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California

Informationen zum Buch

Das Ende des amerikanischen Traums

Nach einer Folge von verheerenden Naturkatastrophen stehen die Vereinigten Staaten am Rande des Zusammenbruchs. Im politischen Vakuum gehen Armut und Terror Hand in Hand. Wer Geld hat, flüchtet und verbarrikadiert sich in Gated-Communitys. Die Übrigen haben nur eine Chance zu überleben – Flucht in die Wildnis.

So auch das junge Paar Cal und Frida. Nur mit dem Nötigsten brechen sie auf und finden am Rande eines Waldes in einer kleinen Hütte Unterschlupf. Als Frida bemerkt, dass sie schwanger ist, könnte das der schönste Moment ihres Lebens sein. Stattdessen hat sie panische Angst. Als sie und Cal von einer geheimen Kommune namens The Land erfahren, keimt Hoffnung auf. Doch die Bewohner von The Land haben ein dunkles Geheimnis, das nicht nur Frida und Cal betrifft, sondern vor allem ihr ungeborenes Kind. Wie weit darf man gehen, um den zu schützen, den man liebt?

California führt in eine Zukunft, die viel näher ist, als uns lieb sein kann, und erschafft ein bedrückend erhellendes Panorama der Menschlichkeit unter extremen Bedingungen.

»Eines der Bücher, das sie dieses Jahr lesen MÜSSEN.« Huffington Post

»In ihrem atemberaubenden Debütroman erschafft Edan Lepucki eine satte, sehr realistische und hochkomplexe Zukunftsvision, deren Dramatik sie meisterhaft ausschöpft.« Jennifer Egan

»Was Edan Lepuckis Roman so fantastisch macht ist, dass ihre Überlebenskünstler uns nicht nur ähneln, sie sind wir, in ihrer Besonderheit und in ihren Dilemmas.« Michael Specktor

Edan Lepucki

California

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Roman

Aus dem Amerikanischen
von Gesine Schröder

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Für Patrick

1

Auf der Landkarte war ihr Ziel eine grüne Fläche gewesen, als würden sie auf einen Golfplatz umziehen. Keine Freeways in der Nähe und eigentlich auch sonst keine Straßen: Die hatte man längst dem Verfall überlassen. Frida hatte den Ort insgeheim das Jenseits genannt, und auf dem Weg dorthin, wenn sie sich in verlassenen Raststätten verstecken mussten oder das Auto mit dem letzten Rest Benzin betankten, hatte sich ihr Ziel wie eine Verheißung angefühlt. Sie stellte es sich als ländliche Gemeinde vor. Cal war der Bürgermeister. Und sie die Frau des Bürgermeisters.

Natürlich kam es ganz anders. Der Wald hatte nicht auf sie gewartet. Wenn überhaupt, hatte er wieder und wieder versucht, sie loszuwerden. Aber sie waren geblieben, im Grunde sogar gut zurechtgekommen. Inzwischen konnte Frida über die Erinnerung an sich selbst vor zwei Jahren nur noch lachen: wie sie fluchend ihre Tasche hinter sich her schleifte, die Fingernägel völlig zerkaut. Magenschmerzen, dreckig wie noch nie. Selbst ihre Knie hatten gestunken.

Sie dachte, es würde leichter werden, wenn sie erst einmal da wären. Sie hätte es besser wissen sollen. Die Anstrengungen waren längst nicht vorbei; sie wurden eher noch größer, und monatelang wechselten sich Erschöpfung und Angst in ihrem Inneren im Sekundenrhythmus ab – tick, tack. Die tiefschwarze Nacht glitt wie eine Klinge über ihren Körper, und sie sehnte sich nach ihrem alten Kinderbett. Nach irgendeinem Bett.

Sie hatte ein paar Dinge eingepackt, die ihr etwas Trost verschaffen sollten: das kaputte Gerät zum Beispiel und eine Streichholzschachtel von ihrer Lieblingsbar. Ihre Artefakte sagte Cal dazu. In einer so völlig von der Vergangenheit abgeschnittenen Welt war die Verbindung mit diesen Gegenständen ihre einzige Möglichkeit gewesen, bei Verstand zu bleiben. Sie war es immer noch.

Frida versuchte, sie nicht zu oft hervorzuholen, aber Cal war gerade rausgegangen, um zu graben, und würde nicht vor einer Stunde zurück sein. Obwohl die Sonne nur schwach vom grauen Himmel schien, hatte er sein kariertes Hemd und ein Halstuch getragen. Sie hatten immer noch eine Flasche Sonnencreme, aber die war abgelaufen und wässrig geworden wie Magermilch.

»Bleib eine Weile drinnen«, hatte er beim Losgehen gesagt.

Frida hatte die Arme in seinem Nacken verschränkt. »Wo sollte ich auch hin?«

Er küsste sie zum Abschied auf den Mund, wie er es immer noch tat und immer tun würde. Sie war in Gedanken schon bei den Artefakten, die in einer alten Aktentasche unter einer der ungenutzten Campingliegen verstaut waren. Der Morgen war hart gewesen.

Cal hatte die Tür hinter sich zugemacht, und als sich das Geräusch seiner Schritte entfernte, holte sie als Erstes die Tasche hervor. Sie fischte aus dem kleinen Haufen von Gegenständen den Abakus heraus. Es gefiel ihr, die blauen Perlen auf den Drähten hin und her zu schieben. Sie zählte, tippte, schloss die Augen. Frida hatte als Kind mit dem Abakus gespielt und hatte schon damals seine beruhigende Wirkung gebraucht. Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Micah hatte auch einen, mit roten statt mit blauen Perlen, aber eines Tages, mit sieben ungefähr, hatte er ihn zerlegt und die Perlen auf eine Schnur gezogen. Er hatte sie seiner Mutter als Kette geschenkt.

Frida ließ die Perlen klackern. Sie ertappte sich dabei, dass sie schon wieder die Tage zählte. Zweiundvierzig.

»Überfällig«, sagte sie laut, und ihre Stimme klang dünn und kläglich in dem Einzimmerhaus. Die Wände schienen ihre Worte einzuatmen; sie würden ihr Geheimnis für sich behalten, bis sie es Cal verriet.

»Ich bin überfällig«, wiederholte sie und zwang sich, mit fester Stimme zu sprechen. Sie würde es ihm bald sagen müssen, und zwar genau so. Sie durfte nicht durchdrehen. Sie musste es verkünden wie jede andere Tatsache auch.

Frida schob die letzte Perle über den Draht. Ihr gefiel die Vorstellung, den Draht vom Rahmen loszumachen und die Perlen davonrollen zu lassen. Sie könnte sich eine in den Mund stecken und daran lutschen wie an einem Bonbon. Aber dann hätte sie den Abakus nicht mehr.

Sie legte ihn weg und durchwühlte die Tasche nach etwas Besserem. Die anderen Artefakte brachten jetzt nichts. Weder das Gerät noch die Streichholzschachtel noch die gerissene Duschhaube, von der sie sich einfach nicht trennen konnte. Noch die handgeschriebenen Kuchenrezepte ihrer Mutter, die sie auswendig wusste und hier draußen nicht gebrauchen konnte. Noch die uralte Buntstiftkiste oder der halbleere Parfümflakon.

Sie wusste, was sie wollte.

Anders als die anderen Gegenstände war die Bratensaftpipette neu gewesen. Frida hatte sie gerade deshalb mitgenommen, weil sie in L. A. keine besessen hatten; sie war etwas Besonderes, ein einfacher Gegenstand, der das Davor von dem Danach deutlich abgrenzte. Frida hatte sich ausgemalt, die Pipette an Thanksgiving zu benutzen – wenn sie es überhaupt feiern würden. Sie hatte vermutet, dass es hier keine Truthähne geben würde, und Recht behalten.

Thanksgiving. Dieser Feiertag wirkte in ihrer Erinnerung so altertümlich wie etwas aus dem Märchenbuch: Es war einmal vor langer, langer Zeit, da hat Goldlöckchen Frida sich ordentlich überfressen.

Frida konnte sich nicht mehr zurückhalten und zog die Pipette aus der Aktentasche. Sie war in altes, mit Lebkuchenmännern und Mistelzweigen bedrucktes Weihnachtsgeschenkpapier eingewickelt, und Frida wickelte sie behutsam aus. Vor ein paar Wochen hatte sie sie zum letzten Mal hervorgeholt und sorgfältig wieder verstaut. Sie durfte nicht beschädigt werden.

Im Laden hatte Frida so viel Spaß daran gehabt, damit herumzuspielen, auf die Gummiblase zu drücken, dass die Luft vorn aus der Glastülle pupste. Sie hatte sich gefragt, ob sie sie eines Tages benutzen würden, um ein Kind zu zeugen: als ihre eigene, improvisierte Fruchtbarkeitsbehandlung. Komisch, dass ihr das schon damals durch den Kopf gegangen war.

Aber nein, dachte Frida jetzt, nein, sie war nicht schwanger. Sie durfte nicht schwanger sein. Am besten dachte sie nicht weiter daran.

Die Bratensaftpipette war im Angebot gewesen. Der Laden sollte schließen, wie so viele andere auch. Als die ersten Filialen pleite gingen, hatte es keiner glauben wollen. »Quatsch, so eine Riesenkette!«, hatten sie gesagt. Als Mädchen war Frida mit ihren Freundinnen hingegangen, um all die überflüssigen Gebrauchsgegenstände zu bestaunen: die Sojasaucenbehälter, die winzigen Perlmutt-Löffelchen, die bauchigen Glaskrüge. Schon damals hatte sie niemanden gekannt, der sich die Sachen leisten konnte. Mit dreizehn gab sie ihr ganzes Geburtstagsgeld für eine einzige Stoffserviette aus. Ihre Mutter hätte sie umgebracht, wenn sie es mitbekommen hätte; damals waren die Zustände nicht katastrophal, noch nicht, aber es waren harte Zeiten, und Frida konnte sich vorstellen, wie ihre Mutter sich über so eine Verschwendung aufgeregt hätte. Frida hatte die Serviette in der Tasche einer Jacke versteckt, die sie nie trug.

Aber bei ihrem letzten Einkauf, mit sechsundzwanzig, war sie nicht mehr das dumme kleine Ding von damals, oder jedenfalls redete sie sich das ein. Der Laden hatte ausgesehen wie nach einer Plünderung. Frida erinnerte sich noch an die grellen Scheinwerfer; sie wurden von einem Generator in der Ecke versorgt und beleuchteten die letzten Waren, die wild durcheinander in Plastikeimern lagen. Die Kasse stand am Ausgang, und das Mädchen, das dort arbeitete, akzeptierte nur Gold als Zahlungsmittel, keinen Schmuck – es musste alles schon eingeschmolzen sein.

