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Callboys – Die Schönen der Nacht

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Megan Hart

Callboys – Die Schönen der Nacht

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Ira Severin

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ÜBER DIE AUTORIN

Megan Hart ist die gefeierte Autorin von über dreißig erotischen Romanen und Novellen, darunter Dirty, Broken (Beichte eines Verführers) und der Bestseller Tempted (Hot Summer). Megan Hart lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in den tiefen dunklen Wäldern Pennsylvanias und arbeitet zurzeit an einemweiteren erotischen Roman.

Sie können mit Megan Hart über ihre Website www.meganhart.com Kontakt aufnehmen.

DANKSAGUNGEN

Mein besonderer Dank gilt Steve Kreamer vom Kreamer Funeral Home in Annville, Pennsylvania, dafür, dass er in meine Highschool-Klasse gekommen ist und mich dazu angeregt hat, über eine berufliche Laufbahn als Bestatterin nachzudenken. Danke auch für die Zeit, die Sie mir Jahre später gewidmet haben, um mir begreifen zu helfen, wie es wirklich ist, in diesem Beruf zu arbeiten. Alles, was ich richtig schildern konnte, habe ich ihm zu verdanken – sämtliche Fehler sind allein mir zuzuschreiben.

Für die Bootsquad, für die Kritik und die Verrücktheiten.

Für die Maverick Authors, aus denselben Gründen.

Für Jared, dafür, dass er mir ans Herz gewachsen ist.

Und, wie immer und stets, für DPF,

weil ich das hier ohne dich tun könnte,

aber ich bin unheimlich froh, dass ich das nicht muss.

1. KAPITEL

Ich war auf der Suche nach einem Unbekannten.

Das Fishtank zählte nicht zu meinen Stammlokalen. Es war vor Kurzem renoviert worden und versuchte nun, mit einem Haufen neu eröffneter Bars und Restaurants im Zentrum von Harrisburg zu konkurrieren. Doch obwohl das tropische Ambiente und die Aquarien hübsch und die Drinks preiswert waren, lag das Fishtank zu weit von der eigentlichen Restaurantmeile entfernt, um mithalten zu können. Es bot allerdings etwas, das die anderen, neueren Bars nicht hatten, und zwar ein Hotel im selben Gebäude. Im Fishtank kannst du dir immer jemanden „angeln“, pflegten die Singles unter dreißig aus Pennsylvania untereinander zu scherzen. Oder jedenfalls ich, und ich war unter dreißig. Und zum Glück und mit voller Absicht Single.

Während ich meinen Blick suchend durch den Raum schweifen ließ, schlängelte ich mich durch die eng beieinanderstehenden Tische in Richtung Bar. Das Fishtank war zum Bersten voll mit Menschen, die ich nicht kannte. Einer von ihnen würde der perfekte Unbekannte sein. Mit der Betonung auf perfekt.

Bis jetzt hatte ich ihn noch nicht entdeckt, aber mir blieb noch genügend Zeit. Ich setzte mich an die Bar. Mein schwarzer Rock rutschte ein wenig nach oben, und meine Strümpfe, die an einem Hüftgürtel aus zarter Seide befestigt waren, glitten raschelnd über den Lederbezug des Hockers. Das erregende Gefühl dieser Berührung kroch an meinen Schenkeln herauf, die über dem Rand der Strümpfe nackt waren. Mein Höschen, aus noch dünnerer Seide als die Strapse, rieb sich an meiner Haut, als ich ein wenig auf der Sitzfläche herumrutschte.

„Tröegs Weißbier“, bestellte ich beim Barkeeper, der mir mit einem kurzen Nicken eine Flasche hinstellte.

Verglichen mit den meisten Frauen, die sich an diesem Abend im Fishtank aufhielten, war ich konservativ gekleidet. Mein elegant geschnittener schwarzer Rock endete knapp über den Knien, und meine Seidenbluse betonte meine Figur, doch zwischen all den tief auf den Hüften sitzenden Jeans und den T-Shirts, die den Nabel unbedeckt ließen, den Spaghettiträgern und den billig wirkenden High Heels fiel ich auf. Auf genau die Art, wie ich es beabsichtigte.

Ich nippte an meinem Bier und schaute mich um. Wer würde es sein? Wer würde mich heute Abend mit nach oben nehmen? Wie lange musste ich noch warten?

Offensichtlich nicht mehr lange. Der Hocker neben meinem war leer gewesen, als ich mich gesetzt hatte, doch nun ließ sich ein Mann darauf nieder. Unglücklicherweise war es der falsche Mann. Es war ein Fremder, ja, aber es war nicht der Unbekannte, auf den ich wartete. Der Typ hatte blonde Haare und eine Lücke zwischen den Vorderzähnen. Er war süß, aber definitiv nicht das, was ich wollte. Zu dumm, dass er außerdem einen Wink mit dem Zaunpfahl nicht verstand.

„Nein, danke“, erwiderte ich, als er mich zu einem Drink einlud. „Ich warte auf meinen Freund.“

„Du wartest keineswegs auf deinen Freund“, erklärte er mit unerschütterlichem Selbstvertrauen. „Das behauptest du nur. Komm, ich geb einen aus.“

„Ich habe bereits etwas zu trinken.“ Seine Hartnäckigkeit war durchaus beeindruckend, aber ich war nicht gekommen, um mich von einem Studenten abschleppen zu lassen, der glaubte, es sei im höchsten Maße humorvoll, „von wegen“-Witze zu machen.

„Okay. Dann lasse ich dich jetzt in Ruhe.“ Kurze Pause. „Von wegen.“

Er lachte und schlug sich dabei auf den Schenkel. „Na komm schon. Ich geb einen aus.“

„Ich …“

„Versuchst du gerade, mein Date anzubaggern?“

Der Student und ich wandten uns um, und im nächsten Moment fiel uns beiden die Kinnlade nach unten. Allerdings aus unterschiedlichen Gründen, da bin ich mir ziemlich sicher. Er war wahrscheinlich erstaunt, dass er mit seiner Vermutung unrecht gehabt hatte. Ich war einfach nur entzückt.

Der Mann, der neben mir stand, hatte das dunkle Haar und die blauen Augen, nach denen ich Ausschau gehalten hatte. Den Ohrring. Die Jeans, die an genau den richtigen Stellen hauteng saßen, und das weiße T-Shirt mit der Lederjacke darüber. Obwohl ich auf einem hohen Barhocker saß, überragte er mich. Ich schätzte, dass er mindestens einen Meter fünfundneunzig maß, wenn nicht mehr.

Sehr, sehr gut.

Mein Unbekannter machte eine Handbewegung, als würde er den Studenten wegwischen. „Na los. Nun geh schon.“

Der Student, das musste man ihm lassen, wusste, wann er verloren hatte. Er grinste und rutschte von seinem Hocker. „Tut mir leid, Kumpel. Es ist ja wohl verständlich, dass ich es versucht habe. Oder etwa nicht?“

Mein Unbekannter wandte den Kopf, um mich anzusehen, und sein strahlend blauer Blick glitt von oben nach unten über jeden Zentimeter meines Körpers, bevor er antwortete. „Ja.“ Er klang, als würde er gründlich nachdenken. „Sieht so aus, als könnte ich es dir tatsächlich nicht zum Vorwurf machen.“

Damit setzte sich mein Unbekannter auf den frei gewordenen Platz. Er streckte mir die rechte Hand entgegen, in der linken hielt er ein Glas dunkles Bier. „Hi. Ich bin Sam. Wenn du jetzt einen Scherz mit Sam und plemplem machst, kannst du gleich wieder rüber zu dem Idioten gehen.“

Sam. Der Name passte zu ihm. Bevor er ihn mir genannt hatte, hätte er sonst wie heißen können, aber nachdem er sich vorgestellt hatte, schien es mir, als käme nur dieser Name infrage.

„Grace.“ Ich schüttelte die Hand, die er mir hinhielt. „Nett, dich kennenzulernen.“

„Was trinkst du, Grace?“

„Tröegs Weißbier“, sagte ich und hob meine Flasche.

„Wie schmeckt das?“

Ich nahm einen kleinen Schluck. „Weiß.“

Sam hob sein Glas. „Ich trinke Guinness. Das hat entschieden mehr Farbe. Lass mich dir eins ausgeben.“

„Ich habe mein Bier noch nicht ausgetrunken“, erklärte ich, doch dieses Mal mit einem Lächeln, das ich dem Studenten nicht geschenkt hatte.

Sam hängte sich in die Sache rein. „Na los, Grace. Von Guinness bekommst du Haare auf der Brust.“

„Igitt. Sehe ich aus, als wäre ich wild auf Haare auf meiner Brust?“

Demonstrativ beäugte Sam die Vorderseite meiner Bluse. „Ohne die Brust gesehen zu haben, von der hier die Rede ist, kann ich dazu nichts sagen, fürchte ich.“

Ich lachte. „Geeenau! Da musst du dir schon etwas anderes ausdenken.“

Sam machte dem Barkeeper ein Zeichen und bestellte zwei weitere Flaschen Weißbier. „Auf Vorrat. Wenn du das da ausgetrunken hast.“

Ich nahm die zweite Flasche nicht an. „Ich kann wirklich nicht. Ich habe Bereitschaftsdienst.“

„Bist du Ärztin?“ Sam kippte den Rest Bier aus seinem Glas herunter und zog eine der Flaschen zu sich heran.

„Nein.“

Er schwieg und wartete offenkundig darauf, dass ich ihm mehr erzählte, was ich aber nicht tat. Er trank und schluckte. Dabei gab er jene männlichen Grunzer und Schmatzgeräusche von sich, die Kerle zu produzieren pflegen, wenn sie Bier aus der Flasche trinken und versuchen, Frauen zu beeindrucken. Ich schaute ihm wortlos zu und fragte mich, wie er die Sache gestalten würde. Ich hoffte wirklich, er machte es überzeugend genug, um mit ihm nach oben zu gehen.

„Aha. Du bist also nicht zum Trinken hier?“ Sam sah mich an und drehte sich dann so auf seinem Hocker, dass unsere Knie sich berührten.

Ich lächelte über den Anflug von Herausforderung in seiner Stimme. „Eigentlich nicht. Nein.“

„Dann …“ Er hielt inne, als würde er nachdenken. Das machte er richtig gut. „Dann willst du also sagen, wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass da dieser Typ ist, hm, der dir einen Drink bestellt hat.“

„Okay.“

„Bevor er wusste, dass du nicht hier bist, um zu trinken.“

Wieder lächelte ich, während ich ein Lachen unterdrückte. „Genau. Dieser Tatsache müssen wir ins Auge sehen.“

Sam drehte sich noch weiter auf seinem Hocker herum, um mich mit einem intensiven Blick zu fixieren. „Ist er damit schon unwiderruflich durchgefallen, oder könntest du ihm die Chance geben, den schlechten Eindruck wieder wettzumachen?“

„Ich schätze, das kommt drauf an“, stellte ich fest und schob ihm die Flasche hin, die er für mich bestellt hatte.

