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Burn-In

I.

Als ich erwachte, war die Explosion noch immer im Gange. Sie war bereits am Abend zuvor im Gange gewesen, als mein kahlköpfiger Engel und ich, in behutsamer Nacktheit vereint, zu Bett gegangen waren. Sie fand seit über dreizehn Milliarden Jahren statt.

Noch immer explodierte das Universum, ausgehend von seinem ersten martialischen Funken, dem anfänglichen und radikalen Nullpunkt, einem Gespinst opaker Gesetzlosigkeit, absurder Dichte und grenzenloser Gewalt.

Der Morgen war sonnig und klar. Er markierte den Beginn einer neuen Woche meiner Reise. Einer Reise, die mich weit von zu Hause fortgeführt hatte, weit weg von all den Besorgten und Verstörten, in deren Augen mein bürgerliches Leben aus heiterem Himmel in den Treibsand einer unfassbaren Selbstdemontage geraten war. Zwar lag es in der Natur der aufgebotenen Diagnosen, dass man in mir ein Stück weit auch das Opfer einer abgeschmierten Gemütsverfassung sah. Doch war im Urteil all derer, die nicht viel Federlesens mit Begriffen machen, das Nachbild der vermeintlichen Tragödie schon bald zu dem einer handfesten Schande mutiert.

„Ach bleiben Sie doch, wo der Pfeffer wächst!“, hatte mir einer meiner Ex-Mitstreiter am Telefon mit auf den Weg gegeben, die Worte kehlig eingepökelt in den Tonfall persönlicher Kränkung. Und in einer Notiz, die, obgleich eigentlich nicht für meine Augen bestimmt, im Anhang einer weitergereichten E-Mail in mein Postfach geschliddert war, hieß es: „Es ist nicht zu fassen, was dieses Rindvieh angerichtet hat! Das Gefeixe der Breisgauer können Sie sich ja vorstellen. Hat eigentlich irgendjemand im Vorfeld was davon gewusst, dass der Typ Probleme mit sich hat? Falls ja, wird die Sache noch ein Nachspiel haben, da kann Ihr schneidiger Provinzbaron mit seiner B-Elf Gift drauf nehmen.“ Vom großen Gefeixe der Breisgauer war ich bereits über andere Kanäle recht unverblümt in Kenntnis gesetzt worden. Ebenso von dem rekordverdächtigen Kopfschütteln, das sich ein paar Meilen jenseits der Landesgrenze, in einem Gehöft im südlichen Sundgau, im Kreise der noblen Hintermänner zugetragen hatte. Und das alles war natürlich nur die Spitze eines Eisbergs.

Die Tür zum Balkon stand offen, ein Luftzug wehte herein. Er versetzte den Aschebrocken der Moskitospirale einen winzigen Schubs. In den Raum drang der Apothekenkräuterduft der umliegenden Berghänge, vermengt mit dem Geruch nach Schiffsdiesel und Armut, der über der Senke der Bucht lag. Die Uhr zeigte kurz vor halb neun. In meiner Kehle nistete ein sachter, aber hartnäckiger Schluckschmerz.

Während vom Hafen her die Rufe der Fischer und die stets ein wenig nach Randale klingenden Geräusche der Müllabfuhr zu hören waren, arbeitete sich mein Verstand im Schongang voran. Abermals brachte ich mir die brutale Rohheit zu Bewusstsein, mit der der XXL-Airbag der Raumzeit aus seinem Nukleus hervorschnellte, ein Inbegriff an Übermacht, Humorlosigkeit und Gigantomanie. All die dunklen und ungereimten Schicksale der Menschen, sie liefen samt und sonders auf nicht mehr als einen Wimpernschlag im Fortgang des galaktischen Höllenritts hinaus, soviel stand fest! Und dennoch vollzogen sie sich auch heute in jener höchst sonderbaren und zugleich extremen Zeitlupe, die unser Leben regiert. Nur sie, so begriff ich, bietet die Möglichkeit, ein- und auszuatmen, nur sie lässt die tastenden Schritte des Denkens und den Taktschlag des Herzens zu. Die wundersame Drosselung der Zeit, sie offenbarte sich mir aufs Neue hier auf der Insel, bei nahezu jeder Gelegenheit. Zuletzt heute früh, beim Blick aus dem Fenster, als der schwüle Dunst sich verzogen hatte, der den Horizont über der See am gestrigen Tag so gut wie ausradiert hatte. Sina, die noch schlief, lag neben mir, und die Lungenzüge unter ihrer Brust waren so verhalten, dass es schien, als sei sie bereits von mir gegangen.

