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Bühne frei für Leonie

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel

Über das Buch

Die 11-jährige Leonie hat einen Traum: Sie will Tänzerin werden. Ihr größter Wunsch: An dem berühmten Hamburger Tanzinternat aufgenommen zu werden. Doch am Tag der Aufnahmeprüfung ist Leonie zum Platzen nervös, und daran ist nicht nur das Lampenfieber schuld. Denn da ist dieser unfassbar gut aussehende Junge, der sie anlächelt und ihr Glück wünscht. Leonie ist schockverliebt! Sie kann ja nicht ahnen, dass Finn mit Victoria zusammen ist, dem hübschesten Mädchen der ganzen Schule. Da ist Stress vorprogrammiert …

Titel

Ballettschuhe.tif

1. Kapitel

Ich habe mich ja schon oft gefragt, ob meine große Schwester Liv adoptiert ist – nun bin ich mir endgültig sicher!

Ich meine, wer ist bitte so bekloppt, sich zum dreimonatigen Jubiläum den Namen seines Freundes tätowieren zu lassen und zwar – jetzt kommt’s – auf die Augenlider??!!!

»Holger« auf das linke und »Schnetzel« auf das rechte Augenlid. Ihre Begründung: Jedes Mal, wenn sie die Augen schließt, träumt sie von Holger, und das sollen alle sehen. Allein der Name müsste gesetzlich verboten werden. Wer heißt denn heute bitte noch Holger und dann auch noch Schnetzel? Klingt doch wie Schnitzel!

Mama dachte, es sei eine Reaktion darauf, dass sie Liv nicht erlaubt hatte, mit Holger in den Ferien durch Europa zu trampen.

Eigentlich ist Mama Kunstlehrerin, aber sie malt ganz gut und will endlich als Künstlerin Fuß fassen. Bis es so weit ist, unterrichtet sie weiter Kunst am Sophie-Scholl-Gymnasium.

Mein Vater ist Psychologe. Er forscht an der Universität Freiburg, das ist die nächste große Stadt in der Nähe von Waldesruh. Waldesruh selbst besteht aus 1213 Einwohnern. Bei uns gibt es einen Bäcker, einen EDEKA, Rudi, den Dorffriseur, und ansonsten Bäume – sehr viele Bäume. Und natürlich meine beste Freundin Greta. Wir kennen uns schon aus dem Kindergarten und könnten unterschiedlicher nicht sein. Aber dazu später.

Alle meine Freundinnen in Waldesruh fanden meine Eltern cool, dabei durfte ich mich nicht auf Facebook anmelden, und Schminke konnte ich mir von vornherein abschminken! Unsere Eltern fanden, dass wir ganz natürlich am schönsten aussahen und außerdem nicht bei diesem Schönheitswahn mitmachen sollten, der uns Mädchen eh nur dazu bringe, zu kaufen, kaufen, kaufen! Also Schminke eben … Frühestens wenn ich 16 Jahre alt bin, wollen meine Eltern mich in die Nähe eines Lipgloss’ oder von Wimperntusche lassen. Das sind fast noch vier Jahre, na ja, drei Jahre und acht Monate, denn bald werde ich endlich 13! Und Ohrringe stechen lassen geht auch gar nicht! Na ja, jetzt könnt ihr euch in etwa vorstellen, was es bedeutet, bei uns zu Hause mit einem Tattoo aufzukreuzen und das auch noch auf den Augenlidern!

Kleiner_Stern.tif

Ha! Der Gesichtsausdruck meiner Mutter war einmalig, als meine Schwester Liv beim Mittagessen blinzelte und Mama ihr Tattoo entdeckte.

Mama dachte erst, es wäre Kajal. Dann hoffte sie auf Edding, und als ihr klar wurde, was ihre Erstgeborene sich Bescheuertes geleistet hatte, war sie sprachlos.

Ich hielt es für einen passenden Moment, meine Taschengelderhöhung zur Sprache zu bringen, schließlich war ich die deutlich intelligentere Tochter. Aber irgendwie hatte Mama kein Ohr dafür.

Dabei habe ich immer mein ganzes Geld gespart, um so oft wie möglich in Freiburg Tanzkurse machen zu können. Ich tanze für mein Leben gern Hip-Hop, Modern- und Streetdance und bin dafür mit dem Bus jedes Mal fast eine Stunde in die Stadt gegurkt, anschließend dann natürlich wieder eine Stunde zurück. Und das, obwohl ich die Strecke eh schon zweimal täglich fahre, um zur Schule zu gehen. In Waldesruh gibt es schließlich kein Gymnasium. Aber fürs Tanzen mache ich alles. Tanzen ist mein Leben!