Sams träges Lächeln hatte die Wirkung einer Rakete mit Wärmeleitsystem, die mich zwischen den Schenkeln traf. „Worauf?“

„Darauf, ob er gut aussieht.“

Langsam drehte er sich wieder um und wandte mir sein Profil zu, anschließend zeigte er mir sein Gesicht von der anderen Seite, bevor er mir wieder frontal in die Augen blickte. „Und wie gefällt dir das, was du siehst?“

Ich musterte ihn ausführlich. Sein Haar, das die Farbe von teurer schwarzer Lakritze und oben auf dem Schädel einen Wirbel hatte, lockte sich leicht über seinen Ohren und im Nacken. Seine Jeans waren an interessanten Stellen abgewetzt. Er trug schwarze, abgestoßene Stiefel, die mir bis jetzt nicht aufgefallen waren. Dann sah ich wieder in sein Gesicht mit dem ironisch verzogenen Mund. Nur der Gesamteindruck seiner Gesichtszüge bewahrte seine Nase davor, zu spitz zu wirken. Er hatte Brauen wie dunkle Flügel, die über seinen Augen einen hohen Bogen beschrieben und an den äußeren Enden schmaler wurden, bevor sie sich im Nichts auflösten.

„Ja.“ Ich lehnte mich ihm entgegen. „Du siehst gut genug aus.“

Sam trommelte mit den Fingerknöcheln auf den Rand der Bar und brach in Jubelgeschrei aus. Bei dem Lärm wandten die übrigen Gäste uns die Köpfe zu, doch er bemerkte es nicht. Oder tat, als würde er es nicht bemerken. „Verdammt. Meine Mama hatte recht. Ich bin hübsch.“

Das war er nicht wirklich. Er war attraktiv, aber nicht hübsch. Dennoch konnte ich angesichts seiner Vorstellung nicht anders, als in Lachen auszubrechen. Er war nicht so, wie ich es erwartet hatte, aber … war das nicht gerade der Sinn der Sache, wenn man sich mit einem Unbekannten verabredete?

Er verschwendete keine Zeit.

„Du bist sehr hübsch.“ Sam, der die Bierflaschen in Rekordzeit geleert hatte, beugte sich vor und murmelte die Worte in die Nähe meines Ohrs.

Seine Lippen kitzelten die empfindliche Haut meines Halses direkt unter meinen Ohrläppchen. Mein Körper, bereits scharfgemacht durch die Fantasien, die unser Gespräch in mir ausgelöst hatte, reagierte sofort. Meine Nippel drängten sich gegen den Spitzenstoff meines BHs und wurden durch die Seide meiner Bluse sichtbar. Meine Klit pulsierte, und ich presste die Schenkel zusammen.

Auch ich lehnte mich in seine Richtung. Er roch ein wenig nach Bier und ein wenig nach Seife. Und absolut köstlich. Ich wollte ihn lecken. „Danke.“

Wir setzten uns beide aufrecht auf unsere Hocker. Lächelten einander an. Ich schlug meine Beine übereinander und sah zu, wie sein Blick meinem Rocksaum folgte, der hochrutschte und ihm einen flüchtigen Eindruck meiner nackten Schenkel bot. Zufrieden bemerkte ich das anerkennende Aufleuchten seiner Augen. Seine Zunge glitt über seine Unterlippe, die anschließend feucht glänzte.

Er schaute mir in die Augen. „Ich nehme nicht an, dass du die Art von Frau bist, die mit einem Typen nach oben gehen würde, den sie gerade erst kennengelernt hat, selbst wenn er unglaublich gut aussieht?“

„Wie es momentan aussieht“, erklärte ich ihm und ahmte seinen leisen, rauen Tonfall nach, „glaube ich fast, ich könnte diese Art von Frau sein.“

Sam bezahlte die Rechnung und gab ein so großes Trinkgeld, dass der Barkeeper uns grinsend ansah. Dann nahm er meine Hand und half mir von dem hohen Barhocker herunter. Als ich dabei mit meinem Fuß falsch aufkam, stützte er mich, als hätte er schon vorher gewusst, dass ich stolpern würde. Obwohl ich zehn Zentimeter hohe Absätze trug, musste ich den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht sehen zu können.

„Danke“, sagte ich.

„Was soll ich sagen?“, erwiderte Sam. „Ich bin ein Gentleman.“

Im Stehen überragten sein Kopf und seine Schultern die der meisten Anwesenden, deren Anzahl sich erheblich vergrößert hatte, seit ich gekommen war, und ohne zu zögern, führte er mich durch das Labyrinth der Tische und Menschen zu der Tür, die hinaus in die Lobby führte.

Niemand, der uns sah, wäre auf die Idee gekommen, dass wir einander gerade erst kennengelernt hatten. Dass wir Fremde waren. Ich war auf dem Weg in das Zimmer eines Fremden. Niemand konnte das wissen, aber ich wusste es, und mit jedem Schritt, den wir uns dem Aufzug näherten, klopfte mein Herz rascher und rascher.

Die verspiegelten Wände im Inneren des Lifts reflektierten uns beide. Unsere Gesichter waren in dem schwachen Licht und wegen der auf die Spiegel gedruckten Goldmuster nur verschwommen zu erkennen. Der Saum seines T-Shirts war ihm aus dem Bund seiner Jeans gerutscht. Ich konnte meinen Blick nicht von der Schnalle seines Gürtels und der vagen Andeutung unbedeckter Haut darüber abwenden. Als ich wieder hochschaute, um im Spiegel seinen Blick zu suchen, hatte Sams Lächeln sich verändert.

Ich sah, dass er mir die Hand auf den Nacken legte, bevor ich seine Berührung spürte. Der Spiegel hatte diesen Unterschied, diese winzige Verzögerung, geschaffen. Es war, als würde ich mir einen Film anschauen, doch aus irgendeinem Grund erschien mir durch diese kleine Verfremdung alles umso wirklicher.

Vor der Tür zu seinem Zimmer nahm Sam die Hand von meinem Nacken, um in seinen Taschen nach der Keycard zu suchen. Aus den beiden Vordertaschen seiner Jeans brachte er außer ein paar Münzen nichts zum Vorschein. Er fummelte wild herum. Ich fand seine Nervosität anziehend, obwohl dadurch meine eigene nur noch größer wurde. Schließlich entdeckte er die Karte in seiner Brieftasche, wo sie in einem der hinteren Fächer steckte.

Das Lachen, mit dem er die Keycard herauszog und in die Tür steckte, gefiel mir. Das Schloss leuchtete rot auf, und er murmelte einen Fluch vor sich hin, den ich als solchen nur an seinem Tonfall erkannte, nicht weil ich das Wort verstanden hätte. Er versucht es erneut. Seine Hände waren so groß, dass die dünne Plastikkarte vollständig unter ihnen verschwand. Ich konnte nicht aufhören, seine Hände anzustarren.

„Scheiße“, fluchte Sam dieses Mal mit klarer Stimme und hielt mir die Karte hin. „Ich kriege die Tür nicht auf.“

Als ich nach der Keycard griff, berührten sich unsere Hände. Dann lagen plötzlich seine Finger um mein Handgelenk, und mein Rücken wurde an die immer noch geschlossene Zimmertür gedrückt. Sam presste sich gegen meine Vorderseite. Sein Mund fand meinen, der sich bereits für ihn geöffnet hatte. Seine Hand ertastete mein Bein, das ich bereits angezogen hatte, sodass sein Griff genau in meine Kniekehle traf. Er passte zwischen meine Beine, wie der Schlüssel hätte in das Schloss passen sollen, und ohne jedes Problem öffnete er meine Tür. Seine Finger glitten höher unter meinen Rock, über den Rand meiner Strümpfe, und fanden glühende Haut.

Er stöhnte in meinen offenen Mund hinein und umfasste mein Handgelenk fester. Dann hob er meinen Arm über meinen Kopf und nagelte mich mit seinen Händen, seinem Körper und seinem Mund an die Tür. Dort im Flur küsste er mich zum ersten Mal, und da war nichts Bedächtiges und Leichtes, nichts Sanftes und Zögerndes an seinem Kuss.

Sam streichelte meine Zunge mit seiner. Seine Gürtelschnalle drückte sich durch die Seidenbluse gegen meinen Bauch. Ein wenig tiefer stupste mich durch den Stoff seiner Jeans sein Schwanz an. Er gab mein Handgelenk frei.

„Schließ die Tür auf.“ Er unterbrach seinen Kuss, um mir die Worte in den Mund zu flüstern.

Während ich die Karte in das Schloss rammte, ohne auch nur hinzusehen, schlug er mit der Hand auf die Klinke. Hinter mir gab die Tür unter dem Druck unserer Körper nach, doch keiner von uns beiden stolperte. Sam hielt mich so fest, dass uns nichts passieren konnte, weil wir uns gegenseitig stützten.

Seinen Mund immer noch fest auf meinen gepresst, schob er mich zwei Schritte ins Zimmer und warf mit einem Fußtritt die Tür ins Schloss. Das Krachen fand sein Echo zwischen meinen Beinen. Heftig atmend nahm er ein wenig Abstand, um mir in die Augen zu sehen.

„Ist es das hier, was du willst?“

Mühsam keuchte ich: „Ja.“

Er nickte, nur ein einziges Mal, und bemächtigte sich wieder meines Mundes. Sein Kuss hätte mir wehgetan, wenn er sich nicht gerade eben so sehr zurückgehalten hätte, dass er mir keine Schmerzen zufügte. Ohne die Tür im Rücken musste ich mich darauf verlassen, dass Sams Arme mich festhielten. Einer glitt hinter meine Schultern. Der andere verließ die geheime Stelle zwischen meinen Schenkeln und legten sich über meinen Po. Er schob mich rückwärts, Schritt für Schritt, in Richtung Bett vor sich her. Die Bettkante drückte sich in meine Kniekehlen. Wieder unterbrach er seinen Kuss.

„Warte einen Moment.“ Er griff um mich herum, zog die Tagesdecke vom Bett und warf sie ohne weitere Umstände unordentlich auf den Boden.

Dann grinste er mich an. Seine Wangen sahen ein wenig erhitzt aus, sein Blick wirkte ein winziges bisschen schläfrig. Er streckte die Hände nach mir aus, und ich schmiegte mich wieder in seine Umarmung. Die Arme schlang ich ihm um den Hals. Er legte mir seine um die Taille.

In einem Wirrwarr aus Gelächter und Gliedern schafften wir es ins Bett. Sam sah im Liegen genauso riesig aus wie im Stehen, aber auf dem Bett konnte ich ihn küssen, ohne meinen Kopf so weit in den Nacken legen zu müssen. Mein Mund fand seine Kehle, die Erhebung seines Adamsapfels. Seine Haut schmeckte salzig. Meine Lippen rieben sich an frisch hervorgesprossenen Bartstoppeln.

Mein Rock war hochgerutscht, wobei Sam allerdings nachgeholfen hatte. Jetzt schob er den Stoff noch höher. Eine seiner großen Hände umfasste meinen Schenkel. Seine Fingerspitzen glitten über mein Höschen, und ich hielt den Atem an.

Als ich aufschaute, sah ich, dass er mich mit einer Mischung aus Belustigung und etwas anderem, das ich nicht genau einschätzen konnte, ansah. Ich hob die Lippen von seiner Haut und richtete mich ein wenig auf, zog mich zurück, rückte aber nicht von ihm ab.

„Was ist?“, erkundigte ich mich misstrauisch.

