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CORONA - Lasst sie sterben, wo sie sind!

Buch

Sommer 2020: die Corona-Lockerungen spalten die Gesellschaft. Die Kanzlerin ärgert sich intern voller Sorge über den Virus-Irrsinn, den Donald täglich aus dem Weißen Haus über den Globus twittert. Während ihre geheimnisumwitterte Vertraute M. wegen der konstanten Beliebtheit des bayerischen Ministerpräsidenten finster drauf ist. Im Provinzkaff Heiligbrück hadert der abgehalfterte Reporter Sepp Teufel mit seinen Gefühlen zur ruppigen Kriminalkommissarin Karola Honigmann. Da spuckt der Fluss eine Mädchenleiche ins Morgengrauen. Im hauchzarten Negligé. Erfüllt sich der Fluch der Weißen Frau nach der alten Legende? Oder ist eine makabre Geistersexorgie hinter einer Biedermannfassade im Villenviertel aus dem Ruder gelaufen? Der Oberbürgermeister und seine Amigos sind nervös. Derweil in Heiligbrück Mordlust ausbricht. Nur dem Pathologen fehlen Leichen im Keller. Spuren führen Teufel und Honigmann im gegenseitigen Wettkampf ins Rathaus und zur Beautyklinik Elysion, in ein Labyrinth von kleinstädtischen Machtspielen, Eifersüchteleien, Drogen- und Jugendwahn. Im Kanzleramt geht Verrat in eigenen Reihen um. M sieht ihre Stunde gekommen, die drohende Kandidatur des Bayern zu hintertreiben. Die letzte Botschaft einer sterbenden alten Frau lässt Teufel das politische Ausmaß des Wespennests ahnen, in dem er stochert. Im unguten Gefühl, dass er benutzt wird.

Ort, Personen und Handlung sind frei erfunden. Sind Personen nicht frei erfunden, sind es ihre Handlungen. Eigentlich.

Mit den Sommernebeln in den Auen steigt die Weiße Frau aus dem Fluss und bringt das Böse über Heiligbrück.

Sagt die Legende.

1

Tanzende Lichter hatten ihn aufgeschreckt. Sie kamen den Burgfelsen herunter. Schemen in der vollmondklaren Nacht. Hinter ihnen reckte sich die mächtige Silhouette des Berings. Sie kratzte an der Scheibe des Erdtrabanten, als wollte sie das blassgelbe Licht am Himmel ausknipsen und das gespenstische Treiben unter sich in schwarze Nacht hüllen.

Er konnte seine Atemstöße nicht beruhigen, und seine Herzschläge klopften an die Totenstille um ihn herum, so laut, dass er befürchtete sie würden ihn gleich verraten, weil die sie auch hören mussten. Er sah die Lichter hin und her tanzen, und in deren Schein sah er sie, weiße Gestalten! Geister mussten sie sein, die aus dem Turm gekommen waren, wo der Fluch seinen Anfang genommen hatte. Jetzt, auf halbem Weg zur unteren alten Ruine blieben sie stehen, standen unbeweglich mit gesenkten Köpfen da. Stimmen wehten als dumpfes Murmeln ins stockfinstere Unterholz zu ihm runter. Als würden sie beschwören was zu ihren Füßen lag. Er konnte nicht erkennen was es war, bis sie es aufhoben. Ein lebloser Körper tauchte im Schein der tanzenden Lichter auf, als sie ihn zum Turm hinauftrugen. Langes offenes Haar berührte fast den Boden.

Hastig machte er sich auf den Weg abwärts, leuchtete mit seiner Taschenlampe vor sich her. Er kannte hier jeden Stein. Als er endlich die Lichtung mit seiner Behausung erreicht hatte, beruhigte sich langsam sein Herzschlag. Früher waren hier unten auf dem Campingplatz weiter hinten über dem Fluss viele andere Menschen gewesen. Einige hatten ihn besucht, für Beeren, Kräuter, Schwammerl gespendet. Er hatte sie zu selbstgebranntem Obstler eingeladen und ihnen von der alten Legende erzählt. Sie hatten gelacht, gemeint sie hätten das Schauspiel oben auf der Ruine und den vorletzten Akt mit der Ertränkungsszene unten am Fluss schon gesehen. Sie hielten den Fluch der Weißen Frau nur für eine unterhaltsame Laienaufführung. Die Camper waren längst verschwunden, danach andere Menschen angekommen. Man hatte sie in Bussen gebracht und einen Drahtzaun um sie herumgezogen. Von denen hatte ihn niemand mehr besucht. Er hatte beobachtet, dass sie sich außerhalb des Zauns nicht frei bewegen durften. Wer sich entfernte wurde zurückgeholt und wieder hinter den Zaun gebracht. Sie hatten friedlich, nur verängstigt gewirkt. Aber warum waren sie dann eingesperrt? Menschen, die Schlimmes getan hatten wurden eingesperrt. Dann waren sie nach und nach alle weggebracht worden. Dort unten in den Auen war seitdem nur noch er. Bis auf die Woche alljährlich im Juli. Er verabscheute und fürchtete den Frevel, mit dem dumme Menschen aus der Stadt die Weiße Frau verhöhnten, sie ihren Zorn noch anstacheln mussten. Erst recht, seit sie die blutjunge Darstellerin in aufreizender Nachtwäsche schamlos durch die Ruine geistern ließen. Vergangenes Jahr hatte die Weiße Frau ihr eine Warnung geschickt, aber alle hatten sie in den Wind geschlagen. Polizisten hatten ihn vernommen, weil sie ihn verdächtigten. Auch sie verstanden nichts. Dieses Jahr hatte die Weiße Frau eine Seuche über Stadt und Land geschickt, und die Städter hatten ihr dummes Volksfest nicht aufführen können. Aber immer noch nicht wollten sie die Zeichen verstehen und damit aufhören.

In dieser Nacht stieg die Weiße Frau aus dem Fluss und suchte ihn in einem Albtraum heim.

Am Nachmittag kamen die drei Hexen und verkosteten seinen neuen magenfreundlichen Kräuterschnaps. Er erzählte ihnen, was er gesehen und geträumt hatte. Sie beruhigten ihn. Sie könnten die Geister bannen. Die Nacht brach ein Unwetter über die Auen herein, und er dachte die Hexen wären am Werk und würden die Geister austreiben. Er hörte die Auen leiden, und den Fluss sich aufbäumen. Er hatte keine Angst vor Unwettern. Nur vor Sommernebeln, wenn sie aus dem Fluss krochen. Die Weiße Frau erschien ihm nicht diese Nacht. Die Hexen hatten Wort gehalten. Am Morgen war er früh um fünf wach wie immer und lauschte der Ruhe nach dem Sturm. Der hatte aufgehört, Bäume und Fluss zu quälen. Wie gewohnt machte er sich auf den Weg, um sich zu waschen. Das kalte fließende Wasser machte frisch. Aus den Bäumen war kein Vogel zu hören. Er trat aus der Totenstille an den Rand der Böschung…

Nebel war unten aus dem Fluss gestiegen und waberte über die breite Flutmulde und etwas, das dort unten ausgebreitet im Kies lag. Der anbrechende Tag holte seinen Albtraum fleischgeworden aus der gnädigen Nacht ins Morgengrauen, während die Sonne über dem Fluss aufstieg. Wie bleiche Finger griffen Nebelfetzen nach der Weißen Frau dort unten, als wollten sie die in ihr nasses Grab zurückholen. Auf dreckigbraunen Wellen tanzten Schaumkronen. Mehr Nebelschwaden krochen aus den kalten Fluten und folgten lautlos den anderen...

Durch mein gekipptes Badezimmerfenster linste halb neun ein Fetzen blauer Himmel und versprach mir für diesen 18. Juli einen schönen Samstag. Wie sollte ich ahnen, dass der Himmel mich verarschte? Wäre ich abergläubisch, hätte ich die sich auskotzende Nacht als düsteres Omen sehen können. Am Abend waren finstere Wolken in Bewegung geraten und auf meine Terrasse zugezogen. Vereinzelt waren Vögel unter ihnen weggesaust. Wer konnte, war auf der Flucht. Eine gewaltige finstere Wolke hatte über mir angehalten, drohend wie das Mutterschiff der Aliens in Independence Day. Ich hatte mein halbvolles Weißbierglas gepackt, mich nach drinnen gerettet und von meiner butterblumengelben Couch durchs große Schaufenster verfolgt wie Sturmtief Isolde meiner kleinen Welt draußen den schwarzen Mantel anzog. Großes Heimkino. Dem Himmel war die finstere Wolke zur Sintflut gebrochen. Der Gulli auf meiner Terrasse war am Ersaufen gewesen und hatte am Limit gegurgelt. Ich hatte die Bäume weinen gehört, als Böen ihr Geäst vergewaltigten, der Sturm seine Wut ausließ, die Baumwipfel krumm geißelte, sie kurz aufstehen ließ und wieder zuschlug, sie sich ihm immer wieder ächzend beugten, im vom Sturm gepeitschten Regen verzweifelt um ihr Leben kämpfend.