»Was hast du dir nur dabei gedacht?«, schrie Mama drauflos. »Liv, du bist gerade mal 15! Wer hat dir das Tattoo überhaupt gestochen ohne die Einwilligung eines Elternteils?«

Liv druckste herum, und ich ahnte, was gleich kommen würde.

»Wieso, ich hatte doch eine Einwilligung dabei!«, antwortete sie trotzig. Natürlich hatte sie das … Im Unterschriftenfälschen war sie schon immer große Klasse. Jetzt lief Mama knallrot an.

»Was machst du denn, wenn dieser Holger morgen mit dir Schluss macht?«

Liv schnappte völlig empört nach Luft. »Holger und ich werden heiraten und Kinder bekommen … Er ist die Liebe meines Lebens!«, schob sie noch theatralisch hinterher.

Aufgescheucht von unserem Krach, kam Papa aus seinem Arbeitszimmer und sah Mama fragend an. Die schüttelte nur den Kopf und zeigte auf Liv. Sie holte ihren Laptop an den Mittagstisch und fing an zu googeln, wie man Tattoos entfernen lassen kann.

Nebenbei versuchte Mama noch, aus Liv herauszupressen, wer ihr das Tattoo gestochen hatte. Papa mochte zwar Psychologe sein und vielen Menschen mit sehr klugen Methoden und Ratschlägen helfen, aber bei seiner pubertierenden Tochter war er überfordert. »Was machst du denn, wenn du mal heiratest und dein Bräutigam nicht Holger heißt? Dann stehst du am Altar, hauchst dein ›Ja‹, schließt die Augen, und dein Mann darf immer diesen Namen lesen. Holger! Ich fasse es nicht!« Er schrie jetzt ebenfalls und war ganz außer sich.

Dann aber riss er sich zusammen und startete sein Entspannungsprogramm, denn Aufregung war nicht gut und ein Zeichen dafür, seine Gefühle nicht im Griff zu haben – etwas, das sich für einen Psychologen so gar nicht schickt. Papa schloss also die Augen und atmete viel zu laut ein und aus. Spannte dabei alle seine Muskeln an und ließ sie wieder locker. Aber offensichtlich brachte das alles nichts, denn er schnappte sich Puschel, unseren Labrador, und verschwand mit ihm wieder in seinem Arbeitszimmer. Dort würde er Puschel eine halbe Stunde lang streicheln. Er hat nämlich mal eine Studie gelesen, in der Wissenschaftler erklärten, dass es super gesund ist, sein Haustier zu streicheln. Senkt angeblich Blutdruck und Puls.

»Sie kann doch erst mal dunklen Lidschatten drüberschminken!«, schlug ich pragmatisch vor.

Liv und Mama schauten mich erstaunt an. Mama schien zu überlegen.

»Gar keine schlechte Idee, Leonie.« Liv, die sich mit ihren 15 Jahren natürlich auch noch nicht schminken durfte, wurde plötzlich hellhörig und schien gar nicht abgeneigt.

Mama holte ihre Schminkutensilien, ich machte mich vom Acker und ging in mein Zimmer. Das einzig Wahre, um diesem Wahnsinn zu entgehen …

Ich nahm mein Handy, um Greta anzurufen. »Du glaubst nicht, was Liv jetzt wieder für einen Schwachsinn gebracht hat!«, stöhnte ich entnervt ins Telefon.

»Schieß los!«, quiekte Greta neugierig und vergnügt.

Kleiner_Stern.tif

Als ich ein paar Tage später – es war ein Freitag – von der Schule heimkam, hatten Mama und Papa DIE Überraschung für mich. Aus der Küche roch es mal wieder undefinierbar, was daran lag, dass Mama ihren Vorsatz für das Jahr eisern durchzog. Sie hatte beschlossen, sich durch die verschiedenen Küchen aller möglichen Länder zu kochen. Wir aßen also nur noch thailändisch, indisch, türkisch, japanisch, russisch, französisch oder äthiopisch, weil es laut Mama diese unglaubliche Vielfalt in unserem Minidorf nicht gab und sie mit ihren Gerichten das »Fenster zur Welt« öffnen wollte. Sie bestellte die verrücktesten Zutaten und Gewürze im Internet, und in unserer Speisekammer sah es inzwischen aus wie in einem internationalen Supermarkt. Selbst jetzt vor Weihnachten machte sie keine Pause mit ihren Experimenten. Während bei Greta zu Hause Plätzchenduft durch die Küche waberte, wanderten bei uns unaussprechliche exotische Zutaten in den Topf.

