Logo weiterlesen.de
Bye Bye, Crazy Chick!

Menü

Inhaltsübersicht

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Prolog

Beschreiben Sie eine wichtige Erfahrung in Ihrem Leben und deren Auswirkungen.

Harvard University

 

»Du hast auf mich geschossen«, sagte ich.

Ich lag auf dem Bauch und glaubte, jeden Augenblick vor Schmerzen bewusstlos zu werden.

Fünf Meter entfernt stand sie, Maschinenpistole in der einen, die abgesägte Schrotflinte in der anderen Hand, und wischte sich das Blut aus den Augen.

Es war drei Uhr morgens. Wir waren in der Anwaltskanzlei meines Vaters im siebenundvierzigsten Stockwerk der 855 Third Avenue – oder dem, was davon übrig war. Die Polizisten hatten sich hinter dem Sofa verschanzt.

Sie sagte etwas, aber ich konnte nichts hören. Die Schüsse hatten mich taub werden lassen.

Ich dachte an meinen Vater.

Ich atmete tief ein. Am Rand meines Blickfelds schwankte alles. Das musste der einsetzende Schock sein. Die Schmerzen wurden davon leider nicht weniger. Wahrscheinlich war ich längst in Ohnmacht gefallen, bevor ich herausfinden konnte, wie die Sache enden würde. Sollte mir recht sein. Eine Sache bis zum Ende durchzuführen, war noch nie meine große Stärke gewesen.

Sie kam zu mir, kniete sich neben mich, schlang ihre Arme um mich und drückte die Lippen an mein Ohr – so nah, dass ich sie verstehen konnte.

»Perry«, sagte sie, »es war ein schöner Abend mit dir.«

Eins

Erläutern Sie, inwiefern Ihre Erfahrungen als Jugendlicher grundlegend anders waren als die Ihrer Freunde. Führen Sie Beispiele an.

University of Puget Sound

 

Gobi war auf dem Mist meiner Mutter gewachsen.

Nicht, dass ich ihr die Schuld an der Sache geben würde. Niemand konnte etwas für das, was später passiert ist. Ich bin eigentlich kein Spezialist für Schuldgefühle, aber es ist schon erstaunlich, wie auf einmal alle mit dem Finger zeigen und jemand anderem die Schuld in die Schuhe schieben wollen, sobald Blut fließt – du bist schuld, nein du, und der Typ da an der Ecke, der garantiert auch.

Eigentlich müsste man Gobi selbst für alles verantwortlich machen. Doch das wäre so, als würde man Gott die Schuld daran geben, dass es regnet. Oder an dem Erdbeben in irgendeinem Dritte-Welt-Land, in dem die Hälfte der Häuser noch aus Lehm gebaut ist. Es ist passiert, und damit fertig. Menschen sind wie die verkorksten Kinder von Alkoholikern. Hinterher, wenn alles in die Brüche gegangen ist, versuchen sie, die Scherben einzusammeln und einen Grund für die ganze Katastrophe zu finden. Man könnte behaupten, dass es uns als Spezies interessant macht. Vielleicht finden das irgendwelche Außerirdischen, die uns aus einer Million Meilen Entfernung beobachten. Aus meiner Sicht jedenfalls kommt es mir nur jämmerlich und traurig vor.

Na, jedenfalls fing alles damit an, dass die Familie meiner Mutter ganz früher, als Mom in meinem Alter war, mal eine Austauschschülerin aus Deutschland hatte. Alle verstanden sich wunderbar mit ihr und meine Mutter hat ihr Leben lang den Kontakt zu der Frau gehalten, die heute als Familientherapeutin in der Nähe von Berlin lebt. Meine Eltern haben sie jedes Mal besucht, wenn sie nach Europa geflogen sind, und ich glaube, sie amüsierten sich immer prächtig, lachten, rissen Witze und erzählten von früher. Und als ich in die letzte Klasse der Highschool kam, hatte Mom die glorreiche Idee, dass es eine kulturelle Bereicherung für unsere Familie wäre, wenn wir auch eine Austauschschülerin hätten. Dad hatte wie üblich keine Meinung dazu und sagte einfach Ja. Offen gesagt weiß ich nicht mal, ob er überhaupt zugehört hat.