That long black cloud is comin' down. I feel like I'm knockin' on heaven's door. Knock, knock, knockin' on heaven's door. Knock, knock, knockin' on heaven's door.

Als ich früh aufgewacht war, war der Spuk vorbei. Die Regionalnachrichten hatten mir gesagt, dass im Umland Feuerwehren noch im Einsatz gegen entwurzelte Bäume waren, gegen auf Straßen gewirbelte Äste und Dachziegel. Die Bäume auf der grünen Oase vor meiner Terrasse hatten mehr oder weniger gerupft überlebt.

Ich ließ Prinzessin Leia mit meinen Boxershorts auf die Knöchel sinken und pflanzte mich mit einem wohligen Seufzer auf Villeroy & Boch. Während ich es mir gemütlich machte, schüttelte ich die lose eingelegte Werbung aus der Wochenendausgabe der Heiligbrücker Zeitung auf den auf eigene Kosten wie die Wände anthrazit gefliesten Boden. Meine Farbgebung wirkte zwar edel, ließ das Bad aber noch kleiner erscheinen, und wie ein Krematorium, wenn ich schlecht drauf war. An diesem Morgen war ich so schlecht nicht drauf, nicht mal bei dem Gedanken, dass das Haus um mich rum rosa gestrichen war, und nachhaltig so bleiben würde.

„Ein Puff, oder wohnen da die Teletubbies, was meinst?“

Hatte ich bei meinem Einzug einen Möbelpacker dem anderen zuraunen hören und sie angegrinst. Weil ich ins Paradies einzog. 73 Quadratmeter Wohnung für 698 Euro warm, dazu an der Rückseite eine Terrasse mit Blick auf eine von Büschen und Bäumen eingesäumte Wiese, groß wie ein Fußballfeld. Die nicht bebaut werden durfte. Unter der Bedingung hatte Witwe Amelia Lohrengel das Grundstück mit ihrem Vermögen der Stadt vermacht. Achtzehn Millionen Mark, wofür sie noch darauf bestanden hatte, dass die Sackgasse von der Hauptstraße zu ihrem Haus posthum nach ihr benannt werden musste. Ich hatte nicht mal Nachbarn am Amelia Lohrengel Weg 1. Nummer 2 gab es nicht. Die Hauptstraße lief um das gesamte Grundstück weitläufig herum, war hinten jenseits der großen Wiese mehr zu ahnen als zu sehen und zu hören. In der Hauptstadt hätte ich das alles nicht fürs Dreifache gekriegt. Weshalb ich den rosa Anstrich verkraften konnte. Er war die Rache des Juniors an seiner verstorbenen Mutter, die ihn nur mit dem Pflichtteil bedacht hatte, wozu auch die Immobilie gehörte. Vom Großteil des Millionenvermögens hatte die Mutter den Sohn enterbt, weil er sich gegen seine, nach ihrer Überzeugung widernatürliche Veranlagung nicht behandeln lassen wollte. Da dankte ich wem auch immer für meine Mutter. Sein Erbe reichte dem Sohn, sich mit 39 nur noch nach Lust und Laune als Immobilienmakler beruflich zu betätigen. Als erstes hatte er sein ererbtes Haus rosa eingetüncht und seinen Mietern klargemacht das würde so bleiben. Georg, sein Liebster wohnte über mir. Seine klammernde Nähe hatte Jens Lohrengel, der sich gern J. Lo. abkürzte aus dessen Wohnung im eigenen Haus getrieben. Weshalb das Erdgeschossschnäppchen im Vierparteienhaus für mich frei geworden war. In einer der zwei kleineren Wohnungen über mir und Georg Brunnhuber trieb Hans Todtenhaupt sein Unwesen, auf die 70 zugehend und getrieben von überschwenglicher sexueller Lust, erst ausgebremst von Covid-19-Kontaktsperre. Der abgetakelte Seemann befand sich in Dauerfehde mit seiner jungen streitbaren Wohnungsnachbarin, der leicht ordinären muslimischen Studentin. Ayala Remircan schaute alte PussyTerror TV-Folgen aus der Mediathek und lebte, Allah sei uns allen gnädig, mit einer hundsgemeinen Psychokatze zusammen.

Eines der losen Werbeblätter zu meinen Füßen lockte mit einem Energydrink, womit ich mich wie neu geboren fühlen würde. So gut war ich nun auch wieder nicht drauf. Meine Lebenslust war ein zartes Pflänzchen und wuchs nicht in den Himmel. Ich wollte nicht neu geboren werden. Nicht in dieser Zeit in dieser Welt. Die verlockte mich zwischendurch eher dazu sie hinter mich zu bringen. Ich erwischte mich wieder dabei, dass ich Issis Attacken auf meine morgendliche Zuflucht vermisste. Klopfen, dreimal, zwanghaft wie Sheldon Cooper in the big bang theorie.

„Meiner, was treibst du wieder ewig da drin?“

„Ich geb eine Morgenteegesellschaft!“

Sie hatte nie verstanden warum Mann mit nackertem Arsch gern auf einer Schüssel hockte und in einsamer Ruhe friedlich erledigen wollte was früh so anstand. Zeitung durchlesen. Und Entscheidungen für den Tag treffen wie: „Meine Zehennägel kann ich auch morgen noch schneiden." Was vorher sorgfältige Betrachtung erforderte. Ein falscher Entschluss bohrte Löcher in Socken. Ich hatte Issi mal zu erklären versucht, dass ich in der Früh durch Nichtreden auf dem Klo Zeit rausholen musste, weil ich die am Tag zum Nachdenken brauchte. Sie hatte die linke Augenbraue hochgezogen, und ich ihr ansehen können, dass sie an meinem Verstand zweifelte. Was sie mir verbal bestätigt hatte.

„Du sagst Sätze, die machen überhaupt keinen Sinn. Manchmal denke ich du wirst irre.“

„She came to me one morning…”

Ich duschte mit Lady in Black und erledigte nebenbei lustlos, aber routiniert aufkommende Morgengeilheit, drehte danach entspannt zwei sanfte Runden am Schuffelbaum. Den hatte ich mir letzten November zu meinem 55. Geburtstag schreinern lassen. Aus harter Buche, gut zwei Meter hoch, ummantelt mit grünen Gumminoppen und auf der filzgepolsterten Stahlplatte verankert, damit er nicht umfiel und den Teufel Sepp erschlug.

„Hältst du dir einen Tiger, min Jung?“

Hans hatte mich erwischt, als ich den Kratzbaum aus dem Auto gehievt hatte. Der Tiger war ich. Niemand kratzte eine Beziehungsleiche an unzugänglichen Stellen, wenn´s juckte. Ich hatte es mit handelsüblicher Plastikhand versucht. Als würde ich mein Kreuz mit meiner eigenen Prothese häuten.

Aus dem Spiegel schaute ein anderer raus als rein. Mein wahres Ich. Nicht das Bild, das ich noch von Sepp Teufel sehen wollte und gesehen hatte, bis meine Konturen zur schwammigen Masse verblassten. Auch Figur hatte sich unter Hüft- und Bauchspeck verkrochen. An ihre 170 Zentimeter drängelten sich gut 90 Kilo. Die Erfolgsspur verlief neben mir. Ich kam nicht mehr drauf, mir fehlte was zählte: Die Hochglanzverpackung. Nicht jung, nicht schön, ein Asozialer in Heidi Klumworld. Wo nicht mehr bloß jeder Arsch sexy zu sein hatte, auch das Scheißpapier, das dann durch Corona auch noch Sammlerwert und Kultstatus erhielt. Ich erinnerte mich an eine Deowerbung für Männer, an ausrastende Weiber, die einem nach Benutzung auf offener Straße die Klamotten runter zu reißen drohten. Dabei zeterten wie eine Horde geiler Paviane. Was mich anging war die Gefahr inzwischen überschaubar.

