Lächeln raubte Casey kurzfristig den Atem. Starr blickte sie ihn an und schaute in unglaublich strahlend blaue Augen. Vorsicht, Gefahr! hörte sie trotz aller Faszination eine mahnende innere Stimme. Sie sollte jetzt ganz sicher nicht den Kopf wegen eines umwerfend attraktiven Mannes verlieren.

„Lass mich raten. Du bist Casey Jernigan.“

„Ja! Woher weißt du das?“ Angestrengt versuchte sie, zu verbergen, wie nervös er sie machte.

„Ich habe das Nummernschild an deinem Wagen gesehen. Außerdem hat dich die Birkenfeige auf dem Beifahrersitz verraten. Nicht viele Leute nehmen ihre Pflanzen mit in den Urlaub.“

Casey lachte. Crested Butte war wirklich ein kleines Nest. Es hatte rund fünfzehnhundert Einwohner, zu denen in der Hochsaison leicht noch fünftausend hinzukommen konnten. Zumindest hatte sie dies in der Touristenbroschüre gelesen, die Heather ihr geschickt hatte.

„Also, Casey Jernigan.“ Sie streckte ihm ihre Rechte entgegen.

„Max Overbridge.“ Er schüttelte ihr die Hand.

„Freut mich, Max. Und Molly. Ich habe hier in der Nähe ein Apartment gemietet. Vielleicht kannst du mir sagen, wo ich hinmuss.“

„Einen Stock höher.“

„Einen Stock höher?“

„Dort sind zwei Wohnungen. Ich lebe in der einen und vermiete die andere.“

„Du … du bist mein Vermieter?“

„Und dein Nachbar.“ Max lächelte. „Du bist hier schon ganz richtig.“

Sie würde also neben einem Adonis in einem rosa- und türkisfarbenen Haus über einem Snowboard-Laden wohnen. Wenn das kein Unterschied zu Chicago war. Sie hatte einen Neuanfang gewollt, und den schien sie zu bekommen.

Casey folgte Max und Molly durch das Geschäft auf einen Hinterhof und zu einer Treppe. Oben angelangt schloss Max die Tür auf, hinter der ein langer Flur lag. „Die linke Wohnung ist deine, die rechte meine.“ Er öffnete ihre Tür und bedeutete Casey, einzutreten.

Der größte Raum war als Eingangs-, Wohn- und Essbereich eingerichtet und hatte auch eine Küchenzeile. Überrascht bemerkte Casey den Kanonenofen, der in einer Ecke stand.

„Er ist genauso alt wie dieses Haus und sorgt an den meisten Tagen für eine angenehme Wärme. Holz ist unten im Schuppen. Bedien dich dort einfach“, sagte Max. Er zeigte ihr kurz das rosafarben geflieste Bad mit einer entzückenden Wanne mit Löwenfüßen und anschließend das Schlafzimmer.

„Sind das Antiquitäten?“, fragte Casey und ließ den Blick über das breite gusseiserne Bett und die Frisierkommode aus Eichenholz schweifen.

„Wahrscheinlich. Ich habe alles vom Vorbesitzer übernommen.“ Max kehrte in den anderen Raum zurück. „Dort ist das Telefon.“ Er deutete zu einem alten Wandapparat neben der Küchenzeile. „Du hast Glück. Seit letztem Jahr haben wir Satellitenempfang.“ Er nickte in Richtung des Fernsehers, der auf einem Tisch in der Ecke gegenüber dem Kanonenofen stand. „Andererseits bist du vermutlich zu beschäftigt, um viel zu schauen.“

„Gibt es in der Handelskammer so viel zu tun?“ Obwohl Crested Butte ein Touristenzentrum war, hatte sie nicht erwartet, gar keine Freizeit mehr zu haben.

„Dort fällt einiges an Arbeit an. Doch so habe ich es nicht gemeint. Hier bei uns ist ständig etwas los … Partys oder was immer.“

„Ich bin keine große Partygängerin.“ In Chicago hatte sie genug gesellschaftlichen Trubel erlebt. Sie freute sich auf Abende, an denen sie sich nicht fein machen, Small Talk betreiben und permanent lächeln musste. „Ich bin eher der häusliche Typ.“ Zumindest wollte sie das mal ausprobieren. Wie sollte sie feststellen, wie sie sein wollte, wenn sie nichts Neues ausprobierte?

