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Brücken über Zeiten und Kontinente

Dorothea Rutkowsky / Herbert Windolf

Brücken über Zeiten und Kontinente

Die Geschichte einer deutschen Missionarsfamilie auf Sumatra

Dorothea Rutkowsky / Herbert Windolf

Brücken über Zeiten und Kontinente

Die Geschichte dreier Generationen einer deutschen Missionarsfamilie auf Sumatra

Erinnern

Ins Erinnern versinken

wie ein Schatzsucher

und wieder auftauchen

in die Gegenwart

hellhöriger geworden

und hellsichtiger

für Dinge – die dauern

Annemarie Schnitt

Inhalt

Präludium

Einleitung

Martha und Hermann Weissenbruch

Hermann Weissenbruchs Weg nach Sumatra

Marthas Ausreise

Von der Küste nach Si Piak

Das erste Jahr in Si Piak

Eingelebt

Elisabeth

Gertrud

Zweite Ausreise nach Sumatra

Elisabeth und Karl Heinz Otto

Heinz und Elisabeth

Borneo

Internierung

Japan

Heimreise

Renate

Irmgard

Gertrud und Alfred Rutkowsky

Rutkowskys Weg nach Sumatra

Kriegsjahre auf Sumatra

Internierung in Indien, Kriegsende und erste Kontakte

Medan, Der Heimat Ein Stück Näher

1947 oder der lange Weg in die Heimat

Rückkehr nach Deutschland

Noch einmal Sumatra

Endgültig zu Hause

Die Kinder Rutkowsky

Christa, genannt Kika

Ute

Hans-Michael, genannt Michel

Dorothea, genannt Dörthe

Epilog

Auf den Spuren der Vergangenheit

Was bleibt

Anmerkungen

Martha und Hermann Weissenbruch

Gertrud und Alfred Rutkowsky

Glossar batakscher und indonesischer Wörter

Quellenangaben

Danksagung

Präludium

Nach dem Krieg aus Indien und von Sumatra heimgekehrt, war meine Familie, die Familie von Alfred und Gertrud Rutkowsky, in der Wohnung unserer Großmutter Martha Weissenbruch in Wiesbaden untergeschlüpft.

Die Großmutter lebte in dem hellen Eckzimmer der Wohnung, mit Blick in den großen Garten und auf den alten Kirschbaum, der seine Zweige fast bis an die Fensterscheiben reckte. Im Inneren zierte die Fensterecke eine riesige Asparaguspflanze und an den Wänden hingen ein bataksches Tuch, eine Panoramaaufnahme der Halbinsel Sipiak im Tobasee, alte Familienbilder und etliche andere Gemälde. An den Gardinen hatte sie später mit Stecknadeln meine, Dorotheas, künstlerischen Erstproduktionen angesteckt. Es gab dort auch einen Schreibtisch mit vielen kleinen Schubladen, deren interessanteste Inhalte alte Postkarten aus Sumatra waren, darunter auch eine kolorierte, welche meinen Großvater auf Dienstreise im Gebirge mit Pferd und Pferdejungen zeigte. Am beeindruckendsten war aber eine einzelne echte Tigerkralle, welche die Großmutter hier aufbewahrte und die ich manchmal in die Hand nehmen durfte.

In diesem Zimmer saß die Großmutter, meist mit dem großen viereckigen Korb aus Rotanggeflecht auf dem Schoß, und stopfte die Strümpfe unserer siebenköpfigen Familie. Als die Jüngste und Nachkriegsgeborene wurde ich oft bei der Großmutter im Zimmer „geparkt“ und ich war gerne dort. Ich saß dann auf dem Sofa neben ihrem Sessel und begann mit meiner Lieblingsbeschäftigung: Ich fragte nach Geschichten. „Oma, erzähl mal, wie du noch klein warst“, beispielsweise. Und dann erzählte die Großmutter vom Pfarrhaus in Miehlen, in dem sie aufgewachsen war, diesem Pfarrhaus, in dessen Garten hinterm Haus eine riesige Linde stand, von der es hieß, Urgroßvaters Amtsvorgänger habe diese „am Hut“ aus dem Wald mitgebracht. Sie erzählte, dass sie in dieser Linde eine kleine Bank und einen kleinen Tisch gehabt habe, an dem sie hoch oben in den Ästen ihre Schularbeiten erledigte. Eine andere Lieblingsfrage war: „Oma, erzähl mal, wie die Mutti noch klein war.“ Und dann erzählte sie von meiner Mutter, von Sumatra überhaupt, Geschichten von Tigern und Schlangen, Zauberpriestern und vom Ompu Nommensen, der beinahe vergiftet worden wäre. Sie malte das Bild einer faszinierend fremden und doch so vertrauten Welt, denn sie hatte ja darin gelebt und die Relikte dieser Zeit waren ganz real überall in der Wohnung zu besichtigen.

Großmutter Martha Weissenbruch hat mir faszinierende Geschichten erzählt. Jetzt erzählen wir, Herbert Windolf und ich, Dorothea Rutkowsky, ihre Geschichte und die Geschichte unserer ganzen Familie.

Einleitung

Dies ist die Geschichte dreier Generationen einer deutschen Missionarsfamilie, von denen jede in unterschiedlicher Weise durch die Missionsarbeit und das Leben auf Sumatra sowie durch die Auswirkungen zweier Weltkriege geprägt wurde. Die ersten waren Karl Hermann Weissenbruch und seine Frau Martha geb. Schmidt die in der Zeit von 1904 bis 1939 auf der Insel Sumatra im damaligen Niederländisch-Indien im Missionsdienst tätig waren. Dort wurden ihnen drei Töchter geboren. Die älteste Tochter, Elisabeth, lebte nach ihrer Eheschließung mit dem Kaufmann Karl-Heinz Otto mit zwei Töchtern in Bandjermasin auf Borneo, dem heutigen Kalimantan. Die zweite Tochter, Gertrud, heiratete den Missionar Alfred Rutkowsky. Beide waren, mit Unterbrechungen während des Krieges, ebenfalls von 1933 bis 1966 im Dienste der Rheinischen Mission auf Sumatra tätig. Ihnen wurden vier Kinder auf Sumatra geboren; das fünfte und jüngste, später in Deutschland geborene Kind reiste später mit den Eltern noch einmal mit hinaus nach Sumatra.

Was war das für eine Welt, welche die Weissenbruchs 1904/1906 vorfanden, und wie waren die Verhältnisse, in denen sie ihrem Missionsauftrag nachgingen?

Sumatra ist die zweitgrößte Insel dieses zwischen Indien und Australien sich ausdehnenden Inselreichs, welches seit dem Zweiten Weltkrieg Indonesien genannt wird. Bis zum zweiten Weltkrieg war es holländische Kolonie und hieß Niederländisch-Indien. Die Holländer hatten ihre Eroberung des Archipels erst zu Beginn des 19. Jh. mit der grausamen Okkupation Balis abgeschlossen; Bali, dem letzten Teil des einst alles einigenden buddhistischen Königreiches Srivijaja, welches dann von dem Hindureich Majapahit abgelöst worden und nach dessen Niedergang in viele einzelne islamische Sultanate zerfallen war.

Auf Sumatra, Heimat von Orang-Utan, Tiger, Rhinozeros und Elefant, waren zu dieser Zeit besonders die Küstenregionen schon seit dem II. Jh. durch vor allem arabische Händler erschlossen, während das Binnenland als unzugänglich und wegen der wilden Bevölkerung auch als gefährlich galt. Reisende erhielten nur unter großen Schwierigkeiten die Erlaubnis, sich dorthin zu begeben. Südlich von Aceh, im Bergland rund um den Tobasee, lebten die verschiedenen Stämme der Batak, von denen man aufgrund von Sprachanalysen vermutet, sie seien vor etwa 2.500 Jahren von China oder den Philippinen hierher eingewandert. Der Tobasee, mit 100 km Länge und 30 km Breite der größte Kratersee der Welt, bildete einen natürlichen Mittelpunkt, um den sich die altindonesischen Volksstämme der Batak angesiedelt hatten. Die Batak lebten in nahezu völliger Abgeschie-denheit von den anderen Volksgruppen der Insel und ihre Kultur und Sprache wiesen wenige Fremdeinflüsse auf. Der Volksstamm der Batak untergliedert sich in sechs Gruppen, die sich bezüglich ihrer Rituale, ihrer Architektur, ihrer Kleidung und vor allem ihrer Sprache und Schrift unterscheiden.

Die Batak lebten in Clan-Verbänden, so genannten margas. Diese definierten sich durch die gemeinsame Abstammung von einem bestimmten Vorfahr, der entsprechend verehrt wurde. Noch heute können viele Batak auf Nachfrage genaue Auskunft geben über die verwandtschaftlichen Verhältnisse ihrer marga und das über Generationen zurück. Bestimmend für das Zusammenleben war die adat, der Sitten und Verhaltenskodex, der auch heute noch oft über politische und religiöse Grenzen hinweg Gültigkeit hat.

Bereits der venezianische Handelsreisende und Weltumsegler Marco Polo im 13. Jh. und der englische Historiker William Marsden, der die Insel 1820 besucht hatte, berichteten beide über von den Batak praktizierten Kannibalismus.

Durch die arabischen Händler des 11. Jh. waren die Küstengebiete und vor allem Aceh, die Nordspitze Sumatras, durch den Islam geprägt. Die wilden und unzugänglichen Landesteile im Inneren der Insel waren weitgehend heidnisch geblieben, bis hierher war der Islam noch kaum vorgedrungen. Dies machte die im Animismus lebenden Batak für Missionierungsversuche interessant, denn hier ließ sich „ein Bollwerk gegen den Islam“ (Martha Weissenbruch) errichten.

Zwei der ersten Missionare, die sich in diese Gegend vorwagten, die amerikanischen Baptisten Henry Lymann und Samuel Munson wurden 1834 im Silindungtal von den Batak ermordet und „aufgefressen“. So die Überlieferung. Wahr ist, dass bis heute nichts Genaueres über die Ermordung hinaus bekannt ist.

1861, 28 Jahre nach diesen Ereignissen, wurde nun ein erneuter Versuch gewagt. Die Rheinische Missionsgesellschaft in Barmen, seit den 1830er Jahren bereits in Cape Town, Afrika tätig, schickte nun den von der Hallig Nordstrand stammenden Missionar Ludwig Ingwer Nommensen nach Sumatra. Diesem gelang es unter großen Schwierigkeiten, bei den Batak Fuß zu fassen. Mehrfach kam er nur knapp mit dem Leben davon. Zugang zu den Batak fand er in erster Linie über medizinische Hilfe, Bildung und erst in zweiter Linie über die Verkündigung des Evangeliums. Früh wurden von ihm bataksche Lehrer und Prediger ausgebildet. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung war dabei, dass Nommensen von Anfang an auch die Ausbildung der Frauen als Krankenschwestern, Hebammen und Gemeindehelferinnen mit einbezog. Auf diese Weise wurde die Arbeit fest in der Bevölkerung verankert. Innerhalb einer Generation erreichte er eine weitgehende Christianisierung der Region.

Zu Beginn seiner Arbeit auf Sumatra versuchte Nommensen, sich von den Europäern, insbesondere den holländischen Kolonialherren fernzuhalten, er hielt ihren Einfluss im Hinblick auf seine Ziele für hinderlich. Schließlich arbeitete er aber doch mit der Kolonialregierung und dem Militär zusammen. Zum Beispiel versuchte er, während einer Strafexpedition des Militärs im sumatranischen Hochland zwischen den Beteiligten zu vermitteln. Dabei gelang es ihm, größeres Blutvergießen zu vermeiden. Dadurch gewann er mehr Vertrauen in der Bevölkerung. Die politische Bedeutung dieser Kooperation wurde deutlich, als sich die Kolonialverwaltung ausdrücklich für die Zusammenarbeit bedankte. Nommensen wurde auf diese Weise, ohne es primär gewollt zu haben, zu einem Wegbereiter des Kolonialismus, ein Vorwurf, den man heute den damaligen Missionaren wohl nicht ganz zu Unrecht macht. Und doch ist diese Sicht zu einseitig. Der Journalist Rüdiger Siebert formuliert das so: „Nommensen verkörpert einen Mann der neuen Zeit. Er und seine Mitstreiter verhelfen zu Bildung. Gerade Frauen und jüngere Leute lassen sich davon begeistern. Die Epoche ist reif für Veränderungen. Die moderne Technik dringt vor. Deshalb ist es wohl zu kurz gegriffen, einen Mann wie Nommensen nur als Wegbereiter des Kolonialismus zu sehen; er war in weiterem Sinne Wegbereiter neuer Ideen, einer weltoffenen Lebensweise, eines selbstbewussteren Umgangs der Menschen miteinander. Während der 56 Jahre, die Nommensen im nördlichen Sumatra lebte, hat er das Land der Batak räumlich und geistig geöffnet.“ (R. Siebert, Deutsche Spuren in Indonesien, 2002, S. 81)

1935 übersetzte Hermann Weissenbruch den Bericht eines batakschen Pfarrers, des Pandita Josef, aus der batakschen in die deutsche Sprache, in welchem u.a. dieser Gedanke gestützt und noch einmal anders verdeutlicht wird. Gleichzeitig ist er eine gute Darstellung batakscher Mentalität aus originaler, d.h. batakscher Sicht. Das Folgende ist eine Zusammenfassung des Textes: Die Batak lebten in Angst vor den begus, den bösen Geistern. Das bataksche Denken war soehar, d.h. böse oder schlecht, aber sie hatten auch Gutes, etwa die adat, also die Sitten und Gebräuche, welche die Liebe für die Verwandten und die ganze Sippe einschloss, und sie ehrten ihre Häuptlinge und Ältesten. Sie kannten alle ihren Stammbaum zurück bis zu raja Batak, ihrem Stammvater. Die Batak haben einen ausgeprägten Sinn für Recht und Unrecht, auch jenes, welches sie im Umgang mit anderen erfahren, und behalten es immer im Gedächtnis, besonders aber das Schlechte. Sie sind sehr geschickt darin, das nachzumachen, was sie einmal gesehen haben. Die Redekunst wird von ihnen sehr bewundert, weshalb sie oft in Streit geraten oder Rechtshändel ausfechten. Die Batak, die zum Christentum konvertiert waren und dabei auch viel dazugelernt hatten, wurden von der holländischen Verwaltung den Heiden bei der Vergabe von Ämtern vorgezogen. In Handel und Verkehr, in Landwirtschaft und allerlei Gewerbe kam Bewegung und Aufstieg. Man wurde sich seiner Gaben und Aufgaben bewusst, jeder an seiner Stelle. Das Selbstbewusstsein wurde mächtig gehoben und über das Maß hinaus gesteigert. Die Erkenntnis, dass Wissen auch bedeutete, gutes Geld zu verdienen, zog so manchen in die Schule, um weiter voranzukommen.

Als Nommensen am 23. Mai 1918 starb – er war 84 Jahre alt geworden – zählte die von ihm gegründete Kirche 180000 Mitglieder, darunter 34 bataksche Pastoren und hunderte von Lehrern. Nommensen wurde in Sigumpar am Südufer des Tobasees begraben. Noch heute wird sein einfaches Grab von vielen Menschen besucht, die sich an den „Apostel der Batak“, an den ompu, den Großvater und Ahnherrn, erinnern wollen. Nach Nommensens Tod schreibt Hermann Weissenbruch 1919: „Die alten patriarchalischen Zustände sind vorbei.“ Von da an wurde die Batakkirche zunehmend selbständig. 1954 wurden die beiden theologischen Universitäten in Medan und Pematang Siantar nach ihm „Universitas Nommensen“ benannt. Heute hat die lutherische Batakkirche, die HKBP, an die vier Millionen Mitglieder.

