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Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
    1. Joseph Campbells Heldenreise
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
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  29. 23
  30. 24
  31. 25
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  45. 39
  46. 40
  47. 41
  48. 42
  49. 43
  50. 44
  51. 45
  52. 46
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  54. 48
  55. 49
  56. 50
  57. 51

Über die Autorin

Jessica Fox, geboren in Boston, studierte Astronomie und Mythologie. Sie hat verschiedene Filmprojekte realisiert und arbeitete bei der NASA als Storyteller. Heute pendelt sie zwischen den USA und Großbritannien. Dies ist ihr erstes Buch.

Für Shaun

Und für meine Eltern und meine Familie auf beiden Seiten des Atlantiks, ohne die dieses Abenteuer niemals wahr geworden wäre.

Prolog

Drei Dinge müssen Sie über einen Raketenstart wissen. Erstens: Wenn Sie zu nah dran sitzen, bringt Sie der Lärm um. Wir saßen zusammengedrängt in den zwei Reihen der Metalltribüne unter der heißen Sonne Floridas, meilenweit vom Start entfernt, und warteten voller Aufregung auf das große Ereignis. Plötzlich geschah tatsächlich etwas, weit vor uns, auf der anderen Seite des Wassers.

Zweitens: Obwohl der Start Schallwellen produziert, die so stark sind, dass sie einen Menschen umbringen können, ist der erste Eindruck auf den Zuschauer komischerweise der von vollkommener Stille. Stille, während wir mit offenem Mund dorthin starrten, wo erst Wolken von silbrigem Rauch, dann weißer Rauch und schließlich Feuer unter der Rakete heraustraten. Stille, während Frau und Kind eines Astronauten gleich neben mir hilflos zusahen, wie der Countdown begann. Stille, während die große Welle, eine richtige Welle, sich über dem Wasser ausbreitete, während die Fische überall hochsprangen, bis die Welle aufs Ufer traf und eine Mauer aus Lärm auf unsere Trommelfelle eindrosch.

Und drittens: Raketenstarts sind nichts Neues, sondern etwas Altes, ja geradezu Uraltes. Der Anblick dieser kühnen Pioniere, die in ihrem kleinen Fahrzeug der Schwerkraft trotzten, hatte etwas wahrhaft Mythisches, als würde man sehen, wie Tatsache und Metapher zur gleichen Zeit lebendig werden. Er fand seinen Widerhall hinter unserer Logik mitten in unserem urtümlichen Unterbewusstsein, berührte die Essenz unseres Menschseins, unserer kühnen, unstillbaren Neugier und unseres Drangs, von zu Hause aufzubrechen ins Unbekannte.

Joseph Campbells Heldenreise

  1. Ruf des Abenteuers
  2. Zurückweisung des Rufs
  3. Übernatürliche Hilfe
  4. Der Weg der Prüfungen
  5. Apotheose
  6. Die ultimative Gnade
  7. Verweigerung der Rückkehr
  8. Überschreiten der letzten Schwelle
  9. Freiheit zum Leben

1

Alle Geschichten haben einen Anfang, so scheint es jedenfalls. Anfänge, Mittelteile und Enden fühlen sich echt an, wie tragende Säulen, die immer da gewesen sind und immer da sein werden. Wenn man sie zeichnen würde, sähe ihre feste Masse vollständig, abgeschlossen und eigenständig aus.

Schaut man aber genauer hin, dann zeigt sich, dass ihre wahre Natur viel flüchtiger ist. Der feste Punkt, den wir »Anfang« nennen und dem wir vertrauen, ist in Wirklichkeit wie eine Wolke, die aus einer unendlichen Zahl von Augenblicken besteht, die sich wiederum in immer noch kleinere Augenblicke aufspalten lassen. Das schreit förmlich nach der Frage: Gibt es überhaupt einen Anfang? Oder füllen wir alle, schon indem wir existieren, die Luft mit Fäden von Erzählungen, sodass jeder Anfang einer Geschichte sich nicht von außen, sondern von innen her erklärt? Jenes »Es war einmal«, das aussah, als hätte es seinen festen Ursprung auf der Buchseite, ist in Wirklichkeit ein Spiegel, der uns zeigt, dass die wahre Quelle in uns selbst liegt und immer gelegen hat.

Hupen und Auspuffgebrumm wurden immer lauter. Ich briet in meinem Wagen unter der Sonne von Hollywood. Mit meinen fünfundzwanzig Jahren war ich davon überzeugt, dass mein kurzes Leben auf diese Weise enden würde. Man würde mich in meinem Auto finden, halb aus dem Fenster hängend, noch immer im Stau, gestorben an der Hitze und den Abgasen auf einer Schnellstraße in Los Angeles.

Ich blinzelte ins helle Licht und versuchte die Autoschlange vor mir zu überblicken. Normalerweise gab es keine Staus auf dem Silver Lake Boulevard, aber heute rührte sich hier gar nichts. Mir war heiß und beklommen zumute, wie ich so aus dem Fenster sah. Neben mir glitzerte die Wasserfläche, die Silver Lake seinen Namen gab. Wie das meiste in Los Angeles, war auch dieser See nicht von der Natur, sondern von Menschen gemacht: ein Betonreservoir, das sich im Sommer fast ganz leerte und austrocknete und sich im Winter zum Teil wieder füllte. Der Anblick machte mich durstig. Beton zu sehen, wo eigentlich Wasser sein sollte, war wie der Blick auf die Füße des Zauberers von Oz hinter dem Vorhang: eine wenig reizvolle Erinnerung an die Tatsache, dass dies das Land des schönen Scheins war, in dem Seen nicht von Natur aus existierten, sondern mit Geld und Vorstellungskraft heraufbeschworen werden konnten.

Selbst wenn man mich dazu gezwungen hätte, wäre es mir nicht möglich gewesen zu sagen, warum ich Los Angeles liebte, aber ich tat es. Meine frühere Identität als Bostonerin war genauso schnell verschwunden wie die Leute hier Selbstbräuner auftrugen. Nach nur einem Jahr in dem wuchernden Vorort fühlte ich mich schon wie ein Teil der Stadt, des Smogs, der Sonne und des Wassers – oder des Mangels an Letzterem. Ich bin in Neuengland aufgewachsen, und dort hat es sich so angefühlt, als würde ich mein ganzes Leben damit verbringen, gegen eine unsichtbare Kraft anzukämpfen, die so stark und trügerisch ist wie die Schwerkraft. In Kalifornien war diese Last von mir gewichen. Hier musste ich gegen nichts ankämpfen – außer gegen den Verkehr, und selbst da konnte man kaum etwas anderes tun, als sich dem langsam fließenden Strom anzupassen.

Mein Toyota blies kalte Luft aus seinen verstaubten Düsen. Ich beugte mich näher davor, fühlte den kühlen Luftkuss an meinem Hals. Meine Stirn berührte das Lenkrad, und ich umarmte mich selbst, um der Sonne zu entgehen. Nach einem langen Arbeitstag fühlte ich mich müde und ausgebrannt. Und jetzt spürte ich auch noch, wie meine blassen Arme anfingen zu brennen.

Ich war eine aufstrebende Filmregisseurin und lebte in einem Apartment in den üppigen, bewaldeten Hügeln von Silver Lake, einem Hipster-Paradies in einem kleinen Tal weit weg vom Meer, westlich von West Hollywood. Es fühlte sich ein bisschen nach einem echten Stadtviertel an, machte nicht den typischen Eindruck einer Mischung aus Werbeplakaten und Boulevards, den man sonst mit Los Angeles verbindet. Silver Lake lag günstig auf dem Weg von Pasadena, wo ich arbeitete, nach West Hollywood, wo die Filme und mein Sozialleben stattfanden.

In meiner Straße waren die sonst so grauen Gehwege mit bunten Blütenblättern bestreut. Bungalows lagen hübsch auf beiden Seiten, unterschiedlich in Form und Größe, aber alle mit Blick auf die schneebedeckten Berge und die Stadt. Wir lagen hoch genug, um der Luftverschmutzung zu entgehen, und manchmal, an sehr smogbelasteten Tagen, blickte ich auf eine dunkle, klebrige Wolke, die über der Stadt hing wie eine mottenzerfressene Decke.

Mein Apartment war als Einliegerwohnung in den hinteren Teil von einem der Bungalows gebaut, ursprünglich eine Gästesuite mit eigenem Eingang, aus der man später zwei Apartments gemacht hatte, die übereinanderlagen. Ich wohnte in dem unteren, dem größeren, das auch Zugang zum Garten hatte. Aus dem Fenster meiner Oase mit vier Wänden konnte man, wenn man sich richtig den Hals verrenkte, das Hollywood-Zeichen sehen.

Meine Finger schlossen sich fest ums Lenkrad, als ich links abbog und eine schattige, leere Seitenstraße entlangfuhr. Auf meinen Handrücken fanden sich jede Menge mit Kugelschreiber notierte To-dos, die inzwischen vom Schweiß verwischt waren. Bei der NASA sagte ich immer, dies sei meine Version eines »Palm« – Ingenieur-Humor.

