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Bullet Catcher - Alex

Roxanne St. Claire

Bullet Catcher

Alex

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Nora Lachmann

 

Dieses Buch widme ich Colleen Bidden,
die in der achten Klasse meine erste Zwillingsgeschichte
gelesen hat und mich seitdem immer wieder drängte, eine
weitere zu schreiben. Ich bin so froh, dass Du über die
Bänder in meinem Haar gelacht hast und nun zu der raren
Spezies von Freunden gehörst – die mir ein Leben
lang erhalten bleiben.

Sei in Liebe gegrüßt von deiner besten Freundin.

 

Prolog

»Dieser Fall wird deine Buße sein.« Lucy Sharpe richtete sich zur vollen Größe ihrer ein Meter zweiundachtzig auf und reichte die Mappe einem Mann, der viel zu groß für den zierlichen Stuhl wirkte, auf dem er saß. Körpergröße war nie von Nachteil, wenn man sie als Frau richtig zu nutzen wusste. »Ein Prachtweib, reich, intelligent und Maße wie ein Model. Meinst du, du könntest sie am Leben erhalten, ohne ihr an die Wäsche zu gehen?«

Alex Romero legte die braune Mappe zur Seite, ohne einen Blick hineinzuwerfen und sich zu vergewissern, ob Prachtweib oder Modelmaße wirklich zutrafen. Lucy musste ihm zugutehalten, dass er nicht noch einmal versuchte, sein Verhalten in der Schweiz zu rechtfertigen. Sie gab ihm einen Punkt für seine Geduld und einen weiteren, weil er augenscheinlich wusste, dass sein Weltklassehintern nur auf Bewährung auf diesem Stuhl saß.

»Eine neue Kundin?«, fragte er.

»Genau genommen kam der Auftrag für Bullet Catcher nicht von ihr.« Lucy verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen den massiven viktorianischen Schreibtisch, der eine Ecke des Zimmers ausfüllte. »Unser Kunde ist ihr Arbeitgeber Kimball Parrish.«

»Der Medienzar?«

Alex sah zwar so aus, als würde er gewöhnlich in Lederkluft auf einer Dukati durch die Pyrenäen rasen, aber er las die New York Times. Und hatte das Gedächtnis eines Supercomputers.

»Eben der – ihm gehört die Adroit Broadcasting Group«, antwortete Lucy. »Medienzar ist wohl die angemessene Bezeichnung für den Herrn über fünfundsechzig Fernsehsender, eine Satellitenradiostation, eine Theaterkette, eine Werbefirma und eine der bekanntesten Suchmaschinen.«

»Dann ist er es, der einen Bodyguard braucht. Der Kerl ist eine ultrarechte Ein-Mann-Verschwörung und scheffelt genauso viele Feinde wie Dollar.«

»Er kam auf Empfehlung einer Freundin.« »Freundin« war als Wort nicht annähernd stark genug, um das Verhältnis zu dem Menschen zu beschreiben, der Lucy aus den Tiefen der Hölle geholt und ihrem Leben wieder einen Sinn gegeben hatte. Diesen unorthodoxen Auftrag anzunehmen, war noch das wenigste, was sie als Gegenleistung tun konnte. »Kimball Parrish ist jetzt unser Kunde. Wir kümmern uns um die Sicherheit unserer Kunden, nicht um ihre politische Einstellung.« Sie sah auf den Ordner und gab Alex damit die Erlaubnis hineinzuschauen. »Er hat uns angeheuert, um die Nachrichtenmoderatorin von WMFL zu schützen, einem Fernsehsender in Miami, den Adroit vor Kurzem gekauft hat. Ein Zuschauer verfolgt und bedroht sie. Parrish will, dass sie rund um die Uhr bewacht wird. Und wie du schon wiederholt unter Beweis gestellt hast, gibt es nur wenige Personenschutzexperten deines Kalibers.«

Alex’ Augen wurden schwarz wie der kubanische Kaffee, der wahrscheinlich statt Blut in seinen Adern floss. »Du willst mich nach Miami schicken, um Babysitter für eine Nachrichtentussi zu spielen, die einen liebeskranken Fan hat?«

Sie hatte gewusst, dass ihm dieser Auftrag nicht passen würde. Bullet Catcher vermittelte keine überbezahlten Kraftprotze, um Paparazzi abzuschrecken, oder gar stundenweise bezahlte Nachtwächter für gutbetuchte Kunden, die ihre Freunde beeindrucken wollten. Lucys Elitetruppe bestand aus erstklassigen Sicherheitsexperten, und sie suchte sowohl ihre Angestellten als auch ihre Kunden sehr sorgfältig aus. Diesen Mandanten hatte sie sich zwar nicht selbst ausgesucht – aber das musste sie Alex ja nicht auf die Nase binden.

Seinen Protest erwiderte sie lediglich mit einem stummen Nicken.

»Kommt nicht infrage. Oh nein! Such dir jemand anders. Ich mach’s nicht mit Nachrichtentussis.«

»Das wirst du bei dieser auch schön bleiben lassen«, erwiderte sie prompt. »Du hast den Auftrag bekommen, weil niemand bei uns dafür so gut geeignet ist wie du.« Auf Lucys Lohnliste standen mehrere Profis für diskrete Überwachung, ein Meister für verdeckte Ermittlungen, zwei tödliche Scharfschützen, ein Sprengstoffexperte, ein paar Unterhändler für Geiselnahmen und drei Männer, die auf Terrorismus spezialisiert waren. Aber niemand von ihnen konnte Alex das Wasser reichen, wenn es darum ging, eine Situation richtig einzuschätzen, Ärger vorauszusehen und seine Klienten vor Schaden zu bewahren.

»Warum schickst du nicht Max Roper? Der kann selbst den schlimmsten Stalker durch seinen bloßen Anblick abschrecken.«

»Er ist gerade erst aus Cannes zurückgekommen.« Lucy lächelte. »Mir scheint, ein Auftrag in Miami ist doch genau das Richtige für dich. Dann kannst du zu Hause vorbeischauen, ein paar schwarze Bohnen essen und deine Nichten und Neffen auf Onkel Alejandros Knien reiten lassen.«

Alex’ ohnehin schon recht dunkle Gesichtsfarbe wurde noch einen Ton dunkler. Er hatte offensichtlich Mühe, die in ihm aufsteigende Wut in Zaum zu halten. »Hör mal, ich hab bei Bullet Catcher angefangen, weil ich gerade solche Aufträge nicht machen wollte. Sonst hätte ich auch zu einer von diesen spießigen Sicherheitsfirmen gehen können. Ich arbeite für dich, weil ich lieber auf Präsidenten, Prinzen und Obermacker von Scotland Yard aufpasse.«

»Du arbeitest für mich, weil ich dir einen horrenden Haufen Geld zahle, dich wie einen Rockstar mit langen Haaren herumlaufen lasse und es normalerweise ignoriere, wenn Frauen ihre Ehe mit Multimilliardären aufs Spiel setzen, nur um dir Erdbeertörtchen auf ihren Brüsten zu servieren.«

Die Spur eines Lächelns erschien auf seinen vollen Lippen. »Himbeertörtchen.«

»Unglücklicherweise war dieser Multimilliardär einer unserer besten Kunden, der Bullet Catcher ein Heidenvermögen für seinen Schutz gezahlt hatte.«

»Aber ich habe ihn beschützt. Sie hatte ein Messer und ein paar ziemlich interessante Fotos von ihm und seinem Liebhaber. Sie hätte ihn aufgeschlitzt, wenn ich sie nicht abgelenkt und ihm damit die Flucht ermöglicht hätte.«

»Ich habe den Bericht gelesen.« Sie nahm den Ordner wieder vom Tisch und gab ihn Alex in die Hand. »Das hier ist wichtiger, als es auf den ersten Blick aussieht.«

»Weil du noch mehr Aufträge von Parrish willst?«

Sollte er das doch denken. »Ich möchte ihn beeindrucken, ganz egal, wo er politisch steht, und ich verlasse mich darauf, dass dir das gelingt. Und dass du sicherstellst, dass niemand seine Lieblingsangestellte anfasst. Auch du nicht.«

»Ach, Luce. Du wirst doch nicht jeden Klatsch glauben.« Ein unbekümmertes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Alles nur Propaganda.«

Lucy lachte leise. »Jede Propaganda hat einen wahren Kern.« Sie konnte ihm nie lange böse sein. Als sie vor fünf Jahren die CIA verlassen hatte, um die Mächtigen der Welt als Kunden zu gewinnen, hatte sie Alex als einen der Ersten angeheuert. Seine Intelligenz und Furchtlosigkeit hatten ihr schier die Schuhe ausgezogen. Das ging den meisten Frauen so; leider schienen Verstand und Unterwäsche ebenso schnell zu schwinden.