Das Verhältnis der Missionare zur batakschen Bevölkerung war, wie es dem damaligen Zeitgeist entsprach, ein paternalistisches, getragen vom selbstverständlichen Bewusstsein der angeblichen Überlegenheit des weißen Mannes. Dieser Sichtweise begegnen wir auch in den Briefen der Weissenbruchs. Der Kolonialismus wird zu keinem Zeitpunkt infrage gestellt. Trotzdem wurden die Missionare von den Batak niemals aufgefordert zu gehen und das auch nicht, als in den 30er Jahren die einheimischen pandita immer mehr eigenverantwortlich tätig wurden. Erst infolge der Kriegsereignisse und der damit verbundenen Internierung aller Missionare 1940 übernahm die Batakkirche die volle Verantwortung.

Nommensen und die Missionare haben den Batak Zugang zu europäisch ausgerichteter Bildung und Wissen vermittelt, und die Batak sind heute überproportional zur Zahl der Gesamtbevölkerung in führenden Bereichen von Bildung, Politik und Wirtschaft vertreten. Auch in der Unabhängigkeitsbewegung haben die Batak eine bedeutende Rolle gespielt. Es wird teilweise sogar die These vertreten, dass sich der Konflikt zwischen Muslimen und Christen zu einem nicht unbeträchtlichen Teil aus einem Konkurrenzgefühl herleiten lässt. Nach Rüdiger Siebert haben 150 Jahre Missions- und Bildungsarbeit den christlichen Batak einen Vorsprung vermittelt, den die Muslime mit ihren Bildungseinrichtungen erst heute allmählich aufholen. Auf diesem Hintergrund erst lässt sich eine kritische Würdigung der Missionsarbeit im Allgemeinen und auch jener der Weissenbruchs und Rutkowskys vollziehen.

Die vorliegende Geschichte, die auch die turbulenten Zeiten zweier Weltkriege mit einschließt, beginnt mit dem Großvater Karl Hermann Weissenbruch, der in die Rheinische Missionsgesellschaft eintrat, um auf Sumatra mit vielen anderen gemeinsam die Arbeit von Ludwig I. Nommensen zu unterstützen und weiterzuführen.

Als Hermann und Martha Weissenbruch 1904 bzw. 1906 Sumatra erreichten, war Nommensen bereits seit 43 Jahren mit einem Stamm inzwischen älterer Missionare hier tätig. Die Weissenbruchs gehörten zur jungen, der zweiten Missionarsgeneration. Die Grundlagen der Arbeit waren in vielen Bereichen gelegt, die gravierenden Anfangsschwierigkeiten überstanden und die zweite Generation profitierte in ihrem Verständnis der Batak, ihrer Sprache, der Sitten und Gebräuche von den Älteren. Nommensen war inzwischen eine von der Bevölkerung geliebte und hoch geachtete Persönlichkeit, sie hatten ihm ihren höchsten Ehrentitel verliehen und nannten ihn ompu, Großvater. Martha Weissenbruch sollte später über ihn sagen – und das war nur zum Teil als Kompliment gedacht – Nommensen sei inzwischen selbst ein halber Batak geworden.

Einmal angekommen, mussten die Missionare nicht nur weiterhin das Heidentum überwinden, sondern auch gegen das Eindringen des Islam sowie des Katholizismus kämpfen, nicht zuletzt auch später gegen häretische Abspaltungen in den eigenen Reihen.

Während des Ersten Weltkriegs, in dem es keine militärischen Auseinandersetzungen zwischen Holland und Deutschland gegeben hatte, bekam die erste Generation in Niederländisch-Indien vor allem das Ressentiment der Holländer wegen des von den Deutschen angezettelten Krieges deutlich zu spüren.

Für die zweite Generation, die Rutkowskys und die Ottos, entwickelte sich die Situation während des Zweiten Weltkrieges wegen der deutschen Invasion in Holland 1940 dramatisch. Alle in den Kolonien lebenden Deutschen wurden umgehend am Tag nach dem Einmarsch arretiert und dabei die Männer von ihren Frauen und Kindern getrennt. Kurz vor der japanischen Invasion 1942 deportierte man alle Männer nach Indien, wo in Dehradun an den Ausläufern des Himalaya von den Alliierten große Internierungscamps errichtet worden waren.

Die Frauen, 1942 von den mit Deutschland verbündeten Japanern befreit, waren jetzt so „frei“, sich weitgehend selbst versorgen zu müssen. Für manche Frauen, wie Elisabeth Otto, ergab sich in dieser Zeit die Möglichkeit zu versuchen, über Japan in die Heimat zurück zu gelangen. Jedoch wurde ihnen wegen des Eintritts Russlands in den Krieg der Rückweg abgeschnitten und sie mussten in Japan das Ende des Krieges abwarten.

Als bei Kriegsende englisches und holländisches Militär die Herrschaft über die ehemaligen Kolonien wieder übernehmen wollten, wurden sie unmittelbar mit der neuen Unabhängigkeitsbewegung konfrontiert, die bisher von den Japanern unterstützt worden war. Dies wiederum spaltete die Bevölkerung, welche nun entweder für die Freiheitsbewegung oder für die alten kolonialen Machthaber Partei ergriffen.

Während dieser chaotischen Jahre lebten die Frauen und Kinder zwar „frei“, aber doch immer in einer Art Lager. Sie warteten und warteten, und während die Jahre dahin gingen, wünschten sie nichts sehnlicher herbei als eine Wiedervereinigung mit ihren Männern, von denen sie meist jahrelang keinerlei Nachricht erhalten hatten, und eine baldige Rückkehr in die geliebte Heimat. Sie sehnten sich nach dieser Heimat, von der sie wussten, dass sie zerstört und ein Leben in ihr äußerst entbehrungsreich sein würde. 1946 kehrten zunächst die beiden Männer, Alfred Rutkowsky und Karl Heinz Otto, aus Indien nach Deutschland zurück. Erst 1947 folgten die Frauen, Else Otto und Gertrud Rutkowsky mit ihren Kindern, Else kam aus Japan, Gertrud von Sumatra. Schließlich, nach sieben Jahren Trennung, trafen die Familien Rutkowsky und Otto 1947 in Deutschland wieder zusammen.

Die dritte Generation trat nicht in die Fußstapfen ihrer Vorfahren, sie gingen also nicht in den Missionsdienst. Einige Kinder blieben in Deutschland, andere wanderten in die USA, nach Kanada und nach Dänemark aus, aber alle tragen die Spuren dieses Lebens in einer anderen Welt in sich.

Grundlage des vorliegenden Textes sind Familienbriefe und Tagebücher, aber auch die Personalakten von Hermann Weissenbruch und Alfred Rutkowsky aus dem Archiv der Vereinigten Evangelischen Mission, in welcher die vormalige Rheinische Missionsgesellschaft aufgegangen ist. Des Weiteren wurden in Einzelfällen zeitgenössische Schilderungen einbezogen.

Die Quellenlage für die Weissenbruchs und Rutkowskys ist sehr reichhaltig. Als Grundlage für die Geschichte der Ottos existieren nur ein lückenhaftes Tagebuch Elses, ein Erinnerungsfragment von Heinz und eine Handvoll Briefe und Postkarten, so dass viel aus anderen Quellen, wie den Erinnerungen der Kinder, anderen Familienbriefen und auch der zeitgeschichtlichen Literatur erschlossen werden musste. Die wörtlich zitierten Texte wurden unverändert übernommen, einzig die Rechtschreibung wurde teilweise, wegen der besseren Lesbarkeit, heutigen Gepflogenheiten angepasst und abgekürzte Wörter (z.B. l. für liebe, u. für und etc.) wurden ausgeschrieben.

2010 schrieb Herbert Windolf, Ehemann von Ute geb. Rutkowsky, in den USA die Geschichte der Familie auf und gab ihr den Titel „Bridges“. Die deutsche Fassung der „Brücken“ wurde von Dorothea Rutkowsky überarbeitet und um eine größere Anzahl von Zitaten ergänzt, um die Persönlichkeiten der Akteure noch deutlicher hervor treten zu lassen. Auch wurden einige weiterführende Informationen eingefügt, um z.B. historische Verhältnisse zu erklären oder einheimische Gepflogenheiten verständlichwerden zu lassen.

Sumatra

© Can Stock Photo / sALfr20iz

Mittelsumatra mit Tobasee

Martha und Hermann Weissenbruch

Hermann Weissenbruchs Weg nach Sumatra

Karl Hermann Weissenbruch wird am 20. Januar 1877 in Barmen, einem heutigen Stadtteil Wuppertals, geboren. Über seine Kindheit und Jugend ist nur bekannt, was er in seinem knappen Lebenslauf anlässlich seiner Bewerbung bei der Rheinischen Missionsgesellschaft angegeben hat. Sein Vater ist ein einfacher Handwerker – ein Schreiner, seine Mutter stirbt sehr früh, er ist erst sieben Jahre alt. Wenige Jahre darauf, Hermann ist dreizehn Jahre alt, stirbt auch der Vater und lässt Hermann und seine drei jüngeren Geschwister, zwei Brüder und eine Schwester, als Waisen zurück. Er kommt nun zu Pflegeeltern nach Isselhorst in Westfalen, wo er eine Lehre als Maschinenschlosser antritt. Es muss für einen Jungen dieses Alters ein schwerer Schlag gewesen sein, beide Eltern verloren zu haben und den Zerfall der Familie erleben zu müssen.

Dann, im Alter von achtzehn Jahren, kehrt er nach Barmen zurück. Dort lebt er bei zwei alten unverheirateten Tanten, Schwestern seines Vaters, und arbeitet in seinem Beruf als Schlosser. Dass sein Leben bisher nicht einfach gewesen war, beschreibt Hermann nur indirekt: „Zwar ist es nicht immer ein Freudensgenuss der im Rückblick auf mein vergangenes Leben dem Herzen entspringt; aber auch ein Lied des Dankes, ein Lied zum Preis der Gnade unseres treuen Gottes.“

Ausführlicher geht er auf seinen religiösen Werdegang ein, verständlicherweise, denn er bewirbt sich bei einer Missionsgesellschaft. In allen eingereichten Lebensläufen dieser Zeit war das ein wichtiger Punkt, welcher entsprechend umfänglich behandelt wurde. Der Tonfall dieses Lebenslaufs ist religiös schwärmerisch, was durchaus in die Zeit passte – zumal im damaligen Wuppertal, doch darüber später mehr. Bereits das Elternhaus war religiös, über dessen Geist sagt er: „In diesem Bethanien, wo der Geist des Gebets wehte, habe ich Himmelsluft geatmet und manchen Segen empfangen.“

Zurück aus Isselhorst, schließt Hermann sich in seiner Heimatgemeinde Barmen Gemarke dem „Gemarker Jung-Männerverein“ an, wo er in religiösen Fragen wichtige Unterstützung erhält. Die Bibelstudien in dieser Gruppe überzeugen ihn davon, dass er ein „armer Sünder sei und der Erlösung bedürfe“. Er fühlt sich dort augenscheinlich wohl, denn er vermerkt: „Es waren reich gesegnete Stunden dort bei den lieben jungen Freunden wo bei allem Ernst, doch auch wieder ein fröhlich frischer Ton herrschte.“ Soweit der Lebenslauf.

Hermanns Wunsch, in die Mission zu gehen, entsteht hier in Barmen vielleicht nicht so ganz zufällig. Die ganze Gegend um das Tal der Wupper, dem Wuppertal eben, das angrenzende Siegerland und Bereiche des Westerwalds gehörten im 19. Jhdt. zu einem der bedeutendsten Zentren der pro-testantischen Erweckungsbewegung in Deutschland. Diese Bewegung war im späten 18. Jh. als pietistische, sich gegen den Rationalismus der Aufklärung wendende Erneuerungsbewegung entstanden. Die Pietisten wollten die Nähe zu Gott, die sie verloren sahen, wiederherstellen durch ein auf persönlicher Heilserfahrung, eben der Erweckung, beruhendem Christentum, das sich in „lebendiger Frömmigkeit und tätiger Nächstenliebe“ äußert. Glauben sollte nicht mehr eine Angelegenheit des Verstandes sein, sondern eine des Herzens. Die starke Gefühlsbetontheit pietistischer Texte hat hier ihren Ursprung und so wird auch der „Zungenschlag“ in Hermanns Bewerbungsschreiben verständlich.

Hermanns Heimatgemeinde Barmen Gemarke hatte in der Erwekkungsbewegung eine wichtige Rolle gespielt. Sie war in der Vergangenheit insbesondere bekannt geworden durch den bis 1847 hier und in Elberfeld tätigen reformierten Pfarrer Friedrich Wilhelm Krummacher (1796-1868). Von diesem wird erzählt, er habe durch seine sprachmächtigen Predigten solchen Zulauf gehabt, dass die Fenster der Kirche ausgehängt werden mussten, um allen Gläubigen eine Teilnahme zu ermöglichen. Hermann hat ihn nicht mehr selbst erlebt, aber man kann sich vorstellen, dass eine solche Tradition noch viele Jahre später nachschwingt. Aus dem gleichen pietistischen Milieu entstammte auch der Sozialist Friedrich Engels, Weggefährte von Karl Marx. Dessen Vater besaß eine Textilfabrik in Elberfeld, einem Nachbarort von Barmen, die er in bewusst christlicher und patriarchalischer Fürsorge für seine Arbeiter leitete.

Die Menschen der Erweckungsbewegung waren überzeugt vom baldigen Beginn des Reiches Gottes auf Erden und von dem Wunsch beseelt, an dessen Errichtung tatkräftig mitzuwirken. Gleichzeitig bestand durchaus auch eine Angst, am Tage des Jüngsten Gerichts für diese oder jene verlorene Seele haftbar gemacht zu werden. Was lag da näher, als Missionar zu werden, Seelen zu retten gemäß des biblischen Diktums “Gehet hin in alle Welt“? Die Beziehung zur Mission war der Erweckungsbewegung immanent. In der Mission der Inneren und der Heidenmission wurde die Möglichkeit eines wahren Gottesdienstes gesehen.

Kein Wunder also, dass sich hier im Wuppertal die heute größte deutsche Missionsgesellschaft, die Rheinische Missionsgesellschaft [RMG, heute VEM, Vereinigte Evangelische Mission] entwickelte. Kein Wunder auch, dass der junge Hermann Weissenbruch sich in diesem Milieu dem Missionsgedanken zuwandte. Vielleicht mochte auch der Vollwaise hier ein gewisses Maß an Heimat und Geborgenheit gefunden haben; denn Hermanns Schwester Auguste ging ebenfalls in die Mission, nachdem sie den Missionar Heinrich Ostermann geheiratet hatte. Augustes Leben zeigt gleichzeitig die Gefährdungen des Missionsdienstes, denn ihr Mann wurde 1904 auf Neu Guinea ermordet.