Frida konnte sich nicht an das Gesicht des Mädchens erinnern, wohl aber an ihren Eyeliner. Wie war sie bloß an Eyeliner gekommen? Vielleicht war er aus den Altbeständen ihrer Mutter und ganz hinten im Badezimmerschrank langsam vor sich hin vertrocknet. Sie hätte ihn verkaufen können, wenn sie wollte, aber sie hatte es nicht getan. Das Mädchen war nicht mal achtzehn, wohl eher sechzehn Jahre alt. Eine Woche später machte der Laden dicht, hielt sich nicht mal bis Weihnachten.

Im Frühling feierte Frida ihren siebenundzwanzigsten Geburtstag in einer leeren Wohnung; die Sachen lagen fertig verpackt im Flur. Zumindest dies eine Fest hatte sie noch in L. A. verbringen wollen, immerhin war sie dort geboren. Cal hatte sie nicht davon abbringen können.

Frida hielt die Bratensaftpipette an der Gummiblase fest und hob sie ins Licht. Der Laden war seit ihrer Abreise sicher verwildert, und mit ihm die anderen Geschäfte in dieser dämlichen Mall. The Grove hatte man sie genannt, Der Hain. Vielleicht waren dort in den letzten zwei Jahren nun tatsächlich Bäume gewachsen. Die berühmte Straßenbahn war vermutlich verrostet, ihre Glocke geklaut. Die Wasserspiele, die Touristen und Kinder angezogen hatten, waren trocken; entweder das oder mit giftigem Schlamm verstopft.

Und das Mädchen? Vielleicht war sie mutig und dumm genug gewesen, sich auch in die Wildnis aufzumachen, nur ein paar winzige Sherrygläser und Stoffservietten im Gepäck. Vielleicht eine Bratensaftpipette.

Damals in L. A. hatte Frida die Pipette vor Cal verheimlicht, weil sie Gold dafür ausgegeben hatte – Gold, das sie für ihre Reise sparen wollten. Sie hatten fast ein Jahr gebraucht, um genug für Benzin und andere Vorräte zusammenzubekommen. Es war ein leichtfertiger Einkauf gewesen, und sie wusste es. Sie war noch immer das Mädchen von damals, das Schätze hortete. Sie hatte sich kein bisschen verändert.

Bei der Abreise hatte sie die Pipette gut versteckt, weil sie fürchtete, dass Cal sie nicht würde mitnehmen wollen. Im Auto war nicht allzu viel Platz, und bevor ihnen das Benzin ausging, mussten sie es zurücklassen und ihren Besitz den Rest des Weges tragen. Es war so viel Zeug, dass sie mehrmals hin und zurück laufen mussten. Dann fuhren sie, damit ihnen niemand folgte, das Auto in die Gegenrichtung, bis es stotternd liegenblieb. Wie durch ein Wunder fanden sie all ihre Sachen wohlbehalten genau da wieder, wo sie sie aufgestapelt hatten.

Frida hatte die Bratensaftpipette und die anderen Artefakte wie Schmuggelware ins Haus geschafft. Die meisten Sachen hatte Cal inzwischen entdeckt, nur die Pipette hielt sie immer noch vor ihm geheim.

Ursprünglich hatte sie vorgehabt, sie im Jenseits irgendwie zu benutzen, je nachdem, wofür sie sich am besten gebrauchen ließ. Und dann, eines Tages, war ihr klar geworden, dass sie das nie tun würde. Ab und zu spielte sie mit dem Gedanken, das Preisschild abzumachen, das mit einer Schnur an der Gummiblase befestigt war. Wenigstens nicht mit einem dieser Plastikfäden; die hatte sie immer gehasst, weil sie Löcher in die Kleidung rissen und nur mit der Schere abgingen. Solcher Kleinkram war wahrscheinlich der Hauptgrund, warum Amerika vor die Hunde gegangen war, der ganze giftige Plastikmüll, der die Halden füllte. So ein Wahnsinn. Aber die Bratensaftpipette liebte Frida gerade deshalb so sehr, weil das Preisschild noch dranhing. Weil sie so neu war: die Glastülle so sauber und zerbrechlich, die buttergelbe Gummiblase fühlte sich noch kreidig an. Sie atmete Luft ein und aus wie damals beim ersten Mal. Frida musste es für sich behalten. Die Pipette gehörte nur ihr, und das Geheimnis, das sie umgab, war inzwischen genauso kostbar wie der Gegenstand selbst.

Frida schob gerade die Tasche unter das Bett zurück, als Cal wiederkam. Er duckte sich unter dem seltsam niedrigen Türrahmen. Ihr gefiel, wie hochgewachsen ihr Mann war und dass seine schmalen Schultern ihn noch größer wirken ließen. Morgens kämmte er sein kurzes rötliches Haar mit den Fingern; es war so fein, dass sich nachts kleine Knoten am Hinterkopf bildeten, und das ärgerte ihn. Frida liebte es, und sie liebte die Tatsache, dass er morgens immer mit dunklen Ringen unter den goldbraunen Augen aufwachte, egal, wie lange er geschlafen hatte.

Eine dünne Schmutzschicht bedeckte sein Hemd und sein Gesicht, und er hatte das Halstuch abgemacht, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Das Zimmer füllte sich mit seinem süßen Gestank. Cals und ihre Füße hatten zu riechen angefangen – nicht der Essiggeruch, der Frida in L. A. verfolgt hatte, sondern etwas Pilziges, Gammeliges, wie ein Sack altes Gemüse. Cal hatte gesagt, sie röchen obdachlos, und sie hatte ihm Recht gegeben. Daraufhin hatten sie ihr letztes Stück Seife und die Tube mit der Fußpilzsalbe ausgepackt. Sie sprachen nicht darüber, was passieren würde, wenn beides aufgebraucht war. Ihre selbstgemachte Seife aus Kiefernholz und Nagetierfett roch toll, wirkte aber nicht.

»Was machen die Fallen?«, fragte Frida.

Cal zuckte mit den Schultern und ging zur Thermoskanne. Alle zwei Monate verwöhnten sie sich mit Kaffee, den Rest der Zeit füllten sie die Kanne mit Brunnenwasser. Am Morgen nach dem Kaffeetag nahm das Wasser den Rest Bitterkeit in sich auf, der in der Kanne zurückgeblieben war. Wenn die Welt nicht unterginge und sie jemals nach Hause zurückkehrten, würde sie das Rezept an die Cafés verkaufen, würde mit Kaffeewasser steinreich werden.

Cal schenkte seinen Becher voll und trank in großen Zügen, sein Adamsapfel hüpfte auf und ab. Dieser Adamsapfel. Cal hatte Frida einmal erzählt, nach Platon seien die Bestandteile der Seele – wie der Verstand und die Leidenschaften – über den ganzen menschlichen Körper verteilt. Sie stellte sich gern vor, Cals Seele – oder ein Stückchen davon – wohne in diesem schlanken Hals, dieser vorspringenden Klippe, die ihn als Mann kenntlich machte. Mit so einem Adamsapfel hätte er als Transe nie eine Chance gehabt.

»Ich weiß, dass du das mit den Fallgruben albern findest«, sagte er, nachdem er ausgetrunken hatte.

»Tu ich gar nicht. Du hast Dutzende Schlingen gemacht, und die haben auch funktioniert. Warum sollte ich dann die Fallen in Frage stellen?«

»Das musstest du nicht mal.«

»Ich habe auch nicht die Augen verdreht«, sagte sie und ging auf ihn zu. Cal roch wirklich streng. Sie gab ihm ein Handtuch aus dem Vorratsregal und bat ihn, sich abzuwischen.

Er wies zu den Löchern draußen. »Ich weiß, dass die größer sind als normal. Aber die Erdhörnchen sind dämlich genug. Die gehen bestimmt da rein.«

»Aber Schatz, das ist hier nicht Robinson Crusoe. Weißt du überhaupt, wie man Fallgruben baut?«

Er zog sein Hemd aus, um sich die Achseln waschen zu können. »Das hab ich als Kind mal gemacht«, sagte er.

Frida seufzte. »Im Spiel oder im Ernst?«

»Wo ist da der Unterschied?«

»Dein Glück, dass du so clever bist«, sagte sie und küsste ihn auf die Wange.

Er hatte so hart gearbeitet da draußen. Vielleicht würden die Löcher, die er aushob, sie auch vor den größeren Tieren schützen: den Koyoten, den Bären und den Wölfen, die sie manchmal nachts heulen hörten.

Cal hatte die Fallen in den letzten paar Tagen in seiner Kladde entworfen, samt physikalischen Berechnungen. Er sagte, sie hätten damals auf der Farm seines Vaters funktioniert, also würden sie auch jetzt funktionieren. Frida fragte sich, ob Erdhörnchen überhaupt schmeckten, aber Cal sagte: »Proteine sind Proteine«, und dass sie nicht wählerisch sein durften. Einmal hatten sie eine Schlange gegessen – die hatte Bo Miller für sie gekocht –, und manchmal sehnten sie sich danach zurück, besonders im Winter nach vielen Rüben- und Kartoffeltagen.

Frida nahm ihm das Handtuch ab. »Ich weiß, wie sehr du Fleisch vermisst«, sagte sie. »Angeblich schmecken Erdhörnchen nach Steak.«

Er seufzte. »Wenn ich nur aufhören könnte, es so sehr zu wollen …«

»Ja, wenn …«, sagte Frida.

Er war schon wieder auf dem Weg nach draußen. Zur Arbeit.

»Warte«, sagte sie. Sollte sie es ihm jetzt sagen? Zweiundvierzig Tage, dachte sie.

»Was gibt’s?«, fragte er.

»Diese Woche kommt August wieder. Sollen wir mal fragen, ob er Seife hat?«

»Er hat nie Seife.«

Das stimmte. Seit über einem Jahr war August hier im Jenseits ein Fixpunkt für sie, an dem sie das Vergehen der Zeit ablesen konnten. Einmal im Monat kam er mit seinem Maultierkarren vorbei, um Waren zu tauschen und Informationen zu sammeln. Er erkundigte sich nach ihrem Befinden und interessierte sich für Wetterbeobachtungen. Als Frida sich einmal erkältet hatte, fragte er, welche Farbe ihr Rotz hätte.

»Durchsichtig«, hatte sie gesagt.