So kam Gobi zu uns.

***

Gobija Zaksauskas.

Mom ließ uns zwanzig Mal ihren Namen schreiben. Außerdem sahen wir auf einer litauischen Website nach, wie man ihn ausspricht, damit wir auch ja keinen Fehler machten. Aber wahrscheinlich war ihr das sowieso egal. Als wir sie vor dem Internationalen Terminal am New Yorker Flughafen JFK abholten, sagte sie nur: »Nennt mich Gobi.« Was wir taten. Damit hatte sich die Sache.

Bei uns zu Hause bekam sie das Gästezimmer am Ende vom Flur, mit eigenem Badezimmer, dazu einen eigenen Laptop, damit sie mit ihrer Familie zu Hause skypen konnte. Mein Zimmer war neben ihrem. Und wenn ich spätabends dasaß und irgendwelche Begriffe für den Hochschulzugangstest auswendig lernte oder mir über einer Collegebewerbung den Kopf zerbrach, hörte ich ihre Stimme durch die Wand. Sie redete in leisen, konsonantengeladenen Eruptionen mit ihren Verwandten auf der anderen Seite der Welt.

Zumindest glaubte ich das.

Man kann zu jeder x-beliebigen Gruppe von Jungs über fünfzehn das Wort ›Austauschschülerin‹ sagen und wird immer exakt denselben Blick ernten – als ob alle Köter einer Meute im gleichen Augenblick den köstlichen Duft eines frischen Hundekuchens erschnüffeln, der alle ihre Gelüste erfüllen oder sie zumindest mit exotischen Freuden verwöhnen wird. Vor Gobis Ankunft hatte ich jedenfalls mit Chow und den anderen Jungs genug Witze darüber gerissen. Wir stellten uns eine schicke, mediterrane Löwin mit Schlafzimmerblick, dicken Lippen, Kurven wie ein italienischer Rennwagen und Beinen wie ein Badeanzug-Model vor, die mich in die Geheimnisse der Weiblichkeit einweihen würde, bevor ich zum Studieren wegging.

Heute finde ich das nicht mal mehr lustig.

Gobi war kaum größer als meine kleine Schwester und hatte fettige braune Haare, die sie immer zu einem dicken Knoten am Hinterkopf hochsteckte. Trotzdem standen sie an den Seiten beharrlich steif und glänzend wie Pinguinflossen weiter ab. Ihr Gesicht verschwand weitestgehend hinter einer riesigen schwarzen Hornbrille. Die Brillengläser waren so dick, dass ihre Augen dahinter farblos verschwammen wie zwei Amöben unterm Mikroskop. Sie hatte eine teigige Hautfarbe wie Kartoffelbrei aus der Tüte, so bleich, dass selbst der kleinste Pickel gemein und rot darauf glühte. Ein einziges Mal bot meine zwölfjährige Schwester Annie ihr ein paar Schminktipps an, doch Gobis Reaktion war so peinlich, dass wir alle so taten, als wäre es nie geschehen.

Mit dem Gesichtsausdruck, den sie ständig zur Schau trug – eine Mischung aus überraschtem Zögern und betretener Verwirrung –, hätte sie in vielen Highschools sicher sofort eine Zielscheibe für Spott aller Art abgegeben. Aber auf den Gängen der Upper Thayer Highschool wurde sie damit quasi unsichtbar, ein Schatten, der sich immer mit einem Stoß Bücher vor der Brust irgendwo in Nähe der Spinde herumdrückte. Kleidungstechnisch war sie vor allem mit dicken Wollpullis, kittelähnlichen Oberteilen und sackartigen braunen Röcken bis unters Knie ausgestattet, die jede Art von Körper, die darunter eventuell versteckt war, komplett verschwinden ließen. Sie trug keinerlei Schmuck außer einem Silberkettchen, an dem ein Anhänger in Form eines halben Herzens hing. Abends setzte sie sich mit uns zusammen an den Esstisch, klapperte mit dem Besteck und beteiligte sich mit ihrem leisen, förmlichen Englisch so weit am Gespräch, wie es die Höflichkeit erforderte. Sie beantwortete Moms Fragen zu dem, was gerade so anlag, bis wir alle endlich wieder in unsere getrennten Leben flüchten konnten.