Ich arbeitete als Chronistin und Medienberaterin bei der NASA, der »National Aeronautics and Space Administration«. Ich war als Spezialistin für Kommunikation angestellt worden, um der NASA zu helfen, Geschichten als Werkzeuge für Wissensvermittlung zu nutzen. Genauer gesagt, ich war dafür da, die Kommunikation zwischen Individuen, Gruppen, Abteilungen und Standorten innerhalb der Gesamtorganisation effektiver zu gestalten. Mein eigener Standort war das Jet Propulsion Laboratory, das Labor für Raketenantriebe, wo einige der brillantesten Köpfe der Welt arbeiteten und wo Menschen Träume wahr machten – Träume, die sie seit ihrer Kindheit geträumt hatten, Träume von Astronauten und Weltraum und Raketen. Es war eine intensive, inspirierende Umgebung. Ich ging durch dieselben Korridore wie Carl Sagan, Richard Feynman und andere Leute, die irgendwann Geschichte schreiben würden.

Es war ein idealer Job, der mir ständig den Anspruch vor Augen hielt, die unglaublichen Möglichkeiten zu nutzen, die er bot. Auf dem College hatte ich Mythologie und Astronomie belegt und das unbedingte Verlangen geäußert, Filmregisseurin zu werden, und viele hatten sich den Kopf gekratzt und überlegt, wie ich diese Interessen wohl miteinander verbinden könnte. Ich war jedenfalls zu allem entschlossen. Mit acht Jahren hatte ich begriffen, dass ich weder Hercule Poirot noch Indiana Jones sein könnte, und deswegen hatte ich mir überlegt, das Nächstbeste wäre Filmregisseurin. Auf dieses Ziel hatte ich mein gesamtes Leben ausgerichtet. In der vierten Klasse, wenn andere Kinder in der Pause auf der Schaukel saßen, brachte ich meine Freunde dazu, Theaterstücke und Drehbücher zu proben, die ich aus der Bücherei ausgeliehen hatte. Wenn ich als Teenager mit meiner Mutter shoppen ging, probierte ich keine Klamotten an, die ich tatsächlich tragen konnte, sondern lange Abendkleider, in denen ich meine Dankesrede anlässlich der Oscar-Verleihung probte, während sie geduldig vor der Umkleide wartete.

Meine Entschlossenheit ging über die üblichen Träume weit hinaus. In jeder freien Minute arbeitete ich daran, mein Ziel zu erreichen. Ich machte Praktika beim Fernsehen, schrieb Drehbücher und drehte Filme, und während der Collegezeit machte ich jahrelang keine Ferien, sondern arbeitete am Broadway, bei Filmproduktionen oder beim Fernsehen. Ich konnte mir ein Leben ohne Arbeit gar nicht vorstellen. Als Der Teufel trägt Prada herauskam, brachte ich es nicht fertig, es zu lesen. Für mich war es keine Unterhaltung, sondern ein Spiegel meines eigenen Lebens. An diesem Punkt begriff ich, dass mir die harte Arbeit zwar Erfahrungen brachte, aber nicht die Freiheit, die ich brauchte. Also ging ich ein Risiko ein: Ich ließ das Leben in New York hinter mir, stellte den größten Teil meiner Besitztümer an die Straße und befestigte ein Schild daran: Zum Mitnehmen. Dann ging ich nach Boston und gründete meine eigene Produktionsfirma. Mein erster großer Auftrag war ein Dreh für The Dresden Dolls, eine Punk-Cabaret-Band, auf Tour durch die USA.

Ein Jahr später kam der Anruf von der NASA, genauer gesagt von Ben Epstein im NASA-Hauptquartier in Washington. Er hatte meinen ersten Kurzfilm gesehen, und der hatte ihm gefallen. Ein gemeinsamer Freund hatte ihm von meinem Interesse an Volkskunde, Mythologie und Astronomie erzählt, und wir redeten zwanzig Minuten über das Geschichtenerzählen, die Erforschung des Weltraums und über Filme. Ich genoss die Unterhaltung mit ihm so sehr, dass ich ganz vergaß, dass es sich um ein Bewerbungsgespräch handelte. Ben berichtete mir von seinem Wunsch, die Macht des Storytellings für die Wissensvermittlung bei der NASA einzusetzen. Er glaubte nämlich daran, dass jeder in der Organisation wichtige Geschichten zu erzählen hatte, aber normalerweise keine Gelegenheit bekam, sie auch wirklich mit anderen zu teilen. Dadurch ging das oft ganz bemerkenswerte Wissen und die Erfahrungen von vielen einfach verloren. Mein Herz schlug schneller vor Aufregung. Ja, dachte ich, das konnte ich. Meine Leidenschaft für Kosmologie und Mythologie hatte mich zum Filmemachen gebracht. Ich hatte das Gefühl, für diesen Job sei ich geboren. Und nach einigen E-Mails wurde ich zu einem weiteren Gespräch ins NASA-Hauptquartier nach Washington, D.C. eingeladen.

*

Ich kurbelte das Fenster herunter, als mein kleines Auto die Spitze des Hügel erreichte. Eine frische Brise wehte zu mir herein. Hier oben, im Schatten der blühenden Bäume, war es kühler. Zum ersten Mal in dieser Woche konnte ich mich entspannen. Wir arbeiteten an mehreren Projekten, nicht zuletzt daran, meinen Freund und Kollegen Jay O’Callahan, den weltberühmten Redner und Storyteller, dazu zu bringen, sich eine Geschichte zum fünfzigsten Jubiläum der NASA auszudenken. So etwas war noch nie gemacht worden, die Sache war nicht ohne Risiko, und ich spürte auf meinen Schultern die Last der Verantwortung sowohl für die NASA als auch für meinen lieben Freund.

Langsam fuhr ich noch einmal um den Block. Man bekam hier nur mit Mühe einen Parkplatz, die meisten Leute hatten keine eigene Auffahrt. In meiner Vision der perfekten Wohnung in Hollywood hatte ich den Stellplatz vergessen.

Bevor ich nach L. A. gekommen war, hatte ich nächtelang von meiner idealen Bleibe geträumt: ein kleines Apartment mit eigenem Eingang und Garten. Tatsächlich war die Vision so präzise, dass ich mich selbst sehen konnte, wie ich an der Spüle lehnte, eine Tasse dampfenden Tee in der Hand, und durch das Fenster auf ein blühendes Paradies blickte. Ich stellte mir nie die Frage, ob diese Wohnung wirklich existierte, sondern nur, wo ich sie auftreiben sollte, und nach ein paar Wochen der Suche auf Maklerseiten und einigen Fehlschlägen fand ich sie tatsächlich. Die Entdeckung des kleinen Apartments in Silver Lake zwischen den grünen Hügeln war das erste gute Omen für mein neues Leben in Kalifornien.

Es war nicht zu teuer, lag in einer angenehmen Nachbarschaft und war sehr ruhig. Allerdings war es auch entsprechend gefragt, und so gab es eine Handvoll konkurrierender Interessenten, die wie ich der festen Überzeugung waren, die Wohnung sei wie für sie gemacht. Ich wagte es kaum zu hoffen, dass ich sie kriegen würde. Ich hatte Referenzen angegeben, genaue Angaben über meine Arbeit geschickt und insgesamt einen entschlossenen Eindruck gemacht. Nach einer Reihe von wirklich strengen Gesprächen schickte der Besitzer mir eine Nachricht: Sein Freund hätte »gute Energie« bei mir gespürt. Ich hatte die Wohnung.

Ich öffnete den Kofferraum und nahm meine liegen gelassene Yogamatte und eine Tüte mit Einkäufen heraus. Der Spaziergang den Hügel hinauf würde mir guttun, denn meine Tage waren derzeit angefüllt mit achtstündigem Starren auf den Computer. Zu Hause wartete schon mein zweiter Job auf mich: meine Produktionsfirma. Mit dieser Kombination fühlte ich mich wie zerrieben in dieser seltsamen modernen Lebensweise, die ständige Erschöpfung bei zu wenig Bewegung mit sich bringt. Aber der Job bei der NASA gab mir zum ersten Mal in meinem jungen Erwachsenenleben finanzielle Freiheit. Ich hatte ein Auto, eine Wohnung voller IKEA-Möbeln, und so lange ich es nicht übertrieb, konnte ich mir neue Kleider, Schuhe und hier und da einen netten Abend leisten.

Mein Blick fiel zurück auf mein Auto. Hatte ich abgeschlossen? Mist, ich konnte mich nicht erinnern. In letzter Zeit war ich so gestresst, dass jede neue Information in meinem Kopf die kleinen, naheliegenden Dinge, an die ich mich eigentlich erinnern sollte, zur Seite schob. Mein Gehirn war geradezu löcherig, und eine nörgelnde Stimme sagte mir wie ein ständiges Glockenläuten, ich sollte unbedingt mal Ferien machen.

Ich war zu faul, noch mal runterzugehen und nachzusehen, ob das Auto abgeschlossen war. Mein Vater, Ingenieur am MIT, hatte darauf bestanden, dass ich mir ein Auto ohne Zentralverriegelung und elektrische Fensterheber kaufte. Er fürchtete nämlich, dass, falls ich mit dem Wagen in ein größeres Gewässer geraten sollte (der See von Silver Lake reichte an guten Tagen gerade über meine Reifen), die Elektronik versagen würde und ich im Auto eingeschlossen wäre und ertrinken müsste. Nun, diese Gefahr war jedenfalls gebannt – dafür konnte es gut sein, dass man mir den Wagen stehlen würde.

