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Café Engel – Eine neue Zeit

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. VORHER
    1. HILDE
    2. LUISA
  7. 1945
    1. HILDE
    2. JULIA
    3. HEINZ
    4. HILDE
    5. LUISA
    6. HILDE
    7. HEINZ
    8. HILDE
    9. LUISA
    10. JULIA
    11. JEAN-JACQUES
    12. HEINZ
    13. HILDE
    14. LUISA
    15. JULIA
    16. HILDE
    17. LUISA
    18. HEINZ
    19. JEAN-JACQUES
    20. HILDE
    21. JULIA
    22. LUISA
    23. JEAN-JACQUES
    24. HILDE
    25. LUISA
    26. HEINZ
    27. HILDE
    28. JEAN-JACQUES
    29. LUISA
    30. HEINZ
    31. JEAN-JACQUES
    32. LUISA
    33. HILDE
    34. LUISA
    35. HILDE
    36. JEAN-JACQUES
    37. HEINZ

Über das Buch

Wiesbaden, 1945. Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende, und das Café Engel – einst Treffpunkt schillernder Persönlichkeiten – blieb wie durch ein Wunder verschont. Als Hilde Koch und ihre Mutter Else das Café wiedereröffnen, trüben schon bald erste Konflikte den jungen Frieden. Durch die Ankunft der schönen Luise, die sich als geflüchtete Cousine aus Ostpreußen vorstellt, fühlt Hilde sich zurückgesetzt. Zwischen den ungleichen Cousinen wächst eine Rivalität, die die Atmosphäre im Café zu vergiften droht. Bis beide Frauen begreifen, dass sie etwas gemeinsam haben: ein Geheimnis aus Kriegszeiten, das sie bis heute fürchten …

Über die Autorin

Marie Lamballe studierte Französisch und Russisch auf Lehramt, wurde dann aber durch absoluten Einstellungsstopp vor einer Karriere als Gymnasiallehrerin bewahrt.

Stattdessen widmete sie sich ihrem Mann und den beiden Kindern und begann zu schreiben. Zuerst ganz vorsichtig für die Schublade, später kleine Geschichten für Literaturzeitschriften, und schließlich gelangten die ersten Bücher zur Veröffentlichung. Inzwischen ist das Schreiben ihr Beruf geworden, der zwar viel Zeit und Selbstmanagement verlangt, aber auch hin und wieder einen ungewöhnlichen Arbeitsplatz zulässt: Ihre Ideen kann Marie Lamballe am besten in ihrem Lieblingscafé entwickeln. Sie lebt in einem kleinen Ort in der Nähe von Frankfurt.

MARIE LAMBALLE

Café Engel

Eine neue Zeit

ROMAN

VORHER

~

HILDE

Wiesbaden, 22. März 1935

Ganz sacht meldet sich der Frühling in der Stadt. Gelbe und violette Krokusse leuchten in den Wiesen des Kurparks, Narzissen strecken ihre lindgrünen Blättchen aus dem Boden. Jetzt, um die Mittagszeit, ist kaum Verkehr auf der breiten Wilhelmstraße, Spaziergänger schlendern an den Läden vorbei, einige Unerschrockene sitzen schon an den Tischen der Straßencafés und genießen den Vorfrühling bei einem Tässchen Kaffee.

»Kommste noch mit?«, fragt die zwölfjährige Hilde ihre Freundin.

Gisela bleibt stehen und zieht die Riemen des schweren Schulranzens nach vorn, weil sie ihr in die Schultern einschneiden. Einen Moment lang überlegt sie, dann schüttelt sie bekümmert den Kopf. »Nee, heute besser nicht. Mama will mit mir zur Schneiderin, ich krieg zwei neue Kleider genäht.«

»Hast du es gut«, seufzt Hilde. »Deine Mama hat immer Zeit für dich.«

»Phhh«, gibt Gisela mürrisch zurück. »Wir können gern tauschen. Du gehst mit meiner Mama zur Schneiderin, und ich setze mich zu deiner Mama ins Café Engel.«

Das will Hilde allerdings auch nicht. Erstens ist Giselas Mama ziemlich streng. Und zweitens würde Hilde das Café Engel gegen nichts und niemanden in der Welt eintauschen.

»Dann bis morgen …«, sagt sie zu Gisela.

»Bis morgen … Kann ich die Rechenaufgaben morgen früh wieder von dir abschreiben?«

»Meinetwegen …«

Gisela winkt und läuft davon in Richtung Webergasse. Ihre blaue Jacke, die sie ausgezogen und über den Ranzen gehängt hat, bläht sich im Wind wie ein Segel. Hilde wendet sich zum elterlichen Café, wo über dem Eingang ein pausbäckiger Engel aus goldfarbenem Blech baumelt, eine Kaffeekanne in den Händen. Auch hier sitzen schon einige wenige Gäste an den Tischen, die Finchen draußen auf dem Trottoir aufgestellt hat.

»Ja, die Hilde …«, ruft eine dicke Frau im Pelz. »Na, ist die Schule schon aus?«

Das ist die Frau Knauss, die hat ziemlich viel Geld, sagt Mama, und Hilde ist angewiesen, sehr höflich zu sein. Auch wenn sie blöde Fragen stellt, wie jetzt zum Beispiel.

»Ja, gnädige Frau«, sagt sie und macht einen angedeuteten Knicks.

Frau Knauss lächelt gönnerhaft und meint zu ihrer Freundin Ida, die mit kältestarrer Miene ihre Tasse umklammert, dass die Kinder heutzutage doch kaum noch etwas lernen würden. Die Freundin nickt. Auch der junge Mann, der mit am Tisch sitzt, bestätigt diese Meinung.

»Haben Sie noch einen Wunsch?«, fragt Hilde. Es klingt genauso, wie Finchen, die Bedienung, es immer sagt. Hilde würde wahnsinnig gern im Café servieren, aber leider darf sie das nicht.

»Drei Kaffee-Cognac …«, bestellt Frau Knauss und fügt hinzu, dass Hilde ein tüchtiges Mädel sei.

Das findet die blonde Hilde auch. Sie nimmt den Schulranzen ab, bevor sie durch die Drehtür ins Café hineingeht. Das ist wichtig, weil sie schon einmal mit dem Ranzen in der Tür stecken geblieben ist. Auch drinnen wird sie von einigen Gästen begrüßt, das Café Engel hat viele Stammgäste. Manche kommen schon am Vormittag, trinken Kaffee oder auch ein Weinchen und lesen die Zeitung.

Hilde grüßt zurück und geht zu der gläsernen Kuchentheke, wo Finchen, die Serviererin, gerade zwei Stücke Schokosahne auf Teller legt.

»Drei Kaffee-Cognac nach draußen«, gibt Hilde die Bestellung routiniert weiter. Dann setzt sie sich an den kleinen Tisch gleich neben der Theke und stellt den Schulranzen so, dass man ihn nicht sehen kann. Eigentlich darf sie ihre Hausaufgaben nicht hier unten im Café machen, weil Mama der Meinung ist, hier sei es zu laut und Hilde könne sich nicht konzentrieren. Aber das stimmt nicht. Hilde ist der festen Meinung, dass das Café Engel der beste Ort in der Welt ist, um Hausaufgaben zu machen. Bei dem leisen Geklapper des Geschirrs, dem Klirren der Löffelchen und Kuchengabeln, dem Reden, Murmeln und Lachen der Gäste fühlt sie sich unendlich wohl und zu Hause. Und erst die Gerüche, die das Café erfüllen! Der frisch aufgebrühte Bohnenkaffee, der Geruch nach Vanille, Bittermandel und Schokolade, der Hauch von Kirschwasser oder Cognac, ja, sogar der Zigarrenrauch und die Zeitungen … das alles mischt sich zu jenem wundervollen, lebendigen Duft, der das Café Engel ausmacht.

Hilde zieht ihr Rechenheft aus dem Ranzen und sucht den Bleistift hervor. Hier an diesem Tisch schützen sie die vielen Torten in der Kuchentheke vor Mamas Blicken, und Papa achtet nicht auf sie, weil jetzt die Opernsänger von der Probe kommen. Die Schauspieler und Musiker vom Theater gehen immer nur ins Café Engel, sie sind alle Papas Freunde und fühlen sich hier wohl.

Hilde wirft die blonden Zöpfe über die Schulter, damit sie nicht stören, und rechnet eifrig drauflos. Bei schwierigen Aufgaben schaut sie hinauf zur weißen Stuckdecke, folgt den verschlungenen Ornamenten und hat dann sofort die Lösung gefunden. Im Rechnen ist sie Klassenbeste, da ist keine so flott wie die Hilde Koch. Nur mit den Aufsätzen quält sie sich ziemlich herum, da muss sie sich manchmal Hilfe holen.

»Na, Hilde? Weiß das auch die Mama, dass du hier sitzt?«

Finchen, die Serviererin, läuft mit dem vollgepackten Tablett an ihr vorbei. Dreimal Schwarzwälder Kirsch, zweimal Käse-Sahne – das ist garantiert für die Schauspieler, die schlagen sich immer die Bäuche voll. Die Opernsänger essen am Nachmittag kaum etwas, damit sie abends gut bei Stimme sind. Dafür kommen sie nach der Aufführung ins Café Engel und vertilgen Kartoffelsalat, Senf-Eier und Lachsschnittchen und solche leckeren Sachen. Aber um diese Zeit muss Hilde leider ins Bett. Sie schaut nur immer am Nachmittag zu, wenn die Marlene in der Küche wirbelt. Die Marlene ist die Kaltmamsell und Hildes besondere Freundin, weil sie bei ihr immer probieren darf.

»Du bist die Vorkosterin«, sagt Marlene immer. »Du musst von allem ein bisschen essen, sonst kann ich es nicht rausgeben.«

Sie ist klein und dünn, die Marlene, und sie hat grünliche Augen. Wenn sie arbeitet, trägt sie immer ein Tuch um die Haare gewickelt. Sie hat Hilde gezeigt, wie man Senf-Eier zubereitet und wie man den Räucherlachs schneidet. Mit einem scharfen Messer, schräg und ganz fein …

»Sie macht das sehr geschickt«, hat Marlene zu Mama gesagt.

»Hauptsache, sie stört dich nicht bei der Arbeit«, hat Mama geantwortet.

Mama weiß es noch nicht – aber Hilde ist fest entschlossen, eines Tages die Chefin des Café Engel zu werden. Das hat sie mit Papa schon abgesprochen, und der hat gesagt, er sei einverstanden.

»In zehn Jahren«, hat er gemeint. »Dann bist du volljährig, mein Mädchen. Dann kannst du den Laden übernehmen.«

Wobei man bei Papa nie sicher sein kann, dass er nicht morgen etwas anderes sagt. Papa ist der liebste Papa der Welt. Aber was Mama sagt, das wird gemacht. So ist das im Café Engel. Und oben in der Wohnung ist es genauso.

Jetzt wird es eng, weil Mama plötzlich im Gastraum auftaucht und sich umschaut. Verflixt. Hat Finchen etwa gepetzt? Oh, wie gemein von ihr! Marlene hätte das nie getan …

Aber Mama kümmert sich gar nicht um Hilde, sie geht hinüber zum Fenstertisch, wo Papa mit den Opernleuten sitzt.

»Heinz, bist du so lieb … ich brauch dich mal«, ruft sie und lächelt den Gästen entschuldigend zu.

Papa ist gut erzogen, er steht gleich auf, und dann reden die Eltern leise miteinander, ganz dicht bei der Kuchentheke.

»Das kann ich nicht, Else. Schon gar nicht den Max Pallenberg, der letztes Jahr so unglückselig ums Leben gekommen ist …«

Hilde spitzt die Ohren. Den Sänger und Schauspieler Max Pallenberg kennt sie von dem Foto, das drüben im Nebenraum hängt. Mit Unterschrift natürlich. Das Café Engel ist voll von solchen Fotos, sie hängen überall an den Wänden, die meisten in Glasrahmen, manche auch auf Pappe aufgeklebt. Viele sind schon ganz vergilbt, aber Papa ist sehr stolz auf die Fotos, und er sagt immer, sie seien der größte Schatz des Café Engel.

»Den Pallenberg kannst du ja hängen lassen«, flüstert Mama. »Aber der Kortner muss weg. Und der Klaus Mann auch. Der zuerst.«

»Das ist feiger Opportunismus, Else. Was sollen meine Freunde von mir denken?«

»Das ist Lebensklugheit, Heinz! Er ist drüben in der Kochbrunnenhalle. Mit der ganzen Gefolgschaft. Einen Katzensprung von uns entfernt.«

»Er ist ein kunstsinniger Mensch, Else. Und er liebt das Theater …«

Hilde hört Mama leise lachen. Es klingt nicht fröhlich. Eher bitter. »Wo lebst du? Im Traumland? Wenn er tatsächlich hierher kommt und jüdische Künstler auf unseren Fotos sieht, dann wird er einen Wutanfall bekommen, und das Café Engel wird geschlossen. So schaut es aus.«

»Ach, Else …«

»Ich hänge jetzt erst mal den Gründgens über den Kortner. Und über den Klaus Mann kommt der Richard Strauss. Und der August Bebel, der kommt ganz weg.«

Papa fügt sich kopfschüttelnd. Das war vorauszusehen. »Den Bebel kann ich verschmerzen, Else. Aber die anderen … Es ist eine Schande!«

»Lass mich nur machen, Heinz.«

Mama streichelt dem Papa über die Wange, und er tut noch einen langen Seufzer, bevor er sich wieder zu den Opernsängern setzt. Mamas Augen gleiten über die Wände von Foto zu Foto, dann bleiben sie an Hilde hängen, die stocksteif an ihrem Tisch sitzt und so tut, als sei sie nicht da.

»Was machst du denn hier, Hilde? Hab ich nicht gesagt, die Schularbeiten werden oben in der Wohnung erledigt?«

Ablenkung ist die beste Verteidigung.

»Wer ist drüben in der Kochbrunnenhalle, Mama?«

Mama schnauft, Hilde merkt, dass sie nur ungern antwortet.

»Der Führer. Adolf Hitler. Er besucht Wiesbaden.«

Ach ja – jetzt fällt es Hilde wieder ein. Sie haben in der Schule darüber gesprochen. Es sei eine große Ehre für die Stadt, hat Herr Kimpel, der Klassenlehrer, gesagt.