„Trotzdem. Hier wirst du nicht oft zu Hause sein. Die Leute werden irgendwie einen Weg finden, dich ins öffentliche Leben einzubeziehen. Du wirst schon sehen.“

Offenbar gehörte Max zu den Zeitgenossen, die nicht verstanden, dass manche Menschen auch gern für sich blieben. Und sie war hier ins Nirgendwo gekommen, um sich im Hintergrund zu halten. Aber das musste sie ihm nicht erzählen, oder? „Die Wohnung ist klasse. Vielen Dank.“

„Ich freue mich, wieder eine Nachbarin zu haben.“

Sein strahlendes Lächeln raubte ihr zum zweiten Mal den Atem. Energisch rief sie sich zur Vernunft.

„Ich helfe dir mit deinen Sachen.“

„Das ist nicht nötig. Ich …“ Casey verstummte, denn Max und Molly hatten die Wohnung bereits verlassen. Sie ging hinter ihnen her nach draußen, fuhr den Wagen in den Hof, und dann begannen sie gemeinsam, ihn zu entladen.

Max trug einen Bücherkarton und einen Koffer nach oben. Casey folgte ihm mit einer Reisetasche und einem Kleidersack, den sie sich über den Arm gelegt hatte. Bei jedem Schritt raschelte es darin, als würde er trockenes Laub enthalten.

„Was ist denn da drin?“, fragte Max, als sie den Flur entlanggingen. „Ein Ballkleid oder so was?“

„Mh.“ Sie wollte ganz bestimmt nicht mit diesem umwerfend attraktiven Mann über den Gegenstand in dem Sack reden. Schnell hängte sie das Ding an die Garderobe, stellte die Reisetasche auf den Boden und verließ erneut das Apartment. Als sie schließlich die letzten Kisten in der Wohnung abgesetzt hatten, konnte man vage das Bimmeln der Schlittenglöckchen hören.

„Oh, da ist ein Kunde gekommen. Ich sollte mal wieder in den Laden gehen.“

„Ja, und ich mache mich ans Auspacken. Vielen Dank für deine Hilfe.“

„Gern geschehen. Bis bald.“

Als Erstes brachte sie den voluminösen Kleidersack in den begehbaren Wandschrank im Schlafzimmer. Schuldbewusst zog sie danach den Reißverschluss auf und bewunderte die filigrane Kreation aus gebrochen weißer Seide und Spitze. Sie hatte sich regelrecht in das Ding hineinzwängen müssen.

Vielleicht war es keine so gute Idee gewesen, das Brautkleid mitzunehmen. Letztlich war es ohne Bräutigam nicht wirklich zu etwas nütze. Aber sie hatte es nicht zurücklassen können. Sie hatte es gegen den Willen ihrer Mutter gekauft, die es bestimmt schon entsorgt hätte, noch bevor sie hier angekommen war.

Behutsam machte sie den Reißverschluss wieder zu und schob den Sack ans Schrankende. Sie hatte nicht vor, das Outfit in nächster Zukunft zu tragen. Doch sie hatte es gerne in ihrer Nähe.

Das Kleid hatte symbolischen Wert für sie. Es bewies, dass sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben nicht danach gerichtet hatte, was andere meinten, sondern getan hatte, was sie wollte. Sie für sich einstehen konnte.

Und nach Crested Butte zu ziehen war ein weiterer großer Schritt in die Eigenständigkeit. Casey Jernigan, das prominente Mitglied der Chicagoer Gesellschaft, gehörte der Vergangenheit an. Nun galt es, die Casey Jernigan zu entdecken, die noch in ihr schlummerte. Eine Aufgabe, die ihr Angst einjagte, sie aber auch mit gespannter Vorfreude erfüllte.

Als Max in den Laden kam, sah er seinen Freund Hagan Ansdar in der Uniform der Pistenpatrouille am Tresen stehen.

