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Café au Love

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»Ich habe mir so oft gewünscht, dass alles wieder so wird, wie es war.«

Meine Freundin Jen und ich lagen auf den weichen Matratzen am Pool vor dem Haus meines Vaters. Der Sommerhimmel über Long Island war riesig, hellblau und so hell, dass er schimmerte. Er erschien höher als in Deutschland, auch wenn das natürlich unmöglich war. Wir blickten in diesen perfekten Himmel und hörten eine Playlist mit dem Namen Simply Love. Der Sommer breitete sich so endlos vor uns aus wie das Meer, das nicht weit hinter dem Garten lag. Ich würde wohl nie verstehen, warum meine Mutter das alles zurückgelassen hatte. Okay, das Haus hatte es damals noch nicht gegeben, aber trotzdem.

»Ich freue mich auch mega, dass du zurück bist, Emma«, seufzte Jen und knabberte an ihrem Strohhalm, der in einem Erdbeer-Milchshake steckte, den sie auf dem Weg gekauft hatte. Mir hatte sie einen Mango-Shake mitgebracht. Es machte mich total glücklich, dass sie sich daran erinnert hatte, dass ich Mangos liebte.

»Aber ich bin ziemlich froh, dass sich ein paar Dinge verändert haben. Meine Oberweite zum Beispiel. Ich dachte damals schon, da passiert nie etwas«, sagte Jen.

Ich kicherte. »Die Angst war wohl überflüssig«, erwiderte ich mit Blick auf ihren zwar nicht großen, aber vorhandenen Busen, der bei unserem letzten Treffen definitiv noch nicht da gewesen war.

Ich fischte einen Eiswürfel aus meinem Shake und ließ ihn in meinem Mund schmelzen. Vielleicht würde mich das zumindest innerlich abkühlen. In den Hamptons gab es seit einer Woche eine Hitzewelle. Kein Tag unter dreißig Grad.

»Die letzten Jahre in Deutschland waren … nicht so gut.«

»Was macht man denn so in Düsseldorf?«, fragte Jen und sprach Düsseldorf dabei ziemlich verunstaltet aus.

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich wohne ja noch nicht mal in Düsseldorf. Ich wohne in einer Kleinstadt außerhalb. Meine Mutter arbeitet da an der Schule. Den Ort würdest du ohnehin nicht kennen. Gibt’s glaube ich noch nicht mal auf einer Landkarte.« Das war übertrieben. Ratingen stand auf einer Landkarte. Jedenfalls auf einer mit großem Maßstab.

»Und was macht man dort am Wochenende?« Jen stellte den Shake ab und knotete ihre blond gesträhnten Haare auf dem Oberkopf zusammen. Dann griff sie nach der Sonnencreme und malte schwungvoll eine weiße Spur auf ihren Bauch und die schmalen Oberschenkel.

»Ich war oft auf Taekwondo-Wettkämpfen«, wich ich aus. Sie meinte natürlich das Partyleben, aber dazu konnte ich wenig sagen.

Jen hielt beim Verteilen der Creme inne. »Echt? Du hast Taekwondo weitergemacht?« Ihre grauen Augen waren vor Überraschung aufgerissen. »Weiter als der gelbe Gürtel von damals?«

»Sogar bis zum schwarzen Gürtel. Wobei es da ja verschiedene Stufen gibt. Hört sich nach mehr an, als es ist«, erklärte ich. Es war mir ein wenig unangenehm, wie besessen ich trainiert hatte.

»Wahnsinn. Ich habe sofort aufgehört, als du weggegangen bist. Das Training war mir alleine zu anstrengend. Und für die College-Bewerbungen war Tennis auch in Ordnung. Aber Respekt! Schwarzer Gürtel ist beeindruckend, du bist echt zu bescheiden. Daher hast du die Bauchmuskeln. Und deine Arme sehen auch trainiert aus.« Sie verglich ihren Arm mit meinem. Ihr Arm war in der Tat sehr schmal, sogar der linke, mit dem sie als Linkshänderin Tennis spielte.

»Dafür hätte ich auch gerne weiter Tennis gespielt.« Leider wären Tennisstunden viel zu teuer gewesen. Der Taekwondo-Verein hatte viel weniger gekostet. Außerdem mochte ich die Ordnung und Disziplin bei dem Sport. Zumindest dort gab es klare Verhältnisse.

»Und wie war’s so zum Ausgehen in Deutschland?«

»Es gibt eine Bar, wo alle am Wochenende hingehen und sich treffen.« Ich konnte sie dabei nicht anschauen, denn schließlich war ich nur selten mitgegangen. Meistens hatte ich in einer Pizzeria in der Nähe gearbeitet oder war beim Training gewesen.

»Man läuft durch die Stadt. Geht in die Eisdiele, ins Kino und danach zu McDonalds. Man freundet sich mit jemandem an, der Führerschein und Auto hat, um am Wochenende nach Düsseldorf zu fahren.« Ich nahm noch einen Eiswürfel. Ich wollte nicht, dass sie mich für einen totalen Loser hielt. Aber es gab wirklich kaum etwas zu berichten. Vor allem nicht jemandem, der seine Jugend an der Upper East Side in New York verbracht hatte. Ansonsten hatte ich noch fürs Abi gelernt, um am College in den USA angenommen zu werden. Das war mein Leben.

»McDonalds? Das ist nicht dein Ernst«, fragte Jen entgeistert. »Gott, man könnte behaupten, dass wir dich vor der sozialen Verwahrlosung retten müssen.«

»Das könnte man behaupten«, nuschelte ich mit vollem Mund. Der Eiswürfel verursachte ein scharfes Ziehen hinter meiner Stirn. Ich unterdrückte die Bemerkung, dass McDonalds in Deutschland schöner war als in Amerika. In den USA waren viele Filialen ziemlich heruntergekommen. Aber nach Jens Maßstäben wäre auch eine deutsche McDonalds-Filiale heruntergekommen. Sie konnte sich mein Leben gar nicht vorstellen.

»Mein Leben war ein bisschen weniger glamourös, wir hatten ja auch kein Geld mehr.«

»Klar, sorry, Emma, ich wollte nicht total unsensibel rüberkommen.«

»Quatsch«, erwiderte ich. Mitleid wollte ich auch nicht. Und wie hätte sie es sich auch vorstellen können. Jens Leben war so weitergegangen wie damals: Geburtstagsfeiern mit Hüpfburgen und extra angelieferten Ponys. Am Wochenende Mary-Poppins-Musicals am Broadway, Friseure, bei denen man auf niedlichen Elefanten saß und Tierfilme schaute. Und in den letzten Jahren zunehmend aufwendige Privatpartys, wie ich herausgehört hatte. Früher hatte ich mich in New York so zu Hause gefühlt. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich irgendwann nicht mehr dazugehören könnte.

»Weißt du noch, wie wir Ken hat eine Affäre mit den alten Barbies von deiner Mutter gespielt haben?«

»O Gott, ja«, sagte Jen und prustete beinahe ihren Shake auf die Terrasse.

»Ich habe erst später verstanden, dass wir deine Eltern nachgespielt haben.«

Jen zuckte mit den Schultern. »Oder das Leben der meisten Eltern hier.« Sie klang nicht traurig, eher sachlich. Hatte ich eigentlich geglaubt, dass ich zurückkomme, Jen anrufe, wir unsere Barbies auspacken und da weitermachten, wo wir aufgehört hatten? Das Leben von Zwölfjährigen unterschied sich stark von dem von Siebzehnjährigen. Sie war mir genauso vertraut, wie sie mir plötzlich fremd war.