Er hatte gelächelt und geantwortet: »Heute Nacht wird es richtig kalt, also pack dich warm ein.«

Frida hatte bei August einmal einen Kürbis gegen eine zerbeulte Dose Kondensmilch eingetauscht und ein anderes Mal ihren alten Kaschmirpullover gegen ein frisch geschärftes Messer. Als er es ihr mit nach unten gerichteter Klinge herüberreichte, hatte er gesagt: »Für deine Küche – oder als Waffe.« Keine Frage, sondern eine Feststellung; in der Wildnis musste jedes Werkzeug vielseitig sein.

August war ein hagerer dunkelhäutiger Mann, etwa zehn Jahre älter als sie, kurz vor vierzig vielleicht, und strahlte die nie ganz verblichene Verzweiflung eines früheren Drogenabhängigen aus. »Er hat so was Vampirisches«, hatte Cal einmal dazu gesagt. August selbst nannte sich einen Junkie, weil er mit gebrauchtem »Junk« handelte. Er erzählte gern, er sei der letzte Schwarze auf Erden, und vielleicht stimmte das; hier in dieser Umgebung wurden alle Witze schal.

»Ich würde gern probieren, Knoblauch anzubauen«, sagte Cal. »Vielleicht hat er welchen.«

»Okay.«

»Du guckst schon wieder so. Was ist mit dir?«

»Nichts. Geh graben.«

»Egal, worüber du dir den Kopf zerbrichst – lass es einfach.«

Sie sagte, sie werde es versuchen.

Cal winkte ihr beim Hinausgehen.

»Und atme!«, rief er ihr über die Schulter zu.

Frida atmete aus. Woran hatte er das gemerkt?

Cal sagte das schon zu ihr, seit sie einander kannten. Während der ersten Monate hier draußen hatte er es besonders oft gesagt. Ihr geholfen, ruhig zu bleiben. Ganz selten drang seine eigene Überlebensangst an die Oberfläche und die Luft um ihn verdichtete sich, aber die meiste Zeit wirkte er geradezu friedvoll. Als wäre er frisch aus dem Kloster zurück, sah er mit sanften, offenen Augen in die Welt, auf Gutes und Böses, Gerechtes und Ungerechtes. Sie dagegen vergaß sogar zu atmen. Es hatte sie all ihre Kraft gekostet, nicht laut zu sagen: Wir werden hier sterben, oder?

Damals hatten Cal und sie noch im Schuppen gewohnt und geglaubt, sie müssten dort für immer bleiben. Sie ahnten nicht, dass sie bald in ein Haus ziehen würden.

Den Schuppen hatten sie zufällig entdeckt, als sie nach einem guten Lagerplatz suchten, und dieser Glücksfall hatte sie gerettet. Im Grunde waren sie ziemlich planlos losgefahren, beinahe unbekümmert. Einfach nur raus ins Freie. »Ich will nur weg«, hatte Cal anfangs zu ihr gesagt. »Ich halte es nicht mehr aus, wie elend alles ist.«

Weil sie das nachfühlen konnte, hatte Frida nicht weiter nachgefragt. Vielleicht meinte er die umgepflügten Straßen von L. A., die vernagelten Läden und in sich zusammengesackten Häuser. Die vielen verdorrten Rasenflächen. Oder er meinte die geschlossenen Kinos und Restaurants und die wild wuchernden, vernachlässigten Parks. Oder die Menschen, die nach Pisse stinkend, wimmernd auf den Gehwegen verhungerten. Oder die Verbrechen; die Mordrate stieg Jahr für Jahr, und Kleinkriminalität war so allgegenwärtig wie es früher das nervige Dröhnen der Laubbläser gewesen war. Die Stadt war mehr als krank, sie lag im Sterben, und Cal hatte Recht: Es war wirklich alles elend.

Der Schuppen war eine halbwegs stabile Konstruktion – Wände, Boden und Decke waren aus Holzlatten zusammengezimmert, das Dach durch sechs mit Draht vernähte Reifenschläuche abgedichtet. »Hier ziehen wir ein«, hatte Cal gesagt, und Frida hatte geantwortet: »Klar, ist ’n schönes Klohäuschen.« Aber sie wusste, dass der Schuppen besser war als alles, was sie selbst zustande gebracht hätten. Cal hatte bei seinem Vater auf der Farm und auch später am College Bauarbeiten erledigt, aber ein ganzes Haus hatte er nie aus dem Boden gestampft.

»Ich schaffe das«, hatte er noch gesagt, als sie ihre Sachen im Schuppen verstauten. Sie könnten vorübergehend dort übernachten, solange sie an dem Anbau arbeiteten, meinte er. »Mit deiner Hilfe schaffe ich das.«

»Das ist es ja gerade, was mir Sorgen macht«, antwortete Frida. »Dass es nur wir beide sind.«

Anfangs war es wirklich so gewesen. August hatte sie noch nicht entdeckt, und auch nicht die Millers, ihre nächsten und einzigen Nachbarn, die ein paar Meilen ostwärts wohnten. Später erfuhren sie, dass der Schuppen vor Jahren von Bo Miller gebaut worden war. In jenen ersten Monaten hatten Cal und Frida niemanden zum Reden als sich, und manchmal war es das Schwerste überhaupt, eine größere Herausforderung als das Pflanzen und Bewässern oder die Arbeit an ihrer primitiven Freiluftküche. So sehr sie auch versucht hatte, sich darauf vorzubereiten, konnte Frida doch nie ganz fassen, dass sie vollkommen alleine waren. Nur sie beide.

Eines Nachmittags, gegen Ende ihres ersten Sommers, rief Cal sie zur Dusche, einem von der Sonne erwärmten Plastiktank, der an einem Baum befestigt war. Zu Hause hatten sie dieselbe Konstruktion benutzt, als die Gasrechnung zu hoch wurde, nur dass das erhitze Wasser in die Duschkabine lief. Jetzt waren sie draußen. Alles fand draußen statt; es war wie ein endloser Campingurlaub.

An dem Tag war die Luft noch warm, aber sie besaß eine Schärfe, die die bevorstehende Kälte ahnen ließ. Frida freute sich auf den Herbst; es machte ihr Spaß, Holz zu sammeln und ein Feuer zu machen, wie Cal es ihr beigebracht hatte. Sie fand es beinahe romantisch. Aber Cal hatte gesagt, sie wüsste nicht, wie sich echte Kälte anfühlte. Und das stimmte; sie wusste es nicht.

»Kann losgehen«, sagte Cal. Er hatte die Hand auf den Wassertank gelegt, um die Temperatur zu prüfen, und sie musste nur noch den Hahn aufdrehen.

Frida bedankte sich und zog ihr Kleid über den Kopf. Unterhosen und BHs hatte sie längst aufgegeben. Sie mochte es, nackt unter freiem Himmel zu sein. Es machte ihr Lust, ihrem Mann den Kopf zu verdrehen, vielleicht ein bisschen mit der Hüfte zu wackeln, sich auf die Unterlippe zu beißen. Ihn an ihre schönen Kurven zu erinnern. Sie könnte auch Na, Süßer rufen und lächeln.

Aber Cal hatte sich schon abgewandt. Er dachte an seine nächste Verpflichtung – die erste war vermutlich seine Frau. In den vier Monaten seit ihrer Ankunft war Frida zu einem Problem geworden, das es zu lösen galt, und wenn das erledigt war, wurde sie unsichtbar für ihn.

Frida stellte sich vor, wie sie diesen Moment beschreiben würde – einer alten Freundin vielleicht oder ihrer Mutter. Oder online, wie sie es bis zum letzten Jahr in L. A. getan hatte, bis der Strom unerschwinglich wurde und der Zugang zum Internet ein seltenes Privileg. Früher hatte sie ihr Leben gewissenhaft im Netz protokolliert; sie hatte gebloggt, seit sie schreiben konnte. Ihr Gehirn mochte die Gewohnheit einfach nicht aufgeben, und sie formulierte im Kopf: Da stand ich also, nackt, mit offenem Haar. Und ihm war es egal! Er war gegen meine Nacktheit immun geworden. Das klang so albern, so melodramatisch: Immun gegen meine Nacktheit. Aber es stimmte. Cal sah nicht mehr hin.

Und mit einem Mal begriff sie es: Niemand sah mehr hin.

An jenem Tag stand Frida unter dem schwachen Wasserstrahl, der nie so warm wurde, wie sie es mochte. Der Sommer neigte sich dem Ende zu, und alles, was die Welt ihnen zu bieten hatte, war die Aussicht auf noch mehr Kälte, noch schlechtere Stimmung. Die Ausweglosigkeit ihrer Situation lag wie ein Ziegelstein auf ihrer Brust. Niemand sah mehr hin. Ihr Publikum war ihr genommen worden, die Menschen, deren Bedenken sie beschützt hatten, die Menschen, die sie brauchte, die ihr halfen, sie selbst zu sein. Sie war ausgespuckt worden wie von dem Tornado im Zauberer von Oz. Sie hatte das Gefühl, Cal und sie seien wirklich ganz allein.

Darin hatte sie sich damals natürlich geirrt: Kurz darauf hatten sie Sandy und Bo kennengelernt. Aber vielleicht war das genau der Grund, warum Frida sich ungern an jenen Tag erinnerte – weil die Millers nicht mehr da waren. Jetzt waren Cal und sie wahrhaftig allein, und ihre alten Ängste waren ein viel zu gefährliches Terrain. Von manchen Gefühlen erholte man sich nie.

Sie brauchte Cal. Ihren geliebten Ehemann. Sie würde ihn hereinrufen, ihm sagen, dass sie längst ihre Tage hätte haben sollen, und er würde sie daran erinnern zu atmen und würde lächeln mit seinen sanften, schönen Augen.

Sie griff nach ihrem Hut und öffnete die Tür. Die Sonne blendete trotz der Wolken, und sie sehnte sich nach einer Sonnenbrille. Ein frischer Wind fuhr durch den Wald, und irgendwo weit weg brach ein Zweig von einem Ast.

Im Garten trieb Cal mit dem Rücken zu ihr seinen Spaten in die Erde. Die Beete hinter ihm sahen voll und üppig aus; die Kürbisse wuchsen, und nach deren Ernte wollten sie Salat und Erbsen pflanzen. Das Land hatte sie nicht im Stich gelassen, zum Glück nicht. Sie waren erleichtert gewesen, als der Regen kam – und das Haus trocken blieb. Zwei Winter hatten sie hier schon überstanden, und der dritte stand kurz bevor. Frida würde Cal helfen, Knoblauch anzubauen, wenn sie welchen bekamen. Wenn die Natur weiter mitspielte, kämen sie schon zurecht.

