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Brian Carisi - Sie sind unter uns

Alfred Bekker

Brian Carisi - Sie sind unter uns

Gesamtausgabe Alienjäger z.b.V. (Teil 1-8 in einem Band)





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Alienjäger z.b.V. Sie sind unter uns

Gesamtausgabe, Teil 1-8

von Alfred Bekker

Science Fiction Roman

© 2003,2004 by Alfred Bekker (Brian Carisi)

© der Digitalausgabe 2012, 2014 Alfred Bekker, CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

Ein CassiopeiaPress E-Book

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Agenten z.b.V. zur besonderen Verwendung ...

Genau das waren wir in unserer Zeit bei DEFENCE.

Allerdings war uns nicht gleich klar, wie besonders die Mission war, die wir zu erfüllen hatten ...

Es ging um nicht mehr und nicht weniger als das Schicksal der Menschheit.

(Aus den persönlichen Aufzeichnungen von Agent Peer Ondar)

Kapitel 1

Ihre Bewegungen waren von katzenhafter Geschmeidigkeit, ihre Schritte fast lautlos. Jenny Chang hatte in "Carlo's Bistro", 234 Cumberland Lane, San Diego, einen Platz eingenommen, von dem aus man aus dem Fenster sehen konnte. Die junge, athletisch gebaute Halbasiatin wollte den Honda Hovercar, den sie auf der anderen Straßenseite geparkt hatte, im Auge behalten. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ihr jemand etwas in den Wagen legte, was dort nicht hingehörte. Einen Sprengsatz zum Beispiel. Außerdem wollte sie wissen, ob ihr jemand auf den Fersen war.

Jenny Chang schlug die schlanken Beine übereinander. Sie trug eine enganliegende schwarze Kombination, die ihren formvollendeten weiblichen Körper gut zur Geltung brachte. Die Augen leuchteten grünlich und waren hellwach. Sie blickte auf das in ihren Kommunikator integrierte Chronometer an ihrem Handgelenk. Braucht man in deinem Job eigentlich keine Präzision, Cade Stallard?, ging es der jungen Frau durch den Kopf.

Cade Stallard, der Mann, mit dem sie sich hier treffen wollte, hatte Verspätung. Stallard war ihr Verbindungsmann zur Bellantuno Corporation, einer weltweit operierenden Firma, die allerdings ihrerseits nur ein kleiner Mosaikstein in einem großen, multinationalen Kartell war. Etwa tausend Konzern-Söldner standen unter Stallards Befehl, bereit überall auf der Welt loszuschlagen, wenn die Interessen der Firma durchgesetzt werden mussten.

Vor allem da, wo es staatliche Autorität nur auf dem Papier gab und das Chaos regierte. Von den großen Machtblöcken der Free States of Amerika, dem Eurasischen Commonwealth und dem Pan-Pazifischen Block einmal abgesehen, war Anarchie zu einer weitverbreiteten Regierungsform am Ende des 21. Jahrhunderts geworden.

Zu Lasten der Schwachen natürlich, die sich nicht selbst zu schützen vermochten.

Die schöne Halbasiatin atmete tief durch.

Ist es nicht ein erhebendes Gefühl, an einer Sache beteiligt zu sein, bei der es um viel mehr geht, als nur kurzfristige Konzerninteressen im Kampf um Märkte und Monopole?, fragte sich Jenny Chang. Ein Kampf, der fast etwas Idealistisches an sich hat. Ein Befreiungskampf der Menschheit. Unter der Federführung von profitgierigen Geldsäcken. Wenn das keine Ironie der Geschichte ist ...

In diesem Moment fuhr ein Wagen vor dem Coffee Shop vor. Zur gleichen Zeit erschien Carlo persönlich, ein gedrungen wirkender Angloamerikaner, der in Wahrheit John Smith hieß und von Italien so viel wusste wie ein toter Hund vom Beißen. Aber der Espresso, den er gemacht hatte, hatte wenigstens Schaum.

"Danke!", sagte Jenny Chang, beobachtete weiter die Limousine.

Ein hochgewachsener Mann mit in die Stirn frisierten Haaren und schmalem Gesicht stieg aus. Das war Stallard.

Na endlich!, dachte Jenny Chang. Wurde auch wirklich Zeit.

In den Kommunikator am Handgelenk war eine Nadler integriert. Geladen mit wahlweise tödlichen oder betäubenden Nadeln. Sicherheitshalber. Man konnte schließlich nie wissen. Obwohl Jenny problemlos in der Lage war, mit bloßen Händen zu töten, fühlte sie sich ohne Waffe nackt.

Wahrscheinlich einer der kleineren psychischen Defekte, die in meinem Job fast unausweichlich sind, überlegte sie.

Das ständige Misstrauen hatte seinen Grund. Formell gesehen war sie einer jener mit Implantaten aufgerüsteten Söldner der Bellantuno Corporation, mit deren Hilfe der Konzern seine weltweiten Interessen ziemlich rabiat durchzusetzen pflegte. Die Implantate beschleunigten nicht nur ihre körperlichen Reflexe und machten sie zu einer äußerst entschlossenen Nahkämpferin. Sie veränderten auch die Wahrnehmung. Kleinste Unstimmigkeiten fielen jemandem wie ihr sofort beim Gegenüber auf. Etwa wenn Körpersprache und gesprochenes Wort nicht zusammenpassten.

Jenny Chang musterte Stallard schon durch das Fenster schnell und gründlich. Sein Gang war etwas linkisch.

Die junge Söldnerin erkannte sofort, dass Stallard bewaffnet war. Eine Waffe drückte sich unter seiner Jacke ab, wenn er bestimmte Bewegungen ausführte. Jenny Chang hatte dafür seit langem einen sicheren Blick entwickelt.

Cade Stallard betrat den Coffee Shop, sah sich um. Er erkannte Jenny Chang sofort, ging auf sie zu und setzte sich zu ihr an den Tisch.

"Hi, Samantha!"

"Ich nenne mich zur Zeit Jenny Chang", korrigierte sie ihn kühl.

"Spielt das eine Rolle?"

Schulterzucken.

"Eigentlich nicht."

"Namen lassen sich leichter wechseln als die verdammten Implantate, was?"

Jenny Changs Gesicht blieb regungslos. Cade Stallards Humor schien sie nicht zu teilen. Sie mochte es lieber, wenn jemand gleich zur Sache kam und sich nicht mit einleitendem Gerede aufhielt.

"Was liegt an?", fragte sie.

"Nun mal langsam ..."

"Mr. Stallard, ich ..."

"Wir hatten schon gedacht, Sie wären im Himalaya verloren gegangen."

"Wie Sie sehen, ist das nicht der Fall."

"Der Konzern hat viel in Sie investiert. Ich hätte auch Probleme gehabt, Ihr Versagen zu erklären."

"Ihre Anteilnahme an meinem Schicksal ist ja geradezu rührend."

Cade Stallard holte einen Datenträger hervor. Er war nur etwa daumennagelgroß. Stallard schob ihn Jenny Chang hin. Sie steckte ihn ein.

"Zur Sache ..."

"Bitte!"

"Es geht um eine Frau namens Ricarda Deveraux. Sie ist Agentin des Free States Intelligence Service. Zur Zeit hält sie sich in Los Angeles auf. Sie wird uns gefährlich. Schalten Sie sie so schnell wie möglich aus."

"Sie ist ..."

"... eine von IHNEN."

"Verstehe."

"Entsorgen Sie die Lady unauffällig."

"Sehen Sie die Sache als erledigt an."

"Gut." Stallard atmete tief durch, kratzte sich nachlässig am Kinn. Schließlich fuhr er in gedämpftem Tonfall fort: "Die zweite Sache ist schon etwas heikler."

"Worum geht es?"

"Um eine Tiefseestation in der Sulu-See. Sie finden alles auf dem Datenträger."

"Wie lautet das Passwort?"

"Phönix aus der Asche."

Jenny Chang lächelte kühl.

"Sie werden noch ein Poet, Stallard."

"Alles geklaut."

"Kann ich mir mein eigenes Team zusammenstellen?"

Stallard kam nicht mehr zu einer Antwort.

Ein Geräusch ließ Jenny Chang herumfahren.

Sie nahm eine Bewegung wahr.

Die Tür, die zu den Toiletten führte, wurde zur Seite gestoßen.

Ein Mann mit Baseball-Cap stürmte herein, duckte sich, hielt dabei eine Pistole vom Typ Norman 321-Z Automatik mit aufgeschraubtem Schalldämpfer im beidhändigen Combat- Anschlag. Es machte zweimal kurz 'klack', während das Mündungsfeuer aus dem Schalldämpfer herauszüngelte. Stallard riss seine Waffe unter der Jacke hervor. Eine schlanke, zierliche SIG P 5000 – nicht so ein Schädelzerplatzer wie die großkalibrige Norman, um die der Kerl mit der Baseball-Kappe seine Hände gekrallt hatte.

Das Projektil der Norman 321-Z fetzte Stallard durch die Stirn. Die Wucht des Aufpralls ließ ihn nach hinten fliegen. Der durch seinen Todeskrampf verursachte Schuss aus Cade Stallards P 5000 ging ungezielt in die Decke, fetzte ein daumengroßes Stück aus einem Holzbalken heraus. Der Kerl knallte regelrecht auf den Boden. Blut und Hirnmasse spritzten bis zur Tür.