»Rate mal, wo wir beide am Montag hinfahren?«, sagte Mama aufgeregt und zwinkerte Papa, der am Küchentisch saß und nervös an einer Papierserviette herumnestelte, vielsagend an.

»Keine Ahnung. Zum Eriträer nach Freiburg?« Ich zuckte ahnungslos mit den Schultern. Mama holte tief Luft und ließ sich Zeit.

»Nein, wir haben dich an der Dance Academy in Hamburg zum Vortanzen angemeldet!«

Wie bitte?!? Mein Herz setzte einen Moment lang aus – dann klopfte es wie verrückt!! Ich konnte es nicht fassen!!! Schließlich bin ich absolut tanzverrückt! Seit ich denken kann, will ich nur tanzen. Früher tanzte ich im Ballett, aber das wurde mir schnell langweilig. Dann machte ich Jazz Dance, bis ich meine wahre Liebe entdeckte: Streetdance und Hip-Hop!

In Waldesruh gibt es natürlich keine Kurse dafür. Weil die Kurse und Workshops in Freiburg wie gesagt ziemlich viel Zeit und Geld kosten, habe ich mir eigentlich alles selber aus dem Internet und über DVDs beigebracht. Daher kannte ich auch die Dance Academy, die beste und bekannteste in ganz Deutschland. Man wird an der Dance Academy zur Profitänzerin ausgebildet und kann gleichzeitig einen Schulabschluss machen. Seit zwei Jahren hatte ich davon geträumt, an der Dance Academy vorzutanzen, aber bislang hatte ich mich immer vor der Anmeldung gedrückt. Welche Chancen hatte ich denn schon – ohne professionelles Training? Man kann sich einzelne Aufführungen der Dance Academy auf ihrer Homepage anschauen, und da bekam ich jedes Mal Minderwertigkeitskomplexe. Seit ich also von der Dance Academy wusste, hatte ich davon geträumt, dort angenommen zu werden. Und hatte es bei jeder Gelegenheit fallen lassen. Die ganze Zeit über hatte ich mir nichts Schöneres vorstellen können, als dort zu tanzen – unter der Anleitung von Profis und gemeinsam mit anderen Schülern, die das Tanzen ebenso lieben wie ich. Natürlich hatte ich auch Bammel, denn es war ganz schön weit weg von Zuhause, und vor allem war Hamburg eine Großstadt. Dort war bestimmt alles ganz anders als in unserem kleinen, beschaulichen Waldesruh, wo quasi jeder mit jedem irgendwie bekannt oder verwandt ist, und manche sogar die Tür abends nicht abschließen. Vor allem waren hier meine Familie und Greta, mit der ich im Sommer durch die Wälder zog, mit dem Fahrrad zum See fuhr und bei EDEKA vor der Treppe Eis aß, bis uns schlecht wurde. Greta und ich kannten uns in- und auswendig und vertrauten uns alles an. Wenn doch Greta auch nur so tanzverrückt wäre wie ich! Dann hätte sie mitkommen können nach Hamburg. Aber leider interessiert sich Greta mehr für Musik, also, sie singt richtig gut und spielt unglaublich gut Klavier.

Und jetzt hatte Mama mich zur Aufnahmeprüfung angemeldet! Ich wusste, wie schwer ihr das gefallen sein musste. Sie wollte mich natürlich am liebsten hier in Waldesruh haben, aber sie kannte meinen Traum und meine gleichzeitige Scheu, mich selbst zu bewerben. Sie hatte es extra heimlich gemacht, damit ich nicht enttäuscht gewesen wäre, falls es nicht geklappt hätte mit dem Vortanzen. Das war ja wohl der absolute Hammer! »Aber können wir uns das überhaupt leisten? Das kostet richtig viel! Ich weiß das, weil ich erst letzte Woche wieder auf der Homepage war.«

Mama lächelte. »Nein, leisten können wir es uns so nicht. Wir haben all unser Erspartes in dieses Haus gesteckt und einen hohen Kredit aufgenommen. Selbst wenn Papa und ich auf alles verzichten, wäre es nicht möglich. Das Schulgeld liegt bei 30 000 Euro im Jahr inklusive Unterbringung und Verpflegung, aber es gibt ein Stipendium. Und genau darum geht es bei diesem Vortanzen: Wenn du da überzeugen kannst, bekommst du ein Stipendium. Ich habe mich erkundigt und ihnen per Mail Aufnahmen von dir geschickt. Anscheinend fanden sie dich sehr interessant.«

Überglücklich fiel ich erst ihr und dann Papa um den Hals. Er wehrte sich lächelnd mit »sachte, sachte«, hüpfte aber auf und ab. Lachend hüpfte Mama mit. Selbst Liv, die aus ihrem Zimmer gekommen war, musste lachen und vergaß für ein paar Minuten den Sehnsuchtsblick aufzusetzen, mit dem sie nach ihrem Holger schmachtete.