Seine Hand auf meinem Schenkel rutschte ein wenig höher, während er nun mit der anderen seinen Kopf stützte. So ausgestreckt, sah er mit seinen in Unordnung geratenen Kleidern, die Arme und Beine mit meinen verflochten, beneidenswert entspannt aus, als fühlte er sich in seiner Haut sehr wohl. Männern gelang das häufig. Manchmal mussten sie Selbstvertrauen auftragen, wie sie Aftershave auftrugen. Sams schien angeboren zu sein. Sich mit sich selbst wohlzufühlen gehörte zu ihm wie die Farbe seiner Augen oder seine unfassbar langen Beine.

Er schüttelte den Kopf. „Nichts“, beantwortete er meine Frage.

„Es kann nicht nichts sein“, widersprach ich. „Du siehst mich komisch an.“

„Tue ich das?“ Er richtete sich ein wenig auf, nahm aber nicht die Hand von meinem Schenkel. Dabei schielte er heftig und streckte die Zunge heraus. „Etwa so?“

Ich musste lachen. „Nicht ganz.“

„Das ist gut.“ Zufrieden nickend lehnte er sich vor und machte sich wieder über meinen Mund her. Dabei redete er weiter, ohne seine Lippen von meinen zu nehmen. „Das wäre mir auch ziemlich peinlich gewesen.“

Dann bettete er mich wieder auf die große weiche Matratze und fuhr damit fort, mich atemlos zu küssen. Seine Hand blieb auf meinem Schenkel, glitt manchmal ein wenig tiefer in Richtung Knie und bewegte sich wieder nach oben, doch obwohl seine Fingerspitzen ab und zu die Seide meines Höschens streiften, berührte er mich dort kein einziges Mal richtig. Während er mich heiß und leidenschaftlich küsste, legte er sich auch nicht auf mich, sondern stützte sein Gewicht seitlich ab. Nichts war so, wie ich es erwartet hatte … aber war es nicht genau das, was ich wollte? Wollte ich nicht überrascht werden?

„Sam“, flüsterte ich schließlich mit heiserer Stimme, als ich es nicht länger aushielt.

Er unterbrach seinen Kuss, um mir in die Augen zu sehen. „Ja, Grace?“

„Du bringst mich um.“

„Tue ich das?“, erkundigte er sich lächelnd.

Ich nickte und schob eine Hand zwischen unsere Körper, um an seiner Gürtelschnalle zu ziehen. „Das tust du.“

Seine Hand glitt in Zeitlupe an meinem Schenkel hinauf. „Meinst du, ich kann das wiedergutmachen?“

Ich öffnete die Schnalle. „Ich glaube. Vielleicht.“

Während er seine Hand noch ein wenig höher schob, drehte er sie um. Als er mich dann endlich berührte, presste er seinen Handballen gegen meine Möse, und mein Mund öffnete sich zu einem Keuchen, das ich nicht zu unterdrücken versuchte.

„Wie mache ich mich bisher?“, wollte er wissen und senkte den Kopf, sodass seine Lippen meine Wange streiften.

„Gut. Sehr … gut.“ Es fiel mir schwer, mich auf meine Worte zu konzentrieren, während seine Hand auf mir lag. Bis jetzt hatte er nicht mehr getan, als sie gegen mich zu pressen. Hatte noch nicht einmal gerieben. Doch nach den ausgedehnten Minuten leidenschaftlicher Küsse und dem stundenlangen Vorspiel mit Worten war mein Körper mehr als bereit für ihn.

Seine Lippen glitten über meinen Hals und legten sich schließlich auf die Stelle, wo an der Kehle mein Blut pochte. Er saugte sanft und nahm dann meine Haut zwischen die Zähne. Sein Biss tat nicht weh, aber er löste einen Schauer der Erregung in meinem Körper aus. Ich bäumte mich unter Sam auf. Meine Hände fanden seinen Hinterkopf, sein seidenweiches Haar, und ich vergrub meine Finger darin. Presste ihn an mich, sorgte dafür, dass sein Mund blieb, wo er war, genau da, wo er an mir saugte. Ich würde einen Knutschfleck bekommen. Doch in diesem Moment war mir das völlig egal.

„Ich mag es, wie du meinen Namen sagst“, murmelte er. Seine Zunge glitt über den Fleck, den er zurückgelassen hatte. „Sag ihn noch mal.“

„Sam“, hauchte ich.

Ich konnte das Lächeln in seiner Stimme hören, als er erwiderte: „Ich bin nicht plemplem.“

Dann lachten wir wieder, bis er seine Hand zwischen meinen Beinen hervorzog und damit die Knöpfe meiner Bluse öffnete, einen nach dem anderen. Da hörte auch ich auf zu lachen, viel zu atemlos, um mehr als leise Seufzer von mir zu geben. Er zog meine Bluse auseinander. Dann stützte er sich auf einen Ellenbogen und schob den Stoff so weit zurück, dass mein BH freilag. Seine Fingerspitzen folgten dem Spitzenmuster über meinen Brüsten.

Meine Nippel waren schon fest und hart und schmerzten. Als Sam mit dem Daumen über einen davon strich, atmete ich zischend ein. Ich beobachtete seinen Gesichtsausdruck, als er auf mich heruntersah. Und als er sich vorbeugte, um meine entblößte Haut zu küssen, biss ich mir auf die Unterlippe. Mein Körper wand sich unter seinem.

Sam richtete sich auf. Er streifte seine Lederjacke ab und zog sich das Shirt über den Kopf. Danach standen seine Haare in alle Richtungen ab. Sein Körper war ebenso lang und schmal wie seine Beine. Er kniete sich neben mich und rieb sich dabei fast gedankenverloren über die Brust. Seine andere Hand spielte mit der offenen Gürtelschnalle und anschließend mit dem Knopf darunter. Er öffnete ihn, rührte jedoch den Reißverschluss nicht an.

Ich sah ihm zu und genoss die Show. „Wirst du sie ausziehen?“

Sam nickte feierlich. „Auf jeden Fall.“

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Heute Abend noch?“

Sam lachte. „Ja.“

Ich ließ einen meiner bestrumpften Füße über seinen Schenkel nach oben gleiten und rieb mit den Zehen über die Vorderseite seiner Jeans. „Bist du schüchtern?“

Als mein Fuß ihn berührte, zuckten Sams Hüften nach vorn, und sein Mund öffnete sich. Seine Hand hörte auf, sich über seine Brust zu bewegen, und seine Finger lagen nun flach auf seinem Herzen. „Kann sein. Ein bisschen vielleicht.“

Zur Hölle, das war aufregend. Obwohl ich es ihm nicht wirklich abkaufte. Es hatte während des ganzen Abends keinen Moment gegeben, in dem er sich schüchtern verhalten hätte. „Möchtest du, dass ich es zuerst tue?“

Sams Grinsen ließ mich dahinschmelzen. „Okay.“

Ich stand vom Bett auf, um es mir leichter zu machen. Ohne meine Schuhe war mein Gesicht auf der Höhe seiner Brust – was absolut kein übler Anblick war. Sams nackte Brust war glatt und muskulös, die Muskelstränge waren zu erkennen, aber sie standen nicht zu deutlich hervor. Ich machte einige Schritte rückwärts. Weil er so freundlich gewesen war, sie aufzuknöpfen, hing meine Bluse offen um meinen Oberkörper. Ich nahm mir viel Zeit, während ich erst aus einem und dann aus dem anderen Ärmel schlüpfte. Schließlich warf ich die Bluse auf einen Stuhl. Sams Blick folgte ihr nicht. Er sah nur mich an.

Ich hatte meinen Rock auch danach ausgewählt, dass es einfach war, ihn auszuziehen, und obwohl es mich nur eine Sekunde gekostet hätte, ihn aufzuknöpfen und den Reißverschluss herunterzuziehen, brauchte ich viel länger. Ohne meinen Blick von ihm abzuwenden, ließ ich den Knopf durchs Knopfloch gleiten. Und nach einer kleinen Pause öffnete ich ganz langsam den Reißverschluss, Zahn für Zahn. Dann zog ich den Stoff über meine Hüften nach unten und ließ den Rock zu meinen Füßen in einem Häufchen auf den Boden fallen. Schließlich stieg ich aus dem Stoffhaufen und kickte ihn mit dem Fuß weg. Nun stand ich in meinem weißen Spitzen-BH und dem passenden Höschen, dem hauchdünnen Hüftgürtel und den durchscheinenden, am oberen Rand verzierten Strümpfen vor Sam.

Der Ausdruck in seinem Gesicht zeigte mir, dass es die Mühe absolut wert gewesen war.

Ich wusste, dass ich niemals einen Schönheitswettbewerb gewinnen würde. Es gab zu viele Erhebungen an Stellen, wo ich lieber flach gewesen wäre, und zu wenig Rundungen an Stellen, wo ich Kurven bevorzugt hätte. Ich wusste aber auch, dass das eigentlich keine Rolle spielte. Nicht wirklich, nicht für die Mehrheit der Männer.

Sam schaute mich mit offener Bewunderung an. Seine Pupillen waren so groß und dunkel, dass von dem Grünblau drum herum kaum noch etwas zu sehen war. Seine Lippen glänzten feucht, nachdem er mit der Zunge darübergefahren war. „Wow!“

Das Kompliment war umso schöner, weil es so ehrlich klang. „Danke“, erwiderte ich.

Er rührte sich nicht. Seine eine Hand ruhte immer noch auf seinem Herzen, die Finger der anderen hatte er in den Bund seiner Jeans gehakt. Während er mich weiter unverwandt ansah, zog er einen seiner Mundwinkel hoch. „Jetzt bin ich dran, oder?“

„Du bist dran, Sam.“

„Gott“, stieß er hervor. „Ich liebe es, wie du das sagst.“

„Sam“, flüsterte ich und bewegte mich auf ihn zu. „Sam, Sam, Sam.“

Ich hatte schon von perverseren Fetischen gehört, er sagte, er mochte es, und … zur Hölle, ich mochte es auch. Der Name hatte etwas, das süß und sexy war. Und er auch. Allein die Art, wie sein Lächeln jedes Mal, wenn das Wort über meine Lippen glitt, breiter wurde.

Ich streckte die Hand nach der Vorderseite seiner Jeans aus. Der Metallknopf und der Reißverschluss waren kühl im Vergleich zu der Hitze, die durch den Denim drang. Mein Herzschlag wurde ungleichmäßig, während ich mit den Fingerspitzen der Wölbung seiner Erektion folgte. Er stöhnte. Bei diesem Geräusch wäre ich am liebsten in die Knie gegangen, aber ich tat es nicht.

Stattdessen hob ich den Kopf und sah ihn an. Dort, ganz weit oben. Zerrte gleichzeitig den Knopf aus dem Knopfloch. Ratsch war auch der Reißverschluss offen. Und die ganze Zeit schaute ich ihm ins Gesicht und nicht etwa auf den Schritt. Sam hatte seine Hand immer noch nicht von seiner Brust genommen, obwohl sich seine Finger ein wenig gekrümmt und fester auf die Haut gepresst hatten. Der Pulsschlag in seiner Kehle war jetzt schneller, und in seiner Wange zuckte ein Muskel. Sein Lächeln war dünner geworden. Er streckte die Hand aus, um mir das Haar aus dem Gesicht zu streichen.