„Ich kenn dich nicht, aber ich rasier dich trotzdem.“

Ich war schon origineller gewesen. Mein Grinsen kam schlaff zurück. Wie ich meine dünnen dunkelblonden Haare kämmte war egal. Vorne wand sich ein Wirbel, der meinen Scheitel mittig bestimmte. Der kleine Sepp hatte seiner Mama geglaubt, dass ihm der Teufel über der Stirn raus wuchs.

Die Kaffeemaschine in der Küche röchelte kalkig, und ich sprach sie gehässig darauf an.

„Gut. Besorg´s dir selber. Muss ich auch.“

Ich frühstückte eine Schinkensemmel und zwei gewollt weichgekochte Eier, die ich hart nehmen musste. Nach einem Haferl Kaffee dazu trieb mich wieder die unbändige Lust auf eine Zigarette um. Gottseidank erfolglos durchsuchte ich die Wohnung, ob nicht doch noch ein paar versteckte Sargnägel rumlagen. Ich war seit über drei Monaten clean. Online hatten sie warum auch immer coronabedingt keine Zigaretten mehr geliefert, dann fand ich gar kein freies Lieferfenster mehr für irgendwas. Im Supermarkt waren die Zigarettenautomaten dauernd leer, kleine Tabakwarenläden hatten ganz dicht. Nur Tankstellen waren noch auch mit Zigaretten bestückt. Mir wurde es zu deppert, sodass ich von einem Tag auf den anderen ganz aufhörte. Und immer noch gegen die Sucht kämpfte.

Schließlich hatte ich mich für die Welt da draußen fertig gemacht, mit schwarzen Jeans über den Boxershorts mit Obiwan Kenobi und gelbem T-Shirt über nackter Haut. Für alle Fälle zog ich drüber meine dünne grüne wasserabweisende Polyesterjacke.

Die gottweißwievielte Eiszeit in der Beziehungskiste zwischen Georg und Tschälo war gerade wieder aufgetaut. Sagte mir draußen der braune Jaguar neben dem roten Porsche. Wenn´s über mir drinnen in der Kiste abgegangen war, dann ohne Gedöns. Das rosa Haus war hellhörig.

In Vorfreude auf Schwammerl, Schnaps und Schwätzchen mit Heiligbrücks letztem Freigeist steuerte ich den Frosch knapp zwei Kilometer stadtauswärts, durch die geteerte Schlucht zwischen den Reihen vierstöckiger alter Wohnblöcke. In grindige Ockerfarbe getaucht, mit grünen Fensterläden, endlos scheinend, nur unterbrochen durch schmale Seitenstraßen. Früher die Eisenbahnersiedlung. In den Sechzigern hatte die Deutsche Bundesbahn die Häuser für ihre Bediensteten bauen lassen. Jetzt brauchte man einen Berechtigungsschein vom Wohnungsamt für die lang gestreckten Wohnbatterien. Hinter dem Fassadendünnschiss war ein Haufen Armut fernab der polierten City ausgelagert. Von einem Supermarkt leuchtete ein rotbäckiger Apfel als Smilie durch die Trostlosigkeit. Armsein war lustig. Auch der Schriftzug um den feixenden Apfel: HKl I für ALG II. Heiligbrücks erster AsO-Markt. Die Betreiber hatten das Kürzel für Langzeitarbeitslose und Obdachlose von ihrer PR-Agentur kreieren lassen, einprägsam, genial und hinterhältig in seiner Schlichtheit. Die Assoziation zu asozial drängte sich buchstäblich auf. Der Stadtrat hatte mit schwarzer Mehrheit den ansässigen Discounterbossen den AsO-Markt als gemeinsames Pilotprojekt genehmigt, und damit machten jetzt alle ein Geschäft mit der Armut außer die Armen. Die Supermärkte verramschten ihren gesamten Ausschuss über die AsO-Tochter und setzten ihn als Minusgeschäft auch noch von der Steuer ab. Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum, die an AsOs verramscht wurden, Fleisch-, Wurst- und Schinkenpakete zu einem Euro das Kilo aus der »Salmonellenkiste«, wie die Kundschaft das Angebot in den Kühltruhen mit bitterer Dankbarkeit auszeichnete. Hämer sprachen von gezielter Ausrottung der Armut durch legalisiertes Gammelfleisch. Die Discounterketten sparten jeden Monat fünfstellige Summen an Abfallgebühren, und als Gesellschafter des AsO-Markts kassierten sie nochmal Zigtausende an Subventionen aus dem Sozialtopf. Als Einkaufsberechtigung galt ein ALGII-Ausweis mit digitalem Fingerabdruck, der an der Kasse gescannt und sofort über ein Register des Amtes für soziale Sicherung auf Berechtigung geprüft wurde. Ein Pilotprojekt zur möglichen bundesweiten Einführung. Datenschutzbeauftragte begrüßten es, dass die Ärmsten vorrangig mit Hightech bedient wurden, und so garantiert wurde, dass auch nur beglaubigte Bedürftige einkauften, sich keine Gutverdiener einschleichen konnten, oder gar gelangweilte Schickerias AsOprodukte als hippen neuen Partytrend entdeckten und die Armenmärkte der Schicki-Micki-Szene einverleibten. Am Ende der Schlucht reckte sich links vor mir Heiligbrücks einziges Hochhaus. Damit ließ ich die geballte Armut hinter mir.

Am Fluss angekommen musste ich ihn noch einen Kilometer begleiten, bis ich mit ihm in den alteingesessenen Wohlstand des Villenviertels einbog, wo man Hartz IV partiell noch für den Spross einer Dynastie in vierter Generation hielt. Geld fühlte sich traditionell zu Flussnähe hingezogen, während die Ärmeren und Ärmsten sich auf beiden Seiten stetig von seinen Ufern entfernten. Das war immer so. Doch der Tod schlich durch Heiligbrücks sich abschirmende heile Welt. >Zum Verkauf. For sale<. Ein halbes Dutzend Schilder zählte ich nur im Vorbeifahren. Das Flüchtlingscamp gegenüber in den Auen hatte nur ein Jahr als Sündenbock für die Wertminderung der Ladenhüter hergehalten. Der gewachsene Wohlstand lag schon vorher unter künstlicher Beatmung. Globale Finanzkrise, Eurokrise, und auch der Generationswechsel funktionierte nicht so, wie ihn sich die Alten vorstellten. Die Jungen wollten die klotzigen alten Villen und die immensen Unterhaltskosten nicht nachhaltig erben. Ich bog auf die Brücke zu den Flussauen rüber ab. Schon im frühen Mittelalter hatte eine über den Fluss geführt, wo es seit 1904 wieder eine gab. In den letzten Kriegstagen 1945 war sie gesprengt, bis 1949 originalgetreu wiederaufgebaut worden. Inzwischen stand sie unter Denkmalschutz. Drüben führte mich die Gabelung des befahrbaren Waldwegs links zur Lichtung vom Hotzenplotz. Er war nicht da. Lichtung und Bauwagen kamen mir seltsam verlassen vor, irgendwie endgültig. Ich machte mich zu Fuss auf die Suche Richtung Fluss runter, und zum ersten Mal an diesem Tag beschlich mich ein mulmiges Gefühl…

Sie waren zur Leichenschau über die Brücke gekommen, zuerst die Polizeimeister Sarah Dillinger und Lorenz Diewald im Streifenwagen von der Polizeiinspektion 14, zehn Minuten danach im schwarzen Audi A 6 Hauptkommissarin Karola Honigmann, Leiterin vom K 11 in der Polizeidirektion, gefolgt von vier Spusis im kultigen blauen Bulli, dem ältesten Hobel der Heiligbrücker Tatort-Ermittler, zuletzt wie der Silberstreifen am Horizont Heiligbrücks forensischer Chefpathologe Dr. Mark Forster im metallic glänzenden Mercedes SUV. Er hieß tatsächlich wie der berühmtere deutsche Barde. Ob er seinen Leichen ein Aurevoir sang, war nicht bekannt. Aber, dass er in seinem Keller eine schräge Leidenschaft für tote Mägen entwickelt hatte, weswegen KHK Honigmann ihn schon mal gerne eine perverse Kellerassel schimpfte.

