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Casa Grande – Plantage des Glücks

1. KAPITEL

„Sind wir bald da?“ Madisons himmelblaue Augen schauten ungeduldig unter langen dunklen Wimpern hervor. „Mir ist furchtbar langweilig!“

Sanft strich Molly Riggs der Elfjährigen über das seidig glänzende helle Haar. „Es wird sicher nicht mehr lange dauern, Kleines. Geh und weck deinen Bruder, ja?“

Ein Lächeln huschte über Madisons Lippen, dann lief sie zu Justin, um ihn mit lautem Getöse aus dem Schlaf zu reißen. Trotz der inneren Anspannung, die Molly schon seit Stunden erfüllte, musste sie schmunzeln. Was würde sie dafür geben, die Welt selbst noch einmal auf die einzigartige Weise zu sehen, wie es scheinbar nur Kindern möglich war? Natürlich waren die Geschehnisse der vergangenen Monate auch an Justin und Madison nicht spurlos vorübergegangen, doch sie hatten eine völlig eigene Art, mit ihrem Verlust umzugehen, um die Molly sie beneidete.

Sie dachte an den Anruf, den sie vor nunmehr fast genau einem halben Jahr erhalten hatte. Es war bereits recht spät am Abend, die Zwillinge lagen schon im Bett, als das Telefon klingelte. Mit nüchternen Worten hatte ihr eine fremde Stimme nach dem Abheben mitgeteilt, dass ihre Eltern bei einem Autounfall tödlich verunglückt waren. Dieser Anruf stellte alles völlig auf den Kopf. Gänzlich unvorbereitet war Molly zum Oberhaupt ihrer kleinen Familie geworden, und es lag in ihrer Verantwortung, sich um die Zwillinge zu kümmern.

Mit ihren gerade einmal zweiundzwanzig Jahren hatte sie sich zunächst völlig überfordert gefühlt. Der Tod der Eltern war auch für sie ein furchtbarer Schock gewesen, und sie wusste nicht, wie sie die Kinder und sich allein über die Runden bringen sollte. Doch es gab noch eine weitere Schreckensbotschaft, die auf sie wartete, und diese erreichte sie bei der Testamentseröffnung. Noch immer fiel es ihr schwer, an das zu glauben, was sie dort hatte erfahren müssen. Vielleicht quälte sie auch deshalb der Gedanke so sehr, dass die Entscheidung, die sie aufgrund dieser Nachricht traf, falsch gewesen sein könnte.

Doch jetzt war es längst zu spät, sich anders zu besinnen. Genau genommen war es dafür schon in dem Moment zu spät gewesen, in dem sie mit den Zwillingen in London ins Flugzeug nach Kolumbien gestiegen war. Inzwischen hatten sie den längsten Teil der Reise bereits hinter sich. Nach der Landung auf dem Aeropuerto Internacional El Dorado, dem Flughafen vor den Toren von Santafé de Bogotás, waren sie in ein Privatflugzeug umgestiegen. Die kleine Maschine strahlte, zumindest für Mollys Verhältnisse, puren Luxus aus. Der Boden war mit einem flauschigen, hochflorigen Teppich ausgelegt, und anstelle der üblichen Sitzreihen gab es eine bequeme Sitzgruppe aus weichem, braunem Leder. Auf einem Tisch stand ein Korb mit frischem Obst, daneben eine Karaffe mit Wasser.

Falls dieses Flugzeug Jorge Garcia da Silva gehörte, überlegte Molly, dann waren ihre Sorgen um die Zukunft der Zwillinge vermutlich völlig unnötig. Ein Mann, der nicht nur eine Kaffeeplantage im Herzen Kolumbiens besaß, sondern auch noch eine eigene Privatmaschine sein Eigen nannte, musste nicht nur wohlhabend, sondern richtig reich sein. Und obwohl Molly sich natürlich auch Gedanken darüber machte, wie es mit ihr selbst weitergehen sollte, so war das Wohl der Kinder für sie doch vorrangig.

