Logo weiterlesen.de
Bühne frei für Leonie – Ballett war gestern

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel

Über dieses Buch

Leonie hat sich am Tanzinternat gut eingelebt und konnte mit den »Dynamites« bereits einen ersten Wettkampf gewinnen. Doch die Freude darüber währt nicht lang. Denn Marie, eine ihrer besten Freundinnen, steckt in Schwierigkeiten: Ihr Vater hat seinen Job verloren, und alles sieht danach aus, dass Marie das Tanzinternat verlassen muss. Doch das will Leonie auf keinen Fall zulassen. Gemeinsam mit Anna mobilisiert sie alle Schüler, um Geld für Marie zu sammeln – und zwar mit einer großen Tanz-Aktion. Sogar die Oberzicke Viktoria will mithelfen! Und dann ist da ja auch noch Finn, bei dessen Anblick Leonie immer noch ganz weiche Knie bekommt …

Über die Autorin

Lilli Wagner heißt eigentlich Anke Greifeneder und wurde 1972 im Schwarzwald geboren. Sie studierte Jura in Konstanz, wo sie – laut eigener Aussage – weder Gerechtigkeit noch einen Ehemann fand. Sie verabschiedete sich von der Juristerei und tauchte ab in die »glitzernde Welt der Medien«. Nach einigen kurzen Intermezzi, u. a. für die Südwestpresse, begann sie Ende 1999 bei MTV in München. Zunächst leitete Anke Greifeneder die Programmplanung für MTV in London, dann die Abteilung Einkauf und Showentwicklung für MTV und VIVA in Berlin. Als Channel Managerin für Comedy Central war sie am Aufbau des Kanals beteiligt und wechselte im Oktober 2007 zu Turner Broadcasting System nach München, wo sie als Programmdirektorin die Sender Cartoon Network, Boomerang und Turner Classic Movies verantwortet. Bühne frei für Leonie ist ihr erstes Kinderbuch.

Titel.jpg

Kapitel_01.jpg

1. Kapitel

Ich war ja schon immer davon überzeugt, dass ich die vernünftigere Tochter bin – seit eben habe ich den ultimativen Beweis: Gerade komme ich ins Bad und werde Zeugin, wie meine ältere Schwester Liv sich mit einem Haarschneider den Namen ihres Freundes in den Nacken rasiert. Holger Schnetzel heißt er und ist so spannend wie drei Paar Wollsocken. Aber aus irgendeinem Grund – Mama nennt es Hormone – ist Liv seit über einem Jahr total verrückt nach ihm. Wenn ihr ihn sehen könntet, wärt ihr garantiert genauso ratlos wie ich. An dem Typ ist – ich schwöre – nichts, aber auch gar nichts Aufregendes dran. Total unauffällig und so eine Fistelstimme, die zwischen hoch und tief wechselt. »Ist noch nicht mit dem Stimmbruch durch«, sagt Papa immer, und der muss es ja wissen.

»Ah! Ich raste aus!«, schrie Liv wutentbrannt.

Neugierig kam ich näher und erkannte sofort das Problem. Ihr Nacken war zu kurz für den Namen Holger. Er reichte nur bis Holg aus. Das er hätte höchstens draufgepasst, wenn sie an einer Seite bis zum Ohr hoch rasiert hätte.

Ich sah im Spiegel, dass meine Lippen vor Lachen bebten. Ich kam nicht dagegen an, es sah einfach zu bescheuert aus!

Wer rannte schon mit Holg im Nacken rum?

Liv sah, wie sehr ich gegen die Lachtränen kämpfte, und flippte vollends aus.

»Mann, Holger verlässt mich doch, wenn er das sieht! Der denkt, ich bin zu dumm, um seinen Namen vollständig zu rasieren …«, schrie sie hysterisch und fuchtelte mit einem kleinen Handspiegel im Nacken herum, um sich das Desaster genauer anzusehen.

