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Caras Schatten

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Prolog
  9. Kapitel 1
  10. Kapitel 2
  11. Kapitel 3
  12. Kapitel 4
  13. Kapitel 5
  14. Kapitel 6
  15. Kapitel 7
  16. Kapitel 8
  17. Kapitel 9
  18. Kapitel 10
  19. Kapitel 11
  20. Kapitel 12
  21. Kapitel 13
  22. Kapitel 14
  23. Kapitel 15
  24. Kapitel 16
  25. Kapitel 17
  26. Kapitel 18
  27. Kapitel 19
  28. Kapitel 20
  29. Kapitel 21
  30. Kapitel 22
  31. Kapitel 23
  32. Kapitel 24
  33. Kapitel 25
  34. Kapitel 26
  35. Kapitel 27
  36. Kapitel 28
  37. Kapitel 29
  38. Epilog

Über dieses Buch

Als Kinder haben sich Cara und Zoe ewige Freundschaft geschworen. Inzwischen sind beide 16 Jahre alt und leben schon lange in verschiedenen Städten. Doch plötzlich steht Zoe vor Caras Tür. Cara nimmt sie überglücklich bei sich auf. Zoe ist wieder da, ihre einzige Vertraute. Doch irgendwie benimmt sie sich seltsam. Und dann stirbt plötzlich Caras Erzfeindin ...

Prolog

Kleiner Frosch, komm raus, komm raus. Wir bau’n dir ein Nest, wir bau’n dir ein Haus.« Zoes glockenhelle Stimme drang durch das dichte Geißblattgestrüpp. Die neunjährige Cara legte einen weiteren Grashalm auf einen kleinen Haufen und blickte hinüber zu ihrer besten Freundin.

Zoe saß im Schneidersitz auf dem Boden, beleuchtet von einem schmalen Sonnenstrahl, der durch das gewölbte Blätterdach zu ihnen hindurchdrang. Das Sonnenlicht funkelte auf ihrem blauschwarzen Haar wie auf einer Wasseroberfläche. Zoe schien Caras Blick zu spüren, denn sie drehte sich zu ihr um und fixierte sie mit ihren durchdringend violetten Augen. Sie lächelte. »Vielleicht kommt ja heute Nacht ein Frosch und schläft in unserem Nest«, sagte sie.

Cara nickte und tippte auf das Nest, das sie und ihre Freundin im Wald hinter Zoes Haus gebaut hatten. »Und morgen früh schleichen wir uns ganz, ganz leise an und gucken hinein …«

»Und dann liegt er da zusammengerollt und schnarcht!«, beendete Zoe den Satz, und die beiden lachten laut los. Sie grinsten einander an. Dann breitete sich ein Strahlen über Zoes Gesicht. »Hey …« Sie rutschte näher heran, bis ihr Knie Caras Jeans berührte. »Willst du mal ein Geheimnis sehen, das meine Mutter in ihrem Zimmer versteckt hat?«, flüsterte sie. Ihr heißer Atem streifte Caras Wange.

Caras Herz schlug ein wenig schneller. Das tat es immer, wenn Zoe sie mit diesem intensiven Blick ansah. Einem Blick, der besagte, dass irgendetwas Spannendes passieren würde. »Kriegen wir dann nicht Ärger?«, flüsterte sie zurück.

Zoes warme, schwitzige Hand umschloss Caras Finger. »Keine Sorge. Es ist keiner zu Hause.« Sie zog Cara auf die Beine.

Zusammen krochen die Mädchen aus dem Geißblattgestrüpp. Ein Hund, der jenseits eines hohen Maschendrahtzauns ihre Bewegungen hörte, bellte wütend. Cara zuckte zusammen und stolperte über ein rostiges Dreirad, das verlassen auf der Seite lag. Überall in dem kleinen Garten war kaputtes Plastikspielzeug verstreut. Schlaftrunkene Kiefern ließen über dem hohen Gras ihre Äste hängen.

Zoe öffnete die rostige Fliegengittertür und führte Cara in einen schmalen, dunklen Korridor. Im Haus roch es nach faulen Eiern. Überall stapelten sich Kartons. Cara folgte ihrer Freundin eine schmale Treppe hinauf in ein kleines Schlafzimmer, dessen Fenster den Bürgersteig vor dem Haus überblickten.

Zoe schlich sich zu einem winzigen altmodischen Tischchen, das neben dem Bett stand. Cara verspürte ein nervöses Blubbern in der Magengrube. Unwillkürlich musste sie kichern.

»Wird deine Mutter nicht sauer, wenn wir einfach so in ihr Zimmer gehen?«, fragte Cara beinahe flüsternd, während sie sich im Raum umsah. Das Bett war ein Wirrwarr aus zerknitterten Laken und Decken. Über der Rückenlehne eines Sessels und am Boden verstreut lagen zahlreiche Kleidungsstücke, so als hätte jemand Hals über Kopf das Haus verlassen. Durch die verdreckten Scheiben konnte Cara die ordentlichen weißen Fensterläden ihres eigenen Hauses erkennen.

Zoe antwortete nicht. Cara hörte ein kratzendes Geräusch von Holz auf Holz und richtete den Blick wieder auf ihre Freundin, die sich mit der kleinen Nachttischschublade abmühte.

»Warte, ich helf dir«, sagte Cara und legte ihre Hand über Zoes. Zusammen zerrten sie an dem Griff, bis die Schublade ächzend nachgab.

Zoe griff hinein und holte ein orangefarbenes Röhrchen mit Tabletten heraus. »Hier, ich hab sie!«

Cara riss die Augen auf.