Außerdem war sie Epileptikerin.

Das fanden wir sechs Wochen nach ihrer Ankunft heraus, als sie einen kleinen Anfall in der Schulkantine hatte und ohnmächtig in ihr Tablett mit Hacksteak und Kartoffelbrei kippte. Ich saß auf der anderen Seite der Cafeteria, als ich das Geschrei hörte – Susan Monahan war davon überzeugt, Gobi sei tot. Als sie im Erste-Hilfe-Raum wieder zu sich kam, erklärte sie, was mit ihr los war. Auf die Frage meiner Eltern, warum Gobi uns nichts von ihrer Krankheit gesagt hatte, zuckte sie nur mit den Achseln. »Ich hab es unter Kontrolle«, war ihr einziger Kommentar.

Das stimmte allerdings nicht wirklich, da sie danach noch mindestens ein Dutzend ähnliche Anfälle hatte – sie schienen irgendwie mit Stress zusammenzuhängen. Dann traten sie nämlich gehäuft auf. Wir konnten nie sicher sein, dass nicht jeden Moment der nächste Anfall käme. Sie durfte kein Auto fahren. Einmal fand ich sie am Esstisch, wie sie kerzengerade und mit halb geschlossenen Augen dasaß und vor sich hinstarrte. Als ich sie an der Schulter berührte, reagierte sie nicht.

Trotz alledem oder vielleicht deswegen lächelte ich sie immer an und sagte Hallo, wenn ich sie in der Schule auf dem Gang traf. Ich half ihr bei den Hausaufgaben in englischer Literatur und machte praktisch ihre ganze PowerPoint-Präsentation über die New Yorker Börse für sie, und zwar an dem Morgen, an dem sie fällig war. Trotzdem schaute sie immer weg, sobald sie mich kommen sah, als wüsste sie, wie viel Schwachsinn ich mir ständig ihretwegen anhören musste. Nicht von meinen Freunden natürlich. Sondern von Supermega-Losern wie Dean Whittaker und Shep Monroe, echten Arschlöchern aus reichen Familien, deren Väter für Riesenfirmen arbeiteten und wie die Haie in den eisigen Gewässern der internationalen Bankenwelt nach dem nächsten Mahl Ausschau hielten. Mir machte das nichts aus. Die Typen, mit denen ich zusammen war oder Musik machte – die Jungs aus unserer Band Inchworm und ein, zwei echte Kumpels, die mir nicht den Rücken zugekehrt hatten, als Dad mich zum Austritt aus dem Schwimmteam zwang, um im Debattierclub und bei Forensik mitzumachen –, schienen mich zu verstehen oder wenigstens zu bemitleiden. »Arschkarte gezogen, Stormaire, mach dir nichts draus.«

»Ja, was soll’s«, zuckte ich die Achseln, »könnte schlimmer sein.«

Und das wurde es.

Als meine Mom mich bat, mit Gobi zum Abschlussball zu gehen.

Zwei

Welches Ihrer Familienmitglieder hat Sie in der Entwicklung Ihrer Identität am meisten geprägt?

Dartmouth College

 

Bis zum Abschlussball waren es noch zwei Wochen und ich hatte keine Eintrittskarten. Das war meine erste Ausrede. Aber Mom meinte, darum hätte sie sich schon gekümmert. Irgendwelche Freundinnen von ihr waren bei der Organisation dabei und hatten natürlich noch ein paar Restkarten in der Hinterhand.

Ich war nicht direkt der Abschlussball-Typ. Das war keiner von uns, außer Chow, dessen Freundin ihm ziemlich deutlich mitgeteilt hatte, dass Schluss sei, wenn er nicht mit ihr zum Ball gehen würde. Von uns bekam er deswegen natürlich gnadenlos eins auf die Mütze. Aber insgeheim schien Chow die viele Aufmerksamkeit zu genießen. Er machte vorher sogar einen Termin bei irgendeinem Edelfriseur in Manhattan und hatte auch noch den Nerv, uns davon zu erzählen. Der Typ musste es irgendwie gut finden, fertiggemacht zu werden, anders ließ sich die Sache nicht erklären.