Beruhigend redete ich auf sie ein: »Du lässt einfach die Haare offen, bindest sie die nächsten Monate nicht hoch.«

Dieser Ratschlag war doch gut, fand ich.

Liv schien nicht überzeugt. »Was, wenn er mir in den Nacken fasst? Dann wird er merken, dass die Haare rasiert sind und nachschauen. Was, wenn er danach lieber mit Emily geht? Die ist doch schon seit der achten Klasse in ihn verknallt!«

Was fanden sie bloß alle an diesem pickeligen Holger Schnetzel?

Wenn er wie Finn wäre!

Finn von Weißenberg war der coolste Junge an der Dance Academy und der Grund, weshalb ich seit einer Woche nicht schlafen konnte. Denn in genau sechs Tagen ging die Schule wieder los. Jede Nacht lag ich wach und dachte an Finn. Daran, wie er mich vor den Sommerferien geküsst hatte, obwohl er mit Viktoria zusammen war.

Viktoria von Vierstädter war das beliebteste Mädchen der Dance Academy und hatte mächtig Probleme mit mir gehabt, als ich im vergangenen Schuljahr über ein Stipendium an die Tanzschule gekommen war. Viktoria hatte mich von Anfang an gehasst. Ständig machte sie sich darüber lustig, dass ich aus dem winzigen Dorf Waldesruh komme und nicht so gestylt und trendy aussah wie sie, die Tochter aus reichem, adligem Hause.

Gut, wenn ich ehrlich bin, hatte sie allen Grund, mich zu hassen. Denn erstens kann ich wirklich gut tanzen und zweitens verstehe ich mich einen Tick zu gut mit ihrem Freund Finn. Als mir dann noch Marie und Anna, meine Zimmergenossinnen und neuen Freundinnen, beim Umstyling halfen und aus dem hässlichen Entlein ein Schwan wurde, wechselte Viktorias Gesichtsfarbe auf Grün, wenn sie mich nur von Weitem sah.

Plötzlich fiel mir noch eine Lösung für Livs Problem ein:

»Du klebst dir einfach ein Pflaster in den Nacken und sagst, dass du dich verletzt hast. Damit kannst du dann bald auch die kurzen Haare erklären, die nachwachsen. Sie mussten beim Arzt ja wegrasiert werden. Und dass man am Ende keine Narbe sieht, schiebst du auf gutes Heilfleisch und eine neue Operationsmethode.«

Liv schien ernsthaft über meinen Vorschlag nachzudenken. »Hmh, das könnte klappen …«

Sie begann im Medizinschrank nach Pflaster zu suchen.

Fast tat sie mir leid. Wie konnte meine intelligente, gut aussehende Schwester sich so zum Deppen machen? Denn natürlich liebe ich sie sehr und hoffe, dass diese bescheuerten Hormone sie bald in Ruhe lassen.

Mit einer Packung Pflaster verzog sie sich in ihr Zimmer.

Mein Handy klingelte. Es war Greta, meine allerbeste Freundin seit Kindergartentagen.

»Wie sieht’s aus? Wollen wir baden gehen?«, fragte sie gut gelaunt.

Ich konnte ein Gähnen nicht unterdrücken. Sofort wurde sie hellhörig: »Hast du wieder nicht schlafen können? Finn?«

Leugnen zwecklos. Im selben Moment begriff ich, dass ich auf dem besten Weg war, wie Liv zu werden. Hilfe! Das musste ich schnellstens ändern!

»So geht das nicht weiter, du bist ja nur noch ein Schatten deiner selbst. Heute übernachte ich bei dir, und dann quatsche ich dich in den Schlaf! Und jetzt pack deine Schwimmsachen. Wir treffen uns in einer halben Stunde am See!«

Was würde ich nur ohne Greta machen!

Schnell packte ich meine Sachen zusammen und ging zu Livs Zimmer, die inzwischen bei schönstem Sonnenschein in ihrem IMMER verdunkelten Zimmer lag und Deprimusik hörte. Vorsichtig steckte ich den Kopf durch die Tür.

»Magst du nicht mal deine Höhle verlassen und mit zum See kommen?«, versuchte ich sie hervorzulocken. Seit Holger Schnetzel mit seinen Eltern für zwei Wochen in den Urlaub gefahren war, gab Liv die Dramaqueen und verließ ihr Zimmer quasi nur noch, um auf die Toilette zu gehen und sich aus dem Kühlschrank Essen zu holen. Oder, um sich eben seinen Namen in den Nacken zu rasieren …

Seit ich Finn kannte, verstand ich meine Schwester ein wenig besser; aber Liv war immerhin schon sechzehn, also ein fortgeschrittener Teenager, und deutlich gestörter. Meine Eltern waren zum Glück verständnisvoll.

Mama, weil sie angeblich als Teenager genauso war, und mein Papa musste schon von Berufs wegen verständnisvoll sein, denn er ist Psychologe. Ich war in den Ferien dreizehn geworden und damit zumindest im Englischen auch Teenager. Aber bislang fand ich mich noch ziemlich normal – abgesehen von den kleinen Aussetzern, was Finn betraf. Alles in allem ließen diese Hormone wahrscheinlich noch auf sich warten.

Kleiner_Stern.tif

»Was soll ich denn am See, wenn Holger nicht da ist?«, antwortete Liv theatralisch und zog sich demonstrativ die Decke über ihr Gesicht.

Da kam mir DIE Idee. »Na, und wie wär es mal mit Sonne tanken? So blass, wie du aussiehst, verlässt dich Holger am Ende, wenn er braun gebrannt und knackig aus Frankreich zurückkommt. Wer will denn schon ein Gespenst daten?«

Mit einem Ruck saß Liv aufrecht im Bett.

Elektrisiert holte sie ihr Handy hervor und schaltete die Kamera auf den Selfie-Modus, damit sie sich begutachten konnte.

»Findest du, ich habe mich verändert?« Panisch fuhr sie sich durch die Haare und schoss ein paar Fotos von sich. Der rasierte Nacken blieb schön verborgen.

»Na ja, du hast schon gesünder ausgesehen. Aber das ist ja kein Wunder, wenn du hier die ganze Zeit einen auf Neandertaler machst. Ich muss dann mal, Tschüüüühüüs!«, rief ich fröhlich und warf meinen Rucksack auf den Rücken.

Plötzlich raschelte es.

»Hey, warte auf mich!«

Unglaublich, aber wahr. Liv konnte sich tatsächlich schneller als in Zeitlupe bewegen und ihre Sachen in Windeseile zusammenraffen.

Kleiner_Stern.tif

Gemeinsam radelten wir zum nahe gelegenen Badesee. Auf dem Weg trafen wir ein paar Dorfbewohner von Waldesruh. Rudi, den Dorffriseur und früheren Fliesenleger, verantwortlich für meine verschnittenen Haare – bevor mich Anna in Hamburg zu ihrer Friseurin geschleppt hatte.

Bauer Jauch, der sich mit dem Traktor auf den Weg zu seinen Feldern machte, und die Krauses, die den einzigen Klamottenladen in Waldesruh betreiben. Sie waren gerade dabei, die Schaufensterauslage mit neuer Wanderkleidung zu dekorieren – es gab eher praktische und rustikale Sachen bei ihnen zu kaufen. Viktoria würde eine Plastiktüte brauchen, um ihre Schnappatmung in den Griff zu bekommen, sollte sie jemals auch nur einen Schritt in diesen Laden setzen.

Liv blühte geradezu auf in der Sonne, der frischen Luft und der wunderschönen Natur voller Blumenfelder, Schmetterlinge und singender Vögel. So musste sich ein Bär nach dem Winterschlaf fühlen, wenn er das erste Mal wieder seine Höhle verließ.

»Na, gibt es etwa doch ein schönes Leben auch ohne Holger?«, zog ich sie auf.

Normalerweise hätte sie beleidigt eine Schnute gezogen, doch jetzt lachte sie und erinnerte mich wieder an meine Schwester, mit der ich früher immer Spaß gehabt hatte. Vielleicht bestand ja noch Hoffnung …

Den Fahrtwind im Nacken, dachte ich, dass ich mein Leben in Waldesruh liebte und es unbedingt mal Finn zeigen wollte. Beim Gedanken an ihn schoss mir sofort die Röte ins Gesicht. Was er wohl gerade machte?

Wir hatten keinen Kontakt gehabt seit diesem Kuss-Ereignis vor den Ferien – obwohl wir beide die Handynummer des anderen besaßen. Bestimmt war Finn mit seiner Familie in irgendeinem Luxushotel. Die »von Weißenbergs« waren ein sehr reiches, alteingesessenes Adelsgeschlecht und hatten sogar bereits einen Bundespräsidenten gestellt. Mit ein Grund, weshalb Viktorias Mutter so entzückt von Finn war und bereits Hochzeitspläne schmiedete. Eine Zofe aus Viktorias Gefolge hatte sich aus Versehen mal verplappert.

Wenn man Fräulein Rottenmeier aus Heidi und einen Schäferhund kreuzte, kam Viktorias Mutter dabei heraus. Sie war das Grauen in Tüten und hatte im letzten Schuljahr versucht, mir mein Stipendium entziehen zu lassen, damit das Töchterchen keine Konkurrenz mehr von mir befürchten musste.

Sie hatte Viktoria so sehr unter Druck gesetzt, dass die mich richtig hasste. Sogar Stürze und Verletzungen hatte sie mir an den Hals gewünscht. Leider hatte sie diese Fantasien nicht für sich behalten, sondern laut ausgesprochen. Eine jüngere Schülerin namens Mia, die Viktoria als großes Vorbild ansah und ihr unbedingt imponieren wollte, ließ Viktorias Verwünschungen Taten folgen. Mit einem Anschlag versuchte sie mich tatsächlich aus dem Verkehr zu ziehen. Sie präparierte meine Tanzschuhe mit einer Nadel, sodass ich beim Training stürzte und mir eine Miniskusverletzung einhandelte. Fast hätte sie ihr Ziel erreicht und mich aus den Hamburger Stadtmeisterschaften rausgehalten.

»Huhu, hier bin ich!«

Greta stand an einer großen Kastanie und winkte uns mit beiden Armen zu. Sie war braun gebrannt, bestens gelaunt und wahnsinnig verliebt in den einzigen süßen Jungen in Waldesruh. Er hatte sie vor drei Monaten das erste Mal zum Eis eingeladen. In Waldesruh bedeutete das, man ging zum EDEKA, kaufte sich ein Eis und schlenderte zur großen Schaukel am Eisbach, wo man über dem Wasser nebeneinander in die Kirschblüten schaukeln konnte.

Greta war im Gegensatz zu Liv allerdings nicht völlig verrückt geworden, sondern traf mich genauso oft wie sonst auch. Ihren Freund sah sie schließlich die ganze Zeit, solange ich in Hamburg war. Außerdem kannte ich ihn von früher, und wir unternahmen öfter was zu dritt. Vielleicht nahm sich meine Schwester daran ein Beispiel!

Liv und ich rollten unsere Matten neben der von Greta aus und legten uns in den Schatten. Aus einer Plastikbox packte Greta Wassermelone aus. Genau das Richtige an so einem schönen Sommertag.

»Auf unsere letzte Woche, bevor du wieder nach Hamburg musst. Freust du dich eigentlich?« Kräftig biss Greta in die saftige Melone.

Gute Frage!

