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By Your Side

Zu diesem Buch

Eine Liebe, die zerstörte Herzen Stück für Stück wieder zusammensetzt

Mackenzie hätte nie gedacht, dass sie sich gerade jetzt zu dem gut aussehenden und beliebten Ryan Jensen hingezogen fühlen würde. Was kann Ryan schon von ihren Problemen wissen? Wie soll er verstehen, wie es ist, wenn einem ein Teil seiner selbst genommen wurde? Wie es sich anfühlt, wenn das eigene Herz in tausend Scherben liegt? Doch Ryan scheint Mackenzies Schmerz genau zu kennen, nur so lässt sich das immer stärker werdende Band zwischen den beiden erklären. Und vielleicht können sie es gemeinsam schaffen, ihre zerstörten Herzen Stück für Stück wieder zusammenzusetzen ...

Das ist für all jene, die unter so tiefen und finsteren Qualen leiden, dass sie glauben, sie nie wieder loszuwerden. Das ist für diejenigen, die leiden, weil sie ihre Liebsten leiden sehen, und sich hilflos vorkommen, weil sie deren Schmerzen nicht lindern können.

Hinweis für die Leser: Alle Städte und Orte sind frei erfunden.

1

Als ich mich zum ersten Mal in Ryan Jensens Bett schlich, war das ein Versehen. Ich hatte neben diesem Mädchen im Bett gelegen, dem man mich zwölf Stunden vorher auf einem Firmenpicknick vorgestellt hatte. Wegen der Beförderung meines Vaters war meine Familie gerade von Schilling, Arizona, nach Portside, Oregon, umgezogen. Deshalb bestand dieses Picknick für mich aus neuen Gesichtern, neuen Namen und diesem allgemeinen Gefühl, die Neue zu sein. Portside war weder groß noch klein – in dem Vorort von Merridell lebten vielleicht zwanzigtausend Leute.

Robbie hätte es ganz genau gewusst. Als das Genie der Familie konnte mein Bruder Statistiken nur so ausspucken. Willow war die Künstlerin in der Familie. Sie stach bei allen kreativen Dingen hervor, zumindest hatte es den Anschein. Klavierspielen. Tanzen. Malen. Einmal bastelte sie einen fast zwei Meter großen Drachen aus Pappmaché und gewann damit einen Landeswettbewerb.

Das war eine wirklich große Sache. Sogar in der lokalen Presse wurde darüber berichtet.

Vielleicht hat damit alles angefangen. Vielleicht glaubte sie, mit Robbie konkurrieren zu müssen.

Irgendwann fand ich leere Flaschen mit Abführmitteln in unserem gemeinsamen Badezimmer, bemerkte den Geruch von Erbrochenem in der Toilette, und ein paarmal wachte ich mitten in der Nacht auf und sah, dass sie trainierte. Wir waren die einzigen beiden Schwestern, deshalb teilten wir uns selbstverständlich ein Bad. Bis kurz vor der Pubertät hatten wir uns auch ein Zimmer geteilt, aber dann bekamen wir Freeeeei-heit! (Ich sage das mit einem Schrei in bester Braveheart-Manier.)

Keine Ahnung, warum sie dachte, sich mit Robbie messen zu müssen.

Niemand konnte sich mit diesem Kind messen. Er war ein laufender, sprechender und essender Computer. Robbie würde niemals normal sein, aber Willow und ich – wir waren normal. Oder zumindest war ich es.

Ich war in nichts die Beste.

Willow war in Arizona beliebt gewesen. Ich nicht.

Na ja, ich war auch nicht unbeliebt gewesen. Ich rangierte zwar nicht am oberen Ende der Beliebtheitsskala, aber man mochte mich. Alle kannten mich. Alle waren nett zu mir, doch wenn ich darüber nachdenke, kann das auch an Willow gelegen haben. Wenn sich jemand mit mir anlegte, legte er sich automatisch mit ihr an. Und mit ihr legte man sich nicht an.

Mit den Noten war es ähnlich. Ich war ganz gut. Ich platzte geradezu vor Stolz wegen meines Zwei-minus-Durchschnitts. Nicht so Willow. Wenn sie keine Eins plus bekam, ging für sie die Welt unter. An unserer Schule wurde darüber nachgedacht, die Anforderungen für die Noten anzuheben, und Willow war sofort dafür.

Ich nicht. Dann hätte ich mich ja mehr anstrengen müssen. Das kam gar nicht in die Tüte.

Vielleicht war das meine Rolle in der Familie. Ich war der Faulpelz.

Ja. Das gefiel mir. Ich war der Faulpelz in der Familie – oder vielleicht war ich auch der Loser. Es gab einen Unterschied, ob man faul oder ein Loser war. Der eine tut so wenig wie möglich, der andere ist in dem, was er tut, einfach nie gut genug. Das traf mehr auf mich zu.

Ja, so war ich, und als ich in jener Nacht Peachs Tür verpasste und in das falsche Zimmer schlich, war ich meiner Rolle mal wieder gerecht geworden. Ich hatte mir ein Glas Wasser holen wollen und mich auf dem Rückweg zu ihrem Zimmer verlaufen. Was leicht passieren konnte. Das Haus war nämlich riesig.

Zuerst war mir mein Fehler gar nicht aufgefallen. In beiden Schlafzimmern sorgten Ventilatoren für eine kühle Brise, und sie waren mit großen, gemütlichen Betten ausgestattet. Diese Leute waren reich.

Nein, nicht reich.

Sie waren wohlhabend. Laut meiner Schwester gab es da einen Unterschied.

Ich hatte Ryan und Peach beim Firmenpicknick kennengelernt – vielmehr hatte ich Peach kennengelernt. Ich hatte angenommen, dass sie ihren Spitznamen wegen ihrer krausen roten Haare hatte. Mit ihren Sommersprossen im Gesicht und den blauen Augen war sie eher unauffällig. Genau wie ich. Ich ging in der Menge unter, was Willow niemals tat. Genauso verhielt es sich auch mit Peach und Ryan. Sie ging unter, und ihr Bruder stach hervor.

Ich wurde Ryan nicht vorgestellt, aber das war auch nicht nötig. Er war schließlich der Typ, der einem auch so auffiel.

Goldbraune Haare, lang genug, dass sie ihm ins Gesicht fielen, und trotzdem süß verwuschelt, braune Augen, kantiger Kiefer, und ein Grübchen in der rechten Wange – Ryans Gesicht ließ Mädchen in Verzückung geraten. Selbst als er am Picknicktisch saß, war nicht zu übersehen, dass er von großer Statur war, schlank gebaut und mit breiten Schultern. Er trug ein eng anliegendes Hemd, das die definierten Muskeln darunter erahnen ließ.

Der Typ trainierte ganz ohne Zweifel.

Und sein Gesichtsausdruck legte die Vermutung nahe, dass er sich zu Tode langweilte.

Er hatte mit zwei Freunden am Picknicktisch gesessen und reinweg gar nichts gemacht. Obwohl er kein Wort sprach und nur mit auf die Sitzfläche gezogenen Füßen dasaß, zog er trotzdem automatisch die Aufmerksamkeit der Umstehenden auf sich. Die Ellenbogen hatte er auf die Beine gestützt, und ihn umgab diese gewisse Aura. Er strahlte so eine Lässigkeit aus.

Ich war nicht die Art Mädchen, die einen Typen bemerkt und ihn von Weitem anhimmelt. Nein, nein, ich war die Art, die einen heißen Typen bemerkt und dann den Hotdogwagen, vor dem er steht. Willow würde sich den Typen holen und ich mir einen Hotdog.

Man hat halt so seine Prioritäten.

Auch ohne mit Ryan ein Wort gewechselt zu haben, wusste ich, dass er beliebt war. Man merkte es einfach, und als zwei Mädchen an ihm vorbeigingen, bestätigte sich meine Vermutung. Sie blieben kurz stehen und flüsterten hinter vorgehaltener Hand miteinander. Einer von Ryans Freunden hatte ihm aufs Bein geklopft und auf die Mädchen gezeigt. Als er zu ihnen hinsah, hatten sie losgekichert und waren mit hochroten Köpfen davongerannt.