Am 1. Oktober 1897, im Alter von 20 Jahren, schließt Hermann sich der Rheinischen Missionsgesellschaft in Barmen an und wird am 10. August 1904, nach fast sieben Jahren Studienzeit, für die Missionsarbeit auf der Insel Sumatra in Niederländisch-Indien ordiniert. Die Ausbildung umfasste unter anderem ausgedehnte theologische Studien, eine solide medizinische Grundausbildung, denn Ärzte waren in den überseeischen Missionsgebieten selten und dann auch oft nur schwer zu erreichen, sowie Sprachstudien für das vorgesehene Arbeitsgebiet.

Hermanns Werdegang war für einen zukünftigen Missionar typisch. Aus religiösem Elternhaus und einfachen sozialen und ökonomischen Verhältnissen stammend, bot der Eintritt in die Missionsgesellschaft nicht nur weitergehende Bildungsmöglichkeiten, sondern auch sozialen Aufstieg. Der Theologieprofessor Dieter Becker hat diesen sozialgeschichtlichen Hintergrund genauer beschrieben und zitiert dazu den rheinischen Missionar Friedrich Schröder: „Missionare galten im Elternhaus, im ganzen Wuppertal und darüber hinaus als eine Art höhere Menschen. Ein gewisser Glorienschein umgab sie. Das Missionshaus wurde als ein Heiligtum betrachtet, das keinen Unreinen barg.“ (Becker, a.a.O. S. 8) Es galt auch als sozialer Aufstieg, wenn der Missionar eine Pfarrerstochter heiratete.

Im August 1904, wahrscheinlich kurz nach seiner Ordination, verlobt sich Hermann mit der Pfarrerstochter Martha Louise Friederike Schmidt aus Miehlen in Hessen-Nassau. In ihrem eigenen Lebenslauf für die Mission berichtet Martha von dieser Verlobung und auch, dass sie Hermann, der in ihrem Elternhaus als Feriengast weilte, ein Jahr zuvor kennengelernt habe.

Wie kommt nun ein Missionsaspirant aus Wuppertal in das winzige Dorf Miehlen mitten im Taunus? Genaues ist nicht bekannt, aber Marthas Vater, der Pfarrer Gustav Schmidt, war durch die Familie seiner Mutter eng mit der Mission verbunden. Sein Onkel Johann Georg Krönlein war einer der ersten Missionare in Südafrika gewesen, seine jüngste Tante, Maria, war die Frau des Missionars Ferdinand Rott, welcher bei Aufständen der Dajak auf Borneo 1859 ermordet wurde, eine weitere Schwester ist als Frau des Missionars Phillip Diehl ebenfalls in Afrika – eine Reihe, die immer noch weiter fortgeführt werden könnte. Mission, das ist Familie, in diesem Pfarrhaus gehen Missionsangehörige ein und aus. Später, in Marthas Briefen von Sumatra, werden diese immer noch fortlaufenden Besuche erwähnt. Es ist also gar nicht so ungewöhnlich, dass ein Missionsaspirant wie Hermann Weissenbruch zu Besuch nach Miehlen kommt. Für Martha jedenfalls ist der Schritt, selbst auch in die Mission zu gehen, gar nicht mehr so groß. Sie weiß, worauf sie sich einlässt. So schreibt sie denn auch in ihrem Lebenslauf für die Mission pflichtbewusst: „Und nun ziehe ich fröhlich und dankbar hinaus ins große Arbeitsfeld nach Sumatra, mit der Bitte im Herzen, daß der Herr mich tüchtig macht seinem Dienst.“

In diese Familie mit ihren vielfältigen Missionsbeziehungen wird Martha am 4. Juli 1882 in Miehlen hineingeboren. Sie ist die zweite Tochter des Pfarrers Gustav Schmidt und seiner Frau Christine, geborene Schlocker. Martha beschreibt ihre Kindheit mit den vier Geschwistern als sehr glücklich. Im Alter von 13 Jahren wird sie mit ihrer Schwester nach Bielefeld geschickt und lebt dort bei einer Großtante, eben dieser Frau Missionar Rott, deren Ehemann auf Borneo umgekommen war. Maria Rott war in Bielefeld inzwischen Hausmutter des Mädchenpensionats eines Lehrerinnenseminars, wo sie auch „heimgeschickte“ Missionarstöchter betreute. Zusammen mit einer Reihe von anderen Missionars und Pfarrerskindern geht Martha dort für drei Jahre zur Schule. Im Alter von 16 Jahren wird sie, zusammen mit einem jüngeren Bruder, von ihrem Vater in der Miehlener Dorfkirche konfirmiert. Die folgenden Jahre verbringt sie, zusammen mit ihrer Schwester und dem jüngeren Bruder, „im Schoß der Familie“, wie sie schreibt. Die beiden älteren Brüder kommen nur noch während der Ferien zu Besuch. Als sie älter wird, arbeitet Martha in einem Waisenhaus, das allem Anschein nach auch von Verwandten in Worms geleitet wurde. Mehr ist aus dem Lebenslauf nicht zu erfahren.

Im August 1904 hatte sich Martha mit Hermann Weissenbruch verlobt und bereits zwei Monate später, am 6. Oktober, war es schon soweit: Hermann geht in Genua, Italien, an Bord eines Schiffes und erreicht am 1. November die Hafenstadt Sibolga, an der Westküste Sumatras.

Von jetzt an wird seine soziale Situation eine ganz andere sein als in der Heimat. Er ist fast nicht mehr in soziale Bezüge und Hierarchien eingebunden, er kann und muss sein Leben selbst gestalten, natürlich unter den Bedingungen des neuen Umfeldes. Diese Situation gibt Missionaren verstärkt die Chance, eigene Gaben und Fähigkeiten zu entfalten, die sie in der Heimat niemals in dieser Weise hätten entwickeln können. Es ist auch die Chance, ein individuelles Leben zu führen. Was wird Hermann daraus machen?

Zunächst ist er erst einmal von seiner Braut getrennt. Die strikten Vorschriften der Missionsgesellschaft sahen vor, dass ein Missionar erst einmal alleine ausreisen musste, bevor er nach einer Wartezeit von mindestens zwei Jahren heiraten durfte. Sogar bei der Wahl der Braut behielten sich „die Väter der Mission“ ein Mitspracherecht vor. Die gewünschte Braut wurde begutachtet und erst, wenn sie als geeignet befunden wurde, durfte Verlobung gefeiert werden. Welche Blüten dieses Verfahren treiben konnte, geht aus einem Brief vom 3. Juli 1870 des Missionars Philipp Diehl, eines Onkels von Martha, hervor. Hier ein Auszug: „Zum Schluss habe ich noch eine Bitte an Sie, geehrte Väter. Kurz vor meinem Weggang in Deutschland lernte ich in Naurod bei Wiesbaden eine Fräulein Hermine Schmidt kennen, die mir gute Eigenschaften für eine Missionarsfrau zu haben schien. Ich sprach daher ziemlich traulich mit ihr. Und als sie auf einer Reise nach Gladbach begriffen dem Wuppertal entlang kam, hat sie mit Herrn Inspektor über mein trauliches Reden und Wünschen gesprochen. Herr Inspektor, den ich darauf fragte, hat zu verstehen gegeben, ich könne mich kaum getäuscht haben. Wenn nun die geehrten Väter nach vollzogener Prüfung derselben Meinung sind, möchte ich sie freundlich bitten, bei passender Gelegenheit mir genannte Person zuzuschicken.“

So wartet nun auch Hermann auf seine Braut, während er seine zukünftige Missionsstation aufbaut und dieses Warten nimmt in den ersten erhaltenen Briefen großen Raum ein. In einem Brief aus Lumban na Bolun, datiert vom 27. Juli 1905 an die zukünftigen Schwiegereltern, schreibt er:

„Wenn dieser Brief in Miehlen sich einstellt, dann ist’s schon über ein Jahr her als die beiden Herzen im stillen friedlichen Pfarrgarten, auf dem schattigen Bienenbänkchen in inniger heiliger Liebe sich gelobten einander zu gehören, bis der Tod sie scheide. Der treue Herr hat uns verbunden und ihr lieben Eltern habt Seine Winke und Seinen Willen darin erkannt und gerne, wenn auch zunächst mit schwerem Herzen, darin eingewilligt.“ Er dankt Marthas Eltern, die er mit Vater und Mutter anredet, dafür, dass sie ihm ihre Tochter anvertraut hätten. Gleichzeitig entschuldigt er sich dafür, dass er so wenig schreibe. Er erwähnt die vielen Briefe, die er an seine Verlobte geschrieben hatte und meint: „Mittlerweile ist auch Euch durch meine Briefe Sumatra mit Land und Leuten bekannt geworden. Ich habe Licht und Schattenseiten gezeigt, doch hoffe ich, daß es Euch mit seiner gesegneten Missionsarbeit nun noch lieber als früher geworden ist. Insonderheit denke ich, wirst Du, liebe Mutter, einst Deine Tochter viel freudiger und getroster ziehen lassen als Du es früher glauben mochtest.“

Dann berichtet Hermann von dem, was ihn auf Sumatra beschäftigt: „Bald beginne ich nun auch mit dem Anlegen unserer Station. Viel Arbeit und Kopfzerbrechen wird’s wohl noch kosten bis sie fertig dasteht, umso köstlicher ist dann aber auch die Ruhe nach getaner Arbeit.“

Hermanns zukünftige Station liegt in Si Piak [1], einem kleinen Dorf auf einer in den Tobasee hineinragenden Halbinsel nahe der Ortschaft Parapat [2]. Von hier schreibt er am 15. Juni 1906 einen Brief an Ria und Max Conradi, Marthas älteste Schwester und deren Ehemann. Er berichtet von Unruhen. „Ich denke Martha wird Euch, soweit es ihr möglich ist, von den Unruhen die hier ausgebrochen sind, erzählen. Es sind nämlich zwei Landschaften, Girsang und Sipanganbolon aufständisch gegen die Regierung. Die dummen Leute sind wie blind und mein Lehrer hat nicht so unrecht wenn er sagt: ‚Nunga dipartorto Sibolis rohana side.’ ,Der Teufel hat ihre Herzen betrogen.’ Das ganze Batakvolk fühlt sich wohl unter dem holländischen Regiment. Die Leute in Silindung und Toba wünschen jedenfalls die alte Zeit mit ihren Kriegen nicht zurück und nun wagen es einige Häuptlinge sich wegen ganz kleinlicher Ursachen der Regierung zu widersetzen. Ich habe mir viel Mühe gegeben die Leute davon abzuhalten aber sie sind wie besessen. Gestern ist Militär nach Parapat gekommen und heute wird noch Verstärkung erwartet. Alles ist natürlich in Aufregung und von weit her kommen die Leute mit ihren Booten angefahren um, wie sie sagen, die Stärke der Kompanie zu sehen.“ Die Rebellen zählen etwa 400 bis 500 Mann. „Ich war auch in großer Gefahr,“ schreibt Hermann, „doch der treue Gott hat gnädig durchgeholfen. Wenn sich die Wellen wieder gelegt haben, kann ich auch wieder ruhig und getrost zu den Leuten gehen.“

Dann fährt er aber fort: „Daß ich mich sehr freue mein liebes Marthachen als treue Gehülfin bald an meiner Seite haben zu dürfen, könnt Ihr Euch denken. Gelt, liebe Ria, Du lässt sie freudig und gerne ziehen in unseres Gottes Namen und hilfst der lieben Mutter über den Trennungsschmerz hinweg so weit es in Deinen Kräften steht. Es wird den lieben Eltern und Euch Geschwistern gewiss nicht leicht werden, das Marthachen so weit wegziehen zu lassen…“, und er beruhigt gleichzeitig: „Wir haben hier auf Sumatra so viel Vorzüge, daß ich mich fast schäme von Entbehrungen zu reden, vielmehr verstehe ich es immer besser, daß so manche ältere Missionsgeschwister gar keine Lust verspüren, in die alte Heimat zurückzukehren.“

Inzwischen, so erzählt er weiter, seien auch schon die Bräute anderer Missionare auf Sumatra angekommen. „Am 11. Juni wird die Braut von meinem Kollegen Brinkschmidt in Sibolga gelandet sein und Martha wird sich freuen, daß Fräulein Neumann in unsere Nähe kommt, da sie sich sehr mit ihr angefreundet hat. Auch eine Schwester von Bruder Beisenherz wird erwartet.“ Martha wird also nicht so ganz allein in der Fremde sein.

Hermann gibt in diesem Brief auch interessante Einblicke in die Führung seines Junggesellenhaushalts. Bemerkenswert, wie ein Mann, allein und fernab von vertrauten europäischen Verhältnissen, sich sein Leben einrichtet. Interessant auch, wie viel so ganz Europäisches sich hier wiederfindet: Maggis Suppenwürze, ein importierter Herd mit umlaufendem Messinggeländer etc. erzählen davon, was hier als unbedingt notwendig für eine halbwegs angemessene Lebensführung erachtet wurde, bei gleichzeitiger Fähigkeit zur Improvisation. Hermann hatte seinem ‘Boy’, seinem Diener und Koch Gajus gezeigt, wie man Brot backt, und zwar in einem Ofen, der aus drei Steinen und einem leeren viereckigen Petroleumbehälter besteht. In diesen kommt eine Sandschicht hinein und darauf wird die Backform mit dem Brotteig gesetzt und, voilà, nach einer Stunde kommt ein Laib Brot heraus. „Auch Eierkuchen, Pudding etc. habe ich jetzt mehrere Male machen lassen nachdem ich’s (hört!) dem Gajus gezeigt habe.“ Auch auf Vorratshaltung versteht er sich. Nachdem Hermann eine Rehkeule von Batak-Christen in Laguboti erhalten hat, legt er einen Teil davon in Essig zur Konservierung ein, gibt aber das meiste Fleisch an seine Boys weiter. Er hat auch drei Enten und gegenwärtig so viele Eier, dass er einige sogar verschenken kann. Erfreut berichtet er, dass auch Kartoffeln hier wüchsen.

In dieser Welt bekommt Hermann manchmal auch Besuch. Die Missionsstationen sind ein Netz, in welchem alle Missionare aber auch alle anderen Europäer sich bewegen. Es ist selbstverständlich, dass man in der Fremde zusammenhält. Und so berichtet Hermann: „Unser Präses, Bruder Nommensen schreibt mir, daß er sich in Kürze mit seiner Familie hier sehen lassen wolle und sehen was für ein herrliches Junggesellenleben ich führe. Wie oft habe ich Martha herbeigesehnt, wenn Besuch da war, denn mein Gajus verliert dann meist den Kopf, stellt Maggis Suppengewürze zum Milchreis oder Senf zum Kuchen usw. Ich freue mich, daß Martha mir manche Arbeit abnehmen wird, was Küche Haus und Garten betrifft, damit ich dann umso mehr mich der eigentlichen Missionsarbeit widmen kann.“

Wegen der Missionsarbeit ist er ja eigentlich nach Sumatra gekommen. Die sprachliche Verständigung wird aber zu Anfang noch nicht ganz einfach gewesen sein. Zugang zu den hier lebenden Batak findet er zunächst vor allem durch medizinische Hilfe. „Anerkennung finde ich oft bei den Leuten, wenn ich ihnen Medizin gebe. Schon das ist ihnen auffallend, daß der Tuan sich seine Arbeit nicht bezahlen lässt wie das z.B. ihre Datu (Zauberpriester) tun. Oft wollen sie mir Hühner oder Bananen als Dank bringen und wenn ich’s dann ablehne, sind sie manchmal ganz traurig oder fühlen sich beleidigt, so daß ich hie und da annehmen muss. Da viele von ihnen solche Bereitwilligkeit zu helfen noch nie gesehen und erfahren haben, so hört man manchmal Worte voll Staunen und Verwunderung. Z.B. sagen sie: „na zoga do hami Batak di roha ni tuani,“ wir Bataker sind dem tuan teuer. Oder ein anderer sagt lachend: „na songon kurang mokmok do hami di roha ni tuani“ = der Tuan denkt wir seien nicht dick (fett) genug. oder: „na basa do tuan ta“ = der Tuan ist gütig.“ Solche Bemerkungen sind für Hermann dann Anlass, ihnen einige christliche Lehren zu erklären. Gern fügt Hermann seinen Briefen Sätze in batakscher Sprache ein. Will er der Heimat einen Hauch Exotik hinüberschicken, freut er sich einfach seiner wachsenden Sprachkenntnisse oder zeigt er, dass er wirklich angekommen ist?