„Du solltest ein Warnschild an der Tür anbringen“, erklärte der blonde Hüne mit starkem norwegischem Akzent. „Ich hätte mir fast eine Gehirnerschütterung geholt.“

„Die Eingänge von viktorianischen Häusern sind nicht für ein Meter dreiundneunzig große Normannen gebaut worden.“ Max legte ein Holzscheit in den Ofen hinter dem Ladentisch. „Ist heute etwas Aufregendes passiert?“

„Ich habe zwei junge Urlauberinnen aus Austin kennengelernt. Eine von ihnen hat eine kaputte Snowboard-Bindung, und ich habe ihr versprochen, sie zu reparieren.“

Max schüttelte den Kopf. „Es ist kriminell, wie die Frauen dir zu Füßen liegen, bloß weil du diese Uniform trägst und mit Akzent sprichst.“

„Ich habe dir schon mehrfach gesagt, dass du dich als Freiwilliger melden sollst, dann geht es dir genauso.“

„Nur dass mich diese Frauen nicht interessieren. Zeig mir mal die Bindung.“

Hagan nahm ein Plastikband aus der Tasche und reichte es ihm. „Woher weißt du, dass sie nichts für dich sind, wenn du sie noch nicht einmal gesehen hast?“

„Weil es Touristinnen sind.“ Max betrachtete das Band und runzelte die Stirn. „Es wurde durchgeschnitten.“

„Nein!“

„Doch. Vermutlich wollte sie von dir gerettet werden und hat deshalb ihr Taschenmesser bemüht.“

„Was nicht gerade klug war.“

„Nein?“ Max grinste. „Sie hat erreicht, was sie wollte, oder?“ Er wandte sich zu dem Regal hinter ihm um und holte ein Plastikband aus einer Schachtel. „Hier ist ein neues Band. Du kannst es an dem Board befestigen, wenn du sie das nächste Mal siehst.“

„Heute Abend. Mitzi ist echt scharf.“

„Das sind sie alle, Kumpel.“

Hagan gab Max die Kreditkarte. „Urlauberinnen sind die perfekten Dates. Ich treffe mich ein paar Mal mit ihnen, und dann reisen sie wieder ab. So erspare ich mir alle Beziehungsprobleme.“

„Weil es keine Beziehungen sind.“ Max reichte ihm die Karte samt Kassenbon. „In den Ferien sind die Leute nicht ganz sie selbst. Du lernst sie nicht wirklich kennen.“

„Das muss ich auch nicht. Aber da redet gerade der Richtige. Wann bist du zuletzt mit einer Frau ausgegangen?“

„Ich bin jeden Abend mit Frauen zusammen.“

Hagan schüttelte den Kopf. „Ja, mit vielen Freunden gleichzeitig. Aber das habe ich nicht gemeint. Wie lang ist es her, dass du dich mit einer einzigen Frau getroffen hast?“

„Eine Weile. Du weißt, wie es in C. B. ist. Die Frauen sind in der Unterzahl.“ Tatsächlich war das Verhältnis fast eins zu zwei.

„Und du hast das Revier schon abgegrast. Meine Methode ist besser. Zumindest bis sich hier neue Frauen niederlassen.“

„Eine ist gerade oben in die freie Wohnung gezogen.“

„Wie praktisch. Und wie ist sie?“

„Ruhig und nett.“

„Hübsch?“

Max nickte. „Sobald sich ihre Ankunft herumgesprochen hat, werden die Männer vor ihrer Tür Schlange stehen.“

„Und du bist als Nachbar gleich der Erste.“

„Ich habe wohl einen kleinen Vorteil.“ Allerdings würde er vorsichtig sein. Caseys teure Kleidung und die modische Frisur deuteten auf Geld und Klasse hin. Und diese Frauen erwarteten seiner Erfahrung nach viel von Männern.

