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Bullet Catcher - Max

 

 

Roxanne St. Claire

Bullet Catcher

Max

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Kristiana Dorn-Ruhl

 

 

Dieses Buch widme ich J. für seine Heilkräfte, Gregg für seine Inspiration, Deborah für ihr Mitgefühl, Jeffrey für seine
Begeisterungsfähigkeit. Es ist mir eine Ehre, eure kleine Schwester zu sein, die (immer noch) lange Geschichten erzählt.

 

1

Lucy Sharpe war schwer zu beeindrucken. Aber dass Max Roper nicht mit der Wimper zuckte, als sie ihm seinen nächsten Einsatz erklärte, ließ ihren Respekt vor seiner berühmten Selbstbeherrschung noch ein Stückchen wachsen.

Ob er den Namen nicht wiedererkannt hatte? Vielleicht hatte er seine frühere Geliebte aus den Augen verloren. Vielleicht wusste er nicht, dass Corinne Peyton, die Milliardärswitwe, und Cori Cooper, die Jurastudentin von der DePaul University in Chicago, ein und dieselbe Person waren.

Lucy zog ein großes Farbfoto aus einer Mappe und rückte es so zurecht, dass das Tageslicht die tiefblauen Augen und das schimmernd schwarze Haar des Frauenporträts zum Strahlen brachte.

»Das ist Mrs Peyton«, sagte Lucy und hob den Blick, um seine Reaktion abzuschätzen. »Ist sie nicht traumhaft schön?«

Er nickte unmerklich. Hob sich da etwa eine Augenbraue um einen Millimeter? Jeder andere würde denken, dass Max Roper Corinne Peyton in diesem Moment zum ersten Mal sah. Nicht so Lucy. Für sie hatte es oberste Priorität, alles über die Männer und Frauen in Erfahrung zu bringen, die sie in ihre Elitetruppe aus Bodyguards und Sicherheitsspezialisten aufnahm: die Bullet Catcher.

»Das Foto entstand bei der Gründungsveranstaltung der Peyton Foundation, kurz nach der Hochzeit der Peytons. Vor vier Jahren.«

Keine Reaktion.

»Die Organisation ist das größte wohltätige Projekt der milliardenschweren Peyton Enterprises. Mrs Peyton hat sich persönlich um die Gründung dieser Stiftung bemüht, zusammen mit ihrem verstorbenen Gatten.« Lucy schwieg, bis Max vom Bild aufsah. »Die Peyton Foundation bietet den Familien straffällig gewordener Polizeibeamter finanzielle und juristische Hilfe.«

Nichts. Kein Zucken seines muskelgestählten Nackens. Keine Veränderung in seinen wie aus Granit gemeißelten Zügen. Max war ruhig wie immer. Diese Eigenschaft machte ihn zwar zu einem hervorragenden Bodyguard, brachte ihm aber wenig Sympathien bei Klienten ein, die wissen wollten, was diesen stoischen Titanen im Innersten bewegte.

Lucy stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und wiederholte: »Ich beauftrage dich hiermit, Corinne Peyton zu beschützen.«

Max wischte das Foto beiseite, zog die restlichen Unterlagen zu sich heran und fuhr rasch mit dem Finger über die oberste Seite. Nachdem er die wichtigsten Punkte überflogen hatte, blätterte er weiter und musterte ein Foto von William Peyton, das an dessen sechzigstem Geburtstag entstanden war, und ein Cover des Fortune-Magazins, das den Multimilliardär in seinem Haus auf Star Island zeigte.

»Wie du am Datum siehst, ist der Artikel letztes Jahr erschienen«, erläuterte sie. »Ein paar Monate bevor Peyton im Alter von dreiundsechzig Jahren starb.«

Erneut schwieg Lucy, um Max Gelegenheit zu geben, seine Verbindung zu der Witwe preiszugeben.

Stattdessen stieß er die Akte von sich und lehnte sich mit angewiderter Miene zurück. »Miami? Im August? Luce! Warum schickst du mich nicht gleich in die Hölle?«

Sie lächelte. »Nächstes Mal geht’s nach Alaska. Versprochen.«

»Das hast du nach Madagaskar auch gesagt. Setz Jazz und Alex Romero darauf an. Die leben da unten.«

»Die sind mit einem Auftrag in Helsinki.«

Max schnaubte leise. »Die Glücklichen.«

»Du wirst in Miami schon nicht schmelzen, Max.« Oder vielleicht doch?

Er öffnete die Akte erneut, als müsste er sich das Bild dieses Mannes mit dem weißen Haarschopf und den schwarzen Augenbrauen besonders einprägen. Der Mann, der das Land mit ultraluxuriösen Einkaufszentren übersät und damit unglaublichen Reichtum angehäuft hatte. Der Mann, der im Leben alles bekommen hatte, was er wollte … einschließlich der Frau, die Max liebte.

»Hast du den Typ persönlich gekannt?«, erkundigte sich Max beiläufig. »Ist deshalb Bullet Catcher ins Spiel gekommen?«

»Nein. Das lief über Beckworth Insurance. Mrs Peyton ist kürzlich angegriffen worden und hat sich bei der Versicherung nach einem geeigneten Personenschutz erkundigt. Die haben sie dann an mich weitervermittelt.«

»Beckworth?« Max blickte interessiert auf. »Gab es eine Entführungsdrohung?«

Für gewöhnlich arbeitete Bullet Catcher mit Beckworth zusammen, wenn es um Regionen ging, in denen es häufig Entführungen gab, etwa Südamerika. »Nein, aber offenbar hat jemand versucht, sie beim Shoppen mit seiner Stoßstange zu streicheln. Oberflächlich betrachtet ist das hier ein ganz normaler VIP-Schutz.«

Die Furche in seiner Stirn vertiefte sich beim Tonfall ihrer Stimme. »Und beim näheren Hinsehen?«

Sie stützte das Kinn auf ihre Fingerknöchel. »Ich habe den größten Teil meines Berufslebens als Agentin verbracht, Max. Du weißt, dass ich weiß, dass du was mit dieser Frau hattest.«

»Eine alte Geschichte.«

Lucy hob eine Augenbraue. »So alt, dass du dein Leben geben würdest, um sie zu schützen?«

Ihre Blicke trafen sich. »Wenn du mich darum bittest.«

»So alt, dass du ihr Vertrauen wiedergewinnen kannst?«

»Wenn ich muss.«

»So alt, dass du ganz nebenbei herausfinden kannst, ob sie ihren Mann umgebracht hat?«

»Was?« Er spuckte das Wort förmlich aus. »Er ist an einem Herzanfall gestorben. Das steht hier auf Seite eins deines Berichts.«

»Das ist der offizielle Bericht.«

Max wartete einen Herzschlag lang, während in seinem Gesicht die einzig mögliche Frage geschrieben stand: Und wie lautet der inoffizielle?

Lucy stieß sich auf ihrem Rollstuhl von ihrem massiven viktorianischen Schreibtisch ab. Durch das Kassettenfenster, das eine gesamte Wand ihrer Bibliothek einnahm, blickte sie auf das Hudson River Valley und das gepflegte, vom Sommerregen üppig satte Grün ihres Grundstücks.

