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Cameron

Aus Nichts schafft Gott.

Wir schaffen aus Ruinen.

Erst zu Stücken müssen wir uns schlagen, eh’ wir wissen, was wir sind und was wir können.

Christian Dietrich Grabbe (1801 - 1836)

1. Kapitel

Hetzjagd

Jack rannte schneller, als er jemals in seinem Leben gerannt war. Er hatte nicht einmal gewusst, dass er überhaupt dazu in der Lage war, so schnell zu laufen. Aber er glaubte auch nicht, dass er zuvor schon einmal so viel Adrenalin in seinem Blut gehabt hatte. Doch nun rannte er um sein Leben. Und das machte ihn schnell. Sehr schnell. Aber nicht schnell genug. Denn über das gehetzte Trampeln seiner dahineilenden Füße hinweg, auch über das mühsame Rasseln seiner inzwischen gequälten Atemzüge konnte er sie noch immer hören. Seine Verfolger.

Er hatte nur einen kurzen Blick auf sie geworfen und sofort erkannt, dass er die Beine in die Hand nehmen sollte. Es waren zwei Männer und eine Frau. Sie sahen sich alle ähnlich mit ihrem langen, rabenschwarzen Haar, der hochgewachsenen, irgendwie gestreckt wirkenden Gestalt und der bleichen Haut. Vielleicht waren es Geschwister. Jack war ihnen begegnet, als er, eine Abkürzung nehmend, durch den mittlerweile geschlossenen Park gegangen war.

Er nahm diesen Weg immer, wenn er von der Stadt nach Hause ging, und hatte sich noch nie durch die Öffnungszeiten davon abhalten lassen. Als er an den drei Gestalten vorbeigekommen war, hatte er sich gewünscht, dass ihm nur dieses eine Mal das etwas mehr als mannshohe Tor, das den Haupteingang zum Park versperrte, nicht egal gewesen wäre. Dass er nicht die wenigen Meter nach rechts ausgewichen wäre, dorthin, wo eine alte Kastanie außerhalb des Parks nahe dem Zaun wuchs und deren ausladenden Äste es für Jack zum Kinderspiel machten, über den Zaun zu gelangen. Wäre er doch nur heute nicht zu bequem gewesen, den längeren Weg um den Park herum zu wählen.

Aber wie so häufig, wenn er abends in der Stadt gewesen war, war er zu spät losgegangen. Und wenn er nicht den ganzen Weg nach Hause joggen wollte, würde er ohne seine Abkürzung um einiges später zu Hause ankommen, als ihm erlaubt war. Und da er nicht joggen wollte, nahm er den Weg durch den Park. Er würde noch immer mit etwas Verspätung zu Hause ankommen. Doch würde er sich dafür nicht allzu viel Ärger einhandeln.

Während er noch überlegte, ob er wohl schon Hausarrest für seine Verspätung bekommen würde oder nicht – vielleicht waren daheim ja auch schon alle im Bett – sah er vor sich auf dem Platz, der mit seinem Fontänenbrunnen die genaue Mitte des gesamten Parks markierte, drei Gestalten, die sich von der Dunkelheit nur durch ihre bleiche Haut abhoben. Diese schien in dem schwachen Licht des fast kränklich fahlen Mondes, der sich heute nur hin und wieder zwischen träge dahinziehenden Wolken zeigte, beinahe unnatürlich hell zu sein. So als würde sie nicht nur das kaum vorhandene Mondlicht reflektieren, sondern selber leuchten. Jack konnte sich diesen Eindruck nur damit erklären, dass die helle Haut in besonders starkem Kontrast zu der Dunkelheit und der schwarzen Kleidung der drei Personen stand.

Als er sich den dreien weiter näherte – sich nicht von seinem Weg abbringen lassend – fixierten diese ihre Blicke auf ihn. Ihr leises Gespräch, von dem Jack nur so viele Wortfetzen verstanden hatte, um zu erkennen, dass sie sich nicht in Englisch unterhielten, verstummte so schlagartig und unvermittelt, als hätte jemand den Ton abgeschaltet. Das ließ Jack etwas stutzen, aber nicht so sehr, um ihn anhalten oder gar umkehren zu lassen. Doch ein Blick in ihre Gesichter genügte, um Jack vor Angst den Atem anhalten zu lassen.

Ihre Mienen waren vollkommen reglos und spiegelten alle die gleichen Züge wider: Ein grausames Lächeln umspielte die Mundwinkel, die Augen waren hart und entschlossen, die Augenbrauen erwartungsvoll nach oben gezogen. Für Jack ließ der Ausdruck in den drei Gesichtern nur eine Deutung zu: sie hatten gewartet und er war es, worauf sie gewartet hatte. Und sie hatten eindeutig nichts Gutes im Sinn.

Ohne lange zu überlegen ließ Jack seine Tasche fallen und rannte los, den gleichen Weg zurück, den er gerade erst gekommen war. Er musste sich nicht umdrehen, um zu sehen, ob sie ihn verfolgten. Er wusste es. Selbst wenn er sie nicht gehört hätte, hätte er es gewusst. Der Ausdruck in ihren Gesichtern hatte es ihm verraten.

Und nun rannte er also; rannte um sein Leben. Immer wieder bog er so unvermittelt ab, dass er sich selbst fast aus dem Gleichgewicht brachte und dieses nur strauchelnd wiederfand. Doch auch wenn er mit diesen Manövern längst den Parkweg verlassen hatte und durch dichtes Waldgestrüpp lief, gelang es ihm nicht, seine Verfolger abzuschütteln. Hin und wieder schien es so, als könne er seinen Abstand zu ihnen ausbauen. Doch nur kurz darauf klangen ihre Schritte dann wieder näher als zuvor. Sie spielten mit ihm. Während Jack sich allmählich der Grenze des Machbaren näherte und seine Lungen schier zu zerplatzen schienen, folgten ihm die Geschwister offenbar mühelos. Entweder war er an drei Hochleistungssportler geraten oder er selber befand sich in einem beklagenswerten körperlichen Zustand.

Eine dritte Möglichkeit drängte sich Jack erst nach und nach auf. Denn während er durch das Dickicht preschte, verloren sich hinter ihm allmählich die Geräusche seiner Verfolger. Doch als er einen raschen Blick über seine Schulter wagte – und sich damit beinahe zu Fall brachte – konnte er die drei Personen noch immer hinter sich sehen. Sie waren nur als dunkle Schatten auszumachen, die nun geradezu lautlos hinter ihm her huschten. Wie war es möglich, dass sie bei dieser Geschwindigkeit so leise waren? Und, verdammt noch mal, so schlecht in Form war er nicht, dass es für sie so einfach sein konnte, ihn zu verfolgen. Und diese Haut. Noch niemals hatte er einen Menschen mit einer solchen Haut gesehen. Wer waren diese drei? Was waren sie?

Etwas an der Art, wie sie ihm folgten, hatte sich geändert. Schien es zuvor für die Geschwister reiner Spaß gewesen zu sein, hinter Jack her zu hetzen, war nun jedwede Gelassenheit aus ihren Bewegungen gewichen. Noch immer schien es ihnen keine Mühe zu machen, das Tempo aufrecht zu erhalten. Doch sie wirkten nun ernster und zielgerichteter. Offenbar waren sie des Spielens überdrüssig geworden. Jack erkannte, dass sich seine Verfolger nun nicht länger damit zufriedengeben würden, ihn zu jagen. Sie wollten ihn fangen. Und mit einer Sicherheit, als hätten sie ihm die Worte zugeschrien, wusste er, dass das seinen Tod bedeuten würde.

Voller Verzweiflung versuchte Jack noch schneller zu laufen. Aber seine Beine schienen inzwischen Tonnen zu wiegen und mit panischem Schrecken musste er feststellen, dass er nicht schneller, sondern im Gegenteil immer langsamer wurde.

Jäh tauchte vor ihm der Zaun auf, der den Park umgab. Leise Hoffnung glomm in Jack auf. Vielleicht würde er außerhalb des Parks auf jemand anderen treffen. Und vielleicht würden sich die Geschwister dadurch von ihrem Vorhaben abbringen lassen.

Aber er war sich plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob er es überhaupt noch schaffen würde, die Parkgrenze zu passieren. Jetzt, wo sich seine Verfolger lautlos bewegten, konnte er ihre Entfernung zu sich anhand der Geräusche ihrer Schritte nicht mehr abschätzen. Und einen Blick zurückzuwerfen wagte er nicht, aus Angst sich damit letzten Endes zu Fall zu bringen.

Doch er musste es versuchen. Er musste einfach über den Zaun hinwegkommen. Noch einmal mobilisierte er all seine Kräfte für einen letzten Sprint. Und tatsächlich erreichte er den Zaun unbehelligt. In Rekordzeit schaffte er es hinüber. Er ließ sich mehr zu Boden fallen, als dass er von dem Zaun nach unten gesprungen wäre. Irgendwie gelang es ihm, auf den Füßen zu bleiben und als er dann vor sich ein Auto um die Ecke biegen sah, konnte er sein Glück kaum fassen. Ohne lange nachzudenken taumelte er auf die Straße, nur mit Mühe sein Gleichgewicht haltend. Er war am Ende seiner Kräfte. Selbst wenn das Auto nicht für ihn anhalten würde, würde er es nicht mehr fertigbringen, weiter weg zu rennen.

Jack wurde von dem Scheinwerferlicht erfasst und riss geblendet einen Unterarm vor die Augen. Die andere Hand streckte er in einer flehentlichen Geste nach vorn.

„Halt!“, rief er dem Wagen in der Hoffnung entgegen, dass der Fahrer seine Worte verstehen würde. „Bitte anhalten!“

Als das Auto ein, zwei weitere schreckliche Sekunden mit unverminderter Geschwindigkeit auf ihn zuschoss, wurde Jack bewusst, dass er vielleicht etwas zu unüberlegt auf die Straße hinausgetreten war. Was, wenn das Auto nicht mehr rechtzeitig würde bremsen können?

Doch sein Glück hielt an. Im letzten Augenblick kam der Wagen mit quietschenden Reifen zum Stehen. Jack roch verbranntes Gummi und sah, wie das Auto leicht nach links ausbrach, ehe der Fahrer die Kontrolle über das Fahrzeug zurückgewinnen konnte. Dann stand es still.

Jack erlaubte sich einen tiefen Atemzug, trat dann an die Beifahrertür, riss diese auf und sprang ins Wageninnere, ohne sich auch nur den Fahrer anzusehen oder gar darauf zu warten, dass ihn dieser dazu auffordern konnte. Mit einer hektischen Geste warf er die Tür zu und schlug den Verschluss nach unten.

„Fahren Sie! Schnell!“, schrie er dem Fahrer zu, während er durch das Seitenfenster angestrengt in das Dunkle starrte.

Und da waren sie. Mit einer fließenden Bewegung setzten sie katzengleich über den Zaun, obwohl Jack diesen für viel zu hoch empfunden hatte, als dass ein Mensch dazu in der Lage sein könnte, einfach darüber zu springen. Leicht federnd erreichten sie gleichzeitig den Boden auf der Seite außerhalb des Parks. Genau konnte Jack ihre Gesichter nicht erkennen, aber er meinte unbändige Wut darauf zu lesen.