„Lass mich bitte ausschlafen“, hatte sie gesagt, als ich sie gestern Nacht in dem schwitzigen Luftzug, der vom Meer her in unser Zimmer wehte, in den Armen hielt. „Den endlosen Schlummer am Morgen hab ich immer am meisten geliebt, diese herrliche Verschwendung! Und mach die Balkontür zu, wenn der Köter in der Frühe wieder ausrastet!“

Der Hund im Hof war heute still geblieben. Ebenso auch die helle, zinneiserne Kirchturmglocke. Zu hören war einzig der Choral der Grillen, die die Zitronenbäume im Umkreis der Hotelanlage in Beschlag nahmen und die sich anhörten, als skandierten sie einem Kriegsherren eine fanatische Parole zu. Vorsichtig erhob ich mich, schlich mich zum Balkon. Eine Wärme, spürbar trockener als die Luft der vergangenen Tage, flutete mir von draußen entgegen.

Ich musste an den Satz denken, den Sina beim Abendessen in dem Fischlokal am Rand der Mole zitiert hatte: „Schlimm ist, nicht im Sommer zu sterben, wenn alles hell ist und die Erde für Spaten leicht.“ Das hatte Gottfried Benn geschrieben. Vielleicht tatsächlich ein passender Gedanke. Und hatte nicht auch jemand gesagt, der Tod sei so, wie direkt in die Sonne zu schauen?

Den anderen Satz, den Sina dann später, beim letzten Glas Wein, geäußert hatte, versuchte ich vorerst zu verdrängen. Es waren Worte, die plötzlich wie ein mahnender Bischofsstab in der Luft gestanden hatten, böse funkelnd, und die mich ziemlich kalt erwischt hatten. Doch nach wie vor – und aller panischen Grübelei zum Trotz – war ich bis in die Bartstoppeln hinein ratlos, was ich von der Botschaft zu halten hatte, die mir meine Gefährtin, im Streulicht der Tavernenfunzeln und untermalt vom Glucksen des Hafenbeckens, mit auf den Weg hatte geben wollen. Durch den Rahmen der Bougainvilleas hindurch, die die Balkontür säumten, sah ich die fein ziselierten Felsen der Steilküsten jenseits der Bucht. Ich erkannte die Strukturen ihres erdgeschichtlichen Dahinfließens und wurde mir der beglückenden Zögerlichkeit des Gangs der Dinge bewusst. Das aus Sicht der Gestirne sinnlose Geschenk der Zeitlupe, es allein befähigt uns, den Lichtblitz unseres Daseins mit den empfindsamen Fühlern der Seele auszuloten, ja, es allein gewährt überhaupt erst die Herausbildung von etwas so ungeheuer Weitschweifigem wie einer Seele! Und nur die gewaltige Verlangsamung schafft Raum, um eine Geschichte wie die folgende zu erzählen. Nach dem Tode, so bin ich mir sicher, wird der Feuersturm der tausend Sonnen und Planeten, den der träge Blick des Homo sapiens zum Firmament gefrieren lässt, in sein tatsächliches Tempo zurückschnellen, und wir alle werden wieder einkehren in die atemlose Raserei der kosmischen Explosion!

*

Begonnen hatte alles vor mehr als einem Jahr, und Schuld war damals ein ganz anderer Gedanke. Er hatte eher mit der Langsamkeit der Zeit zu tun, mit ihrer rätselhaften Trödelei, und mit der erstaunlich komplexen Entwicklung der astrophysikalischen Geschehnisse. Nicht, dass ich mit Physik allzu viel am Hut gehabt hätte, im Grunde war ich seit meiner Schulzeit eher das, was man einen klassischen Schöngeist nennt. Zudem bin ich Jurist und Politiker und daher für die praktischen Belange der Menschen und für den Zusammenprall ihrer Interessen zuständig, den es im Hort der bürgerlichen Gemeinschaft zu moderieren und zu puffern gilt. Mein Ausscheiden aus dieser Gemeinschaft jedoch war die Folge einer Fernsehsendung, in der es um Kosmologie ging.