Als klar war, dass die Ausrede mit der Eintrittskarte nicht funktionieren würde, zog ich meinen letzten Trumpf aus dem Ärmel: Ich erinnerte meine Mom daran, dass unsere Band Inchworm an dem Abend einen Auftritt hatte. Und zwar nicht irgendeinen popeligen, sondern unseren ersten echten Gig in New York, im Monty’s auf der Avenue A. Ihre Reaktion – »Oh, das war mir nicht klar« – gab Anlass zur Hoffnung, dass ich irgendwie ungeschoren davonkommen könnte. Sie hatte uns hier im Ort schon ein paarmal spielen sehen, aber sie wusste, dass New York City eine andere Nummer war.

Dann mischte Dad sich ein.

Es war genau wie immer. Nämlich dann, wenn ich am wenigsten drauf gefasst war. Das ist die Methode Dad. Deswegen ist er wahrscheinlich so ein verdammt guter Rechtsanwalt. Insofern passte es wie die Faust aufs Auge, dass mir die Stunde der Wahrheit in seinem Büro läutete.

Dads Büro war mitten in Manhattan an der Third Avenue, im siebenundvierzigsten Stockwerk, »auf halbem Weg zwischen Gott und Broadway«, wie er zu sagen pflegte. Ich stellte mir dabei allerdings immer jemanden vor, der aus dem Fenster sprang und dabei wie am Spieß schrie, bis er mit einem riesen Pflatsch auf dem Bürgersteig aufklatschte. Zweimal pro Woche, dienstags und freitags, ging ich direkt nach der Schule zum Bahnhof, fuhr eine Stunde lang mit der New Haven Line bis zur Grand Central Station, lief acht Blocks Richtung Norden und dann um die Ecke nach rechts zur Kanzlei Harriet, Statham and Fripp.

Die Eingangshalle des Wolkenkratzers war gigantisch, tonnenweise Stahl und Glas und ein Riesenspringbrunnen. Ich zog meine Keycard durch das Lesegerät, passierte die Sperre und ging am Wachposten vorbei zu den Aufzügen. Die Sekretärinnen oben im Siebenundvierzigsten hatten meistens schon bergeweise Arbeit für mich gehamstert – Kopieren, Binden, Abheften. Dazu das internationale Dossier, das später am Tag noch hereinkam. Was Schülerjobs anging, war es besser bezahlt als McDonald’s. Und Dad meinte, dass mir ein Empfehlungsschreiben von einem der Partner in der Kanzlei, vielleicht sogar von der mächtigen Valerie Statham persönlich, wer weiß wie helfen würde, mich von der Warteliste der Columbia University, auf der ich momentan festhing, direkt in den Stapel mit Zulassungen zu katapultieren. »Es bringt überhaupt nichts, Jura zu studieren, wenn man es nicht an einer Eliteuni wie Columbia macht«, hatte Dad mal allen Ernstes am Esstisch zum Besten gegeben. Sogar meine Mutter hatte die Augen verdreht.

Ich stand also oben im Siebenundvierzigsten bis zum Hals in kopierten eidesstattlichen Erklärungen, als Dad in den Kopierraum kam und meinte: »Ich hab von deiner Mom gehört, du bräuchtest einen Smoking.«

Eins muss man dem Mann lassen: Wenn er einem ohne Vorwarnung die Faust in den Magen schlägt, dann tut es richtig weh. Ich legte den Stapel Unterlagen hin und drehte mich zu ihm um. Genau wie er es mir beigebracht hatte: Wenn du dich mit jemandem prügelst, dann blick ihm dabei ins Gesicht. Es war fast achtzehn Uhr, die Hälfte der Chefs war schon weg. Aber Dads blaue Augen funkelten fröhlich, seine Krawatte war noch ordentlich gebunden und sein Gesicht sah aus, als hätte er sich gerade frisch rasiert; kurz, es war eine klassische Raubtierjagt-Beute-Situation wie aus einem Tierfilm.