Da Willow sich geweigert hatte mitzukommen, saß ich allein an meinem Tisch und kam mir wie ein Loser vor, während ich die anderen Gäste um mich herum beobachtete.

Sie waren mir alle irgendwie schön oder bemerkenswert vorgekommen. Und wie mein kleiner Bruder hatten sie alle irgendwie Anschluss an eine Gruppe gefunden. Robbie hatte mit zwei anderen Jungen und einem Mädchen am Tisch gesessen, alle auf ihre iPads konzentriert. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie als Computerfreaks sich in ihrer speziellen Sprache unterhielten, und wenn ich zu ihnen gegangen wäre, hätte ich kein Wort von dem verstanden, worüber diese Elfjährigen sprachen.

Wieder mal wurde ich meiner Rolle in der Familie gerecht. Ich hätte in der Lage sein sollen, mich mit Elfjährigen zu unterhalten, aber dem war nicht so. Ich war mit Robbie schon auf anderen Ausflügen gewesen und wusste daher, wie es lief. Er hatte seinesgleichen gefunden, und ich konnte sicher sein, dass er zufrieden war.

Andererseits musste Robbie auch nicht ertragen, was andere elfjährige Genies vielleicht ertragen mussten.

Er war so schlau, dass er nicht gemobbt wurde. Stattdessen wurde er fast schon verehrt. Die Leute hielten ihn für den nächsten Steve Jobs oder so, und auch seine Klassenkameraden hatten das kapiert und schleimten sich bei ihm ein. Sicher gab es ab und zu auch mal jemanden, der neidisch war, aber Robbie sprach nie darüber. Ich fragte mich, ob er überhaupt bemerken würde, wenn ihn jemand schikanierte.

Ich fragte mich, wie die Dinge nun für ihn sein würden … danach. Robbie hatte immer einen glücklichen Eindruck gemacht. Würde er etwas davon verlieren? Ich hoffte nicht – stopp!

Gehirn, zurück, marsch, marsch! Rückwärtsgang einlegen und wieder zurück zu Ryan.

Als in jener Nacht, mein Kopf das Kissen in seinem Zimmer berührte, hätte ich wissen müssen, dass etwas anders war. Mir war wieder warm, ich fühlte mich beinahe wohl, und mein Körper entspannte sich. Das hätte nicht sein sollen. Ich hätte wach liegen sollen, wie in Peachs Bett. Sie hatten gesagt, es »würde mir besser gehen«, wenn ich in dieser Nacht nicht allein schliefe, und so landete ich im Bett einer Fremden. Ich war angespannt und krallte mich so sehr am Laken fest, dass meine Knöchel weiß wurden, und in meinem Kopf lief immer wieder ab, was in unserem neuen Haus passiert war.

Aber in Ryans Bett war es anders.

Als wir am nächsten Morgen aufwachten, war er genauso überrascht wie ich.

Ruckartig setzte er sich auf. »Wieso …?«, sagte er und sah mich mit offenem Mund an.

Ich griff nach der Bettdecke, vergewisserte mich, dass ich sie eng um mich geschlungen hatte, und starrte ihn an. Das war alles, wirklich. Mein Körper war immer noch entspannt und schläfrig. Nur mein Verstand war in Alarmzustand, aber dann gab er klein bei. Es gab noch genug anderen Mist, den ich nicht aufwühlen und an den ich nicht einmal denken wollte, also gab ich nach und ließ es geschehen, dass mir die Augen wieder zufielen.

»Ich muss mich verlaufen haben«, murmelte ich.

Ryan und ich hatten vorher noch kein Wort miteinander gewechselt – nicht auf dem Picknick, nicht, als unsere Eltern sich begrüßten, und auch nicht, als Robbie und ich später am Abend in ihr Haus gebracht wurden. Bei unserer Ankunft waren alle sehr rücksichtsvoll gewesen. Mrs Jensen hatte Peach etwas zugeflüstert, und sie hatte gekeucht, sich die Hand vor den Mund geschlagen, und ihr waren die Tränen in die Augen gestiegen.

In diesem Moment hatte ich weggeschaut. Mein Kinn hatte zu zittern begonnen, und ich wollte nicht anfangen zu weinen. Wenn ich anfing, wusste ich nicht, ob ich jemals wieder aufhören könnte.

Erst im Halbdunkel seines Zimmers hatten Ryan und ich zum ersten Mal miteinander gesprochen, aber es war kein richtiges Gespräch gewesen. Er sah zur Tür, als wollte er jemandem Bescheid sagen, aber ich sagte: »Bitte nicht. Ich konnte nicht schlafen, bis ich hier hereingekommen bin. Ich weiß nicht warum, aber hier kann ich es. Ich will einfach nur schlafen.«

Er zog die Augenbrauen zusammen. Sein Grübchen verschwand, und langsam legte er sich wieder hin. Er sagte nichts. Es verging ein Moment, und mir wurde klar, dass er mich schlafen lassen würde, und glücklicherweise geschah genau das.

Ich schlief.

***

»Ich weiß nicht, Mom. Als ich aufgewacht bin, lag sie da.«

Ich konnte Ryan vor der Tür reden hören.

»Das verstehe ich nicht.«

»Ich auch nicht«, brummte er.

»Ich habe mich schon gewundert, als sie letzte Nacht nicht zurückkam.«

Ein Seufzer.

Ich erkannte Peachs Stimme, aber ich wusste nicht, woher sie kam. Aber eigentlich war das auch egal. Ich schlief wieder ein.

***

Das Bett bewegte sich unter mir, und ich hörte, wie jemand flüsterte: »Mackenzie.« Eine Hand berührte mich am Arm und schüttelte mich. »Hey! Bist du wach?«

Es war Robbie. Ich drehte mich um und öffnete ein Auge. »Was ist los?«

Er hatte geweint. Die Tränen waren auf seinem Gesicht getrocknet, und ich bemerkte zwei neue, die an seinen Wimpern hingen.

Verlegen wischte er sie weg. »Willst du den ganzen Tag schlafen?«

»Wenn ich kann.«

Er runzelte die Stirn und sah kurz zur Tür. »Ich will nicht allein da draußen sein. Ich kenne diese Leute ja gar nicht.«

Ich rutschte nach hinten, bis ich die Wand spürte, hob die Bettdecke und klopfte auf den Platz neben mir. »Rutsch rein!«

Unschlüssig sah er wieder zur Tür, dann atmete er kurz aus und ließ die schmalen Schultern hängen, als hätte er den letzten Rest Kampfgeist verloren. Er krabbelte ins Bett, wickelte sich die Decke eng um die Schultern und sah mich auf der Seite liegend an. Ich rutschte an ihn heran und legte mich wie er auf die Seite, sodass sich unsere Stirnen fast berührten.

Wir redeten nicht, aber eine neue Träne machte sich auf den Weg und lief ihm seitlich die Nase herunter. Ich streckte die Hand aus und wischte sie weg.

»Mom und Dad sind heute den ganzen Tag unterwegs. Ich habe ihren Handykalender gecheckt.«

Ich hatte keine Ahnung, wie Robbie das hinbekam, aber es überraschte mich nicht.

»Warum weinst du nicht?«, flüsterte er.

»Ich kann nicht.«

Er nickte, als wäre das absolut normal. »Manchmal wäre ich gern wie du. Du bist die Starke, Kenz.«

Die Starke? War das meine Rolle in der Familie?

Ich bemühte mich um ein Lächeln, wusste aber, dass es mir kläglich misslungen war. Wahrscheinlich sah ich stattdessen aus wie der Joker. »Kannst du schlafen?«

»Ich glaube schon. Können wir den ganzen Tag hierbleiben?«

»Ich werde es versuchen.«

Das reichte ihm anscheinend. Er schloss die Augen, und er sah ruhig aus, beinahe friedlich. Aber ich wusste, dass der Schein trog. Es gab keinen Frieden. Nicht mehr.

»Hey, Kenz«, flüsterte er eine Minute später.