Der zweite Schuss des Killers mit der Baseball-Kappe traf 'Carlo' nur einen Sekundenbruchteil später in die Brust. Eine hektische Bewegung war dem Besitzer des Bistros zum Verhängnis geworden. Der Killer hatte wohl geglaubt, dass 'Carlo' eine Waffe ziehen wollte.

Die Wucht des Treffers schleuderte Carlo bis zum Tresen. Er knallte mit dem Hinterkopf gegen das Holz, blieb in eigenartig verrenkter Haltung liegen.

Ein dritter Schuss war auf Jenny Chang gemünzt.

Aber diese wich zur Seite. Haarscharf zischte das Projektil an ihr vorbei, durchdrang die Fensterscheibe und ließ sie zerspringen.

Jenny Chang schoss ihren Armbandnadler ab. Auf kurze Distanz eine treffsichere und wirkungsvolle Waffe.

Die Nadel erwischte den Killer am Hals. Röchelnd sank der Getroffene zu Boden und blieb regungslos liegen.

Jenny Chang erhob sich, rannte zum Hinterausgang.

Sicherheitshalber. Zu ihrem Hovercar zurückzukehren war zu gefährlich.

Wahrscheinlich reagierten eventuelle Komplizen des Killers, die dort vielleicht auf der Lauer lagen, ziemlich sauer auf die Tatsache, dass Jenny Chang ihren Komplizen erschossen hatte. Die Söldnerin rannte durch einen engen Korridor, erreichte die Hintertür und durchquerte anschließend einen trostlosen Hinterhof. Vollgestellt mit parkenden Fahrzeugen und Müllcontainern. Durch die schmale Einfahrt erreichte sie eine Straße. Hundert Meter weiter befand sich eine Station der Subway-Magnetbahn. Dort war sie sie sicher.

Vorerst.


Kapitel 2

"Byzanz war das zweite Rom, Moskau das dritte. Aber jetzt entsteht hier am Baikalsee das vierte Rom! Wie Phönix aus der Asche ersteht das alte Imperium zu neuem Glanz. Wir, Zar von Gottes Gnaden, stehen in der Nachfolge der großen Kaiser Konstantin, Justinian, Peer und Stalin."

Phönix Fjodor Zakitin I., regierender Zar des Eurasischen Commonwealth, anlässlich der Einweihung des Regierungspalastes in der neuen Hauptstadt Rom-4 (ehemals Irkutsk).



DEFENCE-Agent Ellroy wirbelte herum, hob seine Mooli MDK. Der Schuss war beinahe lautlos, nur ein klackendes Geräusch war zu hören. Das Projektil erwischte den schwarz gekleideten Söldner, der urplötzlich aus dem Hauseingang heraus getreten war.

Ein guter Schuss.

Der Söldner, der es auf Ellroy abgesehen hatte, trug Sturmhaube und Tarnanzug, dazu ein ultramodernes Sturmgewehr vom Typ Sabal X2. Es verschoss sowohl Explosivgeschosse, als auch breit streuende Splitterprojektile. Aus so kurzer Distanz durfte man jemanden mit einem Sabal-Gewehr nicht zum Schuss kommen lassen. War die Waffe nämlich mit Splittergeschossen geladen, so gab es kaum eine Chance, einem Treffer zu entgehen. Und diese Treffer waren in jedem Fall tödlich.

Jeder Splitter gab beim Auftreffen ein schnell wirkendes tödliches Gift ab. Selbst ein vergleichsweise harmloser Treffer bedeutete in der Regel das Ende.

Es gab nur eine Chance gegen jemanden mit einer Sabal zu bestehen: Man musste schneller sein und Mortin Ellroy war schneller.

Das Projektil der Mooli MDK durchdrang den Hals des Söldners, ließ ihn gurgelnd zurück taumeln. Unter der Sturmhaube drang ein röchelnder Laut hervor. Blut spritzte. Der Maskierte strauchelte zu Boden, griff sich an den Hals. Ein zweiter Schuss machte ihm endgültig den Garaus.

Mortin Ellroy nahm die MDK in die Rechte, pirschte sich an die nächste Hausecke heran. Die verlassene Ruinenstadt glich einem Labyrinth, einem Labyrinth voll von Söldnern, die bis an den Rand mit psychoaktiven Drogen vollgepumpt waren. Konditionierte Kampfmaschinen, die teilweise genetischen Veränderungen unterworfen worden waren, die sie so exakt an die Erfordernisse ihres tödlichen Handwerks angepasst hatten wie es bei keiner Söldnergeneration zuvor in der Geschichte der Menschheit der Fall gewesen war. Die typischen Söldner-Implantate beschleunigten ihre Reflexe derart, dass ein Normalmensch kaum eine Chance gegen sie hatte.

Dazu waren sie mit den modernsten Waffen des späten 21. Jahrhunderts ausgestattet.

Aber selbst waffenlos waren sie gefährlich.

Auch mit bloßen Händen pflegten sie mit eiskalter Präzision zu töten.

Blitzschnell.

Ihr Ziel war es Mortin Ellroy zu jagen und zu töten. Eine Situation, in der Ellroy schon mehr als einmal gewesen war. Seltsamerweise gewöhnte man sich daran aber nie wirklich, denn Gewöhnung bedeutete Routine. Routine im negativen Sinn, Nachlässigkeit. Verlangsamte Reaktion. Mentaler Trägheit. Man konnte es drehen und wenden wie man wollte. Es lief immer auf dasselbe hinaus.

Den vorzeitigen Tod.

Ellroy wusste nur zu gut, dass ein unaufmerksamer Augenblick gegen einen Gegner wie diese Söldner den Tod bedeuten konnte.

Ellroy nahm die Mooli MDK jetzt mit beiden Händen, tauchte aus seiner Deckung hervor, ließ blitzschnell den Blick schweifen, aber da war niemand.

Eine enge Gasse befand sich vor ihm. Zu beiden Seiten zwei-, dreistöckige Häuser, deren Fassaden an die Brownstone-Häuser in Old New York erinnerten. Die Fensterscheiben waren größtenteils zersprungen. In den Dächern und hin und wieder auch im Mauerwerk klafften große Löcher. Spuren von Einschlägen.

An manchen Stellen konnte man sehen wie die Steine aus denen das Mauerwerk gefertigt war, regelrecht zusammengeschmolzen waren. Die Folgen des Einsatzes von Plasmagranaten, ging es Ellroy durch den Kopf.

Alles schien ruhig.

Ellroy trug einen Kampfhelm. Unten links auf der Sichtscheibe des heruntergelassenen Helmvisiers leuchtete ein Display auf. In dem Helm waren verschiedene Sensoren integriert, unter anderem auch ein Gerät, das feinste Erschütterungen aufzeichnete, sowie Geräusche.

Die Geräusche wurden elektronisch verstärkt und auf gewisse Merkmale hin untersucht. Der interne Helmrechner hatte in einer Entfernung von nicht mehr als fünfzig Metern ein Geräusch aufgezeichnet, was er als Folge von menschlichen Schritten identifizierte.

Ellroy setzte zu einem kurzen Spurt an.

Halte dich nirgendwo auf, wo du keine Deckung hast, ging es ihm durch den Kopf. Zweifellos eine der wichtigsten Grundregeln im Häuserkampf.

Mortin Ellroy war darin perfekt ausgebildet worden. Dies war eine Situation, die ihm aus zahllosen Einsätzen im Dienst der Free States of America nur allzu vertraut war.

Als Ellroy die Brownstone-Mauer eines vierstöckigen Gebäudes in seinem Rücken wusste, fühlte er sich einigermaßen sicher, drehte sich noch einmal herum. An der übernächsten Ecke glaubte er eine Bewegung erkennen zu können.

Ellroy warf sich gerade noch rechtzeitig in eine Nische. Etwas zischte durch die Luft, drang nur wenige Meter neben Ellroy durch das Mauerwerk, riss ein etwa kopfgroßes Loch hinein. Sekundenbruchteile später erfolgte die Detonation. Die gesamte Hausfront platzte regelrecht auseinander.

Mortin Ellroy wurde von der Druckwelle erfasst, konnte die Hitze spüren. Dutzende von Steinbrocken trafen ihn und flogen durch ihn hindurch.

"Ellroy!", hörte er eine Stimme.

Ellroy drehte sich herum. Der Söldner schoss erneut auf ihn. Das Geschoss drang jetzt von hinten durch Ellroys Körper, trat vorne wieder aus.

Ein mattes Lächeln flog über Ellroys harte Züge.

"Simulation beendet. Sie sind leider tot", war im Helmdisplay zu lesen.

Die Ruinen verschwanden ebenso wie der Söldner, der sich inzwischen noch näher an Ellroy herangearbeitet hatte.

Ellroy befand sich in einem kahlen Raum, nicht größer als zwanzig Quadratmeter. Er setzte den Helm ab, steckte das perfekte Ebenbild seiner Mooli MDK ins Rückenholster. Es handelte sich nicht um eine echte Waffe, sondern um etwas, das man mit einem luxuriöseren Joystick vergleichen konnte.

