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Broken Hearts - Gefährliche Nähe

Gena Showalter

Broken Hearts –
Gefährliche Nähe

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Christiane Meyer

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

 

 

Für Emily Ohanjanians, weil dein Feedback für mich von unschätzbarem Wert ist und weil du einfach unglaublich bist. Und für Jill Monroe, Roxanne St. Claire, Lily Everett/Louisa Edwards und Deidre Knight, weil ihr mir zuhört, mich ermutigt und für mich betet!

1. KAPITEL

Strawberry Valley, Oklahoma

Einwohnerzahl 7.413 7.416

Fahren Sie langsam, lernen Sie unsere Stadt kennen.

Fahren Sie zu schnell, lernen Sie unser Gefängnis kennen.

Brook Lynn Dillon war kein Fan von Vormittagen. Oder Nachmittagen. Oder Abenden. Wenn eine Frau ein gewisses Maß an Erschöpfung erreicht hatte, war einfach jede Tageszeit mies.

Genau genommen war dieses Maß bei ihr schon vor ungefähr sieben Jahren überschritten worden. Damals war sie zarte achtzehn Jahre alt gewesen und hatte angefangen, im Rhinestone Cowgirl zu arbeiten. Entgegen der Annahme so ziemlich jedes Touristen, der auf der Durchreise im Ort haltmachte, handelte es sich beim Rhinestone Cowgirl nicht um einen Stripclub, sondern um ein aufstrebendes Schmuckgeschäft.

Ihre Schicht dauerte fünf Stunden und begann schon im Morgengrauen – oder wie ihre Mutter zu sagen pflegte, noch ehe der Hahn kräht. Danach blieben ihr sechzig kurze Minuten, um fällige Rechnungen und Mahnungen zu lesen und zu prüfen, ehe sie ihre zehnstündige Schicht bei Two Farms antreten musste. Two Farms war im Umkreis von achtzig Kilometern „das einzige Speiselokal, in dem es schmeckt“. Diese Beschreibung stammte direkt vom Besitzer des Ladens – auch wenn er der Meinung war, dass man für ein Bœuf Stroganoff Shiitakepilze verwenden konnte statt der traditionellen Champignons.

Der Tag hätte eigentlich ganz gut werden können, wenn ihre Schwester Jessie Kay ihre Schicht bei Two Farms regulär zu Ende gebracht hätte und nicht mittendrin und ohne sich zu verabschieden verschwunden wäre. Brook Lynn war also nichts anderes übrig geblieben, als auch deren Tische zu übernehmen, um ihnen beiden den Job zu retten. Wenigstens hatte ihre Schwester ihr eine Nachricht im Spind hinterlassen:

Bleib heute Abend nicht zu Hause. Geh aus und betrinke dich. Oder tu zumindest so, als würdest du dich betrinken. Deine verklemmte Art ruiniert unseren guten Ruf! XO JK

Brook Lynn hatte sich noch nie so anstrengen müssen und im Gegenzug so wenig dafür zurückbekommen. Ihr Rücken und ihre Füße schmerzten, und sie wünschte sich nichts mehr, als nach Hause zu gehen und in eine Art komatösen Schlaf zu fallen. Dieser Wunsch war sogar stärker als der Wunsch, in der Lotterie zu gewinnen. Und in dieser Woche waren immerhin fünfzehn Millionen im Jackpot!

Doch es kam mal wieder alles anders. Ihre beste Freundin Kenna hatte sie angerufen, um ihr mitzuteilen, dass Jessie Kay den eigenen Rat befolgt und sich hemmungslos betrunken hatte. Anscheinend feierte sie im Glass-Haus und war offenbar der Meinung, dass sämtliche männlichen Gäste sterben würden, wenn sie ihnen keine kleine Mund-zu-Mund-Beatmung verpasste.

Wenn Jessie Kay ein paar „Partygeschenke“ zu viel intus hatte, wurde sie schnell sehr … aufgekratzt und wild. Die reinste Partymaus. Brook Lynn, die gegen ihre Schwester wie Miss Verantwortungsbewusstsein daherkam, war nie ein Partymensch gewesen. Sie machte sich zu viele Gedanken und Sorgen um alles und trug zu viel Verantwortung auf ihren Schultern.

Was sie heute Abend beschäftigte? Die mögliche morgige Titelseite der Strawberry Daily:

Einstige Schönheitskönigin und jetzige Drückebergerin schafft es erneut nicht, ihre „Hurmone“ in den Griff zu bekommen.

Nicht, solange ich ein Wörtchen mitzureden habe!

Brook Lynn stieg aus ihrem Auto, einer alten Klapperkiste, die schon mit einem Reifen in der Schrottverwertung stand und der sie den Namen Rusty gegeben hatte. Im Bruchteil einer Sekunde schienen sich sämtliche Poren an ihrem Körper zu öffnen und die drückend heiße Luft in ihr Innerstes zu saugen. Nicht einmal der süße, berauschende Duft der Walderdbeeren und Magnolien machte es besser. Sie wischte sich die Schweißperlen ab, die ihr plötzlich auf die Stirn traten, und ging die ausgetretenen Stufen zu einer schon etwas in die Jahre gekommenen Veranda hinauf. Sie betrachtete eins der größten Häuser in der Gemeinde. Es war ein einhundert Jahre altes Farmhaus, an dem eigentlich so ziemlich alles renoviert werden musste. Die weiße Farbe blätterte ab und gab den Blick auf die morsche Fassadenverkleidung frei. Einige der Holzlatten hatten sich gelöst. Die Dichtungen an den meisten Fenstern waren porös, sodass sich Feuchtigkeit zwischen den Scheiben sammelte.

Alles in allem war das Haus keine Schönheit, doch auf dem einundzwanzig Hektar großen Areal befand sich noch ein Treibhaus, eine kleine Molkerei, zwei Scheunen, ein Arbeitsschuppen, ein Gemüsegarten und Beete mit Walderdbeeren. Das alles war umgeben von einer per Hand geschichteten Steinmauer.

Harlow Glass hatte das riesige Anwesen ihrer Familie kürzlich verkaufen müssen, und Lincoln West, ein neuer Einwohner des Ortes, hatte die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und zugeschlagen. Er arbeitete offensichtlich lieber mit Computern als mit seinen Händen, denn soweit Brook Lynn es beurteilen konnte, hatte er bisher noch nichts an dem Haus verändert. Was natürlich einleuchtete. Denn er war gerade erst aus Oklahoma City nach Strawberry Valley gezogen, um das Landleben zu genießen. Und es war allgemein bekannt, dass große böse Jungs aus der Stadt den Großteil ihrer Zeit damit verbrachten, durch diverse Betten zu hüpfen, sich die Haare zu machen und Schnappschüsse ihres Essens im Internet zu posten.

Brook Lynn hatte schon mehr als einmal mit dem Kerl zu tun gehabt, und schockierenderweise fing sie allmählich an, seinen trockenen Humor und sein übertrieben aufgeblasenes Ego zu bewundern. Er redete wahnsinnig gern über sich selbst und darüber, wie toll er war, doch ihn rettete, dass man ihm anhören konnte, dass das alles nicht hundertprozentig ernst gemeint war.

Hast du schon jemals einen so perfekten Körper wie meinen gesehen? Nein. Und das wirst du auch nicht, Brook Lynn. Denn der liebe Gott war in absoluter Bestform, als er mich geschaffen hat.

Für einen Typen, der den ganzen Tag vor dem Computer verbrachte, war er tatsächlich ziemlich trainiert. Und weil sie noch nie einen so perfekten Körper wie seinen gesehen hatte, hatte sie keine passende Erwiderung zurückschießen können. Andererseits hatte sie seine beiden Mitbewohner bisher nicht getroffen. Vielleicht waren die ja noch heißer.

Das Problem war, dass Wests Freunde meistens unter sich blieben. Im Ort hatte sie sie jedenfalls nicht gesehen. Selbstverständlich war das für Jessie Kay, die die Angewohnheit hatte, immer am falschen Ort nach der Liebe zu suchen, kein Hinderungsgrund. Sie hatte die beiden anderen neuen Einwohner von Strawberry Valley nicht nur bereits kennengelernt – sie hatte sogar schon mit einem von ihnen geschlafen. Beck … soundso. Gerüchte besagten, dass er ein Frauenheld war und sich in Oklahoma City durch die Betten der weiblichen Bevölkerung über zwanzig und unter vierzig Jahren geschlafen hatte, ehe er hergezogen war, um nach „Frischfleisch“ zu suchen.

Der andere Typ hieß, wenn sie sich recht entsann, Jase. Über ihn war noch weniger bekannt. Soweit sie wusste, hatte er noch nichts mit einer Einwohnerin von Strawberry Valley angefangen, obwohl „Frau“ ihn schon ins Visier genommen und Interesse bekundet hatte. Die älteren Damen flüsterten, er sei ein „absoluter Traummann“, während die jüngeren Frauen hinter vorgehaltener zitternder Hand kicherten.

Eine Kakofonie von Stimmen drang durch die Ritzen um die Eingangstür nach draußen. Brook Lynn wischte den Staub von der obersten Sichtscheibe in der Tür und warf einen Blick ins Innere des Hauses. Oh Mist … Mit so vielen Gästen hatte sie nicht gerechnet. Mindestens dreißig Leute hatten sich im Wohnzimmer versammelt, tranken Bier, unterhielten sich und lachten. Und offenbar hielten sich im Flur und in der Küche noch weitere Gäste auf. Die meisten waren Mitte bis Ende zwanzig, und Jessie Kay war mit ihnen zur Schule gegangen. Die Gerüchteküche über das Verhalten ihrer Schwester an diesem Abend brodelte wahrscheinlich schon. Diese Leute würden sich den Streit, den es mit Sicherheit gleich gab, nicht entgehen lassen.

Und es würde zu einem Streit unter Schwestern kommen – so viel stand fest. Jessie Kay wehrte sich grundsätzlich dagegen, wenn sie ihr zu Hilfe kam.

Brook Lynn hob die Hand und stellte ihre Innenohrimplantate auf stumm. Die Geräte waren schon ein paar Jahre alt, aber immer noch im Versuchsstadium. Sie wurden eingesetzt, um in Fällen von schwerer Hyperakusis zu helfen. Zu diesen Menschen gehörte auch sie. Bei einer Hyperakusis hörte man All-tags- und Hintergrundgeräusche in unerträglicher Lautstärke. Manchmal hatte Brook Lynn das Gefühl, als würde man ihr Säure in die Ohren träufeln. Die implantierten Geräte erlaubten es ihr, die Außengeräusche komplett auszublenden und etwas wie Taubheit zu erleben, wenn sie es wünschte und brauchte. Was durchaus vorkam. Sehr oft sogar.

Ohne sich die Mühe zu machen anzuklopfen, trat sie ein. Durch den dichten Zigarrenqualm sah sie, dass auch im Inneren bisher nichts gemacht worden war. Genau genommen war das Haus innen noch wesentlich renovierungsbedürftiger als außen. Die Tapete war vergilbt und löste sich an den Ecken. Der ehemals weiße Flokati war fleckig und an manchen Stellen schon fadenscheinig. Im völligen Gegensatz dazu sahen die Möbel, die im Raum verteilt worden waren, brandneu und makellos aus.

Brook Lynn konnte Jessie Kay nicht entdecken und ging weiter. Sie drängte sich durch die Gästeschar und las dabei Lippen. Diese Fähigkeit hatte sie sich im Laufe der Jahre angeeignet und mittlerweile vervollkommnet.