»Das sind Zombiepillen oder so was«, erklärte Zoe. »Davon wird man voll beneeeebelt.« Sie streckte die Arme vor dem Körper aus, die Tabletten in der Hand, und torkelte mit geschlossenen Augen im Zimmer umher, bis sie gegen die Kommode stieß. »Autsch.« Sie kicherte und öffnete die Augen. »Willst du mal sehen?« Zoe hielt ihr das orangefarbene Röhrchen hin.

Vorsichtig nahm Cara es entgegen. Allein die Tatsache, es in der Hand zu halten, war bereits herrlich unheimlich. Sie drehte das Röhrchen um, bis sie das Etikett lesen konnte, aber es standen nur lauter lange medizinische Fachbegriffe darauf, die allesamt auf »-zol« oder »-zin« endeten. Die einzigen Zeilen, die Cara verstand, lauteten: Eine (1) Tablette am Tag, während der Mahlzeiten einnehmen. Keine Einnahme auslassen, da die Symptome ansonsten zurückkehren können.

Zoe riss Cara die Tabletten aus der Hand und tanzte damit durchs Zimmer. »Zommmbiepillen!«, rief sie und sprang auf dem ungemachten Bett herum. Dabei schüttelte sie das Röhrchen über ihrem Kopf.

»Zommmbies!«, rief Cara ebenfalls und hüpfte neben ihrer Freundin aufs Bett. Die beiden ließen sich der Länge nach in die Laken fallen und brachen in hysterisches Gelächter aus. Cara rollte sich auf den Rücken und sah ihre Freundin an. Zoes Augen waren fest auf sie gerichtet.

»Was ist?«, fragte Cara.

Ein winziges Lächeln zuckte über Zoes Gesicht. Sie setzte sich auf, und mit einer flinken Bewegung hatte sie den weißen Deckel abgeschraubt und die Tabletten vor sich auf dem Bett ausgekippt.

Cara setzte sich ebenfalls auf. Beide starrten den kleinen Haufen leuchtend blauer Kapseln an, als warteten sie darauf, dass die Pillen lebendig würden. Zoe streckte ihre Hand aus und rührte mit dem Finger darin herum. »Probier mal eine«, sagte sie plötzlich.

»Was?«

Zoe nahm eine der Kapseln in die Hand und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger. »Probier mal eine. Nur um zu sehen, wie es ist.« Sie lächelte, doch ihre Stimme klang leise und beschwörend. Sie hielt Cara die blaue Kapsel hin.

Cara schüttelte den Kopf. »Ne, danke. Ich habe gerade keine Lust, mich in einen Zombie zu verwandeln.« Sie verdrehte wild die Augen, in der Absicht, ihre Freundin zum Lachen zu bringen.

Aber Zoe hielt ihr nur weiter die Kapsel hin. »Na, komm schon. Stell dich nicht so an.« Sie rutschte näher an Cara heran. Ihre Gesichter berührten sich fast.

»Ich stell mich nicht an«, sagte Cara matt.

»Dann nimm eine.«

Zoes violette Augen schienen Cara an das Kopfende des Bettes zu nageln. Die Luft im Raum war drückend und schwül. Cara spürte, wie ihr eine Schweißperle das Gesicht herunterlief.

Plötzlich lehnte Zoe sich zurück. »Kein Problem, Car.« Sie lächelte liebenswürdig. »Ich hab keine Angst. Ich nehm einfach die erste. Dann siehst du, dass es halb so wild ist.« Langsam hob sie die Finger zum Mund.

»Cara!« Die Stimme drang von draußen zu ihnen herein.

Die Mädchen zuckten zusammen. Zoe ließ die Tablette erschrocken fallen. Sie rollte vom Bett und kullerte in einen staubigen Winkel des Raums. Cara kletterte aus dem Bett und rannte zum Fenster. Ihre Mutter stand unten auf dem Bürgersteig, den Trenchcoat locker über ihr T-Shirt geworfen, und sah sich besorgt um. »Cara!«, rief sie erneut.

Cara wirbelte herum. Zoe hockte auf der Bettkante, die Hände in den Schoß gelegt. Sie hatte die Tabletten zurück ins Röhrchen gefüllt, das nun unschuldig auf dem Nachttisch stand.

»Ich glaub, ich muss los«, sagte Cara.

»Musst du wohl.« Zoe stand auf und ging mit ihr aus dem Zimmer. Zusammen stiegen sie die schmale Treppe hinunter.

Im Flur angekommen stieß Cara die Fliegengittertür auf. »Sehen wir uns morgen?«

Zoe zuckte mit den Schultern. »Weiß noch nicht. Ich hab vielleicht was anderes vor.« Ihr Gesicht war ausdruckslos.

»Und was ist mit unserem Froschnest?«, stammelte Cara.

Zoe musterte sie für einen Moment. Dann lächelte sie. »Stimmt. Hab ich ganz vergessen. Willst du morgen früh rüberkommen?«

Cara nickte. Zoe streckte die Arme aus und drückte Cara fest an sich.

»Bis morgen«, rief Cara, während sie polternd die Eingangstreppe hinunterrannte.

»Morgen«, hörte sie Zoes vages Echo.

Kapitel 1

Cara Lange stand mit ihrer Pausenbrottasche am Eingang der Cafeteria. Der Lärm plappernder Schüler wogte über das Meer weißer Resopaltische hinweg, und ein dunstiger Geruch von Kartoffeln und Zwiebeln drang aus der Küche. Cara zögerte. Sie war sich nicht sicher, ob sie eine weitere Mittagspause als stummes Anhängsel der Leichtathletikmädels überstehen würde. Sie kam sich vor wie ein verkümmertes Organ – überflüssig und nutzlos. Einen Moment lang erwog sie die Möglichkeit, sich auf den Parkplatz zu flüchten und in ihrem gelben 99er Volvo zu essen. Aber nein. Ganz so erbärmlich war sie nun auch wieder nicht.