»Ich kann nicht hingehen«, sagte ich. »Wir haben an dem Abend einen Auftritt hier in der Stadt.«

»Ihr habt doch andauernd Auftritte, Perry.«

»Aber nicht solche. Wir haben drei Monate gebraucht, um den Gig klarzumachen. Wir müssen sogar was dafür bezahlen, dass wir da spielen dürfen.«

Seine Pupillen wurden stahlhart wie Nieten, als ob er kleine Muskeln darin hätte, die er nach Belieben anspannen konnte. »Wenn du mir mit so einem Kinderkram kommen willst, würde ich an deiner Stelle leiser reden. Hier kann man seinen guten Ruf schon für weniger verlieren.«

»Wer ist überhaupt auf die beknackte Idee gekommen, Gobi oder Mom?«

»Gobi fliegt nächste Woche nach Hause«, antwortete Dad. »Deine Mutter findet, dass es eine schöne Geste zum Abschied wäre.« Er kam etwas näher, und ich roch sein Rasierwasser, irgendwas ganz Teures, Dezentes. »Hör zu, du weißt so gut wie ich, dass es im vergangenen Schuljahr nicht so für Gobi gelaufen ist, wie wir uns das erhofft hatten. Da wäre es doch schön, wenn es wenigstens am Ende noch ein Highlight für sie gäbe.«

»Du hast meine Frage nicht beantwortet«, sagte ich.

Mit einem Kopfnicken gab Dad mir zu verstehen, dass er mir das Recht zu dieser Konfrontationstaktik einräumte – damit stärkte ich die Fähigkeiten des wortgewandten Kämpfers vor Gericht und knallharten Anwalts, der ich zweifellos in Zukunft sein würde.

»Wenn ich das recht verstanden habe«, sagte Dad, »dann hat Gobi deine Mutter darauf angesprochen.«

»Warte mal. Willst du damit sagen, dass sie tatsächlich mit mir zum Abschlussball gehen will?« Das war gelinde gesagt unwahrscheinlich. Doch als ich es meinen Dad jetzt beim Surren des Kopiergeräts hinter mir laut aussprechen hörte, klang es wahr. »In der Schule würdigt sie mich kaum eines Blickes, und zu Hause erst recht nicht.«

»Du aber. Du lächelst ihr zu und grüßt sie. Du hast ihr bei den Hausaufgaben geholfen. Kurz gesagt behandelst du sie mit einem Mindestmaß an Höflichkeit und Anstand, was deine Klassenkameraden nicht zustande zu bringen scheinen. Wen sollte sie denn sonst bitten, mit ihr zum Ball zu gehen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Hör zu, Dad, wenn es an irgendeinem anderen Abend wäre …«

»Ist es aber nicht. Es ist an dem Samstagabend.« Er machte eine Pause, aber nicht, weil er eine Antwort hören wollte. Er wartete nur ab, bis ich seine Worte begriffen hatte. »Morgen fährst du mit deiner Mutter zum Einkaufen und probierst einen Smoking an. Ich weiß, dass es ein gewisses Opfer für dich bedeutet. Und deswegen, um die Sache ein bisschen zu versüßen …«, klimpernd zog er einen Autoschlüssel aus der Tasche und ließ den stilisierten Jaguar-Anhänger, der im grünlichen Schein des Kopiergeräts glänzte, vor meinen Augen baumeln, »… stelle ich das Transportmittel zur Verfügung.«

Ich würdigte den Schlüssel keines Blickes. Er hatte mich den Jaguar erst zweimal in meinem Leben fahren lassen, und das war aus der Einfahrt zur Waschstraße gewesen. Außerdem durfte ich manchmal in die Garage gehen und mich reinsetzen, während ich für meinen Collegetest büffelte. Ich hörte schon an seiner Stimme, dass es nicht um ein zu verhandelndes Angebot ging. Er warf mir einen Knochen zu, weil er am längeren Hebel saß, nichts weiter. Für ihn hatte sich die Sache damit erledigt. Alles Weitere waren nur noch Detailfragen.

