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British Bachelors - Reich und mächtig

PROLOG

Meg konnte ihr Glück kaum fassen. Wohltätigkeitsgala auf der Chelsea Flower Show, der berühmten Gartenschau, und sie durfte dabei sein! Aus der ganzen Welt flogen die Reichen und Berühmten in ihren Jets ein, um an der exklusiven Veranstaltung teilzunehmen.

Meg stieß einen zufriedenen Seufzer aus. Der Duft von Millionen von Blumen und der Geruch von frisch gemähtem Gras waren überwältigend. Ihr beruflicher Erfolg mochte auf sich warten lassen, dieses einzigartige Erlebnis aber lenkte sie von ihren Sorgen ab.

Auf einmal wurde ihr Blick von einer unbestimmten Bewegung eingefangen. Ein auffallend gut aussehender Mann bahnte sich einen Weg durch all die Wirtschaftsmogule und Filmstars. Tätschelte hier eine Schulter, küsste dort eine Frau auf die Wange. Er schien den Schauplatz zu beherrschen, war hochgewachsen, athletisch und bewegte sich mit natürlicher Grazie. Ein Mann, der schon im Smoking zur Welt gekommen zu sein schien.

Wie gebannt verfolgte Meg seinen Weg durch die Menge. Alle paar Sekunden blitzte ein charmantes Lächeln um seine Mundwinkel auf, wenn jemand versuchte, seinen Blick zu erhaschen. Für einen Moment stellte Meg sich vor, wie es wäre, wenn auch sie zu dem Kreis gehören würde, dem er seinen Charme schenkte. Ihn zu beobachten, war, wie das Fenster zu einer anderen Welt aufzustoßen.

Als er in der Menge und damit aus ihrem Blickfeld verschwand, erlosch für sie das strahlende Licht dieses Abends. Sie widmete sich wieder der Realität und damit der Tätigkeit an ihrem Stand des Imsey Gartencenters.

Ihre Miene gefror, als sie merkte, dass ihre Fantasie doch noch Wirklichkeit werden würde. Ihr Traumprinz kam geradewegs auf sie zu. Der Mann lächelte und wollte offensichtlich ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und sie tat ihm den Gefallen – ohne zu zögern.

„Buona sera, signorina!“, begrüßte er sie mit südländischer Galanterie. „Ich brauche ein paar schöne Geschenke für eine Reihe … spezieller Freunde. Man hat mir versichert, dass diese Pflanzenart ein todsicherer …“ Er starrte auf einen Notizblock in seiner Hand, runzelte kurz die Stirn und hob mit einem hilflosen Lächeln den Blick. „Hm … können Sie diese Handschrift lesen?“

Leider machte er keine Anstalten, ihr seinen kleinen Block zu reichen, und Meg konnte die Schrift von ihrem Platz aus nicht entziffern. Jetzt war ihre Chance gekommen. Mit klopfendem Herzen kam sie um den Stand herum.

Aus der Nähe betrachtet, wirkte dieser Mann noch attraktiver. Er steckte in einem schicken Designeranzug, trug eine goldene Rolex, die sich elegant von seiner makellos braunen Haut abhob, während der teure Duft eines exquisiten Aftershaves ihn einhüllte.

„Das ist das erste Mal heute, dass ich die Möglichkeit habe, hinter meinem Stand hervorzukommen, Sir.“

„Ich werde schon dafür sorgen, dass es sich für Sie lohnt.“

Seine Stimme klang verheißungsvoll. Der Mann lächelte nachsichtig und hielt Meg den Notizblock hin. Schon allein die Art, wie er die Hülle aus Leder umfasste, faszinierte sie. Er hatte lange, kräftige Finger, die eine Spur intensiver gebräunt waren als die Hände ihrer Kollegen, die mit ihr zusammen in den heimischen Gewächshäusern arbeiteten. Seine Fingernägel hingegen waren gepflegt und tadellos sauber. Meg hätte gern gewusst, ob der ganze Mann so perfekt war …

Ihr attraktiver Kunde räusperte sich auf eine zurückhaltende, höfliche Art, die Megs Herz höherschlagen ließ. Ihr Blick kehrte zu dem Notizblock zurück. Italienische Kürzel, hingeworfen mit starker, klarer Hand, bedeckten die Seite. In ausholender, altmodischer Schrift war etwas hinzugefügt worden. Meg rückte näher an ihren Besucher heran, um es lesen zu können.

Erneut durchzog der betörende Hauch seines teuren Aftershaves die laue Abendluft. Bewusst atmete sie ihn ein und tat so, als ob sie sich konzentrieren würde. Dies war ein unvergesslicher Augenblick, der sich nicht wiederholen würde. Nach dem Kauf würde der atemberaubende Mann für immer aus ihrem Leben verschwinden. Meg wollte alles tun, um den denkwürdigen Moment so lange wie möglich auszukosten.

„Es handelt sich um eine Imseyii-Kreuzung, Sir. Exklusiv aus der Aufzucht meiner Familie“, erklärte sie, während sie sich bedauernd ein kleines Stück zurückzog. Er bedachte sie mit einem Blick, der alles wieder wettmachte. Meg könnte sich in diesen dunklen, vor Vergnügen funkelnden Augen verlieren. Sein hinreißendes Lächeln war ebenso unwiderstehlich wie alles andere an ihm. Plötzlich wurde ihr ganz heiß.

Mit einem verschmitzten Lächeln beugte er sich zu ihr. „Ist diese Pflanze auch als Geschenk für Frauen geeignet?“

„Sie werden nicht widerstehen können, Sir.“ Zu ihrer eigenen Überraschung musste sie leise lachen. Bisher hatte sie nie etwas Belustigendes an ihrer Arbeit gefunden. „Unsere Orchideen sind ein besonders anregendes Geschenk für jede Dame.“

„Vielleicht auch für spezielle Damen?“

Meg überhörte seine Bemerkung. Zu Hause gab es zu viele Menschen, die sich auf sie verließen. Da durfte sie sich nicht von einem Flirt ablenken lassen. Also entzog sie sich der Magie dieser wundervollen Augen und deutete auf ihre Auslage. Eine Einladung an ihn, das kunstvolle Arrangement zu bewundern, das sie aus den schönsten Exemplaren der Gärtnerei gezaubert hatte.

Dutzende Orchideen schmiegten sich in einem Bett aus weichem grünen Moos aneinander. Hunderte bogenförmiger Stiele, fein wie Blumendraht, erzitterten unter dem leisesten Lufthauch. Jedes Gebilde bestand aus perfekten kleinen Blüten, einfarbigen und gemusterten, in allen Farben des Regenbogens. Meg war so stolz darauf, dass sie sich ein versonnenes Lächeln erlaubte.

„Man nennt sie oft den ‚Freudentanz‘. Kann ich Sie damit in Versuchung führen, Sir?“

Ihr attraktiver Kunde neigte den Kopf zur Seite und bedachte sie mit einem herausfordernden Blick. „Kommt darauf an. Tanzen Sie denn?“

Wieder umspielte ein Lächeln ihre Lippen. In jeder anderen Situation wäre sie wütend auf sich selbst gewesen. Doch heute Abend fühlte es sich genau richtig an. Allein der Blick in seine Augen wärmte ihr Herz. Sie funkelten dunkel und geheimnisvoll.

„Sie haben es bestimmt nicht nötig, tanzen zu gehen – bei so einem Lächeln.“ Er unterstrich seine Worte mit einem charmanten Lächeln.

Verwirrt starrte Meg auf ihre Pflanzen. „Zum Tanzen fehlt mir die Muße, Sir – eigentlich für alles außer meiner Arbeit. Das Geschäft nimmt meine gesamte Zeit in Anspruch.“

„Das sieht man. Alles sieht perfekt aus“, meinte er anerkennend.

„Danke!“ Vor Freude vergaß sie ihre Scheu, als sie bemerkte, dass er sich nicht mehr auf die Pflanzen konzentrierte, sondern auf sie. Heiße Röte schoss ihr ins Gesicht, als er sie schließlich mit einem wissenden Blick ansah.

„Ich nehme ein Dutzend. Lassen Sie sie zu meiner Wohnung in Mayfair liefern. Das sollte meine derzeitigen Gespielinnen für einen Tag oder zwei zufriedenstellen. Mein Name ist Gianni Bellini, hier ist meine Karte. Ich danke Ihnen – die letzten paar Minuten waren das reinste Vergnügen für mich.“ Der Schalk, der aus seinen Augen blitzte, verriet Meg, dass das Vergnügen sich nicht auf die Blumen bezog.

„Jetzt muss ich aber zahlen.“ Er zog ein Portemonnaie aus weichem Leder aus der Tasche und entnahm ihm ein Bündel Banknoten. Ein Lächeln umspielte seine vollen Lippen, während er ihr das Geld reichte. Als er schließlich ihre Hand warm und fest umschloss, flackerte wieder diese verräterische Röte auf Megs Gesicht auf. Er führte ihre Hand zu einem verführerischen Kuss an seine Lippen.

„Also, bis zum nächsten Wiedersehen, mia dolce …“

Seine dunklen Augen blitzten, als er sich mit einem Kopfnicken von ihr verabschiedete. Und dann – bevor Meg auch nur Luft holen oder einen Laut herausbringen konnte – entzog er ihr seine Hand, wandte sich um und verschwand in der Menge.

1. KAPITEL

Meg wurde von einem Rütteln geweckt und fand sich auf ihrem Sitz im Flugzeug wieder. Ihr Herz hüpfte vor Aufregung. Vieles war seit der Chelsea Flower Show geschehen, doch Gianni Bellinis Bild verfolgte Meg immer noch Tag und Nacht.

Inzwischen hatte sie einen Job in der Villa Castelfino in der Toskana bekommen. Nur durch den Reiz des Neuen konnte sie die Gedanken an ihn unter Kontrolle halten. Während der vergangenen Wochen war sie regelmäßig zwischen London und der Toskana hin und her gependelt, und von heute an durfte sie, die studierte Botanikerin aus England, sich als „Kuratorin exotischer Pflanzen“ beim Conte di Castelfino bezeichnen. Es war der offizielle Beginn ihrer Arbeit für den großen italienischen Arbeitgeber.

Obgleich voller Vorfreude, war Meg nervös. Zum ersten Mal in ihrem Leben würde sie weit von ihren Eltern entfernt leben. Sie war sich nicht sicher, ob sie allein mit ihrer Arbeit fertig werden würde. Als sie mit den anderen Passagieren das Flugzeug verließ, tröstete sie sich mit dem Gedanken, dass sie in der Ankunftshalle erwartet wurde. Franco, der Chauffeur, würde wie üblich für sie bereitstehen, um ihr mit dem Gepäck zu helfen.

Doch diese Gewissheit war dahin, als ihr Blick durch die Ankunftshalle schweifte. Franco war nirgendwo zu sehen. Besorgt überlegte sie, ob es auf Castelfino Probleme gegeben hatte. Während ihrer Arbeit dort hatte sie schon mitbekommen, dass der Conte di Castelfino nicht mit seinem Sohn zurechtkam. Noch nie hatte Meg il ragazzo, den Burschen – wie ihr aristokratischer Arbeitgeber seinen Erben nannte –, zu Gesicht bekommen. Doch was sie bis jetzt über ihn erfahren hatte, reichte aus, um ihn unsympathisch zu finden.

Der Conte di Castelfino liebte die abwechslungsreiche Landschaft seines Besitzes mit ihren Olivenhainen, knorrigen Eichen und den Blumenwiesen. Sein Sohn wollte dies alles in eine Monokultur verwandeln – nichts als schnurgerade Reihen mit Weinstöcken, soweit das Auge reichte. Wie es dann um die geliebte Pflanzensammlung des Conte bestellt sein würde, daran wollte Meg erst gar nicht denken. Das Leben auf Castelfino war ein ständiger Kampf zwischen der Erhaltung der natürlichen Schönheit und geschäftlichen Erwägungen. Das Hobby des alten Herrn drohte vom Ehrgeiz seines Sohnes zerstört zu werden.

Sie wartete noch eine Weile, doch niemand kam, um sie abzuholen. Ein schlechter Start für jemanden mit so viel Gepäck, dachte Meg. Die Zeit verstrich. Schließlich entdeckte sie einen Pfeil, der auf einen Taxistand deutete. Anstatt nur voller Sorge herumzustehen und zu warten, ergriff sie die Initiative. Sie schob ihren Transportkarren vor sich her und blickte nervös in alle Richtungen, auf der Suche nach einem freien Taxi. Als sie endlich erschöpft in einem Wagen saß, war sie einem Nervenzusammenbruch nahe.

Offensichtlich kannte der Fahrer die Adresse, die Meg ihm nannte. Unverzüglich folgte ein verzückter Wortschwall auf Italienisch. Erleichtert registrierte sie, dass wenigstens etwas funktionierte. Sie versuchte, ihre Lage zu schildern, scheiterte aber an ihrem unzureichenden italienischen Wortschatz, den sie nur ein einziges Mal im Urlaub benutzt hatte. Der Fahrer fand die ganze Sache offenbar sehr komisch. Unfähig, ihn zu verstehen, fühlte sie sich allein gelassen und vergrub sich in ihren Sitz.

Was der attraktive Gianni wohl gerade macht? Eines ist sicher: Man hat ihn bestimmt noch nie auf einem Flughafen warten lassen oder sogar versetzt!

Meg seufzte. Ob sie ihn wohl jemals wiedersehen würde? Wohl kaum. Sie konnte nur hoffen, dass es ihr gelang, den Conte di Castelfino zu überreden, auf einer der großen Gartenschauen in London eine Ausstellung seiner eigenen Züchtungen zu arrangieren. In ihren Träumen sah sie Gianni Bellini dann auf der Suche nach weiteren Überraschungen für seinen Harem hinter den Pflanzen aus Castelfino herjagen.

Auch während der Taxifahrt erging sie sich weiter in Träumereien. Wie es wohl wäre, von diesem Charmeur verführt zu werden? Kein Wunder, dass er so viele Frauen im Schlepptau hat, dachte sie. Sein Lächeln hatte sie fast um den Verstand gebracht. Ihr gesunder Menschenverstand riet ihr, sich Männer wie Signore Bellini vom Hals zu halten. Ein Hauch Verruchtheit jedoch geisterte durch ihre Tagträume. Es war schließlich nicht verboten, seinen Fantasien freien Lauf zu lassen.

Auch Gianni durfte das …

Während Meg vor sich hin döste, kämpfte der Mann ihrer Träume mit seinen Dämonen. Dämonen, die in einer Kristallkaraffe steckten. Gianni Bellini war sich durchaus bewusst, dass Alkohol keine akzeptable Lösung darstellte. Er würde ihn nur träge machen. Eine lange Zeit ohne Schlaf war schon unbekömmlich genug, Alkohol würde den Zustand nur noch verschlimmern. Nicht nur für ihn, sondern auch für das Personal, das er übernommen hatte. Also entschied er sich dagegen.

„Darf ich Ihnen etwas Champagner servieren, Conte?“ Ein livrierter Diener verbeugte sich unterwürfig. Dafür erntete er ein Knurren und die missgelaunte Geste seines neuen Herrn, die bedeutete, sich zu entfernen.

Knapp vierundzwanzig Stunden nach dem denkwürdigen Wandel in seinem Leben versuchte Gianni, immer noch damit zurechtzukommen, was in den letzten Tagen geschehen war. Es war seine Bestimmung, das hatte er gewusst, seit er denken konnte. Schon immer hatte er einen starken Freiheitsdrang besessen und sich finanziell abgesichert, um nicht auf ererbtes Vermögen angewiesen zu sein. Er hatte eine brillante eigene Karriere gemacht.

Zu Lebzeiten seines Vaters war Giannis kleines Weingut in einen entfernten Winkel von Castelfino verbannt gewesen. Das sollte sich nun ändern. Gianni war ab sofort der Alleinherrscher, sein eigenes Unternehmen würde nun eine zentrale Rolle einnehmen. Überall war bekannt, er war von der Idee besessen, Castelfino zu einem exklusiven Weingut mit internationaler Reputation auszubauen.

Nun, da er das gesamte Land und Vermögen seines Vaters geerbt hatte, gab es für ihn kein Halten mehr. Jeder dafür geeignete Quadratzentimeter sollte zum Weinanbau genutzt werden. Raketengleich würde die Produktion gesteigert werden, und raketengleich würde sich damit auch Giannis Ehrgeiz steigern. Er gefiel sich in der Rolle des Selfmade-Millionärs, und sein Playboy-Image war ein immaterieller Aktivposten. Es war angenehm, jede Nacht eine andere Frau im Bett zu haben, ein Vorteil, den seine Stellung mit sich brachte.

Während Klatschreporter darüber spekulierten, welche seiner schönen Gefährtinnen den nächsten Bellini-Erben produzieren würde, behielt Gianni das Wissen um seine wahre Liebe jedoch für sich. Sein Baby war das Weingut Castelfino. Was Nachwuchs anbelangte … Damit wollte Gianni nichts zu tun haben. Seine eigene Kindheit war durch seine Eltern, die sich ständig bekriegt hatten, zur Hölle geworden. Er bekam Bauchschmerzen bei dem Gedanken, so etwas einem unschuldigen Kind anzutun.

Eine Bewegung außerhalb des Speisezimmers erregte seine Aufmerksamkeit. Ein Wagen näherte sich dem Herrenhaus, wobei er eine ordentliche Staubwolke aufwirbelte. Giannis Augen wurden schmal vor Zorn. Gerade jetzt konnte er keine Gäste gebrauchen. Verärgert rappelte er sich hoch. Er litt zwar unter Schlafmangel, doch sein Gehirn funktionierte noch. Ganz anders als seine Gliedmaßen. Die schienen wie in Beton gegossen.

Steif durchquerte er den Raum und trat durch die Doppelflügeltür hinaus auf die Terrasse. Immer noch gab es Menschen, die seinem verblichenen Vater ihren Respekt erweisen wollten, und er hatte ihnen gegenüber eine Verpflichtung. Also schloss er die Augen und überlegte, was er sagen würde.

Es war ein typischer Herbstnachmittag, wie man ihn in der Toskana kannte. Kein Blatt bewegte sich. Ein einzelner Vogel zwitscherte sein monotones Chip-Chip. Es klang, als ob zwei Steine aneinanderschlagen würden. Das einzige andere Geräusch stammte von dem Wagen, der in gleichmäßigem Tempo die gewundene Auffahrt hochkam, direkt auf Gianni zu.

Der Fahrer machte einen eleganten Bogen und hielt vor dem Hauptportal. Verblüfft öffnete Gianni die Augen und erkannte, dass es keine protzige Limousine war, sondern ein normales Funktaxi. Ihm blieb nicht einmal genug Zeit, schockiert zu sein, als der Fahrer schon aus dem Auto sprang, einen kurzen Gruß herüberrief und den Gepäckraum öffnete.

Ungläubig sah Gianni zu, wie sich eine Flut von Koffern in den Staub ergoss, während der Fahrer mit dem unsichtbaren Fahrgast eine fröhliche Konversation führte. Die ganze Zeit dudelte das Autoradio laut vor sich hin.

Kein Mensch hatte während der letzten Tage auf Castelfino die Stimme erhoben. Die Jalousien waren geschlossen geblieben. Nun aber wurde es dahinter lebendig. Giannis Personal war durch den unerwarteten Lärm alarmiert. Ein Küchenjunge eilte herbei, um mit anzupacken. Während er sich um den Fahrer kümmerte, erlitt der frischgebackene Graf einen weiteren Schock.

Die hintere Tür des Taxis öffnete sich, und die schönste Frau der Welt kletterte aus dem Wagen. Ihr Rock, ohnehin schon kurz, war hochgerutscht und bot einen Blick auf ihre langen, wohlgeformten Beine. Dunkelblondes Haar fiel über ihre Schultern und schimmerte im gedämpften Licht der Herbstsonne. Die junge Frau wirkte irgendwie leicht benommen. Als sie sich streckte, schwankte sie ein wenig und musste sich gegen das Auto lehnen. Der Kontrast zwischen dem klimatisierten Taxi und der herbstlichen Wärme war wohl zu heftig.

Mit einem Fluch wandte Gianni sich ab. Sein Körper war zum Leben erwacht, wie immer beim Anblick einer schönen Frau. Dann hörte er ihr glockenhelles Lachen – und drehte sich wieder zu ihr um.

„Signore Bellini! Welche Überraschung! Ich hätte nicht gehofft, Sie jemals wiederzusehen, schon gar nicht an diesem Ort! Was für eine unerwartete Freude!“

Der Kies knirschte unter ihren Schuhen, als die Frau mit langen, entschiedenen Schritten über den Vorhof näher kam. Beim Anblick seiner düsteren Miene erlosch ihr Lächeln. Nun wirkte sie verwirrt und besorgt. Ihr Schritt wurde zögernd.

Verunsichert wollte sie wissen: „Sie sind doch der Mann von der Chelsea Flower Show, oder nicht?“

Sí, ich bin Gianni Bellini“, erwiderte er reserviert.

Doch dann erinnerte er sich mit einem Mal wieder. Das Blumenmädchen! Ein hübsches Gesicht vergaß Gianni niemals – ebenso wenig wie einen gut gebauten Körper. Mit einem knappen Lächeln nickte er ihr zu. Weitere Details fielen ihm ein. Diese Frau hier sah nicht nur gut aus, sie war auch clever.

Sein kühler Gruß schien sie nicht zu berühren. Mit einem erfrischenden Lachen streckte sie ihm die Hand entgegen.

„Du lieber Gott, ich kann es nicht glauben. Sie haben sich ja sehr verändert – die vielen Freundinnen müssen Sie in eine Depression getrieben haben, Signore!“

„Was wollen Sie hier?“, fragte er in scharfem Ton und ignorierte ihre ausgestreckte Hand.

Ihr Lächeln erlosch. „Ich habe eine Anstellung beim Conte di Castelfino. Ich werde das Gartenhaus beziehen. Normalerweise holt man mich vom Flughafen ab, aber aus irgendeinem Grund kam der Chauffeur heute nicht.“

„Vermutlich, weil mein Vater gestorben ist. Ich bin jetzt der Conte di Castelfino“, stellte er in sachlichem Ton fest.

„Oh … das tut mir leid“, sagte sie schockiert. Hilflos wanderte ihr Blick zu dem Taxi und wieder zurück. „Wie unpassend von mir, ausgerechnet jetzt aufzukreuzen … D…darf ich fragen, was geschehen ist?“

„Er erlitt vor wenigen Tagen einen Schlaganfall, in Paris. Gestern ist er dann verstorben – nein, vorgestern …“ Gianni schüttelte den Kopf und rieb sich über seinen Dreitagebart.

„Es … es tut mir so leid …“, wiederholte sie mit leiser Stimme.

„Sie konnten es ja nicht wissen. Ich hatte keine Ahnung, dass Sie erwartet werden. Deshalb wurden Sie auch nicht abgeholt. Ich bin selbst erst vor einer Stunde hier eingetroffen.“ Zerstreut schaute er zu dem Taxi hinüber und zückte sein Portemonnaie. „Ich fürchte, Ihre Reise war umsonst. Kehren Sie dorthin zurück, wo Sie hergekommen sind. Wie haben Sie überhaupt meine Sicherheitsleute am Tor überlistet?“

„Sie wussten, dass ich komme, mein Name steht auf der Besucherliste. Deshalb haben sie mein Taxi durchgewunken.“ Niedergeschlagen fügte sie hinzu: „Und ich kann nicht einfach wieder abreisen … diese wertvollen Pflanzen müssen versorgt werden. Der Wunsch des Conte – des alten Conte – war, dass sie sorgsam gepflegt und behütet werden.“

Wieder schüttelte Gianni den Kopf. „Ich bin jetzt der Conte di Castelfino, und ich habe meine eigenen Vorstellungen. Ab jetzt wird hier alles anders. Es gibt keinen Platz mehr für Dinge, die sich nicht in irgendeiner Form auszahlen. Was immer mein Vater im Sinn hatte, wird nicht weitergeführt. Ich trage nun die Verantwortung, und meine Interessen sind rein praktischer Natur.“

Er sah, wie Tränen in ihre Augen traten. Sie schrumpfte förmlich in sich zusammen, und ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, Signore?“

„Ich fürchte doch. Das Weingut Castelfino steht im Zentrum meines Interesses. Ich werde mich ausschließlich mit diesem einen lohnenden Projekt beschäftigen, nicht mit Hobbys.“

Energischen Schritts ging er auf das Taxi zu. Er legte einen Arm um ihre Schultern und schob sie in dieselbe Richtung. „Keine Angst, Signorina. Ich übernehme die Taxirechnung zurück zum Flughafen. Bis Sie dort eintreffen, wird mein Personal auch das Rückflugticket für Sie gebucht haben. Von welchem Airport sind Sie denn gestartet?“

„Heathrow, aber …“

Sie standen jetzt neben der geöffneten Taxitür. Gianni nahm den Arm von Megs Schultern. Nachdem er dem Fahrer viel zu viel Trinkgeld in die Hand gedrückt hatte, machte er auf dem Absatz kehrt und marschierte davon, während er ihr noch ein paar belanglose Worte über die Schulter zuwarf. „Ich bedaure, dass Ihre Reise umsonst war, Signorina. Leben Sie wohl.“

Gianni zwang sich, nicht an ihre einladend vollen Lippen und ihre großen blauen Augen zu denken. Er musste sich auf seine Pläne für das Weingut konzentrieren, auf nichts anderes.

Eine energische Stimme unterbrach seine Überlegungen.

„Nein, Signore Bellini.“

Er blieb stehen und krauste die Stirn. Unglaublich! Wenn dieses Mädchen sich überhaupt äußern sollte, dann nur mit einem schüchternen Ja. So funktionierten die Dinge in Giannis Universum. Man hatte seinen Anordnungen Folge zu leisten.

Da hörte er das gedämpfte Zuschlagen einer Autotür. Der Klang leiser Schritte drang zu ihm herüber. Erstaunt wandte er sich um. Was er sah, verwirrte ihn noch mehr. Die junge Frau hatte ihr Gepäck stehen lassen und kam auf ihn zugelaufen.

Gianni Bellini, Conte di Castelfino, stellte sich vor, wie das gesamte Personal diese Szene hinter den Jalousien des Herrenhauses mitverfolgte. Bereits jetzt nagten alle möglichen Gerüchte an seiner Reputation. Playboy oder nicht, hier war er Gutsherr. Es war die Gelegenheit, seine angeschlagene Autorität wiederherzustellen. Falls diese Frau im Begriff war, eine laute, hysterische Szene zu machen, würde er sie barsch zum Schweigen bringen.

Er holte tief Luft, doch weiter kam er nicht.

„Bei allem Respekt, Signore, ich denke, ich sollte bleiben.“ Abrupt blieb sie direkt vor ihm stehen. Ihre Stimme klang jetzt leise. „Wenigstens für eine kleine Weile. Bitte.“

Damit hatte sie Gianni entwaffnet. Er verfiel in Schweigen. Nicht weil das, was sie sagte, ihn berührte, sondern wie sie es sagte. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Man könnte fast meinen, sie nimmt ebenso auf die Augen und Ohren hinter den Fenstern Rücksicht wie ich … aber nein, das kann nicht sein.

„Sie haben tatsächlich die Stirn, von Respekt zu sprechen?“, zischte er kalt. „Eine Frau, die mit einem Lachen in dieses Trauerhaus hereinplatzt?“

Meg stand so dicht neben ihm, dass sie hören konnte, wie er schwer ein- und ausatmete. Sie war wie gelähmt, doch ihre Verzweiflung half ihr, standhaft zu bleiben. Noch gab sie die Hoffnung nicht auf, dass der neue Graf Vernunft annehmen würde und sie weiterbeschäftigte.

„Ich habe es nicht böse gemeint, Signore. Hätte ich von den Umständen gewusst, hätte ich doch nicht so eine Aufregung verursacht. Können wir nicht einen Schlussstrich unter das Ganze ziehen und noch einmal von vorn beginnen?“

Sie merkte schnell, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Dieser Gianni Bellini verfügte über keinen Rückwärtsgang.

Seit ihrer Ankunft hatte sie gewusst, dass es Ärger geben würde, doch nun sah es so aus, als sei die Situation hoffnungslos. Ihr Entsetzen lähmte sie, aber sie durfte sich nichts anmerken lassen. Sie brauchte diesen Job. Zu viele Menschen vertrauten auf sie. Irgendwie musste diesem seltsam veränderten Gianni doch beizukommen sein …

Meg hatte nichts zu verlieren außer ihrer Würde. Sie musste ihr Ziel erreichen. Also schlug sie die Augenlider nieder. Eine langsame, sorgsam bedachte Bewegung. Zu ihrer Überraschung reagierte er, indem er sie abwartend ansah.

„Als Ihr Vater noch lebte, hat er mich eigens engagiert, um für ihn zu arbeiten“, sagte sie, während sie Mühe hatte, ruhig zu bleiben. „Ich war die Qualifizierteste unter allen Bewerbern. Ohne mein Können werden die Pflanzen bald eingehen. Der Graf hatte so viele Pläne für dieses Anwesen. Jetzt ist er … nun, lassen Sie uns ihm einfach ein gebührendes Denkmal setzen.“

Sie holte Luft. „Er hat sich Sorgen um die Zukunft gemacht, und viele seiner Ideen sind durchaus praktikabel. Irgendwann wollte er seine Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich machen und damit den Tourismus fördern. Ich bin mir sicher, Signore, dass Sie seine wertvolle Arbeit weiterführen wollen“, fügte sie hinzu und war erleichtert, als sie sah, welchen Eindruck ihre letzte, beiläufig hingeworfene Bemerkung auf ihn machte. „Jedermann wäre stolz, solch ein Vermächtnis zu hinterlassen. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche.“

Giannis Miene verhärtete sich. „Woher wollen Sie das wissen? Vielleicht weil Sie eine Handvoll guter Zeugnisse vorweisen können?“, spottete er.

„Nein. Ich weiß es, weil mein Vater aus demselben Holz geschnitzt ist“, gab sie zurück. „Als er einmal ernsthaft krank wurde, fand er keine Ruhe vor lauter Sorge um seine Hinterlassenschaft. Er war sich selbst sein ärgster Feind. Ihr Vater, Signore, war ein gütiger, kluger Mann. Er hat es verdient, auch nach seinem Tod geehrt zu werden. Ich habe an diesem Projekt sehr eng mit ihm zusammengearbeitet. Seine Begeisterung hat es vorangetrieben, und ich halte es für einen unverzeihlichen Fehler, es gerade jetzt aufzugeben.“

Eindringlich sah Gianni sie einen langen Augenblick an. Dann verzogen sich seine Lippen zu diesem unvergleichlich umwerfenden Lächeln, das sie seit ihrer ersten Begegnung bis in ihre Träume verfolgte. Er streckte ihr die Hand hin. „Erlauben Sie mir, Ihnen zu gratulieren, Miss …?“

„Imsey. Megan Imsey.“

Seine Hand fühlte sich angenehm warm an. Eine Wärme, die sich gleich auf sie übertrug.

„Gut gemacht, Miss Imsey. Ich bin sprachlos … so etwas ist mir noch nie zuvor passiert!“

Meg erwiderte sein Lächeln. Was für eine Veränderung! Gianni Bellini hatte sich aus ihrem Traummann in ein lebendes, atmendes, menschliches Wesen verwandelt. Überraschenderweise hatten sie zwei Eigenschaften gemein. Die Arbeit stand für ihn an erster Stelle – und er konnte seine Gefühle ebenso gut verbergen wie sie. Zu Anfang war er nichts als der Mann ihrer Träume gewesen, doch nur erkannte sie in ihm den Realisten.

„Ich bin mir sicher, Signore, dass Sie im Moment keine spontane Entscheidung über etwas so Unbedeutendes wie meinen Job treffen sollten. Sie müssen sich gerade jetzt um tausend andere Dinge kümmern.“

Daran gab es keinen Zweifel. Er mochte geschickt seine Gefühle verbergen, doch für den Bruchteil einer Sekunde erkannte Meg den Schmerz in seinen Augen. Andere hätten das vermutlich nicht bemerkt, aber sie hatte selbst schon solche kalten, düsteren Zeiten erlebt. Zu gut stand ihr noch vor Augen, wie ihr eigener Vater zwischen Leben und Tod schwebte. „Ganz oben auf dieser Liste sollten Sie stehen. Sie müssen sich um sich selbst kümmern.“

Ihre Worte kamen von Herzen, doch Gianni zog die Stirn kraus.

„Nein … mir geht es gut.“

„Sie sehen aus, als hätten Sie die ganze Nacht nicht geschlafen“, beharrte Meg. Nur mit Mühe verdrängte sie die Erinnerung daran, wie sie die Orchideen für seine Gespielinnen herrichten musste.

„Ich war nicht dabei, als es geschah“, sagte er, als spräche er zu sich selbst. „Ich war in einem Nachtklub mit lauter fremden Menschen. Keiner von denen hätte gemerkt, wenn ich tot umgefallen wäre. Ich bin dann direkt in die Klinik gefahren, habe versucht, etwas für ihn zu empfinden, während ich an seinem Bett saß. Da war nichts, aber dann …“

Er hielt inne. „Dann bin ich sofort hierhergeeilt, um meine Verantwortung wahrzunehmen.“ Gianni sprach mit fester Stimme, spürte allerdings, dass seine Lider immer schwerer wurden. Er warf einen Blick auf die Uhr. „Dio! Ich hatte seit Tagen keinen Schlaf“, bemerkte er beinahe ungläubig.

„Das sieht man“, stellte Meg nüchtern fest. Er sah aus, als hätte er in seinen teuren Designersachen geschlafen.

Einem Impuls folgend, schlang sie die Arme um ihn. Sie konnte nicht anders. Ihre Reaktion war ebenso unbewusst wie seine, als er sie jetzt abzuwehren versuchte.

„Nein! Alles ist okay. Lassen Sie das.“

Sofort löste Meg sich von ihm. „Ich weiß, Sie befürchten, dass wir beobachtet werden. Aber Sie tun weder sich noch anderen einen Gefallen, wenn Sie sich so verausgaben, Signore. Sie brauchen Ruhe. Sonst sind Sie bald derjenige, der in die Klinik kommt! Wer wird sich dann um Castelfino und das ganze Personal kümmern?“

Er schenkte ihr einen intensiven Blick, der Meg tief in ihrem Inneren berührte. Gianni Bellini war unrasiert und völlig erschöpft, und doch war er unwiderstehlich. So viele Nächte hatte sie damit verbracht, sich an sein Gesicht zu erinnern, an sein Lächeln, seinen Charme. Nun stand er vor ihr, ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ihre Wangen röteten sich vor Aufregung.

„Warum tun Sie das, Megan Imsey? Sie sind gerade erst angekommen. Weshalb machen Sie sich Sorgen um mich? Ich bin ein kalter, gefühlloser Zeitgenosse. Außerhalb der Klubs und Strände werden Sie das von jedem hören. Wenn ich die lächerlichen Vorhaben meines Vaters auf Eis lege, ist hier keine Verwendung mehr für Sie.“

Meg hob die Augenbrauen. Die Pflanzen des alten Grafen zu hegen, war ihr Traumjob gewesen. Aber unter Giannis Fuchtel war kein Platz für solche Träume. Es war an der Zeit, mit der Wahrheit herauszurücken.

„Ich kann es mir nicht leisten, mich nicht um Sie zu kümmern“, sagte sie entschieden. Wenn er ihr echtes Mitgefühl nicht verstand, brauchte er auch keines. „Ich stehe auf Ihrer Gehaltsliste, doch Sie sind bisher der Einzige, dem bekannt ist, dass ich meinen Dienst hier angetreten habe. Um es freiheraus zu sagen, Signore Bellini, habe ich ein großes Interesse daran, mich um Sie zu kümmern, um zumindest ein wenig für diesen sinnlosen Ausflug entschädigt zu werden. Und es besteht ja durchaus eine kleine Chance“, fügte sie kühn hinzu, „dass Sie meinem Vorschlag folgen und an den Plänen Ihres Vaters festhalten.“

Langsam verwandelte sich Giannis Miene von Resignation in Abneigung. „Hätte ich mir denken können. Frauen haben immer nur das eine im Sinn: Geld. Und dann wundern sich die Leute, warum ich sie am ausgestreckten Arm verhungern lasse.“ Er verzog das Gesicht.

Meg musste an ihre Zukunft denken. Ihre Eltern hatten sie am Flughafen mit großen Hoffnungen verabschiedet. Sie durfte sie nicht enttäuschen und mit leeren Händen zurückkehren.

„Es ist nicht allein das Geld, Signore. Es sind auch praktische Überlegungen. Ich habe das Geschäft meiner Eltern wieder flottgemacht. Sie vertrauen mir. Im Augenblick geht es ihnen gut, doch ich weiß aus bitterer Erfahrung, wie schnell sich das Blatt über Nacht wenden kann.“

Gianni hatte ihr tief in die Augen gesehen, während sie sprach. Nun nickte er, schwieg aber.

„Deshalb brauche ich diese Stellung, Signore. Ihr Vater hat mir erlaubt, im Gartenhaus zu wohnen. Ich kenne es von früheren Besuchen her. Sie brauchen keinen Gedanken an mich zu verschwenden“, versicherte sie. Als ob Gianni Bellini einen Gedanken an andere verschwendete! „Doch wir können das später besprechen, sobald Sie etwas zur Ruhe gekommen sind.“

„Nein, ich muss wach bleiben.“ Streitlust sprach aus seinen müden Augen.

„Selbstverständlich müssen Sie das, Signore.“ Meg musste lächeln. Er spielte ihr direkt in die Hände. „Deshalb benötigen Sie ja Schlaf. Keine Sorge. Ich habe schon ein wenig Erfahrung darin, wie Ihr Haushalt funktioniert. Man wird Sie auf dem Laufenden halten, und Sie werden nichts verpassen“, meinte sie besänftigend. „Der alte Graf hat stets betont, dass er nur die Besten beschäftigt.“

Gianni sah sie einen Augenblick eindringlich an. Dann – völlig unerwartet – hob er ihre Hand an die Lippen und hauchte einen Kuss darauf. Meg stockte der Atem. Als er sie ansah, standen unausgesprochene Versprechen in seinem Blick, genau wie bei ihrer ersten Begegnung.

„Ja“, sagte er bedeutungsvoll. „Das sehe ich jetzt auch so.“

2. KAPITEL

Ganz automatisch befolgte Gianni Megans Anweisungen. In dem Bewusstsein, die junge Frau getrost sich selbst überlassen zu können, ging er müde in seine Suite. Wie in Trance zog er seine Schuhe aus und fiel ins Bett. Das Nächste, was er wahrnahm, war die Sonne, die auf sein Gesicht schien und ihn weckte, sowie ein nagendes Hungergefühl. Er griff zum Telefon neben dem Bett und bestellte bei der Haushälterin etwas zu essen. Megan hat recht, sagte er sich. Er hatte wirklich Schlaf gebraucht. Offenbar war er für Stunden außer Gefecht gewesen.

Zwanzig Minuten später – er war rasiert, frisch geduscht und fühlte sich wieder wie ein Mensch – betrat er das Esszimmer seiner Suite. Eine köstliche Mahlzeit war auf dem Tisch angerichtet. Seine innere Uhr sagte ihm, dass es Mittagszeit sein musste. Doch das Mahl sah nicht wie ein Lunch aus. Außerdem glich es nicht im Entferntesten einem Essen, das in den letzten zweiunddreißig Jahren auf der Speisekarte der Villa Castelfino gestanden hatte.

„Das sieht ausgezeichnet aus“, murmelte er argwöhnisch und schlug die Zeitung auf, die auf einem Tablett lag.

„Ja, es ist ausgezeichnet, Signore. Einige von uns waren bei der neuen Chefgärtnerin drüben im Gartenhaus zum Mittag eingeladen, und sie hat uns etwas für Sie mitgegeben“, erklärte Rodolfo, sein Butler.

Bevor Gianni etwas erwidern konnte, stutzte er. „Das ist die Montagszeitung. Wo ist die Sonntagsausgabe, Rodolfo?“

„Das Personal hatte strikte Anweisung, Sie nicht zu stören, Signore.

Gianni ging um den Tisch herum und nahm die außergewöhnliche Mahlzeit in Augenschein.

„Dieses Dessert sieht englisch aus. Ich habe so etwas seit meiner Schulzeit nicht mehr gesehen. Trifle, nicht wahr?“

„Die Chefgärtnerin hat empfohlen, das Essen etwas abwechslungsreicher zu gestalten, Signore.“

Stirnrunzelnd blickte Gianni auf. „Das wollte ich Sie eben schon fragen. Mir ist nicht bekannt, dass wir plötzlich eine Chefgärtnerin haben“, sagte er, ahnte jedoch bereits, wie die Antwort lauten würde.

„Miss Imsey ist erst vor Kurzem angekommen, Signore.“

„Ach … die“, meinte Gianni mit lässiger Überlegenheit. „Nun, seien Sie unbesorgt. Sie wird nicht lange hierbleiben. Ich bin mehr an praktischer Arbeit interessiert als an irgendwelchen Zeugnissen.“ Er war sicher, dass er mit seinem Urteil über sie richtiglag, doch ein kurzer Blick auf Rodolfos Miene machte ihn misstrauisch. „Sagen Sie bloß nicht, dass Sie auf ihr Aussehen hereingefallen sind. Diese Beine, ihr Lächeln, das weich fließende Haar und ihre unschuldigen blauen Augen …“

Giannis Stimme begann zu schwanken. Mit strenger Miene zog er sein Jackett glatt und rief sich seine Herkunft in Erinnerung. Keiner der Angestellten durfte in diesem Haus über die Stränge schlagen. Unabhängig davon, wie hübsch und anziehend jemand war.

„Diese Frau ist nur an einem interessiert“, sagte er barsch. „An ihrem Gehalt. Das hat sie mir bei ihrer Ankunft selbst gesagt.“

Rodolfo schien es nicht eilig zu haben. Offensichtlich hatte er noch mehr auf Lager. Gianni warf ihm einen durchdringenden Blick zu.

„Haben Sie mir noch etwas zu berichten, Rodolfo?“

Der Mann hüstelte. „Es mag Sie interessieren, Signore, dass die Köchin derzeit ein Gesicht macht wie eine ausgequetschte Limone.“

Gianni bediente sich gerade mit Käse vom Silbertablett. Überrascht hielt er inne. Die Vorstellung, Megan könnte nur wegen des Geldes so freundlich zu ihm sein, war höchst ärgerlich. Aber die Nachricht, dass es ihr gelungen war, die bräsige alte Köchin aus der Fassung zu bringen, ließ ihn neidvoll das Gesicht verziehen.

„Das hat nicht zufällig etwas mit der neuen Chefgärtnerin zu tun, oder?“, fragte er scheinheilig.

„Oh, doch, Conte.“

„Und … wie ist es jetzt um die Moral in der Küche bestellt?“, bohrte Gianni nach.

„Besser.“

„Ich habe schon immer gesagt, dass zu einem guten Team ein passender Chef gehört, ein altes Prinzip unserer Familie“, meinte Gianni, höchst zufrieden mit sich selbst.

Er entließ den Butler und widmete sich seinem Essen. Gianni, hungrig wie ein Löwe, aß alles bis auf den letzten Krümel auf. Seit er denken konnte, war dies das erste Mal auf Castelfino, dass er einen Teller wegschob, weil er satt war, und nicht, weil es nicht schmeckte. Seit Jahren hatte er sich nicht mehr so gut gefühlt.

Doch bald holte die Wirklichkeit ihn wieder ein. Sein Vater war tot. Die Verantwortung für Hunderte von Hektar Land und die Zukunft von Tausenden Angestellten weltweit lag jetzt in seiner Hand in seiner Funktion als der neue Conte di Castelfino. Nun konnte er wie geplant expandieren.

Er trat auf den Balkon vor seinem privaten Speisezimmer. Von hier aus hatte er den besten Blick über das Anwesen. Das gesamte Land vor ihm, so weit sein Auge bis zu den umgebenden Hügeln reichte, unterlag nunmehr seiner Verantwortung. Bis vor wenigen Tagen hatte sich das Weingut lediglich über hundert Hektar erstreckt. Das würde sich jetzt ändern. Giannis Blick war fest in die Zukunft gerichtet. Die nächtlichen Exzesse waren vorüber. Von nun an würde er jede wache Minute der Optimierung des Weingeschäfts widmen.

Das würde ihn auch davon abhalten, ständig an jenen Aspekt aristokratischen Lebens denken zu müssen, der wie eine düstere Wolke über ihm schwebte. Er hatte nicht die Absicht, der Letzte zu sein, der den Namen der Bellinis und den Titel trug – aber ebenso wenig wollte er miterleben, wie ein kleines Kind das Schicksal erleiden musste, in der Familie der Bellinis aufzuwachsen. Die Erinnerung an seine eigene Kindheit hatte bei ihm einen üblen Nachgeschmack hinterlassen.

Er setzte sich und genoss die Aussicht. Bisher hatte er das Anwesen noch gar nicht richtig angeschaut. Nun aber, da er jeden Weinstock, jeden Olivenbaum und jede Zypresse sein Eigen nannte, sah er es mit anderen Augen. Ein gutes Gefühl.

Und dann kam Megan Imsey in sein Blickfeld. Sie schob einen Schubkarren voller Werkzeug vor sich her. Ein breitrandiger Strohhut beschattete ihr Gesicht. Wie unschwer zu erkennen war, gefiel ihr die Arbeit in der Sonne. Megan musste wohl auf dem Weg zum eingefriedeten Garten sein, dem letzten Projekt seines Vaters. Irgendwelche Luxus-Treibhäuser, die einen Haufen Geld verschlangen.

Sein Blick wurde kritisch. Was hatte sie dort zu suchen, wo er ihr doch seine Meinung über das Projekt bereits dargelegt hatte? Und wer war schon so dumm, zu arbeiten, wenn er keinen Auftrag dazu hatte?

Dies könnte die perfekte Gelegenheit sein, es herauszufinden. Es war ein wunderschöner Tag, vielleicht sogar sein Glückstag …

Wie eine zweite Haut hüllte die Wärme der toskanischen Sonne Meg ein. Obwohl bereits Herbst, wärmten die Strahlen immer noch. Sie trug eine langärmelige weiße Bluse, Strohhut und Sonnenbrille. In flottem Schritttempo schob sie den Schubkarren vor sich her. Ihren Beruf hatte sie schon immer gemocht, doch auf Castelfino gab es etwas, was einzigartig war.

Vor hundert Jahren hatte einer der Vorfahren des jetzigen Conte für seine adelige junge Frau, eine Engländerin, einen eingefriedeten Kräutergarten anpflanzen lassen, um ihr Heimweh zu lindern. Lange Jahre war dieser Garten unberührt geblieben, bis Giannis Vater eine ganze Reihe hochmoderner Treib- und Gewächshäuser errichtet hatte. Der neue Komplex war fast vollendet, doch an diesem sonnigen Morgen war Meg mehr an dem unfertigen Teil des Gartens interessiert.

Mit einem Lächeln voller Vorfreude entriegelte sie die Gartenpforte und ging hinein.

Sie verharrte einen Augenblick und erfreute sich an dem, was sie bisher geschaffen hatte. Monatelang hatte sie den Garten auf ihren Reisen in die Toskana geplant und die Fertigstellung überwacht. Ein Glaspalast bildete die Hauptattraktion dieses verwunschenen Stücks Erde. Hier und da musste noch ein wenig Kosmetik betrieben werden, aber im Wesentlichen war das Werk vollendet.

Heute Morgen war das Dach geöffnet, um jede noch so kleine Brise einzufangen. Das Objekt sah aus wie eine stattliche Galeone unter vollen Segeln. Erfüllt vom Anblick der Früchte ihrer Arbeit, konnte Meg sich nicht vorstellen, dass Gianni dies alles nicht mehr weiterführen wollte.

Mit einem Anflug von Angst fragte sie sich, ob sie ihn würde überreden müssen, sie weiterzubeschäftigen. Ihr graute bei dem Gedanken, dass die wunderschönen Treibhäuser niedergerissen wurden. Ihr Erfolg hatte ihr finanziellen Auftrieb gegeben und sie obendrein in die Lage versetzt, das Geschäft ihrer Eltern vor dem Bankrott zu bewahren.

Hoffentlich kommen sie während meiner Abwesenheit damit zurecht, dachte Meg besorgt. Das Castelfino-Projekt durfte sich einfach nicht zerschlagen, sonst wären alle mühsam erkämpften Fortschritte dahin.

Schließlich machte sie sich an die Arbeit. Sie begann auszumessen und abzustecken, wobei ihr rasch warm wurde. Als Erstes schlüpfte sie aus den Sandalen und lachte vor Vergnügen auf, als sie das kurze, stachelige Gras unter den nackten Füßen spürte. Einen intensiveren Kontakt mit diesem großartigen Besitz konnte es nicht geben. Sie setzte Pflöcke und zog Schnüre, um die neuen Blumenbeete abzuteilen.

Bald klebten Hut und Hemd an ihr. Einen Moment lang zögerte sie und überlegte, ob sie es wagen konnte, die störende Kleidung loszuwerden. Forschend blickte sie sich um und stellte fest, dass niemand sie im Garten sehen würde. Zu Hause hatte sie oft in ihrer Unterwäsche oder im Bikini gearbeitet. Nun, die Pforte zu ihrem Paradiesgarten hatte sie abgeschlossen. Niemand konnte sie also überraschen.

Rasch zog sie ihre Oberbekleidung aus und ging wieder an die Arbeit. Nach einer Weile erfrischte sie sich mit einem Schluck Quellwasser aus ihrer Flasche. Sie war gerade dabei, ein wenig aufzuräumen, um zu überprüfen, ob die Realität mit dem Entwurf übereinstimmte, da wurde sie von einer schon vertrauten Stimme aufgeschreckt.

„Tragen alle englischen Gärtnerinnen so eine Arbeitskleidung, Megan?“

Sie wirbelte herum, und ihr Herz machte einen aufgeregten Hüpfer. Gianni stand da, ausgeruht und wieder Herr seiner selbst. Heute sah er so verführerisch aus wie damals auf der Chelsea Flower Show. Das versetzte sie genauso in Alarmstimmung wie seine abweisende Haltung vor ein paar Tagen.

„Was machen Sie denn hier?“, platzte sie heraus und verschränkte schützend die Arme vor der Brust in dem vergeblichen Versuch, sich zu bedecken.

Er nickte zum Herrenhaus hin. „Ich wohne hier, falls Sie sich erinnern.“

Meg war auf diese Begegnung nicht vorbereitet. „Tut mir leid, wie konnte ich das vergessen“, keuchte sie. Ihr Erröten erwies sich als stumpfe Waffe. Er musterte sie weiterhin mit unverhülltem Interesse.

„Mir scheint, als hätten Sie es tatsächlich vergessen“, meinte er anzüglich.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier drinnen gestört werde. Die Pforte war verschlossen, und ich besitze den einzigen Schlüssel. Wie in aller Welt sind Sie hereingekommen?“, brauste sie peinlich berührt, aber auch verärgert auf.

Lässig schlenderte Gianni zu dem alten Mispelbaum hinüber, an dem Meg Hut und Bluse aufgehängt hatte. Er pflückte die Stücke vom Ast und kam langsam auf sie zu. Meg war sich bewusst, dass er es offensichtlich darauf anlegte, sie zu provozieren. Doch sie war nicht in der Stimmung, mit sich spielen zu lassen. Sobald er in greifbarer Nähe war, schnappte sie sich die Sachen und streifte sie über. Fast amüsiert sah er ihr dabei zu. Dann zog er mit großer Geste einen Schlüssel aus der Tasche.

„Wie gesagt – ich wohne hier. Ich besitze zu allen Schlössern einen Zweitschlüssel.“

Meg sah inzwischen wieder gesittet aus und straffte sich. „Das erklärt aber nicht, warum Sie es für nötig hielten, hier hereinzuplatzen.“

„Ich hielt es nicht für nötig, ich wollte es. Ich wollte Sie wiedersehen, Megan.“

Sehnsucht flammte in seinen dunklen Augen auf, so stark, dass Meg seinem Blick kaum standhalten konnte, zumal sie befürchtete, er könnte ihre Gefühle von ihrer Miene ablesen. Deshalb senkte sie den Blick auf das stumpfe Gras unter ihren bloßen Füßen. Verwirrende Gedanken wirbelten in ihrem Kopf herum, doch nur einen einzigen vermochte sie in Worte zu fassen.

„Ich kann nur hoffen, dass Sie sich nun besser fühlen, Conte.“

Ein breites Lächeln überzog sein Gesicht. „Ich fühle mich tatsächlich besser. Aber nennen Sie mich doch bitte Gianni.“

Meg war versucht, sich geschmeichelt zu fühlen – bis ihr einfiel, dass er diese Ehre vermutlich seinem gesamten Personal gewährte.

„Ich bin auch gekommen, um Ihnen zu danken“, fuhr er fort. „Sie hatten natürlich recht. Bei Ihrer Ankunft war ich übermüdet. Seither habe ich nur geschlafen – und ein exzellentes Mahl verspeist.“

„Gut“, sagte Meg mit ehrlicher Erleichterung.

„Später erfuhr ich dann, dass das Essen Ihre Idee war. Was hat Sie veranlasst, die Köchin herauszufordern?“ Gianni hob lächelnd die Augenbrauen.

„Zurzeit scheinen Sie mit Ihren Gedanken ganz woanders. Essen steht gerade nicht ganz oben auf Ihrer Prioritätenliste, das ist mir klar. Zufällig erfuhr ich, dass Sie eine Internatsschule in England besucht haben. Und zufällig ist meine Tante Chefköchin im selben Internat. Ich habe sie angerufen und gefragt, was dort wohl das Lieblingsmenü an einem heißen Tag wie heute wäre.“

„Sie haben wirklich Initiative bewiesen, Megan“, sagte er anerkennend. „Ganz besonders im Hinblick darauf, wie die Situation in der Küche sich weiterentwickelt hat. Ich komme direkt von dort. Sobald die Köchin die Inventur der Vorräte beendet hat, wird sie sich bei Ihnen für ihre Worte entschuldigen.“

Verwirrt sah Meg ihn an. Eine Entschuldigung war das Letzte, was sie unter diesen Umständen erwartet hätte.

„Ich verstehe nicht ganz?“

„Die anderen haben mir berichtet, dass sie die Vorgesetzte herauskehren wollte. Doch Sie sind standhaft geblieben. Es war eine komplett neue Erfahrung für sie.“

„Wollen Sie damit sagen, Sie werden die Sache nicht weiter verfolgen?“, fragte Meg leicht ironisch. Leute, die wichtig genug sind, sich Gärtner zu halten, ließen sich selten zu Lobeshymnen über ihre Mitarbeiter herab.

„Ich bin entzückt, Megan“, entgegnete er, wobei er ihrem Namen besondere Betonung verlieh.

„Sind Sie ganz sicher, dass Sie sich nicht weiter einschalten werden?“, fragte sie verunsichert. „Ich meine, ich war kaum zwei Minuten hier und lag schon im Streit mit der Köchin. Sie ist der Familie treu ergeben, ich bin die Neue – und Sie stehen auf meiner Seite?“

Gianni sah sie forschend an, verblüfft, dass sie den Sinn seiner Worte nicht verstanden zu haben schien. „Aber selbstverständlich. Etwas anderes kommt nicht infrage. Die Köchin hatte unrecht, Sie waren im Recht. Eine meiner ersten Aufgaben als der neue Conte ist es, den Speiseplan zu überprüfen. Sie haben es nur früher als ich angepackt, das ist alles.“ Ihm fiel auf, wie sie errötete. Besorgt griff er nach ihrem Ellenbogen.

„Megan? Geht es Ihnen gut? Es muss die Sonne sein. Kommen Sie, setzen Sie sich.“

Seine Finger strichen weich über ihre Haut und umschlossen ihren Arm. Diese Berührung rief dasselbe Wohlgefühl in ihr hervor, von dem sie in ihren Fantasien geträumt hatte. Es war einfach herrlich.

„Lassen Sie nur … mir geht es gut.“ Sie musste nach Luft schnappen, und ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Die Berührung raubte ihr schier den Atem.

Gianni ließ sie verstimmt los. „Ich bestimme hier. Und zwar alles. Das beinhaltet auch die Entscheidung, ob wir eine weibliche Chefgärtnerin beschäftigen oder nicht“, schloss er mit unheilvollem Unterton.

Meg schoss hoch. „Wie meinen Sie das?“, platzte sie heraus.

Gianni war fest entschlossen, bei Megan kein Risiko einzugehen. Jemand, der sich wie sie mit der Köchin anlegte, musste genau beobachtet werden.

Er betrachtete Meg ein paar Sekunden länger als nötig und zuckte dann mit den Achseln.

„Kommt darauf an.“

„Gott sei Dank führe ich den Titel ‚Kuratorin exotischer Pflanzen‘. Ich bin kein Chefgärtner – obwohl ich mehr als qualifiziert für diese Aufgabe bin“, fügte sie rasch hinzu. „Und da ich wusste, dass Ihre Angestellten die Vorschläge eines Neuankömmlings nicht eben mit Begeisterung aufnehmen würden, habe ich mir den neuen Titel ‚Chefgärtnerin‘ kurzerhand ausgeliehen.“ Sie stieß ein nervöses Lachen aus.

Überrascht bemerkte sie Giannis umwerfendes Lächeln, das er jedoch sofort wieder unterdrückte.

„Das nenne ich Einsicht. Eine Frau, die Einsicht und Initiative zeigt, wird ihren Weg machen, ragazza insolente!“

Winzige Fältchen bildeten sich um seine Mundwinkel. Es war offensichtlich, dass er sich ein Lachen verkniff. Dumm war nur, dass er wusste, dass sie es wusste. In diese Lage hätte sie ihren neuen Chef garantiert nicht bringen wollen. Und ganz bestimmt nicht, wenn dieser Chef Gianni Bellini hieß, ein Mann, der jede Frau um den Finger wickeln konnte.

Eingehend betrachtete sie die Grasfläche unter sich, um ihr eigenes Lächeln zu verbergen, ohne allerdings ihr Ziel dabei aufzugeben.

„Das habe ich bereits, Signore“, sagte sie, vorsichtig darauf bedacht, nicht ironisch zu klingen. „Ich habe beim Botanikstudium als Beste meines Jahrgangs abgeschnitten, habe meine Eltern vor dem Ruin bewahrt und diesen Spitzenjob hier bekommen. Und ich bin noch nicht am Ende.“

„Langsam wird mir das auch klar“, gab er gelassen zurück. „Also, Frau Kuratorin exotischer Pflanzen, wie sehen Ihre Pläne für meinen neuen Garten aus?“

Meg wurde bewusst, dass er jede Schärfe aus der Unterhaltung nehmen wollte. Trotz des belustigten Funkelns in seinen Augen ermahnte sie sich zur Vorsicht, bis sie sicher sein konnte, wo sie stand.

„Mein Auftrag ist es, die Pläne des alten Conte zu verwirklichen, nicht die meinen“, erklärte sie bedacht. „Für den Augenblick beschränkt sich seine komplette Sammlung tropischer Pflanzen auf das alte Limonenhaus am äußeren Ende des Kräutergartens.“

Sie lenkte ihre Schritte zu einem langen, flachen Gebäude, das an eine Mauer grenzte. Gianni zögerte zunächst, ihr zu folgen, schlenderte dann jedoch nur wenige Schritte hinter ihr her.

„Bin ich zu schnell für Sie, Gianni?“

„Überhaupt nicht“, entgegnete er leichthin. „Es ist ein wundervoller Tag, und ich habe einen wundervollen Ausblick. Warum sollte ich mich also beeilen?“

Sie warf einen Blick über die Schulter und erkannte, worauf sein Augenmerk sich richtete.

„Signore!“

„Ich sagte doch schon, mein Name ist Gianni.“

„Aber nicht, wenn Sie so auf meinen Po starren!“ Meg versuchte sich krampfhaft daran zu erinnern, wie viele Pflanzen er an ihrem Stand in Chelsea gekauft hatte, mit denen er seine Gespielinnen hatte beglücken wollen. Sie hatte nicht die Absicht, sich in diesen illustren Kreis einzureihen. Obwohl ihre Knie weich wurden, wann immer er sie auf diese tiefgründige, bedeutungsschwere Weise ansah …

„Ist das nicht ein kleines Wunder?“ Im Limonenhaus angekommen, atmete sie tief die warme, feuchte Luft ein, die gesättigt war vom schweren Duft tropischer Pflanzen.

„Als moderne Frau mit Umweltbewusstsein meinen Sie das doch sicher nicht ernst“, bemerkte Gianni spöttisch und folgte ihr ins Gebäude. „Diese Pflanzen in solch luxuriöser Umgebung zu halten, kostet eine Stange Geld. Klimatisierung ist nicht in Mode – speziell für Pflanzen nicht“, fügte er ernst hinzu.

„Mir ist durchaus bewusst, dass dies eine extravagante und altmodische Angelegenheit ist.“ Meg strich liebevoll über den bröckelnden Stein einer Säule. „Der Conte hat mich beauftragt, ihm eine ganze Reihe besonderer Treibhäuser zu errichten, um für seine Pflanzen ideale Bedingungen zu schaffen. Was bedeutet, ein computergesteuertes Klima zu haben. Er wollte die modernste Ausrüstung anschaffen und die neuesten Ideen umsetzen, um alles zu perfektionieren. Sein Besitz sollte ein gigantischer Schaukasten werden. Der Gedanke dahinter ist, diesen Teil des Val di Castelfino zu einer ungewöhnlichen Touristenattraktion mit internationaler Ausrichtung zu gestalten.“

„Hatte mein Vater noch nie etwas vom Klimawandel gehört?“, warf Gianni überheblich ein. „Ich bin überrascht, dass jemand, der so hoch qualifiziert ist wie Sie, ihm diesen Unsinn nicht ausgeredet hat. Mein Vater lebte ständig in der Vergangenheit. Eine gebildete Frau wie Sie müsste doch eingehend über die Schattenseiten informiert sein.“

Spar dir lieber deinen Kommentar, ermahnte sie sich, doch ihre Ehre stand auf dem Spiel. Erfolglos versuchte sie, Giannis eindringlichem Blick standzuhalten. „Meine Qualifikationen scheinen Sie nicht allzu sehr zu beeindrucken, Signore.“

Obgleich äußerlich ruhig, zitterte sie doch viel zu sehr, um weitersprechen zu können. Stattdessen hob sie nur abwartend die Brauen und lud ihn so zu weiteren Kommentaren ein.

„Je mehr Zeugnisse, desto weniger Ehrgeiz, sich die Hände schmutzig zu machen. Das ist meine Erfahrung. Ich hätte hier lieber jemanden gesehen, der sich von ganz unten hochgearbeitet hat, ähnlich wie ich.“

„Wären Sie auch ohne Ihren Namen so weit gekommen?“ Ein Anflug von Ironie schwang in Megs Stimme mit. Sie bereute ihren Ton sofort, doch Gianni schien es überhört zu haben.

„Aber natürlich! Das Weingut Castelfino ist mein Baby. Ich habe das Unternehmen konzipiert und verschiedene Preise gewonnen. Ich habe jeden Cent eigenhändig verdient – es gibt keine Arbeit, die ich nicht selbst verrichtet hätte. Mein Vater hat mir niemals auch nur einen einzigen Cent dazugeschossen. Nehmen Sie das bitte zur Kenntnis“, meinte er barsch.

„Ich habe nie mit dem verstorbenen Conte über Sie geredet, Gianni. Bis vor wenigen Stunden wusste ich doch nicht mal, dass Sie überhaupt mit ihm verwandt sind.“

Seine Augen verengten sich. „Wollen Sie damit andeuten, er hätte sich nie darüber beschwert, dass ich lieber in lohnende Projekte investiert hätte und nicht in seine Hobbys? Übrigens habe ich mir auch Ihre Arbeit genau angesehen. Und zwar alles – einschließlich der gefälschten Zahlen, mit denen die Buchhaltung gefüttert wurde. Wollen Sie abstreiten, wie sehr man sich zu vertuschen bemühte, welche Summen mein Vater verpulvert hat mit diesem … diesem …?“ Aufgebracht deutete er in Richtung der exotischen Orchideen.

„Es hatte alles seine Richtigkeit. Zur Bilanzprüfung lieferten die Finanzberater des verstorbenen Conte die korrekten Zahlen. Man hat Ihren Einspruch gegen sein Budget befürchtet, also wurde eine zweite Aufstellung gemacht. Wir wollten Ihnen einfach keine Sorgen bereiten, das ist alles.“ Herausfordernd hob Meg das Kinn an. Als ihre Blicke sich trafen, wurde ihr plötzlich bewusst, dass es kein Zurück mehr für sie gab. Gianni raubte ihr förmlich den Atem. Nun zauberte die Sonne einen bronzefarbenen Schimmer auf seine Haut. Dieser Mann machte sie einfach sprachlos.

„Ich hoffe sehr, Sie haben aus den Äußerungen meines Vaters nicht den Schluss gezogen, ich sei gemein und niederträchtig.“ Gianni schlug einen unverfänglichen Ton an. „Das Gegenteil ist der Fall: Ich kann der großzügigste Mensch sein, wenn die Umstände – und die Frauen – es erlauben.“ Seine Andeutung hing bedeutungsvoll in der Luft.

„Das ist mir bekannt. In London habe ich Sie mit meinen Blumen für Ihre Freundinnen versorgt, können Sie sich erinnern?“ Megs Atem ging schwer, und sie hatte Mühe, gefasst zu klingen. Ihr war leicht schwindelig. Giannis Nähe in diesem engen, sonnendurchfluteten Raum brachte sie völlig durcheinander. Der leichte Zitrusduft seines Aftershaves mischte sich frisch und klar in die Luft, die mit einem Geruch nach Rinde und Moos angereichert war. Ihre Haut prickelte. Instinktiv machte sie einen Schritt auf ihn zu, hungrig nach seiner Berührung.

„Dann ist Ihnen sicher klar, was ich als Nächstes sagen werde?“

Sie wusste, was sie hören wollte, schüttelte aber stumm den Kopf.

„Ich habe mir überlegt, dass ich mit diesen Gewächshäusern letztendlich ein großartiges Denkmal für meinen Vater setzen könnte. Sie haben gut daran getan, es vorzuschlagen – sehr clever und eine große Herausforderung. Es gibt bestimmt nicht viele Frauen, die sich mit diesem Grünzeug abgeben würden.“ Seine Stimme klang tief und einladend.

Meg stieß einen Seufzer aus. Sie betrachtete das Treibhaus ohnehin schon als das ihre, und nun strahlte es auch noch seine Magie aus. Es war wunderschön, doch sie konnte seiner Schönheit immer noch mehr hinzufügen. Meg war hingerissen, dass Gianni dies offensichtlich ebenfalls spürte.

Er betrachtete die wunderschöne Zusammenstellung hellbunter Blumen und deren filigranes Blattwerk. Jede Sekunde könnte sein faszinierender Blick wieder auf ihr ruhen … das jedenfalls wünschte sich Meg.

„Sie werden mich ein Vermögen kosten“, murmelte er, während sie vor Anspannung kaum Luft bekam.

„Das hängt davon ab, was Sie wünschen. Wir sind in der Toskana. Üppige Reife, so weit das Auge reicht“, bemerkte sie mit belegter Stimme.

„Alles hat seinen Preis.“

Meg unterdrückte einen Seufzer. „Quälen Sie alle Ihre Frauen so?“ Sie warf ihm einen wissenden Blick zu.

„Ich quäle doch niemanden. Ich beobachte lediglich. Die Kosten einer neuen Investition sind dabei von sekundärer Bedeutung. Frauen sind mir ein wesentlich ernsthafteres Anliegen. Wenn es um die Zukunft meiner Familie geht, steht sehr viel mehr als Geld auf dem Spiel. Ohne die Fähigkeit, sich mit Siegertypen zu verbinden, wären die Bellinis zum Scheitern verurteilt gewesen. Das war auch der Grund, warum mein Vater nach dem Tod meiner Mutter nicht wieder geheiratet hat. Gott sei Dank.“

Meg schwieg. Doch wie sie nervös an ihrer Kleidung zupfte, sagte mehr als alle Worte. Ihr wurde unerträglich heiß. Die Temperatur im Treibhaus war allerdings nicht der Grund dafür.

„Kann sein, dass es in Ihren Ohren brutal klingt, Meg, aber ich weiß, wovon ich rede. In Herzensdingen konnte mein Vater sich nicht auf sein Urteil verlassen.“

„Eine Sache hat Ihr Vater ganz bestimmt richtig verstanden“, sagte sie gelassen. „Er war stolz auf Sie, Gianni.“

Langsam wandte er ihr das Gesicht zu. In diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass sie ihm bereits jetzt hoffnungslos verfallen war. Er war der Mann ihrer Träume und doch eine verbotene Frucht. Dieser Job bedeutete ihr sehr viel, genauso wie ihrer Familie. Sie durfte beides nicht wegen einer dummen Schwäche für ihren Chef aufs Spiel setzen. Auch dann nicht, wenn dieser Chef der umwerfende Gianni war …

„Ich kann nur hoffen, dass das stimmt. Das wollte ich immer. Ich habe ihm zu Lebzeiten oft Sorgen bereitet, Megan. Das Mindeste, was ich jetzt für ihn tun kann, ist, seine Wünsche zu respektieren. Wollen wir hoffen, dass ich nie zwischen meinem Herzen und meinem Erbe zu wählen habe.“ Er zog eine bekümmerte Miene.

„Warum sollten Sie?“, fragte Meg unschuldig, nicht ahnend, worauf sie sich einließ.

„Es gibt eine Menge hiesiger ‚Prinzessinnen‘, die gern meine Frau werden möchten“, entgegnete er seufzend. „Die Familienplanung der Bellinis schreibt mir mehr oder weniger vor, eine von ihnen auszuwählen. Sie würde als meine offizielle Partnerin in einem meiner Stadthäuser wohnen und die Mutter meines Erben sein. Ein angenehmes Leben läge vor ihr. Doch diese Betrachtungsweise stammt aus dem Mittelalter! Heute ist alles anders. Eine Heirat ist nicht mehr nur eine Angelegenheit von Pflicht und Ehre. Eheverträge und wasserdichte Abkommen wollen jedes Stöckchen und jedes Steinchen in meinem Vermögen sichern – sollte es zu einer Scheidung kommen, die unvermeidlich sein wird.“

Meg war enttäuscht. Heirat bedeutete ihm offenbar nicht mehr, als einen Punkt auf einer Liste abzuhaken.

„Scheidung ist nicht unvermeidlich! Man sollte nur aus Liebe heiraten“, betonte sie mit fester Stimme, während sie zärtlich über das lange, ledrige Blatt einer Miltonia strich. „Heutzutage haben Frauen für gewöhnlich ihre eigene Karriere im Kopf. Die Ehe ist nicht ihr einziges Ziel. Und nicht alle sind besitzergreifende Parasiten.“

„Ich liebe Frauen. Verstehen Sie mich nicht falsch“, gab Gianni rasch zurück. „Es ist nur so, das mich diese italienischen Vollblutmodelle nicht interessieren.“

„Dann müssen Sie eben nach jemand anderem Ausschau halten.“

„Es gibt aber niemand anderen. Alle Frauen, die mir begegnen, sind nur auf mein Geld aus – glauben Sie mir.“

Meg konzentrierte sich gerade darauf, einen Orchideenkeim zu befestigen, und antwortete ohne nachzudenken: „Ich nicht.“

Gianni stieß einen tiefen Seufzer aus. „Das sagen Sie jetzt. Aber ich frage mich …“

Tiefes Bedauern klang aus seiner Stimme. Seine Bemerkung kam so von Herzen, dass Meg abrupt aufblickte. In diesem Moment verschwand jede Spur eines Lächelns aus seinem Gesicht. Er wirkte nun sehr ernst – und Megs wildeste, schamloseste Fantasien spiegelten sich in seinen Augen wider.

Sie holte tief Luft, konnte den Blick nicht abwenden – wollte es nicht einmal.

Und plötzlich fand sie sich in seinen Armen wieder.

3. KAPITEL

Sie küssten sich mit verzehrender Leidenschaft. Gianni hielt sie fest an sich gepresst. Meg schob die Hände in sein Haar, voller verzweifelter Sehnsucht. Wie oft hatte sie davon geträumt? Es war alles, was sie wollte, die Erfüllung ihrer Sehnsucht. Und es fühlte sich so richtig an … Trotzdem war es aus so vielen Gründen falsch. Eine Welle der Leidenschaft erfasste sie, und Meg brauchte einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen und sich zu sammeln.

„Nein! Gianni, halt!“

Abrupt ließ er sie los. „Warum? Was ist denn?“

„Nichts … nicht jetzt …“

„Ist schon in Ordnung.“ Er drückte sie wieder an sich, und sein leises Lachen weckte eine unstillbare Sehnsucht in ihr.

„Nein!“, rief sie, überzeugt, dass es nicht richtig war. „Haben Sie überhaupt keine Moral?“

„Nicht, wenn es um eine schöne Frau geht …“ Er drückte das Gesicht in ihr Haar und liebkoste es spielerisch.

Meg musste rasch handeln, gegen ihr Gefühl. In ihrer Fantasie war Gianni der unwiderstehlichste Mann der Welt. Nun merkte sie, wie es sich anfühlte, ihm nah zu sein. Fast war sie an einem Punkt angekommen, von wo es kein Zurück gab. Sie wehrte sich heftig gegen ihr Verlangen, drückte die Hände gegen seine Schultern und wand sich aus seinem Griff.

„Ach, wie konnte ich es vergessen? Selbstverständlich haben Sie keine Moral!“, konterte sie in dem Versuch, ihn zum Rückzug zu bewegen. „Sie sind schließlich Gianni Bellini, der Mann, dem die Frauen überall auf der Welt zu Füßen liegen, nicht wahr?“

Gianni konnte nichts erschrecken, schon gar nicht eine Frau, die halb so groß war wie er. Das Blut war ihm zu Kopf gestiegen, und er atmete schnell. Doch seinen festen Griff lockerte er nicht.