Frida sah zu, wie Cal den Spaten in die Erde stach und sie heraushebelte. Erdhaufen türmten sich um ihn auf, und der neueste war noch klein, das Modell eines Vulkans für irgendein Naturkundeprojekt. Cal redete leise mit sich selbst, was bedeutete, dass er sich Sorgen machte, dass er sich mit irgendeinem Problem auseinandersetzte. Sie lächelte und duckte sich hinter den Ofen. Dann hob sie die Hände an den Mund und pfiff.

Cal hob sofort den Kopf. Er sah über die Beete hinweg zu den Bäumen hin. Die meisten waren üppig und grün, aber manche begannen, sich zu verfärben. Der Herbst.

Frida pfiff noch einmal, und Cal legte den Spaten weg. Er hielt nach einem Vogel Ausschau. Frida hatte ihn getäuscht. Sie sah ihn lächeln.

»Hallo?«, rief er.

Frida wartete, ihr Herz raste.

»Hallo?«, rief er noch einmal.

Frida pfiff zur Antwort Hallo, Liebling!, und jetzt zuckte Cal zusammen. Er streckte behutsam einen Arm aus. War das als Einladung gemeint? Hielt er sich für den heiligen Franziskus und dachte, der Vogel würde sich auf ihm niederlassen?

Sie lachte und stand auf.

»Oh Mann«, sagte er kopfschüttelnd, als er sie kommen sah.

»Unglaublich, dass du darauf reingefallen bist.« Im Näherkommen presste sie die Lippen aufeinander und machte das Geräusch noch einmal.

»Du hast mich echt erwischt. Nicht schlecht.«

Sie sah, dass er zutiefst erschrocken war. »Tut mir leid«, sagte sie. »Kann ich dir helfen?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, aber leiste mir doch Gesellschaft.«

Frida nickte und setzte sich auf den Boden; er war kalt, und sie kniete sich stattdessen hin. Sie hatte sich endlich dazu durchgerungen, eins von Sandys langen Kleidern anzuziehen. Es war aus Jeansstoff und sah etwas ethnomäßig aus, aber zumindest war es bequem und hielt sie warm, wenn sie Leggins darunter trug.

Sie beobachtete die Bewegungen des Spatens.

»Wie tief musst du graben?«

Er zuckte mit den Achseln. »Tief genug.«

Sie verdrehte die Augen. Sie hasste es, wenn er ihr solche vagen, poetischen Antworten gab.

»Entschuldige.«

»Ich hab meine Tage nicht gekriegt«, sagte sie.

Er sah sie eine Weile prüfend an, als müsse er sich anstrengen, sie wiederzuerkennen. »Wie lange?«

»Zu lange. Dreizehn Tage. Ich bin doch sonst so ein Uhrwerk.«

An einer der Wände ihres Hauses zeichnete Frida ihren Zyklus auf. Sie benutzte dazu einen Kreidestein, den sie mit dem Schälmesser anspitzte. Das Notationssystem hatte ihr Sandy Miller beigebracht, die bei den Geburten ihrer Kinder auch ihre eigene Hebamme gewesen war. Frida gefielen die Striche und Kreise, ihre rhythmische Ordnung, und wie der Körper einem unsichtbaren Schema zu folgen schien. Manchmal nannte sie sich selbst eine Hippietante und witzelte, sie hätte ein intimes Verhältnis zum Mond, aber im Grunde wussten sie beide, wie gewissenhaft sie ihren Kalender pflegte.

»Schwanger?«, fragte er. Er hatte Mühe, das Wort auszusprechen.

»Vielleicht.« Sie zögerte. »Oder es stimmt irgendwas nicht mit mir.«

Er nickte.

Als sie die Millers kennenlernten, hatten Cal und sie zum ersten Mal über Kinder nachgedacht. Jane und Garrett bewegten sich leichtfüßig durch diese Welt, und es fehlte ihnen an nichts. Sie ahnten nicht einmal, was ihnen fehlen könnte. Vielleicht war es Frida und Cal vorherbestimmt, Eltern zu werden. Sie redeten sogar im Scherz mit Bo und Sandy darüber, ihre Familien zu vereinigen, so gruselig das auch klang. Ihre Kinder wären der Beginn einer neuen, besseren Spezies, die ganz von vorn anfing.

Aber Frida bekam weiter ihre Tage. Dabei hatten sie andauernd Sex. Manchmal aus Leidenschaft und manchmal aus Langeweile. Sex war ihr einziges Vergnügen, der einzige Zeitvertreib. Er ersetzte das Internet, Lesen, Restaurantbesuche und Shoppingtouren. Anscheinend hatte die Welt sich geradegerückt. Aber Kinder bekamen sie nicht. Seit die Millers nicht mehr da waren, dachte Frida, dass es so auch besser sei.

»Darum hast du dir also Gedanken gemacht«, sagte Cal jetzt.

Sie nickte. »Vielleicht fehlt irgendwas in meiner Ernährung.«

»Fleisch«, sagte er und wies mit dem Kinn auf die halb ausgehobene Fallgrube.

»Ich fühle mich gut. Ganz normal.«

»Meinst du, August hat vielleicht einen Test?«, fragte er.

Sie lachte. »Wohl kaum. Irgendwann werde ich es so oder so rausfinden.« Sie legte eine Hand auf ihren Bauch; er war noch flach. »Aber vielleicht kennt er eine Heilerin, die er herbringen könnte.«

Damit beschäftigte sich Frida gern: mit Spekulationen darüber, wohin August reiste und mit wem außer ihnen er Handel trieb. Bei seinem ersten Besuch hatte er gesagt, er wohne »in der Gegend« und mit einem Blick deutlich gemacht, dass er keine persönlichen Fragen beantworten würde. Wenn sie ihn nicht nach der Abreise verfolgten – und sie hatten versprechen müssen, es nicht zu tun –, würden sie nie herausfinden, wo er den Rest des Monats verbrachte. Er machte keinerlei Andeutungen.

Einmal hatte er zu Frida gesagt: »Ich warne dich, werd nicht neugierig. Mit Schnüfflern mach ich keine Geschäfte.«

»Wenn er kommt«, sagte sie zu Cal, »dann such dir was zu tun. Geh Beeren sammeln oder so.«

Cal dachte kurz nach. »Er mag dich tatsächlich lieber als mich.«

»Und wenn ich von meinem Zustand erzähle …«

»Dann kriegst du zumindest den Knoblauch billiger.«

Sie schwiegen wieder. Irgendwo weit weg, aber doch nah genug, begann ein Vogel zu rufen.

»Was, wenn du nicht krank bist?«, sagte Cal. »Was, wenn du …«

»Das kann ich mir einfach nicht vorstellen …«

Plötzlich musste sie an ihre Eltern denken. Hilda und Dada hatten sie sie immer genannt. Und wie aufs Stichwort dachte sie auch an Micah. Seit fünf Jahren war er tot.

»Hey«, sagte Cal. »Mach das nicht.«

Sie lächelte, und er half ihr hoch. Frida fiel auf, wie vorsichtig er war, wie fest er ihre Hand in seiner hielt. Sie begriff, dass er sie schon jetzt mit anderen Augen zu sehen begann.

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So oft, wie Frida sich eingebildet hatte, ein Kind in sich zu tragen, war es fast schon ein Wunder, dass sie noch keins zur Welt gebracht hatte. Sie hatte gespürt, wie sich ihre Hüften weiteten, hatte sich Morgenübelkeit und geschwollene Brüste eingeredet und liebevoll an das imaginäre Ungeborene gedacht: fingerlos und durchscheinend, mit einem leuchtenden Herzen in der Brust, winzig, aber unleugbar da. Frida wusste, dass es nicht so war, und wünschte oft, das ausgedachte Kind würde sich in Luft auflösen. Vielleicht wurden ihre Wünsche erhört, denn schwanger war sie am Ende nie.

Sandy war schuld daran, dass sie inzwischen dachte, eine Familiengründung sei vielleicht keine schlechte Idee. Etwas, das nicht nur passieren konnte, sondern passieren sollte. Bei einem ihrer langen Streifzüge hatte Sandy gefragt: »Wer soll sonst für euch sorgen, wenn ihr alt seid?«, als sei davon auszugehen, dass Cal und sie dieses Problem je haben würden. Sandy glaubte fest daran, dass die Welt nicht am Ende war. Ihr Staat war untergegangen, das stimmte, aber etwas anderes, Besseres, Schöneres würde ihn ersetzen. Sie hatte oft mit weit ausholender Geste gesagt: »Sieh dir an, was meine Kinder erben werden!« Von Sandy Miller ließ man sich gern verführen.

Ihre erste Begegnung war unten am Bach, nur eine Viertelstunde vom Schuppen entfernt. Der Weg dorthin war fast immer schön; im Frühling hatte Cal dort blaue Hainblumen entdeckt und im Sommer Atlasblumen. Wenn Frida allein ging, hielt sie nach Schlangen Ausschau und lauschte auf Tiere, die zwischen den Bäumen kauerten. Im ersten Sommer hatte sich ihr ein Baumstachelschwein mit gesträubten Stacheln in den Weg gestellt, und Frida hatte nach Luft geschnappt und kehrt gemacht. Heulend war sie nach Hause gerannt. Wie ein kleines Kind. Sie hatte Angst, einem größeren, gefährlicheren Tier zu begegnen und bei lebendigem Leib gefressen zu werden. Cal sagte, sie solle sich keine Sorgen machen, aber er erklärte sie nicht für verrückt. Schließlich lebten sie in der Wildnis, wo alles Mögliche passieren konnte – es wäre töricht gewesen, zu glauben, sie hätten alles unter Kontrolle.

Frida hatte zwei Wochen gebraucht, bis sie wieder den Mut aufbrachte, allein durch den Wald zu gehen. Als sie es tat, war sie umsichtig wie ein Jäger und stolz darauf, nicht bei jedem Rascheln im Gebüsch gleich umzudrehen. Nach zwei Solo-Touren fühlte sie sich wieder sicher. Das frische Grün machte den Kopf frei.

Aber an dem Tag, als sie Sandy begegnete, wich der erste Sommer schon dem Herbst, und Fridas Angst vor der Isolation hatte einer leise dröhnenden Hoffnungslosigkeit Platz gemacht. Sie achtete kaum noch auf die Welt um sich herum. Kleiderwaschen – nicht einmal fünf Monate im Jenseits und die Haushaltsroutine war der einzige Grund, warum sie noch funktionierte.

