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Bright Side

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Montag, 22. August
  8. Kate
  9. Dienstag, 23. August
  10. Kate
  11. Mittwoch, 24. August
  12. Kate
  13. Donnerstag, 25. August
  14. Kate
  15. Freitag, 26. August
  16. Kate
  17. Samstag, 27. August
  18. Kate
  19. Sonntag, 28. August
  20. Kate
  21. Montag, 29. August
  22. Kate
  23. Dienstag, 30. August
  24. Keller
  25. Mittwoch, 31. August
  26. Kate
  27. Donnerstag, 1. September
  28. Kate
  29. Freitag, 2. September
  30. Kate
  31. Sonntag, 4. September
  32. Kate
  33. Montag, 5. September
  34. Kate
  35. Dienstag, 6. September
  36. Kate
  37. Mittwoch, 7. September
  38. Kate
  39. Donnerstag, 8. September
  40. Kate
  41. Freitag, 9. September
  42. Kate
  43. Samstag, 10. September
  44. Kate
  45. Sonntag, 11. September
  46. Kate
  47. Montag, 12. September
  48. Kate
  49. Dienstag, 13. September
  50. Kate
  51. Mittwoch, 14. September
  52. Kate
  53. Donnerstag, 15. September
  54. Kate
  55. Freitag, 16. September
  56. Kate
  57. Samstag, 17. September
  58. Kate
  59. Sonntag, 18. September
  60. Kate
  61. Montag, 19. September
  62. Kate
  63. Dienstag, 20. September
  64. Kate
  65. Mittwoch, 21. September
  66. Kate
  67. Sonntag, 25. September
  68. Kate
  69. Freitag, 7. Oktober
  70. Kate
  71. Samstag, 8. Oktober
  72. Kate
  73. Sonntag, 9. Oktober
  74. Kate
  75. Mittwoch, 12. Oktober
  76. Kate
  77. Donnerstag, 13. Oktober
  78. Kate
  79. Montag, 17. Oktober
  80. Kate
  81. Dienstag, 18. Oktober
  82. Kate
  83. Freitag, 21. Oktober
  84. Kate
  85. Montag, 24. Oktober
  86. Kate
  87. Freitag, 28. Oktober
  88. Kate
  89. Samstag, 29. Oktober
  90. Kate
  91. Keller
  92. Sonntag, 30. Oktober
  93. Keller
  94. Montag, 31. Oktober
  95. Kate
  96. Dienstag, 1. November – Mittwoch, 2. November
  97. Kate
  98. Freitag, 4. November
  99. Kate
  100. Sonntag, 6. November
  101. Keller
  102. Dienstag, 8. November
  103. Kate
  104. Donnerstag, 10. November
  105. Kate
  106. Freitag, 11. November
  107. Kate
  108. Keller
  109. Samstag, 12. November
  110. Keller
  111. Sonntag, 13. November
  112. Kate
  113. Montag, 14. November
  114. Keller
  115. Dienstag, 15. November
  116. Kate
  117. Mittwoch, 16. November
  118. Kate
  119. Freitag, 18. November
  120. Kate
  121. Samstag, 19. November
  122. Keller
  123. Montag, 21. November
  124. Kate
  125. Donnerstag, 24. November
  126. Kate
  127. Keller
  128. Sonntag, 27. November
  129. Kate
  130. Mittwoch, 30. November
  131. Kate
  132. Freitag, 2. Dezember
  133. Kate
  134. Donnerstag, 8. Dezember
  135. Kate
  136. Samstag, 10. Dezember
  137. Kate
  138. Sonntag, 11. Dezember
  139. Keller
  140. Montag, 12. Dezember
  141. Kate
  142. Donnerstag, 15. Dezember
  143. Kate
  144. Sonntag, 18. Dezember
  145. Keller
  146. Montag, 19. Dezember
  147. Keller
  148. Dienstag, 20. Dezember
  149. Keller
  150. Donnerstag, 22. Dezember
  151. Kate
  152. Sonntag, 25. Dezember
  153. Kate
  154. Mittwoch, 28. Dezember
  155. Kate
  156. Freitag, 30. Dezember
  157. Kate
  158. Samstag, 31. Dezember
  159. Kate
  160. Freitag, 13. Januar
  161. Kate
  162. Sonntag, 15. Januar
  163. Kate
  164. Montag, 16. Januar
  165. Kate
  166. Dienstag, 17. Januar
  167. Keller
  168. Mittwoch, 18. Januar
  169. Keller
  170. Donnerstag, 19. Januar
  171. Keller
  172. Freitag, 20. Januar
  173. Keller
  174. Sonntag, 22. Januar
  175. Keller
  176. Mittwoch, 25. Januar
  177. Keller
  178. Freitag, 27. Januar
  179. Keller
  180. Danksagung

Über dieses Buch

Jeder hat Geheimnisse. Manche können heilen. Andere können dich auch zerstören.

Kate Sedgwicks junges Leben war bisher alles andere als einfach. Sie musste eine Tragödie nach der anderen ertragen, doch trotz der Umstände blieb sie stets optimistisch und fröhlich. Kein Wunder, dass ihr bester Freund sie »Bright Side« nennt. Kate ist willensstark, lustig, klug und musisch talentiert. Gleichzeitig hat sie jedoch noch nie an die Liebe geglaubt. Und so ist das Letzte, was Kate erwartet, als sie aufs College geht, sich Hals über Kopf zu verlieben …

Sie fühlen es beide – und kämpfen doch dagegen an. Denn beide haben ein Geheimnis.

Und wenn Geheimnisse gelüftet werden, können sie heilen …

… oder auch zerstören.

Über die Autorin

Kim Holden lebt zusammen mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn in Denver, Colorado. Sie liebt das Lesen, Schreiben, Fahrradfahren, Eiskaffee und Musik. Mit ihrem Debütroman »Bright Side« eroberte sie in ihrer Heimat auf Anhieb ein riesen Publikum. Die Fortsetzung »Gus« wird ebenfalls bei beHEARTBEAT veröffentlicht.

Kim Holden

BRIGHT
SIDE

Ein Moment für immer

Aus dem Amerikanischen von Anita Nirschl

 

Für B., Debbie und Robin

Danke, dass ihr diese Charaktere ebenso sehr liebt wie ich.

Montag, 22. August

Kate

»Alles klar, Alter?«

»Ach, weißt du, ich bin grad ungefähr dreißig Stunden am Stück durchgefahren, hab seit – wie viel? – zwei, drei Tagen nicht geschlafen und ungefähr zwei Dutzend Red Bull und fünfzig Liter Kaffee intus. Also fit wie immer, schätze ich.«

Er lacht. »Alter, in dir fließt wahrscheinlich ein bisschen Trucker-Blut.«

»Für dich immer noch Mother Trucker.«

Er lacht wieder. »Das ist genial! Ich werd Bright Side in Rente schicken müssen und dich ab sofort nur noch Mother Trucker nennen.«

Bis jetzt läuft die Unterhaltung gut, ungezwungen, wie ich gehofft hatte. Denn so wie Gus und ich vor ein paar Tagen in San Diego auseinandergegangen sind, wusste ich nicht, was ich von seinem Anruf zu erwarten hatte.

Dann folgt das peinliche Schweigen.

Zwischen uns gab es noch nie peinliches Schweigen. Nicht in den gesamten neunzehn Jahren, seit ich ihn kenne.

»Also. Minnesota, hm?«

»Jepp.«

»Dann bist du bei Maddie?«

»Ja.«

»Wie läuft das so?«

»Es läuft.« Gott, das hier wird nicht besser. Er klingt beinahe gelangweilt, aber ich merke, dass er verdammt nervös ist. Ich wundere mich, warum ich noch nicht gehört habe, dass er sich eine Zigarette anzündet. Und genau in diesem Moment höre ich sein Feuerzeug klicken und das vertraute Geräusch dieses ersten langen Zugs. »Du solltest …«

Er fällt mir ins Wort. »Ich sollte besser auflegen, Bright Side. Ich bin grad bei Robbie angekommen, und wie’s aussieht, sind alle schon da für eine Bandprobe, und ich bin wie üblich zu spät dran. Sie warten schon auf mich.«

Ich bin enttäuscht, aber ich weiß, dass das Leben anderer Leute nicht anhalten oder auf Standby geschaltet werden kann, nur weil Kate es so will. Also setze ich mein bestes Lächeln auf und antworte: »Ja. Klar. Bist du morgen Abend erreichbar? Dann rufe ich dich da an.«

»Ich hab vor, morgen nach der Arbeit surfen zu gehen, aber ich bin erreichbar.« Sein Atem hat sich beruhigt, aber ich weiß, das kommt daher, dass er sich so stark auf diese Zigarette konzentriert und die Ruhe zusammen mit dem Rauch und dem Nikotin zurück in seinen Körper saugt.

»Okay. Ich liebe dich, Gus.« Wir sagen einander immer Ich liebe dich. Das haben wir schon immer getan. Er ist damit aufgewachsen, es alle fünf Minuten von seiner Mom zu hören, weil sie es so meinte. Das war ganz natürlich. Ich bin damit aufgewachsen, es von meiner Mutter nie zu hören. Nie, genau so, wie sie es meinte. Ihr war es mit der Gleichgültigkeit ernst. Ich spürte sie jeden Tag. Bis ins Mark. Ich schätze, deshalb habe ich es immer so gern von Gus und seiner Mom Audrey gehört. Es wäre komisch, eine Unterhaltung mit ihnen zu beenden, ohne es zu sagen.

»Liebe dich auch, Bright Side.”

»Bye.«

»Bye.«

Ich wohne bei Maddie. Maddie ist meine Tante, die viel jüngere Halbschwester meiner Mutter, von deren Existenz sie gar nichts wusste, bis sie sich vor drei Jahren bei der Beerdigung meines Großvaters (ihres gemeinsamen Vaters) begegneten. Mein Großvater hatte im Leben meiner Mutter größtenteils durch Abwesenheit geglänzt. Er ging fort, als sie zehn oder so war. Verschwand einfach und hatte anscheinend eine andere Familie und alles, dann kehrte er, ein paar Jahre bevor er starb, wieder in ihr Leben zurück. Ich bin ihm ein paarmal begegnet und mochte ihn. Ich konnte ihn nicht für das verurteilen, was er getan hatte. Ich wusste nicht, wie sein Leben gewesen war. Jedenfalls taucht Maddie auf der Beerdigung auf, und meine Mutter bekommt einen Anfall, als Maddie verkündet, dass sie ihre Halbschwester ist. Ich meine, meine Mutter hat lange darauf gewartet, meine Schwester Grace und mich zu bekommen. Gewartet ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Grace war ein Unfall, und ich war ein schwacher Versuch, einen Mann zu halten, der weder sie noch uns wollte. Sie war neununddreißig, als Grace geboren wurde, und vierzig, als ich kam. Maddie ist jetzt erst siebenundzwanzig, acht Jahre älter als ich, was bedeutet, dass meine Mutter zweiunddreißig Jahre älter war als Maddie. Ja, ihr könnt es euch ausrechnen; mein Grandpa war ein geiler alter Bock. Aber noch mal, es steht mir nicht zu, ihn zu verurteilen.

Also jedenfalls hab ich diese Tante, von der ich nicht wusste, dass es sie gibt, und die ich kaum kenne, bis auf dieses eine Mal, als sie uns eine Woche lang im Haus meiner Mutter in San Diego besucht hat. Das war vor zwei Jahren. Als ich also erfuhr, dass ich von Grant, einem kleinen College in einer winzigen Stadt gleichen Namens direkt außerhalb von Minneapolis angenommen worden war (und ein Stipendium bekommen hatte), rief ich Maddie an und fragte sie, ob ich eine Woche lang bei ihr übernachten könnte, bevor ich ins Studentenwohnheim ziehen und der Unterricht anfangen würde. Sie zögerte, als hätte ich sie um eine verdammte Niere gebeten, aber schließlich war sie einverstanden. Und jetzt bin ich hier in ihrem Gästezimmer, und das erst seit einer Stunde, aber schon komme ich mir vor wie ein Gast, der länger bleibt, als er willkommen ist.