Papa kniff mich verlegen in die Wange: »Wir haben uns das wirklich gut überlegt, vor allem, weil wir natürlich möchten, dass du eine Sicherheit hast, falls das mit dem Tanzen nicht funktioniert oder du mal nicht mehr tanzen kannst oder willst. Du kannst an der Dance Academy dein Abitur machen, und tatsächlich scheint das Tanzen die schulischen Leistungen nicht zu verschlechtern. Im Gegenteil, die Absolventen schließen im Schnitt besser ab als an normalen Gymnasien. Das liegt anscheinend an der Disziplin, die die Tänzer mitbringen, haben sie uns erklärt. Und für dich wird es bestimmt sogar leichter, denn es ist hier ja schon ziemlich umständlich für dich mit der ewig langen Busfahrt jeden Tag nach Freiburg. Wenn du angenommen wirst, darfst du schon zum neuen Halbjahr im Januar wechseln.«

Plötzlich sah ich, dass Mama Tränen in den Augenwinkeln hatte, die sie unauffällig wegwischte. Auch Papa bemerkte es und sah betont unauffällig zu Boden. Ich konnte mir schon denken, was los war: Die Dance Academy ist in Hamburg. Das hieß, ich konnte natürlich nicht jeden Tag hin- und herfahren. Ich würde im Internat der Dance Academy leben und nur an den Wochenenden nach Hause fahren können. Das war tatsächlich ein komisches Gefühl. Aber der Wunsch zu tanzen und zu einer der besten Tänzerinnen zu werden, brannte tiefer in mir als die Angst, es in Hamburg nicht zu schaffen. Außerdem würde ich so oft wie möglich nach Hause fahren. Bei dem Gedanken an Greta musste ich allerdings schlucken.

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2. Kapitel

Das ganze Wochenende über konnte ich weder schlafen noch essen. Am Samstag übte ich von morgens bis abends meine Choreografie. Mama und Papa, die sonst wirklich sehr geduldig sind, baten mich irgendwann nur noch, mit Kopfhörern zu üben, weil sie den immer gleichen Song nicht mehr hören konnten. Greta war die ganze Zeit an meiner Seite, sie übernachtete bei mir und durfte sogar mit nach Hamburg fahren.

Am Sonntagvormittag ging unser Zug. Papa und Liv brachten uns durch das Schneegestöber sicher zum Bahnhof. Liv hätte zwar auch mit nach Hamburg fahren können, aber bevor sie sich freiwillig aus dem Umkreis ihres bescheuerten Freundes Holger bewegte, würde eher die Sonne nicht mehr aufgehen. Allein der Gedanke, Hunderte von Kilometern von ihm getrennt zu sein, verursachte ihr Schnappatmung.

Papa drückte mich fest beim Abschied. »Hals- und Beinbruch wünsche ich besser nicht, aber ich drücke dir ganz fest die Daumen! Zeig’s ihnen!«

Liv umarmte mich so fest, dass ich kaum mehr Luft bekam – und ließ mich eine Ewigkeit nicht mehr los. Abgesehen von diesen Pubertäts-Hormonen, für die man ja anscheinend nichts kann, war sie schwer in Ordnung. Und Mama hatte versprochen, dass das mit den Hormonen auch bald wieder weggehen würde. Vielleicht fand meine Schwester dann ja auch Holger nicht mehr spannend, hoffte ich zumindest insgeheim.

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Greta und ich saßen uns im Abteil gegenüber, Mama neben mir, und so sahen wir sämtliche deutsche Städte schön eingeschneit und mit Lichterketten dekoriert am Fenster vorbeiziehen, bevor der Schaffner unsere Endstation »Hauptbahnhof Hamburg. Unser Zug endet hier, bitte alle aussteigen« durchsagte.

Greta kniff mich aufgeregt in den Arm: »Jetzt ist es so weit, Leo!« Sie nennt mich nur selten Leonie, meistens bin ich Leo für sie – und zwar nur für sie.

Am Bahnhof herrschte ein Getümmel und Gewühle, dass man aufpassen musste, sich nicht zu verlieren. Zum Glück wusste Mama, wo wir hinmussten, und fand auf Anhieb unsere U-Bahn.