Sie bahnte sich mit dem Stoffsack über der Schulter einen Weg durchs Schilf. Eigentlich, fand sie, hätte sie sich wie ein Bison fühlen sollen, der zur Wasserstelle geht. Und kam sich stattdessen wie ein Comic-Bankräuber oder der Weihnachtsmann vor. Als sie auf die schlammige Fläche heraustrat, wo sie die Sachen einweichen wollte, bewegte sich wenige Meter weiter etwas im Gebüsch. Sie erstarrte. Etwas Flachsblondes zwischen den hohen Gräsern. Barbie-Haare, dachte sie.

Ein sehr kleiner Junge stand plötzlich vor ihr, und Frida schrie auf. Sie wusste, dass er real war, weil sie sich all die Details nie hätte ausdenken können: das blonde, fast weiße Haar. Die Kratzer und Mückenstiche an seinen Armen und Beinen. Die Sommersprossen auf dem ganzen Gesicht außer den Augenlidern, die fast so weiß waren wie sein Haar. Das Männer-T-Shirt, das wie ein Kleid an ihm herabhing, mit der Aufschrift DIPLOMIERTER MUSCHI-PRÜFER. Darüber musste sie lachen, und ihr Blick streifte seine nackten Füße, die so rau und verhornt waren wie Pferdehufe.

»Hab keine Angst!«, rief eine weibliche Stimme.

Frida blickte auf und sah am andern Ufer eine Frau, die fast genauso blond war wie der kleine Junge. Sie war groß und schlank und trug eine Latzhose. Es sah nicht so aus, als trüge sie ein Hemd darunter, aber das fiel auch nicht ins Gewicht – sie war flachbrüstig wie eine Balletttänzerin. Ein Mädchen mit langem braunem Haar, deutlich älter als der Junge, versteckte sich hinter den Beinen ihrer Mutter. Sie trug etwas, das aussah wie ein zum Pullover verarbeiteter Jutesack.

»Ich komme in Frieden!«, rief Frida. Was sollte das werden – ein mieser Alienfilm? Sie setzte neu an. »Wer seid ihr?« Auf einmal war sie wie elektrisiert. Sie waren doch nicht allein!

Frida wandte sich dem Jungen zu und lächelte. Er riss die Augen auf. Später fand Frida heraus, dass das Garretts Art war, Freude auszudrücken.

Frida staunte, wie schnell Sandy und Jane den Bach überquerten. Sie wussten, welche Steine stabil waren und welche von rutschigen Algen bewachsen. Jane war genauso barfuß wie ihr Bruder, nur Sandy trug Wanderschuhe. Als sie sich gegenüber standen, stellte sie Frida die beiden Kinder vor. Jane war sieben. Garrett war drei. Aus der Nähe wirkte Sandy älter als auf den ersten Blick: das Gesicht einer Frau, die ohne Sonnenschutz im Freien arbeitete.

»Bo und ich«, sagte Sandy, »wir beobachten euch beide schon ’ne ganze Weile. Und passen auf euch auf.«

Frida nickte zögernd. Sie und Cal hatten nicht geahnt, dass ihnen jemand nachspionierte. Wir passen auf euch auf. Hieß das, dass sie sie beschützten oder dass sie sie überwachten?

»Täubchen!«, rief Garrett. Er zeigte mit dem Finger auf Frida, als hätte er gerade einen Geistesblitz gehabt.

Frida sah Sandy fragend an.

»So haben wir euch getauft«, erklärte Sandy. »Die Turteltäubchen. Weil ihr euch so gern habt.«

Unter anderen Umständen wäre Frida rot geworden. Jetzt sagte sie nur: »Es ist billiger als Kino.« Sie bemühte sich, nicht auf Sandys Brust zu starren. Die Latzhose war auf dem Weg über den Bach verrutscht, und eine der Brustwarzen ragte lang und knubblig unter dem Latz hervor. Sie erinnerte entfernt an eine Raupe.

»Ihr wohnt in unserem Schuppen«, sagte Sandy. Es schien ihr nichts auszumachen, also entschuldigte Frida sich nicht, sondern bedankte sich dafür, dass sie ihn gebaut hatten.

»Ich nehme nicht an, dass ihr ihn wiederhaben wollt? Er war leer, als wir eingezogen sind.«

»Oh nein, es ist toll, dass ihr da seid. Da haben Bo und ich anfangs auch gewohnt. Und den Brunnen, den ihr benutzt, den haben wir auch gegraben. Eure neue Freiluftküche und die Feuerstelle gefallen uns sehr gut. Ich habe schon zu Bo gesagt, dass ihr ganz schön einfallsreich seid.«

»Seit wann seid ihr schon hier?«, fragte Frida.

»Schon ewig«, sagte Sandy.

So war es mit den Millers: Sie gingen nie ins Detail. Es war klar, dass sie seit über sieben Jahren im Jenseits leben mussten, weil Jane hier geboren war, aber weiter kam Frida nicht. Sandy und Bo verrieten auch nie, wo sie herkamen, aber der Name Los Angeles löste scheinbar keine Erinnerungen aus, und Cleveland, wo Cal herstammte, genauso wenig. Sie sprachen nicht unbedingt akzentfrei, sondern wechselten ihren Ton innerhalb des Gesprächs von hoch bis breit und wieder zurück. Einmal hatte Bo ein Duke-T-Shirt angehabt, aber Sandy hatte erklärt, das hätte ihm vor Jahren mal ein Freund geschenkt. »Verrate nie zu viel von deiner Vergangenheit«, hatte Sandy schließlich gesagt. »Die Kinder sollen von unserer jedenfalls nicht viel wissen.«

Bei jener ersten Begegnung zählte Sandy Frida die Namen der Fische auf, die im Bach lebten. »Wie die da heißen, wissen wir nicht«, sagte sie und zeigte auf einen silbrig schillernden Schwarm. »Also nennen wir sie Prinzessinnen.« Frida wünschte, sie hätte ein funktionierendes Gerät, mit dem sie Notizen machen könnte. So glücklich war sie seit … vielleicht überhaupt noch nie gewesen. Sandys Augenbrauen waren hell und licht wie Pusteblumenwatte, und Frida liebte es, sie zu bestaunen. Erst jetzt bemerkte sie, wie sehr sie sich an Cal sattgesehen hatte.

Sandy bot Frida an, ihr mit der Wäsche zu helfen, und Frida nahm an. Garrett lief währenddessen am Ufer auf und ab und sammelte Steine, und Jane half den beiden Frauen. Frida achtete kaum auf die Kleine, bis Sandy plötzlich in strengem Tonfall sagte: »Gib das her.« Als Jane zögerte, riss Sandy ihr Cals rotes Halstuch aus der Hand, kniff die Augen zu und schleuderte es zu Boden, als hätte sie sich daran verbrannt.

»Ist alles okay?«, fragte Frida.

»Sie mag rot so gern«, sagte Sandy. Sie lachte leise, aber es klang zittrig und nervös. »Wir passen auf, dass sie nicht zu viel davon kriegt.«

»Tut mir leid, Mama«, flüsterte Jane.

Als Garrett wieder vorbeigeflitzt kam, bemühte sich Frida, normal zu klingen. Sie wollte Sandy nicht noch einmal erschrecken. »Was ist das für ein T-Shirt?«

»Er hilft gern beim Pilzesammeln.« Sandys Augen blitzten verschwörerisch. »Muschi ist eine Pilzsorte.«

Frida lachte, bis sie merkte, dass Jane sie beobachtete.

»Wir suchen Essen im Wald«, sagte das Mädchen.

»Super«, sagte Frida. Super? Wahrscheinlich schadete es nicht, die Kinder zu belügen. Garrett würde die Wahrheit ohnehin nie erfahren. Sie konnten alles und jeden umbenennen, wenn sie wollten.

Die Wäsche war schon halb getrocknet, als Sandy mit ihren Kindern den Heimweg antrat. Frida flog fast zum Schuppen zurück. Sandy hatte sie für den nächsten Tag zum Mittagessen eingeladen! Ihr Haus sei nicht schwer zu finden, hatte sie gesagt und mit einem Stock einen Lageplan in den Schlamm gemalt. »Und wir haben als Wegmarkierung Habichtfedern an den Bäumen festgemacht«, sagte sie. »Habt ihr die nicht gesehen?« Frida schüttelte den Kopf.

Frida hatte Mühe, Cal zu überzeugen, dass sie ihm keinen Bären aufband. Und als er ihr endlich glaubte, reagierte er besorgt. Woher wollte sie wissen, dass sie nicht gefährlich waren? Warum hatten sie Kinder in diese Welt gesetzt? »Das finde ich verstörend«, sagte er, aber darüber wollte Frida jetzt nicht diskutieren. Cal klang wie ihr Bruder, wenn er so redete – so fatalistisch.

»Ich geh da hin, ob du mitkommst oder nicht«, hatte Frida gesagt, und damit war es beschlossene Sache.

Ohne die Federn und ohne die Beschreibung, die Frida sich eingeprägt hatte, hätten sie das Haus der Millers nie gefunden: »Bei dem großen Felsblock links, dann bis zu den beiden umgestürzten Bäumen, deren Stämme ein X bilden, und dort rechts.« Unterwegs befürchtete Frida einige Male, sie könnten sich verlaufen haben, aber eine Stunde später zogen sie einen Ast beiseite, an dem mit einem türkis gefärbten Lederriemen eine weitere Feder befestigt war, und traten auf eine Lichtung hinaus. Am Ende der freien Fläche stand das Haus. Frida triumphierte innerlich.

Im Vergleich zu dem Schuppen war das Haus gewaltig, und es war eine solide Konstruktion aus Holz und Stein. Die Millers mussten sie schon gehört haben, denn sie warteten alle vier vor der Tür auf sie.

»Wollen die sich porträtieren lassen?«, flüsterte Cal. Frida hörte ihn kaum, so fasziniert war sie von Bos nacktem, unverstelltem Gesicht. Cal hatte einen dichten Vollbart, wie Micah damals, als er aufs College gegangen war – als sei er gar kein Stadtkind, oder als sei er zumindest mal campen gewesen. Sie mochte Cals kupferrote Borsten irgendwie, aber dieser Bo könnte ihrem Mann vielleicht mal zeigen, wie man sich mit dem Messer rasiert. Sie hätte einfach gern die Wahl gehabt.

»Willkommen.« Bo trat vor und gab ihnen beiden die Hand. Er lächelte nicht. Er war kleiner als Sandy, aber kompakt und muskulös. Sein großer Ernst nahm ihm etwas von seiner Ausstrahlung, fand Frida; die hohen Wangenknochen und dichten, dunklen Brauen wirkten eher drohend als würdevoll. Und er kniff die Augen zusammen, als hätte er seine Brille verloren.