»Und er kommt hierher? Zu uns?« Hilde ist ganz aufgeregt. Wenn sie das morgen in der Klasse erzählt, dass der Führer im Café Engel war … die werden staunen!

»Das ist nicht sicher … Aber es könnte sein … Wo sind die Buben eigentlich? Der August soll draußen kehren …«

Hilde hebt die Schultern, was so viel bedeutet wie: keine Ahnung. Und tatsächlich kann sie nicht wissen, wo sich Willi und August gerade jetzt in diesem Augenblick aufhalten. Weil sie nämlich mit den Fahrrädern unterwegs sind. Rüber nach Biebrich auf das Grundstück vom Rupert Knauss, da ist ein Teich mit Kaulquappen und Wasserflöhen. Weil der August doch ein Aquarium hat.

Zum Glück lässt Mama sie nun in Ruhe und wendet sich den Fotos an den Wänden zu. Sehr schlau macht sie das. Tut so, als müsste sie die Bilder saubermachen, trägt gleich mehrere davon, bringt aber nicht alle zurück. Während Hilde noch überlegt, was Mama wohl mit den leeren Stellen an der Wand anfangen wird, hört sie den Axel Imhoff drüben am Sängertisch begeistert ausrufen:

»Ich hab’s gewusst! Das ist der glücklichste Tag meines Lebens! Den Radames vor dem Führer zu singen … Mein Gott! Ich glaub es kaum …«

Aha, denkt Hilde. Wenn der Adolf Hitler heute Abend in die Oper geht, dann kommt er ganz bestimmt hierher. Ist doch gleich gegenüber. Sie linst zu den Opernsängern, die jetzt auf einmal ganz aufgeregt sind. Es gibt Aida heute Abend. Von Verdi. Hilde kennt sich aus mit Opern, weil sie von klein auf im Café Engel zwischen den Theaterleuten herumgelaufen ist. Der Addi Dobscher singt auch mit, aber nicht den Radames, weil er kein Tenor, sondern ein Bariton ist. Der Addi ist so ein großer, das Haar schon ein bisschen grau, und er spricht immer wie aus einem Bierfass heraus. Aber er ist richtig nett, und außerdem wohnt er oben im Haus.

»Ob der im Theater hockt oder nicht«, sagt er jetzt laut, »das ist mir doch egal.«

»Sag das nicht, Addi«, wendet Sofia Künzel ein. »Der Goebbels ist bei ihm. Da kommste vielleicht noch zum Film nach Babelsberg …« Sie lacht laut und freut sich über Addis abwehrende Geste.

»Aber auch nur, wenn ich zart, blond und ein Mädel wär …«, meint Addi grinsend.

Die Sofia Künzel singt heute Abend auch. Sie ist die Aida – obgleich sie eigentlich zu alt dafür ist. Und auch zu dick. Aber wenn sie auf der Bühne steht und singt, denkt man, sie sei ganz jung. Hilde war schon ein paarmal mit in der Oper, weil sie doch immer Freikarten kriegen. Prächtig ist es da, alles glänzt in Gold mit rotem Samt. Papa hat ihr erklärt, dass früher der Kaiser in der Mittelloge gesessen hat. Aber bei den Meistersingern ist Hilde eingeschlafen, weil die Musik gar nicht mehr aufhören wollte.

»Ich verstehe euch nicht«, regt sich Axel Imhoff auf. »Es geht doch um die Ehre. Vor dem Führer singen zu dürfen ist …«

Jetzt kommen der Korrepetitor Alois Gimpel und der Zeitungsschreiber Hans Reblinger durch die Drehtür ins Café. Sie begrüßen die Sänger und ziehen die Mäntel aus, tätscheln Finchen die rundlichen Hüften und bestellen Kaffee.

»Nur die Ruhe. Er ist schon wieder im Hotel Rose. Will sich ausruhen und für den Abend umkleiden, heißt es. Aber der Hotelboy hat gesagt, er telefoniert die ganze Zeit …«

Dann kommt er wohl doch nicht hierher, denkt Hilde enttäuscht. Sie schielt an der Schoko-Sahne-Torte vorbei in die Küche hinein und stellt fest, dass die Marlene schon da ist. Verflixt. Und sie muss noch diesen blöden Aufsatz schreiben. »Warum ich meine Heimatstadt liebe …« Was soll ein normaler Mensch sich da ausdenken? Weil Wiesbaden schön ist. Aber Frankfurt ist auch schön. Und wenn sie mit dem Auto einen Ausflug in den Taunus machen – da ist es auch schön …

Suchend schaut sie sich im Café um. Der Hans Reblinger fällt aus, der schwatzt angeregt mit dem Tenor Axel Imhoff, dem Radames von heute Abend. Hinten in einer Ecke sitzt das Fräulein Wemhöner ganz allein bei Tee und Obstkuchen. Die ist Theaterschneiderin und näht die Kostüme; sie wohnt auch oben im Haus. Obgleich sie rotes Haar hat, ist sie bildschön, findet Hilde. So zierlich. Und mit so geheimnisvollen Augen. Papa hat mal gesagt, das Fräulein Wemhöner hätte es faustdick hinter den Ohren. Hilde überlegt kurz, ob sie sie um Hilfe bitten soll, aber dann tut sie es doch nicht, weil die Wemhöner bestimmt gleich zusammen mit den Sängern hinüber ins Theater geht. Besser, sie versucht es bei Eddi Graff. Der ist Schauspieler und sitzt am Nebentisch mit einer Zeitung vor der Nase.

Noch ein schneller Blick in den Nebenraum, wo Mama Fotos umhängt, dann schnell das Heft aus dem Schulranzen geholt und rüber zum Eddi Graff. Der muss es wohl geahnt haben, denn noch bevor sie an seinem Tisch ist, lässt er die Zeitung sinken.

»Na, Hilde?«, sagt er schmunzelnd. »Wieder mal so ein dummer Aufsatz?«

»Ja. Und dieses Mal noch dümmer als sonst …«

»Dann setz dich mal zu mir …«

Der Eddi Graff ist schon alt, fast fünfzig, aber alle Frauen in Wiesbaden schwärmen für ihn. Wegen seiner grauen Schläfen, heißt es. Und weil er auf der Bühne immer solche aufregenden Männer spielt. Hilde findet, dass Eddi Graff eigentlich ganz normal aussieht, und wenn er nicht Theater spielt, ist er ziemlich unauffällig.

Er braucht eine Brille, um die Überschrift in ihrem Schulheft lesen zu können.

»Warum ich meine Heimatstadt liebe …«, liest er vor und hält einen Moment nachdenklich inne.

»Was kann man da denn schreiben?«, fragt sie mit tiefem Seufzer.

»Tja …«, sagt er und lächelt. »Denk dir mal einen schönen Sommertag. Schulfrei. Was würdest du da machen?«

»Schwimmen gehen. Unten am Rheinufer. Oder Zelt bauen im Garten. Oder Boot fahren im Kurpark …«

Richtig. Jetzt kommt sie auf Ideen. Bonbons und Lutscher kaufen. Mit den Freundinnen durch die Altstadt strolchen. Mit den Fahrrädern an den Rhein … Die Weinberge … das Biebricher Schloss. Ach ja – der Kurpark mit dem großen Teich. Und natürlich die Wilhelmstraße mit den Platanen. Und das Café Engel. Das sowieso. Das ist überhaupt das Wichtigste an Wiesbaden.

Er hilft ihr ein wenig, ihre Gedanken zu sortieren, dann flutscht es. Eine Seite vollgeschrieben, dann noch eine halbe. Hilde entscheidet, dass es genug ist. Wenn man viel schreibt, macht man nur viele Fehler.

»Danke«, sagt sie zu Eddi Graff und strahlt ihn an. »Das war sehr nett von Ihnen. Jetzt weiß ich, dass ich meine Heimatstadt liebe. Und warum.«

»Ja«, sagt er. »Glücklich sind jene, die hier zu Hause sind.«

Er lächelt irgendwie traurig und lehnt sich im Stuhl zurück. Drüben am Fenstertisch stehen die Sänger jetzt auf und ziehen ihre Mäntel an, um hinüber ins Theater zu gehen. Addi Dobscher hilft Julia Wemhöner in den Mantel, Papa legt Sofia Künzel den pelzbesetzten Umhang um und spuckt ihr über die linke Schulter. »Toi, toi, toi …«

Hilde nutzt die Lage, um das Aufsatzheft rasch in den Schulranzen zu stopfen. In der Küche steht die Marlene und tuschelt mit Finchen. Ganz aufgeregt sind sie, merken kaum, dass Hilde in die Küche kommt.

»Hat er mir gestern gesagt«, flüstert Marlene. »Er hat schon die Schiffskarten. Übermorgen reist er über den großen Teich. Nach New York …«

»Wer?«, fragt Hilde.

»Na, der Eddi Graff. Wollte die Wemhöner mitnehmen, aber die will nicht … raus aus Deutschland.«

Hilde begreift nichts. Wieso raus aus Deutschland? Eben hat er noch gesagt, dass er glücklich ist, hier zu Hause zu sein.

»Weil die doch Juden sind«, erklärt Finchen. »Die Juden sind unser Unglück.«

»Erzähl dem Kind nicht solche Sachen!«, schimpft Marlene.

LUISA

Gutshof Tiplitz bei Marienburg, Ostpreußen. April 1938

In diesem Jahr stehen große Veränderungen bevor – das hat die Großmutter an Silvester beim Bleigießen gesagt und dann mit starrer Miene ins Kaminfeuer geblickt. Luisa mag die Großmutter nicht leiden, was auf Gegenseitigkeit beruht; dennoch glaubt sie, dass die Prophezeiung richtig sein könnte. Es ist der Himmel. Nie zuvor ist Luisa aufgefallen, wie großartig das Spiel der Wolken am weiten Himmel ist, wie schön die wechselnden Farben und Formen, wie rasch die sich wandelnden Wolkenbilder vorüberfliegen. Als Joschka ihnen heute früh geholfen hat, die Pferde zu satteln, schien der Himmel von grau meliertem Marmor bedeckt: eine dichte, krümelige Masse, die nach Osten hin rötlich glühte.

»Wie die Lava, die der große Vesuv ausgespien hat«, bemerkt Oskar, der in den Ferien für das Gymnasium in Danzig lernen muss, weil seine Versetzung gefährdet ist. »Damit hat der Vulkan die Stadt Pompeja zugedeckt und alle Menschen, die dort lebten, sind erstickt und verbrannt …«

Er nickt Luisa bedeutungsvoll zu und steigt auf. Die Stute Leni geht ein paar Schritte rückwärts und macht Anstalten zu steigen, Oskar bekommt sie jedoch sofort in den Griff. Der Siebzehnjährige reitet ebenso wie sein älterer Bruder Jobst seit der frühesten Kindheit, und auch die vierzehnjährige Luisa hat schon mit vier Jahren auf dem Rücken eines Trakehners gesessen. Die edlen Tiere werden auf Gut Tiplitz seit vielen Jahren gezüchtet und – wie Papa ihr gesagt hat – in alle Welt verkauft. Papa reitet niemals aus, er fährt höchstens einmal in der Kutsche, und auch das nur bei gutem Wetter. Dafür führt er die Bücher für die Großmutter. Wenn man ihn sucht, findet man Papa fast immer in der Bibliothek.

»Pompeji heißt das, nicht Pompeja«, bemerkt Jobst kopfschüttelnd. »Junge, Junge – erzähl bei der Nachprüfung bloß nicht solchen Quatsch!«

Oskars Miene verdüstert sich – er ist ehrgeizig und leidet darunter, dass er ein schlechtes Gedächtnis hat. Das Abitur ist Ehrensache für einen von Kamm, danach die Offizierslaufbahn. Vor allem aber hat er mit seinem historischen Wissen Cousine Luisa imponieren wollen. Und da muss Jobst ihn mit seiner pingeligen Art blamieren.

»Solche Lappalien sind doch nicht wichtig …«, knurrt er.

»Hast du eine Ahnung, Kleiner …«

Inzwischen ist auch Luisa aufgestiegen und hat sich im Sattel zurechtgesetzt. Die hübsche braune Flavia tänzelt auf der Stelle; einen plumpen Annäherungsversuch von Wallach Balduin wehrt sie mit zornigem Schnauben ab.

Jobst nimmt sein Reittier energisch zurück. »Du bist ein Wallach, mein Guter«, meint er schmunzelnd. »Vergiss das nicht.«

Luisa reitet an der Spitze der kleinen Gruppe, die beiden jungen Männer folgen ihr in kurzem Abstand. Der Gutshof ist als dreiflügelige Anlage erbaut, in deren Mitte das imposante Backsteingebäude des alten Herrenhauses steht. Davor hat man eine sanfte, gut gepflegte Rasenfläche mit weißen Bänken, Statuen und Blumenbeeten angelegt, auf der die Damen des Hauses mit Gästen flanieren können. Rechts erstrecken sich die Pferdeställe, den linken Flügel bilden zwei Remisen für die Kutschen und Automobile der Gutsherrin, dahinter liegen die Häuser der Angestellten.

Man reitet den breiten Sandweg längs der Rasenfläche entlang, der vorn an der Mauer links abbiegt und zum Tor führt. Schweigend besehen die jungen Leute den unsteten Morgenhimmel, den jetzt die Sonne im Osten aufreißt wie einen mürben, dunklen Vorhang. Es ist überwältigend schön, dieses wilde Schauspiel dort oben in den Wolken, zugleich aber auch erschreckend, denn es sieht aus, als hätte jemand einen Spalt in die Himmelskuppel geschlagen, aus dem nun das Licht mit gleißender Strahlkraft austritt.

»Pompös, wie?«, bemerkt Jobst.

Luisa stimmt ihm zu. Während sie zum Tor hinausreiten und den Weg zum See nehmen, schwindet das großartige Himmelswunder, und das Morgenlicht nimmt das gesamte Firmament ein. Die Landschaft darunter ist überwiegend flach. Weite Ackerflächen breiten sich aus, vom ersten, lindgrünen Flaum des Frühlings überzogen, tiefgrüne Wiesen, denen die Feuchtigkeit bald zu kräftigem Wachstum verhelfen wird. Weiter hinten dunkle Wälder, Buchen, Eichen und Fichten herrschen vor, dort wird im Herbst wieder die Treibjagd stattfinden.