Noch nicht.

Cara zwang ihre Beine, sie quer durch den braun gefliesten Raum zu tragen. Die Sherman Highschool hatte nicht viele Neuerungen erfahren, seit sie 1975 erbaut worden war – in jener berüchtigten Phase, die als Brutalismus in die Architekturgeschichte eingehen sollte. Auswärtige, die an dem Gebäude vorbeifuhren, hielten die ausgedehnte Anlage am Stadtrand von Des Moines häufig für ein Gefängnis. Cara hätte ihnen ohne Weiteres bestätigen können, dass sie damit gar nicht so falsch lagen.

Sie schob sich vorbei an den Emo-Typen in ihrer angestammten Ecke, den Hipsters in ihren RetroT-Shirts und schließlich den Hippies, die ihren Bio-Joghurt löffelten. Ein paar Schüler aus dem Kunstkurs hatten mehrere Stühle zu einem Turm übereinandergestapelt – offenbar eine Art neuartiges Kunstwerk. Die Leichtathletikmädels hatten sich dicht um ihren gewohnten Tisch zusammengeschart. Sarit Kohli, deren langer geflochtener Pferdeschwanz fast bis zu ihrer Taille reichte, stürzte sich auf einen Teller Putenfleisch, während sie Rachael Meade vom gestrigen Training berichtete. Julie Cohen mampfte geräuschvoll einen Apfel und lachte über eine SMS, die Madeline Brazelton gerade verschickte. Cara blieb einen Moment lang unschlüssig stehen, ein vages Lächeln auf dem Gesicht, doch niemand blickte zu ihr auf oder unterbrach sein Gespräch. Schließlich zog sie sich einen Stuhl vom Nachbartisch heran und quetschte sich zwischen Sarit und Madeline.

»Oh, hallo Cara«, sagte Sarit und blickte zu ihr auf. Sie rückte ihren Stuhl ein wenig zur Seite.

»Danke.« Cara setzte sich.

»Kein Problem.« Sarit zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder Rachael zu.

Cara ließ sich von den Geräuschen umfangen wie von einer Rauchwolke und zog einen Beutel Babykarotten aus ihrer Nylontasche, um gelangweilt daran zu knabbern. Ihr Blick schweifte durch den Raum zum Eingang der Cafeteria. Prom-Prinzessin Alexis Henning kam gerade zur Tür hereingeschwebt. Ihr honigblondes Haar wogte in perfekt gestylten Wellen über ihre Schultern. Dicht dahinter folgte Ethan Gray, Kapitän des Leichtathletikteams und Gelegenheitsfreund von Alexis, mit dem sie mal zusammen war und mal nicht. Ihre fettgesichtige beste Freundin – Caras Nachbarin, Sydney Powers – trippelte an Alexis’ Seite in den Raum. Caras Schultern verkrampften sich unwillkürlich.

Die kleine Gruppe setzte sich lässig auf ihren gewohnten Platz ein paar Tische weiter. Zum millionsten Mal betrachtete Cara Ethans Profil – seine eisblauen Augen, seine hübsche Nase, seinen herrlich verwegenen Dreitagebart. Sein dichtes dunkles Haar streifte den Kragen seines dunkelblauen Polohemds. Cara lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und fuhr ihm im Geiste mit den Fingern über seine kantige Wange.

»Du hast wohl vergessen, dich zu rasieren«, neckte sie ihn in ihrer Fantasie. »Ich hab keine Lust, mich beim Küssen kratzen zu lassen.«

»Tja, Pech gehabt«, erwiderte er. Dann beugte er sich zu ihr herunter, um sie sanft an sich zu ziehen. Sie spürte die harten Muskeln seiner Brust. Sein Mund näherte sich ihrem. Sie schloss die Augen …

Alexis’ durchdringende Stimme kreischte ihr in die Ohren. »Du kannst morgen nicht mit zu Sydney kommen, Ethan. Nur Mädels, du Dumpfbacke!«

Cara öffnete die Augen. Drei Tische weiter riss Alexis gerade mit spitzen Fingern den Deckel ihres Zitronenjoghurts ab. Ethan beugte sich zu ihr herüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr. »Ihhh, du bist ja widerlich!« Sie versetzte ihm einen Schlag gegen die Schulter. Ethan grinste.

Cara atmete tief durch. Ihre Finger krallten sich in eine Karotte, und sie musste sich zwingen, ihren Griff ein wenig zu lockern. Sydneys überraschend tiefe Stimme schaltete sich ein. »Meine nächste Party wird nur für Jungs, Ethan – ausgenommen natürlich wir beide.«

Cara widerstand dem Drang, ihr Gesicht in den Händen zu vergraben. Sydneys Haus stand sozusagen in ihrem Garten. Sprich, jeden Freitag- und Samstagabend hockte Cara allein zu Hause und tat so, als würde sie sich aufgezeichnete Folgen von Desperate Housewives angucken, während sie in Wirklichkeit versuchte, das Kreischen und Lachen von Sydneys Terrasse zu ignorieren.

Gott, wenn Zoe doch nur hier wäre. Bei dem Gedanken an ihre beste Freundin machte sich ein vertrauter Schmerz in ihrer Magengrube breit. Sie hatte Zoe nicht mehr gesehen, seit sie in der fünften Klasse mit ihrer Familie umgezogen war. Es fühlte sich an, als würde ein Teil von ihr fehlen.