Die Missionsarbeit „draußen“ vollzog sich schon immer in engem Kontakt mit den Heimatgemeinden in Deutschland. War ein Missionar auf Heimaturlaub, reist er durch die Gemeinden und erzählt von der Missionsarbeit. Es ist die große Zeit der „Bekehrungsgeschichten“, von denen auch Martha später einige berichten wird. In den Gemeinden jedenfalls wurden Spendengelder und Sachspenden gesammelt, um die Arbeit „unter den Heiden“ zu unterstützen. Die Gemeinden partizipierten so an diesem „Gottesdienst“, an der „Errichtung des Reichs Gottes auf Erden“. In der Umkehr wurde dann den Gemeinden regelmäßig Bericht erstattet, was aus ihren Spenden geworden sei, aber auch um sie an der Arbeit der Heidenmission“ teilhaben zu lassen. Die Gemeinden sollten das Gefühl einer aktiven Teilhabe gewinnen. Gleichzeitig waren diese Berichte immer auch Werbung um weitere Spenden. So also auch in einem wie eine Predigt zu lesenden Brief Hermanns vom 15. Juli 1906 an die Gemeinde Miehlen, die ihm eine Glocke gespendet hatte. Hermann hebt hervor, welche Bedeutung die Missionsarbeit für diese armen Menschen habe und schreibt:

„Ich habe auch schon im vorigen Briefe erzählt, daß hier etwa 6000 Menschen wohnen die alle noch in der Finsternis des Heidentums dahinleben … Daß diese Aufgabe nicht leicht ist werdet ihr verstehen. Denn ein Volk das Jahrhunderte lang dahin gelebt hat in der Gottesferne, das nie die Botschaft des Heils vernommen sondern in beständiger Furcht vor bösen Geistern schwebt wird sich nicht so bald losreißen von den von Vätern und Großvätern her ererbten Sitten und religiösen Gebräuchen. Sollte man diese Leute nicht lieber ruhig so weiter leben lassen anstatt ihnen fremde Sitten und noch gar eine ihnen gänzlich fremde Religion aufzudrängen? Nun, meine lieben Freunde, so kann nur derjenige fragen der sowohl die Gräuel und das Elend des Heidentums einerseits, als auch das Evangelium mit seiner Gotteskraft und seiner weltumfassenden Aufgabe andererseits nicht kennt “

Unwillkürlich sieht ein Leser dieses Briefs die Menschen der Gemeinde Miehlen vor sich, welche diesen Brief von der Kanzel aus vorgelesen bekommen, diesen vielleicht beeindruckt und zustimmend zur Kenntnis nehmen. Immer auch schwingt mit Sicherheit der Zauber der Fremdheit mit, eine Exotik, die es hier zu bestaunen gilt.

Hermann bedankt sich jetzt vor allem für die Glocke, welche die Gemeinde Miehlen, Marthas Heimatgemeinde, durch eine Sammlung finanziert hatte und die nun endlich aus Deutschland angekommen war. Er erzählt der Gemeinde, wie es nun mit ihrer Glocke weitergegangen sei. Der Weg der Glocke beschreibt auch die logistischen Probleme dieser Zeit. Die Glocke war im Hafen von Sibolga ausgeladen worden und musste von dort aus in zehn Tagen bis an den Tobasee getragen werden. Der Transport mit dem Boot bis zu seiner Station hatte dann noch einmal zehn Stunden benötigt. Was sollte nun mit der Glocke geschehen? Nach ihrer Ankunft rief Hermann die Häuptlinge zusammen und berichtet, wie er zu ihnen sprach: „Nun bin ich schon 3/4 Jahr unter euch und ihr wisst allmählich, warum ich hierhergekommen bin. Ihr habt auch je und dann Leute aus euren Volksgenossen gesehen, die sich in achtbaren Stellungen befanden wie Lehrer, Aufseher, Schreiber und Polizisten. Alle aber haben früher die Schule besucht und dort vielerlei gelernt. Sollen nun eure Kinder immer dumm und unwissend bleiben oder ist’s nicht besser wenn auch sie allerlei Nützliches lernen?“ Er forderte die Häuptlinge auf, eine Schule zu bauen, die dann auch als Kirche dienen könne bis eine solche später gebaut würde. Dann zeigte er ihnen die Glocke, und erklärte, ihr Zweck sei es, die Anwohner zusammen zu rufen. Die Häuptlinge stimmten zu und die Zimmerleute, welche auch die Missionsstation gebaut hatten, errichteten anschließend ein Gerüst, auf das die Glocke hinaufgezogen wurde. Der bataksche Lehrer Marinus, der nicht erwarten konnte, den Klang der Glocke zu hören, läutete den Sonntag ein, bevor Hermann ihn dazu aufgefordert hatte. Und nun, nach Sonnenuntergang, als nur noch einige wenige rote Wolken im Westen am Himmel zu sehen waren, wurde der friedliche Ton der Glocke von der Halbinsel über den See zu den nahe gelegenen Dörfern getragen. Soweit Hermanns Bericht.

Hermann hält regelmäßig Gottesdienste. Bis jetzt waren aber noch keine Frauen dazu erschienen. Er schreibt: „Die Heiden fragen mich oft wann denn die Njonja nach Si Piak käme und besonders die Frauen schauen sehnsüchtig nach ihr aus. Bisher nehmen sie noch nicht am Gottesdienst teil, sondern halten sich noch zurück, doch hat mir der Lehrer erzählt, daß 18 Frauen in den verschiedenen Dörfern versprochen hätten zu kommen, sobald die Njonja da wäre.“ (15. Juli 1905)

Er hofft sehr auf die Ankunft Marthas und schreibt: „Wenn meine Martha erst hier ist, dann kann ich auch ruhiger in die Dörfer gehen und auch dem Sprachstudium noch mehr Zeit widmen. Wenn auch die bataksche Sprache nicht gerade sehr schwierig ist, so gehört doch ein intensives Studium dazu in solch einer Eingeborenensprache zu Hause zu sein. Das Bataksche hat einen ungeheuren Wortschatz und es gibt viele Worte, die sogar unserm gewandtesten und tüchtigsten Sprachkenner, [Missionar] Nommensen, nicht geläufig sind. Bald lernen Martha und ich täglich eine Stunde gemeinsam in der Sprache, denn Martha wird sich mit dem ‚Küchenlatein’ nicht begnügen wollen, sondern soweit es möglich ist, mit mir die Sprache gründlich lernen.“ (15. August 1906)

Der Bau des Hauses, welchen er begonnen hat, kommt gut voran, Hermann muss jedoch stets hinter den Arbeitern her sein, damit sie nicht das teure Holz verschandeln. Aber mit dem Hausbau liegt nun der erste und auch schwierigste Teil zur Errichtung der Station hinter ihm. Ein Schulgebäude und die Kirche werden folgen.

Inzwischen ist sogar auch der Backofen aus Deutschland angekommen, aber ohne das dazugehörige Ofenrohr. Entweder war es vergessen, separat verpackt, oder irgendwo verlegt worden. Hermann schreibt, dass, wenn es nicht bald ankomme, der Petroleumbehälter mit seinen drei Steinen weiter verwendet werden müsse.

Ebenso wie Hermanns Station liegen viele Missionsstationen rund um den Tobasee oder sind über diesen am besten zu erreichen, denn eine entwickelte Infrastruktur, z.B. Straßen, gibt es so gut wie keine. Es werden lange Einbäume, solus genannt, benutzt und auch kleinere Bote. Bald gibt es hier auch eine erhebliche Neuerung und Arbeitserleichterung: Am 25. September kommt das neue maschinenbetriebene Missionsboot, die „Tole“ [„Vorwärts“], zum ersten Mal in Si Piak an, und gleich mit einer vollständigen Besatzung von Tuans, einschließlich Ludwig Nommensen. Hermann versucht, sich auf diesen Ansturm vorzubereiten: „Dem Gajus sagte ich schon am Nachmittag gegen 5 Uhr er solle zum Abendbrot einige Kuchen backen, doch war er gegen 8 Uhr noch nicht fertig damit, denn wenn Besuch da ist gerät der gute Junge meist aus dem Geleise und verliert den Kopf. Dann kommt’s wohl vor, daß zu Kaffee und Brot auch Maggis Suppenwürze auf dem Tische prangt. Immerhin sind meine Gäste alle satt geworden und sowohl der Kuchen als auch die Kartoffelsuppe (Tafeln) und Enteneier haben ihnen gut geschmeckt. Von hier ging’s am 26. nach Tiga Ras und Purba und auf der Rückfahrt am 29. wären die Herren noch einmal meine Gäste. Das Motorboot scheint sich gut zu halten auch wenn starke Wellen kommen. Morgen sende ich zum letzten Mal das RuderBoot nach Toba und dann wird die 'Tole' ihre regelmäßigen Fahrten machen.“ (7. Oktober 1906)

Im selben Brief erzählt er auch von den Fortschritten des Schulneubaus: Die Dorfeinwohner hatten tatsächlich wie vereinbart das erste Holz angeliefert. Allerdings hat Hermann Druck gemacht. Jedermann musste seinen Teil dazu beitragen, ob er wollte oder nicht! Er schreibt: „Da habe ich … ein Gesetz gemacht, daß das Holz noch in diesem Monat kommen muss und jeder der sein Teil nicht bringt, muss 4 Dollar bezahlen, 2 an den Radja und 2 für die Schule. Da denkst Du, lieber Vater vielleicht: also auf diese Weise breitest du das Reich Gottes aus. Nun, unsere 'Kinder' kann man nicht ohne Strenge zum Guten erziehen und auf diese Weise werden auch die Faulen und Trägen aus ihren Verstecken geholt. Später werden sie noch dankbar dafür sein, daß ich energisch vorgegangen bin.“

In diesem Brief vom 7. Oktober 1906, der an Marthas Eltern gerichtet ist, schreibt Hermann, wie glücklich er über einen Brief Marthas sei, in dem sie ihre Ankunft auf Penang [3] für den 2. November angesagt hat. Martha ist nun wohl schon unterwegs und Hermann hat ihr bereits eine Postkarte nach Aden geschrieben, dessen Hafen das Schiff anlaufen würde, und ebenso auch einen Brief nach Colombo auf Ceylon [4].

Uns heutigen, weltreisegewohnten Menschen mögen solche „Nachrichten zwischendurch“ ungewöhnlich vorkommen, aber damals war eine solche Schiffsreise um die halbe Welt nicht nur lang, sondern überhaupt äußerst ungewöhnlich, ein Abenteuer. Auch ging es einer noch sehr ungewissen Zukunft entgegen, eben in die „Fremde“, so dass jeder bestrebt war, den Reisenden mit Grüßen zu begleiten.

Nun aber, da Marthas Ankunft kurz bevor steht, muss es schnell gehen, denn alles soll vorbereitet sein. Hermann berichtet, er erwarte, die Bauarbeiter in acht bis zehn Tagen entlassen zu können, und bringe nun alles in beste Ordnung, damit das Haus nicht wie eine Junggesellenwohnung aussähe. Einige Möbelstücke sind bereits angekommen, und was noch fehlt, soll in Kürze von der Missionsindustrieschule in Si Antar eintreffen. „Ja solch ein neues Haus und seine Einrichtung, wie manchen Gulden kostet’s doch!“, stellt er fest.

Er schließt seinen Brief mit einem Erlebnis ganz besonderer Art:

„Ich ging nach dem Abendbrot noch einen Augenblick nach draußen und als ich zum kleinen Hause, worin ich noch wohnte, zurückkehrte und sorglos langsam den Pfad hinauf ging trat ich plötzlich auf eine gleichsam federnde weiche Masse. Im selben Moment fuhr ich erschreckt zusammen und stieß einen Schrei aus. Ich hatte auf eine Schlange getreten und sah im matten Schimmer des Mondlichtes wie sie hoch empor sprang und dann unter fortwährendem starken Schnaufen Reißaus nahm. Ich warf einen in der Nähe liegenden Klotz auf sie währenddessen ein Junge mit Licht kam. Niemand wagte sich in die Nähe des wütenden Tieres jedoch ein Schrotschuss in den Hals machte ihm den Garaus. Diese 1 1/2 Mtr. lange Schlange war nach Aussage meiner Schreiner eine der giftigsten die hier auf Sumatra sind. Meine Schuhe hätten auch wohl kaum gegen ihren Biß geschützt denn ein Kind von Geschwister Schrey ist von einer Schlange in den Fuß gebissen worden trotzdem es Schuhe an hatte. So habe ich allen Grund von besonderer göttlicher Bewahrung zu reden.“ Er schließt mit einem Blick in die nahe Zukunft: „Wenn dieser Brief in Miehlen ankommt dann wird meine liebe Braut sich wohl auf der Reise nach Sumatra befinden. Bald schreiben Martha und ich gemeinsam.“

Marthas Ausreise

Anfang Oktober 1906 macht sich Martha auf den Weg nach Sumatra. In einem Brief, den sie am 9. Oktober vom Hotel Du Milano in Genua schreibt, berichtet Martha von der langen Anreise aus Deutschland. Sie war in einer Gruppe von der Mission mehr oder weniger nahe stehenden Menschen unterwegs, die alle nach Genua wollten, um von dort aus in alle Welt weiter zu reisen.