Luisa reitet immer noch voraus, treibt die Stute an und lässt sie ein Stück galoppieren. Sie spürt die Blicke der Cousins im Rücken, ein prickelndes, neues Gefühl. Im Januar ist sie vierzehn geworden. Ihr Körper hat sich innerhalb weniger Wochen verändert, sie hat jetzt kleine, spitze Brüste und eine schmale Taille. Auch die Monatsblutung, die die Mutter ihr seit Jahren prophezeit, hat sich endlich eingestellt, und so sehr die Mutter darüber seufzt, ist Luisa stolz darauf, jetzt eine richtige Frau zu sein. Es ist angenehm, von Oskar und Jobst, die die Osterferien auf dem Gutshof verbringen, mit neuem, respektvollem Interesse gesehen zu werden. Haben sie die »Kleine« früher gern gehänselt, manchmal auch boshafte Späße mit ihr getrieben, so spürt Luisa nun, dass sie Macht über die beiden hat. Sie ist keine, die eine solche Macht missbraucht, aber es ist gut, sie zu besitzen und zu erproben. Zum heutigen Morgenritt hat sie das lange schwarze Haar nicht unter die Mütze gesteckt, sondern offen gelassen. Wie eine seidige Trauerfahne weht es im Wind. Wenn es gar zu heftig emporgewirbelt wird, fasst sie den Haarschmuck rasch mit beiden Händen und dreht ihn zusammen. Wohl wissend, dass der Wind in wenigen Minuten aufs Neue sein Spiel damit treiben wird.

Trotz des beginnenden Frühlings ist es noch kalt. Vor ihren Mündern und vor den Nüstern der Pferde wehen weiße Nebel, in tieferen Ackerfurchen sieht man noch die glitzernden Frostgespinste. Es ist erst April, da kann es passieren, dass das Land innerhalb weniger Stunden noch einmal im Schnee versinkt. Wie zum Trotz blühen am Waldboden zahllose Buschwindröschen, eine flaumige weiße Frühlingswolke, die sich zur Erde gesenkt hat. Die kleinen Blüten müssen sich beeilen, denn sobald die Bäume im vollen Laub stehen, fehlt ihnen am Waldboden das Licht.

Als sie schon den Fluss Nogat sehen können, hält Lusia die Stute an und sieht sich nach den beiden jungen Männern um.

»Du bist ja ganz hübsch losgeprescht, Lieschen …«, meint Oskar grinsend. »Der dicke Balduin ist schon müde, was Jobst?«

Jobst zügelt sein Reittier und wirkt ein bisschen ärgerlich. Tatsächlich hat Joschka den Wallach den Winter über fett gefüttert, was ihm nicht gut bekommen ist, denn Balduin hat Mühe, mit seinen Töchtern Leni und Flavia mitzuhalten.

»Da, schau!«, ruft Jobst, um von seinem müden Pferd abzulenken. »Sie schneiden Eisschollen am Fluss. Wie anstrengend das ist. Die kommen richtig ins Schwitzen dabei …«

Der Winter ist hart gewesen, hat Flüssen und Seen eine dicke Eisschicht verpasst. Wenn es im Frühjahr zu tauen beginnt, treibt der Wind das Eis oft gegen die Ufer, wo es sich zu weißlichen Schollenbergen auftürmt, während das Wasser in kalten Nächten erneut zufriert. Die Leute in den Dörfern rücken den Eisschollen mit Sägen und Äxten zu Leibe, schneiden sie in Brocken und bringen sie in Erdlagerstätten, wo sie sich monatelang halten. Eis für die Kühlschränke der Städter ist im Sommer ein gutes Geschäft. Das Leben ist karg hierzulande, die Winter sind lang und frostig, die Zeit für Saat und Ernte ist kurz. Vor allem die Dörfler haben es nicht leicht, darum nehmen sie jede Gelegenheit wahr, sich ein kleines Zubrot zu verdienen.

Eine Weile schauen die drei jungen Leute den Eisschneidern bei der Arbeit zu, schützen die Augen mit den Händen vor der Sonne, die jetzt den taubengrauen Morgenhimmel erobert hat. Weißliche Wolkenbilder schweben über dem Land, streifen Wiesen und Äcker mit ihren Schatten und bringen immer neue, wundersame Formen hervor. Auf den Wiesen am Flussufer haben sich Wasservögel versammelt: Höckerschwäne, Enten und Gänse. Daneben eine Kolonie Weißstörche, die auf der Reise gen Norden hier Rast macht. Bald werden auch die Kraniche über das Land ziehen. Luisa liebt ihr lautes Geschrei, oft ist sie am Morgen davon erwacht und zum Fenster gelaufen, um sie am Himmel vorüberfliegen zu sehen. Sie fliegen in einer zackenförmigen Formation, ein Pfeil aus flügelschlagenden Wesen, die einem fernen Ziel zustreben, das ihr Instinkt ihnen vorgibt. Schon als kleines Mädchen hat Luisa bei diesem Anblick den Wunsch verspürt, sich der Reise anzuschließen, ganz gleich, wohin sie führt und wie es ihr unterwegs ergehen würde.

»Reiten wir bis zum Flussufer?«, fragt sie ihre Begleiter.

»Meinetwegen«, meint Jobst, der als der Älteste meist die Route des gemeinsamen Morgenrittes bestimmt. »Und dann am Waldrand entlang zurück.«

Man kann von hier aus die trutzige Form der Marienburg sehen, ein rötlicher Backsteinbau, von der Morgensonne freundlich beleuchtet. Einst als Festung des Deutschen Ordens gegen die anstürmenden Heiden erbaut, thront sie jetzt als Bollwerk Ostpreußens gegen die Feinde im Osten. Polen, Tschechen und Russen. So hat Papa es Luisa erklärt. Fast alles, was sie über Geschichte und Geografie weiß, verdankt sie ihrem Vater. Er hat ihr seinerzeit auch das Lesen und Schreiben beigebracht, sie Rechnen gelehrt und ihr bald darauf Bücher gegeben, die sie lesen sollte. Die Großmutter hat oft geschimpft, dass der »arme Johannes« so viel Zeit und Kraft in solch eine überflüssige Sache investiert, denn Papa ist oft krank und muss sich schonen. Dann sitzt er im Lehnsessel, eine Wolldecke über den Knien, oder er muss gar im Bett liegen. Luisa ist es zu diesen Zeiten verboten, ihren Papa zu belästigen. Mehrfach hat sie sich heimlich zu ihm geschlichen, hat nur ganz still bei ihm gesessen, als müsste sie über ihn wachen. Einmal hat die Großmutter sie dabei erwischt und zur Strafe einen ganzen Tag lang in den gekachelten Raum im Keller gesperrt, dort, wo man im Herbst dem Wild das Fell über die Ohren zieht und die Tiere ausweidet. Die Großmutter ist kein guter Mensch. Sie liebt nur ihren Sohn Johannes, und vielleicht noch Oskar und Jobst, die Enkelsöhne. Ihre eigene Tochter, Tante Ingrid, erfährt von ihr nur Strenge, Luisas Mama behandelt sie wie eine Angestellte. Nein, die Großmutter ist eine böse Frau. Es ist sicher, dass sie einmal in der Hölle für ihre Sünden büßen muss.

Sie kommen nicht ganz bis zum Flussufer, weil auf dem Weg tiefe Schlammpfützen stehen, von dünnem Eis überzogen. Bevor sie die Pferde wenden, schauen sie noch einmal zur Marienburg hinüber. Eine rote Hakenkreuzfahne weht über einem Giebel.

»Die Burg des deutschen Jungvolks«, sagt Jobst mit spöttischer Betonung. »Wie lächerlich!«

»Warum?«, will Luisa wissen.

Noch vor einem Jahr hätte sie von Jobst auf solche Fragen höchstens einen dummen Scherz zur Antwort erhalten. Jetzt ist es anders. Jetzt nimmt er sie ernst.

»Weil es Plebs ist«, erklärt er und schnaubt verächtlich. »Krethi und Plethi, ungebildetes Volk. Genau wie beim Militär. Man glaubt nicht, wer heutzutage in der Wehrmacht Offizier werden kann. Jeder Prolet – wenn er nur die ›rechte Gesinnung‹ hat.«

Er spuckt zur Seite aus und wendet den Wallach, um auf dem Rückweg vorauszureiten. Oskar folgt ihm, Luisa bildet jetzt das Schlusslicht. Sie ist nachdenklich, versucht zu verstehen, was Jobst so erbittert. Es geht wohl wieder einmal um die Nationalsozialisten, die Nazis, wie die Großmutter voller Verachtung zu sagen pflegt. Sie sind in der Familie nicht gut angesehen. Soweit Luisa begriffen hat, liegt es daran, dass die Nazis keine Adeligen sind. Die Großmutter und alle ihre Freunde und Verwandten stammen aus dem Adel, man ist sehr stolz auf die Vorfahren, auf hochrangige Offiziere, die in irgendwelchen Schlachten für das Vaterland ihr Leben gegeben haben. Adelige halten zusammen, man heiratet untereinander, und die Söhne werden entweder Offiziere oder sie übernehmen den elterlichen Gutshof. Manchmal auch beides zugleich.

Unter dem Kaiser – so sagt die Großmutter oft – habe der Adel noch etwas gegolten. Luisa hat ihren Papa gefragt, was die Großmutter damit meint, und die Antwort erhalten, dass zur Zeit des Kaiserreichs die hohen Staatsämter fast nur an Angehörige des Adelsstands verliehen worden sind. Und auch die Offiziere, vom General bis hinunter zum Leutnant, sind adelig gewesen.

Wenn sie Jobst richtig verstanden hat, dann können jetzt auch andere Leute solche Ämter erhalten. Einfache Leute. Plebs, wie Jobst gesagt hat. Krethi und Plethi. Luisa kann verstehen, dass sich Jobst ärgert. Er hat im vergangenen Jahr seine militärische Ausbildung begonnen und strebt die Offizierslaufbahn an. Wie unangenehm für ihn, dort Krethi und Plethi anzutreffen. Die Nazis sind schon merkwürdige Leute. Nur der Adolf Hitler nicht, den bewundern Oskar und Jobst. Weil er endlich mal mit dem eisernen Besen gekehrt und die vielen Parteien aus dem Reichstag hinausgeworfen hat. Das hat Oskar neulich gesagt, und Jobst hat ihm zugestimmt.

Der Himmel scheint höher geworden zu sein, sein Blau dunkler, die Wolken schwimmen träge darin wie flauschige Wolle. Hin und wieder verdeckt eines der Wollbüschel die Sonne, mildert das schimmernde Morgenlicht für ein Weilchen, um es dann wieder hell erstrahlen zu lassen. Noch ist der Wald durchsichtig, nur die Fichten stehen dunkel gegen die Morgensonne, an den Buchen sprießen hie und da zarte Blättchen aus rötlichen Knospen. Man hört das eifrige Klopfen des Spechts. Auf den Wiesen stehen breite Wasserlachen, deren Eisdecke jetzt in der Sonne geschmolzen ist. Frösche feiern dort Hochzeit, es gibt sie zu Tausenden in Bächen und Seen. An den Abenden hört man ihr Gequake bis zum Gutshaus.

»Nächstes Jahr«, hört sie Jobst zu seinem Bruder sagen. »Dann bin ich wohl schon Fähnrich. Mein erster Offiziersball. Große Sache, nicht nur wegen der Tanzerei. Man lernt sich kennen, verstehst du? Verbindungen. Ohne die geht es nicht …«

»Wenn ich nur das elende Abitur schon hätte«, seufzt Oskar. »Vor der Wehrmacht habe ich keine Bange. Gute Rasse setzt sich durch, da hat der Plebs keine Chance …«

Sie tragen die Nasen recht hoch, ihre Cousins. Sie gleichen beide ihrem Vater, Oberst von Kamm, den Luisa nur zwei- oder dreimal gesehen hat, denn er begleitet seine Ehefrau selten, wenn sie ihre Mutter auf Gut Tiplitz besucht. Der Oberst ist mittelgroß und stämmig, hat blondes, sehr kurz geschnittenes Haar und eine breite Nase. Er ist – soweit Luisa sich erinnert – ein freundlicher Mensch, nur mit der Großmutter kommt er nicht gut zurecht. Das ist wohl auch der Grund, weshalb er den Gutshof meidet. Oberst von Kamm ist einer der wenigen Besucher, der auch Mama mit einem Handkuss begrüßt. Sehr zum Ärger der Großmutter.

Luisa ist oft zornig auf ihre Mutter. Sie kann sogar widerspenstig und aufbrausend sein, was ihr später oft leidtut. Aber es ist auch schrecklich, wie Mama sich behandeln lässt. Vor allem von der Großmutter, die kann Mama abkanzeln wie ein Küchenmädchen, sogar wenn Gäste im Haus sind. Mehrfach hat sie sie sogar ins Gesicht geschlagen. Nur wenn Papa mit ihnen im gleichen Raum ist, dann ist die Großmutter höflich zu Mama. Meist aber tut sie dann so, als wäre die Mama gar nicht da. Papa liebt Mama sehr, er will nicht, dass jemand sie beleidigt. Aber weil er krank ist und sich nur in seinem Schlafraum, in der Bibliothek oder in der Wohnstube aufhält, kann er sie nicht immer schützen. Sogar das Gesinde weiß, dass sie Mama missachten und ihr widersprechen dürfen, solange sich der Hausherr nicht in der Nähe aufhält.

Es ist Mamas eigene Schuld. Sie ist zu feige, um sich gegen die Großmutter zu behaupten. Sie gibt nach, fügt sich, lässt zu, dass alle auf ihr herumtrampeln. Und weil sie keinen Mumm in den Knochen hat, muss auch Luisa sich viel gefallen lassen.

»Du darfst Papa nicht aufregen, Lieschen«, sagt Mama immer zur ihr. »Das ist nicht gut für sein Herz. Papa hat ein krankes Herz, er muss sich schonen.«

Luisa hat früh gelernt, sich auf ihre Art zu behaupten. Man muss klug sein, gut aufpassen, den rechten Augenblick finden, um sein Ziel zu erreichen. Die Mädchen in der Küche sind dumm, jede hat ihre schwache Stelle, die weiß Luisa zu nutzen. Tante Ingrid liebt Komplimente, man muss ihr volles, seidiges Haar loben, die modernen Kostüme, die sie sich in Danzig schneidern lässt. Vor allem ist sie auf Oskar und Jobst stolz: Wenn man bewundernd über ihre Söhne redet, hat man Tante Ingrid erobert. Vielleicht – aber das ist eine sehr gewagte Hoffnung – vielleicht wird Luisa ja von Oskar oder Jobst auf solch einen großartigen Offiziersball eingeladen. Sie will auf jeden Fall darauf hinarbeiten. Auch der Herr Inspektor Jordan, der die Arbeiten auf dem Gutshof leitet und immer mit ihnen zusammen das Mittagessen einnimmt, ist zu gewinnen. Er ist groß und sehnig, redet kaum und nickt immer zu allem, was die Großmutter sagt. Aber er schmunzelt, wenn Luisa bei Tisch kleine Scherze macht, und manchmal blinzelt er ihr zu.