»Das Objekt ist keine Wald-und-Wiesen-Moderatorin«, sagte Lucy nun. »Ihre nächste Station nach Miami ist New York, man will sie zum neuen Star bei Metropolitan Network aufbauen.«

»Soll mich das in Erregung versetzen?«

»Nein, Alex. Darum geht es ja gerade: Jede Erregung ist hier fehl am Platz. Erregung hat doch zu dem Debakel in Genf geführt.«

Er nahm den Ordner und las die Aufschrift auf dem Reiter. »Jessica Adams. Gibt es irgendwas, was ich wissen sollte?«

»Sie ist dreißig Jahre alt, sehr ehrgeizig und wohnt in einem Hochhaus unten an der Brickell Avenue in Miami. Ein Workaholic, hat kaum Verabredungen. Sie kocht gerne, liest Klassiker, sammelt alte Gläser. Außerdem hat sie eine eineiige Zwillingsschwester, sitzt im Vorstand einer Stiftung für Brustkrebs, treibt regelmäßig Sport und fährt ein BMW-Cabrio. Eine einfache Klientin.«

»Schön.« Sein Tonfall, sagte etwas anderes. »Ich fahr gleich los.«

»Mr Parrish muss Miss Adams erst noch von seiner Entscheidung in Kenntnis setzen, einen Bodyguard zu engagieren, und hat deshalb darum gebeten, dass du frühestens morgen Abend eintriffst. Offensichtlich nimmt sie die Bedrohung durch den Stalker nicht ernst.«

»Dann habe ich ja noch Zeit, in Coral Gables mit ein paar Nichten und Neffen Hoppe hoppe Reiter zu spielen.«

Lucy musste lächeln, als sie wieder zu ihrem Stuhl ging. »Tu das. Und wenn du deine Klientin triffst, mach ihr klar, dass sie sich wirklich in Gefahr befindet. Sie muss verstehen, dass Gleichgültigkeit ihr größter Feind ist.« Sie klappte ihren Palm auf und suchte nach neuen Nachrichten. »Enttäusch mich nicht, Alex! Du kennst die Regeln.«

»Himmel, Luce! Es kränkt mich, dass du mich für ein Tier hältst, das nicht einmal einer popeligen Nachrichten …«

Sie hörte, wie er die Mappe öffnete, dann pfiff Alex leise durch die Zähne.

»Die sind echt«, sagte Lucy, ohne den Blick vom Palm zu heben. Als Alex nicht antwortete, sah sie schließlich auf; seine Augen glitzerten gefährlich und gleichzeitig amüsiert.

»Du bist richtig gemein, Lucy. Deine Seele ist rabenschwarz und voller Bosheit.«

 

1

Jasmine Adams blickte durch die Windschutzscheibe ihres Mietwagens zu dem mondänen Hochhaus aus Glas und Kupfer hinüber, dann sah sie wieder auf ihr Handy und versuchte noch einmal, ihre Schwester anzurufen.

Hier spricht Jessica Adams; bitte hinterlassen Sie eine Nachricht, ich melde mich umgehend.

Normalerweise musste Jazz lächeln, wenn sie Jessicas Fernsehgezirpe hörte, aber die zigste Wiederholung des Spruchs brachte sie zum Kochen. Vielleicht lag das aber auch an der zweihundertprozentigen Luftfeuchtigkeit in Miami, die ihrer neuen feschen Frisur alles Fesche schon längst ausgetrieben und auf ihrer Haut einen Schweißfilm hinterlassen hatte. Zu Hause in San Francisco brauchte sie an einem Novemberabend eine Lederjacke, hier klebte bereits ein dünnes Baumwolltop am Körper.

»Komm schon, Jessica!«, sprach sie auf den Anrufbeantworter. »Wenn ich einmal pünktlich bin – Wo steckst du, Miss Keine-Uhr-der-Welt-kann-mich-schlagen?«

Langsam wurde der Himmel dunkler. Wie durch Zauberhand leuchteten die Hochhäuser auf, und Flüsse aus Gold und Weiß ergossen sich über die dunkle Biscayne Bay. Die Schatten unter den Palmen und Hibiskussträuchern der gepflegten Grünanlagen wurden tiefer, und Jazz suchte jeden Zentimeter sorgfältig mit den Augen ab. Welcher Privatdetektiv, der nur über einen Funken Selbstachtung verfügte, saß schon unbewaffnet im Dunkeln mitten in Miami?

Aber sie war ja auch nicht in ihrer Eigenschaft als Privatdetektivin hier. Und Jessica hatte fast geheult bei der Vorstellung, Jazz könnte eine Walther P99 in ihre neue Eigentumswohnung mitbringen. Jazz hatte sich geschlagen gegeben, schließlich ging es bei dem verrückten Plan um Jessica. Wie ein Mantra würde sie es diese Woche vor sich herbeten: Es geht um Jess. Ihre Schwester war oft genug für sie eingesprungen, jetzt konnte sie sich endlich revanchieren.

Aber wo zum Teufel steckte Jessica nur?

Vielleicht war sie im Fernsehstudio aufgehalten worden? Vielleicht konnte sie gerade nicht ans Handy gehen, und die Telefonzentrale des Senders war nicht mehr besetzt … ? Egal, Jazz hatte den Wohnungsschlüssel und den Code für die Alarmanlage, sie musste also nur noch am Portier vorbei.

Sag keinem etwas!, hatte ihre Schwester sie vor ein paar Tagen in einer kurzen Mail gewarnt. Ganz egal, was passiert, sag niemandem, dass du nicht Jessica Adams bist. Wir reden, wenn du kommst.

Der Portier würde die Probe aufs Exempel sein. Wenn der modische neue Haarschnitt – mit ochsenblutfarbenen Strähnen für das perfekte Moderatorinnenrot – ihn nicht in die Irre führte, fand sie das besser sofort heraus, noch bevor sie den Versuch wagte, morgen als Jessica Adams in den Sechs-Uhr-Nachrichten aufzutreten.

Sie stieg aus dem Wagen und ging auf das Hochhaus zu. Um den selbstsicheren Gang nachzuahmen, den ihre Schwester schon mit vierzehn gehabt hatte, straffte Jazz die Schultern. Dann öffnete sie die Eingangstür aus Rauchglas und betrat die Halle aus glänzendem Marmor, in der sich ein Wasserfall über zwei Stockwerke in ein gläsernes Becken ergoss.

Hinter einem auf Hochglanz polierten Empfangstresen sah ein junger Mann in Uniform von seiner Zeitung auf und nickte ihr zu. »’allo, Miz Adams«, sagte er mit spanischem Akzent.

Jazz setzte ihr schönstes Fernsehlächeln auf.

»Schönen Abend noch«, rief sie mit Jessicas natürlicher Warmherzigkeit, während sie in Richtung der Fahrstühle schritt, sah ihm aber nicht in die Augen, um ihn nicht zu einem Gespräch zu ermuntern. Dann fiel ihr auf, dass sie keinen blassen Schimmer hatte, wohin sie nun gehen musste.

Ihre Schritte wurden langsamer, und sie tat, als kramte sie in der Tasche nach den Schlüsseln, versuchte aber stattdessen, auf dem Messingschild zu erkennen, welcher Fahrstuhl in den siebenunddreißigsten Stock fuhr. Ein kurzer Blick zum Portier verriet ihr, dass er sie offen anstarrte.

Zweifellos lag das an ihrer Kleidung. Jessica würde sich eher foltern lassen, als ein eng anliegendes geripptes Tanktop, weite Army-Hosen und Motorradstiefel zu tragen. Es läutete, und einen Augenblick später stand Jazz in der Sicherheit einer verspiegelten Kabine mit Marmorfußboden und sah ihr Spiegelbild im getönten Glas.

Sie fuhr mit den Fingern durch die »sanften Akzente«, die ihr Friseur nach einem offiziellen Foto von Jessica gestaltet hatte, und unterdrückte ein Kichern der Vorfreude. Dann beugte sie sich näher zum Spiegel, tippte mit dem Finger auf die glänzenden Lippen und wischte etwas verschmierten Mascara unter einem Auge weg.

Wenn niemand sie zusammen sah, konnten sie es durchziehen. Nur dem direkten Vergleich würde ihre Tarnung nicht standhalten. Die eine hatte die perfekte Frisur, maßgeschneiderte Kleidung, ein selbstsicher erhobenes Kinn und dieses schwer zu beschreibende Leuchten in den Augen, das jede Kamera und jeden Menschen innerhalb eines Radius von acht Kilometern in den Bann zog. Die andere … nun ja, die war Jasmine Adams.

Aber Jessicas fabelhafte Karriere würde keinen Schaden nehmen, wenn Jazz eine Woche lang auf ihrem Stuhl bei den WMFL-Nachrichten saß. Jess war sogar überzeugt davon, dass ihre Schwester ihrer Karriere durch die Aktivitäten außerhalb der Sendung einen gehörigen Schub verpassen würde, während Jazz auf Sendung war. Sie hatte sich geweigert, bisher auch nur anzudeuten, worum es dabei ging, aber heute Abend war sie Jazz eine Erklärung schuldig.

Die Fahrstuhltüren öffneten sich, und Jazz trat auf einen breiten Flur hinaus. Wandlampen verbreiteten indirektes Licht und eine Aura von Exklusivität und Wohlstand. Sie ging den mit Teppichboden ausgelegten Flur entlang, gelangte zur Tür mit der Nummer 3701 und steckte den Schlüssel ins Schloss. Pechschwarze Dunkelheit empfing sie. Mit der flachen Hand suchte sie an der Wand nach einem Lichtschalter oder der Alarmanlage.

Plötzlich wurde ihr die Klinke aus der Hand gerissen, und sie spürte einen Luftzug, als die Tür ins Schloss fiel. Die Angst traf sie wie ein Schlag in den Magen, jede Faser ihres Körpers machte sich zum Kampf bereit. »Was zum –?«

Eine Hand legte sich so fest auf ihren Mund, dass sie kaum noch Luft bekam. Der warme Körper eines Mannes drückte sich gegen ihren Rücken. Er war groß und hielt ihren rechten Arm mit kräftigem Griff fest. Dabei war er ihr so nah, dass sie seinen heißen Atem an ihrem Ohr spürte und ihr ein maskuliner Duft in die Nase stieg.

»Das war ziemlich dumm.« Seine Stimme war tief, sie spürte die Vibrationen in ihrem Brustkorb.

Keineswegs, aber es war dumm gewesen, ihre Waffe zu Hause zu lassen.

Sie schlug die Zähne in seine Hand, und ihr linker Ellbogen landete mit einem deutlich hörbaren Schlag in seinem Solarplexus.

Alex zog die Hand weg und fluchte innerlich, weil er wie ein Amateur ihren linken Arm freigelassen hatte; er hatte vorsichtig vorgehen, ihr nur einen kleinen Schreck einjagen wollen. Ihre Faust schoss auf sein Gesicht zu, und ihm blieben nur Sekundenbruchteile, um sie aufzuhalten. Ein Griff nach ihrem Unterarm rettete seine Nase, aber die Frau bekam eine Haarsträhne zu fassen und zog mit aller Kraft daran.

Die Nachrichtentussi konnte kämpfen.

Er griff fester zu, presste ihren Körper an sich und legte ein Bein um ihre Oberschenkel. »Loslassen!«, sagte er drohend und schüttelte den Kopf, um sich aus ihrem Griff zu befreien.

Sie zog nur noch stärker, rammte mit voller Wucht einen Absatz auf seinen Fuß und zermalmte seine Zehen.

Alex ignorierte den Schmerz, zog ihr das andere Bein weg und ging mit ihr zu Boden. Mit der rechten Hand fing er den Schwung ab und landete über sie gebeugt auf dem Teppich.

Sie war mit dem Gesicht nach unten aufgekommen und ihr Hintern drückte in seinen Bauch. Endlich ließ sie die Haarsträhne los, und er konnte die Hand wieder auf ihren Mund legen, um den unvermeidlichen Schrei zu unterdrücken. Offensichtlich besaß sie Grundkenntnisse in Selbstverteidigung – das würde ihm die Arbeit erleichtern. Sobald sie diese Kenntnisse nicht mehr bei ihm anwandte.

»Ich werde Ihnen nichts tun.«

Sie trat mit einem Bein nach ihm und knurrte wütend; Alex lockerte den Griff, um nicht noch einmal gebissen zu werden. Mit den Oberschenkeln drückte er ihre Beine nach unten, aber sie stieß ihren Hintern immer wieder gegen seinen Unterleib, als könnte sie ihn dadurch abwerfen. Er würde ihr beibringen müssen, ihre beachtlichen Fähigkeiten der Selbstverteidigung nicht dadurch zu untergraben, dass sie dem Angreifer den Arsch hinhielt.

Er verspürte ein Ziehen in der Lendengegend, als sich ihr rundes Hinterteil ein weiteres Mal unter seinem Körper aufbäumte, und das Adrenalin in seinen Adern wurde von Testosteron verdrängt. Carajo! Wenn sie den Ständer fühlte, würde sie nie mit dem Kämpfen aufhören.

»Schluss jetzt!«, sagte er und drückte sich hoch, um den mit einem Mal eher erregenden als aggressiven Kontakt zu unterbrechen. »Ich wollte Ihnen nur deutlich machen, wie verletzlich Sie sind.«

Sie erstarrte. »Wie bitte?« Seine Hand dämpfte zwar ihre Worte, aber die Empörung kam klar und deutlich rüber.

»Manchmal braucht es einen kleinen Schrecken, um eine Bedrohung ernst zu nehmen.«

Alle Anspannung und Abwehr verschwand aus ihrem Körper, und sie wurde ganz weich. Konnte das ein Trick sein? War sie so gut? Man brauchte Jahre, um zu lernen, wie man das Adrenalin willentlich drosseln und scheinbar aufgeben konnte, damit der Gegner das Gleiche tat.

Er fiel nicht darauf rein, lockerte aber seinen Griff ein wenig mehr.

»Hören Sie gut zu«, flüsterte er, überrascht, dass sein Atem nach dem kleinen Gerangel bereits schneller ging. »Wenn jemand Ihnen etwas tun will, kann er sich ohne Weiteres an dem Jungen unten vorbeischleichen, Ihr Schloss knacken, die Alarmanlage mit den letzten vier Nummern Ihrer Sozialversicherungskarte deaktivieren und Ihnen kurz darauf ein Messer an die Kehle halten.«

Er spürte ihren schnellen Herzschlag, fühlte ihren warmen Atem auf seiner Handfläche. Erneut stiegen erotische Fantasien in ihm auf – dieselben Reaktionen, aber unter ganz anderen Umständen.

Er rückte etwas ab und löste seine Hand von ihrem Mund, blieb aber weiterhin darauf gefasst, dass sie erneut ausflippen und ihn angreifen könnte. »Ich hab nur sechs Minuten gebraucht, um hier reinzukommen«, sagte er ohne jeden bedrohlichen Unterton. »Aber ich bin Profi. Ob Ihr Stalker einer ist, wissen wir nicht.«

»Wovon … reden Sie überhaupt?« Sie wandte den Kopf, um ihn anzusehen.

»Ich rede von Ihrer persönlichen Sicherheit.« Vorsichtig bewegte er sich ein paar Zentimeter nach rechts, um im Dunkeln ihr Gesicht erkennen zu können. »In Ihrer Situation müssen Sie Augen und Ohren offen halten. Der Portier sollte Sie bis an die Wohnungstür begleiten, statt auf seinem Hintern zu sitzen und El Nuevo Herald zu lesen. Und seien Sie um Himmels willen doch ein wenig kreativer bei der Auswahl Ihres Sicherheitscodes.«

Silberne Blitze schossen aus ihren Augen – gerade genug Vorwarnung, dass er sie mit ausgestrecktem Arm daran hindern konnte aufzuspringen. Mit einem Schlag waren ihre Muskeln wieder hart wie Stahl, doch er hielt sie am Boden fest.