Oben angekommen, öffnete das Mädchen aus dem Apartment über mir gerade das Tor. Ich spürte, wie ich automatisch etwas beschleunigte. Sie war groß und blond und arbeitete als Assistentin für einen großen Filmproduzenten, dessen Namen sie nicht nannte – also wahrscheinlich eine ziemlich große Nummer. Ich nahm meine Schlüssel heraus, schob die Taschen auf den anderen Arm und kam ein bisschen außer Atem bei ihr an, als sie das Tor gerade wieder schließen wollte und sich zu mir umdrehte. Sie lächelte, klimperte mit ihren getuschten Wimpern und verschwand in ihrem Auto, bevor ich irgendetwas Nachbarschaftliches sagen konnte. Plötzlich fühlte ich mich sehr allein. Die ausweichende Art der Leute in L. A. war zutiefst unbefriedigend für mich. Ich hatte durchaus Freunde, aber sie lebten verstreut in der Stadt, und die Fahrt dauerte mindestens eine halbe Stunde, wenn ich einen von ihnen besuchen wollte. Und dann waren wir fast immer nur zu zweit. Aber ich gierte nach einem Wir-Gefühl. Außer auf dem Filmset war ich nie Teil einer Gruppe oder Clique gewesen, und jetzt, mit fünfundzwanzig, hatte ich auf einmal den Eindruck, das wäre wichtig, und vermisste das Gefühl, irgendwo dazuzugehören.

Während ich den Weg mit den Kübelpflanzen und Kakteen hinunterging, wurde mir klar, dass ich nicht einmal meinen Vermieter kannte. Er wohnte mit seinem Freund und zwei winzigen Hunden – die ständig versuchten, in mein Apartment einzudringen – in dem sehr gepflegten, stuckverzierten Haupthaus. Allem Anschein nach war er ein netter, ruhiger Mann. Auf dem Weg hinaus sah ich ihn manchmal in seinem kleinen provisorischen Atelier, einer umgebauten Garage, wo er wunderschöne, surreale Landschaften malte. Wenn unsere Blicke sich trafen, lächelte er und schloss leise die Tür: ein wenig subtiler Hinweis darauf, dass ich schon durch meine Blicke seine Privatsphäre verletzte.

In meiner Tasche summte das Handy, aber ich hatte die Arme voll mit meiner Yogamatte und den Einkäufen. Ich lehnte mich an meine Wohnungstür und suchte schon wieder nach den Schlüsseln, als die Tür von selbst aufging. Mein überarbeitetes Hirn hatte vergessen, die Wohnungstür abzuschließen. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Wenn ich nicht komplett den Verstand – oder einige materielle Besitztümer – verlieren wollte, dann war es jetzt definitiv Zeit für eine Pause.

Abgesehen von einem zerknautschten Kopfkissen und einigen Papieren, die die Hunde heruntergeworfen hatten (ihre schmutzigen Pfotenabdrücke auf dem Boden verrieten sie), war in dem Apartment aber alles in Ordnung. Mit dem genießerischen Gedanken im Kopf, dass ein ganzer Abend ohne Arbeit vor mir lag, stellte ich meine Einkäufe auf die Arbeitsfläche in der Küche. Viel gab es nicht auszupacken: Dosensuppe, leicht angetaute Eiscreme und ein inzwischen fast flüssiger Schokoriegel. Ich war nicht gerade eine Meisterköchin. Genau genommen empfand ich Kochen als eine Zumutung und hatte ein Talent dafür entwickelt, mir Männer zu angeln, die Spaß daran hatten.

Ich ließ mich auf die Couch fallen und griff nach meinem Handy. Eine SMS, vermutlich von meiner Freundin Rose, der Schauspielerin, die mit mir Essen gehen wollte. Ich klappte das Telefon auf. Die Nachricht war nicht von ihr. Stattdessen starrte mich eine entsetzlich vertraute Nummer an, die mir die Haare zu Berge stehen ließ. Ich wollte die SMS gar nicht lesen. Mein Magen drehte sich um, und ich stand schnell auf, fest davon überzeugt, mich gleich übergeben zu müssen. Ich klappte das Handy wieder zu und warf es aufs Sofa. Auf einmal erschien mir ein einsamer Abend in der Stille meiner vier Wände wie eine richtig schlechte Idee.

*

Josh kam um 20 Uhr und holte mich ab. Ich wartete in der einbrechenden Dunkelheit am Tor auf ihn. Nachdem die Sonne untergegangen war, wurde es kühl, und ich rubbelte mir die Arme, während ich die Straße nach seinem Auto absuchte. Josh hatte ich in meiner ersten Woche in Los Angeles kennengelernt. Wir hatten einander im OM Café gegenübergesessen, einem hübschen Coffeeshop, den ich in diesen ersten Tagen zu meinem Stammlokal ernannt hatte. Josh hatte ein Gespräch angefangen, hatte gefragt, woher ich käme und wie lange ich schon da sei. Er sah gut aus, war groß und schlank mit einem dunklen Haarschopf und hatte eine nette, etwas nerdige Art. Er war Programmierer und Spieledesigner und hatte schon viele berühmte Computerspiele entwickelt. Ich kannte mich in dieser Welt nicht gut aus, aber gut genug, um beeindruckt zu sein. Unser Gespräch drehte sich bald ums Geschichtenerzählen, um die NASA und um Videospiele. Josh war ein guter Gesprächspartner und lächelte mich mit seinen hübschen, mit Grübchen versehenen Wangen an. Sehr liebenswert, das Gesamtpaket.

Für ihn war das heute Abend ganz klar eine Rettungsaktion. Er hatte an meiner Stimme erkannt, dass ich sehr aufgeregt war, und nahm mich mit zum Geburtstag seines Freundes Tate, des größten Spieledesigners in L. A. Die Party versprach sehr hollywood- und Josh-mäßig zu werden. Er hatte immer interessante Dinge am Laufen, und unsere gemeinsamen Abenteuer hatten mich noch nie enttäuscht. Als selbst gemachter Workaholic gab ich seine Einladungen allerdings oft an andere weiter, aber heute Abend brauchte ich wirklich etwas Ablenkung.

Scheinwerferlicht kam den Hügel herauf. Mit tiefem Motorgrummeln kam Joshs Sportwagen in Sichtweite. Er schlängelte sich durch die enge Straße und blieb vor meinem Haus stehen. Ich winkte und lächelte bei dem Gedanken, dass Josh mich bei unserem ersten Treffen gefragt hatte, ob ich ihn zur Maniküre und zum Margaritas-Trinken begleiten wollte. »Ich kenne da eine prima Adresse«, hatte er strahlend gesagt. Ich war daraufhin ein wenig enttäuscht und dachte, er sei schwul, ging dann aber doch mit. Immerhin ein neuer Freund. Aber als er dann an diesem Abend mit Blumen vor meiner Tür stand, wurde mir klar, dass er das Ganze für ein richtiges Date hielt. Männer in L. A. waren offenbar genauso auf ein gepflegtes Äußeres bedacht wie Frauen. Ich war in einer neuen Welt angekommen, die mich noch ein wenig einschüchterte und die ich vor allem noch nicht richtig verstand. Es wurde ein schöner Abend. Josh und ich hatten uns noch ein paar Mal getroffen, aber es war nichts Richtiges daraus geworden. Ich war nicht bereit dafür. Mein Herz war in diesen ersten Monaten noch in eine andere Geschichte verstrickt. Ich muss ihm zugutehalten, dass er das schnell begriff und dass unsere Freundschaft trotzdem wuchs. Josh hatte irgendwann einmal gesagt, ich könne ihn jederzeit anrufen, Tag und Nacht. Das hatte ich ausprobiert, und er war tatsächlich immer bereit gewesen, mit mir zu sprechen.

Als Josh jetzt das Fenster herunterließ, lächelte er. »Mein Gott, siehst du heiß aus«, sagte er. »Steig ein, bevor irgendein anderer versucht, dich abzuschleppen.«

Lächelnd ließ ich mich in den niedrigen schwarzen Ledersitz neben ihm gleiten. Er hatte einfach ein Talent dafür, mich aufzuheitern.

»Es ist so lieb von dir, dass du mich mitnimmst«, sagte ich mit leicht bebender Stimme. Ich war immer noch nicht sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, heute auszugehen. Aber wenn ich zu Hause geblieben wäre, hätte ich den größten Teil der Nacht damit zugebracht, mich schlecht zu fühlen. Dies hier schien die bessere Alternative zu sein. Jedes Mal, wenn ich an die SMS dachte, drehte sich mein Magen wieder um. Mein Handy lag in meiner Handtasche wie eine geladene Waffe. Die Versuchung, die SMS doch zu lesen, wurde immer größer.

Zögernd wandte ich mich an Josh. »Aber ich kann nicht ewig bleiben, okay?«

»Hmm, ja, sicher.«

»Nein, ernsthaft, Josh!« Ich schüttelte frustriert den Kopf. Sobald ich mich ein bisschen entspannte, trat der Workaholic in mir wieder auf den Plan. Er war immer da und hielt mich auf Kurs.