„… hätte niemals gedacht, dass er ein solch idiotischer, überheblicher Stadtmensch sein könnte“, sagte die frisch geschiedene Charlene Burns gerade. „Aber nach den Eskapaden von letzter Nacht?“

Idiotischer, überheblicher Stadtmensch? Damit musste sie West oder einen seiner Freunde meinen. Die drei waren seit einer Ewigkeit die einzigen Stadtmenschen, die in dieses Nest gezogen waren.

„Ich weiß“, entgegnete Tawny Ferguson und nickte. „Das ist so wahnsinnig traurig.“

„Können wir ihm das wirklich vorwerfen? Der ständige Smog hat seinen ohnehin schon geschädigten Hirnzellen wahrscheinlich den Rest gegeben. Aber Jessie Kay? Die hat keine Entschuldigung. Zu versuchen, mir meinen Beck abspenstig zu machen, und sich dann Jase an den Hals zu schmeißen, war so eine beschissene Aktion von dieser Schlamp… Oh, hey, Brook Lynn.“

Charlene warf ihr ein falsches Lächeln zu und brachte sogar ein begeistertes Winken zustande.

Brook Lynn hielt nur einen Zeigefinger in die Höhe und sagte: „Eins …“

Beide Mädchen verschwanden, so schnell sie konnten.

Im Laufe der Jahre hatte die Drohung, bis drei zu zählen, ihr schon gute Dienste erwiesen. Es war die letzte Warnung, die jemand erhielt, bevor ihre scharfe Zunge zum Einsatz kam. Diese Zunge war bekannt dafür, Wunden zu schlagen und innere Verletzungen zu hinterlassen, die nur wenige überlebten. Das alles kam daher, dass sie Jessie Kays Exfreund einmal so die Meinung gegeigt hatte, dass dem Hören und Sehen vergangen war. Ein einziges Mal! Doch das hatte gehörigen Eindruck gemacht. In dem Moment war eine Legende geboren worden. Und diese Legende hatte ein Eigenleben entwickelt, ohne dass sie etwas dazugetan hätte. Mittlerweile ließen die meisten Leute sich lieber Nase und Mund zutackern – nachdem sie eine Runde Waterboarding mitgemacht hatten –, statt mit ihr aneinanderzugeraten.

Plötzlich tippte ihr jemand auf die Schulter, und sie wirbelte erschrocken herum. „Kenna“, rief sie aus. Sie freute sich, ihre Freundin zu sehen.

Die reizende Rothaarige begrüßte sie mit einer innigen Umarmung – genau das, was Brook Lynn jetzt brauchte.

„Ich habe Jessie Kay irgendwie aus den Augen verloren, aber ich wette, dass West weiß, wo sie steckt. Der Mann hat seine Augen nämlich überall. Komm mit.“

Brook Lynn folgte Kenna und wünschte sich nicht zum ersten Mal, dass sie einfach ihre Sachen packen, zusammen aus dieser Gegend verschwinden und den Rest der Welt hinter sich lassen könnten. Doch Kenna hatte eine sechsjährige Tochter, an die sie denken musste. Ganz zu schweigen von ihrem superheißen Verlobten. Und sie? Na ja, sie hatte Jessie Kay, die sich ohne sie zweifellos selbst zerstören würde.

Okay, die sich ohne sie zweifellos noch schneller selbst zerstören würde.

Kenna führte sie durch das volle Spielzimmer, in dem die Leute um einen massiven, kunstvoll gearbeiteten Billardtisch herumstanden, der in die Karosserie eines alten Wagens eingelassen war. Es spielte jedoch niemand. Was wahrscheinlich an dem Schild lag, das von einem alten Kronleuchter direkt über dem Filz hing:

Wer den Tisch berührt, wird es bitter bereuen.

Eine weitere Tür führte in die geräumige Küche. Obwohl an den Wänden eine noch abscheulichere, noch vergilbtere Tapete hing, waren die Haushaltsgeräte, die auf den Anrichten mit den wundervollen creme- und roséfarbenen Marmorplatten standen, aus Edelstahl und offensichtlich brandneu. Jemand hatte viel Arbeit in die Ausstattung gesteckt. Neidisch sah sie sich um. So in etwa stelle ich mir meine Traumküche vor.

Kenna blieb stehen und deutete in Richtung der Spüle. Dort stand West. Er unterhielt sich gerade mit einem Mann, den sie nicht kannte.

„Den Rest schaffe ich allein“, sagte sie zu ihrer Freundin.

Kenna legte die Hände an ihr Gesicht, um ihre volle Aufmerksamkeit zu bekommen.

„Bist du dir sicher?“

„Ganz sicher. Geh zu Dane, ehe er auf die Jagd nach dir geht.“ Dane Michaelson, einst der begehrteste Junggeselle des ganzen Ortes, war jetzt der Grund dafür, dass Kenna atmete.

„Zufällig mag ich es, wenn er auf die Jagd nach mir geht“, entgegnete ihre Freundin und wackelte vielsagend mit den Augenbrauen. „Da steht Animal Planet kopf.“

„Du machst mich krank. Das weißt du, oder?“

„Bloß kein Neid. Deine Zeit kommt auch noch.“ Kenna gab ihr einen Kuss auf die Stirn und ging.

Ihre Zeit war nicht mal ansatzweise in Sicht, Brook Lynn hatte null Aussichten auf etwas wie eine Beziehung. Mit diesem deprimierenden Gedanken im Hinterkopf konzentrierte sie sich auf ihr Gegenüber. Wie immer war die äußere Erscheinung von West unglaublich fesselnd – selbst im Profil. Nicht, weil sie sich zu ihm hingezogen gefühlt hätte. Das war nicht der Grund. Sondern weil er zu diesem umwerfenden Körper, über den er so gern redete, ein Gesicht hatte, das durchaus auf das Cover für eine Liebesschnulze gepasst hätte. Beim Anblick seines ständig etwas zerzausten Haars und seiner eindringlichen, gefühlvoll blickenden Augen war jede alleinstehende Frau des Ortes bereit, sich ihm ohne Bedenken an den Hals zu werfen. Und sehr viele von ihnen hatten es tatsächlich getan. Obwohl er nett, charmant und sehr klug war, hätte er im strahlenden Sonnenschein stehen können, und trotzdem hätte ihn Dunkelheit umgeben.

Sie brauchte nicht noch eine Baustelle in ihrem Leben, und es stand außer Frage, dass dieser Kerl Arbeit erfordern würde.

Laut Kenna, deren Verlobter über Insiderinformationen verfügte, erlaubte West es sich, pro Jahr eine Frau zu daten. Genau für zwei Monate. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wenn die Zeit abgelaufen war, ließ er das arme Ding aus irgendeinem offensichtlich an den Haaren herbeigezogenen Grund sitzen und wechselte nie wieder auch nur ein Wort mit ihr.

Wie verrückt war das denn?

Der Typ, der bei West stand, war mindestens genauso ein Augenschmaus. Vielleicht war er sogar noch beeindruckender. Männlich, muskulös und dennoch fast … hübsch. Seine Augen hatten einen honiggoldenen Ton, sein Haar konnte sich nicht entscheiden, ob es blond oder braun sein wollte. Nicht, dass es eine Rolle gespielt hätte. Die unterschiedlichen Töne harmonierten perfekt. Selbst seine Wimpern waren am Ansatz eher dunkel und an den Spitzen golden.

Brook Lynn las von den Lippen der beiden, so gut es ging. Es war nicht leicht, weil sie sie nicht direkt anblickten und sie ihr Sprachmuster nicht kannte. Sie schnappte nur Bruchstücke der Unterhaltung auf und reimte sich den Rest zusammen.

„Es ist erst sechs Monate her“, sagte Honiggold.

„Ja, und ich will, dass er auch die kommenden sechs übersteht“, erwiderte West. „Das hier gibt Ärger.“

„Meinetwegen nicht.“

West funkelte seinen Freund wortlos an.

„Was? Was habe ich denn Schlimmes gesagt?“, fragte Honiggold.

„Die Tatsache, dass du das nicht weißt, macht es richtig schlimm.“

West und Dane arbeiteten zusammen an einem Projekt. Da Kenna so gut wie nie von Danes Seite wich und die wenige Zeit, die sie erübrigen konnte, mit ihrer besten Freundin, also ihr, Brook Lynn, verbrachte, bedeutete das, dass sie mehr mit West zu tun gehabt hatte als jeder andere im Ort. Vor ein paar Tagen hatte sie ihn rundheraus gefragt, warum ein Kerl, der das schnelle Leben in der Großstadt offensichtlich so schätzte, ausgerechnet hierhergezogen war – auch wenn Strawberry Valley natürlich der schönste Ort auf Erden war. Charmant hatte er erwidert: „Na, um alle deine Träume wahr werden zu lassen, selbstverständlich. Gern geschehen übrigens.“

Und jetzt musste sie versuchen, von diesem Menschen eine halbwegs vernünftige Antwort zu bekommen. Na toll.

Entschlossen ging sie zu ihm und tippte ihm auf die Schulter.

Er sah sie an und hatte offenbar schon eine passende Bemerkung auf der Zunge. Als er sie erkannte, schaltete er blitzschnell um und grinste sie an.

„Also, wenn das nicht das Mädchen ist, das ich gern an meiner Seite hätte, falls die Zombies uns jemals angreifen sollten“, begrüßte er sie.

Wenn sie angreifen“, korrigierte sie ihn. Es war nur eine Frage der Zeit. Und ja, sie war eine von denen. Eine Gläubige. „Wo ist Jessie Kay?“

Die Männer wechselten einen Blick, ehe Honiggold ihre Hand ergriff und einen Kuss auf ihre Fingerknöchel hauchte.

„Hallo, meine Schöne. Ich bin Beck, und wenn du mir dreißig Minuten deiner Zeit schenkst, werde ich dafür sorgen, dass du nicht nur deine Freundin, sondern auch deinen eigenen Namen vergisst.“

Aha. Der berühmtberüchtigte Beck. Die Nummer zwei der drei Junggesellen. „Jessie Kay ist meine große Schwester, also vergesse ich sie ganz bestimmt nicht. Aber wenn du tatsächlich so viel draufhast und es schaffst, dass ich mich nicht mehr an meinen eigenen Namen erinnere, werde ich dich heiraten. Na? Noch an einer Affäre interessiert?“

Etwas wie Panik blitzte in seinen Augen auf, auch wenn er sich im nächsten Moment wieder im Griff hatte.

„Für immer mit einer Schönheit wie dir zusammen zu sein?“, entgegnete er lässig. „Du machst mir den Mund wässrig, Liebling.“

Darauf fallen Frauen herein? Echt? Sie wandte sich West zu, bevor sie der Versuchung nachgeben konnte, Beck eine Lektion zu erteilen, die er so schnell nicht vergessen würde. „Wo ist sie?“

West stieß die Luft aus. „Bist du dir sicher, dass du das wissen willst?“

Sie ließ den Kopf ein Stück sinken und sah ihn aus leicht zusammengekniffenen Augen an. „Diese Unterhaltung steht ganz kurz davor, mir auf die Nerven zu gehen.“

Beck lachte leise. „Sie steht ganz kurz davor?“

„Das sagt man in dieser Gegend so. Gewöhn dich dran.“ West runzelte die Stirn und sagte an sie gewandt: „Dir ist aber schon klar, dass ich sämtliche Regeln unter Kumpeln breche, wenn ich dir das jetzt verrate, oder?“

„Es ist besser, wenn du die Regeln brichst, als wenn ich dir die Beine breche.“

„Na gut.“ Mit einem Mal wirkte er unverständlicherweise wütend. „Sie ist in Jases Zimmer.“

Sie war bei Jase? Dem Dritten im Bunde? Jessie Kay konzentrierte sich jetzt auf ihn und nicht mehr auf Beck? Das hieß, dass Charlene Burns keinen Mist erzählt hatte. Großartig! „Wo ist dieses Zimmer?“

„Dritte Tür rechts.“ West deutete in die entsprechende Richtung.