»Gehen Sie runter!«, stöhnte sie.

»Haben Sie das begriffen?«

»Ja«, presste sie leise hervor.

»Glauben Sie mir, dass ich Ihnen nichts tun will?«

»Ja«, sagte sie noch einmal. »Lassen Sie mich los, verdammt noch mal!«

»Werden Sie schreien und sich wieder auf mich stürzen?«

»Mich auf Sie stürzen?« Sie verschluckte sich fast.

»Ich wollte Ihnen nur etwas deutlich machen. Sie dagegen haben mir fast ein Büschel Haare ausgerissen und den Fuß gebrochen.«

»Na und, Sie Scheißkerl haben doch mich angegriffen!«

Sehr gut, sie war nur noch wütend, hatte aber keine Angst mehr. Damit war sie weniger gefährlich. Er glitt zur Seite, hockte sich erst neben sie und stand dann auf. Sie lag ganz still auf dem Boden, drehte dann vorsichtig den Kopf und sah ihn aufmerksam an.

»Ich mache Licht«, sagte er und ging quer durch den Raum, ohne sie aus den Augen zu lassen.

Er wusste genau, wo die Lampe stand, denn er hatte bereits jeden Zentimeter der Wohnung durchsucht, um Sicherheitslücken zu entdecken. Dabei hatte er festgestellt, dass seine Klientin auf geradezu absurde Weise ordentlich war, einen exklusiven Geschmack in Bezug auf Kleidung, Kunst und auch alles andere besaß und für das Abendessen Steaks mariniert hatte. Alex hoffte, dass sie ihre Meinung in Bezug auf ihn bis zum Essen ändern und ihn einladen würde.

Als das Licht den Raum durchflutete und sie aufstand, sah er sich die Nachrichtentussi genauer an.

Das Foto wurde ihr nicht gerecht. Es hatte ihre … Kraft nicht gezeigt. Sie strotzte nur so vor Lebendigkeit, funkelte geradezu vor Vitalität. Ihre Augen glänzten wie poliertes Platin, schossen kleine Blitze auf ihn ab. Die hohen Wangenknochen waren rot vor Wut und von der unsanften Begegnung mit dem Teppich. Seine Hand hatte ihren Lippenstift verwischt, die vollen Lippen waren fleckig, und ihr Mund stand ein wenig offen, als sie ihn mit einer gefährlichen Mischung aus Angst und Wut anstarrte.

Sie stemmte die Hände in klassischer Angriffspose in die Hüften; deutlich traten die Muskeln an ihren wohlgeformten Armen hervor, und ihre Brust hob und senkte sich mit schnellen Atemstößen.

Ein kurzer Blick auf ihr enges geripptes Top bestätigte Lucys Aussage. Tatsächlich echt, das verrieten ihm Struktur und Form. Schließlich war er auf dem Gebiet Experte.

Aber irgendetwas stimmte nicht. Er hatte alle Schränke und Kommoden durchsucht und nirgends etwas gefunden, was darauf schließen ließ, dass sie Baumwollunterhemden und Army-Hosen trug. Wo war sie in dieser Aufmachung gewesen? Sicherlich hatte sie nicht in dieser Kluft vor der Kamera gestanden und etwas zu einem Banküberfall in Liberty City geträllert.

Eher hatte sie selbst einen begangen.

»Wer zum Teufel sind Sie?«, fragte sie.

»Mein Name ist Alex Romero. Mr Parrish hat mich angeheuert.«

Sie öffnete den Mund und schloss ihn sofort wieder.

»Sie haben sich doch heute gesehen?«, warf er ein.

Sie zuckte die Achseln und nickte; diese Art von Bestätigung, ohne sich wirklich festzulegen, brachte ihn beinahe zum Lachen. »Ganz kurz nur«, fügte sie hinzu.

Nachdem sie schon der Länge nach Körperkontakt gehabt hatten, kam ihm die Geste zwar ein wenig dumm vor, aber er streckte dennoch die Hand aus.

Sie griff nicht zu, sondern trat einen Schritt zurück und sah ihn dabei immer noch misstrauisch an. »Alex Romero«, sagte sie nachdenklich, als blättere sie in ihrem Gedächtnis.

»Ihr Bodyguard.«

»Mein was?«

Der Mistkerl Parrish hatte ihr nichts gesagt. Alex nahm die Hand wieder runter. »Mr Parrish hat Personenschutz für Sie arrangiert. Offensichtlich glaubt er wirklich, Sie seien in Gefahr.«

»In Gefahr?«

Himmel, war sie denn so in ihre Arbeit versunken, dass sie die Briefe nicht für bedrohlich hielt? Kaum zu glauben, wo er sie nur knapp überwältigt hatte. »Jedenfalls waren Sie selbst besorgt genug, um sich Kenntnisse in Selbstverteidigung anzueignen.«

»Was sagten Sie, wer hat Sie eingestellt?«

»Mr Parrish.«

Keine Reaktion. Kein Anzeichen, dass sie ihn kannte, dass die Erwähnung ihres neuen Chefs sie irgendwie berührte – obwohl er der mächtigste Mann im Nachrichtengeschäft war.

»Von welcher Bedrohung reden Sie eigentlich?«, fragte sie und schob die Hände hinten in ihre Hosentaschen. Was den Eindruck ihres hautengen Tops keinesfalls minderte. Sie bewegte sich nicht von der Stelle.

»Ich spreche von den Briefen, die Ihnen ein Fan geschrieben hat. Soweit ich weiß, sind es sechs. Und einige Mails, die sich nicht zurückverfolgen lassen.«

Ihr Gesichtsausdruck wurde noch finsterer. »Woher soll ich wissen, dass Sie nicht auch ein Stalker sind und deshalb Bescheid wissen? Mal ganz abgesehen von Ihrer bizarren Begrüßung.«

»Können Sie natürlich nicht«, gab er zu. »Mr Parrish sollte Sie eigentlich heute davon in Kenntnis setzen, dass er mich zu Ihrem Schutz angeheuert hat.«

Sie bewegte sich immer noch nicht. Er hätte erwartet, dass sie ihn stehen ließ und es sich in der Wohnung gemütlich machte. Aber sie blieb vorsichtig.

»Hat er aber nicht«, sagte sie. »Ehe ich nicht mit ihm gesprochen habe, müssen Sie diese Wohnung leider verlassen.«

»Tut mir leid, aber das kann ich nicht.«

Sie lächelte gezwungen. »Doch, das können Sie. Es ist sehr viel einfacher, als mich zu Tode zu erschrecken, um etwas deutlich zu machen.«

Sie wandte sich zur Tür, doch ein Blick von ihm ließ sie innehalten. »Ich werde nicht gehen, Miss Adams.«

»Wie bitte?«

»Soll ich lieber Jessica sagen?«

Sie zeigte auf die Tür. »Mir wäre es lieber, Sie würden zum Teufel noch mal verschwinden. Dann könnte ich endlich Kendall Parrish anrufen und die Sache mit ihm besprechen.«

Kendall? Eine Alarmsirene in Alex’ Kopf kreischte auf. Er ging einen Schritt auf die Frau zu, und ihre Schultern spannten sich an.

»Warum telefonieren Sie nicht in meinem Beisein?«, schlug er vor.

»Nein. Ich werde ihn später anrufen. Wir können uns morgen weiter unterhalten.«

»Bitte tun Sie es sofort, Miss Adams. Der Anruf könnte über Leben oder Tod entscheiden.«

»Werden Sie nicht dramatisch. Ich bin hier vollkommen sicher …« Ihre Stimme war es nicht. »In Ordnung. Ich rufe ihn an.« Sie bückte sich nach ihrer Tasche, doch kaum hatte sie die Hand am Schulterriemen, öffnete sich der Verschluss, und Papiere, Make-up, ein Spiegel und eine Rolle Pfefferminz fielen zu Boden.