»Es ist Tates Geburtstag, da werden jede Menge Produzenten sein, die du kennenlernen solltest.«

Obwohl meine Ostküstenhaltung der ständigen Selbstverbesserung inzwischen der sanfteren fernöstlichen Haltung der Selbstannahme Platz gemacht hatte, war meine intensive Fokussierung auf meine Karriere immer noch da. Ich hatte mich einer Meditationsgruppe angeschlossen, zu der auch Bonnie Raitt (mitsamt ihrem Hund) gehörte, trank literweise Weizengras, ließ meine Chakren ausgleichen und genoss Gratis-Mahlzeiten bei allen wichtigen spirituellen Institutionen in Hollywood, von Scientology bis zum Kabbala-Center. Alle in L. A. erzählten mir, dass die Weisheit im Loslassen läge und nicht in der Disziplinierung. Aber was sollte ich loslassen? Alles, vermutete ich, selbst diese Frage. Die heiße Sonne hatte meine Erinnerung an dunkle Wintertage ausgebleicht, Shopping war an die Stelle von Schneeschippen getreten und ein ausgiebiges gesellschaftliches Leben ersetzte inzwischen mein Eremitendasein … aber meine Arbeit stand immer noch an erster Stelle.

Josh lächelte milde. »Du bist zu ernst. Du musst für mehr Spaß in deinem Leben sorgen.«

Ich blickte aus dem Fenster und tat so, als würde ich darüber nachdenken.

Tate wohnte in Los Feliz, dem vornehmeren Nachbarort von Silver Lake mit größeren Häusern und manikürten Rasenflächen. Seine Straße umschloss den Griffith Park, eine großartige Wildnis und einigen Quellen zufolge der größte Stadtpark des Landes. Am höchsten Punkt des Parks, auf den viele Spazierwege zuliefen, lag das Griffith-Observatorium.

Griffith, ein reicher Geschäftsmann zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hatte sein Geld zunächst im Bergbau und dann im Immobilienwesen in Kalifornien verdient. Er hatte Astronomie geliebt, und als er zu Beginn des Jahrhunderts auf dem Mount Wilson durch das 60-Zoll-Teleskop geschaut hatte – zu jener Zeit das weltweit größte Teleskop –, da hatte er ein Bild vom Weltraum gesehen, das sein Leben unwiederbringlich veränderte. Dieser Blick hatte ihn in einen Altruisten verwandelt.

Griffith glaubte, wenn jeder ein so intimes Bild des Kosmos zu sehen bekäme, würde der Weltfriede zum Greifen nahe sein. Er hatte sowohl das Land, auf dem der Park lag, als auch das Observatorium gestiftet, damit jeder, ohne dafür zu bezahlen, tief in den Weltraum sehen konnte. Ich hatte es schon viele Male besucht; Griffiths Vision berührte mich sehr.

In Tates Straße standen viele Wagen, und Josh hielt am Straßenrand. »Steig hier aus, dann musst du nicht so weit laufen.« Er sah mein nervöses Gesicht. »Es wird gut, glaub mir, geh nur rein. Tate erinnert sich bestimmt an dich.« Seine Augen funkelten. Ich wusste, es machte ihm einen Riesenspaß, eine junge Frau in seinem Sportwagen zu einer großkotzigen Hollywood-Party mitzunehmen. Er zwinkerte mir zu.

Lachend stieg ich aus. »Du bist wie James Bond, Josh.«

Er grinste noch breiter. Für einen Spieleentwickler war er ziemlich nah an einem Bond dran. Die Programmierer und Game-Designer waren eine interessante Spezies hier in L. A. Ich hatte mich mit ihnen gleich wohlgefühlt, vielleicht weil sie in ihrem Verhalten und ihren Interessen den Leuten so ähnlich waren, die ich bei der NASA traf. Oder vielleicht, weil sie mich ein bisschen an meinen Vater erinnerten, den Ingenieur, der immer noch gern herumspielte und etwas erfand. Auf jeden Fall aber waren sie atypisch für Hollywood, wie ein exotisches Gewürz. Auch unter ihnen gab es natürlich Egomanen und seltsame Persönlichkeiten, aber die meisten waren ohne Vorurteile, offen für neue Ideen und jede Art von Spaß, wenn auch mit einem Hauch von Asperger versehen.

Ich stand vor Tates Haus, unschlüssig, ob ich allein hineingehen sollte. Die große geschwungene Holztür vor mir sah aus, als gehörte sie zu einem Schloss. Große grüne Palmen streckten ihre Wedel zu beiden Seiten aus. In der Mitte befand sich ein Löwe mit einem Ring im Maul, der als Türklopfer diente. Ein Eingang für eine königliche Wohnung – Tate gehörte zur Elite in Hollywood.

Und dann ging die Tür auf und da stand er, barfuß in Khakihosen und einem unscheinbaren blauen Oberhemd, das ihm über die Hose hing. Ich verlagerte mein Gewicht, um nicht zu wanken. Tate war kleiner als ich, er ging mir gerade bis zur Nase, und seine eisblauen Augen ruhten in einem eckigen osteuropäischen Gesicht. Er stand allein in der Tür und starrte mich an.

»Hallo, Tate. Ich hoffe, ich bin nicht zu früh dran.«

»Bist du nicht.« Er trat zur Seite und ließ mich in das geflieste Foyer eintreten.

Ich streckte die Hand aus, und er schüttelte sie ungeschickt. Vielleicht war ich zu förmlich? »Tate, ich bin Jessica, Joshs Freundin. Wir haben uns schon mal getroffen.«

Sein leerer Blick sagte mir, dass er keine Ahnung hatte, wer ich war. Ich wurde rot. Wie hatte ich denken können, dass er sich noch an mich erinnerte? Er kannte so viele Leute. Ich hätte mich gleich vorstellen sollen.

»Ja, ich weiß«, schwindelte er höflich. »Warum ist Josh nicht mitgekommen?«

»Oh, er sucht noch einen Parkplatz.« Ich trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen und sah mich um. Eine breite, geschwungene Treppe zog sich hinter ihm an der stuckverzierten Wand mit höhlenartigen Einbauregalen hoch. Ganz wie bei einer wirklich alten Villa.

»Er wollte früh kommen«, erklärte Tate und schloss die Tür hinter mir. »Es waren ein paar Leute hier, die er hätte treffen sollen.«

»Oh, tut mir leid, er musste mich erst abholen.« Ich versuchte verzweifelt, das unbehagliche Schweigen zu vermeiden, das sich so leicht in Gespräche zwischen Fremden einschleicht. Es war, als wollte ich eine lästige Fliege totschlagen. »Na, jedenfalls, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Ist es ein schönes Fest?«

»Nein, nicht wirklich.« Er zuckte mit den Schultern. Die meisten Leute hätten seine unverblümte Antwort unhöflich gefunden, aber ich spürte, wie ich mich entspannte. Er führte mich in die Küche, wo eine dicke Mexikanerin an der Spüle Gemüse wusch. Aus den Töpfen auf dem Herd dampfte es, und es duftete nach gebratenem Fleisch und süßem Chiligewürz. Ein unglaubliches Aroma – mein Magen knurrte.

Ich drehte mich zu Tate um. »Ein wunderschönes Haus, wann wurde es gebaut?«

»Irgendwann in den frühen Zwanzigerjahren, eine typische Villa im spanischen Stil.« Ich folgte ihm in ein großes Wohnzimmer mit Orientteppichen auf dem Boden, das ansonsten aber fast leer war – hinten in der Ecke standen ein Klavier und ein paar Skateboards, vor einem Fernseher und einer Spielekonsole lagen ein paar Sitzsäcke. Das Ganze hätte als Filmkulisse für Big dienen können.

»Viel Platz zum Spielen«, sagte ich, als ich das Zimmer betrat. Ich konnte das Echo meiner Stimme hören.

Tate setzte sich ans Klavier. »Genau!«, rief er und begann Bach mit einer solchen Präzision zu spielen, dass ich vollkommen hingerissen war. »Tut mir leid, ich bin ein bisschen eingerostet«, rief er. Akkorde, auf die jeder Berufspianist stolz gewesen wäre, flossen ihm sozusagen mühelos aus den Fingerspitzen.

Das Privatkonzert war nicht ganz so privat, wie ich bemerkte, als ich durch die Schiebetür rechts von mir schaute. Ich konnte Gäste im Garten sehen, auf einer Terrasse und rund um einen großen, gut beleuchteten Pool. Es sah aus, als wäre die Party schon eine ganze Weile im Gange.

Ein Fenster ging auf, und eine junge Asiatin, schlank und hübsch, beugte sich zu uns herein. »Hey, Geburtstagskind!«, brüllte sie über die Musik hinweg. »Es ist Zeit für ein bisschen Geselligkeit.«

Tate unterbrach sein Spiel.

Die junge Frau hatte mein Alter, Mitte zwanzig, und trug einen heißen pinkfarbenen Bikini. Ihr Dekolleté schien Tate abzulenken, als sie sich noch weiter hereinlehnte. »Geselligkeit!, habe ich gesagt. Das hier ist schließlich deine Party.«

Plötzlich fühlte ich mich overdressed und dick in meinem Sommerkleid mit Sandalen. Draußen standen trotz der kühlen Nachtluft ganz großartig aussehende Frauen in Bademode, während die Männer in ihren Shorts und Polohemden so aussahen, als hätten sie gerade eine Runde Golf gespielt. Kleine Fackeln erleuchteten den Weg durch den Garten und wärmten die Luft, als wäre die Sonne niemals untergegangen. Ich tauchte meine Hand in den Pool und ärgerte mich sofort, dass ich meinen Bikini nicht mitgebracht hatte. Das Wasser war angenehm warm wie in einer großen Badewanne.