Beck fiel ihm in den Arm. „Hey, Mann. Was, wenn sie noch immer beschäftigt sind?“

Beschäftigt? Etwa in dem Sinne, der ihr gerade durch den Kopf schoss?

Wests Miene wirkte angespannt, doch er zuckte mit den Schultern.

„Dann wird sie vermutlich vorübergehend blind, aber das gibt sich ja wieder.“

„Mann“, sagte Beck. „Es gibt auch so etwas wie Privatsphäre.“

Brook Lynn ließ die beiden allein, damit sie weiterdiskutieren konnten, verließ die Küche und ging den Flur entlang. Die Pärchen, die sich hierher zurückgezogen hatten, standen an die Wand gelehnt und knutschten. Niemand nahm Notiz von ihr. Sie kam zu besagter Tür und wollte eigentlich anklopfen, um sich bemerkbar zu machen – doch dann zögerte sie. Falls Jessie Kay tatsächlich so betrunken war, wie sie glaubte, fiel der Typ vielleicht in diesem Moment gegen den Willen ihrer Schwester über sie her. Und wenn sie ihn warnte, würde er sofort aufhören und sämtliche Beweise seines Fehlverhaltens verschwinden lassen. Sie musste ihn in flagranti erwischen.

Andererseits … Wenn sie jetzt ins Zimmer platzte und zwei erwachsene Menschen bei ihrer einvernehmlichen „Beschäftigung“ störte, würde sie wahrscheinlich wirklich vorübergehend blind werden.

Was war wichtiger? Ihre Schwester oder ihre Augen?

Also gut. Die Entscheidung war gefallen.

Brook Lynn drehte den Türknauf. Oder sie hätte ihn gedreht, wenn nicht abgeschlossen gewesen wäre. Verdammt! Ausgesperrt.

Tja, Pech für Mr „Hand in der Keksdose“. Ein Schloss stellte kein Problem für sie dar. Ihr verbrecherischer Onkel hatte ihr beigebracht, wie man ein Stiftschloss knackte und wie man jemanden beim Billard über den Tisch zog. Oder wie man beim Poker betrog. Er hatte ihr jedes Mal das Taschengeld gestrichen, wenn sie bei einer ihrer „Trainingseinheiten“ versagt hatte.

Sie ging zurück, wobei sie die Küche mied, und fand ein Arbeitszimmer, an dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift „Betreten verboten“ hing. Oh, bitte. Nachdem sie sich aus der obersten Schublade des Schreibtisches zwei Büroklammern besorgt hatte, steckte sie die zurechtgebogenen Drahtstücke ins Schloss, drehte … ja! … und hatte im nächsten Moment Zugang zu Jases Zimmer.

Das Licht war an. Ein Mann stand am Fußende des Bettes und zog sich gerade ein schwarzes T-Shirt über. Wow … Wow! Sie erhaschte einen Blick auf oliv getönte Haut und auf ein beeindruckendes Sixpack, das so hart und unzerstörbar wirkte wie Diamant. Ein Muster aus Tattoos, die sie gern näher betrachtet hätte, zierte den Großteil seines Oberkörpers. Leider verschwand das alles im nächsten Moment unter einer Schicht Stoff, die diesen sexy Augenschmaus verdeckte.

Eins war sehr schnell klar: Gegen ihn konnte West mit seinem ach so perfekten Körper einpacken. Jetzt war ein neuer Adonis im Ort.

Adonis hielt inne, als er sie bemerkte, und sah sie an. Dieser Blick aus den grünsten Augen, die sie je gesehen hatte, war unglaublich fesselnd und jagte ihr kleine Schauer über den Rücken. Warum? Es war kein Schlafzimmerblick – dazu war der Ausdruck zu kühl, sogar frostig, fast schon arktisch … Doch es war auch eine Einladung, eine Aufforderung, zu tun, was immer nötig war, um diesen Mann für sich zu erwärmen und in Stimmung zu bringen.

Sie sah, wie er diese wunderschönen, sinnlichen Augen zu schmalen Schlitzen zusammenkniff.

Peinlich berührt, weil er sie beim Starren erwischt hatte, räusperte Brook Lynn sich. „Bist du Jase?“

Er nickte knapp. „Das bin ich.“

Nur drei kurze Worte, dennoch hatte sie Schwierigkeiten, die Bewegung seiner Lippen zu verfolgen. Er hatte den Mund missmutig verzogen, und sie stellte sich vor, dass sein Tonfall unecht und scharf war.

„Wer bist du?“

Er musterte sie von oben bis unten, während er sich mit gespreizten Fingern durchs Haar strich. Es war dunkel und zerzaust und stand ihm vom Kopf ab.

„Wie bist du hier reingekommen?“

Gib deine Taten niemals zu. Onkel Kurts Stimme hallte in ihrem Kopf wider.

Befolge niemals die Ratschläge deines Onkels, meine Kleine. Das war ihr geliebter Vater, der ihr das vor seinem Tod geraten hatte.

Vergiss niemals, dass Lügen Gift sind. Die Worte ihrer geschätzten Mutter.

Alle drei waren bereits tot. Die Erinnerung versetzte ihr einen Stich.

„Du hast vielleicht vergessen, die Tür abzuschließen?“, schlug sie vor. Es war keine Lüge, aber es war auch kein Geständnis.

„Vielleicht auch nicht.“ Wieder presste er die Lippen aufeinander.

Sie zuckte die Achseln. „Oder ein defektes Türschloss? Wer weiß das schon so genau …“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Bist du hergekommen, weil du gehofft hast, einen Klaps auf den Po zu bekommen?“

Ihr Herz fing an zu rasen, pulsierte in ihrer Brust, als wäre soeben genug Adrenalin ausgeschüttet worden, um ein totes Pferd wiederzubeleben. „Nein. Aber du kannst es gern versuchen, wenn du möchtest, dass man dir die Eier chirurgisch wieder aus dem Hals entfernen muss.“ Begrüßte man sich neuerdings mit der Androhung körperlicher Gewalt? Und warum hatte ihr das niemand gesagt?

„Was willst du?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust.

Wollte er sie einschüchtern? Sie betrachtete ihn noch genauer – und war von der Anziehung, die von ihm ausging, gefesselt. Sein Gesicht war nicht klassisch schön, doch das musste es auch gar nicht sein. Seine Züge waren scharf geschnitten und absolut männlich. Seine Nase stand leicht schief, auf seinem kantigen Kinn schimmerte ein Bartschatten, sein Hals war tätowiert. Zwei Halsketten hingen bis auf seine Brust hinab – eine mit einem ovalen Anhänger, die andere mit einem Kreuz. Er hatte breite Schultern, trug Lederarmbänder an beiden Handgelenken und an mehreren Fingern Silberringe.

Seine Jeans stand noch offen, und die Springerstiefel, die er anhatte, waren nicht zugeschnürt. Offensichtlich hatte er sich in aller Eile angezogen. Und in diesem Moment redete er vielleicht mit ihr, doch weil ihre Hörgeräte auf stumm geschaltet waren, bekam sie es nicht mit. Also richtete sie ihre Aufmerksamkeit erneut auf seinen Mund. Wieder einmal hatte er die Lippen aufeinandergepresst.

„Es tut mir leid“, platzte sie heraus. „Wie war noch mal die Frage?“

Er runzelte die Stirn. „Wer bist du?“

„Brook Lynn Dillon. Ich bin auf der Suche nach meiner Schwester, und man hat mir gesagt, dass …“ Eine Bewegung im Bett ließ sie stutzen. „Sie soll hier bei dir sein“, brachte sie den Satz zu Ende. Ob Jase etwas erwiderte, wusste sie nicht, und es war ihr auch egal. Sie trat ans Bett.

Die Person unter der Decke streckte sich und setzte sich auf. Helle schulterlange Haare fielen um ein schlaftrunkenes Gesicht, das Brook Lynn nur zu vertraut war. Erleichterung mischte sich mit einer Verärgerung, die sie nicht verstand, als ihre Schwester sie anblinzelte.

Ihre Lippen waren feucht und rot, als Jessie Kay nun die Decke vor ihren nackten Oberkörper hielt.

„Brook Lynn? Was machst du denn hier?“

Sie war nicht betrunken, wie Brook Lynn befürchtet hatte, doch sie war augenscheinlich erschöpft – von einer Überdosis Spaß. Die Verärgerung nahm zu und brodelte in ihr. „Was denkst du denn, was ich hier mache?“, fragte sie.

„Na ja, das Erste, was mir so durch den Kopf geht, ist: Du nervst mich bis zum Anschlag.“

Eine typische Antwort für Jessie Kay. „Komm … Zieh dich einfach an“, sagte Brook Lynn. „Lass uns gehen.“

„Keine Chance. Du gehst.“ Ihre Schwester lehnte sich zurück. „Mir gefällt es hier.“

„So ein Pech. Es ist schon spät, und wir müssen morgen arbeiten.“

„Genau genommen musst du arbeiten. Ich melde mich krank.“

„Nein, du halst mir nicht zwei Tage hintereinander eine Doppelschicht auf“, erwiderte Brook Lynn. „In dem Fall werde ich Mr Calbert die Wahrheit sagen. Du weißt, dass ich das tun würde.“

Jessie Kay zuckte unbeeindruckt mit den Schultern.

Und wir sollen verwandt sein? „Ich verliere allmählich die Geduld mit dir.“ Brook Lynn hatte drei Ziele im Leben: Geld sparen, das Rhinestone Cowgirl kaufen und aus ihrer Schwester einen überlebensfähigen Menschen machen.

Ich liebe dieses Mädchen, aber ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte.

Jessie Kay liebte sie auch, und sie machte ihr das Leben bestimmt nicht mit Absicht zur Hölle. Es war einfach ein bedauerlicher Kollateralschaden.

„Beruhige dich, Frau Wärterin“, sagte ihre Schwester. „Kein Grund, vor Wut gleich an die Decke zu gehen.“

Frau Wärterin. Ein Spitzname, den Jessie Kay ihr im Alter von fünfzehn Jahren verpasst hatte. Brook Lynn biss die Zähne zusammen und sagte: „Zieh dich an. Das ist mein Ernst.“

In den Augen ihrer Schwester, die von einem etwas dunkleren Blau waren als ihre eigenen, blitzte Ungeduld auf.

„Ich habe es dir schon gesagt. Ich gehe nirgendwo hin.“

Jessie Kay sprach weiter, doch sie wandte sich dabei ab, und Brook Lynn konnte ihre Lippenbewegungen nicht mehr erkennen.