Alex hockte sich neben sie und klappte sein Handy auf. »Nehmen Sie meins.«

Sie erhob sich und warf ihm erneut einen misstrauischen Blick zu; dann sah sie auf die Tastatur und gab eine Nummer ein.

Warum nahm sie denn nicht den schnurlosen Apparat im Wohnzimmer?

Sie hielt das Handy ans Ohr und drehte sich weg. »Hi! Ich bin’s … Jessica. Ich muss Sie dringend sprechen. Es ist sehr wichtig. Rufen Sie mich bitte auf dem Handy zurück.« Sie klappte das Gerät energisch zu und gab es ihm zurück. »Lassen Sie mir eine Nummer da, unter der ich Sie erreichen kann. Ich melde mich, sobald ich etwas von Parrish gehört habe. Sicher verstehen Sie, dass ich etwas zurückhaltend bin, wenn es darum geht, einen vollkommen Fremden in der Wohnung zu haben.«

Hier war etwas faul. Die Frau musste doch zumindest den korrekten Namen des Mannes kennen, der vor Kurzem ihren Fernsehsender gekauft hatte. Und sie hatte auch keine Ahnung gehabt, wo sich Lichtschalter und Alarmanlage befanden. Alex sah sich Jessica Adams noch einmal genau an, vom alles enthüllenden Top bis zu den schwarzen Stiefeln inmitten des chaotischen Inhalts ihrer Handtasche. Irgendetwas stimmte nicht an diesem Bild.

»Ich werde es selbst versuchen«, sagte er und klappte das Handy wieder auf. »Ich habe seine Privatnummer.«

Er tat so, als würde er die Nummer eingeben, drückte aber auf Wahlwiederholung und ließ sein Gegenüber nicht aus den Augen, während er die Nachricht auf dem Anrufbeantworter abhörte.

Hier spricht Jessica Adams; bitte hinterlassen Sie eine Nachricht, ich melde mich umgehend.

»Na so was«, sagte er und beugte seinen Kopf so weit zu ihrem, dass er fast Reste des Lippenstifts von ihrem Mund hätte wegküssen können. »Da hab ich mich doch glatt auf die falsche Miss Adams gestürzt.«

 

2

Er war Jazz so nah, dass sie sich in seinen pechschwarzen Pupillen spiegeln konnte. So etwas konnte auch nur ihr passieren, dass sie sich mit einem Mann anlegte, der aussah wie Antonio Banderas, gebaut war wie ein Athlet und allem Anschein nach die Findigkeit und Schläue von Sherlock Holmes besaß.

»Die falsche Miss Adams? Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie reden.«

»Das wissen Sie genau.«

»Ich habe keinen blassen Schimmer.«

Ein weiterer durchdringender Blick aus diesen schwarzen Augen. »Wo ist Jessica?«

Verdammt gute Frage. »Ich bin Jessica.«

»Einen Scheiß sind Sie. Sie sind die Zwillingsschwester.«

Jazz unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung. »Was macht das schon?«

»Ziemlich viel. Ihre Schwester ist in Gefahr.«

Eine ernüchternde Unruhe stieg in Jazz auf. »Woher wollen Sie das wissen?«

»Man hat mich schließlich angestellt, um sie zu schützen. Und man würde diesen teuren Aufwand nicht treiben, wenn es keine Bedrohung gäbe, die das rechtfertigen würde.«

Verflucht, damit hatte er recht! »Sie hat mir nie etwas von irgendwelchen Drohungen erzählt.«

Alex lehnte an der Rückenlehne eines Sofas, das in dem großen Wohnbereich stand, dem Jazz bislang keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Ihr Augenmerk war voll und ganz auf Alex Romero gerichtet, und das aus gutem Grund. Er war eine ganze Menge Mann, und alles an ihm war … faszinierend.

»Versuchen wir’s noch einmal«, sagte er mit einem Lächeln und streckte die Hand wieder aus. »Ich heiße Alex Romero. Und Sie sind … Jasmine Adams?«

Diesmal schlug sie ein. Seine Finger waren lang und kräftig wie alles an ihm, seine Hand fühlte sich warm an. »Sagen Sie Jazz. Sind Sie nun ein Stalker oder ein Bodyguard?«

Er lachte leise, als er ihre Hand wieder losließ, fuhr dann mit den Fingern durch das glatte schwarze Haar, das ihm ins Gesicht fiel und bis über den Kragen seines ebenfalls schwarzen Hemdes reichte. Sie hatte eine Handvoll von diesem Haar zu fassen bekommen und dabei an die dicke, seidige Mähne eines Vollbluts denken müssen.

»Ich bin Spezialist für Personenschutz.«

Nur Jessica konnte so einen Hauptgewinn als Bodyguard ziehen.

Jazz machte einen Schritt über ihre Tasche und die herumliegenden Gegenstände und ging an ihm vorbei. Sie sollte sich lieber die Wohnung und nicht den Mann anschauen. »Stürzen Sie sich immer so auf Ihre Kunden?«

»Klienten«, korrigierte er sie.

Sie spürte seinen Blick, als sie das vollkommen weiße Wohnzimmer inspizierte; ein paar ausgewählte Stücke aus Jessicas Sammlung wertvoller alter Gläser und Karaffen waren die einzigen Farbtupfer. Und die pinkfarbene viktorianische Bonbonniere, die sie Jessica zum letzten Geburtstag geschenkt hatte, stand auf einem Ehrenplatz in der Mitte des Couchtisches.

»Ich habe Ihnen doch gesagt«, meinte er, »dass ich nur etwas deutlich machen wollte.«

Sie ging zu den Glasschiebetüren, hinter denen sich eine fantastische Aussicht auf das nächtliche Miami und die blinkenden Lichter in der Biscayne Bay bot. »Dafür gibt es einfachere Wege«, sagte sie. »Man kann jemandem auch einfach sagen, dass er in Gefahr ist. Das ist weniger anstrengend.«

»Ich habe mich nicht angestrengt.«

Ein wütender Blick von ihr schnitt ihm das Wort ab. »Sie hatten Glück, dass ich meine Waffe zu Hause gelassen habe.«

Er lachte auf, und sie warf unwillig den Kopf zurück.

»Ich habe eine Lizenz als Privatdetektivin, darf eine Waffe tragen und habe keine Scheu, sie zu benutzen. Jetzt habe ich sie nur nicht dabei, weil meine Schwester Angst vor Waffen hat. Deshalb habe ich mich breitschlagen lassen, sie zu Hause zu lassen.«

Er sah eher überrascht als beeindruckt aus. »Privatdetektivin? Davon stand nichts in den Akten.«

Diese Aussage beruhigte sie nicht gerade. Wie viel wusste er über sie beide? »Dann haben Sie vielleicht nicht alle Fakten, Mr Romero.«

Allerdings hatte sie ihre Detektei erst vor sechs Wochen eröffnet, das hätte auch einer gründlichen Hintergrundrecherche entgehen können. Das ganze letzte Jahr hatte sie im Grunde keine feste Anstellung gehabt, auch wenn sie Elliot bei mindestens zwanzig Fällen zur Hand gegangen war.

»Privatdetektivin, ja?« Er ging ein paar Schritte vor und ließ sich auf das Sofa fallen, sein langes schwarzes Haar, die dunklen Augen, die olivfarbene Haut und die tiefschwarze Kleidung bildeten einen starken Kontrast zur weißen Seide des Überzugs. Ein Meter neunzig und von Kopf bis Fuß dunkel-bedrohliche Männlichkeit.

»Sind Sie deswegen hier?«, fragte er. »Um zu ermitteln? Oder wollten Sie Ihre Schwester einfach besuchen?«

»Ich will sie nur besuchen.« Und für etwa eine Woche so tun, als wäre ich sie.

Wenn der Kerl nun mit Jessicas Konkurrenten unter einer Decke steckte und versuchte, ihr die Story abzujagen? Geheimhaltung war der Schlüssel für Jessicas Erfolg bei diesem Projekt; deshalb musste sie verschwinden, ohne dass irgendjemand etwas mitbekam, und dafür brauchte sie Jazz.