»Also, ihr wisst, dass Waldesruh natürlich meine Heimat ist und ich am liebsten immer hier sein würde. Aber mir fehlt das Tanzen!«

Natürlich tanzte ich auch zu Hause in meinem Zimmer und übte, wann immer ich Lust hatte. Aber was ich in Hamburg im letzten Jahr an neuer Technik, an Ausdauer und neuen Choreos dazugelernt hatte, war enorm. Vor allem aber machte es mir Spaß! Nichts auf der Welt tat ich lieber. Und die Aussicht, meine Leidenschaft richtig auszubauen und später sogar als Beruf ausüben zu können, war ein wahr gewordener Traum. Selbst meine Eltern waren damit einverstanden, schließlich konnte man im Internat neben der Tanzausbildung auch Abi­tur machen, und gute Noten waren die Voraussetzung für mein Stipendium, denn leider kostete die Dance Academy sehr viel Geld.

Greta legte einen Arm um mich. »Seit ich dich kenne, hast du Tanzen im Kopf, und ich schaue dir auch immer gerne zu. Nur dass die Schule ausgerechnet in Hamburg sein muss und ich dich nicht mehr jeden Tag sehen kann, ist doof!«

Allerdings! Wie froh wäre ich im letzten Schuljahr gewesen, Greta an meiner Seite zu haben! Alles war neu, groß und schnell gewesen für mich in Hamburg. Und Viktoria hatte mich auf dem Kieker gehabt!

Ich war so gespannt, wie es nach den Ferien mit ihr sein würde. Wir hatten am Rande der Hamburger Stadtmeisterschaften Frieden geschlossen. Sie wäre fast von der Academy geflogen, weil sie Mia die Idee vorgegeben hatte, mich zu attackieren. Nur weil ich darauf verzichtete, dass die beiden mit einem Schulverweis bestraft wurden, durften sie bleiben – allerdings unter der Bedingung, das Gezicke in Zukunft zu lassen.

Dieses Schuljahr würden beide unter Beobachtung stehen. Viktoria war wirklich froh gewesen und bot sogar ihrer eiskalten Mutter die Stirn, was ich als erstes gutes Zeichen wertete. Außerdem hatte sie ja Finn. Er hielt zu ihr und war bei ihr geblieben, weil sie ihn jetzt angeblich dringend brauchte.

Liv, die das Tageslicht gar nicht mehr gewohnt war, kam geradezu in Plauderlaune. »Mir fehlst du auch. Selbst das dauernde Gehüpfe aus dem Nebenzimmer fehlt mir. Ich beneide dich ja, dass du etwas hast wie das Tanzen, das dich so erfüllt und glücklich macht!«

Erstaunt sah ich sie an. Damit hatte ich wahrlich nicht gerechnet, aber es freute mich.

»Du hast doch Holger, der dich glücklich macht«, entgegnete ich. Na ja, eigentlich traf das ja nur zu, wenn er anwesend war. Ansonsten schmachtete Liv ja eh nur nach ihm und war zu nichts zu gebrauchen.

Sie nickte zwar, sah aber nachdenklich aus. »Ja, aber wenn er nicht da ist, weiß ich nichts mit mir und meiner Zeit anzufangen.«

Unglaublich aber wahr: Sie erkannte endlich selbst das Problem!

Greta, schlau wie immer, nutzte sofort Livs Moment der Erkenntnis.