Ich hakte meine Finger in den Stoff über seinen Hüften und zog. Da war kein Widerstand. Er hatte den Gürtel nicht nur aus modischen Gründen getragen, und die Jeans saßen so locker, dass ich keinerlei Schwierigkeiten hatte, sie nach unten zu ziehen. Er bewegte leicht die Hüften, um mir zu helfen. Wir schauten uns unverwandt an, während ich mich bückte, um die Jeans bis hinunter auf seine Knöchel zu ziehen, und anschließend wartete, während er erst einen, dann den anderen Fuß hob, um herauszusteigen. Danach richtete ich mich rasch wieder auf und strich dabei über die schier unendliche Länge seiner Beine.

Ich schaute nicht auf seinen Schritt.

Keine Ahnung, warum ich plötzlich so schüchtern war. Sich vorwölbende Boxershorts waren mir nicht fremd. Doch da war etwas in seinem Gesicht, das mir Einhalt gebot.

Es kommt immer ein Moment, in dem die letzte Schranke fallen muss.

„Sam?“

Er nickte, nahm die Hand von seinem Herzen und streckte sie stattdessen nach mir aus. Er bückte sich, ich reckte mich, und irgendwo in der Mitte begegneten sich unsere Münder.

Dieses Mal bedeckte er mich vollständig mit seinem Körper, als er mich aufs Bett legte, aber ich hatte nicht das Gefühl, zerquetscht zu werden. Ich fühlte mich … umarmt. Eingehüllt. Überall um mich herum war Sam.

Vielleicht hätte ich panisch werden sollen. Mich bedroht fühlen. Aber dazu hatte ich keine Zeit, denn ich war zu sehr dadurch abgelenkt, wie er mir mit seinen Händen und seinem Mund half, die Unterwäsche auszuziehen, war zu beschäftigt damit, ihn von seinen baumwollenen Boxershorts zu befreien. Ich konnte an nichts anderes mehr denken, als an die seidige Hitze seines Schwanzes in meinen Händen, nachdem ich ihn endlich gefunden hatte.

Als ich ihn dort berührte, stieß Sam einen leisen, hilflosen Ton aus. Ich ließ meine Hand an seiner Erektion entlanggleiten. Wie der Rest von ihm, war auch Sams Schwanz lang. Seine Finger schlossen sich um meine Hand. Er hielt mich fest und gab mir keinen Raum, ihn zu streicheln.

Dann vergrub er sein Gesicht in meinem Nacken. Das Auf und Ab seiner Atemzüge ließ unsere Körper rhythmisch gegeneinanderstoßen. Zwischen uns zerrannen die Sekunden. Schließlich bewegte er sich an meinem Körper abwärts, um meine Brüste zu küssen. Seine Zunge streichelte meine Haut und reizte meine Nippel. Er ging noch tiefer, über meine Rippen und die Wölbung meines Bauches. Seine Lippen glitten über meine Hüfte und noch ein wenig weiter nach unten, zu meinem Schenkel.

Ich spürte, wie Erregung mich durchlief, doch als er mit seinem Kopf eine seltsame Bewegung machte, musste ich nach unten schauen. „Was tust du da?“

„Ich schreibe meinen Namen“, erklärte er ohne den leisesten entschuldigenden Ton und demonstrierte es mit seiner Zunge auf meiner Haut. „S-A-M-S-T…“

Es kitzelte, und ich wand mich unter der Berührung. Er grinste kurz zu mir nach oben, bevor er seinen Kopf noch weiter senkte. Sein Atem glitt durch meine kurz geschnittenen Schamhaare, und ich erstarrte. Das tat ich immer in diesem Moment, während ich auf den ersten Kontakt zwischen der fremden Zunge und meinem empfindlichen Fleisch wartete.

Sam, der vielleicht die Anspannung meiner Muskeln als Abwehr deutete, bewegte sich über meinem Körper wieder nach oben. Er schaute an meinem Gesicht vorbei, streckte sich und zog mit einem Finger die Schublade des Nachttischchens auf. Diese Bewegung brachte seine Brust für mich in die richtige Position zum Lecken, und ich ließ die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen. Er erschauderte. Dann legte er sich wieder zu mir und streckte mir seine geöffnete Hand entgegen.

„Du hast die Wahl.“

Ich betrachtete die Auswahl an Kondomen auf seiner Handfläche und dachte daran, wie wunderbar es war, mich nicht fragen zu müssen, ob es eine Diskussion über die Benutzung eines Schutzes geben würde „Wow. Genoppt, als besonderes Vergnügen für mich, extra-feucht … leuchtend im Dunkeln?“ Über die letzte Variante musste ich lachen.

Er lachte ebenfalls und warf dieses Exemplar auf den Boden. Dann hielt er die genoppten Kondome hoch. „Sollen es dann diese sein?“

„Die erscheinen mir vielversprechend.“

Er gab mir das Päckchen, an dem ich noch die Wärme seiner Hand spürte. Dann rollte er sich auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf auf dem Kissen. Nun war keine Schüchternheit mehr zwischen uns, weder bei ihm noch bei mir. Das war jetzt überflüssig.

Die einzelnen Teile seines Körpers passten zusammen, als hätte sich jemand besonders viel Mühe gemacht, damit alles miteinander harmonierte. Waden und Schenkel und Bauch, Hüften und Rippen und Hals, Schultern, Arme und Hände. Jeder von Sams Körperteilen passte. Angezogen hatte er ein wenig schlaksig gewirkt, aber nackt sah er nahezu perfekt aus.

Er schaute aufmerksam zu, wie ich ihn betrachtete, und sein Mund verzog sich erneut. Ich konnte Sams Lächeln nicht genau einschätzen. Es war weder selbstgefällig noch ironisch. Am ehesten wirkte es noch verwirrt.

Nackt kniete ich mich neben seinen Schenkel. Ich streichelte seine Erektion, und während ich das tat, hob er mir seine Hüften entgegen. Er zog eine Hand unter seinem Kopf hervor und schob sie zwischen meine Beine. Sein Daumen presste sich auf meine Klit, und nun war es an mir zu erschauern.

Ich streichelte. Er rieb. Innerhalb einer Minute keuchten wir beide. Er strich mit einem Finger zwischen meinen Falten entlang. Ich wusste, dass er fühlen wollte, wie feucht ich war. Ob ich bereit war. Er ließ einen Finger in mich hineingleiten, und als ich nach Luft schnappte, lockerte sich für einen Moment mein Griff.

„Grace“, flüsterte Sam mit leiser, kehliger Stimme. „Ich hoffe, du bist so weit, weil ich nicht mehr viel länger warten kann.“

Das konnte ich auch nicht. „Ich bin bereit.“ Ich stockte und fügte hinzu: „Sam.“

Dieses Mal verstand ich sofort, was sein Lächeln bedeutete. Ich öffnete meine Schenkel, sodass er seinen Finger aus mir herausziehen konnte und seine Hand freibekam. Ich zog ihm das Kondom über und Sekunden später mich selbst. Seine Finger umklammerten meine Hüften. Ich beugte mich vor und legte ihm meine Hände auf die Schultern.

Wir sahen einander in die Augen.

Er erregte mich zunächst mit langsamen, regelmäßigen Strichen. Fast sofort fanden wir unseren Rhythmus. Meine Perle rieb sich bei jedem Stoß an ihm, der Druck reizte mich, aber nicht stark genug. Eine Minute später löste Sam das Problem, indem er seinen Daumen gegen mich drückte.

In diesem Moment war es mir vollkommen egal, was aus meinem Mund kam. Eine völlig sinnlose Aneinanderreihung von Worten wahrscheinlich. Irgendetwas zwischen einem Gebet und einem Fluch. Ich bin mir allerdings sicher, dass ich seinen Namen gesagt habe.

Orgasmen sind wie Wellen, keiner gleicht dem anderen. Sie verebben, fließen, steigen auf und erreichen den Gipfel. Und stürzen über einem zusammen. Meiner stürzte so rasch auf mich herab, dass er mich völlig unvorbereitet erwischte. Hart, fast scharf, stieg die Erregung in mir auf, während ich mich auf Sams Schwanz bewegte. Der Druck seines Daumens wurde schwächer, ließ nach, gerade als ich ihn besonders brauchte, aber im nächsten Moment begann er mit einer winzigen, rüttelnden Bewegung, die mich gnadenlos dem Höhepunkt entgegentrieb. Der zweite Orgasmus folgte dem ersten, ohne dass ich zwischendurch Zeit gehabt hätte, wieder zu Atem zu kommen, aber als auch dieser vorüber war, war es das gewesen. Wärme durchflutete mich, und meine Glieder wurden schwer. Ich legte meine Hand über Sams, um ihn davon abzuhalten, sie wegzuziehen.

Ich wusste nicht, wie dicht er davor war, doch als ich meine Augen öffnete, waren seine geschlossen. Seine Hände umklammerten wieder meine Hüften. Seine Stöße wurden härter. Auf seiner Stirn stand Schweiß. Ich wollte die schimmernden Perlen auflecken, und das plötzliche erneute Aufflammen meines Begehrens überraschte mich ebenso, wie mich die Intensität meines Orgasmus überrascht hatte.

„Sam“, wisperte ich und sah zu, wie sich seine Züge verzerrten. „Sam …“

Und dann kam er. Er verzog das Gesicht, und seine Finger verkrampften sich und bescherten mir noch mehr blaue Flecke. Er bäumte sich auf und fiel zurück auf das Kissen, dann stieß er einen letzten langen, schweren Atemzug aus.

Einen Moment später öffnete er die Augen und lächelte mich an. Er hob die Hand und wickelte sich mein Haar um die Finger, zupfte daran und zog mich zu sich herunter, um mich zärtlich auf den Mund zu küssen. Noch immer waren seine Pupillen riesengroß und dunkel, sie verschlangen mein Bild, ohne es zu reflektieren.

Wir lösten uns voneinander und kümmerten uns um die Dinge, die getan werden mussten, aber es war mir noch nicht gelungen, mich so weit hochzurappeln, dass ich aus dem Bett steigen und ins Bad gehen konnte, als der unverwechselbare Klingelton meines Handys aus meiner Handtasche tönte.

„Ist das Smoke on the Water?“ Sam hob den Kopf und sah mich an.

„Ja.“ Ich ignorierte das Telefon, viel zu befriedigt, um auch nur darüber nachzudenken, wegen eines Anrufs aufzustehen, obwohl ich wusste, dass ich es hätte tun sollen.

Sams tiefes, herzhaftes Lachen brachte das Bett zum Wackeln, und ich schaute zu ihm hinüber. „Toll.“ Mit seinen Händen deutete er die Form eines Alphorns an.

Ich musste ebenfalls lachen. Mit der Schläfrigkeit in den Augen, die nach dem Sex von fast jedem Besitz ergreift, und seinem wirren Haar sah er jünger aus als vorher. Nicht, dass es eine Rolle gespielt hätte.

Er gähnte, und natürlich konnte ich nichts dagegen tun, dass ich ebenfalls gähnen musste. Dann küsste er meine nackte Schulter und rollte sich wieder auf den Rücken. Die Hände unter dem Kissen verborgen, starrte er gegen die Decke.

