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Bühne frei für Magermilch

Über die Autorin

Leena Parkkinen wurde 1978 geboren. Obwohl sie aus einer Familie begnadeter Geschichtenerzähler kommt, wollte sie eigentlich Malerin werden. Über Umwege kam sie dann aber doch zum Schreiben. Bühne frei für Magermilch ist ihr erstes Kinderbuch.

Über die Illustratorin

Katja Wehner wurde 1976 in Dessau geboren und studierte Buchkunst und Illustration in Halle, Leipzig und Prag. Seit 2004 arbeitet sie als selbstständige Illustratorin für verschiedene Verlage. Sie lebt mit ihrer Familie in Leipzig. Für den Boje Verlag hat sie bereits die Kritzelbücher zu James Krüss gezeichnet.

BASTEI ENTERTAINMENT

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Milena stand vor dem Badezimmerspiegel und putzte sich die Zähne. Dabei musste sie gut aufpassen, damit die Naht an ihrer Zunge nicht aufriss. Vor einem Monat war sie in einen Unfall verwickelt gewesen, bei dem zwei Autos – rums – zusammengestoßen waren. Die Autos waren in zwei Hälften zerplatzt wie Melonen, und Milena hatte sich so erschreckt, dass sie sich die Zunge zerbissen hatte. Es hatte fürchterlich geblutet, und Milena hatte ausgesehen, als hätte sie in Ketchup gebadet. Davon abgesehen, war sie völlig heil geblieben. Sie war so gesund wie eine gescheite Achtjährige nur sein kann. Aber über ihre Zunge zogen sich jetzt Nähte wie auf einer Patchworkdecke. Manchmal stellte Milena sich vor, sie wäre so eine Flickendecke. Kein lebendiges Mädchen namens Milena, sondern ein Roboter, der aus verschiedenen Haut- und Organflicken zusammengesetzt war und brav erledigte, was getan werden musste (zum Beispiel das Zähneputzen).

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Auf einmal hörte Milena ein Plätschern in der Badewanne. Sie blieb reglos stehen und spitzte die Ohren. Es rauschte, als würde in der Wanne ein riesiges U-Boot schwimmen. Auf in den Kampf, dachte Milena und schlich vorsichtig zum Duschvorhang.

Sie hob die Zahnbürste über den Kopf, denn jeder Dummkopf weiß, dass Monster trotz ihres wilden Aussehens eigentlich Feiglinge sind, gegen die man sich am besten mit einem Angriff verteidigt. Mit einer schnellen Bewegung packte sie den Vorhang und zog ihn zur Seite. In der Wanne saß eine Kuh. Sie schrubbte sich den Rücken mit der Klobürste und aus ihren Nüstern quollen Seifenblasen.

»Würdest du bitte den Vorhang zuziehen«, sagte die Kuh. »Meine Haut verträgt keine Zugluft.«

Milena machte den Mund auf, doch alle vernünftigen und schlagfertigen Antworten waren weg. Sie zog den Vorhang zu und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf den Klodeckel, zählte bis zehn und zog den Vorhang erneut ein kleines Stück zurück. Die Kuh lag immer noch in der Badewanne. Diesmal sah sie Milena nicht einmal an, sondern sang laut und falsch: »Mein Opa hat 'ne Insel, die ihm allein gehört.«

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»Milena, hast du Bauchweh oder warum jaulst du da oben so rum?«, rief ihre Mutter aus dem Erdgeschoss herauf. Im Hintergrund hörte Milena die Titelmelodie der Fernsehserie Trautes Heim. Das bedeutete, dass ihre Mutter sie in der nächsten halben Stunde nicht stören würde. Und bis dahin hatte Milena die Sache bestimmt längst aus der Welt geschafft. Es war sinnlos, Erwachsene in solche Dinge zu verwickeln. Sie schickten einen bloß zu anderen Erwachsenen, die komische Jacken trugen und dauernd mit einem reden wollten oder einem Vitamintabletten verschrieben.

»Allesch in Ordnung!«, rief Milena. Sie sprach ein wenig undeutlich, denn das Reden tat weh.

»Wer war das?«, fragte die Kuh.

»Meine Mudder.«

»Mütter scheinen nichts von Musik zu verstehen«, sagte die Kuh. »Aber was kann man von Menschen schon erwarten. Bei den Nasen, die sie haben.«

»Naschen?« Milena hatte allmählich das Gefühl, dass diese Begegnung nicht besonders manierlich verlief.

»Iihhh«, sagte die Kuh. »Menschennasen! Die sind einfach abscheulich.«

»Wiescho?«, fragte Milena und hielt sich die Hand vor die Nase.

»Sie sehen aus wie Wurmlöcher«, sagte die Kuh. »Ein kleiner Knubbel mit zwei Höhlen drin. Man wartet geradezu darauf, dass da etwas Weißes, Schleimiges herauskriecht. Aber man kann natürlich nicht davon ausgehen, dass alle eine so wohlgeformte Schnauze haben wie unsereins.«

Milena fand, dass die Kuh ganz schön hochnäsig wirkte, als sie sich jetzt mit der Bürste das Gesicht abrieb.

»Weischt du nicht, dasch dasch eine Klobürschte ischt? Damit schrubbt man Klosch.«

»Na und?«, fragte die Kuh. »Sind die Kloschüsseln nicht sauber?«

»Ach, vergisch esch!«, gab Milena genervt zurück. Die Kuh ging ihr wahrhaftig auf den Wecker. »Nun schag schon, bischt du ein Monschter?«

»Ein Monster!«, empörte sich die Kuh und reckte das Maul hoch. »Ich bin eine erstklassige Ayrshire. Sechshundert Kilo, ohne die Hörner.«

»Du schiehscht viel schlanker aus«, sagte Milena. Sie überlegte, ob Ayrshire ein Wort aus der Monstersprache war.

»Bestimmt nicht«, schnaubte die Kuh. »In unserer Familie hat noch nie jemand unter 520 Kilo gewogen. Nicht einmal Donatella, meine Kusine zweiten Grades, die väterlicherseits eine Hornlose ist. Aber darüber wurde bei uns nicht gesprochen.

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