»Vermisst deine Mutter ihr Leben hier gar nicht? Ich habe nie verstanden, warum sie deinen Vater eigentlich verlassen hat«, sagte Jen. Sie hatte eine kleine Flasche ausgepackt und verteilte jetzt ein teuer aussehendes Produkt auf ihrem Kopf, das ihre Haare glänzender machen würde, wenn es getrocknet war. »Ich erinnere mich noch, dass sie krass gut aussah. Sie war selbst eine Art dunkelhaarige Barbie.«

Ich warf ihr einen prüfenden Blick zu, aber ihre Augen waren hinter der Sonnenbrille nicht zu erkennen. Wahrscheinlich wusste sie wirklich nichts Genaues von meiner Mutter. Mums schlimmste depressive Phasen waren ja erst später gekommen. Die kannte nicht einmal mein Vater. Und meine Mutter konnte sich in ihrem Tablettendelirium später selbst kaum erinnern. Eigentlich war ich die Einzige, die alles noch genau wusste, die sich mit dem klaren Geist einer Dreizehnjährigen jeden dahingeworfenen Satz zu Herzen genommen hatte. »Sie sagt immer, sie hätten sich auseinandergelebt und mein Vater hätte eben andere Ideale. Ihm ginge es nur um Karriere und ihr hätte das irgendwann nicht mehr so viel bedeutet. Sie tut alles, um New York zu vergessen, hat auch zu niemandem mehr Kontakt. Am liebsten würde sie mich in Deutschland behalten. Du würdest sie nicht wiedererkennen. Sie sagt, dass sich hier alles nur um Geld dreht, um Besitz und um Äußerlichkeiten.« Mom meinte natürlich eigentlich nicht nur New York, sondern vor allem meinen Vater.

Jen blickte zu mir. »Sie ist klug. Genauso ist es. Das ist ja das Gute daran.«

Ich schlug meine Beine neu übereinander und rückte auf der Liege zur Seite, weil ich nicht wusste, was ich darauf erwidern sollte.

»Das ist natürlich ironisch gemeint«, fügte Jen nach einem Moment hinzu. »Hey, du weißt doch noch, dass du nicht alles ernst nehmen darfst, was ich sage. Aber man muss nicht alles schlecht machen. Deine Mutter hat Vorurteile. Ist es denn so unangenehm hier zu liegen? Ich glaube, sie ist traurig, weil sie eben nicht mehr hier ist. Wobei sie bestimmt schnell einen anderen reichen Typen gefunden hätte. Außerdem hat sie doch mit ihrem Model-Job selbst gut verdient.« Ich schwieg und Jen schob ihre Brille auf den Kopf zurück, um mich zu mustern. »Sorry, Emma, aber so ist es ja nun mal. Die beiden waren schließlich auch noch sehr jung. Manchmal klappt es eben nicht.«

Sie hörte sich weise und aufgeräumt an. Dabei wusste ich, wie sie damals gelitten hatte, als ihre Eltern so viel gestritten hatten. Sie wollte immer bei mir übernachten. Und später hatten sie sich ebenfalls getrennt. Es stimmte, dass meine Eltern jung gewesen waren. Ich war ein Unfall gewesen. So erklärte ich es mir jedenfalls.

»Aber eine Sache verstehe ich nicht, Emma. Sie hat doch eine Menge Kohle von deinem Vater bekommen, zusätzlich zu ihrem eigenen Geld. Warum lebt ihr dann so sparsam in Deutschland?«

»Sie hat nichts von ihm angenommen. Es war ja auch ihre Entscheidung zu gehen.«

»Echt jetzt? Warum das denn nicht?«, fragte Jen entgeistert. »Jede andere Frau in New York hätte deinen Vater bluten lassen. Er muss ihr wirklich gute Gründe gegeben haben, warum sie gegangen ist. Und du weißt, dass ich deinen Vater eigentlich liebe.« Sie legte versöhnlich ihre Hand auf mein Bein.

»O mein Gott. Ich hoffe, das ist vorbei!« Ich boxte sie kurz in den Oberarm, musste aber grinsen, als ich mich daran erinnerte, dass Jen in meinen Vater verknallt gewesen war wie ein Golden-Retriever-Welpe in sein Herrchen. Sie hatte den Film American Beauty gesehen, für den sie viel zu jung gewesen war. Danach hatte sie geglaubt, dass es völlig in Ordnung sei, den Vater einer Freundin anzuhimmeln. Tatsächlich war es einfach unglaublich peinlich gewesen.

»Und warum hat sie nichts von ihm genommen?«

»Sie war wohl zu stolz, um sein Geld anzunehmen.« Ich hatte die Augen geschlossen, während ich sprach, aber die Sonne schien so stark, dass hinter meinen geschlossenen Lidern helle Punkte tanzten.

»Sorry, aber das war dumm. Deine Mom hätte sich nach der Scheidung ein super Leben machen können. Das sind ja keine Almosen. Sie hat das Geld verdient. Schließlich hat sie sich um dich gekümmert. Jede New Yorker Nanny kostet ein Schweinegeld«, bemerkte Jen trocken. »Es hätte ihr zugestanden.«

»Warum bist du damals eigentlich bei deinem Vater geblieben und nicht zu deiner Mutter gezogen?«, fragte ich, um von mir abzulenken.

»Sie ist einfach zu stressig«, sagte Jen knapp und nahm noch einen Schluck von ihrem Milchshake, während sie ihre ausgestreckten Beine langsam anhob. Das machte sie häufiger. Damit wollte sie im Liegen nebenher die Bauchmuskeln trainieren. Als hätte sie zusätzliches Training nötig.

»Ich fand deine Mom früher ziemlich nett.«

»Natürlich. Alle finden sie nett«, keuchte Jen und nahm jetzt beide Beine gleichzeitig hoch. Ein Hauch Bitterkeit schwang in ihrer Stimme mit. »Aber keiner sieht, dass sie alles kontrollieren will. Was ich anziehe, was ich esse, wen ich treffe, was ich mache, was ich denke. Das halte ich nicht aus. Mein Vater ist viel entspannter. Und glücklicherweise durfte ich bei der Scheidung vor Gericht sagen, wo ich lieber wohnen wollte.«

»Meine Mutter will auch alles kontrollieren«, erwiderte ich. Meine Eltern waren gar nicht vor Gericht gezogen und ich war auch nie gefragt worden, bei wem ich bleiben wollte. Es war klar gewesen, dass ich zu meiner Mutter zog. Mein Vater hatte gar keine Zeit, sich um ein zwölfjähriges Mädchen zu kümmern. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn je ohne Telefon in der Hand gesehen zu haben. Wenn mich früher jemand gefragt hatte, welchen Beruf mein Vater ausübte, hatte ich geantwortet: »Er telefoniert.« Damals hatte er bei einer Hedgefondsgesellschaft gearbeitet, also Geld für andere angelegt. Jetzt investierte er in Immobilien. Was genau er tat, hatte ich bisher noch nicht verstanden, aber das würde sich bald ändern, wenn ich Business studierte.

»Hast du deinen Vater denn trotzdem oft gesehen?«, fragte Jen.

»Er ist häufiger auf irgendwelchen Business-Trips in Düsseldorf vorbeigeflogen. Wir haben uns manchmal einfach am Flughafen zum Essen getroffen.« Dann hatte er mir oft ein Geschenk mitgebracht, meistens ein unpassendes wie eine Haarspange, die mit künstlichen Diamanten besetzt war oder ein Hermès-Halstuch. Er fragte mich, was ich in der Schule machte, auch wenn ich wusste, dass er nicht viel mit meinen Antworten anfangen konnte. Bei unseren Treffen durfte ich das teuerste Gericht auf der Karte wählen – Rinderfilet oder Hummer. Dann erzählte er von seinem Job und seinen Kunden. Ich verstand nur die Hälfte, schaute ihn aber interessiert an, damit er nicht enttäuscht war.