Cara schob ihr Essen beiseite und holte ihr Notizbuch aus der Tasche. Sinnlos kritzelte sie auf den Seitenrändern herum. Sie hatte lange nicht an Zoe gedacht, aber in letzter Zeit verfolgten sie die Erinnerungen geradezu. Beispielsweise, wie sie zwischen den wilden Weinstöcken im Wald hinter Zoes Haus herumgeklettert waren und Waldprinzessinnen gespielt hatten. Oder wie sie versucht hatten, den verrückten Schäferhund der Nachbarn mit Muffins zu zähmen, und dann laut gekreischt hatten, als er sie anbellte. Oder wie Zoe unzählige Male nachts weinend durch ihr Zimmerfenster geklettert war, um vor ihrem furchtbaren Stiefvater zu flüchten. Zoe war zu ihr unter die Bettdecke gekrabbelt, und Cara hatte ihr seidiges, dunkles Haar gestreichelt, bis sie einschlief.

Sie hatten sich nach dem Umzug ein paarmal geschrieben, aber irgendwann war das Ganze eingeschlafen. Cara hatte den Eindruck, ihre Eltern waren froh, Zoe loszuwerden. Die beiden benahmen sich immer ausgesprochen seltsam, wenn Cara von ihrer Freundin sprach, fast so, als wären Zoe und ihre Familie nicht gut genug für sie. Nicht, dass ihre Eltern irgendein Recht hätten zu entscheiden, was gut für sie war und was nicht. Cara hatte ihre Kindheit bei diversen Babysittern verbracht, bis sie endlich alt genug war, um allein zu Hause zu bleiben – nur damit ihre Eltern keine Sekunde im Gerichtssaal verpassten.

Cara betrachtete ihr Notizbuch. Ohne darüber nachzudenken, hatte sie den Seitenrand über und über mit winzigen Zeichnungen von sich und Zoe vollgekritzelt. Sie blickte sich rasch um, doch niemand schien irgendetwas bemerkt zu haben. Sarit starrte wie gebannt auf ihr Handy, während Julie sich über ihre Schulter beugte und auf das Display deutete. Die anderen waren damit beschäftigt, sich die Reste ihres Essens in den Mund zu schaufeln. In wenigen Minuten würde es läuten. Hastig riss Cara die Seite heraus und stopfte sie in die Gesäßtasche ihrer abgewetzten marineblauen Stoffhose.

Im selben Moment übertönte ein schrilles Lachen den Lärm in der Cafeteria. Cara blickte auf. Auf der anderen Seite des Raums entdeckte sie Jack Penn, der sich Alexis über seine kräftige Schulter geworfen hatte – wie ein Feuerwehrmann.

»Hör auf, Jack!«, kreischte Alexis vergnügt und trommelte mit ihren manikürten Händen auf seinem Rücken herum. Er wirbelte sie im Kreis herum, und die Mädels an Caras Tisch prusteten gehässig. Schließlich stellte Jack Alexis wieder auf die Füße. Dann beugte er sich zu ihr herunter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie lachte wie ein Esel und bleckte ihre Zähne.

Cara heftete den Blick auf Ethan, der den beiden gegenüber am Tisch saß und mürrisch vor sich hinstarrte. Sie konnte kaum glauben, dass Alexis vor seinen Augen so schamlos mit Jack flirtete. Ethan beugte sich zu ihr herüber, die Hände auf die Tischplatte gestützt, und sagte irgendetwas. Cara beobachtete, wie die beiden hin und her diskutierten, Alexis mit verschränkten Armen, Ethan mit finsterer Miene. Cara konnte nicht hören, was sie sagten, aber man musste kein Verhaltensforscher sein, um es sich vorzustellen. Ethan drehte sich um, als wollte er gehen. Caras Finger krallten sich so fest in die Tischplatte, dass ihre Knöchel weiß wurden. Doch Alexis schnappte sich Ethans Handgelenk und zog ihn zu sich heran.

Cara schloss für einen gedehnten Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, waren die beiden in einem leidenschaftlichen Kuss verschmolzen. Er hatte die Arme um ihre Taille geschlungen, sie die Hände um seinen Hals gelegt.

Cara ließ sich auf ihrem Stuhl zusammensinken. War klar. Die alte Leier.

Ethan und Alexis verließen gemeinsam den Tisch und schoben sich durch den überfüllten Speisesaal in Richtung Tür. Ethan blieb alle paar Schritte stehen, um mit irgendjemandem zu reden. Cara beobachtete, wie er die Hand hob und mit Ms Sitwell, der Schulsekretärin, abklatschte. Cara seufzte und stand auf. Sie sollte die Gelegenheit nutzen, um schon mal mit ihren Mathehausaufgaben anzufangen. Sie legte ihren Frischhaltebeutel zu einem ordentlichen Viereck zusammen und steckte ihn in ihre Nylontasche. Dann verabschiedete sie sich mit einem Nicken von den Leichtathletikmädels. Sarit winkte flüchtig, die anderen blickten nicht einmal auf.

Cara steckte sich das letzte Stück Babykarotte in den Mund und schob ihren Stuhl unter den Tisch. Doch eines der Stuhlbeine verhakte sich, und sie stolperte gegen die Tischkante. Sie spürte, wie ihr ein unzerkautes Stück Karotte über die Zunge hinunter in den Hals rutschte und sich in ihrer Luftröhre festsetzte.