»Klar, dann musst du dir eben was suchen, das dir Spaß macht – auch ohne Holger. Früher bist du doch total gern geritten. Und weißt du noch, wie gerne du Klamotten entworfen und dir selbst genäht hast, weil du die alten Schinken der Krauses nicht tragen wolltest? Deine Sachen waren richtig gut! Viele dachten, du hättest sie in der Stadt in einer teuren Boutique gekauft.«

Bei Liv schien es klick zu machen. Plötzlich sprang sie auf und quieckte aufgeregt: »Das ist es! Ich entwerfe wieder eigene Klamotten und nähe sie dann. Und wenn es gut läuft, kann Mama mir helfen, sie im Internet zu verkaufen. Sorry Mädels, aber ich muss sofort nach Hause und mir Schnitte überlegen!«

Ich hielt sie am Arm fest und zog sie zurück. »Halt! Nicht so schnell! Zuerst musst du mit Greta und mir den Wasserbomben-Wettbewerb machen! Dann kannst du nach Hause!«

Kreischend zogen Greta und ich sie ins Wasser. Sie zappelte und wehrte sich wie verrückt, aber gegen uns beide kam sie nicht an.

Was für ein Spaß! Was für ein toller Nachmittag und nur noch sechs Tage, bis es in Hamburg weiterging. Daran dachte ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Kapitel_02.jpg

2. Kapitel

»Leonie! Wie schön! Ich hab dich sooo vermisst!« Anna ließ ihren Koffer fallen und stürmte auf mich zu. Mitten in der altehrwürdigen Eingangshalle der Dance Academy fielen wir uns in die Arme und hüpften auf und ab. Anna, Marie und ich waren nicht nur Zimmergenossinnen, sondern wir waren auch beste Freundinnen geworden. Was war ich froh, ein vertrautes Gesicht zu sehen!

Anna sah wie immer umwerfend aus. Sie war mit Abstand das hübscheste Mädchen, das ich kannte. Ihre langen schwarzen Haare glänzten immer, als würde sie jemand mit einem Scheinwerfer anstrahlen. Im Gegensatz zu Marie und mir war sie ruhiger und nachdenklicher. Wenn Anna etwas sagte, hatte es Hand und Fuß. Sie war eine gute Beobachterin und konnte Menschen und Situationen treffend einschätzen. Vor allem aber war sie eine gute Zuhörerin. Und zudem war Anna Zwilling. Aber ihre eineiige Zwillingsschwester konnte nicht so gut tanzen, weshalb Anna alleine an der Academy war. Doch die beiden standen in regem Kontakt und spürten ohnehin immer, was los war. Anscheinend gab es diese Zwillingsverbindung wirklich. Aufgeregt redeten wir beide gleichzeitig drauflos.

»Wie geht’s dir? Wie waren die Ferien? Was hast du alles gemacht? Hast du viel trainiert? Neue Leute kennengelernt? Und alle deine alten Freunde getroffen?« Fragen über Fragen. Natürlich hatten wir uns ab und zu auf WhatsApp geschrieben, aber nicht so ausführlich. Uns endlich zu sehen und alles in natura erzählt zu bekommen, war schon etwas anderes. Schnell bahnten wir uns durch das Gewusel den Weg zum Wohnhaus und in unser Zimmer.

»Hast du Marie schon gesehen?«

»Nein, und ehrlich gesagt mache ich mir schon ein bisschen Sorgen«, sagte Anna zu meiner Überraschung.

Sie sah meinen fragenden Blick und fragte: »Na, hast du in den Ferien was von ihr gehört?«

Ja, hatte ich. Allerdings nur am Anfang und ziemlich kurz angebunden. Ich hatte es als Zeichen dafür genommen, dass sie Spaß hatte und mit ihren Eltern und Geschwistern zu beschäftigt war. Jetzt wo Anna es sagte, kam es mir auch un­typisch für Marie vor. Sie war ein kleines Energiebündel mit blonden Locken, Sommersprossen und hatte immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Als Jüngste von vier Geschwistern lernte man wohl früh, sich durchzusetzen und Gehör zu verschaffen. Eigentlich teilte sie sich immer und jederzeit gerne mit, und diese beiden knappen WhatsApp-Nachrichten von ihr waren tatsächlich ungewöhnlich.

»Hast du denn mit ihr gesprochen?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Bühne frei für Leonie - Ballett war gestern" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen