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Briefe von einem Werwolf

Prolog: Der erste Brief

Mein geliebter Kai,

ich weiß nicht, wo du jetzt bist. Das Haus ist so leer ohne dich. Ich könnte deiner Fährte folgen, aber wenn ich dir gegenüber stehe, schaffe ich es nicht mehr. Dann wäre ich nicht stark genug, dich zu verlassen. Ich weiß nicht einmal, ob ich am Ende dieses Briefes dazu in der Lage sein werde. Aber ich habe keine andere Wahl. Ich muss gehen.

Er hat dich verletzt. Die alten Narben sind noch nicht richtig verheilt und der Wolf hat dir schon wieder neue Wunden zugefügt. Bist du fort gegangen, damit ich sie nicht sehe? Du weißt, dass ich es nicht ertragen kann. Vielleicht ist es sogar so schlimm, dass du ins Krankenhaus gefahren bist.

Ich hoffe, es geht dir gut. Wenn er weg ist, wenn ich fort bin, dann wird es besser. Auch wenn du mir nicht glaubst, ist es das einzig Richtige.

Ich weiß, dass du mich liebst. Viel zu sehr. Viel mehr als ich verdient habe. Du solltest ihn verabscheuen, genau wie mich. Doch du willst es weiter mit mir versuchen, trotz allem. Aber es ist zu gefährlich für dich. Nicht einmal du kannst das jetzt noch leugnen.

Er hat dich gebissen.

Der Geschmack deines Blutes liegt noch auf meiner Zunge, voll und süß. Trotzdem verursacht er mir Übelkeit. Ich kann dein Blut überall riechen. Der Geruch erfüllt unser Zuhause. Dein Zuhause! Du solltest dich hier sicher fühlen. Es ist einfach nicht richtig! Ich hätte schon viel früher gehen müssen. Aber ich liebe dich so sehr und du wirst mir wahnsinnig fehlen.

Verdammt! Ich würde so gern bei dir bleiben, mit dir leben, jeden einzelnen Tag mit dir teilen und mit dir gemeinsam alt werden.

Aber ich kann den Wolf nicht kontrollieren und das macht mir höllische Angst. Wir sind zwei Wesen, die ständig um die Vorherrschaft in diesem Körper kämpfen. Er ist ein guter Kämpfer. Viel zu oft gewinnt er und wandelt sich, ohne dass ich mich dagegen wehren kann.

Was, wenn er dich einmal zu schwer verletzt? Was, wenn er dich sogar tötet? Ich bin nicht bereit, dieses Risiko noch länger einzugehen. Ich weiß, dass du glaubst, es zu sein.

Ich weiß, dass du hoffst, dass es doch irgendwie funktioniert. Viel zu lange habe ich diese Hoffnung mit dir geteilt. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich hätte niemals zulassen dürfen, dass es überhaupt so weit kommt. Schon die erste Wunde, verursacht durch seine Krallen, die deine Haut aufrissen, war zu viel.

Aber ich war zu schwach. Ich habe mir so sehr ein Leben mit dir gewünscht, dass ich die Augen vor der Realität verschlossen habe.

In mir steckt ein Monster, das jederzeit ohne Vorwarnung hervor preschen kann. Unberechenbar, übermenschlich stark und tödlich.

Du hast Recht, wenn du sagst, dass ich nicht weiß, was er tut. Aber ich kann die Folgen seiner Angriffe sehen. Die Verletzungen deiner Haut, nur kleine Kratzer, sagst du.

Wieso nimmst du ihn immer in Schutz?

Er tut dir weh. Du solltest ihn hassen, so wie ich es tue.

Ich werde ihn nie wieder in deine Nähe lassen. Ich werde dafür sorgen, dass du nie wieder eine seiner Krallen oder seine Zähne zu spüren bekommst. Und du weißt so gut wie ich, dass das nur geht, wenn ich dich verlasse. Ich werde gehen und nie mehr zu dir zurück kommen.

Vielleicht dauert es eine Weile, bis du verstehst, dass ich aus Liebe zu dir gehe. Vielleicht wirst du es auch niemals verstehen. Ich wünschte so sehr, dass es eine andere Möglichkeit gäbe, aber ich sehe keinen anderen Ausweg. Die Bestie, die in mir steckt, zwingt mich dazu. Nur so kann ich dich vor dem Wolf beschützen.

Du solltest mich vergessen. Mir ist klar, dass dieser Brief nicht dabei hilft. Aber ich kann nicht gehen, ohne dir zu sagen, dass ich es nicht will.

Leb wohl!

Marek

Kapitel 1: Kai

 

Das Foto von uns beiden ist weg. Das war das Erste, was mir aufgefallen ist, als ich aus dem Krankenhaus nach Hause kam. Etwas fehlte. Du warst nicht mehr hier. Und du willst nie mehr zurück kommen.

Auf leisen Pfoten hast du dich in mein Leben geschlichen und nun bist du genauso heimlich einfach verschwunden?

 

Es ist meine Schuld. Ich habe zu lange gewartet. Ich hatte Angst, dir unter die Augen zu treten. Ich wusste, du würdest es nicht verkraften. Aber ich hatte keine Ahnung, dass es so schlimm ist.

Ich will dich dafür hassen, dass du mir keine Gelegenheit gegeben hast, dich noch einmal zu sehen. Aber ich kann nicht. Denn ich liebe dich zu sehr, trotz allem.

 

Vier Wochen ist es her. Vier Wochen, in denen ich jeden Tag wieder und wieder deinen Brief lese. Ein Brief, auf den ich nicht antworten kann. Keine Adresse, kein Hinweis darauf, wo du steckst.

Vier endlos lange Wochen, in denen ich hoffe, dass du zurück kommst, dass der Wolf einen Weg zurück zu mir findet. Ich bin nur ein einfacher Mensch und wenn du nicht gefunden werden willst, habe ich keine Chance, dich aufzuspüren.

Verdammt! Du bist so ein Idiot!

Wieso glaubst du mir nicht, wenn ich dir sage, dass er keine Gefahr für mich ist? Wieso hast du solche Angst?

Wenn einer Angst haben sollte, dann doch wohl ich. Aber ich habe keine! Ich vertraue ihm. Der Wolf ist groß und viel zu kräftig. Er kann seine Stärke nicht richtig einschätzen. Aber er ist nicht böse und er tut mir nicht absichtlich weh. Er ist nicht das Monster, für das du ihn hältst. Du tust ihm Unrecht.

 

Das letzte Mal war es meine Schuld. Wir haben im Wald gespielt, viel zu wild. Es war schon lange dunkel und ich bin gestolpert. Im nördlichen Teil des Waldes, dort, wo sich die dicken Baumwurzeln wie Schlangen durch den Waldboden ziehen. Ich habe nicht mitbekommen, dass wir schon so nah an den Klippen waren. Ich wäre fast hinunter gefallen, beinahe zehn Meter in die Tiefe. Er hat mich am Arm festgehalten. Mit seinen Zähnen. Schmerzhaft. Er hat mich gebissen, aber nur, um mich zu retten. Sonst wäre ich gefallen.

 

Ich habe zu lange überlegt, wie ich es dir sagen kann. Ich wusste doch, dass du mir nicht glauben willst. Du willst ihn nicht sehen, wie er wirklich ist. Du lässt nicht zu, dass ihr eure Gedanken teilt. Du willst ihn nicht in deinem Kopf und nicht in deinem Körper. Du verabscheust den Wolf. Dein Leben ist ein einziger Kampf gegen ihn, gegen dich selbst. Du hast Angst vor ihm.

Gab es nur eine einzige Sekunde in deinem Leben, in der du ihn nicht gequält hast?

Ich kann es in seinen Augen sehen, den Schmerz, die Trauer, wenn du ihn zwingen willst, zu gehen. Du lässt ihm keine Zeit. Wenn ich mit ihm spiele, wenn wir durch den Wald laufen oder im See baden, dann kämpfst du gegen ihn. Du willst deinen Körper zurück und drängst ihn in die Enge. Das macht ihn traurig und wütend. Er will doch nur mehr Zeit. Zeit zum Spielen, Zeit zum Jagen und Zeit mit mir.

Wusstest du, dass er jedes Mal freiwillig Platz für dich macht? Er gibt immer nach und zieht sich zurück. Der Wolf ist stärker als du, aber er nutzt es nicht aus. Er fordert nur ab und zu sein Recht auf ein klein wenig Freiheit. Aber du siehst das nicht. Du weißt nicht, wie er ist. Du kennst ihn doch gar nicht!

Deine irrationale Angst blendet dich so sehr, dass du mir nicht richtig zuhörst. Du glaubst mir nicht, wenn ich dir von ihm erzähle.

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