Reflexartig öffnete sie den Mund, um zu husten. Doch sie bekam keine Luft. Sie beugte sich nach vorn und versuchte erneut, ihre Luftröhre frei zu husten. Nichts. Panik stieg in ihr auf. Verzweifelt umklammerte sie ihren Hals und krallte hilflos die Finger in ihre Haut. Hektisch blickte sie sich um. Niemand hatte etwas bemerkt. Die Leichtathletikmädels hatten sich um Julie herumgeschart, die ihnen irgendwelche Hausaufgaben in einem Ringbuch zeigte.

Caras Lungen sendeten Notsignale an ihren Körper. Sie spürte, wie ihre Brust immer enger wurde und ihre Augen hervortraten. Verzweifelt wedelte sie mit den Händen. Ersticke, ich ersticke, versuchte sie zu telegrafieren. Sie würgte, aber die Karotte setzte sich nur noch hartnäckiger in ihrem Hals fest. Die Geräusche um sie herum verschwammen zu einem chaotischen Rauschen.

Ich sterbe, und niemand bemerkt etwas.

Wie aus weiter Ferne hörte sie Sarits Stimme. »Cara? Alles in Ordnung?«

Sie schüttelte energisch den Kopf, die Hände fest um ihren Hals geklammert.

Julies Stimme wurde laut. »Oh Gott, Cara, was ist los?«

»Mann, sie wird ja ganz blau!«

»Wo? Was ist los?«

Ein Meer von Gesichtern tanzte vor Caras Augen. Plötzlich spürte sie ein Paar starker Arme, die sich wie Eisenbänder um ihre Körpermitte legten. Zwei geballte Fäuste schlugen hart gegen ihr Zwerchfell, einmal, zweimal. Das Karottenstück schoss über ihre Zunge aus ihrem Mund. Sie beobachtete, wie es unter den Tablettwagen kullerte, als wäre es ein kleiner orangefarbener Flipperball.

Cara hustete heftig – ein kräftiges, kehliges, würgendes Husten. Ein Spuckefaden baumelte von ihrer Lippe. Sie wischte ihn hastig weg und wirbelte mit knallrotem Gesicht und feuchten Augen herum.

Ethan stand direkt hinter ihr, die Stirn sorgenvoll gerunzelt. »Geht’s dir gut?«, fragte er.

Ihr Nicken brachte sie ins Wanken, sodass sie fast das Gleichgewicht verlor. Ethan packte ihren Arm, und ein feines Kribbeln durchzuckte ihren Körper. Sie hustete erneut. Ihr Hals fühlte sich an, als hätte sie Batteriesäure getrunken. »Ja«, keuchte sie. Dann wischte sie sich über den Mund, der sich peinlich feucht anfühlte. »Mir geht’s gut.« Ihre Stimme klang ein wenig rau. Sie bemerkte Alexis und Sydney, die sie über Ethans Schulter hinweg anstarrten. Alexis hatte die Augen leicht zusammengekniffen.

»Zum Glück! Das war echt unheimlich.« Ethan ließ ihren Arm wieder los. Cara nickte stumm und sah sich um. Nachdem die anderen eine Weile mit großen Augen gegafft hatten, machten sie sich nach und nach aus dem Staub. Cara spürte, wie ihr die Nase lief. Hastig suchte sie nach einem Taschentuch. Sie konnte schließlich nicht wie eine Fünfjährige mit triefender Nase vor Ethan Gray stehen, nachdem er ihr gerade das Leben gerettet hatte. Auf einem der Tische erspähte sie eine Papierserviette und griff danach. Während sie sich die Serviette unter die Nase hielt, tätschelte Ethan ihre Schulter. »Cool. Bin froh, dass es dir gut geht.« Er schob sich an ihr vorbei.

»Hey, ähm, dan…«, begann Cara.

Aber Ethan war bereits unterwegs zum Ausgang. Irgendjemand, dessen Deo penetrant nach Wassermelone roch, drängte sich unangenehm dicht an ihr vorbei.

»Unfassbar, was manche Leute für ein bisschen Aufmerksamkeit so alles tun, oder?«, sagte Alexis laut und deutlich zu Sydney.

»Echt wahr!« Sydney warf Cara einen vielsagenden Blick zu, dann blieb sie stehen. Ein winziges Lächeln umspielte ihre Lippen. »Gar nicht so übel, Würger.«

Dann schwebten die beiden davon und ließen Cara mit ihrer feuchten Serviette und dem umgekippten Stuhl allein.

Kapitel 2

Im Englischunterricht von Mr. Crawford bemerkte Cara erneut aus dem Augenwinkel eine flüchtige Bewegung. Sie hatte es schon den ganzen Tag immer wieder wahrgenommen – ein flüchtiges Aufblitzen am Rande ihres Sichtfelds. Diesmal hatte sich das geheimnisvolle Etwas bei den Ahornbäumen gezeigt. Cara spähte durch das halb offene Fenster, während sie sich eine Strähne ihres feinen braunen Haars aus dem Gesicht strich.

Nichts. Nur ramponierter Rasen und strahlend blauer Himmel. Das Klappern eines Fahnenmastes. Eine sanfte Herbstbrise, die ihr den Geruch von Laub ums Gesicht wehte. Cedric, der Hausmeister, rollte mehrere Müllcontainer durch die Gegend. Die blaue Arbeitskleidung flatterte um seinen dürren Körper. Vielleicht sollte sie mal ihre Augen überprüfen lassen.