»Ja?«

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!«

***

Als ich wieder aufwachte, war es dunkel, und Robbie war verschwunden. Die Tür stand offen, und ich hörte Besteck über Teller kratzen. Ich musste vom Essensgeruch wach geworden sein, und für einen Moment war ich sauer.

Sie hätten die Tür schließen können. Aber dann lichtete sich der Nebel über meinem Verstand, und mir fiel ein, dass Robbie sie wahrscheinlich offen gelassen hatte. Das machte er ständig, und Willow hatte sich immer darüber geärgert.

Willow …

Das kleine Lächeln, das meine Lippen umspielt hatte, verschwand.

Gott!

Krächzend holte ich Luft und wusste, dass ich die Gedanken diesmal nicht von mir fernhalten konnte.

***

Es war ein seltsamer Geruch gewesen. Ein schwerer, rostiger Geruch wie nasses Metall. Mir zog sich der Magen zusammen, und ich hatte mich auf die Lippe gebissen, noch bevor ich die Badezimmertür geöffnet hatte. Als wir vorher Kartons durchs Haus geschleppt hatten, hatte sich Willow den Arm aufgeschürft. Wenn sie den Verband abgenommen und ihn auf der Ablage liegen gelassen hatte, würde ich ausrasten. Sie meckerte ständig, weil ich meine Zahnbürste und Zahnpasta auf der Ablage liegen ließ. In ihrer Welt hatte alles seinen Platz, und sie konnte nicht verstehen, warum ich mir das partout nicht merken konnte.

Meine Antwort war immer die gleiche: weil ich kein pingeliger, zwanghafter Kontrollfreak war. Das brachte sie normalerweise auf die Palme, aber diesmal würde ich diejenige sein, die einen Aufstand machte. Willow hatte keine Ahnung, was ihr bevorstand. Ich würde die Arme in die Luft werfen, mit den Füßen auf den Boden stampfen und herumbrüllen, als hätte ich den Verstand verloren.

Sie wusste, wie sehr ich Blut hasste.

Aber dann stand ich da und schob die Tür auf.

Ich weiß nicht mehr, wann ich begriff, was ich sah. Ich nehme an, dass etwas in mein Bewusstsein vorgedrungen sein musste, weil sie mir später sagten, dass ich unter Schock stand. Mein Körper schaltete sich ab, und ich verließ ihn. Sie sagten, das könne passieren, wenn jemand ein traumatisches Erlebnis hat. Ich konnte mich jedenfalls nur noch daran erinnern, dass ich vom Türrahmen aus zusah, wie mein Körper in die Knie ging.

Ich schlug die Hand vor den Mund, und meine Schultern bebten, als würde ich mich übergeben. Später erfuhr ich, dass ich geschrien hatte.

Dann schüttelte ich sie, rutschte dabei durch das Blut auf dem Boden, denn es war überall. Bei der Erinnerung daran konnte ich es wieder an meinen Händen spüren. Warm. Flüssigkeiten sollten kalt und erfrischend sein. Diese hier war klebrig. Das gefiel mir nicht. Sie hätte sich anders anfühlen sollen. Weil es Willows Blut war, hätte es sich perfekt anfühlen sollen.

Ich stand im Türrahmen und beobachtete mich selbst. Und ich schrie immer weiter, bis ich plötzlich aufhörte. Ich würgte einen Schluchzer hervor und war mit einem Mal wieder in meinem Körper.

Mein Gesicht: dunkle Augen, goldblonde Haare, herzförmiges Kinn.

Mein Körper: schlanke Arme, lange Beine, zierlicher Körperbau.

Mein Herz: wunderschön, zerbrochen, blutend.

Alles in einem blutigen Haufen auf dem Badezimmerboden.

Ich fühlte eine sonderbare Ruhe, schnappte nach Luft und rutschte noch näher an Willow heran. Ich saß nun auf einer Fliese, die das Blut noch nicht berührt hatte. Aber das würde unweigerlich passieren. Es sickerte aus ihr heraus.

Ich wusste, dass sie schon tot war. Ihre Augen waren leer, aber ich wollte noch einen Moment mit ihr haben. Nur meine Schwester und ich.

Ich legte mich hin, genau wie sie.

Auf den Bauch.

Das Gesicht dem ihren zugewandt.

Die Hand auf dem Boden, mit der Handfläche nach oben, spiegelverkehrt zu ihrer Position.

Ich wachte noch ein letztes Mal über meine Schwester, bevor wir entdeckt wurden.

Licht blitzte auf. Jemand kam durch meine Schlafzimmertür – Mom. Ich sah nicht zu ihr auf. Ich konnte nicht viel hören. Eine dichte Wolke legte sich über mich, vernebelte meine Sinne, aber ich hörte sie schreien wie aus weiter Ferne.

Sie schüttelte Willow.

Die Zeit raste. Die Zeit kroch langsam dahin. Die Zeit war völlig aus den Fugen geraten.

Als ich die Sirenen bemerkte und das rot-weiße Blitzen vor meinem Schlafzimmerfenster, streckte ich den Arm aus und hielt Willows Hand.

Mein Gesicht. Mein Körper. Mein Herz – das alles ging mit ihr, weil sie und ich eins waren.

Meine Zwillingsschwester brachte sich am neunundzwanzigsten Juni um.

Am nächsten Tag wären wir achtzehn geworden.

2

»Oh! Hey!«

Es war kurz vor elf am nächsten Abend. Robbie und ich waren seit beinahe vierundzwanzig Stunden bei den Jensens. Ich hatte Ryans Zimmer nicht verlassen, außer um ins Bad zu gehen, und jetzt saß ich mit einem Buch in der Hand auf seinem Bett. Mit hängenden Schultern und den Händen in den Taschen kam er vorsichtig ins Zimmer.

Ich hätte mir komisch vorkommen sollen, aber ich war an einem Punkt, wo ich nichts mehr zu verlieren hatte und es mir scheißegal war, was irgendjemand zu sagen hatte. Mit dem Finger zwischen den Seiten schloss ich das Buch und wartete.

»Ähm …« Er hielt inne und sah mich an.

Er wusste nicht, was er sagen sollte. Ich erkannte die Nervosität in seinem Gesicht, aber er schüttelte sie ab, und ein kleines Lächeln zeigte sich. Sein Grübchen zwinkerte mir zu. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und hinterließ es so zerzaust, wie es gestern gewesen war. Ich wusste, warum die Mädchen so getuschelt hatten. Er weckte alle möglichen Fantasien.

Ich wartete auf den Funken in mir. Ich hätte erröten sollen. Kichern. Seufzen.

Nein. Nichts.

Ich spürte nichts, und dann erinnerte ich mich, wie es sich angefühlt hatte, in seinem Bett zu liegen, und ich wusste, dass es doch mehr als nichts gewesen war. Aus irgendeinem Grund hatte ich in seiner Gegenwart so etwas wie Frieden empfunden.

Er kam weiter ins Zimmer herein, warf einen Blick zurück zur Tür und lehnte sich an seinen Schrank. »Diese Sache mit meinem Bett …« Er gestikulierte in meine Richtung. »Willst du heute Nacht wieder da schlafen?«

Ich senkte den Blick. Ich wollte den Ausdruck in seinen Augen nicht sehen, wenn ich diese Frage stellte. »Kommen meine Eltern zurück?«

Er schwieg, und zwar nicht, weil er keine Antwort gehabt hätte. Er hatte eine. Er wollte sie nur nicht sagen.