Nachdenklich schaute sie aus dem Seitenfenster des Flugzeugs auf den Dschungel hinab, den sie gerade überflogen – ein Meer aus Grün, das von einem Band aus glitzerndem Wasser durchzogen wurde. Molly atmete tief durch und machte sich klar, dass nun sämtliche Brücken hinter ihr abgebrochen waren. England war nicht länger ihre Heimat. Sie konnte nicht dorthin zurückkehren, selbst wenn sie es wollte. Schon allein der Kinder wegen.

Der Dschungel unter ihnen wich immer bergigerem Gelände, als sie die ersten Ausläufer der Cordillera Central de los Andes, der mittleren der drei parallel verlaufenden Gebirgsketten der Nordanden, überflogen. Per Lautsprecherdurchsage teilte der Pilot mit, dass sie ihr Ziel in Kürze erreichen würden, und Molly wies die Kinder an, sich wieder auf ihre Plätze zu setzen und sich anzuschnallen.

Dann bereitete sie sich selbst auf die Landung vor.

Sie war noch nicht oft mit einem Flugzeug gereist – und schon gar nicht über solch weite Entfernungen –, doch die wenigen Male hatte sie nicht unbedingt genossen. Molly zog es vor, festen Boden unter den Füßen zu spüren. In diesem Punkt waren sie und ihr Vater sich stets einig gewesen. Wenn Gott gewollt hätte, dass der Mensch fliegen kann, hatte er stets zu sagen gepflegt, wenn seine Frau ihn zu einer Fernreise überreden wollte, dann hätte er ihm Flügel gegeben.

Molly schluckte schwer, als ihr klar wurde, dass er niemals wieder etwas Derartiges sagen würde. Matthew Riggs war tot, ebenso wie seine Frau Donna. Molly würde ihre Eltern niemals wiedersehen.

Sanft setzte das Flugzeug auf der Landebahn auf. Die Zwillinge quietschten vergnügt. Ganz offensichtlich waren die Strapazen der Reise einfach an ihnen vorübergegangen. Für die beiden war das alles ein großes, aufregendes Abenteuer. Molly wünschte fast, sie könnte es ebenso sehen und sich ein wenig entspannen. Aber leider fühlte sie sich, während die Maschine langsam ausrollte, alles andere als gelöst.

Justin und Madison waren schon halb die Gangway hinunter, als Molly den Ausgang erreichte. Mit einem leisen Seufzen trat sie selbst auf die Passagiertreppe hinaus.

Für einen Moment schloss sie die Augen und genoss den kühlen Wind auf ihrem erhitzten Gesicht, dann atmete sie tief durch und ging die schmalen Stufen hinunter. Als sie den Mann erblickte, der am Ende des Rollfelds stand und auf sie wartete, wäre sie beinahe gestolpert.

Er war erstaunlich groß. Über verwaschenen Bluejeans trug er derbe Arbeitsstiefel und ein verblasstes Hemd. Seine Haut war tief gebräunt, das fast schwarze Haar ein wenig zu lang für europäische Maßstäbe. Und dann begegnete sie für den Bruchteil einer Sekunde dem Blick dunkler Augen, die sie voller Misstrauen und mit unverhohlenem Argwohn musterten.

Plötzlich war alles zu viel für sie, und sie wäre am liebsten sofort wieder ins Flugzeug gestürmt, um sich nach Hause bringen zu lassen. Wie sollte sie hierbleiben? Dieser Mann hasste sie! Ein kurzer Blick hatte genügt, um die Wahrheit zu erkennen.

Unsinn, tadelte sie sich selbst. Sie war völlig fremd in diesem Land. Warum sollte ihr irgendjemand ein so intensives Gefühl wie Hass entgegenbringen?

Als die Zwillinge den Mann erreichten, glaubte Molly für einen kurzen Moment, ein Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen. Doch es war längst verschwunden, als er wieder in ihre Richtung blickte.

„Sie müssen Señorita Riggs sein, die Halbschwester der Zwillinge“, sagte er auf Englisch mit hartem spanischem Akzent und streckte ihr förmlich die Hand entgegen.