»Wir freuen uns so, dass ihr gekommen seid!«, sagte Sandy. Sie trug noch dieselbe Latzhose, hatte diesmal aber dankenswerterweise auch ein blaues T-Shirt an. Sie hielt Jane an der Hand, und Garrett saß auf ihrer Hüfte. Als Frida grüßte, rieb er sich die Augen und schüttelte den Kopf. »Er hat bis eben geschlafen«, sagte Sandy. Jane nickte, wie um die Aussage ihrer Mutter zu bestätigen.

Bo bat sie herein, und die Kleine hüpfte ihnen voran. Das Haus bestand aus nur einem großen Raum mit einer niedrigen Decke und zwei Wandnischen, die als Schlafplätze dienten. Sie hatten richtige Betten; das von Sandy und Bo hatte ein hölzernes Kopfteil, und für die Kinder gab es Campingliegen, die einen stabilen Eindruck machten. Frida sah, wie Cal diesen Luxus bestaunte. Im Schuppen hatten sie vier Schlafsäcke, die sie nach Bedarf auswechselten oder übereinander schichteten. Keine Kissen.

»Was für ein tolles Haus«, sagte Cal. Später nannte er es manchmal die Miller-Villa, wenn er Frida zum Lachen bringen wollte.

Fenster gab es keine, also war es dunkel im Haus, aber auch überraschend kühl, wie in einem Keller. Sandy erklärte, dass sie die Tür benutzten, um Licht und Luft hereinzulassen.

In der Mitte des Raums standen zwei verschiedene Sofas einander gegenüber. Der Anblick erinnerte Frida an ein heruntergewirtschaftetes Stadtteilzentrum oder ein besonders trauriges Altenheim. Jemand hatte für die Kinder kleinere Sessel gebaut, aber sie sahen ungefähr so gemütlich aus wie Vogelnester: hölzern und stachelig. Auf dem grob gezimmerten Holztisch daneben zählte Frida zwei Öllampen und ein halbes Dutzend Kerzen.

Sandy ging mit Garrett im Arm in die Küchenecke. Dort gab es nur eine steinerne Feuerstelle und einen kaputten Beistelltisch. Keine Stühle. Bo hatte an den Wänden Regale angebracht, auf denen sich Geschirr und Werkzeug stapelten. Frida fielen zusammengelegte Plastikfolien auf, und sie fragte sich, ob das Dach undicht war.

»Meistens kochen wir draußen oder essen Rohkost«, sagte Bo. »Der Rauch hier drin würde uns nicht gerade umbringen, es gibt eine Art Abzug – aber er ist nicht besonders gut geworden.«

Sandy lächelte. »Ich hoffe, ihr habt auch Hunger. Es gibt Kaninchen, ich muss es nur aufs Feuer setzen.«

Frida drückte Cals Hand; sie konnte sich kaum noch erinnern, wann sie zuletzt Fleisch gegessen hatten.

»Die fangen wir mit Schlingen«, sagte Bo, und Cal fragte ihn gleich nach den technischen Details.

Später zeigte Bo ihnen noch den Erdkeller, die Außentoilette und einen neuen unterirdischen Schuppen, in dem sie ihr Fleisch pökelten.

Nach der eher knappen Begrüßung behandelte Bo sie jetzt mit geradezu südstaatlicher Herzlichkeit. Er benutzte beim Reden oft ihre Namen, als sei das Gespräch ein Geschenk an sie. »Weißt du, Calvin«, sagte er zum Beispiel, »Fangschlingen sind ganz schön knifflig zu bauen, aber sie funktionieren auch erstaunlich gut.« Er trug genauso wie seine Frau einen goldenen Ehering. Also waren sie schon früh hier rausgezogen, dachte Frida, bevor die Welt so richtig den Bach runterging. Cal und sie hatten zur Hochzeit die Eheringe von Hilda und Dada geschenkt bekommen und sie kurz danach verkaufen müssen.

»Seid ihr verheiratet?«, hatte Sandy unten am Bach gefragt. Kein Wunder.

Bei den Millers hatte Frida das Gefühl, sie sei eingeschlafen und in einem versunkenen Zeitalter wieder aufgewacht. Sie waren wie Pioniere, die mit ihren Planwagen Neuland eroberten. Die ihrer uramerikanischen Bestimmung folgten. Oder nein, ganz anders: Mit Bo und Sandy war das Land da draußen gar keine ungebändigte Wildnis, die man fürchten musste, bis man sie unterworfen hatte. Sondern eine Natur, die man respektieren musste. Nur dann war sie kooperativ und sagte einem, was sie brauchte und was sie zu geben bereit war. Und sie gab viel, wenn man nur richtig darum zu bitten wusste. Es kam auf die Überredungskünste an.

Nach einer Mahlzeit, die so saftig und sättigend war, dass Frida ein genussvolles Stöhnen unterdrücken musste, nahm Sandy sie wieder mit ins Haus. Die Männer fachsimpelten darüber, wie man mit größeren Raubtieren umging, die Rehe von den Vorräten fernhielt oder den gelegentlichen Bären vertrieb. Bo hatte einmal eine Bärenmutter mit Jungen am Rand des Gartens gesehen. »Und jetzt stell dir vor, ich wär näher dran gewesen«, sagte er zu Cal. »Es sind nur Tiere, und ich habe die Waffe, aber ich bin auch nicht blöd. Ich hab Angst vor denen.« Frida wäre bei dem Gespräch gern dabei gewesen, aber sei’s drum – sie konnte Cal auf dem Heimweg um eine Zusammenfassung bitten. Am liebsten wäre sie über Nacht bei Sandy und Bo geblieben, aber sie wusste, dass es dazu nicht kommen würde. Bo hatte gleich deutlich gemacht, dass sie sich nicht allzu oft sehen würden. »Es gibt immer was zu tun«, hatte er beim Essen gesagt.

Auf dem Weg ins Haus nahm Sandy Frida an die Hand. Ihre Haut war genauso trocken und rau wie Fridas, mit weißen, schuppigen Knöcheln. »Du hast wohl auch keine Hautcreme, die du mir leihen könntest«, scherzte sie mit einem Blick auf ihre ineinander verflochtenen Hände.

»Schön wär’s. Ich bin trocken wie ein altes Flussbett. Aber das hier wollte ich dir zeigen.«

Sie waren wie zwei Schulmädchen bei der ersten Verabredung, als würde Sandy ihr gleich ihre geheime Puppensammlung zeigen, ihre Aufkleber oder die Spitzenunterwäsche ihrer Mutter. Jane versuchte, ihnen zu folgen, aber Sandy drehte sich nach ihr um und sagte: »Lauf zu Papa.«

Als die Kleine weg war, zeigte Sandy auf ein Stück Wand neben dem großen Bett. Frida waren dort schon vorher blassgraue Muster aufgefallen, aber sie hatte sie für Zeichnungen von Jane gehalten; die Höhlenmalereien einer Siebenjährigen.

»Sieh es dir an«, sagte Sandy, und Frida ließ ihre Hand los und trat an die Wand heran.

Natürlich waren es keine Kinderzeichnungen, dafür waren sie zu hoch oben. Ganz zuoberst war eine Reihe aus ordentlich ausgeführten Kreisen, von denen manche halb und andere ganz ausgemalt waren.

»Die Mondphasen«, sagte Sandy, und Frida sah sie fragend an. Hoffentlich wollte Sandy sie jetzt nicht zu einem Hexensabbat einladen.

»Man kann ja nicht einfach zum Laden rennen und Tampons besorgen«, sagte Sandy, und Frida begriff, wozu der Mondkalender diente.

»Das habe ich auch schon bemerkt«, sagte Frida. Sie machte sich nicht die Mühe, Sandy zu erzählen, dass auch die Geschäfte in L. A. den Bedarf der Frauen kaum noch hatten decken können.

»Irgendwann muss man erwachsen werden«, sagte Sandy. »Cal sollte dir endlich ein Kind schenken.«

»Wie bitte?«, sagte Frida. Kein Wunder, dass Sandy Jane weggeschickt hatte. »Ich glaube, ich verstehe nicht ganz.«

»Klar verstehst du mich«, sagte Sandy. »Ihr Turteltäubchen. Irgendwann kommt die Eiablage.«

Wie genau hatten die Millers sie beobachtet? Genau genug offenbar. Sie hatten gesehen, wie Cal sich von ihr löste, bevor er kam. Frida und er taten es gern draußen, wenn das Wetter es erlaubte. Frida hätte dieser Fremden am liebsten den Mund zugenäht – oder noch besser die Augen.

»Ich finde nicht, dass dich das was angeht«, sagte sie. Ihre Form der Verhütung war zu Hause weit verbreitet gewesen. Sie kannte keinen, der es anders hielt; es war nicht hundertprozentig, aber von ihren Freunden hatte noch niemand eine Panne erlebt. Zum Glück: Wer hätte schon gern Kinder in diese Welt gesetzt? Wer hatte noch Zugang zu Ärzten, zu Kondomen, geschweige denn zur Pille?

Als Frida auf der Highschool war, hatte sie die Pille genommen, um ihre Krämpfe zu lindern. Ihr gefiel die kleine rosafarbene Klappmuschel, in der die Tabletten verpackt waren, und das Geräusch, wenn sie eine aus der Hülse drückte. Aber noch vor ihrem letzten Schuljahr fand Dada keine Arbeit mehr, und das Benzin wurde von Woche zu Woche teurer, und die Familie begann mit dem Großen Sparprogramm, wie Hilda es nannte. Das war’s mit der Klappmuschel und mit dem vorhersehbaren Monatszyklus. Und das war’s mit allem, was luxuriös und einfach war.

Als Cal und sie schließlich beschlossen, L. A. zu verlassen, hatte praktisch niemand mehr Zugang zu Medikamenten; nur die ganz Verzweifelten kauften Tabletten von einem Typen an der Straßenecke. Waren die in Alufolie eingewickelten Brocken wirklich Xanax? Rezepte und Ärzte waren das Privileg der Reichen. Wer Glück hatte und Geld besaß, hatte L. A. längst verlassen.

»Tut mir leid, wenn dir das unangenehm ist«, sagte Sandy. »Ich wollte das gar nicht sehen.«

»Du hältst wohl nicht viel von Privatsphäre?«

»Nicht besonders, nein.«

Frida wusste nicht, was sie von Sandys Offenheit halten sollte. Schließlich fragte sie: »Und wieso zeigst du mir das hier?«

»Weil das deine Verantwortung ist. Weil es das Einzige ist, was zählt«, sagte Sandy.