Nur die Großmutter ist durch keine List zu gewinnen. Luisa hat auch keine Lust, sich bei dieser Frau einzuschmeicheln, wie es die Hausmädchen immer wieder versuchen. Die Großmutter hat ihr Herz in einen stählernen Kasten verschlossen, und nur Papa besitzt einen Schlüssel dafür.

Als der Gutshof in der Ferne zu sehen ist, hat sich der Himmel schon wieder verdunkelt. Graue Ungetüme sind am Horizont aufgestiegen, quellen auseinander und breiten sich aus. O weh – nun kehrt der Winter doch noch einmal zurück! Arme Buschwindröschen, eure Blüten werden unter der eisigen Schneelast sterben müssen. Jobst treibt den faulen Wallach Balduin zu eiligem Trab an, Oskars Stute ist schon ein Stück voraus, nun lässt auch Luisa ihre Stute traben. Flavia ist die eleganteste von Balduins Töchtern, jede ihrer Bewegungen hat Stil, ist in sich schön und ausgeglichen. Wenn sie trabt, scheint sie zu schweben. Es ist schon die Rede davon gewesen, dass die Großmutter sie demnächst mit anderen Trakehnern verkaufen will, aber Luisa hofft sehr, dass sie es nicht tut. Flavia muss bleiben. Sie wird gleich beim Frühstück erwähnen, dass ein solches Tier für die Zucht zurückgehalten werden sollte. Gewiss wird die Großmutter sich nicht um ihre Meinung scheren, aber Papa wird sie unterstützen. Und wohl auch der Herr Inspektor Jordan, falls er mit ihnen frühstückt, was nicht immer der Fall ist.

Auf dem letzten Wegstück lassen sie die Pferde noch einmal galoppieren, da wehen ihnen schon die ersten feinen Schneeflöckchen in die Gesichter, und Luisa spürt, dass ihre Ohren ganz eingefroren sind. Wie die wilde Jagd preschen sie durch das Tor. Oskar schafft es nicht, die Stute nach links zu leiten, sie galoppiert quer über die Rasenfläche, und die beiden anderen Pferde folgen ihr. Da wird es wieder einmal Ärger geben: Der schön gepflegte Rasen ist Großmutters Heiligtum.

»Verdammte Tat!«, ruft Oskar lachend, als sie vor dem Stall aus den Sätteln steigen. »Sie ist einfach nicht zu halten. Sture Person. Hast du gesehen, wie wir über den Rasen gedonnert sind, Joschka?«

Der Pferdeknecht nimmt die Zügel der Stute, die Oskar ihm zuwirft, und streicht dem Tier beruhigend über den Hals.

»Ja, junger Herr«, sagt er zu Oskar. »Aber seien Sie nicht zu laut, wenn Sie ins Haus gehen.«

»Wie?«, lacht Luisa. »Schlafen etwa alle noch?«

Joschka sieht sie auf eine Weise an, die sie an ihm nicht kennt. Traurig. Wie ein krankes Pferd. Sie findet es respektlos und ärgert sich über ihn.

»Nein, gnädiges Fräulein«, sagt er langsam. »Niemand schläft. Gehen Sie nur hinein. Leise. Mit dem gebotenen Ernst …«

Die drei jungen Leute sehen sich an und zucken mit den Schultern. Jobst vollführt mit dem Zeigefinger eine kreisende Bewegung an der Schläfe.

»Der wird auch immer wunderlicher, der alte Joschka …«

Luisa grübelt, ob heute etwa Sonntag ist. Oder ein Feiertag, an dem sie zur Kirche fahren werden. Hat die Großmutter etwa Geburtstag? Nein, der ist doch im August …

Auf der Treppe des Gutshauses stehen Anna und Meta beieinander und flüstern. Als Jobst sie mit einem unwilligen Stirnrunzeln ansieht, knicksen sie scheu und laufen davon. Tante Ingrid kommt ihnen in der Eingangshalle entgegen, das Gesicht verquollen, ein feuchtes Spitzentaschentuch in der Hand. Sie geht an Luisa vorbei, als sei sie gar nicht da, und fasst Oskar bei der Hand, legt Jobst den Arm um die Schultern.

»Kommt …«, sagt sie mit seltsam brüchiger Stimme. »Mutter will, dass ihr ihn noch einmal seht.«

»Aber … was ist denn geschehen?«, will Oskar wissen.

Er erhält keine Antwort, wird wortlos die Treppe hinaufgezogen. Jobst folgt ihnen. Nach einigen Stufen wendet er sich um.

»Luisa …«, sagt er leise.

»Nein!« Tante Ingrids Stimme klingt auf einmal hart, ähnelt dem Tonfall der Großmutter. Luisa begreift, dass sie wegbleiben muss, dass sie dort oben nicht gelitten ist, warum auch immer. Etwas in ihrer Brust zieht sich zusammen, ihr wird schwindelig, und die Ahnung von etwas Schlimmem, Endgültigem erfasst sie. Sie schaut sich um, doch sie ist allein in der Halle, die Mädchen sind in der Küche verschwunden.

»Meta!«, ruft sie. »Anna! Mariella!«

Niemand kommt. Vielleicht gehorchen ihr die Mädchen nicht, weil ihre Stimme heute so unsicher klingt, gar nicht herrisch wie die der Großmutter. Ihre Angst steigert sich, als sie die Tür zur Wohnstube öffnet, doch auch dort ist niemand. Nebenan im Frühstückszimmer ist der Tisch gedeckt, Butter, Schinken und Marmelade stehen unberührt, die Kaffeekanne wartet unter der Wärmehaube, keines der Gedecke wurde benutzt. Was ist denn nur geschehen? Wo sind sie alle?

»Mama?«

Ihr leiser Ruf wird von den üppigen Fenstergardinen und dicken Teppichen verschluckt. Nie im Leben hat sie sich so einsam gefühlt. So ganz und gar verlassen, von allem abgeschnitten. Ihre Beine beginnen zu zittern, sie würde sich gern für einen Moment auf einen der Polstersessel setzen, doch dann geht sie hinüber in die Bibliothek.

Auch hier ist kein Mensch zu sehen, nicht einmal Mariella, die jetzt eigentlich aufräumen müsste. Auf Papas Lehnstuhl liegt noch seine karierte Wolldecke, so wie er sie gestern Abend zur Seite geschlagen hat, um mit Mama hinauf ins Schlafzimmer zu gehen. Auf dem kleinen Tisch daneben steht das runde Silbertablett mit der Wasserkaraffe und den braunen Medizinfläschchen, aus denen er immer Tropfen auf einen Löffel zählt. Auch das Buch, in dem er gestern Abend gelesen hat, liegt daneben: ein Reisebericht über Deutsch-Ostafrika, die ehemalige deutsche Kolonie. In letzter Zeit hat er oft Bücher über Reisen in ferne Länder gelesen und Luisa von China und Indien erzählt …

Sie zuckt zusammen, weil sie Schritte auf der Treppe hört, das wohlbekannte Knarren der Holzstufen unter harten Männerschuhen. Hastig läuft sie zurück in die Halle, wo Meta einem älteren Herrn in den Mantel hilft. Das ist Medizinalrat Greiner aus Elbing, ein guter Bekannter der Großmutter, der stets gerufen wird, wenn es Papa nicht gut geht. Auch Luisa ist zweimal von ihm behandelt worden, das war damals, als sie die Masern hatte und kurze Zeit später an einer fiebrigen Angina erkrankt ist. Er hat gehört, wie sie die Tür öffnet, und dreht sich zu ihr um, schiebt Mariella beiseite, die ihm Hut und Handschuhe reicht.

»Luischen!«, ruft er. »Armes Mädel! Es tut mir so leid für dich. Komm her, lass dich in den Arm nehmen, Kleines.«

Sie begreift nicht, will nicht begreifen. Aber sie geht hinüber zu dem alten Mann, und als er sie väterlich an sich drückt, fühlt sie sich für einen Moment geborgen.

»Es wird nicht gut für euch beide ausgehen, Mädel«, hört sie seine tiefe, ein wenig heisere Stimme. »Sie ist gnadenlos, die hohe Frau. Vor allem jetzt, da sie alles verloren hat, woran ihr kaltes Herz noch hing. Für eine Luisa Koch und ihre Mutter wird hier kein Ort mehr sein.«

Luisa verharrt in der Umarmung, lässt die Worte an ihren Ohren vorüberrauschen und will sie immer noch nicht verstehen. Papa geht es gut, gestern Abend ist er heiter gewesen, hat ihr von dem gewaltigen Berg erzählt, dem Kilimandscharo, dessen Gipfel von ewigem Eis bedeckt ist …

»Ich muss jetzt los, Kleines«, sagt Dr. Greiner und schiebt sie sacht von sich weg. »Sei stark, Luisa. Ich weiß, dass du es schaffen wirst. Und pass gut auf deine Mama auf. Versprich mir das, ja? Sie braucht dich, Luischen. Ohne dich ist sie hilflos.«

»Ja … ja, das verspreche ich«, stammelt Luisa, kaum begreifend, was sie da redet.

Er reicht ihr feierlich die Hand und drückt ihre Finger so fest, dass es wehtut. Dann setzt er hastig den Hut auf, nimmt die Handschuhe und geht zur Tür hinaus, die Mariella für ihn aufhält. Draußen schneit es in dicken Flocken, der Rasen ist von einem feinen weißen Schleier überzogen, die gerade aufgeblühten Osterglocken beugen sich unter der kalten Last. Mariella steht immer noch bei der Tür, hält sie ein Stück weit offen, und Luisa kann sehen, dass ein Einspänner durch das Tor in den Gutshof hineinfährt. Sie kennt Wagen und Pferd.

»Der Pfarrer kommt auch schon …«, sagt Mariella zu Meta, die aus der Küche hinaufgelaufen ist. »Aber das ist ja nun zu spät. Schad um ihn. War ein schöner Mann. Und ein guter Herr ist er auch gewesen.«

»Aber gut, dass wir jetzt endlich diese Bäckerstochter und das uneheliche Balg loswerden.«

»Das hat keiner verstehen können, dass sich ein edler Herr so eine an den Hals hängt …«

Luisa begreift, dass die beiden mit Absicht so reden, weil es niemanden mehr im Haus gibt, der sie dafür zurechtweisen würde. Sie verspürt einen tiefen Schmerz und zugleich heftigen Zorn. Ihr Vater ist tot, aber sie darf nicht zu ihm. Alle sind oben bei dem Verstorbenen, wachen an seinem Bett, warten darauf, dass der Pfarrer ihn zur letzten Reise vorbereitet.

Alle, außer ihr. Und Mama? Ganz sicher hat man auch sie ausgeschlossen.

Die Worte des Medizinalrats tauchen in Luisas Kopf wieder auf. »Du musst auf sie aufpassen. Ohne dich ist sie hilflos.«

Luisa atmet tief ein und aus. Atmet den Schmerz weg, zwingt ihn dazu, sich tief in ihr Herz zurückzuziehen, sie nicht zu belästigen. Es ist nicht die Zeit, um zu weinen und zu trauern. Es ist Zeit zu handeln. So, wie sie es versprochen hat.

1945

~

HILDE

3. Februar 1945, nachts

»Das ist das Ende«, flüstert Louise Drews, und sie drückt ihre beiden Kinder an sich. »Die machen alles platt. Kein Stein mehr auf dem anderen …«

»Halten Sie doch den Mund!«, zischt Mama ihr zu. »Sie reden das Unglück ja herbei!«

Eine schwere Erschütterung erfasst den Luftschutzkeller. Mama zieht Hilde an sich, drückt ihren Kopf herunter. Von der Kellerdecke rieselt Putz, die Hindenburglichter flackern. Die Menschen, die dicht zusammengedrängt auf Kissen und Decken sitzen, bleiben stumm, nur ein Säugling weint. Sie alle sind im Ausnahmezustand, kauern seit Stunden im Luftschutzkeller, spüren das Krachen und Beben bis in die Erde hinein, rechnen jeden Augenblick damit, dass die Kellerdecke auf sie herunterstürzt. Skurril ist das, verrückt! Hilde hat das Gefühl, nicht sie selbst zu sein, sondern einen Film zu erleben. Man stirbt doch nicht mit Anfang zwanzig, schon gar nicht mit einem Kind im Bauch.

»Stellen Sie sich woanders hin«, hat die Louise Drews vorhin den Luftschutzwart Teubert angekeift und auf den zweijährigen Karl und die kleine Sabine gezeigt. »Wenn wir einen Volltreffer abkriegen, dann fallen Sie ja direkt auf meine Kinder!« Und der Teubert, der sonst immer das große Wort führt, hat sich still auf den Boden gehockt und die Finger in die Ohren gesteckt.

Komisch, denkt Hilde. Man glaubt doch, dass die Leute noch etwas besonders Wichtiges oder Kluges sagen, wenn es ans Sterben geht. Aber da wird nur Unsinniges geschwätzt. Die Gisela neben ihr betet leise vor sich hin. »Müde bin ich, geh zur Ruh …« Weil es das einzige Gebet ist, das sie auswendig kann. Und der Julius Kluge aus der Webergasse erzählt immer wieder, dass sein Sohn auch Flieger sei und gegen England gekämpft habe. Als ob das jetzt jemand wissen wollte.

Nach Stunden endlich lässt das Donnern und Krachen der Bomben nach, nur hie und da rieselt noch etwas Sand von der Kellerdecke herunter. Die Hindenburglichter sind bis auf die letzten beiden ausgegangen. Jetzt merken alle, dass die Luft zum Schneiden ist, man kann kaum noch atmen. Die alte Frau Knoll hat die Augen zu und gibt nichts mehr von sich, Gisela flüstert, ihr sei schlecht, sie müsse sich übergeben. Irgendwer muss in die Hosen gemacht haben, es stinkt bestialisch.