„Ich habe auf stumm geschaltet“, unterbrach sie sie. „Ich muss dich sehen.“

Sofort drehte Jessie Kay den Kopf wieder zu ihr um, aber ihr Blick blieb an Jase hängen, und sie wich zurück. Bevor Brook Lynn etwas sagen konnte, stieß ihre Schwester hervor: „Okay. Na schön. Ich ziehe mich an. Mann!“

Brook Lynn riskierte einen Blick auf Jase. Er stand noch immer am Fußende des Bettes und hatte nach wie vor die muskulösen Arme vor der Brust verschränkt. Sein kühler Blick war auf sie gerichtet und nicht auf die Frau, mit der er gerade geschlafen hatte. Brook Lynn schluckte.

„Wir wären gern ein bisschen ungestört“, sagte sie und hoffte, dass ihre Stimme nicht zu atemlos klang.

Er schüttelte knapp den Kopf. „Tut mir leid, Süße, aber das hier ist mein Zimmer.“

Süße? Oder hatte sie seine Lippenbewegungen vielleicht falsch gelesen? „Tja, wir würden es gern für ein paar Minuten … ausleihen.“

„Ich bezweifle, dass ihr die Miete dafür bezahlen könnt.“

Das käme auf die Währung an. Schauer? Kribbeln? Damit konnte sie gerade dienen. Er verströmte so viel Testosteron, wie sie es noch nie erlebt hatte. Ihr Instinkt sagte ihr, dass er der Typ Mann war, den jedes Mädchen an seiner Seite haben sollte, wenn die Zombie-Apokalypse kam.

Nach einem The-Walking-Dead-Marathon im Fernsehen hatten Kenna und sie sich sogar Überlebensstrategien zurechtgelegt – Plan A, B und C. Plan B sah vor, sich an den ersten starken (und gut aussehenden) Mann zu hängen, der ihnen über den Weg lief. Plan A, der ihr persönlich als der beste erschien, beinhaltete, den Zombies in den Arsch zu treten, während sie sich von anderen Überlebenden Vorräte zusammenklauten – Mädchen mussten tun, was zu tun war. Plan C war schlicht, die ganze Welt einfach abzufackeln.

„Könntest du wenigstens so tun, als wärst du ein Gentleman, und dich umdrehen?“, fragte sie.

„Würde ich ja, wenn ich wüsste, wie.“

Ein Schauer durchzuckte sie, und ihre Knie wurden beinahe weich. Sie sollte diese sture Bad-Boy-Art nicht sexy finden. Nein, absolut nicht. Irgendwie gelang es ihr, den Blick von ihm abzuwenden. Er hatte gerade mit ihrer Schwester geschlafen – also war er im Moment und auch in Zukunft tabu.

Jessie Kay sah sich in dem geräumigen Zimmer um. „Hat irgendjemand meine Shorts gesehen?“

Abgeschnittene Shorts und ein Tanktop lagen zusammengeknüllt zu Brook Lynns Füßen. Sie hob beides auf und warf ihrer Schwester die Sachen zu. „Und? Willst du dich nicht entschuldigen, weil du bei der Arbeit fünf Stunden früher Schluss gemacht hast?“

„Äh, warum sollte ich mich dafür entschuldigen?“ Jessie Kay zog das Oberteil über und zupfte es zurecht. „Es tut mir nicht leid. Und im Übrigen hatte ich so gut wie keine Kunden.“

„An deinen Tischen haben sich die Gäste im Stundentakt abgewechselt. Deshalb musste ich ohne Pause hin und her hetzen, um deine und meine Gäste zu bedienen. Das war nicht zu schaffen! Ich habe natürlich Fehler gemacht und Trinkgelder verloren.“ Wenn man nicht viel hatte, zählte jeder Penny.

„Ich mache das wieder gut. Versprochen“, entgegnete Jessie Kay und schlüpfte unter der Decke in ihre Shorts. „Mach dir keine Sorgen.“

Erneut versetzte Wut Brook Lynn einen Stich. „Wie denn? Hast du heimlich geerbt?“, fragte sie. „Oder muss ich wieder an mein Erspartes gehen, um deinen Mietanteil und deine Lebensmittel zu bezahlen?“

„Hey! Ich habe den genauen Überblick über jeden Cent, den ich dir schulde. Ich werde dir alles zurückzahlen.“

Dann ist es womöglich zu spät, wollte Brook Lynn schreien. Für ihr zukünftiges Glück war ihr ein Ultimatum gestellt worden: Edna, die Besitzerin vom Rhinestone Cowgirl, gab ihr bis zum Ende des Jahres Zeit, um das Geld aufzubringen, mit dem sie den Laden kaufen konnte.

Schmuckkreationen waren vielleicht nicht gerade ihre große Leidenschaft, doch dieses kleine Schmuckgeschäft zu besitzen, war in ihren Augen für sie der einzig machbare Weg zum Erfolg. Und sie wollte unbedingt erfolgreich sein. Sie hatte sogar schon begonnen, Pläne zu machen. Sie würde jemanden engagieren, der ihr eine Website einrichtete, damit sie den Schmuck in ganz Oklahoma verkaufen konnte und nicht nur an die Einwohner von Strawberry Valley oder an die Touristen, die den Ort in der Sommersaison überschwemmten. Sie würde endlich nicht mehr von einem Tag zum nächsten leben, sondern an die Zukunft denken können.

Jessie Kay stand auf und tätschelte ihr den Kopf. „Ich sage es ja nur ungern, Schwesterchen, aber dein Schmuckladen ist ungefähr genauso überflüssig wie eine Kuh, die Wasser gibt.“

Überflüssig?

Überflüssig!

„Ich will nur nicht, dass du dich unglücklich machst“, fuhr Jessie Kay fort und goss damit noch mehr Öl ins Feuer.

Brodelnde Wut kochte über, und Brook Lynn explodierte. Unglücklich? Unglücklich! Wie, glaubte ihre Schwester, ging es ihr denn jetzt?

„Tja, und vielleicht möchte ich nicht, dass du wie Onkel Kurt endest“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Jessie Kay keuchte. „Mann. Das war nicht nett.“

Das stimmte.

Vor Jahren war eine der massiven Maschinen in der örtlichen Molkerei in die Luft geflogen und hatte dabei die Hälfte der Belegschaft in den Tod gerissen. Viele Einwohner von Strawberry Valley hatten dort gearbeitet. Auch ihr Vater. Er war noch an der Unglücksstelle gestorben.

Ihre Mutter hatte danach ihr Bestes getan, um sie beide großzuziehen. Doch gelegentlich war sie so überfordert gewesen, dass sie ihren Bruder, einen verlogenen Hochstapler, um Hilfe mit den Mädchen gebeten hatte. Und als sie später ertrank – Gott sei ihrer wundervollen Seele gnädig –, war Onkel Kurt, ihr einziger Verwandter, ganz nach Strawberry Valley gezogen. Brook Lynn war damals fünfzehn und Jessie Kay siebzehn gewesen. Obwohl sie in der Lage gewesen waren, sich um sich selbst zu kümmern, hatten sie einen gesetzlichen Vormund gebraucht. Kurt war nur so lange geblieben, bis er sich das Geld aus der Lebensversicherung unter den Nagel gerissen hatte.

Jessie Kay stieß sie unsanft an und riss sie damit aus ihrer Grübelei.

„Ich bin ganz anders als der Drecksack. Nimm das sofort zurück.“

„Niemals!“ Brook Lynn schubste sie ebenfalls. Nur bei Jessie Kay wusste sie sich manchmal nicht anders zu helfen als mit körperlicher Gewalt.

Ihre Schwester schlug ihr auf die Schulter.

Brook Lynn schlug zurück. „Ich bin ganz kurz davor zu zählen, Jessie Kay.“

„Eins“, sagte Jessie Kay spöttisch. Sie kannte sie einfach zu gut.

„Zwei, drei.“ Brook Lynn beschloss, dass eine verbale Auseinandersetzung zwecklos war. Mit einem Schrei stürzte sie sich auf ihre Schwester. Sie fielen beide auf die Matratze, federten ab und landeten auf dem Boden, wo sie umherrollten und miteinander rangen. Als sie gegen das Nachttischchen krachten, geriet die Lampe darauf ins Wanken, knallte auf den Fußboden und zerbrach. Sie bemerkten den Schaden gar nicht. Verbissen kämpften sie weiter. Brook Lynn setzte sich schließlich durch, hockte sich auf ihre Schwester und drückte mit den Knien deren Schultern zu Boden. Sie packte Jessie Kays Handgelenke und zwang sie, sich selbst ins Gesicht zu schlagen.

„Warum schlägst du dich selbst, Jessie Kay? Hä? Hä? Warum?“

Ihre Schwester wand sich und versuchte, den Schlägen auszuweichen.

Plötzlich spürte Brook Lynn warmen Atem in ihrem Nacken. Im nächsten Moment wurden starke Arme um sie geschlungen. Ein männlicher Duft stieg ihr in die Nase. Jase.

„Lass mich los“, rief sie. „Lass mich sofort los.“

Er verstärkte seinen Griff nur noch. Kurzerhand warf er sie sich über die Schulter und verließ mit ihr das Zimmer.

2. KAPITEL

Jason – Jase – Hollister trug die kleine Furie in den Garten hinaus. Bei jedem Schritt wehrte sie sich und fauchte wie eine Wildkatze. Doch er ließ nicht locker und hielt sie, als wäre sie seine wohlverdiente Kriegsbeute. Die Partygäste beobachteten grinsend die Show und amüsierten sich köstlich. Ein paar der Leute folgten ihm. Offensichtlich wollten sie sich das Ende dieser Auseinandersetzung nicht entgehen lassen.

Es gefiel ihm nicht, dass sie mitkamen. Genau genommen gefiel es ihm schon nicht, dass sie überhaupt hier waren. Im Grunde hatte er nur seine beiden Freunde gern um sich und hielt sich von allen anderen Menschen lieber fern. Sogar an guten Tagen reagierte er nicht immer vernünftig – und dies war kein guter Tag. Er hatte lange keinen guten Tag mehr gehabt.

Hinter ihm schrie die scharfe Tussi, mit der er gerade geschlafen hatte: „Lass sofort meine Schwester runter, du zu groß geratener Neandertaler!“

Wenn er den Sex mit Jessie Kay nicht schon bereut hätte, bevor die kleine Wildkatze – die offensichtlich als Brook Lynn bekannt war – ins Zimmer gestürmt war, hätte er es spätestens jetzt getan. Als er vor ein paar Wochen nach Strawberry Valley gezogen war, hatte er beschlossen, seine sexuellen Ausschweifungen zu beenden. Beck hatte sie als „fünfmonatige erotische Odyssee“ bezeichnet. Und er hatte so recht. Es war eine fleischliche Odyssee gewesen. Direkt in die Hölle. Er hatte sich davon Befriedigung, Genuss und vielleicht ein bisschen Spaß versprochen. Es war ihm jedoch schwergefallen, sich in Gegenwart der Frauen zu entspannen, und so waren statt Befriedigung, Genuss und Spaß am Ende nur schlechter Sex, Schuldgefühle und unschöne Erinnerungen übrig geblieben.

Der heutige Abend passte dazu, denn der war nur noch eine Erfahrung, die er bereute und die er auf die stetig anwachsende Liste setzen konnte. Er hatte sich nicht konzentrieren können, war ständig in Alarmbereitschaft gewesen, für den Fall, dass ihn jemand hinterrücks angreifen sollte.

Diese Angewohnheit, die er seit neun Jahren hatte, ließ sich nicht so einfach ablegen.