»Meine Mutter fand die Geschenke schrecklich, aber meine Eltern haben immer so getan, als hätten sie sich ganz einvernehmlich getrennt, damit ich nicht leide. Hat ihnen irgendein Scheidungscoach geraten.«

Jen verdrehte die Augen. »Vielleicht ist mir da die offen gelebte Feindschaft von meinen Eltern sogar lieber als so ein Pseudo-Gesülze.«

»Naja, und in den Ferien habe ich Dad ein paarmal gesehen. Eine Woche auf den Malediven und einmal auf North Island, der gleichen Insel, wo Kate und William auf Hochzeitsreise gewesen sind.« Auf den Malediven hatte er mir ein teures Kleid aus dem Hotelshop gekauft. Ich hätte das Kleid gern zum Abi-Ball angezogen, aber ich wollte nicht den Blick meiner Mutter ertragen müssen, wenn sie das luxuriöse Kleid sah, und so blieb es nur versteckt in der hintersten Ecke meines Kleiderschranks hängen.

»Das klingt doch ziemlich cool«, meinte Jen.

»Ein ziemlicher Kontrast zu meinem sonstigen Leben war es auf jeden Fall.«

In den letzten zwei Urlauben hatte mein Vater allerdings noch jeweils eine andere Freundin mitgenommen. Beide waren eigentlich ganz nett gewesen und kauften mir noch mehr Geschenke. Aber im letzten Jahr hatte ich ihn gar nicht gesehen. Er hatte wohl ein paar Geldprobleme, worüber ich allerdings mit niemandem reden sollte. Nach den Urlauben hatte ich meiner Mutter auch immer erzählt, dass es langweilig gewesen sei und dass die Freundinnen meines Vaters hohl gewesen wären. Danach sah meine Mutter etwas fröhlicher aus. Und sie sah nie sonderlich fröhlich aus. Das ungute Gefühl, dass ich meinen Vater verriet, schob ich dann immer zur Seite. Ich konnte ihr ja schlecht von den Malediven vorschwärmen, während sie bei Regenwetter zu Hause geblieben war.

Jen und ich lehnten uns zurück und blickten in den Himmel.

»Hattest du denn nie ein schlechtes Gewissen, dass du deine Mutter alleingelassen hast?«, fragte ich Jen.

»Nur am Anfang. Als ich gemerkt habe, dass meine Mutter es darauf angelegt hat, mir Schuldgefühle einzureden, sind sie verpufft. Mom wollte das Sorgerecht für mich nur, um meinem Vater eins auszuwischen. Im Grunde ist sie froh, dass sie mich als Tochter aktivieren kann, wenn es gerade passt, aber sonst mit ihren Freundinnen in St. Barths abhängen kann. Wäre ich zu ihr gezogen, wäre ohnehin nur eine Nanny mit mir zu Hause gewesen.«

Jens Stimme klang trotzdem so, als wollte sie sich verteidigen. Vermutlich hatte jedes Scheidungskind ein schlechtes Gewissen, egal wie es gelaufen war.

»Also, Emma.« Sie rückte sich auf der Matratze zurecht und begann, ihre langen Haare mit den Fingern in Form zu ziehen. »Lass uns mal die Eltern vergessen und zu den wichtigen Dingen kommen.« Sie grinste und zeigte ihre wunderschönen, geraden Zähne. Die Zahnspange von damals hatte ihren Zweck erfüllt. Ansonsten sah sie aus wie früher, wenn sie grinste. Mit den kleinen Sommersprossen hatte sie mich immer ein wenig an Pippi Langstrumpf erinnert. Jen hatte sie schon als Kind gehasst, ich hatte sie immer süß gefunden und sie wie alles andere an ihr schrecklich vermisst, als wir umgezogen waren.

»Hast du einen Freund in Deutschland?«, fragte Jen und legte den Kopf seitlich auf die Liege, sodass sie meine Reaktion genau beobachten konnte.

Ich schüttelte den Kopf. »Keinen Freund.«

Jen nickte langsam.

»Ich hatte aber einen«, fügte ich hinzu und kam mir im gleichen Moment albern vor. Warum hatte ich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen?

»Ja? So richtig?« Sie sog betont lange an ihrem Strohhalm, obwohl ihr Shake inzwischen leer war.

»Nein, kein Sex«, sagte ich. Ich haute ihr seitlich auf den Arm. »Das meintest du doch, oder?« Dann prusteten wir beide los. Damals in der Schule hatten wir zwar schon über Jungs geredet, aber so in der Art, wie man »Erwachsene« imitiert. Es war klar, dass wir noch nichts erlebt hatten. Wir schwärmten für Liam Payne und Harry Styles und ein paar ältere Jungs aus der Highschool, stritten über Taylor Swift (ich war ein glühender Fan, Jen fand sie überbewertet).

Als wir uns wieder beruhigt hatten und auf die Liegen zurückfallen ließen, lag natürlich noch eine weitere Frage in der Luft. Aber ich ließ Jen erst mal schmoren. »Und du?«, fragte ich sie schließlich nach einer Pause.

»Ich dachte schon, dich interessiert es tatsächlich nicht«, sagte Jen. Sie hatte ihre Sonnenbrille wieder geradegerückt und sich auf der Liege ausgestreckt, als wäre sie an einem Filmset, ein Bein leicht angewinkelt. »Boyfriend: Gehabt. Sex: Nein«, fasste sie zusammen.

»Bingo.«

Jen streckte lässig ihre Hand aus, damit ich einschlagen konnte. »Wir sind auf dem gleichen Stand.«

Das stimmte wahrscheinlich nur halb. Meine Romanze während der sechstägigen Taekwondo-Freizeit auf Norderney war bestimmt weniger intensiv gewesen als ihre.

»Noch«, fügte Jen hinzu. Sie liebte es, den Vamp zu spielen, das hatte ich in den letzten paar Stunden schon gemerkt. »Außerdem habe ich es schon bis zur Third Base geschafft.«

»Third Base?«, fragte ich verwirrt.

»Jetzt sag bloß nicht, dass du nicht weißt, was Third Base ist«, erwiderte Jen verblüfft.

»Irgendetwas mit Jungs, das verstehe ich schon«, entgegnete ich leicht eingeschnappt. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie es bei uns ist. Ziemlich anders als hier«, verteidigte ich mich.

»Hey, jetzt sei doch nicht beleidigt. Du kannst es ja googeln«, sagte Jen und grinste, »aber besser nicht mit Bildersuche.« Dann wurde sie wieder ernst und musterte mich noch mal intensiv. »War alles nicht so toll bei dir, oder?«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Es war eben anders. Erinnerst du dich noch an deine Bauernhofparty, wo dein Vater die ganzen Tiere in den Garten von eurem Townhouse bringen ließ? Hühner und Hängebauchschweine? Und dieses eine Mädchen vom Musikkurs hatte mal eine Party, wo man eine Puppe mit nach Hause nehmen durfte, die genauso aussah wie man selbst.«

»Die Bauernhofparty, natürlich, die war abgefahren.«

»Aber wenn ich sowas zu Hause in Ratingen erzählt habe, haben mich alle für eine Angeberin gehalten. Oder eine Lügnerin. Da habe ich lieber die Klappe gehalten.«

»Aber du musst doch ein paar Freunde gehabt haben?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Klar.« Es waren eher meine Sportkollegen beim Taekwondo gewesen und mein Trainer, Master Ko. Sie waren nett, aber kein Ersatz für echte Freundinnen, mit denen man alles besprechen konnte oder an den Nachmittagen etwas unternahm.