„Schwester“, verbesserte Molly ihn hastig. „Die beiden wissen noch nicht …“

Er nickte knapp. Sein Händedruck war fest, sein Blick zwingend. „Mein Name ist Fernando Gomez, ich bin Señor da Silvas Schwager und Stellvertreter. Folgen Sie mir“, sagte er kühl und deutete in Richtung eines Jeeps, den Molly bisher übersehen hatte. „Vamos. Gehen wir. Ich fahre Sie und die Kinder nach Casa Grande.“

Schweigend nahm sie die Zwillinge an den Händen. Die Aura, die diesen Mann umgab, jagte ihr Angst ein, zog sie zugleich aber auf eine gewisse, unerklärliche Art und Weise an. Ihre Knie zitterten leicht, als sie auf den Beifahrersitz des Jeeps kletterte.

Fernando betrachtete Molly verstohlen von der Seite, während er den Motor des Geländewagens anließ. Wider besseres Wissen fühlte er sich von ihr angezogen. Sie war blond, ebenso wie die Zwillinge. In weichen Locken umrahmte ihr Haar das blasse, herzförmige Gesicht. Mit ihrer elfenhaften Gestalt wirkte sie wie ein junges Mädchen, dabei wusste er, dass sie bereits über zwanzig sein musste. Das enge Top und die hochgekrempelte Jeans betonten ihre Jugend noch, ebenso wie die großen grünen Augen.

Lass dich von ihrem zarten Äußeren nicht täuschen, rief Fernando sich zur Ordnung. Molly Riggs war keineswegs die Frau, die sie vorgab zu sein. Das war ihm klar, seit Jorge ihm vor ein paar Wochen ihren Brief gezeigt hatte. Zugegeben, sie verstand es meisterlich, ihr wahres Ich vor der Welt zu verbergen, doch er hatte sie durchschaut.

Ihn würde sie nicht täuschen.

Mit grimmiger Miene lenkte er den Wagen über den steinigen Weg, der nach Casa Grande führte. Er fuhr absichtlich langsam, denn er wollte die Kinder, die ungesichert auf der Ladefläche des Jeeps saßen, nicht gefährden. Doch es fiel ihm schwer. Die Nähe dieser Frau, die neben ihm auf dem Beifahrersitz saß, behagte ihm nicht. Er wollte so schnell wie möglich zum Anwesen. Dort konnte er Molly und die Kinder in die Obhut von Conchita entlassen.

„Gehört das alles Señor da Silva?“, fragte Molly, als sie die eigentliche Plantage erreichten. Fernando musste zugeben, dass der Anblick beeindruckend war. Die terrassenförmig angelegten Kaffeefelder erstreckten sich so weit das Auge reichte. Trotzdem wollte ihm ihre offenkundige Wissbegierde, was Jorges Besitz anging, nicht gefallen. Warum interessierte sie sich dafür, wenn nicht, um sich bereits vorab einen Überblick über die herrschenden Vermögensverhältnisse zu verschaffen.

„Das alles gehört zu Casa Grande“, erwiderte er ausweichend. Er hatte nicht die Absicht, sie genauer darüber aufzuklären. Stattdessen ergriff nun er die Initiative und fragte geradeheraus: „Wie lange gedenken Sie zu bleiben, Señorita Riggs?“

Sie musterte ihn verwirrt. „Wie meinen Sie das?“

„Verzeihen Sie, mein Englisch scheint ein wenig eingerostet zu sein. War meine Frage denn so missverständlich? Ich möchte gern von Ihnen wissen, wann Sie planen, nach England zurückzukehren.“

Ein Schatten fiel auf Mollys Gesicht. Für einen Moment wirkte sie regelrecht erschrocken. „Ich … Wie kommen Sie darauf, dass …“ Dann atmete sie tief durch und erwiderte Fernandos Blick ernst. „Ich habe überhaupt nicht vor, in nächster Zukunft irgendwohin zu gehen, Señor Gomez. Mein Platz ist dort, wo die Zwillinge sind.“

„Nun, ich nahm an, dass Sie …“ Die Straße beschrieb eine jähe Kurve, und dahinter kam Casa Grande in Sicht. Er winkte ab. „Lassen wir das für den Augenblick. Wir können uns später darüber unterhalten.“

Molly hatte ihm nur halb zugehört. Stattdessen glitt ihr Blick über das riesige Anwesen. Das wuchtige, u-förmige Haupthaus war ganz aus Adobeziegeln gebaut. Es war nicht schön, aber die uralten Mauern strahlten eine gewisse Magie aus, als wäre an ihnen viel Geschichte vorbeigezogen. In der Mitte befand sich ein Innenhof, in dem Blumen und Pflanzen in verschwenderischer Pracht blühten. Leuchtend violette Orchideen wuchsen in großen Blumentöpfen aus Terrakotta neben purpurfarbenen Hibiskussträuchern und Orangenbäumen.