Eigentlich hatte der Umzug hierher ein Neustart sein sollen – an einem Ort, der für all das stand, was er nie gehabt, sich aber immer gewünscht hatte. Wurzeln, Beständigkeit. Frieden. Viel Platz und die Unterstützung einer Gemeinschaft. Er hatte ganz von vorn beginnen wollen, mit einer weißen Weste, die er sauber halten und nicht dadurch hatte verunstalten wollen, dass er bei erster Gelegenheit ein Riesendrama zwischen zwei Schwestern verursachte, indem er sie gegeneinander ausspielte.

Zu spät.

Eigentlich hatte er sich vorgenommen, an seinem neuen Wohnort nicht gleich mit einer Frau ins Bett zu hüpfen und mit einem unbedachten One-Night-Stand womöglich alles zu ruinieren. Doch er hatte ein paar Bier zu viel getrunken, und Jessie Kay hatte sich auf seinen Schoß gesetzt und ihn gefragt, ob sie ihn mal richtig in der Stadt willkommen heißen solle. Der Rest war Geschichte.

Zumindest war er noch so weit bei Verstand gewesen, um klarzustellen, dass es eine einmalige Sache und keine aufblühende Beziehung werden würde. Er hatte sich seine Freiheit hart erkämpfen müssen – und würde alles tun, um sie zu behalten.

Frauen blieben sowieso nie lange. Seine Mutter war nicht lange bei ihm geblieben. Unzählige Pflegemütter waren nicht geblieben. Verdammt, selbst die Liebe seines Lebens hatte ihn verlassen. Daphne war gegangen, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

Das Licht der Verandalampen warf einen goldenen Schimmer auf den Swimmingpool und beleuchtete das Pärchen, das beschlossen hatte, nackt zu baden. Die beiden hörten – wie jeder andere im Umkreis von fünfzehn Kilometern – den Aufruhr und verzogen sich in eine schummrige Ecke.

„Pass auf, Süße“, sagte er zu Brook Lynn. „Diese Lektion willst du nicht noch mal erleben. Wenn du in meinem Zimmer einen Tobsuchtsanfall bekommst, wirst du nass.“ Damit warf er die kleine Wildkatze am tiefen Ende des Pools ins Wasser und hoffte, sie so ein bisschen abzukühlen und sie zu beruhigen.

Jessie Kay schlug ihm auf die Arme und schrie: „Du Idiot! Ihre Implantate sind nicht wasserdicht. Sie muss sie vorm Baden mit einem speziellen Schutz abdichten.“

Ach, bitte. „Implantate hält man besser feucht.“ Er sollte es wissen. Er hatte es schließlich schon mit genügend Implantaten zu tun gehabt.

„Das sind keine Brustimplantate, du Idiot! Die Implantate sind in ihren Ohren!“

Verflucht. Ich habe auf stumm geschaltet, hatte sie gesagt. Mit einem Mal ergaben diese Worte einen Sinn. „Das hätte man mir ruhig eher sagen können“, murrte er.

Brook Lynn kam prustend an die Wasseroberfläche. Sie schwamm an den Rand und kletterte mit der Hilfe ihrer Schwester aus dem Wasser. Schnell zupfte sie ihre Haare über die Ohren, dann funkelte sie ihn wütend an. Sie erinnerte ihn an einen Racheengel.

Er hatte gehofft, die spontane Abkühlung würde ihre Ausstrahlung schmälern. Diese Hoffnung war vergebens gewesen.

Wassertropfen perlten die makellose Haut in der Farbe von flüssigem Honig hinab. Die schlichte weiße Bluse und die schwarze Hose klebten an ihrem Körper und zeigten, wie atemberaubend ihre Figur war. Ihre Beine schienen endlos zu sein, die Brüste waren eine gute Handvoll … und die Nippel waren aufgerichtet.

Diese Merkmale allein wären für den Seelenfrieden jedes Mannes schon eine Gefahr, doch wenn man diesen wundervollen Körper zusammen mit dem engelsgleichen Gesicht betrachtete – die riesigen babyblauen Augen und der herzförmige Mund, die eigentlich niemand haben dürfte, der kein Abgesandter des Himmels war –, war das mehr, als „Mann“ aushalten konnte.

Verdammt, ich habe mir die falsche Schwester ausgesucht.

Tja, vorbei war vorbei. Ein weiterer dunkler Fleck in seinem Gewissen. Eine weitere Erinnerung, die einen Schatten auf seiner Seele hinterlassen würde.

„Es tut mir leid wegen deiner Hörgeräte oder was auch immer das für Dinger sind“, sagte er, „aber Zickenkriege sind in meinem Zimmer nicht erlaubt. Ihr solltet eure Streitigkeiten fürs nächste Schlammcatchen aufsparen.“

Sie sah ihm auf die Lippen und verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. Offensichtlich hatte sie ihn verstanden.

Ohne den Blick von ihm zu wenden, sagte sie: „Jessie Kay, steig in den Wagen. Wenn ich wieder zu zählen anfangen muss, wirst du es bereuen.“

Zum ersten Mal an diesem Abend hörte ihre Schwester auf ihre Aufforderung und lief so schnell los, als würde der Boden unter ihren Füßen in Flammen stehen.

West und Beck kamen einen Augenblick später hinzu und nahmen die Szene erst mal in sich auf: Eine umwerfende Frau, die klatschnass war und wahrscheinlich fror, stand wie versteinert und mit geballten Fäusten vor ihm, der den Blick nicht von ihr abwenden konnte.

„Was zum Teufel ist hier los?“, wollte Beck wissen und strich sich mit gespreizten Fingern durchs Haar.

„Das ist eine Sache zwischen ihm und mir“, entgegnete Brook Lynn und zeigte auf ihn. „Ihr könnt zurück ins Haus gehen.“

„Du blutest. Du hast dich an der Hand verletzt.“ West runzelte die Stirn und wollte ihre Hand ergreifen.

„Um mich müsst ihr euch keine Sorgen machen.“ Sie machte einen Schritt nach hinten und wäre beinahe wieder in den Pool gestürzt, wenn er sie nicht am Arm festgehalten hätte.

Überrascht stellte Jase fest, dass sie trotz ihrer weiblichen Kurven sehr zierlich war. Und noch mehr überraschte ihn die Zartheit ihrer warmen Haut. Ihr war anscheinend nicht kalt, und je länger er sie festhielt, desto mehr kam es ihm vor, als würde an der Stelle, an der er sie berührte, Energie fließen. Irgendwie schien etwas wie Elektrizität durch die Schutzmauern zu dringen, die er im Laufe der Jahre um sich errichtet hatte, um seine Gefühle dahinter zu verschließen. Das Verlangen, sie überall zu berühren, sie in seinen Armen zu halten, wurde fast übermächtig.

Er wollte sich auf sie stürzen.

Was zum Teufel war los?

Er ließ sie abrupt los und wich zurück. Diesen inneren Schutzwall hatte er nicht aus Spaß an der Freude aufgebaut. Der war für ihn überlebenswichtig. Nachdem er von seinen Eltern verlassen und von einigen Pflegeeltern misshandelt worden war, hatte er gelernt, dass seine Gefühle eine Schwäche darstellten, die man gegen ihn verwenden konnte. Etwas für einen Menschen oder eine Sache zu empfinden bedeutete, dass er Wert darauf legte – ob nun im guten oder schlechten Sinne.

Nichts empfinden. Nichts wollen. Nichts brauchen. Meistens hatte sich dieses Motto bezahlt gemacht. In manchen Momenten war der innere Schutz verschwunden, und düsterste Emotionen hatten ihn verschlungen – und dazu getrieben, Dinge zu tun, die er nicht hätte tun dürfen. Es hatte immer Ärger bedeutet.

Brook Lynn blickte auf ihr Handgelenk, als hätte sie etwas gespürt, das sie nicht erklären konnte. Dann sah sie ihn an und verengte wieder die Augen zu schmalen Schlitzen.

Zu Beck und West, die trotz ihrer Bitte, zu gehen, stehen geblieben waren, sagte Jase: „Bringt die Leute ins Haus. Ich kümmere mich um sie.“

Die beiden sahen zwischen ihm und dem Mädchen hin und her, und er ahnte, dass sie eigentlich widersprechen wollten. Die Anspannung war ihnen anzusehen. Andererseits wirkten sie immer angespannt. Sie liebten ihn, doch wenn sie ihn ansahen, war ihr Blick wegen ihrer gemeinsamen Vergangenheit, die einen Schatten auf die Gegenwart warf, und wegen ihres Trips durch die Hölle getrübt. Schuldgefühle und Scham brodelten bei ihnen ständig unter der Oberfläche.

Sie gaben sich die Schuld für die schrecklichen Jahre, die er in seinem Leben hatte überstehen müssen. Es war eine Zeit gewesen, die er lieber nicht erlebt hätte. Diese Zeit war auch der Grund dafür, dass West eine ganze Weile gegen eine schlimme Drogensucht hatte ankämpfen müssen. Und sie war der Grund dafür, dass Beck sich bis jetzt weigerte, sich länger als eine Stunde am Stück auf einen Menschen einzulassen – wenn die Frau gut war, konnten es auch mal zwei Stunden werden. Ob sie es nun zugaben oder nicht, sie wollten genauso leiden, wie er hatte leiden müssen. So, wie er manchmal immer noch litt.

„Bringt die Leute ins Haus“, wiederholte er. Gerüchte verbreiteten sich hier in rasender Geschwindigkeit, und er hatte keine Lust, Gesprächsthema des Tages zu werden. Er schützte seine Privatsphäre so, wie andere ihren wertvollsten Besitz schützten. Vielleicht lag es daran, dass er mehr zu verbergen hatte als die meisten anderen.

In der heutigen digitalisierten Welt gab es keine Geheimnisse. Die Einwohner von Strawberry Valley würden also noch früh genug die Details über seine Vergangenheit erfahren. Er hoffte nur, dass sie ihn dann nicht mit Mistgabeln und brennenden Fackeln aus dem Ort jagten.

„Sofort“, fügte er hinzu.

Dieses Mal kamen seine Freunde seiner Bitte nach. Sobald die anderen den Garten verlassen hatten, kehrten sie jedoch zurück.

West bot Brook Lynn ein Handtuch an, aber sie bekam nichts mit. Ihr Blick ging in die Ferne, wo auf dem riesigen Anwesen hohe Eichen und blühende Magnolien standen. Die Walderdbeeren, die zwischen den Bäumen gediehen, liebte Jase am meisten. Er mochte die leuchtend roten Früchte, die an den zierlichen Pflanzen hingen, die im Frühjahr strahlend weiße Blüten mit einem sonnengelben Mittelpunkt hatten. Die Landschaft war schöner, als er es jemals für möglich gehalten hätte.

„Brook Lynn“, sagte er, doch sie schenkte ihm noch immer keine Beachtung. Waren ihre Hörgeräte kaputt?

Er bekam ein schlechtes Gewissen.

West tippte ihr auf die Schulter, und Brook Lynn schrie erschrocken auf. Als sie das Handtuch bemerkte, das er ihr entgegenstreckte, nahm sie es an und bedankte sich leise.

„Ihr geht auch ins Haus, wie sie es gesagt hat.“ Jase wies mit dem Daumen hinter sich.