»Und wo ist sie?«

»Sie sagte, sie würde nach den Sechs-Uhr-Nachrichten nach Hause kommen. Ich hatte um halb acht mit ihr gerechnet. Jetzt ist es fast neun.«

»Muss sie denn nicht um zehn wieder im Studio sein?« Alex beugte sich vor und nahm die Bonbonniere in die Hand. Die zierlich geformten Ränder wirkten deplatziert in den kräftigen Händen. Er stellte die Schale vorsichtig wieder hin, als wäre ihm plötzlich aufgefallen, wie zerbrechlich sie war, und als wollte er nun nichts mehr mit ihr zu tun haben.

»Sie hat dafür gesorgt, dass jemand anders die Elf-Uhr-Nachrichten übernimmt, damit sie mit mir zusammen sein kann«, sagte Jazz. »Woher wissen sie so gut über ihre Termine Bescheid?«

»Ich habe ein komplettes Dossier über meine Klientin«, sagte er. Sie hätte schwören können, dass der Hauch eines Akzents in seiner Stimme mitklang. Romero. In Miami war ein Großteil der Bevölkerung lateinamerikanischer Abstammung. »Das gehört zu unseren Geschäftsgepflogenheiten.«

»Wer ist wir?«

»Mein Arbeitgeber.«

»Dieser Parrish?«

»Kimball Parrish.« Er betonte den Vornamen, und sie krümmte sich innerlich, weil sie offensichtlich einen Fehler gemacht hatte. »Hat Ihre Schwester ihn nie erwähnt?« Er klang nicht überzeugt.

Jazz setzte sich in einen cremefarbenen Klubsessel ihm gegenüber und ging im Kopf alle Mails und Nachrichten durch, die sie von Jessica erhalten hatte. Ein fotografisches Gedächtnis war ein wertvolles Werkzeug für jemanden, der neunzig Prozent des Tages damit verbrachte, verdächtigen Computerdaten nachzugehen. Sparte viel Papier und Tintenpatronen.

»Nein, aber ich habe den Namen schon gehört.«

Er beugte sich wieder vor, eine steile Falte erschien auf seiner Stirn. »Sie hat Ihnen nicht erzählt, dass Adroit den Sender kürzlich übernommen hat?«

»Doch natürlich«, gab Jazz zur Antwort. »Sie war völlig aus dem Häuschen über den Kauf. WMFL gehört zu Metro-Net, und Jess war sicher, dass Yellowstone – der Multikonzern, der die Fäden im Hintergrund zieht – Adroit bei Laune halten will und deshalb dem Sender in Miami mehr Aufmerksamkeit widmen wird.«

Hinter was Jessica auch immer her war, eines stand fest: Die Geschichte würde in den oberen Etagen bei Adroit und Yellowstone Aufmerksamkeit erregen. So viel war aus den Mails hervorgegangen. »Und wer ist nun dieser Parrish?«, fragte Jazz.

»Ihm gehört Adroit.«

»Ihm gehört der Laden?« Jazz hob die Augenbrauen. »Der Kerl, der gerade den Sender gekauft hat, engagiert einen Bodyguard, um Jess vor einem übereifrigen Fan zu schützen?«

»Er ist mehr als übereifrig. Wie schon gesagt, sie hat Drohbriefe erhalten.«

Jazz schüttelte den Kopf. »Das ist völlig verrückt. Sie hat mir kein Wort davon gesagt.«

»Stehen Sie sich nahe?«

Ein Gefühl von Schuld blitzte in ihr auf. Sie waren sich sicher sehr zugetan, aber die räumliche Entfernung und die Unterschiede zwischen ihnen hatten ihren Preis gefordert. »Nahe genug, dass sie mir von einem Fan erzählen würde, der sie bedroht.«

»Vielleicht wollte sie Sie nicht beunruhigen.«

»Möglich«, gab Jazz zu. »Jess ist sehr unabhängig.« Deshalb hatte sich Jazz auf die Gelegenheit gestürzt, ihr auch einmal helfen zu können.

»Irgendwas scheint Ihre Schwester aufgehalten zu haben«, sagte Alex. »Haben Sie alle Möglichkeiten durchgespielt?«

»Sie ist spät dran, weiter nichts.« Schon als die Worte ihren Mund verließen, ergriff sie ein klammes Gefühl der Vorahnung. Die Worte Jessica und zu spät traten niemals zusammen auf. »Wenn sie geglaubt hätte, es bestünde Anlass zur Sorge, hätte sie mir das bestimmt gesagt.«

»Hat sich Jessica kürzlich von jemandem getrennt?«

»Ganz im Gegenteil«, sagte Jazz, ohne nachzudenken.

Alex hob interessiert die Augenbrauen. »Sie geht mit jemandem aus?« Fehlten noch weitere Dinge in der Akte?

»Ich weiß nicht, wie ernst die Sache ist.« Aber sie sah die Worte vor sich, die ihr Jessica vor gar nicht so langer Zeit geschrieben hatte. Jazz, ich bin jemand Außergewöhnlichem begegnet. Er könnte mein Leben verändern. Er ist klug, hat Verbindungen, und, was das Beste ist, er hat ein Herz aus Gold. Dieses »Beste« war ihr nicht aus dem Kopf gegangen.

»Was ist mit ihrer Arbeit? War sie gerade mit etwas Besonderem beschäftigt?«

»Ja, tatsächlich«, sagte Jazz. »Und sicherlich kann ich sie deswegen gerade nicht erreichen. Sie hat bestimmt ihr Handy ausgestellt, während sie mit dem Informanten spricht.«

»Dem Informanten wofür?«

Er stellte entschieden zu viele Fragen. Das hätte ihr Part sein sollen. »Ich dachte immer, ein Bodyguard steht mit gekreuzten Armen an der Tür und bekommt seine Befehle durch einen Knopf im Ohr.«

Er grinste. »Nicht der, den Sie hier haben.«

»Ich?« Sie lachte. »Ich brauche keinen Bodyguard, besten Dank! Haben Sie nicht bemerkt, dass ich mich selbst verteidigen kann?«

»Ich hatte Sie in drei Sekunden am Boden.«

»Da wäre ich nicht geblieben.«

»Sie haben … gezappelt, und ich habe Sie festgehalten.«

Die Art, wie er das sagte, trieb ihr die Röte ins Gesicht. »Ich habe nicht gezappelt. Ich habe mich verteidigt.«

Er ließ den Blick über ihren Körper wandern, was die aufsteigende Hitze nicht linderte. »Erinnern Sie mich daran, dass ich Ihnen beibringe, wie man einen Angreifer entmutigt und nicht heißmacht.«

Sie hatte ihn heißgemacht? Ihr Mund war auf einmal ganz trocken, und sie erhob sich rasch. »Fassen Sie das jetzt ruhig als Entmutigung auf, Mr Alex Romero. Danke, dass Sie gekommen sind, um meine Schwester zu beschützen, aber sie ist nicht da, und ich habe keine Verwendung für Sie. Also, verpissen Sie sich! Ich bin sicher, meine Schwester taucht jeden Moment auf, und selbst wenn nicht, werde ich sie bestimmt aufspüren. Darin bin ich nämlich so gut, dass ich mein Geld damit verdiene.«

»Man hat mich engagiert, und ich bleibe.« Er schlug die Beine an den Knöcheln übereinander und legte die Arme über die Rückenlehne des Sofas.

»Das sagen Sie. Sobald Jessica auftaucht, wird sie Ihre Leute anrufen. Falls meine Schwester damit einverstanden ist, können Sie bleiben. Ich muss Sie allerdings warnen, wahrscheinlich steht sie genauso wenig auf Bodyguards wie ich.«

Er sagte nichts, sah sie nur an, ein Lächeln zuckte um seinen Mund.

»Ich meinte, sie wird genauso wenig Ihre Dienste in Anspruch nehmen wollen.« Jesus, dieser Kerl brachte sie durch bloßes Dasitzen aus der Fassung! Wie wäre es erst, wenn er wieder auf ihr liegen würde? »Nun.« Sie vergrub ihre Hände tief in ihren Hosentaschen. »Auf Wiedersehen!«

»Ich werde nicht gehen.«

Gott bewahre sie vor Machos mit Kontrollzwang! »Werden Sie wohl.«

»Werde ich nicht.« Er schüttelte kaum wahrnehmbar den Kopf, gerade genug, damit ihm eine glänzende Strähne in die Augen fiel. Gott bewahre sie vor Machos mit Kontrollzwang, die so wundervolles Haar hatten! »Ich werde mich entweder auf die Suche nach Ihrer Schwester machen oder hier auf sie warten.«

»In Ordnung. Dann suchen wir eben.« Jazz sah sich um. »Wir fangen mit ihrem Computer an. Ich wette, sie führt einen Kalender.«

»Im Schlafzimmer steht ein Laptop auf dem Frisiertisch.« Er erhob sich und baute sich vor ihr auf.