Am Ende des Pools passte ein berühmter Filmstar auf seine Kinder auf, die im seichten Wasser herumplanschten. Ich wollte schon hinübergehen und ihn mit »Hallo, Bostoner« begrüßen, überlegte es mir dann aber anders. Ich wollte ihn nicht belästigen oder wie ein Nerd klingen. Wenn man sich unter die Hollywood-Elite mischte, gab es die unausgesprochene Regel, niemanden zu belästigen. Man konnte sagen: »Ich bin ein großer Fan Ihrer Arbeit.« Sich entsprechend zu verhalten, kam jedoch nicht infrage.

Ein paar Fernsehleute waren auch da. Einige mixten Drinks, andere warteten in der Essensschlange. Ich erkannte auch ein paar von Joshs Freunden aus der Spieleindustrie, die übrigen Gäste waren mir fremd, vermutlich Filmproduzenten und ihre Frauen, Freundinnen oder sonstige Begleiter.

Josh kam und fand mich in der Menge. Er lächelte. »Hast du deinen Bikini dabei?«

»Nein, irgendwie hat mir wohl jemand vergessen zu sagen, dass das hier eine Poolparty ist.« Ich beobachtete, wie sein Blick zu einer unglaublich dünnen Frau in einem roten Bikini abschweifte – mit Brüsten groß wie Wassermelonen.

Pinkfarbene Cocktails wurden gebracht. Ich nahm einen und senkte den Blick. »Diese Fleischbeschau ist absolut lächerlich«, sagte ich und schämte mich sofort dafür. Ich klang wie eine missmutige Hausfrau aus den Fünfzigern.

»Was willst du, das sind alles Schauspielerinnen.« Josh zuckte mit den Schultern. »Für die ist so eine Party wie ein verlängertes Vorsprechen.«

»Mag sein.« Plötzlich wollte ich nach Hause.

»Hier sind jede Menge Leute, die du kennenlernen solltest. Ich habe ihnen schon alles über dich erzählt.« Josh zerrte mich in seiner großzügigen Art von einem Produzenten zum anderen, und ich fühlte mich wie auf einer bizarren Parade.

Er bezeichnete mich ständig als »das Nachwuchstalent«, aber die meisten interessierten sich mehr für die Frage, warum ich keinen Bikini trug. »Ich dachte, es wäre zu kalt«, sagte ich immer wieder, wie ein Papagei. Andere schienen enttäuscht, dass ich keine Schauspielerin war.

»Warum Schauspielerin?«, fragte ich Josh später verwirrt.

»Schauspielerinnen kriegen sie leichter ins Bett«, flüsterte er mir ins Ohr.

Ich stöhnte auf. »Josh, ich hätte im Schlafanzug auf meiner Couch sitzen können …«

»Und Suppe aus der Dose löffeln?« Josh schüttelte lachend den Kopf. »Gib nicht so schnell auf, sie werden feststellen, wie gut du bist, und dann interessieren sie sich für dich, das verspreche ich dir.«

Dann ging er los, um seine eigenen Netzwerke zu pflegen. Ich schnappte mir einen Burger vom Büffet, um mich zu stärken, und stürzte mich wieder ins Getümmel. Ein Gespräch war schmerzhafter als das andere.

Ein Mega-Produzent wollte wissen, was ich so machte.

»Ich bin Regisseurin«, behauptete ich stolz.

Er sah mich enttäuscht an. »Und was machen Sie da? Weiberfilme? Kindersendungen?« Er schaute an mir vorbei, als wäre er auf der Suche nach etwas Interessanterem.

»Weder noch.«

Er sah mich an, als würde das Gehörte für ihn plötzlich Sinn ergeben. »Oh, Sie sind also lesbisch.«

Aus dem Augenwinkel sah ich einen hochgewachsenen Produzenten um die dreißig auf uns zusprinten. Als ich aus dem Weg trat, schrie er »Achtung« und kollidierte mit meinem Gesprächspartner. Sie fielen beide voll bekleidet mit lautem Platschen in den Pool, sodass die Bikini-Schauspielerinnen um ihr Leben schrien. Die beiden Männer versuchten sich gegenseitig unterzutauchen, rangen im Wasser miteinander, während ihre Frauen ohne eine Spur von Amüsement oder auch nur Interesse zusahen.

Ich betrachtete sie, zwei junge, alberne Walrösser, die den Schlüssel zu jener Welt in der Tasche hatten, die ich so sehr liebte und zu der ich so gerne gehören wollte. Sie planschten im Wasser, als wäre es ihr eigener Privatsee, und plötzlich fühlte ich mich schrecklich deprimiert.

Dies war das Land des Goldstaubs. Wir befanden uns mitten in einer Wüste, in der alles warm und leuchtend aussah und wo es von Natur aus keine Städte geben sollte. Vielleicht waren wir ja auch gar nicht in einer Stadt, sondern nur in einer wunderschönen Fata Morgana, und ich war Odysseus auf der Reise durch Los Angeles, die Stadt der Engel: ein Feenreich, ein lebender Traum, in dem alles einfach, bequem und warm war – und in dem niemand je erwachsen wurde.

2

»Alle Masse ist Interaktion.«

Richard Feynman. Biografien, gegenüber vom Kamin, Buchstabe F

Das Gelände von JPL, dem »Jet Propulsion Laboratory«, war das hübscheste Gelände, das ich je bei der NASA gesehen hatte. Lang gestreckte, geräumige Gebäude mit großen Fenstern, verbunden durch schattige Fußwege und grüne Rasenflächen mit Ruhebänken. Unter schützenden Bäumen übten die Astrophysiker ihr Tai-Chi. In Ermangelung eines besseren Begriffs würde ich es als Nerd-Tempel bezeichnen, eine schöne Insel für geniale, innovative und kreative Köpfe, und ich hatte hier mein eigenes Fleckchen: ein kleines Würfelbüro abseits des Hauptcampus, ein Stück die Straße hinunter im ersten Stock eines Neubaus, ganz am Ende des Korridors.

Und in diesem Würfel saß ich nun unter dem elektrischen Licht. Die Wände waren kahl. Wie leere Leinwände, hatte ich meinen Kollegen erklärt. In Wahrheit arbeitete ich jedoch so viel wie möglich von zu Hause aus. Selbst in einer so bemerkenswerten Institution wie der NASA gelang es mir nicht, das Würfelland besonders inspirierend zu finden, vor allem freitags. In zwanzig Minuten hatte ich eine Konferenz, und deshalb nutzte ich das kostbare Zeitfenster, um die Post auf meinem Schreibtisch durchzusehen. Meistens handelte es sich dabei um NASA-Nachrichten und Einladungen. Das JPL war unter den NASA-Institutionen, die ich bisher besucht hatte, mit Abstand am familienfreundlichsten.

Ich hatte eine ganze Reihe von Niederlassungen besucht, überall in den USA, die meisten südlich der Mason Dixon-Linie. Jede hatte ihre ganz eigene Persönlichkeit, wie ein kleiner Mikroorganismus in einem größeren, komplizierteren Ganzen voller Mystik. Ich war kurz nach dem Kirschblütenfest im Hauptquartier in Washington, D.C. gewesen, als die Stadt in allen Facetten von Rosa explodierte. Das hatte sich mächtig angefühlt, mit hohen Gebäuden mitten in der Kommandozentrale des Landes. Im Glenn Research Center in Ohio waren die Hingabe und der Stolz der Mitarbeiter greifbar gewesen, von den Hausmeistern bis zu den Projektmanagern. An einer Steinmauer vor dem Eingang war eine große Digitalanzeige mit großen roten Zahlen, die den Countdown bis zum nächsten Start anzeigten. Ich fragte mich, ob diese Anzeige zum Gemeinschaftsgeist beitrug, den ich in Glenn spürte. Vielleicht war sie tatsächlich das Zentrum, um das alles kreiste, die Egos eingeschlossen. Man fühlte sich dort – wie der große Storyteller Jay O’Callahan bemerkte – nicht als »Ich hab’s gemacht«, sondern als »Wir haben’s gemacht«. Ein perfekter erster Blick auf den besonderen Zauber der NASA.

Im Kennedy Space Center in Florida hatte ich nicht nur einen Raketenstart zu sehen bekommen, was eines der außerordentlichsten Erlebnisse in meinem Leben war, sondern war auch unter dem neuen Space Shuttle hindurchgelaufen. Ich bekam eine Gänsehaut, als ich zu diesem Bauch aus kleinen Schaumstoffquadraten hochsah, die alle einzeln gefertigt waren, alles Einzelstücke. Wie viel Liebe, Durchhaltevermögen und Zusammenarbeit war in diesen Traum eingeflossen, und alles aus Forschergeist. Ich dachte an meinen Astronomieprofessor an der Universität, Dana Backman, der stundenlang nach Dienstschluss geblieben war, um mir durch meine beim ersten Mal missglückte Physikprüfung zu helfen. Ich dachte an meinen Vater, der das hier so gern einmal sehen würde, und an meinen Urgroßvater, der im Hafen von Baltimore Schiffe mit Segeln und anderen Gerätschaften ausgerüstet hatte. Seine Schiffe hatten die Ozeane überquert, um neue Länder zu entdecken, und dieses Shuttle – ein Schiff der Zukunft – würde sich in die Atmosphäre stürzen, um neue Welten zu erforschen, würde auf einem Vakuum von Nichts dahinziehen.