Jen rieb sich sorgfältig noch ein wenig Sonnencreme auf den Handrücken, während ich weitersprach.

»Meine Mutter ist in ein totales Loch gefallen. Als Ex-Model ohne Abitur oder Ausbildung war es nicht so leicht, einen Job zu finden. Erst hat sie in einem Copyshop gearbeitet. Dann in der Verwaltung einer Realschule, seitdem geht es ihr besser.«

Jen fuhr fort, sich einzucremen. Ich ignorierte den kleinen Stich, den ihr Schweigen hinterließ. Plötzlich war ich unsicher, ob sie meine Probleme wirklich interessierten.

»Es erstaunt mich, dass du überhaupt in die Sonne gehst. Hat deine Mutter ihre Hautkrebs-Phobie nicht an dich weitergegeben? Sie ist doch ständig hinter dir hergelaufen, um dich einzucremen.« Ich wollte nicht mehr von zu Hause reden.

»Das ist Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor und Selbstbräuner. In ein paar Minuten ist alles eingezogen und wir können an den Strand.« Jen richtete sich auf und zupfte ihren Bikini zurecht. Dann fixierte sie mich mit eindringlichem Blick. »Ich verspreche dir jetzt was, Emma. Diesen Sommer wirst du alles nachholen. Es wird so sein, als wärst du nie weg gewesen. Nein, es wird sogar noch viel besser sein als früher. Es tut mir leid, was du alles mitmachen musstest. Aber ich werde dafür sorgen, dass du den Sommer deines Lebens hast.«

Ihre Stimme klang entschlossen.

»Es gibt nur eine Bedingung. Du musst alles mitmachen, was ich sage, okay? Keine Ausreden.« Ein kleines Lächeln erschien in ihrem Mundwinkel. »Versprochen?«

Sie hielt mir ihren kleinen Finger hin. Ich musste lachen und hakte meinen hinein. Den Kleinen-Finger-Schwur hatten wir als Kinder immer gemacht. »Versprochen.«

»So, dann geht’s jetzt zum Strand. Ich habe nämlich ein Gerücht gehört. Wir wollen den Sommer schließlich nicht allein verbringen und wenn das Gerücht stimmt …« Sie lächelte geheimnisvoll.

»Ich verstehe gar nichts. Aber ich habe gleich noch ein Vorstellungsgespräch für einen Sommerjob in einem Café.«

»Du sollst am Strand liegen und nicht arbeiten! Willst du nicht den letzten Sommer vor dem Uni-Stress genießen und entspannen?«, erwiderte Jen.

»Ich will mich nicht den ganzen Sommer von meinem Dad aushalten lassen«, entgegnete ich. »Außerdem weiß er noch gar nicht, dass ich ein Stipendium habe. Also verplappere dich nicht.« Mein Vater war der Meinung gewesen, dass ich wegen der hohen Studiengebühren in den USA lieber in Deutschland studieren sollte. Aber jetzt hatte ich das Stipendium für die New York University bekommen. Und für meinen Unterhalt würde ich auch noch aufkommen, sodass ich ihm nicht auf der Tasche liegen würde. Ich hatte schon vorab etwas an die Uni zahlen müssen und hatte meinen Vater nicht nach Geld fragen wollen, bevor ich überhaupt angekommen war. Er sollte nicht denken, dass ich nur auf sein Geld aus war. Und ich wusste ja, dass es nicht mehr so locker saß wie früher. Aber jetzt war ich völlig pleite.

»Und es war sauschwer überhaupt einen Laden zu finden, der so spontan noch jemanden sucht.«

»Er ist dein Dad, Emma. Daddys lieben es, einen auszuhalten. Hoffentlich wirst du nicht von einem schmierigen Koch angemacht.«

»Glaub mir, ich kann mich wehren.«

»Du kannst ja deinen schwarzen Gürtel bei der Arbeit tragen«, scherzte Jen.

Ich hatte meinem Dad auch noch nichts von dem Job erzählt. Aber er würde beeindruckt sein, dass ich selbst Verantwortung übernahm. Das wusste ich.

»Schaffen wir es vorher noch zum Strand?«

»Ich muss erst in zwei Stunden da sein, das Café ist in Southhampton.«

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Ein paar Minuten später fuhren wir mit dem quietschroten VW-Käfer, den Jen zum sechzehnten Geburtstag bekommen hatte, zum Strand. Wir öffneten das Verdeck und ließen unsere Haare im Wind flattern. In New York brauchte man kein Auto, aber sobald man die Stadt verließ, war man ohne Auto verloren.

»Ich werde diesen Sommer den Führerschein machen«, rief ich über den Wind hinweg.

»Du hast noch keinen?«, schrie Jen zurück.

»In Deutschland fährt man erst ab achtzehn und der Führerschein ist sauteuer. Ich muss nur noch mit Schaltung üben, damit ich das Auto von meinem Vater nehmen kann. Ein bisschen kann ich auch schon fahren, mein Vater hat es mir einmal in den Ferien auf einem Übungsplatz beigebracht.«

»Gott, du warst echt zu lange in Deutschland.«

Mit Jen im Auto zu sitzen fühlte sich herrlich an. Ich war endlich zurück. So lange hatte ich mich nach dieser Rückkehr gesehnt. Ich war nie so richtig in Deutschland angekommen, immer hatte ich mich fremd gefühlt. Hier fühlte ich mich nun zwar auch ein wenig fremd, aber das würde sich legen. Dafür wüder ich alles tun. Ich hielt meine Hand in den kühlen Fahrtwind. In mir kribbelte alles voller Vorfreude auf den Sommer, auf die neue Freiheit, auf Long Island. Der Sommer meines Lebens – vielleicht würde Jen ja recht behalten.

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Wir fuhren zum Cooper’s Beach, wo man 50 Dollar fürs Parken zahlen musste, wenn man keinen Wohnsitz in den Hamptons hatte. Meine finanziellen Verhältnisse waren definitiv nicht Hamptons-kompatibel. Jens Vater besaß ein supermodernes Haus direkt am Strand in Southhampton und natürlich hatte sie eine Parkgenehmigung. Auf der windgeschützten Terrasse war es heiß gewesen, hier blies ein kühler Wind. Wir liefen über Holzplanken vom Parkplatz an den Strand und er war noch schöner, als ich ihn in Erinnerung hatte. Er war tatsächlich unendlich lang und extra breit. Der feine, weiße Sand liebkoste meine Füße. Als Kind war ich mit meinen Eltern einmal hier gewesen. Der Wind sorgte für kräftige Wellen, die sich aufbäumten und weit auf den Strand aufschlugen. Wegen des starken Windes und der Wellen war der Strand trotz Hauptsaison nicht sehr voll.

»Das hatte ich gehofft«, sagte Jen zufrieden, nachdem sie den Strand gescannt hatte.

»Was hattest du gehofft?«

»Die Wellen …«

Ich folgte ihrem Blick, der nicht aufs Meer hinausging, sondern seitlich zum Strand zu einer Gruppe, die in einiger Entfernung ihr Lager aufgeschlagen hatte.

»Die hohen Wellen locken die Surfer an«, grinste sie. »Komm mit. Ich will dir ein paar Leute vorstellen.«

In unseren kurzen, wippenden Röcken liefen wir nah am Wasser auf dem nassen Sand entlang. Ich spürte die Blicke von ein paar Männern und Jungs am Strand. Das war immer noch merkwürdig. Ich wusste gar nicht, wann es angefangen hatte, dass ich dieses Kribbeln im Nacken spürte, wenn ich über eine Straße ging und sich Männerblicke an mich hefteten wie jetzt, als ich zwischen den Handtüchern und Strandstühlen durch den Sand stapfte. Meine Zahnspange war weg, ich hatte ein T-Shirt und einen weiten Rock mit Gummizug an, den ich schon ewig besaß, nur war er inzwischen sehr kurz geworden. Meine Sommergarderobe kam mir ziemlich farblos und langweilig vor, mein schwarzer Bikini war aus der vorletzten Saison von H & M und am Rand lösten sich Fäden. Ich freute mich auf mein erstes Gehalt. Es würde schon klappen mit dem Job. Hoffentlich gab es auch in den Hamptons ein paar Läden, die nicht so teuer waren. Hinter den Surfern war der Strand leer. Weil es am Strand keine Liegen gab wie in Europa, brachte jeder seine Sonnenschirme, Handtücher, Kühlboxen und Strandstühle selbst mit. Scheinbar hatte niemand Lust, sie besonders weit vom Parkplatz zu tragen.

Wir breiteten unsere gestreiften Handtücher in einiger Entfernung zu den Surfern auf dem Sand aus. Ein paar Meter hinter uns schlief jemand. Ein Paar Männerbeine ragten unter einem als Decke verwendeten Handtuch hervor. Ein Sweatshirt und ein Buch mit dem Titel Philosophie für Dummies lagen über dem Gesicht des Schlafenden. Sonst war niemand in der Nähe. Jen stellte sich breitbeinig hin, fuhr sich durch die Haare und zog mit einer ausladenden Bewegung ihr T-Shirt über den Kopf, wobei sie den Rücken durchstreckte und den Bauch einzog, obwohl der so flach war, dass es nicht viel zum Einziehen gab. Sie zupfte einen Moment umständlich ihren Bikini zurecht. Ich hatte mich, so wie ich war, auf mein Handtuch gelegt und sah ihr zu. Als sie sich endlich neben mich legte, hatte sie den gewünschten Effekt erzielt. Zwei der Surfer schauten herüber. Zwar konnte man ihre Augen hinter den verspiegelten Sonnenbrillen nicht sehen, aber es war ziemlich klar, dass sie Jen genau beobachtet hatten. Sie mussten der Grund sein, wieso wir hergekommen waren.

Ich drehte mich zu Jen.

»Du kennst sie? Und warum liegen wir dann so weit weg?«, fragte ich.

»Du kennst sie auch. Denk mal einen Moment an die Madison Academy.«

Madison Academy war die Highschool, die an unsere alte Middle School an der Upper East Side angeschlossen war.

»Du meinst, ich kenne sie, aber nicht gut genug, dass wir einfach hingehen? Ich dachte, du wolltest mich vorstellen?«, fragte ich verwirrt.

»Werde ich auch. Nur muss ich mich selbst auch erst noch vorstellen. Wir haben ja den ganzen Sommer noch vor uns.« Sie lächelte mich verschwörerisch an. »Wir geben ihnen erst einmal eine Chance, uns zu entdecken.« Sie grinste.

Jen holte eine Bürste aus der Tasche und striegelte sich die Haare, die in allen möglichen Blondtönen glänzten. Ich hatte ähnlich lange Haare, ebenfalls blond, allerdings mit einem rötlichen Stich und mit wesentlich weniger Farbschattierungen. Meistens trug ich sie sowieso eingedreht auf dem Kopf festgesteckt.

»Warst du nicht früher dunkler als ich?«, fragte ich, auf ihren Kopf deutend.

»Ich bin sogar noch dunkler geworden. Aber ich habe einen guten Friseur. Sommerblond«, grinste sie. Dann zog sie eine Dose mit Beerenlipgloss aus der Tasche und verteilte ihn auf ihren Lippen, danach bot sie ihn mir an. Ich tunkte meinen Zeigefinger in die weiche Masse und tupfte mir ebenfalls ein wenig Gloss auf die Lippen. Es schmeckte nur sehr entfernt nach Beere, dafür aber sehr süß und faszinierend künstlich.

Jen ignorierte die Blicke der Surfer, als wären wir völlig zufällig den weiten Weg gekommen, um uns mehr oder minder als Einzige in ihre Nähe zu setzen. Wenn man sich flach hinlegte, fuhr der Wind über einen hinweg und es war gar nicht so kalt. Jens Arme waren schon von einer Gänsehaut überzogen. Sie rollte sich auf den Bauch und klopfte neben sich, damit ich es ihr nachtat. Wir stützten uns auf unsere Ellenbogen. Wenn wir die Köpfe nicht zu auffällig zu ihnen wandten, hätte es genauso gut sein können, dass wir aufs Meer schauten.

»Und, schon erkannt?«

»Jemand von früher? Jen, das ist fünf Jahre her, alle haben sich verändert.«

»Schau noch mal genau. Die beiden im Wasser.« Jen zog ihr mit glänzenden Swarovskisteinen verziertes Handy heraus und scrollte durch Nachrichten und Posts. Sie musste auf jeder einzelnen Social-Media-Plattform vertreten sein. Aber jetzt war war es eher eine nervöse Fingerbewegung zur Tarnung, immer wieder schaute sie unauffällig zu den Surfern. Zwei von ihnen kamen gerade aus dem Wasser. Sie hatten ihre Neoprenanzüge geöffnet, den oberen Teil heruntergezogen und ließen ihn lässig seitlich von der Hüfte herunterbaumeln. Während sie liefen, schienen Muskeln unter der Haut entlangzugleiten und die Bizepse traten hervor, wenn sie die Position der geschulterten Surfboards wechselten. Ihre Haut war gebräunt und wurde am Übergang zur Badehose heller, die Bäuche sahen sogar aus der Ferne durchtrainiert aus. Die beiden kniffen die Augen gegen die helle Sonne zusammen und schoben sich die nassen Haare aus dem Gesicht. Zwei weitere Surfer erreichten auf einer besonders langen Welle das Ufer. Auch sie liefen den Strand hoch, die Bretter unter den angewinkelten Armen, als würden sie nichts wiegen.

»Die beiden Ersten«, half mir Jen.

»Ich habe keine Ahnung, wer das ist.« Ich betrachtete die Jungs genau. Der linke hatte hellblonde Haare, fast weißblond, was ihm ein irgendwie unschuldiges Aussehen verlieh. Seine Haut hatte einen goldenen Farbton von der Sonne. Der rechte war dunkler. Er besaß ein sehr ausgeprägtes Kinn, hatte aber noch ausgeprägtere Muskeln, als würde er nicht nur surfen, um sich in Form zu halten, sondern auch Gewichte stemmen. Und plötzlich, vielleicht war es sogar die Körperhaltung, dämmerte mir, wer das sein könnte.

»Warte mal, ist der Dunkelhaarige etwa Matt, für den du schon damals geschwärmt hast? Und ist der andere dann …?«

»Genau. Asher Buchanan und Matt Sinclair. Sie sind auch erst vor zwei Tagen angekommen.«

»Ich fasse es nicht«, brachte ich mühsam heraus. Asher. Mein Herz begann wie verrückt zu klopfen, als hätte ich ein paar Jahre zurückgespult und würde jetzt so reagieren wie damals, wenn das Gespräch auf Asher Buchanan kam. Ich war so in Asher verknallt gewesen, wie man es als Zwölfjährige nur sein konnte. Dass ich mir kein Bild von ihm in den Spind gehängt hatte, war alles. Er war schon in der Highschool gewesen, als wir noch die Middle School besuchten. Ich fand ihn so wahnsinnig süß mit seinen blonden Haaren und den großen, braunen Augen, hatte es aber nur einmal geschafft, ein Wort mit ihm zu wechseln. Wenn ich gerade mal nicht von einem eigenen Pferd geträumt hatte, dann von Asher. Das Pferd hatte mein Vater mir sogar versprochen. Während der Trennung war das dann aber untergegangen und zurück in Deutschland war natürlich nicht an Reitstunden zu denken gewesen, geschweige denn an ein eigenes Pferd. Mein ganzes Leben in New York war mir später wie ein Traum vorgekommen, eine rosarote Seifenblase, die schwerelos durch die Atmosphäre trieb. Aber ich hatte versucht, mir die Sehnsucht nicht anmerken zu lassen. Meine Mutter war auch so schon am Ende gewesen, das hätte sie nur noch mehr runtergezogen.

»Ich glaube, ich brauche dich nicht zu fragen, ob du ihn immer noch süß findest«, sagte Jen und grinste mich an. O nein, das war wohl offensichtlich.

Einen Moment schwiegen wir und blickten zu den Jungs vor dem dunkelblau glitzernden Wasser. Sie unterhielten sich, zeigten auf die Wellen und diskutierten, vermutlich über die besten Rides.

»Du denkst jetzt aber nicht, dass ich da hingehe, Jen.«

Ich hatte in so vielen Bereichen meines Lebens gelernt, selbstbewusst zu sein und die Dinge in die Hand zu nehmen, aber was Jungs anging, unterschied ich mich leider nur wenig von der unerfahrenen Zwölfjährigen von damals.

»Wir warten erst mal ab und essen einen Snack zur Stärkung. Du packst das schon«, murmelte Jen vergnügt.

Asher. Wie verrückt, dass er auch hier war, noch ein Puzzleteil aus meiner Vergangenheit. Wir packten die Sandwiches aus, die wir auf dem Weg zum Strand in einem kleinen Laden gekauft hatten. Jen pickte mit ihren Fingern an einem herum und steckte sich ein kleines Stück weiches Brot in den Mund.

»Früher warst du so verfressen. Jetzt isst du, als hättest du den Magen von einem Wellensittich«, neckte ich sie.

»Früher konnte ich ja auch nur bei dir was Richtiges essen, weil meine Mutter mir nur gedünstetes Gemüse erlaubt hat. Eine fette Tochter wäre für sie Ausdruck ihres persönlichen Scheiterns gewesen.«

»Naja, da braucht sie bei dir nun wirklich keine Angst zu haben.« Denn auch wenn Jen größer war und breitere Hüften hatte als früher, war sie ziemlich dünn.

»Apropos. Hast du deinen Wellensittich noch? Budgy? Es fehlt fast etwas, wenn er nicht auf deiner Schulter sitzt«, sagte Jen.

»Nein. Er ist ein Jahr nach meinem Umzug gestorben, als ich mit Dad in den Ferien war. Das war echt traurig.« Ich spürte eine glühende Stecknadel im Magen, als ich daran dachte.

»O Mann, das tut mir leid. Der Vogel war dein Baby!«

»Das Schlimmste ist, dass ich kurz meine Mutter in Verdacht hatte, ihn vergessen zu haben. Das war fast wie eine Strafe für meine Reise mit Dad. Aber sowas würde sie natürlich nie machen.«

Jen warf mir einen langen Blick zu. »Moms machen verrückte Dinge während der Scheidung.«

Ich setzte an, etwas zu sagen, aber ich konnte irgendwie nicht.

»Aber nein, natürlich nicht«, fügte sie schnell hinzu.

Keine Ahnung, was sie in meinem Gesicht gesehen hatte. Ich hatte diesen Vogel so unglaublich geliebt. Noch nicht mal beerdigen konnte ich ihn, weil Mom ihn schon entsorgt hatte, als ich zurückgekommen war. Ich durfte nicht daran denken.

»Die Sandwiches sind echt lecker«, sagte ich schnell und nahm einen Bissen. Sie waren tatsächlich gut, Thunfischcreme und Ei.

Jen zupfte ein weiteres Stück aus ihrem Sandwich. Ihre Mutter war mir hingegen so perfekt erschienen. Ihr ganzes Zuhause war wunderschön gewesen, vom Lampenschirm bis zum Bettüberwurf harmonierte alles mit farbigen Tapeten und passenden Stoffen. Es war immer schwer vorstellbar gewesen, wie unerbittlich sich ihre Eltern gestritten hatten.

Jen schaute wieder zu den Surfern.

»Wären die beiden nichts für uns? Ich würde bei Matt bleiben, wie früher, wenn du nichts dagegen hast. Schau dir doch mal seine Zähne an, ich liebe perfekte Zähne. Und die Armmuskeln …« Sie kicherte. Natürlich. Matt. Früher hatte er uns Middle-School-Mädchen der siebten Klasse nicht angeschaut, so uninteressant waren wir für ihn. Aber der Altersunterschied wurde immer unbedeutender, je älter man wurde, wie ich von meinem Vater nur zu gut wusste. Seine Freundinnen waren zehn oder mehr Jahre jünger als er, was waren da schon zwei Jahre?

»Wenn du von Matt sprichst, klingst du so, als würdest du ein Zuchtschwein aussuchen und erst mal das Gebiss untersuchen. Hast du denn inzwischen überhaupt schon mal mit ihm gesprochen? Also mehr als Ich überbringe dir eine Nachricht als Valentinsbote«, bemerkte ich trocken. »Du hattest ja ein paar Jahre Zeit.«

Jen prustete los und warf ein Stück Sandwich nach mir. »Diese peinliche Aktion, als wir uns in der Schule darum gerissen haben, ihnen diese bescheuerten Valentinsbotschaften überbringen zu dürfen, hatte ich bis vor einer Minute erfolgreich verdrängt. Danke auch. Jetzt brauche ich wieder zwei Jahre, um es zu vergessen.«

Die Jungs waren jetzt alle aus dem Wasser gekommen und standen zusammen. »Nein, Matt hat die Schule gewechselt, als du weggegangen bist. Aber diesen Sommer wird sich alles ändern. Für uns beide.« Jen sprach die letzten beiden Sätze mit spielerisch getragener Stimme.

»Ich will ja kein Spielverderber sein und das Orakel unterbrechen, aber ich muss gleich los zum Vorstellungsgespräch.«

»Das passt perfekt. Nur noch fünf Minuten. So wissen sie beim nächsten Mal, dass sie schneller sein müssen, wenn sie uns ansprechen wollen. Und wir geben ihnen ein bisschen Zeit, uns von hinten zu bewundern.«

»So ein bisschen hast du schon einen Knall, Jen, aber das weißt du wahrscheinlich. Die werden uns nicht mit dem Hintern anschauen. Die sind doch eine völlig andere Liga.«

Jen schüttelte langsam den Kopf. »Nein, Emma. Auch damals waren sie keine andere Liga. Sie waren älter und das kam uns deshalb früher nur so vor.« Sie blickte mich an und wartete darauf, dass ich zustimmte.

Ich zuckte mit den Schultern. Sie war vielleicht in der gleichen Liga. Ich war jetzt in einer anderen, beziehungsweise eigentlich in überhaupt keiner.

Es war so verwirrend. Aber vielleicht hatte sie recht. Nur weil ich nicht mehr in einem großen Apartment an der Upper East wohnte, war ich ja keine Aussätzige.

»Em, was wäre ein Sommer ohne einen Flirt! Hey, du willst doch nicht als Jungfrau das College beginnen«, sagte sie, während sie ihr Handtuch zusammenrollte. »Und ich überlasse dir hier den absoluten A-Lister. Ashers Vater gehört sozusagen die halbe Insel. Die beiden schmeißen die besten Partys. Wir hätten zu viert so viel Spaß. Und du musst schließlich aufholen. Mindestens Third Base, Baby, auf der Zielgeraden zum Home Run!« Jen zwinkerte mir zu. Dann hob sie die Hand, um mich abzuklatschen. Zögernd hielt ich ihr meine hin und sie schlug geräuschvoll ein.

Plötzlich ertönte hinter uns ein Glucksen.

Ich fuhr zusammen und drehte mich gleichzeitig mit Jen um. Unter dem Handtuch, aus dem die Männerbeine ragten, wackelte es. Dann wurde es zur Seite geschoben, das aufgeklappte Buch fiel in den Sand und ein Männerkopf mit zerzausten schwarzen Haaren kam zum Vorschein. Der Typ gluckste immer noch, wobei seine Rippen und sein Bauch vibrierten, obwohl er sich scheinbar bemühte, sein Lachen unter Kontrolle zu bringen. Sein Oberkörper war gebräunt und muskulös, aber nicht aufgepumpt wie Matts. Vielleicht war er etwas älter als ich, aber nicht viel. Er hielt sich die Hand vor die Stirn, schien sich endlich im Griff zu haben und murmelte: »Sorry, ich wollte wirklich nicht lauschen.« Dann schaute er hoch, langsam, als müsste er sich beherrschen, um nicht wieder loszuprusten. Als sein Blick meinen traf, schoss mir sofort das Blut in die Wangen, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Er sah trotz seiner Entschuldigung alles andere als zerknirscht aus, sondern eher selbstzufrieden und überheblich.

Sein Gesicht war fast herzförmig mit einem markanten Kinn und blauen Augen, welche durch die dichten, schwarzen Augenbrauen besonders leuchteten. Die Röte stieg mir immer weiter ins Gesicht, als mir klar wurde, worüber wir gerade gesprochen hatten. Sein Blick sprang von mir zu Jen und wieder zurück und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

»Und da soll noch mal jemand sagen, dass Frauen Männer nicht als Sexobjekte sehen«, sagte er, sprang auf und stellte sich mit verschränkten Armen vor uns. Er war ziemlich groß.

Ich wollte vor Scham im Boden versinken. Was hatte er genau gehört? Unser ganzes Gespräch?

Dann blickte er zu den Surfern. »Hey, die A-Lister schauen rüber. Kleiner Tipp: Nichts belebt das Geschäft besser als Konkurrenz. Ich würde mich gern bereit erklären, mit euch zu flirten, aber ich muss leider los. Viel Spaß noch. Verkauft euch nicht unter Wert!«, sagte er zum Abschied und warf mir dabei einen eindringlichen Blick zu. Warum nur konnte ich mich noch mal nicht ans andere Ende der Welt beamen?

Ich blickte zu Jen, die grinsend neben mir stand.

»Man sollte nie einem schlafenden Mann trauen«, sagte sie und schüttelte den Kopf, schien wegen des Vorfalls aber nicht sonderlich aus der Bahn geworfen zu sein. »Gott, der war ja scharf, das hat man unter dem Handtuch vorhin überhaupt nicht gesehen.« Wehmütig blickte sie ihm hinterher.

»Du hast gut lachen. Er denkt ja auch nicht, dass du eine verzweifelte Jungfrau bist, die sich jedem dahergelaufenen Typen an den Hals schmeißt.«

»Dabei bin ich eine«, sagte Jen trocken. »Hey, Em, bleib locker. Der Typ ist doch völlig egal.«

Ich schluckte und hoffte nur, dass Long Island groß genug war, damit einem weitere peinliche Begegnungen erspart blieben.

IMAGE Drei IMAGE

Kurze Zeit später saßen wir wieder in Jens rotem Käfer und brausten Richtung Main Street in Southhampton. Wir fuhren an den großen Anwesen vorbei, viele klassisch aus Holz gebaut, aber mit beeindruckenden Einfahrten, in denen teure europäische Sportwagen geparkt waren. Näher am Ziel war es ein bisschen städtischer. Die Häuser waren etwas kleiner, hatten liebevoll gepflegte Gärten und Hortensien mit riesigen Blüten. Leider wurden wir bald ausgebremst, denn der Wochenendverkehr hatte eingesetzt und es ging eher langsam voran. Jen fuhr im Bikini-Oberteil und ich machte es ihr nach und warf mein T-Shirt auf den Rücksitz. Die leichte Gänsehaut, die der Fahrtwind auf unserer Haut hinterließ, fühlte sich gut an, und sobald das Auto stand und der Fahrtwind ausblieb, brannte die Sonne heiß auf uns herunter.

Nach dem Vorstellungsgespräch würde ich meinen Vater zum Abendessen treffen. Hoffentlich klappte alles und ich konnte ihm direkt von meinem Job berichten. Ich freute mich so, meinen Vater zu sehen. Er war bisher meistens unterwegs gewesen. Aber jetzt war Wochenende und wir würden endlich etwas Zeit miteinander verbringen können.

»Kannst du mich beim The Bitter End rauslassen? Das ist so ein Café in der Nähe der Hauptstraße«, sagte ich.

»Das kenne ich natürlich, das gibt es ja schon ewig. Ist ein bisschen heruntergekommen in den letzten Jahren. Hast du schon wieder Hunger?«

»Nein, dort habe ich mein Vorstellungsgespräch.«

»Das ist dein Sommerjob? Du willst im Bitter End arbeiten, im Ernst?«

Ich nickte. »Ist das schlimm?«

»Nee, das Café ist ein Klassiker, nur dachte ich irgendwie, es würde zumachen oder so was.«

»Drück mir bitte die Daumen. Es muss klappen. Fast alle Jobs waren schon vergeben, weil sich natürlich alle früher drum gekümmert haben.«

»Klar doch, du packst das locker. Hier ist es schon.« Sie hielt an und nickte mit dem Kopf in Richtung eines Gebäudes am Ende der Main Street. Ich umarmte Jen kurz, nahm mein Shirt von der Rückbank, streifte es über und stieg aus dem Auto.

»Wir sehen uns morgen! Sag mir, wie’s gelaufen ist!« Jen hob die Hand, während sie losfuhr und die Musik lauter drehte. Das Brummen des Motors von ihrem Käfer wurde durchdringender und dann war sie auch schon verschwunden.

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»The Bitter End« stand in geschwungenen Buchstaben auf einem Holzschild an einem altmodisch wirkenden Haus mit grauen Schindeln. Durch die unterteilten Scheiben sah es schon von außen gemütlich aus, weniger gestylt als viele andere Läden hier. Als ich die dunkelgrüne Holztür mit der großen Scheibe zum Innenraum aufdrückte, stieg mir sofort der aromatische Duft von Kaffee und Gebäck in die Nase. Drinnen standen Tische in verschiedenen Größen und Formen, die zusammengewürfelt waren und trotzdem harmonierten. Die Stühle waren aus Holz, manche davon waren grün lackiert. Das honigfarbene Parkett glänzte und spiegelte das Sonnenlicht, das durch die großen Scheiben fiel. Auf den Tischen standen unterschiedliche Vasen mit zarten Blumen. An den Wänden hingen kleine Bilder in Holzrahmen, detailgetreue Zeichnungen von Gebäuden, dazu Drucke aus alten Büchern. Einige Tische waren besetzt, aber lange nicht alle. Im Hintergrund lief eine melancholische Melodie. Manche Gäste tippten auf ihren Laptops, obwohl auf einem Schild stand »Keine Laptops im Sommer«. Wahrscheinlich sollte verhindert werden, dass jemand stundenlang einen Tisch blockierte. An der einen Seite des Cafés befand sich ein altmodischer Tresen, auf dem unter bauchigen Glasdeckeln Kuchen und Gebäck ausgestellt wurde. Dahinter stand, mit dem Rücken zu mir, ein Mädchen mit hochgesteckten Haaren, das an der Espressomaschine herumwerkelte. Hier sah nichts heruntergekommen aus. Alles war sauber geschrubbt, das Gebäck duftete, es war eben etwas altmodisch. Ich mochte so was. Der Laden, eine Mischung aus Café und Restaurant, war nicht vornehm, aber gepflegt und sehr einladend. Ich folgte dem Gang neben dem Tresen, der laut eines handgeschriebenen Schildes zum Garten führte. Hier standen Tische und Stühle aus hellgrünem Metall zwischen großen Holzkübeln, in denen Büsche, weiße Rosen und Hortensien blühten. Die Terrasse sah verwunschen aus, wie aus einer vergangenen Welt. Ich würde während der Arbeit sogar an der frischen Luft sein. Im Bedienen war ich schließlich durch die Arbeit in der Pizzeria schon ziemlich gut. Meine Mutter hatte von dem Job gar nichts gewusst. Sie wollte nichts davon hören, dass ich mehr Geld brauchte, als sie mir zuteilte, und war der Meinung, dass ich mich lieber auf die Schule konzentrieren sollte, die sie selbst so früh abgebrochen hatte, um für die Modelagentur ins Ausland zu gehen. Aber meine Noten blieben gut und sie hatte nie Verdacht geschöpft. In den Hamptons gab es bestimmt besseres Trinkgeld als in Ratingen. Der Job war perfekt. Es musste einfach klappen.

Ich ging zurück in den Innenraum und trat an den Holztresen. Dahinter stand das Mädchen und jetzt konnte ich es von vorn betrachten. Sie hatte einen geschwungen, schwarzen Lidstrich und ihre dunklen Haare waren kunstvoll auf dem Kopf zu einem großen Wespennest zusammengesteckt. Gerade verteilte sie Muffins auf einem geblümten Kuchenteller.

»Hi. Ich wollte zu Leo, um mich vorzustellen?«

»Für was willst du dich vorstellen?«, fragte sie barsch, sodass ich zurückwich. Sie mustere mich kritisch von oben bis unten. Ihre Lippen waren knallrot geschminkt.

»Äääh, ich wollte hier arbeiten? Für den Sommer? Im Café? Ich hatte angerufen?«, erwiderte ich und wusste auch nicht, warum jedes Wort wie eine Frage herauskam. Wieso ließ ich mich direkt so von ihr verunsichern?

Sie nickte mit zusammengekniffenen Augen und ihr Blick streifte mich noch einmal kühl und herablassend von oben bis unten. Unwillkürlich verschränkte ich die Arme vor meiner Brust. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ihr gefiel, was sie sah.

»Du willst mit Leo sprechen und er weiß, dass du kommst?«, hakte sie nach. Ich konnte das Gefühl nicht loswerden, dass sie nur darauf wartete, dass ich irgendeinen Fehler machte, damit sie mich wegschicken konnte.

Aber ich hatte gelernt, mich nicht so leicht abfertigen zu lassen. Schließlich hatte es in den letzten Jahren niemanden gegeben, der unangenehme Gespräche für mich geführt hätte. Im Gegenteil. Solche Gespräche hatte ich oft sogar für meine Mutter übernommen.

Ich nickte. Das Mädchen seufzte genervt und zuckte mit den Schultern, was wohl heißen sollte, dass ich ihr folgen sollte. Gehorsam trottete ich durch eine andere Tür hinter ihr her durch die Küche in eine Art Arbeitszimmer im hinteren Teil. Mit dem Rücken zu uns stand ein Mann in Shorts, aus denen gebräunte Beine ragten. Er las konzentriert irgendwelche Dokumente in seiner Hand. Auf der Fensterbank neben ihm lag ein zusammengerolltes Knäuel mit rot getigertem Fell. Eine schlafende Katze.

»Leo«, sagte das Mädchen. »Hier ist jemand, der dich sprechen will.« Sie wandte sich mir zu und sah mich fragend an.

»Emma?«, sagte ich zögernd.

Sie wiederholte meinen Namen. In dem Moment drehte sich der Mann um und ließ die Papiere in seiner Hand auf den Schreibtisch sinken. Seine Augen waren erst unfokussiert und abwesend, bis sie meine trafen. Ich sog scharf Luft ein. Innerhalb von Sekunden war mein Hals wie zugeschnürt und ich hatte das Gefühl, kein Wort hervorbringen zu können. Das durfte nicht wahr sein. Nein. Ich musste mich täuschen. Gab es vielleicht doch Doppelgänger?

Dann kam auch er in der Wirklichkeit an und ein Ausdruck des Erkennens erhellte sein Gesicht. Kein Doppelgänger also.

»Haben wir uns nicht schon getroffen?«, sagte er. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Ein selbstzufriedenes Lächeln, sogar ein kleines bisschen bösartig.

Es konnte einfach nicht wahr sein. Seine blauen Augen leuchteten dunkler als am Strand, die schwarzen Haare standen immer noch salzig von seinem Kopf ab. Er trug ein meerblaues T-Shirt, auf dem verblichen irgendeine Band zu sehen war, die ich nicht kannte. Es war der Typ, der hinter uns ein Nickerchen gehalten hatte – oder zumindest so getan hatte, als schliefe er. Mein Mund klappte auf und wieder zu.

»Wohl keinen Erfolg gehabt am Strand? Und jetzt suchst du dir lieber eine ehrliche Arbeit?«, witzelte er vergnügt.

Der Blick der Kellnerin mit den Amy-Winehouse-Haaren sprang von ihm zu mir und wieder zurück. Er nickte ihr zu. »Ich schaffe das schon.«

Sie lächelte verkrampft, zog sich aber ins Café zurück.

Ich wollte etwas antworten, aber kein Ton kam heraus, als ich dazu ansetzte. Schluckte noch einmal. »Wir hatten am Telefon gesprochen«, sagte ich endlich so normal, wie ich nur eben konnte. Ich spürte, wie alles Blut in mein Gesicht schoss. Erstaunlich, dass überhaupt noch Blut in meinen Füßen war, so stark wie mein Gesicht kribbelte. Es konnte eigentlich nichts mehr für den Rest meines Körpers übrig sein. Oh. Mein. Gott. Er hatte jedes Wort gehört. Jetzt musste er denken, dass ich ein völlig hirnbefreites, verzweifeltes Naivchen war.

»Ähh, ich komme zum Vorstellungsgespräch.«

»Meinst du denn, du hast Zeit für den Job? Was, wenn die A-Lister doch noch anrufen? Ich brauche schon jemanden, auf den ich mich hier verlassen kann«, sagte Leo. Er verschränkte die Arme vor der Brust und musterte mich ziemlich ungeniert. »Hast du denn schon mal gekellnert oder ist das eher so eine Art Abenteuerjob für dich? Mal sehen, wie die Arbeiterschicht so lebt?«

Er nutzte es wirklich aus, dass er die Oberhand hatte, weil er mich in einer unglaublich peinlichen Situation erlebt hatte. Aber so leicht würde ich mich nicht geschlagen geben. Ich wollte diesen Job. Unbedingt.

Ich schloss kurz die Augen, atmete tief durch und fragte: »Was möchtest du trinken?«

Eine Falte erschien auf Leos’ Stirn, waagrecht. Er legte fragend den Kopf schief, ließ mich dabei aber nicht aus den Augen wie ein Tiger, bevor er zum Angriff überging.

»E

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