Wenig später waren wir schon in unserem kleinen Hotel. Wir wurden freundlich begrüßt, allerdings sprachen sie hier ganz anders als bei uns in Waldesruh. So deutlich und genau, wie ich es sonst nur aus den Nachrichten kannte. Zwar sprechen wir zu Hause auch Hochdeutsch, aber sonst sprechen bei uns in Waldesruh die meisten Dialekt. Bestimmt würden die Hamburger bei uns im Dorf niemanden verstehen.

Das Zimmer war zwar klein – Mama und ich schliefen im Doppelbett und Greta in einem Zustellbett, aber es war genug Platz, um noch mal meine Choreografie zu üben.

Während Mama unser Abendessen auspackte, drehte und wirbelte ich im Zimmer hin und her. Übte Sprünge, Drehungen, passte auf, gut im Takt zu bleiben, und achtete immer darauf, die Spannung zu halten. Das war beim Tanz, egal bei welcher Art, das Wichtigste. Nur angespannte Arme, Beine und Schultern machen schöne Bewegungen, wenn man nicht durchstreckt, sieht es sofort schlaff aus. Die Kunst dabei ist, alles leicht aussehen zu lassen, obwohl es ganz schön anstrengend ist, immer die Muskeln anzuspannen und dabei auf einen entspannten Gesichtsausdruck zu achten. Greta war zufrieden. Sie hatte mir schon so oft beim Training zugesehen und wusste genau, worauf es ankam.

»Wenn du das morgen genauso machst, KÖNNEN sie dich nur aufnehmen!«, sagte sie begeistert und klatschte in die Hände. Mama nickte zustimmend.

»So, und damit du auch genug Kraft hast, essen wir jetzt, und dann geht es auch bald schon ins Bett. Wir müssen früh raus morgen, das wird ein langer Tag.«

Allerdings! Die Prüfung begann bereits um 8 Uhr und dauerte bis nachmittags. Und anschließend hatten wir ja noch die lange Heimreise vor uns. Mein Magen knurrte – vor lauter Aufregung hatte ich mein Hungergefühl überhaupt nicht bemerkt. Dafür meldete sich der Hunger jetzt umso lauter. Mama und Greta mussten lachen.

»Das war ein deutliches Zeichen. Wir haben belegte Brote mit Schinken und Gurken oder Käse mit Tomaten. Dazu gibt es gekochte Eier, und als Nachtisch kann ich Obst mit Keksen anbieten«, ahmte Mama einen vornehmen Kellner nach. Ich schnappte mir ein Käsebrot und biss herzhaft ab.

Nach dem Essen machten wir uns bettfertig. Als Mama das Licht ausmachte und Greta »Gute Nacht« wünschte, war ich schon im Dämmerschlaf und träumte von meinem Auftritt.

Die Dance Academy ist nur vier U-Bahn-Stationen von unserem Hotel in Hamburg entfernt und liegt an einem wunderschönen alten Park. Das Gebäude wurde Anfang des letzten Jahrhunderts erbaut und strahlt mit seinen dicken Steinmauern, den Verzierungen und hohen Fenstern etwas Hochherrschaftliches aus, aber auf eine sehr einladende Art. Mama und ich waren beeindruckt, als wir die schwere Eingangstür aufmachten und in einen lichtdurchfluteten Eingangsbereich traten. Der Boden war mit hellem Marmor ausgelegt, von den Decken hingen schwere weiße Kugellampen, und an den Wänden hingen viele Gemälde mit Tanzmotiven. Ein wunderschöner Weihnachtsbaum stand im Foyer. Mir stockte der Atem, so schön war das. Greta knuffte mich in die Seite und flüsterte: »Ist das alles nobel hier, fast wie in einem Schloss! Wenn das unsere Klasse sehen könnte, die würden ausflippen!«

Das mochte zwar stimmen, aber leider machte mich dieses altehrwührdige Gebäude nur noch nervöser. Ich kam aus einem kleinen Kaff, selbst unsere Kirche konnte im Leben nicht mit diesem Gebäude mithalten – und die Kirche war mit Abstand das schönste Gebäude in Waldesruh. Irgendwie fühlte ich mich fehl am Platz. »Die sehen alle so schick und selbstbewusst hier aus!«, flüsterte ich, und Greta nickte. Wir fielen inmitten dieser modischen und zurechtgemachten Schülerinnen und Schüler bestimmt mega auf. Sie schienen alle zu wissen, wo sie hinmussten, lachten und alberten herum. Kein Anzeichen von Unsicherheit. Gut, sie lebten hier ja auch schon seit einiger Zeit und kannten sich aus. Wer weiß, wie sie sich damals bei ihrer Aufnahmeprüfung gefühlt hatten.

Inmitten der Eingangshalle stand ein Schild »Aufnahmeprüfung Saal 4« mit einem Pfeil, der nach rechts deutete.

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