Die fatale Wirkung der populärwissenschaftlichen Sendung trat mit einigen Stunden Verzögerung ein. Das Ganze passierte an einem strahlend schönen Morgen Ende Mai, als mit einem leisen, rhythmischen Stottern das letzte verbliebene Rinnsal eines nächtlichen Regengusses vom Dach unseres Hauses auf den Metallsims tropfte, der sich vor dem Küchenfenster befand. Buchstäblich über Nacht war mir der entscheidende Dreh abhandengekommen: Die Kunstfertigkeit, das, was wirklich zählt, für unwichtig zu halten und dafür lauter Dingen, denen eigentlich jeder Mensch bei klarem Verstand im Tänzelschritt des Gleichmuts begegnen müsste, eine Mordsbedeutung beizumessen. Damit war mein soziales Schicksal besiegelt.

Julia war bereits in ihre Kanzlei geeilt, bürosextauglich aufgedonnert in aller Herrgottsfrühe schon, und ich saß alleine am Küchentisch, auf dem versprengte Brotkrumen und Gwendolyns Zeichenstifte lagen, während über mir die Kunststoff-Wanduhr mit dem Daniel-Düsentrieb-Motiv tickte. Nach dem Kälteeinbruch der zurückliegenden Tage herrschte wieder eine angenehm milde Temperatur. In der Luft lag das übliche Gemisch der miteinander unvereinbaren Gerüche, die der frisch gefüllten Kaffeekanne und der zum Stillstand gekommenen Spülmaschine entwichen. Die Kinder befanden sich beide auf Klassenfahrt, so dass unser hell möbliertes Heim an diesem Morgen ungewöhnlich still blieb. Eigentlich ideale Voraussetzungen, um vor dem Strategiegespräch mit Bärndasch und Konsorten nochmals in aller Ruhe den Antragsentwurf durchzugehen, den Geigy laut Mailboxdatierung um 2:17 Uhr in der Nacht verschickt hatte.

„Geschafft! Kritische Kommentare bis 8:00 Uhr erwünscht“, stand in der Mail. Ob der vom Asthma gebeutelte Jungspund im Ernst davon ausging, wir alle würden jetzt die Nacht durchmachen und dann am Vormittag, die Augen rot gerändert und mit Koffeinpillen bewaffnet, bei Bärndasch im Büro auflaufen? Wahrscheinlich schon. Schließlich kam es jetzt darauf an, möglichst rasch die Formulierung der großmäulig umrissenen Forschungsvorhaben einem Säurebad der Versachlichung zu unterziehen und die eiligst zusammengestoppelte Literaturliste nachträglich auf Hochglanz zu bringen. Nur so konnte der Antrag Ende der Woche noch fristgerecht beim Nationalfonds eingereicht werden.

Und doch erschien mir die ganze Verbissenheit an diesem Morgen mit einem Mal absurd. Es bestand ja ohnehin nur eine gewisse, letztlich schwer kalkulierbare Wahrscheinlichkeit, dass Bärndasch die Drittmittel bewilligt bekäme – auch wenn der aus Kiel stammende, von den humorlosen Witterungsverhältnissen der Waterkant gestählte Ordinarius durchaus darauf pochen konnte, zu den akademischen Granden des Öffentlichen Rechts zu zählen. Aber das war gar nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend war vielmehr, sich klarzumachen, wie extrem unwahrscheinlich es war, dass Bärndasch selbst überhaupt existierte, wie crazy das war! Und nicht nur Bärndasch: Was für einen verdammten Riesendusel Bärndasch und wir alle hatten, hier zu sein, den Planeten zu bevölkern, zu atmen, zu essen und zu verdauen, am Leben zu sein! Drittmittelprojekt hin oder her: Da konnte man sich doch weiß Gott mal ein bisschen locker machen! Und die Dinge sehr viel lockerer betrachten!

Ich versuchte, mich wieder auf die Lektüre des Entwurfs zu konzentrieren. Doch der querschießende Gedanke blieb hartnäckig auf seinem Posten. Die Sendung, die am Abend zuvor auf arte gelaufen war, hatte die geradezu aberwitzige Unwahrscheinlichkeit, die dem irdischen Dasein eines jeden von uns anhaftet, eindrücklich dokumentiert. Auch wenn mir das letzte Drittel des aufwändig gestalteten Wissenschaftsmagazins entgangen war. Denn Julia, die sich, während über die Mattscheibe abwechselnd Animationsbilder, Bonmots von Physik-Koryphäen mit Borderline-Blick und Infotainment-Einlagen des Moderators flirrten, auf dem Wohnzimmersofa die entblößten Schenkel massiert hatte, war urplötzlich darauf verfallen, mir eheliche Avancen zu machen, die sich auf das Entzückendste von dem matten Beziehungseinerlei abhoben, in das wir in den zurückliegenden Jahren hineingeschliddert waren.

„Sieh dich vor, Unhold“, hatte sie gegurrt, bevor sie mir die Brille von der Nase hob, „hier kommt die Antimaterie!“

Wenn sie mich, der ich auf den Namen Reinhold hörte, „Unhold“ nannte, war die Sache so gut wie geritzt.

„Und bist du dir auch der galaktischen Gefahr bewusst?“, erwiderte ich.

„Yeah, Baby! … Oha, was haben wir denn da?“

„Keine Ahnung … Oder, wer weiß … vielleicht ja eine Probe der sehr seltenen Spontimaterie …“

„Hi, hi … Na los, mach die verdammte Glotze aus!“

Dennoch hatte ich bis dahin ein paar wesentliche Punkte mitbekommen: Wären nach dem Urknall die Werte der Naturkonstanten nur um eine winzige Stelle hinter dem Komma von ihren tatsächlichen Größen abgewichen, es hätte keine Entwicklung stabiler Galaxien und Sonnensysteme stattfinden können, und folglich auch nicht die Herausbildung von Planeten, auf denen sich so etwas wie Leben, geschweige denn von Grips beflügeltes Leben hätte entwickeln können. Doch damit nicht genug: Auch der durch Zufall richtige Abstand der Erde zur Sonne hatte entscheidend dazu beigetragen, dass eine biologische Evolution in Gang kommen konnte. Als regelrechter Sahnebonbon aus dem Füllhorn Fortunas, deren großzügige Gaben den Stapellauf der Makromoleküle und den anschließenden Triumphzug des Lebens flankiert hatten, erwies sich zudem eine weitere Koinzidenz: die zufällige Anwesenheit der Gasriesen Jupiter und Saturn in den äußeren Umlaufbahnen des Sonnensystems. Deren mordsmäßige Gravitation bot nämlich eine schützende Staubsaugerwirkung gegen heranrasende Asteroiden, die andernfalls die Erde einem beständigen tödlichen Feuerregen ausgesetzt hätten. Mit anderen Worten: Das kosmische Lotteriespiel hatte uns in jeder erdenklichen Hinsicht einen Sechser beschert!

Das alles war mir letztlich nicht neu. Und dennoch hatte ich die folgerichtige gedankliche Konsequenz aus diesem astrophysikalischen Wissen niemals zuvor so klar und deutlich gezogen, ja, so unbeirrbar vor Augen stehen gehabt wie an diesem Morgen. Gleich das Erste, was meinen Geist nach dem Erwachen durchflutete, nachdem die traumlosen Nebel des Schlafs sich gelichtet hatten, war ein allumfassendes Gefühl der Dankbarkeit: der schieren Dankbarkeit dafür, allen physikalischen Hürden zum Trotz und auf Kohlenwasserstoffbasis erfolgreich herangereift, zur Welt gekommen zu sein! Deren ozongefiltertes Licht tatsächlich erblickt zu haben, als Teil der Edelspezies der aufrecht schreitenden Zweibeiner, die die Dinge anzupacken wussten und beim Namen nannten. Als Nachfahre eines Geschlechts, das, nachdem es als Horde verblüffend gewiefter Nackedeis an den Rändern der Savanne erstmals das Recht des Stärkeren eingefordert hatte, im Sauseschritt den Planeten erobert hatte, um ihm das weithin sichtbare Tattoo seiner Betonwüsten und Nutzflächen aufzuprägen. Zugleich mischte sich in mein Gefühl der Dankbarkeit eine Empfindung des Triumphs. Teufel noch eins! Ich hatte es tatsächlich geschafft! Ich existierte, ich wandelte bei klarem Bewusstsein auf dem Grund der Erde, in Fleisch und Blut, entgegen jeder objektiven Wahrscheinlichkeit! Das war nicht nur fast zu schön, um wahr zu sein! Es war schlechterdings der Hammer!

Eine Welle der Euphorie kam über mich. Sie ähnelte der Hochstimmung, die mich im Alter von neun Jahren erfasst hatte, als ich bei einer Jahrmarkttombola, die in dem Kuhkaff meiner Kindheit stattgefunden hatte, den Hauptgewinn gezogen hatte: einen riesigen Wolfshund aus Plüsch, auf den zuvor über Tage hinweg meine sehnsuchtsvollen Blicke gerichtet gewesen waren. Dabei verlor das kolossale Tier schon nach kurzer Zeit seine nur lose aufgenähten Kunststoffaugen. Auch erwies es sich, da die synthetische Fertigung des Fells ziemlich widerwärtige taktile Empfindungen hervorrief, als nur eingeschränkt kuscheltauglich. Der erhebende Moment der Öffnung der Losrolle jedoch, als ich mich gegenüber den vielen anderen Jahrmarktbesuchern, die vergeblich das Glück bemüht hatten, unendlich privilegiert gefühlt hatte, war damals nichtsdestotrotz ein einschneidendes Erlebnis gewesen, und der unbändige Stolz und die grenzenlose Seligkeit, die es nach sich zog, hielten bei mir noch lange an.

An besagtem Morgen indes, als bei mir mit Blick auf die ungleich härteren Regularien des astrophysikalischen Lotteriespiels mit zuvor nicht gekannter Wucht der Groschen fiel, besaß mein Gefühl, zu den Günstlingen des Schicksals zu zählen, eine zusätzliche existenzielle Färbung. Zugleich durchfuhr es mich mit einer noch überwältigenderen, nachgerade bohrenden Intensität. Dabei war mir eigentlich nicht nach Frohsinn zumute. Hatte doch die eheliche Tollerei vom Vorabend ihre segensreiche Energie einem massiven Schwips entlehnt – einem Gleitschirmflug der Hirne und Herzen, dessen verlässliche Thermik vom gemeinsamen Genuss einer dreiviertel Flasche Cognac herrührte. Die Nachwirkungen des Suffs waren, wie üblich, unschön: Sie ließen das Gold, das der sprichwörtlichen Morgenstunde in den Mund gelegt ist, an diesem Tag eher wie ein vertrocknetes Stück Blumenkohl schmecken.

Als ich am Nachmittag desselben Tages die Besorgungen für das bevorstehende Gartenfest machte, hatte sich der Kater zum Glück verflüchtigt. Nicht verflüchtigt hatte sich dagegen die triumphale innere Leichtigkeit, die mein Befinden seit dem Morgen fest im Griff hielt. Lässigen Schrittes betrat ich den Lebensmittelmarkt, um nach Getränken, Schokoriegeln für die Kids und geeigneten Happen für den Grill Ausschau zu halten.

„Nimm am besten irgendeinen Fertigscheiß mit einem Mix aus Fleisch und Gemüse“, hatte Julia mich zuvor per Smartphone instruiert. „Von der Sorte gibt’s für Grillpartys passende Sortimente.“

„Ich schau mal“, hatte ich erwidert. „Vielleicht finde ich ja auch an der Fleischtheke irgendwas Nettes.“

„Wozu denn diese Mühe?“

„Ich meine irgendwas, das nicht ganz so Nullachtfuffzehn ist.“

„Als ob Herr Aebi Nullachtfuffzehn von anderen Dingen unterscheiden könnte!“

„Komm schon. Ganz so simpel gestrickt ist der auch wieder nicht.“

„Wie bitte?! Ein elender Spießer ist der! Wer legt sich schon einen Schrebergarten zu!“

„Sei doch nicht so hart. Von der Tumringer Höhe aus hat man bestimmt einen tollen Blick ins Rheintal.“

„Ja klar, und in den Gärten ringsherum wehen lauter bekackte Deutschlandflaggen!“

Julias Missmut über den bevorstehenden Abend war ersichtlich nur schwer beizukommen. Durch das sogenannte „Get-Together“ im Schrebergarten musste sie dennoch wohl oder übel durch. Aebi bewohnte die an unser Domizil angrenzende Reihenhaushälfte und hatte uns, zusammen mit einer Reihe von Leuten aus Lörrach, Basel und der näheren Umgebung, zu einem Maifest geladen. Eine Ablehnung der Einladung hätte die nachbarschaftlichen Beziehungen zweifellos Irritationen ausgesetzt. Zumal Aebi ohnehin zu argwöhnen schien, wir hielten uns für etwas Besseres.

„Wir brauchen ja nicht so lange zu bleiben“, hatte ich Julia aufzumuntern versucht. „Zwei Stunden, dann können wir bestimmt problemlos abdüsen.“

„Das Ganze machst du doch nur, um dich beim Wahlvolk einzuschleimen!“

„Das ist gemein.“

„Mir kommen die Tränen!“

„Du weißt genau, dass das nicht stimmt. Aebi ist nun mal unser Nachbar. Wir müssen da aus Höflichkeit hin.“

Allerdings war der klitzekleine politische Nutzen auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Und Überlegungen dieser Art brachte mein beruflicher Neueinstieg zwangsläufig mit sich. Auf dem Landesparteitag der Baden-Württembergischen GRÜNEN, der im Herbst bevorstand, würde ich mich den Delegierten als unwiderstehlicher Kandidat für einen der besonders begehrten Wahlkreise präsentieren, in denen die zu erwartenden Stimmanteile auch beim Verfehlen des Direktmandats den sicheren Einzug in den Landtag verhießen. Dies jedenfalls hatten Dehlinger, Meggle und vier weitere Abgesandte der Region Südbaden in einer informellen Runde bereits vor Monatsfrist so festgeklopft. Natürlich ließ sich dem basisdemokratischen Votum der Mitgliederversammlungen nicht definitiv vorgreifen. Zudem führten die Optionen, die das verzwickte Wahlrecht eröffnete, in manch anderem Hinterzimmer ebenfalls zum Heißlaufen der Köpfe und Telefondrähte. Daher war das letzte Wort in dieser Sache noch nicht endgültig gesprochen. Und gebongt wäre das Landtagsmandat darüber hinaus auch nur, sollte das Wahlergebnis im März nicht allzu weit hinter den aktuellen Umfragewerten zurückbleiben. Ein größerer Einbruch in der Wählergunst stand jedoch kaum zu befürchten, und was die Entscheidungen auf Wahlkreisebene betraf, so genossen immerhin die Meinungsmacher vor Ort bis dato den Ruf, den meisten Empfehlungen aus Stuttgart ohne größere Querelen zu folgen.

Allerdings oblag mir zunächst noch die Aufgabe, auf dem Parteitag eine überzeugende Rede zu halten.

„Da kommen Sie nicht drum rum“, hatte Dehlinger mich im Anschluss an das Kungeltreffen telefonisch wissen lassen. „Seit Ihrem Job in der Pillenbranche sind nun zwar schon ein paar Jährchen ins Land gegangen. Aber politisch haftet dem Ganzen nach wie vor ein Geschmäckle an.“

Der aus der Hinterwelt des Kaiserstuhls stammende Strippenzieher, dessen dunkle Stirnlocken dem Frisurenstandard römischer Imperatoren entsprachen, war auch am Telefon nicht imstande, seine schmetternde Stimme zu zügeln. Die Beschallung fraß sich, wie immer, in übermäßigem Fortissimo in mein Ohr.

„Die Sache liegt nun wirklich schon recht lange zurück“, erwiderte ich.

„Seien Sie nicht naiv, Parzer! Das hier ist nicht mehr die Kuschelecke der Kommunalpolitik. Es gibt ein paar Leute, die Sie nicht abkönnen.“

„Schon klar.“

„Und so oder so führt kein Weg daran vorbei, dass Sie zu den Delegierten sprechen. Und zwar mit sehr viel Herzblut, wenn ich bitten darf! Wir müssen es schaffen, auch innerhalb des Clubs der Ökoschwafler und Teesocken letzte Zweifel an der Schubkraft Ihrer Umwelt-Agenda auszuräumen.“

„Ist gut. Ich werd mir alle Mühe geben.“

„Liefern Sie denen großes Kino! Ich drück Sie als einen der Hauptredner nach Kretschmann durch. Sie bekommen volle 60 Minuten.“

Über Inhalt und Aufbau der Rede dachte ich seither intensiv nach. Zwar war bis zum Beginn des Parteitags im Prinzip noch genügend Zeit, doch Meggle und Dehlinger hatten mir angeboten, den Text im Vorfeld mit mir durchzugehen, und bis Anfang Juli hatte ich den beiden Strategen eine erste Fassung zugesagt. Auch aus diesem Grund kam mir der zusätzliche Arbeitsaufwand, zu dem ich mich gegenüber Bärndasch verpflichtet hatte, nicht wirklich gelegen. Allerdings speiste sich das einzige feste Einkommen, das ich zurzeit bezog, aus dem juristischen Lehrauftrag an der Universität Basel, den ich dank Bärndaschs Protektion im Rahmen des interdisziplinären Studiengangs Nachhaltige Entwicklung hatte übernehmen können. Deshalb musste ich bei der lästigen Antrags-Chose wohl oder übel mitmachen.

„Die Herren sind schon drin“, hatte Frau Schafsteiger mir mit belegter Stimme zugeraunt, als ich am Vormittag, leicht verspätet, in den Räumen des rechtswissenschaftlichen Instituts eingetroffen war. Diesmal versah die oftmals rotgeschwitzte Schreibkraft ihren Dienst zu allem Überfluss barfüßig, was keinen allzu erquicklichen Anblick bot.

„Die Herren“, das waren neben Bärndasch ein unangenehm geschwätziger Wirtschaftswissenschaftler namens Elbkresse, der an der Universität Freiburg das Zepter schwang, sowie Bärndaschs Lehrstuhlassistenten Berngeiger und Geigy. Der sonderbare Dreiklang der Namen amüsierte mich jedes Mal aufs Neue: Bärndasch, Berngeiger und Geigy. Gut möglich, dass bei der Entscheidung des Professors, ausgerechnet diese beiden Mitarbeiter aus dem Zuchtbecken des wissenschaftlichen Nachwuchses herauszufischen, ein subtiler Schalk seine Finger mit im Spiel gehabt hatte. Andererseits: Angesichts der zermürbenden Sachlichkeit und Pedanterie, die die Sitzungen der Antragsgruppe jedes Mal prägten, war es auch denkbar, dass alle drei Beteiligten vollständig unempfindlich waren für die fast schon parodistische Ironie, die dem Stelldichein der Nachnamen anhaftete, ja, dass diese schräge Koinzidenz keinem von ihnen auch nur jemals deutlich zu Bewusstsein gekommen war.

„Gut, dass Sie noch dazu stoßen“, rief Bärndasch mir zu, als ich das Büro betrat, in dem ein riesiger türkis-blauer Rothko-Verschnitt als Wandschmuck diente und Staubkrumen im Sonnenlicht schwebten wie Mikroorganismen in einer tellurischen Ursuppe. „Wir sind gerade dabei, die einleitende Projektskizze abzuklopfen.“

„Das sind die Korrekturvorschläge von Elbkresse“, unterrichtete mich Berngeiger im Flüsterton, der mir ein Blatt herüberreichte, nachdem ich auf dem freien Stuhl zu seiner Linken Platz genommen hatte. Der hypernervöse Blick des rotblonden Lulatschs ähnelte auch heute wieder der Mimik von Anthony Perkins in Hitchcocks Psycho.

Im weiteren Verlauf der Sitzung spielten Elbkresses Sermone und dessen nächtliche Eingebungen zu dem vorliegenden Entwurf die Hauptrolle. Daher fiel es zum Glück nicht weiter auf, dass ich mich nicht vorbereitet hatte. Tatsächlich war es mir während des gesamten Frühstücks ums Verrecken nicht gelungen, mich aus der Umklammerung desjenigen Gedankens zu befreien, mit dem ich im Morgengrauen erwacht war: des durch und durch betörenden Gedankens, dass meine bloße Anwesenheit auf dieser Welt schon Grund genug bot, vollendetes Glück zu empfinden. Was der Tag darüber hinaus so alles in der Pipeline hatte, erschien mir, so sehr ich mir auch Mühe gab, meinen Geist auf die anstehenden Aufgaben zu fokussieren, im Vergleich dazu vollkommen nebensächlich. Meine sonnige Gleichgültigkeit hielt auch während des gesamten Arbeitstreffens unvermindert an. Als mich Bärndasch am Ende der Zusammenkunft bat, die Literaturliste bis zum kommenden Tag um einschlägige Publikationen zum Thema Umweltrecht zu ergänzen, gab ich zwar freundlich mein Okay. Doch ich beschloss noch in derselben Sekunde, mich um dieses ganz und gar bedeutungslose Anliegen mitnichten weiter zu scheren.

II.

Als Julia und ich uns am Abend der Gartenkolonie näherten, hatte meine absonderliche Stimmung noch immer nicht nachgelassen. Den Weg, der in zwei ausladenden Serpentinen hinauf zur Tumringer Höhe führte, hatten wir zu Fuß zurückgelegt. Von unserem Haus aus brauchte man hierfür weniger als eine halbe Stunde, und Parkplätze schien es, soweit sich dies vom Tal aus erkennen ließ, in der Nähe der Schrebergärten ohnehin keine zu geben. Die Kolonie bestand aus zirka 50 Einzelgrundstücken. Sie fügten sich zu einem am Hang gelegenen, streng umzäunten Rechteck zusammen. Das Areal stach deutlich sichtbar aus der umliegenden Wald- und Wiesenlandschaft heraus, nicht unähnlich einem ehrfurchtsvoll ausgelagerten Dorffriedhof in mediterranen Gefilden.

Ich trug die Jutetasche mit den Grillhappen und dem Prosecco, während Julia im Gehen eine Zigarette rauchte. Wir folgten einem kurzen Schotterpfad, der von dem Serpentinenweg abzweigte und der, mitten durch eine Streuobstwiese hindurch, zu den Gärten führte. Das Gelände besaß eine schmiedeeiserne Eingangstür, die nur lose angelehnt war. Dahinter erstreckte sich ein sauberer Kiesweg, von dem aus rechter- und linkerhand Tore zu den Gartengrundstücken führten. Von allen Seiten her erschallte launiges Feierabendgeschwätz, duftete es nach Holzkohle und waberte Braten- und Wurstgeruch durch die Luft. Auch eine der unvermeidlichen Deutschlandflaggen stach hier hin und wieder ins Auge, schlaff an einem Mast jenseits der Metallzäune oder Ligusterhecken hängend. Da alle Sektionen der Anlage durchnummeriert waren, fiel es uns nicht schwer, Parzelle 19 auf Anhieb zu finden.

„Lässig, dass ihr gekommen seid!“, rief Aebi uns zu, als wir durch das Maschendrahtgatter traten. Aebi trug ein kaffeebraunes Polohemd, eine helle Leinenhose, die ein Stück nach oben gekrempelt war, und abgetretene Sandalen. Seit der ehemalige Chef einer Basler Coop-Filiale, der, um Lebenshaltungskosten zu sparen, einen Wohnsitz im deutschen Grenzgebiet vorzog, vor einigen Monaten in Pension gegangen war, hatte er sich die Haare länger wachsen lassen. Sie strebten katzengrau und leicht zerzaust von seinem Schädel fort. Die eine Hand in die Hüfte gestemmt, stand er mit durchgedrücktem Kreuz vor einem Grill, von dem dichter Dampf aufstieg. Mit Hilfe einer spindeldürren Zange justierte er darauf eine Batterie fettschillernder Würste.

„Nochmals danke für die Einladung“, sagte ich. Und da mir nichts Passenderes einfiel, fügte ich hinzu: „Besser hätte es ja wettermäßig kaum kommen können, um im Freien zu grillen.“ Als ob man die ganze stinkende Brutzelei ebenso gut in Aebis pompöses Wohnzimmer hätte verlegen können.

„Was ihr mitgebracht habt, könnt ihr in die Hütte zu den Salaten stellen“, sagte Aebi und wies mit dem Kopf in Richtung einer hellgelb lackierten Baracke, die einige Meter vom Eingangstor entfernt auf dem leicht abschüssigen Grundstück stand und ungefähr die Maße einer Gartensauna besaß. Mir war nicht ganz klar, ob unser Nachbar uns anlässlich der auf Fraß und Suff programmierten Zusammenkunft auf einmal duzte, oder ob er im Kreise seiner größtenteils von jenseits der Grenze stammenden Bekannten lediglich zu der in der Schweiz gebräuchlichen Anrede in der zweiten Person Plural übergegangen war.

Während Julia sich mit einem Lächeln absentierte, um unsere Mitbringsel in der Hütte zu deponieren, ließ ich den Blick über den Garten und die übrigen Anwesenden schweifen. Das Gelände war nur spärlich bepflanzt, hauptsächlich an den Rändern, wo Büsche mit türkisgrünem Blattwerk und niedrige Bäumchen wuchsen, die ich botanisch nicht näher zu klassifizieren vermochte. Der überwiegende Teil des etwa tennisplatzgroßen Grundstücks bestand aus einer einfachen, nicht sonderlich penibel gepflegten Rasenfläche. Über sie hinweg hatte man in der Tat einen großartigen Blick in die Umgebung. Er erstreckte sich weit über die dünn besiedelte Ebene unterhalb der Anhöhe, über die dunklen, aus der Ferne ledern anmutenden Ausläufer des Südschwarzwalds und über die Naturparkanlagen, die den begradigten Flusslauf der Wiese zum Rhein hin säumten. In Richtung Südwesten reichte er bis zu den Schornsteinen und Bürotürmen des Novartis-Quartiers und zu den Höhenzügen des Jura jenseits des Rheinknies. Einen besonders eindrücklichen Anblick boten jedoch sieben riesige, in leuchtendem Rot und Orange gefärbte Heißluftballons, die über dem Rheintal schwebten und deren spitz nach unten zulaufende Umrisse gestochen scharf im Abendlicht hervortraten. Sie hoben sich plastisch vom Blau des Himmels und den vereinzelten Kumuluswolken ab, so als handele es sich um ...

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