Es scheint, dass diese Zugreise die erste wirklich lange Reise ist, die Martha je unternommen hat. „Die Fahrt bis Genua war ganz unbeschreiblich schön“, schwärmt sie und beschreibt die Sicht auf den Vierwaldstädter See, den Luganer und den Comer See in glühenden Worten. Dann fährt sie fort:

„Die Fahrt durch Tunnel ist ein zweifelhaftes Vergnügen; man erstickt fast und ist wie erlöst, wenn es hell wird. Aber man kann gar nicht genug Augen haben; man möchte nur alles so festhalten und länger genießen. So wunderbar schön ist Gottes Welt.“ Ein längerer Aufenthalt in Mailand ermöglicht es ihr, den Dom zu besichtigen, bevor die Gruppe im Laufe der Nacht dann weiter bis nach Genua reist und dort im Hotel Du Milano Quartier nimmt. Es ist ein Uhr nachts als sie ankommen und Martha notiert: „In Genua ist noch ein riesiger Verkehr auf den Straßen. Man fühlte sich gleich ganz und gar in fremdem Land. Diese wild gestikulierenden Italiener, sie kommen einem immer sehr in Aufregung vor. Sie sind übrigens sehr höflich und zuvorkommend…“. Im Hotel beeindrucken sie die geräumigen Zimmer mit Marmorböden und orientalischen Teppichen, „wie ein Märchen in Tausend und einer Nacht“. Die lebhaften Italiener machen sie ein wenig nervös; die Anzahl der Kellner und Zimmermädchen, die vielen Farben, die unzähligen elektrischen Lichter, die Blumen und Palmen tauchen die Situation für sie jedoch in eine magische Atmosphäre. Es muss auch das erste Mal gewesen sein, dass sie das Meer sieht. Sie schreibt: „Und nun das Meer. Es ist wunderbar; man kann sich keine Vorstellung machen. Vom Hafen aus sieht man nichts als Schiffe, aber vom Leuchtturm aus hat man eine wunderbare Aussicht. Dies tiefe blaugrün der Farbe und darüber die lachende Sonne.“

Am folgenden Tag, es ist der 10. Oktober, geht sie an Bord des Dampfers „Bülow“. Das Schiff sticht am nächsten Morgen in See, noch eine ganze Weile gefolgt von unzähligen kleinen Booten, von denen aus alle möglichen Arten von Waren lauthals angeboten werden. Bereits am ersten Abend, um 9.00 Uhr, schreibt sie den nächsten Brief an die Eltern in Miehlen, will sie teilhaben lassen und vor allem den Kontakt halten, jetzt wo sie Europa verlässt: „Meine Lieben", schreibt sie, „Ich denke so oft, so oft an Euch Lieben; ich war aber doch froh, daß niemand von Euch am Ufer stand, als das Schiff heute Morgen abging; es ist ein ganz eigenes Gefühl wenn die Stricke gelöst werden. Bald aber war man so in Anspruch genommen mit Sehen, daß man keinen trüben Gedanken nachhängen konnte." Wegen der vielen mitreisenden Engländer findet sie das Leben an Bord sehr interessant. Sie teilt ihre Kabine mit einer Dame aus Deutschland und einer Amerikanerin mit ihrem fünf Jahre alten Sohn. Da weder die Engländerin noch die Amerikanerin Deutsch sprechen, sieht sie darin eine gute Gelegenheit, ihre eigenen Englischkenntnisse zu verbessern. Das Schiff und das Leben darauf beeindrucken sie: „Es ist eine Pracht hier auf dem Schiff, einfach großartig. Die Damen entwickeln eine Toilettenpracht, daß es einem ordentlich unheimlich wird. Eben ist fast alles hier im Speisesaal versammelt, es wird musiziert; wir haben einen Hauptmusiker und Komiker an Bord, auch zwei English Ladies, die großartig singen. Es ist ein interessantes Leben und Treiben. Auch viele Kinder sind an Bord, die spielen sehr vergnügt den ganzen Tag; auch ein Chinese mit einem Zopf bis an die Erde und eine chinesische Kinderfrau.“

Als sie in Neapel ankommen, schwärmt sie wiederum von der Schönheit der Lage, besonders der der Insel Capri. „Um 10 Uhr waren wir in Neapel. Ganz majestätisch mit Musik fuhr das Schiff in den Golf von Neapel. Der Blick auf Neapel, Pompei den Vesuv und seitwärts die Insel Capri ist unbeschreiblich schön. ´ Sieh Neapel und stirb! ´ man kann das Wort wirklich bald begreifen. Es ist ein wunderbarer Blick, kein Maler kann ihn so schön wiedergeben.“ (12. Oktober 1906) In Neapel bleibt das Schiff auf Reede. Die Händler kommen jedoch geschwind in ihren kleinen

Booten, um ihre Waren anzubieten, während andere um Münzen betteln. Die Schiffspassagiere werfen die Münzen einfach über Bord ins Wasser und geschwind wie die Fische tauchen die Jungen und holen sie wieder herauf. Martha lässt sich mit ihrer Reisebegleiterin an Land rudern, wo sie einen Führer nehmen, um Pompeji und Neapel zu besichtigen. Von der schönen Architektur ist sie beeindruckt, das Betteln und den überall herumliegenden Abfall hingegen findet sie abscheulich.

Abends kehren sie auf das Schiff zurück und Martha erzählt: „Um neun Uhr waren wir glücklich im Schiff angelangt. Noch bis spät in die Nacht hinein umgaukelten die Italienerboote das Schiff. Diese feurigen Gesichter und dazu die bunten Trachten und das Mandolinenspiel und die schwermütigen, melodischen Gesänge boten ein interessantes Bild. – Der Vesuv raucht nur etwas. Man wundert sich, bis in welche Höhe hinauf er bebaut ist. – Wir gingen bald in unsere Kabine und am anderen Morgen waren wir schon weit, weit fort; ich hatte gar nichts von der Weiterfahrt gemerkt, so fest habe ich geschlafen."

Ihr Schiff durchfährt die Straße von Messina, dann den Suez Kanal, um am 19. Oktober das Rote Meer zu erreichen. Die Hitze wird dort so unerträglich, dass alle Passagiere an Deck schlafen, in den Kabinen ist es einfach viel zu heiß. Martha nimmt es mit Humor und erzählt: „Es ist ein urkomisches Bild, wenn alle Stühle und Bänke und die Rettungsboote voll schlafender Menschen liegen. Um ein Uhr kommen die Matrosen und spritzen das Deck ab; sie setzen es ganz unter Wasser. Man bleibt ungestört auf seinem Stuhl liegen, rettet nur seine Schuhe, wenn man sie neben dem Stuhl stehen hat, und lässt das Wasser ruhig unter dem Stuhl herfließen, es läuft von selbst ab. Man hat dann natürlich keine ungestörte Nachtruhe, aber unten in der Kabine kann man gar nicht schlafen.“ (19. Oktober 1906)

Fliegende Fische und das abendliche Meeresleuchten beeindrucken sie. „Wir sehen auch jetzt das ‚Südliche Kreuz’. Der Orion, den wir zu meiner Freude auch noch sehen, ist mindestens ebenso schön. Der ‚Große Bär’ ist nach und nach verschwunden. Der Sternenhimmel ist hier so wundervoll klar; überhaupt kommt es einem vor, als wären hier Himmel und Erde viel näher beieinander.“

Nur über den Geschmack des Trinkwassers klagt Martha: „Das Trinkwasser schmeckt immer unangenehmer; es wird ja immer durch Eis gekühlt und schmeckt oft eisig kalt, aber man scheut sich es zu trinken." Aber Limonade und verschiedene Fruchtsäfte sind jederzeit verfügbar. Auch das Fleisch wird von ihr bei dieser Hitze mit Misstrauen betrachtet, obwohl die vier Metzger an Bord jeden Tag schlachten und das Fleisch also wirklich frisch ist. Ansonsten ist alles sehr sauber. Auf dem Schiff wimmelt es von chinesischen Arbeitern, die den ganzen Tag alles waschen und schrubben.

Am 22. Oktober, das Schiff hat inzwischen den Indischen Ozean erreicht, stellt Martha fest, dass die Reise anfinge sie zu ermüden. Sie schreibt an die Eltern: „Es kommt mir schon so lange vor, daß ich von Euch Abschied genommen habe, es könnte gut ein Vierteljahr sein und doch sind es nicht einmal ganz drei Wochen. Man sehnt sich allmählich vom Schiff herunter zu kommen. Eine so lange Seereise ist keine Erholung, im Gegenteil, man wird immer müder und kaputter. Die ersten 14 Tage waren wirklich schön und erfrischend. Aber jetzt steckt die Hitze so in den Kabinen drin, daß man selten einmal gut schläft. Je müder man ist, desto mehr spürt man das beständige dumpfe Arbeiten der Maschinen und jede Bewegung des Schiffes und schließlich möchte man schlafen und immer schlafen, wenn man nur könnte."

In Aden bereits waren die Passagiere nicht an Land gegangen, da die Stadt, von Bord aus gesehen, zu trostlos aussah. Sie meint: „Es [Aden] lag so ungemein kahl und öde und dürr in der heißen Sonne, daß man gar keine Lust verspürte, sich an Land rudern zu lassen.“

Das Schiff hatte die Insel Sokotra und das Kap Guardafui. passiert, bis zur Ankunft in Ceylon [3] würden sie kein Land mehr sehen. Nochmals beschreibt sie ihre Freude an den wechselnden Erscheinungen des Meeres und dem nächtlichen Sternenhimmel. Doch dann wird es ungemütlich: Das Schiff gerät in einen schweren Sturm und viele Passagiere haben mit Seekrankheit zu kämpfen. „Gestern kam die Seekrankheit mit Macht; … es ist ein jämmerliches Gefühl. Wir essen Rollmöpse, Heringe (sogar ich) und Saure Gurken. … Viele, die die Reise schon mehrere Male gemacht haben, haben noch nie so anhaltend stürmische See im indischen Ozean erlebt. Wir waren schon zwei Nächte nicht im Bett. Die Luken sind alle fest verschraubt, weil das Meer zu hoch steigt und die Luft ist zum Ersticken in den Kabinen. Man hat hier auf Deck keine rechte Nachtruhe, aber man hat wenigstens Luft.“

Kurz bevor sie die Hauptstadt Colombo auf Ceylon erreichen, beschreibt sie, wie zwei Tage zuvor einer der chinesischen Arbeiter, er war an einem Hitzschlag verstorben, einfach über Bord geworfen worden war.

Es ist Freitag. Sie hofft bereits am kommenden Dienstag in Penang [4] zu sein.

Am 30. schließlich kommt Marthas Schiff in George Town auf der Insel Penang an, wo sie von Hermann mit Freuden erwartet wird. Er war von Sumatra aus angereist, um sie dort abzuholen. Bereits am nächsten Tag heiratet das Paar. Grund für die schnelle Hochzeit: Hermann hatte bei den Holländern Schwierigkeiten mit ihren Heiratspapieren gehabt. Die Briten auf Penang waren großzügiger und begnügten sich mit der Anwesenheit einiger Zeugen. Da eine Reihe anderer Missionare vor Ort waren, bestand hier kein Problem. So wird eben kurzerhand gleich auf Penang geheiratet. Die Hochzeit wird anschließend mit Freunden in ihrem Hotel gefeiert.

Die Missionarstochter Luise Winkler-Metzler war eine der zufällig anwesenden Gäste. In ihren Erinnerungen gibt sie eine lebendige Schilderung der Hochzeit, die deshalb hier unbedingt eingefügt werden soll: „Am nächsten Morgen standen wir früh auf, um rechtzeitig am Strand zu sein, wenn das Schiff von Europa einliefe. Die Braut von Missionar Weissenbruch kannte ich schon von Deutschland sehr gut. … Als sie ankam, freute sie sich so arg, nicht lauter fremde Gesichter zu sehen. Sie war aus allen Wolken gefallen, als es hieß, sie würde heute schon Hochzeit feiern. Zum Glück hatte sie Hochzeitskleid, Kranz und Schleier im Schiffskoffer und nicht etwa in der Kiste Nun gingen wir alle zunächst einmal ins Hotel, machten uns

festlich zurecht und besprachen mit dem Hotelbesitzer alles wegen des Festessens am Mittag. Die Trauung auf dem Standesamt und in der Kirche verlief kurz und schmerzlos, natürlich alles auf Englisch. … Im Hotel war schon eine lange Tafel für uns gedeckt, sie hatten sogar mit Blumen geschmückt und Sträuße auf dem Tisch. Es wurde ein nettes gemütliches Fest. Für die Braut war es schön, daß wir alle zufä llig dabei waren, sonst wäre es wohl gar zu wehmütig geworden.“ (S. 61ff) Nach der Hochzeit verbringt das Paar noch zwei weitere Tage auf der Insel.

Am 2. November besteigen sie einen chinesischen Dampfer – und was dies für ein Schiff ist! Martha beschreibt es so: „Von diesem Duft und diesem Schmutz macht Ihr Euch keine Begriffe. Außer uns waren nur noch Chinesen und Malaien da. Uns wurde ein Plätzchen auf der Kommandobrücke eingeräumt; dort oben war es ganz nett sauber und wir hatten auch frische Luft.“ (6. November 1906) Es ist der sauberste Platz an Bord, den sie nun mit dem Kapitän, auch einem Malaien, teilten. „Hermann hatte mir einen prachtvoll bequemen longchair gekauft und als der gleich am Anfang der Fahrt festgebunden wurde, fing mir die Sache schon an bedenklich zu werden.“ Es war gut, dass die Stühle angebunden waren, denn die See wurde tatsächlich unruhig und sie wären sonst über Bord gegangen.

Zunächst jedoch bereitet der Schiffskoch unter Deck etwas zu, was Martha „Stinkfisch" nennt. Sein schrecklicher Geruch verbreitet sich sogar bis zur Kommandobrücke, und die beiden sind froh, als das Essen der Mannschaft endlich vorbei ist.

Da der Kapitän kein Englisch spricht und die beiden auch kein Malaiisch und sie sich nur leicht proviantiert hatten, versuchen sie mit einiger Mühe, den Kapitän um etwas Obst zu bitten. Der nimmt eine Ananas in seine linke Hand und während er die Frucht über die Reling hält, zieht er seinen Dolch vom Gürtel und hackt die Schale ab. Dann bietet er sie an, und beide essen sie mit Vergnügen, ungeachtet der wenig appetitlichen Zubereitung. Die Nacht wird dann tatsächlich sehr stürmisch und beide werden seekrank. Am Morgen aber kommt Land in Sicht. Es ist Ebbe und sie müssen noch einige Stunden warten, bevor das Schiff um 15.00 Uhr endlich in Batu Bara auf Sumatra anlegen kann.

Nach vierwöchiger Reise hat Martha ihr erstes Ziel erreicht.

Von der Küste nach Si Piak

Batu Bara war eine kleine, inmitten von Sümpfen gelegene Hafenstadt mit sehr ungesundem Klima. Als Martha und Hermann das Schiff verlassen, kommen sie an einem Krokodil vorbei, das gerade gefangen worden war und nun tot am Ufer liegt. Martha nimmt es kaum wahr: „Man war zu müde, um sich viel dafür zu interessieren, erst als wir von einem Regierungsbeamten, einem Holländer, ein Glas Limonade bekommen hatten und dann in einem Hotel Kaffee getrunken hatten, wurde es uns wieder einigermaßen menschlich zu Mute. Batu Bara ist sehr ungesund. Der Holländer sieht ganz krank aus, er bekommt alle drei Tage Fieber.“ (6. November 1906) Auch der dänische Hotelbesitzer begrüßt sie herzlich und schenkt Martha einen

„prachtvollen Rosenstrauß“. Man hatte ihnen abgeraten, in diesem Hotel Quartier zu nehmen, und so suchen sie nach Möglichkeiten, ihre Reise fortzusetzen. Mit Hilfe eines kleinen Lexikons gelingt es Hermann zwei Rikschas zu mieten. Martha wird ganz unzeremoniell in die erste Rikscha gesetzt und während Hermann noch im Begriff ist, mit dem zweiten Fahrer zu verhandeln, zieht ihre Rikscha bereits zügig von dannen. Da Martha ihren Ehemann nun nicht mehr sehen und sie auch nichts erfragen kann, ist sie wie erlöst, als sie irgendwann hinter sich eine andere Rikscha erblickt, in der, wie sich herausstellt, tatsächlich ihr Hermann sitzt. Immer tiefer geht es nun in den Wald hinein. Die Wege werden bisweilen eng und schwer passierbar. Oft müssen sie aussteigen, damit die Wagen nicht gänzlich stecken bleiben. Aber Martha ist begeistert von ihren ersten Dschungeleindrücken und behauptet, dass sie später nie mehr einen so wunderbaren Wald gesehen hat mit seinen von Lianen und Orchideen überwachsenen gigantischen Bäumen. Sie ist von diesem ersten Eindruck augenscheinlich überwältigt.