»Es wurden keine offiziellen Ermittlungen zum Tod William Peytons eingeleitet. Sein Herzversagen wurde durch eine Autopsie bestätigt. Allerdings …« Sie wandte sich ihm wieder zu. »Beckworth Insurance ist sich nicht hundertprozentig sicher. Und da diese junge Frau Milliarden und die gesamten Stimmanteile ihres Mannes am Vorstand der Firma bekommt, ist das eine heikle Angelegenheit. Ja, die Autopsie war sauber. Niemand erhebt Anklage, es gab keine polizeilichen Ermittlungen. Aber du weißt ja, wie gründlich Beckworth ist. Sie sind Peytons Alleinversicherer, sie wollen die ganze Wahrheit, wie auch immer die aussieht.«

»Sie hat durch ihre Erbschaft nicht wirklich die Kontrolle über die Firma erhalten«, wandte Max ein. »Nur über die Stiftung. Und ich glaube, es geht um eine Milliarde, nicht um zwei.«

Lucy konnte sich ein schwaches Lächeln nicht verkneifen. »Du hast dich über Cori Cooper also auf dem Laufenden gehalten.«

Er richtete die Augen auf das Titelblatt des Magazins. »Ich habe darüber gelesen.« Mit gerunzelter Stirn sah er Lucy an. »Der Auftrag ist doch kein Zufall. Warum ich?«

Lucy verschränkte die Hände hinter ihrem Rücken und sah ihn unverwandt an. »Du bringst ein paar entscheidende Eigenschaften mit.«

Sein Lächeln hatte etwas Bedrohliches. »Als da wären, von meinem jungenhaften Charme abgesehen?«

»Du bist ein hervorragender Bodyguard, und dank deiner Zeit bei der Drogenfahndung bist du sehr gut in Verhören. Und du bist mit der Auftraggeberin bekannt, was den Zugang zu persönlichen Informationen erheblich erleichtert.« Außerdem hatte er tatsächlich Charme bis zum Abwinken. Nur zeigte er ihn nicht gern freiwillig. »Eine große Sorge allerdings habe ich.«

Er sah sie erwartungsvoll an.

»Kannst du deine Gefühle aus dem Spiel lassen, Max?«

Einen Augenblick lang zuckten seine Mundwinkel, und Lucy dachte schon, er würde lachen. »Du machst Witze, oder?«

»Bedaure. Nein.«

»Lucy.« Er schüttelte den Kopf, und seine kastanienbraunen Augen leuchteten auf. »Was mir auch immer in die Quere kommen mag – Gefühle gehören sicher nicht dazu.«

»Ich habe dir noch nie so eine Verantwortung übertragen – eine Person, die du persönlich kennst, zu beschützen und gleichzeitig gegen sie zu ermitteln.«

Er stand auf und ließ sie mit ihren immerhin ein Meter zweiundachtzig klein erscheinen. Sein Gesicht war noch immer undurchdringlich, nur die winzige Narbe über seiner rechten Braue wirkte blasser, als er die Unterlagen zusammensuchte.

»Kein Thema. Ich war gerade sechs Monate in Südafrika und bin dort einem Waffendealer in den Arsch gekrochen. Jetzt soll ich eine Promiwitwe babysitten – das ist ja wohl ein Spaziergang dagegen.«

»Auch Spaziergänge können tödlich enden.«

Er grinste. »Luce, das hier ist die Abteilung eins-null-eins: Personenschutz und Ermittlungen. Und ich kenne Cori Cooper. Das Mädchen ist ein offenes Buch für mich.«

»Das Mädchen ist eine steinreiche Frau, die möglicherweise unter Mordverdacht steht.«

Seine Lider flatterten kurz. »Wenn sie tatsächlich schuldig sein sollte, werde ich das binnen fünf Minuten herausgefunden haben.« Er schloss die Akte und ließ sie in eine weiche Ledertasche gleiten.

»Geld – und ein Mord – kann einen Menschen verändern«, warnte Lucy leise.

Er überquerte den sechs Meter langen Orientteppich mit wenigen Schritten. An der Tür wandte er sich langsam um. »Hast du mal in Betracht gezogen, dass sie nichts mit dem Tod ihres Mannes zu tun hat? Dass es schlicht und ergreifend ein Herzanfall war?«

»Und schon nimmst du sie in Schutz.« Das war das Riskante daran, ihm den Job zu geben: Er war nicht objektiv.

Schließlich schenkte er ihr ein langes, bedächtiges Lächeln. »Ich ziehe nur alle Möglichkeiten in Betracht.«

»Tu das. Und versuch cool zu bleiben, da unten im Süden.«

Er verschwand in den Flur hinaus, und sie hätte schwören können, dass er leise lachte.

Jeder Bullet Catcher wurde in seiner Laufbahn einmal geprüft. Und sie hoffte inständig, dass dieser Mann, der solide war wie der Fels von Gibraltar und einen tiefen Burggraben um sein Herz gezogen hatte, seine Prüfung bestehen würde.

»Weißt du, was ich an dir am meisten hasse, Mrs Corinne Peyton?«

Cori drehte sich um und sah ihre engste Freundin die drei Stufen zum Rasen herunterkommen. Sie trug fein gewebte, perlenbestickte Hosen, die ebenso luftig waren wie ihr Spitzname. »Breezy! Ich bin sicher, die Liste ist lang, aber worum geht es diesmal?«

»Der Tod steht dir gut.«

Gekränkt wandte Cori sich ab. »Das ist nicht witzig.«

»Ausnahmsweise meine ich das mal ganz ernst.« Breezy schlang einen sanft gebräunten Arm um Coris Taille und zog sie an sich. »Ich habe dich gerade eine Stunde lang auf dieser Party beobachtet. Du schaffst es, Klasse, Glanz und Anmut auszustrahlen, mit genau der richtigen Dosis Trauer und Ennui.«

Cori legte den Kopf schief und lachte. »Ennui? Das ist ja mal ein Wort, das man nicht alle Tage hört.«

Breezy zuckte die Schultern. »Berufsrisiko, wenn man mit einem Anwalt verheiratet ist, der auf teure Wörter steht.«

»He, sei froh, dass du ihn hast«, sagte sie leise.

Breezy ließ sich weich gegen Cori sinken. »Du vermisst deinen Mann, was, Süße?«

»Sehr«, gab Cori seufzend zu. »Besonders an Abenden wie diesem.« Sie machte eine Handbewegung in Richtung der Lichter, die das tropische Anwesen, den Pool, den Partypavillon und die stattlichen Königspalmen erhellten sowie die zahlreichen elegant gekleideten Gäste und dienstbeflissenen Kellner. »Ich drehe mich um und erwarte, dass er dasteht, mit diesem ganz besonderen Blick, den er nur für mich hatte.«

»Mir wird schlecht.«

Cori knuffte Breezy in die Rippen. »Bist du zu mir herausgekommen, um mich zu beleidigen, oder willst du mir die neuesten Zahlen bringen?«

»Weder noch, aber du kannst gern beides haben. Wir haben bei der letzten stillen Auktion die Zweihunderttausend-Dollar-Marke überschritten. Irgendein Schwachkopf hat fünfundzwanzigtausend für ein Wochenende auf Lulu Garreys Jacht geboten.«

»Wirklich? Das ist fantastisch, Breeze.« Cori legte ihren Kopf auf Breezys schmale, aber hilfreiche Schulter. »Gott, ich kann kaum fassen, wie viel Arbeit du in die Gründung dieser Stiftung gesteckt hast! Ohne dich wäre ich vollkommen verloren.«

»Ach komm. Mir hat’s Spaß gemacht. Mein Ziel war es, dass du nur noch dein sexy Fahrgestell in diese umwerfende Valentino-Kreation hüllen und dann vor die Menge treten musst, um die eine Frage zu beantworten, die auf sämtlichen aufgespritzten Lippen in ganz Miami liegt.«

»Nämlich?«

»Ist er wirklich im Bett gestorben?«

Cori versuchte zu lachen. »Du weißt doch, dass es so war. Aber im Schlaf.«

Er starb im Schlaf an einer natürlichen Ursache.

Wie viele tausend Male hatte sie diese Worte in den letzten drei Monaten ausgesprochen? Aber genauso oft hatte eine leise Stimme in ihrem Kopf hinzugesetzt: Stimmt doch gar nicht.

Sie wandte sich Breezy zu. »In Wahrheit wollen sie wissen, ob aus der Trophäenfrau eine lustige Witwe geworden ist.«

»Ach, lass die doch reden. Du warst nie eine Trophäenfrau.« Breezy zog eine Zigarette aus ihrer winzigen Handtasche und warf einen kurzen Blick zurück zum Haus, während sie sie mit einem tiefen Zug anzündete. »Wie dem auch sei, ich bin heruntergekommen, um dir zu sagen, dass du einen Gast hast.«

»Ich habe zweihundert Gäste. Ist einer darunter, um den ich mich unbedingt jetzt kümmern muss?«

»Dieser behauptet, dein Bodyguard zu sein.« Breezy blies Rauch aus und verengte vorwurfsvoll die Augen. »Du hast es also tatsächlich getan?«

»Ich musste«, erwiderte Cori. »Die kleine Szene oben in Bal Harbour hat mich überzeugt.«

Breezy nickte wissend. Sie war nicht dabei gewesen, als Cori beim Shoppen von einem schwarzen Jaguar gestreift worden war, so knapp, dass ihr der Außenspiegel die Handtasche wegriss. Aber sie hatte die posttraumatische Phase nach dem Vorfall miterlebt.