„Schau mal, Molly“, rief Madison, die gemeinsam mit ihrem Bruder vom Jeep gesprungen war, kaum dass Fernando angehalten hatte. Sie hielt ihrer Schwester eine leuchtend gelbe, mit roten Sprenkeln versehene Blume hin. „Die habe ich für dich gepflückt. Ist sie nicht schön?“

„Das ist lieb von dir, Kleines, aber frag bitte in Zukunft um Erlaubnis, ehe du irgendwo hier auf dem Gelände Blumen pflückst, ja?“

Fernando beugte sich zu Madison hinunter. „Weißt du, was für eine Pflanze das ist?“, fragte er lächelnd.

Die Elfjährige schüttelte den Kopf. „Nein, zu Hause in England habe ich so etwas noch nie gesehen.“

„Wir nennen sie Pantoffelblume“, erklärte er. „Siehst du, wenn du genau hinschaust, dann erkennst du, dass sie ein wenig aussieht wie ein kleiner Schuh.“

Bewundernd schaute Madison ihn aus großen Augen an. „Stimmt, du hast recht.“ Sie lachte. „Das muss ich unbedingt gleich Justin erzählen!“

„Sie können wirklich gut mit Kindern umgehen“, bemerkte Molly, während Madison zu ihrem Bruder lief.

Fernando zuckte die Achseln. „Das hat nichts zu bedeuten. Ich mag Kinder einfach, das ist alles“, erwiderte er, ohne Molly eines Blickes zu würdigen. Wie zuvor im Wagen, war sie ihm schon wieder viel zu nahe. Es wurde Zeit, dass Conchita endlich auftauchte.

Als hätte sie nur auf ihr Stichwort gewartet, trat Conchita Cortez, eine kleine, rundliche Frau mit bronzefarbener Haut, die ihre indianische Abstammung verriet, in den Innenhof hinaus. Wie immer, seit Fernando sie kannte – und das waren nun immerhin auch schon mehr als dreißig Jahre –, trug sie ihr mittlerweile von grauen Strähnen durchzogenes Haar zu einem festen Knoten zurückgekämmt. Das war aber auch schon das einzig Strenge an ihr. Als sie die Zwillinge erblickte, stieß sie einen erfreuten Jubelschrei aus.

„Wer ist das?“, wollte Molly wissen.

„Ihr Name ist Conchita“, erwiderte er und winkte die ältere Frau heran. „Conchita, bring unsere Gäste bitte zu ihren Unterkünften, und sorge dafür, dass sie alles bekommen, was sie wünschen.“

Si, Señor Fernando“, erwiderte sie und wandte sich mit holprigem Englisch strahlend an die Zwillinge. „Kommt, niños, ich zeige euch das Haus. Es ist sehr alt, und es gibt viel zu entdecken. Ich bin sicher, dass es euch gefallen wird.“

Während die Kinder ihr begeistert folgten, blieb Molly bei Fernando zurück. Er musterte sie prüfend. „Was ist? Wollen Sie nicht mitgehen?“

„Wann werde ich Señor da Silva treffen?“, fragte sie geradeheraus. „Ich will nicht unhöflich sein, Señor, aber ich hatte eigentlich erwartet, dass er uns persönlich am Flugplatz abholen würde. Es überrascht mich, dass er uns stattdessen seinen Stellvertreter schickt. Immerhin ist er …“

„Er wäre sicher hier, wenn er die Möglichkeit dazu gehabt hätte“, fiel er ihr schroff ins Wort. Fernando hatte bereits damit gerechnet, dass sie ihn früher oder später nach Jorge fragen würde, doch er ärgerte sich über ihren missbilligenden Tonfall. „Und die Kinder sind mehr als willkommen auf Casa Grande.“