»Ich will aber nicht, Dad.«

»Jeder Mensch hat gewisse Verpflichtungen, Perry.«

»Und das heißt, ich habe keine Wahl.«

»Nein, das heißt nur, dass du ausnahmsweise mal an andere denken sollst und nicht nur an deine eigenen egoistischen Interessen.«

Ausnahmsweise. Das ging zu weit. Wahrscheinlich hätte ich zu allem Ja und Amen gesagt, wenn er das nicht gebracht hätte. Aber er brachte es. Und ich rastete aus. Bevor ich wusste, wie mir geschah, nahm ich den Autoschlüssel vom Kopiergerät und pfefferte ihn durch den Raum, wo er von einem Aktenschrank prallte und neben mehreren Kartons mit weißem Kopierpapier auf dem Boden landete.

»Meine egoistischen Interessen? Ich muss andauernd Sachen für andere Leute tun!«

Der Gesichtsausdruck meines Vaters verwandelte sich in Sekundenschnelle von Überraschung über Zorn bis schließlich zu einer Art Flüssigkristall-Coolness. Mir wurde mal wieder klar, vermutlich zum hundertsten Mal, wie er es in einer der renommiertesten Anwaltskanzleien New Yorks bis ganz nach oben gebracht hatte – der Kerl hatte die Nerven eines Testpiloten und war kaltblütig wie ein Komodowaran. Wenn die Apparaturen im Cockpit durchdrehten, dann wollte man jemanden wie ihn am Steuerknüppel haben.

Ich zückte die einzige Waffe in meinem Arsenal: Geschrei.

»Du hast mich gezwungen, aus dem Schwimmteam auszutreten, weil ich mich auf meine Noten konzentrieren soll«, schrie ich, »und ich hab’s gemacht! Du hast mich gezwungen, mich bei der Columbia zu bewerben und mir hier für ein blödes Empfehlungsschreiben den Arsch aufzureißen, und ich mach es. Ich habe nichts mehr außer meiner Band und diesem Auftritt! Das kannst du mir nicht auch noch wegnehmen, das nicht, diese eine Sache nicht, verstanden?«

Er wartete, bis ich mich ausgeschrien hatte, so wie man einen peinlichen Straßenpantomimen gewähren lässt, und fragte dann milde: »Bist du fertig?«

»Ja.«

»Gut. Deine Mutter geht morgen mit dir den Smoking anprobieren.« Als Nächstes zückte er einen Hundert-Dollar-Schein und hielt ihn mir hin. »Außerdem fände ich es eine nette Geste, wenn du sie hinterher zum Essen ausführen würdest.«

»Lass stecken«, schnappte ich. »Ich hab selber Geld.«

»Natürlich.« Er lächelte, während er den Schlüssel aufhob.

Dann ließ er mich einfach stehen.

***

Ich ging schnurstracks raus auf den Flur und drückte auf den Aufzugknopf. Scheiß auf die Kopien. Sollte er sie doch selbst machen.

Zwei Stockwerke tiefer hielt der Aufzug, und eine große, elegante Dame im Kostüm kam herein. Sie hatte einen Aktenkoffer in der Hand und telefonierte leise. Ich schätzte sie auf Anfang fünfzig. Sie hatte ihre braunen Haare so hochgesteckt, dass man ihren faltenlosen, schlanken Schwanenhals sah. Ich brauchte geschlagene zehn Sekunden, bis mir klar wurde, dass ich neben Valerie Statham persönlich stand, einer der Inhaberinnen der Kanzlei. Der Frau, von der ich mir ein Empfehlungsschreiben an die Zulassungsstelle der Columbia University erhoffte. Etliche Wochen zuvor war ich einmal an ihrem pompösen Eckbüro vorbeigegangen und hatte einen Blick auf ein Manhattan werfen dürfen, wie es sich nur wenigen Auserwählten in den oberen Etagen des Erfolgs präsentierte.