»Wo hast du den aufgetrieben?«, fragte Breezy. »Der Typ ist eine ganz heiße Nummer.«

»Die Versicherungsgesellschaft hat mir eine Top-Sicherheitsfirma empfohlen, und ich wollte jemanden, der nicht zu übersehen und entsprechend furchteinflößend ist. Die kleine Ratte soll wissen, dass ich keine Angst vor ihm habe.« Sie hatte ganz andere, tiefer gehende Gründe dafür, sich Personenschutz zuzulegen, aber ihr Stiefsohn hatte ihr unwillentlich einen idealen Vorwand geliefert.

Breezy schnaubte. »Mir ist schon aufgefallen, dass der Mistkerl noch nicht aufgetaucht ist.«

»Gott sei Dank!« Das Letzte, was Cori bei ihrem ersten größeren gesellschaftlichen Auftritt als William Peytons Witwe brauchte, war ein Zusammenstoß mit William Peytons Sohn. »Nachdem er das Testament angefochten hat, traue ich selbst ihm nicht die Dreistigkeit zu, heute Abend hier zu erscheinen.«

»Und wenn doch, hast du jetzt einen echten Prachtburschen bei dir, der dafür bezahlt wird, dich zu beschützen. Hier, er hat mir seine Karte gegeben.« Sie drückte ihre Kippe in einem Pflanzkübel aus und griff erneut in ihre Tasche.

Cori ging auf die Treppe zu. »Ich habe erst morgen mit ihm gerechnet, aber Marta hat das Gästehaus schon hergerichtet. Ich gehe ihn begrüßen.«

»Glaub mir, das wird nicht wehtun.«

»Nein danke, kein Interesse. Ich bin erst seit drei Monaten Witwe.«

»Aber du bist seit drei Jahren nicht flachgelegt worden. Vielleicht überlegst du es dir noch mal anders, wenn du …« Breezy hielt die Karte ins Licht, um sie zu lesen. »… Max Roper siehst.«

Coris glitt mit dem Fuß an der Kalksteinstufe ab und stürzte um ein Haar. »Was?«

»Max Roper. Experte für Sicherheit und Personenschutz«, las Breezy vor.

Cori nahm die Karte, und das Blut wich so schnell aus ihrem Kopf, dass die Buchstaben vor ihren Augen tanzten. »Nein. Das Universum kann unmöglich so absurd und grausam sein.«

Oben an der Treppe verdunkelte ein Schatten die glitzernde Partybeleuchtung. Sie musste nicht hinsehen, und er musste nichts sagen.

Sie wusste, wer er war.

»Das Universum ist sehr wohl absurd und grausam.« Sein erotischer Bariton fuhr ihr bis ins Mark. »Gerade Sie sollten das wissen, Mrs Peyton.«

Sie sah auf und schwankte ein wenig. Aber das lag sicherlich an ihren hohen Absätzen, mit denen sie im Rasen einsank – nicht an dem Mann, den sie zugleich geliebt und gehasst hatte.

»Was machst du hier, Max?«

»Lucy Sharpe hat mich geschickt.«

»Dich?« Cori würzte das Wort mit einer scharfen Dosis Abscheu.

»Mich.« Er trat zwei Stufen herunter, ohne dadurch an Größe zu verlieren. Maximillian P. Roper III., das waren ein Meter fünfundneunzig unnachgiebige männliche Muskelmasse. Zweifellos war er ein ausgezeichneter Bodyguard.

Aber nicht für sie. Niemals.

»Cori, kennst du diesen Mann?« Breezy trat näher, als könnten ihre zarten fünfzig Kilo Max Roper in Schach halten.

»Wir kennen uns aus Chicago«, sagte Max.

»Ich kannte Cori schon in Chicago«, erwiderte Breezy. »Aber Sie habe ich da nie gesehen.«

Cori nahm Breezy am Ellbogen, um sie fortzuscheuchen. »Ich werde allein mit ihm reden, Breeze. Und dann wird er gehen.«

Max’ Blick blieb unverwandt an Cori haften, während seine Augen nicht die geringste Empfindung verrieten. Ein maßgeschneidertes Jackett umhüllte seine Herkulesbrust; darin schlug das Herz, das sie einmal für ihren größten Schatz gehalten hatte.

»Das muss ein Missverständnis sein«, sagte sie. »Ich wollte einen Leibwächter, nicht einen Bluthund von der Drogenfahndung.«

Sein Mundwinkel zuckte – für Max Roper war das schon so etwas wie ein breites Grinsen. Förmlich streckte er ihr die Hand entgegen. »Ich bin hier, um dir den bestmöglichen Schutz zu geben.«

Sie wich zurück. Eine Hochspannungsleitung zu berühren wäre weniger gefährlich, als Max die Hand zu geben. »Noch mal, damit ich klar sehe. Du bist ein Bullet Catcher?«

»Ja.«

»Und Lucy Sharpe hat dich geschickt, um mich zu beschützen?« Ungläubig schüttelte sie den Kopf.

»Lucy hat ihre Gründe, und die stellen wir für gewöhnlich nicht infrage … Mrs Peyton.«

Ihr blieb nicht verborgen, wie er ihren Namen betont hatte. Glaubte er etwa, was alle anderen auch glaubten – dass sie einen so viel älteren Mann wegen seines Geldes geheiratet hatte und schließlich den Lottogewinn einfahren konnte, als er in ihrem Ehebett starb und sie als Erbin eines riesigen Anwesens und eines Sitzes im Vorstand von Peyton Enterprises zurückließ?

Gewiss kannte Max sie besser. Vielleicht aber auch nicht.

Aber sie würde sich nicht erklären. Es war ihr seit Langem gleichgültig, was Max Roper über sie dachte, und er würde noch vor dem Ende der Party wieder weg sein. »Ich werde Lucy anrufen und um Ersatz bitten«, sagte sie nur. »Vielleicht ist ihr nicht klar, dass es hier einen –«

»Interessenskonflikt gibt?«, vollendete Max den Satz.

So nannte er das? Erinnerungen an himmelstürmende Küsse, herzzerreißende Tränen und magenzerfetzende Vorwürfe schossen ihr durch den Kopf. »Das setzt voraus, dass Interesse vorhanden ist.«

»Ganz die Juristin.«

Trotzig schob sie ihr Kinn vor. »Ich habe das Jurastudium nicht abgeschlossen. Aber streiten kann ich mich trotzdem.«

»Darauf freue ich mich schon.« Seine Augen tanzten. Verdammter Mistkerl.

»Keine Sorge.« Sie versuchte, ihm auszuweichen. »Ich werde deine Chefin anrufen und ihr sagen, dass du nicht das bist, was ich mir vorgestellt habe.« Und das war noch untertrieben.

Er holte ein Mobiltelefon hervor und hielt es ihr entgegen. »Du musst nur die Eins drücken. Die Kurzwahl für Lucys Privatnummer.«

Sie nahm das Telefon und suchte in seinem Gesicht nach Anzeichen für einen Bluff. Darin war er immer Meister gewesen.

Dass er die letzten fünf Jahre damit zugebracht hatte, abgrundtief böse Drogenbosse zu jagen, hatte seinen attraktiven Zügen nicht geschadet. Im Gegenteil, er sah noch besser aus als früher. Älter. Klüger. Eindrucksvoller. Sein dunkles Haar war noch immer so voll wie damals, als Cori kaum die Finger davon hatte lassen können. Nur war es jetzt länger, fiel bis zum Kragen und in seine finster gefurchte Stirn. Eine Stirn, die sich bei ihrem Anblick immer noch in Falten legte, als ob er aus ihr nicht schlau werde und doch den Versuch dazu niemals aufgeben würde. Seine starken Kiefer blieben fest und unnachgiebig, aber sie wusste, wie sie zu entspannen wären. Sein Körper war immer wie Wachs in ihren Händen gewesen.