Auf dem Weg durch die Tür streifte die Sonne ihr helles Haar, und es sah einen Moment lang aus wie ein Heiligenschein.

»Jetzt sag nicht, ihr seid zum Sterben hier rausgekommen.«

Frida wollte Sandy gerade fragen, ob sie übergeschnappt sei. Sie wollte ihr sagen, es sei zu riskant, Kinder zu kriegen, es sei egoistisch. Was, wenn sie krank wurden? Was, wenn es nicht genug zu essen gab? Was wenn, was wenn. Aber Sandy hatte sich schon abgewandt. Sie ließ Frida allein im dunklen Haus zurück.

Cal gab zu, dass er Unrecht gehabt hatte und dass er den Millers nach ihrem gemeinsamen Nachmittag vertraute. »Sie haben schließlich Kinder«, sagte er am Abend, als sie den Schuppen erreichten, zum Glück noch vor Anbruch der Dunkelheit. Als hätte er nicht davor schon von Jane und Garrett gewusst. Als könnten Eltern keine schlechten Menschen sein. Frida beschloss, ihm nichts von ihrem Gespräch mit Sandy zu erzählen. Sie würden die Familie regelmäßig besuchen, und Frida war erleichtert, Nachbarn zu haben, so seltsam sie auch sein mochten.

»Aber ich frage mich schon, wo sie das Pökelsalz herkriegen«, sagte Cal dann. Das wusste Frida auch nicht, aber es war ohnehin das Letzte, was sie jetzt interessierte. Ihr ging immer noch im Kopf herum, was Sandy gesagt hatte. Es änderte alles. Frida spürte, wie sich ihr Blickwinkel verschob, wie die neue Perspektive die Welt aus den Angeln hob, die Farben verwischte und zum Leuchten brachte.

Als sie das nächste Mal miteinander schliefen und Cal sagte: »Ich bin kurz davor«, presste Frida ihn an sich und ließ nicht los. »Gut so«, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Zuerst sprachen sie nicht darüber, was sich verändert hatte. Als sie es doch taten, stellte sich heraus, dass es sich für beide gut anfühlte. Dass die Millers in der Nähe waren, allein der Gedanke an sie, war für sie beide tröstlich.

Drei Wochen darauf kamen die Millers zu ihnen zu Besuch. Garrett sah schon älter aus, schlanker, und Jane trug einen Bob.

»Du siehst aus wie ein Flapper«, hatte Frida an dem Tag zu ihr gesagt. Die Kleine hatte nur die Stirn gerunzelt. Natürlich wusste sie nicht, was das war.

»Flapper waren Frauen, die vor langer Zeit gelebt haben.« Jane wartete offenbar auf mehr, und Frida sprach weiter. »Vor hundert Jahren ungefähr … nein, länger schon, vielleicht hundertdreißig.« Frida überlegte. »Sie haben gern getanzt.«

Bei den Worten strahlte Jane plötzlich, aber im nächsten Augenblick drehte sie sich, als sei sie vor ihrer eigenen Freude erschrocken, von Frida weg und verbarg sich hinter ihrer Mutter. Sandy sagte: »Manchmal spielt Garrett auf einer Trommel und Jane tanzt dazu.«

Frida lachte.

»Kriege ich eine Hausführung?«, fragte Sandy. »Ich bin neugierig, was ihr aus dem Schuppen gemacht habt.« Frida nickte, und Sandy nahm Jane an die Hand. Sie gingen zu dritt zu dem kleinen Unterschlupf.

Als sie durch die Tür traten, blickte Sandy auf und sah sich im dunklen Inneren um. Plötzlich schreckte sie zurück und riss Jane so heftig am Arm, dass das Mädchen gegen ihre Beine taumelte. Was hatte sie bloß? Cals Halstuch hatten sie weggeräumt, aber dann fiel Fridas Blick auf einen der Schlafsäcke. Er war leuchtend rot.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Frida.

Sandy antwortete nicht, sondern zog sich nur weiter von der Tür zurück und schleifte Jane hinter sich her.

»Sandy?«, rief Frida, aber Sandy war schon fast im Garten, wo sich Cal, Bo und Garrett über irgendetwas auf dem Boden beugten.

Frida gesellte sich dazu. Als Sandy sie kommen sah, setzte sie ein gezwungenes Lächeln auf und sagte: »Ach, das hätte ich fast vergessen. Wir haben euch was mitgebracht.«

Die Millers hatten Gastgeschenke dabei: Ein fertig gehäutetes Kaninchen. Und Pfifferlinge. »Sandy kann dir zeigen, wo man die findet«, sagte Bo zu Frida. Es klang nach: Ich jage. Du, Weib, sollst sammeln.

Das dritte Geschenk war eine echte Überraschung. Sandy lächelte Frida an, als wollte sie sagen: Vergessen wir, was im Schuppen passiert ist, und zog eine Schachtel Pflaster aus ihrer Tasche. Frida riss sie ihr aus der Hand.

»Wo zur Hölle hast du die her?«, rief sie.

»Frida, bitte«, mahnte Cal, aber Bo lachte nur. Gleich darauf stimmte Sandy mit ein; sie schien sich von ihrem Schock erholt zu haben. Frida war erleichtert.

»Schon gut«, sagte Sandy. »Ich weiß, die sind ganz schön exotisch.«

Frida klappte den Deckel der Blechschachtel auf. Die Pflaster darin standen aufgereiht wie Schulkinder am Ende der Pause. Frida malte sich aus, wie es wäre, eins davon herauszuholen. Die weiße Hülle, so dünn wie Reispapier, und die blauen Pfeilchen auf der Lasche. Hier öffnen. Wie leicht es wäre, das Pflaster herauszuschälen, das darin eingeschlossen war. Frida bekam Herzklopfen. Sie schmeckte ihn fast, den salzigen, metallischen Geschmack einer Wunde.

»Danke«, sagte sie schließlich. »Wie lange habt ihr die schon?«

»Seit ein paar Wochen«, sagte Bo. »Wir haben ein Tauschgeschäft gemacht.«

So erfuhren sie von August.

»Er kommt ziemlich weit rum«, sagte Bo. »Er rückt nie damit raus, wie viele andere da draußen sind, aber es müssen etliche sein.«

»Ja, wirklich?«, sagte Cal. »Scheint eine beliebte Gegend zu sein. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet …«

»Nicht!«, sagte Bo und hob abwehrend die Hand.

»Was nicht?«, fragte Frida.

Sandy lächelte schwach. »Sag nicht, wo wir sind.«

»Das haben wir beide beschlossen«, erklärte Bo. »Das wegzulassen. Staaten. Ortsnamen. All so was.«

»Das hat so was Privates«, fügte Sandy hinzu.

»Ich dachte, du glaubst nicht an Privatsphäre«, sagte Frida.

»Erwischt.«

Die Männer verstanden ihren kleinen Insiderwitz nicht. Sie hatten überhaupt nichts mitbekommen. Manche Dinge änderten sich eben nie.

»Ich möchte, dass es ein mystischer Ort bleibt«, sagte Bo.

Cal meinte später, die Millers hätten ’nen Knall. Aber die Regel gefiel ihm. »Ein mystischer Ort«, sagte er. »Das klingt gut, findest du nicht?«

»Ja«, gab Frida zu. Das tat es.

2

Cal musste sich zwingen, der schlafenden Frida nicht über das Haar zu streichen. Es breitete sich in dunklen Wellen über das Kissen und glänzte mehr als der Bach in der Mittagssonne. Sie seufzte, wälzte sich herum und drückte ihre Ferse fast schmerzhaft gegen seinen Unterschenkel. Wenn sich im Schlaf ihr Mund zu einem schmalen Strich verengte, sah sie gewöhnlicher aus als sonst; ohne die großen, ausdrucksvollen Augen – wie sie leuchteten, wenn sie lächelte oder ihm forschend oder wütend in die Augen sah! – war ihre Schönheit sichtbar, aber nicht bemerkenswert. Sie sah älter aus als neunundzwanzig.

Die Sonne war noch nicht mal aufgegangen, und da lag er nun hellwach und begaffte seine Ehefrau. Er hätte seine Eier – oder zumindest eines – für ein neues Buch gegeben oder für das Gebrabbel eines Sportmoderators im Radio. Irgendwas, das ihm diese Beinahe-Dämmerung erträglich machte. Wenigstens war es nicht besonders kalt; eines Tages könnte ein verirrter Schneesturm sie hier einschließen, und was dann?

Irgendwann musste ja schlechtes Wetter kommen: eine Dürre oder unaufhörliche heftige Regenfälle. Den Nordwesten hatten im Jahr vor ihrer Abreise schwere Stürme heimgesucht; die betroffenen Staaten hatten sich nie wieder richtig erholt, und er und Frida waren extra hierhergekommen, weil das Klima milder war. Bis jetzt waren ihnen Unwetter erspart geblieben, aber wie lange noch? Die Frage beschäftigte ihn wieder und wieder.

Das liebte er so an dem Leben hier draußen – die Muße, Fragen auf den Grund gehen zu können. So sehr er sich manchmal nach geistloser Ablenkung sehnte, war er doch meistens dankbar für die Stille. Die Zeit. Sie erinnerte ihn an sein College, wo das Denken an sich schon als noble Tätigkeit galt und wo nichts sie von dieser Beschäftigung abgehalten hatte. Die meisten seiner Kommilitonen trennten sich dort zum ersten Mal von ihren Geräten, aber Cal hatte nie eins besessen. Es gab zu viele Hinweise auf einen Zusammenhang mit Krebs, hatte seine Mutter gesagt, und sie wollte, dass er sich ab und zu verloren fühlte. Alle anderen verließen sich auf sofort verfügbare Antworten und auf Satellitennavigation und verlernten das Denken dabei. Er hatte Aufsätze über die schmerzhaften Folgen der Digitalisierung geschrieben, über Internetsucht und Giftstoffe in weggeworfenen Laptop-Batterien – letzteren für die Unterrichtseinheit Politische Geologie, die seine Mutter ausgearbeitet hatte. Cal war zu Hause unterrichtet worden. Alles, was er wusste, hatte er von seiner Mutter gelernt, bis er mit dem Zug in eine Kleinstadt in Kalifornien fuhr und sein Studium am Plank College begann.