Dillinger und Diewald als Vortrupp hatten zweimal aussteigen müssen, den sonst gut befahrbaren Waldweg von Geäst und einem umgestürzten Baum freiräumen. Am ehemaligen Campingplatz hatten sie alle nacheinander ihre Wagen geparkt, waren zu Fuß weiter. Das Ende des Waldwegs verengte sich zu einem schmalen Schluf und schnitt nach unten tief in die Böschung ein, mehr flach als steil abfallend bis runter zur Flutmulde, aber rutschig von nassem Laub. In der Nacht vorher hatte eine gewaltige schwarze Wolkenfront wie aus dem Nichts den Himmel überfallen, seine Sterne gefressen und sich über Heiligbrück und Umland ausgekotzt, als gäb´s kein morgen mehr. Einem der Spusis war ein lautes „Kreizkruzefix“ ausgekommen, als er sich mitten im Schluf mit seinem Utensilienkoffer an der Hand auf den Arsch gesetzt hatte.

KHK Honigmann hatte die schwarze Bucketmütze über der schwarzen Schutzmaske abgenommen, wie sie es immer tat im Angesicht des Todes. Der lederne Anglerhut war ihr Markenzeichen geworden. Ihren pechschwarzen Pagenschnitt darunter trug sie frisiert wie Prinz Eisenherz aus dem Comic. Ihre Augen waren von einem so saftigen Wiesengrün, dass man gesunde Kühe drin weiden lassen wollte. Aber KHK Honigmann vermittelte weder Idylle, Harmonie, oder gar Liebreiz. Sie war nicht darum bemüht, als Darling wahrgenommen zu werden. Einige unterstellten ihr sie ließe ihren Männerfrust seit ihrer Scheidung vor vier Jahren an ihnen aus. Ihre Töchter sah sie nur selten. Die eine lebte in Paris, die andere in Dublin. Geblieben war ihr der irische Wolfshund. Mit dem war sie aus der Stadt raus in einen umgebauten Pferdestall gezogen. Der Hund hieß Hund. Das rauhaarige schwarze Riesenvieh begleitete Frauchen auch ins Büro, musste nur Tatorten fern und im Auto bleiben. Niemand in der PD hatte Hund je knurren oder gar bellen gehört. Einige Kollegen flüsterten grinsend Hund könnte nicht knurren und bellen, weil er ein Rabe war. Der Frauchen zuhause in ihrem Pferdestall auf der Schulter hockte, während die finster in einem großen befeuerten Kessel rührte und die Männerwelt fluchte. Und den Raben nur in Hund verwandelte, wenn sie in die Stadt und zur Arbeit fuhr. Ein Entenhausenfreak unter den Kollegen hängte ihr den seitdem hinter vorgehaltener Hand getuschelten Spitznamen Gundel Gaukeley an. Statur, Figur, Haarfarbe und weiter hergeholt sogar Outfit der Disneyhexe passten auf die Kommissarin. Wie Gundel war auch die gerne wie heute ganz in Schwarz unterwegs. Das Lederholster mit dem daraus ragenden Pistolengriff an ihrer rechten Hüfte wirkte an Honigmanns zierlicher Erscheinung auf martialische Art überdimensional. Jetzt frei sichtbar, weil sie ihre Jacke im Wagen gelassen hatte und im kurzärmeligen schwarzen Top über dem schwarzen Sport-BH dastand. Die P 7 am schwarzen Gürtel ihrer leichten schwarzen Stoffhose mit großen Taschen auf den Oberschenkeln schienen ihre Bewegungen nicht als Fremdkörper wahrzunehmen, und auch wer sie noch nicht beim Schießtraining gesehen hatte ahnte, dass sie damit so selbstverständlich umgehen konnte wie mit einem Essbesteck. Wie alle um sie herum trug auch Honigmann jetzt Latex-Handschuhe, die sie wie Schutzmaske zu anderen Zeiten an einem Fund- oder Tatort im Freien schon mal vernachlässigte, wo erstmal andere Ermittlungsarbeit machten. Die Mütze in der Rechten wischte sie sich mit dem Handrücken der Linken Schweiß von der Stirn. In ihren schwarzen Sneakers, auch im Außeneinsatz praktisch denkend wie immer hatte sie relativ festen Halt auf dem schwammigen Kies und senkte den Blick wieder auf die Leiche, auf die jetzt heitere Mittagssonne strahlte. Zynisch und pietätlos angesichts der mit Pappe, Blech- und Plastikzeug wie Müll angeschwemmten Toten. Das Spitzennegligé über hauchzarten Dessous hatte sich bis auf die Schenkel hochgeschoben. Die nackten Beine waren von den Hüften abwärts seltsam verdreht, als hätten sie weiter vom Fluss weglaufen wollen, nachdem sie das Ufer erreicht hatten.

An der Leiche kniend hatte Forster seine Arbeit aufgenommen und anhand der Waschhaut seine erste Schätzung zur Zeitspanne der Toten im Wasser abgegeben.

„Nun ja, vierundzwanzig Stunden plus minus…“

Danach hatte er die Körpertemperatur gemessen, dazu eine Lebersonde genommen, auf rektales Instrument verzichtet, um keine wenn auch unwahrscheinlich noch vorhandene analen Eindringungsspuren endgültig zu zerstören. Noch hatte es keiner direkt ausgesprochen. Die augenscheinlichen Umstände schrien nach dem Verdacht auf eine ganz schräge Nummer mit dem Mädel.

Die Totenstarre zeigte erste Anzeichen von Auflösung. Bei Zimmertemperatur setzte sie an Augenlidern und Kaumuskeln schon nach ein bis zwei Stunden zuerst ein, wanderte über Hals und Nacken abwärts und war nach sechs bis zwölf Stunden voll ausgeprägt. Nach 24 bis spätestens 48 Stunden löste sie sich auf, alles abhängig auch von Wärme, Kälte, vorheriger Belastung der Muskeln, und, und... Körpertemperatur und Totenflecke lieferten weitere Hinweise zum Todeszeitpunkt. Mit einer Standardformel ließ er sich zurück rechnen: normale Körpertemperatur minus gemessener geteilt durch eineinhalb. Totenflecke sagten dazu noch, ob die Leiche bewegt worden war. Wurde ihre Position innerhalb der ersten sechs Stunden verändert, verlagerten sich auch die Totenflecke noch nach den Regeln der Schwerkraft. Bis zu zwölf Stunden nach Todeseintritt waren sie noch teilweise wegdrückbar, da Blut innerhalb der Adern noch beweglich war. Drückte man auf den Totenfleck, wurde die Haut wieder hell. Später war bereits so viel Wasser aus dem Gefäßsystem entwichen, dass das Blut eingedickt war und die Totenflecke unveränderbar blieben.

Plötzlicher Tod, gewaltsam oder nicht überfiel seine Klientel selten unter Laborbedingungen. Im Fall der vorliegenden Leiche ganz und gar nicht.

„Nun ja, in Anbetracht aller Gegebenheiten...Exitus vor dreißig Stunden plus minus…“

Mit eingerechnet einige Stunden, die das Mädel schon am Flussufer lag. Honigmann hatte grimmig zurückgerechnet.

„In aller Herrgottsfrüh ersäuft.“

Als gäbe es eine humanere Zeit so zu enden.

Forster hatte die Leiche hin und her gewendet, Schädel und Körper in Blick genommen. Risse durch aufgeweichte Haut an Armen und Beinen vorne und hinten erzählten, dass starke Unterströmungen die Leiche übers Flussbett gewälzt und geschleift hatten. Spuren von Gewalt durch andere Fremdeinwirkung waren davon oberflächlich nicht zu unterscheiden, falls vorhanden. Forster klappte seinen silbern glänzenden Metallkoffer zu. Er hatte seine vorläufige Arbeit an der Leiche beendet, richtete sich zu voller Größe auf und wischte die Kapuze vom Kopf, behielt aber Schutzmaske über Nase und Mund und Handschuhe an. Mit seinen zwei Metern Länge und dem dottergelben Bürstenhaarschnitt ragte Forster aus jeder Menge wie ein Leuchtturm. Die Nickelbrille ließ ihn altersweise wirken, obwohl er erst 43 war. Mit ihren knapp über Einssechzig wirkte die Kommissarin kindlich neben dem langen Pathologen.

Beide schauten stumm auf die Tote, ein paar Schritte Abstand zwischen sich haltend. Ein Automatismus, der sich seit Corona bei Vernünftigen eingebürgert hatte. Nicht, dass der Pathologe und die Mordermittlerin sich sonst menschlich nähergekommen wären. Der Zug war abgefahren.