»Stattdessen kannst du mich natürlich auch hypnotisieren.«

Sie verengte die Augen zu Schlitzen und deutete mit dem Telefon auf ihn. »Du meinst immer noch, du bist der Weltmeister im Bluffen.«

»Du kannst jederzeit gerne eine Partie mit mir wagen …« Er beugte sich einen Deut näher zu ihr. »… und es herausfinden.«

Sie regte sich nicht. »Das letzte Mal, als ich mit dir gepokert habe, habe ich verloren.«

Er kam noch einen Millimeter näher, schob sich nun gänzlich vor das Licht und sandte einen Hauch seines vertrauten Moschusduftes aus, der Cori sofort bis in die Zehenspitzen rauschte. »Als du das letzte Mal mit mir gespielt hast, habe ich dich mit einer Karozwei und hiermit kommen lassen.« Er blies ihr sanft ins Gesicht, sodass ihre Ponyfransen flatterten. »Willst du mit mir pokern, Cori Cooper?«

Entschlossen presste sie die Knie zusammen. Er sollte nicht sehen, welche Gefühle er in ihr auslöste. Diese Genugtuung gönnte sie ihm nicht. »Ich heiße jetzt Corinne Peyton.«

»Das habe ich im Town and Country Magazine gelesen.« Auf ihren überraschten Blick hin fügte er hinzu: »Der Artikel war in deiner Akte.«

»Du wusstest, wer ich war, als du den Auftrag angenommen hast?«

»Natürlich.« Er legte den Kopf schief. »Ach, und übrigens … mein tief empfundenes Beileid zum Verlust deines Gatten.«

In seiner Stimme lag keinerlei Vorwurf, kein unterschwelliger Groll auf ihr Vermögen. War das wieder ein Bluff? Oder die Sanftheit, die er so selten zeigte? Gott, Max kriegte sie immer wieder auf diese Weise! Ganz gleich, wie groß und stark und böse und gemein er auch war, wenn er sanft wurde, brachte sie das jedes Mal fast um.

Stopp, gemahnte sie sich streng. Ihren Vater hatte es das Leben gekostet.

Sie klappte das schmale silberfarbene Handy auf und drückte die Verbindungstaste. Das Display leuchtete auf. »Die Eins, sagtest du?«

Max klappte das Telefon zu. »Ich bin der Beste, den sie hat, Kleines.«

Sie sah auf und begegnete seinem Blick. »Ich habe gehört, Bullet Catcher ist die Crème de la Crème in der Sicherheitsbranche. Ich bin sicher, es gibt einen geeigneten Ersatz.«

Er streckte die Hand nach dem Apparat aus, aber sie presste ihn sich gegen die Brust.

Max gab nach und überließ ihn ihr. »Sag mir doch, bevor du anrufst, was genau dein Problem ist«, schlug er vor. »Dann kann ich Lucy helfen, den richtigen Bodyguard für dich zu finden.«

Von der Terrasse her drang das Geräusch von splitterndem Glas auf Metall. Im Bruchteil einer Sekunde schnellte Max herum, schirmte Cori mit seinem breiten Rücken ab und zog eine Waffe.

»Ich will nur mit ihr reden!« Die schrille Stimme hallte über den Rasen, so laut, dass zweihundert Gäste im Pavillon und auf Balkonen ringsherum schlagartig verstummten, um neugierig die Szene zu verfolgen. »Ich brauche keine beschissene Einladung, um ins Haus meines Vaters zu kommen.«

Oh Gott. Billy.

»Erschieß ihn nicht, Max«, sagte Cori und trat hinter dem menschlichen Schutzschild hervor, das er bildete. »Er ist mein Stiefsohn. Und er …«, fügte sie mit scharfer Entschlossenheit hinzu, »ist mein Problem.«

Billy Peyton wischte mit Leichtigkeit Breezys dünne Ärmchen zur Seite und schlenderte über den Rasen. Sämtliche Blicke lagen auf seinem platinblond schimmernden, üppig wuchernden Haarschopf. Cori wusste genau, was auf allen Leitungen zwischen South Beach und Coral Gables morgen das Hauptgesprächsthema sein würde: Billy Peyton war am Ende. Eigentlich nichts Neues.

Cori straffte die Schultern und machte sich auf das Schlimmste gefasst. Sie hatte sich angewöhnt, so zu tun, als wäre sein Verhalten völlig normal. Den Trick hatte sie immer angewandt, damit William sich nicht über die Anfälle seines Sohnes aufregte. »Ich bin hier drüben, Billy.«

Als sie die Stufen zu der höher gelegenen Rasenebene hochstieg, war Max an ihrer Seite.

Billy stolperte im Näherkommen, und sie streckte die Arme vor, um ihn aufzufangen.

»Was willst du?«, fragte sie.

Er lehnte sich zurück, und selbst bei der gedämpften Partybeleuchtung konnte sie sehen, dass seine Pupillen vergrößert und die Augenlider gerötet waren. Was war es heute? Gras? Koks? Ecstasy?

Er ließ seinen Blick über sie wandern. »Das ist eine ziemlich blöde Frage, Mom

Abscheu regte sich in ihr, aber sie fuhr ruhig fort. »Ich habe die Papiere erhalten, und mein Anwalt wird sich mit deinem in Verbindung setzen. Da gibt es nichts mehr zu diskutieren. Schon gar nicht heute Abend – das ist eine wichtige Benefizveranstaltung zugunsten der Stiftung. Also tu mir den Gefallen und geh.«

Er senkte den Kopf wie ein angriffslustiger Stier, was möglicherweise bedrohlich gewirkt hätte, wenn er nicht kurz davor gewesen wäre, sich zu übergeben, und seine wippenden Surferlocken nicht den ganzen Effekt zerstört hätten.

»Ich will nicht diskutieren, und deine Stiftung geht mir am Arsch vorbei. Wo ist die Bar?«

»Geschlossen.«

»Mach sie auf.«

»Raus hier!«, zischte Cori zwischen zusammengebissenen Zähnen. Vage nahm sie wahr, wie Max hinter Billy trat. »Und mach keine Szene.«

Als er den Mund öffnete, um zu widersprechen, legte Max ihm einen Arm um den Hals. Billy versuchte sich zu entwinden, aber Max überwältigte ihn mühelos mit der linken Hand.

In der rechten hielt er eine schlanke schwarze Waffe.

»Verdammte Schei…« Billys Augen weiteten sich vor Schreck, und er zuckte erneut, aber Max machte ihn mit einem kurzen Druck seiner Hand gänzlich bewegungsunfähig.

»Achten Sie auf Ihre Wortwahl in Anwesenheit der Dame«, brummte Max und hielt die Waffe hoch.

»Wer zum Teufel sind Sie?«, grunzte Billy und verdrehte seinen Kopf, um Max zu sehen. »Lassen Sie Ihre verdamm…«

Max packte ihn fester. »Ich sagte, Sie sollen auf Ihre Wortwahl achten.«

Cori machte einen Schritt auf die beiden zu. »Ich habe einen Bodyguard engagiert, Billy. Mir zu drohen ist Zeitverschwendung.«

Billy schnaubte. »Du bist größenwahnsinnig, Cor. Ich will nur, was mir zusteht. Nur weil du die Beine breitgemacht hast für …«

Max verdrehte Billys Hals, vielleicht ein wenig grober als notwendig. »Es ist Zeit für Sie zu gehen, Mr Peyton.«

In Billys blassblauen Augen flammte Wut auf, und er versuchte, den Kopf zu schütteln. »Das ist das Haus meines Vaters, und ich …«

Max entsicherte die Pistole. »Sie gehen jetzt.«

Billy starrte auf die Waffe. Auf seiner Oberlippe bildeten sich Schweißperlen.

»Gibt es einen zweiten Ausgang?«, fragte Max Cori.