Zudem wirkte irgendwas… falsch an den Gesichtern. Erst wusste er nicht, was es war, doch dann fiel ihm auf, dass nun nicht mehr nur die Haut unnatürlich hell war, sondern auch die Augen zu glühen schienen. Außerdem glaubte er für einen kurzen Moment bei einem der Männer Zähne aufblitzen zu sehen, die mit einem menschlichen Gebiss nicht viel gemein hatten. Sie wirkten lang und spitz wie die Zähne eines Raubtieres.

Dann beschleunigte das Auto mit so viel PS, dass Jack in seinen Sitz gedrückt wurde. Noch immer starrte er durch das Fenster dorthin, wo zuvor noch die wutverzerrten Gesichter seiner Verfolger gewesen waren, vollkommen geschockt von seiner Beobachtung.

Lange saß Jack einfach nur so da, während er seine Atmung und seinen Herzschlag dabei beobachtete, wie sie sich nach der wilden Hetzjagd nun ganz allmählich beruhigten. Nichtsdestotrotz war es ihm für eine ganze Weile nicht möglich, sich zu entspannen oder gar zu bewegen. In vollkommen verkrampfter Haltung kauerte er in dem Sitz. Sein Blick klebte wie gebannt auf der Fensterscheibe. Er brachte es einfach nicht fertig, zu dem Fahrer, der seinerseits noch kein einziges Wort gesagt hatte, hinüber zu sehen, wie aus der Angst heraus, dass, sollte er den Blick abwenden, die Geschwister doch noch über ihn herfallen würden.

Erst die Worte seines Retters konnten Jack aus seiner Starre reißen.

„Du solltest dich anschnallen“, sagte eine sanfte, weibliche Stimme so ruhig, als wäre es völlig normal, dass irgendein wildfremder Jugendlicher nachts zu ihr ins Auto sprang.

Endlich löste Jack seinen Blick von der Fensterscheibe und sah zu ihr hinüber. Im ersten Augenblick war er so geschockt, dass er meinte, sein Herz müsste stehen bleiben. Denn dieselbe makellose, bleiche Haut, wie sie ihm bei seinen Verfolgern aufgefallen war, begegnete ihm nun erneut. Erst einen schrecklichen Atemzug später sah Jack, dass seine Gegenüber den Geschwistern bis auf in dem seltsamen Hauttyp ansonsten nicht im Geringsten ähnelte. Ihr Haar war goldblond und fiel ihr in verspielten Locken bis in die Taille. Ihre Gesichtszüge hatten etwas Edles an sich und nichts von der barschen Härte, die ihn bei seinen Verfolgern davon überzeugt hatte, dass diese nichts Gutes im Sinn haben konnten. Alle Linien ihres Gesichts waren klar und scharf herausgebildet, so etwa ihre etwas hervortretenden Wangenknochen oder die gerade, schmale Nase. Dennoch hatte das Gesicht eine derart weibliche Note, dass die Schärfe der Linien sich zu einem weichen, lieblichen Gesamtbild zusammenschloss.

Ihre Augen fixierten sich starr auf die Straße, über die der Wagen mit überhöhter Geschwindigkeit dennoch mit nur einem sanften Schnurren glitt. Es musste ein teures Auto sein. Einen Moment nahm Jack sich die Zeit, dass Wageninnere genauer anzusehen und die Ausstattung machte ihm sehr schnell klar, dass er in einem Wagen der Luxusklasse unterwegs war.

Er sah wieder zu seiner Retterin zurück und musterte sie nochmal genauer. Er war überrascht zu sehen, wie jung sie noch war. Vielleicht 20 oder 22 Jahre, nicht wesentlich älter. Dafür, dass sie mit einem solchen Wagen unterwegs war, sehr jung. Sie musste reiche Eltern haben.

„Du solltest dich wirklich anschnallen“, wiederholte die Frau und Jack zuckte in seiner Betrachtung zusammen.

Mit einer etwas linkischen Bewegung griff er nach dem Gurt und ließ diesen in den Verschluss schnappen. Noch immer brachte er kein Wort heraus und konnte die Frau nur weiter mustern. Er stand wohl unter Schock. Doch scheinbar ließ sie sich von seinem Blick gar nicht beeinflussen. Vielleicht sah sie es auch einfach nicht, denn so starr wie sein Blick auf sie gerichtet war, so fixiert war ihrer auf die Straße. Als sie erneut sprach, kam dies noch immer unvermittelt für Jack.

„Du bist verletzt. Soll ich dich ins Krankenhaus bringen?“ Endlich sah sie zu ihm. Ihre Augen waren smaragdgrün. Aber sobald sich ihre Blicke trafen, wandte sie ihren auch schon wieder ab.

Verwundert sah er an sich herab. Er war verletzt? Und tatsächlich: seine Kleidung war an mehreren Stellen zerrissen und hier und da färbte sie sich rot von seinem Blut. Jetzt, wo er das sah, spürte er auch ein unangenehmes Brennen. Er musste sich an dem Gestrüpp, durch das er geprescht war, die Haut zerrissen haben. Aber er bezweifelte, dass es mehr als ein paar Kratzer waren.

Einen Augenblick wunderte er sich darüber, wie sie es überhaupt gemerkt hatte, dass er verletzt war, da er der Meinung gewesen war, dass sie ihn bis gerade eben mit keinem Blick gemustert hatte. Aber anscheinend hatte er in seinem Schockzustand gar nicht mitbekommen, dass sie zu ihm geschaut hatte. Doch das machte schließlich nur Sinn, wenn man bedachte, dass er, ohne auch nur ein Wort zu sagen, zu ihr ins Auto gesprungen war. Vermutlich war es nur sein beklagenswerter Zustand gewesen, der sie davon abgehalten hatte, ihn gleich wieder auf die Straße zu setzen oder die Polizei zu rufen.

Mit einiger Verzögerung antwortete er auf ihre Frage: „Nein. Nein, ich denke, das ist nicht nötig. Es sind nur Kratzer.“

Sie nickte lediglich und wieder musste Jack sich wundern. Diesmal über ihre stoische Ruhe. Darüber, dass sie ihn gar nicht dazu befragte, wovor er weggelaufen war, warum er so zerrissen aussah, warum er einfach zu ihr ins Auto gesprungen war, wie er hieß… Ihm fielen auf Anhieb zig Fragen ein, die sie ihm hätte stellen können. Doch stattdessen folgte sie noch immer seiner Anweisung zu fahren.

„Ich… ich danke Ihnen“, brachte er schließlich etwas stockend hervor, sich darüber bewusst werdend, dass er ihr vermutlich sein Leben verdankte. Als sie noch immer nichts sagte, fügte er hinzu: „Und ich muss mich bei Ihnen dafür entschuldigen, Sie einfach so überfallen zu haben. Aber ich wurde verfolgt und ich wusste einfach nicht, was ich sonst hätte tun sollen.“ Es fühlte sich beinahe erleichternd an, über den Schrecken zu reden, den er eben durchlebt hatte. Als könne er jetzt, wo er es ausgesprochen hatte, etwas unbeschwerter atmen.

„Verfolgt?“ Sie runzelte die Stirn. „Von wem?“

„Ich weiß nicht“, erwiderte er ehrlich. „Ich ging durch den Park und da waren sie auf einmal. Drei. Ich kann nicht genau beschreiben, was mich davon überzeugte, aber irgendwas an ihnen wirkte… nun… gefährlich. Und als ich mich umdrehte und loslief, kamen sie mir hinterher.“

Sie warf ihm einen weiteren Blick zu, wieder nur einen Atemzug lang, dann konzentrierte sie sich erneut auf die Straße. Er konnte nicht erkennen, was dieser Blick bedeuten sollte. Glaubte sie ihm nicht?

„Du hast Glück gehabt, dass ich noch bremsen konnte“, meinte sie schließlich zusammenhanglos.

„Ich –“, setzte er etwas aus dem Konzept gebracht an. Für sie schien das Thema der Verfolgung bereits abgehakt. Als wäre das nichts Ungewöhnliches. „Ich –“, begann er erneut. Doch ihm fiel nichts ein, was er dazu hätte sagen können. „Danke“, wiederholte er stattdessen.

Sie zuckte nur mit einer Schulter und ein Schweigen entstand zwischen ihnen. Jack wusste einfach nichts zu sagen. Dass ihn die Frau gar nicht weiter ausfragte, verwirrte ihn nach wie vor. Hätte sie ihn dazu aufgefordert, hätte er ihr jedes noch so winzige Detail erzählt. Aber so fühlte er sich merkwürdig gehemmt, als würde ein unausgesprochenes Verbot zwischen ihnen bestehen, über die Umstände, durch die sie sich begegnet waren, zu sprechen.

Vor allem deswegen, weil ihn die Stille nervös zu machen begann, stellte er sich bei ihr vor. „Ich heiße Jack.“

Sie musterte ihn kurz und wieder konnte er ihren Blick nicht deuten. Überlegte sie, ob sie ihm auch ihren Namen sagen sollte? Es schien fast so, denn schließlich gab sie sich einen deutlich sichtbaren Ruck und erwiderte: „Cameron.“

Während er sie nur weiter ansah und sich dabei zusehends dümmlich vorkam, fragte sie schließlich: „Wo darf ich dich denn wieder absetzen? Willst du zur Polizei?“

Einen Moment war er so überrascht von ihrem Vorschlag, dass es ihm schon wieder die Sprache verschlug. Ob er zur Polizei wollte? Darüber hatte er noch gar nicht nachgedacht. Sollte er die drei Gestalten anzeigen? Und was würde er der Polizei sagen? Dass er von drei Leuten verfolgt worden war, während er durch einen bereits geschlossenen Park gegangen war und dass diese Leute unnatürlich schnell hatten rennen können und zudem über einen gut zwei Meter hohen Zaun mühelos hinübergesprungen waren? Dass ihre Haut, ihre Augen und ihre Zähne irgendwie nicht menschlich gewesen waren? Die würden ihn doch auslachen und zu allem Überfluss würde er sich vermutlich noch Ärger dafür aufhalsen, den Park um diese Uhrzeit betreten zu haben.

Außerdem erschienen ihm jetzt, wo er in dem gemütlichen Ledersitz des Autos sicher über die Straßen rauschte, seine Beobachtungen selber unwirklich. Wahrscheinlich hatte er sich das alles in seiner Angst bloß eingebildet. Aber gejagt hatten sie ihn. Daran bestand weiterhin kein Zweifel.

Trotzdem schüttelte er schließlich den Kopf als Antwort auf Camerons Frage. „Nein. Ich will nicht zur Polizei. Ich wüsste gar nicht, was ich denen sagen sollte. Aber es wäre super, wenn Sie mich zu Hause absetzen könnten, wenn Ihnen das nicht zu viele Umstände bereitet.“

„Ich kann dich ja schlecht hier irgendwo im Nirgendwo raussetzen“, entgegnete sie und Jack war sich nicht sicher, ob sie verärgert oder vielmehr belustigt klang.

Ihre Worte veranlassten ihn dazu, das erste Mal auf die Umgebung, durch die sie fuhren, Acht zu geben. In der Dunkelheit konnte er nicht viel erkennen, aber doch genug, um zu sehen, dass es da auch nicht viel zu erkennen gab. Sie schienen an Feldern vorbei zu fahren und mussten demnach die Stadt längst hinter sich zurückgelassen haben.