Wasserleichen tauchten nie appetitlich auf. Trotzdem war die zarte feingliedrige Schönheit des Mädels mit dem auffallend langen Haar immer noch zu erahnen. Forster brach das Schweigen.

„Nun ja…Ein gefallener Engel.“

Honigmann reagierte barsch, ohne den Kopf zu Forster zu heben. Sie mochte nicht zu anderen aufschauen, schon gar nicht zu dem Pathologen.

„Das Mädel ist nicht vom Himmel ins Wasser gfalln. Und auch nicht bei einem Waldspaziergang in scharfer Bettwäsch.“

Forster hatte sich noch nicht festgelegt, ob das Mädel ertrunken war. Aber keine Zweifel daran gelassen, dass der Fluss es ausgespuckt hatte. Auch wenn der sich inzwischen zurückgezogen und jetzt dahin plätschernd seine Unschuld beteuerte, mit der strahlenden Sonne am heiteren Himmel als Zeugin. Kein wasserdichtes Alibi. Die Gewitterböen der Nacht hatten den Fluss durchwühlt. Normalerweise trieben Verwesungsgase Tote frühestens nach Tagen hoch, sofern Sauerstoffmangel in großer Tiefe und Kälte sie nicht als Leichenwachsfiguren konservierte. Aber der Fluss war nicht die Tiefsee und wälzte sich zwischen den Flutmulden unter den Auen höchstens drei Meter hoch dahin. Alle Indizien deuteten darauf hin, dass das Unwetter das Mädel frühzeitig aus seinem Totenbett geholt hatte und Sturmflut es an den Puppenstrand geworfen, wie Heiligbrücker die Landzunge hier an der Flussbiegung nannten. Wegen des Freiluftspektakels, das der Förderkreis Weiße Frau Heiligbrück e. V. jedes Jahr in der ersten Juliwoche um die alte Legende aufführte. Die beschrieb eine schöne junge Herzogin, zum Übel aller untreu. Mit einem jungen Ritter setzte sie dem alten Herzog Hörner auf. Als der ihnen draufkam, ließ er den Ritter aufs Rad spannen, die Herzogin ins höchste Turmzimmer sperren, lud die ahnungslosen Schwiegereltern zu einem Festmahl und ließ sie und ihr kleines Gefolge kurzerhand abstechen. Nachdem er selber ein paar Tage nach dem Massaker eine tödliche Herzattacke erlitten hatte, machten die Ratsherren der Stadt die Ehebrecherin für die ganze Tragödie verantwortlich, unterwarfen sie einem Gottesurteil und übergaben sie von der Brücke den Fluten.

>Übergeben wir sie Gottes allmächtigem heiligen Urteil, in ihrem Gott lästernden weißen Hochzeitsgewande<.

Es war nicht Sinn der Sache, einem Gottesurteil Unterworfene überleben zu lassen. Sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten lieferten sie nur den Vorwand, sie als vom Teufel Besessene erst recht umzubringen. Da konnte Gott Zeichen geben, wie er wollte. Bevor sie den Fluten überlassen wurde und darin, Gott hin, Gott her, alternativlos ersoff, weil Hände auf dem Rücken zusammengebunden und Füße gefesselt, verdammte die Herzogin Heiligbrück mitsamt der ganzen Bagage.

„Geflucht bin ich, und geflucht seid ihr!“

Kaum war sie untergegangen zuckten Blitze aus heiterem Himmel, und Nebelschwaden krochen aus dem Fluss.

So viel Realitätsnähe am Untertauchen des Stadtgespensts hätte dem Freiluftschauspiel eher geschadet, Blitz und Donner Publikum vertrieben, das sich gerne gruselte, aber bittschön bei sonnigem Grill-Wetter. Ausgerechnet zum 50jährigen Jubiläum hatte das Spektakel dieses Jahr ausfallen müssen, inklusive schaurigem Höhepunkt unten am Fluss, bei Schweinenacken, Würschtl und Bier. Wobei man aus nicht allen immer nachvollziehbaren Gründen statt der aktuellen Darstellerin nur eine Strohpuppe von der Brücke ins Wasser schmiss. Mit Wollperücke und Leinenhemd statt Hochzeitskleid. Aus Kostengründen. Und frisch gewaschen und gebügelt sogar wiederverwendbar. Weil es die strohigen Weißen Frauen immer auf der gleichen Landzunge anschwemmte. Die deshalb bald volksmundig „Puppenstrand“ getauft wurde.

Zwei Spusis in bei ihrem Job sowieso üblicher Vermummung suchten in weißen Überschuhen, Kapuzenoveralls, Schutzmasken und Handschuhen am Ufer entlang noch nach Verwertbarem. Ihre Körpersprache drückte wenig Hoffnung aus, relevante Spuren aus dem ganzen Müll, losem Laub und Zweigen filtern und dem mit ihm angeschwemmten Tod zuordnen zu können. Einer der Spusis gesellte sich ungebeten und achselzuckend zur Kommissarin.

„Unklare Spurenlage, mehr wird unterm Strich nicht rausspringen.“

„Und? Wollens jetzt neben mir Wurzeln schlagen und ein Seuchenbaum werden?“

Fuhr Honigmann dem Spusi übers maskierte Maul, worauf der sich trollte.

„Nun ja, das sieht mir nach unangenehmen Ermittlungen für denjenigen aus, der die Fragen stellen muss. Ich würde sagen Sie stehen bereits auf einem Minenfeld, Frau Kommissarin.“

Orakelte Forster bei der Vorstellung gut gelaunt mit einem schrägen Blinzeln von oben herab auf Honigmann. Die geradeaus über die dreckigen Wellen auf die sauberen Fassaden des Villenviertels am gegenüberliegenden Ufer starrte. Honigmann spürte den Hauch von Todsünde herüberwehen und eine Menge Ärger auf sich zu rauschen.

„Klugscheißerns mit ihrem Nunja in Ihrem Kellerloch, Leichenschänder.“

Forster hob seinen Koffer auf und verabschiedete sich unbeeindruckt.

„Seien Sie dankbar, Frau Kommissarin. In meinem Kellerloch reden die Toten mit mir. Oder haben Sie auch nur einen lebenden Zeugen?“

„Ich hab die zwei nicht zum Fischerlzähln raufgschickt.“

Raunzte Honigmann grob und meinte Diewald und Dillinger gut 50 Meter flussabwärts auf der Brücke, die Verbindung zwischen Villenviertel und Flussauen. Schon im frühen Mittelalter hatte dort eine über den Fluss geführt, wo es seit 1904 wieder eine gab. In den letzten Kriegstagen 1945 war sie gesprengt, bis 1949 originalgetreu wiederaufgebaut worden. Inzwischen stand sie unter Denkmalschutz.

Doppelde, wie Diewald und Dillinger auf der PI 14 genannt wurden hatten die Leiche gesichert, bis die Todesermittler eintrafen und Honigmann das Duo zum Einfangen von Waldspaziergängern als potentielle Zeugen wofür auch immer auf die Brücke geschickt hatte. Zusammen mit mir.

„Lassens den Teufel nicht aus den Augen! Und lassens Hund aus meinem Wagen.“

Hatte Honigmann dem Uniformpärchen eingeimpft, das jetzt links und rechts von mir respektvollen Sicherheitsabstand hielt. Aus Respekt vor dem Virus, nicht vor mir. Nach uns allen dreien war Covid-19 noch auf der Jagd. Aber hier oben hatten wir einvernehmlich die Masken abgenommen, hielten uns fern voneinander und atmeten frei Waldluft von den Auen herüber, unter der Sonne feucht dampfend vom Unwetter der Nacht. Hund lag mit dem Schädel zwischen den Vorderpfoten zwischen Diewald und mir.

Die Leiche unten konnte man auch von hier oben sehen! Bis jetzt hatte sich niemand bei uns blicken lassen. Man hätte inzwischen Schaulustige erwarten können. Aber das hier war ein diskretes Viertel mit Mauern um die Grundstücke. Man schützte sich vor Neugierigen und entblößte auch die eigene Neugier nicht, schon gar nicht wollte man sich in polizeiliche Befragungen reinziehen lassen, die dann nicht vor eigenem Privaten haltmachten. Hinter piekfeinen Fassaden alteingesessenen Wohlstands war gerne auch mal ein finsteres Familiengeheimnis verborgen, vielleicht sogar im Vorgarten unter die Blumenerde gebracht. Eifersucht, Gier und alle anderen niederen Beweggründe für Mordgelüste fühlten sich auch in besseren Kreisen zuhause. Oder gerade dort pudelwohl. Wobei ich nicht glaubte, das Geld den Charakter verdarb. Es machte ihn nur transparent. Auch Arme hätten die Sau rausgelassen, hätten sie es sich leisten können. Mein Glaube an das Gute im Menschen war längst auf der Flucht, wie jetzt der Hotzenplotz. Vermutlich tauschte man sich hinter den Mauern der Villen schon per Handy untereinander aus, ob wer wusste was da drüben am Fluss los war. Ob dort was im Busch sein konnte, das Kreise bis herüber ziehen und die eigenen stören könnte.