Sie deutete in Richtung des nördlichen Rasens. »Du kannst ihn am Gästehaus vorbei hinausbringen.«

Billy blickte sie an, und seine geweiteten Pupillen funkelten vor Hass. »Nutte.« Er formte das Wort mit den Lippen, sodass Max es nicht hörte.

»Er sollte nicht mehr fahren«, sagte sie ruhig. »Wir treffen uns vor dem Eingang, und ich besorge einen Wagen mit Chauffeur.«

»Nicht nötig. Ich kümmere mich um ihn«, sagte Max und ging mit Billy, den er fest im Griff hatte, davon. »Billy und ich machen jetzt einen Spaziergang.«

Sie sah ihnen nach, bis sie im Dunkel verschwanden. Billys Proteste und Max’ ruhige, einsilbige Antworten waren noch eine Weile lang zu hören. Seltsamerweise empfand sie einen gewissen Trost bei der Vorstellung, dass Max Roper für ihr Leben verantwortlich sein könnte. Schließlich stand er schwer in ihrer Schuld.

Aber er konnte unmöglich bleiben. Abgesehen von der Tatsache, dass ihr Verhältnis das reinste Minenfeld war, bestand das eigentliche Problem darin, dass sie vor ihm nichts verbergen konnte. Und wenn er herausfand, was sie vorhatte, würde er versuchen, sie aufzuhalten. Er würde ihr sagen, dass sie verrückt, dumm und im Irrtum sei, und dann würde er ihr den Autopsiebericht ihres Mannes vor die Nase halten, so wie es die Polizei getan hatte.

William starb im Schlaf an einer natürlichen Ursache.

Bis sie herausfand, was – oder wer – ihren Mann getötet hatte, war sie nicht sicher. Sie brauchte einen Bodyguard – aber nicht diesen.

Breezy erschien mit zwei Gläsern Champagner und einem vielsagenden Grinsen. »Tja, ich würde sagen, du hast die richtige Adresse erwischt, was diese Leibwächtersache angeht.«

Cori griff nach einer Champagnerflöte. »Oh, ich habe ja noch das Handy.«

»Wie clever von dir.« Breezy schmunzelte und hob ihr Glas, als wollte sie ihr zuprosten. »Damit ist auf jeden Fall gesichert, dass er wiederkommt, selbst wenn ein anderer diesen Job übernimmt.« Sie nahm einen Schluck und zwinkerte. »Was, wie wir beide wissen, nicht passieren wird.«

 

2

Manche Dummköpfe hatten zwar haufenweise Geld, aber nicht das dazugehörige Hirn.

Für Max gehörte Billy Peyton in diese Kategorie, vor allem, nachdem der elende Feigling beim Anblick der Waffe sofort anfing zu winseln und sich dann auch noch am Straßenrand die Seele aus dem Leib kotzte. Aber auch zuvor, als er mit Billys Autoschlüssel dessen Lamborghini Gallardo öffnete, war Max der Gedanke gekommen, dass der Junge etwas unterbelichtet sein musste. Nur ein Volltrottel legte zweihundert Riesen für ein Spielzeug hin, das man bestenfalls als niedlich bezeichnen konnte.

Okay, schnell war das Ding außerdem.

Während er den gelben Sportwagen über die Straßen von Coconut Grove jagte, beglückwünschte sich Max, dass er dem Impuls widerstanden hatte, Billy Peyton selbst ans Steuer und unweigerlich gegen einen Baum fahren zu lassen. Oder besser noch, ihn das niedliche kleine Auto von der Brücke direkt in die Biscayne Bay versenken zu lassen. Das wäre zwar ein Segen für den Rest der Welt gewesen, nur hätte Corinne Peyton dann auch keinen Bodyguard mehr gebraucht.

Billy öffnete mühsam sein Fenster und hielt unter leisem Stöhnen den Kopf nach draußen. Heiße, feuchte Luft drang ins Wageninnere und machte die Wirkung der Klimaanlage zunichte, aber Billy brauchte frische Luft, um sich nicht gleich wieder übergeben zu müssen.

»Warum hast du so einen Hass auf sie?« Max musste das Dröhnen des Motors und das Fauchen des Windes übertönen.

Billy fuhr sich mit den Fingern durch seine wilden Locken und hob kurz den Kopf, um Max einen Blick zuzuwerfen. »Weil sie Scheiße im Hirn hat und mich tot sehen will.«

»Für mich sieht es eher so aus, als wäre es andersherum.«

Billy grunzte und ließ seinen Kopf wieder zurücksinken. »Tut mir echt leid, dass du das von mir erfährst, Kumpel, aber du spielst für eine hinterhältige, geldgierige Nutte den Babysitter.«

Max drehte am Regler der Klimaanlage. »Die alte Geschichte, was, Billy? Reicher alter Sack, junges, scharfes Weib.«

»So alt war er noch nicht. Und sie ist auch nicht so … na ja, okay, doch.« Er schloss die Augen mit einem Ausdruck von Abscheu. »Sie ist eine Granate. Fiel in die Stadt ein und schnappte sich den reichsten, einsamsten, verletzlichsten Mann, den sie finden konnte.«

Sprachen sie wirklich von derselben Frau? »Zunächst einmal: Sie fiel nicht in die Stadt ein und schnappte sich einen reichen, verletzlichen Mann, Billy. Sie hat deinen Vater als Jurastudentin auf der DePaul University in Chicago kennengelernt und kam erst hierher, nachdem sie ihn geheiratet hatte.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe eine Akte über sie.« In Wahrheit hatte er das schon gewusst, lange bevor er die Akte gelesen hatte. Nachdem er der Hölle in der Karibik entkommen war, hatte er alles darangesetzt herauszufinden, was aus Cori Cooper geworden war.

Billy verzog abfällig den Mund. »Steht da auch drin, dass sie ihm den Verstand aus dem Leib gefickt hat, bis er ihr alles gegeben hat, was sie wollte?«

Max zog sich der Magen zusammen, und er schob es auf Billys Atem. War es wirklich möglich, dass Cori Cooper, die angehende Staatsanwältin, sich in Corinne Peyton, die glamouröse Vorzeige-Ehefrau, verwandelt hatte? Dass sie ihn so schnell überwunden hatte?

Der Gedanke erinnerte ihn daran, warum er in Wirklichkeit ihr Bodyguard geworden war. Auch wenn Billy in einem ziemlich erbärmlichen Zustand war und nach Kotze stank, konnte er vielleicht ein paar nützliche Informationen liefern.

»Du wirst es überleben, Billy«, sagte er in beiläufigem Plauderton, als wären sie Freunde, die von einer Party nach Hause fuhren. »Es ist kein Verbrechen, sich zu verlieben und zu heiraten.«

»Das Verbrechen«, sagte Billy mit plötzlich klarer Stimme, »hat sie begangen, als sie ihn dazu gebracht hat, sein Testament zu ändern, als er blind vor lauter Geilheit war.«

Alles klar. Zumindest etwas hatten er und der alte Peyton also gemeinsam. Aber so umwerfend Cori auch gewesen war, sie hatte niemals ihre Attraktivität bewusst eingesetzt, um etwas damit zu erreichen. Sie war schlagfertig, witzig und von unglaublicher Überzeugungskraft. Er hatte das oft miterlebt und immer prophezeit, dass sie eine hervorragende Juristin werden würde. Aber sie war nie eine Frau gewesen, die ihren Sexappeal benutzte, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Zumindest war das vor fünf Jahren noch nicht so gewesen.

»Trotzdem«, sagte er in gleichbleibend lockerem Ton, »es ist doch kein Verbrechen, sexy zu sein.«

»Nein. Aber Mord ist ein Verbrechen.«

Max riss das Steuer nach links und schoss an einem langsamen Lexus vorbei.

»Dein Vater starb an einer arteriellen Embolie«, sagte Max. »Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, galt das noch nicht als Mord.«

»Mein Vater war in Bestform. Er hat sich erst wenige Wochen vor seinem Tod durchchecken lassen.«

Das lief einfacher, als er gedacht hatte. »Also, was willst du damit sagen, Billy? Wie hat sie ihn umgebracht?«

»Keine Ahnung. Vielleicht hat sie ihm bloß einen geblasen, bis er einen Herzanfall hatte. Ich weiß nur, dass sie meinen Vater um die Ecke gebracht und dafür ein paar Milliarden kassiert hat.«

Max tastete nach der Ruger, die in seinem Schoß lag. Andererseits konnte Billy eines Tages noch zum wichtigsten Zeugen der Anklage werden.