Es gab noch viele NASA-Niederlassungen, die ich besuchen konnte, viele Abenteuer, die mir bevorstanden. Mit jedem Besuch fühlte ich, wie mein Geist sich weitete und mein Gespür fürs Mögliche wuchs. Es gab keine andere vergleichbare Institution auf dieser Erde, vielleicht im ganzen Universum.

Ich versuchte, mindestens zwei Mal in der Woche ins JPL zu fahren, um zu sehen, woran das Team für Wissensmanagement arbeitete, um neue Leute zu treffen und um zu hören, was sie zu erzählen hatten. Die Gebäude summten geradezu von unglaublichen, wichtigen Geschichten, und mein Job bestand darin, mir Möglichkeiten auszudenken, wie man sie mitsamt dem darin enthaltenen Wissen einfangen und der NASA-Gemeinschaft zugänglich machen konnte. Jeder hatte eine Geschichte zu erzählen, viele Geschichten, es war überwältigend. Wie fing man diese Geschichten ein? Was für Informationen enthielten sie? Wie konnte man sie für andere nutzbar machen? Kommunikation war eine Herausforderung, nicht nur zwischen den Abteilungen, sondern zwischen den Niederlassungen der NASA im ganzen Land. Wie konnte man all diese voneinander getrennt arbeitenden Wissenschaftler und Angestellten dazu bringen, einander zuzuhören und den Wert der Geschichten zu erkennen, damit das Wissen weitergegeben wurde, von einem Projekt zum anderen, von einer Generation zur nächsten?

Man hätte denken können, dass eine amerikanische Wissenschaftsinstitution eine gemeinsame Sprache besaß, vielleicht die Sprache der Astronomie oder Mathematik, aber so war es nicht. Es gab viele Sprachen, was meine Aufgabe noch komplizierter machte. Ingenieure zum Beispiel hatten ein vollkommen anderes Vokabular als Projektmanager, Astrobiologen sahen die Welt anders als Astrogeologen, und die NASA musste all diese Menschen und Sprachen in einer unglaublichen Symphonie zusammenbringen, um eine gemeinsame Mission zu erfüllen. Der Erfolg ergab sich, so glaubte ich, trotz der großen Bandbreite an Spezialisierungen, Sprachen und Blickwinkeln, weil ich im großen Chor der Geschichten eine gemeinsame, von allen geteilte Stimme hörte: die Stimme der gemeinsamen Sehnsucht nach Wissen und des Forschergeistes. Beides zusammen war wie ein Feuer im Bauch, der Düsenantrieb, der jeden Einzelnen bei der NASA motivierte.

In meiner Jugend hat mich ein Buch namens Black Elk Speaks sehr berührt, eine Geschichte über den Schamanen Black Elk und die Rolle von Visionen in einer Gemeinschaft. Wenn ich durch die NASA-Räume ging, dachte ich oft an dieses Buch. »Ich glaube, ich habe es dir gesagt, aber wenn nicht, hast du sicher auch so verstanden«, sagte Black Elk, »dass ein Mann die Kraft seiner Visionen nur dann nutzen kann, wenn er sie auf der Erde erprobt hat, damit alle sie sehen.« Dieser Satz hatte nach wie vor seinen Widerklang in mir, beim Filmemachen ebenso wie in Bezug auf die Raumfahrt.

Ich glaube, wirklich tiefe Visionen kommen aus unserem Unterbewusstsein und enthalten eine komplizierte Mischung von Information, Metapher und Gefühl. Wenn man eine Vision ans Tageslicht zerrt, wird sie unseren vielen Stimmen unterworfen, die allesamt wie Rechtsanwälte unterschiedliche, aber immer legitime Perspektiven zur Sprache bringen, um uns geistig gesund zu erhalten. Ohne ein Ritual kann der Traum der Realität nicht standhalten, sondern schmilzt wie eine Schneeflocke auf der Fingerspitze, bevor wir genug Zeit hatten, sein Geheimnis zu erforschen. Ein Grund, weshalb ich sofort eine so große Zuneigung zur NASA gefasst hatte, lag darin, dass ich wusste, was für verwandte Seelen Naturwissenschaftler waren, wenn es um Geheimnisse ging. Zwei Antworten, die ich dort oft von meinen Kollegen gehört hatte – mit einem Augenzwinkern von ihrer Seite –, lauteten: »Ich weiß es nicht« und »Das lässt Raum für weitere Fragen«. Sie liebten den ständigen Ruf des Universums danach, erforscht zu werden; die Idee, dass die Dinge umso geheimnisvoller erscheinen, je mehr wir wissen. Bei der NASA schienen Visionen und Träume Teil des gesamten modernen Lebens zu sein.

Durch die Tür meines Würfelbüros konnte ich ein NASA-Poster des Space Shuttles sehen, auf dem mit großen Buchstaben geschrieben stand: »Es gibt keine Probleme, nur Lösungen.« Das war ihr Motto, gemeinsam mit »Scheitern kommt nicht infrage«. Beides klang beim ersten Hinhören militaristisch, aber mit der Zeit war es in meiner Vorstellung zu einer unglaublich klugen Haltung aufgeweicht: Aufgeben ist keine Option, nicht in Bezug auf uns selbst und auch nicht in Bezug auf unsere Vision.

*

Meine Gedanken flatterten wie Buchseiten zurück zu der Party am vergangenen Abend. »Oh, Sie sind also lesbisch«, hatte dieser Filmproduzent gesagt, bevor er im Pool landete, als wäre das eine Erklärung für meinen Wunsch, etwas Substanzielleres zustande zu bringen als einen durchschnittlichen »Weiberfilm«. Viele ähnliche Gespräche später hatte ich frustriert vor der Tür gestanden und weinend auf ein Taxi gewartet.

Das Taxi war bald gekommen, und genau als ich einstieg und mich in den warmen, bequemen Sitz sinken ließ, eingehüllt in den metallischen Schutzraum des Autos, meine L. A.-Schmusedecke, hatte mein Handy geklingelt.

»Hallo?«

Joshs Stimme klang besorgt. »Wo bist du hingegangen?«

»Nach Hause. Tut mir leid, ich hab’s einfach nicht mehr ausgehalten.« Plötzlich hatte ich ein schlechtes Gewissen. Josh hatte mir doch nur helfen wollen.

»Du darfst diese Leute nicht so ernst nehmen, Jessica.«

»Josh, niemand hatte auch nur das geringste Interesse an mir als Regisseurin. Sie haben sich viel mehr für die Frage interessiert, warum ich keinen Bikini trug.«

»Schau mal.« Er klang ein wenig erschöpft, und ich konnte die Partygeräusche um ihn herum hören. »Du bist jung und attraktiv, das musst du ausnutzen.«

»Ich muss jetzt Schluss machen.« Es war nicht seine Schuld, aber ich ließ meinen Frust an ihm aus.

»Ich bin noch nicht fertig«, sagte er. »Zieh dich sexy an, bezaubere sie. Und wenn sie dann herausfinden, dass du außerdem auch noch schlau bist und Talent hast, dann werden sie vollkommen hingerissen sein.«

»Woody Allen musste sich auch nicht sexy anziehen.«

»Ja, und er muss bis heute um Finanzierungen kämpfen.« Da hatte er leider recht. »Sieh es doch mal als Spiel.«

»Schau, es tut mir leid, aber ich muss jetzt aufhören.« Das Taxi war langsamer geworden; ich schaltete mein Handy aus.

Vielleicht würde die Erinnerung an diesen Abend mit der Zeit freundlicher? Vielleicht würde ich Jahrzehnte später zurückblicken und froh über diese Erfahrung sein? Heute jedenfalls fühlte ich mich machtlos, und eine eklige Demütigung klebte an mir, sobald ich daran dachte, wie ich da am Pool gestanden und meine Visitenkarten verteilt hatte, die einzige voll bekleidete Frau, in dem verzweifelten Versuch, ernst genommen zu werden.

Ein Stück den Flur hinunter konnte ich die Stimme unserer Projektmanagerin hören, die sich näherte und mich aus meinem Tagtraum riss.

»Jessica, bist du wegen des Treffens hier?« Nancy stand in der Tür, lehnte lächelnd an der Wand. Sie leuchtete vor Überschwang, wie es nur Menschen tun, die ihre Arbeit wirklich lieben.

»Ja, das will ich nicht verpassen.«

»Wir werden noch mal über Second Life sprechen, da gibt es nämlich interessante Dinge am Horizont.« Sie klopfte zur Bestätigung an die Decke meines Würfels. »Bis gleich.«

Ich sammelte meine Sachen für das Treffen ein und nahm mein Handy heraus. Die SMS vom Abend zuvor wartete immer noch in meinem Posteingang darauf, beantwortet zu werden. Ich hatte sie fast vergessen, so sehr hatten mich die Ereignisse der letzten Nacht abgelenkt. Aber hier im Land der Bürowürfel gab es keine Ablenkungen. Wie oft ich die beiden albernen Sätze auch las, jedes Mal drehte sich mir der Magen wieder um.