„Ganz im Gegensatz zu mir, nicht wahr?“ Sie wirkte verärgert, und Fernando war davon überzeugt, dass sie zum ersten Mal seit ihrer Ankunft ihr wahres Gesicht zeigte. „Hören Sie, ich weiß nicht, warum Sie so schlecht von mir denken, aber ich kann Ihnen versichern, dass mir lediglich das Wohl der Zwillinge am Herzen liegt. Ich habe einiges aufgegeben, indem ich mich mit ihnen ins Flugzeug nach Südamerika setzte.“

„Sie besitzen mein vollstes Mitgefühl.“ Er betrachtete sie spöttisch. Wen glaubte sie mit dieser billigen Mitleidstour überzeugen zu können? Ihn jedenfalls nicht. Und wenn sie tatsächlich vorhatte, ihn mit ihrem zugegebenermaßen bezaubernden Äußeren so einfach um den Finger zu wickeln, dann täuschte sie sich. So gesehen konnte sie einem beinahe leidtun. Sie machte ihre Sache ziemlich gut. Wie sollte sie auch ahnen, dass bereits ein anderes weibliches Wesen Fernando auf schmerzhafte Weise bewiesen hatte, wie weit die Verschlagenheit einer Frau reichen konnte. „Ich schlage vor, Sie folgen Conchita. Das Haus ist sehr groß, und wir wollen doch nicht, dass Sie sich gleich an Ihrem ersten Tag hier verlaufen.“

Einen Moment lang schaute sie ihn völlig fassungslos an, dann wandte sie sich brüsk ab und trat über die Türschwelle in das kühle Dunkel des Hauses.

Molly hatte Conchita und die Kinder nicht lange suchen müssen, sie brauchte einfach nur dem anschwellenden Lärmpegel zu folgen. Mittlerweile waren die Zwillinge in einem großen Raum untergebracht, der mit allem ausgestattet war, was das Kinderherz begehrte. Sie konnte hören, wie Justin und Madison lautstark ihr neues Spielzeug ausprobierten, als Conchita die Tür zu dem Zimmer öffnete, das direkt neben dem der Kinder lag. „Und dies hier ist von nun an Ihr Reich, Señorita Riggs.“

„Nennen Sie mich doch bitte Molly.“ Sie bemühte sich um ein Lächeln.

Conchita nickte ihr schüchtern zu. „Ich hoffe, Sie und die Kinder werden sich hier sehr wohlfühlen, Señorita Molly. Es wurde Zeit, dass endlich einmal wieder ein wenig Leben in dieses Haus kommt.“ Damit ließ sie sie allein.

Seufzend sah Molly sich in ihrer neuen Unterkunft um. An der Decke des Raumes hing ein Ventilator, der leise rotierend seine Schatten an die weiß getünchten Wände warf.

Das Bett, ein riesiges Ungetüm mit vier Pfosten und einem Himmel aus luftigem weißem Stoff, stammte ebenso wie der hohe, reich mit Schnitzereien verzierte Kleiderschrank aus der Kolonialzeit.

In einem kleinen Erker, in dem vier bis zum Boden reichende hohe Fenster eingelassen waren, durch die grünlich schimmerndes Sonnenlicht sickerte, stand ein herrlich gemütlich aussehender Diwan. An den Wänden hing farbenfrohes indianisches Kunsthandwerk. Ja, Molly besaß sogar ihr eigenes Badezimmer, das mit wunderschönen Azulejofliesen ausgestattet war. Trotzdem konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie sich irgendwann einmal tatsächlich hier zu Hause fühlen würde. Den Kindern zuliebe würde sie natürlich gute Miene zum bösen Spiel machen, doch schon jetzt ahnte sie, dass die seltsam gespannte Beziehung zwischen Fernando und ihr noch zu einigen Reibereien führen würde.

Inzwischen brauchte sie sich nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen, ob er tatsächlich etwas gegen sie hatte. Seine unverhohlene Feindseligkeit ihr gegenüber war kaum zu übersehen. Mollys einzige Hoffnung bestand darin, dass Señor da Silva bald erscheinen und seinen Stellvertreter in die Schranken weisen würde. Doch bislang hatte sie weder Fernando noch Conchita entlocken können, wann der Herr über Casa Grande zurückerwartet wurde, wobei Conchita fast ein wenig erschrocken gewirkt hatte, als Molly sie darauf ansprach. Alles in allem empfand sie den Empfang, der ihr auf Casa Grande bereitet worden war, mehr als beunruhigend. Irgendetwas stimmte hier doch nicht. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass man ihr etwas Wichtiges verheimlichte.