»Und was soll das mit der Klage? Willst du das Testament anfechten oder ihr nur Angst einjagen?«

Billy schlug mit dem Kopf gegen die Kopfstütze. »Die kennt keine Angst.«

»Und warum engagiert sie dann einen Bodyguard?«

»Vielleicht hat Breezy ihr das eingeredet. Sie tut alles, was diese Schlampe und ihr Anwaltsschatzi ihr sagen.«

Max nahm die Aussage zur Kenntnis, konzentrierte sich aber weiterhin auf das Verhör seines ahnungslosen Beifahrers. »Du hast Klage eingereicht. Warum willst du ihr auch noch etwas antun?«

»Ich will ihr nichts antun.«

»Das glaubt sie aber.«

»Oh Mann!« Billy steckte seinen Kopf wieder aus dem Fenster. »Ich muss kotzen.«

Als Max in die Grove-Isle-Wohnanlage einbog, setzte sich Billy stocksteif auf. »Woher zum Teufel weißt du, wo ich wohne?«

»Ich weiß alles, Billy.« Max griff nach der Ruger und hielt sie Billy vor die Nase. »Ich kümmere mich um dein Auto, bis du wieder nüchtern bist. Und halt dich fern von Corinne Peyton.«

Coris Stiefsohn schob sich aus dem Sitz und erreichte mit knapper Not den Gehsteig, bevor Max den Gang eingelegt und ihn im Dunkeln hatte stehen gelassen.

Bestimmt zwanzigmal hatte Cori in der Stunde, seit Max weg war, das Handy aufgeklappt, ohne jedoch die Taste zu drücken. Sie lehnte sich an die steinerne Balustrade ihrer Schlafzimmerterrasse im ersten Stock und sah den Leuten vom Catering zu, wie sie Tresen und Klapptische davontrugen, während sie überlegte, was sie Lucy Sharpe sagen würde.

Tut mir leid, aber es handelt sich hier um …

Ja, um was denn? Ein Missverständnis? Einen Irrtum? Einen Albtraum?

Es geht um die Auswahl Ihres Personals.

Sie würde sich nicht nur wie ein Idiot, sondern auch wie ein kleines Mädchen vorkommen.

Was spielte es schon für eine Rolle, ob Max Roper ihr Bodyguard war? Er war groß, taff, klug und fackelte nicht lange. Binnen vier Minuten hatte er geschafft, was ihr in vier Jahren nicht gelungen war – Billy zum Schweigen zu bringen.

Und auch wenn sein Anblick noch immer Blitze durch ihren Körper jagte – sie nahm einfach eine Dienstleistung in Anspruch. Und er war – wie er so bescheiden angemerkt hatte – der Beste auf diesem Gebiet. Da würde sie doch ihre Triebe beherrschen können.

Tatsächlich?

Sie klappte das Telefon zu und atmete tief durch. Sie musste sich Max so weit vom Leib halten, dass er nicht herausfand, was sie vorhatte, und nah genug an sich heranlassen, dass er sie beschützen konnte, wenn jemand anders ihr auf die Schliche kam.

Ob das möglich war? Sich Max vom Leib zu halten?

Das war ihr schon früher nicht gelungen.

Eine Regung auf dem nördlichen Rasen ließ sie aufmerken. Die Caterer waren längst fertig in diesem Bereich und hatten die Beleuchtung heruntergedimmt. Doch irgendetwas dort im Dunkel streifte einen Ast und hielt dann inne. Ein prickelnder Schauder lief ihr über den Nacken.

Max.

Es war, als sandte sein Körper irgendeine kosmische Strahlung aus, die sie an ihrem ganzen Leib prickelnd spüren konnte.

Er trat aus dem Schatten der Bäume und blieb im Licht des Springbrunnens stehen, um das Haus mit festem Blick zu betrachten. Er hatte sein Jackett ausgezogen und stand in einem schwarzen, eng anliegenden Hemd und dunklen Hosen da. Selbst aus dieser Entfernung sah er beeindruckend aus.

Sie machte einen Schritt zurück in den Schatten der Überdachung, aber sein Blick fing sie ein. Sie trug Weiß, war also nicht zu übersehen. Und dieser Mann würde sie selbst in einem Tarnanzug jederzeit und überall orten können.

Er nahm den mit Kalkstein gepflasterten Weg zum Haus mit langen, lautlosen Schritten, bis er die Wendeltreppe erreichte, die zu ihrer Terrasse hinaufführte.

Sie öffnete das Handy und blickte auf die Tastatur.

In weniger als zehn Sekunden hätte er die Treppe bewältigt. Sie konnte Lucy Sharpe am Apparat haben, noch ehe er die letzte Windung erreicht hätte. Sie hörte das Geräusch seiner Schuhe auf den Steinstufen. Fünf Sekunden.

Lucys Telefon konnte klingeln, noch ehe sie seine Stimme hörte.

»Cori?«

Ihre Finger erstarrten auf der Tastatur, und sie ließ den Apparat zuschnappen, als er auf die oberste Stufe trat. Seine Bewegungen waren erstaunlich anmutig für einen Mann seiner Größe.

»Hier bin ich.«

Als er die Terrasse überquerte, kam ihr ihre Tausendvierhundert-Quadratmeter-Villa plötzlich wie ein Puppenhaus vor. Es war nicht allein seine Größe und sein massiger, muskulöser Körperbau. Es war seine Präsenz, sein ureigenstes Wesen, das alles um ihn herum kümmerlich und klein wirken ließ.

»Billy hat wohl deiner Party ein abruptes Ende gesetzt«, stellte er fest.

»Ist schon okay. Sie war trotzdem ein Erfolg.« Auf ihren hohen Absätzen erreichte sie eine Größe von ein Meter sechsundsiebzig, dennoch musste sie ihr Kinn heben, wenn sie ihm in die Augen sehen wollte. »Was hast du mit ihm gemacht?«

»Am liebsten hätte ich ihn seine Hot Wheels in der Bucht versenken lassen.«

Er bluffte wieder. »Hast du ihn nach Coconut Grove heimgebracht?« Auf sein angedeutetes Nicken sagte sie leise: »Danke.«

»Ich tue nur meinen Job.« Sein Blick fiel auf das Telefon in ihrer Hand. »Es sei denn, Lucy hat bereits meine Auswechslung veranlasst.«

»Ich habe nicht angerufen.« Selbst in der Dunkelheit war das Glitzern in seinen Augen nicht zu übersehen. »Noch nicht.«

»Das liegt ganz bei dir.« Als er die Hände in die Hosentaschen grub, fiel Coris Blick auf die Furcht einflößende Waffe, die er an der Hüfte trug. Sie wirkte ganz und gar natürlich an diesem Körper, der für Risiko und Gewalt wie geschaffen schien. Und für Sex. Gott, ja, ganz besonders dafür.

»Ich will nur Sicherheit, Max.«

»Deshalb bin ich da.«

»Ja, klar.«

Er zuckte die Achseln, als wäre es ihm gleichgültig, ob sie ihm glaubte oder nicht. »Wenn du Sicherheit willst, dann solltest du als Erstes einmal den Parkservice rausschmeißen.«

»Aber die arbeiten seit Jahren für mich.«

Er trat näher, und sein Körpergeruch stieg ihr in die Nase. »Und du könntest mehr Kameras entlang der vorderen Auffahrt installieren.« Er verschränkte die Arme über seiner mächtigen Brust und blickte über das Grundstück. »Die Bäume schirmen das Haus zwar effektiv ab, aber sie bieten auch Eindringlingen Schutz.«

»Das gesamte Anwesen ist eingefriedet.«

Er begann langsam links um sie herumzugehen. »Dein Sicherheitssystem wurde nicht erneuert, seit dein Mann tot ist. Morgen früh installieren wir einen –«

»Moment mal.« Sie hob die Hände.