„Nur weil ich mich aus dem Wettstreit heraushalte.“

„Na klar. Als wäre sie an einem so unscheinbaren Typen wie dir interessiert.“ Max schüttelte den Kopf. „Außerdem ist es kein Wettstreit. Es kommt, wie es kommt.“

„Viel Glück, mein Freund. Bis dann.“

„Bis dann.“

Casey kennenzulernen könnte vergnüglich sein, und falls nicht, gibt es immer noch andere Frauen, dachte Max, während er Hagan nachsah. Aber wenn ein Stadtmensch nach Crested Butte zog, wollte er vermutlich ein Abenteuer erleben. Und jeder, der ein Abenteuer suchte, konnte einen Partner gebrauchen – wozu er sich prima eignete.

Was für ein Anblick! Casey stand am Fenster und schaute zum rötlich schimmernden Mount Emmons hin, den die Einheimischen laut Touristenbroschüre „Red Lady“ nannten. Selbst der schneebedeckte Gipfel glänzte jetzt in der untergehenden Sonne rötlich.

Sie konnte es noch immer nicht ganz glauben, dass sie hier war. Allein schon das Finden der Stellenanzeige war purer Zufall gewesen. Da sie Chicago dringend den Rücken hatte kehren wollen, hatte sie sich sofort per Fax beworben und den Job bekommen. Morgen war ihr erster Arbeitstag.

Bis dahin hatte sie sich noch etwas Zeit zu vertreiben. Mit dem Auspacken war sie fast fertig. Den Rest würde sie irgendwann erledigen. Sie wandte sich um und wollte nach der TV-Fernbedienung greifen. Nein, sie würde sich heute nicht verkriechen, sondern ihre neue Umgebung erkunden.

Wenig später schlenderte sie den Bürgersteig der Elk Avenue mit den schmalen pastellfarben gestrichenen Holzhäusern entlang. Sie kam an einem T-Shirt-Laden vorbei, einer Kunstgalerie, diversen Maklerbüros und mehreren Restaurants sowie einer Bar.

Seit ihrer Ankunft war es spürbar kälter geworden. Casey zog die Wollmütze tiefer über die Ohren und den Reißverschluss des Parkas höher. An einer Straßenecke sah sie einen Coffeeshop. Ja, ein Kaffee wird mir jetzt guttun, dachte sie. Dann blieb sie jedoch noch einmal stehen, um zwei Männern zuzuschauen, die zwischen der Veranda und dem Bürgersteig einen Schnee-Elch bauten.

„Was meinst du?“, wandte sich der Mann mit der grünen Mütze, unter der blonde Dreadlocks zum Vorschein kamen, an sie. „Ist das Geweih zu klein?“

„Keine Ahnung. Ich bin noch nie einem Elch begegnet.“

„Es ist zu klein“, sagte sein schwarzhaariger Kumpel mit der roten Mütze. „Aber es dürfte schwierig werden, es groß genug zu machen, ohne dass es abfällt.“

„Vielleicht könnt ihr es um einen Stock herum formen.“

Der Blonde schlug dem anderen auf den Rücken. „Warum ist dir das nicht eingefallen?“

„Und warum dir nicht?“

„Weil du hier der Schlaukopf bist.“ Er zwinkerte Casey zu. „Und ich der Beau.“

„Ich bin sicher, dass ihr sie mit eurem Aussehen und eurer Intelligenz beeindruckt habt.“ Eine hübsche Frau in pinkfarbener Skijacke kam die Verandastufen herunter auf Casey zu und streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bin Trish Sanders.“

„Casey Jernigan. Ich bin gerade hergezogen.“

„Wir haben dich vor einer ganzen Weile vorbeifahren sehen“, meinte der Schwarzhaarige und streckte ihr ebenfalls die Hand entgegen. „Ich bin Bryan Perry, und mein Kumpel heißt Zephyr.“

„Zephyr?“, fragte Casey, nachdem sie auch dessen Rechte geschüttelte hatte.

„Ich bin Musiker“, antwortete er, als würde es alles erklären.

„Willkommen in C. B.“, sagte Trish. „Was führt dich her? Bist du eher eine Skifahrerin oder eine Snowboarderin?“

„Weder noch. Es klang einfach nach einem interessanten Ort.“ Hoffentlich halten sie es nicht für einen zu dürftigen Grund, sorgte sich Casey kurz. Doch gleich schob sie die Bedenken beiseite. Sie hatte sich fest vorgenommen, sich keine Gedanken mehr darüber zu machen, was andere über sie dachten. Aber lebenslange Gewohnheiten abzulegen war schwierig.