Cara widerstand dem Drang, ihren Kopf auf die zerkratzte Furnierholzplatte sinken zu lassen. Trotz der Hustenpastillen und des heißen Tees mit Honig gestern Abend fühlte sich ihr Hals immer noch an wie ein Reibeisen. Als sie heute Morgen das Foyer betreten hatte, rief ihr irgendein Idiot hinterher: »Guten Morgen, Würger!« Ein gedämpftes Kichern ging durch die umstehenden Schülergruppen. Auf dem Weg zum Klassenraum hörte sie es erneut. »Da ist ja unser Würger«, murmelte jemand, als sie sich durch den überfüllten Flur drängte. Cara hatte den Blick starr nach vorn gerichtet und sich bemüht, eine neutrale Miene zu bewahren. Gleichgültigkeit konnte ganz schön anstrengend sein.

Sie ließ den Blick durch das sonnige Klassenzimmer schweifen. Die Diskussionen zu Der Fänger im Roggen umfingen sie wie sinnentleertes Rauschen. Zehn ihrer Mitschüler waren damit beschäftigt, unter dem Tisch SMS zu schreiben, vier lasen irgendwelche Texte für andere Fächer und zwei schliefen. Dale Simmons sabberte sogar im Schlaf. Vorn klopfte der Lehrer mit der Kreide an die Tafel. »Nachdenken, liebe Leute. Wen bewundert Holden Caulfield wirklich? Dale, aufwachen.« Dales Kopf zuckte abrupt nach oben. Mr Crawford ließ den Blick über die Klasse schweifen. »Irgendjemand? Alexis?«

Auf der anderen Seite des Gangs ließ Alexis ihr Handy mit einer flinken Handbewegung in der Tasche verschwinden und schenkte Mr Crawford ein strahlendes Lächeln. Eine kleine silberne Schmetterlingsspange glitzerte in ihrem blonden Haar. »Seine kleine Schwester?«

»Richtig, sehr gut.« Mr Crawford schrieb den Namen »Phoebe« an die Tafel. Alexis lehnte sich selbstgefällig auf ihrem Stuhl zurück und schlug ihre sonnengebräunten Beine übereinander. Dann griff sie in ihre riesige Tasche und holte eine Tube Lipgloss heraus, um sich damit über die Lippen zu fahren, bis sie klebrig violett glänzten. Cara konnte den süßlichen Geruch des Weintraubenaromas über den Gang hinweg riechen. Alexis sah sich lässig im Raum um. Rasch wandte Cara den Blick ab, doch zu spät. Alexis lehnte sich zu ihr herüber. »Was glotzt du denn so?«, zischte sie, ihre Stimme schneidend wie Scherben aus Eis. »Hat dir niemand beigebracht, dass es unhöflich ist, andere anzustarren?«

Caras Zehen krallten sich in ihre abgetragenen Turnschuhe. Sie spürte, wie ein winziger Muskel am Rande ihres Auges zu zucken begann. Alexis bemerkte es ebenfalls. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch in diesem Moment drehte sich Mr Crawford um. Alexis richtete den Blick rasch nach vorn. Cara atmete leise aus und legte einen Finger über die zuckende Stelle. Sie zwang sich, tief durchzuatmen und sich zu entspannen, bis das Zucken endlich nachließ.

In der nächsten Tischreihe, vier Plätze weiter, legte Ethan seine muskulösen Arme hinter den Kopf. Gestern erst hatten sich diese Arme um ihren Oberkörper geschlungen. Cara fuhr sich mit den Fingerspitzen über die schmerzende Stelle unterhalb ihrer Rippen. Was, wenn dieser Erstickungsanfall nicht vor Tausenden von Leuten stattgefunden hätte? Vielleicht hätte Ethan ihr zu einem Stuhl geholfen und sich dazugesetzt, um ihre Hand zu halten …

»… Zusammenbruch, Cara?«

»Hm?« Sie fuhr auf und stieß mit dem Knie gegen die Unterseite ihres Tisches. Ihr Schnellhefter segelte zu Boden und verteilte einen Stapel Zettel über mehrere Tischreihen.

Die ganze Klasse kicherte. Mehrere Schüler drehten sich auf ihren Stühlen um und starrten sie an. Mr Crawford strich sich geduldig über seinen struppigen Bart. »Glauben Sie, Holdens ›heuchlerische‹ Eltern sind in irgendeiner Weise schuld an seinem Zusammenbruch?« Seine kleinen funkelnden Augen bohrten sich durch die Brillengläser in sie hinein.

Cara spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Ihr war bewusst, dass die ganze Klasse zuhörte. »Na ja, ähm … ja?«, murmelte sie.

»Na ja, ärr, harr-achhh.« Alexis machte ein ekelhaft würgendes Geräusch, das gerade laut genug war, dass jeder in ihrem Umkreis es hören konnte. Neben ihr prustete Sydney leise los, und ein Lachen breitete sich im ganzen Raum aus. Caras Ohren glühten vor Hitze. Sie blickte Mr Crawford an, in der Hoffnung, er würde jemand anderen drannehmen, doch stattdessen schenkte er ihr nur ein mitfühlendes Lächeln.

»Möchten Sie Ihre Meinung vielleicht am Text belegen, Cara?«, fragte er.

Nein. Nein, ich möchte meine Meinung ganz bestimmt nicht am Text belegen. Aber danke der Nachfrage. Cara senkte verlegen den Kopf und blätterte hektisch in den spröden, vergilbten Seiten. Die schwarzen Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Eine Ewigkeit herrschte Stille im Raum – abgesehen von Caras klopfendem Herzen und Sydneys und Alexis’ unterdrücktem Gekicher. Schließlich blickte Cara hilflos zu Mr Crawford auf.