Um neun Uhr abends kommen sie schließlich auf einer Kaffeeplantage an, auf welcher die ganze Hochzeitsgesellschaft bereits auf der Hinreise nach Penang genächtigt hatte. Die Plantage war im Besitz eines Schweizer Junggesellen mit Namen Sulger, mit dem Hermann bekannt war.

Da es, abgesehen von größeren und Küstenstädten, keine Hotels oder anderweitige Unterkünfte gab, war es in jenen Zeiten, wie auch noch in späteren Jahren üblich, dass man auf Reisen bei Europäern Station machte. Man unterstützte sich gegenseitig in dem fremden Land, so wie auch später viele Durchreisende immer wieder Station bei den Weissenbruchs in Si Piak machten.

Sie sind nicht angemeldet, aber Herr Sulger lässt für die beiden ein Abendessen kochen und stellt ihnen für die Nacht ein Zimmer zu Verfügung. Martha ist von der schönen Umgebung der inmitten von Palmen gelegenen Plantage sehr beeindruckt. „Überhaupt lässt sich die Tropenschönheit nicht beschreiben; man muss es gesehen haben, um es sich vorstellen zu können. Das saftig Grün-Üppige und die fremden Vogelstimmen, die wunderbare Färbung des Himmels, überhaupt der ganze eigenartige Duft, – das alles kann man sich nicht vorstellen“, schreibt sie enthusiastisch.

Am nächsten Morgen lässt Herr Sulger sie in einem seiner Pferdewagen zum nächsten, drei Stunden entfernt liegenden Dorf fahren. Dort bringt eine Fähre sie über einen Fluss, auf dessen gegenüberliegender Seite bereits seit einigen Tagen einige Männer von Adji Bata auf sie warten. Martha schreibt: „Hermann brachte mich gleich in ein bataksches Christenhaus und besorgte dann Wagen zur Weiterfahrt. Die Hausfrau saß auf dem Boden auf einer Matte und staunte mich an, ich saß auf einem Stuhl und staunte sie auch an.“ Schon hier findet sie die schwarzen Zähne der Batak absolut scheußlich.

Diese intensive Verfärbung der Zähne wurde durch das Kauen von Betel, einem milden Rauschmittel, hervorgerufen. Das Betelkauen war allgemein verbreitet und jedermann führte die Zutaten stets bei sich. Gemeinsames Betelkauen war und ist auch heute noch Teil der sozialen Interaktion. Für den Betelgenuss wurde ein grünes Blatt des Betelpfeffers mit etwas Kalkpaste bestrichen, darauf kam ein Stückchen Betelnuss (Frucht der Betelpalme), schließlich wurde das Ganze zusammengefaltet, in den Mund geschoben und bedächtig gekaut. Den dabei entstehenden roten Speichelsaft spuckte man einfach auf den Fußboden. Für Europäer war das meist sehr gewöhnungsbedürftig.

Die Weiterreise gestaltet sich schwierig und ihr Wagen fährt sich oft fest. Martha erzählt: „Nun ging es wieder durch den Urwald, bei sehr schlechten Wegen, so daß wir manchmal bis an die Achsen im Schlamm saßen, auch manchmal plötzlich aussteigen mussten, mitten in den Schlamm hinein, weil das Pferd nicht weiter konnte. Hier und da saß ein Affe auf einem Baum, auch ganze Horden begrüßten uns mit ihrem Geschrei und es klang wie hämisches Lachen über unsere Schwierigkeiten.“ (Erinnerungen S.5)

Am Nachmittag kommen sie bei Freunden an, dem Missionar Simon und seiner Frau. „Es ist wunderschön hier," schreibt Martha, „so schön wie ich mir eigentlich nie ein Missionshaus gedacht habe. Es ist ja alles so rührend einfach, einfacher könnte man es gar nicht haben und doch ist alles so sehr nett. Das Haus ist oben ganz luftig; die Zimmer haben überhaupt keine Decken, man wohnt direkt unter dem rohen Dach, und zwar ist das Dach so angebracht, daß zwischen Zimmerwand und Dach noch ein 1/2 Meter breiter Luftraum ist." (6. November 1906) Während der ersten Nacht dort hören sie ganz in der Nähe den Schrei eines Tigers. Ihre Gastgeber laden sie ein, einige Tage länger zu bleiben, eine Einladung, die sie bereitwillig annehmen. Auch einige der schönen Rotang Möbel, welche die Weissenbruchs in Penang gekauft hatten, sind hier bereits eingetroffen, und müssen nun durch Träger weiter zum Reiseziel transportiert werden.

Hilde Simon weiht Martha gleich in die Geheimnisse eines indischen Haushaltes ein. Sie hält Gajus, Hermanns Diener, für sehr geschickt, zumal dieser auch schon für die Frau eines anderen Missionars gearbeitet hatte. Hilde Simon gibt Martha daher den Rat, das Kochen nach batakscher Art, zumindest am Anfang, ihm ganz zu überlassen. Das Kochen nach europäischer Art sei nicht leicht, da kaum Gemüse in der Höhenlage von Si Piak angebaut werde und es dort auch kaum Früchte gebe.

Martha ist sehr erstaunt als sie beobachtet, dass die drei Jahre alte Tochter der Gastgeber ein Gemisch von halb Bataksch und halb Deutsch spricht und sich jedes Mal, wenn sie eine fremde weiße Person sieht, außerordentlich fürchtet.

Die Weissenbruchs nutzen die Zeit ihres Aufenthaltes bei den Simons für morgendliche Ausritte, damit Martha sich an das Reiten auf den kleinen Batakpferden gewöhne, denn auf ihrer Reise nach Si Piak werden sie mehrere Tage im Sattel aushalten müssen. Bei einem dieser Ausritte hat sie ein Erlebnis, von dem sie sagt: „Ich möchte es nicht ein zweites Mal erleben!“ Und dann erzählt sie: „Mein Hermann und ich machten am Samstagmorgen noch einen Ritt in den Wald. Wir hatten gerade gerastet und Hermann hatte mir beim Aufsteigen geholfen und ich war dann schon fort geritten, während Hermann noch etwas an seinem Sattel zu ordnen hatte. Mein Pferd trabte ziemlich schnell und als ich mich herum drehte, um zu sehen ob Hermann kommt, sehe ich einen Tiger hinter mir her kommen. …

Zuerst war ich wie gelähmt vor Schreck, dann fasste ich die Zügel stramm und trieb mein Pferdchen zum Galopp; der Tiger hinter mir her, wohl drei Minuten lang. Was einem in solchen Momenten alles durch den Sinn geht ist gar nicht zu beschreiben. Die Losung von unserem Hochzeitstag stand mir immer vor Augen: 'Ich will euch tragen bis ins Alter und bis ihr grau werdet'. Die Gefahr in ihrer ganzen Größe kam mir gar nicht so klar zum Bewusstsein, ich blieb ganz wunderbar ruhig. Ich hatte nur immer den einen Gedanken: Hermann darf jetzt nicht kommen, sonst ist er verloren und ich musste eben schneller sein als der Tiger. Mein Pferd raste nur so dahin und plötzlich sehe ich auch Hermann ankommen und wie der Wind war der Tiger im Wald verschwunden. Die Tiere sind sehr feige; sobald sie hinter sich Gefahr glauben, reißen sie aus. Hermann hatte den Tiger gar nicht gesehen; er war ganz erschrocken, daß ich so weit vorgeritten war. Er kam so schnell angesaust und hat dadurch das Tier verscheucht. Wir stehen in Gottes Schutz, das habe ich recht erfahren.“ (15. November 1906)

Martha fühlt sich bei Simons sehr wohl. „Ich hole hier alles nach, was ich in den letzten Wochen an Schlaf versäumt habe, zumal die drei Tagereisen bis Si Piak noch sehr anstrengend sein werden.“ Sie machen auch Ausflüge in die Umgebung: „Heute Morgen waren wir im Dorf Bandar, haben uns die Wohnung des Fürsten mit seinen 10 Frauen und alles angesehen…“ (6. November 1906)

Am 12. November schließlich verlassen Martha und Hermann die Simons. Sie beschreibt diese Reise nach Si Piak in einem ausführlichen Brief an ihre Eltern in Miehlen. Mit sechs Trägern und zwei Führern reiten sie bis zum Mittag durch den Dschungel. „Auf solche Urwaldreisen nimmt man Matratzen, Decken, Kochtöpfe, Teller, Tassen, Löffel, Gabel, Messer, Tee, Kaffee, Brot, Butter, ein lebendes Huhn, kurz alles Mögliche mit. Wir freuten uns, daß wir unterwegs keinem Elefanten begegnet waren. Ihre Spuren konnten wir genau verfolgen.“ Oft war der Pfad zugewachsen und so ging stets einer der Führer voraus, um den Weg mit einer Machete frei zu schlagen. „Die Hitze merkt man im Urwald gar nicht. Hier und da sah man Affen, die oft so dreist nach uns griffen, daß ich mich tief auf den Hals des Pferdes beugte, um ihrem langen Arm zu entgehen.“ (15. November

1906)

„Oft lichtet sich der Wald und man kommt in den wunderbarsten Palmenhain. Diese fremden Tierstimmen dazwischen, dies Gezirpe und Gesumme und Geschrei, das alles macht es einem klar, daß man im fremden Land ist. … nach 5 1/2 Stunden rasteten wir in einem kleinen Dorf, einer Chinesenniederlassung. Die Missionsleute haben überall ihre 'Hotels'. Es sind meist leer stehende Häuser, in denen nach der Aussage der Zauberpriester böse Geister wohnen und die deshalb nicht bewohnt werden … Um 1/4 vor 1 Uhr ging es weiter, immer durch Wald, bis wir um 1/2 5 Uhr nach Si Antar kamen … es steht dort ein neues, auch unbewohntes Häuptlingshaus, mit schöner, offener Veranda und drei Zimmern, Wir freuten uns rasten zu können. Die Jungens kochten sich ihren Reis und Gajus kochte uns Tee. Brot, Butter und Huhn hatten wir noch.“

Anschaulich beschreibt Martha die Reisebedingungen zu Pferd:

„Am anderen Morgen um 7 Uhr waren wir schon wieder unterwegs und nun ging es immer höher hinauf. Manchmal mussten wir tiefe, prachtvolle Täler durchqueren, es ging oft steil hinunter, aber man bleibt ruhig auf dem Pferd sitzen, die batakschen Pferde klettern wie die Katzen und haben sehr große Ausdauer. Wenn es sehr steil abwärts geht, stellen sie die Vorderbeine zusammen und rutschen hinunter; natürlich muss man sich dann ganz zurücklehnen, um nicht zu stürzen, auch durch die Flüsse hindurch steigt man nicht ab. Man zieht die Füße so hoch auf den Sattel wie möglich und fasst die Zügel stramm und dann geht es oft so tief ins Wasser, daß Kleiderund Füße oft doch noch im Wasser sind. Am anderen Ufer geht es meist gleich steil in die Höhe, … Wenn der Pfad nicht zu glatt ist, bleibt man auch dann sitzen. Man hält sich krampfhaft fest an der Mähne, lehnt sich ganz nach vorne. Und dann geht es im Sturmschritt hinauf. Es sieht ganz unheimlich aus und mit europäischen Pferden wären solche Ritte gar nicht denkbar. Jedes Mal absteigen würde sehr ermüden und auch sehr aufhalten. Die Pferdchen sind nicht beschlagen und klettern die steilsten Wege. Einmal stürzte mein Pferd und ich sah direkt über mir die vier Pferdebeine in die Luft ragen. Das Gefährliche ist, daß die Tiere sich bei einem solchen Fall gleich wälzen und man dann leicht einen Schlag bekommen kann. Ich hing im Steigbügel fest und konnte meinen Fuß nicht heraus bekommen, aber einer unserer Träger hatte mich mit … Schnelligkeit an den Schultern gefasst und in die Höhe gezogen, so daß wir beide, mein Pferdchen und ich, mit dem Schrecken davon kamen.“

„… am 2. Tag ritten wir nur bis 12 Uhr; wir rasteten in einem kleinen Dorf; in einem neu gebauten Lehrerhaus. Die Leute im Dorf hatten noch nie eine weiße Frau gesehen und begafften mich nach allen Regeln der Kunst. Manche begrüßten mich mit 'Tabe T u a n'! [Sei gegrüßt, Herr]. Sie wissen wirklich vielfach nicht, ob ich ein Mann oder eine Frau bin. Lange Haare und Röcke tragen hier auch manche Männer. Die Häuptlingsfrau brachte mir ein Huhn und Reis und nannte mich 'opung'; es ist das die höchste Ehrenbezeugung; eigentlich heißt es 'Menschengroßvater'. Ich glaube, die Leute, denen wir unterwegs begegneten hielten mich vielfach für einen Geist.“

Die Übernachtungsmöglichkeiten sind teilweise abenteuerlich. „Das Haus in dem wir übernachteten lag einsam am Wald und hatte zwei Türöffnungen aber keine Türen. Es war etwas unheimlich; wir verschlossen die Türen durch Matten so gut es ging und ließen eine Laterne brennen. Licht hält die Tiere ab. So schliefen wir, unter lauter Heiden, unter den so genannten 'Wilden'. Nachts um zwei Uhr brachte uns der Gajus schon den Kaffee; natürlich aus Versehen, er hat ja keine Uhr und glaubte, es sei Zeit zum Aufbruch.“

Am anderen Morgen soll die Reise weitergehen, aber dafür benötigten sie einen Führer. „Wir mussten Führer haben, da niemand den Weg kannte, sobald wir aber in die Nähe eines Dorfes kamen, flohen die Einwohner in den Wald und versteckten sich. Mit großer Mühe gelang es uns, einen Führer zu bekommen, einen radja. Der ritt auf seinem Pferdchen ohne Sattel voraus auf schmalem Pfad, dann kam ich mit meinem Pferd, das sich so schwer halten ließ. So schlüpfte der schmale Reiter auf schmalem Pferd plötzlich zwischen zwei dicken Baumstämmen durch, mein Pferd gleich nach, aber es war zu eng und wir saßen fest. Das Pferd zog mit voller Wucht vorwärts und mein Mann musste sich mit seiner ganzen Kraft dagegen stemmen, um es wieder zurück zu drängen. Alles war gerissen, Zaumzeug und Sattel und nun saßen wir erst wieder eine Zeitlang und flickten notdürftig mit Bindfäden.“ (Erinnerungen Martha S. 8) Schließlich kann die Reise fortgesetzt werden.