Bei diesem Gedanken begann sich Mollys Schuldbewusstsein zu regen. Sie war mit den Zwillingen nach Kolumbien gereist, ohne die beiden über die Hintergründe ihres Handelns zu informieren. Doch war es richtig gewesen, Justin und Madison die Wahrheit über ihre Herkunft zu verschweigen?

Wenn Molly an den Tag der Testamentseröffnung zurückdachte, war ihr erster Impuls stets, den Kindern jenen Schock ersparen zu wollen, den sie selbst hatte erleben müssen. Doch früher oder später musste sie den beiden sagen, was sie dort erfahren hatte. Es war schlicht und einfach ihr Recht, darüber Bescheid zu wissen.

Das Problem war, dass Molly einfach nicht wusste, wie sie ihnen beibringen sollte, dass ihr gesamtes bisheriges Leben auf einer Lüge basierte. Einer barmherzigen Lüge, die Matthew und Donna Riggs wohl lediglich aus einem Grund in die Welt gesetzt hatten: um die Zwillinge zu schützen.

Doch Molly fragte sich, ob ihre Eltern nicht besser daran getan hätten, direkt mit offenen Karten zu spielen. Jetzt würde es für die Kinder umso schmerzhafter werden zu erfahren, dass der Mann, den sie bisher für ihren Vater gehalten hatten, in Wahrheit nur ihr Stiefvater war.

Mit einem Mal fühlte Molly sich ganz schwach. Tränen verschleierten ihren Blick, als sie sich kraftlos auf den Diwan sinken ließ. Was mochte es für Justin und Madison bedeuten, dass sie das Ergebnis eines Seitensprungs waren, den ihre Mutter vor mehr als elf Jahren begangen hatte? Die Frucht eines Fehltritts, von dem, abgesehen von Matthew und Donna Riggs, lange Zeit niemand etwas ahnte.

Nicht einmal der leibliche Vater der Zwillinge.

Doch jetzt waren sie hier, und auf Dauer konnte Molly die Kinder nicht mehr im Dunkeln lassen. Früher oder später würde die Wahrheit ohnehin ans Licht kommen, da war es besser, wenn sie sie von ihr erfuhren anstatt von einem für sie Wildfremden.

Sie wollte gerade nach nebenan gehen, als es an ihrer Tür klopfte. „Señorita Riggs? Ich bin es, Fernando Gomez.“

Überrascht, aber nicht sonderlich erfreut, öffnete Molly. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie wachsam. Er schaute ihr direkt in die Augen, und als sie seinem Blick begegnete, fühlte sie einen prickelnden Schauer über ihren Rücken laufen. Sie blinzelte irritiert, dann fasste sie sich wieder. „Bitte, sagen Sie, was Sie auf dem Herzen haben. Es war eine lange Reise, und ich bin ziemlich erschöpft.“

„Ich störe nur ungern“, erwiderte er, „und eigentlich wollte ich Sie nicht direkt am Tag Ihrer Ankunft mit dieser Nachricht konfrontieren, doch vielleicht ist es besser, wenn Sie gleich Bescheid wissen.“

„Was ist los?“ Urplötzlich war Molly besorgt. „Ist etwas mit den Zwillingen?“

„Nun, man könnte sagen, dass es auch die beiden betrifft, ja.“ Er machte eine kurze dramatische Pause, dann sagte er: „Es ist nämlich so: Señor da Silva ist vor drei Tagen bei einem tragischen Unglück ums Leben gekommen.“

Was sagte er da? Molly fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Jorge Garcia da Silva war tot? Ihr wurde schwindelig. Das konnte nicht sein, sie hatte den leiblichen Vater der Zwillinge doch gerade erst gefunden. Ihre Knie wurden weich und drohten unter ihr wegzusacken, und sie tastete hilflos nach etwas, woran sie sich festhalten konnte. Um ein Haar wäre sie gestürzt, aber Fernando fing sie auf. Sie war ihm jetzt so nah, dass sie sein exklusives Aftershave riechen und seine Körperwärme spüren konnte. Prompt begann ihr Herz, wie wild zu pochen. Sie spürte, wie sie errötete, und neigte den Kopf.