»Ich esse jetzt Trauben, und zwar grüne«, lautete der erste Satz, und der zweite: »So aufregend ist mein Leben jetzt, wo du weg bist.«

Das war Grant, der versuchte, komisch zu sein und mich so zu einer Antwort zu bewegen. Eine typische Grant-SMS, äußerlich nett und einfach, aber im Inneren total aufgeladen. Zwischen den einzelnen Worten lauerte ein ganzes Universum. Das hier war die erste Meldung seit fünf Monaten, seitdem er mir erklärt hatte, ich hinderte ihn daran, der Mann zu sein, der er sein wollte. Ich war am Boden zerstört.

All das Neue und den Wechsel, den ich in Los Angeles erlebte, hatte ich nicht zuletzt deshalb so begrüßt, weil ich auf diese Weise so weit wie möglich von Grant und der Ostküste wegkam. Wir passten überhaupt nicht zusammen und hatten trotzdem eine intensive und dramatische Langzeitaffäre hinter uns. Grant war einer meiner Schauspieler gewesen. Die anderen im Team hatten nichts von unserer Beziehung gewusst, was zum Teil daran lag, dass wir in Bezug auf uns selber nie von Dates sprachen oder davon, ein Paar zu sein oder überhaupt eine Beziehung miteinander zu haben. Aber ich hatte mich unglaublich in ihn verliebt.

Grant hatte Charisma und sah gut aus. Ich fand seine dunklen Haare toll, seine blauen Augen und seine breiten Schultern. Er war ein verknautschter Künstlertyp, ein sensibler, motorradfahrender Schauspieler. Ich war zehn Jahre jünger als er, seine Regisseurin und in der Folge mit einem ungeheuren Machtgefühl ausgestattet. Die meisten männlichen Regisseure hatten ein Verhältnis mit irgendeiner ihrer Schauspielerinnen, und ich hatte die Rollen einfach vertauscht.

Der Reiz daran ging allerdings bedeutend weiter, als dass ich nur meinen Teil zur Verwirklichung der Geschlechtergleichheit beigetragen hätte. In seiner Gegenwart war mir ein wenig schwindlig und unsicher zumute, und meine übliche Neigung, alles zu kontrollieren, wurde auf eine wunderbare Weise infrage gestellt. Er war unberechenbar und leidenschaftlich und glaubte an ein Leben ohne Bindungen an irgendjemanden und irgendetwas. Unsere Beziehung blieb immer undefiniert. Er legte Wert darauf, sich mit allen möglichen Leuten zu verabreden, er war körperlich intim, kühlte aber auch schnell ab, und sobald ich mich in ihn verliebt hatte, begriff ich, dass diese Sache nicht nach dem üblichen Schema ablaufen würde: Mädchen trifft Jungen, Mädchen mag Jungen, Mädchen verabredet sich mit Jungen …

Grant und ich hatten uns darauf geeinigt, dass wir uns darüber informierten, wenn wir andere Leute treffen wollten. Wir versprachen uns Ehrlichkeit, auch wenn wir dabei die Gefühle des anderen verletzen würden. Aber ich war nie »locker« genug, mich mit anderen Leuten zu treffen, und machte mir ständig Sorgen, fragte mich, ob er etwas Besseres gefunden hätte und weiterziehen würde. Ich wusste, dass ich mich auf unsicherem Boden befand, aber gleichzeitig war ich entschlossen, so liberal zu sein, dass ich jemanden lieben konnte, ohne etwas von ihm zu verlangen. Das war doch wahre Liebe, oder nicht?

Grant testete meine Grenzen aus, und statt mich in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen, überzeugte ich mich selbst davon, dass es kühn und bedeutend sei, mit einem so verwirrenden Menschen zusammen zu sein. Der wahre Zauber findet außerhalb der Komfortzone statt – das sagen jedenfalls die Yogalehrer, und in den inspirierenden Büchern steht es auch. Das war doch das transzendente Ideal, oder nicht? Ich hielt mich an die Worte von Gloria Steinem: »An den Rändern findet das Wachstum statt.« So heißt es in dem feministischen Klassiker Unerhört. Indem ich mich selbst infrage stellte, so glaubte ich, erweiterte ich mich selbst.

Nach ein paar Monaten hatte sich die Dynamik verändert. Ich war wie üblich in seinem Bett aufgewacht, mit Blick auf die flatternden Müllsäcke dort, wo eigentlich Fenster hätten sein sollen. Grant arbeitete ständig an seinem Haus, wurde aber nie ganz fertig, eine Art Heimwerker-Sisyphos. Vor dem fensterlosen Schlafzimmer befand sich ein Bestattungsinstitut. Manchmal sah ich morgens auf dem Parkplatz vor dem Fenster Leichenwagen und in Schwarz gekleidete Familien. Ich stellte mir vor, bei ihnen zu sein, beobachtete, wie mein altes, selbstbewusstes Ich in dem Sarg weggetragen wurde. Diese Beziehung brachte mich emotional um, der Mangel an Intimität und Zärtlichkeit stach kleine Nadeln in mein Herz, und statt aufzublühen hatte ich das Gefühl zu verhungern.

Als ich mich an diesem Morgen umdrehte, war Grant nicht da, was nicht ungewöhnlich war. Er ging oft weg, um den Morgen allein zu genießen. An seinem Platz entdeckte ich sein offenes Tagebuch mit einer voll gekritzelten Seite. Ich setzte mich hin und sah mich um. Die Versuchung war zu groß, endlich tat sich vor mir ein Fenster in seine verschlossene Seele auf, und als ich blitzschnell meine Augen darüber gleiten ließ, entdeckte ich meinen Namen mitten auf der Seite. Ich wurde rot. Schon ein einziger Blick machte, dass ich mich schämte. Ich überschritt eine Grenze. Draußen waren Schritte zu hören, und unwillkürlich schaute ich wieder hin und las den ganzen Satz, bevor die Tür aufging.

In nachlässiger, krakeliger Schrift hatte er geschrieben: »Ich bin nicht in Jessica verliebt, und das ist in Ordnung.«

»Ach, du bist auf. Willst du frühstücken?« Grant kam ins Zimmer, ein Handtuch um seine perfekte Taille.

Es war, als hätte mir jemand ein Messer in die Brust gestochen. Und ich hatte das Gefühl, als wäre ich selbst schuld an diesem Schmerz. Was hatte ich denn erwartet? Ich hatte mir eingeredet, er würde mich auf eine irgendwie andere Art doch lieben, dabei liebte er mich überhaupt nicht. All seine Regeln, sein Mangel an Konzentration und sein wildes Beharren auf Unabhängigkeit waren kein fortgeschrittener Seinszustand, sondern Zeichen von fehlenden Gefühlen. Ich kam mir dumm und naiv vor – und schüttelte höflich den Kopf.

Grant legte seinen hübschen Kopf schief. Er merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. »Bist du sicher? Komm, wir gehen aus, schließlich bist du mein Mädchen.«

»Nein danke, ich will kein Frühstück.«

Ich tat mein Bestes, auf Abstand zu gehen. Ich zog wieder in mein Apartment in Boston und versuchte erfolglos, mich mit anderen Leuten zu treffen. Aber nach sechs Monaten, gerade als ich mit jemand anderem unterwegs war, stellte ich fest, dass Grant durchaus etwas für mich empfand. Am Telefon, während ich in einem überfüllten Bus saß, erzählte er mir, dass er mich liebte, und ich bekam prompt eine Panikattacke.

Zwei Tage später saß ich in Cambridge in einem Produktionsmeeting im 1369 Coffee Shop – meinem damaligen »Büro« – und schaute mit meinem Produktionsdesigner Ablaufpläne durch, als mein Handy vibrierte. Ich zog es leise aus der Tasche, weil ich die Besprechung nicht stören wollte, und stellte fest, dass eine SMS von Grant gekommen war. Keine Erklärung, keine Warnung. Die Nachricht lautete ganz einfach und geradeaus: »Ich kann nicht mehr.«

Mein Herz brach entzwei und fiel vor mir auf den Boden des Coffeeshops. Und was ich zu sehen bekam, als dieses zerbrochene Ding da vor mir auf dem Boden lag, das erschreckte mich: eine einsame, dunkle, leere Mitte. Schnell entschuldigte ich mich und flüchtete auf die Toilette, wo ich abwechselnd weinte und kotzte. Meine einzig klare Erinnerung daran sind die Graffiti über der Toilettenpapierrolle, die ich im Dunkeln sah. »Bonnie ♡♡ Ray 4 EVA« und »Derek is a tool«.

Ich versuchte, ihn anzurufen und ihm eine Antwort-SMS zu schicken, aber Grant hatte jede Verbindung abgebrochen und weigerte sich, mit mir zu sprechen. Ich konnte weder schlafen noch essen, weil mich alles in Boston und bei meiner Arbeit an ihn erinnerte. Mein Kurzfilm hatte gerade die Tour über die Festivals gemacht, und bei jedem Festival hatte ich mich durch die Vorstellung gequält, bei der ich Grants Gesicht auf der Leinwand sah. Nie wieder, so schwor ich mir, würde ich was mit einem meiner Schauspieler anfangen.