Teubert steht ganz vorsichtig auf, geht gebückt zwischen den dicht gedrängt sitzenden Leuten hindurch zur Tür. Hilde verfolgt jede seiner Bewegungen. Jetzt entriegelt er, muss zweimal ansetzen, weil er ganz zittrig ist, dann schiebt er die Stahltür langsam auf. Brandgeruch dringt in den Keller.

»O Gott!«, flüstert Mama. Sie ist aufgestanden, dann schwankt sie, und Hilde muss sie festhalten.

An der Tür drängen sich jetzt die Menschen, Teubert ist draußen, andere folgen ihm, der Luftzug bläst die Lichter aus.

»Die Schaufeln!«, ruft einer. »Da liegt Schutt.«

Sie haben Glück im Unglück, der Ausgang ist nach kurzer Zeit freigeschaufelt. Hitze schlägt ihnen entgegen, als sie den Keller verlassen, ein gespenstisches Inferno umgibt sie. Ringsum lodern gelbrote Flammen in schwarzen Fensterhöhlen.

Hilde und ihre Mutter haben Mühe, über den glimmenden, rauchenden Schutt zu steigen. Von allen Seiten hört man das Feuer sausen; Steine fallen, Wände stürzen ein. Es ist Nacht, eine eiskalte Februarnacht, die Sonne geht erst in einigen Stunden auf. Wer noch gehen kann, rettet sich aus den Trümmern ins Freie, ruft nach Angehörigen, läuft ziellos durch die Stadt. Immer noch fallen Bomben von Himmel, schlagen krachend hier und dort ein, Flugzeuge heulen.

»Gisela? Bist du das?«

Kaum erkennt Hilde die Freundin in der flackernden Dunkelheit. Gisela und ihre Mutter Johanna starren auf das brennende Gerippe ihres Hauses. Johanna hängt schwer am Arm der Tochter. Keine Hoffnung mehr, die Webergasse ist ein flammenloderndes Trümmerfeld, auch die Nachbargebäude rechts und links sind nur noch Ruinen, in denen das Feuer wütet. Hier und dort sieht man Menschen umherirren, über Schutt steigen, die Gasse suchen, die hier früher einmal gewesen ist. Einige tragen Bündel und Rucksäcke, darin ist ihr gesamter Besitz oder jedenfalls alles, was sie gerettet haben. Es sieht unwirklich aus, diese schwarzen, zackigen Formen der zerstörten Gebäude, die von lodernden Feuern geisterhaft beleuchtet werden. Vielleicht ist es ja nur ein böser Traum, denkt Hilde. Wenn ich gleich aufwache, ist alles wieder so, wie es früher war …

»Wir wollen zu den Großeltern«, sagt Gisela. »Kommt doch mit uns.«

»Aber das Café Engel steht ja vielleicht noch«, wendet Mama ein.

»Da könnt ihr jetzt nicht hin. Es brennt doch überall.«

Sie starren mit hitzetrockenen Augen dorthin, wo einmal der obere Teil der Wilhelmstraße gewesen ist. Überall liegen Steine, umgestürzte Mauern, es ist kein Durchkommen, jetzt in der Nacht schon gar nicht. Hilde bleibt stur, sie will wissen, was geschehen ist. Weil doch Addi, Julia und die Künzel nur in den Hauskeller gehen und nicht in den Luftschutzkeller in der Webergasse. Dann sieht sie, dass Mama Giselas Mutter untergehakt hat, und sie begreift, dass sie helfen muss. Gestern erst haben die Warneckes erfahren, dass Giselas Vater gefallen ist – heute steht ihr Heim mit allem, was darin war, in Flammen. Johanna Warnecke ist mit ihren Kräften am Ende. Hilde gibt nach – wenn das Café Engel zerbombt ist, kann sie es jetzt auch nicht mehr ändern. Sie schleppen die inzwischen ohnmächtige Frau durch die Stadt, spüren die Kälte kaum, haben panische Angst vor einem weiteren Fliegerangriff. Vorn in der Kirchgasse sind die Gebäude heil geblieben. Sie atmen auf, gehen weiter zur Wohnung von Giselas Großeltern, klingeln an der Tür und müssen lange warten, bis das ältere Ehepaar ihnen öffnet. Später sitzen sie bei Giselas Großeltern in dem winzigen Wohnzimmer beisammen, reden stockend, können nicht mit Worten ausdrücken, was über sie hinweggefegt ist. Giselas Mutter ist wieder zu sich gekommen, wirkt jedoch wie erstarrt. Aber sie will durchhalten, alles erleiden, auch das Härteste, denn sie weiß ja, dass Adolf Hitler Deutschland letztlich zum Endsieg führt. Daran will sie fest glauben. Else und Hilde sagen nichts dazu, auch Gisela schweigt sich aus. Das Wort »Endsieg« klingt skurril angesichts der brennenden Stadt. Nur die ganz Hartgesottenen glauben noch an die Parolen der Machthaber. Wer bei klarem Verstand ist, hat begriffen, dass das Ende naht. Das Ende dieses menschenverschlingenden Krieges, und mit ihm auch das Ende des Deutschen Reichs. Es wird schlimm werden, die Älteren kennen es ja, sie haben das Kaiserreich und den Weltkrieg noch erlebt. Aber alles ist besser als diese grauenhaften Bombennächte, in denen die Menschen von den brennenden Trümmern ihrer Häuser erschlagen werden oder in den Luftschutzkellern ersticken.

Sie können nicht schlafen. Alle haben Angst, es könnte gleich wieder losgehen. Man ist wie betäubt, Bilder fahren durchs Hirn, Schatten greifen nach den Seelen, Sirenen gellen in den Ohren. Erst als schon das bläulich kalte Morgenlicht in die Fenster kriecht, nicken sie weg, sinken in die gnädige Dunkelheit des Schlafs.

Als Hilde aufwacht, weiß sie zunächst nicht, wo sie ist. Dann wundert sie sich, dass ihr nicht schlecht ist wie sonst immer am Morgen. Giselas Oma hat Pfefferminztee gekocht, Kaffee gibt’s schon längst nur noch für Leute, die Beziehungen haben. Brot ist auch knapp, sie isst hungrig eine halbe Scheibe, hat ein schlechtes Gewissen, weil Giselas Oma sie mit entzündeten Augen anstarrt.

»Sie kriegen die Marken von uns zurück. Das Haus steht ja noch …«

Eine kühne Behauptung ist das. Mehr nicht. Aber Hilde und ihre Mutter klammern sich daran.

»Macht mal, dass ihr rüberkommt«, sagt Giselas Großvater zu der Enkelin. »Vielleicht ist noch was zu retten. Wenn ihr zu spät kommt, ist alles weg.«

»O Gott, Mama«, ruft Gisela. »Er hat recht!«

Plünderer werden hart bestraft, doch in dem Chaos, das jetzt oben im Kurviertel herrscht, ist jeder sich selbst der Nächste. So ist das eben. Der Krieg teilt die Menschen in Anständige und Armleuchter, und die Armleuchter sind in der Überzahl. Gisela und Johanna Warnecke nehmen den Bollerwagen des Opas und Giselas alten Kinderwagen, der auf dem Speicher gestanden hat. Hildes Mama hilft ziehen, Gisela hakt Hilde unter, der jetzt auf einmal doch wieder übel wird. Der Großvater will nachkommen, mit dem lahmen Bein kann er nur langsam gehen.

»Armes Deutschland«, stöhnt er. »Nur noch Weiber und Krüppel sind übrig. Die halbwüchsigen Buben schicken sie jetzt auch noch in den Krieg.Volkssturm, wenn ich das schon höre!«

»Sei still!«, mahnt die Großmutter.

Im Kurviertel glimmen noch die Trümmer. Rauch steigt auf, hüllt das Elend in grauen Dunst, es riecht scheußlich. Nach verbranntem Holz, Haaren, Tapeten und Polstermöbeln, nach einer friedlichen, großen Ära, die in Flammen aufging und niemals wiederkehren wird. So riecht der Tod. Das Ende. An einem der Häuser in der vorderen Wilhelmstraße steht noch die Parole: »Mit dem Führer zum Endsieg!« Helfer in brauner Uniform laufen herum, junge Burschen, fast noch Kinder, und alte Männer. Zuerst wollen sie die vier Frauen nicht durchlassen, es sei zu gefährlich, überall stürzen die Trümmer in sich zusammen.

»Wir wollen zum Café Engel«, sagt Mama.

Die beiden Uniformierten sehen sich unsicher an. Der eine fährt mit vier Fingern durch das aufgewühlte blonde Haar, er ist sehr jung, wohl kaum sechzehn Jahre. Ihre Gesichter sind rußgeschwärzt. Hilde und ihre Mutter warten, erstarren, hören den eigenen Herzschlag. Man kann von hier aus nicht genau sehen, wo die Bomben eingeschlagen sind. Nur dass Kurhaus und Theater getroffen wurden, ist offensichtlich.

»Café Engel?«

»Die Hausnummer fünfundsiebzig. Nicht weit von der Burgstraße.« Mamas Stimme bricht weg, sie ist kurz davor, die Fassung zu verlieren. O Gott – wenn alles nur ein brennender Schutthaufen ist? Und die Julia, die Künzel, der Addi …

»Da gehen Sie halt durch. Aber seien Sie vorsichtig …«

Sie stapfen durch den Schutt. Es ist gruselig. Überall zwischen den Steinen liegen halb verkohlte Sachen, Möbelstücke, zerbrochenes Geschirr, ein Nähkörbchen, fast ganz erhalten, eine Porzellanpuppe, der das Haar verbrannt ist … Menschen laufen zwischen den Trümmern herum, graben mit Stöcken und Schaufeln im Schutt, ziehen Sachen heraus, streiten sich um einen Kochtopf, um zwei Stückchen Kohle. Es ist solch ein Durcheinander, niemand weiß, welche Trümmer zu welchem Haus gehören. Ein bunt gefleckter Hund humpelt auf sie zu, beschnüffelt Hildes Mantel und läuft ein Stück hinter ihnen her. Dann auf einmal ist der Blick frei. Hilde bleibt stehen, blinzelt, schaut noch einmal hin, um ganz sicher zu sein.

»Ich glaub, es steht noch, Mama!«, sagt sie leise. Ihre Stimme zittert dabei.

Sie gehen näher heran, können vor Herzklopfen kaum sprechen. Starren auf die angekohlte Fassade. Sogar die Buchstaben sind noch dran.

»Gütiger Himmel. Mir wird ganz schwummerig!«

Mama bleibt stehen und kneift die Augen zusammen, weil sie dann besser sehen kann. Wenn das keine Fata Morgana ist, dann hat das Schicksal ihnen wirklich eine besondere Gunst erwiesen. Das Haus Nummer fünfundsiebzig ist das letzte in der Reihe der unbeschädigt gebliebenen Gebäude. Vom Modehaus Schäfer rechts daneben steht nur noch ein Stück verbrannte Fassade. Das Reklameschild vom Hotel Kaiserhof gibt es nicht mehr. Aber das Café Engel, gleich daneben, ist noch da. Nur, dass die Buchstaben über dem Eingang nicht mehr goldfarbig sind, sondern dunkel. Der hübsche fliegende Engel mit der Kaffeetasse baumelt schief an einem Haken und ist ganz schwarz. Vor der Eingangstür steht Adalbert Dobscher, der ehemalige Opernsänger, der oben unterm Dach zwei Zimmerchen bewohnt. Sein weißes Haar, das er sonst sorgfältig zurückgekämmt trägt, hängt ihm in Strähnen ins Gesicht. Er hält einen Gehstock mit dickem Wurzelknauf in den Händen. Den hat einmal ein Gast bei ihnen vergessen und nie wieder abgeholt, seitdem hat er ein einsames Dasein im Schirmständer geführt.

»Was macht er denn da?«, staunt Gisela.

»Die Eingangstür ist kaputt«, stellt Hilde fest, die gute Augen hat. »Das Glas ist raus.«

»Du lieber Himmel«, stöhnt Mama. »Der Addi verteidigt die Drehtür. Wie ein Berserker schaut er aus.«

Sie lachen vor Erleichterung, sind einen Moment lang glücklich, könnten einander umarmen. Alles ist gut. Das Haus steht noch, und Addi Dobscher bewacht es. Was wollen sie mehr? Hastig zerren sie den Bollerwagen und den Kinderwagen über die umherliegenden Trümmerteile, dann müssen sie zwei jungen Uniformierten ausweichen, die eine Trage zwischen sich haben. Darauf liegt eine graue Decke. Ein bloßer Arm hängt auf der Seite heraus, pendelt hin und her, während die beiden jungen Kerle zu einem Lastwagen laufen. Die Bombennacht hat zahllose Opfer gefordert.

»Das ist der Walter vorn an der Trage«, sagte Gisela beklommen. »Den haben sie jetzt auch geholt. Für die Flak.«

Walter ist der kleine Bruder von Giselas Verlobtem. Den Joachim haben sie letztes Jahr zur Wehrmacht eingezogen, da hat er sich vorher noch schnell mit Gisela verlobt. Sein Bruder Walter ist drei Jahre jünger, gerade mal sechzehn. Aber jetzt nehmen sie jeden. Kinder und Greise. Volkssturm heißt das. Wenn sie bloß den Addi nicht noch rausschicken, der ist schon sechzig …

Addi steht wie Zerberus vor der Drehtür des Café Engel. Heinz Koch hat das Monstrum in den Zwanzigern einbauen lassen, riesig stolz war er auf seine Drehtür. Wie in den großen Hotels. Und im Winter hält sie die Kälte gut ab.

»Na, Gott sei Dank – da sind Sie ja, Frau Koch! Und auch die Hilde. Wir haben uns schon Sorgen gemacht …«, ruft er ihnen in immer noch kräftigem Bariton entgegen.

»Geht nur«, meint Gisela. »Mutter und ich versuchen unser Glück in der Webergasse. Wir kommen auf dem Rückweg bei euch vorbei.«

Hilde hält die Freundin am Ellbogen fest. »Ihr könnt bei uns wohnen, Gisela, du und deine Mutter. Es ist Platz genug …«

»Danke«, sagt Gisela. »Aber Mutter will bei den Großeltern bleiben.« Sie schnieft und wischt sich die Backe, stellt fest, dass auch sie inzwischen Ruß in den Gesichtern haben.