Fernando führte sie vorsichtig zu ihrem Bett, auf dem sie sich mit einem erleichterten Seufzen niederließ. „Und er ist wirklich tot?“, hauchte sie atemlos.

„Ich fürchte, so ist es“, erklärte er, jetzt wieder ganz der Alte und überhaupt nicht mehr fürsorglich. „Ich nehme an, es wäre ihm furchtbar unangenehm, wenn er wüsste, dass er Ihre Pläne mit seinem unvorhergesehenen Tod so durcheinanderbringt.“

„Ihr Zynismus ist einfach abstoßend“, erwiderte sie verletzt. „Wären Sie jetzt wohl so freundlich, mich allein zu lassen? Ich fühle mich nicht besonders gut.“

„Selbstverständlich. Ich kann mir vorstellen, dass Sie jetzt einiges haben, über das Sie in Ruhe nachdenken müssen.“ Er lächelte spöttisch. „Ich wünsche Ihnen einen guten Abend.“

2. KAPITEL

Als Molly ein paar Stunden später allein in ihrem Zimmer saß, hatte sie die Nachricht von Señor da Silvas Tod noch immer nicht verarbeitet. An Schlaf war nach dem Gespräch mit Fernando Gomez nicht einmal mehr zu denken gewesen, deshalb hatte sie gemeinsam mit den Kindern eine kleine Mahlzeit eingenommen, obwohl sie absolut keinen Hunger verspürte. Doch die Versuche, sich von den Tatsachen abzulenken, halfen nicht. Molly fühlte sich, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.

Was war bloß in sie gefahren, einfach so Hals über Kopf mit den Kindern ans andere Ende der Welt zu reisen? Die Warnungen ihrer Nachbarn und Freunde zu Hause in Salisbury waren ihr nur allzu gegenwärtig. Alle waren davon überzeugt gewesen, dass sie einen Fehler beging, der Einladung eines Wildfremden zu folgen. Wie es schien, sollten diese mahnenden Stimmen wohl recht behalten.

Jorge Garcia da Silva war tot. Noch immer konnte sie es kaum begreifen. Erst vor ein paar Tagen hatte sie mit ihm telefoniert, um die letzten Details der Reise mit ihm abzusprechen, und nun …

Nebenan konnte sie Justin und Madison miteinander spielen hören. Was sollte jetzt aus den Zwillingen werden? Molly hatte ihre gesamten Ersparnisse geopfert, um die Flugtickets nach Kolumbien zu bezahlen. Von einem Rückflug war nie die Rede gewesen, es hatte ein neuer Anfang für die Kinder und sie werden sollen. Alles, was sie besaß, steckte in dem kleinen Koffer, der noch unausgepackt neben dem Bett stand. Ein paar Kleidungsstücke, Kosmetika und vor allem ihre geliebten Bücher, aber nichts, was mehr als rein ideellen Wert hatte. Von welcher Seite sie es auch betrachtete, sie verfügte nicht über die geringsten Rücklagen.

Sie ging ins Bad, drehte das kalte Wasser auf und wusch sich das Gesicht. Die erhoffte Erfrischung blieb aus, sie fühlte sich noch immer wie erschlagen, nachdem sie sich abgetrocknet hatte.

Als ihr Blick in den Spiegel fiel, erschrak sie. Molly erkannte sich selbst kaum wieder. Wer war bloß dieses blasse Mädchen mit den dunklen, wie eingegraben wirkenden Ringen unter den Augen, das ihr da entgegensah?

Kopfschüttelnd rief sie sich zur Räson. Lieber Himmel, sie hatte doch von Anfang an gewusst, dass es kein Zuckerschlecken werden würde. Sie war mit den Zwillingen in ein fremdes Land gereist, zu Menschen, die sie nicht kannten. Da musste es zwangsläufig zu Schwierigkeiten kommen. Aber so einfach würde sie sich nicht geschlagen geben.

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