„Oh!“, entfuhr es ihm überrascht.

Cameron zeigte darauf keine Reaktion. „Du müsstest mich dann nur einweihen, wo denn dein zu Hause ist, sonst kann ich dich dort nicht absetzen“, meinte sie stattdessen.

„In der Stadt“, erwiderte Jack und klang dabei beinahe schuldbewusst. Es war ihm unangenehm, dass er sie nun den ganzen Weg zurückfahren lassen musste. Einen Moment überlegte er, ob er sich nicht doch einfach hier absetzen lassen sollte, aber er hatte keine Ahnung, wie weit sie schon von der Stadt entfernt waren. Er wollte nur ungern stundenlang zurück gehen müssen. Außerdem erschien ihm der Gedanke daran, mutterseelenallein durch die Dunkelheit zu stapfen, nicht sehr verlockend. Denn wozu das führen konnte, das hatte er vor wenigen Minuten erst erlebt.

Wortlos wendete Cameron den Wagen. Jack hatte es noch niemals als so schwer empfunden, ein Gespräch am Laufen zu halten. Oder vielmehr eines zu beginnen. Denn als ein Gespräch konnten man ihre wenigen ausgetauschten Sätze ja wohl kaum bezeichnen. Aber der Schrecken saß ihm noch tief in den Gliedern. Außerdem hatte Cameron etwas an sich, das ihn befangen machte. Sie war nicht viel älter als er, aber ihre ganze Art flößte ihm so viel Respekt ein, als würde er es mit einer gestandenen Person zu tun haben. Vielleicht war es die Ruhe, mit der sie auf die ganze Situation, in der sie sich befanden, reagierte.

„Ich wohne in der Mountain Street. Kennen Sie die?“, meinte er in Ermangelung eines besseren Gesprächsthemas.

Er war beinahe enttäuscht, als sie nickte. So konnte er ihr nicht beschreiben, wohin sie fahren musste und er hatte wieder nichts, um die Stille zu durchbrechen.

Sie brauchten fast eine halbe Stunde, um die Mountain Street zu erreichen. Cameron fuhr so zielsicher, als würde sie sich in dieser Gegend der Stadt bestens auskennen. Vielleicht wohnte sie hier in der Nähe. Aber Jack traute sich nicht, sie danach zu fragen. Das Schweigen, in das sie wieder verfallen waren, schien irgendwie von ihr erwünscht zu sein. Es wirkte nicht, als würde sie besonderen Wert darauflegen, sich mit ihm zu unterhalten. Und Jack konnte es ihr auch nicht verübeln. Was sollte er schon erwarten? Er hatte ihre abendlichen Pläne sicherlich durchkreuzt. Wahrscheinlich wollte sie nur noch nach Hause und konnte sich etwas Spannenderes vorstellen, als sich mit einem wildfremden Jugendlichen großartig auszutauschen.

Doch nach und nach gewann Jack den Eindruck, dass es vielleicht noch einen anderen Grund für ihre Schweigsamkeit gab. Sie wirkte zwar nicht im eigentlichen Sinne nervös. Hätte Jack nichts anderes zu tun gehabt, als sie zu beobachten, wäre ihm ihr Verhalten, das ihn davon überzeugte, dass sie zumindest aber doch unruhig war, wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Aber so bemerkte er, dass ihr Blick immer wieder auf die Uhranzeige hinter ihrem Lenkrad glitt, dass sie trotzdem wiederholt auf die Uhr an ihrem Handgelenk sah, dass sie wieder und wieder kurz mit der Hand über ihr Handy, das in der Mittelablage lag, fuhr, so als würde sie es nehmen wollen und es nur im letzten Augenblick doch unterlassen. Außerdem erwischte Jack sie dabei, wie sie ihm mehrfach einen Blick zuwarf, den er nicht zu deuten wusste. War es Ungeduld, Unwille oder doch etwas ganz anderes, das darinstand? Einmal glaubte er, so etwas wie Schmerz in ihrem Blick zu lesen, dann wieder Unentschlossenheit. Worüber dachte sie nach, wenn sie ihn so ansah?

Als dann plötzlich die Stille im Wagen von einem lauten Klingeln ihres Handys unterbrochen wurde, zuckten sie beide zusammen. So schnell, dass er es nicht einmal sah, wie sie es aufnahm, griff sie nach dem Telefon und drückte es an ihr Ohr.

„Ja?“ Ihre Stimme klang gepresst, was Jack mehr als alles andere davon überzeugte, dass sie unter Anspannung stand. Sie lauschte einige Augenblicke schweigend dem Sprecher am anderen Ende der Leitung, während ihr Blick weiterhin konzentriert die Straße fixierte.

„Und Cécile?“ Nun lag Sorge in ihrer Stimme. Doch die Antwort, die sie erhielt, schien sie sichtlich zu beruhigen. Ihre Schultern fielen um einige Zentimeter nach unten und der Griff ihrer Hand, die sich so stark um das Lenkrad klammerte, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten, lockerte sich.

„Gib sie mir!“, verlangte sie dann. Nur kurz darauf meinte sie: „Hey.“ Ihre Stimme war nun sanft. „Bist du okay?“, wollte sie wissen, auch wenn sie etwas ähnliches wohl zuvor schon von ihrem anderen Gesprächspartner erfahren haben musste. „Du hast mich zu Tode geängstigt.“ In ihrer Stimme lag ein Vorwurf, auch wenn sie ihn so zärtlich äußerte, als würde sie mit einem zerbrechlichen, kleinen Kind sprechen.

Sie hörte einer Weile Cécile zu und langsam glitt auf ihre Züge ein leises Lächeln. „Tu es nur nicht wieder“, meinte sie schließlich. Damit schien das Thema beendet zu sein, denn plötzlich sah Cameron zu Jack herüber.

Er fühlte sich merkwürdig ertappt, weil er sie während des Telefonats angestarrt hatte. Aber ganz ehrlich, ob er sie nun ansah oder in die andere Richtung aus dem Fenster blickte: es wäre einfach lächerlich gewesen, so zu tun, als würde er ihr Gespräch nicht mitbekommen, wo er doch genau neben ihr saß. Daher versuchte er ihrem Blick möglichst unbekümmert standzuhalten und zwang ein Lächeln auf seine Züge.

„Ich wurde abgehalten“, sagte Cameron dann und ihre Stimme ließ sich schwer deuten. Wieder diese merkwürdige Mischung aus Unwillen, Ungeduld und etwas, das er noch immer nicht greifen konnte.

„Zwei, drei Stunden.“ Ihr Blick glitt wieder auf die Straße. „Natürlich“, versicherte sie und verabschiedete sich dann mit knappen Worten.

Als Cameron den Wagen vor seinem Haus hielt, zögerte Jack einen Augenblick, ehe er die Tür öffnete.

„Danke nochmal, dass Sie mir geholfen haben“, meinte er etwas schüchtern. Er bedankte sich nicht jeden Tag dafür, dass man ihm das Leben gerettet hatte.

Sie zuckte nur mit den Schultern, als sei das eine ganz alltägliche Handlung gewesen. Ihre nächsten Worte jedoch überraschten ihn. Denn in ihnen lag eine Dringlichkeit, die nicht zu ihrer vorherigen Anteilslosigkeit passen wollte. „Du solltest nicht mehr im Dunkeln durch den Park gehen. Dort treiben sich häufiger merkwürdige Gestalten herum.“

Er nickte. „Ja, ich glaube, die Lektion habe ich gelernt.“

Sie schenkte ihm ein Lächeln, welches ihn beinahe schwindlig werden ließ. „Pass auf dich auf“, meinte sie und Jack wusste, dass er ihr Auto nun verlassen sollte.

2. Kapitel

Unvernunft

Müde schloss Cameron die Tür ihres Appartements hinter sich. Drinnen war es sehr dunkel, doch sie schaltete das Licht nicht ein. Es würde nur in ihren übermüdeten Augen schmerzen. Außerdem brauchte sie es nicht. Sie war auf Licht nicht angewiesen, um gut sehen zu können.

Mit einer fahrigen Bewegung legte sie die Schlüssel in einen Teller, der auf einem kleinen Tischchen neben der Haustür für diesen Zweck bereitstand. Mit steifen Bewegungen schälte sie sich aus ihrer Jacke und verzog dabei schmerzlich das Gesicht. Ihre drei gebrochenen Rippen pochten heiß und dumpf.

Nachdem sie Jack bei ihm zu Hause abgesetzt hatte, war sie aus einer ihr unerklärlichen Motivation zurück zu dem Park gefahren, vor dem sie ihn aufgelesen hatte. Eigentlich hätte sie Jack, sobald sie ihn aus ihrem Auto entlassen hatte, auf der Stelle aus ihrem Gedächtnis streichen, sich noch schnell etwas Nahrung besorgen und dann nach Hause gehen sollen. Stattdessen hatte eine Art Unruhe sie gepackt. Sie war sich nicht sicher, was sie sich davon erhoffte, zu dem Park zurück zu kehren. Doch dies schien ihr im Moment der einzige Weg zu sein, ihrer Anspannung Herr zu werden.

Eine ganze Weile saß Cameron bewegungslos in ihrem Auto. Sie war hin und her gerissen zwischen dem, was die Vernunft ihr riet – nämlich weiter zu fahren – und dem unsinnigen Verlangen danach auszusteigen. Und dann? Was wollte sie damit erreichen?

Sie ärgerte sich über sich selber. Es sah ihr ganz und gar nicht ähnlich, sich so ziellos zu verhalten. Außerdem sollte sie wirklich nach Nahrung suchen. Ihr Magen zog sich inzwischen schmerzhaft zusammen und ihr war schon zittrig vor Hunger. Cécile hatte sie gesagt, dass sie in zwei oder drei Stunden zu Hause sein würde und diese Zeitspanne hatte sie ihr einzig und allein aus dem Grunde angegeben, weil sie noch immer nichts zu sich genommen hatte – schon seit fast drei Wochen nicht mehr. Sie wusste, dass es ihr wesentlich besser gehen würde, wenn sie ihren Hunger stillen würde.

Stattdessen stellte sie schließlich den Motor ihres Wagens ab. Die Stelle, wo Jack ihr vors Auto gesprungen war, fand sie mühelos wieder. Einen Moment strich sie an dem Zaun entlang. Er war vielleicht gut zwei Meter hoch. Kein Hindernis für sie, auch in ihrem ausgehungerten Zustand nicht. Sie ging leicht in die Knie und katapultierte sich dann mit einem katzengleichen Sprung über die Hürde.

Auf der anderen Seite angekommen folgte sie Jacks Spur in den Park hinein. Sie verließ sich dabei ganz und gar auf ihren Geruchssinn und machte sich nicht einmal die Mühe, mit ihren Augen nach abgeknickten Ästen oder Fußstapfen Ausschau zu halten, die er hier zweifelsohne hinterlassen haben musste. Das hätte sie nur aufgehalten. Ihre Nase würde sie präzise und völlig fehlerfrei auf der richtigen Bahn halten.