Hilde schaut den beiden bekümmert nach. Wie mühsam es ist, den Bollerwagen über den Schutt zu zerren. Diese eine Nacht hat so viele, die gestern noch in warmen, schön eingerichteten Häusern saßen, zu obdachlosen Bettlern gemacht. Und dennoch sind sie besser dran als jene, die unter den Trümmern liegen und denen niemand mehr helfen kann. Dieser Krieg! Wenn er doch nur endlich vorbei wäre! Wenn Papa heil und gesund wieder bei ihnen wäre …

»Sie sind ein Held, Addi«, ruft Mama, die inzwischen zum Eingang des Cafés gelaufen ist. »Wenn Sie nicht gewesen wären …«

Addi hat seit dem frühen Morgen vor dem Café Wache gehalten, weil die Tür kaputt ist und jeder einfach hineinlaufen könnte. Dreimal hat das auch jemand versucht, aber an Addi und seinem Wurzelstock ist keiner vorbeigekommen.

Hilde und ihre Mutter steigen vorsichtig über die Glassplitter und gehen durch die Drehtür. Die ist aus braunem Holz und hat auch Glaseinsätze, aber nicht mal das Glas hat etwas abbekommen. Man könnte die Tür mit einem Hebel blockieren, nur leider ist der Stift, der sich in die Nut schiebt, abgebrochen. Das wollte Papa noch reparieren, aber er kam nicht mehr dazu.

»Wir müssen was mit der Eingangstür machen«, sagt Else. »Das ist das Wichtigste. Dass wir wenigstens unsere Ruhe haben …«

Im Café ist alles unverändert. Die leere Kuchentheke. Die Tische und Stühle. Die Fotos an den Wänden. Der Adolf über dem Klavier starrt sie mit grimmig stolzer Siegermiene an. Wenn sie den nur endlich los wären.

Der bunte Hund sitzt draußen vor der Drehtür. Er hat Angst, in die hölzernen Kammern hineinzulaufen, und fiept jämmerlich. Addi stellt seinen Knüppel in den Schirmständer, schaut durchs Fenster nach dem Hund, dreht sich weg, wendet sich nach drei Schritten wieder um.

»Wem der wohl gehört?«

Er bekommt keine Antwort. Else ist in die Küche gelaufen, jammert laut, dass zwei Stapel Teller und ein Regal voller Tassen zu Bruch gegangen sind. Hilde durchforstet die Speisekammer, sie hat einen fürchterlichen Hunger, da muss doch noch ein wenig Zwieback sein. Sie ist jetzt fast im vierten Monat, und man sieht schon was. Mit der Mutter hat sie besprochen, dass sie es auf den Fritz Bogner schieben werden, der ist ein lieber Kerl und irgendwo im Feld. So Gott will, kommt er zurück, dann werden sie es ihm erklären. Wenn nur die Nachbarn nicht reden, da sind einige stramme Parteigenossen dabei, vor allem der Stor…

»Das Café ist geschlossen …«

»Wir sind ausgebombt, und die Behörde hat uns diesem Haus zugewiesen. Sie haben hier gar nichts zu sagen, Herr Dobscher. Wo ist Frau Koch?«

Hilde und ihre Mutter fahren aus ihren Beschäftigungen auf, schauen sich an. Wenn man vom Teufel spricht oder auch nur an ihn denkt … Das ist die Stimme von Wilfried Storbeck aus dem Nachbarhaus. Den hat Paps im Scherz immer »Sturbock« genannt, weil er ihn nicht ausstehen konnte. Strammer Nazi von Anfang an.

»Das hat uns noch gefehlt!«, stöhnt Mama.

»Verdammt«, murmelt Hilde. »Verdammt, verdammt, verdammt …«

Sie werden ihn und seine Frau aufnehmen müssen, da geht kein Weg dran vorbei. Und weil er die besten Beziehungen hat, ist er gleich mit einem amtlichen Schrieb gekommen, bevor ein anderer ihm die Wohnung wegschnappt.

»Da oben steht schließlich eine Vierzimmerwohnung leer«, hört man die Stimme von Marianne Storbeck. Sie redet immer dann laut, wenn sie weiß, dass ihr Mann hinter ihr steht. Wenn die beiden unter sich sind – das hat mal jemand im Café erzählt –, dann ist Marianne Storbeck immer ganz leise und untertänig. Weil sie Angst vor seinen Jähzornanfällen hat.

Mama legt die Kehrschaufel auf den Eimer, richtet sich auf und holt tief Luft. Viel ist da nicht zu machen.

»Die Wohnung gehört meinem Sohn August«, sagt sie zu den Storbecks.

»Na und? Ihr Sohn ist im Feld, und seine Frau ist zu ihren Eltern gezogen. Wie Sie sehen, bin ich im Bilde. Wollen Sie einen Volksgenossen in Not von Ihrer Tür weisen? Wir haben keine Bleibe mehr …«

»Aber nein«, gibt Mama zurück. »Ich wollte es nur sagen. Wenn der August zurückkommt, müssen sie sich halt einschränken … Ich hole rasch den Schlüssel. Gehen Sie ruhig schon hoch. Außen herum ins Treppenhaus. Hilde schließt ihnen auf …«

Addi steht immer noch bei der Drehtür und verfolgt das Geschehen mit düsterem Blick. »Laufen Sie schnell hoch«, flüstert ihm Mama zu. »Sagen Sie der Künzel Bescheid. Damit sie sich nicht verplappert. Sie wissen schon …«

Addi nickt. Er ist ganz blass geworden, fährt sich mit der Hand an den offen stehenden Hemdkragen, als wäre er ihm zu eng. Dann stürzt er durch die Küche zur ehemaligen Dienstbotentreppe.

»Die sind jetzt alle wie verrückt«, flüstert Mama. »Den armen Matze Weber haben sie aufgehängt. Weil er gesagt haben soll, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei.«

Wehrkraftzersetzung nennt sich so was und wird mit dem Tod bestraft. Auch andere Vergehen. Ein Brot stehlen. Ein Fahrrad mitnehmen. Harmlose Sachen, für die man früher höchstens eine Verwarnung oder einen Tag Gefängnis bekam. Sie sind nervös, die Parteigenossen. Es wird Härte demonstriert. Durchhaltevermögen. Der unbedingte Glaube an den Endsieg. Dabei glaubt auch von denen kaum noch einer, dass Deutschland diesen Krieg gewinnen könnte. Aber sagen darf man es nicht. Die Angst geht um, lähmend, macht sie alle zu Feiglingen. Sogar unter guten Freunden ist man vorsichtig.

Hilde schließt den Storbecks die Wohnung auf. Bleibt an der Tür stehen, während die beiden sich neugierig umsehen, über die schönen alten Möbel die Nasen rümpfen, frisches Bettzeug verlangen.

»Ist im Schrank. Der Gasherd in der Küche ist in Ordnung. Kann aber sein, dass die Gasleitung kaputt ist …«

Auf jeden Fall ist die Wasserleitung defekt, aus dem Hahn kommt nur braune Brühe. Und es muss mal ordentlich gelüftet werden.

»Oben wohnen auch Mieter, nicht wahr?«, erkundigt sich der Storbeck, während seine Frau den Küchenschrank inspiziert.

»Frau Künzel und Herr Dobscher. Ganz recht.«

»Und wer noch?«, will er wissen.

Es klingt fast nach einer offiziellen Befragung. Wilfried Storbeck ist Beamter bei der Stadtkämmerei. Hilde wird es unbehaglich.

»Sonst niemand.«

Das weiß der Storbeck doch selber, er wohnt nur wenige Häuser weiter. Wohnte. Bis gestern. Jetzt macht er sich in Augusts Wohnung breit. Die Marianne holt schon Betttücher und Kopfkissenbezüge aus dem Schrank. Die hat Mama noch gebügelt für den August. Weil die Eva, seine Frau, bei der Hausarbeit so ungeschickt ist.

»Da ist aber doch noch eine dritte Wohnung unterm Dach«, sagt Storbeck und starrt Hilde an.

»Da wohnt keiner. Die Mieter benutzen sie als Abstellkammer. Weil wir den Keller selber brauchen. Früher lagerten da die Vorräte für das Café.«

Das klingt vernünftig. Ist ja im Grunde auch die Wahrheit. Nur dass in der Abstellkammer zwischen dem ganzen Krempel inzwischen die Julia Wemhöner haust. Wenn der Storbeck ihnen jetzt auf den Trichter kommt, kann er sie allesamt ans Messer liefern. Die arme Wemhöner zuerst, aber die anderen auch. Als Mitwisser. Judenfreunde. Dann haben die Storbecks das Haus ganz für sich allein.

»Tja«, sagt Hilde. »Wenn Sie was brauchen, geben Sie Bescheid.«

Die Storbecks sind hungrig. Ein Mittagessen wäre recht. Marken haben sie momentan nicht – ist ja alles verbrannt. Hilde verspricht zu tun, was in ihrer Macht steht.

Unten im Café hämmert Addi Bretter an die kaputte Eingangstür. Er haut so fest zu, dass man Angst haben muss, der Putz könnte von den Wänden fallen. Neben ihm hockt der bunte Hund und leckt sich das Maul.

»Wie ist der denn hier reingekommen?«, schimpft Mama.

Addi hat drei Nägel zwischen den Lippen eingeklemmt, er starrt Mama wild an und zuckt die Schultern. Dann klopft er weiter.

»Noch ein Fresser mehr!«, knurrt Mama ärgerlich.

JULIA

Wiesbaden, Anfang März 1945

Sie ist ein Schatten. Ein Geist, der bei Nacht durch das Haus schleicht und von niemandem gesehen werden darf, weil sie sonst alle miteinander ins Unglück stürzen würden. Julia Wemhöner hat früher Theaterkostüme genäht, Historisches, aber auch Phantastisches, und alle haben immer gesagt: Julia Wemhöner, die hat Goldfingerchen. Mollige Soubretten und vollbusige Walküren – sie alle vertrauten Julias Nähkünsten. Und die Tenöre gar, die immer ein Bäuchlein zu verbergen hatten. Da kannte Julia so manchen Kniff, nahm den Stoff schräg, nähte hier und da ein Fältchen ab, gab dort ein wenig Stoff nach, und schon saß das Kostüm bequem, versteckte jedoch unauffällig alle unpassenden Rundungen. Und die Reni Kolb, die einen so wunderschönen Alt sang, aber vorn ganz platt war, bekam von Julia den Busen gleich ins Kostüm eingenäht. Später nähte sie auch privat für sie, und die Kolb wurde allerseits für ihre »schöne Büste« bewundert. Als jedoch bekannt wurde, dass Julia Wemhöner Jüdin ist, gab die Kolb ihr keine Aufträge mehr. Es dauerte noch einige Wochen, dann wurde die Theaterschneiderin Julia Wemhöner fristlos entlassen. Der Grund dafür wurde in den Papieren nicht explizit genannt, es war dem Intendanten alles sehr unangenehm. Er riet Julia, so bald wie möglich auszureisen. Nach Amerika. Oder nach Israel. Oder auch nur nach England.

Aber Julia Wemhöner wollte ihre Heimat nicht verlassen. Hier in Wiesbaden ist sie geboren, hier hat sie ihre Ausbildung zur Schneiderin gemacht und danach sofort am Landestheater angefangen. Dem Theater ist sie seit ihrer Kindheit verfallen, sie verpasst keine Vorstellung, sammelt Fotografien ihrer Lieblingskünstler, lässt sie signieren. Mit Widmung. »Meiner kleinen Zauberkünstlerin Julia« – »Für die Frau mit der goldenen Nadel« – »Für Julia, ohne die ich verloren wäre«. Das Theater ist ihre Welt, hierher gehört sie, hier wird sie gebraucht und geschätzt.

Vor vier Jahren ist ihr Vater gestorben, die Mutter ist ihm nur zwei Monate später nachgefolgt, beide sind auf dem Nordfriedhof begraben. Julia ist evangelische Christin wie auch schon ihre Eltern; dass sie jüdischer Abstammung ist, hat sie erst mit sechzehn erfahren, als man sie bei der Aufnahme in die Schule für Textilfachkunde danach fragte. Damals, kurz nach dem letzten Krieg, war es ganz unwichtig, ob eine jüdisch war oder nicht. Niemand nahm Anstoß daran.

»Das geht vorüber«, hat sie dem Intendanten gesagt und mutig gelächelt.

»Vielleicht«, hat er geantwortet. »Vielleicht aber auch nicht.«

Sie wohnt noch immer in der Wilhelmstraße im Haus Nummer fünfundsiebzig. Früher hatte sie eine der drei Dachwohnungen gemietet. Links wohnt die Künzel, die mal Sopranistin am Theater war, in der Mitte der Addi Dobscher. Julias Wohnung ist rechts, aber jetzt ist sie offiziell eine Abstellkammer.

Vor drei Jahren mussten sich alle Wiesbadener Juden in der Synagoge registrieren lassen. Später hat man sie von der Viehrampe des Schlachthofs in Zügen abtransportiert. Julia war nicht dabei, und das verdankt sie dem Addi Dobscher. Er hat sie daran gehindert, sich registrieren zu lassen. Sie solle einfach hierbleiben, man würde dafür sorgen, dass niemand sie findet. Addi hat ihr das Leben gerettet, aber auch alle übrigen Hausbewohner, denn wenn nicht alle zusammenhielten, hätte man sie längst gefunden. Sie haben damals Kriegsrat gehalten, die Hausbewohner, allen voran der Addi und der Heinz Koch, der damals noch nicht zur Wehrmacht eingezogen war. Julias Wohnung haben sie mit altem Kram aus dem Keller vollgestellt und abgeschlossen. In einen der großen alten Schränke hat der Addi zusammen mit dem Heinz eine Tür eingebaut, durch die kann sie hinüber in Addis Wohnung schlüpfen. Im Winter schläft sie auch dort, Addi hat ihr sein Bett zur Verfügung gestellt, er selbst schläft dann auf dem Sofa. Tagsüber schleicht sie zwischen den alten Möbeln, den Kisten und Kasten in ihrer ehemaligen Wohnung umher, liest Bücher, betrachtet die Zimmerdecke, wo die Spinnen kunstvolle Netze knüpfen, flickt die Kleidung der Hausbewohner, einmal hat sie für Addi eine Hose genäht. Leise muss sie sein, leise wie ein Mäuschen. Auf Zehenspitzen gehen, damit die Holzdielen nicht knarren. Sich niemals am Fenster zeigen, nicht einmal in der Nacht, vor allem wenn der Mond scheint. Aber die Fenster sind nachts ja sowieso mit Verdunkelungspapier abgedichtet. Wegen der Fliegerangriffe. Zweimal ist jemand von der Gestapo im Haus gewesen, hat nach ihr gefragt und die Abstellkammer durchsucht. Da hat der Addi sie in einer großen Umzugskiste versteckt, ganz unten, unter einem Stapel Koffer. Halb erstickt und gekrümmt vor Schmerzen wegen der unbequemen Körperhaltung ist sie herausgeklettert, als Addi sie endlich befreien konnte.