PM Diewald warf einen schrägen Blick auf mich.

„Eigentlich sind Leichenfinder die ersten Hauptverdächtigen, Teufel.“

Das war hinterfotzig.

„Eigentlich ist die Hintertür des Bayern ins Gegenteil, Herr Polizeimeister. Ergo bin ich unverdächtig.“

Ich war überzeugt der Hotzenplotz hatte die Leiche vor mir gefunden und war nach dem Schreck in der Morgenstunde in den Auen untergetaucht. Bekanntermaßen hatte er Heidenangst vor der Weißen Frau und musste geglaubt haben, der Fluss hätte sie ihm leibhaftig hingespuckt. Ich hatte mir beim Hotzenplotz bloß eingelegte Schwammerl für eine Rahmsoße holen und mich nebenbei zu einem Zwetschgnstamperl einladen wollen. Er war nicht dagewesen, sein Bauwagen abgesperrt und durchs Fenster nix von ihm zu sehen. Ich war zum Fluss runter nach ihm schauen, war auf die Tote gestoßen und hatte in der PI 14 angerufen. Punkt. Ende der Geschichte.

PM Dillinger spuckte einen Bogen ins Wasser. Hund gab einen leisen Ton von sich, was unser aller Aufmerksamkeit erregte.

„Er ist irgendwie noch melancholischer als sonst. Er vermisst seinen Leidensgenossen.“

Meinte Diewald. Dillinger wusste mehr.

„Die Kommissarin erwartet ihn morgen wieder zum Dienst. Ist wohl in der Quarantäne inzwischen negativ testet worden.“

Sie meinten Kriminalmeister Felix Burger. Frau Kommissarin siezte den wie alle anderen, nannte ihn dabei aber mit Vornamen, was man bei ihr als sowas wie Zuneigung deuten konnte. Felix hieß übersetzt der Glückliche. Seine scheinbar unbewegliche Mimik ließ nicht erkennen, ob oder wann er glücklich war, oder nicht, oder in einer Stimmungslage irgendwo dazwischen. Er redete auch nicht viel. Über seine Chefin konnten ihm neugierige Kollegen nichts rauslocken, selbst zu deren Anweisungen nickte er meist nur. Heute musste Frau Kommissarin noch auf ihren zweiten Schatten verzichten. Der Glückliche war zusammen mit 49 anderen Teilnehmern in Hotelquarantäne in Wiesbaden kaserniert worden. Während der Fortbildung beim BKA über den Umgang mit Corona im Polizeidienst- und Außendienst waren zwei Zuhörer positiv getestet worden. Hund musste heute noch allein mit Frauchen klarkommen. Hund war ein cooler Hund. Er nahm Frauchen zur Kenntnis, suchte nicht ihre körperliche Nähe für Zärtlichkeiten und hatte selbst nicht den Drang ihr welche zu erteilen wie zum Beispiel, ihr Gesicht oder Hände zu lecken. Was er bei Felix tat. Der blonde Zweibeiner und der schwarze Vierbeiner waren sowas wie Kollegen und Freunde geworden, Leidensgenossen, spöttelten manche. Felix und Hund trotteten neben Frauchen her, wenn sie sich bewegte, Hund legte sich zu ihren Füßen hin, wenn nicht. Felix würde sich irgendwann dazulegen, lästerten Kollegen, weil seine Chefin ihn sich im Grunde hielte wie ihren zweiten Hund. Hund eins hielt sich unaufgeregt an der Seite seines schon öfter mal sich aufregenden Frauchens. Als würde er denken: Was soll´s, sie ist wie sie ist. Ich hab keine andere, und sie füttert mich anständig. Wahrscheinlich hätte Hund sich freilaufend selbst ernähren können. Aber wildernd im Wald wäre Hund bald von einem Jäger erschossen worden. Seine Lebenserwartung als folgsamer und schweigsamer Rüde an Frauchens Seite durfte Hund optimistischer sehen. Hund schien zufrieden mit seinem Schicksal. Sanftmütig ließ er sich auch von anderen als Felix streicheln, wenn wer sich traute. Bei Frauchen traute sich keiner auch nur daran zu denken.

Dillinger kam wieder auf die Leiche unter uns.

„Zwei Nummern zu groß hat sich das Mädel Banini bestimmt nicht selber kauft.“

Diewald und ich hatten Fragezeichen im Blick. Dillinger setzte nach.

„Sagt bloß, ihr habt das nicht checkt?“

„Wie denn? Die ganze Wäsch pappt ihr am Körper.“

Wehrte ich mich.

„Eben drum hätt´s euch mindestens am BH gleich auffallen müssen. Kleine Brüste, große Körbchen.“

Diewald war auf meiner Seite.

„Große Brüste, kleine Körbchen wären mir aufgfallen. Hab durch den Dreck grad noch sehen können, dass das Nachthemd über der Unterwäsch mal weiß gwesen ist.“

Dillinger hatte inzwischen weiter gedacht.

„Ein Gschenk von einem Stammlover oder Sugardaddy ist´s auch nicht. Da hätt sich keiner beim BH gleich um gut eine Handvoll vertan. Außer euch zwei Blinden vielleicht.“

Dillinger machte nicht bloß in Uniform eine gute Figur. Im Nebenjob eine noch bessere als Dessousmodel für den online-Katalog einer Klamottenkette. Weshalb sie an der Leiche auch sofort das Nightset Kurtisane aus Baninis Kollektion in Liebesweiß erkannt hatte.

„Da hat wer Kurtisane im Fundus ghabt, bevor ihm das Mädel über den Weg glaufen ist.“

„Ihm, oder Ihr.“

Ergänzte PM Diewald und spuckte einen Bogen ins Wasser.

„Nicht mal Lederstrumpf würd den Hotzenplotz finden, wenn er nicht gfunden werden will.“

Diewald war Schifahrer, kein Waldläufer. Die meisten hielten Heiligbrücks Waldschrat für gaga. Er hörte mehr Stimmen im Kopf, als die Fischerchöre zu ihren Glanzzeiten zusammenbrachten. Aber er war ein gefragter Kräuter- und Schwammerlflüsterer, versorgte sogar den örtlichen Hexenzirkel. Und sein Obstler brannte himmlisch Zunge und Gaumen entlang die Kehle runter, ließ das Auge des Gesetzes übers Schwarzbrennen hinweg zwinkern, weil der Hotzenplotz kein Verkaufsgeschäft daraus machte, dafür gerne einen Zehner oder Zwanziger als Spende zum Lebensunterhalt annahm.

Unten hatte Diewald sich neben mir an der Leiche bekreuzigt und schaudernd die Legende zitiert.

„Wie Höllenfeuer bis an ihre sündigen Lenden lodernd.“

Auch ich hatte ihr ewig langes Haar gesehen, wo es breit gefächert ihr wachsbleiches Gesicht umrahmte, rot durch die Nässe schimmernd, wo die Sonne einzelne Strähnen während der letzten Stunden schon abgetrocknet hatte. Die Augenlider mit den langen Wimpern waren wie in friedlichem Schlaf geschlossen, nicht weit aufgerissen den blauen Himmel anklagend. Wobei in totes Mienenspiel rein interpretiertes Entsetzen als Hinweis auf grausames Ableben eine Mär war. Weil auch Gesichtsmuskeln nach Todeseintritt natürlich erschlafften. Gequält drein schauten Tote aus der Glotze. Wahrscheinlich wegen der schauspielerisch unergiebigen Rolle als sprachlose Leiche.

„Die Kommissarin glaubt auch nicht, dass der Hotzenplotz was mit der Toten zu tun hat. Sie hat nicht gerade zur Jagd auf ihn blasen.“

Sagte Diewald.

Ich spuckte einen Bogen ins Wasser.

„Was die Kommissarin blast, oder nicht blast geht mir am Arsch vorbei.“

Diewald und Dillinger wechselten hinter meinem Rücken Blicke, bis Diewald sich grinsend wieder mir zuwandte.