Dort hatten sie sich mit Grübeleien zur Natur des Daseins und der Bedeutung die Nächte um die Ohren geschlagen. Wenn er so zurückblickte, waren sie die letzten Nerds – junge Männer, die eine Taschenlampe in die Höhe hielten und ihre Wahrnehmung des Gegenstands in Frage stellten. Wenn sie keine Amerikaner wären, fragten sie, wie würden sie die Lampe dann wahrnehmen? Wenn sie keine Männer wären, nicht privilegiert … endlose Fragen. Und die meiste Zeit waren sie nicht mal bekifft, sondern ernst. Zu ernst vielleicht. Obwohl, rumgeblödelt hatten sie auch. Besonders Micah.

Das erste Bild von Micah, das Cal im Kopf hatte, war, wie er in ihrem Wohnheimzimmer auf der Matratzenkante saß, vornübergebeugt wie ein schlafender alter Mann im Bus. Aber er schlief nicht, sondern las ein dünnes, zerlesenes Taschenbuch. Ein paar Jahre davor hatte der Studentenrat gegen E-Reader auf dem Campus gestimmt – und damit gegen die einzigen bisher erlaubten elektronischen Medien –, was es fast unmöglich machte, an zeitgenössische Literatur zu kommen. Nicht, dass das jemanden gestört hätte. Cal hatte bei ihrem ersten Date im Scherz zu Frida gesagt, die Plank-Studenten liebten ausschließlich TWMs – Tote Weiße Männer.

Cal sollte nie herausfinden, welches Buch Micah an diesem ersten Tag gelesen hatte. Kaum dass er zögerlich grüßend mit seinem Reisekoffer den hohen, hellen Raum betrat, sprang Micah auf und warf das Buch beiseite. Es landete zwischen dem Bett und der Wand.

»Da bist du ja!«, rief Micah. Er stürzte auf Cal zu, um ihm den Koffer abzunehmen. Er war größer als Cal und fast ein bisschen stämmig. Der Vollbart, den er trug, schimmerte an manchen Stellen rötlich, obwohl er dunkle Haare hatte. Er sah älter aus als seine achtzehn Jahre. Cal vermutete, dass er aus Montana kam oder vielleicht aus Maine. Ganz sicher nicht aus einer Stadt.

»Micah Ellis«, sagte Micah und streckte ihm die Hand hin.

»Cal. Cal Friedman.«

»Bist du Jude?«

»Meine Mutter ist Jüdin. Oder war es mal. Sie ist Atheistin.«

»Dann trägst du ihren Nachnamen?«

Cal nickte. »Aber ich treffe meinen Vater regelmäßig.«

»Mir alles recht«, sagte Micah schulterzuckend. »Meine Eltern sind verheiratet, und wir praktizieren gar keine Religion. Wo kommst du her? Bist du achtzehn?« Er lächelte verlegen. »Entschuldige die vielen Fragen, ich betätige mich gern als Taxonom.«

Cal dachte im ersten Moment, er hätte »Taxidermist« gesagt, und stellte sich vor, wie dieser bärtige Junge in einem Hobbykeller in Maine Luchse und Bären ausstopfte und am Ende auch Cal.

»Ich muss immer alles klassifizieren«, erklärte Micah, und Cal errötete über das Missverständnis. »Wo kommst du her?«

»Cleveland.«

Micah grinste. »Das hätte ich am Akzent erraten können. Breit und nasal.«

Cal hätte beleidigt sein sollen, war es aber nicht. »Und du?«

»L. A.«

»Wirklich? Hätte ich nicht gedacht.«

»Warum? Weil ich Naturtitten habe?«

Sie lachten beide.

Micah war ein paar Stunden vor ihm angekommen. Das Zimmer war geräumig, und um die Tageszeit strömte Sonnenlicht durch ein rundes Fenster zwischen ihren beiden Kommoden herein. Cal wusste selbst jetzt noch, wie golden das Licht am Plank gewesen war. Frühmorgens breitete es sich über den Boden und seinen Schreibtisch aus – den er sauber hielt und fast leer ließ, während Micahs immer mit Büchern, Stiften und benutzten Tellern vollgestapelt war. In Cleveland hatten Cal und seine Mutter dunkle Vorhänge gehabt, aber am Plank blieben die Fenster nackt, und Cal wachte oft selbst dann bei Tagesanbruch auf, wenn er nicht auf den Ländereien des College arbeiten musste. Wahrscheinlich hatte die letzte Studentengeneration gegen jeden Lichtschutz gestimmt, so wie sie das Internet und die Koedukation ablehnten, und vermutlich hatten sie eines schneidend kalten Winterabends johlend um einen Haufen brennender Vorhänge getanzt.

»Das Zimmer gefällt mir«, sagte Cal, als sie sich über die Zuteilung der Betten geeinigt hatten. »Es ist hier wie in einer Zeitmaschine.« Was er eigentlich sagen wollte, war: Plank war in der Vergangenheit versunken. Nein, nicht versunken, es schwebte in der Vergangenheit, in ihrer Schönheit und Ruhe.

»Wir sind in Bernstein eingeschlossen«, hatte Micah lächelnd gesagt.

Die gesamte Studentenschaft des College bestand aus dreißig jungen Männern. Sie lebten alle in einem umgebauten Bauernhaus, und zwei ältere hatten jeweils das Privileg, die ehemalige Küche zu bewohnen, in der es einen Holzofen gab. Cal war der einzige Studienanfänger aus dem mittleren Westen und einer der wenigen, der nicht auf eine private Highschool gegangen war. Das war Micah auch nicht, aber er hatte in L. A. eine spezielle staatliche Highschool besucht, auf die nur Hochbegabte zugelassen worden waren. Ein Jahr, nach dem er dort abgegangen war, hatte sie aus Geldmangel schließen müssen. Micah konnte nicht wie Cal Kühe melken, aber er hatte Platon und Derrida gelesen. »Die Krughaftigkeit des Krugs«, sagte er gern, wenn er Cal Heidegger nahebringen wollte, als sei damit alles erklärt.

Jetzt musste er darüber lachen, wie sie damals am Plank geredet hatten. Morgens hatten sie Feldarbeit gemacht und die Ziegen auf die Weide getrieben, und dann waren sie mit Dreck unter den Fingernägeln und Stallgeruch im Haar in die Seminare gegangen und hatten große Reden geschwungen.

Hier draußen, mitten im Nirgendwo, aber wirklich genau in der Mitte, waren die großen Ideen von damals eine willkommene Ablenkung, aber viel mehr auch nicht. Cal sah wieder zu Frida hinüber, deren Augen noch immer fest geschlossen waren, und fragte sich, was sie von den Büchern halten würde, die er und ihr Bruder damals verschlungen hatten. Als könnten die euch irgendwie weiterhelfen, hätte sie vielleicht gesagt.

Das Studium am Plank dauerte nur zwei Jahre. Es kostete keine Gebühren, wenn man erst einmal zugelassen war, aber es gab auch keinen richtigen Abschluss. Die meisten Jungs studierten danach an einer der Ivy-League-Unis weiter, oder sie reisten oder verschwanden von der Bildfläche. Cal hatte von seinem Dad von dem College erfahren. Er betrieb auf seiner Farm ganzheitliche Landwirtschaft – die Kühe mussten häufig die Weide wechseln, um die Felder nicht zu überlasten; dann pickten Hühner die Larven aus ihrem Dung und bereiteten den Boden für pestizidfreies Gemüse. Cals Vater hatte gehofft, dass sein Sohn in seine Fußstapfen treten würde. »An dem College bist du mit deinen Talenten genau richtig.« Ob sein Vater gewusst hatte, dass man am Plank nicht nur Alfalfa anbaute, Kühe melkte und die eine oder andere Ziege schlachtete, sondern auch geistige Felder beackerte?

Viele der Planker hatten sich vorgenommen, sich überall auf der Welt für Gerechtigkeit und Wohlstand einzusetzen, allerdings nicht mit Hilfe der Religion; sie schienen alle Atheisten zu sein oder zumindest auf dem Weg dorthin. Ihre Ziele wollten sie durch Klugheit und Durchhaltevermögen erreichen, nicht durch Frömmigkeit. Cal hatte gleich in der ersten Woche mitgehört, wie einer der Kommilitonen von seinen Plänen für die Zeit danach sprach; er hatte seinen Businessplan schon geschrieben und brauchte nur noch Details zu Ökosteuern und Mikrokrediten. Cal war noch nie jemandem begegnet, der so offen von seinen Ambitionen sprach, aber am Plank war es keine Seltenheit, dass Schüler beim Essen, im Seminar oder nachts um drei im Aufenthaltsraum hochtrabende Pläne verkündeten. Die Planker würden die Welt verändern. Viele Colleges hatten in den letzten Jahren dichtgemacht, aber Plank hatte kaum laufende Kosten, und die Grundfinanzierung stand auf soliden Füßen, weil die Alumni darauf zählten, dass ihr kleines, aber einflussreiches Absolventennetzwerk die Krisen der Gegenwart bewältigen werde. Als Cal angenommen wurde, hatte er es nicht gleich gewusst, aber sobald er sein Zimmer bezogen hatte, wurde es ihm schlagartig klar: Am Plank wurde viel von ihm erwartet. Er sollte nicht umsonst studieren.

Cal erinnerte sich, dass am ersten Abend die Studenten im zweiten Jahrgang für die Neuen gekocht hatten. Es hatte frisch gebackenes Brot gegeben und eine würzige Gemüsesuppe. Die Älteren hatten Schürzen getragen und beim Essen herzhaft gerülpst. An den Wänden des großen Speisesaals hingen alte landwirtschaftliche Geräte: eine Forke zum Beispiel und eine rostige Spitzhacke. Davon abgesehen war der Raum heruntergekommen und kahl. Die älteren Studenten ließen schon früh durchblicken, dass sich hier niemand für ästhetische Feinheiten interessierte. Zum Beispiel ging bei einem spontanen Fußballspiel eins der Fenster fast zu Bruch, und statt die Scheibe zu ersetzen, wie die Collegeleitung es vorsah, beschloss der Studentenrat, den Schaden mit Klebeband zu beheben.

Aus all dem hatte er gelernt, dachte Cal. Er hatte nie etwas als selbstverständlich vorausgesetzt. Das Studium hatte ihn auf den Verfall von L. A. ebenso vorbereitet wie auf das Leben hier draußen. Er konnte nicht nur Tiere häuten und Felder bewässern, sondern auch einem Ort seine Hässlichkeit verzeihen. Frida hatte einen wachen Sinn für Räume; sie fand, das Haus der Millers – das jetzt ihr Haus war – sei so zweckmäßig, dass es sich dort lebe wie auf einer Polizeistation. Ihm war nicht einmal aufgefallen, wie lieblos die Regale zurechtgezimmert waren, bis sie ihn darauf aufmerksam machte.

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