„Ich wusste, dass der Glückskeks recht hatte“, stellte er fest, ohne mich anzusehen. „Auf dem Zettel stand, dass ich jemand Neues kennenlernen werde.“

„Mein letzter Glückskeks hat behauptet, ich würde Geld finden“, erwiderte ich. „Bis jetzt ist keins in Sicht.“

Sam wandte mir den Blick zu, ohne seinen Kopf zu bewegen. „Du hast Zeit. Ich glaube nicht, dass es ein Zeitlimit für Glücksvorhersagen gibt.“

Ich rollte mit den Augen. „Ich wünschte trotzdem, das Glück würde sich ein bisschen beeilen. Ich könnte etwas Geld gebrauchen.“

Sams Gesichtsausdruck veränderte sich fast unmerklich, während wir einander anstarrten. Mein Handy läutete erneut, dieses Mal mit dem weniger tollen Klingelton, der mir signalisierte, dass eine Nachricht vorlag. Das konnte ich nicht ignorieren, weil die Mitteilung wahrscheinlich von meinem Antwortdienst kam. Jemand musste gestorben sein.

„Ich muss drangehen“, sagte ich, ohne mich zu bewegen.

„Okay.“ Sam lächelte.

Ich beugte mich über ihn, um ihn rasch zu küssen, auf die Wange. Während ich meine überall verstreuten Kleider und meine Handtasche zusammensuchte und auf die Tür zum Bad zuging, spürte ich seinen Blick auf meinem Körper. Im Bad hackte ich die Nummer des Antwortservice in die Tastatur und stieg gleichzeitig in mein Höschen. Beim Zuhaken des BHs klemmte ich mir das Handy unter das Kinn. Die Strapse und die Strümpfe steckte ich in die Tasche, damit wollte ich mich nicht aufhalten, da ich nun ohnehin nach Hause gehen würde.

Ich erledigte meinen Anruf und zog mich fertig an, dann klatschte ich mir kaltes Wasser ins Gesicht. Sams Bad wirkte benutzt. Auf dem Fußboden vor der Dusche lag ein zerknülltes Handtuch, und auf dem Rand des Waschbeckens stand eine kleine Tasche mit seinen Toilettenartikeln. Er benutzte einen elektrischen Rasierapparat und eine andere Zahnpastamarke als ich, aber dieser flüchtige Blick auf sein Privatleben erschien mir aufdringlich und viel zu persönlich, und ich hörte auf, mir seine Sachen anzusehen. Stattdessen nahm ich mir einige zusätzliche Minuten Zeit, mein Make-up aufzufrischen und mein Haar zurückzubinden.

Als ich aus dem Bad zurückkehrte, hatte Sam seine Boxershorts wieder angezogen. Die Fernbedienung lag neben ihm auf dem Bett, aber er hatte den Fernseher nicht eingeschaltet. Als ich mich näherte, setzte er sich auf.

„Hey“, sagte er.

Mein Handy piepste wieder, weil eine weitere Nachricht eingegangen war. Jemand hatte versucht, mich zu erreichen, während ich eben im Bad telefoniert hatte. Ich holte das Telefon aus meiner Handtasche, klappte es aber nicht auf. „Es war toll, aber ich muss jetzt gehen.“

Er stand auf und überragte mich wieder um mehr als einen Kopf, obwohl ich schon meine hochhackigen Schuhe angezogen hatte. „Ich begleite dich zu deinem Auto.“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Das ist nicht nötig. Ich komme klar.“

„Trotzdem sollte ich es tun.“

Ich sah zu ihm auf. „Es ist wirklich in Ordnung, Sam.“

Wir lächelten einander an. Er brachte mich zur Tür, wo er sich zu mir herunterbeugte und mich um einiges linkischer küsste, als er es vorher getan hatte.

„Gute Nacht“, sagte ich, nachdem ich durch die Tür getreten war. „Vielen Dank.“

Er blinzelte. „Gern geschehen.“ Das kam zögernd und ohne ein Lächeln.

Wirklich süß.

Ich hob die Hand und tätschelte seine Wange. „Es war wirklich toll.“

Wieder blinzelte Sam und zog dabei die dunklen Brauen zusammen. „Okay.“

Ich winkte und ging zum Aufzug. Er schloss die Tür hinter mir, und fast sofort hörte ich den Ton des Fernsehers losplärren.

Als ich in meinem Wagen saß, fiel mir ein, dass ich meine Sprachnachrichten nicht abgehört hatte. Hinter dem Steuer sitzend, schnallte ich mich an, hackte mein Passwort in die Tastatur und lauschte. Ich erwartete, die Stimme meiner Schwester zu hören. Vielleicht auch die meiner besten Freundin Mo.

„Also, hallo“, sagte eine Stimme, die ich nicht erkannte. „Hier ist Jack. Ich rufe wegen, äh … Miss Underfire an. Wir hatten für heute Abend eine Verabredung?“

Er klang unsicher; mir war plötzlich schlecht. Miss Underfire war der Name, den ich bei der Agentur benutzte, der Name, den ich benutzte, um die Diskretion zu wahren.

„Aber ich bin hier im Fishtank, und … nun ja … du bist nicht hier. Äh, ruf mich zurück, wenn du einen neuen Termin vereinbaren möchtest.“

Ich lauschte einer sehr langen Pause, während ich darauf wartete, dass die Verbindung unterbrochen wurde, aber das geschah nicht.

„Wie auch immer, es tut mir leid“, fuhr Jack schließlich fort. „Ich nehme an, da ist etwas durcheinandergeraten.“

Ein Klicken, und er war fort, und die pseudoweibliche Computerstimme der Voicemail erklärte mir, wie ich die Nachricht löschen konnte.

Ich klappte mein Handy zu und schob es sorgfältig wieder in meine Handtasche. Mit beiden Händen umklammerte ich fest das Steuer. Ich wartete, ob ich nun schreien oder lachen oder weinen würde, aber schließlich drehte ich einfach nur den Schlüssel im Zündschloss um und fuhr nach Hause.

Ich hatte mit einem Fremden schlafen wollen, und genau das hatte ich auch getan.

2. KAPITEL

„Erde an Grace.“ Jared schnippte mit den Fingern vor meinem Gesicht. „Handschuhe?“

Ich blinzelte und schüttelte leicht den Kopf, während ich meinen Mangel an Konzentration mit einem Lachen überspielte. Jared Shanholtz, mein Praktikant, hielt den leeren Karton mit Latexhandschuhen hoch, der auch schon bessere Tage gesehen hatte. „Tut mir leid. In der Waschküche sind welche. Im Regal an der Wand.“

Er warf die zerknautschte Schachtel in den Abfalleimer und deutete mit einer Kopfbewegung auf die Leiche, die auf dem Tisch vor uns lag. „Soll ich sonst noch etwas mitbringen?“

„Nein. Ich denke, er ist so gut wie fertig“, erklärte ich, nachdem ich Mr. Dennisons leblose Gestalt eingehend betrachtete hatte.

Ich beugte mich vor und bürstete ihm das Haar aus der Stirn. Auf seiner Haut, die sich unter meinen Fingern kühl anfühlte, lag eine feine Puderschicht. Der Ton passte nicht ganz zu seiner natürlichen Hautfarbe. „Obwohl, wenn ich recht darüber nachdenke, bring mir die Schachtel mit der Grundierung, ja? Ich möchte sie erneuern.“

Jared nickte, sagte aber nichts, obwohl ich schon eine ganze Stunde auf Mr. Dennisons Gesicht verwendet hatte. Ich starrte auf ihn hinunter. Ihm würde es nichts mehr ausmachen, wenn er aussah, als würde er Make-up tragen, aber mir machte es etwas aus. Selbst wenn es seiner Familie egal war, mir war es nicht egal.

Mein beruflicher Stolz änderte jedoch nichts daran, dass meine Finger ungeschickt mit den kleinen Töpfen und Pinseln herumfummelten, die ich zum Herrichten der Leichen benutzte. Ich hatte auch aus der Einbalsamierung beinahe eine Sauerei gemacht, das Ruder aber herumgerissen, indem ich Jared die „Gelegenheit“ gab, das Meiste zu tun, während ich die Arbeit überwachte. Jared war der erste Praktikant, den ich jemals eingestellt hatte, und obwohl es schwierig für mich war, die Kontrolle über das, was in meiner Firma geschah, aufzugeben, damit er etwas lernen konnte, war ich froh gewesen, dass er da war. Gott sei Dank war er gut. Wäre er ein tollpatschiger Nichtskönner gewesen, hätten wir uns total reingeritten.

Geritten.

Ich wandte mich von Mr. Dennisons entspanntem Gesicht ab und musste ganz flach und langsam atmen, um nicht in haltloses Gekicher auszubrechen, das ich Jared nur schwer hätte erklären können. Das unterdrückte Lachen verknotete sich in meinen Eingeweiden und verursachte mir Schmerzen. Kaffee würde helfen. Vielleicht.

Verdammt, nichts würde helfen. Ich hatte in der Nacht zuvor Sex mit einem Fremden gehabt, aber es war der falsche Fremde gewesen. Nicht derjenige, den ich dafür bezahlt hatte mitzuspielen. Zur Hölle, ich war nicht nur ein großes persönliches Risiko eingegangen, ich hatte auch eine ganze Menge Geld völlig umsonst ausgegeben.

„Grace?“

Ich wandte mich um. Schon wieder hatte ich mich in meinen Gedanken verloren. Jared reichte mir die Schachtel mit den verschiedenen Töpfchen und Tiegeln, und ich stellte sie auf den Tisch. „Entschuldige. Ich bin heute ein bisschen abwesend.“

„Wenn du willst, dass ich hier übernehme“, bot mir Jared mit einer Handbewegung in Richtung von Mr. Dennison an, „kann ich das tun. Gönn dir eine Pause.“

Ich betrachtete erst den Mann auf dem Tisch, dann Jared. „Nein, danke.“

„Möchtest du darüber reden?“

Ich hob den Kopf. Jared sah mich auf eine Weise an, die mir verriet, dass ich nicht so lässig gewesen war, wie ich geglaubt hatte. Aber … puh? Reden? Mit Jared? „Worüber?“

“Über das, was dir Sorgen macht, was auch immer es ist.“

„Wer sagt, dass es irgendetwas ist?“ Ich strich mit meinem Kosmetikschwamm über Mr. Dennisons Wange.

Jared sagte nichts, bis ich ihn wieder anschaute. „Ich arbeite jetzt seit sechs Monaten hier, Grace. Ich sehe, dass mit dir etwas nicht stimmt.“

Ich hörte mit dem auf, was ich tat, und wandte ihm meine volle Aufmerksamkeit zu. „Möchtest du das hier wirklich übernehmen? Ich meine, wenn du wirklich möchtest, dass ich dir etwas zu tun gebe, Jared, kann ich dir sagen, dass der Leichenwagen gewaschen werden muss, und ich bin sicher, dass Shelly beim Staubsaugen in der Kapelle Hilfe gebrauchen kann.“

Jared liebte es, den Leichenwagen zu waschen. Ich hasste es. Es funktionierte perfekt, und falls er glaubte, es sei besonders nett von mir, ihn den Wagen waschen zu lassen, anstatt sich um die Hundert anderen Kleinigkeiten zu kümmern, die die Führung eines Beerdigungsinstituts mit sich brachte, konnte mir das nur recht sein.

Er grinste und nahm mir damit ein wenig den Wind aus den Segeln. „Natürlich, Boss. Wenn dir das lieber ist. Ich wollte dir nur meine Hilfe anbieten.“

Er salutierte scherzhaft. Ich lächelte. „Du könntest auch dafür sorgen, dass es frischen Kaffee gibt. Du weißt, dass Shelly keine Ahnung hat, wie man guten Kaffee kocht.“

Er nickte. „Wird wieder spät heute Nacht, hm?“

„Wie üblich“, erklärte ich achselzuckend.