„Unsere Träger machten die Tour zu Fuß und waren dabei schwer beladen. Sie haben sehr viel Kraft und Ausdauer. Sie gingen auch zu Fuß durch die Flüsse, versanken oft bis unter die Arme im Wasser. Brücken findet man selten, höchstens ein übergelegter Baumstamm. Einmal kletterten Hermann und ich über einen solchen. Die Pferde mussten ausgesattelt werden, weil der Fluss zu tief war um hindurch zu reiten. Ein andermal trugen mich vier Bataker durch den Fluss, den ich nicht durchreiten wollte, weil er mir zu reißend war.“ (15. November 1906)

Martha schreibt begeistert über die Reise. Sie findet Sumatra wunderschön, und bedauert bloß, dass ihre Eltern dies nicht auch erleben können. Sie erzählt vom letzten Teil ihrer Anreise nach Si Piak: „So landeten wir endlich am dritten Tag oben auf der Höhe von Panahatan und hatten nun den unvergleichlich schönen See vor uns, tiefblau lag er in der … Sonne. Die Pferde wurden einen anderen Weg geführt. Ein Häuptling kam uns entgegen (ein Heide) und ließ es sich nicht nehmen, mich zu führen.

So hatte ich Hermann an der einen und den Häuptling an der anderen Seite und so führten sie mich, ich stützte mich auf sie, es ging nämlich sehr steil abwärts.

… Unten war das ganze Dorf versammelt, sie hatten alle noch keine weiße Frau gesehen. (Dort) wartete ein großes solu, ein Einbaum, mit 60 Frauen darin, wir kamen in die Mitte, die Frauen ruderten nach dem Takt des Häuptlings, der vorn auf der Spitze stand, den Takt schlug und sang. Das war eine unvergleichliche Überfahrt. Plötzlich fängt es unter unserem Sitz an zu quietschen und zu krabbeln, wir sahen nach, und entdeckten 4 kleine Schweinchen, die sie uns als Hochzeitsgeschenk zugedacht hatten. Leider sind sie in meiner Pflege nicht gediehen. So landeten wir also in unserem Si Piak. … Das Miehlener Glöckchen läutete und unser Lehrer Marinus mit seiner Familie begrüßte uns und eine große Volksmenge war versammelt.“

Die Ankunft der weißen Frau sorgt für Aufregung, die auch noch nach Tagen nicht abgeklungen ist. „Auch jetzt kommen immer noch Menschen an, die mich sehen wollen; die allerwenigsten haben jemals eine weiße Frau gesehen," erzählt Martha und fährt weiter fort: „Hermann und ich sitzen dann auf der Veranda und die Leute knien auf dem Boden und Hermann unterhält sich mit ihnen. Sie fragen so viel über meine Reise und über unser Deutschland, über unsere Wälder, ob es bei uns auch Tiger und Schlangen und Elefanten gäbe, und ob Hermann mich ‘gekauft’ habe. Viele bringen Huhn und Reis. Unser Lehrer tut uns große Dienste; er erzieht die Leute, daß sie nicht auf die Emper spucken, daß sie erst grüßen, ehe sie sich setzen und dann schickt er sie auch wohl fort, wenn die Leute zu lang bleiben.“

Das erste Jahr in Si Piak

Martha ist nun an dem Ort angekommen, an dem sie und Hermann die nächsten sieben Jahre ihrer Missionstätigkeit nachgehen sollten. Um ihre damalige Situation zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass die Weissenbruchs mitten in heidnischem Gebiet lebten. Es war noch gar nicht so lange her, da hatte die Gegend um Si Piak einen außerordentlich schlechten Ruf und war sehr gefürchtet. Es hieß, die hier lebenden Menschen seien Giftmischer, und niemand aus den Bezirken Toba und Simalungen wagte es, in den Dörfern Si Piak und Parapat zu übernachten. In den Höhlen an der Spitze der Halbinsel Si Piak sollte allerlei Gesindel hausen, die dort den Fischern auflauerten, welche dem Ufer zu nahe kamen. Waren diese von einem anderen Stamm, so wurden sie angegriffen, gefangen genommen und als Sklaven verkauft, oder, wenn ihre Verwandten sie nicht auslösten, sogar aufgegessen. Es bestand eine ständige Feindschaft zwischen den benachbarten Dörfern und Stämmen. Gerade kurz bevor Hermann 1905 in Si Piak angekommen war, hatte die holländische Kolonialregierung einige dieser Gefangenen befreit. Diese Aktion etablierte für eine Weile den Anschein von Frieden und Sicherheit. Das war die Situation, welche die Weissenbruchs zu Beginn ihrer Missionstätigkeit vorfanden.

Kaum angekommen nimmt der Alltag Martha gleich voll in Beschlag. „Wir bekamen am 4.Tag unseres Hierseins schon Besuch. Missionar Simon kam mit Missionar Brückner von Bandar; Missionar Brückner kann das heiße Klima in Bandar nicht vertragen und musste zum Arzt. Sie kamen am Samstagmittag und blieben, bis das Motorboot sie am Mittwoch früh hier abholte.“ (29. November 1906)

Aber zunächst einmal ist Martha hingerissen von ihrem neuen Zuhause. Das Haus, welches Hermann erbaut hatte, liegt mitten auf der Halbinsel etwa 20 m über dem wunderschönen und tiefblauen Tobasee, zu dessen Strand 20 Stufen hinabführen. Nach drei Seiten haben sie Aussicht auf das unergründlich tiefe Wasser mit seinen steilen Küsten. Die Insel Samosir auf der gegenüberliegenden Seite des Sees erinnert Martha an Sizilien. Der ganze See ist so groß und hat so viele Buchten, dass sie sich noch gar keine genauere Vorstellung von seiner Lage und Dimension machen kann. [Zum Vergleich: Die im Tobasee gelegene Insel Samosir ist etwa so groß wie der Bodensee]

Ab jetzt übernimmt Martha die Korrespondenz mit Deutschland und sie schwärmt: „Das Haus ist so einfach und so schön und die Zimmer so frei und froh, hell und luftig und alles so praktisch geordnet. Es ist auch alles schon so nett eingerichtet, wenn auch natürlich alles noch etwas kahl ist. Es macht mir so viel Freude zu ordnen und zu räumen." (15. November 1906) Wie ihr Frau Missionar Simon geraten hatte, lässt sie zu Anfang Gajus allein wirtschaften. Inzwischen funktioniert aber auch schon der Herd: Das Ofenrohr ist zwar immer noch nicht eingetroffen, aber Hilde Simon hatte ihnen eines gegeben. Marinus machte dafür ein Abzugsknie aus einer Blechdose. Der Herd steht nun direkt am Fenster und das Blechbüchsenknie führt den Rauch durch das Fenster nach draußen.

Mit Gajus ist Martha sehr zufrieden: „Es ist ganz merkwürdig, wie schnell man sich an den Anblick der Schwarzen gewöhnt. Die Bataker sind überhaupt nicht schwarz, sie sind dunkelgelb. Du solltest nur einmal sehen, Mütterchen, wie schön mir der Gajus meine Kleider wäscht und bügelt.“ (6. November 1906)

Sie kann sich mit Gajus noch nicht unterhalten und verfällt oft in die Gewohnheit, ihm Dinge in Englisch erklären zu wollen. Sie hilft sich zunächst mit Gesten und einigen batakschen Wörtern. Oft reicht das nicht und sie muss Hermann rufen, um etwas zu übersetzen. Zunächst einmal aber ist sie glücklich, dass sie sich nicht um die Hauptmahlzeit zu Mittag kümmern muss. Gajus weiß besser als sie, wie man Reistafel [5] mit all den notwendigen Ingredienzen zubereitet. Er ist auch gut im Brotbacken. Martha freut sich immer wieder über Gajus, der sich sehr viel Mühe gibt und alles richtig zu machen versucht. Gekleidet in ein weißes Jackett und einen sarong deckt er den Tisch, ruft dann zum Essen und sieht dabei stets adrett aus. Bevor er mit dem Kochen beginnt, geht er immer zum See, um zu baden. Viele Batak baden üblicherweise zweimal täglich. Sie selbst badet auch am Morgen, nackt. Der Strand, mit seinem schönen weißen Sand, ist von großen Steinblöcken umgeben, wo sie niemand stört.

Das Einzige, was Martha betrübt ist, dass sie immer noch keine Nachricht von zu Hause, von Miehlen, bekommen hat. „Nun bin ich schon sieben Wochen von daheim fort und bis jetzt habe ich noch gar keine Post bekommen", klagt sie und hofft, dass das Missionsboot Tole vielleicht heute endlich einige Briefe bringen würde. Inzwischen erzählt sie von der Lebensweise in Si Piak. Da hier im Norden wenig an Gemüse und Kartoffeln zu bekommen ist, bestehen ihre Mahlzeiten fast immer aus Reis, Huhn, Curry, pisang goreng und sambal, einer scharfen Beilage, welche aus Kokosnuss und dem Herz und der Lunge eines Huhns hergestellt wird. Zwar hat Hermann einige Obstbäume gepflanzt, aber sie sind noch zu jung, um Früchte zu tragen. Auch ist der Boden schlecht und es gibt zu wenig Regen, weil die Berge, die den See umschließen, zu dieser Jahreszeit die Wolken abfangen und verhindern, dass die Niederschläge das Seebecken erreichen. Martha hofft trotzdem, in zwei Wochen Bohnen ernten zu können und hat auch den aus Deutschland mitgebrachten Samen in den Boden gebracht. Martha macht sich Sorgen wegen Gajus, auf den sie doch noch sehr angewiesen ist. „Gajus ist mir in allem eine große Hilfe; er ist wirklich gut zu gebrauchen. Wenn ich ihn nur behalten kann, er ist nämlich nicht recht gesund.“ (29. November 1906) Gajus war drei Jahre zuvor von einerSchlange gebissen worden, seitdem klagt er über nächtliches Kribbeln im Bein. Wenn es ihm nicht bald besser gehe, müsse er nach Pea Radja ins Krankenhaus gebracht werden. Gajus wisse nicht wie alt er ist, berichtet sie, die meisten Batak wüssten das nicht. Hermann meint, dass er wohl 18 Jahre alt sein könnte. Ihr anderer Bediensteter, Mitta, ist ein hübscher kleiner Junge, etwa 14 Jahre alt. Am Morgen bringt er die kleinen Eier, die von den ebenso kleinen Hühnern gelegt wurden, holt Wasser, kehrt die Veranda und verrichtet einige andere Arbeiten rund ums Haus. Aber sie stellt fest: Die Batak seien nicht gewöhnt, den ganzen Tag zu arbeiten, und ergänzt: Das gehe in den Tropen auch nicht.

Martha erzählt: „Ich will Euch einmal meinen Tageslauf schreiben, damit Ihr wisst wie ich die Zeit zubringe. Also morgens um sechs Uhr laufe ich schnell ins neu errichtete Badehaus zum Baden und wenn ich dann mich angezogen und wir Kaffee getrunken haben, ordne ich nach der Andacht Wohnzimmer und die geschlossene Glasveranda und das Studierzimmer und das Schlafzimmer und sehe nach, daß der Mitta überall fegt. Dann bringt mir Mitta die Eier und ich schreibe das Tagesdatum drauf. Dann putze ich die Lampen und dann gibt es immer meist allerlei zu ordnen, oder es sind Leute da. Es kamen immer noch Häuptlinge mit ihren Dorfschaften, die mich begrüßen wollten. Jetzt kommen auch die Frauen mit ihren sämtlichen Kindern; bis jetzt hatten sie sich nie auf der Station sehen lassen. Am Sonntag kamen sie auch zum ersten Mal zum Gottesdienst, wenn auch vielleicht mehr aus Neugierde. Der Gottesdienst ist in einem ganz primitiven Gebäude, einem Bretterverschlag. Wir nehmen uns Stühle mit und die Leute sitzen auf der Erde. Um elf Uhr muss Gajus anfangen zu kochen und dann lerne ich, wenn es sonst nichts für mich zu tun gibt, Bataksch. Um ein Uhr wird gegessen und nach dem Kaffee haben wir bataksche Stunden. Dann bläst Hermann manchmal auf dem Waldhorn und ich singe dazu. Um sechs Uhr ungefähr gehen wir etwas spazieren, man hat so prachtvolle Blicke und oft so wunderbare Sonnenuntergänge. Nach dem Abendbrot ist bataksche Andacht mit den Jungens. Wir haben ein bataksches Gesangbuch mit den deutschen Melodien und singen dann gemeinsam.“

Inzwischen haben die Weissenbruchs auch die ersten elf Schüler und damit wächst die Aussicht auf einen Schulbau. Einige der Schüler sind Häuptlingssöhne, von denen einer sogar von der Insel Samosir kommt.

Die Insel Samosir umfasst ein Gebiet von 620 Quadratkilometern und war damals noch immer unabhängig, das heißt, sie stand noch nicht unter holländischer Verwaltung. Die Insel liegt direkt gegenüber der Missionsstation von Si Piak. Martha beschreibt die dort lebenden Menschen als wild, eine Bande von Räubern und Dieben, ein unheimliches Volk. „ Man freut sich dann umso mehr über das Vertrauen, wenn so ein Häuptling jeden Morgen seinen Sohn schicken will…“

Als dieser Häuptling von Samosir seinen Sohn bringt, bittet er Martha ihn zu erziehen, da er sich zuhause schlecht benähme „… er solle in der Schule Lebensart lernen“. Wie viel ihm das bedeutet, konnte man daran erkennen, dass er bereit war, jeden Tag den See zu überqueren, um seinen Sohn am Unterricht in Si Piak teilnehmen zu lassen. Als Geschenk bringt der Mann Martha ein kleines Ziegenböckchen und für die Frau des Lehrers einen Hahn und etwas Reis mit. „Wir gingen dann mit ihm und seinem Sohn zum Marinus in die Schule (im kleinen Haus) und der kleine Bengel setzte sich gleich ganz munter zu den andern auf die Erde. Es kommen manchmal Gestalten hier her, die man malen möchte. Auf Samosir lebt eine wilde Bevölkerung. Man könnte sich wohl manchmal vor den Leuten fürchten.

Die Schüler kommen jetzt jeden Morgen. Zuerst treibt sie der Marinus alle in den See zum Baden. Die kleinen braunen Kerle schwimmen sehr gut.“

Mittlerweile, Martha ist seit vier Wochen in Si Piak, scheint auch die Nachbarschaft ihre Neugier befriedigt zu haben und es kommen nicht mehr so viele Menschen, nur um Martha anzustaunen. Gajus wirft gewohnheitsgemäß alle Leute aus der Küche, wenn sie zu nahe kommen, und achtet auch darauf, dass sie nicht die Veranda betreten. Es gibt eine zweite Veranda, die gleich neben dem „Medizinzimmer“ liegt, dort holen sich Kranke Medikamente ab. „Es kommen so viele Kranke, auch Aussätzige. Es ist ganz auffallend, wie viel Fieberkranke und Augenkranke und solche mit Geschwüren täglich kommen. Marinus hilft Hermann viel bei dieser Arbeit. Marinus wohnt jetzt noch bis die Schule gebaut ist mit seiner Familie im Jungenshaus. Er hat eine sehr nette Frau und drei Kinder.“ (29. November 1906)

Es ist zu spüren, wie sehr Martha den Tobasee bereits liebt: „Man sieht von jedem Fenster aus den herrlichen See, er ist entzückend schön. Es ist gar nicht weit zum See, nur einige Schritte; man hört die Wellen ans Ufer schlagen. Es liegt dort der schönste weiße Sand und kleine feine Muscheln und streckenweise eine Menge Bimsstein … Die Himmelsbeleuchtung ist oft wunderschön, so wie man sie in Deutschland nie sieht. Der See ist fast immer von den kleinen Solus (ausgehöhlte Baumstämme) belebt."