Er nickte leicht. »Sonst irgendjemand?«, fragte er und ließ den Blick über den Rest der Klasse schweifen. »Irgendeine Meinung zu Holdens Eltern?«

Cara sackte in sich zusammen. Sie beugte sich nach vorn und sammelte ein paar ihrer verstreuten Zettel ein. Dann ließ sie sich wieder auf ihren Stuhl sinken. Sie verschränkte die Arme über ihrem alten grünen T-Shirt und starrte die Ahornbäume vor dem Fenster an. Da sah sie es erneut – ein flüchtiges Aufblitzen zwischen den Bäumen. Es kam ihr so vor, als hätte sich da draußen irgendetwas … irgendjemand hinter einem der dicken Bäume versteckt. Cara blinzelte. Die Bewegung war verschwunden.

Der Gong ertönte. Mr Crawford erhob die Stimme. »Für Mittwoch Kapitel zwölf bis sechzehn.« Lautes Klappern und Stühlerücken erfüllte den Raum. Cara klappte in Zeitlupe ihren Schnellhefter zu. Sie wollte sichergehen, dass Alexis und Co. den Flur bereits verlassen hatten, wenn sie aus dem Raum kam. Während die anderen Schüler nach und nach an ihr vorbeischlenderten, kramte Cara im Vorderfach ihrer Umhängetasche und tat so, als würde sie irgendetwas suchen.

Plötzlich blieb jemand neben ihrem Stuhl stehen. Cara rutschte das Herz in die Hose. Wenn Alexis auch nur ein weiteres Wort zu ihr sagte, würde sie höchstwahrscheinlich zusammenbrechen. Vorsichtig hob sie den Blick um wenige Zentimeter. Sie erspähte ein großes Paar Segelschuhe, einer davon mit einem zusammengeknoteten Schnürsenkel, und zwei maskuline Fußgelenke. Cara blickte auf.

Vor ihr stand Ethan. Er hielt den Rest ihrer entwischten Zettel in der Hand. »Hier. Die lagen unter meinem Stuhl«, sagte er. Cara hatte das Gefühl, vom Klang seiner warmen Baritonstimme in Ohnmacht zu fallen. Seine durchdringenden blauen Augen schienen sie auf ihrem Stuhl aufzuspießen.

»Dan…« Ihr Hals schien sich mitten im Wort zuzuschnüren. Oh Gott, Cara, kannst du nicht mal »danke« sagen, ohne dich zum Affen zu machen? Sie räusperte sich. »Danke.« Abrupt stand sie auf und stieß mit den Oberschenkeln gegen die Tischkante, sodass der Tisch gefährlich kippte.

»Hoppla.« Ethan griff danach und stellte ihn sicher wieder hin. »Ich wollte nur fragen, wie’s deinem Hals so geht. Du weißt schon, wegen gestern.«

Cara wurde rot. »Mir geht’s gut«, sagte sie leise. Sie nahm ihre Zettel entgegen und hielt sie nervös in den Händen.

»Cool. Freut mich. Ich hatte echt Angst, ich brech dir die Rippen.« Ethan grinste. Und wartete. Cara fühlte sich wie versteinert. Sag irgendwas! Der Typ hat dir gestern das Leben gerettet! Aber sie brachte nicht mehr zustande als ein albernes kleines Lächeln und ein Schulterzucken. Ethan wartete noch ein wenig und fummelte an seinem Lederarmband herum.

»Wir sehen uns beim Training.« Er lächelte ihr zu und ging den Gang hinunter. Cara beobachtete, wie er Alexis im Vorbeigehen leicht an sich drückte und dann aus dem Raum verschwand.

Sie steckte ihre Notizen in die Tasche und zog gewaltsam den Reißverschluss zu, ohne sich um die Zettel zu scheren, die an einer Ecke herausragten. Mit hängendem Kopf ging sie den Gang hinunter und nickte Mr Crawford zum Abschied zu. Als sie auf den Flur trat, rempelte sie von hinten jemand an, sodass sie um ein Haar auf den ausgetretenen Linoleumboden gestürzt wäre.

Alexis und Sydney standen hinter ihr und grinsten über beide Ohren. »Seht mal, der Würger!«, verkündete Alexis so laut, dass es jeder auf dem Flur hören konnte. »Wie geht’s uns denn heute – achhh! Harrrch!« Alexis umklammerte ihren Hals, während sie scheußlich würgende Geräusche von sich gab.

»Haaarach! Rrack!« Sydney ahmte sie nach und riss ihre fetten Lippen so weit auseinander, dass Cara die Füllungen in ihren Backenzähnen sehen konnte. Sie ließ ihre aufgerissenen Augen in den Höhlen kreisen, als müsste sie jeden Moment hier im Englischtrakt verrecken.

Cara spürte, wie ihre Schläfen pulsierten. Sie wirbelte herum und ging hastig den Flur hinunter. Den Blick starr geradeaus gerichtet rannte sie im Zickzackkurs an den anderen Schülern vorbei, die auf dem Weg zu ihren Klassenräumen waren. Alexis und Sydney folgten ihr hartnäckig, wobei sie ununterbrochen Erstickungsgeräusche von sich gaben und dabei immer wieder in irres Lachen ausbrachen. »Cara! Cara! Warte mal!«, rief Alexis, als sie sich dem Foyer näherten.

Cara blieb stehen und drehte sich um. »W-was?« Sie versuchte, gelangweilt zu klingen, doch ihre Stimme zitterte.

Mehrere Zehntklässler, die damit beschäftigt waren, einen Flyer für die Schwimmmeisterschaften ans Schwarze Brett zu heften, drehten sich um. Ein paar Kiffer mit Zottelmähnen, die gerade auf dem Weg nach draußen waren, um im Auto eine zu rauchen, blieben ebenfalls stehen und gafften.