»Wenn du Sicherheit willst, musst du ein paar Dinge ändern.« Ein weiterer Schritt, und er versperrte ihr mit seinem unnachgiebigen Blick und diesem ungeheuren Körper den Weg.

»Ich meine, hör auf, mich in die Enge zu treiben!« Sie wich ihm mit einer Bewegung aus, die heftiger ausfiel als nötig. »Tu, was du tun musst, um das Anwesen sicher zu machen.«

»Dann bleibe ich also.« Es war eine Feststellung.

Wenn sie ihn wegschickte, würde er wissen, dass er immer noch Macht über sie hatte. Er hätte die Genugtuung, zu wissen, dass er sie immer noch vor Verlangen schwach machen konnte – selbst nachdem sie geschworen hatte, dass sie ihn hasste, und das zu Recht, wie er selbst zugegeben hatte.

»Du kannst bleiben.« Sie hielt ihm das Telefon hin und behielt mit Mühe die Beherrschung. Ihre Fingerspitzen brannten. »In den kommenden Wochen werde ich mich vollkommen auf ein Projekt konzentrieren, und ich will Billy nicht in meiner Nähe sehen.«

»Was für ein Projekt?«

»Die Peyton-Stiftung. Wir starten neue Programme, das ist sehr zeitraubend.«

Sie hatte die Stiftung perfekt durchorganisiert, die Programme starteten sich praktisch von allein, aber es war die perfekte Tarnung für das, was sie in Wahrheit vorhatte. Außerdem ließ der Vorstand sie ohnehin nicht in die Nähe eines finanziell bedeutenden Peyton-Projektes. »Du brauchst keine Einzelheiten zu wissen.«

»Ich muss alles wissen.« Er sah sie an, eine ausgedehnte Sekunde lang, bis prickelnde Wärme sie durchströmte. »Wo du dich aufhältst, was du tust, mit wem du es tust.«

»Ich arbeite von zu Hause aus, ich arbeite für meine Firma, ich arbeite allein oder mit einem Netzwerk von Leuten an verschiedenen Peyton-Standorten. Manchmal gehe ich zum Arbeiten auch in die Peyton-Niederlassung in Miami. Dann brauche ich dich, oder auch wenn ich gesellschaftliche Verpflichtungen habe. Aber bitte bleib im Hintergrund.«

Es fehlte nicht viel, und er hätte gelacht. »Das konterkariert ein wenig die Arbeit eines Personenschützers.«

Sie hob ihren Blick. »Ich meine einfach nur, ich lege Wert darauf, dass du die Distanz wahrst.«

Jetzt lachte er, sein weiches, volltönendes Lachen. Er hielt ihr das Telefon hin, und in seinen Augen tanzten goldene Flecken. »Du musst nur die Eins drücken, Kleines, und deiner Qual ein Ende setzen.«

»Du bist nicht der Grund für meine Qual, Max«, sagte sie. Nicht mehr jedenfalls.

Er ließ das Handy wieder in seine Hosentasche gleiten, ohne sie aus den Augen zu lassen. Dieser prüfende Röntgenblick hatte früher immer ihre Nervenenden zum Surren gebracht. Ja, das wäre in der Tat eine ganz andere Art von Qual.

»Du hast dich sehr verändert«, bemerkte Max.

Sie hob eine Schulter. »Fünf Jahre sind vergangen. Ich bin älter geworden, anders.«

»Du bist zurückhaltend und angespannt.«

»Ich habe jetzt eine große Verantwortung.«

»War es das Geld?«

Das Geld? »Ohne meinen Mann ist das Geld wertlos.«

Sie las eine Reaktion in seinem Blick, aber er wandte sich so schnell ab und der Dunkelheit zu, dass sie sie nicht analysieren konnte. »Ich werde die Sicherheitsvorkehrungen auf dem Anwesen überprüfen.«

»Jetzt?« Die Vorstellung, wie er mitten in der Nacht über ihr im Dunkeln liegendes Anwesen kroch, ließ sie leicht erschauern.

»Nachts ist das am sinnvollsten. Deshalb bin ich am Abend gekommen. Auf diese Weise kann ich den Ort mit den Augen eines Eindringlings sehen und genau erkennen, welche Schwachstellen wir morgen zu beheben haben.«

»Ich bezweifle, dass du viel finden wirst. William war ein vorsichtiger Mensch.« Nicht vorsichtig genug – aber sie war nicht bereit, vor Max die Karten auf den Tisch zu legen.

»Ich glaube nicht, dass hier alles sicher ist«, erwiderte er. »Ich bin an einem Abend zweimal hier hereingekommen, ohne dass mich irgendjemand nach meinem Namen gefragt hätte. Das erste Mal bin ich über einen Zaun geklettert, und es ist nichts passiert, außer dass ich mir einen Faden gezogen habe. Das zweite Mal habe ich die Schlüssel zu einem italienischen Sportwagen vor der Nase eines jungen Mannes vom Parkservice baumeln lassen; daraufhin hat den nicht mehr interessiert, ob ich durch das offene Tor spaziere.«

Groll stieg in ihr auf, und sie straffte den Rücken. »Heute Abend kann es natürlich ausnahmsweise anders gewesen sein, weil so viele Menschen ein und aus gegangen sind …«

»Und genau da solltest du am wachsamsten sein.«

Er hatte recht. »Wie auch immer. Tu, was du nicht lassen kannst.«

Sie deutete mit der Hand auf das Gästehaus. »Marta, meine Haushälterin, hat das Gästehaus für dich hergerichtet. Es ist nicht abgeschlossen, du kannst also …«

»Es könnte sich also jemand drinnen auf die Lauer gelegt haben.«

Sie stieß einen Atemzug aus, der ihre Ponyfransen fliegen ließ. »Dann erschießt du ihn, Max. Dafür bezahle ich dich schließlich. Und wenn niemand drin ist, kannst du dich häuslich einrichten. Ich gehe jedenfalls jetzt ins Bett.«

Sie wandte sich ihrer Schlafzimmertür zu und erstarrte, als sie seine Hand auf ihrer nackten Schulter spürte.

»Ich brauche dich.«

In ihrem Unterleib breitete sich eine warme Welle aus, aber sie drehte sich nicht um und wagte nicht zu sprechen.

Er schob sie in Richtung des Schlafzimmers. »Zieh dir etwas Bequemes an, sodass du gut laufen kannst, ohne zu stolpern, und ich bringe dir bei, wie man eine Gefahrenlage analysiert.«

Sie rührte sich nicht vom Fleck. »Ich kenne mich mit solchen Analysen aus.« Sie blickte auf ihre Schulter, wo seine Hand auf ihrer Haut lag, und dann in seine Augen. »Mein Vater war Drogenfahnder, schon vergessen?«

Seine Miene wurde kaum merklich weicher. Nur jemand, der ihn gut kannte, konnte das wahrnehmen. »Ich warte auf der unteren Terrasse«, sagte er schlicht. »Es sei denn, du hast Angst.«

Sie schloss die Augen und verfluchte ihn im Stillen. »Gib mir fünf Minuten.«

 

3

»Du brauchst mehr offenes Gelände.« Max verzögerte seine Schritte, damit Cori aufholen konnte, und verschlang mit den Augen die anziehenden Kurven ihres schlanken Körpers, an den sich dunkle Jerseykleidung schmiegte. Ein Yogaanzug, vermutete er. Er hatte schon viele Frauen beschützt, die den dehnbaren Trikotstoff als Gipfel der Glückseligkeit empfanden.

Für ihn war allein ihr Anblick der Gipfel der Glückseligkeit.

Er hatte sich fest vorgenommen, sie nicht anzufassen, und doch spürte er noch immer die seidige Haut ihrer Schulter.