West drehte Brook Lynn den Rücken zu und flüsterte: „Sag mir, dass du nicht das denkst, was ich glaube, Jase.“

Was denn? Dass das Mädchen gut aussah – und dass die Kleine in seinen Armen noch besser aussehen würde? Zu spät. Genauso leise erwiderte er: „Ich werde nichts versuchen.“

Beck wandte sich ebenfalls von Brook Lynn ab. „Jase, du hast sie gerade in den Pool geworfen. Ich würde sagen, dass du außer jeder Menge Ärger nichts erreichen wirst. Das Einzige, was man jetzt noch tun kann, ist, die Situation mit viel Fingerspitzengefühl zu entschärfen. Und das ist zufällig meine Stärke.“

Er sollte zulassen, dass Beck sich mit Fingerspitzengefühl um diese zarte Schönheit kümmerte? Wut erfasste ihn, und er war überrascht. Er hatte seinen Zorn noch nie gegen seine Freunde gerichtet. Was heute Abend passiert war, hatte ihn offensichtlich mehr mitgenommen als sonst.

„Im Übrigen“, fügte West hinzu, „kannst du dir keinen Ärger leisten.“

Nein. Das konnte er nicht. Außerdem hatte er in seinem Leben schon genug Ärger überstehen müssen.

„Was ist, wenn sie sich entschließt, Beschwerde beim Sheriff einzureichen?“ Becks Blick war finster.

Jase spürte, wie Panik ihn erfasste. Die feinen Härchen in seinem Nacken richteten sich auf.

„Was auch immer ihr gerade über mich sagt – hört damit auf. Falls es um die Kosten für die Reparaturen geht …“ Brook Lynn schob West und Beck zur Seite, um ihn ansehen zu können. „Ich zahle für die Lampe und das Nachttischchen.“

Nach allem, was er ihr angetan hatte, glaubte sie, dass sie ihm etwas schuldig wäre? Mal ernsthaft, er würde niemals Geld von ihr annehmen. Er hatte gehört, wie sie sich mit ihrer Schwester gestritten hatte, und wusste, dass die beiden kaum über die Runden kamen.

„Geht jetzt.“ Er gab seinen Freunden einen leichten Schubs in Richtung Haus. Die beiden kehrten widerwillig auf die Party zurück – nicht, weil sie dachten, es sei die richtige Entscheidung, sondern weil sie glaubten, es ihm schuldig zu sein. „Ich habe deine Hörgeräte zerstört, Süße. Wie wäre es, wenn wir uns darauf einigen, damit quitt zu sein?“

Augenblicklich hob sie die Hände an die Ohren und prüfte, ob ihre Haare ordentlich lagen und die Implantate verdeckten.

Als er ihre Unsicherheit bemerkte, zog sich in seinem Innersten etwas zusammen. Es versetzte ihm einen schmerzhaften Stich.

„Wie wäre es, wenn wir uns nicht darauf einigen?“, erwiderte sie.

Er beachtete ihren Einwand gar nicht. „Vielleicht muss deine Hand genäht werden.“ Blut quoll aus der Wunde, die sie sich an einer Scherbe von der Lampe zugezogen hatte. Sie hob ihr Kinn noch ein Stückchen weiter an.

„Keine Sorge. Mir geht es gut.“

„Dann lass mich die Hand wenigstens verbinden.“

Sie sah ihm auf den Mund, nahm sich einen Moment, um die Worte zu entziffern, und schüttelte den Kopf.

„Nein danke.“

So höflich. So distanziert.

Und die Mühe nicht wert.

Er hatte sich entschuldigt. Er hatte ihr angeboten, für den Schaden zu bezahlen, und er hatte ihr sogar angeboten, den Doktor zu spielen. Jetzt gab es nichts mehr zu tun, als sich zurückzuziehen. „Ob du es glaubst oder nicht: Wir sind quitt. Es war nett, dich kennenzulernen, Brook Lynn. Dann noch ein schönes Leben.“ Er war entschlossen, ihr und ihrer Schwester zukünftig besser aus dem Weg zu gehen.

„Warte“, rief sie, und aus irgendeinem unerfindlichen Grund blieb er stehen. „Welche Absichten hast du, was Jessie Kay angeht?“

Er schloss die Augen. Dieses Theater kann ich absolut nicht gebrauchen. Langsam drehte er sich zu ihr um und sagte: „Du hast sie zu Boden geworfen und sie dazu gezwungen, sich selbst zu schlagen. Interessiert dich also wirklich, was für Absichten ich habe?“

„Ja!“

Ihre blauen Augen schienen Funken zu sprühen. Er war nie ein guter Lügner gewesen. „Ich habe keine Absichten. Das war ein One-Night-Stand. Eine einmalige Sache.“

Der kämpferische Ausdruck in ihrem Blick verstärkte sich.

„Dann war’s das also? Du hast sie gevögelt, und jetzt servierst du sie ab?“

„So kann man es sagen, ja.“ Genau genommen war er sich sogar ziemlich sicher, dass er für die nächste Zeit von Frauen im Allgemeinen erst mal genug hatte. Wenn er zur Ruhe kam und die Sehnsucht nach einer Beziehung stärker wurde, würde er sich vielleicht wieder bei Daphne melden. Sie wusste über einige der grauenvollen Dinge Bescheid, die er als Kind und Jugendlicher erlebt hatte. Und sie kannte die Sünden, die er als junger Mann begangen hatte. Was er als Erwachsener hatte erdulden müssen, hatte er ihr nicht erzählt. Unwillkürlich schauderte er. Er wusste tief in seinem Inneren, dass er einige Dinge niemals anderen Menschen anvertrauen würde – nicht einmal West und Beck. Er könnte in Zukunft etwas Schönes mit Daphne eingehen, etwas Festes. Sie hatte damals ihre Gründe gehabt, ihn zu verlassen, und es waren gute Gründe gewesen.

Doch was könnte er ihr bieten? Es wäre unmöglich, auf dem brüchigen Fundament seiner Vergangenheit eine stabile Zukunft aufzubauen.

Als sein Blick auf Brook Lynn fiel, rief sein Körper: Vergiss Daphne, nimm diese Frau. Das Mädchen sprühte vor Leben und Energie. Wieder verspürte er den fast unwiderstehlichen Drang, Brook Lynn in seine Arme zu schließen und sie festzuhalten. Wärme breitete sich bei ihm aus, und seine Haut fing an zu kribbeln.

Diese Reaktion war allerdings nicht so rätselhaft wie die anderen. Bis vor sechs Monaten war er, was Frauen betraf, neun Jahre lang abstinent gewesen. Natürlich wollte sein Körper daher die Frau, die gerade erreichbar war.

„Jessie Kay ist ein Mensch“, sagte sie. „Sie hat Gefühle.“

„Ich bin auch ein Mensch. Ich habe auch Gefühle.“

Brook Lynn errötete. Diese Veränderung überraschte ihn, fesselte ihn. Verwirrte ihn. „Ihr war klar, worauf sie sich einließ“, fügte er hinzu. „Ich habe das mit ihr geklärt, ehe wir in mein Zimmer gegangen sind.“

Brook Lynn zog einen ihrer praktischen flachen Schuhe aus, aber statt ihm das Teil an den Kopf zu werfen, wie er es erwartet hatte, schüttete sie nur das Wasser aus.

„Dann machst du das also öfter?“

„Was mache ich öfter?“

„Na, Frauen verführen und sie danach im Stich lassen.“

Er lachte. Er konnte einfach nicht anders. „Süße, du kennst deine Schwester offensichtlich nicht so gut, wie du denkst. Sie hat mich verführt.“ Und vor zwei Wochen erst hatte sie das gleiche Spielchen mit Beck gespielt. Nicht, dass sich einer von ihnen gewehrt oder gar beklagt hätte. „Anfangs habe ich sogar abgelehnt.“

„Willst du behaupten, dass sie dich gezwungen hätte?“

Sein Lächeln erstarb. Wellen des Zorns durchbrachen seine Schutzmauern. Unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten.

Er atmete tief durch. Nichts empfinden. Nichts wollen. Nichts brauchen.

„Nein, ich wollte es auch“, entgegnete er tonlos. „Und damit ist das Gespräch beendet.“ Er drehte sich um, ehe er etwas tun konnte, das ihm später vielleicht leidtun würde – denn das hatte er schon zu oft erlebt. Erneut wollte er gehen.

Und wieder rief sie: „Warte!“

Irgendetwas stimmte anscheinend nicht mit ihm, denn er wandte sich um. „Was?“

Sie trat einen Schritt zurück, als hätte sie Angst.

„Was?“, fragte er etwas freundlicher.

„Es tut mir leid, dass ich dein Zimmer so verwüstet habe.“

Ihre Miene wurde weich, sie wirkte verletzlicher. Bei ihm regte sich ein Beschützerinstinkt, den er normalerweise gar nicht kannte.

„Ich werde für die zerstörten Sachen bezahlen.“

Er schätzte und respektierte anständige Menschen. Für viele Leute waren Worte nur ein Mittel zum Zweck. Für ihn waren Worte bindend, eine Verpflichtung. Er würde diese Frau nicht davon abhalten, zu tun, was sie für richtig hielt.

„Ich werde dir eine Rechnung ausstellen“, sagte er und beschloss, ihr auf keinen Fall mehr als zwanzig Dollar für die Dinge abzunehmen, für die er mehr als zweitausend Dollar bezahlt hatte.

„Danke.“

„Und ich bezahle für den Schaden, den ich an deinen Hörgeräten verursacht habe.“ Er fragte sich, warum sie die Geräte überhaupt tragen musste. War sie schon ihr ganzes Leben lang schwerhörig?

„Nein.“ Entschieden schüttelte sie den Kopf. „Ich habe mich vollkommen danebenbenommen. Ich bin in dein Zimmer geplatzt und habe einen Streit vom Zaun gebrochen. Ich nehme es dir nicht übel, dass du mich in den Pool geworfen hast“, gab sie zu und überraschte ihn damit. „Ich kann nicht guten Gewissens von dir verlangen, für irgendetwas zu bezahlen.“

Er achtete darauf, dass sie ihn gut sehen konnte, denn er wollte, dass es zwischen ihnen keine Missverständnisse gab. „Mein Geld abzulehnen führt zu nichts, Süße.“

Sie sah ihn lange an, ohne ein Wort zu sagen. Offenbar erkannte sie, dass er genauso entschlossen war wie sie, denn sie seufzte müde.

„Gut“, sagte sie. „Wer den größeren Schaden zu bezahlen hat, kann die Summe, die der andere ihm schuldet, davon abziehen.“

„Abgemacht. Und jetzt …“ Er wies auf die Hintertür des Hauses.

„Bin ich damit entlassen?“

Missmutig brummend ging sie um ihn herum, doch sie lief nicht zum Haus, sondern verließ den Garten durch das Seitentor. Er folgte ihr in einigem Abstand, um sicherzugehen, dass sie ihren Wagen wohlbehalten und unversehrt erreichte. Sie stieg in eine Rostlaube, die eigentlich nicht mehr für den Straßenverkehr hätte zugelassen sein dürfen.

„Geht es dir gut?“, fragte ihre Schwester, die im Wagen gewartet hatte. „Was hat Jase zu dir ges…“

Jessie Kays Stimme wurde durch das Zuklappen der Autotür abgeschnitten. Während der Motor stotternd zum Leben erwachte und die Scheinwerfer aufflammten, ging Jase zum Haus zurück.

West und Beck warteten in seinem Zimmer auf ihn. Sie wussten, dass er ihnen nicht aus dem Weg gehen konnte. Beck hatte sich auf dem Bett zurückgelehnt und zappte durch die Fernsehkanäle. West saß neben ihm, warf Popcorn in die Luft und fing es mit dem Mund wieder auf.