»Tapferes Mädel«, hat er gesagt und ihr die Wange gestreichelt. »Aber ich fürchte, die kommen wieder …«

Damals, im August 1942, ist Julia Wemhöner endgültig zu einem Schatten geworden. Ein Nachtgespenst, das in der Abstellkammer haust, ein menschliches Wesen zwar, aber farblos und durchscheinend, eine Frau aus Fleisch und Blut, die in der Dämmerung dahinkümmert. Julia Wemhöner ist vierzig Jahre alt. Früher war sie eine Schönheit. Keine strahlende, denn sie ist ein schüchterner Mensch, gegen die vielen selbstverliebten Künstler am Theater wirkte sie unscheinbar. Aber sie hatte Verehrer, auch Liebhaber und noch mehr Freunde. Ihre Freunde haben sie auch vor dem sicheren Tod bewahrt. Bis jetzt …

Vor allem der Addi. Der Bariton Adalbert Dobscher ist vor Jahren ihr großer Schwarm gewesen. Keiner verkörperte den Don Giovanni auf der Opernbühne so grandios, diesen gefährlichen Verführer, der die Frauenherzen erzittern lässt. Ach, Addi! Wie hat sie ihn angebetet, solange er auf der Bühne agierte und Don Giovanni war. Wenn er später wieder zu Adalbert Dobscher wurde, dem freundlichen Polterer, der nie ein Blatt vor dem Mund nahm und keiner Fliege etwas zuleide tat – dann verlor sich Julias Enthusiasmus. Der Mensch Addi Dobscher hatte so gar nichts von dem großen Verführer, in den Julia sich unsterblich verliebt hatte.

Und doch hat Addi ihr das Leben gerettet. Addi – das hat Julia gleich bemerkt – ist in sie verliebt, aber er hat nie versucht, ihre Notlage auszunutzen. Nicht einmal dann, wenn sie in seinem Bett schläft, hat er sich ihr genähert. Er schnarcht dann drüben auf dem Sofa, und sie weiß, dass er dort recht unbequem liegt, weil das Möbelstück zu kurz für ihn ist. Aber tauschen will er auf keinen Fall, Julia soll es gut haben, das ist ihm wichtig. Am Morgen klopft er an die Tür und bringt ihr eine Tasse Tee. Pfefferminztee meistens. Manchmal sogar Bohnenkaffee, den hat er dann von der Else Koch über verschlungene Wege bekommen.

Beim ersten Fliegeralarm ist sie einfach oben in der Abstellkammer geblieben. Da kam der Addi zu ihr und hat sich neben sie gesetzt, als könnte er sie vor den Bomben beschützen. Später hat er ihr seinen alten Wintermantel und eine Fellmütze gegeben und sie mit hinunter in den Keller genommen. In den Keller des Hauses wohlgemerkt, denn im Luftschutzkeller in der Webergasse, wohin die Hausbewohner eingeteilt worden sind, darf Julia sich nicht blicken lassen. Da würde man sie trotz Mantel und Fellmütze schnell erkennen. Hier im Hauskeller sind nur der Addi und sie. Zeitweise auch die Künzel und die Hilde Koch mit dem Jean-Jacques, dem französischen Fremdarbeiter. Der darf auch nicht in den Luftschutzkeller, und weil die Hilde so sehr in den hübschen Burschen verliebt ist, bleibt sie bei ihm, wenn die Bomben fallen. Ein schönes Paar sind die beiden – der dunkle Franzose und die Hilde mit den blonden Locken und den blaugrauen Augen. Addi hat Sorge gehabt, dass der Jean-Jacques sich verplaudern könnte, er hat es aber nie getan. Im Januar war er dann auf einmal fort.

»Nach Hause«, hat die Hilde gesagt und die Lippen fest zusammengepresst. »Ist besser so. Sonst passiert ihm hier noch was.«

»Wie wird das alles nur ausgehen?«, hat Julia den Addi gefragt.

»Schlimm wird es ausgehen«, hat er geantwortet. »Aber wenn wir das Schlimmste dann endlich hinter uns haben, Julia, dann wirst du frei sein. Dann wirst du wieder durch die Stadt gehen können wie früher. Aufrecht und ohne Angst.«

»Und wann wird das sein, Addi?«

»Bald.«

Seine Miene ist düster, wenn er das sagt, und Julia weiß, dass er ihr vieles verschweigt. Er behandelt sie wie ein Kind, was ihr gar nicht gefällt. Aber natürlich – er ist jetzt schon sechzig und könnte ihr Vater sein.

In der schrecklichen Nacht im Februar muss er sie förmlich aus dem Bett zerren. Es sind die Nerven, sie hat dieser Tage viel geweint, ohne genau zu wissen, weshalb. Keine Nacht kann sie schlafen und gerade jetzt, da sie endlich ein wenig eingeschlummert ist, muss es schon wieder Fliegeralarm geben.

»Lass mich«, stöhnt sie und klammert sich an das Federbett. »Ich will nicht. Sollen sie doch Bomben werfen … es ist mir egal.«

Das Heulen der Sirenen übertönt Addis Worte. Wellenförmig auf- und absteigend verkündet das Signal die heranfliegenden Bombengeschwader, ein hässlicher Ton, der durch Mark und Bein dringt.

»Ich will nicht …«

Schließlich packt Addi sie mitsamt dem Federbett und trägt sie die Treppe hinunter. Unterwegs kommt ihnen die Künzel entgegen, die ihren Wellensittich vergessen hat und noch mal zurück in ihre Wohnung rennt. Die Hilde und die Else Koch sind schon weg, zum Luftschutzkeller hinüber in die Webergasse. Weil der Heinz ihnen das noch auf die Seele gebunden hat, bevor er wegmusste. Dann hocken sie stundenlang unten im eisigen Keller, hören und spüren die Bombeneinschläge so nah wie nie zuvor, glauben, dieses Mal nicht davonzukommen.

»Frei«, flüstert Julia. »Frei wie ein Vogel, der sich in die Lüfte erhebt. Wie eine Seele, die ohne irdische Last, ohne Schmerz und Trauer hinauf in den Himmel steigt …«

»Reiß dich zusammen, Julia«, knurrt Sofia Künzel. »Du schwatzt Unsinn!«

Sie schweigt. Schmiegt sich an Addi, der wie ein Fels in der Brandung neben ihr sitzt und den Arm um sie gelegt hat. Auch er sagt nichts. Selbst wenn ein Treffer den Keller erzittern lässt, wenn man es oben krachen und splittern hört, bleibt Addis Gesicht ruhig. Nur manchmal zucken seine buschigen grauen Augenbrauen und er schaut zur Kellerdecke hoch.

Erst nach Stunden wagen sie sich aus dem Keller nach oben.

»Leg dich hin …«, sagt Addi. »Es ist ja alles vorbei. Ich bring dir das Federbett rauf.«

Sie will es selber holen, aber ihre Beine versagen den Dienst. Addi trägt sie ins Bett und deckt sie mit der Wolldecke zu. Dass er später irgendwann das Federbett über sie breitet, bekommt sie gar nicht mehr mit. Sie merkt es erst, als sie tags drauf geweckt wird. Wieder steht Addi vor ihrem Bett, rüttelt sie an der Schulter, bis sie die Augen aufschlägt. Aber dieses Mal ist kein Alarm zu hören. Nur Addis Gesicht verrät ihr, dass etwas Schlimmes geschehen ist.

»Du musst von jetzt an noch vorsichtiger sein, Julia«, sagt er. »Kein Geräusch. Denk daran, die Toilettenspülung nur dann zu benutzen, wenn Sofia oder ich hier oben sind.«

Sie blinzelt ihn verwirrt an und begreift seine Aufregung nicht. Das ist doch alles nicht neu. Das weiß sie längst.

Dann sagt er: »In die Wohnung unter uns ist Wilfried Storbeck mit seiner Frau eingezogen. Ausgebombt und mit Einquartierungsschein – wir können sie nicht abweisen.«

Sie kennt diesen Storbeck nicht. Er sei bei der Stadtkämmerei und als scharfer Nazi bekannt, erklärt ihr Addi. Wenn er Wind davon bekommt, dass sie hier im Haus versteckt ist, wird er sie auf jeden Fall anzeigen.

»Ich will dir keine Angst machen«, flüstert Addi und streicht ihr über das schlafwirre Haar. »Aber es wäre doch dumm, wenn sie dich jetzt noch finden. So kurz vor dem Ende …«

Sie nickt brav. Angst hat sie keine mehr. Das ist vorbei. So lange hat sie sich versteckt gehalten, ist zu einem Schatten geworden, sie glaubt schon selbst, dass sie unsichtbar ist. Ein Nebelhauch. Eine Elbin …

»Mach dir keine Sorgen«, sagte sie lächelnd zu Addi. »Niemand wird mich finden.«

Sie sieht, dass er es ist, der vor Angst vergeht, und sie streckt die Hand aus, um seine Wange zu berühren. Er nimmt ihre Hand, hält sie einen Moment warm in seinen Fingern, dann küsst er sie ganz vorsichtig. Lächelt dabei verlegen und rät ihr, noch ein wenig zu schlafen. Als er hinunter ins Café geht, schließt er die Wohnungstür zweimal hinter sich ab.

Jetzt ist Julia wach. Sie steht auf und lauscht an der Wand, ob Sofia Künzel drüben in ihrer Wohnung ist. Man hört zunächst nur den Kanarienvogel piepsen und trillern, dann den Schürhaken, der die Kohlen im Ofen durchrüttelt. Aha – die Künzel ist da, also darf sie das WC benutzen und sich am Waschbecken waschen. Wenn niemand außer ihr oben ist, muss sie aufs Nachttöpfchen gehen und Waschwasser aus einem bereitgestellten Eimer ins Waschbecken gießen. Manchmal ertappt sie sich bei dem Gedanken, dass es vielleicht besser gewesen wäre, sie hätte sich damals in der Synagoge registrieren lassen wie die anderen auch. Dann würde sie jetzt niemandem mehr zur Last fallen. Sie zieht den wattierten Morgenmantel über – ein teures Stück aus guten Tagen – und schlüpft durch die Schranktür hinüber in die Abstellkammer, die einmal ihre gemütliche kleine Wohnung gewesen ist. Jetzt ist es hier eiskalt, weil nicht geheizt wird. Vielleicht kommen sie heute Nacht wieder und werfen neue Bomben ab, denkt sie. Die Kellerdecke stürzt auf uns herab, und wir sterben alle miteinander. Dann bin ich endlich frei. Weil ich dann vor nichts mehr Angst haben muss.

Aber sie will auf keinen Fall sterben, ohne das Theater noch einmal gesehen zu haben. Das Theater war der Mittelpunkt ihres Lebens, sie muss in aller Ruhe und mit all ihrer Liebe davon Abschied nehmen. Julia Wemhöner beginnt, Kartons und Koffer zu untersuchen. Wo hat sie es nur gelassen? Aber da ist es ja. Und die Schuhe? Im anderen Koffer natürlich. Und auch der Mantel. Sie zieht das bodenlange Abendkleid aus grüner Seide an, spürt den feinen Stoff auf der Haut, den vertrauten Duft eines Parfüms, das sie liebte. Sie hat sich das Kleid eng auf Figur geschneidert und war damals froh, dass der teure Stoff gerade so ausreichte. Jetzt ist es zu weit, sie müsste an den Hüften und Schultern etwas abnähen, aber das ist nicht mehr wichtig. Sie kämmt sich das Haar, die kupferroten, üppigen Locken, die sie als Kind so grauenhaft fand und die später oft bewundert wurden. Sie steckt es hoch und bedauert, dass sie ihren Schmuck nicht finden kann. Sie besitzt goldene Ohrstecker und eine dazu passende Halskette, Erbstücke von ihrer verstorbenen Mutter. Aber es geht auch ohne Schmuck. Die grünen Pumps hat sie ja gefunden und den goldfarbenen Mantel, den sie mit dem grünen Seidenstoff des Kleides gefüttert hat.

Sie ist schön. Ein Hochgefühl erfüllt sie, macht sie fast schwindelig, weitet ihre Brust, die mit den Jahren immer enger geworden ist. Noch einmal frei sein. Ruhig und aufrecht durch die Straßen gehen. Ohne die Angst, die dich klein macht, die dich aushöhlt, bis du nur noch eine leere Hülle bist.

Addi hat seine Wohnung von außen abgeschlossen und den Schlüssel mitgenommen. Aber es gibt einen zweiten Schlüssel, der hängt über der Tür. Für Notfälle. Er ist ein wenig angerostet, tut nur knirschend und widerwillig seinen Dienst. Julia atmet tief die muffige Luft des Flurs ein, die nach Brand riecht. Sie steigt in aufrechter Haltung die Treppe hinunter, wie eine Königin, jeder Schritt ein Triumph. Die hölzernen Treppenstufen knarren unter ihren Tritten, nicht laut, nur ein wenig, denn Julias schmaler Körper hat nicht viel Gewicht. Jetzt hört sie Hammerschläge, das ist sicher der Addi, vielleicht repariert er die Fenster oder die Eingangstür des Cafés. Auch die Stimmen von Else Koch und Hilde dringen zu ihr. Es ist besser, nicht durch das Café zu gehen, sondern gleich zur Haustür hinaus.