Dennoch spürte Meg, dass die Gefahr vorüber war. Das Lächeln kehrte auf sein Gesicht zurück. Aus Gründen, die sie nicht näher definieren konnte, spürte sie, dass sie erst einmal aufatmen konnte.

Inzwischen hatte sie begriffen, dass Gianni Bellini einen ausgeprägten Familiensinn besaß. Er war beileibe nicht der Typ Mann, der einen Skandal riskierte, indem er Zwang auf eine widerstrebende Mitarbeiterin ausübte, besonders nicht auf eine, die neu im Team war. Sie könnte sich ja direkt an die Medien wenden.

„Ich bin hergekommen, um auf Castelfino zu arbeiten, und nicht, damit Sie sich mit mir vergnügen“, erklärte sie nachdrücklich für den Fall, dass er es noch nicht begriffen hatte.

Gianni sagte nichts, ließ sie allerdings los und schob die Hände tief in seine Taschen.

„Ich nehme das als Einverständnis, Gianni.“

Er zögerte, ehe er antwortete. „Ein Einverständnis, an das sich keine der beiden Seiten gebunden zu fühlen braucht“, sagte er mit einer Spur schelmischen Humors in der Stimme.

Das raubte ihr den Atem. „Ihnen kann man wirklich nichts entgegensetzen, richtig?“

„So ist es. Das werden Sie auch bald von meinem Personal erfahren, Megan. Wenn es um die Arbeit geht, gilt nur mein Wort. Ich wollte einfach herausfinden, wie wichtig es Ihnen ist, diese Stelle zu behalten.“

Trotz des lockeren Tons glaubte Meg eine unheilvolle Andeutung herauszuhören. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt vor Unbehagen.

„Heißt das … dass Sie mich feuern werden, nach dem, was eben geschehen ist?“

Gianni sah aufrichtig schockiert aus. „Selbstverständlich nicht! Das wäre nicht rechtens. Und in höchstem Maß unmoralisch. Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Ich mag Ihr Arbeitgeber sein, doch das heißt noch lange nicht, dass ich gegen Ihren Willen etwas von Ihnen erzwingen darf. Was glauben Sie denn, wen Sie vor sich haben?“

Meg sah ihn zweifelnd an. In einer unschuldsvollen Geste hob Gianni die Hände. Und doch – vor einer Minute noch hatte er sie sehr eindeutig in Versuchung geführt.

Als sie nicht antwortete, schnalzte er missbilligend mit der Zunge. Dann streckte er die Hand aus und strich ihr eine widerspenstige Locke aus der Stirn.

„Ich lege Wert auf ein angenehmes Leben, Megan. Frauen eine Freude zu bereiten, ist mein größtes Vergnügen.“ Er zeichnete die Linie ihrer Augenbraue nach, machte kurz an der zarten Rundung ihrer Wange halt, bevor er die Hand mit sichtlichem Bedauern sinken ließ. „Erpressung und Schikane haben absolut keinen Platz in meinem Leben. Wenn Sie nicht mit mir schlafen wollen, ist das völlig in Ordnung. Ihr Problem, nicht meines.“

Er lächelte schief, um sein Bedauern zu unterstreichen. Meg war aufs Neue verloren. Verzweifelt wünschte sie sich zurück in seine Arme, konnte sich aber nicht rühren, weil sein eindringlicher Blick sie förmlich lähmte.

„Eigentlich bin ich hier, um Sie vorzuwarnen, dass die Köchin in friedlicher Absicht auf Sie zukommen wird. Sie erwartet, dass Sie die zweite Runde einläuten. Passen Sie also bitte auf, dass Sie Ihre sexuelle Frustration nicht an ihr auslassen, okay?“

Damit drehte Gianni Bellini sich um und schlenderte lässig davon.

In diesem Augenblick kam Meg eine erschreckende Erkenntnis.

Sie wollte mit Gianni Bellini schlafen. Sie wünschte es sich so sehr, wie sie sich noch nie im Leben etwas gewünscht hatte.

Von nun an spielte ihre aufregende Arbeit in dieser fremden Umgebung nur mehr die zweite Rolle. Die Gedanken an Gianni Bellini verschönten Meg die Tage und verfolgten sie in den Nächten. Seit diesem ersten Treffen war sie völlig verzaubert von ihm. In ihrer Fantasie war er der ideale Liebhaber.

Sie schaffte es nicht, sich aus seinem Bann zu befreien. Die Macht, die er über sie gewonnen hatte, nahm an Stärke zu, statt sich aufzulösen. Obwohl ihre Wege sich selten kreuzten, fühlte sich Meg wie im siebten Himmel. Immer und immer wieder musste sie an ihren ersten glühenden Kuss denken.

Was Gianni betraf, machte er keine Anstalten, dieses wundervolle Erlebnis zu wiederholen. Den größten Teil des Tages verbrachte er hinter verschlossenen Türen in seinem Büro. Meg dagegen war ständig draußen in den Gärten. So standen ihre Chancen, ihm zu begegnen, gleich null. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, nach ihm Ausschau zu halten, wann immer sich die Gelegenheit bot. Seine Worte ließen sie nicht los und schwirrten ihr durch den Kopf: Frauen eine Freude zu bereiten, ist mein größtes Vergnügen …

Ständig überlegte sie, was er damit wohl gemeint haben mochte. Er hatte sie beschuldigt, sexuell frustriert zu sein. Wenn überhaupt, dann doch nur seinetwegen. Meg hatte in ihrem Leben nur eine einzige feste Beziehung gehabt. Deshalb war sie in Sachen Liebe keine ausgesuchte Expertin. Bis zu ihrem ersten Zusammentreffen mit Gianni hatte sie nicht realisiert, wie viel ihr entgangen war. Er war es gewesen, der ihre Leidenschaft entfacht hatte. Nun wollte sie alles darüber herausfinden.

Gavin, ihr bisher einziger Freund, war zu schwerfällig, zu umständlich gewesen. Als Kumpel war er in Ordnung, doch er wollte Meg ständig in eine Richtung treiben, die sie nicht einschlagen wollte. Darüber hinaus hatte er versucht, jede Sekunde ihrer freien Zeit in Beschlag zu nehmen, während sie sich mit all ihrer Kraft ihrem Studium widmen wollte. Das hatte sie ihm übel genommen.

Ihre Eltern mussten sich sämtliche Fachkenntnisse mühsam aus gelebten Erfahrungen aneignen, daher wusste Meg um den Wert einer soliden Ausbildung. Außerdem hatte sie nicht das Bedürfnis, ihre Karriere durch eine ernsthafte Romanze zu gefährden. Jedenfalls war das bisher ihre Vorstellung gewesen …

Gianni Bellini war unverhofft in ihr Leben getreten und hatte ihre sorgfältig durchdachten Pläne über den Haufen geworfen. Er war ganz anders als die Männer, denen sie bisher begegnet war. Andauernd spukte er ihr im Kopf herum, zu Gesicht allerdings bekam sie ihn nur selten. Ein oder zwei Mal sah sie ihn den Zypressenweg entlanglaufen, vertieft in eine Unterhaltung am Handy.

Sie konnte ihn in Ruhe beobachten, weil er völlig auf das Gespräch konzentriert war. Das war sehr viel zufriedenstellender, als nur jene flüchtigen Blicke zu erhaschen, wenn er unterwegs war, um mit einem seiner Pächter oder leitenden Angestellten seinen Besitz zu inspizieren.

Die Abende schenkten Meg oft die größte Freude, bereiteten ihr aber auch die schrecklichsten Qualen. Ihr neues Zuhause lag nicht weit von der Auffahrt zum Herrenhaus entfernt. So war sie stets informiert, wenn Gianni abends wegging. Sein erschreckend schneller Ferrari kam richtig in Fahrt, wenn er am Gartenhaus vorbeisauste und beschleunigte.

Als sie das laute Röhren zum ersten Mal hörte, ließ sie vor Schreck fast ein Tablett mit frisch gebackenen Plätzchen fallen. Bald hatte sie sich daran gewöhnt.

Eine ganz andere Sache war es jedoch, wenn Gianni spätnachts zurückkehrte. Regelmäßig fand sie deshalb vor drei Uhr morgens keinen Schlaf. Müde schlüpfte sie dann aus dem Bett und schlich zum Fenster. Sie versteckte sich im Schatten und hoffte, einen Blick auf ihn zu erhaschen. Die Gelegenheit ergab sich, sobald er aus dem Wagen stieg, die Treppenstufen hinaufeilte und im Haupthaus verschwand. Bis jetzt waren ihre schlimmsten Befürchtungen noch nicht eingetreten. Angsterfüllt wartete Meg förmlich darauf, dass er eine Frau mitbrachte. Doch das passierte nie. Er kam immer allein zurück.

Meg könnte erleichtert sein, wäre da nicht noch eine Sache, die sie verwirrte. Bevor Gianni hinter dem Hauptportal verschwand, warf er regelmäßig einen vielsagenden Blick zurück auf ihr Schlafzimmerfenster. Selbstverständlich hielt sie sich im Hintergrund, um nicht entdeckt zu werden. Doch es nützte nichts. Sein letzter Blick, ehe er im Haus verschwand, galt immer ihr. Es kam ihr vor, als sähe er direkt in ihr Herz.

Irgendetwas hatte ihn wachsam werden lassen, obwohl er sie noch nie dabei erwischt hatte, wie sie ihm nachspionierte. Zumindest hatte er es mit keinem Wort erwähnt. Sie kannte Gianni inzwischen gut genug, um davon auszugehen, dass er eine solche Beobachtung niemals für sich behalten würde. Er hätte sie ganz sicher direkt zur Rede gestellt. Aber dazu kam es nicht. Umso besser. Denn die Konsequenz wäre, ihre nächtlichen Wachen aufzugeben. Und das würde sie – könnte sie – niemals tun.

Tagelang hatte Meg in quälender Ungewissheit verbracht. Sie überwachte die letzten Arbeiten bei der Errichtung der von ihr entworfenen Treibhäuser. Gianni hatte sich inzwischen nicht mehr bei ihr sehen lassen. Gerade als sie dabei war, die letzten Verfeinerungen in den Objektplan einzufügen, wurde sie vom Klingeln ihres Handys unterbrochen.

„Miss Imsey? Der Conte di Castelfino möchte Sie in seinem Büro sehen.“ Eine von Giannis persönlichen Assistentinnen war am anderen Ende.

Megs Herz klopfte wie wild. „Gut. Und wann?“

Eisige Stille. Vermutlich war es das erste Mal, dass jemand davon ausging, Gianni Bellini würde warten. Die Antwort war knapp und brachte es auf den Punkt.

Immediatamente! Am besten noch früher.“

Weiterer Aufforderungen bedurfte es nicht.

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