„Habt ihr euch von eurer eigenen Party verkrümelt?“, fragte Jase.

Die beiden sahen ihn an.

„Ich bin der verschrobene alte Mann, der nicht gern Leute um sich hat – wenn ich die Nase voll habe.“ West warf ihm eine Handvoll Popcorn entgegen und verfehlte ihn. „Und im Augenblick habe ich die Nase voll von ihnen.“

„Alt?“ Jase zog eine Augenbraue hoch. „Wir sind achtundzwanzig.“

Körperlich sind wir achtundzwanzig. Aber unsere Seele? Die ist älter als die Welt.“

Beck nahm sich die letzten Körner aus der Schüssel und steckte sie sich in den Mund. „Ich habe gern Menschen um mich. Allerdings fehlt im Moment ‚Frischfleisch‘, und du weißt ja, dass ich mir niemals einen Nachschlag hole.“

Verärgert entgegnete Jase: „Warum habt ihr dann so viele Leute eingeladen?“

Sie sahen ihn zögernd an, schuldbewusster als sonst.

„Vielleicht dachten wir, dass du so etwas möglicherweise brauchst“, sagte West mit rauer Stimme.

„Was auch immer du möchtest, das bekommst du“, sagte Beck. „Ohne dass Fragen gestellt werden.“

Sie versuchten, all das wiedergutzumachen, was er versäumt und verloren hatte. Er wünschte sich, sie trösten, sie beruhigen zu können, doch er war nicht einmal in der Lage, sich selbst zu trösten oder zu beruhigen. „Für die Zukunft: Eine Party ist nicht der richtige Weg, um mich glücklich zu machen. Ich bin lieber allein als von Fremden umgeben.“

West wirkte noch schuldbewusster und Beck noch trauriger. Jase tat es leid.

„Ich wollte hierherziehen“, sagte er. „Jetzt sind wir hier. Das reicht.“ Vor sechs Monaten hatte er die beiden gebeten, einen Ort zu finden, an dem er zukünftig leben könnte. Irgendwo außerhalb der Stadtgrenzen, wo nicht so viele Menschen wohnten und wo das Leben gemächlicher verlief. West hatte Verbindungen hierher, und das, was sein Kumpel über dieses Städtchen erzählt hatte, hatte ihn begeistert. Bäume, Berge, die nächsten Nachbarn kilometerweit entfernt. Und als das frei stehende ländliche Anwesen vor Kurzem zwangsversteigert worden war, hatten seine beiden Freunde, ohne mit der Wimper zu zucken, alle Brücken hinter sich abgebrochen, weil sie nicht wollten, dass er diesen Schritt alleine ging. Gut, das Haus brauchte ein bisschen Pflege und die eine oder andere Schönheitsreparatur, doch das war etwas, das er beherrschte und das ihm Spaß machte.

Beck hatte vorher in der Nähe eines Golfplatzes gewohnt und West hatte ein Zimmer neben ihrer exklusiven Büroetage in der Innenstadt von Oklahoma City gehabt. Nachdem sie ein sehr erfolgreiches Computerprogramm entwickelt und auf den Markt gebracht hatten, hatten sie die Wohnungen gekauft. Aber selbst, als sie noch mehr Geld verdienten und einen beträchtlichen Teil davon extrem gewinnbringend für ihn anlegten, waren sie nicht in eine größere, schickere Bleibe umgezogen. Veränderungen fielen den beiden nicht leicht. Jase wusste das, er hasste Veränderungen genauso sehr. Dennoch waren seine Freunde bereit gewesen, für ihn hierherzuziehen.

Ohne sie hätte er die letzten neun grauenvollen Jahre nicht überstanden und hätte jetzt auch kein Leben, keinen Plan.

„Erinnert ihr euch noch an den Tag, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind?“, fragte er und wechselte das Thema. Er wollte die beiden ablenken.

West grinste. „Die Pflegeeltern hatten keine Ahnung, dass ihr Wunsch danach, Jugendlichen, die in Schwierigkeiten geraten waren, Hilfe und Unterstützung zu bieten, dazu führen würde, dass wir drei uns zusammentaten.“

Beck schnaubte. „Ich glaube, die Mutter – wie war doch gleich ihr Name? – hat meinem Sozialarbeiter erzählt, dass sie uns durchaus zutraute, einen Todesstern zu bauen, um die Welt zu zerstören.“

Sie waren damals acht Jahre alt gewesen, und die zehn Monate, die Jase mit den Jungs zusammen verbracht hatte, waren die besten seines Lebens gewesen. Sie drei hatten ein unzerstörbares Band geknüpft. Selbst nachdem die Behörden sie wieder trennten, hielten sie den Kontakt weiterhin aufrecht. Gelegentlich gingen sie mal eine Zeit lang auf dieselbe Schule oder lebten in derselben Gegend. Mit sechzehn, als sie das Geld, das sie mit Gelegenheitsjobs verdienten, zusammenlegten, waren sie in der Lage, ein Auto zu kaufen. Das war es gewesen. Sie drei gegen den Rest der Welt. Und so war es noch immer.

Diese beiden Männer waren die einzigen Menschen auf der Welt, denen er vertraute. Die einzigen Menschen, denen er je vertrauen würde. Sie waren seine Familie.

„Hey. Was soll das Schwelgen in Erinnerungen?“, wollte West wissen. „Du versuchst doch nicht, zu verhindern, dass die Sprache auf ein bestimmtes Mädchen gebracht wird, oder? Eine gewisse Brook Lynn Dillon?“

Jase rollte mit den Augen, obwohl sein Körper reagierte. Womit? War es … Verlangen?

„Ich interpretiere das mal als ein Ja“, sagte Beck mit einem breiten, frechen Grinsen. „Er will das Thema vermeiden.“

„Wollt ihr ein bisschen Klatsch und Tratsch? Warum lackieren wir uns dann nicht gegenseitig die Nägel und massieren uns den Rücken?“, fragte Jase.

„Gern“, erwiderten die beiden todernst.

„Ich will aber den pinkfarbenen Nagellack“, fügte Beck hinzu.

„Das ist unfair.“ West tat so, als würde er schmollen. „Ich wollte den pinken.“

„Ihr beide seid überhaupt nicht albern und kindisch.“

„Aber du liebst uns trotzdem“, entgegnete Beck.

Das stimmte. Und sie liebten ihn. „West, schmeiß die Leute raus. Und wenn du Popcornkrümel in meinem Bett hinterlässt, setzt es was. Beck, schwing die Hufe, geh in die Küche und bereite dein berühmtes Katerfrühstück zu. Ich habe einen Bärenhunger.“

„Schon dabei.“ West verschwand aus dem Zimmer.

„Das mach ich.“ Beck lächelte, als er an ihm vorbeiging, blieb kurz stehen und schlug ihm auf die Schulter. „Es ist noch nicht Morgen, aber da hat dich jemand ziemlich durcheinandergebracht, stimmt’s?“

3. KAPITEL

Zwei Wochen nach dem „Wurf in den Pool“ hätte Brook Lynns Leben sich eigentlich verbessern müssen – und zwar merklich. Wie sagte man so schön? Wenn man am Boden war, konnte es nur bergauf gehen.

Irgendwie war es ihr jedoch gelungen, sich noch ein Stück tiefer einzugraben.

Nachdem sie Jessie Kay von der Party nach Hause gebracht hatte, hatte es in den Implantaten einen Kurzschluss gegeben. Die kaputten Geräte hatten ihr extreme Kopfschmerzen, unkontrollierbaren Schwindel und fürchterliche Übelkeit beschert. Sie hatte sie am nächsten Tag in einer Operation wechseln lassen müssen, die mit Arzt- und Medikamentenrechnungen in vierstelliger Höhe einhergegangen war. Die Versicherung weigerte sich zu zahlen, weil die Implantate sich noch immer im Versuchsstadium befanden. Eine lächerliche Ausrede. Jase hatte sich bisher nicht gemeldet, damit sie ihre gegenseitigen Schulden beglichen – glücklicherweise hatte er darauf bestanden, seinen Anteil zu bezahlen –, sie brauchte das Geld dringend.

Damit die neuen Implantate einheilen und sich richtig mit ihren Gehörkanälen hatten verbinden können, hatte Brook Lynn drei Tage lang das Bett hüten müssen. Drei Tage, an denen sie kein Geld verdient hatte. Sobald es ihr etwas besser gegangen war, hatte Jessie Kay sich verabschiedet, ohne zu sagen, wohin sie wollte. Offensichtlich hatte sie nach einem Kerl suchen wollen, der sie über die Zurückweisung von Jase hinwegtröstete. Zwei Tage lang war Brook Lynn gezwungen gewesen, Doppelschichten zu arbeiten.

Jessie Kay war zurückgekommen – allerdings nur, um gleich wieder zu verschwinden. In der vergangenen Nacht war sie endlich aufgetaucht. Jetzt versuchte Brook Lynn, ihre Schwester auf dem Handy zu erreichen, um ihr zu sagen, dass sie zu Hause bleiben und sich für den nächsten Tag ausruhen solle, doch sie wurde sofort zur Mailbox weitergeleitet. Verdammt! Das Mädchen war wieder feiern gegangen.

Mann! Ihre Schwester erinnerte sie manchmal an einen Hamster im Rad, der lief und lief und niemals von der Stelle kam. Brook Lynn seufzte. Irgendwie konnte man das Gleiche auch über sie sagen – nur in anderer Hinsicht. Jessie Kay war auf der Jagd nach Männern und sie jagte Jessie Kay hinterher.

Vielleicht war es an der Zeit für eine Veränderung.

Vielleicht? Warum formulierte sie das als Frage?

Während sie damit anfing, das Two Farms für den Feierabend vorzubereiten und zu putzen, dachte sie an die „Spaß-Liste“, die sie und Kenna vor ein paar Wochen erstellt hatten. Spaß – etwas, das keine von ihnen jemals wirklich erlebt hatte. Die Liste mit den unterschiedlichsten Aktionen sollte ihr Leben aufpeppen. Wie der Plan aussah? Er sah zum Beispiel vor, jede Sorte Eiscreme von Ben & Jerry’s zu probieren, die es gab. Oder an irgendeine Handynummer eine SMS zu verschicken, in der stand: Habe die Leiche versteckt. Oder einen Tag lang Cinderella zu spielen. Einen echten Krabbenburger zu verspeisen. Sich tätowieren zu lassen, jemandes Haus mit Toilettenpapier zu bewerfen, einen Fall mit Sherlock und Watson zu lösen. Einen Typ um ein Date zu bitten. Und jemandem einen Drink ins Gesicht zu schütten. Blaues Gatorade aus einer Flasche mit dem Aufdruck „Glasreiniger“ zu trinken. Mit Klamotten in ein Gewässer zu springen. Jemandem hinterherzuspionieren. Ach, und einen ganzen Tag lang mit einem falschen Akzent zu sprechen.

Der letzte Punkt war der einzige auf der Liste, den Brook Lynn bisher erfüllt hatte. In der Zwischenzeit hatte die Streberin Kenna schon alle Punkte auf der Liste abgehakt. Dane hatte es sich zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass sie den Plan vollständig abarbeitete.