Und tatsächlich dauerte es nicht lange, bis sie die Stelle fand, an der Jacks Verfolger ihm begegnet waren. Aufmerksam blickte Cameron sich um. Wenige Schritte von sich entfernt sah sie eine Tasche, die vergessen am Boden lag. Langsam ging sie darauf zu und nahm sie schließlich auf. Am Geruch identifizierte sie die Tasche als Jacks Eigentum. Nach kurzem Zögern durchsuchte die den Inhalt. Es war nicht viel darin: Eine halb ausgetrunkene Flasche Wasser, ein Portemonnaie, ein Handy und ein Schlüsselbund.

Etwas schreckte Cameron plötzlich auf. Ihr Blick ruckte nach oben. Vor sich konnte sie nichts erkennen. Doch jetzt, wo sie sich mit all ihren Sinnen darauf konzentrierte, festzustellen, was sie erschreckt hatte, konnte sie ihn hinter sich spüren. Einen Vampir. Sie schien wirklich ausgehungert zu sein, dass sie ihn nicht schon viel eher bemerkt hatte. Sie musste über sich selbst den Kopf schütteln. Warum war sie nur so dumm, sich selbst so in Gefahr zu bringen?

Sich von ihrer Unruhe nichts anmerken lassend drehte Cameron sich langsam zu dem Neuankömmling um. Sie wusste, dass es sich um einen der Verfolger von Jack handelte. Denn auch seinen Geruch hatte sie bereits aufgenommen, als sie Jacks Spur gefolgt war.

Der Mann war hochgewachsen und beinahe schlaksig, aber dennoch muskulös. Er trug sein pechschwarzes Haar lang und offen. In seinem gut geschnittenen Gesicht lag ein hungriger Ausdruck.

„Sieh an, ein streunendes Kätzchen“, sagte er mit einer Stimme, in der ein schwerer, harter Akzent lag. So wie er sie musterte, war klar, dass er sie noch nicht als das erkannt hatte, was sie war: eine Artgenossin. Das geschah ihr häufiger, wenn sie hungerte und sich anstatt von Blut nur von menschlicher Nahrung ernährte.

Um die Verhältnisse klar zu stellen, erzwang Cameron willentlich ihre Verwandlung, sodass ihre Zähne lang und spitz hervor wuchsen. Mehr davon frei legend, als nötig gewesen wäre, nickte sie ihm zu.

„Nicht ganz.“ Sie ließ ihre Stimme so entspannt wie möglich klingen, als sie seinen Worten widersprach.

Mit einiger Überraschung begegnete er dem Blick ihrer nunmehr goldgelben Raubtieraugen. Das Interesse, das jetzt auf seinem Gesicht aufleuchtete, hatte nichts mehr mit Beutetrieb zu tun. Er musterte sie von Kopf bis Fuß und ihm gefiel ganz offensichtlich, was er sah.

„Kein Kätzchen, sondern eine Löwin“, korrigierte er sich.

„Die meisten nennen mich einfach nur Cameron“, entgegnete sie mit einem kühlen Lächeln.

„Cameron“, wiederholte er ihren Namen und wie er es sagte, schien es, als würde er sich jeden einzelnen Buchstaben genüsslich auf seiner Zunge zergehen lassen. „Mein Name ist Damir“, stellte er sich dann seinerseits vor.

Ehe er mehr sagen konnte, wandte Cameron den Blick von ihm ab. Hinter seinem Rücken erschienen aus dem Dickicht zwei weitere Vampire. Die beiden anderen Verfolger von Jack. Es waren ein zweiter Mann und eine Frau. Sie sahen Damir auffallend ähnlich, was Cameron annehmen ließ, dass es sich bei den dreien um Geschwister handelte.

„Hast du für uns Ersatz gefunden?“, sprach der hinzukommende Mann Damir an.

Dieser schüttelte den Kopf. „Sie ist eine von uns“, erklärte er.

Der Blick, den die Frau Cameron zuwarf, wurde daraufhin um eine Nuance misstrauischer. Sie blieb ein paar Schritte hinter den Männern stehen. Sie war von ebenfalls schmaler Gestalt und hatte etwas Zerbrechliches an sich. Aber Cameron ließ sich davon nicht täuschen. Auch die Frau würde wie ihre beiden männlichen Begleiter eine Tötungsmaschine sein, wenn sie ihre Fähigkeiten einzusetzen wusste.

Cameron entschloss sich, die Frau zunächst zu ignorieren.

„Keine ertragreiche Beute heute?“, wollte sie an die Männer gewandt wissen.

Doch es war die Frau, die antwortete. Sie schüttelte frustriert den Kopf. „Ein Junge ist uns entkommen“, meinte sie und in ihrer Stimme lag ein tadelnder Tonfall, als würde sie ihre beiden Gefährten dafür verantwortlich machen. Ihre nächsten Worte stellten diesen Umstand dann auch klar: „Meine Brüder wollten unbedingt ein wenig spielen und er konnte sich in ein Auto retten. Konnte ja keiner ahnen, dass ein Fahrer zu dieser Uhrzeit tatsächlich verrückt genug sein würde, einen Fremden in sein Auto zu lassen.“

Es waren also tatsächlich Geschwister. Camerons Blick begegnete nun erneut dem der Frau. Den letzten Satz hatte diese mit einem merkwürdigen Unterton gesagt. Es schien beinahe leiser Ärger zu sein. Roch sie etwa, dass Cameron dieser Fahrer gewesen war? Vermutlich hing eine leichte Note von Jacks Geruch an ihr, nachdem sie zusammen in einem Auto gesessen hatten. Aber diese Spur hätte ebenso gut von der Tasche an ihr haften können.

Cameron zuckte mit einer Schulter, entschlossen sich nichts anmerken zu lassen. „So was passiert – manchen“, entgegnete sie. Das letzte Wort sprach sie auf eine Art aus, die zwischen Herablassung und Belustigung schwang.

Der namenlose Bruder knurrte unwillig, aber Damir lachte auf.

„Du gefällst mir“, meinte er und musterte Cameron erneut von Kopf bis Fuß. In seinen Augen stand nun unmissverständlich ein lüsterner Ausdruck.

Sie überging seine Bemerkung. „Dies ist mein Revier. Ich sehe es nicht gern, wenn andere darin jagen.“ Noch ehe sie sich wirklich überlegt hatte, was sie da sagte, waren die Worte bereits ausgesprochen. Es war töricht, das wusste sie. Die Art und Weise, wie die drei sich bewegten, ließ vermuten, dass sie schon länger Vampire und durchaus im Stande waren, ihre Kräfte und Fähigkeiten zu nutzen. Zudem waren sie nicht nur in der Überzahl, sondern Cameron in ihrem ausgehungerten Zustand nicht gerade in Bestform. Es war also nicht sehr geschickt, die drei zu reizen. Aber sie konnte nicht anders, als daran zu denken, dass diese drei vor nicht mehr als einer Stunde hinter Jack her gewesen waren. Und auch wenn sie das eigentlich hätte kalt lassen sollen – denn es hätte ebenso gut sie sein können, die ihn jagte – so lief ihr bei diesem Gedanken doch ein eiskalter Schauer über den Rücken.

Damir runzelte etwas die Stirn, aber schien nicht tatsächlich verärgert. „Wir sind nur auf der Durchreise“, erklärte er.

Seine Schwester hingegen schien Camerons Grobheit nicht so einfach hinzunehmen. Noch immer musterte sie sie misstrauisch und trat nun einen weiteren Schritt auf sie zu, ihre Brüder hinter sich lassend. Cameron konnte sehen, wie sich ihre Nasenflügel bewegten, als sie witterte.

„Sag einmal“, setzte sie an und sog erneut die Luft ein, nun noch tiefer als zuvor. Als sie weitersprach, schwang eindeutig Ärger in ihrer Stimme mit. „Hast du uns etwa unsere Beute abspenstig gemacht?“

Cameron zuckte möglichst unbekümmert mit den Schultern, auch wenn sie die drei nun ihrerseits viel aufmerksamer musterte als zuvor. Sie versuchte deren körperliche Verfassung einzuschätzen.

„Wie gesagt, ich habe es nicht gerne, wenn jemand in meinem Revier jagt“, wiederholte sie in kaltem Tonfall.

Am liebsten hätte sie sich selbst dafür geohrfeigt, die drei weiter zu reizen. Doch sie schien völlig die Kontrolle darüber verloren zu haben, was sie sagte. Ein Teil, der permanent an Jack denken musste, hatte offenbar die Oberhand gewonnen. Und dieser Teil war noch offensichtlicher leicht lebensmüde.

Der andere Bruder knurrte erneut. Cameron konnte sehen, wie er die Maske des menschlichen Antlitzes fallen ließ.

Damir machte eine beruhigende Geste zu seinem Bruder hinüber „Naja, aber ein mickriges Menschlein hättest du uns doch überlassen können“, sagte er an Cameron gewandt.

Und auch wenn sie wusste, dass es das Falscheste war, was sie tun konnte, schüttelte sie den Kopf. „Nicht diesen Menschen“, meinte sie entschlossen. „Und wenn ihr wisst, was gut für euch ist, dann werdet ihr euch nicht länger hier aufhalten.“ In ihrer Stimme lag nun eine offene Drohung.

Hatte sich die Situation schon zuvor angespannt, so lag nun nahezu greifbar ein gefährliches Knistern in der Luft. Die Frau und der Bruder im Vampir-Modus spannten sichtlich ihre sehnigen Körper zu einer Angriffsposition. Selbst Damir kniff verärgert die Augen zusammen.

„Man kann nicht behaupten, dass du besonders höflich bist. Es muss ein mächtiger Orden hinter dir stehen, dass du dich so aufzuführen wagst“, brachte er mit einem unwilligen Grollen hervor.

Es war durchaus üblich, dass, ehe Vampire sich auf einen Kampf gegeneinander einließen, sie sich zuvor versicherten, mit wem genau sie sich da anlegten. Zumindest Vampire, die sich in ihrer Welt auskannten.

Viele von ihnen waren in Orden organisiert und wenn man sich mit dem jeweiligen Clan nicht anlegen wollte, sollte man vermeiden, einem Mitglied Schaden zuzufügen. Denn das konnte leicht zu einer Vendetta führen, in der einer der Orden vollständig ausgelöscht wurde.

Cameron selber hatte einem sehr alten und noch mächtigeren Orden angehört. Doch dieser war inzwischen mehr oder weniger zerschlagen. Sie war nicht gewillt, diese Information mit ihren Gegenübern zu teilen. Das wäre nicht gerade zu ihrem Vorteil gewesen. Und schon so spielte sie nicht mit den besten Karten.

Sie bleckte die spitzen Zähne. „Ihr seid die Eindringlinge. Ich muss nicht höflich sein“, meinte sie selbstbewusst so, als wäre sie sich ihrer unterlegenen Situation gar nicht bewusst.

Damir schüttelte den Kopf. „Langsam gehst du mir auf die Nerven, Cameron.“ Wie er ihren Namen aussprach, hatte nichts mehr mit dem vorherigen Mal gemein. Jetzt war es vielmehr wie ein Schlag ins Gesicht.

Cameron schob leicht ihren Unterkiefer vor und blickte Damir trotzig entgegen. Sie musste völlig größenwahnsinnig geworden sein!

Damir schien zu demselben Schluss gekommen zu sein, denn anstatt sich noch länger mit diesem Geplänkel aufzuhalten, brachte er die letzten Meter, die ihn von Cameron trennten, mit wenigen Schritten hinter sich. Er bewegte sich mit einer Schnelligkeit, die deutlich machte, dass es irrelevant war, dass Jack ihnen heute entkommen war. Er war gut genährt.

Cameron hingegen konnte das ganz und gar nicht von sich behaupten. Denn sie registrierte zwar noch, wie er die Hand hob, aber sie war zu langsam, um den folgenden Schlag abzublocken. Sein Handrücken traf sie mit brutaler Kraft im Gesicht.

„Mädchen, ich weiß nicht, wer du glaubst zu sein, aber du hast dich eindeutig übernommen“, sagte er mit eisiger Stimme.

Cameron wandte ihm ihr Gesicht wieder zu. Sie schmeckte Blut – ihr eigenes. Ohne lange zu überlegen – sonst hätte sie es wahrscheinlich auch nicht getan – stieß sie ihm hart mit beiden Händen vor die Brust. Er taumelte einen Schritt zurück und mit einem „uff“ entwich ihm die Luft aus den Lungen.

In seine beiden Geschwister kam nun ebenfalls Bewegung. Die Frau schoss auf Cameron zu, als sei sie von einem Katapult nach vorne befördert worden. Cameron gelang es trotzdem, ihren Angriff abzuwehren, doch als der zweite Bruder sie dann ebenfalls erreichte, musste sie schon sehr schnell erkennen, dass Damir mit seiner Aussage durchaus Recht gehabt hatte. Sie hatte sich übernommen. Im Grunde hatte sie das schon zuvor gewusst. Die Geschwister waren geübte Kämpfer und sie waren in besserer körperlicher Verfassung als Cameron.

Sie hatte ernste Probleme sich gegen ihre zwei Gegner zu wehren. Und während sie sich noch darauf konzentrierte, einige Tritte des zweiten Bruders abzufangen, spürte sie plötzlich, wie ihr die Beine unter dem Körper weggerissen wurden. Schwer fiel sie zu Boden.

„Das reicht!“, hörte sie dann Damirs scharfe Stimme. Seine beiden Geschwister ließen tatsächlich augenblicklich von Cameron ab, auch wenn sie die Frau unwillig knurren hören konnte.

Damir erschien an Camerons Seite. Hoch ragte er über ihr auf. Einen Moment sahen sie sich starr gegenseitig in die Augen. Dann holte er aus und trat ihr wuchtig in die Rippen. Cameron konnte Knochen knirschen hören und nachgeben spüren. Sie stieß einen gequälten Laut aus.

„Du kannst froh sein, dass ich es als Schande empfände, einen schönen Körper wie deinen zu Staub zu verwandeln.“ Damir blickte missbilligend zu ihr hinunter. „Doch solltest du noch einmal unseren Weg kreuzen, werde ich diese Aversion sicher ablegen können.“

Mit diesen Worten griff er ihren Arm und zog sie unsanft auf die Füße. Und Camerons Verstand schien nun endlich wieder normal zu funktionieren. Denn anstatt sich weiter unbeliebt zu machen, hielt sie still, als Damir ihr seine Fänge als traditionelles Zeichen für ihre Niederlage in die linke Halsseite grub. Es würde keine Narbe hinterlassen, dafür heilte ihr Fleisch zu schnell. Doch es war üblich, dass der Sieger einige Schlucke Blut von dem Verlierer trank, wenn er ihn am Leben ließ.

Verdammt! Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Cameron hatte sich inzwischen in einem der Sessel im Wohnzimmer niedergelassen. Ihr Brustkorb schmerzte sie zu sehr, als dass sie sich schon ins Bett legen wollte. Sie hätte eh nicht einschlafen können. In zwei, drei Stunden, wenn sie soweit genesen war, dass der Schmerz sie nicht mehr vom Schlaf abhalten würde, würde sie zu Bett gehen.

Jetzt schüttelte sie über sich selber den Kopf, als sie nochmal daran zurückdachte, wie sie sich die Brüche zugezogen hatte. Sie musste völlig den Verstand verloren haben, sich in ihrem derzeitigen Zustand einer Überzahl an erfahrenen Vampiren zu stellen. Doch was eigentlich noch viel schlimmer war, war, dass sie es überhaupt zugelassen hatte, dass sie so geschwächt gewesen war. Das war einfach nur dumm. Und sie war zu alt, um sich solche Fehler zu leisten. Zu alt, um noch immer mit ihrem Dasein im Zwist zu liegen.

Der Grund, warum sie schon wieder zu lange nichts getrunken hatte, war nicht etwa mangelnde Gelegenheit gewesen. Stattdessen hatte sie es einmal mehr einfach nicht über sich bringen können, Beute zu machen.

Manchmal hasste sie ihr Dasein wirklich. Und es gab Zeiten, da hasste sie es mehr, als zu anderen. Im Moment tendierte ihre Stimmung eher zum unteren Ende der Skala.

Sie war anders als andere Vampire. In der Tat war ihr bisher kein zweiter ihrer Art begegnet. Denn sie war kein reiner Vampir. Es war nicht etwa so gewesen, dass sie irgendwann von einem Vampir gebissen worden war und dieser ihr, ehe sie sterben konnte, von seinem eigenen Blut zu trinken gegeben hatte. Nein.

Sie war als Vampir geboren worden. Bis heute konnte sie sich nicht erklären, wie das möglich gewesen war. Es musste einfach ein grausamer Streich des Schicksals gewesen sein. Denn obwohl Vampire eigentlich nicht dazu im Stande waren, leibliche Kinder zu zeugen, hatte ihr Vater mit einer menschlichen Frau genau das getan.

Und was sie gezeugt hatten, war weder Mensch noch Vampir, sondern irgendeine merkwürdige Mischung aus beidem. Ungefähr die ersten hundert Jahre ihres Daseins alterte Cameron, zwar nicht so schnell wie ein menschliches Kind, aber immerhin doch so eindeutig, wie es für einen Vampir ein Ding der Unmöglichkeit war. Dieser Prozess hörte auf, als ihr Körper etwa der einer Zwanzigjährigen war.

Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt bemerkte sie, dass menschliches Blut und normale menschliche Nahrung sie nicht mehr bei Kräften hielten. Eine ganze Weile wusste sie nicht, nach was ihr Körper sich verzehrte, bis sie sich schließlich in einem Anflug von Blutgier auf einen anderen Vampir geworfen hatte. Von da an musste sie feststellen, dass sie auf eine ausgewogene Mischung aus menschlichem und vampirischem Blut angewiesen war.

Andere Vampire reagierten auf diesen Umstand zumeist mindestens mit Misstrauen. Cameron konnte es ihnen nicht verübeln. Vampire waren Raubtiere und es ganz und gar nicht gewohnt, zur Beute umfunktioniert zu werden.

Cameron wünschte sich nichts mehr, als irgendwo ihren Platz zu finden, doch scheinbar war ihr dies nicht vergönnt. Sowohl die Zugehörigkeit zur vampirischen als auch zur menschlichen Welt schien ihr allein durch ihre Ernährungsgewohnheiten verwehrt zu bleiben. Und so schwankte sie immer wieder von einer Seite zur anderen. Mal versuchte sie sich stärker in die Welt der Menschen einzufügen, mal in die der Vampire. Immer mehr oder weniger erfolglos.

Seit ungefähr zwanzig Jahren lebte sie zum wiederholten Male mit Cécile zusammen. Diese wusste um Camerons Konflikt. Auch wenn Cécile Camerons Hadern mit ihrer Existenz nicht nachvollziehen konnte, so hatte sie sie doch zumindest nie für das verurteilt, was sie war. Weder damals, als sie noch ein Mensch gewesen war, noch dann, als Cameron sie zu einem Vampir verwandelt hatte.

Cécile war ihr erstes Geschöpf gewesen. Sie liebte sie wie eine Schwester. Und Cécile würde für sie alles tun, was auch immer sie verlangte. Dennoch konnte Cameron es nicht immer ertragen, mit Cécile zu leben. Manchmal hasste sie sich selbst zu sehr, als dass sie es Cécile hätte antun können, in diesen Strudel der Verdammnis mit hineingezogen zu werden.

Cécile verstand zumindest so viel von Camerons Situation, dass sie wusste, wann sie sich zurückziehen musste. Es schmerzte sie, Cameron leiden zu sehen. Und manchmal machte sie es für diese nur noch schlimmer. Dann war es Zeit, Cameron zu verlassen. Doch sobald diese sie wieder zu sich rief, kehrte sie augenblicklich zu ihrer Schöpferin zurück.

Cameron war tatsächlich in ihrem Sessel weggedöst. Jetzt jedoch erwachte sie abrupt, als die Wohnzimmerbeleuchtung aufflammte. Geblendet kniff sie die Augen zusammen und knurrte leise.

„Zu hell“, meinte sie nur. Hinter ihren geschlossenen Lidern konnte sie erkennen, wie das Licht wieder erlosch.

„Du bist schon zu Hause“, hörte sie Céciles überraschte Stimme.

Cameron blinzelte ein paar Mal, um ihren Blick wieder zu klären. Dann lächelte sie Cécile zu. Diese kam mit ihren gewohnt eleganten Schritten zu ihr hinüber. Ihre Wangen leuchteten rosig und ihre braunen Augen blitzten voller Leben. Es war offensichtlich, dass sie erst vor kurzem getrunken hatte.

Cécile beugte sich zu Cameron herunter, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. In ihrem Rücken erschien Ramon, ihr Gefährte. Auch er kam zu Cameron herüber und begrüßte sie mit der gleichen Geste wie Cécile zuvor. Dann legte er ihr eine Hand an die Wange.

„Du bist kalt“, stellte er fest.

Cécile warf Cameron einen misstrauischen Blick zu. „Ich dachte, du wolltest noch etwas trinken gehen.“ Ihre Stimme klang anklagend.

Cameron entzog sich Ramons Berührung. Dabei bewegte sie ihren Kopf nach rechts, sodass sie den Blick auf ihre linke Halsseite frei gab. Sie hörte Cécile scharf die Luft zwischen den Zähnen einziehen.

„Was ist passiert?“, verlangte sie zu wissen und ihre Stimme war schrill vor Sorge.

Cameron zuckte nur müde mit den Schultern. „Ich wurde angegriffen.“ Sie zog es vor, nicht alle Details ihrer Begegnung mit den Geschwistern zu berichten. Cécile und Ramon hätten sie für völlig verrückt erklärt. Zu Recht. Aber sie wollte sich Céciles Standpauke ersparen. Und anstatt dieser den Mund zu verbieten, konnte sie einfach die Umstände verschweigen, unter denen sie sich das Mal zugezogen hatte.

„Und du hast verloren?“ Ramon klang ungläubig. Es kam nicht gerade häufig vor, dass es das über Cameron zu sagen gab.

Sie zuckte nur wieder mit den Schultern. Sie stand auf, wobei sie es nicht verhindern konnte, das Gesicht vor Schmerz zu verziehen.

„Bist du verletzt?“ Cécile war Camerons Ausdruck natürlich nicht entgangen. Das wäre auch zu schön gewesen.

„Es ist nichts“, wehrte Cameron ab. Sie wollte aus dieser Sache nicht mehr machen, als es war. Sie wusste, dass sie Mist gebaut hatte. Ebenso, dass sie zusehen sollte, dass so etwas nicht wieder vorkam. Aber sie wollte sich jetzt ganz und gar nicht noch für ihre Dummheit bemuttern lassen.

Doch was folgen sollte, war schlimmer als das. Noch ehe Cécile es aussprach, wusste Cameron, dass sie es zu weit getrieben hatte. Auf Céciles Gesicht erschien ein Ausdruck des heiligen Zorns.

„Ich kann es einfach nicht glauben“, rief diese empört aus. „Du musst endlich damit aufhören, Cam! Du wirst nicht umhinkommen, etwas zu trinken. Und nun schau, wo dich dein Unsinn hingeführt hat. Du hättest heute Nacht sterben können!“ Tränen blitzten in ihren Augen auf. Sie war schon immer sehr emotional gewesen.

„Aber das bin ich nicht“, entgegnete Cameron und ihre Ruhe stand im krassen Gegensatz zu Céciles Ausbruch.

Die schnappte nach Luft. Ihre Stimme überschlug sich, als sie antwortete. „Ja, das bist du nicht. Aber man könnte meinen, dass du es genau darauf ankommen lassen hast.“

Ramon legte seiner Gefährtin beruhigend eine Hand auf die Schulter, doch diese stieß sie weg. „Warum rammst du dir nicht gleich einen Pflock durchs Herz?“ Die Tränen rollten Cécile inzwischen ungehemmt über die Wangen. Sie drehte sich schwungvoll um und rauschte aus dem Wohnzimmer.

Cameron und Ramon blickten ihr einen Moment bewegungslos hinterher, beide überrascht über die Heftigkeit des Ausbruchs, auch wenn sie von Cécile einiges gewohnt waren. Dann sah Cameron Ramon fragend an, doch der zuckte nur mit den Schultern. Sie konnten eine Tür ins Schloss knallen hören und danach Céciles hemmungsloses Schluchzen.

Cameron, der es um Céciles Schmerz leidtat, wollte ihr hinterher gehen, doch Ramon hielt sie zurück.

„Lass sie sich ein wenig beruhigen. Du weißt, wie sie ist. Sie würde dich jetzt eh nur anschreien“, sagte er und seine Stimme wirkte erstaunlich unbekümmert über die Situation. Er war das totale Gegenteil zu Cécile. Ihn konnte kaum etwas je aus der Ruhe bringen. Cameron glaubte, dass er aus diesem Grund genau der richtige Partner für Cécile war.

Sie ließ sich erschöpft zurück in ihren Sessel sinken und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht.

„Zeig mir deine Wunde“, forderte Ramon sie auf.

Cameron schüttelte den Kopf. „Es sind nur ein paar gebrochene Rippen.“

Er ließ sich vor ihr in die Hocke sinken und sah sie ernst an. „Weißt du, ich sehe es nicht ganz so dramatisch wie Cécile. Aber auch ich denke, dass das heute Nacht böse hätte enden können. Wie lange hast du schon wieder nichts getrunken? Drei Wochen? Du schwächst dich viel zu sehr.“ Er klang weiterhin ruhig bei seinen Worten, aber auf seiner Stirn erschien eine steile Falte.

Cameron lehnte sich zurück. Sie seufzte. „Ja, ich weiß.“

Ramon betrachtete sie noch einen Augenblick. Dann erhob er sich. Mit bedächtigen Bewegungen begann er sein Hemd aufzuknöpfen. Er entblößte eine muskulöse, alabastern farbende Brust.

Cameron schüttelte den Kopf.

„Du musst trinken“, entgegnete er auf ihren stummen Widerstand und betonte dabei jedes Wort. Er streckte ihr eine Hand entgegen, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Cameron machte keine Anstalten, sie zu ergreifen.

„Wenn du Cécile wirklich beruhigen willst, musst du dein Hungern sein lassen.“ Noch immer hielt Ramon ihr die Hand hin.

Sie gab sich geschlagen. Sie ließ sich von ihm auf die Füße helfen und trat an ihn heran. Mit einer Hand an den Kragen seines Hemdes greifend, strich sie diesen beiseite, um sein Schlüsselbein frei zu legen. Ihr Magen knurrte laut und vernehmlich. Ramon reagierte darauf mit einem schiefen Grinsen. Cameron eine Hand in den Nacken legend, zog er sie näher an sich heran.

Sie legte ihre Lippen, die sich noch über ihrem menschlichen Gebiss spannten, um sein rechtes Schlüsselbein. Erst dann verwandelte sie sich. Ihre Zähne wuchsen zu denen eines Raubtieres hervor und bohrten sich in die zarte Haut über dem Knochen. Süß-würziges Blut quoll in ihren Mund.

3. Kapitel

Geschichte

In ungefähr einer Stunde würde die Sonne untergehen. Schon eine ganze Weile stand Cameron im Schatten eines weit ausladenden Baumes und beobachtete Jacks Haus auf der anderen Straßenseite. Für sie war es von wenig Bedeutung, ob die Sonne noch am Horizont stand oder nicht. Dank ihres menschlichen Erbes konnte die Sonne ihr nicht mehr anhaben, als jedem anderen Menschen mit sehr heller Haut nicht auch. Zumindest solange sie sich vernünftig ernährte und unverletzt war. Das änderte allerdings nichts daran, dass sie sich nicht besonders gerne im Sonnenlicht bewegte.

Heute hatte sie sich trotzdem schon früh aus dem Haus begeben. Ramon und Cécile schliefen noch. Was Cameron nur Recht war. So würde sie noch bis zum nächsten Morgen Zeit haben, sich zu überlegen, was sie den beiden sagen wollte, wo sie so früh hin verschwunden war. Denn eins war klar: sie würde ihnen bestimmt nicht sagen, dass sie den ganzen Nachmittag damit verbracht hatte, vor irgendeinem Haus herum zu lungern. Noch dazu vor dem Haus eines menschlichen Jungen, dem sie das Leben gerettet und dessen wegen sie sich gestern mit drei Vampiren angelegt hatte. Cécile würde vermutlich einen hysterischen Anfall bekommen, wenn sie das hörte. Zumal Cameron ihr keinen guten Grund geben konnte, warum sie hier war.

Die Tasche, die sie gestern im Park aufgelesen hatte, war der Anlass für Cameron gewesen, zu dem Jungen nach Hause zu fahren. Obwohl sie sich noch nicht sicher war, ob sie sie ihm zurückgeben sollte – denn dann hätte sie schließlich wieder Kontakt zu ihm aufgenommen und wollte sie das wirklich? – so war die Tasche doch genug Vorwand gewesen, hierher zu kommen. Ihre Unentschlossenheit hielt sie davon ab, mehr zu tun, als ihren Wagen einige Häuser entfernt abzustellen und die Straße ein paar Mal auf und ab zu gehen, bis sie schließlich unter dem Baum stehen geblieben war. Die Straße war wenig genug belebt, dass sie keine Aufmerksamkeit auf sich zog, denn es gingen kaum mehr als zwei Leute an ihr vorbei, die sie hätten bemerken können. Und so stand sie seit nunmehr zwei Stunden völlig reglos hier, den Blick auf Jacks Haus gerichtet.

Es war ein kleines Vorstadthaus, welches durch einen winzigen Vorgarten von der Straße getrennt wurde. Hin und wieder konnte Cameron eine Frau in mittlerem Alter an einem der Fenster, hinter dem offenbar die Küche lag, vorbei gehen sehen. Einmal blieb sie länger an dem Fenster stehen und blickte hinaus. Ihre Züge wirkten entspannt und ihr Blick abwesend. Cameron war sich sicher, dass die Frau – vermutlich war es Jacks Mutter – sie nicht unter ihrem Baum bemerkte und wenn doch, dann zumindest nichts Ungewöhnliches darin sah, dass Cameron hier stand.

Während sie die Frau beobachtete, schweiften ihre Gedanken ab – sie hatte schließlich auch sonst nichts anderes zu tun. Sie musste an ihre eigene Mutter denken. Nie hatte sie die Frau kennen gelernt, die sie zur Welt gebracht hatte. Cameron wusste nicht einmal, wie sie ausgesehen hatte. Ihrem Vater zufolge hatte sie selbst ihre Mutter nur wenige Minuten nach der Geburt getötet, da es ihr anstatt nach Milch nach Blut gedurstet und sie dieses Verlangen an ihrer Mutter gestillt hatte – einer von vielen Gründen mit sich und ihrer Existenz im Zwist zu liegen. Es gab keine Gemälde von ihrer Mutter, anhand derer Cameron sich ein Bild von ihr hätte machen können. Und ihr Vater weigerte sich, ihr eine Beschreibung von ihr zu geben. Er behauptete, dass er sich nicht daran erinnern könne, wie sie ausgesehen hatte. Und das war nicht einmal so abwegig. Menschen waren es für ihren Vater nie Wert gewesen, dass man sie sich als einzelnes Individuum merkte, es sei denn, sie hatten in irgendeiner Art und Weise seine Aufmerksamkeit so erweckt, dass er sie zu einem Vampir verwandeln wollte.

So hatte Cameron sich mit ihrer Fantasie behelfen müssen. Und über die Jahre hatte sie ihre Mutter fast ins Göttliche verklärt. Sie stellte sie sich als engelhafte Erscheinung vor, lieblich, sanftmütig und makellos.

Plötzlich erschien ein warmes Lächeln auf den Zügen der Frau hinter dem Fenster. Cameron löste ihren Blick von deren Gesicht. Erst dann sah sie, dass Jack in diesem Moment die inzwischen dunkel gewordene Straße herunterkam und auf das Grundstück seines Elternhauses einbog. Sein kurzes, blondes Haar glänzte nass und seine Kleidung ließ darauf schließen, dass er beim Sport gewesen war. Seine lässige Art sich zu bewegen passte zu seiner hohen, schmalen Gestalt. Cameron schätzte sein Alter auf noch unter zwanzig. Seine Schultern begannen erst, breiter zu werden, aber noch verrieten sie ihn als Jugendlichen.

Noch ehe sie wirklich wusste, was sie tat, konnte sie sich selbst dabei beobachten, wie sie unter dem Baum hervortrat und mit schnellen Schritten die Straße überquerte.

„Jack“, rief sie ihn an. Na toll. Soviel dann also dazu, dass sie sich nicht sicher war, ob sie wieder Kontakt zu ihm aufnehmen wollte.

Er drehte sich verwundert zu ihr um. Als er sie unter dem Licht einer Straßenlaterne erkannte, erhellte ein breites Lächeln seine Züge. Er schien überrascht, sie hier anzutreffen – natürlich! Cameron war ja selber überrascht, dass sie sich ihm zeigte – doch eindeutig erfreut über das Wiedersehen.

„Cameron“, begrüßte er sie strahlend.

Sie streifte sich den Gurt der Tasche, die über ihrer Schulter hing, über den Kopf und streckte ihm diese entgegen.

Er war so verblüfft, dass er sie ihr nicht abnahm. Erst mit einiger Verzögerung sagte er: „Das ist ja meine Tasche.“

Cameron nickte wortlos.

„Wo – wo haben Sie die denn her?“, wollte er wissen. Noch immer machte er keine Anstalten, ihr die Tasche abzunehmen.