Nicht einmal der tropische Wald, der ihr Haus umgab, konnte ihren sanften, weiblichen Duft überlagern. Er sog ihn tief in die Nase ein und deutete auf eine Baumgruppe. »Dazu musst du mindestens ein Dutzend von denen fällen.«

»Spinnst du? Diese Lebenseichen haben Hurrikane und selbst die eifrigsten Bauunternehmer überlebt. Sie standen schon hier, als Al Capone noch auf dieser Insel gelebt hat.«

Max schnaubte. »Gerade Al Capone hätte die Vorzüge überschaubaren Geländes sehr zu schätzen gewusst. Ebenso wie alle anderen Bewohner dieser Gegend.«

Dass Cori in einer äußerst exklusiven Enklave wohnte, erleichterte ihm die Arbeit erheblich. Andererseits zogen die prominenten Nachbarn alle möglichen Spinner an, die auf dem Wasser hin und her kreuzten, in der Hoffnung, einen kurzen Blick auf einen Fernseh- oder Rockstar zu erhaschen.

»Glaub mir, die sind alle auf höchstem Niveau gesichert«, beteuerte sie.

»Ich weiß, wie die leben.« Mit Mauern und unzähligen Überwachungskameras. »Auch deine Beleuchtung kannst du so nicht lassen. Sie sieht sehr hübsch aus, aber sie wirft zu viel Schatten auf das Haus. Du willst ja jeden sichtbar machen, der sich nachts nähert. Dafür ist der hellgelbe Außenanstrich günstig.«

»William und ich haben ihn aus ästhetischen Gründen ausgesucht, nicht wegen der Sicherheit.«

William und ich. Unwillkürlich schoss ihm ein Bild durch den Kopf, Cori und ihr Mann, die einträchtig zusammensitzen und über Farbmuster und Sofabezugsstoffe diskutieren. Er schob den Gedanken beiseite und zeigte auf die Hibiskus-Büsche entlang der ein Meter achtzig hohen Mauer, die das Anwesen umgab. »Dort brauchst du auf der ganzen Länge Infrarotkameras. Das ist der neueste Stand der Technik, die fallen nicht auf. Daran kommst du nicht vorbei.«

Sie legte ihre Hände auf die schmalen Hüften und schaute sich um, als würde sie ihre Rasenflächen zum ersten Mal sehen. »Ich schätze, du hast recht.« Ganz ohne Schmuck und Abendrobe sah sie wieder aus wie die frische, sexy Jurastudentin, die sie gewesen war, als sie sich kennengelernt hatten.

»Natürlich habe ich recht«, sagte er unwirsch, um das Grummeln in seiner Magengrube zu überspielen. »Wenn du Sicherheit willst, musst du gewisse Kompromisse eingehen.«

Sie sah ihn scharf an. »Wir – William hat das sehr wohl getan. Aber Bäume zu fällen und Kameras zu installieren kommt mir so sinnlos vor …« Ihre Stimme wurde schwächer. »Billy kann ja trotzdem immer herein.«

»Das werden wir ändern. Die Inselwächter sollten ihm jeglichen Zutritt zu deinem Grundstück verwehren.«

»Er wird einen Weg finden. Aber, okay, ich werde die Liste der Personen, die Zutritt haben, aktualisieren. Zumindest müssen sie dann erst anrufen, ehe sie ihn hereinlassen.«

Sie steuerte auf eine lang ins Wasser ragende breite Betonmole zu, die durch ein schmiedeeisernes Tor mit scharfen Spitzen und einer Kette gesichert war. An ihrem Ende stand ein kleiner Glaspavillon. Auf der anderen Seite schaukelte sanft eine Motorjacht, zwölf bis fünfzehn Meter lang, neuestes Modell. Im Licht des Mondes entzifferte Max den Schriftzug auf dem breiten Heck: Peyton’s Place.

»Damit weiß gleich jeder, wer an Bord ist.« Er deutete mit einem Ruck seines Kinns auf den Namen. »Vielleicht solltest du das Boot umbenennen.«

Er würde nie begreifen, wie man so egozentrisch sein konnte, immer und überall auf sich aufmerksam zu machen, und wenn es mit besonderen Autokennzeichen und Bootsnamen war. Erkannten denn die Leute das Sicherheitsrisiko nicht?

»Nicht nötig. Es wird sowieso in ein paar Wochen weg sein. Ich habe es gerade verkauft«, erwiderte sie.

Max rüttelte kräftig am Tor. »Das ist nicht viel mehr als Dekoration. Sind hier Kameras?«

»Nein. Aber hier ist immer abgeschlossen.« Sie tippte einen Code in ein Tastaturfeld. »Ich komme ab und zu hier herunter, und meine Haushälterin putzt den Pavillon. Außer uns haben nur noch die Leute vom Jachtservice, die regelmäßig das Boot überprüfen, Zutritt.«

Er betrachtete das Boot, das nicht nur den Namen des Eigentümers in alle Welt hinausposaunte, sondern auch noch mühelos vom Wasser aus zugänglich war.

»Ich hoffe, du kommst nicht abends allein hierher«, sagte er. »Das Boot ist das perfekte Versteck für potenzielle Eindringlinge, und die Panoramascheiben des Pavillons bieten keinerlei Sichtschutz. Wenn drinnen das Licht brennt, bist du eine Zielscheibe für die ganze Bucht.«

Sie stieß das Tor auf. »Die Star Island Security patrouilliert hier regelmäßig, aber ich verspreche, dass ich aufpassen werde. Die Insel ist nicht besonders groß, das ist dir sicher auch schon aufgefallen. Es gibt nur einen Zugang, und die Wachen am Tor sind ziemlich scharf.«

Max rieb sich das Kinn und ließ den Blick über die Umgebung schweifen – im Westen eine weitere Luxusinsel und die glitzernden Lichter Miamis, im Osten der goldene Schein des Nachtlebens in Miami Beach. Er trat ein paar Schritte vor bis zur Kante der Mole und blickte hinunter ins Wasser. »Keine Unterwasserbeleuchtung?«

»Max. Ich verstehe ja, dass du hier deinen Job machst, und ich bin dir auch dankbar dafür«, sagte Cori. »Ich werde das Boot abschaffen, das Tor richten lassen und Vorhänge für den Pavillon bestellen. Aber Billy wird sicher nicht in Navy-Kampfschwimmer-Ausrüstung hier auftauchen. So schlau ist der nicht.«

»Aber vielleicht so verzweifelt.« Max ging zum Ende der Mole, wandte sich um und sah auf die eindrucksvolle Rückseite ihrer Villa. Das mussten zwanzig Zimmer sein, die sich da in zwei Etagen u-förmig um den Pool reihten. Dazu ein Dutzend Torbögen und mindestens vierzig imposante Säulen.

Er dachte an die temperamentvolle, streitbare Jurastudentin, die er in Chicago kennengelernt hatte. Nichts hatte darauf hingedeutet, dass sie solch ein Leben anstrebte. Sie wollte den Benachteiligten helfen, besser sein als die Männer, das System bekämpfen. Nach einer Kindheit mit einer Mutter, die von Ehe zu Ehe und von Filmset zu Filmset gehastet war, hatte sie die Nase voll von Glanz und Glamour.

Verdammt, sie hatte einen Drogenfahnder heiraten wollen!

Aber Menschen verändern sich. Und niemand wusste, was sich hinter verschlossenen Türen abspielte, es sei denn, die Türen waren aus Glas. Er zog am Türöffner, um das Schloss zu kontrollieren, und sah sie an. »Was genau will dein Stiefsohn von dir?«

Sie lehnte sich an den gemauerten Rahmen des Glasbaus. »Er hat mich auf hundert Millionen Dollar verklagt.«

Sein überraschter Atemstoß hinterließ einen milchigen Fleck auf dem Glas. »Hoppla. Schon für einen Bruchteil dieser Summe bekäme er eine ganze Elite-Kampfschwimmertruppe.« Er blickte zurück in das tiefe, dunkle Wasser. »Das ist eine ganz schöne hohe Summe für deinen Kopf.«

»Er bekommt nichts, wenn ich sterbe.«

»Warum sollte er sonst versuchen, dir etwas anzutun?«

Sie ging zur anderen Seite der Mole, eine sanfte Brise spielte mit ihrem Haar. »Ich habe schon vor langer Zeit aufgegeben, aus Billy Peyton schlau zu werden. Ebenso wie sein Vater.«

Max trat so nah an sie ...

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