„Gibt´s was zwischen euch, was an uns vorbeiglaufen ist?“

„Zermarter dir nicht dein Hirn drüber was alles an dir vorbeiläuft, Polizeimeister. Da kommst nie ans End. Denk lieber drüber nach warum wer ein Mädel als unser scharfes Stadtgspenst doubelt hat. Und warum das jetzt tot da unten liegt.“

Wie alle in Heiligbrück erinnerten wir uns noch an den Anschlag auf Poppy, die letzte Darstellerin der Weißen Frau, im Banini Nightset Kurtisane in Liebesweiß. Im Juli vergangenes Jahr nach der letzten Aufführung der Schauspielwoche. Unter den für Poppy abgegebenen Blumen war das Grünzeug in einem Rosenstrauß mit Riesenbärenklau kontaminiert gewesen. Giftig war das ganze Gewächs, besonders aber der Saft. Wer es an dem sonnigen Sommernachmittag backstage Poppy untergejubelt hatte, hatte gewusst, was er tat. Riesenbärenklau entwickelte Phototoxine. Die brauchten Tageslicht und verbanden sich nach Kontakt mit körpereigenem Eiweiß. Die Folge waren schmerzhafte äußerliche Verbrennungen. Die konnten noch bis 48 Stunden danach auftreten. Poppy hatte ihre Nase in die Rosen gesteckt und bald hatte ihr Gesicht einer überglühten gerissenen Herdplatte geähnelt. Die Heilung von den scheußlichen Quaddeln war langwierig. Poppy war wochenlang untergetaucht. Normalerweise wuchs die Staude drei bis vier Meter hoch. Der Doldenblütler stammte aus dem Kaukasus. Schon Berührungen konnten bei Menschen Verbrennungserscheinungen auslösen. Das Kraut fühlte sich überall wohl: in Gärten und Parks, an Straßenrändern, in Bach- und Flusstälern, auf fetten Wiesen, Brachland und Weiden. Pflanzenkundler hatten die Staude 2008 zur Giftpflanze des Jahres gewählt. Botaniker waren schräg drauf. Die Giftstaude konnte sonst wo wuchern, verbreitete ihre Samen mit dem Wind, oder durch Wildwechsel, sie hängten sich an landwirtschaftliche Fahrzeuge und schwammen sogar in fließenden Gewässern mit. Wer eine Staude in freier Natur sichtete, musste es melden, wegen fachmännischer Beseitigung. Dabei war Schutzkleidung mit Gesichtsschutz dringend angesagt.

Das saugiftige Gewächs pflanzte man nicht im Vorgärtchen. Und es war kein Geheimnis, dass der Hotzenplotz vor dem Fluch die Hosen voll hatte, er das alljährliche Schauspiel und Poppys sextriefende letzte Darstellung der Weißen Frau verdammte. Der alte Zausel hauste schon länger in den Auen, als dort mancher Baum und Strauch wuchsen, und nach dem Anschlag auf Poppy hatten Doppelde ihn befragt, ob er eine Stelle mit Riesenbärenklau wusste.

Der Hotzenplotz hatte erschrocken den Kopf geschüttelt. Kein Riesenbärenklau in seinem Gäu, hatte er versichert. Aber die Weiße Frau sei sehr zornig, weil die aus der Stadt nicht aufhörten sie zu reizen.

Der Leichenwagen der Städtischen Bestattung war hin-und zurück eng an uns vorbei über die Brücke gefahren, die Tote auf dem Weg in den Keller des Kreiskrankenhauses, Forsters kühles Reich. Die Spusi war inzwischen auch von der Lichtung abgezogen, wo mein Frosch stand. Der kleine runde Tisch und die zwei Gartenstühle lagen noch da, wie Sturmböen sie umgeweht hatten, Zweigwerk und Laub auf die Lichtung geblasen und die schwarze Abdeckplane von der Destille Marke Eigenbau vor dem blauen ausrangierten Bauwagen. Das zugesperrte Vorhängeschloss war unbeschädigt. Honigmann hatte es ohne Durchsuchungsbeschluss nicht knacken lassen. Keine Spur vom Hotzenplotz. Ich latschte noch mal runter zum Fluss, bis zu der Stelle, wo er Jane Doe hingerotzt hatte.

Wind frischte auf. Er spielte mir das Lied vom Tod über den Fluss. Oder ich hatte die Mundharmonika nur im Kopf. Weil Ennio Morricones Western-Soundtrack vergangenes Jahr zur Flussszene im Freiluftschauspiel vom anderen Ufer über Lautsprecher eingespielt worden war, als würden Wind und Wellen ihn herübertragen. Die blödsinnige Idee der Regie. Morricone hätte sich wahrscheinlich im Grab umgedreht, hätte er schon drin gelegen. Vielleicht würde er das jetzt nachholen. Anfang des Monats war der Unsterbliche der Filmmusik gestorben.

Die Schaumkronen auf den dreckigen Wellen tanzten schneller, der Wind flüsterte mir jetzt von abgefahrenen Geistersexorgien, drüben hinter den sauberen Fassaden alteingesessenen Wohlstands, wo honorige Herren, womöglich unter Beihilfe ihrer Gattinnen krude Sex-Fantasien auslebten. Mit irgendwo aufgeklaubtem Jungfleisch, Straßenkids, die niemand vermisste. Wobei möglicherweise was schiefgelaufen war, man danach ein Mädel im nahen Fluss entsorgt hatte. Wo ich vorher unter der Mittagssonne in meiner Polyesterjacke gedampft hatte, fröstelte ich jetzt. Während ich hinüber schaute auf Heiligbrücks seit Generationen ehrenwerte Gesellschaft, die so gerne unter sich blieb. In sauberen Gründerzeit- und Jugendstil-Villen, die sich wie eine Wagenburg um die des Oberbürgermeisters scharten. Ich fing an zu spinnen und holte mein Handy aus der Hosentasche. Ich hatte die Handynummer von Doppeldes Chefin auf Kurzwahl. Unser erstes gemeinsames Kneipenbier hatten Polizeihauptkommissarin Henriette Peter und ich zu Zeiten des Flüchtlingscamps in den Flussauen gezischt, während wir ins Visier von rechtsradikalem Gesocks geraten waren. Morddrohungen können verbinden. Es war nicht bei einem Bier geblieben und danach war ich in ihrem Bett gelandet. Ihre Töchter hatten das Wochenende beim Papa und dessen Neuer in der Hauptstadt verbracht. Jetzt redeten wir über eine Leiche im Alter von Henriettes Zwillingen.

„Jessas, Teifi, ein totes Mädel in scharfer Bettwäsch. Nix, womit Eltern ihre behüteten Teenietöchter schlafen schicken.“

Ich stellte mir vor wie sie die großen Zähne bleckte. PHK Peter hatte ein Gebiss wie ein Gaul und ein Gemüt wie ein Fleischerhund. Und ich keine Ahnung womit Eltern heutzutage ihre Teenietöchter schlafen schickten.

„Jessas, Teifi. Meine schlafen in T-Shirts mit Lewis Capaldi, Alec Benjamin oder Alli Naumann.

Wer immer die waren. Bilder in meinem Kopf zeigten mir plötzlich wieder Henriettes Unterwäsche, womit sie ihre pralle Weiblichkeit im Zaum hielt. Ich konnte meine Zunge nicht im Zaum halten.

„Ich stell mir dich grad in Banini vor.“

„Kein Grund zur Heiterkeit, Teifi. Deine Jedibuxen taugen auch nicht für shades of grey. Immerhin hast du mir einen einzigartigen Orgasmus beschert.“

„Dankschön, das hört Mann gern.“

„Meiner war nicht der Rede wert, ich mein deinen. Ich hab noch keinen ghabt, der gschrien hat Scheiße was tu ich da, als es ihm kommen ist.“

Zusammen mit meinem schlechten Gewissen Issi gegenüber, das sich lauthals Luft gemacht hatte. Ein peinlicher Höhepunkt in meiner Orgasmusvita.

Von Henriette kam nichts mehr, und ich ging nicht davon aus, dass sie eingeschlafen war.

„Soll ich mir während der Werbepause einen Kaffee holen?"

Polizeihauptkommissarin Henriette Peter bewegten ähnliche Fantasien wie mich.

