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Briefe an Élise

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Jean-François Viot

Briefe an Élise

Eine dramatische Korrespondenz
aus der Zeit des Ersten Weltkriegs

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© 2016 Jean-François Viot

Übersetzung aus dem Französischen: Thomas Stauder

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback 978-3-7345-4963-2
Hardcover 978-3-7345-4964-9
e-Book 978-3-7345-4965-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Regisseurs der
deutschsprachigen Erstaufführung

(von Heinz Kirchner)

Briefe an Élise

(von Jean-François Viot)

Nachwort des Übersetzers

(von Thomas Stauder)

Vorwort des Regisseurs der
deutschsprachigen Erstaufführung

Ob ich mir dieses Stück eines jungen belgischen Autors mal durchlesen könne, und ob ich mir vorstellen könne, es als deutschsprachige Erstaufführung in Szene zu setzen, so die Anfrage des Aschaffenburger Kulturamtsleiters Burkard Fleckenstein. Das war im Januar 2015.

Bis dahin hatte ich mit meinem kleinen Ensemble, dem ab:art-theater, seit 2002 über zwanzig Produktionen auf die Studiobühne des Aschaffenburger Stadttheaters gebracht, darunter auch einige, mit aller Bescheidenheit bemerkt, wirklich gelungene multimediale Lesungen.

So setzte ich mich also hin und begann zu lesen, um schon nach den ersten beiden Seiten regelrecht einzutauchen in eine zunächst noch heile Welt des Jahres 1914, in der der französische Volksschullehrer Jean seiner geliebten, schwan-geren Frau Élise Briefe von der Front schreibt und sie ihm antwortet.

So schreibt er, bezeichnend für die anfängliche, heute nicht mehr nachvollziehbare, Naivität und Begeisterung der Kriegsteilnehmer: „Bis jetzt ist der Krieg für mich nur eine Art Picknick. Man kann wirklich sagen, dass die Regierung uns kostenlos eine wunderbare Reise ermöglicht.“

Natürlich schlägt diese Stimmung sehr bald um in Langeweile, Routine und aufkommende Skepsis an der Sinnhaftigkeit dieses Krieges. Und dann kommen nach der Euphorie kameradschaftlich errungener Kampferfolge nur noch Furcht und Schrecken und schließlich eine bleierne, hoffnungslose Resignation.

Über allem aber schwebt die Liebe und die hohe gegen-seitige Achtung, die die beiden füreinander empfinden. Während Élise im wahrsten Sinne des Wortes in der Heimat ‚ihren Mann stehen muss‘ („Weißt du, was ich mir ausgedacht habe? Ich trage eine Hose! Die Kinder finden das sehr lustig. Sie nennen mich Herr Mama!“), schwindet Jeans Glaube an den männlichen Kriegsheroismus immer mehr.

Er darf die Geburt seiner Tochter Jeanne erleben, sie gar in den Armen halten, bevor er wieder zurück in die Hölle des Krieges muss. Was kann es Schlimmeres geben?

Auf einem Zwischenstopp in Paris muss er sich abfällige Bemerkungen zweier Zivilisten über die französischen Soldaten gefallen lassen. Der sonst so sanfte Mann reagiert darauf ungewohnt heftig: „Meine Herren, ich bin Lehrer von Beruf. Lehrer! Der Krieg ist kein Beruf. Nach außen hin dekoriert man uns mit Orden, dass wir aussehen wie Weihnachtsbäume, aber in Wirklichkeit sind wir den Leuten egal.“

Und dann tritt ein Mann, ein belgischer Flüchtling, in Élises Leben, während Jean sich freut – sein Urlaubsantrag wurde genehmigt –, an Jeannes Geburtstag wieder zu Hause zu sein.

Doch der so ersehnte Besuch wird zum Desaster...

Nach der beeindruckenden Lektüre war klar, dass es in Aschaffenburg eine deutschsprachige Erstaufführung der Élise geben würde, was für ein Theater ohne eigenes Ensemble keine Selbstverständlichkeit ist. Zuvor jedoch musste sich das Stück im Hinblick auf eine gestraffte, verdichtete Bühnenversion einige Kürzungen gefallen lassen.

Die gekürzte Fassung der Übersetzung von Thomas Stauder wurde schließlich von Jean-François Viot autorisiert und den beiden Protagonisten Sabine Grant-Siedel (Élise) und Albrecht Sylla (Jean) vorgelegt. Beide waren gerührt und ergriffen und freuten sich sehr auf die Inszenierung, an der sie dann maßgeblich beteiligt waren.

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Natürlich lag es nahe, den Text als Lesung zu inszenieren, obwohl im Ensemble darüber diskutiert wurde, ob man auch eher theaterhafte Elemente einfließen lassen sollte. Schließlich entschied man sich für eine von mir so genannte „theatrale Lesung“.

Jeder, der schon einmal eine „reine“ Lesung etwa in einer Stadtbibliothek mitgemacht hat, weiß, wie furchtbar anstrengend eine solche Veranstaltung werden kann, besonders dann, wenn der Autor oder die Autorin schlechte Leser sind. Aus den Erfahrungen des ab:art-theaters hatten wir gelernt, dass ein Text durch Bilder oder auch kleine Filmeinspielungen und vor allem durch Musik ungeheuer intensiviert werden kann.

Wir entschieden uns für die höchst eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Verdun-Bilder des Aschaffenburger Fotografen Rainer Wohlfahrt (aus seinem Bildband Ceux de Verdun), die die übrig gebliebenen, riesigen, grauenvollen und vollkommen menschenleeren Landschaftsnarben dieses erbitterten Stellungskrieges zeigen: verfallene Schützengräben, überwucherte Bunkerreste, unterirdische Festungsanlagen, menschliche Schädel und Gebeine und die unendlichen Reihen gesichtsloser Kriegsgräber.

Auf Empfehlung des Kulturamtsleiters sprach ich dann die junge Cellistin Lisa Gerlach an. Zusammen wählten wir das Prélude der Cello-Suite Nr. 2 in d-Moll von Johann Sebastian Bach.

Das ab:art-theater ist bekannt für seine kargen, minimalistischen Bühnenbilder. Und so bestand das Élise-Bühnenbild aus einem Podest, einem kleinen Tisch und zwei Stühlen, auf denen die beiden Protagonisten eng einander gegenüber saßen. Rechts von ihnen Lisa Gerlach, die in den Lesepausen zu den riesengroßen wechselnden Bildprojektionen die ungeheuer bewegende Bachmusik vortrug.

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Wir waren sehr überzeugt, dass der Premierenabend am 28. 11. 2015 gut werden würde. Aus Belgien angereist war der Autor Jean-François Viot mit Anhang und aus Augsburg stieß Thomas Stauder dazu.

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Trotz zweier Stunden mit Pause war der Abend ein überwältigender Erfolg. Das Theater war voll und das Konzept ging auf: Ein starker Text, befördert und aufgeladen durch die wunderbare Vortragskunst von Sabine Grant-Siedel und Albrecht Sylla, die zwischendurch zusammen mit den Zuschauern, im Dämmer der Scheinwerfer, der großartigen Musik lauschen durften.

Am Ende dann ein Beifall, der schöner nicht sein kann. Zunächst Stille, vielleicht eine halbe Minute lang. Betroffenheit. Dann ein erstes schüchternes Klatschen, dem sich mehr und mehr Hände hinzugesellen, und das dann übergeht in immer lauter werdenden Beifall und Bravo-Rufe. Drei, vier Vor-hänge und schließlich Blumen.

Danach im Theater-Restaurant zeigen sich Autor und Übersetzer zutiefst beeindruckt und glücklich. Und dann klingen die Gläser.

Heinz Kirchner,
Aschaffenburg im Juli 2016

Briefe an Élise

Personen

Jean Martin, Volksschullehrer
Élise Martin, seine Ehefrau

Die Gestaltung des Bühnenraums wird der
Einschätzung des Regisseurs überlassen.

 

JEAN, schreibend

Élise,

ich bin gut im Depot angekommen. Wir haben nicht gefaulenzt. Die Rucksäcke. Die Gewehre. Die Patronen. Dann die ärztliche Untersuchung. Der Doktor hat meine Brille herunter genommen. Ich sah überhaupt nichts mehr. Heute Nachmittag: praktische Übungen. Stell’ dir einmal das Bild vor. Eine Kompanie, die seit neun Jahren nicht mehr im Manöver war! Außerdem habe ich einige Kameraden wieder getroffen. Victor Bergogne. Gaston Chabrier. Und Henri Pinson, den wir den Kolibri nannten, wegen seines Namens und weil er immer sang. Er hat zwei Kinder. Wie wir!

ÉLISE, antwortend

Wie plötzlich das alles geschehen ist! Das Sturmgeläut der Glocken, die Aufregung im Dorf und der Ausrufer, der laut von seinem Blatt abliest. „Der Krieg ist ausgebrochen!“ Der Krieg? Was? Welcher Krieg? Ein Kuss. Du gehst durch den Garten. Eine kleine Abschiedsgeste, und dann bist du schon weg.

JEAN

Wir hatten Schießübungen. Ich habe fleißig mitgemacht! Aufgrund meiner Augenprobleme habe ich mit keiner einzigen Patrone ins Schwarze getroffen! Anschließend durften wir in die Stadt gehen. Wir haben uns auf der Terrasse eines Cafés niedergelassen; außer mir waren noch Victor, Gaston und der Kolibri dabei. Die Gäste dort waren sehr nett zu uns. Sie klopften uns auf die Schultern und luden uns auf ihre Kosten zum Trinken ein, wobei sie „La Marseillaise“ sangen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viel Patriotismus zum Vorschein kommt, wenn man etwas Wein getrunken hat!

ÉLISE

Ich habe die Zeitungen gelesen, um ein wenig von dem Ganzen zu verstehen. Was für eine komplizierte Geschichte! Serbien ist ja eigentlich schon seit einigen Jahren mit Österreich zerstritten. Wieso hat denn Frankreich etwas damit zu tun? Wie kann das sein?

JEAN

Offenbar ist das so wie in einem Dominospiel. Du bringst einen Stein zum Fallen, und die anderen Steine folgen nach. Der erste war Österreich. Österreich erklärt Serbien den Krieg. Serbien wird aber von Russland beschützt, weshalb Russland nun seinerseits in den Krieg eintritt. Deutschland ist verbündet mit Österreich, nimmt also auch am Krieg teil. Frankreich ist verbündet mit Russland, weshalb auch Frankreich zum Kriegsteilnehmer wird. Nun ja, meiner Meinung nach wird es aber keine echten Gefechte geben.

ÉLISE

Wir haben auf dem Markt Madame Aubert getroffen. Hast du das schon gewusst? Drei von ihren Söhnen sind bei der Armee. Sie würde sich freuen, wenn du es sie wissen lassen könntest, sobald du etwas von ihnen hörst.

JEAN

Die Aubert-Brüder sind schon losmarschiert. Bei mir geht es morgen los. Deutschland hat Belgien überfallen: Da werden wir uns wohl verteidigen müssen. Ich habe noch einmal darauf hingewiesen, dass ich schlecht sehe. Man hat mir geantwortet: „Das macht nichts, Herr Lehrer! Du musst nur in Richtung der feindlichen Menschenmenge schießen!“

ÉLISE

Die Gendarmen sind zu uns ins Dorf gekommen. Sie haben verlangt, dass man ihnen die Pferde zeigt. Arthur musste Météore herbeiführen. Er folgte mir mit zögerlichen Schritten; in der Hand den Zügel, betrachtete er sein Pferd mit feuchten Augen. Glücklicherweise fanden die Gendarmen, dass Météore nicht kräftig genug sei. Aber Opa hatte weniger Glück. Sie haben sein Zugpferd mitgenommen. Ich habe deinen Vater nicht mehr wiedererkannt. Sonst immer die Ruhe selbst, beschimpfte er die Gendarmen und den Bürgermeister, der ihm zu erklären versuchte, das sei ein Opfer für Frankreich. Arthur war da ganz lieb: „Hier, Opa. Météore wird dir helfen!“

JEAN

Das muss man schon zugeben. Es ist schon beeindruckend, wenn einem eine Menschenmenge zujubelt! Was für eine Begeisterung!

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