Draußen ist nichts mehr, wie es einmal gewesen ist. Sie bleibt irritiert stehen, versucht zu begreifen, dass dies die Wilhelmstraße war, die schöne, breite Allee, die an Theater und Kurhaus vorbeiführt. Links von ihr liegen breite Haufen aus Steinen und Holzbalken, kaputten Möbeln, Badewannen, verbogenen Stahlträgern. Dazwischen allerlei zerbrochener Hausrat, alles schwarz verbrannt. Die Häuser, die sich an die Nummer fünfundsiebzig anschließen, sind offen, man schaut in die Wohnzimmer hinein wie in eine Puppenstube. In einigen Räumen hängen noch die Bilder an den Wänden, da und dort flackern kleine Flammen in verkohlten Ruinen. Sie hebt den Saum ihres grünen Abendkleids, damit er nicht schmutzig wird, wenn sie jetzt über die Schuttberge klettert. Die Schuhe sind nicht zu retten, aber das ist ihr gleich. Julia Wemhöner steigt über die Reste der zerbombten Häuser, findet schlafwandlerisch ihren Weg, kümmert sich nicht um die Menschen, die mit Handkarren gekommen sind und im Schutt nach den letzten brauchbaren Dingen wühlen. Ein eisiger Wind bauscht ihren goldfarbenen Mantel, wirbelt Asche und Staub empor, gibt ihr den Nimbus einer Erscheinung. Sie erreicht die andere Straßenseite und sieht die zerstörten Kolonaden, das Theater, von dem ein Teil weggerissen wurde. Ein Dachteil hängt schräg, nackte Mauern bröckeln auf die verbrannte Grünanlage. Julia geht an einer Gruppe ausgebombter Einwohner vorbei, die beieinander stehen und die Erscheinung im goldenen Mantel fassungslos anstarren. Sie erreicht den Künstlereingang, der noch erhalten ist. Auch die hohen Fenster haben die Bombennacht überstanden.

Durch diese Tür ist sie viele Jahre lang täglich hinein- und hinausgegangen. Heute steht sie davor, ein Schatten und doch schön angetan, als ginge sie zu einer Opernaufführung der Maifestspiele.

Sie spürt, wie der Wind an ihrem Haar zerrt, den Mantel um ihren Körper weht. Die Kälte spürt sie nicht. Sie tritt noch ein paar Schritte näher, berührt die Eingangstür mit der Hand, ganz sacht nur, als hätte sie Furcht, dem beschädigten Gebäude Schmerzen zuzufügen. »Leb wohl …«, sagt sie leise und streicht mit der Hand über das alte Holz. »Leb wohl …«

Dann dreht sie sich um und sucht sich ihren Weg über den Schutt hinüber zum Café Engel. Als sie vor dem Eingang erscheint, reißt Addi die mit Brettern geflickte Tür auf. Er schaut sie an, als sähe er ein Gespenst.

»Mein Gott …«, flüstert er und greift sich mit der Hand an die Brust. Mehr bringt er nicht zustande. Doch gleich darauf drängt sich die Else an ihm vorbei und fasst Julia bei den Händen.

»Zu Eis gefroren«, stellt sie fest. »Gut, dass wir gerade einen heißen Tee gekocht haben. Rein mit Ihnen. An den warmen Ofen.«

Als Julia zitternd vor Kälte neben dem Ofen sitzt, eine warme Wolldecke um die Schultern, müssen Hilde und Else den verzweifelten Addi beruhigen.

»Wer soll sie denn erkannt haben? Ist doch jeder mit sich selber beschäftigt.«

HEINZ

Kriegsgefangenenlager Attichy, Frankreich. April 1945

Es regnet. Eintöniges Rauschen und Tröpfeln auf dem Zeltdach, an mehreren Stellen ist der Stoff undicht, sie haben Blechdosen aufgestellt, damit das Stroh, auf dem sie liegen, nicht nass wird. Es ist eng, sie liegen wie die Heringe, das Zelt ist für dreißig Mann gedacht, sie sind aber fünfzig. Gestern ist ein Transport mit Versehrten angekommen, Krüppel, denen ein Arm oder ein Fuß fehlt, die aber keinen Anspruch auf das Krankenzelt haben, weil ihr Leiden nicht akut ist. Heinz Koch hat eine seiner beiden Decken zusammengerollt unter dem Kopf, die andere über den Körper gebreitet. Es ist kalt und feucht, die Stimmung bedrückt. Im Zelt wird kaum geredet, nur hinten beim Eingang hocken vier Männer beieinander und spielen Doppelkopf gegen die Depression, die alle erfasst hat. Vorhin hat einer erzählt, dass Mainz, Frankfurt und Wiesbaden längst von den Amerikanern eingenommen seien. Alles läge in Trümmern, und die wenigen Häuser, die heil geblieben wären, hätten die Amis beschlagnahmt.

»Und was ist mit den Bewohnern? Müssen die sich in eine Dachkammer verkriechen?«

»Die werfen sie raus«, kommt zur Antwort. »Die müssen sich in den Ruinen irgendwie einrichten …«

Heinz hat nicht weitergefragt, weil ihm klar wurde, dass der Mann es darauf anlegt, Schrecken zu verbreiten. Man muss ihm nicht alles glauben. Aber dass es mit Deutschland zu Ende geht, ist offensichtlich; alle wissen es. Einerseits ist es gut so, weil die Bombenangriffe endlich aufhören. Und weil man die irrwitzige Herrschaft der Nazis loswird, das vor allem, mit denen hat Heinz Koch sich nie anfreunden können. Auf der anderen Seite weiß man nicht, was die Sieger mit den Deutschen vorhaben. Wird es eine Chance auf einen neuen Anfang geben? So, wie es nach dem letzten Krieg gewesen ist? Mit vielen Rückschlägen, mit Inflation, Arbeitslosigkeit und Hunger – aber irgendwie haben sie es geschafft, seine Else und er. Ach, aber wenn all seine Lieben tot unter dem Schutt des zerbombten Hauses liegen – wie soll er dann überhaupt an so etwas wie Neuanfang denken? Der junge Soldat links neben ihm hustet. Als Heinz zu ihm hinschaut, dreht er sich schnell weg. Aber Heinz hat doch sein rotes Gesicht und die tränenverquollenen Augen gesehen. Ein Mann weint nicht, deshalb hat er sein Schluchzen als Husten getarnt.

»Abwarten«, sagt Heinz leise und fasst seinen Arm. »Wer weiß, ob das stimmt. Der kann uns viel erzählen.«

Der junge Soldat heißt Anton Stammler, ist Orgelbauer und kommt aus Augsburg. Er wischt sich mit dem Ärmel übers Gesicht und nickt.

»Die Hoffnung stirbt zuletzt, wie?«, meint er mit schiefem Grinsen.

»Die Hoffnung stirbt niemals«, gibt Heinz im Ton fester Überzeugung zurück. »Die können sie uns nicht nehmen.«

Es scheint den jungen Mann ein wenig aufzurichten, er tut einen tiefen Seufzer, legt einen Arm unter den Kopf und schließt die Augen. Gestern haben sie sich lange über den Orgelbau unterhalten, über die schöne Orgel in der Wiesbadener Marktkirche, die Anton noch nie gespielt hat. Über das Theater, die Maifestspiele. Richard Strauss, den Anton heiß verehrt. Und über das Café Engel, das jetzt vermutlich nur noch ein Haufen Schutt ist. Heinz muss sich zusammenreißen, um nicht seinerseits das heulende Elend zu bekommen. Wie glücklich sind sie doch gewesen und wussten es nicht. Seine Else und er, die Kinder, das Café Engel. Ein kleines Paradies ist das gewesen. Und jetzt? Die Söhne irgendwo im Osten, er weiß gar nicht, ob sie noch am Leben sind. Die Else und die Hilde vielleicht von Bomben erschlagen. Das Haus zerstört …

Er kneift die Augen zusammen und schämt sich, dass ihm jetzt doch die Tränen kommen. Dabei ist er schon über fünfzig, gehört zu den Ältesten hier im Zelt. Es muss an dem tristen Regenwetter liegen, das schlägt aufs Gemüt. Er zwingt sich, an etwas anderes zu denken. Seine Frau Else fällt ihm ein. Wie gefasst sie gewesen ist, als er den Einberufungsbefehl erhalten hat. Und er hat solch dummes Zeug geredet.

»Wie schaut das denn aus?«, hat er kopfschüttelnd gerufen. »Einundfünfzig Jahre und noch Leutnant!«

Den Offiziersrang hat er im letzten Krieg erworben, den hat er von Anfang bis Ende mitgemacht. Damals war er vierundzwanzig, da war der Leutnant ganz in Ordnung.

»Ist das deine einzige Sorge?«, hat die Else gesagt und verzweifelt den Kopf geschüttelt. »Dass du nicht als General, sondern nur als Leutnant ins Feld musst?«

»Natürlich nicht!«

Erst da wurde ihm klar, wie lächerlich das militärische Denken geworden ist, das man ihnen damals eingebläut hat. Er nahm seine Else in die Arme und drückte sie fest an sein Herz.

»Ich komm ja wieder, Elschen. Hab es noch immer geschafft, und ich schaffe es auch diesmal. Pass mir nur gut auf die Hilde auf. Und auf das Café.«

Die Else ist ihm immer eine gute Frau gewesen. Je größer die Not, desto stärker ist sie geworden, hat ihm zur Seite gestanden, alles mitgemacht, zu zweit haben sie die Welt aus den Angeln gehoben. Und auch an diesem Tag hat sie sich die Tränen verkniffen, weil sie ihm das Herz nicht schwer machen wollte. Stattdessen ging sie, um seinen Rucksack zu packen. Wäsche zum Wechseln. Socken. Eine warme lange Unterhose. Rasierzeug. Seife. Essbesteck. Zigarren und Tabak. Eine dicke Salami und ein Stück Räucherschinken. Sandkuchen. Er selbst hat noch ein Heft und einen Bleistift eingesteckt. Das Feuerzeug, das Hilde ihm mal geschenkt hat. Einen kleinen Kompass aus Messing. Der Rucksack platzte aus allen Nähten.

Es schneite kleine eisige Flöckchen, als er am frühen Morgen zur Sammelstelle losging. Else und Hilde standen oben am Fenster, der Addi und die Künzel haben im Flur von ihm Abschied genommen, auch die kleine Wemhöner war dabei, und er hat sie noch einmal in den Arm genommen.

»Wird schon, Mädel«, hat er ihr ins Ohr gesagt. »Kann nicht mehr lange dauern. Durchhalten.«

Dann heulten die Sirenen plötzlich los. Fliegerangriff im Morgengrauen, das sind die Amis. Die Engländer bomben nur in der Nacht. Heinz lief durch die leeren Straßen, es fielen Bomben im Westen, da liegt Dotzheim. In Bierstadt und Amöneburg hat es schon schwere Schäden gegeben, das Landeshaus und andere Gebäude sind böse getroffen worden. Keine Nacht ohne Angst vor dem fliegenden Tod. Im Juli haben sie das Café endgültig schließen müssen, auch im Theater gab es keine Aufführungen mehr, nur ein oder zwei Kinos spielten noch die neuesten Filme der UfA. Mittlerweile haben sogar die zugemacht. Wegen der Bomben.

An der Sammelstelle beim Rathaus traf er mehrere Bekannte, die meisten in seinem Alter, gute Kunden im Café Engel, er hat sie oft im Smoking gesehen, wenn sie mit Gattin oder Freundin nach der Theateraufführung noch bei ihm einkehrten. Jetzt bekamen sie alle Wehrmachtsuniformen verpasst, Stiefel waren keine passenden da, sie behielten ihre eigenen Schuhe an. Später kriegten sie eine kurze Einweisung in den Umgang mit dem Maschinengewehr, und schon am nächsten Morgen ging es zum Bahnhof Richtung Westen. Wahrscheinlich Elsass, dort sollten heftige Kämpfe im Gang sein, so hieß es. Heinz Koch hockte bei den Kameraden im Zugabteil und schaute den entschwindenden Häusern seiner Heimatstadt nach. Sie kam ihm grau und traurig vor in diesen Dezembertagen, die Wälder ringsum winterkahl, für einen Moment konnte er die griechische Kapelle sehen, ein goldener Fleck im tristen schwarzen Gehölz. Die Industriewerke Kalle und Albert sind kaputt, auch in Biebrich liegen Produktionsanlagen in Trümmern, und die gläserne Decke der Bahnhofshalle hat ein riesiges, zackiges Loch.

Sein Kriegseinsatz in der Nähe von Zweibrücken war nur kurz, weil die Wehrmacht den Standort räumen und sich zurückziehen musste. Auf dem Weg zu seiner Einheit geriet er gemeinsam mit elf Kameraden in einen Hinterhalt und wurde von französischen Soldaten gefangengenommen. Sie ergaben sich auf der Stelle; keiner von ihnen hatte Lust, für eine längst verlorene Sache sein Leben zu riskieren. Nicht einmal die jüngeren unter den Kameraden. Sie sind ganz zufrieden, Kriegsgefangene zu sein, denn so haben sie Anspruch auf eine anständige, einigermaßen ehrenvolle Behandlung. Zumindest hier in Frankreich, wo die westlichen Alliierten das Sagen haben. An die armen Kerle, die drüben im Osten in Gefangenschaft geraten, will er besser nicht denken. Willi und August, die beiden Söhne, haben sich zuletzt aus Rumänien gemeldet. August ist fünfundzwanzig, der Willi gerade einmal dreiundzwanzig. Gott schütze sie.

Die französischen Soldaten trieben sie mit vorgehaltener Waffe zu einem alten Schuppen, wo nach einer Weile ein amerikanisches Armeefahrzeug hielt. Man pferchte sie mit anderen Kriegsgefangenen zusammen in den Laderaum, es war kein Platz, um sich hinzusetzen, sie mussten sich aneinander festhalten, wenn es in die Kurven ging. Die Fahrt dauerte stundenlang, Heinz war vollkommen erschöpft, als sie endlich aussteigen durften. Die Nacht verbrachten sie in der ungeheizten Halle eines Kohlenlagers, Decken gab es keine, sie suchten sich alte Kisten, um sich vor der Bodenkälte zu schützen. Es war Ende Januar, die Temperaturen lagen um den Gefrierpunkt. Am Morgen durften sie ein Feuer machen und Kaffee in Blechdosen kochen. Zu essen gab es trockenes Weißbrot. Heinz hatte so klamme Finger, dass ihm das Brot auf den Boden fiel. Ein Kamerad hob es auf und reichte es ihm. Er gab ihm die Hälfte ab, die der junge Kerl sofort verschlang. Heinz spürte alle Knochen, er hat schon jahrelang Rheuma in Knien und in der Hüfte – jetzt feierte der Schmerz ...

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