»Haben Sie schon die ganze Wohnung durchsucht?«

»Wollen Sie eine Führung?«

Ehe sie antworten konnte, läutete das Telefon auf dem Beistelltischchen. Gott sei Dank! Jazz stürzte hin und nahm den Hörer ab. »Hallo!«

»Wo zur Hölle bist du gewesen?«

Frage und Ton des Mannes ließen sie schaudern. »Wer ist da?«

»Ich bin’s, Ollie.« Er schien erstaunt, dass sie ihn nicht erkannt hatte. War das vielleicht Mister Außergewöhnlich? Jess hatte nur gesagt, es sei jemand Neues, jemand Besonderes.

»Bist du krank, oder was ist los?«, fragte er. »Warum hast du nicht Bescheid gesagt, dass du es nicht zu den Sechs-Uhr-Nachrichten schaffst?«

Wieder spürte sie einen Schauder. Ihre Schwester sollte eine Sendung verpasst haben? Unmöglich! »Was ist passiert?«

»Machst du Witze? Jon-Boy ist schneller eingesprungen, als man einen Text im Teleprompter austauschen kann. Ich muss jetzt los; wir schicken den Hubschrauber in die Everglades, ein kleines Flugzeug ist abgestürzt. Aber hör mir gut zu: Metro-Net hat angeklopft, und es ist in deinem Interesse, dass du es bist, die aufmacht. Sicherheitshalber, du weißt, was ich meine.«

»Was denn?«

»Sie haben eine Live-Satelliten-Übertragung mit Rodriguez für American Sunrise, aber er will kein Interview per Video. Er will seinem Interviewpartner leibhaftig gegenübersitzen. Auftritt Jessica Adams, was sagst du dazu?«

American Sunrise war Metro-Nets brandheiße neue Morgensendung in New York – für die sie immer noch einen festen Moderator suchten. Aber wer war Rodriguez? Und wo war Jessica? »Worum genau soll es gehen?«

»Sie haben den Bürgermeister gebeten, über die Konferenz der lateinamerikanischen Staaten zu sprechen, die nächste Woche hier stattfinden wird. Mir ist es scheißegal, was du hast, selbst wenn’s eine scheiß Blinddarmentzündung wäre. Schaff deinen Arsch morgen früh hier rüber, bevor Jon-Boy seine Zelte im Studio aufschlägt, ist das klar?«

Was würde Jessica antworten. »Sicher, ich komme.«

»Bist du über die Konferenz auf dem Laufenden?«

»Ich brauche noch mehr Infos.« Zum Beispiel, um was es überhaupt ging. »Kannst du mir Hintergrundmaterial beschaffen?«

»Ich schicke dir gleich einen Link. Du brauchst etwa fünf Fragen, die es auf den Punkt bringen. Denk global, nicht lokal. Vergiss, was die Konferenz für Miami bedeutet, wichtiger ist die Weltwirtschaft, der amerikanische Handel mit Lateinamerika, blablabla. Sie geben dir drei Minuten. Senden es im zweiten Block gleich nach den Nachrichten um sieben. Sei eine Stunde früher da. Um Viertel nach sieben gehen wir auf Sendung.«

»Morgens?«, fragte sie und verschluckte sich fast.

Er lachte. »Sehr witzig, Herzchen. Bis dann also.«

Jazz legte den Hörer wieder auf den Tisch und sah den Bodyguard an, der neben ihr stand und zugehört hatte.

»Dann ist sie also auch nicht zu den Sechs-Uhr-Nachrichten erschienen«, sagte er nur.

Großer Gott, war Jessica wirklich etwas zugestoßen? Denn warum sollte sie sonst die Sendung verpassen und sich nicht melden? Sie wusste doch, dass Jazz auf sie wartete.

»Sie wird bestimmt jede Minute auftauchen.« Jazz blieb dabei. »Denn morgen früh bietet sich ihr im Studio die Chance, landesweit auf Sendung zu gehen.«

Plötzlich war ihr noch ein weiterer Grund für Jessicas Fernbleiben eingefallen. Ihre Schwester hatte gesagt, das Zeitfenster sei so eng, dass sie sofort nach Jasmines Ankunft mit der Recherche beginnen müsste. Vielleicht hatte sie den Informanten früher als geplant treffen müssen – das musste die Erklärung sein.

»Und wenn nicht, wenn sie nicht jede Minute auftaucht?«, fragte Alex.

Jazz musste schlucken. »Dann werde eben ich Bürgermeister Rodriguez morgen früh um Viertel nach sieben interviewen.«

Alex briet sich das Steak selbst. Es war inzwischen fast elf, und Jasmine Adams hatte eine ganze Reihe von Fähigkeiten demonstriert, angefangen von brillanten Schlussfolgerungen bis hin zu eindrucksvollen Hacker-Techniken auf einem Laptop, den sie zusammen mit anderem Gepäck aus ihrem Mietwagen geholt hatte. Doch nichts ließ darauf schließen, dass sie sich fürs Kochen interessierte.

Mit bloßen Füßen und im Schneidersitz hockte sie auf dem Bett ihrer Schwester über dem Laptop und sah erst hoch, als er an die Tür klopfte, um sie zum Abendessen zu rufen.

»Ich bin nicht hungrig«, sagte sie.

»Dann setzen Sie sich einfach dazu, und wir gehen durch, was wir bislang haben.«

»Wir haben nichts«, gab sie zur Antwort. »Keinen Kalender, keinerlei Informationen, keine Spur. Und morgen früh muss ich scharfsinnig mit dem Bürgermeister plaudern.« Sie raufte sich die Haare, die in alle Richtungen abstanden. »Wussten Sie, dass Bolivien möglicherweise über die zweitgrößten natürlichen Gasvorkommen der westlichen Welt verfügt?«

»Im Ernst?«

»Und dennoch sind die Leute überzeugt, dass sie keine Rohstoffe haben.«

»Ich meinte, ob Sie im Ernst dieses Interview machen wollen.«

›Wach auf‹, sagte ihr Blick. »Darum bin ich doch hergekommen – um mich als Jessica auszugeben.« Sie drückte ein paar Tasten, klappte den Laptop zu und stand mit einer geschmeidigen Bewegung vom Bett auf. »Ich könnte doch was zu essen vertragen. Was gibt es?«

»Ihre Schwester hatte Steak und Salat vorbereitet. Für zwei Personen. Sie wollte also heute Abend zu Hause sein und Sie bewirten.« Er streckte einen Arm aus und legte die Hand auf den Rahmen, um ihr den Weg zu versperren. »Was soll das heißen, Sie sind hier, um sich als Jessica auszugeben?«

Sie bückte sich und ging unter seinem Arm hindurch. »Ich nehme ihren Platz ein, während sie mit etwas anderem beschäftigt ist.«

Er sah ihr hinterher. Die weiten Army-Hosen verbargen keineswegs ihren Hüftschwung. Nachdem sie um die Ecke verschwunden war, folgte er ihr.

Er musste sich ins Gedächtnis zurückrufen, was eigentlich sein Auftrag war. Offensichtlich war er genau wie Jessica Adams »mit etwas anderem beschäftigt«. »Was macht sie denn, während Sie ihren Platz einnehmen?«

»Recherche für eine Sonderstory.« Jazz stand in der Essecke und sah sich den Tisch an. »Das waren Sie? Gerade eben?«

»Ihre Schwester hatte das meiste schon vorbereitet. Der Tisch war auch schon gedeckt.«

Sie sah überrascht auf, als er ihr den Stuhl zurechtrückte. »Das ist fast zu viel, nicht wahr? Talentiert, erfolgreich, anerkannt, und dann kann sie auch noch kochen.«

»Das stand ebenfalls in der Akte. Aber nichts über eine Sonderstory. Ehrlich gesagt hatte ich nicht den Eindruck, dass sie jemals investigativ gearbeitet hat.« Er setzte sich ebenfalls.