Als die NASA mir die Möglichkeit bot, ans JPL nach Los Angeles zu wechseln, wusste ich, dass ich das machen musste. Ich würde, so dachte ich, eine Arbeit haben, die ich liebte, und das in einer sonnigen Gegend im Herzen der Filmwelt. Ich spürte, wie mich die Fliehkraft meines Lebens weit von Boston weg trug.

Meiner Schwester erzählte ich von der Versetzung nach Los Angeles, als ich ihr gegenüber in einem italienischen Restaurant saß. »Kalifornien! Oh, Jessica, das ist ja großartig! Du bist Regisseurin, das ist genau der richtige Ort für dich.« Sie schenkte mir ihre ganze Aufmerksamkeit und Liebe. »Und dann bei der NASA«, sagte sie. »Ich kann immer noch nicht glauben, dass du bei der NASA arbeitest. Das ist so cool!«

Ich erhob mein Weinglas und stieß mit ihr an. Durch das feuchte Glas lächelte mich ihr verzerrtes Bild an.

»Jetzt ist es Zeit für dich, richtig zu glänzen, Jessica.«

Mit dieser Erinnerung im Kopf saß ich da, den Daumen über der Taste, mit der ich Grants Nachricht löschen wollte. »Ich esse jetzt Trauben, und zwar grüne …« Ich drückte die Delete-Taste, und die Nachricht verschwand. Plötzlich war mir leichter zumute, und dann ging ich aus meinem Würfelbüro zu der Besprechung. Als ich an dem NASA-Plakat mit der Aufschrift »Scheitern kommt nicht infrage« vorbeikam, durchfuhr mich ein Freudenschauer bis in die Fingerspitzen.

*

Freitagabend, und ich hatte eine Verabredung vor mir, die erste seit dem Maniküre- und Margaritas-Abend mit Josh. In der Woche zuvor hatte ich in Silver Lake einen begabten Drehbuchautor kennengelernt, der vergeblich versucht hatte, mich im Intelligensia Café auf einen Kaffee einzuladen. Als er festgestellt hatte, dass ich bereits Tee trank, hatte er darauf bestanden, dann müsse es ein Abendessen sein.

Das Intelligensia war ein erstaunliches Lokal mit gemauertem Gewölbe und schön gefliesten Böden. Ein Gebäude aus den Vierzigerjahren, das wunderbar für das kaffeetrinkende 21. Jahrhundert verwandelt worden war. Es war das Herz von Hipster-City, hier traf man sich, um so zu tun, als suchte man Gesellschaft, obwohl die meisten mehr Zeit mit ihren Laptops verbrachten, als sich wirklich miteinander zu unterhalten. Die Schlange reichte immer bis zur Tür und wand sich durch den Außenbereich – eine Modenschau in Zeitlupe. Ich holte mir hier neue Ideen für Outfits, wenn ich die Leute beobachtete, die in der Schlange standen. Hoch geschnittene Chino-Shorts im Stil der Achtziger, Ray-Ban-inspirierte Sonnenbrillen und Pullunder in schrägen Farben schienen die aktuelle Uniform zu sein.

Der Drehbuchschreiber, der mich in ein Gespräch verwickelte, hatte zwei Tische weiter gesessen. Er behauptete, er hätte einen der Fast and Furious-Filme geschrieben und sei jetzt mit »etwas Großem, Unabhängigem« beschäftigt. Er starrte die Leute an, nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und schien das blasierte Selbstvertrauen eines Menschen zu besitzen, der früh Erfolg gehabt hatte. Dann atmete er mit der Frustration eines Menschen aus, dem seitdem nichts mehr richtig gelungen war.

Ich wusste nicht, warum ich seine Einladung zum Abendessen angenommen hatte. Ich war an seinen Drehbüchern viel mehr interessiert als an seiner Telefonnummer, aber auf meine Bitte nach Ersterem hatte er mir Letzteres gegeben, und irgendwie dachte ich auch, warum eigentlich nicht. Er hatte mich ins Flore, zu meinem Lieblings-Veganer, eingeladen, und er hatte mich gebeten, mit dem Fahrrad zu kommen, weil er mir nach dem Essen noch etwas Lustiges zeigen wollte. Das klang einigermaßen rätselhaft und reizvoll, aber ich war nervös, weil es sich um ein Date handelte, und irgendwie hoffte ich, es würde regnen.

Natürlich regnete es nicht, tatsächlich war es ein schöner Abend wie eigentlich alle Abende hier, kühl und mit klarer Luft. Das Zentrum von Silver Lake summte vor Leuten und mit der nervösen Energie eines Freitagabends.

Und so saß ich da, aß mein Burrito mit Bohnen und Seitan und genoss den kühlen Wind vor dem Flore. Der Abend war erstaunlich nett. Er kam pünktlich, war gut angezogen in einem T-Shirt zum Knöpfen und Khaki-Shorts und erzählte mir, wie nervös er gewesen war, weil er befürchtet hatte, ich würde seine Einladung ablehnen. Er schien mehr Tiefe zu besitzen, als ich ihm zugetraut hatte. Anders als die meisten Leute in L. A. war er kein ergebener Eckhart-Tolle-Jünger, er ging nicht ins Fitnessstudio und hatte nie eine Ray-Ban-Sonnenbrille besessen oder sich auch nur so eine Sonnenbrille gewünscht. Er war in New York aufgewachsen und wollte Journalist werden, aber in einer etwas unheimlichen Wendung seines Schicksals hatte ihn jemand gebeten, aus seinen Geschichten doch ein Drehbuch zu machen. Es war gekauft, aber nie verfilmt worden, aber damit war sein Schicksal besiegelt; er kam von den Drehbüchern nicht mehr los.

»Journalismus ade, hallo Hollywood.« Lächelnd trank er seinen letzten Schluck Wein. »Und du arbeitest bei der NASA

»Ja, aber ich bin keine Naturwissenschaftlerin, sondern im Bereich der Wissensvermittlung tätig.«

Er sah auf seine Uhr und bat dann um die Rechnung. »Warte mal!«, protestierte ich. »Ich habe gerade erst die Hälfte gegessen.«

»Du isst zu langsam.« Er nahm die Rechnung und bestand darauf, sie komplett zu bezahlen. »Dein Job klingt cool, aber du bist doch eigentlich Regisseurin, vermisst du das denn nicht? Das Filmemachen?«

»Ich mache ja noch was«, sagte ich gereizt und immer noch hungrig. »Außerdem ist die NASA ein inspirierender Ort für jeden Künstler. Ich habe dort mehr kreative Köpfe kennengelernt als jemals beim Fernsehen oder Film.« Er sah nicht besonders überzeugt aus. »Ehrlich! Da findest du mehr leidenschaftliche und interessante Leute, Leute mit Ideen, Offenheit für Innovationen und Technologie, als in irgendeiner Ansammlung von Künstlern.« Ich sah der Bedienung nach, die mein halb aufgegessenes Essen mitnahm.

»Dann wird dir gefallen, was ich vorhabe«, sagte er. »Hast du schon mal was von den Midnight Ridazz gehört?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Gut, dann komm.« Er nahm meine Hand, wir liefen aus dem Lokal und stiegen auf unsere Fahrräder. Der Drehbuchautor sah mein Rad an. »Ein Retro-Fixie – sehr cool.«

Mit knurrendem Magen trat ich heftig in die Pedale, um mit ihm Schritt zu halten. Ein paar Meter vor uns, vor dem Intelligensia, standen Hunderte von Radfahrern, mit Tallbikes, BMX-Rädern, Tourenrädern und Mountainbikes, Choppern, Fixies – noch nie hatte ich so viele Fahrräder an einem Ort gesehen. Viele hatten Knicklichter an ihren Rahmen befestigt, die in der Dämmerung eines milden Abends in Los Angeles unserer Versammlung die Atmosphäre eines Hinterhofzirkus verliehen.

Ein Mann um die zwanzig in Rennanzug und mit Megafon stand auf einem der Tische vor dem Café. Die Leuten jubelten ihm zu, und er sprach laut und verzerrt. Irgendetwas würde hier gleich losgehen.

»Kann sein, dass wir uns aus den Augen verlieren«, rief der Drehbuchschreiber. »Aber wenn du mich am Ende anrufst, dann können wir uns wieder treffen.« Er drehte sich um.

»Warte mal, was genau machen wir denn eigentlich hier?« Plötzlich überkam mich Panik. Ich wollte nicht uncool klingen, aber was war das, zum Teufel? Und wie würde ich wieder heimkommen?

Er verschwand in der Menge, und die vielen Fahrräder setzten sich in Bewegung. Wie eine Wolke aus Metall bewegten sich Hunderte von lauten, glänzenden, wunderbaren Fahrrädern als eine große Herde den West Sunset Boulevard hinunter – und ich mittendrin.

Die Stadt sah bei Nacht anders aus, wenn man mit dem Fahrrad fuhr. Wir waren so viele, dass wir in perfekter Reisegeschwindigkeit dahinglitten. Dieses L. A. bekam ich sonst nie zu sehen, weil ich immer in der Festung meines Autos steckte. Ich fühlte mich wie auf einer Stadtsafari, und anstelle der Tiere gab es wilde Häuser, verfallene Gebäude, Mauern mit Graffiti, exotisch aussehende Fußgänger, ein riesiges Stadtzentrum und leuchtende ...

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