„Teifi, ich möchte mir gar nicht vorstellen müssen, was da hinter frommen Mauern unserer Villen abgeht. Jessas.“

Ich deutete ihr vorheriges Schweigen so, dass sie genau das gerade getan hatte. Sie vermied es immer noch, im Zusammenhang mit dem toten Mädel am Puppenstrand die Weiße Frau in den Mund zu nehmen. Mir war klar warum.

„Dein Arsch hockt wieder mal auf einem Pulverfassl, Dirty Harriette.“

Den internen Kriegsnamen hatte sie, seit sie Polizeidirektor Dr. Hubertus Schwammerl zu dessen Sechzigstem eine Knarre an die Eier gehalten hatte. Weil der Schwammerl auf ihren Vorbau gestarrt und andern schmierige Zoten zugeflüstert hatte. Nicht leise genug. Die Knarre war nur eine Wasserpistole gewesen. Aber vollgeladen, und POK Peter hatte abgedrückt. Dem Schwammerl war´s für alle sichtbar feucht im Schritt geworden. Dirty Harriette und ihr Polizeichef hatten sich danach auf „Schwamm drüber“ und eine Beförderung von POK Peter zur PHK und Inspektionsleiterin im Villenviertel verständigt. Womit sie einem Verweis in ihrer Dienstakte, er einer Anzeige und öffentlicher Untersuchung wegen sexueller Belästigung entkam. Im Villenviertel sollte Sie auf kommodem Abstellgleis eine ruhige Kugel schieben. Anständige Bürger, tote Hose. Bis im Frühjahr 2016 das Flüchtlingscamp an die heile Welt angedockt hatte, 163 Flüchtlinge, von Bundesmutti Angela rein gelassen, vom noch bayerischen Landesvati Horst nicht gewollt. Flüchtlinge hatten keinen Einfluss darauf, wo Politbürokratie sie parkte, wurden normalerweise aber nicht nahe feiner Viertel gesammelt. Doch die dafür vorgesehene leerstehende Grundschule war vor dem Einzug in Brand gesteckt worden. Täter bis heute unbekannt. Flüchtlinge plötzlich in ihrer Sichtweite brachten böses Blut auch bei den Wohlstandsbürgern in Wallung. Der Oberbürgermeister war einer von ihnen, als Villenviertler und oberster Amigo im gewachsenen Filz im und ums Rathaus. Sie machten ihn verantwortlich, obwohl er ausnahmsweise unschuldig war. Die Flussauen, auch dort, wo sie sich noch innerhalb der Stadtgrenze befanden waren bayerisches Hoheitsgebiet im Besitz des Freistaats. Der hatte kurzerhand den Campingplatz über dem Fluss vom Pächterehepaar beschlagnahmt und ihn Heiligbrück als Ausweichquartier aufs Auge gedrückt. Schon bei Ankunft der Busse hatte es wütenden Auflauf und Blockadeversuche vor der Brücke gegeben. Worauf die gerade erst beförderte Inspektionsleiterin PHK Henriette Peter rund um die Uhr Streifen postierte, um das Camp vor treudeutschen Einheimischen zu schützen. Während die Villenviertler Revolvermänner einer privaten Securityfirma die sauberen Trottoirs entlang patrouillieren ließen. Aus Hüftholstern ragten Griffe von 45er Colts. Bei Fuß trotteten Rottweiler an kurzer Leine nebenher. Schwarze 60 Kilo-Muskelpakete mit mächtigen Schädeln, zum Schutz besorgter Bürger und Bürgerinnen. Seit die erzählten, dass sich nachts Männer aus dem Camp schlichen und deutsche Frauen jagten. Es lagen keine konkreten Anzeigen vor, dafür kriegte der Bürgermeister eine Liste mit 117 Unterschriften gegen das Camp, weil sich Frauen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße trauten. „Die Ängste“ waren als >offener Brief< auch der Zeitung zugeschickt worden, aber Redaktionsleiter Helge Hinrichs hatte die „Hetze ohne jede Faktengrundlage“ nicht drucken lassen. Dann war am 19. Dezember der LKW-Mordanschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin passiert. In Heiligbrück nahmen die Revolvermänner den Rotties die Maulkörbe ab. Die Nacht zum 2. Weihnachtstag fackelten Kapuzengestalten am Flussufer auf der Villenseite gegenüber dem Camp ein Holzkreuz ab. Henriette rüstete ihre kleine Truppe vor der Brücke mit Gummigeschosswaffen auf. Das Villenviertel kochte über. Dass Volksverräterpolizei Waffen gegen deutsche Bürger richtete, um Flüchtlingspack zu schützen waren noch die gemäßigten Angriffe. Leitender Oberstaatsanwalt Dr. Rigobert de Mille„mahnte „angemessene, sensible Ermittlungsarbeit“ an, die „nicht im Übereifer zur Diffamierung und Belästigung unbescholtener Bürger ausarten darf.“ Hieß im Klartext Polizei sollte die Füße still halten. Polizeidirektor Dr. Hubertus Schwammerl entschuldigte sich für den „von einer übereifrigen Dienststellenleiterin angeordneten martialischen Aufmarsch gegen unsere besorgten Bürger“ und ließ den Polizeischutz für die Flüchtlinge von der Brücke abziehen. Augenscheinlich war die KuKluxKlannummer aus dem Villenviertel gekommen, Epizentrum der Stammwähler vom Oberbürgermeister. Sprengstoff für Polizei, die mit peinlichen Fragen da rein schnüffeln wollte. Als dort zuständige Inspektionsleiterin und ihrer renitenten Vorgeschichte gegen die Obrigkeit war PHK Henriette Peter als Sündenbock für die Oberen jederzeit ein Geschenk mit Schleifchen drumrum.

„Jessas, Teifi. Sobald ich mich aus dem Fenster lehn, haben sie mich am Arsch. Und wenn ich nix tu auch.“

„Kannst das bescheuerte Jessas lassen? Du bist nicht die Polizeichefin in Fargo.“

„Ist mein Jessas.“

The Fog! Nebelfetzen, wie plötzlich aus dem Flussbett gestiegen krochen übers Wasser auf mich zu und machten mir Beine. Wenn sie mich jetzt für einen abergläubischen Schisser halten, sind Sie schief gewickelt. Ich bin Niederbayer. Wir fürchten nichts, außer der Himmel könnt uns auf den Kopf fallen, wie die gallischen Dörfler in Aremorica. Mein Zaubertrank ist Weißbier. Schütt ich es in mich rein, schüttet mein Hirn Glückshormone aus. Ich bin als Kind nicht rein gfallen, darum darf ich es immer noch saufen. Ich hatte in diesem Moment keines bei mir, weshalb ich auf Nummer sicher ging und flink abgehetzt oben an der Böschung war. Beim Verschnaufen schaute ich weit rechts auf einen der drei gemauerten Wasch- und Toilettenräume des ehemaligen Campingplatzes und sah Flüchtlinge im Geiste wieder in der Schlange anstehen, oder vor Wohncontainern zum Warten verdammt, worauf auch immer. In Heiligbrück hatten die Zwischengelagerten durch Maschendraht über den Fluss auf Schöner Wohnen geschaut. Ich hielt mich nicht lange mit Betrachtungen auf, machte, dass ich zur Lichtung kam und stieg in den Frosch. Weit hinter mir ganz oben kippte der Burgfelsen wie eine Riesenbeule aus den Latschen. Dort oben nahm die schaurige Mär um Betrug, Eifersucht, Tod und Fluch ihren Anfang. Irgendwo zwischen dort oben und hier unten hatte sich der Hotzenplotz verkrochen.

2

Auf dem Rückweg vom Fluss wieder nahe der City quälte der Verkehr sich zähflüssig dahin wie meine Integration im Hinterland, seit ich vor fünf Jahren aus der vom roten Reiter regierten lebensbunten Hauptstadt in ein schwarzes Loch gefallen war. Das Misstrauen hockte auf meinem Beifahrersitz, wenn ich durch die Stadt fuhr. Nicht erst seit Corona, aber seitdem war mit jedem Tag mehr fühlbar, wie das Virus biedere Fassaden zerbröselte, als Brandbeschleuniger bis dahin dahinter verborgene Konflikte anfachte, die sich irgendwann auch nach außen Bahn brechen mussten. Klammheimlich hinter der Fassade deutscher Lockdowndisziplin tobte der häusliche Showdown. Schon vor Corona starb in Deutschland jeden dritten Tag ein anderes Kind, meist durch Papa oder Mama. Soziologen sahen ein weiteres Ansteigen solch häuslicher Gewalt als Kollateralschaden durch ...

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