Ich packe meinen Koffer aus und stelle meine Zahnbürste, Zahnpasta, Shampoo, Spülung und Rasierer in das riesige Gästebad. Maddie hat eine wirklich schöne Wohnung. Ich bin nicht sicher, wie hoch die Lebenshaltungskosten hier in Minneapolis sind, aber die Bude sieht teuer aus. Sie ist total schick. Ich weiß, dass manche Leute auf schick stehen – was immer einen glücklich macht –, aber für mich ist schick überbewertet. Schick sorgt dafür, dass ich mich nach einfach sehne. Schick verbirgt viel, während einfach unmissverständlich zeigt, was Sache ist, sodass jeder es sehen kann. Das lässt mich an die Wohnung denken, die ich in San Diego hatte, und daran, wie sehr sie mir fehlt. Es war eine umgebaute Garage, die ich von Mr. Yamashita, dem alten Gärtner meiner Mutter, gemietet hatte. Mr. Yamashita hatte ein kleines Bad eingebaut, damit er den Raum vermieten konnte. Die Küche bestand lediglich aus einem Minikühlschrank, einer Mikrowelle und einer Herdplatte, ohne Spüle. Das Geschirr spülte man im Bad. Die Wohnung war klein und eng und dunkel, außer man hatte das Garagentor auf, aber ich liebte sie. Sie war einfach. Sie war mein Zuhause. Meine Schwester Grace und ich zogen vor etwa einem Jahr ein. Wir waren auf der Suche nach einer Bleibe, und Mr. Yamashita, dieser freundliche alte Mann, machte uns ein Angebot mit so lächerlich billiger Miete, das ich nicht ausschlagen konnte. Grace und ich teilten uns ein Doppelbett und hatten einen kleinen Klapptisch und zwei Stühle, die als Wohnzimmer, Schreibtisch und Spieltisch dienten. Wir hatten nicht wirklich viel Platz, aber es war gemütlich. Die Wohnung lag einen Block vom Meer entfernt, aber an einer Straßenecke, von der aus man einen guten Blick aufs Wasser hatte. Jeden Abend, nachdem wir gegessen hatten und Grace gebadet hatte, machten wir das Garagentor auf und setzten uns auf die Bettkante, um der Sonne dabei zuzusehen, wie sie über dem Meer unterging. Und genau dann, wenn sie ins Wasser zu tauchen begann und sich das Orange am Horizont ausbreitete, nahm Grace jedes Mal meine Hand, hob unsere ineinander verschränkten Finger in die Luft und rief: »Showtime!« Und ich rief zustimmend: »Showtime!« Dann hielt sie meine Hand mit ihren beiden Händen auf ihrem Schoß fest, bis es stockdunkel war. Die Dunkelheit entlockte ihr eine fröhliche Runde Applaus. Und ich fiel mit ein. Dann sagte sie jedes Mal zu mir: »Das war der Beste, findest du nicht?« Ich stimmte ihr zu, und irgendwie meinte ich es immer ernst. Dann machte ich das Tor zu, schwang Grace’ Beine aufs Bett, und sie legte sich hin. Ich deckte sie zu, küsste sie auf die Stirn und sagte zu ihr: »Gute Nacht, Gracie. Ich liebe dich. Schlaf gut und träum süß.« Worauf sie antwortete: »Und lass dich nicht von den Wanzen beißen. Liebe dich auch, Kate.” Und dann küsste sie mich auf die Stirn. Das fehlt mir so sehr.

Nachdem ich alles für meinen sehr kurzfristigen Besuch an seinen Platz geräumt habe, schlendere ich hinaus und versuche mit Maddie zu reden, aber sie telefoniert. Also deute ich auf die Küche, wie um die Erlaubnis zu bekommen, etwas zu essen. Sie nickt abwesend, während sie geziert ins Handy kichert. Da muss ein Typ am anderen Ende sein. Frauen kichern nur so, wenn sie mit jemandem reden, mit dem sie Sex haben. Oder versuchen, Sex zu haben.

Ihre kleine Hündin Princess folgt mir auf Schritt und Tritt. Ich weiß nicht, was für eine Rasse sie ist, aber wenn man blinzelt, übersieht man sie, so winzig ist sie. Sie ist freundlich, und ich mag sie, aber ich muss mich immer wieder daran erinnern, aufzupassen, wo ich hintrete, damit ich sie nicht versehentlich wie eine Ameise zerquetsche.

Ich trotte in die Küche, dabei schlurfen meine Füße über die Fliesen, weil es inzwischen einfach zu verdammt anstrengend wäre, sie zu heben. Ich öffne Maddies Vorratsschrank und erbeute eine Packung Makkaroni mit Käse, die sich lediglich in Begleitung einer Dose Gemüsesuppe und eines Eiweißriegels befindet, der sich so hart anfühlt, dass er sicher schon vor der letzten Jahrhundertwende abgelaufen ist.

Ich finde einen Topf und setze Wasser auf, um die Makkaroni zu kochen, dabei versuche ich, Maddies Unterhaltung im Nebenzimmer auszublenden, indem ich vor mich hinsumme. Ich wünschte, ich hätte meinen iPod hier, aber der ist im Schlafzimmer, das etwa zwanzig Schritte weit weg ist, und ich befürchte, wenn ich diese Anstrengung auf mich nehme, wird der Anblick dieses herrlichen, verlockenden Bettes mich ködern. Und ich muss wirklich was essen. Das letzte Mal, dass ich was gegessen hab, war vor einigen Staaten, in Nebraska, glaube ich.

Maddie hört auf zu telefonieren, als ich gerade die Nudeln einrühre und das Päckchen mit Käsepulver aufreiße. Sie schlendert in die Küche. »Hast du Hunger?«, frage ich.

Sie zuckt mit den Schultern. »Denk schon.«

Wir essen schweigend, bis auf ihre Beschwerde darüber, wie viel Fett in diesen Käsemakkaroni steckt und wie furchtbar sie schmecken. Obwohl mir auffällt, dass sie ihre Hälfte der Packung im Nullkommanix wegputzt und praktisch den Teller sauber leckt. Ich für meinen Teil fand es ziemlich lecker; bei Makkaroni mit Käse kann man nichts falsch machen.

Ich habe bis zum Ende der Mahlzeit darauf gewartet, dass sie sich als gute Gastgeberin erweist und eine richtige Unterhaltung oder auch nur Smalltalk in Gang bringt, aber als sie es nicht tut, verstehe ich das als Aufforderung, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. »Also, Maddie, wohnst du schon lange hier? Das ist eine tolle Wohnung.«

»Ich bin jetzt seit etwas über einem Jahr hier. Sie ist ganz in Ordnung.« Sie klingt gelangweilt, als wäre reden einfach zu viel Arbeit.

»Ganz in Ordnung? Himmel, sie ist großartig! Ein Hochhaus am Stadtrand. Die Gegend sieht ziemlich hip aus, wenn man reinfährt, viele Restaurants und Geschäfte. Dieses Gebäude hat eine Tiefgarage und Security und ein Fitnessstudio und einen Pool. Du hast es geschafft, Maddie.«

Sie zuckt mit den Schultern. »Fürs Erste genügt es. Ich sehe mich nach einer anderen Wohnung um. In einer schöneren Gegend. Mit mehr Annehmlichkeiten. Mehr Quadratmeter. Aber ich hab gerade erst einen Mietvertrag für weitere sechs Monate unterschrieben, aus dem ich wohl nicht rauskomme.« Sie schmollt.

Ich nicke. Fürs Erste genügt es? Herrgott, ich versuche hier wirklich, mir ein Urteil zu verkneifen, aber je länger ich mit ihr zusammen bin, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Ich meine, es liegt in der menschlichen Natur, Leere zu füllen, und die Liste der Füllmöglichkeiten ist lang, manche davon gut, manche schlecht. Mir drängt sich das Gefühl auf, dass Maddie sich mit Zeug, Geld, materiellen Dingen therapiert. Und das so weit, dass sie ständig nach mehr sucht und dabei übersieht, einfach für das dankbar zu sein, was sie hat. Das ist traurig. Gier ist wie in diesem Kindergedicht über die Spinne und die Fliege. Gier, Geld, Überfluss, das ist die Spinne. Und Maddie scheint eine verdammt gute Fliege zu sein. Ich versuche, sie von ihrer Negativität abzulenken. »Also, wie läuft die Arbeit? Anwältin, richtig?« Ihr einziger Besuch vor zwei Jahren ist so lange her, dass ich tief in meinem erschöpften Verstand krame, um zu versuchen, irgendwelche Erinnerungen zutage zu fördern.

»Ja. Rosenstein & Barclay. Downtown Minneapolis.«

»Schön.« Schätze, es bleibt an mir hängen, das hier in Gang zu halten. »Also, durch deine Arbeit bist du sicher ziemlich beschäftigt, aber hast du irgendwelche Hobbys? Was machst du gern in deiner Freizeit?«

Das lässt sie munter werden, als hätte ich endlich etwas angesprochen, das sie interessiert. »Ich gehe gern shoppen, lasse mir die Nägel und die Haare machen, ein paarmal in der Woche gehe ich ins Bräunungsstudio.« Sie mustert mich von oben bis unten, während sie ihre Liste herunterrattert. Sie merkt eindeutig, dass wir nichts gemeinsam haben, als sie mein zu einem unordentlichen Knoten hochgebundenes Haar, die abgekauten Nägel, meine Jogginghose und das vom häufigen Tragen und Waschen dünn gewordene Bandshirt von Manchester Orchestra registriert. Ich bin gebräunt, aber nicht von einem Bräunungsstudio, sondern nur vom Draußensein, und ich bin mir sicher, sie weiß das. »Oh, und ich muss einfach jeden Morgen Sport machen.« Wie sie muss betont, ist ein bisschen verstörend.

»Also, trainierst du im Fitnessraum unten neben der Eingangshalle? Ich hab einen Blick reingeworfen, als ich raufgekommen bin. Sieht gut aus. Vielleicht schwinge ich mich morgen auf eins der Laufbänder.«

Sie schnappt nach Luft, als hätte ich sie gerade gebeten, in ein Stück Scheiße zu beißen. »Oh Gott, nein. Der Laden ist ätzend. Ich trainiere in einem Fitnessstudio in der Nähe meines Büros: dem Minneapolis Club.«

Natürlich, würde ich am liebsten sagen, aber ich nicke nur, bis der Drang vorübergeht. »Na, das hört sich doch super an, Maddie.« Ich schiebe meinen Stuhl zurück und nehme mein Geschirr. »Schätze, ich geh dann mal ins Bett. Danke für die Makkaroni mit Käse. Morgen kaufe ich ein paar Sachen ein; aber jetzt bin ich einfach erledigt.«

»Kannst du mir fettfreien Blaubeerjogurt mitbringen?«, fragt sie, während ich mein Geschirr und den Topf in den Geschirrspüler stelle. Einen waschechten Geschirrspüler.

Ich bin so verliebt in das Gerät, dass ich sie beinahe nicht höre, und muss gegen den Drang ankämpfen, auf die Knie zu fallen und es zu küssen, es anzubeten. »Klar doch. Hey, hast du eine Kaffeemaschine? Meine hat den Umzug nicht überlebt, und ich bin praktisch kaffeesüchtig.«

Ich kann das »Hmpf!« aus dem Nebenzimmer hören und bekomme den deutlichen Eindruck, dass ich sie irgendwie beleidigt habe. Als ich auf meinem Weg ins Schlafzimmer, wo ich für gut siebzehn bis achtzehn Stunden ins Koma zu fallen gedenke, an ihr vorbeikomme, schüttelt sie den Kopf und sieht mich an, als hätte ich ein drittes Auge auf der Stirn. »Wozu sollte ich eine Kaffeemaschine haben? Gleich nebenan ist ein Starbucks.«

»Oh, richtig, natürlich.« Schätze, so läuft das eben bei Anwälten. Ich nicke und mache mir im Geiste eine Notiz, morgen eine Kaffeemaschine zu besorgen, wenn ich einkaufen gehe. »Gute Nacht, Maddie.«

»Gute Nacht? Du gehst doch nicht wirklich schon ins Bett, oder? Es ist erst fünf.« Sie hat die Hände in die Hüften gestemmt. »Ich dachte, wir könnten heute Abend ausgehen und ein paar Drinks genießen.«

»Das müssen wir leider verschieben, meine Liebe. Aber morgen Abend wäre toll. Denn weißt du, in meiner Welt hätte Gute Nacht schon gestern sein sollen, aber das hab ich ausfallen lassen, weil ich so mit Koffein vollgepumpt war, darum muss ich das Gute Nacht von gestern und das von heute zusammenlegen. Jetzt gleich. Wir sehen uns morgen.«

Dienstag, 23. August

Kate

Ich wache um 10:37 Uhr auf, und verdammt, ich fühle mich wie im Urlaub. Schlaf nachholen zu können ist ein Luxus, den ich erst seit Kurzem genieße. Das Konzept war mir während der letzten …, ach ich weiß nicht, mein ganzes Leben lang fremd.

Maddie muss bei der Arbeit sein, also hole ich meinen Laptop raus und google nach einem Lebensmittelladen in der Nähe. Da gibt es einen, der zu Fuß zu erreichen ist. Ich nehme den Fahrstuhl runter zum Fitnessraum und laufe dreißig Minuten, dann dusche ich, schnappe mir Geldbörse und Handy und mache mich auf den Weg zum Lebensmittelladen. Als ich aus dem Gebäude trete, ertappe ich mich dabei, dass ich vom Starbucks nebenan angezogen werde wie eine Motte vom Licht. Ich mag solche Schickimicki-Kaffeeläden eigentlich nicht. Ich mag kleine familiäre lokale Cafés. Aber ich bin schon durch die Tür, und meine Adern vibrieren regelrecht vor Vorfreude. Ich bestelle einen großen schwarzen Kaffee, und ich weiß, das nervt die, weil ich in eingebildetem Kaffeesprech bestellen soll, aber es ist Ewigkeiten her, dass ich in einem kommerziellen Coffeeshop war, und ich brauche dringend meinen Kaffee. Ich hab keine Zeit, das riesige Menü aufgemotzter Getränke zu studieren, um den Jargon so hinzukriegen, wie sie es mögen.

Ich bekomme die übliche Litanei an Fragen. »Milch, laktosefreie Milch, Sojamilch?«

»Nein, danke.«

»Flavor-Shot?«

»Nö, schwarz ist perfekt.« Ich wippe vor Erwartung auf den Zehenspitzen. Und als die Barista mir den Kaffee reicht, würde ich am liebsten sagen: Komm zu Mama, aber was ich stattdessen sage, ist: »Vielen Dank«, mit extra Betonung auf Vielen.

Dann suche ich den Lebensmittelladen und kaufe so viel, wie ich zurück zur Wohnung tragen kann. Wie es das Schicksal will, haben sie auch eine kleine Kaffeemaschine für zwei Tassen, die ich im Angebot für fünfzehn Dollar ergattere. Auf dem Rückweg halte ich die Tüte mit Einkäufen in der einen Hand und umklammere mit der anderen die Kaffeemaschine, als wäre sie der verdammte Heilige Gral.

Wieder in Maddies Wohnung beschließe ich, ein wenig zu putzen. Ich nehme an, dass sie viel arbeitet, weil es hier verdammt schmutzig ist. Ich bin nicht gerade eine Sauberfrau, aber ich denke, ihr zu helfen ist das Mindeste, was ich tun kann. Ich sauge und putze die Küche und die Badezimmer bis gegen 17:00 Uhr, als sie nach Hause kommt.

Um 17:15 Uhr verkündet sie, dass sie am Verhungern ist und den ganzen Tag nichts gegessen hat und dass ich unbedingt den Sushi-Laden die Straße runter probieren muss. Ich bin eigentlich kein großer Sushi-Fan – was, wie ich weiß, in gewissen Kreisen ein Sakrileg ist –, und außerdem bin ich Vegetarierin. Das allein reduziert meine Möglichkeiten, und wenn man noch meine Abneigung gegen Reis dazunimmt, bleibt mir nicht viel Auswahl. Natürlich will ich nicht unhöflich sein, weil ich ihr Gast bin, also sage ich: »Hört sich gut an, lass uns gehen.«

Das Restaurant ist rappelvoll, aber sie kennt den Oberkellner mit Namen, und wir bekommen schnell einen Tisch.

»Kommst du oft hierher?«, frage ich beeindruckt von dem raschen Service.

»Nein, nur ungefähr zweimal pro Woche.«

Ich nicke. Langsam gewöhne ich mich daran, einfach zu nicken, um den Schock über ihren Lebensstil zu überwinden. Ich schätze, ich sollte nicht schockiert sein, da meine Mutter ihr ganzes Leben lang so gelebt hat, und schließlich waren sie Schwestern. Vielleicht ist anspruchsvoll zu sein genetisch bedingt oder so was. Wenn das der Fall ist, hat es mich und Grace definitiv übersprungen.

Als ich anfange, die Speisekarte nach etwas Essbarem zu durchforsten, wird mir bewusst, dass Maddie eine Runde Martinis bestellt. Meine Augen weiten sich, aber ihre sind bereits auf die Speisekarte geheftet. »Was magst du?«, fragt sie, ohne hochzublicken.

Ich beuge mich über den Tisch. »Maddie, ich bin erst neunzehn«, flüstere ich. »Ich darf noch nichts trinken, Alter.« Es ist nicht so, dass ich keinen Alkohol trinke, aber heute Abend ist mir nicht danach. Und ich hab keinen gefälschten Ausweis, falls unser Kellner beschließt, mein Alter zu kontrollieren, wenn er zurückkommt.

Sie wimmelt mich mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. »Ich komm hier andauernd her.«

Ist das eine Art Erklärung? Ich zucke mit den Schultern und ziehe die Augenbrauen hoch. »Okay.« Ich werde ihr meinen Drink anbieten, wenn er kommt. Irgendetwas sagt mir, dass sie ihn nicht ablehnen wird.

»Also, zurück zum Essen. Was hört sich gut an?« Schon allein vom Lesen der Speisekarte wirkt sie fast berauscht. Als würde es sie high machen.

»Ähm, ja, also, ich bin Vegetarierin. Welche Möglichkeiten hab ich da?« Mein Blick fliegt fieberhaft über die Speisekarte auf der Suche nach irgendetwas mit Gemüse.

Wieder macht sie eine wegwerfende Handbewegung, als der Kellner mit unseren Drinks zurückkommt. »Ich bestelle für uns beide.«

Das Essen kommt, und als der Kellner damit fertig ist, alles auf den Tisch zu stellen, bin ich sprachlos.

Mehrere lange Platten voll mit bunten Röllchen, weißem und leuchtend rosafarbenem Fisch und Bergen von Wasabi bedecken die ganze Tischplatte. »Maddie, ich glaube, da ist was schiefgelaufen. Das ist eine Menge Essen.«

»Nein, das ist alles für uns.«

Ich runzle die Stirn. »Aber das sind sechs Platten, und wir sind nur zu zweit.«

Sie zuckt mit den Schultern und sieht mich an, als würde ich Japanisch sprechen. »Sushi macht nicht besonders satt. Außerdem möchte man schließlich etwas Auswahl haben. Probier ein bisschen was von allem.«

Ich nicke zum wahrscheinlich hundertsten Mal. »Ähm, okay. Also gut, Maddie, zeig mir, was davon fleischfrei ist, weil für mich sieht das alles gleich aus.«

Sie lacht, als hätte ich gerade etwas Kindisches gesagt. »Ich glaube, mit diesen zwei Platten bist du auf der sicheren Seite.«

»Glaubst du das, oder weißt du das? Hier stehen nämlich meine Eingeweide auf dem Spiel.« Ich hab das Gefühl, dass ich deutlich werden muss, um meinen Standpunkt klarzumachen.

Sie rümpft die Nase. »Kate, das ist eklig

»Tut mir leid. Ich sag’s nur, wie’s ist. Dieser Körper hier merkt den Unterschied, und er wird alles ziemlich schnell wieder los, wenn es kein Zurück mehr gibt.«

Ihre Nase ist immer noch gerümpft. »Iss einfach nur von diesen zwei Platten, dann ist alles okay.«

Ich vertraue ihrem Rat etwa zu dreißig Prozent, und leider riecht alles auf dem Tisch nach Fisch, weil einfach haufenweise davon vor mir steht. Ich beschließe, ihr zu vertrauen, und nehme einen Bissen. Er schmeckt komisch, aber ich kann nicht sagen, was davon Reis und was vielleicht Fisch sein könnte. So oder so muss ich bei jedem Bissen meinen Würgereflex unterdrücken. Ich esse drei Stück und spüle jeden Bissen mit Wasser herunter.

Maddie verdrückt beide Martinis und eine beeindruckende Menge Sushi, und dann lehnt sie ab, als man uns anbietet, uns das restliche Essen auf dem Tisch zum Mitnehmen einzupacken. Ich mache keine Witze: Wenn das Zeug nicht so beschissen schmecken würde, könnte ich mich von dem, was sie zurückgehen lässt, noch mehrere Tage ernähren.

Als die Rechnung kommt, greift sie nach ihrer Handtasche, dann schlägt sie sich geziert mit der Hand an die Stirn. Sie hat einen Hang zum Dramatischen. »Ach du meine Güte, ich muss meine Geldbörse in der Wohnung liegen lassen haben.« Mit schmeichelndem Blick sieht sie zu mir hoch, und es wird offensichtlich, dass wir uns die Rechnung nicht teilen werden.

»Kein Problem, ich übernehme das«, sage ich. Ich meine, schließlich bin ich ihr Gast. Das ist das Mindeste, was ich dafür tun kann, dass sie mich ein paar Tage lang bei sich wohnen lässt.

Sie schiebt die Rechnung über den Tisch, und ich mache mir fast in die Hose, weil sie hundertdreiundsiebzig Dollar beträgt! Ich hab nur fünfzig Mäuse in der Tasche, also zahle ich mit meiner einzigen Kreditkarte. Der, die ich mir nur für Notfälle aufhebe, was bedeutet, dass ich versuche, sie nie zu benutzen. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde ich mein Erstgeborenes opfern, als ich dem Kellner meine Karte überlasse. Ich bin ziemlich sparsam mit meinem Geld, nicht weil ich ein Pfennigfuchser wäre, sondern weil ich jeden Monat Rechnungen zu bezahlen habe. Und das nehme ich ernst. Ich lege immer ein bisschen Geld beiseite, um etwas Spaß zu haben oder jemandem auszuhelfen, aber diesen ganzen Batzen habe ich gerade für ein einziges Abendessen verbraten. Das ist okay, sage ich mir, und als der Kellner zurückkommt, habe ich mich mit der Tatsache abgefunden, dass das hier eine lehrreiche Erfahrung war, über die ich später irgendwann wahrscheinlich lachen werde.

Maddie geht kurz auf die Toilette, während ich die Kreditkartenquittung unterschreibe. Als sie zurückkommt, fängt mein Bauch an zu rumoren. Es ist ein tiefes, unheilvolles Grummeln, das von einem Zeitpunkt in der nahen Zukunft kündet, an dem er mich für das bezahlen lassen wird, womit auch immer ich ihn gerade gefüttert habe.

Wir rasen zurück zur Wohnung, und ich schaffe es ungefähr eine halbe Sekunde, bevor die Sache in die Hose geht, gerade noch aufs Klo. Der Höhepunkt meiner Sushi-Erfahrung ist heftig und explosiv.

Nachdem ich von meinem Darm gründlich gemaßregelt wurde, beschließe ich, einfach in meinem Schlafzimmer ein bisschen zu chillen und zu lesen. Gegen halb zehn fange ich an, alle fünf Minuten auf die Uhr zu sehen. Um zehn tigere ich im Zimmer hin und her. Und um halb elf habe ich fast einen Pfad in den Teppich getrampelt, und meine Handfläche ist schweißnass von dem Todesgriff, mit dem ich mein Handy umklammere. Ich starre es bereits seit gut fünfzehn Minuten an. Es ist immer noch früh in Kalifornien. Ich sage mir, dass er wahrscheinlich am Strand ist. Aber was ist, wenn er zu Hause ist und mir einfach aus dem Weg geht, weil die Unterhaltung gestern Abend so unangenehm war? Ach, Scheiße, ruf ihn einfach an und bring’s hinter dich, sonst frisst es dich noch auf. Ich scrolle durch die Kontakte auf meinem Handy und tippe auf seinen Namen. Sein Gesicht erscheint auf dem Display mit seinem langen, von der Sonne zu einer Million Blondtönen gebleichten Haar, das ihm über ein Auge hängt. Er lacht, aber das Auge, das sichtbar ist, sieht aus, als würde es mich direkt anfunkeln. Jedes Mal, wenn ich seine Nummer wähle, sehe ich dieses Foto ein paar Sekunden lang an, bevor ich das Handy ans Ohr halte, weil es dann so ist, als würde er mich auf seine alberne Weise schon begrüßen, bevor ich ihn überhaupt rangehen höre. Ich lächle, und das entspannt mich. Das Handy klingelt vier Mal, und ich warte auf die Begrüßung der Sprachbox nach dem fünften Klingeln. Aber dann hebt er ab.

Er keucht, als wäre er außer Atem. »Gus’ Feuerwache, wo brennt’s? Wir löschen!«

»Hey! Ja, Alter, wo brennt’s denn?«

Er holt ein paarmal tief Luft. »Sorry, hab grad mein Board auf den Truck geladen und konnte das Handy klingeln hören, aber die verdammte Tür war zugesperrt und …«

»Ich dachte, die Schlösser sind kaputt.«

»Waren sie auch. Jetzt sind sie’s nicht mehr, schätze ich. Keine Ahnung, was zum Geier da los ist. Die Elektrik ist im Arsch.«

»Vielleicht solltest du dir einen neuen Truck kaufen?«, schlage ich vor, aber nur weil ich weiß, dass das eine Diskussion auslösen wird.

»Warum sollte ich das wollen?«, spielt er den Beleidigten. Wir machen das mindestens einmal pro Woche.

»Ach, ich weiß nicht, vielleicht weil dein Truck von 1989 ist. Oder vielleicht weil er fast fünfhunderttausend Kilometer auf dem Buckel hat. Oder vielleicht weil irgendwas immer kaputt ist.« Ich wäre am Boden zerstört, wenn er ihn loswerden würde. Ich liebe diesen Pick-up-Truck, hauptsächlich weil er ein Haufen Schrott ist. Aber Gus empfindet einen solchen Beschützerinstinkt für ihn, dass es Spaß macht, ihn damit aufzuziehen.

»Alter, der wird gerade erst eingefahren. Er hat Charakter.« Wie er ihn verteidigt, ist spektakulär.

Ich lache. »Ich weiß. Ich liebe deinen Truck und seinen kaputten Charakter.« Dann werde ich wieder ernst. »Wie waren die Wellen heute?«

»Scheiße. Es war furchtbar viel los, und ich glaub, jeder Tourist hat sich ausgerechnet den heutigen Tag ausgesucht, um sich ein Brett auszuleihen und zu versuchen, die Wellen zu erobern. Es war das komplette Chaos. Warum glauben die Leute, nur weil sie ein- oder zweimal einen Surffilm gesehen haben, dass sie irgendwie qualifiziert sind, sich ein Brett auszuleihen und zu versuchen, uns da draußen verdammt noch mal umzubringen? Ich meine, Bullenreiten sah auch nach ’ner Menge Spaß aus, als ich das mal mit sechs bei einem Rodeo gesehen hab, aber ich würd mich nicht selber auf einen schwingen. Es gibt eine gewisse Etikette, weißt du? Es gibt Regeln.«

»Ja.«

»Jedenfalls, wie war Minnesota Tag zwei?«

»Na ja, Maddie und ich hatten heute Abend Sushi.«

»Sushi? Du hasst Sushi«, sagt er wissend. Es gefällt mir sehr, dass es da draußen jemanden gibt, der alles über mich weiß.

»Ja, nun, Sushi mag mich auch nicht besonders. Ich glaub, Maddie war ein bisschen verwirrt, was fischfrei war und was nicht.«

»Alter, nicht den Fleisch-Durchfall?« Er klingt besorgt, aber da ist auch Belustigung in seiner Stimme. Gus isst auch seit Jahren kein Fleisch mehr, und er weiß, dass schon ein einziger Bissen die Verdauung gewaltig durcheinanderbringen kann.

»Jepp. Das war heftig.«

»Oh Mann, das ist übel. Tut mir leid.« Aber er lacht dieses tiefe Lachen aus dem Bauch heraus, das ich liebe.

»Du findest das nur komisch, weil du nicht derjenige warst, der sich vor einer Tante, die er kaum kennt, beinahe in die Hose geschissen hätte.« Ich lache auch, erleichtert, dass das hier heute Abend eine normale Unterhaltung ist und nicht wie die von gestern.

Er lacht noch heftiger, dann holt er tief Luft, um sich wieder zu beruhigen. »Sorry, Bright Side. Oh, das hab ich heut gebraucht.«

Nachdem ihm noch ein paar kleine Gluckser entschlüpfen, ist es still. Und damit schleicht sich die Nervosität wieder bei mir ein. »Gus?« Ich versuche, sie zu verbergen, aber meine Stimme verrät mich.

»Ja.« Er spricht es langgezogen und gedehnt aus, als wüsste er, was jetzt kommt.

»Können wir einfach mal eine Minute lang ehrlich zueinander sein? Es … ist passiert. Wir können es nicht einfach so totschweigen. Wir müssen darüber reden.«

Er stößt hörbar den Atem aus. »Einverstanden.«

Es folgt eine Pause, die scheinbar keiner von uns beiden unterbrechen will, bis Gus schließlich anfängt. »Hör mal, ich weiß, wir waren betrunken, und es ist wie ein Riesenklischee, aber es ist einfach passiert. Ich meine, ich hatte nicht den grandiosen Plan, dich abzufüllen und mir zu Willen zu machen.«

Will er das hier etwa geringschätzig herunterspielen? Denn wir müssen wirklich darüber reden. »Ich war nicht betrunken. Ich hatte zwei Gläser Wein in ungefähr vier Stunden. Und ich weiß, dass du auch nicht viel mehr hattest als ich. Bist du sauer auf mich? Ich will nicht, dass es zwischen uns irgendwie komisch wird. Ich hatte das nämlich auch nicht geplant, weißt du.«

»Ja, ich weiß.« Seine Stimme klingt wieder ernst.

Einige Augenblicke lang ist es still. »Bist du noch dran?«, frage ich.

»Ja.«

»Also was passiert jetzt? Denn ich glaube nicht, dass es eine Gebrauchsanweisung gibt, wie man mit so was umgeht.« Meine Stimme ist ruhig, aber innerlich bin ich völlig aufgewühlt, was mir ganz und gar nicht gefällt. Normalerweise lasse ich mich nicht aus der Ruhe bringen. Das kann ich mir nicht leisten. So hab ich mich schon ein paar Monate lang nicht mehr gefühlt.

Und dann fragt er leise: »Bereust du es?« Er klingt beinahe schüchtern.

Ich stoße den angehaltenen Atem aus, und mit ihm etwas von meiner Nervosität. »Das fragst du allen Ernstes mich? Gus. Du kennst mich. Das ist praktisch mein Motto: nichts bereuen. Etwas zu bereuen führt nur zu Zweifeln und Wut und Traurigkeit, und ich kann mir ganz sicher nichts davon leisten.«

»Ja.«

Wieder ist es einige Augenblicke lang still, und ich warte darauf, dass er noch mehr sagt, aber Gus ist immer still, wenn er über etwas nachdenkt, also lasse ich ihm Zeit.

Als ich es nicht länger aushalte, frage ich: »Bereust du es?«

Er schnaubt, und ich kann nicht sagen, ob es ein verärgertes Schnauben oder etwas anderes ist. Aber als die Worte kommen, weiß ich, dass er belustigt ist. »Bright Side, ich bin ein einundzwanzig Jahre alter verdammter Kerl. Es war Sex. Was denkst du denn?«

Da hat er nicht ganz unrecht, aber ich will Antworten von ihm. Nicht weitere Fragen. »Aber es war Sex mit mir

»Wart mal kurz.« Ich höre das Klicken seines Feuerzeugs und ein tiefes Inhalieren, als er den ersten Zug von seiner Zigarette nimmt.

»Du solltest aufhören«, nörgle ich leise. Es ist eine Angewohnheit von mir, ihn wegen des Rauchens anzumeckern, und obwohl ich ihn weder sehen noch den Tabak riechen kann, muss ich es ihm sagen.

Er nimmt einen weiteren tiefen Zug, und ich höre, wie er den Rauch ausstößt. »Ich weiß, fang jetzt nicht damit an.« Unvermittelt klingt seine Stimme traurig. Also höre ich auf und lasse ihn seine Zigarette fertigrauchen, weil Rauchen ihn immer beruhigt, ein bisschen wie Geige spielen mich früher beruhigt hat. Also gestatte ich ihm sein Laster.

»Tut mir leid«, entschuldigt er sich. »Ich weiß nicht, es war mit dir, aber es war … Ich meine, was vor ein paar Tagen passiert ist, war … Ich weiß nicht …«

Ich sage nichts, weil ich weiß, dass er sich da durcharbeitet. Die richtigen Worte zu finden ist wichtig für ihn. Er ist ein Songwriter, und er ist emotional, und er will es richtig ausdrücken. So war es schon immer bei Gus. Er ist ein mitteilsamer Mensch. Er redet nicht einfach nur, um zu reden. Also warte ich. Ich war schon immer ziemlich geduldig.

»Kann ich einfach kurz mit dir reden, als wärst du ein Kerl? Ich meine, als wärst du nicht dabei gewesen, weißt du, nicht an dem beteiligt, was passiert ist?« Das ist jetzt der ruhige, vernünftige, ehrliche Gus am anderen Ende der Leitung. Mein Gus.

»Du kannst immer mit mir reden, aber okay, wenn dir das hilft, wie du meinst.«

»Diese Nacht war, ich weiß nicht, sie war verdammt noch mal unglaublich.« Seine Stimme ist jetzt lebhaft, so wie sie ist, wenn er mir gerade zum ersten Mal einen seiner selbst geschriebenen Songs vorgespielt hat, oder wenn er gerade eine große Welle geritten hat, die ihn bis zum Strand getragen hat. »Ich weiß, das klingt verdammt kitschig, aber du hast meine Welt zum Beben gebracht.« Er hat recht, das klingt wirklich verdammt kitschig. Aber er ist Gus, und ich weiß, es kommt aus dem ehrlichsten, reinsten Teil von ihm, weil es ihm nicht peinlich ist, so vor mir zu reden. Seine Stimme wird tiefer, und er fährt fort. »Ich hatte schon viele Mädchen, viele Mädchen, aber diese Nacht war anders. Das war nichts Beliebiges. Da war diese … Ich weiß nicht … diese Verbindung. Das hatte ich noch nie. Ich konnte nicht genug kriegen.« Er seufzt und senkt seine Stimme. »Und dann war es vorbei, und du hast die Stadt verlassen.«

»Gus«, versuche ich ihn zu trösten. Uns beide zu trösten. Denn alles, was er gerade gesagt hat, habe ich genauso wie er empfunden.

Ich höre, wie er sich eine weitere Zigarette anzündet. »Ich weiß, ich weiß«, sagt er. Ich warte, weil ich mir an diesem Punkt nicht sicher bin, wohin sich diese Unterhaltung entwickelt. Alles, was ich weiß, ist, dass der Mensch am anderen Ende dieser Leitung, seine Freundschaft, mir alles bedeutet. Er ist mein bester Freund. Das war er schon immer. Er ist alles, was ich habe.

»Bright Side, ich will dich nicht anlügen. Das macht mich gerade ziemlich fertig. Ich meine, ich weiß, dass wir nicht zusammen sein können. Verdammt, ich weiß nicht mal, ob ich das überhaupt wollen würde. Du weißt, ich hab’s nicht mit Beziehungen. Nichts für ungut. Das soll keine Beleidigung sein. Ganz und gar nicht. Es ist nur so, dass … Alter, du bist meine beste Freundin seit … praktisch schon immer. Wir haben alles zusammen gemacht. Wir haben echt krasse, krasse Scheiße zusammen durchgemacht. Und dann – bämm! – ziehst du Tausende Kilometer weit weg, und bei mir geht es weiß Gott wohin mit diesem Plattenvertrag, und dann haben wir Sex … und es ist der beste Sex, den ich je hatte. Und das mit dir, meiner besten Freundin. Und ich hab einfach das Gefühl, dass … Ich weiß nicht, dass es diese … Endgültigkeit an sich hat. Fast wie ein Lebewohl. Aber ich darf dich nicht verlieren. Ich brauche meine beste Freundin.«

Er ahnt nicht, wie sehr er den Nagel auf den Kopf trifft. Manchmal glaube ich, er kann meine Gedanken lesen. »Verdammt, Gus, seit wann bist du denn so philosophisch?«

Ich meine es als Kompliment, als Bestätigung, aber er versteht es falsch. Ich hasse Telefone. Ich brauche körperliche Interaktion, wenn ich mich unterhalte. Ich muss die andere Person sehen und von ihr gesehen werden. Ich brauche Körpersprache und nonverbale Anhaltspunkte.

Und Gus offensichtlich auch. Er klingt gereizt, obwohl er mir gerade sein Herz ausgeschüttet hat.

»Bright Side, mach dich nicht über mich lustig. Scheiße, ich versuch hier, ehrlich zu sein.«

»Ich mach mich nicht lustig, ich mein das völlig ernst.« Ich muss verzweifelt klingen. Ich hasse es, für Missverständnisse zu sorgen. »Verdammt, ich wünschte, ich könnte dich jetzt sehen. Wir müssen ernsthaft Skype oder so was probieren, weil dieser Handy-Mist nicht hinhaut.« Jetzt schnaube ich, was in Ordnung ist, weil wir einander so gut kennen, dass wir durch Schnauben und Seufzen und Stöhnen kommunizieren können und dabei Botschaften und Gefühle übermitteln, die die meisten Leute nicht mal mit Worten hinbekommen. Das liebe ich an unserer Freundschaft.

»Alles, was du gerade gesagt hast, ist genau das, was ich auch fühle. Ich hab’s ernst gemeint, was ich vorhin gesagt habe: Ich will nicht, dass es zwischen uns irgendwie komisch wird. Ich liebe dich. Das weißt du. Ich werd dich immer lieben. Ich darf dich auch nicht verlieren. Jetzt gerade brauche ich einen besten Freund mehr als alles andere auf der Welt, also rennst du damit bei mir offene Türen ein. Ich meine, du redest hier mit Kate Sedgwick, einer Einzelgängerin vor dem Herrn.«

»Sag das nicht«, unterbricht er mich.

Er hat recht. »Ich weiß, sorry … Es ist nur so, dass auch wenn unser Leben sich gerade in verschiedene Richtungen entwickelt … will ich wissen, muss ich wissen, dass du nur einen Anruf entfernt bist. Wenn ich mich wegen eines Tests beklagen muss …«

Er unterbricht mich. »Du beklagst dich nie, Bright Side. Und selbst wenn du es tätest, hattest du es noch nie nötig, dich wegen eines Tests zu beklagen, weil du immer eine Einser-Schülerin warst, du Freak.«

Ich lache, weil er mich schon immer wegen meiner Noten aufgezogen hat, besonders nachdem ich die Highschool mit Auszeichnung abgeschlossen habe. Aber er war auch immer stolz auf mich deswegen, weil beste Freunde nun mal so sind.

Was er nicht weiß, ist, dass ich mich nicht auf schulische Tests bezogen hatte. Aber ich gehe nicht weiter darauf ein, sondern fahre fort: »Und was ist, wenn ich dich brauche, damit du ein vegetarisches Restaurant für mich ausfindig machst, weil ich ein Uralt-Handy ohne Internet habe und mich in Minnesota nicht auskenne … und ich will nicht wieder Fleisch-Durchfall kriegen …«

Wieder unterbricht er mich. »Herrje, da zäumst du das Pferd aber von hinten auf, findest du nicht? Haben die überhaupt vegetarische Restaurants in Minnesota? Gibt es da nicht irgendeine Art Vorschrift oder Gesetz oder so was dagegen? Ich meine, schließlich ist das der Mittlere Westen. Ich geh davon aus, dass es da Fleisch zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen gibt, stimmt’s?«

»Oder weil ich einfach deine Stimme hören muss, weil du mein Freund bist und meine Familie und meine Vergangenheit …«

Er ist wieder der ruhige Gus. »Ich bin immer da. Du wirst fantastische Dinge tun, Bright Side. Du wirst die verdammt noch mal beste Lehrerin werden, die die Welt je gesehen hat.«

Ich bin niemand, der sich an Komplimenten oder Schmeicheleien hochzieht, aber als er das sagt, geht mir das Herz auf. Ich wollte schon immer Lehrerin für Sonderpädagogik werden. »Ich werd mich damit begnügen, einfach nur Lehrerin zu sein, wie wär’s damit? Und du wirst der verdammt noch mal größte Rockstar werden, den die Welt je gesehen hat.«

Gus ist auch niemand, der sich an Komplimenten oder Schmeicheleien hochzieht. »Und ich werd mich mit Auftritten begnügen, die meine Rechnungen bezahlen, wie wär’s damit? Ich glaub nicht, dass ich noch weitere sechs Monate in dieser elenden Postabteilung arbeiten kann.«

Aber ich liebe es, Komplimente zu verteilen, keine arschkriechenden, schleimenden Ich-will-nur-dass-du-dich-gut-fühlst-Komplimente, sondern ehrliche, aufrichtige Ich-meine-das-von-Herzen-Komplimente. »Du bist so talentiert, du wirst riesig erfolgreich sein, Gustov Hawthorne. Lass nur nicht dein Ego zu aufgeblasen werden, okay?«

Das mit seinem Ego war ein Scherz, aber er antwortet ernsthaft: »Dafür bist du zuständig, Bright Side. Um mich immer wieder daran zu erinnern, dass ich einfach nur Gus bin … und nicht so großartig, wie die ganzen verlogenen Mistkerle mir erzählen.«

»Abgemacht.« Doch weil ich nicht anders kann, füge ich hinzu: »Aber du bist großartig.« Das muss er wissen. Er ist der begabteste Musiker, den ich je gesehen habe, und ich hab viele Musiker gesehen. Bis jetzt war Musik mein Leben. Gus und ich sind in San Diego auf eine Highschool namens The Academy gegangen, deren Schwerpunkt auf Musik lag. (Sie war in der Straße, in der wir beide wohnten, also hatte ich durch räumliche Nähe und ein bisschen Talent das Glück, sie besuchen zu können. Gus brauchte keine räumliche Nähe.) Gus spielte Gitarre und Klavier, und er konnte singen. Ich spielte Geige. Die Leute kamen aus dem ganzen Land, um die Academy zu besuchen. Da gab es ein paar wahnsinnig talentierte Kids, doch Gus war immer eine Klasse für sich. Er haute mich von den Socken. Und seit zwei Jahren spielt er nun mit seiner Band Rook. Er schreibt all ihre Songs und Texte. Sie treten beinahe jedes Wochenende im Umkreis von Südkalifornien auf, und vor ein paar Monaten war ein Manager eines erfolgreichen Indie-Labels auf einem ihrer Konzerte in L. A. und hat sie vom Fleck weg unter Vertrag genommen. Sie sind vor zwei Wochen damit fertig geworden, ihr erstes Album aufzunehmen. Gus mag es nicht, auf ein Genre festgelegt zu werden, aber sie spielen gitarrenlastigen Alternative Rock. Sie sind fantastisch, und Gus ist ihr Mittelpunkt, ihr Anführer. Er wird es weit bringen.

Für den Augenblick hat er es satt, ernst zu sein, und ist wieder zu seinem witzelnden, selbstironischen Ich zurückgekehrt. »Alter, du sollst doch das Gegenmittel für mein aufgeblasenes Ego sein. Hör auf, es zu streicheln.«

Ich lache. Ich spüre, dass die Unterhaltung kurz davor ist, zum Ende zu kommen, und ich bin froh, dass sie in guter Stimmung endet. Ich fühle mich wieder wie ich selbst, wie Kate und Gus.

Aber dann wird seine Stimme wieder ernst, beinahe nervös. »Bright Side?«

Was mich wiederum nervös macht. »Ja?«

»Kann ich dich eine letzte Sache fragen? Und dann fange ich nie wieder davon an.«

»Klar.« Es kommt irgendwo zwischen einer Frage und einer Aussage heraus. Klar? Klar. Besorgt.

Er stößt einen seiner nervösen Lacher aus. »Ich bitte dich nicht, mein Ego noch weiter zu streicheln«, sagt er ruhig. »Aber ich muss es einfach wissen, um diese ganze, du weißt schon, diese ganze Sache abschließen zu können.« Ich zucke zusammen, weil ich dachte, das hätten wir hinter uns. »Wie war es für dich? Ich meine, ich weiß, dass du schon andere Kerle hattest und alles … aber war es, du weißt schon, war es mit mir anders?«

Ich zögere lächelnd, weil das nicht in die Richtung geht, die ich erwartet hatte. Gus ist eben doch ein Kerl und braucht ein bisschen Egostreicheln. Und wie ich schon sagte, ich werfe mit Komplimenten nicht wahllos um mich. Sie sind echt und kommen von Herzen, also antworte ich aufrichtig: »Du hast meine Welt zum Beben gebracht.«

»Alter, nimm mich nicht auf den Arm.« Er glaubt, ich verdrehe seinen kitschigen, aber ernst gemeinten Ausdruck in etwas Spöttisches.

»Das tue ich nicht! Das war’s – sobald wir zu telefonieren aufgehört haben, lade ich mir Skype runter. Hör mir zu, Gus: Es war wahrscheinlich die beste Nacht meines Lebens.«

»Hmm.« Ich kann das Lächeln in seiner Stimme hören. Sein Ego wurde genügend gestreichelt.

»Lass dir das nicht zu Kopf steigen«, necke ich ihn.

»Zu spät. Ich liebe dich, Bright Side.«

»Liebe dich auch, Gus.”

»Gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Mit erneuertem Seelenfrieden werfe ich meinen Laptop an und google nach Skype. Ich werd rausfinden, wie das genau funktioniert, bis ins allerkleinste Detail. Danach werde ich schlafen gehen.

Mittwoch, 24. August

Kate

Ich schlafe bis neun Uhr morgens, und Maddie ist schon bei der Arbeit, als ich aus meiner Winterschlafhöhle komme. Verdammt, pumpen Anwälte etwa reinen Sauerstoff in ihre Wohnungen? Weil ich hier schlafe wie eine Tote. Ich fühle mich wie ein fauler Sack. Ich weiß, dass Dr. Ridley gesagt hat, ich bräuchte mehr Schlaf, aber in diesen zwei Tagen hab ich mehr geschlafen als sonst in einer Woche. Ich beschließe, mit Princess Gassi zu gehen und dann unten im Fitnessraum ein paar Kilometer auf dem Laufband runterzureißen, bevor ich mich auf den Weg mache. Hier kann ich nicht surfen, also laufe ich. Ich ermahne mich, dass der Schmerz in meinen erschöpften Muskeln kein Schmerz ist, sondern Leben. Und das Leben fühlt sich göttlich an. Jeder Tag, jede Minute, jede Sekunde.

Ich dusche, dann fahre ich mir mit einem Kamm durchs feuchte Haar und putze mir die Zähne. Innerhalb von zehn Minuten bin ich angezogen und bereit zum Aufbruch. Gus konnte noch nie verstehen, wie sich ein Mädchen in so kurzer Zeit duschen und ausgehfertig machen kann. Der Gockel braucht fünfundvierzig Minuten, bis er sich genug rausgeputzt hat, um irgendwohin zu gehen. Ich schätze, die Gesellschaft diktiert schon gewisse Erwartungen an Frauen, die haben mich einfach nur nie gekümmert. Zeit ist kostbar. Und ich vergeude sie nicht. Ich bin damit aufgewachsen, dass es morgens immer hektisch zuging, und ich musste lernen, meinen Tagesablauf feinzutunen. Ich habe noch nie Make-up getragen und besitze weder einen Föhn noch ein Glätteisen. Um die Wahrheit zu sagen, selbst wenn ich irgendwas davon hätte, wüsste ich nicht mal, was ich damit anstellen soll. In der elften Klasse beschloss eine Freundin mal, dass ich eine Rundumerneuerung bräuchte, und hat mich geschminkt und mir die Haare geglättet. Mit dem ganzen Mist auf meinem Gesicht hat es sich angefühlt, als würde ich eine Maske tragen. Ich schaue nicht gern in den Spiegel, um darin jemand anderen zu sehen. Ich schaue gern in den Spiegel, um die gute alte Kate zu sehen. Das Einzige, womit ich wählerisch bin, sind meine Klamotten. Ich hasse alles Unoriginelle. Ich meine, ich hab die meiste Zeit Jeans an, aber was Tops angeht, trage ich nichts von der Stange. Ich durchforste Secondhand-Läden, immer auf der Suche nach Shirts mit interessanten Mustern. Dann zerschneide ich sie und rette die besten Teile, um sie mit den T-Shirts zu kombinieren, die Gus mir ständig kauft. Gus nennt das »Rocker-Boheme«. Wie er meint. Mir gefällt’s. Als ich den Reißverschluss meiner Reisetasche aufziehe, nehme ich als Erstes das »I love San Diego«-T-Shirt heraus, das Gus mir geschenkt hat, bevor ich losgefahren bin. Es juckt mich schon in den Fingern, etwas Einzigartiges daraus zu machen.

Dann werfe ich mir mein abgeändertes »Surf or die«-Tanktop über, schnappe mir meine Sonnenbrille und gehe raus zu meinem Auto. Es ist schwül heute. Das erinnert mich an zu Hause, also hab ich mich entsprechend angezogen. Ich bin wahnsinnig glücklich. Und ich muss mir mein zukünftiges Zuhause ansehen, also bin ich bereit, die fünfundzwanzig Kilometer Fahrt nach Grant und zum College-Campus auf mich zu nehmen. Ich hab keine Ahnung, was mich erwartet. Ich kenne den Campus nur von Fotos aus Broschüren und online.

Maddies Wohnung liegt am westlichen Stadtrand von Minneapolis, gleich neben dem Highway. Grant liegt genau westlich davon. Ich finde die Auffahrt und biege auf den Highway, und wenige Sekunden später habe ich jedes Auto in Sichtweite überholt. Zehn Stück. Ich hab sie gezählt. So wenige Autos auf dem Highway fühlen sich irgendwie verdammt unheimlich an.

Steht die Apokalypse bevor und keiner hat es mir gesagt? Wo sind denn alle? Ich bin Verkehrsstaus und Hupkonzerte gewohnt, oder Leute, die auf dem Highway hundertfünfzig fahren. Was zum Teufel? Halten sich die Leute hier tatsächlich an die Geschwindigkeitsbegrenzung? Ich komme mir fast schon wie eine Kriminelle vor, als ich an ihnen vorbeirase und die fünfundzwanzig Kilometer nach Grant in nur zehn Minuten runterreiße. In den Wohngebieten werde ich langsamer, und bald kommt Grant College in Sicht.

Grant ist hübsch, geradezu malerisch. Der Campus ist klein, und die Gebäude sind alt, aber nicht alt im Sinne von mies und heruntergekommen, sondern alt, wie erhaben und gut gepflegt. Das Studentenwohnheim ist auch alt. Vier Stockwerke aus Ziegel, Mörtel und Efeu, aber es hat Charakter und sieht einladend aus. Ich seufze erleichtert. In ein paar Tagen wird dieses Gebäude mein Zuhause sein, und es sieht tatsächlich wie ein Zuhause aus. Schlagartig wird mir bewusst, dass das hier wirklich passiert. Ich bin eine Collegestudentin in Minnesota. Ich bin außerdem zum ersten Mal in meinem Leben allein. Und obwohl das Alleinsein gewöhnungsbedürftig sein wird, ist es im Moment nicht so beängstigend, wie ich gedacht habe.

Gleich auf der anderen Seite des Studentenwohnheims liegt die Main Street der Stadt Grant. Ich halte an einer Ampel und sehe mich um. Es ist eine reizende Straße, gesäumt von einem Blumenladen, einer Spirituosenhandlung, einem Feinkostgeschäft, einem kleinen Lebensmittelladen-Schrägstrich-Apotheke und einem Friseursalon. Und dann sehe ich es – ein Café. Und keine Filiale irgendeiner nervigen Kaffee-Kette, sondern ein waschechtes, bodenständiges, unaufdringliches Café, versteckt am Ende des Blocks in einem Ziegelgebäude mit großen Fenstern zur Straße hin. Und obwohl ich heute Morgen schon drei Tassen Kaffee hatte, die ich mir bei Maddie im Heiligen Gral aufgebrüht habe, kann ich nicht widerstehen, es mir anzusehen. Ich sage mir, dass ich nur kurz reinschaue und mich vorstelle, aber als ich davor am Bordstein parke, überlege ich bereits, ob ich einen kleinen Becher oder meinen üblichen großen brauche. Kaffee ist wie Crack, das schwöre ich. Ich kann ihm nicht widerstehen. Ich kann nicht nein sagen. Also fange ich an, meinen Besuch vernünftig damit zu begründen, dass sie vielleicht eine Stelle zu vergeben haben. Und ich brauche einen Job, am besten schon gestern.

Die Tür ist riesig, mit aufwändigen Schnitzereien verziert, und sieht zentnerschwer aus, also packe ich den Türgriff und drücke mit aller Kraft. Ich falle fast auf die Nase, als das verdammte Ding leicht wie eine Feder auffliegt.

Eine Glocke bimmelt über der Tür. Und sie ist ohrenbetäubend. Mit weit aufgerissenen Augen sehe ich mich im Laden um. Da sind ein Typ, der mit der Nase in einem Buch auf einem Zweisitzersofa auf einer Seite des Raumes sitzt, ein Pärchen an einem kleinen Tisch auf der anderen Seite des Raumes und ein Typ hinter dem Tresen, und alle schauen bei dem Radau, den ich veranstaltet habe, hoch. Instinktiv versuche ich, die Glocke zum Schweigen zu bringen und die Aufmerksamkeit von mir abzulenken, aber als ich die Hand hoch über meinen Kopf ausstrecke, kann ich sie nicht erreichen. Ich bin eins fünfzig groß, und die Glocke hängt mindestens dreißig Zentimeter außerhalb meiner Reichweite. Ich lächle verlegen, und als die Glocke endlich verklingt, verkünde ich mit kaum mehr als einem Flüstern: »Da bin ich.«

Der dunkelhäutige Mann hinter dem Tresen bestätigt das lächelnd. »Ja, das war nicht zu überhören.« Er spricht mit Akzent, aber ich kann ihn noch nicht einordnen. Er ist vermutlich um die vierzig, mit kohlschwarzem Haar, kaffeebrauner Haut und großen dunklen, lächelnden Augen. Und sein Tonfall ist nicht spöttisch, sondern freundlich und einladend. Ich mag ihn jetzt schon.

»Du bist neu hier, nicht?« Er winkt mich näher. »Ich bin Romero. Willkommen im Grounds an der Main Street, meine Liebe.« Er salutiert mir, und anstatt albern zu wirken, ist es liebenswert.

Verlegen salutiere ich zurück. »Ähm, ja, und ich bin Kate.« Wann habe ich mich in einen unbeholfenen, gesellschaftlich unfähigen Trottel verwandelt? Ich räuspere mich und strecke Romero die Hand hin. »Ich bin Kate Sedgwick, und Sie haben recht, ich bin neu hier.« Ich lache. »Ist das so offensichtlich? Na verdammt, dann hab ich meine Tarnung wohl komplett auffliegen lassen. Ich wollte eigentlich unauffällig bleiben, aber dann hab ich mit Ihrer Glocke die Toten aufgeweckt.«

Er lacht warmherzig. »Keine Sorge. Das hier ist eine kleine Gemeinschaft. Ich kenne jeden. Aber dich, dich hab ich hier noch nie gesehen, Kate Sedgwick. Bist du aus Kalifornien?« Wenn er Kalifornien sagt, klingt es wie fünf einzelne Wörter: KA LI FOR NI EN.

Mit gerunzelten Augenbrauen versuche ich, mir darüber klar zu werden, woher zum Teufel er das weiß. »Ja, das stimmt.«

Er bemerkt meine Verwirrung und zeigt durchs Fenster hinaus auf mein Auto. »Dein Nummernschild. Von wo in Kalifornien?«

Die Falte auf meiner Stirn entspannt sich. »Oh ja, natürlich. Ich bin aus San Diego, dort geboren und aufgewachsen.«

Sein Gesichtsausdruck wirkt aufrichtig gequält. »Oh, Kate, meine Liebe, ich wünsche dir viel Glück im Winter. Ich bin aus El Salvador, und ich kann dir versichern, die Winter in Minnesota sind nichts für schwache Nerven.« Minnesota klingt wie vier einzelne Wörter: MIN NE SO TA.

Ich schnaube. Da hat er meine einzige wahre Angst davor, hierherzuziehen, angesprochen … die Kälte. »Ja, ich hab gehört, die können echt übel sein.«

Er lacht, und seine Augen funkeln.

Der Typ mit dem Buch auf dem Sofa klinkt sich ein. »Die sind wirklich übel.« Ich sehe zu ihm rüber, und seine Nase steckt immer noch im Buch, aber er lächelt. Er hat rote Haare und einen dichten Bart. Unwillkürlich denke ich, dass er in dieser schwülen Hitze regelrecht ersticken muss. Sein Lächeln ist unschuldig, sogar jungenhaft. Ihm steht Hipster regelrecht auf die Stirn geschrieben. Als er nichts weiter sagt, wende ich mich wieder Romero zu.

»Also, Kate, was kann ich dir anbieten?«, fragt er.

Ich werfe einen Blick auf die Tafel hinter ihm. Ich weiß, dass ich hier Stammgast sein werde, und ich will ihn nicht gleich am Anfang beleidigen, indem ich mich nicht ans Protokoll halte. Erleichtert stelle ich fest, dass alle Getränke preislich der Größe nach von klein, mittel zu groß sortiert sind.

»Vielleicht kann ich dir was empfehlen? Magst du lieber helle, mittlere oder dunkle Röstung? Espresso? Cappuccino? Vielleicht einen Eiskaffee zum Abkühlen?«

Ich war noch nie ein Kaffee-Snob. Kaffee ist Kaffee. Die Semantik interessiert mich nicht. »Ähm, alles, was ich wirklich will, ist ein großer Becher starker Kaffee.«

Offensichtlich war das die richtige Antwort, denn er klopft zweimal mit den Knöcheln auf den Tresen, eine leichte, erfreute Geste, die sagt: Ich bin zu hundert Prozent deiner Meinung und weiß genau, was du brauchst. »Ah, dann musst du die Hausmischung probieren.«

Ja, das muss ich. Auf der Stelle. »Hört sich perfekt an.«

Fragend legt Romero den Kopf schief. »Sonst noch was in den großen Becher Hausmischung außer Kaffee?«

»Nein, danke, einfach nur schwarz.«

Sein Lächeln wird breiter, und er schaut hinüber zu dem bärtigen Typen auf dem Sofa, während er auf mich zeigt. »Hast du das gehört, Duncan? Einfach nur schwarzer Kaffee.«

Duncan lächelt und hebt die Keramiktasse in seiner Hand, als würde er mir zuprosten. »Ich hab’s gehört, Rome. Willkommen im Club, Neue.«

Romeros breites Lächeln strahlt noch immer, aber er senkt die Stimme. »Niemand will den Kaffee je schwarz.« Sein Akzent ist stark, und ich muss mich auf jedes Wort konzentrieren, um sicherzugehen, dass ich alles verstehe. »Alle ruinieren ihn mit Extras.« Er zwinkert mir zu. »Nur wenige von uns wissen den Kaffee schwarz zu genießen.«

Als Romero mir meinen Kaffee einschenkt, hab ich das Gefühl, dass ich das Eis gebrochen habe und wir Freunde sind, schließlich gehöre ich offensichtlich zum Club. Also nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und frage: »Sie haben nicht zufällig eine Stelle frei, oder? Ich bin gerade erst in die Stadt gekommen und fange am Montag mit dem Unterricht an, und irgendwie muss ich möglichst schnell etwas Cash-Flow generieren.«

Seufzend reicht Romero mir einen riesigen Pappbecher. »Ah, Kate, leider nicht. Ich besitze das Café zusammen mit meinem Partner Dan. Wir haben nur einen Angestellten, der uns an den meisten Vormittagen aushilft.« Er klopft sich mit dem Zeigefinger ans Kinn, dann blitzt sein Lächeln wieder auf. »Aber du kannst es im Blumenladen unten an der Ecke versuchen, dem Three Petunias. Mary hat mir gestern gesagt, dass sie jemanden braucht.«

Ich schiebe zwei Scheine über den Tresen für Kaffee und Trinkgeld. »Super, Sie sind der Beste. Danke.« Ich puste auf den Kaffee und nehme einen Schluck, während ich mich umdrehe und zur Tür gehe. Der Kaffee schmeckt aromatisch und stark, genauso wie ich ihn mag. Mit der Hand am Türgriff drehe ich mich noch einmal um und hebe meinen Becher in Romeros Richtung.

»Der Kaffee ist der Hammer, Romero. Wünsche noch einen tollen Mittwoch.«

Er salutiert. »Dir auch, Kate Sedgwick.«

Die Hitze ist erdrückend, als ich die Straße überquere und mich auf den Weg zum Three Petunias mache. Und dann wird mir bewusst, dass es ungefähr fünfunddreißig Grad bei hundertzehn Prozent Luftfeuchtigkeit hat, und ich Vollpfosten trinke einen großen Becher dampfend heißen Kaffee. Aber dann lächle ich den Becher in meiner Hand an, weil ich spüre, wie das Koffein zu wirken anfängt, und ich zwei Blocks von hier einen Job in Aussicht habe.

Vorsichtig öffne ich die Tür des Three Petunias, und natürlich hat sie auch eine Glocke dran. Unwillkürlich stoße ich ein genervtes, ungläubiges »Alter!« aus. Was haben die Kleinstädter Minnesotas nur mit ihrer Manie für Glocken? Die hier ist allerdings nur von der leise bimmelnden Sorte. Mich beschleicht die ausgeprägte Ahnung, dass ich zu einem wahren Glockenkenner mutieren werde, während ich hier lebe.

Die Frau hinter dem Tresen ist eine dominante Erscheinung. Sie sieht ein bisschen älter aus als ich, groß und mit Kurven genau an den richtigen Stellen. Manche Mädchen sind süß, manche sind schön, und manche sind sexy. Dieses Mädchen hier ist sexy. Sie trägt das schwarze Haar in einem strengen schulterlangen Bob mit Pony, und ihre dunklen Augen sind mit schwarzem, rauchigem Eyeliner umrandet. Ihr Erscheinungsbild ist dunkel, aber nicht deprimierend gothmäßig. Eher kompromisslos. Ich lasse mich nicht so schnell von irgendwas oder irgendjemandem einschüchtern, aber sie ist … einschüchternd.

»Hallo erst mal«, sagt sie als Antwort auf meinen Ausbruch. Ihre Stimme ist rau, als würde sie von Geburt an zehn Schachteln Zigaretten am Tag rauchen und als wäre sie seit einem Jahr erkältet. Ich hab das Gefühl, dass ihre Stimme mir mühelos in den Arsch treten könnte; sie ist praktisch wie ihre Superkraft.

Lass sie deine Angst nicht riechen, ermahne ich mich. »Oh, hey«, sage ich lässig. »Tut mir leid, das war unhöflich. Aber was hat es in dieser Stadt mit den Glocken auf sich?«

Sie mustert meine Erscheinung, aber nicht von oben herab wie Maddie, sondern neugierig, oder amüsiert. Ich kann nicht sagen, was. »Glocken?«

»Ja, an den Türen.« Ich zeige auf die Tür hinter mir.

Sie hat immer noch diesen Ausdruck im Gesicht, aber sie antwortet sachlich. »Die geben uns Bescheid, dass jemand da ist.«

»Ach, ohne Scheiß, Sherlock?« Zu spät wird mir bewusst, dass meine Bemerkung vielleicht unangebracht war.

Hier geht es nicht so locker zu wie zu Hause, und ich habe diese Frau gerade erst kennengelernt – diese beeindruckende, einschüchternde Frau.

Sie stößt ein kurzes, verblüfftes Lachen aus. Ich weiß nicht, ob sie belustigt oder beleidigt ist. »Jepp, ohne Scheiß«, bestätigt sie. »Und ich heiße Shelly, nicht Sherlock.«

Ich glaub, ich mag dieses Mädchen, obwohl sie mir irgendwie Angst macht. Sie ist direkt, und ich mag direkt; das erspart das Herumrätseln. Ich gehe zu ihr und strecke ihr die Hand hin, obwohl ich nach einem Blick auf ihre Finger bemerke, dass sie fest mit den Blumen in der Vase vor ihr verwoben sind. Also sage ich stattdessen einfach: »Ich bin Kate.«

»Nun, Kate, was führt dich herein?« Sie schaut wieder hinunter auf das Arrangement vor ihr, als habe sie das Interesse verloren.

»Ich war gerade drüben im Grounds.« Als eine Art Beweis halte ich meinen Kaffeebecher hoch. »Und Romero meinte, dass Mary vielleicht eine Aushilfe sucht.«

Shelly pustet sich den Pony aus den Augen und sieht wieder zu mir hoch, fast als versuche sie zu entscheiden, ob ich es wert bin, in Betracht gezogen zu werden. »Mary ist meine Mutter, ihr gehört der Laden.«

»Also, stellt ihr jemanden ein?«, frage ich hoffnungsvoll, und meine Wangen fühlen sich plötzlich heiß an.

»Hast du schon mal in einem Blumenladen gearbeitet?«

Ich schüttle den Kopf. »Nö.« Das macht wahrscheinlich meine Chancen zunichte, aber ich werde sie ganz sicher nicht anlügen.

»Hast du irgendwelche Erfahrung in Gartenarbeit?« Ich komme mir vor wie bei einem Verhör in einer Krimisendung, und ganz sicher sieht ihr Partner auf der anderen Seite eines Einwegspiegels dabei zu.

Ich zucke mit den Schultern. »Mein letzter Vermieter, Mr. Yamashita, war Gärtner. Ich nehme an, das zählt nicht? Über zu viele Ecken?«

Sie schnaubt. Jawohl. Sie ist eine Schnauberin. Jetzt hab ich sie ins Herz geschlossen. »Kannst du eine Nelke und eine Rose auseinanderhalten?«

»Klar.«

Die knallharte Fassade bleibt, aber zu meiner Überraschung sagt sie: »Dann schwing deinen Hintern um den Tresen und hilf mir. Ich stecke heute Nachmittag bis zum Hals in Arbeit. Mal sehen, wie du dich machst.«

Ich ziehe die Schürze an, die sie mir reicht. »Alter, das war echt ein Wahnsinnsvorstellungsgespräch. Du hast mich ganz schön schwitzen lassen.«

Sie verdreht die Augen über meinen Sarkasmus. »Wie du meinst. Alter

Der Laden ist klein und altmodisch. Und mit altmodisch meine ich nicht veraltet, ich meine reizend. Im Verkaufsraum stehen mehrere alte Tische, auf denen Pflanzen und Blumengestecke ausgestellt sind. Es ist bezaubernd. Und der Geruch … Oh, der Geruch hier drin ist himmlisch.

Hinter dem Tresen bemerke ich, dass alles seinen festen Platz hat. Es ist organisiert, geradezu pedantisch ordentlich.

Shelly arbeitet wie ein Wirbelwind. Sie werkelt an vier Gestecken gleichzeitig. Ich sehe und höre zu und versuche zu helfen, wo ich kann. Hauptsächlich fake ich es.

Eine Stunde lang arbeiten wir in einer Stille, die mir in den Ohren weh tut. »Hast du kein Radio oder so was?«, frage ich.

Sie zeigt auf ein Regal auf der anderen Seite des Raumes, ohne mich anzusehen.

Ich habe das Gefühl, dass ich fragen sollte, weil ich nicht weiß, ob sie mir gerade die Erlaubnis gegeben hat oder nicht. »Macht es dir was aus, wenn ich es einschalte? Der Laden hier könnte ein bisschen Geräuschkulisse brauchen. Die Stille ist ohrenbetäubend.«

Sie schüttelt den Kopf.

Also marschiere ich rüber und schalte es ein, weil ich Musik brauche, wenn ich arbeite. Verdammt, ich brauche immer Musik, aber besonders, wenn ich arbeite. Musik erdet mich. Sie ist pure Emotion, und ich brauche diese Ergänzung.

Kurz fummle ich am Tuner herum, bis ich einen Sender finde. Bei dem Klang horcht Shelly auf. »Guter Song. Den spielen sie erst seit letzter Woche. Die Gitarre ist echt heftig. Hast du den schon gehört?«

Ich nicke, als ich wieder zu unserem Arbeitsplatz zurückkehre. Ich kenne den Song, und sie hat recht mit der Gitarre. Ich hab den Song zum ersten Mal vor vier oder fünf Monaten gehört, als das Album rauskam, aber ich will nicht wie ein klugscheißerisches Arschloch rüberkommen, also lasse ich es mir nicht anmerken. »Ja. Der ist gut. Ist das ein lokaler Sender?«

Shellys Antwort ist ein bitteres Brummen. »Ja, das ist der Collegesender. Das ist alles, was wir haben. Die ganzen anderen lokalen Sender sind scheiße.«

Ich stoße Shelly mit dem Ellbogen in die Seite. »Sag nicht, dass du einer von diesen Musik-Snobs bist, Shelly.«

Sie zieht eine Augenbraue hoch, als wüsste sie, dass sie ertappt wurde. »Schuldig. Ich liebe Musik, und es ist so schwierig, guten Stoff zu finden.« Ihr Gesicht wird ein bisschen weicher. »Ich hör mich an wie ein verdammter Junkie, stimmt’s?«

Ich weiß, wie sie sich fühlt. Gus und ich durchforsten das Internet ständig auf der Suche nach der nächsten musikalischen Abwechslung, wie ein paar Süchtige auf der Suche nach ihrem nächsten Schuss. Wir teilen uns unsere Musiksammlung schon seit Jahren, und sie ist mehr als umfangreich. Mein iPod ist brechend voll, und der Rest füllt die Festplatte meines Laptops. »Vielleicht hast du einfach noch nicht den richtigen Dealer gefunden. Ich bring irgendwann mal meinen iPod mit. Hast du ein Dock oder einen Lautsprecher, an den ich ihn anschließen kann?« Ich liebe es, mich mit Leuten über Musik auszutauschen, besonders wenn ich jemanden für neue Musik begeistern kann, die er noch nicht gehört hat. Etwas Neues zu entdecken ist wie Magie. Musik ist da, um gehört zu werden, und ich bin der Meinung, dass so viele Menschen wie möglich sie hören sollten. Alles davon. Weil Musik mächtig ist. Sie verbindet die Menschen.

Shelly zögert, dann nickt sie. »Okay, ja, ich hab ein Dock, das ich mitbringen kann. Was hörst du so?«

»Oh, die ganze Bandbreite. Ich hör so ziemlich alles, obwohl ich mich nicht ganz für Country begeistern kann. Das klingt so künstlich. Ich weiß nicht, wie ich’s erklären soll, aber es ist so süßlich, dass mir davon die Zähne wehtun. Und es ist irgendwie deprimierend, sogar das fröhliche Zeug.« Sie nickt zustimmend. »Im Allgemeinen hab ich einen Hang zu weniger bekannten Bands. Ich sehe es gern, wenn die Kleinen es schaffen, weißt du. Und ich muss kalifornische Bands unterstützen. Das ist so eine Sache von Schuldigkeit, von Loyalität. Gut, dass die es auch drauf haben.«

Ihre Augen weiten sich kaum merklich, als hätte sie gerade eine Art Rätsel gelöst. »Natürlich. Du bist aus Kalifornien. Ich hab schon den ganzen Nachmittag versucht, das rauszufinden. Irgendwo, wo’s sonnig ist, war mir klar, weil du so braun bist, aber ich dachte, das ›Surf or die‹-Shirt wär zu offensichtlich. Also, bist du nur ein Poser oder surfst du wirklich?«

Bei der unverblümten Anschuldigung muss ich lachen. »Klar surfe ich.«

»Wirklich?«, fragt sie zweifelnd.

»Ja.«

Sie nickt. »Das Shirt ist übrigens ziemlich cool. Wo hast du das her?«

Ich zucke mit den Schultern. »Hab ich selbst gemacht.«

Wieder der Zweifel. »Wirklich?«

Der prüfende Blick stört mich nicht. »Ja. Ich mach alle meine Shirts selbst.«

»Hm« ist alles, was sie sagt, und obwohl sie leicht beeindruckt aussieht, habe ich das Gefühl, dass es sie umbringen würde, es zuzugeben. Sie kann ihre Gefühle nicht besonders gut verbergen. Sie scheinen durch ihre ernste Maske hindurch, wenn man genau aufpasst.

Wir hören weiter den Collegesender, und er ist ehrlich gesagt ziemlich gut. Fast alles Indie und Alternative Rock, dabei muss ich an Gus denken. Er würde diesen Sender lieben. Halbwegs erwarte ich schon, einen Song von Rook aus den Lautsprechern dröhnen zu hören.

Shelly klopft mir auf den Rücken, als wir fertig sind. »Du hast dich ganz ordentlich geschlagen für jemanden, der keine Ahnung hat, was er da tut.«

Ich runzle die Stirn. »Danke … denke ich.« Und dann lächle ich, damit sie weiß, dass ich sie nur aufziehe.

Ihre Augen deuten ein Lächeln an, lassen sich aber nicht ganz darauf ein. »Wie du meinst. Kannst du nachmittags immer montags, dienstags, mittwochs und gelegentlich samstags arbeiten?«

»Absolut.«

»Du bist eingestellt.«

Innerlich schlage ich Purzelbäume, aber äußerlich bin ich ruhig. »Danke.«

»Ich nehme an, du bist auch Studentin, auch wenn ich dich nicht gefragt habe. Ich bin im Abschlussjahr an der Grant. Hauptfach Musik, klassisches Klavier.«

»Ohne Scheiß? Klassisches Klavier? Respekt, Shelly.« Ich weiß, ich klinge ein bisschen überrascht, aber das bin ich auch. Sie ist knallhart, und ich hätte bei ihr nie auf klassisches Klavier getippt. »Mir fehlen noch ein paar Punkte zum Sophomore, also ja, ich bin ein Freshman.« Beim Gedanken an meinen ungewöhnlichen Weg ans College zucke ich innerlich zusammen.

Ich hab vor eineinhalb Jahren meinen Highschool-Abschluss gemacht, mit einem Vollstipendium in der Tasche, um hier Geige zu spielen, aber dann funkte mir das Leben dazwischen … also blieb ich in San Diego. Ich arbeitete halbtags zusammen mit Gus in der Postabteilung der Werbeagentur seiner Mom, und belegte Kurse am örtlichen Community College. Ich war glücklich. Alles wurde besser.

Und dann vor drei Monaten, im Juni, platzte eine weitere Bombe. Und die hat meine verdammte Welt auf den Kopf gestellt. Ich musste weg aus San Diego. Also obwohl das Herbstsemester rasch näher kam, bewarb ich mich erneut an der Grant, ohne die Geige. Ich fand, dass ich nichts zu verlieren hatte. Bis Mitte Juli saß ich wie auf Kohlen, dann kam der Brief, der verkündete, dass ich nicht nur angenommen wurde, sondern auch noch ein akademisches Stipendium bekomme, das für Studiengebühren und Kost und Logis aufkommt. Ich war völlig von den Socken. Ich gab Mr. Yamashita meine Kündigung und zog am letzten Tag im Juli von seiner Garage in Audrey Hawthornes Gästezimmer, wo ich blieb, bis ich vor ein paar Tagen hierherzog. Gus’ Mom ist praktisch einer meiner liebsten Menschen auf diesem Planeten. Ich kenne sie schon mein ganzes Leben lang. Beim Wort »Mutter« denke ich an Janice Sedgwick, aber beim Wort »Mom« denke ich an Audrey. Gus wohnt auch immer noch bei ihr. Er ist so ein Muttersöhnchen.

Shelly wirft mir diesen traurigen Blick zu. »Also wohnst du im Studentenwohnheim?«

»Ja, alle Freshmen müssen im Studentenwohnheim wohnen, stimmt’s?«

Der traurige Blick bleibt. »Stimmt«, bestätigt sie.

»Ich bin heute dran vorbeigefahren. Es sieht toll aus. Ich bin schon krass begeistert.« Das bin ich wirklich.

Sie klopft mir auf die Schulter. »Bleib ruhig weiter krass begeistert.« Es macht ihr Spaß, mich wegen meines Vokabulars aufzuziehen. »Aber ein Wort der Warnung: Das hier ist eine kleine Schule und sehr cliquenhaft, wenn du weißt, was ich meine. Hier gibt’s ’ne Menge eingebildete, reiche, verzogene Bälger. Lass dir von denen nicht den Arsch aufreißen, sag ich nur.«

Ich nicke, dankbar für ihre Sorge. »Ist notiert. Gut, dass mein Arsch praktisch reißfest ist.«

Ich schwöre, beinahe lächelt sie.

Wir verabschieden uns, und ich schaue noch mal kurz im Grounds rein, um mich bei Romero für den Tipp mit dem Job zu bedanken, bevor ich zurück zu Maddies Wohnung fahre. Diesmal schaffe ich die Strecke in neun Minuten und kann einfach nicht anders, als optimistisch zu sein, was meinen ersten Tag in Grant betrifft. Ich wusste, dass es die richtige Entscheidung war.

Es ist immer noch früh in Kalifornien, und Gus ist bei der Arbeit, also simse ich ihm meine guten Neuigkeiten.

Ich: Hab heute einen Job in einem Blumenladen bekommen.

Gus: Cool! Muss nach der Arbeit gleich zu einem Bandmeeting. Reden wir morgen? Liebe dich.

Ich: OK. Viel Glück. Grüß alle von mir. Liebe dich.

Donnerstag, 25. August

Kate

Das Highlight des Tages: Gus und ich probieren Skype aus und entscheiden, dass der Mensch, der es erfunden hat, den Nobelpreis verdient und/oder eine Ehrenmedaille und/oder irgendeine andere wahnsinnig große Auszeichnung, selbst wenn es keine technologische ist, denn Skype ist genial.

Das Nicht-Highlight des Tages: Ich hatte meinen ersten Termin bei Dr. Connell im Methodist Hospital in Minneapolis. Er war ziemlich so, wie ich es erwartet hatte. Genau wie Dr. Ridley in San Diego behandelte Dr. Connell meine Situation realistisch, was ich zu schätzen weiß, und mit Respekt. Er gab mir einen Überblick über die Behandlungsmöglichkeiten und einen Behandlungsplan. Er ist ein Doktor der Sorte Viel-hilft-viel; er will das volle Programm. Ich bin eher ein Weniger-ist-mehr-Mädchen, ich will das nicht. Darüber war er nicht begeistert. Ich ging mit seiner Visitenkarte, einem nächsten Termin in einem Monat und seinem besorgten Gesicht in meine Erinnerung eingebrannt.

Für gewöhnlich haben Ärzte ein besseres Pokerface. Eins ist sicher. Falls ich je nach Vegas gehe, werde ich Dr. Connell nicht einladen, mit mir zu zocken.

Freitag, 26. August

Kate

Ich bin wie gewöhnlich spät dran, also scanne ich die Cafeteria beim Reinkommen schnell nach irgendwelchen freien Plätzen. Da sind ein paar an jedem Tisch, aber ich halte an, als mein Blick auf einem eher kleinen Jungen landet, der allein am Tisch sitzt. Er trägt ein feingestreiftes Retro-Postbotenhemd, eine karierte Fliege, eine absichtlich zu kurze rote Bundfaltenhose, Socken in blauem Argyle-Muster und schwarz-weiße Spectator-Schuhe. Irgendwie weiß ich, dass ich genau da sein soll.

Er hat einen tollen Style, und um etwas so Mutiges zu tragen, braucht man einen ziemlich mutigen Charakter. Ich entscheide, dass ich ihn kennenlernen muss. Beim Näherkommen merke ich, dass er versucht, stoisch zu wirken, aber seine Schultern sehen eingezogen aus, und er scheint verdammt nervös zu sein. Am liebsten würde ich ihm auf den Rücken klopfen, um ihm ein wenig die Anspannung zu nehmen. Aber ich tue es nicht. Ich bin jemand, der schnell Körperkontakt sucht, und durch Versuch und Irrtum hab ich gelernt, dass das manche Leute erschreckt. Also erst mal vorstellen.

»Sitzt hier schon jemand?«, frage ich höflich.

Die Nähe meiner Stimme lässt ihn zusammenzucken, aber er dreht sich zu mir um.

Ich lächle. Diese Fliege ist aber auch zu niedlich. »Sitzt hier schon jemand?«, frage ich noch einmal und zeige ausdrücklich auf den Platz direkt neben ihm, obwohl jeder andere Stuhl an dem großen Tisch leer ist.

Als sein Lächeln breiter wird, entspannen sich auch seine Schultern etwas. »Nein, nein, hier ist noch frei. Nur zu.« Ich weiß, dass das Wort »elfenhaft« nicht gerade eine männliche Beschreibung ist, aber es ist das erste Wort, das mir in den Sinn kommt, wenn ich sein Lächeln sehe. Er ist eine gut frisierte, gut gekleidete kleine Elfe.

»Alter, das Hemd ist der Hammer«, sage ich mit einem Fingerzeig, während ich mich setze. Es hat sogar ein altes Namensschild – Frank. Er hat nichts übersehen. »Ich bin Kate.« Ich strecke ihm die Hand hin, die er mit leichtem Griff nimmt und einmal schüttelt. Seine Hände sind weich.

»Danke … denke ich. Ist Kate die Kurzform von Katherine? Ich bin Clayton.« Er ist förmlich, aber nicht auf spießige, hochnäsige Weise. Förmlich auf subtile, kultivierte Weise. Trotzdem muss der Kerl sich entspannen. »Und dein Shirt ist auch fabelhaft«, fügt er hinzu. Ich trage ein Tanktop, auf dem »Tijuana is muy bueno« steht. Der Text stammt von drei verschiedenen Spendershirts, und die Träger sind aus dickem schwarzem Schleifenband.

»Oh, danke, Clay.« Er wirkt aufrichtig. »Und ich heiße einfach nur Kate. Katherine hätte mich nicht mal meine Mutter genannt.«

»Gern geschehen, Katherine.« Er lächelt neckisch. »Und ich heiße einfach nur Clayton. Clay hätte mich nicht mal meine Mutter genannt.«

Ich lache. »So wird das also laufen?« Ich mag diesen Kerl. Er ist witzig. Und er gibt nicht klein bei, obwohl er aussieht, als hätte er eine Scheißangst, hier zu sein.

In diesem Moment kommen ein paar Campusvertreter zur Tür herein und fangen mit ihrem stundenlangen Geschwafel über die Grant-College-Erfahrung an. Als der Dekan bei seiner Begrüßungsrede tatsächlich das Wort Grant-College-Erfahrung in den Mund nimmt, entschlüpft mir ein kleines Lachen. Clayton unterdrückt ebenfalls ein Lachen und bedeutet mir mit an die Lippen gelegtem Zeigefinger, dass ich still sein soll. Mir wird bewusst, dass wir die Einzigen im Saal sind, die lachen. Der Dekan will nicht witzig oder ironisch sein, er meint es tatsächlich ernst. Und alle anderen hängen an seinen Lippen. Die Erfahrung. Ich brauche ungefähr zwanzig Sekunden, um zu erkennen, dass der Kerl es nicht nur ernst meint, er ist total begeistert, uns alles darüber zu erzählen. Er lebt die Erfahrung. Jetzt, da ich weiß, dass dieser Tag unter einem Motto steht, werde ich das Gefühl nicht los, als wäre ich gerade in eine Art Sektenpredigt oder ein Motivationsseminar gestolpert. Es ist unglaublich, welche verdammte Begeisterung aus diesem Kerl herausströmt. Also ergebe ich mich und lasse mich um der bloßen Unterhaltung willen darauf ein, und obwohl ich ihm das Ganze nicht unbedingt so abkaufe, wie es alle anderen im Saal anscheinend tun, ist es immer noch verdammt unterhaltsam mit anzusehen. Ein paar der Sprüche, die er ablässt, gehören zu den lustigsten Dingen, die ich seit einer ganzen Weile gehört habe, obwohl er sie todernst meint. Abgesehen von dem unterdrückten Lachen während der Begrüßung und einem gelegentlichen Blick in meine Richtung, wenn der Dekan etwas besonders Komisches sagt, zumindest für uns beide, ist Clayton hochkonzentriert, als würde er in Gehirnchirurgie unterrichtet und müsste heute später noch eine Operation durchführen. Seine Notizen sind so umfangreich, dass ich anfange, mich wie ein fauler Sack zu fühlen, weil mir bewusst wird, dass ich meinen Stift noch nicht mal aufs Papier gesetzt habe.

Rückblickend hat es da ein paar erstklassige Sprüche gegeben, von denen ich mir wünsche, ich hätte sie mir aufgeschrieben, weil Gus sich den Arsch abgelacht hätte. Alles, was mir im Gedächtnis geblieben ist, sind die überstrapazierten Klischees. Der Dekan ist ein Riesenfan von Klischees.

Nachdem wir mit einem einstimmigen »Lebt die Grant-College-Erfahrung!« vom Kollegium verabschiedet werden, antworte ich mit einem ungezügelten »Jippie!«. Es verschmilzt schön mit all dem Geklatsche und Trara der anderen Erstsemester. Clayton verdreht die Augen, als wäre meine Begeisterung ihm gerade peinlich gewesen. »Was denn, Alter?«, gebe ich zurück. »Ich bin einfach so begeistert. Das war echt inspirierender Scheiß.« Ohne eine Miene zu verziehen zeige ich auf ihn und ahme die Stimme des Dekans nach. »›Euer Schicksal liegt in euren Händen. Die Zukunft ist strahlend. Hier in Grant sind wir eine große glückliche Familie. Euer Leben beginnt jetzt.‹«

Clayton schüttelt ernst den Kopf, aber um seine Mundwinkel spielt ein Lächeln. Ernst hat er nicht besonders gut drauf. »Katherine, das war eine Stunde meines Lebens, die ich nie wieder zurückbekommen werde«, sagt er trocken.

Ich lache. »Ach, Clayton, ich würde diese Stunde nicht für allen Kaffee in Kolumbien wiederhaben wollen.«

»Ich glaube, der Spruch heißt ›nicht für allen Tee in China‹.«

Ich schüttle den Kopf. »Ich hasse Tee.«

Er schüttelt ebenfalls den Kopf, als wäre er nicht sicher, was er mit mir machen soll.

Mit einem unterdrückten Kichern fahre ich fort. »Mir wurden die Augen wie einem neugeborenen Baby für die Grant-College-Erfahrung geöffnet. Das wird verdammt noch mal fantastisch werden.«

Er lächelt und wirft seinen Bleistift nach mir. »Katherine, sei still!«

Ich zeige auf seinen Notizblock, der immer noch vor ihm auf dem Tisch liegt. »Hast du ein paar der goldenen Weisheiten des Dekans aufgeschrieben? Herrje, hast du etwa ein Diktat aufgenommen, Clayton? Das sind ganz schön ausführliche Notizen.«

Er wird rot. »Ich bin eben gründlich.«

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