Ich schüttelte den Kopf und ließ das Buch auf das Bett fallen. Ich schlang die Arme um meinen Oberkörper und drehte mich weg. »Ach, schon gut.«

Er räusperte sich. »Nur damit du es weißt, ich sollte eigentlich nichts über deine Eltern wissen.«

Ich sah ihn an. »Aber du weißt etwas?«

Das Zögern und die Angst in seinem Gesicht lösten sich auf und wichen echtem Bedauern, und er nickte. »Ja. Ich habe das Telefonat belauscht. Sie sind in einem Hotel. Ich glaube, deine Großeltern kommen morgen.«

»Oh! Na gut.« Ich räusperte mich. »Danke!«

»Ja.« Er seufzte. »Du musst dich nicht bei mir bedanken, aber ich muss wissen, was mit dem Bett ist. Ich habe versucht, meiner Mutter zu erklären, dass es vielleicht an mir lag – also, dass du wegen meiner Teenagerpheromone in meiner Gegenwart schlafen konntest oder so.«

Ich grinste. »Das ist eine interessante Theorie.«

»Hey, nicht jeder von uns ist so ein Mini-Einstein wie dein Bruder.«

»Touché, und ich bin auch keiner. Ich bin die einzig Normale in meiner Familie.«

Aber ich war nicht mehr normal.

»Ja.«

Vielleicht dachte er das Gleiche, denn wieder legte sich Schweigen über uns. Es war eine bedrückende Stille, als wäre uns beiden die Absurdität der Situation bewusst geworden. Mein besonderes Merkmal hatte sich verändert. Ich war nicht mehr »die Faule« oder »die Loserin«, ich war nun der überlebende Zwilling.

»Ach Scheiße!« Ich seufzte.

Er hatte an seiner Jeans herumgefummelt und sah auf. »Was?«

»Nichts. Ja, ich würde gerne wieder in deinem Bett schlafen, wenn das für dich okay ist.«

»Ja, von mir aus.« Er grinste. »Es war schon irgendwie schön, beim Aufwachen ein hübsches Mädchen in meinem Bett vorzufinden. Meine Freunde werden ihren Spaß daran haben …«

»Du wirst ihnen das doch nicht erzählen!«

Er riss die Augen auf. »Nein. Ich würde niemals, ich meine – so bin ich nicht, aber meine Schwester ist in einen meiner Freunde verknallt. Sie hat es ihm erzählt. Das Telefonat habe ich auch mitbekommen.«

»Wer bist du? Eine Art Abhörspezialist?«

Er lachte spöttisch, aber sein Grübchen schäkerte mit mir.

»Mir wird schnell langweilig«, sagte er. »Ich werfe Körbe, um mich zu beschäftigen. Du weißt schon, eine Art Restless-Legs-Syndrom. So was habe ich, aber im ganzen Körper und im Kopf. Manchmal hört es einfach nicht auf.«

»Oh!«

»Jedenfalls hat Mom gesagt, dass ich heute nicht zu den Körben gehen soll. Sie hat sich Sorgen gemacht, dass ein paar meiner Freunde auftauchen könnten, und sie wollte nicht, dass irgendetwas nach außen dringt.« Er schnaubte und verdrehte die Augen. »Ich kriege den Ärger, dabei ist es immer Peach, die alles ausplaudert. Und sie bekommt nie Ärger.«

Robbie wurde von allen geliebt. Willow war perfekt. Und ich schätze, genau wie Ryan war ich diejenige, die immer den Ärger abbekam.

»Geht mir genauso«, sagte ich zaghaft.

Ich bekam den Ärger wegen der Abführmittel. Sie glaubten, ich wäre diejenige mit der Essstörung. Während des »ernsten« Gesprächs ignorierten sie einfach die Schüssel mit den Cheetos vor mir.

»Mackenzie, dein Vater und ich möchten, dass du weißt, dass wir dich sehr lieb haben. Selbstwertgefühl bezieht man nicht über das Aussehen …«

Ein andermal wiederum wollte Willow unbedingt, dass ich um ein Laufband bitten sollte. Tagsüber sah man sie nie darauf trainieren, nur mich. Sie rannte stattdessen durch den Park und ging dann nachts aufs Laufband. Ich lief die üblichen dreißig Minuten, die unser Fußballtrainer Ellerson außerhalb der Spielsaison von uns verlangte. Ich hätte mehr tun sollen, aber Cheetos und Faulenzen machten einfach mehr Spaß.

»Also …«, holte Ryan mich in die Gegenwart zurück.

Vor Erleichterung sackte ich fast in mich zusammen. Keine weiteren Erinnerungen mehr.

Er zupfte sich am Ärmel. »Willst du, äh, dass ich bei dir bin? Oder, mhm, willst du alleine schlafen? Für mich ist beides okay«, stieß er hevor. »Sag mir einfach nur Bescheid.«

»Im Ernst?«

Er stöhnte. »Meine Mom hat gesagt, dass es in Ordnung ist, aber sie wird die Nanny-Cam aufstellen. Du weißt schon, damit wir nicht auf dumme Gedanken kommen.« Schnell hob er den Kopf. »Nicht, dass ich darauf aus bin. Ich meine, du bist echt scharf, aber du hast gerade deine Schwester verloren, also … du weißt schon …« Er zuckte zusammen und fluchte leise. »Tut mir leid. Den letzten Teil hätte ich mir sparen sollen. Ich – tut mir leid. Ich halte besser die Klappe, bevor ich noch mehr Unsinn rede.«

»Was?«, fragte ich und hoffte, dass meine hochgezogenen Mundwinkel einem Grinsen ähnelten oder, noch besser, cool oder sogar verführerisch wirkten. »Bist du etwa noch nie gebeten worden, den Trauerbegleiter zu spielen?«

Er lachte auf. Dann verfinsterte sich seine Miene schlagartig. »Ich habe vor knapp zwei Jahren einen Freund verloren, also weiß ich ungefähr, was du durchmachst. Aber auch nur ungefähr. Nicht ganz. Er war nicht mein Bruder oder mein Zwilling oder so, deshalb ist es nicht das Gleiche. Aber …« Er hielt inne und schloss kurz die Augen.

Verlust war Verlust, wenn man mich fragte. Ja, es gab sicher verschiedene Abstufungen, aber das eigentliche Gefühl war das gleiche. Der einzige Unterschied bestand darin, ob es plötzlich oder langsam passierte. Aber das behielt ich für mich, denn mal im Ernst, wer wollte schon über so etwas sprechen?

Ich zeigte auf seinen Fernseher und die Videokonsole. »Hast du Warcraft

»Ja.« Seine Miene hellte sich auf. »Spielst du?«

»Ich hätte Lust, es zu lernen.«

»Alles klar.« Er schnappte sich einen Controller von seinem Tisch, fand den anderen neben dem Bett und kletterte neben mich. Er lehnte sich an die Wand, sein Bein neben meinem, und erklärte mir das Spiel. Ab und zu streifte er mich mit seinem Arm und seiner Hand, und jedes Mal spürte ich ein leichtes warmes Prickeln.

Wir spielten den größten Teil der Nacht Warcraft. Robbie spielte auch mit, bis ich ihn überreden konnte, ins Bett zu gehen. Ryan und ich schalteten erst das Licht aus, als seine Mutter den Kopf zur Tür hereinsteckte.

»Es ist nach zwei«, sagte sie. »Zeit zum Schlafen.« Sie lächelte mich sanft an. »Ich hoffe, du kannst einigermaßen schlafen, Mackenzie.«

Das hoffte ich auch.

Sie sah Ryan vielsagend an, und deutete mit den Augen auf das Stoffnashorn auf seinem Tisch. In seiner Nase blinkte ein rotes Licht.

Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. »Ja, schon klar, Mom.«

»Gute Nacht, ihr beiden!«

***

Am nächsten Morgen wagte ich mich zum ersten Mal in die Küche, in der eine unangenehme Anspannung herrschte. Sie mochten schon schweigend dort gesessen haben, bevor ich auftauchte, aber das bezweifelte ich. Ich musste Robbie nicht erst ansehen, um zu erraten, wer zwei Sekunden vor meiner Ankunft das Gesprächsthema gewesen war. Es war eine dieser Situationen, in die man unversehens hineinplatzt und in der man sofort weiß, dass über einen selbst gesprochen wurde.

Mrs Jensen stand an der Kücheninsel und machte Kaffee. Peach saß am Tisch, und eine Frau mittleren Alters – ihre Hausangestellte, vermutete ich – stellte Cheerios vor sie hin. Ich musste stehen bleiben, um das zu verdauen. Eine Hausangestellte. Und sie trug ein blaues Kleid mit einer weißen Schürze darüber.

Diese Leute hatten nicht einfach nur Hausangestellte; sie hatten Hausangestellte in Uniform. Das bedeutete, sie waren nicht nur wohlhabend, sondern vielmehr stinkreich. Das hätte Willow gesagt, und sie hätte recht gehabt. Sie hatte immer recht.

»Mackenzie.« Mrs Jensen klang ein wenig atemlos. Röte stieg ihr in die Wangen, und sie strich sich mit der Hand über ihre Haare. »Wie geht es dir? Hast du gut geschlafen?«

Das hatte ich, und ich sah zu Ryan, der gerade von draußen hereinkam. Er brachte einen warmen Luftzug mit herein. Als er mich sah, blieb er mit einer Hand an der Türklinke stehen. In der anderen Hand hielt er einen Basketball, und seine Lippen formten ein »O«.

»Hey!«

Peach gab ein Geräusch von sich. Ich registrierte es in meinem Unterbewusstsein, ignorierte es jedoch. Ich hörte das Missfallen in ihrer Stimme und konnte mir vorstellen, wer Peachs Freunde in der Schule waren. Sie würde mit den hochnäsigen Mädchen herumhängen – gemein, gehässig und allen anderen gegenüber herablassend. Dieser Typ Mädchen. Mit anderen Worten, ganz sicher nicht mein Typ.

»Hey!« Ich winkte kurz und sah flüchtig zur Seite.

Robbie saß neben Peach und hob die Hand, um meinen Gruß zu erwidern, bevor er sie auf seinen Schoß zurücksinken ließ. Ich bemerkte den unberührten Toast vor ihm und wandte den Blick ab. Ich wollte die Traurigkeit oder die dunklen Schatten unter den Augen meines kleinen Bruders nicht sehen. Ich wollte mich nicht an den Grund dafür erinnern.

»Äh, willst du dich nicht setzen, Mackenzie?« Mrs Jensen deutete mit dem Arm auf einen Stuhl Peach gegenüber.

Ich nahm stattdessen den Stuhl daneben, meinem Bruder gegenüber.

Sie räusperte sich und hielt eine Kaffeetasse vor ihrer Brust umklammert, als könnte diese sie schützen. »Toast, Mackenzie? Rose könnte dir welchen machen.«

Im nächsten Moment hatte ich eine Scheibe gebutterten Toast vor mir, aber ich konnte sie nicht anrühren. Peach rührte mit dem Löffel in ihrer Schüssel mit Cheerios, während sie mich leicht verwirrt musterte.

Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. »Ja?«

Sie senkte den Blick, rührte aber weiter mit dem Löffel in ihrer Schüssel herum.

Ryan ließ sich auf den Stuhl am Ende des Tisches zwischen mir und meinem Bruder fallen, sodass er die Küche im Blick hatte.

Mrs Jensen und Rose veranstalteten einen Riesenwirbel um ihn. Welches Müsli er wolle? Oh, kein Müsli. Toast? Speck? Moment, Rose könnte schnell Pfannkuchen zubereiten. Keine Pfannkuchen? Dann French Toast? Nach der fünften Frage stand Ryan auf und nahm sich selbst eine Schüssel mit Müsli und verdrehte auf dem Weg zurück zu seinem Stuhl die Augen.

»Mil…«, wollte seine Mutter gerade vorschlagen, aber er hatte sie sich schon geschnappt und sich eine ordentliche Portion in seine Schüssel gegossen.

»Hör endlich auf, Mom«, grummelte er über seine Schüssel gebeugt. »Bemuttere Peach. Sie mag das.«

»Stimmt ja gar nicht.«

Er warf ihr einen kurzen Blick zu und balancierte den Löffel vor sich. »Stimmt doch. Verwöhnt zu werden geht für dich voll in Ordnung. Du stehst doch auf so was.«

Sie sah ihn durchdringend an und gönnte mir damit eine Verschnaufpause. »Manchmal bist du so ein Idiot.«

Ein freches Grinsen breitete sich auf Ryans Gesicht aus. »Manchmal? Ich habe gehört, wie du mit Erin telefoniert hast. Hast du da nicht immer gesagt?«

Sie riss die Augen auf und schlug mit einer Hand auf den Tisch. »Hör auf, meine Telefonate zu belauschen!« Ihr Kopf wirbelte herum. »Mom!«

Ryan zuckte mit den Schultern. »Was kann ich dafür, dass deine Stimme im ganzen Haus zu hören ist. Mach das nächste Mal deine Tür zu.« Er verdrehte die Augen. »Könnte helfen, du Schlauberger.«

»Okay, ihr zwei. Hört auf!« Ihre Mutter, die am Kopfende des Tisches saß, mischte sich ein. Sie umklammerte weiter mit beiden Händen die Tasse mit dem Kaffee. Ein eingefrorenes, aber höfliches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie sich mir zuwandte. »Mackenzie, du und Ryan seid in derselben Stufe. Du gehst in die zwölfte, stimmt’s?«

Manchmal geschahen noch Wunder.

Ich nickte.

Peach sah mich mit zusammengekniffenen Augen an und wartete auf meine Reaktion. Ich verzog keine Miene, aber innerlich schlug ich Purzelbäume.

Mrs Jensen räusperte sich. »Eure Großeltern kommen heute. Sie holen dich und deinen Bruder ab und nehmen euch mit nach Hause … oder … in ein Hotel. Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, wohin ihr geht, aber ich weiß, dass sie sich freuen, euch zu sehen.«

»Grams kommt?« Robbies Kopf schoss in die Höhe.

Ich warf ihm einen Blick zu. »Hast du das etwa nicht im Kalender gesehen?«

Er verdrehte die Augen, doch man sah ein Zucken um seinen Mundwinkel, als er sich auf dem Stuhl zurücklehnte. »Ich kann nicht alles auf dem Schirm haben.«

»Was?«, zog ich ihn auf. »Wie kann das sein?«

Er zuckte mit den Schultern, aber was auch immer er sagen wollte, wurde im Keim erstickt.

Mrs Jensen lachte erleichtert und verkrampft zugleich. »Brian hat mir gesagt, dass eins der Phillips-Kinder hochintelligent ist. Das bist dann wohl du, Robert.«

Robert. Beinahe hätte ich spöttisch geschnaubt. So nannte ihn niemand außer Grams.

Mrs Jensen beugte sich vor, lächelte Robbie an und fuhr fort: »In Portside gibt es ein Förderprogramm für begabte Kinder wie dich. Ich glaube, das würde dir sehr gefallen. Ich weiß, dass hochbegabte Kinder manchmal von ihren Klassenkameraden ausgeschlossen werden, aber du kannst mir glauben«, trällerte sie mit fröhlicher Stimme, »in Portside ist das nicht so.«

Sie hielt inne und wartete darauf, dass Robbie etwas entgegnete.

Er sah erst sie an und dann mich. Seine kleine Hand umklammerte die Gabel, und eine Träne stieg ihm ins Auge. Er wandte den Blick ab.

»Oh!« Sie zog die Mundwinkel nach unten. »Mein Lieber.«

Scheiße! Es wurde Zeit, meinen schwesterlichen Pflichten nachzukommen. Ich hustete und schob den Stuhl zurück. »Vielen Dank für das Frühstück, Mrs Jensen!«

Sie war blass geworden, aber sie gab sich Mühe, auch mich mit einem Lächeln zu bedenken. »Nun ja, du solltest dich bei Rose bedanken. Sie bereitet meistens unsere Mahlzeiten zu. Wir wüssten nicht, was wir ohne sie machen sollten.« Sie wandte sich an Rose, die am Spülbecken innegehalten hatte. »Stimmt’s, Rose? Der gesamte Haushalt würde im Chaos versinken, wenn wir dich nicht hätten.«

»Ja, Mrs Jensen. Ja.«

Mrs Jensen lachte, und es klang so falsch, dass ich mich innerlich förmlich wand. Sie legte sich die Hand auf die Brust. »Nun, ich habe vorhin die Schule erwähnt, weil Peach Ende der Woche ein paar Freunde eingeladen hat. Wenn du möchtest …«

Ryan stöhnte.

Sie gab nicht zu erkennen, ob sie ihn gehört hatte. »… komm doch auch und lern ein paar von ihnen kennen. Ihre Freundinnen sind so wohlerzogene, nette Mädchen. Mit denen möchte man gern befreundet sein. Stimmt’s Peach? Du und deine Freundinnen, ihr seid die beliebten Mädchen in eurer Klasse, auch wenn Mackenzie eine Stufe über euch ist.«

»Mom!« Sie war genauso entsetzt wie ich. »Sei still!«

»Mom«, sagte Ryan gedehnt. »Sie will sich im Moment nicht mit Fremden abgeben.«

»Mh?«

Ich saß einfach nur da und sah zu, wie sich die Szene vor mir abspulte. Mrs Jensen schien nichts zu bemerken und nippte an ihrem Kaffee, als wäre es ein mit Morphium gefüllter Infusionsbeutel. Ich runzelte die Stirn und suchte den hinteren Teil der Küche nach einem Hinweis ab, ob sie vielleicht noch etwas anderes außer Kaffee in die Tasse gefüllt hatte. Dann spürte ich, wie Robbie seinen Fuß gegen mein Knie drückte. Er war ganz nah an den Tisch herangerückt, hielt sich daran fest und streckte sein Bein bis zu mir aus.

Ich dachte, ich hätte meinen schwesterlichen Verpflichtungen vorhin Genüge getan, indem ich die Aufmerksamkeit von ihm weggelenkt hatte, und sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an.

Er formte lautlos das Wort »Badezimmer«.

Ich nickte. »Dürfen wir vom Tisch aufstehen?«

»Wir?« Mrs Jensen sah von mir zu meinem Bruder. »Oh! Ja. Natürlich.« Ihre Augen wanderten zu unseren Tellern. »Ihr habt ja gar nichts gegessen. Rose? Können wir dafür sorgen, dass etwas zu essen bereitsteht, falls sie nachher Hunger bekommen? Wir könnten Bagel bestellen, wenn wir keine mehr hier haben.«

Gott! Bagel. Das Wort traf mich wie ein Peitschenschlag.

»Willow, hast du keinen Hunger?«

Meine Mutter hatte keine Ahnung. Oder? Es war nicht so, dass sie es einfach nicht wissen wollte. Oder?

»Also, wir haben Bagel, Willow. Nimm dir bitte einen mit, okay? Du musst morgens immer gut frühstücken. Du kannst den Tag über immer wieder einen Happen nehmen, wenn du Appetit hast.«

Mir stiegen die Tränen in die Augen, aber nein, ich würde nicht weinen. Auf gar keinen Fall.

Robbies Stuhl kratzte über den Boden. Er schob ihn zurück und stand mit einem überraschten Gesichtsausdruck da, als wüsste er nicht, was er hatte tun wollen. »Ähm …« Er öffnete den Mund – nichts. Er schloss ihn wieder, um ihn erneut zu öffnen. Immer noch nichts.

Leise sagte ich: »Badezimmer.«

»Ach ja.« Er flitzte um den Tisch und um Ryan herum und ging schnell die Treppe hinauf.

Wieder entstand eine peinliche Pause.

Ich sah auf meinen Schoß hinab, denn mal ehrlich, warum sollte ich ihr Mitleid sehen wollen? Ich musste meinen kleinen Bruder daran erinnern, warum er vom Tisch aufgestanden war. Das war nicht normal, nichts an unserem Besuch war normal. Wir waren nicht mit diesen Leuten befreundet. Wir kannten sie kaum. Wir hatten weder Freunde noch Familie hier. Ich war mir zwar ziemlich sicher, dass ich irgendwie mit Ryan befreundet war, aber wir waren nicht zum Spaß hier.

Ich spürte ihre Aufmerksamkeit. Sie war mir unangenehm.

Willow hatte Aufmerksamkeit gewollt. Sie und Robbie. Aber nun galt sie mir, und das nicht auf die Art, wie ich sie vorher bekommen hatte. Ich war die, die nichts aus der Ruhe brachte. Die, die Witze machen konnte. Die sich im Hintergrund hielt. Die, die alle immer vergaßen. Ich war die Unauffällige. Diese Art der Aufmerksamkeit – oder besser dieses Fehlen von Aufmerksamkeit –, die mochte ich. Die andere hasste ich.

Ich hatte nicht darum gebeten. Sie war mir aufgezwungen worden.

Ich räusperte mich, ich musste hier raus. Ich wandte mich an Ryan. »Warcraft, bis meine Großeltern auftauchen?«

Er stand sofort auf. »Ja, klar.«

Er war genauso froh wie ich, diese Küche zu verlassen. Ich hätte mich fragen sollen, warum, aber ich ließ es bleiben.

Den Rest des Tages verbrachten wir zusammen mit Robbie in Ryans Zimmer, bis es gegen sieben Uhr abends klingelte.

3

Als Grams und Grandpa Bill ankamen, kam es zu dramatischen Szenen. Tränen. Umarmungen. Jede Menge Auf-den-Rücken-Klopfen. Nicht für uns, sondern zwischen den Erwachsenen.

»Haben sie sich schon mal getroffen?«, fragte mich Robbie flüsternd. Als sie sich uns zuwandten, wich er mir nicht von der Seite. Trotzdem erdrückte ihn eine Umarmung von Grams beinahe.

Ryan, der neben mir an der Wand lehnte, prustete und überdeckte es mit einem Husten, als seine Schwester ihm einen finsteren Blick zuwarf. Der dann zu mir wanderte, bis ihr wieder einfiel, warum ich hier war. Sie ließ den Kopf hängen und trat gegen den Boden. Ich konnte Peach kaum einen Vorwurf machen. Wahrscheinlich war ich nicht wie die anderen Mädchen, die sie kannte. Ich weinte nicht. Ich hatte ihr Bett verlassen und klebte an ihrem Bruder, und die wenigen Male, als sie mit mir gesprochen hatte, war ich nicht besonders aufgeschlossen gewesen. Ich war nicht unhöflich. Aber ich ging nicht so auf sie ein, wie sie es offensichtlich gewohnt war. Das war Willows Rolle. Sie war die Soziale gewesen, die Aufgeschlossene.

Die Perfekte.

Ich schlang die Arme um Robbie, zog ihn an mich und legte das Kinn auf seinen Kopf. »Nein. Ich denke, Grandma muss einfach weinen. Das ist alles.«

Robbie nahm meine Hände und drückte sie fest. »Grandpa sieht aus, als würde er auch weinen wollen.«

Grandpa Bill stand ein bisschen abseits und zerknüllte ein weißes Stofftaschentuch in der Hand. Weil Grams darauf bestand, hatte er immer eins in der Tasche, aber bisher hatte ich noch nie gesehen, dass er es benutzte. Während Grams mit Mr und Mrs Jensen sprach, zog Grandpa Bill die Nase kraus, blinzelte ein paarmal und drehte sich zur Seite. Er hob die Hand, bevor er sich wieder umdrehte und noch ein paarmal blinzelte. Am Ende zog er die Schultern hoch und ließ sie rückwärts kreisen, als müsste er sich dazu zwingen, gerade zu stehen.

Das Gespräch geriet ins Stocken, und das war für mich das Zeichen, mich zu wappnen.

Ich wusste, dass Grams mich gleich mit Fragen bombardieren würde.

Hatte ich es gewusst? Hatte Willow irgendwas gesagt, bevor es passiert war? Hätte irgendjemand etwas tun können, um es zu verhindern? War an dem Tag irgendetwas passiert? Ich holte tief Luft und spürte schon die Fragen auf mich einprasseln.

»Au, Kenz!« Robbie wand sich aus meiner Umklammerung. »Du zerquetschst meine Hände.«

Ich ließ ihn sofort los und sah die weißen Abdrücke dort, wo ich ihn festgehalten hatte. Eine Woge der Gefühle überflutete mich, und ich machte es wie Grandpa Bill. Blinzeln. Blinzeln. Abwenden. Ich werde nicht weinen. Ich werde nicht weinen. Blinzeln. Blinzeln. Mir geht es gut.

Heb den Kopf!

Stehe hoch erhobenen Hauptes!

Du schaffst das.

Robbie berührte meine Hand, und sein Mitgefühl löste beinahe die Blockade und ließ alles, was ich gerade zu unterdrücken versucht hatte, hervorbrechen. Ich war die Starke, das hatte er gesagt.

Kopf hoch!

Ich konnte nicht weinen. Noch nicht.

Ich schenkte Robbie ein kleines Lächeln und tat so, als wollte ich ihm auf die Schulter hauen. »Bereit für das Erwachsenendrama?«

»Mackenzie!«

Grams hatte mich gehört.

»Wie geschmacklos von dir! Deine Schwester ist vor zwei Tagen gestorben. Drama? So bezeichnest du also die Trauer deiner Großmutter?«

Ich räusperte mich. »Du hast recht, Grams. Wie geschmacklos von mir.« Willow war nicht ihre Zwillingsschwester gewesen, ihre andere Hälfte, ihr Partner seit dem ersten Herzschlag. Wie geschmacklos ich war.

»Mom?« Ryan richtete sich auf. »Werdet ihr euch noch länger unterhalten?«

»Äh …« Mrs Jensen warf einen kurzen Blick auf Grams, die Frage stand ihr ins Gesicht geschrieben.

»Charlotte und Phillip dachten, wir könnten über die Kinder sprechen, bevor wir ins Hotel fahren«, sagte Grams.

»Natürlich.« Mrs Jensen berührte Grams’ Arm, und gemeinsam mit ihren Ehemännern gingen sie den Flur hinunter.

Als sie außer Hörweite waren, sagte Ryan: »Sie gehen ins große Esszimmer. Mom bringt all unsere Gäste dorthin, außer wenn sie sie wirklich beeindrucken will. Dann würde sie sie ins große Wohnzimmer mitnehmen. Wir können zurück in die Küche gehen, falls du etwas essen möchtest.«

Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen.

Das war seltsam. Versuchte ich, so zu sein wie Willow? Versuchte ich, ihr näher zu sein, oder hatte ich meinen Appetit verloren?

Robbies Magen knurrte, und ich drückte ihm sanft die Schultern. »Sieht so aus, als hätten wir eine Antwort.«

Rose war da, und es schien, als hätte sie Robbies Gedanken gelesen. Eine Packung mit Pizzabrötchen tauchte auf, und es dauerte nicht lange, bis mein Bruder sie sich in den Mund stopfte. Ich zog eine Augenbraue hoch. »Hast du heute noch nichts gegessen?«

Er hielt mitten im Kauen inne und zuckte mit den Schultern, während er einen dicken Bissen hinunterschluckte. »Du hast nichts gegessen. Und ich war mir nicht sicher, ob ich essen sollte oder nicht.«

Ich versuchte sicher nicht, wie Willow zu werden. Das war mir jetzt klar. »Du kannst essen, wann du willst. Ich hatte heute einfach keinen Appetit.«

»Ryan, was ist heute los mit dir?«

Peachs Frage kam aus heiterem Himmel. Von ihrem Stuhl am Küchentisch aus warf sie uns finstere Blicke zu. Sie war uns gefolgt und starrte ihren Bruder an.

Er runzelte die Stirn. »Was meinst du?«

»Du bist sonst nie so.« Mit einer barschen Geste wies sie in unsere Richtung. »Das ganze Gastgebergetue und so. Normalerweise kannst du es kaum erwarten, von den Gästen wegzukommen. Du tust ja gerade so, als wäre sie deine Freundin oder so. Das ist sie nicht.«

»Halt die Klappe, P! Ernsthaft. Ich bin einfach nett, und wenn ich mich sonst davonmache, wenn wir Gäste haben, dann einfach deshalb, weil ich die Gäste nicht mag.«

»Es war dir egal, als Erin am Sonntag hergekommen ist.«

Er zog eine Augenbraue hoch. »Ich habe am selben Tisch mit euch beiden Pizza gegessen, bevor ich gegangen bin. Jetzt mach aus einer Mücke keinen Elefanten.«

Sie wurde rot und ihr Blick noch finsterer, falls das überhaupt möglich war. »Egal. Du bist jedenfalls komisch.«

»Was geht dich das an?«

Robbie aß die zweite Handvoll Pizzabrötchen. Rose musste bemerkt haben, dass er fast alle aufgegessen hatte, denn sie holte eine weitere Packung heraus. Als sie fertig waren, kamen alle auf einen einzigen Teller. Nur für ihn.

»Nichts. Es …« Peach warf mir einen Blick zu und kaute auf ihrer Unterlippe. »Nichts. Vergiss es!«

Als er mich ansah, schaute Ryan genauso verwirrt, wie ich mich fühlte. Er schüttelte den Kopf, und für einen Augenblick gab es nur uns beide. Ich war mir zwar bewusst, dass die anderen da waren, aber sie lösten sich einfach auf, und ein unsichtbares, unerträgliches Gewicht wurde von mir genommen. Es war genauso schnell vorbei, wie es passiert war, aber ich sehnte mich schon nach dem nächsten Mal.

»Okay.« Mr Jensen kam herein und rieb sich die Hände. Er ließ den Blick über uns schweifen und hielt kurz bei Robbie inne, bevor er mich ansah. »Eure Großeltern werden euch mitnehmen. Eure Mutter hat wohl ein paar Sachen für euch gepackt. Sie stehen im Hotelzimmer für euch bereit.«

»Werden Mom und Dad auch da sein?«

Meine Kehle brannte, und ich war froh, dass Robbie die Frage gestellt hatte. Ich brachte es nicht über mich, die Worte auszusprechen.

»Äh …«

Und wie sein Sohn am Abend zuvor gab mir Mr Jensen die Antwort, ohne ein Wort zu sagen.

Ich schob meinen Stuhl zurück, mied seinen Blick und sagte zu Robbie: »Komm! Wir müssen jetzt für Grams stark sein.«

»Das will ich aber nicht.«

Ich drehte mich um und sah ihn an. »Robbie! Komm jetzt einfach!«

Seine Lippen zitterten, und sofort verspürte ich einen Hass auf mich selbst. Ich nahm seine Hand und zog ihn mit. »Wenn du immer noch hungrig bist, können wir Grandpa dazu bringen, irgendwo an einem Drive-in anzuhalten.«

Ich wollte bleiben.

Und auch ich wollte nicht für Grams stark sein müssen. Ich wollte nicht sehen, wie Grandpa die Tränen unterdrückte, weil er für Grams stark sein musste, und ich wollte ganz sicher nicht darüber nachdenken, wie erleichtert meine Mutter beim letzten Mal gewirkt hatte, als sie mich gehen sah.

Ich hielt Robbies Hand fest, bis ich ihn keuchen hörte. Ich lockerte meinen Griff. »Tut mir leid.«

»Schon in Ordnung.«

Aber das war es nicht. Nichts war mehr in Ordnung.

Wir waren auf halbem Weg zum Auto, als Ryan meinen Namen rief. Ich schaute zurück und blieb stehen, während Robbie weiterging. Ryan kam den Gehweg entlang auf mich zu, und die Haustür schloss sich hinter ihm. Alle anderen waren im Haus geblieben. Ich schaute über die Schulter und sah, wie Robbie ins Auto einstieg. Grams saß schon im Wagen, und Grandpa war auf dem Weg zum Fahrersitz. Er hatte die hintere Tür für mich offen gelassen.

»Hey«, sagte ich.

Ryan blieb vor mir stehen, und eine ganze Reihe von Ausdrücken huschte über sein Gesicht. Zweifel. Unsicherheit. Und schließlich Skepsis. Er wollte sich mit der Hand durch die Haare fahren, doch als ihm bewusst wurde, was er da tat, hielt er mitten in der Bewegung inne.

Er lachte kurz. »Das mache ich ständig. Meine Haare sind immer unordentlich.«

»Das steht dir. Du siehst süß aus.«

Er machte große Augen. »Oh! Danke!«

Ich zuckte mit den Schultern. Das war die Wahrheit. Na ja, er sah heiß aus, nicht süß. Aber das behielt ich für mich.

Er warf einen Blick zum Haus zurück, als müsste er sich entscheiden, ob er sagen wollte, weshalb er nach draußen gekommen war. Er schob die Hände in die Taschen. »Wirst du einigermaßen schlafen können?«

Ah. Das Bett. »Wirst du mich vermissen?«

Sein Grübchen zeigte sich, neckisch. »Vielleicht.« Der andere Mundwinkel bewegte sich nach oben, und ich bemerkte, dass er sogar zwei Grübchen hatte. »Nein, im Ernst. Kommst du klar? Deine Grams scheint mir nicht der tröstende Typ zu sein, weißt du?«

»Oh Mann! Ich weiß.« Ich versuchte zu grinsen, scheiterte aber kläglich. Ich ging nicht auf seine Frage ein und sagte stattdessen: »Danke!«

»Dafür, dass ich neben dir geschlafen habe?«

»Das auch. Danke, dass du deine Zeit mit mir verbracht hast. Ich weiß, ich … bin gerade nicht ich selbst.«

»Verständlicherweise.«

»Ja.« Ich musste mich beeilen. Ich hatte wahrscheinlich noch drei Sekunden, bevor Grams das Fenster herunterlassen würde, um nach mir zu rufen.

»Hör mal …«

»Meine Schwester ist eigentlich nicht so schlimm«, sagte er.

»Was?«

»Meine Schwester.« Er wies über die Schulter zum Haus zurück. »Ich weiß, dass du sie für eine verwöhnte Göre hältst, und ja, manchmal ist sie das auch. Aber nicht immer. Ich glaube, sie wollte sich mit dir anfreunden.«

»Warum?«

Ryan sah aus, als versuchte er, ein Lachen zu unterdrücken. »Das ist ein Witz, oder?«

Aber es war kein Witz, ich wusste nicht, was er meinte. Zwei Sekunden. Ich wappnete mich schon, im nächsten Moment Grams Stimme zu hören. »Ich muss los.«

»Nolesrock at gmail. Schick mir eine E-Mail, wenn du willst. Sie wird direkt auf mein Handy weitergeleitet, und ich bekomme eine Benachrichtigung. Ich rufe dich an, wenn du willst.«

Ich öffnete den Mund, aber da hörte ich, wie das Autofenster heruntergelassen wurde, und schluckte meinen Dank hinunter. Bevor Grams etwas sagen konnte, fiel mir ein, dass ich mein Handy nicht hatte. Ich hatte es fallen gelassen, als ich Willow fand.

Willow …

»Ich maile dir«, sagte ich schnell, bevor ich hastig ins Auto stieg.

Ich wollte mich umdrehen und sehen, ob Ryan stehen geblieben war und zusah, wie wir wegfuhren. Aber ich ließ es. Warum, wusste ich nicht. Und sobald wir einen Block entfernt waren, bereute ich es. Ich wünschte, ich hätte mich umgedreht, aber auch das konnte ich nicht erklären. Es war einfach so.

Dann sagte Robbie, was ich dachte. »Ryan ist cool.«

Ja. Ja, das war er.

Therapiestunde eins

»Hallo, Mackenzie! Mein Name ist Naomi. Deine Eltern hielten es für eine gute Idee, wenn du in dieser Zeit jemanden zum Reden hast. Ich möchte dir gern zur Seite stehen und dir helfen, dir deinen Kummer von der Seele zu reden. Also, warum erzählst du mir nicht, worüber du sprechen möchtest?«

»Ich möchte gehen.«

Und das tat ich.

4

Einen Monat später

»Die Therapie bringt nichts«, sagte mein Vater. »Zu den meisten Stunden erscheint sie nicht, und das geht schon einen Monat so. Was ist mit Arizona? Vielleicht sollte sie zurück nach Hause gehen.«

Ich hätte nicht lauschen sollen, aber die Versuchung war zu groß. Sie waren in der Küche gewesen und hatten in den letzten zwanzig Minuten darüber gesprochen, was sie mit mir anfangen sollten, und schließlich hatte ich aufgegeben, war aus meinem Zimmer gekommen und hatte mich oben auf den Treppenabsatz gesetzt.

Der ganze Stress wegen der Therapie war sofort losgegangen. Es war Grams’ Idee gewesen, und alle außer mir hatten zugestimmt. Ich hatte mich mit Haut und Haaren dagegen gewehrt, aber nichts von dem, was ich sagte, hatte etwas bewirkt. Deshalb hatte ich auf ein paar blöde Tricks zurückgegriffen. Und mit blöd meine ich, dass sie so simpel waren, wie sie nur sein konnten. Ich ging einfach nicht hin. Wenn sie mich hinfuhren, ging ich hinein und haute ab, sobald das Auto wieder wegfuhr. Wenn sie im Auto die ganze Stunde auf mich warteten, ging ich zur Hintertür hinaus.

Ich wäre nur die ganze Stunde dortgeblieben, wenn ein Elternteil mich begleitet hätte, und ich wusste nur zu gut, dass das nicht passieren würde. Insgeheim hielten sie genau so viel von der Therapie wie ich. Sie brachte einfach nichts. Und nach ein paar versäumten Terminen rief die Therapeutin meine Eltern an. Ich wusste zwar nicht, worüber sie gesprochen hatten, aber es gelang mir, sie auf eine Stunde alle zwei Monate herunterzuhandeln. Zu mehr würde ich mich nicht bereit erklären, und alle, die das für zu wenig hielten, konnten mich mal. Schließlich war es nicht ihr Zwilling, der gestorben war.

»Nan Jensen hat mir vom Portside Country Club erzählt«, antwortete meine Mom. »Sie bieten dort Kurse an, an denen Mackenzie teilnehmen könnte. Ihre Tochter geht mit ihren Freundinnen dorthin. Nan sagt, sie könne die Kurse nur empfehlen. Sie bringen den Mädchen Respekt und gutes Benehmen bei.«

Das Schnauben meines Vaters verriet mir seine Meinung zu diesem Vorschlag. »Warum soll sie nicht zurück nach Hause? Davon würde sie mit Sicherheit mehr profitieren, meinst du nicht?«

»Du willst, dass sie für den Rest des Sommers hin- und herfliegt? Ich glaube nicht, dass das hilfreich wäre. Abgesehen davon, kannst du ihre Freunde in Arizona nicht so unter Druck setzen. Ich habe mit Emily und Amanda gesprochen.«

»Wer sind Emily und Amanda?«

»Du weißt schon, Emily Christopherson und Amanda Green. Mackenzie ist mit ihren Töchtern befreundet …«

»Die Frauen, mit denen du die Weinwanderungen unternommen hast?«

Ich musste fast lächeln, als ich mir vorstellte, wie Mom sich sträubte. Dad hielt die Weinwanderungen für Unsinn. Mom hielt sie für das Zweitbeste nach dem Gottesdienstbesuch.

»Ja. Diese Frauen.« Ihre Stimme glich nun beinahe einem Fauchen. »Ich habe mit ihnen über Zoe und Gianna gesprochen. Sie haben gesagt, dass die Mädchen für Mackenzie da sein wollen, aber du weißt ja, wie das ist. Teenager wissen nicht, was sie sagen sollen, deshalb halten sie sich zurück.«

»Ist es nicht dasselbe mit den Erwachsenen?«, schimpfte Dad. »Seit der Beerdigung haben wir nichts mehr von Tony und Danielle gehört.«

Schweigen.

Dann ein Schniefen. »Wir sprechen gerade über Mackenzies Freunde …«

»Wenn die ihre Freundin nicht unterstützen wollen, dann ist das ihre Sache. Wir müssen uns jedenfalls dem Problem stellen, und da scheint es mir die beste Lösung, sie zu irgendeiner Aktivität zu überreden. Sie muss sich beschäftigen. Sie sollte …«

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