Trish lachte. „Hier kann es sehr interessant sein. Deinen Vermieter hast du ja schon kennengelernt.“

„Er hat mir sogar geholfen, meine Sachen in die Wohnung zu bringen.“

„Sieh dich bei ihm vor. Mad Max ist zwar eine Frohnatur, aber er hat auch schon viele Herzen gebrochen“, warnte Trish sie.

Casey spürte, wie ihr Puls schneller schlug, als sie sich an sein umwerfendes Lächeln erinnerte. „Mad Max?“

„Das ist eine lange Geschichte. Allerdings keine schlimme. Max ist ein feiner Kerl. Plan nur nicht, ihn nach Hause mitzunehmen und ihn deinen Leuten vorzustellen.“

Fast hätte Casey gelacht. Ein Mann, der keinen Designeranzug trug und keinen ellenlangen Stammbaum besaß, würde vermutlich nie die Billigung ihrer Eltern finden. Auch aus diesem Grund war sie froh, weit weg zu sein. Und würde sie zurzeit einen Freund wollen, wäre Max ein heißer Kandidat.

„Sprichst du aus Erfahrung?“

„Nein.“ Trish lachte erneut. „Ich war schon mit meinem Freund zusammen, als ich herzog. Aber ich kenne diese Sorte Männer. In den Wintersportorten wimmelt es davon.“

„Hör nicht auf sie“, meinte Zephyr. „Sie hält alle Männer für Abschaum.“

„Nicht alle. Doch seien wir ehrlich. Die meisten kommen in einen Wintersportort, weil sie sich lieber vergnügen möchten als arbeiten.“

„Und warum kommen die meisten Frauen her?“, fragte Bryan.

„Vielleicht aus demselben Grund.“ Trish zwinkerte Casey zu.

„Ich kümmere mich dann mal um den Stock für das Elchgeweih. War schön, dich kennenzulernen, Casey.“ Bryan nickte ihr zu.

„Fand ich ebenfalls … Euch alle.“ Ihre Füße waren kalt geworden, und sie trat kräftig von einem auf den anderen. „Ist der Kaffee hier gut?“

„Er ist der beste im ganzen Ort.“

„Das sagt sie nur, weil sie den Laden betreibt“, erklärte Zephyr und folgte den beiden hinein.

In dem kleinen Raum mit den drei Tischen und der Theke empfing sie eine wohlige Wärme. „Was möchtest du?“, erkundigte sich Trish, während sie sich der riesigen Kaffeemaschine zuwandte. „Das geht zum Einstand aufs Haus.“

„Oh toll! Einen Mochaccino, bitte.“

„Okay.“

„Ich nehme auch einen“, meinte Zephyr.

„Du musst allerdings bezahlen.“

Er lächelte. „Schreib ihn auf meine Rechnung.“

Trish verdrehte die Augen, holte aber eine zweite Tasse aus dem Regal neben dem Automaten. „Woher kommst du, Casey?“

„Aus Illinois.“

„Woher genau?“, fragte Zephyr.

„Aus … Chicago.“ Aufmerksam betrachtete sie sein Gesicht. Verband er mit ihrem Namen vielleicht etwas?

„Im Ernst?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich bin noch nie dort gewesen.“

Casey entspannte sich wieder. Warum hatte sie überhaupt in Betracht gezogen, dass man sich hier für die Gesellschaftsseite der Chicagoer Zeitungen interessierte? Sie würde es jetzt auch nicht mehr tun.

„Ich werde in der Handelskammer arbeiten. Doch das wisst ihr bestimmt schon“, fügte sie hinzu, denn ihr schien, als würde hier nichts verborgen bleiben.

„Du hältst uns wahrscheinlich für neugierig“, erwiderte Trish. „Aber C. B. ist nicht gerade eine Großstadt. Jeder neue Einwohner sorgt für Aufregung.“

„Vor allem wenn es eine alleinstehende Frau ist“, fügte Zephyr hinzu.