„Du weißt, Grace, dass ich sehr gerne häufiger den Telefondienst übernehmen würde.“

Ich konzentrierte mich darauf, meine Töpfe und Tiegel wegzuräumen und meine Hände zu waschen, während ich antwortete. „Ich weiß. Und ich weiß es sehr zu schätzen.“

„Ich wollte es nur angeboten haben.“

Jared begriff rasch, war wissbegierig, hatte ein Händchen für die Kunden und keine Angst, neue Aufgaben zu übernehmen. Ich zog ernsthaft in Erwägung, ihm nach seinen Prüfungen eine feste Stelle anzubieten. Das Problem war nur, dass Frawley and Sons zwar, seit ich die Firma von meinem Vater übernommen hatte, in jedem Jahr mehr Gewinn abgeworfen hatte, ich mir aber immer noch nicht leisten konnte, neben mir eine zweite ausgebildete Bestattungsfachkraft in Vollzeit zu beschäftigen. Jedenfalls nicht, wenn ich nicht vorhatte, mir das Essen abzugewöhnen. Ich konnte Jared häufiger Telefondienst machen lassen, aber dann musste ich ihm auch mehr bezahlen, und ich musste darauf vertrauen, dass er meinen Kunden denselben Service bot wie ich.

Niemand konnte ihnen denselben Service bieten wie ich. Schließlich hatte ich den Ehrgeiz, so gut zu sein wie mein Vater und sein Bruder Chuck, die beide im Ruhestand waren. Die beiden hatten das Geschäft von ihrem Vater übernommen. Frawley and Sons war seit fünfzig Jahren das einzige Bestattungsunternehmen in Annville. Die Leute konnten zu den Bestattern in den benachbarten Städten gehen und taten das auch, aber das hieß nicht, dass ich mir nicht die größte Mühe gab, die Beste von allen zu sein.

Ich beschäftigte mich damit, die Gerätschaften zu reinigen, die ich benutzt hatte, um Mr. Dennison auf die Bestattung vorzubereiten, und war froh, dass ich schweigend arbeiten konnte. Ich konnte nicht aufhören, an den Fremden zu denken. Sam. Sein Haar, seine Augen, sein Lächeln. Diese verdammt langen Beine. Wie er härter geworden war, nur weil ich seinen Namen gesagt hatte. Ich hatte ihn nicht einmal nach seiner Telefonnummer gefragt.

Zur Hölle. Er hatte mich genauso wenig nach meiner Nummer gefragt. Es ist nicht meine Art, ständig rot zu werden, doch ich wurde rot, als ich versuchte, mir vorzustellen, was er wohl von mir gedacht haben mochte. Kein Wunder, dass er mich so seltsam angesehen hatte, als ich mich bei ihm bedankt hatte. Er hatte nicht gewusst, dass es ein Irrtum gewesen war.

Als ich das erste Mal für Sex bezahlt hatte, hatte es sich ebenfalls um ein Versehen gehandelt, obwohl das Date kein Irrtum gewesen war. Viele Jahre unterstützten meine Eltern eine Wohltätigkeitsorganisation, die regelmäßig Bankette organisierte, um Spenden für die örtliche Vorschule zu sammeln, und nachdem ich Frawley and Sons übernommen hatte, übernahm ich auch die sozialen Verpflichtungen, die mit diesem Engagement für einen guten Zweck einhergingen. Da in meinem Leben kein fester Freund in Sicht war und ich auch nicht die Absicht hatte, mir einen anzuschaffen, tat ich, was jede gut organisierte Frau getan hätte. Ich mietete mir einen Mann, der mich zu dem Wohltätigkeitsessen begleitete.

Ich hätte allein dorthin gehen können. Schließlich hatte ich keine Angst davor, mich ohne einen Mann an meiner Seite in der Gesellschaft zu bewegen. Zur Hölle, ich hatte zuletzt auf dem College einen Freund gehabt, und als diese Beziehung endete, war ich eher erleichtert als traurig gewesen. Aber ein festliches Abendessen mit anschließendem Tanz im Country Club machte viel mehr Spaß, wenn man einen Tanzpartner hatte. Es war für mich eine Selbstverständlichkeit gewesen. Ich bezahlte Leute dafür, dass sie mein Auto wuschen und meinen Garten in Ordnung hielten. Jemanden dafür zu bezahlen, dass er mir den Stuhl zurechtrückte und mir Drinks holte, schien mir keinen entscheidenden Unterschied zu machen. Tatsächlich stellte sich heraus, dass es die beste Idee gewesen war, die ich jemals gehabt hatte, jemanden dafür zu bezahlen, mich wie eine Göttin zu behandeln, ohne im Gegenzug von mir zu erwarten, dass ich seinem männlichen Ego schmeichelte.

Es war lächerlich einfach, herauszufinden, wo Männer weibliche „Begleitung“ mieten konnten, aber es erforderte sehr viel mehr Mühe, eine Agentur zu finden, die denselben Service für Frauen anbot. Als Leiterin eines Bestattungsunternehmens musste ich besonders auf Diskretion achten, aber ich hatte viele Kontakte. Menschen, die in tiefer Trauer waren, achteten nicht immer auf das, was sie sagten. Ich hatte eine Menge verrückter Sachen erfahren, während ich den Trauernden Papiertaschentücher reichte. Das Meiste davon war unbrauchbar. Orte, wo man Drogen kaufen konnte, wer mit wem schlief, wo Mr. Jones die Strapse und die Strümpfe gekauft hatte, die er im Moment seines Todes getragen hatte. Die frisch verwitwete Mrs. Andrews hatte mir eine Visitenkarte zugesteckt, bevor sie sich kopfüber in tränenreiche Trauer gestürzt hatte.

Mrs. Smiths Service für Damen. Massagen, Gespräche und mehr. Ich hatte die Nummer auf der Karte gewählt, mein Anliegen vorgebracht und im Voraus bezahlt. Mark hatte pünktlich an meiner Tür geklingelt, sehr gepflegt und gut aussehend in einem Smoking, der wirkte, als sei er eigens geschneidert worden, um jede Linie seines herrlichen, perfekten Körpers zu unterstreichen.

Ich war ein wenig unsicher, als ich an seinem Arm den Saal betrat, in dem es vor Leuten wimmelte, die ich größtenteils mein Leben lang gekannt hatte. Köpfe wandten sich uns zu, und das Getuschel begann, aber es war kein bösartiges Gerede.

Es war ohne jeden Zweifel das beste Date, das ich jemals gehabt hatte. Mark war aufmerksam, charmant und ein guter Gesprächspartner. Zwar waren seine Antworten ein kleines bisschen zu glatt und zu versiert, aber das war in Ordnung, denn die Intensität seines tiefblauen Blickes war eine mehr als angemessene Entschädigung für die kaum wahrnehmbaren Anzeichen von Schauspielerei. Dennoch war ich natürlich nicht so dumm, das Versprechen in Marks Augen für bare Münze zu nehmen. Ich nahm es Männern nicht ab, die versuchten, mich in einer Bar oder im Supermarkt anzubaggern, und noch viel weniger kaufte ich es einem Mann ab, dessen Zeit und Interesse ich mir mithilfe einer Kreditkarte gesichert hatte.

Dennoch konnte ich nicht anders, als mich geschmeichelt zu fühlen, als seine Hand sich niemals besonders weit von meiner Schulter, meinem Po oder meinem Ellenbogen entfernte. Und als der Abend sich dem Ende entgegenneigte, war mir schon einigermaßen klar, was mit „und mehr“ auf der Karte gemeint war.

Aus Sicherheitsgründen und auf den Rat der anonymen Mrs. Smith hin hatte ich mich mit Mark auf dem Parkplatz eines nahegelegenen Einkaufszentrums getroffen und war von dort aus mit ihm gemeinsam in meinem Wagen zum Country Club gefahren. Auf dem Rückweg zu Marks Auto war die Anziehung zwischen uns süß und zäh wie Honig.

„Der Abend muss noch nicht vorüber sein“, stellte er fest, als ich neben seinem klapprigen Saturn einparkte. „Nicht wenn du es nicht möchtest.“

Wir fuhren in ein schäbiges Motel in der benachbarten Stadt. Mein Collegefreund Ben hatte gut ausgesehen, aber nicht im Vergleich zu Mark, der so attraktiv war, dass mir die Augen wehtaten, wenn ich ihn zu lange anschaute.

Meine Hände zitterten, als ich ihm die Fliege abnahm und die Knöpfe an seinem Hemd öffnete. Er trieb mich nicht zur Eile, und ich packte ihn Stückchen für Stückchen aus. Ich enthüllte einen Körper, der unbekleidet ebenso wunderbar aussah wie im Smoking. Ich berührte ihn überall, von den straffen, harten Bauchmuskeln bis zum dicken Stab seines Schwanzes, der in meiner Hand wunderhübsch anschwoll. Sein leises Stöhnen ließ mich aufblicken und riss mich aus der Bewunderung seines Körpers. Sein Blick war dunkel geworden. Er hatte die Hand ausgestreckt, um mein Haar zu berühren, ganz sanft zogen seine Finger es aus dem lockeren Knoten, zu dem ich es hochgesteckt hatte.

Ich bezahlte ihn dafür, so zu tun, als würde er mich sexy finden. Ich hatte Mark gemietet, damit er mich wie eine Königin behandelte – und als er es tat, entdeckte ich, dass ich es verdiente, so behandelt zu werden. Dass ich hübsch und sexy war. Dass ich mit einem Hüftschwung oder indem ich mir mit der Zunge über die Lippen fuhr dafür sorgen konnte, dass ein Mann hart wurde. Für Geld kann man sich vieles kaufen, aber ein harter Schwanz interessiert sich nicht für Kontostände. Ich mochte ihn dafür bezahlt haben, dass er Zeit mit mir verbrachte, aber als es darauf ankam, wollte er mich ebenso sehr, wie ich ihn wollte.

Es war nicht der beste Sex, den ich jemals gehabt hatte; ich war zu nervös und unsicher, um es wirklich zu genießen. Aber Mark machte es mir leicht. Er war ein versierter Liebhaber und benutzte seine Hände und seinen Mund, bis wir beide keuchend auf den zerwühlten Laken lagen.

Als es schließlich geschah, war es ein Hundert-Dollar-Orgasmus, der jeden Cent wert war.

Danach ging er. Die Art, wie er mir in der Tür die Hand schüttelte, war irgendwie förmlich, dann zog er meine Hand an den Mund, küsste sie, und als er mich dann anlächelte, war auch der kleinste Hauch von Schauspielerei verschwunden. „Du kannst jederzeit nach mir verlangen“, murmelte er mit den Lippen auf meiner Haut, ohne auch nur für den Bruchteil einer Sekunde meinen Blick loszulassen.

Das war der Moment, in dem ich begriff, wieso der Preis so hoch gewesen war.

Mrs. Smith hatte ein System perfektioniert, mit dessen Hilfe sie jeder Kundin den passenden Mann auswählte. Während der drei Jahre, die ich ihren Service in Anspruch nahm, hatte ich nicht ein einziges unbefriedigendes Date. Egal, ob ich ein Konzert oder ein Museum besuchen oder eine Nacht lang einen Orgasmus nach dem anderen haben wollte, während ich mit roten Samtbändern gefesselt war, Mrs. Smith sorgte für den passenden Gegenpart.