Brook Lynn hatte schlicht noch keine Zeit für die anderen Punkte gehabt. Oder, wenn sie ehrlich war, keine Lust. Doch … Vielleicht sollte sie trotz ihrer mangelnden Begeisterung einfach damit beginnen. Sie sollte sich eine Aufgabe aussuchen und dann Stück für Stück alles ausprobieren. Wie zum Beispiel einen Typen um ein Date zu bitten. Oder einen zu verführen … Die Erinnerung an Jase schoss ihr durch den Kopf. Wie er wohl ohne die Klamotten ausgesehen haben mochte, in die er geschlüpft war, kurz bevor sie ins Zimmer geplatzt war. Nackt, auf dem Rücken liegend, erregt und hart.

Nein! Oh nein! Jase? Sie zuckte zurück. Und zitterte zugleich. Der Mann hatte ihre Schwester benutzt und sie weggeworfen, und er hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er es mit ihr genauso machen würde. Falls er es überhaupt wollte. Ihn um ein Date zu bitten, würde ihr also niemals in den Sinn kommen. Nein. Niemals. Der Typ, den sie sich aussuchen würde, würde ihr das geben, was sie seit dem Tod ihrer Mutter nicht mehr verspürt hatte: Sicherheit, Geborgenheit.

Für sie kam nur eine feste Beziehung mit einem Mann infrage, der nett war, gutes Geld verdiente und die Geduld hatte, die nötig war, um mit Jessie Kay klarzukommen – ohne mit ihr zu schlafen, mit ihr zu flirten oder ihre Gefühle zu verletzen.

Das Ziel war erreichbar. Bestimmt.

Er musste in Strawberry Valley leben, musste über zwanzig und unter vierzig sein, und er musste seit mindestens einem Jahr einen festen Job haben. Er musste in sich gefestigt und zuverlässig sein. Und er durfte kein Typ sein, in den man viel Arbeit investieren musste. Das bedeutete, dass von allen geeigneten Männern in der Stadt noch übrig blieben …

Einige. Überraschenderweise erfüllten relativ viele Männer diese Kriterien. Das hieß, dass sie das Feld verkleinern musste, indem sie die Bedingungen, die derjenige erfüllen musste, ausweitete. Sie beschloss, dass der Mann nichts mit Jessie Kay gehabt haben durfte. Okay. Nun blieb nur noch ein Name übrig. Brad Lintz, der supersüße Besitzer von Lintz Automotive. Er kam sehr oft ins Rhinestone Cowgirl, um Geschenke für seine Mutter, seine Schwestern, seine Tante und eine Handvoll Nichten zu besorgen – je nachdem, wer gerade Geburtstag hatte. Er sagte immer irgendetwas, das sie aufheiterte und zum Lachen brachte. Ein- oder zweimal hatte sie sogar den Eindruck gehabt, er hätte sie um eine Verabredung bitten wollen.

Brook Lynn … Würdest du mir die Ehre erweisen … Würdest du … äh … Würdest du mir die Halskette noch einmal zeigen?

Konnte sie endlich mal erwachsen werden und den ersten Schritt machen? Das hatte sie noch nie zuvor getan. Ein Teil von ihr befürchtete immer, so ein „Vorstoß“ könnte den Mann dazu verleiten, anzunehmen, dass sie sich mit genauso wenig zufriedengeben würde wie Jessie Kay, mit einer einzigen Nacht voller Spaß. Sie würde natürlich keine Steine werfen – sie verstand ihre Schwester. Für die war Sex keine leichtfertige, sterile Aktion, auch wenn alle das von ihr dachten. Sex war für sie ein Mittel, zumindest für einen Moment die Anerkennung und die Zuneigung zu bekommen, nach der sie sich sehnte. Es war ein Verlangen, das jedes Mal stärker wurde, wenn sie im Bett eines Kerls aufwachte und sich mehr von ihm erhoffte, während er ihr das Gefühl gab, eine Todsünde begangen zu haben, weil sie viel zu schnell viel zu viel gewollt hatte. Zu schnell zu viel – und das, nachdem der Mann mit ihr geschlafen hatte.

Keiner der Männer bekam mit, wie sie sich am Tag danach in ihrem Zimmer die Augen ausweinte.

Brook Lynn hatte sich selbst oft gefragt, ob ein Moment des Trostes vielleicht besser wäre als überhaupt kein Trost. Doch dann rief sie sich jedes Mal in Erinnerung, dass das, was sich an einem Tag gut anfühlte, oft dazu führte, dass man es am Tag darauf bereute.

Auf der anderen Seite führte das, was einem an einem Tag noch Angst gemacht hatte, oft dazu, dass man am nächsten Tag glücklich war. Also … ja. Für die Chance, ihr Leben zu verbessern und endlich mal Spaß zu haben, konnte sie sich überwinden und erwachsen werden.

Nach ihrer nächsten Schicht im Rhinestone Cowgirl würde sie zum Arzt gehen, sich eine Dreimonatsspritze zur Verhütung geben lassen – nur für den Fall – und dann zu Brad ins Geschäft fahren. Schon jetzt schnürte sich ihr vor Nervosität die Kehle zu.

„In mein Büro, Brook Lynn.“ Die Stimme ihres Chefs hallte durch das inzwischen leere Restaurant und riss sie aus ihren Grübeleien. „Sofort.“

Mr Calbert klang noch mürrischer als sonst. Würde er sie anschreien, weil Jessie Kay nicht da war? Oder weil sie selbst einige Teller hatte fallen lassen und einige Bestellungen durcheinandergebracht hatte? Oder für alle drei Vergehen? Ja, wahrscheinlich für alles. Ihre Kehle schnürte sich weiter zu. Wenigstens taten ihre neuen Implantate ihren Dienst und dämpften die Geräusche um sie herum, während sie ihr dennoch erlaubten, gewisse Nuancen herauszuhören und zu unterscheiden.

„Schon unterwegs“, rief sie und trottete in den Pausenraum, um ihre Tasche aus dem Spind zu holen.

Mit hämmerndem Herzen betrat sie kurz darauf Mr Calberts Büro. Er war Mitte fünfzig, hatte schütteres Haar, eine Brille mit Gläsern so dick wie Glasbausteine und eine Figur, die keinen Zweifel daran ließ, dass ihm das Essen schmeckte, das er verkaufte.

Sein Büro war klein und vollgestellt mit Aktenschränken und einem Schreibtisch, der viel zu groß für den winzigen Raum war. Mr Calbert saß bereits dahinter und trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte. Als sie ihm gegenüber Platz genommen hatte, kam er ohne Umschweife zum Punkt.

„Deine Schwester ist nicht aufgetaucht. Schon wieder.“

„Ich weiß. Und es tut mir leid.“ Als sie Jessie Kay am Morgen gesehen hatte, hatte die gerade vor der Toilette gekauert und sich die Seele aus dem Leib gekotzt, weil sie zu viel getrunken hatte. Die Wimperntusche war ihr übers gerötete Gesicht gelaufen.

Schaffst du es, zur Arbeit zu gehen, hatte sie gefragt.

Ich werde da sein. Mann! Ich bin ja keine totale Schlampe.

Mr Calbert schob Papiere auf dem Tisch hin und her. „Warum lässt du dir von ihr so viel gefallen?“

Weil Jessie Kay alles getan hatte, um sie zu versorgen, nachdem ihr Onkel Kurt sich aus dem Staub gemacht hatte. Weil ihre Schwester sie getröstet hatte, als sie alles verloren hatten. Weil Jessie Kay alles war, was ihr noch geblieben war.

„Das tut hier nichts zur Sache“, entgegnete sie und hob beinahe trotzig das Kinn.

„Genau genommen tut das sogar sehr viel zur Sache.“ Er legte die Ellbogen auf den Tisch und stützte den Kopf in die Hände. Das verhieß nichts Gutes. „Hör mal. Ich mag dich. Ich mag dich wirklich. Ich glaube, du bist ein nettes Mädchen mit schlimmen Problemen, und das macht es mir so schwer. Aber das hier ist ein Geschäft, ein Unternehmen, und das muss laufen. Also muss ich es tun.“

Furcht ergriff sie und schien ihr die Luft zum Atmen zu rauben. Sie ahnte schon, worauf diese Unterhaltung hinauslief, und schüttelte vehement den Kopf. „Tun Sie das nicht, Mr Calbert. Bitte. Ich brauche das Geld.“

Er sah sie direkt an. Sein Blick war traurig. „Es tut mir leid, Brook Lynn. Ich habe eure Eltern gemocht. Es waren nette Menschen, und ich habe sie respektiert. Aber ich kann mich nicht mehr auf dich verlassen. Du bist erschöpft und müde, weil du so viel arbeiten musst, bittest mich aber dennoch um weitere Stunden, die ich dir nicht abschlagen kann. Du lässt Teller fallen …“

„Ich bezahle sie.“

„… und du bringst ständig die Bestellungen durcheinander.“

„Ich werde mich bei allen Leuten entschuldigen.“

„Du hast Mr Crawfords Salat mit Erdnüssen statt mit Croûtons garniert. Er hatte einen allergischen Schock. Ich muss seine Arztrechnung und eine Art Schmerzensgeld als Entschädigung für das bezahlen, was er durchgemacht hat!“

„Jedem hätte dieser Fehler unterlaufen können.“ Okay. Gut. Ja, sie war nicht bei der Sache gewesen, weil sie so verflucht überarbeitet war. „Zumindest kann Mr Crawford sich jetzt sicher sein, dass sein EpiPen gegen schwere allergische Reaktionen einwandfrei funktioniert“, warf sie ein.

Mr Calbert schüttelte den Kopf. „Ich muss mich auf mein Team verlassen können.“

„Aber …“

„Auf dich oder deine Schwester kann ich mich allerdings nicht mehr verlassen. Ihr seid gefeuert, du und Jessie Kay. Mit sofortiger Wirkung.“

Jase hatte gerade sein drittes Bier für diesen Abend ausgetrunken, und er war sich sicher, dass es nicht das letzte war. Er musste düstere Emotionen ertränken, und das würde ihm verdammt noch mal auch gelingen. Falls nicht, würde er sich ins Auto setzen, in die Stadt fahren und sie sehen.

Den neuen Fluch seiner Existenz – Miss Brook Lynn Dillon.

Seit Daphne war er nicht mehr so besessen von einer Frau gewesen.

Daphne. Ja. Er würde einfach an sie denken. Im Gegensatz zu den Gedanken an Brook Lynn beruhigte es ihn, an Daphne zu denken.

Er erinnerte sich an den Abend, als er und Daphne sich kennengelernt hatten. Damals waren sie sechzehn gewesen. Er hatte sich Geld dazuverdient, indem er Autos reparierte und wusch, und sie jobbte in einem Fast-Food-Restaurant. An dem Abend ging er in den Laden, um sich einen Burrito zu holen, und kurz darauf spazierte er mit ihrer Telefonnummer auf einem Zettel wieder hinaus. Zwei Jahre lang waren sie praktisch Tag und Nacht zusammen und sparten, um endlich zusammenziehen zu können.

Sie hatte für ihn die Zukunft verkörpert. Stabilität. Und anders als bei all den Pflegefamilien, in denen er untergebracht gewesen war, hatte er sich gewünscht, dass sie zusammenbleiben würden.

„Möchtest du ein Bier?“, fragte Beck ihren Kumpel West.

Sie waren im Spielzimmer, ihrem Heiligtum. Beck und er spielten Billard, während West ihnen zusah. Oder über etwas nachgrübelte, um genau zu sein. Seit einer halben Stunde war der Mann in Gedanken versunken.

„Nein“, erwiderte West schließlich, und Beck atmete erleichtert auf.

Jase verfolgte den Wortwechsel stirnrunzelnd.

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