„Warum das?“

Überrascht sah Trish sie an. „Du hast keine Ahnung? Ich dachte, du wärst vielleicht aus dem Grund hergekommen.“

„In Wintersportorten gibt es meist doppelt so viele alleinstehende Männer wie Frauen“, erklärte Zephyr.

„Lediglich auf einem Militärstützpunkt und in Alaska ist das Verhältnis wahrscheinlich noch besser“, sagte Trish und servierte ihnen den Mochaccino. „Wenn du nicht zu erschöpft bist, solltest du nachher noch im ‚Eldo‘ vorbeischauen.“

Vage erinnerte Casey sich, dass sie den Namen draußen an einer Bar gelesen hatte. „Was ist dort los?“

„Nur die übliche Sonntagsparty“, antwortete Zephyr. „Die letzte Chance zum Feiern, bevor die Arbeitswoche anfängt.“

„Es ist eine prima Gelegenheit, deine Nachbarn kennenzulernen, denn sie werden alle dort sein.“

„Danke für den Tipp. Mal sehen, wie müde ich nachher bin.“ Jetzt fühlte sie sich jedenfalls noch ziemlich gut, was sicher damit zusammenhing, dass sie hier so nett aufgenommen wurde.

2. KAPITEL

Im „Eldo“, einem länglichen Raum im ersten Stock eines Hauses an der Elk Avenue, herrschte reger Betrieb. Jeder Tisch und jeder Barhocker waren besetzt. Und trotz der Kälte standen sogar viele Gäste auf dem Balkon und riefen vergnügt den Leuten auf der Straße etwas zu.

„Geht es hier immer so zu?“, fragte Casey Trish, als sie sich zu dem Tisch vorkämpften, den Zephyr und Bryan für sie frei gehalten hatten. Er stand nahe einer kleinen Bühne, auf der zwei Gitarristen und ein Drummer begeistert aufspielten, wenn auch nicht sonderlich gut.

„Manchmal ist noch mehr los.“ Trish schob sich an zwei Männern vorbei, die ihre Kräfte beim Armdrücken maßen, und sank dann auf einen Stuhl.

„Ich habe uns einen Krug Bier bestellt“, sagte Bryan und lächelte Casey an. „In Chicago gibt’s bestimmt nicht viele Bars wie diese.“

„Ich kenne keine einzige.“ Ihre Mutter würde in Ohnmacht fallen, wüsste sie, dass ihre Tochter in einem Lokal, das sie als Spelunke bezeichnen würde, Bier trank, das aus einem Krug eingeschenkt wurde. Aber sie fand es perfekt.

Momente später blickte einer der Armdrücker auf, sah sie und ließ seinen Gegner los. Er stand auf und trat an ihren Tisch. „Hallo. Willst du tanzen?“

Verwirrt blickte sie sich um. „Dafür scheint mir kein Platz zu sein.“

„Doch.“ Er lächelte breiter. „Wir müssten uns einfach nur dicht beieinander auf der Stelle bewegen.“

„Nein danke.“

„Vielleicht ein anderes Mal, Chris.“ Trish schob ihn behutsam beiseite. „Casey ist gerade erst eingetroffen. Lass ihr etwas Zeit, um sich einzugewöhnen.“

„Es geht schon los“, meinte Bryan.

„Was geht schon los.“

„Wie ich bereits sagte, sorgen neue Mitbürger für Aufregung“, antwortete Trish. „Nachdem man dich jetzt entdeckt hat, solltest du dich auf einiges gefasst machen.“

„Inwiefern?“

Trish konnte nicht mehr antworten, denn eine Kellnerin brachte ein Tablett mit Drinks an den Tisch. „Die sind für dich.“

„Für mich?“ Verblüfft schaute Casey auf die sechs Gläser mit unterschiedlichen Getränken. „Wenn ich die trinke, wird mir schlecht.“

„Wir helfen dir“, erklärte Zephyr und nahm sich ein Glas.

Auch Trish bediente sich. „Jeder möchte, dass du dich willkommen fühlst.“

Casey nickte. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das Ganze ist etwas … überwältigend.“

„Genieß es, solange du kannst.“ Trish lächelte sie an.

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