Im Gegensatz zu meinen Freundinnen, die entweder darüber jammerten, dass sie keinen Freund hatten, oder über die Männer meckerten, die sie hatten, war ich die zufriedenste Frau, die ich kannte. Ich musste niemals irgendwo allein hingehen, wenn ich es nicht wollte. Ich musste mir niemals Gedanken darüber machen, was der Sex „bedeutete“ und ob ich meinem Liebhaber wichtig war, weil alles im Voraus ausgehandelt und bezahlt wurde. Männer zu mieten hatte mir die Freiheit geschenkt, Seiten meiner Sexualität auszuleben, von denen ich vorher nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierten. Und ich musste dabei weder meine Sicherheit riskieren, noch geriet ich in Gefahr, mich gefühlsmäßig zu verstricken.

Noch viel wichtiger war aber, dass meine Gentleman-Freunde sowohl in ihrem eigenen als auch in meinem Interesse absolut diskret waren. Aufgrund meiner Tätigkeit war ich ständig prüfenden Blicken ausgesetzt. Es war schwierig genug gewesen, dass ich nicht der Sohn in Frawley and Sons war. Das Bestattungswesen wird immer noch in der Hauptsache von Männern dominiert, und obwohl ich mein ganzes Leben in Annville verbracht und ebenso lange zum Familienunternehmen gehört hatte, gab es immer noch genügend Leute, die der Meinung waren, eine Frau könne den Job nicht ebenso gut machen wie ein Mann.

Es hing noch viel mehr an dem Job, als Todesanzeigen an die Zeitung zu schicken und Leichen einzubalsamieren; ein guter Bestatter bietet den Trauernden Unterstützung und hilft jeder Familie, die sich im Falle des Todes eines Verwandten an ihn wendet, durch eine Zeit, die oft die schwierigste in ihrem Leben ist.

Ich liebe meine Arbeit. Ich bin gut darin. Es gefällt mir, den Menschen dabei zu helfen, von ihren geliebten Angehörigen Abschied zu nehmen, und es ist mir wichtig, ihnen diesen Abschied so erträglich wie möglich zu machen. Ich vergesse aber auch nicht, dass die Menschen ihre lieben Verstorbenen niemals zu jemandem bringen würden, dem sie nicht vertrauen oder dessen Moral ihnen fragwürdig erscheint – und in einer kleinen Stadt wird die Moral der Mitmenschen sehr leicht angezweifelt.

„Grace?“

Schon wieder hatte mich jemand in Gedanken versunken erwischt. Als ich aufsah, stand Shelly Winber, meine Büroleiterin, vor mir. Sie schaute mich entschuldigend an, obwohl sie keinen Grund dazu hatte. Ich war diejenige, die im Traumland gewesen war. „Hm?“, machte ich fragend.

„Telefon für dich.“ Sie deutete zur Decke. „Oben. Es ist dein Vater.“

Natürlich oben, da mein sich stets in Reichweite befindliches Handy keinen Pieps von sich gegeben hatte. „Toll. Danke.“

Mein Dad rief mich jeden Tag mindestens einmal an, wenn er nicht lieber gleich hereinschaute. Für jemanden, der sich angeblich zur Ruhe gesetzt hatte, gönnte mein Dad sich ziemlich wenig Ruhe. Ich nahm den Anruf an meinem Schreibtisch entgegen, hörte mit halbem Ohr zu, machte die passenden „Mmm-hmms“ und überflog nebenbei die Spalten meines Werbeetats.

„Hörst du mir zu, Grace?“

„Ja, Dad.“

Er schnaubte. „Was habe ich eben gesagt?“

„Du hast mir gesagt, ich solle am Sonntag zum Dinner kommen und das Kassenbuch mitbringen, damit du mir mit der Bilanz helfen kannst“, riet ich aufs Geratewohl.

Das eisige Schweigen am anderen Ende der Leitung bedeutete, dass ich falschgelegen hatte. „Wie willst du die Firma erfolgreich führen, wenn du nicht zuhörst?“

„Es tut mir leid, Dad, aber ich bin damit beschäftigt, einiges zu überprüfen.“ Ich hielt das Telefon in die Nähe meiner Computermaus und klickte heftig damit herum. „Hörst du das?“

„Du verbringst zu viel Zeit am Computer“, stellte mein Dad verärgert fest.

„Ich verbringe Zeit am Computer, weil ich dort Arbeiten erledige, die der Firma zum Wachstum verhelfen.“

„Wir hatten niemals E-Mail oder eine Webseite, und trotzdem waren wir erfolgreich. Es geht in unserem Gewerbe um mehr als Marketing, Grace. Es geht um mehr als Zahlen.“

Seine Bemerkung wurmte mich. „Und warum sitzt du mir dann ständig wegen des Finanzplans im Nacken?“

Aha. Nun hatte ich ihn. Ich wartete auf seine Antwort, doch was er sagte, machte mich nicht gerade glücklich.

„Ein Bestattungsunternehmen zu führen ist nicht nur irgendein Job. Es muss dein Leben sein.“

Ich dachte an die unzähligen Konzerte, Abschlussfeiern und Geburtstagspartys, die mein Dad während all der Jahre versäumt hatte. „Denkst du etwa, das weiß ich nicht?“

„Ich weiß nicht. Weißt du es wirklich?“

„Ich muss jetzt Schluss machen, Dad. Wir sehen uns am Sonntag zum Dinner. Falls ich nicht arbeiten muss.“

Ich legte auf und lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Ich wusste, dass es mehr als ein Job war. Verbrachte ich nicht fast meine gesamte Zeit hier? Gab ich nicht mein Bestes? Gab ich nicht alles, was ich geben konnte? Aber das schien meinen Dad nicht zu beeindrucken. Er sah nur die neuen Apparate, das neue Logo, die Werbung im Radio und die Anzeigen in der Zeitung. Und er verstand nicht, dass meine Anstrengungen nicht weniger edel waren, nur weil ich niemanden als mich selbst opfern konnte, weil niemand auf mich verzichtete und auf mich wartete, während ich all meine Zeit hier verbrachte.

„Du funkelst ja heute so.“ Meine Schwester Hannah zog eine Augenbraue hoch.

Ich schnippte mit dem Finger gegen eines meiner Ohrgehänge, bis das winzige Glöckchen klingelte. Die Ohrringe passten zu der Tunika im Indianerstil, die ich bei einer Online-Auktion erstanden hatte. Der leuchtend türkisfarbene Stoff mit der komplizierten Perlenstickerei konnte durchaus als funkelnd bezeichnet werden.

„Danke. Habe ich von eBay.“

„Ich meine nicht die Ohrringe. Sie sind hübsch. Das Shirt ist ein bisschen …“ Hannah zuckte mit den Schultern.

„Was?“ Ich schaute an mir herunter. Der Stoff war durchscheinend, deshalb hatte ich darunter ein ärmelloses Top angezogen, um nicht allzu viel zu enthüllen. Kombiniert mit einer schwarzen Hose mit ausgestellten Beinen, hatte ich meine Kleidung nicht für besonders auffallend gehalten, zumal ich über der Tunika eine passende schwarze Jacke trug.

„Ungewöhnlich“, beendete Hannah ihren Satz. „Aber auch hübsch.“

Ich musterte Hannahs prüdes Rollkragen-Shirt und die dazu passende Strickjacke. Ihr fehlte nur noch eine einreihige Perlenkette und ein Hütchen mit einem Schleier, um wie eine Matrone aus den Fünfzigerjahren auszusehen. Dieses Outfit war besser als das mit Zeichentrickfiguren bedruckte Sweatshirt, das sie getragen hatte, als wir das letzte Mal zusammen essen gegangen waren, aber nicht sehr viel besser.

„Ich mag dieses Shirt.“ Ich hasste die Verteidigungsposition, in die ich mich unweigerlich begab, nachdem meine Schwester die Knöpfe gedrückt hatte, die sie nur zu genau kannte. „Es ist … frech.“

„Das ist es zweifellos.“ Hannah schnitt ihre Salatblätter in präzise, erstaunlich symmetrische Stücke. „Ich habe gesagt, es sei hübsch, nicht wahr?“

„Das hast du.“ Sie sagte „hübsch“ auf dieselbe Weise, wie andere Leute „bedauernswert“ sagten.

„Wie auch immer. Das ist nicht das, was ich meinte.“ Hannah sprach mit vollem Mund und sezierte mich dabei mit ihrem Blick. „Hattest du … ein Date? Gestern Abend?“

Bei der Erinnerung daran, wie Sams Hand vor ein paar Tagen zwischen meinen Beinen gelegen hatte, konnte ich ein Lächeln nicht unterdrücken. „Nicht gestern Abend, nein.“

Hannah schüttelte den Kopf. „Gracie …“

Ich hob die Hand. „Lass es.“

„Ich bin deine große Schwester. Ich darf dir Ratschläge geben.“

Nun war es an mir, die Augenbrauen hochzuziehen. „Hm … steht das in dem Handbuch, das irgendjemand mir zu geben vergessen hat, oder was?“

Hannah lachte nicht. „Im Ernst, Grace. Wann werden wir diesen Mann kennenlernen? Mom und Dad glauben nicht, dass er existiert.“

„Möglicherweise verbringen Mom und Dad zu viel Zeit damit, sich Gedanken über mein Liebesleben zu machen, Hannah.“

Je mehr ich abstritt, einen Freund zu haben, umso überzeugter schien meine Familie zu sein, dass ich einen vor ihr versteckte. Die meiste Zeit fand ich das lustig. Heute war ich aus irgendeinem Grund nicht sonderlich amüsiert.

Ich stand auf, um meinen Kaffeebecher neu zu füllen, und hoffte, dass meine Schwester beschlossen haben würde, das Thema ruhen zu lassen, wenn ich an den Tisch zurückkam. Ich hätte es besser wissen müssen. Hannah auf einer Mission zeigte in etwa dasselbe Verhalten wie ein Terrier angesichts einer Ratte. Wahrscheinlich schaltete sie nur deshalb nicht in den Wortschwall-Modus, weil wir uns in der Öffentlichkeit befanden.

„Ich möchte nur das Geheimnis erfahren. Das ist alles.“ Hannah fixierte mich mit jenem Blick, der mir früher jedes Geheimnis hatte entreißen können.

Er war noch immer ziemlich wirkungsvoll, aber ich hatte inzwischen viele Jahre Übung darin, Widerstand zu leisten. „Es gibt kein Geheimnis. Ich habe dir doch schon so oft gesagt, dass es keine ernste Sache gibt, niemanden, den ich regelmäßig sehe.“

„Wenn es ernsthaft genug ist, dich so aussehen zu lassen“, stellte Hannah mit einem Schnauben fest, „sollte es auch ernsthaft genug sein, um ihn deiner Familie vorzustellen.“

Dieser dezente Hinweis auf Sex erstaunte mich so, dass ich nicht anders konnte, als sie verwundert anzustarren. Meine Schwester, älter und mit der Neigung zur Besserwisserei, hatte mit mir niemals über körperliche Liebe gesprochen. Andere Mädchen waren zu ihren großen Schwestern gegangen, wenn sie Ratschläge zu Jungen und Büstenhalter brauchten, aber Hannah, die sieben Jahre älter war als ich, hatte unsere Beziehung nie locker genug gestaltet, um über Sex zu sprechen. Ich hatte nicht vor, jetzt damit anzufangen.

„Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Ich denke, das weißt du sehr wohl.“ Hannah nahm mich mit einem weiteren Blick auseinander.

„Nein, wirklich nicht, Hannah.“ Ich grinste so harmlos, wie ich nur konnte.

Hannahs Lippen wurden schmal. „Na schön. Wie auch immer. Sei’s drum. Wir fragen es uns nur alle, mehr nicht.“

Ich seufzte und wärmte meine Hände am Kaffeebecher. „Was fragt ihr euch?“

Hannah zuckte die Achseln und sah weg. „Na ja. Du erfindest ständig Ausreden, weshalb du ihn nicht mitbringst. Wir fragen uns, ob …“

„Ob was?“, drängte ich.

„Ob er ein … Er ist?“, murmelte Hannah. Sie stach auf ihren Salat ein, als hätte er ihr etwas angetan.

Schon wieder höchst erstaunt, lehnte ich mich auf meinem Stuhl zurück. „Ach, du lieber Himmel!“

Hannahs Mund wurde zu einer trotzigen Linie. „Ist er’s?“

„Ein Mann? Du willst wissen, ob ich mich mit einem Mann treffe? Anstelle von was … einer Frau?“ Ich hätte gerne gelacht, nicht weil das hier so lustig gewesen wäre, sondern weil ein Lachen es vielleicht ein bisschen weniger seltsam hätte erscheinen lassen. „Du willst mich wohl auf den Arm nehmen!“

Hannah sah auf. Ihre Unterlippe hatte sie auf die mir sehr vertraute Art vorgeschoben. „Mom und Dad würden diese Frage nicht aussprechen. Aber ich tue es.“

Während eines kurzen, verrückten Moments zog ich in Erwägung, ihr alles zu erzählen. Was würde schlimmer sein – zu gestehen, dass ich für Sex bezahlte oder dass ich Dates mit Frauen hatte? Wahrscheinlich wenn ich sagte, dass ich Frauen für Sex bezahlte, und die Vorstellung, was für ein Gesicht meine Schwester machen würde, wenn ich ihr genau das erzählte, ließ mich den Mund zu einem Lächeln verziehen. Dennoch widerstand ich der Versuchung. Hannah würde es nicht so lustig finden wie ich.

Wenn jemand anders mir die Frage gestellt hätte, hätte ich zweifellos gelacht, aber weil es meine Schwester war, schüttelte ich nur den Kopf. „Nein, Hannah. Es ist keine Frau. Ich schwöre.“

Hannah nickte steif. „Nun, du weißt, dass du es mir sagen könntest. Ich könnte damit umgehen.“

Das bezweifelte ich. Hannah hatte eine ziemlich eingeschränkte Weltsicht. Darin war nicht viel Platz für Schwestern, die auf Mädchen standen oder die für Verabredungen bezahlten. Obwohl es sie ohnehin nichts anging.

„Ich gehe einfach nur aus. Mache mir einen schönen Abend. Das ist alles. Es gibt niemanden, den ich so häufig treffe, dass es Sinn hätte, ihn der Familie vorzustellen. Das ist alles. Falls sich das irgendwann ändert, bist du die Erste, die es erfährt.“

Wahrscheinlich ist der einfachste Weg, herauszufinden, ob man etwas tut, das man nicht tun sollte, auszuprobieren, ob man in der Lage ist, es seiner Familie zu erzählen. Ich war mir vollkommen sicher, dass ich meiner Familie auf gar keinen Fall von meinen Dates erzählen würde. Zur Hölle, ich hatte nicht einmal meinen engsten Freunden etwas davon gesagt. Ich war mir nicht sicher, ob sie verstehen würden, was der Reiz an der Sache war. Die Befriedigung, die es mir brachte. Kein Ärger. Kein Streit. Nichts zu verlieren.

„Einen Freund zu haben macht eine Menge Arbeit und Mühe, Hannah.“

Sie rollte mit den Augen. „Versuch es mit einem Ehemann.“

„Von der Sorte will ich auch keinen.“

„Natürlich nicht!“

Ich konnte mich aus der Sache nicht herausreden. Ihr empörtes Schnauben verriet mir, was sie dachte – es mochte in Ordnung sein, wenn sie sich über ihren Mann beklagte, doch wenn ich sagte, dass ich keinen Ehemann wollte, war das, als würde ich erklären, dass sie mit ihrer Heirat einen Fehler gemacht hatte.

„Mir gefällt mein Leben“, stellte ich klar.

„Natürlich. Dein Leben.“ Sie stieß es wie eine Beleidigung hervor. „Dein problemloses, ganz privates Singleleben.“

Wir starrten uns finster an. Nach einem weiteren endlosen Moment, in dem wir einander mit unseren Augen niedermachten, richtete sie ihren Blick demonstrativ auf meinen Hals. Ich musste mich beherrschen, um nicht den kleinen Fleck zu berühren, den Sam dort hinterlassen hatte.

Zwischen Hannah und mir blieb vieles unausgesprochen, wie das in Familien so ist. Schließlich wechselte Hannah das Thema, und ich war froh, die hochnotpeinliche Situation überstanden zu haben. Als wir uns später voneinander verabschiedeten, war das übliche schwesterliche Gleichgewicht fast wiederhergestellt.

Ich sage „fast“, weil diese Unterhaltung mich während des restlichen Tages nicht mehr losließ. Sie hatte einen bitteren Geschmack auf meiner Zunge hinterlassen. Sie machte mich tollpatschig und vergesslich, und selbst als ich einen beruflichen Termin hatte, konnte ich sie nicht beiseiteschieben.

„Was kann ich für Sie tun, Mr. Stewart?“ Ich faltete meine Hände auf dem Schreibtisch, den bereits mein Vater benutzt hatte und vor ihm sein Vater. Zu meiner Linken lag ein linierter Schreibblock, zu meiner Rechten ein Füllfederhalter. Im Moment lagen meine gefalteten Hände zwischen Papier und Stift.

„Es geht um meinen Vater.“

Ich nickte und wartete.

Dan Stewart hatte regelmäßige Gesichtszüge und sandfarbenes Haar. Er trug einen Anzug und eine Krawatte, die für den Anlass zu elegant waren. Wahrscheinlich kam er direkt von der Arbeit. Sein Outfit war auch zu elegant für einen normalen Bürojob, was bedeutete, dass er entweder ein hohes Tier in irgendeiner Firma oder Anwalt war.

„Er hatte einen weiteren Schlaganfall. Er … stirbt.“

„Es tut mir leid, das zu hören.“ Zwar glaube ich nicht an die himmlischen Heerscharen, aber ich habe Verständnis für Trauer.

Mr. Stewart nickte. „Danke.“

Manchmal brauchten die Menschen, die mir auf der anderen Seite des Schreibtischs gegenübersaßen, einen kleinen Anstoß, doch Mr. Stewart fuhr nach einem kurzen Augenblick fort.

„Meine Mutter möchte sich nicht damit befassen. Sie ist überzeugt, dass er es auch dieses Mal wieder schafft.“

„Aber Sie möchten Vorkehrungen treffen?“ Ich griff noch nicht nach dem Füller, sondern ließ meine Hände gefaltet.

„Ja. Mein Dad war immer ein Mann, der genau weiß, was er will. Meine Mutter …“ Mr. Stewart lachte und zuckte die Achseln. „Sie tut, was mein Dad will. Ich befürchte, wenn das hier nicht im Voraus geklärt wird, hat sie nach seinem Tod keine Ahnung, was sie tun soll, und es gibt ein riesiges Durcheinander.“

„Möchten Sie mit der Planung jetzt beginnen? Sie selber?“ Es konnte heikel sein, die Beerdigung ohne den Partner des Verstorbenen zu planen.

Er schüttelte den Kopf. „Ich möchte nur einen Anfang machen. Vielleicht kann ich einige Unterlagen mit nach Hause nehmen und mit meiner Mutter über die verschiedenen Möglichkeiten sprechen. Mich mit meinem Bruder darüber unterhalten. Ich möchte nur …“ Er hielt inne, nachdem seine Stimme während der letzten Worte immer leiser geworden war, und ich begriff, dass es bei diesem Schritt mehr um ihn als um die anderen Trauernden ging. „Ich will einfach nur vorbereitet sein.“

Ich öffnete meine Schreibtischschublade und zog das Päckchen mit den Vorsorgeunterlagen hervor. Als ich die Firma übernommen hatte, hatte ich es als eine meiner ersten Handlungen selbst zusammengestellt. Gedruckt auf elfenbeinfarbenem Papier und verpackt in eine schlichte dunkelblaue Faltmappe, enthielt das Päckchen Checklisten, Vorschläge und Beschreibungen der unterschiedlichen Möglichkeiten, was den Trauernden die Angelegenheit so leicht wie möglich machen sollte.

„Ich verstehe, Mr. Stewart. Sich vorzubereiten kann durchaus tröstlich sein.“

Sein Lächeln machte innerhalb kürzester Zeit aus seinem nichtssagenden Gesicht ein umwerfend attraktives. „Mein Bruder würde sagen, ich sei pingelig. Und nennen Sie mich bitte Dan.“

„Das würde ich niemals behaupten“, erklärte ich und lächelte nun ebenfalls. „Eine Beisetzung zu planen kann sehr anstrengend und aufreibend sein. Je mehr Dinge man vorher erledigt, umso mehr Zeit hat man hinterher, sich um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern, wenn man mit dem Verlust fertig werden muss.“

Dans Lächeln war ein wenig schief, er zog an einer Seite den Mundwinkel höher als an der anderen. „Gibt es viele Leute, die Beerdigungen im Voraus planen?“

„Sie wären überrascht.“ Ich deutete auf die Aktenordner an der Wand. „Viele meiner Kunden haben wenigstens irgendetwas geplant, und sei es die Art der Trauerfeier.“

„Aha.“ Er schaute an mir vorbei auf die Reihe der Akten, dann trafen sich unsere Blicke wieder. Die Intensität, mit der er mich anstarrte, hätte mich beunruhigt, wäre sein Lächeln nicht so freundlich gewesen. „Haben Sie viele jüdische Beerdigungen, Ms. Frawley?“

„Nennen Sie mich Grace. Nicht allzu viele. Aber wir können Ihnen sicher einen entsprechenden Gottesdienst anbieten. Ich kenne Rabbi Levine von der Lebanon Synagoge recht gut.“

„Und die chevra kadisha?“ Er sah mich unverwandt an, während er ein wenig mit den Worten kämpfte, die er wahrscheinlich niemals zuvor hatte aussprechen müssen.

Ich wusste, was die chevra kadisha besagte, obwohl ich niemals dabei gewesen war, wenn sie einen Körper auf eine Beisetzung nach jüdischem Brauch vorbereiteten. Traditionell wurden Juden nicht einbalsamiert, und sie wurden in nichts anderem zur Ruhe gebettet als in den schlichtesten Särgen aus Kiefernholz.

„Wir haben nicht viele jüdische Beisetzungen“, gab ich zu. „Die meisten Mitglieder der örtlichen Gemeinde gehen zu Rohrbach.“

Dan zuckte die Achseln. „Ich mag den Kerl nicht.“

Ich mochte Rohrbach auch nicht besonders, aber das hätte ich niemals so offen gesagt.

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