Sie musste mich ebenfalls erkannt haben, denn als sie fertig telefoniert hatte, drehte sie sich zu mir um und musterte mich. »Sind Sie nicht der Sohn von Phil Stormaire?«

»Genau der«, antwortete ich. »Ich meine: Jawohl, Ma’am.« Ich streckte ihr die Hand hin, wobei mir peinlich bewusst wurde, dass ich von der Streiterei mit meinem Vater immer noch knallrot im Gesicht sein musste. »Ich heiße Perry.«

Sie gab mir die Hand. »Arbeiten Sie hier als Teilzeitkraft?«

»Nein, nur als Aushilfe. Ich gehe noch zur Schule.«

»Und machen wahrscheinlich dieses Jahr den Abschluss? Was haben Sie dann für Pläne?«

»Columbia, hoffentlich. Ich will Jura studieren.«

»Ach.« Sie zog eine Augenbraue hoch. »Wollten Sie immer schon Anwalt werden?«

»Ja, solange ich denken kann.«

»Na, hervorragend. Ich sage den Leuten immer, sie sollen lieber was anderes werden, wenn sie es nicht mindestens schon so lange wollen.« Sie nahm meine Hand, drehte sie um, als wäre sie eine Wahrsagerin, und betrachtete die Hornhaut an meinen Fingerkuppen. »Und wie lange spielen Sie schon Gitarre, Perry?«

»Äh, warum?«

»Die Finger. Die verraten alles. Sieht aus, als ob Sie schon länger dabei wären.«

Ich lief rot an, eigentlich ohne Grund – außer dass sie meine Hand hielt und mir in die Augen blickte. Als ich das merkte, wurde ich noch verlegener. »Ungefähr seit der fünften Klasse. Ich spiele Bass.«

»Ich war damals auf dem College mit mehreren Gitarristen zusammen. Ich war sozusagen berühmt dafür. Ich hatte einen ganz schönen Ruf am Oberlin.« Sie lächelte und mir fiel auf, dass ihr Lipgloss fast die gleiche Farbe hatte wie ihre Haut. »Sind Sie gut?«

»Entschuldigung, wie bitte?«

»Am Bass.«

»Ich spiele in einer Band, die heißt Inchworm. Wir treten demnächst im Monty’s unten an der Avenue A auf.« Bevor ich mir auf die Lippen beißen konnte, war es schon raus: »Kommen Sie doch vorbei, dann können Sie mich bewundern.«

»Wie meinen Sie das?«

»Mit der Band«, antwortete ich. »Ich kann Ihren Namen auf die Gästeliste setzen lassen.«

»Avenue A, da unten war ich seit Ewigkeiten nicht mehr.« Pling. Der Fahrstuhl ging im Erdgeschoss auf. »Und wann spielen Sie?«

»Samstagabend um zehn. Aber wir fangen meistens ein bisschen später an.«

Valerie zog einen Schmollmund. »Och, das ist aber schade. Am Samstag muss ich den ganzen Abend arbeiten.«

»Hier im Büro?«

»Auch wir Chefs müssen Nachtschichten schieben, Perry.« Sie zwinkerte mir mit einem Gesichtsausdruck zu, den ich nicht recht verstand. »Fragen Sie Ihren Vater.«

Wir traten aus dem Aufzug und ich sah ihr hinterher, wie sie am Springbrunnen vorbei durch die marmorne Eingangshalle davonging. Ihre Absätze klickten so präzise Richtung Tür wie eine Stoppuhr beim Countdown.

Als sie hinaus auf die Third Avenue trat, hörte ich ein wohlbekanntes leises Lachen hinter mir. »Vergiss es, Junge, die ist ’ne Nummer zu groß für dich.«

Ich warf einen Blick in Richtung Stimme: Rufus, achtundsechzigjähriger Wachmann am Empfangstisch. Er verbrachte seit vierzig Jahren seine Nächte hier, von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Das Gebäude gehörte so sehr ihm wie der Firma.