Alexis’ Augen leuchteten. »Ooooooohaaaach!« Sie bekam einen erneuten Pseudoanfall, ihren bislang schlimmsten. Sie fasste sich an den Hals und wirbelte im Foyer herum wie eine durchgeknallte Ballerina.

Cara wollte sich zwingen, erneut kehrtzumachen und weiterzugehen, aber ihre Füße weigerten sich. Ihr Magen hatte sich zu einem schmerzhaften Knoten zusammengezogen. Um sie herum hatte sich eine kleine Menschentraube gebildet.

Alexis blieb stehen. »Das war so was von ekelhaft, dir dabei zuzusehen, wie du dich selbst vollgerotzt hast«, erklärte sie in beiläufigem Tonfall. Cara spürte, wie sich Tränen in ihren Augenwinkeln sammelten. Alexis musterte sie aufmerksam. »Ooch, Cara ist traurig.« Sie zog ein Papiertaschentuch hervor. »Tut mir leid, Cara«, säuselte sie. »Hier – damit du dich nicht wieder vollrotzt.« Sie wedelte ihr mit dem Taschentuch vor der Nase herum.

»Lass mich in Ruhe!«, keifte Cara und stieß Alexis’ Hand zur Seite. Ihre Stimme hallte durch das stille Foyer. Ein leises Kichern ging durch die Menge. Ein paar Schüler machten einen langen Hals, um besser sehen zu können.

Alexis lachte sie mit ihren perlweißen Zähnen an. »Weiß du was, Würger – oh, ich meine natürlich Cara –, wenn du dein Essen wie jeder normale Mensch kauen würdest, müssten wir dir wenigstens nicht dabei zusehen, wie du das Zeug wieder auskotzt. Ich glaube, das Karottenstück liegt immer noch da drinnen auf dem Boden. Kannst du deinen Dreck nicht wenigstens wegräumen, Würger?«

Cara spürte, wie ihr Augenwinkel erneut zu zucken begann. Sie konnte Alexis’ makelloses Porzellangesicht kaum noch erkennen. Plötzlich brannten Tränen in ihren Augen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen – irgendetwas –, doch es kam kein Ton heraus.

Alexis’ grüne Augen verengten sich zu Schlitzen. Sie beugte sich näher an Caras Gesicht heran. »Was ist denn mit deinem Auge los, Würger?«, fragte sie mit lauter Stimme. »Das springt ja in seiner Höhle herum wie eine Spinne.« Sie zeigte mit dem Finger auf Cara, als wollte sie auf ein interessantes medizinisches Phänomen hinweisen.

Ein Murmeln ging durch die Menge. »Wo denn?«

»Was macht ihr Auge?«

»Lass mich mal sehen.«

Die Menge drängte noch dichter heran. Cara sah sich hektisch um. Sie spürte, wie das Zucken immer schneller wurde. Verzweifelt hielt sie sich die Hand vors Auge, wirbelte herum und schob sich durch die Menge.

Das Lachen der anderen dröhnte ihr in den Ohren, als Cara den Flur hinunterstürzte. Die graue Tür der Mädchentoilette lag unmittelbar vor ihr. Cara stieß sie auf, ohne ihr Tempo zu drosseln. Sie stürzte in eine der verbeulten Metallkabinen, beugte sich über die Kloschüssel und kotzte.

Keuchend richtete sie sich wieder auf und wischte ihren Mund mit Toilettenpapier ab. Am Waschbecken rieb sie ihre Hände mit schleimiger, rosafarbener Seife ein und starrte ihr Gesicht im Spiegel an. Das kalte Neonlicht zeichnete ihr dunkle Schatten unter die Augen, die tief in ihren Schädel eingesunken schienen. Ihre Nasenlöcher waren rot geschwollen, und ihr braunes Haar hing ihr in schlaffen Strähnen über die Schultern.

Cara erschauderte. Langsam ließ sie sich an der gefliesten Wand herabrutschen, bis sie auf dem Boden saß. In der Toilette herrschte Totenstille, abgesehen von dem hallenden Pling Pling eines tropfenden Wasserhahns. Cara ließ ihren Kopf rückwärts gegen die Wand sinken und zog die Knie an die Brust. Dann schloss sie die Augen und begab sich an einen sicheren Ort in ihrer Fantasie.

Kapitel 3

Caras Kopf dröhnte, als sie abends um sieben endlich nach Hause kam. Das Training war heute brutal gewesen, und sie wünschte sich nichts sehnlicher als eine heiße Dusche und eine riesige Portion Eis. »Hallo«, rief sie, als sie die Haustür öffnete. Sie bekam keine Antwort. Der geräumige Flur war finster und schattig, das Haus unangenehm kühl, weil es den ganzen Tag über verschlossen gewesen war.

Der getigerte Kater ihrer Mutter, Samson, hatte es sich in einem Sessel im Flur auf ihrer geliebten Fleecejacke bequem gemacht. »Verschwinde, Samson«, versuchte sie ihn zu verscheuchen. Der Kater erhob sich langsam und starrte sie gelangweilt an. »Ihhh.« Sie riss die Jacke unter ihm weg und klopfte die grauen Haare ab, die überall daran festhingen. Samson ignorierte sie und leckte sich über den Bauch.

Ein Stapel Briefe lag in der Nähe des Türschlitzes am Boden. Cara knipste das Licht an und warf die Post in den ohnehin schon überquellenden Ablagekorb auf dem Tisch. Der Rest der Tischplatte verschwand unter einer wirren Ansammlung von Sonnenbrillen, Schüsseln voller Kleingeld und einem Stapel ...

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