Der Tobasee ist der größte Kratersee der Welt, hervorgerufen durch einen Vulkanausbruch vor etwa 75.000 Jahren. Er ist enorm groß, ungefähr 100 km lang und 32 km breit. Seine größte Tiefe liegt bei 505 m. Ca. 900 m hoch in den Bergen gelegen, herrscht hier ein kühleres Klima. Die Temperatur, wie Martha sagt, steigt selten über 21 Grad Celsius. Obwohl der See meist friedlich ist, können Stürme gefährlichen Wellengang hervorrufen. Damals wusste man noch nicht so viel über seinen Ursprung, denn Martha bemerkt: „Man glaubt, daß hier einmal irgendein Vulkan in Bewegung war.“

Dieser Tage wird eine Prau, ein Segelboot erwartet. Martha hofft, es würde einige ihrer Kisten, Post und vielleicht auch einen Gast bringen, der dann wiederum ihre Briefe mitnehmen könnte. So schreibt sie noch flink einen Brief.

Es ist bereits der zweite Advent, stellt Martha fest: „Es will mir gar nicht in den Sinn, daß Weihnachten vor der Türe ist; aber ich höre an jedem Abend die Jungens mit dem Lehrer ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ üben…. Hermann und ich feiern zum ersten Mal zusammen. Es ist einem in diesem schönen warmen Sonnenschein und dem Grün ringsum gar nicht winterlich zu Mute und Schnee und Kälte gehören doch unbedingt zu Weihnachten.“… Eher schon wandern da ihre Gedanken zum Garten: „Es regnet eben fast täglich; es ist dabei aber nie trübe und dunkel. Es ist eben herrliches Wachswetter; wenn ich nur vernünftigen Samen hätte. Nicht wahr, Mütterchen, sobald Du frischen Samen bekommen kannst, schickst Du mir in einem doppelten Brief…“ (5. Dezember 1906)

Martha hat bereits Salat und Radieschen ausgesät, ist aber in Bezug auf den Erfolg skeptisch, denn es ist Regenzeit und ein kräftiger Regen hatte die meisten Samen wohl ausgespült. Regenzeit bedeutet: kurze aber heftige Niederschläge, gefolgt von einer sehr langen Trockenzeit.

Sie berichtet auch von ihrer Tierhaltung. So halten sie eine unbekannte Anzahl von Hühnern, unbekannt deshalb, weil immer neue dazu kommen und jede Woche ein paar alte geschlachtet werden. Zu der Menagerie kommen noch sieben Enten, ein Schaf und ein Ziegenböckchen, die letzteren ein Geschenk von Batak an sie. Von den vier kleinen Schweinchen, die ihr bei ihrer Ankunft geschenkt worden waren, starb eines bald und ein zweites musste von den Jungs geschlachtet werden, da es nicht mehr fraß.

Martha mag solche Geschenke nicht und bemerkt: „Solche Geschenke sind nie angenehm; gewöhnlich nimmt man sie gar nicht an, aber jetzt bei meinem Kommen durften wir sie nicht zurückweisen. Ein Bataker schenkt wohl nie etwas ohne Hintergedanken. Entweder hat er irgendeine Streitsache und der Tuan soll ihm helfen, oder er will wer weiß was geschenkt haben. … Sie arbeiten eigentlich nie. Streitsachen auskämpfen, allerhand Hinterlist ausknobeln – und den unbedingt notwendigen Reis besorgen ist ihre Tagesbeschäftigung, sie fischen auch viel. Sie haben auch kein Obst, sie pflanzen nichts an und die Früchte wachsen auch hier nicht ohne weiteres, sie wollen gepflanzt und gepflegt sein.“

Die Weissenbruchs selbst haben einige Früchte angebaut. „Wir haben sehr viele Pisangstauden, die wohl in einigen Monaten tragen werden; auch Ananas, Apfelsinen, Botik und Zitronen und noch alles Mögliche. Die Pflanzen sind alle noch sehr klein, auch die Kokosnusspalmen. Vor dem Haus ist ein Gummibaum gepflanzt, er ist bis jetzt erst ungefähr 90 cm hoch. Die Gummibäume wachsen schnell und werden sehr hoch, viel höher als ein großer Birnbaum und meistens sind sie wundervoll breit und schattig. Hermann hat überall angepflanzt und alles so schön gemacht.“

Ein Jahr später sind es deutlich mehr Pflanzen geworden. Von 200 Pisangstauden, von denen bereits etwa dreißig Früchte tragen, ist da zu lesen. Jede Staude trägt einen Tross Bananen, der bis zu 0,75 m lang ist und etwa sechs Monate zum Reifen benötigt. Auch Ananas hat Hermann gepflanzt – ungefähr 400-500 Ananaspflanzen, von denen derzeit gerade 25 reif werden. Es gibt Papaya, Zitronen, süße und bittere Orangen, Durian und Antadian, die aber alle sehr langsam wachsen. Jede Frucht hat eine andere Reifezeit, so dass sie immer etwas zu ernten haben. Oft reift das Obst an den unteren Zweigen, während der Baum oben noch blüht. Für Martha, deren Gesundheits und Ernährungszustand nicht so gut bleiben wird, ein wahres Glück.

Noch 1990 standen an den Straßen des ehemaligen Sipiak – heute zu Parapat gehörig – viele hohe Mangobäume, die Hermann damals gepflanzt hat.

Gegenwärtig aber fühlt sich Martha offensichtlich wohl, es geht ihr gut; sie erzählt von der frischen Luft, welche die Hitze erträglich mache, „ich habe hier so volle runde Backen bekommen und sehe so frisch aus wie nie“, sagt sie. Man lebe langsamer in den Tropen, um ein schnelles Ermüden zu vermeiden. „Man muss sich sehr daran gewöhnen alles langsam zu tun und nie in der Sonne schnell zu gehen. Man spürt es auch gleich, wenn man es nicht tut. Man wird sofort sehr müde.“ (5. Dezember

1906)

Zwar hat sich die Aufregung um die neue weiße njonja in Si Piak weitgehend beruhigt, aber Marktbesuche sind offenbar immer noch aufregend. So beschreibt Martha einen Marktbesuch mit Hermann, wo sich die Leute nahe an sie heran drücken und sie mit freudig lauten Rufen begrüßen:

„Das ist ein Leben und Treiben, ein Schreien und Johlen. An Markttagen strömt alles zum Marktplatz, alle Dorfbewohner der Gegend, des Seeufers. Der See wimmelt dann von vielen solus und man hört die taktmäßigen Ruderschläge und dabei das eigentümliche bataksche Singen. Wir wurden mit lautem Jubel und Geschrei auf dem Markt begrüßt und von der Menge umringt. Viele gaben mir die Hand (Leute, die schon hier gewesen waren) und alles gaffte und schrie und freute sich. Alles war schließlich um uns versammelt und drängte sich heran. Dabei war köstlich, wie ein früherer Feind von Hermann, ein Zauberer, die Leute, die zu nah kamen, fortstieß und immer wie ein Gendarm um uns herumlief und uns freie Bahn machte.“ Martha spricht von „Feind“ und meint damit wohl, dass ein heidnischer Zauberpriester ein natürlicher „Feind“ des medizinkundigen Missionars ist, mit dem er in Konkurrenz steht. Später, als Martha mit der batakschen Mentalität etwas vertrauter ist, begründet sie diesen Gesinnungswandel des Zauberers vom Feind zum Beschützer mit dem Fatalismus der Batak, dem hauhaou, was meint „was kann man da machen?“.

Doch zurück auf den Markt. Die Batak haben gewöhnlich ein viel geringeres Bedürfnis nach persönlicher Distanz als es die meisten Europäer auszeichnet und so ist das „Bad in der Menge“ auf dem Markt nicht jedermanns Sache. Martha scheint sich allerdings dabei wohl gefühlt zu haben. Auf dem Markt gibt es nicht viel zu kaufen, etwas Obst, Fische, Hühner und Bastmatten. Europäische Lebensmittel, an welche die Weissenbruchs gewöhnt sind, wie Butter, Milch und Käse, kommen in Dosen, erstere aus Deutschland, die Milch aus der Schweiz und der Käse von Holland. Alle diese Produkte sind infolge der Transportkosten sehr teuer, sogar das Salz. Und für alles was sie benötigen, müssen sie mindestens drei Monate im Voraus planen.

Häufig kommen auch Besucher von anderen Missionsstationen, für die sie ebenfalls planen und Vorräte bereithalten müssen. Alten erfahrenen Missionsleuten waren diese Probleme mit den immer wieder eintretenden Knappheiten bekannt und sie führten deshalb auf Reisen immer einige Vorräte, meist auch Matratzen mit sich. Als Missionar Simon und Missionar Brückner kurz nach Marthas Ankunft zu Besuch kommen, bringen diese Besucher vom anderen Ende des Sees auch gleich ein paar Kisten mit. Diese enthalten einige der Rotang-Möbelstücke, welche die Weissenbruchs in Penang gekauft hatten, und endlich auch das fehlende Ofenrohr! Gerade noch rechtzeitig zu Weihnachten.

In einem Brief an die Eltern nach Miehlen vom 23. Dezember heißt es: „Es kommt mir ganz wunderbar vor, daß morgen wirklich Weihnachten ist. Wir haben draußen fast 20°R. [20° Reaumur entspricht 25C°] und es wächst eben alles hier, durch das viele Regnen, so besonders gut. Ihr schmückt heute den Weihnachtsbaum und vielleicht ist es schon kalt und es liegt Schnee. Wir werden morgen Abend sehr viel bei Euch sein; im Geist sitzen wir mit dabei und hören, wenn Vater die alte und ewig neue Weihnachtsgeschichte vorliest. – Wir schmücken auch einen Baum. Marinus holt ihn morgen früh. Wir haben ja die Neuroder Goldsterne und ich habe noch weiße Sterne und rote Rosen dazu gemacht. Unsere Jungens bekommen Anzüge, (die ich geschnitten habe, aber die noch nicht genäht sind) weiß mit roten Streifen, Kappen, Messer und Tafel und Griffel. Für die Kinder des Marinus habe ich nun leider noch nichts, da meine Kisten noch nicht da sind. Konfekt habe ich nicht backen können, ich hatte nicht Butter genug und keine Formen und keine Bleche; so backe ich morgen einen Kuchen. Gajus backt für die Jungens Pisang-Kuchen in Palmöl, es ist das höchste, was sich ein Bataker denken kann.“ (23. Dezember 1906)

Das bevorstehende Weihnachtsfest lässt sie die gegenwärtige Situation der Missionsarbeit reflektieren: „Ob jemand zum Gottesdienst kommen wird, müssen wir ruhig abwarten, aber wir glauben doch, daß einige kommen werden. Am ersten Feiertag Abend wird dann der Marinus mit seiner Familie hier sein und vielleicht noch einige. Die Leute haben noch sehr wenig Interesse und Verlangen; sie haben sich ja auch keinen Missionar gewünscht und drum gebeten, wie das sonst so oft geschieht; wir sind ungefragt hierher gesetzt worden, damit der Islam nicht eindringe.“

Es folgt eine Charakterisierung der Batak, welche vielleicht doch eher die für die damalige Zeit typische koloniale Vorstellung vom „überlegenen“ Europäer über die „unzivilisierten“ Wilden und damit genauso viel von Martha als von den Batak zeigt. „Die Bataker sind ein Bettelvolk, wie man es sich schlimmer nicht vorstellen kann, und ich werde nur so bestürmt. Bald wollen sie ein Tuch, eine Jacke, ein Kinderkleid, bald Seife, bald dies, bald das, denn der Tuan und die Nonja sind ja natürlich sehr reich. Ich muss diesen Bitten gegenüber unerbittlich bleiben. Denn wenn ich einmal gebe, muss ich es immer tun und sie würden dann nur noch unverschämter. Bei Hermann wollen sie immer Geld leihen, was man natürlich dann nie wieder bekommt. Dr. Nommensen hat Hunderte dabei verloren. Sie kommen dann mit so schmeichlerischen Reden …. und wehmütig und bedauerlich, daß man sich schon betören lassen könnte. Ganz abgesehen davon, daß wir absolut keinen Pfennig zu verleihen haben, erzieht man sich auf diese Weise die so genannten ‚Reischristen‘, – dann doch lieber gar keine.“

Dann fährt sie aber fort: „Ich wünschte, Ihr könntet einmal einem unserer Gottesdienste beiwohnen. Wir sitzen dabei in einer Art Schuppen, Hermann und ich auf Stühlen und die Bataker auf der Erde. Die Männer und Frauen mit wirren, schmutzigen filzigen Haaren, fortwährend Betel kauend und die hässliche rote Flüssigkeit ausspuckend. Marinus liest das Lied Zeile für Zeile vor und Marinus und seine Familie, unsere Jungens und wir singen und die anderen singen uns nach so gut es geht. Wenn Hermann ihnen dann von Gott und von Jesus und vom Himmel erzählt, dann passen sie zum Teil sehr gut auf und fragen auch hier und da etwas; es geht manchmal sehr lebhaft zu. Ich freue mich darauf, wenn ich erst einmal Bataksch verstehen und allem gut folgen kann. Meist lässt Hermann den Marinus auch noch etwas zu den Leuten sagen. Er kennt die Art und Weise und die Gedanken der Leute. Marinus betete neulich, als er bei unserer batakschen Abendandacht dabei war: 'Herr segne auch die Angehörigen des Tuan und der Nonja, daß sie nicht müde werden für sie zu beten, damit sie unserem Volk zum Segen werden'.“

Der gesundheitlichen Versorgung kommt in der Missionsarbeit große Bedeutung zu. Es gibt sehr viel Elend und Krankheiten. Viele Batak lassen sich inzwischen vom Missionar helfen und gehen nicht mehr zum Zauberpriester, zumal der Missionar umsonst hilft: „Es kommen immer sehr viele Kranke, mit allen möglichen Krankheiten. Oft kommen sie mit Wunden, die schon Jahre lang eitern oder mit ganz veralteten chronischen Leiden; es kommen auch Aussätzige. Natürlich kann man denen nicht helfen, aber sie kommen immer wieder und wollen meist nicht nach Huta Barat. Es kommen manchmal Leute, denen schon der Tod auf dem Gesicht geschrieben steht, und wollen noch geheilt sein. Eben ist einer schon tagelang auf der Station, ein armer, kranker Sklave, der sich mühsam fortschleppt. Sein Herr und seine Angehörigen bekümmern sich nicht mehr um ihn, weil er nicht mehr arbeiten kann. Er wird vielleicht nicht mehr lange leben. Ein anderer, derselbe frühere Opiumraucher, den Hermann geheilt hat, kommt auch immer wieder und will gesund werden. Er sieht sehr elend und krank aus, er hat wahrscheinlich immer Geschwüre. Nun hat er Furcht, seine Dorfbewohner wollten ihn vielleicht opfern, damit er aus der Welt geschafft würde. Es schauert einem manchmal, wenn man in dieses Elend und diese Finsternis Blicke tut. Hier traut keiner dem anderen und sie bestehlen sich gegenseitig mit einer Unverschämtheit, die keine Grenzen kennt. Sie bestehlen auch uns, sie holen uns das Brennholz, das wir sehr teuer bezahlen und weit her holen lassen müssen, am hellen Tage. Dann kommen die Frauen und holen Medizin, lungern dann stundenlang ums Haus herum und nachher verschwindet ein Stück nach dem anderen in ihrem Sack.

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