Das war wirklich eine gute Frage! Cameron fiel erst jetzt auf, wo er dies sagte, dass sie ihm absolut keine vernünftige Erklärung dafür bieten konnte, wie sie an seine Tasche gekommen war. Sie konnte ihm schlecht sagen, dass sie gestern Nacht, nachdem sie ihn abgesetzt hatte, nochmals zu dem Park zurück gefahren war. Er war dort von drei Verrückten auf Leben und Tod verfolgt worden und sie hatte nichts Besseres zu tun, als sich als nächstes Opfer anzubieten? Außerdem hätte das noch lange nicht erklärt, wie sie ausgerechnet seine Tasche mitten im Park sofort gefunden hatte.

In Ermangelung eines anderen Einfalls zuckte Cameron lediglich mit den Schultern. Als er sie nur weiterhin mit offenem Mund anstarrte, meinte sie: „Willst du sie nicht zurückhaben?“

Das schien ihn wieder etwas zu sich zu bringen. „Doch… Natürlich.“ Etwas ungeschickt griff er nach der Tasche, Cameron weiterhin fragend anblickend.

Aber ehe sie in die Verlegenheit geraten konnte, ihm doch noch erklären zu müssen, wie sie in deren Besitz gekommen war, ging die Haustür auf und Jacks Mutter erschien darunter.

„Jack?“ Sie klang fragend und sah verwundert zwischen ihm und Cameron hin und her.

In seine Augen trat ein nahezu gehetzter Ausdruck. Es war offensichtlich, dass er seiner Mutter von der gestrigen Begegnung nichts erzählt hatte und es ihm auch nicht sehr recht wäre, wenn sie jetzt davon erführe.

Und auch wenn das Cameron völlig egal hätte sein können, setzte sie ihr gewinnendstes Lächeln auf und wandte sich der Frau zu. Mit ein paar wenigen Schritten brachte sie die Entfernung zwischen ihnen hinter sich und streckte die rechte Hand zur Begrüßung aus.

„Guten Abend. Mein Name ist Cameron“, stellte sie sich in munterem Tonfall vor.

Die Frau wirkte noch immer verwundert, aber sie ergriff die ihr dargebotene Hand und schüttelte sie.

„Elisa Ribbon“, entgegnete sie. „Ich bin Jacks Mutter.“

„Schön Sie kennen zu lernen. Jack hat schon einiges von Ihnen erzählt.“ Die Lüge kam Cameron glatt über die Lippen.

Mrs. Ribbon zog eine Augenbraue hoch. „Hat er das?“ Sie klang skeptisch und als sie Jack ansah, stand in ihrem Blick Misstrauen.

Cameron konnte sich denken, was die Frau vermuten musste. Dass sie vielleicht eine verheimlichte Freundin von Jack war. Es wäre amüsant, sich anzusehen, wie Jack sich da wieder rausreden würde, aber Cameron blieb großzügig und ließ sich weiter zu seiner Hilfe herab.

„Hat Ihnen Jack nichts von der Diskussionsgruppe erzählt, an der er teilnimmt?“, wollte sie unschuldig wissen und ihre gespielte Überraschung klang perfekt.

Die Augenbrauen von Jacks Mutter ruckten noch ein Stück höher. „Nein.“

„Ich organisiere ein Geschichtskolloquium. Jack ist erst seit drei Wochen mit dabei“, erklärte Cameron.

„Tatsächlich?“ Die Skepsis der Frau war noch immer deutlich zu hören. „Sind Sie eine Schülerin an der gleichen Schule?“

Cameron begegnete dem aufmerksam musternden Blick der Frau unbekümmert. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin Studentin. Die Diskussionsgruppe ist Teil meines Extracurriculums.“

Mrs. Ribbon schien noch nicht ganz überzeugt. „Und was machen Sie jetzt hier?“, hakte sie nach.

Cameron zuckte leicht mit der Schulter. „Jack hatte gestern seine Tasche liegen lassen und ich war gerade in der Gegend. Da habe ich sie ihm zurückgebracht.“ Bei diesen Worten deutete sie auf das Beweisstück, das Jack noch immer etwas perplex in den Händen hielt.

Seine Mutter runzelte die Stirn. „Ich dachte, du seist gestern in der Stadt gewesen?“

Ehe Jack darauf eine Antwort geben konnte, wandte Cameron sich an ihn: „War es das, wovon ich dich abgehalten habe?“ Ihre Miene drückte eine Entschuldigung aus. Dann drehte sie sich wieder zu Mrs. Ribbon. „Ich habe Jack gestern festgequatscht. Wir hatten uns an einem Punkt die Köpfe heiß diskutiert. Ich kann bei sowas sehr hartnäckig sein.“ Sie gab ein leises, verlegenes Lachen von sich.

Jack starrte Cameron mit offenem Mund an. Er fragte sich, ob sie tatsächlich zum College ging und dort ein solches Kolloquium hielt. Denn sie log seine Mutter mit einer solchen Abgebrühtheit an, dass sie sogar beinahe ihn von ihrer Geschichte überzeugen konnte – und das obwohl er schließlich genau wusste, dass es ganz und gar nicht eine Diskussionsgruppe war, über die sie sich kennen gelernt hatten.

Auch seine Mutter schien sich von Camerons Art nun um den Finger wickeln zu lassen. Denn plötzlich erschien ein entspanntes Lächeln auf ihren Zügen.

„Das ist aber freundlich von Ihnen, die Tasche vorbei zu bringen.“ Sie zögerte kurz, dann setzte sie hinzu: „Möchten Sie vielleicht zum Essen bleiben? Es ist gerade fertig. Mein Mann würde sicherlich ebenfalls gerne von Jacks Geschichtsinteresse erfahren.“ Bei diesen Worten warf sie ihrem Sohn einen Blick zu, der Cameron deutlich machte, dass sie sich das falsche Thema für ihre Diskussionsgruppe hatte einfallen lassen. Jack war bis zu diesem Zeitpunkt ganz offensichtlich kein Geschichtsfanatiker gewesen. Aber sie hatte ja auch schließlich völlig ins Blaue tippen müssen. Dass sie dabei das sprichwörtliche Schwarze nicht getroffen hatte, war jetzt nicht mehr zu ändern.

Cameron lächelte etwas scheu als Antwort auf das Angebot. „Ich möchte Ihnen keine Umstände machen.“

„Ach was, es ist genug für alle da“, winkte Jacks Mutter ab, die Camerons Charme scheinbar völlig verfallen war.

Drinnen in der Küche wurden sie bereits von Jacks Vater erwartet. Dieser reagierte zunächst ähnlich wie seine Frau auf Camerons Erscheinen, doch auch er unterlag sehr bald deren Überzeugungskraft. Während sie sich bei dem Auftragen des Essens nützlich machte, war Jack noch viel zu überrascht von dem unerwarteten Lauf der Ereignisse, als dass er eine große Hilfe gewesen wäre.

Auch während des Essens blieb er ungewöhnlich schweigsam, während seine Eltern und Cameron sich in ein Gespräch vertieften.

„Sie sind also Studentin“, wiederholte Mr. Ribbon, um das Gespräch zu eröffnen.

Cameron nickte, während sie sich scheinbar genüsslich etwas von dem Kartoffelgratin in den Mund schob. Das Essen war tatsächlich köstlich, aber ihr Appetit war praktisch nicht vorhanden. Ramon hatte sie gestern gut genährt. Für die nächsten Tage würde sie kaum Bedürfnis nach Nahrung haben und erst recht nicht nach menschlicher. Aber das konnte sie hier schließlich niemandem erklären. Und so griff sie beim Essen so zu, wie es sich für einen normalen Menschen, der noch nichts zu Abend gegessen hatte, gehörte.

„Ja“, entgegnete sie, nachdem sie ihren Bissen heruntergeschluckt hatte. „Ich studiere Kulturgeschichte.“

„Sie sagten, Sie seien in der Nähe gewesen?“, schaltete Jacks Mutter sich ein. Cameron musste ein Lächeln unterdrücken, als sie wieder leichtes Misstrauen in der Stimme der Frau hörte. Scheinbar glaubte sie zwar Camerons Geschichte, aber das schloss schließlich eine Beziehung zwischen Jack und ihr nicht aus.

„Ich wohne nicht weit von hier entfernt“, gab sie bereitwillig Auskunft.

„Sie leben nicht auf dem Campus?“ Mr. Ribbon war überrascht. Cameron wusste, dass die meisten Studenten eher in den Wohngebäuden ihrer Colleges lebten. Aber sie hatte sich entschlossen, möglichst nah an der Wahrheit zu bleiben. Sonst würde sie sich über kurz oder lang vielleicht in ihren erfundenen Details selbst nicht mehr zu Recht finden und sie wusste schließlich nicht, wie lange sie sich noch mit Jacks Eltern unterhalten würde.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich teile mir mit Freunden eine Wohnung.“

„Und worüber haben Sie denn gestern mit unserem Sohn diskutiert?“, kam auch schon die nächste Frage.

Cameron blickte hinüber zu Jack in der Hoffnung, dass er darauf eine Antwort geben würde. Sie hätte sich natürlich etwas einfallen lassen können, aber es wäre doch sehr unangenehm, wenn sich bei weiteren Fragen herausgestellt hätte, dass er nichts zu einem Thema zu sagen wusste, über dass sie sich gestern angeblich ausgiebig unterhalten hatten.

Dieser verschluckte sich an seinem Essen, als sich plötzlich drei Augenpaare fragend auf ihn richteten. Er musste husten. Er nutzte einen großen Schluck Wasser, um sich eine Antwort zu überlegen. Was zum Teufel sollte er dazu sagen? Er hatte nicht die leiseste Ahnung von Geschichte. Und nun sollte ihm auf die Schnelle ein Diskussionsthema einfallen, über das es hitzige Debatten zu führen gab?

„Ähm, also…“, stotterte er unwohl.

Cameron musste innerlich die Augen verdrehen. Na, er war ja eine große Hilfe. Sie log hier das Blaue vom Himmel, um seinen Hausfrieden zu bewahren, und er konnte nicht mal eine mickrige Antwort geben.

Endlich fiel Jack etwas ein. „Indianerkriege“, platzte es etwas zu eifrig aus ihm heraus, so froh war er, eine Antwort gefunden zu haben.

Cameron sprang helfend für ihn ein, um das genauer auszuführen. „Ja, es ging um die Frage, inwiefern die amerikanische Regierung noch heute für die Indianerkriege und den damit einhergegangenen Landesenteignungen zur Rechenschaft gezogen werden kann. Ob die heutigen Indianer einen weiterhin berechtigten Anspruch darauf haben, alte Länder zurückzufordern und wozu es führen könnte, wenn es zu großangelegten Wiedergutmachungsmaßnahmen käme.“

Jacks Eltern schienen überrascht zu sein.

„Darüber hast du diskutiert?“ Ungläubig musterte Mr. Ribbon seinen Sohn.

Der zuckte nur mit den Schultern und tat, als sei er ganz und gar mit dem Schneiden seines Fleischstückes beschäftigt.

„Jack hat mir bisher noch nicht erzählt, was ihn dazu angetrieben hat, an dem Kolloquium teilzunehmen“, lenkte Cameron die Aufmerksamkeit zurück auf sich, um Jack aus der Verlegenheit zu helfen. Denn er hatte ganz offensichtlich nicht viel Ahnung von dem, was sie gerade als Diskussionsthema vorgeschlagen hatte.

„Hat er sein Interesse an Geschichte von Ihnen?“ Fragend blickte Cameron zwischen Jacks Eltern hin und her.

„Ich habe unter anderem Geschichte studiert“, gab Mrs. Ribbon an.

„Tatsächlich!“, rief Cameron aus, als sei sie von diesem Umstand völlig fasziniert. Sie gemahnte sich in Gedanken, nicht ganz so dick aufzutragen. Um ihren Enthusiasmus zu erklären, setzte sie hinzu: „Meine Mutter hat auch Geschichte studiert.“

Mrs. Ribbon lächelte sachte aufgrund Camerons Begeisterung. „Arbeitet sie in diesem Bereich?“, informierte sie sich.

Cameron ließ den Blick fallen. Der Schmerz, der auf ihrem Gesicht erschien, war nicht nur gespielt. „Meine Eltern sind schon vor einigen Jahren gestorben.“

Einmal mehr musste Cameron daran denken, wie sehr sie sich immer gewünscht hatte, ihre Mutter gekannt zu haben. Aber dann zwang sie sich dazu, mit ihren Gedanken im Hier und Jetzt zu bleiben.

Auf ihre Aussage hin entstand ein betretendes Schweigen. Eine Weile, die ihr als angemessen erschien, stocherte Cameron mit weiterhin gesenktem Blick in ihrem Essen herum und ließ einen Ausdruck auf ihrem Gesicht erscheinen, als würde sie ihres schmerzlichen Verlustes gedenken. Dann räusperte sie sich umständlich. „Nun ja –“ Sie unterbrach sich mit einem weiteren Räuspern. „Und arbeiten Sie in Ihrem Fach?“ Sie schaute wieder auf und zeigte ein noch etwas gezwungen wirkendes Lächeln.

Sie begegnete dem mitfühlenden Blick von Jacks Mutter. Diese schien Camerons aufgelegtes Bedürfnis danach, nicht weiter von ihren Eltern zu reden, zu verstehen. Sie schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich habe mich als Hausfrau und Mutter zufriedengegeben“, erklärte sie und es war kein Bedauern in ihrer Stimme zu hören. Sie schien damit tatsächlich im Reinen zu sein.

Danach aßen sie einige Minuten in Schweigen und Cameron war froh darüber. Je weniger sie sich ausdenken musste, desto besser. Dass ihr Handy, welches in ihrem Mantel im Flur steckte, die aus der Gesprächspause entstandene Stille dann jedoch laut und vernehmlich unterbrach, war ihr mehr als unangenehm. Hätten sie sich noch unterhalten, wäre das Klingeln vielleicht etwas weniger aufgefallen. Aber so schrillte es durch die eingekehrte Ruhe wie eine Sirene.

Beinahe verschluckte sie sich an ihrem Bissen. Der verlegene Blick, den sie in die Runde warf, war nicht nur Maskerade.

„Entschuldigung“, brachte sie unwohl hervor. Aber Jacks Eltern schienen ihr die Störung nicht übel zu nehmen.

„Kein Problem. Bestimmt habe ich Sie mit meiner Essenseinladung von Ihren eigentlichen Plänen abgehalten. Ich sollte mich also entschuldigen“, entgegnete Mrs. Ribbon mit einem freundlichen Lächeln, das ganz eindeutig darauf abzielte, Cameron über ihre Verlegenheit hinweg zu helfen.

Als diese keine Anstalten machte, aufzustehen, fügte Jacks Mutter hinzu: „Wollen Sie nicht dran gehen?“

Cameron schüttelte den Kopf. „Nein, es wird gleich aufhören zu klingeln.“ Und als hätte das Handy ihre Worte verstanden, verstummte es in diesem Augenblick. Das erleichterte Lächeln, welches daraufhin auf ihren Zügen erschien, erstarrte dort wie festgefroren, als nur wenige Sekunden später das Handy erneut auf piepte, diesmal um den Erhalt einer Kurznachricht zu melden.

„Vielleicht sollte ich doch mal schauen…“ Cameron ließ den Satz ins Leere verklingen und stand umständlich von ihrem Stuhl auf. Raschen Schrittes ging sie in den Flur hinaus. Dort fischte sie ärgerlich nach ihrem Handy in den Taschen ihres Mantels.

Ramon braucht Nahrung. Wir sind jagen. Triffst du uns? Oder vielleicht später im Club?, las sie Céciles Nachricht. Schon wollte sie die Antwortfunktion aufrufen, doch dann ließ sie es mit einem Schulterzucken sein. Cécile würde es schon auffallen, wenn sie nicht in deren bevorzugtem Tanzclub auftauchen würde.

Eigentlich hätte sie Céciles Einladung annehmen sollen. In der letzten Zeit hatten sie zu wenig miteinander unternommen. Cameron hatte sich größtenteils zu Hause in Büchern oder Musik vergraben. Aber ihr war derzeit nicht nach gesellschaftlicher Aktivität. Sie war einfach nicht in Beststimmung. Und da zog sie sich meistens zurück.

Andererseits kam ihr Céciles Nachricht nun gelegen, obwohl sie genau wusste, dass sie mit ihrem Fernbleiben nur wieder Céciles Besorgnis provozieren würde. Doch noch als Cameron die wenigen Schritte zur Küche zurück machte, fiel ihr ein, dass ihr die Nachricht einen guten Vorwand gab, sich unkompliziert einem weiteren Gespräch zu entziehen. Denn Jacks Eltern konnten schließlich nicht wissen, was man von ihr wollte, und so konnte Cameron angeben, dass ihre Anwesenheit verlangt wurde. Dadurch würde sie sowohl dem Essen entkommen – jeder Bissen war ihr schwerer gefallen – als auch einer weiteren Befragung.

Sie legte einen besorgten Gesichtsausdruck auf, als sie die Küche wieder betrat.

„Ich muss mich leider verabschieden. Meine Mitbewohnerin hat sich mit ihrem Freund gestritten und ist völlig fertig.“ Der Tonfall, den Cameron wählte, machte deutlich, dass es ernst war. „Das Essen war köstlich. Es tut mir leid, dass ich nicht für einen Nachschlag bleiben kann“, fügte sie hinzu.

Jack schien über ihre Worte erleichtert. Scheinbar hatte auch er einer weiteren Befragung von Cameron nicht glücklich entgegengesehen. Er erhob sich hastig.

„Bist du mit dem Auto?“, wollte er wissen und entschloss sich zu einem vertraulichen Tonfall. Schließlich waren sie zusammen in einer Diskussionsgruppe und sie hatte ihn gestern den ganzen Abend mit ihren Indianerkriegen aufgehalten…

Als sie nickte, bot er an: „Ich begleite dich noch hin, okay?“

Er sah sehr wohl den vielsagenden Blick, den seine Eltern sich zuwarfen, aber er entschloss sich, das zu ignorieren. Er musste sich unbedingt bei Cameron dafür bedanken, dass sie ihm aus der Klemme geholfen hatte – schon wieder – und da war es ihm auch gleich, was seine Eltern dachten.

Im Flur half er Cameron in ihren bodenlangen Mantel. Er kam nicht umhin zu bewundern, wie sich der smaragdgrüne Samtstoff wie eine zweite Haut um ihre schmale Gestalt schmiegte. Es konnte sich nur um einen maßgeschneiderten Mantel handeln. Anders war es für Jack nicht zu erklären, wie das Kleidungsstück so perfekt jede winzige Linie von Camerons Körper genau auf die richtige Art und Weise unterstreichen konnte.

Das erste Mal kam er dazu, Cameron wirklich zu mustern. Gestern Nacht hatte ihm der Schock viel zu tief in den Gliedern gesessen, als dass er dazu im Stande gewesen wäre, sich seine Retterin genauer anzusehen. Und heute war die unangenehme Situation, in der sie sich befunden hatten, weil Jack seinen Eltern nicht unbedingt hatte erzählen wollen, dass er gestern um sein Leben hatte fürchten müssen, auch nicht gerade dazu angetan gewesen, Cameron angemessen zu bewundern. Dafür fiel ihm ihre Schönheit jetzt nur umso mehr ins Auge.

Unter ihrem Mantel trug sie nur schwarz. Eine sportliche Bluse mit silbernen Druckknöpfen, die sich eng an ihren Oberkörper legte und einen geradezu atemberaubenden Blick auf ihr Dekolleté erlaubte – nun gut, das war Jack auch schon am Essenstisch aufgefallen, da er Cameron genau gegenübergesessen hatte. Und ihrer Hose mit enganliegendem Oberschenkel aber weit ausgestelltem Unterbein gelang es beinahe noch besser als der Bluse, Camerons weibliche Kurven hervorzuheben. Sie war vielleicht 1,75 m groß und auf eine Art schlank, die vermuten ließ, dass sie Sport trieb. Denn ihre Figur wirkte trotz der femininen Note durchtrainiert und sie bewegte sich mit einer Eleganz, die auf eine hervorragende Körperbeherrschung schließen ließ.

Cameron begegnete Jacks musterndem Blick mit einer hochgezogenen Augenbraue und einem Lächeln, welches besagte, dass ihr völlig klar war, dass er gerade jedes noch so winzige Detail ihrer wohlgeformten Gestalt in sich eingesogen hatte. Ihm schoss das Blut in die Wangen, aber da drehte sie sich auch schon um und öffnete die Tür.

Draußen hatte es sich inzwischen merklich abgekühlt. Nach vielleicht dem letzten warmen Tag in diesem Jahr war nun, da die Sonne völliger Dunkelheit gewichen war, der nahende Winter zu spüren. Jack konnte das in diesem Moment nur recht sein. Schweigend ging er neben Cameron her, die mit wenigen Schritten den Vorgarten verließ und dann nach rechts abbog. Er hielt nach ihrem Auto Ausschau, konnte es aber in der Dunkelheit nirgendwo entdecken. Kurz blickte er zurück zur Haustür. Diese blieb weiterhin geschlossen. Gut, seine Eltern würden sie also nicht hören können.

„Ich muss mich bei dir bedanken – schon wieder“, sagte er und in seiner Stimme schwang so viel aufrichtige Erleichterung mit, dass er Cameron damit ein leises Lachen entlockte.

„Kein Problem. Ich wollte dich mit meinem Auftauchen hier nicht in Schwierigkeiten bringen“, entgegnete sie und das Lächeln, das sie ihm zuwarf, ließ ihn vergessen, dass er keine Jacke trug, um sich vor der winterlichen Luft zu schützen.

Er musste sich sehr konzentrieren, die nächsten Worte zu einem zusammenhängenden Satz zu strukturieren. „Es war einfach unglaublich, wie du meine Mutter von unserer Diskussionsgruppe überzeugt hast“, brachte er etwas langsamer als üblich hervor.

Cameron machte eine wegwerfende Geste. „Ich kann schon verstehen, warum deine Mutter nicht wissen sollte, wie wir uns tatsächlich kennen gelernt haben.“

Prüfend blickte Jack zu ihr hinüber. „Organisierst du tatsächlich ein Geschichtskolloquium?“

„Ich gehe nicht mal zum College“, gestand sie ihm.

Jack fiel die Kinnlade herunter. Das war also auch erfunden gewesen? Man, sie war gut. Wirklich gut.

„Du hättest beinahe sogar mich überzeugt, dass ich plötzlich zum Geschichtsfanatiker mutiert bin“, entgegnete er lachend.

Sie reagierte ebenfalls ausgelassen.

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