Ein Mann in Uniform war durch die Tür in den Raum getreten, schloss sie jetzt hinter sich.

Ellroy kannte ihn nicht, hatte ihn noch nie gesehen. Da war er sich hundertprozentig sicher. Ellroy hatte einen Blick für Gesichter.

"Agent Ellroy?", fragte der Mann in Uniform.

Ellroy nickte.

"Und wer sind Sie?"

"Leutnant Dalglish. Ich habe den Auftrag, Sie nach New Washington zu bringen."

"In wessen Auftrag handeln Sie?"

"General Stryker. Ihre Erholungspause ist beendet." Leutnant Dalglish näherte sich. Mit einer gewissen Lässigkeit, die in eigenartigem Kontrast zu seiner äußerst korrekten Uniform stand, steckte er eine Hand in die Hosentasche. Er grinste.

Irgendetwas gefiel Ellroy an diesem Mann nicht. Er konnte es nicht genau erklären, aber er entschied, dass er ihn nicht mochte.

"Wie ich sehe, halten Sie sich fit, Ellroy", sagte Dalglish. "Das ist gut so." Er klopfte gegen die kahle Wand des Simulatorraums. "Dies ist einer der besten Kampfsimulatoren, die es gibt. Nur der Geheimdienst verfügt darüber, nicht einmal die Army."

"Ich weiß", sagte Ellroy.

Dalglish hob die Augenbrauen. "Und? Wie ist Ihr Eindruck? Es ist beängstigend realistisch, nicht wahr?"

"Ich habe die Erlaubnis, hier zu trainieren", sagte Ellroy.

"Daran zweifle ich nicht. Aber jetzt kommen Sie, wir dürfen keine Zeit verlieren."

"Worum geht es?"

"Das kann ich Ihnen nicht sagen, Agent Ellroy."

"Sie können nicht oder Sie wollen nicht?"

Auf diese Frage blieb Dalglish die Antwort schuldig.



Kapitel 3

Der Raum war vollkommen fensterlos. Man hatte Mortin Ellroy hinab in die Katakomben unterhalb des MILCOM- Gebäudes von New Washington geführt.

Leutnant Dalglish war die ganze Zeit über nicht von Ellroys Seite gewichen. So als ob er Angst hätte, dass ich hier niemals ankommen würde, ging es Ellroy durch den Kopf. Vertrauen war gut, Kontrolle besser. Nach dieser Devise wurde in allen Behörden verfahren. Die militärischen Stellen der Free States of America (FSA) waren da ebensowenig eine Ausnahme wie DEFENCE. Die neugegründete Einheit von Spezialisten zur Terrorbekämpfung im Dienst der FSA-Regierung.

Vielleicht traut man dir auch in den höheren Etagen nicht vollkommen, dachte Ellroy. Aber wundert dich das wirklich? Wie weit würdest du jemanden trauen, der aus den Strafkolonien des Mondes geholt worden ist, um den Trouble Shooter zu spielen?

Vertrauen war ein Luxus, den man sich auf der Geheimhaltungsstufe eins nur in Grenzen erlauben konnte.

Das war für Ellroy nichts Neues.

Einen schnellen Blick ließ er durch den kahlen Raum schweifen.

Genau drei Personen befanden sich hier. Das bläuliche Neonlicht verlieh diesem Ort den diskreten Charme eines Folterkellers.

General Cyril Eugene Stryker, seines Zeichens Drei-Sterne-General, war der Kommandant von DEFENCE. Der General musterte Ellroy mit teilnahmsloser Miene. Stryker stellte so etwas wie das politische Bindeglied zur Regierung der FSA dar. Neben ihm hatte Oberst Richard Sheehy Platz genommen, der als leitender Direktor dieser Sondereinheit fungierte. Er war mit der eigentlichen Planung und Koordinierung der Operationen betraut, während Stryker der Mann für die übergreifenden Direktiven war.

Der dritte Mann im Raum war Peer Ondar. Mortin Ellroy kannte ihn seit langem. Sie hatten gemeinsam in der Ultra Force gedient. Peer Ondar hatte damals unter Ellroys Kommando gestanden und so wusste Ellroy die Fähigkeiten dieses Mannes durchaus zu schätzen. Wenigstens ein ehrliches Gesicht hier im Raum, ging es Ellroy durch den Kopf.

Er nickte Peer Ondar kurz zu.

Dieser erwiderte die Geste knapp.

Der blonde, blauäugige, erst vor kurzem für DEFENCE angeworbene Mann hatte das Talent, sich in beinahe jeden Computer einloggen zu können. Seine Brillanz im Umgang mit allen Spielarten der Computertechnik war legendär.

Ellroy hatte Ondar zum letzten Mal vor vier Wochen gesehen, als sie beide aus Tibet zurückgekehrt waren. Ellroy hatte dort für die Zerstörung der sogenannten Basis Alpha gesorgt, einer ehedem internationalen Forschungsstation, die aber mittlerweile vollkommen unter der Kontrolle des Pan-Pazifischen Blocks (PPB) gestanden hatte.

Ondar war ihm auf seinem ersten DEFENCE-Einsatz zusammen mit einem weiteren Agenten namens Major Angus Santana von Srinagar aus entgegen gekommen und hatte Ellroy schließlich geholfen, den Einflussbereich des Pan-Pazifischen Blocks zu verlassen.

Leutnant Dalglish nahm Haltung an, salutierte. Ein Mann, der so stark auf sein korrektes Auftreten achtet, dass er gar nicht merkt, wie lächerlich er dabei wirkt, dachte Ellroy.

"Sie können gehen, Leutnant Dalglish", sagte General Stryker.

"Ja, Sir!"

Über das zackige Gehabe des Leutnants konnte Ellroy nur grinsen. Er selbst hatte für derlei nichts übrig, fand es eher pittoresk.

Dalglish verschwand. Die Schiebetür schloss sich selbsttätig hinter ihm. Ellroy sah ihm kurz nach. Stryker deutete auf einen der noch freien Formsessel.

"Setzen Sie sich, Ellroy", forderte der General den ehemaligen Ultra Force-Kämpfer und Häftling auf dem Mond auf. Nur Ellroys Berufung ins DEFENCE-Team hatte ihn aus der Hölle von Luna gerettet. Aus einer Hölle entkommen, um in eine andere geschickt zu werden... Du hättest dir vielleicht vorher besser überlegen sollen, worauf du dich einlässt.

Ellroy gehorchte und nahm Platz.

"Danke", murmelte er.

Der General musterte Ellroy eingehend. Seine Augenbrauen zogen sich dabei zusammen und gaben ihm etwas Falkenhaftes. Eine Furche bildete sich auf der Stirn.

"Ich hoffe, Sie haben sich nach Ihrem letzten Einsatz einigermaßen erholt?", knurrte er schließlich.

Ellroy lächelte dünn.

"Das habe ich", sagte der DEFENCE-Agent. Beiläufig blickte er zu Peer Ondar hinüber. Dieser erwiderte den Blick. Ellroy fragte sich plötzlich, warum sie sich seit der Rückkehr aus Asien nicht mehr gesehen hatten. Dasselbe galt im übrigen für Professor Auburn, den Ellroy aus der im Himalaya gelegenen Forschungsstation Basis Alpha befreit hatte.

Vielleicht steckte irgendeine Absicht dahinter, uns voneinander zu isolieren, ging es Ellroy durch den Kopf. Solange wie die Befragungen andauerten, verstehe ich das ja ... Aber danach? Verstehe einer die Logik der Geheimdienstbürokraten.

"Man hört, dass Sie einiges dafür tun, um fit zu bleiben", stellte Stryker fest. "So etwas hört jeder Vorgesetzte gerne."

"Reine Gewohnheit."

"Verstehe ..."

"Auf dem Mond war das eine Frage des Überlebens. Schon wegen der geringen Schwerkraft und dem damit verbundenen Abbau von Muskelgewebe und Knochen."

"Sie benutzen einen Army-Simulator."

"Das ist richtig."

"Zur Zeit trainieren Sie im Level 432-D."

"Lassen Sie mich elektronisch überwachen?"

"Zu Ihrem eigenen Schutz, Ellroy."

"Natürlich."

Das erzählt er mir alles nur, um zu demonstrieren, dass er alles über mich weiß, überlegte Ellroy.

"Eine lobenswerte Dienstauffassung", meinte Stryker. Er lehnte sich etwas zurück und wirkte jetzt etwas entspannter.

"Warum bin ich hier?", fragte Ellroy und dachte: Komm endlich auf den Punkt!

Stryker lächelte matt.

"Sie sind der Typ, der am liebsten gleich zur Sache kommt, nicht wahr?"

"So ist es", nickte Ellroy. "Im übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass ich die letzten Wochen durchaus nicht nur damit verbracht habe, mich zu erholen oder im Simulator zu trainieren."

"Oh, ich weiß, worauf Sie anspielen", sagte Stryker. "Aber die ausführlichen Befragungen konnten wir Ihnen nicht ersparen, wie Sie verstehen werden. Schließlich sind die Erkenntnisse, die Sie während Ihrer letzten Mission gesammelt haben, für uns von außerordentlich großer Wichtigkeit."

"Haben Sie etwas über diese Söldnerin herausgefunden, die mich im Himalaya fast umgebracht hätte?", fragte Ellroy.

"Jenny Chang ..."

"Das war sicherlich nicht ihr richtiger Name. Aber Frauen mit der Tätowierung der Ryoto-Garde dürften nicht allzu häufig in den Datenbänken zu finden sein. Mit ein paar Tricks ..."

"Ihre ID-Parameter passen auf eine gewisse Samantha Takagi, Tochter einer Amerikanerin und eines Japaners, ehemaliges Mitglied der Ryoto-Garde und für ihre besondere Grausamkeit bekannt. Sie saß in einem FSA-Gefängnis in der Todeszelle. Von da an verliert sich jede Spur. Jemand scheint viel Energie darauf verwendet zu haben, ihre Datenspuren zu verwischen." Stryker aktivierte eine Projektion. Sie zeigte das Gesicht einer jungen Frau. Halbasiatin. Die Züge waren sehr ebenmäßig, die Augen leuchteten grün. "Ist sie das?"

Ellroy nickte.

"Ja."

Erinnerungen stiegen in Ellroy auf. Erinnerungen an die letzte Begegnung mit Jenny Chang/ Samantha Takagi – oder wie immer ihr wahrer Name nun auch lauten mochte. Sie hatten in der Kälte des Himalaya miteinander gekämpft. Jenny war geflohen. Im Schneesturm hatte sich jede Spur von ihr verloren.

Für wen sie arbeitete, lag also weiterhin im Dunkeln.

Klar war nur, dass sie sich offenbar ebenso für die Station Basis Alpha und Professor Auburns Forschungen interessiert hatte, wie die DEFENCE-Zentrale unter General Stryker und die Regierung der FSA.

"Die einzige Aufnahme, die wir von ihr finden konnten. Alle anderen bei der erkennungsdienstlichen Behandlung erhobenen Daten gingen verloren: DNA-Test, Fingerprints, Iris-Scan, telemetrische Gesichtsvermessung ..."

Ellroy pfiff durch die Zähne.

"Sie muss mächtige Freunde haben."

"Der Free States Intelligence Service fahndet nach ihr. Und wenn wir etwas über sie erfahren, werden Sie unterrichtet."

Ellroys Lächeln war dünn. Ich glaube Ihnen kein Wort, General! Sie werden mich niemals informieren. Dazu kenne ich diesen Laden hier nun schon zu gut. Selbst nach so kurzer Zeit.

Laut sagte er: "Freut mich zu hören."

"Haben Sie irgendein ... persönliches Interesse an Jenny Chang alias Samantha Takagi?"

"Nein."

Pause.

Strykers Gesicht wirkte jetzt ausdruckslos.

"Sie wollten ja, dass ich auf den Punkt komme."

"Ja."

"Vergessen Sie die Lady am besten fürs erste. Vor Ihnen liegt eine heikle Aufgabe."

Stryker wandte sich an Sheehy und nickte ihm leicht zu. "Alles Weitere können Sie jetzt übernehmen, Oberst Sheehy."

"Jawohl, Sir!", war Sheehys knappe Antwort.

Er richtete den Blick auf Ellroy.

"Um noch einmal auf Ihre Erkenntnisse zurück zu kommen, die Sie bei Ihrer letzten Mission gewonnen haben", begann er, brach dann ab und musterte Ellroy einige Augenblicke lang nachdenklich. Sheehys Augen verengten sich dabei. "Sie erwähnten während Ihrer Befragung und haben dies auch in Ihrem Bericht niedergelegt, dass in der tibetanischen Basis Alpha eine Art Dimensionstor errichtet worden ist."

"Sie sollten Auburn danach fragen", unterbrach Ellroy. "Der weiß mehr über diese Dinge. Sagen Sie mir jetzt nicht, dass ich den Professor völlig umsonst aus den Fängen des Pan-Pazifischen Blocks befreit habe."

"Wir haben Auburn befragt. Davon können Sie ausgehen", erwiderte Sheehy leicht gereizt.

Dieses Dimensionstor war eine Art Nebenprodukt bei der Suche nach einem Überlichtantrieb gewesen. Ellroy war auf die andere Seite gelangt, in eine Welt, die möglicherweise Tausende von Lichtjahren von der Erde entfernt war und von kriegerischen, insektoiden Intelligenzen beherrscht wurde. Intelligenzen, die eine Art Zoo angelegt hatten, der aus Angehörigen aller möglichen Spezies bestanden hatte, darunter auch einige humanoide Rassen. Glücklicherweise war es gelungen, diesen Zugang zu jener fremden Welt wieder zu schließen. Denn was immer der Erde auch an hausgemachten Gefahren drohen mochte, einer Invasion dieser technisch hochentwickelten Insektoiden wäre der blaue Planet vollkommen schutzlos ausgeliefert gewesen. Keine der drei Großmächte der Erde, weder die Free States of America, noch das Eurasische Commonwealth noch der Pan-Pazifische Block unter der Führung Chinas hätten gegenüber einem derartigen Angreifer auch nur die geringste Chance einer erfolgreichen Abwehr gehabt.

Richard Sheehy erhob sich.

Er machte ein paar Schritte, blieb dann stehen und aktivierte eine Projektion. Eine der Wände verwandelte sich in einen Bildschirm.

In Lebensgröße erschien dort die Drei-D-Projektion eines grauhaarigen, kleinen Mannes, der deutliches Übergewicht hatte.

"Das ist Professor Dr. James McCauly, 58 Jahre alt und Inhaber eines Lehrstuhls für Archäologie an der Colombia University", erklärte Sheehy. "McCauly leitet zur Zeit eine Expedition im Amazonasgebiet. Vor kurzem gelang ihm dort eine Entdeckung, die uns nun, nachdem wir Ihren Bericht und die Aussagen von Professor Auburn kennen, in einem neuen Licht erscheinen."

"Wie darf ich das verstehen?", fragte Ellroy.

"Warten Sie einfach ab und sehen Sie sich dies hier an." Per Knopfdruck aktivierte Sheehy die nächste Projektion. Sie zeigte ein etwa zwei Meter großes insektoides Wesen, das exakt jener Spezies glich, der Ellroy auf der anderen Seite des Dimensionstors begegnet war.

General Stryker, der die ganze Zeit über aufmerksam Ellroys Gesicht gemustert hatte, stellte fest: "Es scheint sich bei Ihnen ein gewisser Wiedererkennungseffekt einzustellen, Ellroy."

Ellroy atmete hörbar aus.

"Kann man wohl sagen!", knurrte er.

Ein Schwall von Erinnerungen kam in ihm hoch.

Erinnerungen an Basis Alpha, in den einsamen eiskalten Höhen des Himalaya gelegen ...

Und an eine fremde Welt, deren Geschöpfe wie aus den Höllenbildnissen eines Hieronymus Bosch entlehnt wirkten ...



Kapitel 4

Mortin Ellroy erhob sich.

Er starrte wie gebannt auf die Projektion in Drei-D-Qualtität.

"Woher stammt dieses Bild?", fragte er. "Heißt das etwa, es gibt weitere Zugänge zu diesem galaktischen Zoo oder was immer auch ich dort gesehen haben mag?"

"Nein, glücklicherweise gibt es keine Anzeichen für diese Annahme", erwiderte Sheehy.

Ellroy hob die Augenbrauen.

"Ich hatte zwar eine Schläfenkamera während meines Aufenthaltes in der anderen Welt dabei, aber wenn das Bild aus dem aufgenommenen Material stammen würde, müsste ich mich an die Szene erinnern. haben. Außerdem ist die Qualität wohl auch zu gut ..."

"Sie haben recht", gestand Sheehy. "Die Aufnahmen stammen von einer holographischen Spezialkamera, wie sie unter anderem von Archäologen verwendet wird."

"Archäologen?", echote Ellroy. Er wirkte überrascht.

Sheehy nickte. Er lehnte sich etwas zurück, tickte mit den Fingern auf der Tischplatte herum.

"Sie haben richtig gehört, Agent Ellroy. Um auf Ihre ursprüngliche Frage zurückzukommen: Dieses Foto stammt von Professor McCaulys Amazonasexpedition, die eigentlich einem rätselhaften Bauwerk galt, das die Indios als Haus der Götter bezeichnen. Es handelt sich um einen quaderförmigen Steinbau mitten im Dschungel, überwuchert von Vegetation. Zu ihrer großen Überraschung fanden Mitglieder von McCaulys Expedition den Kadaver dieses Rieseninsekts. Natürlich dachten McCaulys Leute nicht an ein außerirdisches Wesen, sondern eher an eine bislang unentdeckte, vermutlich ausgestorbene Spezies, von der bislang einfach keine Fossilien gefunden wurden. Wenn man bedenkt, dass wir vermutlich auf unserem eigenen Planeten erst dreiviertel aller existierenden, lebenden Arten kennen, so stellt das durchaus eine Möglichkeit mit gewisser Wahrscheinlichkeit dar. Nach Ihrem Bericht, Ellroy, erscheint das Ganze allerdings in einem anderen Licht. Und wie ich Ihrer sehr heftigen Reaktion entnehme, haben Sie die Spezies wiedererkannt."

"Ja, das ist richtig", sagte Ellroy.

"Zweifel ausgeschlossen?", fragte Sheehy.

"Ich bin kein Biologe", erwiderte Ellroy, "aber soweit ich das beurteilen kann, sind Zweifel ausgeschlossen. Glauben Sie mir, Oberst, einen derartigen Anblick vergisst man nicht so schnell."

"Kann ich gut nachvollziehen, Ellroy", meinte Stryker. "Im Übrigen stimmt diese Spezies morphologisch gesehen mit jenen Rieseninsekten überein, die auf den Aufnahmen Ihrer Schläfenkamera zu sehen sind."

Auburn muss diese Bilder aus der Station gerettet haben, dachte Ellroy. Ist ja auch keine Schwierigkeit, sie auf einen winzigen Datenträger zu ziehen ...

Das Gesicht des Drei-Sterne-Generals machte einen ziemlich besorgten Eindruck. Auch wenn er es sich nicht anmerken lassen wollte: Die Sache machte ihm mehr Kopfschmerzen, als er selbst gegenüber Geheimnisträgern der Stufe Eins gern zugeben wollte.

Der General wandte sich an Sheehy. "Fahren Sie bitte fort, Oberst."

Sheehy nickte. "Professor McCaulys Team fand diesen INEX-Körper in dem sogenannten 'Haus der Götter'. Möglicherweise wurde der Körper dort jedoch von Indios aus rituellen Gründen hingebracht, sodass es sein könnte, dass der Original-Fundort ganz woanders liegt. Der Körper selbst scheint in einem Zustand der chemischen Mumifizierung zu sein, wenn ich die spärlichen Angaben, die McCauly vor seinem Verschwinden dazu übermitteln konnte, richtig interpretiere. Aber möglicherweise handelt es sich auch um einen natürlichen Umwandlungsprozess, der automatisch beim Tod dieser Kreatur ausgelöst wird. Wir wissen es nicht genau. Darüber hinaus besteht die äußere Panzerung des Insektoids nicht aus Chitin, sondern aus einem verwandtem, sehr viel leichterem und gegen jegliche Zersetzungsprozesse offenbar auch wesentlich resistenterem Material. Wie ich mich bei Insektologen informiert habe, würde ein Exoskelett, dessen spezifisches Gewicht dem Chitinpanzer irdischer Insekten entspricht, auf einem Planeten mit Erdschwerkraft nämlich dafür sorgen, dass bei dem vorliegenden Riesenwuchs die inneren Organe durch das Gewicht des Panzers zerdrückt werden. Über das Alter dieses Fundes lässt sich nun wirklich nur spekulieren."

General Stryker meldete sich jetzt wieder zu Wort.

"Das Ganze hat natürlich weitreichende Implikationen, wie Sie sicher leicht begreifen werden. Es bedeutet, dass diese Insektoiden, die sogenannten INEX, was die Abkürzung für INsectoid EXtraterrestrian ist, bereits einmal die Erde besucht haben müssen. Wie lange das zurückliegt, werden weitere Untersuchungen ergeben. Vorausgesetzt wir kommen jemals in den Besitz dieses Kadavers."

"Wer sollte ihn uns streitig machen?", fragte Ellroy.

"Nun, kurz nachdem McCauly diese Bilddatei per Satellitenübertragung an seine Universität schicken konnte, brach der Kontakt zu seiner Expedition ab. Einer seiner Mitarbeiterinnen, der Doktorandin Lisa Damiano, gelang es noch eine kurze Botschaft abzusenden, die allerdings unvollständig ist. Danach wurde die Gruppe offenbar überfallen."

"Gab es keinen ausreichenden Schutz?", fragte Ellroy. "Dieser Professor McCauly muss doch über die chaotischen Verhältnisse im Amazonasgebiet informiert gewesen sein, bevor er dahin aufbrach."

"Oh doch, es gab eine Wachmannschaft", erklärte Sheehy. "Keine der hergelaufenen Kriminellen, sondern eine Truppe von hochspezialisierten Söldnern der Extraklasse."

"Ich kann mir kaum vorstellen, dass so etwas im Etat einer Universität Platz hat", meldete dich Peer Ondar zu Wort.

"Das sehen Sie richtig, Agent Ondar", stellte Sheehy fest. "Es gab einen Sponsor für die Expedition, ein Konsortium verschiedener Konzerne, vor allen Dingen aus der Medienbranche."

"Wenn diese Söldnertruppe die Aufgabe hatte, Professor McCauly und seine Leute zu schützen und mit den Angreifern nicht fertig geworden ist, dann drängt sich der Schluss auf, dass sie auf einen mindestens gleichwertigen Gegner getroffen sind", sagte Ellroy.

Oberst Richard Sheehy war der selben Ansicht. "Das denken wir auch. Wir haben zwei unserer Agenten vor Ort geschickt, denen es gelang bis zum letzten Aufenthaltsort der McCauly-Gruppe vorzudringen. In ihrem letzten Bericht meldeten die beiden Männer, dass sie auf Spuren eines Gefechts gestoßen seien. Sie fanden die Leichen einiger Söldner, aber keine Spur von McCauly und seinen Leuten. Kurz danach brach auch der Kontakt zu unseren Agenten ab."

"Ich nehme an, der Kadaver dieses Rieseninsekts ist ebenfalls verschwunden", meinte Ellroy.

"Ja", bestätigte Sheehy. "McCaulys Plan war, dieses Präparat so schnell wie möglich zu sichern und weitergehenden Untersuchungen zuzuführen. Vor allem sollte es sachgemäß aufbewahrt und konserviert werden, was unter den klimatischen Bedingungen des Amazonasgebietes nur schwer möglich erschien. Nur wenige Stunden bevor sich der Überfall ereignet haben muss, gelang es McCauly und seinen Leuten das Präparat von einem Flugzeug abholen zu lassen. Es hatte den Auftrag, den INEX nach New York zu bringen."

"Darf ich raten?", fragte Peer Ondar. "Dieses Flugzeug hat seinen Zielort nie erreicht?"

"So ist es. Und da wir global jegliche Flugbewegung überwachen, konnten wir die wahrscheinlich von diesem Jet zurückgelegte Strecke rekonstruieren. Der Pilot nahm Kurs auf die südlichen Philippinen, möglicherweise handelte er im Auftrag des Pan-Pazifischen Blocks. Es ist aber genausogut denkbar, dass er diesen außergewöhnlichen Fund an Schwarzhändler in Panang verkaufen wollte."

Ellroy lehnte sich zurück.

Rund um die zwischen Borneo und den südlichen Philippinen gelegene Sulu-See gab es eine ähnliche Outlaw-Enklave wie sie im Amazonasgebiet existierte. Neben der Möglichkeit, dass der Körper des INEX sich in Händen des PPB-Geheimdienstes befand, musste man also auch die Möglichkeit bedenken, dass in naher Zukunft irgendein Gangsterkartell mit einer Lösegeldforderung auf den Plan trat.

Ellroy fiel noch eine dritte Möglichkeit ein, die er aber lieber nicht in Betracht ziehen wollte.

Was, wenn die INEX der Erde nicht nur einen kurzen Besuch abgestattet hatten, sondern auch im Augenblick noch auf ihr aktiv waren und entweder aus dem Hintergrund heraus ihre Geschicke steuerten oder die Basis für eine zukünftige Invasion zu legen versuchten? Perspektiven, die selbst einem ehemaligen, hartgesottenen Ultra-Force-Kämpfer wie Mortin Ellroy kalte Schauder über den Rücken jagen konnten.

Sein Blick traf sich mit dem Sheehys und er hatte das Gefühl, dass der Oberst die Pointe noch immer nicht verraten hatte.

Sheehys dünnlippiger Mund war ein gerader Strich. Seine Augen wirkten falkenhaft wie die des Generals.

"Den Zielort dieses Flugzeugs konnten wir leider nicht mehr ermitteln", meinte er. "Es wurde über der Sulu-See abgeschossen."

"Gibt es Vermutungen darüber, wer dafür verantwortlich sein könnte?", hakte Ellroy nach.

"Nein. Aber die Energiesignaturen, die von unserem Satelliten aufgezeichnet wurden, sind äußerst ungewöhnlich. Wenn sich unsere Experten nicht völlig täuschen, wurde bei dem Angriff eine bisher unbekannte Waffe benutzt. Leider haben wir noch keine näheren Erkenntnisse."

Ellroy seufzte.

"Na großartig."

Sheehy verzog leicht das Gesicht.

"Sie kennen das doch schon, Ellroy. Wenn wir mehr wüssten, bräuchten wir nicht Leute wie Sie!"

"Auch wieder wahr."



Kapitel 5

Zwei Stunden später saßen Peer Ondar und Mortin Ellroy in der Kantine des MILCOM-Gebäudes.

"Ihr Auftrag besteht zunächst einmal darin, das Schicksal von Professor McCauly und seiner Gruppe so wie den Verbleib des Insektoidenkörpers in Erfahrung zu bringen", klingelten Ellroy noch Sheehys Worte im Ohr. Der Oberst war dann nach einer bedeutungsvollen Pause fortgefahren: "Sie können allerdings davon ausgehen, dass dies erst der Auftakt einer Operation ist, deren Tragweite bislang niemand von uns abzuschätzen vermag. Möglicherweise haben wir es nur mit einer Verschwörung unserer außenpolitischen Gegner zu tun, allerdings wäre das die günstigere Variante. Variante 2 ist die Vorbereitung einer außerirdischen Invasion, der wir vielleicht nichts entgegen zu setzen haben."

"Täusche ich mich oder wirkte Sheehy ziemlich gereizt?", meinte Ondar, nachdem sie sich mit ihren Tabletts gesetzt hatten.

"Du täuschst dich nicht."

"Das Ganze sieht für mich nach einer Mischung aus Himmelfahrtskommando und Stochern im Nebel aus."

"Exakt."

"Ich dachte immer, Stryker wäre ein harter Knochen."

"Zumindest tut er so."

"Ja."

Ellroy zuckte die Achseln.

"Die Sache scheint ihm an die Nieren zu gehen."

"Er schien fast deprimiert", ergänzte Ondar.

Vor den beiden Agenten lag eine intensive Vorbereitung auf ihren Einsatz. Insbesondere würde man sie durch Spezialisten mit dem notwendigen Faktenwissen vertraut machen.

"Du warst doch drüben auf der anderen Seite dieses Tors, das in Basis Alpha errichtet worden ist", begann Ondar.

Ellroy nickte. "Das ist richtig."

"Was würde uns blühen, wenn sie wirklich auf der Erde erschienen, diese INEX?"

"Es wäre das Ende", sagte Ellroy trocken. Sein Blick wurde düster. Das Ende der Menschheit, wie wir sie kennen, fügte er in Gedanken hinzu. Und vermutlich gibt es nicht viel, was wir denen entgegen zu setzen hätten. Zumindest nicht auf die Dauer ...



Kapitel 6

Mit einem Interkont-Shuttle vom Typ Mitsubishi-Boeing XII flogen Mortin Ellroy und Peer Ondar von New Washington Airport. Im Geist waren beide Männer immer wieder ihre Legenden durchgegangen, mit denen DEFENCE sie ausgestattet hatte. Ellroy reiste unter dem Namen Roger F. Gordon und war angeblich ein Geschäftsmann. Er vertrat eine Prospektorenfirma. Peer Ondar reiste mit einer FSA-ID- Card, die auf den Namen Ronald Tamran ausgestellt war. Tamran war angeblich in derselben Branche tätig.

Der Interkont-Shuttle erreichte das Amazonasgebiet, einst eine reiche Gegend, die in den 50er und 60er Jahren des 21.Jahrhunderts vor allem durch den Handel mit Süßwasser reich geworden war. Aber diese Zeiten waren längst vorbei. Die Goldgräberstimmung, die damals geherrscht hatte, war zu nichts weiter einer blassen Erinnerung geworden.

Die guten Zeiten waren längst vorbei.

Klimawandel und menschlicher Raubbau hatten dafür gesorgt, dass der Regenwald auf einen Bruchteil seiner ursprünglichen Größe geschrumpft war. Lediglich am Oberlauf des Amazonas und seiner Zuflüsse gab es noch größere, geschlossene Waldgebiete. Etwa 80 Prozent des Amazonasgebietes jedoch wurden inzwischen von verkarsteten, nur noch spärlich von Vegetation bedeckten Gebieten gebildet.

Und da das Verschwinden des Regenwaldes auch eine dramatische Veränderung des lokalen Klimas zur Folge gehabt hatte, war der einstmals so große Amazonas jetzt nur noch ein vergleichsweise schmales Rinnsal. Jener breite Strom, der noch im 20.Jahrhundert zu Hochwasserzeiten viele Kilometer breit gewesen war und teilweise eher einem See als einem Strom geglichen hatte. Nur schmale Zonen an den Flußufern waren fruchtbar geblieben, das Landesinnere wurde immer mehr zur Steppe und würde schon in absehbarer Zeit zu einer neuen Wüste werden. Ein Prozess, der nicht mehr aufzuhalten war. Der Klimawandel war einfach zu weit fortgeschritten.

Ein Trinkwasserexportgebiet war Amazonien schon lange nicht mehr und seit diese Geldquelle versiegt war, hatte man das Gebiet mehr oder weniger sich selbst überlassen. Das Interesse offizieller Stellen war gegen Null gegangen.

Das Ziel des Shuttles war Manaus, die am Rio Negro gelegene Millionenstadt. Ein wahrer Moloch von einer Stadt. Sie galt als Hort des Verbrechens.

Wenige Kilometer westlich von Manaus stießen Rio Negro und Solimoes zusammen und bildeten den einst so mächtigen Amazonas. Verglichen mit den Wasserständen früherer Zeiten bot sich jedoch ein mehr als kümmerlicher Anblick.

Einst war Manaus eine vom Dschungel umwucherte Stadt gewesen.

Aber auch das war Vergangenheit.

Der Dschungel hatte sich weit zurückgezogen und war auf kleinere Gebiete am Oberlauf des Solimoes zusammengeschmolzen. Dazu kamen noch ein paar weitere Waldinseln im Westen Amazoniens, einem Gebiet, das den Namen Para trug und an Venezuela und Guyana grenzte. Der kümmerliche Rest des größten Regenwaldgebietes der Erde. Die grüne Lunge des Planeteten hatte man diesen Dschungel einst genannt. Alles Vergangenheit.

Als der Shuttle auf Manaus zuflog, blickte Mortin Ellroy aus einem der Sichtfenster. Manaus war eine Stadt, die zu neunzig Prozent aus Slums bestand und sich völlig unkontrolliert ins Umland hineinfraß. Eine Stadt, die vor allem durch ihre Korruption bekannt geworden war. Ein Hort des Verbrechens, der faktisch unter der Kontrolle mehrerer Syndikate stand. Die offiziellen Stellen der FSA hatten hier wenig zu melden. Polizeieinheiten gehörten entweder zu den bezahlten Schergen der Syndikate oder aber sie trauten sich nicht hierher. Industrie-Konzerne, die hier Geschäfte zu machen beabsichtigten, mussten wohl oder übel mit den Syndikaten zusammenarbeiten, ohne deren Kontrolle buchstäblich gar nichts lief.

Die Zentralregierung der FSA tolerierte diesen Zustand einstweilen.

Man wusste in New Washington sehr genau, welch immenser Aufwand notwendig gewesen wäre, den Sumpf der Syndikate wirklich trocken zu legen. Es war leicht, eine Division hochspezialisierter Söldner von der Kette zu lassen und ein Gebiet wie Amazonien oberflächlich betrachtet unter Kontrolle zu bringen. Die Probleme begannen später und waren uferlos. Und zur Zeit fehlte in New Washington erstens das wirtschaftliche Interesse an diesem heruntergekommenen Landstrich und zweitens wurden die States durch den mehr oder minder kalten Krieg mit ihre außenpolitischern Kontrahenten mehr als nur in Atem gehalten.

Der Shuttle setzte zum Landeanflug an, eine entsprechende Durchsage kam durch die Lautsprecher.

Unter der Erde Amazoniens warteten wahrscheinlich noch große Rohstoffvorkommen darauf, endlich gehoben zu werden, aber gegenwärtig machten die instabilen Verhältnisse in diesem Gebiet eine zweite Blütezeit unmöglich.

Der Flughafen von Manaus lag im Nordosten der Stadt. Der Shuttle zog in einem weiten Bogen über das Gebiet von Manaus hinweg.

Im eigentlichen Citybereich gab es große kuppelartige Gebäude, vollklimatisierte Areale mit kontrollierter Atemluft. Einige Wolkenkratzer gab es ebenfalls, so etwa die Bolivar-Drilling-Towers, die zusammen mit einem gewaltigen Kuppelbau und einem quaderförmigen Fortsatz das sogenannte Freedom-Center bildeten. Das Freedom-Center war eine Art Stadt innerhalb der Stadt. Es stellte das höchste jemals von Menschen erbaute Gebäude dar, erbaut mit den Gewinnen aus den illegalen Geschäften der Syndikate.

Ein steingewordener Beweis dafür, dass Verbrechen sich nur lohnt, man es im wirklich ganz großen Stil betrieben wird, ging es Mortin Ellroy durch den Kopf.

"Manche sagen, dass Zonen wie das Amazonasgebiet eine Art Ventil darstellen", sagte Ondar halblaut. "Ich meine, man muss sich die Frage stellen, ob es einem wirklich lieber wäre, wenn all die Gangster, die sich in diesen gesetzlosen Zonen verkrochen haben, sich stattdessen in New York oder New Washington oder Greater L.A. aufhielten."

"Vielleicht hast du recht", meinte Ellroy.

Der Shuttle landete sicher und ziemlich sanft auf dem Landefeld des Airports von Manaus. Ein Hovercraft Bus brachte sie zum Airport-Gebäude. Eine Gepäck- oder Personenkontrolle fand nicht statt, jedenfalls nicht für diejenigen, die bereit waren einen kleinen Aufpreis zu entrichten. Ein Mitarbeiter des FSA-Geheimdienstes hatte das für Ondar und Ellroy längst arrangiert.

Der Mann hieß Robert Blade und war seit Jahren in Manaus ansässig. Seine Aufgabe war es im Dienst der Regierung Informationen über das zu sammeln, was innerhalb von Manaus vor sich ging.

Blade war natürlich nur ein kleines Mosaikstein in der Maschinerie des FSA-Geheimdienstes. Es lief wohl darauf hinaus, dass die Regierung der FSA die Syndikate an der langen Leine hielt, aber ständig über ihre Aktivitäten informiert sein wollte. Ein ausgedehntes Netz an Informanten sorgte dafür, dass Agenten wie Blade stets gut informiert waren.

Der Hoverbus brachte Ondar und Ellroy zum Terminal des Manaus Airport. Die Anwesenheit zahlreicher schwarzuniformierter Security Guards vermittelte rein äußerlich ein Gefühl von Sicherheit. In Wahrheit waren die Angehörigen dieser Sicherheitstruppe bei einer Firma angestellt. von der allgemein bekannt war, dass sie unter der Kontrolle der Syndikate stand, die Manaus beherrschten.

Der Airport war eine der wichtigsten Einnahmequellen des Amazonasgebiets und da überließ das Manaus-Kartell nichts dem Zufall. In der Eingangshalle des Airports herrschte geschäftiges Treiben. Zahllose fliegende Händler und Prostituierte tummelten sich hier. Wer in den engeren Airport-Bereich vorgelassen wurde unterlag wiederum der Kontrolle der Syndikate, die von Händlern, Zuhältern, Prostituierten und Taschendieben entsprechende Provisionen erhielten.

Wie sämtliche anderen Passagiere auch, die zusammen mit Ondar und Ellroy denselben Flug gebucht hatten waren die beiden DEFENCE-Agenten durch die Kontrollen gewunken worden. Sicherheitshalber war es zwar so geplant, dass sie ihre Ausrüstung vor Ort erhielten, aber niemand der bei Verstand war und um die Verhältnisse wusste, ging das Risiko ein, sich stundenlang von den Kontrolleuren schikanieren zu lassen. Nicht selten kam es bei diesen Kontrollen sogar zu Mißhandlungen. Die Absicht dahinter war, Schrecken zu verbreiten. Für das Kartell der Syndikate war es viel einträglicher, wenn Passagiere sich von den Kontrollen frei kauften.

Ein kleiner hagerer Mann hängte sich an Ondar und Ellroy. Er sprach die beiden DEFENCE-Agenten an.

"Wollen Sie eine Uhr, Sir? Sind alle muito bem." Der Mann sprach eine Mischung aus Französisch und Portugiesisch. Er öffnete sein Jackett. An der Innenseite der Jacke hingen zwei Dutzend Chronometer unterschiedlichster Qualitätsstufe. Von der Schweizer Designermarkenuhr, die in einen Kommunikator der Luxusklasse integriert war bis zum billigen Kaufhausimitat war hier alles zu finden.

"Danke, nein", knurrte Ellroy.

"Aber sind wirklich sehr gut und preiswert, Mister."

"Ich sagte nein."

Die Vermutung lag nahe, dass die Ware gestohlen war.

Der fliegende Händler ließ nicht locker, auch als Ondar und Ellroy sich an ihm vorbeigedrückt hatten, folgte er den Beiden, überholte sie und stellte sich ihnen schließlich in den Weg. Es gab immer wieder Besucher von Manaus, die versuchten, diese Quälgeister dadurch loszuwerden, dass sie ihnen etwas abkauften. Das konnte leicht dazu führen, dass man wenig später verhaftet wurde. Die Security Guards stellten dann die gestohlene Ware sicher und auf den Betreffenden wartete eine Anklage wegen Hehlerei, Diebstahl oder ähnlicher Delikte. Manchmal wurde unter die Sachen auch noch ein wenig Rauschgift gemischt, um mehr Druck auf den Betreffenden ausüben zu können. Selbstverständlich wurde die Anklage gegen Zahlung einer entsprechenden Gebühr sofort fallengelassen.

Auch das gehörte zu den einträglichen Geschäften der Syndikate.

"Senhor, diese Uhren sind wirklich etwas ganz Besonderes", begann der fliegende Händler noch einmal. "Por favor, hören Sie mich an. Ich mache Ihnen einen Sonderpreis."

Peer Ondar schob ihn zur Seite.

"Ich denke, mein Freund hier hat sich ziemlich deutlich ausgedrückt. Also verschwinden Sie!", knurrte er ihn an.

"Por favor", begann er erneut.

"Nichts por favor", schnitt Ondar ihm das Wort ab.

"Senhor, Ware ist wirklich gut." Er nahm eine seiner Uhren hervor, reichte sie Ondar hin. Die Hand des Händlers befand sich etwa in Halshöhe. Im letzten Moment erkannte Ondar die tödliche Gefahr. Ein Dorn, der aus einem breiten Ring herausgesprungen war.

Ondar packte das Handgelenk des Händlers, drehte es herum. Gleichzeitig nahm er ihm mit einem Kick gegen die Knieinnenseite das Gleichgewicht. Der Händler fiel zu Boden. Er schrie auf und fluchte, dann rappelte er sich wieder auf. Er bleckte seine Zähne wie ein Raubtier, ließ die Hand mit dem Giftring vorschnellen. Der Dorn war kaum sichtbar, aber Ondar wusste nur zu gut, dass schon die kleinste Verletzung damit unter Umständen tödliche Folgen haben könnte.

Der Händler schnellte vor. Ondar wich aus und versetzte seinem Gegenüber einen Tritt in den Magen. Der vermeintliche Händler klappte zusammen wie ein Taschenmesser, krümmte sich vor Schmerzen.

Passanten stoben schreiend auseinander. Unter ihnen bemerkte Ellroy einen Mann, dessen Bewegungsrichtung genau andersherum ausgerichtet war: Ein breitschultriger Kerl mit brauner Hautfarbe und dunklen Locken, die ihm bis zu den Augenbrauen in die Stirn hingen. Er trug Jeans und ein durchgeschwitztes Muskelshirt. Die Rechte des Lockenkopfs umklammerte den Griff einer Injektionspistole.

Ellroy wusste nur zu gut, wie diese Dinger funktionierten. Er hatte sie selbst schon benutzt. Die Pistole verschoss mit einem Wirkstoff gefüllte Nadeln, die einen Menschen entweder töten, lähmen oder nur für eine Verminderung des Reaktionsvermögens sorgen konnten. Auch die gezielte Übertragung von Bakterien war auf diese Weise möglich.

Der Lockenkopf zielte auf Ellroy. Ellroy duckte sich. Die Nadel surrte durch die Luft, zischte dicht an ihm vorbei und traf einen der Passanten in die Brust. Dieser schrie erschrocken auf, sank zu Boden, versuchte sich dabei das Nadelprojektil aus dem Körper herauszureißen, was ihm jedoch nicht mehr gelang.

Ellroy stürzte sich auf den Angreifer.

Blitzschnell.

Mit zwei gewaltigen Schritten war er bei ihm. Der Lockenkopf kam nicht mehr dazu, eine weitere Nadel abzuschießen. Ellroys Fuß schnellte hoch, traf den Mann mit den Locken am Kopf. Ächzend sank dieser zu Boden wie ein gefällter Baum. Regungslos blieb er liegen.

Ellroy wirbelte herum. Die ultraforcetypischen Implantate, die man sowohl ihm als auch Ondar eingesetzt hatte, befähigten die beiden zu besonders schnellen Reaktionen und äußerst konzentrierter Kraftanwendung.

"Los, weg hier!", rief Ondar.

In der Flughalle herrschte jetzt Chaos.

Security Guards versuchten sich durch die in Panik geratenen Massen hindurchzukämpfen. Sie taten dies mit äußerster Rücksichtslosigkeit, trotzdem kamen sie kaum vorwärts.

Ellroy deutete in Richtung Ausgang. Etwa zwanzig Meter hatten sie bis dorthin zu überwinden. Allerdings strömten jetzt zahllose Passanten dorthin.

Ihr Gepäck ließen Ondar und Ellroy zurück. Es war anzunehmen, dass sich noch weitere Killer in der Nähe aufhielten.

So gut es ging drängelten sie sich durch die Passanten hindurch. Die Situation war vollkommen unübersichtlich. Auf dem Vorplatz vor dem Hauptportal des Manaus Airports parkten Dutzende von Taxi-Fahrzeugen der unterschiedlichsten Bauart. Uralte mit Wasserstoff betriebene Limousinen aus den 50er Jahren des 21.Jahrhunderts waren ebenso darunter wie moderne Hovertaxis, die auf Luftkissen durch die Straßen Manaus schnellten und nötigenfalls, das eine oder andere kleine Hindernis einfach überfahren konnten. Fahrzeuge, denen auch das sumpfige Umland Manaus nichts ausmachte.

Vereinzelt konnte man sogar noch mit fossilen Brennstoffen betriebene Fahrzeuge sehen. Die besten Plätze wurden durch Bestechung der Security Guards vergeben.

Eine Gruppe von etwa zwanzig Security Guards wirkte wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen. Offenbar hatten die Männer den Befehl bekommen in die Geschehnisse des Hauptportals einzugreifen. Aber daran war gar nicht zu denken. Zu viele Menschen strömten ihnen entgegen und wurden ihrerseits von hinten geschoben.

Ondar und Ellroy schwammen in diesem Menschenstrom mit. Ein Strom, der für sie auch einen gewissen Schutz bedeutete.

"Los, schnappen wir uns das Hovertaxi da vorne", meinte Ondar und deutete auf ein ziemlich sportliches Modell, viersitzig, dafür großer Kofferraum. Baujahr 2189 oder 2190, schätzte Ondar.

Der Driver war ein breitschultriger Mann mit blondgefärbten Rastalocken. Er verhandelte gerade mit einer ziemlich aufgeregten Gruppe von Geschäftsleuten in Französisch. Die Panik der Passanten wollte er in klingende Münzen umwandeln.

Ellroy und Ondar setzten zu einem kleinen Spurt an. Wenige Augenblicke später hatten sie das Hovertaxi erreicht.

"Wir nehmen den Wagen! Bringen Sie uns zum Hotel Corcovado", sagte Ellroy an den Rastaman gewandt.

Der Taxidriver konnte plötzlich doch Englisch, als Ondar sich auf den Beifahrersitz des offenen Wagens schwang.

"Hey, was soll das, Mister? Wir verhandeln erst über den Preis."

Eine Nadel zischte dicht an Ellroys Beinen vorbei, kratzte an der Metallplastik des Hovertaxis und prallte von der Außenhaut ab.

Ellroy wirbelte herum. Aus einiger Entfernung sah er drei Männer sich durch die Passanten kämpfen. Einen davon erkannte er. Es handelte sich um den Lockenkopf, den Mortin Ellroy in der Airporthalle auf die Bretter geschickt hatte. Der Kerl war offenbar schneller wieder zu sich gekommen als zu erwarten gewesen war und konnte etwas einstecken.

Der Taxidriver meldete sich zu Wort.

Er fasste Ellroy am Kragen.

"Hören Sie mir gut zu ..."

Ellroy versetzte ihm einen Kinnhaken. Der Schlag war ziemlich hart. Der Taxidriver taumelte zurück. Ellroy sprang auf den Fahrersitz des Hovertaxis. Der Taxidriver war so unvorsichtig gewesen seinen ID-Chip im Bordterminal stecken zu lassen, um sofort abfahrbereit zu sein. Glück muss man haben, dachte Ellroy.

Der DEFENCE-Agent startete das Hovertaxi. Innerhalb von Sekundenbruchteilen baute sich das Luftkissen auf. Eine Haube aus ultrahartem Plexiglas senkte sich über die Fahrerkabine und fing zwei weitere Injektionsnadeln ab, die in Richtung der beiden Agentenabgefeuert worden waren.

Ellroy startete voll durch. Die Maschine des Hovertaxis heulte auf. Ellroy riss die Lenkung herum. Das Hovertaxi raste quer über den Platz. Passanten wichen aus oder wurden durch das Luftkissen zur Seite geblasen.

Ellroy lenkte den Hovercraft über die Dächer parkender Fahrzeuge hinweg. Das Dach eines rostigen Benzinoldtimers hielt dem Druck des Luftkissens nicht stand. Mit einem knackenden Laut bildete sich eine wannenartige Beule.

In einem Höllentempo raste das Hovertaxi zwischen zwei quaderförmigen Gebäudekomplexen hindurch. Ein Uraltbenziner-Oldtimer der Marke Chevrolet kam dem Hovertaxi entgegen.

Ellroy ließ das Hovertaxi einfach hinüber fahren. Zwei entgegenkommende Hoverlaster, die unterwegs zum Airport waren, wichen im letzten Moment aus, so dass Ellroy und Ondar freie Bahn hatten.

Ellroy nahm die nächste Abfahrt nach rechts, dann ging es wieder nach links. Manaus glich einem einzigen Labyrinth.

"Kannst du nicht die Computersteuerung aktivieren?", fragte Ondar.

Ellroy verzog das Gesicht.

"Wieso? Traust du meinem räumlichen Orientierungssinn nicht?"

"Nicht wirklich."

"Du vergisst meine Implantate."

"Wunder können die auch nicht vollbringen."

"Wir brauchen auch kein Wunder."

"Aber etwas, was dem sehr nahe kommt!"

"Kriegst du!"

"Na, da bin ich aber gespannt!"

Ondar drehte sich um, blickte zurück, während das Hovertaxi in einem irrwitzigen Tempo die Straßenschluchten entlang raste. Früher oder später würden sich Einheiten der lokalen Polizei an ihre Fersen heften. Und wie alles andere in Manaus auch, standen die unter der Kontrolle irgendeines Mafia-Clans. Verkehrskontrollen waren eine sichere Einnahmequelle. Die Gebiete wurden haargenau unter den einzelnen Syndikaten aufgeteilt. Am lukrativsten waren natürlich die Zufahrten zur Innenstadt.

"Wenn mich nicht alles täuscht, dann ist uns jemand auf den Fersen", meinte Ondar.

Ellroy blickte auf das Display mit dem rückwärtigen Kamerabild.

"Sprichst du von diesem KLM-432 hinter uns?

"Exakt. Da sind übrigens zwei von der Sorte!"

Der KLM-432 war ein sehr wendiger Zweisitzer. Es gab eine militärische Variante dieses Hovercraft-Flitzers, der bei Spezialoperationen eingesetzt wurde und entsprechend mit Mini-Rak- und Plasmageschützen bestückt war.

"Ich glaube kaum, dass es sich um Sicherheitskräfte handelt", meinte Ellroy.

"Kann uns auch herzlich gleichgültig sein. Die würden uns kaum besser behandeln, als die Gangster, die gerade versucht haben, uns über den Jordan zu schicken!"

"Auch wieder wahr."

"Dann nichts wie weg!"

Ellroy beschleunigte das Hovertaxi noch etwas, bog dann plötzlich nach links durch eine schmale Gasse. Eine Einbahnstraße. Warnschilder leuchteten in grellen Neonfarben. Sie strahlten außerdem Datensignale an die Bordelektronik des Taxis ab. Vermutlich gab es eine sofortige Datenübermittlung an die Zentralrechner der Verkehrssicherheit in Manaus.

Die beiden Hover-Flitzer vom Typ KLM-432 machten selbst diesen selbstmörderischen Kurswechsel mit.

"Die setzen wirklich alles auf eine Karte", kommentierte Ellroy grimmig. Seine Finger umklammerten den Steuerknüppel, Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Wir spielen hier Russisch Roulette!, ging es ihm durch den Kopf.

Ihm gefiel das nicht.

Aber er war weit davon entfernt, in Panik zu verfallen.

Die beiden Hoverjets holten auf.

"So ein Mist, dass wir keine Waffen dabei haben!", knurrte Ellroy.

"Vielleicht hatte der Taxi Driver ja etwas bei sich, womit man sich wehren könnte!", vermutete Ondar. Er machte sich an den Fächern zu schaffen, die in die Außenverkleidung der Fahrerkabine eingelassen waren. Aber außer einem Elektroschocker und einem Reizgasspray fand der DEFENCE-Agent nichts. Offenbar war der Driver mehr auf Nahkampfsituationen innerhalb der Fahrerkabine eingestellt gewesen. Zahlungsunwillige Fahrgäste oder Taxi-Napper waren wohl in erster Linie diejenigen, an die der Driver gedacht hatte.

Das elektronische Alarmsystem des Navigationsrechners meldete sich.

Unglücklicherweise war die Sprachausgabe auf Portugiesisch, so dass weder Ondar noch Ellroy sie verstehen konnte.

Das war allerdings auch nicht weiter nötig.

Die Gefahr war offensichtlich.

Sie kam von vorn in Form eines gewaltigen Trucks. Eines altmodischen RÄDER-Trucks wohlgemerkt, wie sie andernorts längst keine Betriebserlaubnis mehr bekommen hätten. Aber hier in Manaus sah man solche Dinge locker, vorausgesetzt, der Besitzer war bereit, etwas dafür springen zu lassen. Die Bremsen des Dreißigtonners quietschten erbärmlich. Ellroy ließ das Hovertaxi auf maximale Höhe ansteigen.

"Das reicht nicht!", schrie Ondar.

Ellroy wusste, dass sein Einsatz-Partner recht hatte.

Der Truck schlingerte etwas.

Ellroy betete innerlich dafür, dass der Fahrer jetzt nicht die Nerven verlor.

Sekunden vergingen.

Das Hovertaxi raste mit einer Höllengeschwindigkeit an dem Truck vorbei. Der Abstand war minimal. Entsprechende Alarmsignale schrillten. Eine portugiesisch sprechende Kunststimme schnarrte Verhaltenshinweise für den Fahrer. Ellroys Hände waren um den Steuerknüppel gekrallt. Er saß vollkommen versteinert da, während die Schweißperlen über seine Stirn rannen. Eines seiner Implantate gab in derartigen Situationen einen Wirkstoff ab, der die Ausschüttung von Adrenalin soweit neutralisierte, dass der DEFENCE-Agent nicht die Nerven verlor. Selbst in einer derart kritischen Situation konnte er auf diese Weise das behalten, was man für gewöhnlich einen kühlen Kopf nennt.

Das Hovertaxi schrammte an der metallenen Außenhaut des Containers vorbei.

Das Geräusch, das dabei entstand war ohrenbetäubend.

Funken sprühten.

Ein Augenaufschlag nur, dann es vorbei.

Der Truck rutschte mit quietschenden Reifen vorwärts, brach seitwärts aus, stellte sich quer.

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