»Hat sie auch nicht. Deshalb ist es ja so wichtig.« Jazz hob das Glas und brachte einen spöttischen Toast aus: »Auf unsere abwesende Gastgeberin!«

»Sie hat zwei Weingläser hingestellt, aber keinen Wein.«

Jazz zuckte die Achseln und legte die Leinenserviette auf ihren Schoß. »Hören Sie, ich möchte nicht gleichgültig wirken, aber meine Schwester ist schon ein großes Mädchen und hinter einer streng geheimen Sache her. Wenn so ein Spinner ihr Angst gemacht hat, hätte sie mir bestimmt davon erzählt. Das weiß ich so sicher wie meinen Namen. Sie hätte nie den Vorschlag gemacht, dass ich ihren Platz einnehme, wenn es für eine von uns gefährlich wäre.«

Alex nahm das Messer und schnitt ins Steak. »Ein Interview, das landesweit übertragen wird, einem Neuling zu überlassen, geht schon als gefährlich durch – zumindest was die Karriere Ihrer Schwester anbelangt.«

»Mit so einem Auftritt hatten wir nicht gerechnet«, sagte Jazz, ohne den leisesten Anklang von Rechtfertigung. »Aber ich kann das. Ich habe Erfahrung im Moderieren von Fernsehnachrichten.«

»Ich dachte, Sie wären Privatdetektivin.«

»Bin ich auch. Jetzt.« Sie stocherte mit der Gabel im Salat. »Sehen Sie sich diesen Müll an. In Kalifornien ist der Salat weit besser.« Sie pickte eine Cherrytomate auf und fuhr fort: »Ich habe beschlossen, meine Recherchefähigkeiten einem anderen Beruf zu widmen. Aber bis vor ungefähr einem Jahr habe ich Reportagen und Nachrichten im Fernsehen gemacht.«

»In San Francisco? Ziemlich große Sache.«

Sie lächelte. »In Fresno. Nicht ganz so groß.«

»Warum haben Sie aufgehört?«

»Ich hab’s vergeigt.«

Er sah sie fragend an. »Und da denken Sie, Sie könnten für Ihre Schwester einspringen?«

»Ich hab’s nicht vor der Kamera vergeigt«, sagte sie. »Eher im Ränkespiel hinter den Kulissen. Dann habe ich mich einer aufstrebenden Detektei angeschlossen und gemerkt, dass mir die Sache gefällt. Jedenfalls viel besser als die hinterfotzige Art beim Fernsehen. Und dabei ging es wirklich nur um einen kleinen Marktanteil.« Sie biss in die Tomate und deutete mit der leeren Gabel auf den Teil von Miami, der vor den Fenstern lag. »Ich kann mir nur ausmalen, was hier los ist.«

»Hat Ihre Schwester denn nichts erzählt?«

Jazz zuckte die Achseln. »Sie ist über solche Sachen hinaus. Ist wie der Wind von unten nach oben gesaust. Während der Zeit, als ich von Lubbock – das war wirklich Müll – nach Fresno ging, ließ sie vier Sender hinter sich und saß in Miami auf dem besten Moderatorenposten.«

»Dann muss sie sich auf dem Weg Feinde gemacht haben. Vielleicht ist der Stalker gar kein Fan, sondern ein neidischer Mitarbeiter.«

»Es ist schwer, Jess nicht zu mögen. Glauben Sie mir, ich habe es versucht.«

Diese Ehrlichkeit entlockte ihm ein Lächeln. »Sie sind eineiige Zwillinge, nicht wahr?«

Jazz grinste. »Stimmt. Absolut gleiche DNA. Damit ist der Beweis erbracht, dass Ehrgeiz und Disziplin nicht genetisch bedingt sind.«

Er wusste zwar nicht, wie ehrgeizig sie war, aber solche Fertigkeiten in Selbstverteidigung konnte man nicht ohne Disziplin erreichen. »Warum müssen Sie für sie einspringen? Gehören Recherchen denn nicht zu ihrem Job?«

»Wenn irgendwer beim Sender Wind von der Sache kriegt, könnte sie die Exklusivrechte an der Story verlieren. Aber wenn ich ihren Platz einnehme, bemerkt keiner, dass sie recherchiert.«

»Irgendjemand beim Sender muss doch Bescheid wissen. Vielleicht ihr Vorgesetzter? Der Nachrichtenchef?« Jessica konnte nicht im völligen Vakuum arbeiten. Das ergab keinen Sinn.

»Keine Ahnung«, sagte Jazz. »In ihrer letzten Mail bat sie mich dringend, keinem zu erzählen, wer ich wirklich bin. Was auch immer sie herausgefunden hat, sie ist sicher, dass es ihr landesweite Aufmerksamkeit verschaffen wird, und die möchte sie. Hier bekommt sie nicht viel Unterstützung für diese Art von Recherche. Die wollen, dass sie im Studio sitzt, perfekt aussieht, vorliest, was andere geschrieben haben, und Channel Five ein Gesicht gibt.«

»Hört sich nicht nach einer sehr fordernden Aufgabe an.«

»Ist es auch nicht. Darum will sie ja ins überregionale Fernsehen.« Jazz verdrehte die Augen. »Da wir gerade beim Thema fordernde Aufgaben sind, hoffentlich gehört das morgige Interview nicht dazu.«

»Sie werden nach fünf Minuten auffliegen«, prophezeite er.

»Vielen Dank für Ihr Vertrauen, Romero!«

Alex legte die Gabel zur Seite und kippte mit einem lang gezogenen Seufzer den Stuhl nach hinten. Er hatte keine Ahnung, wo seine Klientin war, und am Ende musste er sogar noch die falsche Schwester beschützen. Wie zum Teufel sollte er das Lucy beibringen? »Die ganze Sache ist irgendwie kindisch, wenn Sie mich fragen.«

Ein silberner Blitz streifte ihn. »Ich frage Sie aber nicht.«

»Sie glauben also nicht, dass irgendjemand der Mitarbeiter darauf kommt, dass Sie nicht Jessica sind? Ich habe auch nicht besonders lange gebraucht.«

»Sie haben mich auf dem falschen Fuß erwischt.«

Er ließ den Stuhl wieder nach vorne kippen. »Genau das wollte ich auch.«

Sie stützte ihre Ellbogen auf dem Tisch ab und sah zu, wie er sich ein weiteres Stück Steak abschnitt. »Gehe ich recht in der Annahme, dass ich Sie auch morgen nicht loswerde?«

So etwas hörte er nicht oft von einer schönen Frau. »Warum sollten Sie mich loswerden wollen? Jessicas Chef hat einen Bodyguard für sie angeheuert. Wenn sie bei der Arbeit aufkreuzt, ohne einen im Schlepptau zu haben, wird Parrish vermuten, dass was im Busch ist. Sie sollten ein wenig vorausdenken, wenn Sie Ihr Geheimnis so unbedingt bewahren wollen.« Absichtlich senkte er den Blick auf das einladende Dekolleté. »Und Sie sollten die Garderobe wechseln.«

Sie zuckte nicht zurück und wurde auch nicht rot. »Heißt das etwa, Sie machen mit?«

Er wischte sich den Mund ab und überdachte die Konsequenzen. Wenn er Lucy mitteilte, dass er nicht die richtige Klientin vorgefunden hatte, zog ihn Parrish vielleicht ab. Da seine Stelle bei Bullet Catcher im Augenblick auf Messers Schneide stand, wollte er nicht unnötig Staub aufwirbeln. »Fürs Erste ja. Mein Auftrag ist es, Jessica Adams zu schützen. Doch dafür muss ich sie finden. In ihrem Büro gibt es vielleicht Hinweise, wo sie sich aufhält.«

»Ich glaube nicht, dass es für einen Bodyguard angemessen ist, ihren Schreibtisch und Computer zu durchwühlen.«

»Sicher nicht, aber Sie können das ohne Weiteres.« Er sah auf das unberührte Essen auf ihrem Teller.

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