»Hey«, sagte ich, »wie hat sie das mit meinem Dad gemeint?«

»Mensch, frag mich doch nicht so was!« Er hielt sich die aufgeschlagene Zeitung vors Gesicht, sodass nur noch seine blaue Mütze zu sehen war. »Ich hör nix und seh nix.«

»Ganz ehrlich, Rufus.«

Die Zeitung senkte sich langsam und ein Paar wachsam funkelnde Augen kam dahinter zum Vorschein. »Ganz ehrlich? Die Welt ist seltsam und wird immer seltsamer, je länger man darin lebt. Das kannst du mir glauben.« Er nahm einen Styroporbecher in die Hand und hielt ihn mir hin. »Willst du einen Kaffee? Du siehst ein bisschen mitgenommen aus.«

»Nein danke. Ich muss los.«

Er warf einen Blick auf die Armbanduhr. »Bisschen verfrüht heute, was?«

»Ich bin schneller fertig geworden.«

»Willst du einen Regenschirm?«

»Ist doch keine Wolke am Himmel.«

»Bitte, wie du meinst.«

Ich war noch drei Querstraßen von Grand Central entfernt, als ich das erste Donnergrollen von den Wolkenkratzern hallen hörte.

Als ich am Bahnhof ankam, hatte ich keinen trockenen Faden mehr am Leib.

Drei

Versuchen Sie sich mit einem einzigen Wort zu beschreiben. Warum dieses Wort?

Princeton University

 

»Idiot«, platzte es aus meinem besten Freund Norrie heraus. »Du bist so ein verdammter Idiot!«

Ich hatte ihn von meinem Handy aus angerufen, oben in meinem Zimmer. Aus irgendeinem Grund hatte ich geglaubt, es sei eleganter, ihm die Neuigkeiten mit dem Abschlussball so beizubringen. Jetzt wurde mir allerdings klar, dass ich vielleicht nicht bis zum Ballabend hätte warten sollen.

Als ich bemerkte, wie fuchsteufelswild Norrie war, versuchte ich die Sache in den Griff zu kriegen, indem ich mich wie mein Vater verhielt. Dazu musste ich als Erstes seine Frustration akzeptieren und seine Gefühle als zutreffend bestätigen.

»Ich weiß, dass du sauer bist, Norrie«, sagte ich, »völlig berechtigt natürlich.«

»Sauer? Sauer ist wei-wei-weiß Gott nicht der richtige Ausdruck, du Idio-Idiot! Du hast uns t-to-total in die Scheiße geritten, du Idio-Idiot, und jetzt tuh-hust du auch noch so, als wär n-n-nix!«

»Ist ja gut, aber könntest du vielleicht mal was anderes als ›Idiot‹ zu mir sagen?«

»B-bitte, Herr Re-rechtsanwalt in spe!«, brüllte Norrie, dessen Stottern immer schlimmer wurde, je mehr er sich aufregte. Norrie war unser Schlagzeuger und ein Mensch, der seinen Gefühlen nicht sehr häufig Ausdruck verlieh. Einen Wutanfall von ihm mitzuerleben war, als müsste man mit ansehen, wie jemand einen schrecklichen Allergieanfall erlitt. »Und wa-wa-was willst du dagegen tun, du I-idiot? Mich mit deinem A-a-aktenkoffer erschlagen? Mich verklah-ah-gen?«

»Jetzt beruhig dich doch, Norrie.«

»Du-du-du du hast versprochen, du würdest das regeln«, sprühte es aus ihm heraus. »Du hast versprochen, das wäre alles kein Po-po-pro-ho-«

»Und es ist auch kein Problem, klar?«

»Ich kann selbst zu Ende reden, kapiert!«

»Sorry.«

»Und wi-will Ga-ga-go… ho…« Ich hörte, wie er einatmete und sich zwang, langsamer zu reden. »Will Gobi überhaupt zu dem blöden Ba-hall?«

»Darum geht’s doch nicht«, antwortete ich.

Das brachte ihn sofort wieder auf Hundertachtzig. »Natürlich, du hast ja so re-he-hecht, darum geht’s ni-hi-hicht. Es geht nur darum, dass du dich nie traust, deinem Alten mal die ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Bye Bye, Crazy Chick!" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen